Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for the ‘Biedermeier’ Category

Nachtstück 0008: Am oberen Zinnrande eines Bierkrugs

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Update zu den Nachtstücken 0002 und 0004:

David Teniers d. J., Eine Wachtstube, ca. 1642

——— Karl Leberecht Immermann:

aus: Münchhausen. Eine Geschichte in Arabesken, 1839,
Erstes Buch: Münchhausens Debüt. Vierzehntes Kapitel:

Die Nacht hatte inzwischen den ersten Strahlen des Frühlichts Raum gegeben, welche den Ofen und die Bänke der Wachtstube mit gelbrötlichen Streifen säumten. Unvergleichlich war die Wirkung eines scharfen Schlaglichtes am oberen Zinnrande eines Bierkrugs, von welchem ein seltsamer, aber verstandner Reflex den Knopf des Feldwebelstocks traf, welcher darüber am dritten Haken hing. Überall tiefe, satte Farbentöne, klare, durchsichtige Schatten! Die Wachtstube schien keine wirkliche Wachtstube zu sein, sie war heute mehr, sie war eine gemalte.

David Teniers d. J., Wachtstube mit der Befreiung Petri, ca. 1645–47

Bilder: David Teniers der Jüngere: Eine Wachtstube, ca. 1642, Walters Art Museum, Baltimore, Maryland;
derselbe: Wachtstube mit der Befreiung Petri, ca. 1645–1647, Metropolitan Museum of Art, New York.

104 Minuten Nachtwache: Nachtwache (nur echt ohne „Die“),
Neue Deutsche Filmgesellschaft-Filmaufbau GmbH, Göttingen 1949:

Written by Wolf

19. Mai 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Biedermeier, Herrschaft & Revolte

1. Katzvent: Im Bewusstsein seines Wertes sitzt der Kater auf dem Dach

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Update zum 2. Katzvent: Confundatus cattus. Schande über den Kater:

Der Advent 2016 führt uns nicht mehr einfach das künstlerische Schaffen über Katzen vor,
sondern das von Katzen.

Als reales Vorbild für den Kater Hiddigeigei gilt der schwarze Kater, möglicherweise gleichen Namens, des Bruchsaler Hofgerichtsrats Albert Preuschen, der unter dem Pseudonym Gerhard Helfrich Gedichte in Zeitschriften und Anthologien zum Drucke gab. — Der Hofgerichtsrat, nicht der Kater.

Hiddigeigei ist keineswegs der erste bekannt gewordene Kater, der mit eigenen Werken hervortrat, wahrscheinlich aber der erste, der aus Ungarn stammt, in Paris kein Auskommen fand, sondern erst in Säckingen, obwohl es seinerzeit noch nicht einmal Kurort war. Beschrieben wird er als grünäugig, mit schwarzem Samtfell, mächtigem Schweif und einem „zuweilen hochmütigen Dulderantlitz“ — kurz: ganz ähnlich wie unser Kater Merlin, der literarisch noch nicht weiter belegt ist. Bad Säckingen erinnert sich an Hiddigeigei:

Sein Glaube an das Gute ist zerbrochen; aus enttäuschter Liebe „lernt er die Welt verachten“. Der arme Kater fürchtet sich vor dem Alter und beschreibt den Niedergang der Menschen und der Dichtung.

Lesen, schreiben und singen konnte nach dem hofgerichtsrätlichen Kater erst diese literarische Ausgestaltung aus Victor von Scheffels (das ist der Schwabe, der die Hymne der Franken geschrieben hat) Best- und Longseller Der Trompeter von Säckingen, 1854. Das ist eine Art Romeo-und-Julia-Geschichte mit Erwachsenen, und eigentlich inzwischen, wie im Untertitel ausgewiesen, nicht mehr ein Sang vom Oberrhein, weil Bad Säckingen, das überhaupt erst seit 1978 „Bad“ heißt, im weiteren Verlauf des 19. Jahrhundetrs geologisch dem Hochrhein zugerechnet wurde — was sich allerdings literarisch nicht merklich auswirkt.

Das Bildmaterial bringt einige auffallende Highlights aus der Darstellungsgeschichte schwarzer Kater, weil unter „Kater Hiddigeigei“ meist nur die gleichnamige, mittlerweile erloschene Gaststätte auf Capri, wo Scheffel den Trompeter schrieb, oder die noch florierende in Bad Säckingen, wo er offiziell fortlebt und weiterhin Trompete bläst, verstanden wird.

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——— Victor von Scheffel:

Die Lieder des Katers Hiddigeigei

aus: Der Trompeter von Säckingen. Ein Sang vom Oberrhein;
Vierzehntes Stück. Das Büchlein der Lieder. II.,
Verlag der J. B. Metzlerschen Buchhandlung, Stuttgart 1854:

I.

Arthur Rackham illustration, Jorinda and Joringel from Grimm’s Fairy Tales, 1909Eigner Sang erfreut den Biedern,
Denn die Kunst ging längst ins Breite,
Seinen Hausbedarf an Liedern
Schafft ein jeder selbst sich heute.

Drum der Dichtung leichte Schwingen
Strebt‘ auch ich mir anzueignen;
Wer wagt’s, den Beruf zum Singen
Einem Kater abzuleugnen?

Und es kommt nicht minder teuer,
Als zur Buchhandlung zu laufen
Und der andern matt‘ Geleierv
Fein in Goldschnitt einzukaufen.

II.

Wenn im Tal und auf den Bergen
Mitternächtig heult der Sturm,
Klettert über First und Schornstein
Hiddigeigei auf zum Turm.

Einem Geist gleich steht er oben,
Schöner, als er jemals war.
Feuer sprühen seine Augen,
Feuer sein gesträubtes Haar.

Und er singt in wilden Weisen,
Singt ein altes Katerschlachtlied,
Das wie fern Gewitterrollen
Durch die sturmdurchbrauste Nacht zieht.

Nimmer hören ihn die Menschen,
Jeder schläft in seinem Haus,
Aber tief im Kellerloche
Hört erblassend ihn die Maus.

Und sie kennt des Alten Stimme,
Und sie zittert, und sie weiß:
Fürchterlich in seinem Grimme
Ist der Katerheldengreis.

III.

Hans Thoma, The CatVon des Turmes höchster Spitze
Schau‘ ich in die Welt herein,
Schaue auf erhab’nem Sitze
In das Treiben der Partein.

Und die Katzenaugen sehen,
Und die Katzenseele lacht,
Wie das Völklein der Pygmäen
Unten dumme Sachen macht.

Doch was nützt’s? ich kann den Haufen
Nicht auf meinen Standpunkt ziehn,
Und so laß ich ihn denn laufen,
’s ist wahrhaft nicht schad‘ um ihn.

Menschentun ist ein Verkehrtes,
Menschentun ist Ach und Krach;
Im Bewußtsein seines Wertes
Sitzt der Kater auf dem Dach! —

IV.

O die Menschen tun uns unrecht,
Und den Dank such‘ ich vergebens,
Sie verkennen ganz die feinern
Saiten unsers Katzenlebens.

Und wenn einer schwer und schwankend
Niederfällt in seiner Kammer,
Und ihn morgens Kopfweh quälet,
Nennt er’s einen Katzenjammer.

Katzenjammer, o Injurie!
Wir miauen zart im stillen,
Nur die Menschen hör‘ ich oftmals
Graunhaft durch die Straßen brüllen.

Ja, sie tun uns bitter unrecht,
Und was weiß ihr rohes Herze
Von dem wahren, tiefen, schweren,
Ungeheuren Katzenschmerze?

V.

Irina Savateeva, Hi, September 2016Auch Hiddigeigei hat einstmals geschwärmt
Für das Wahre und Gute und Schöne.
Auch Hiddigeigei hat einst sich gehärmt
Und geweint manch sehnsüchtige Träne.

Auch Hiddigeigei ist einstmals erglüht
Für die schönste der Katzenfrauen,
Es klang wie des Troubadours Minnelied
Begeistert sein nächtlich Miauen.

Auch Hiddigeigei hat mutige Streich‘
Vollführt einst, wie Roland im Rasen,
Es schlugen die Menschen das Fell ihm weich,
Sie träuften ihm Pech auf die Nasen.

Auch Hiddigeigei hat spät erst erkannt,
Daß die Liebste ihn schändlich betrogen,
Daß mit einem ganz erbärmlichen Fant
Sie verbotenen Umgang gepflogen.

Da ward Hiddigeigei entsetzlich belehrt,
Da ließ er das Schwärmen und Schmachten,
Da ward er trotzig in sich gekehrt,
Da lernt‘ er die Welt verachten.

VI.

Schöner Monat Mai, wie gräßlich
Sind dem Kater deine Stunden,
Des Gesanges Höllenqualen
Hab‘ ich nie so tief empfunden.

Aus den Zweigen, aus den Büschen
Tönt der Vögel Tirilieren,
Weit und breit hör‘ ich die Menschheit
Wie im Taglohn musizieren.

In der Küche singt die Köchin,
Ist auch sie von Lieb‘ betöret?
Und sie singet aus der Fistel,
Daß sie Seele sich empöret.

Weiter aufwärts will ich flüchten,
Auf zum luftigen Balkone,
Wehe! – aus dem Garten schallt der
Blonden Nachbarin Kanzone.

Unterm Dache selber find‘ ich
Die gestörte Ruh‘ nicht wieder,
Nebenan wohnt ein Poet, er
Trillert seine eignen Lieder.

Und verzweifelt will ich jetzo
In des Kellers Tiefen steigen,
Ach! – da tanzt man in der Hausflur,
Tanzt zu Dudelsack und Geigen.

Harmlos Volk! In Selbstbetäubung
Werdet ihr noch lyrisch tollen,
Wenn vernichtend schon des Ostens
Tragisch dumpfe Donner rollen!

VII.

Godmachine, Noichitat, Dark WaterMai ist’s jetzo. Für den Denker,
Der die Gründe der Erscheinung
Kennt, ist dieses nicht befremdlich.
In dem Mittelpunkt der Dinge
Stehn zwei alte weiße Katzen,
Diese drehn der Erde Achse,
Dieser Drehung Folge ist dann
Das System der Jahreszeiten.
Doch warum im Monat Maie
Ist das Aug‘ mir so beweglich,
Ist das Herz mir so erreglich?
Und warum wie festgenagelt
Muß im Tag ich sechzehn Stunden
Zum Balkon hinüberschielen,
Nach der blonden Mullimulli,
Nach der schwarzen Stibizzina?

VIII.

In den Stürmen der Versuchung
Hab‘ ich lang schon Ruh‘ gefunden,
Doch dem Tugenhaftsten selber
Kommen unbewachte Stunden!

Heißer als in heißer Jugend
Überschleicht der alte Traum mich,
Und beflügelt schwingt des Katers
Sehnen über Zeit und Raum sich.

O Neapel, Land der Wonne,
Unversiegter Nektarbecher!
Nach Sorrent möcht‘ ich mich schwingen,
Nach Sorrent, aufs Dach der Dächer.

Der Vesuvius grüßt, es grüßt vom
Dunkeln Meer das weiße Segel,
Im Olivenwald ertönt ein
Süß Konzert der Frühlingsvögel.

Zu der Loggia schleicht Carmela,
Sie, die schönste aller Katzen,
Und sie streichelt mir den Schnauzbart,
Und sie drückt mir leis die Tatzen,

Und sie schaut mich an süß schmachtend —
Aber horch, es tönt ein Knurren.
Ist’s vom Golf der Wellen Rauschen?
Ist es des Vesuvius Murren?

’s ist nicht des Vesuvius Murren,
Der hält jetzo Feierstunde,
— In dem Hof, Verderben sinnend,
Bellt der schlechtste aller Hunde.

Bellt der schechtste aller Hunde,
Bellt Krakehlo, der Verräter,
Und mein Katertraum zerrinnet
Luftig in den blauen Äther.

IX.

Michael Creese, Night ProwlerHiddigeigei hält durch strengen
Wandel rein sich das Gewissen,
Doch er drückt ein Auge zu, wenn
Sich die Nebenkatzen küssen.

Hiddigeigei lebt mit Eifer
Dem Beruf der Mäusetötung,
Doch er zürnt nicht, wenn ein andrer
Sich vergnügt an Sang und Flötung.

Hiddigeigei spricht, der Alte:
Pflück‘ die Früchte, eh‘ sie platzen;
Wenn die magern Jahre kommen,
Saug an der Erinn’rung Tatzen!

X.

Auch ein ernstes gottesfürchtig
Leben nicht vor Alter schützet,
Mit Entrüstung seh‘ ich, wie schon
Graues Haar im Pelz mir sitzet.

Ja die Zeit tilgt unbarmherzig,
Was der einzle keck geschaffen —
Gegen diesen scharfgezahnten
Feind gebricht es uns an Waffen.

Und wir fallen ihm zum Opfer,
Unbewundert und vergessen;
— O ich möchte wütend an der
Turmuhr beide Zeiger fressen!

XI.

Felix Vallotton, Femme accroupie offrant du lait a un chat, 1919Vorbei ist die Zeit, wo der Mensch noch nicht
Den Erdball unsicher machte,
Wo der Urwald unter dem Vollgewicht
Des Mammutfußtritts erkrachte.

Vergeblich spähst du in unserm Revier
Nach dem Löwen, dem Wüstensohne;
Es ist zu bedenken: wir leben allhier
In sehr gemäßigter Zone.

In Leben und Dichtung gehört das Feld
Nicht dem Großen und Ungemeinen;
Und immer schwächlicher wird die Welt,
Noch kommen die Kleinsten der Kleinen.

Sind wir Katzen verstummt, so singt die Maus,
Dann schnürt auch die ihren Bündel;
Zuletzt jubiliert noch in Saus und Braus
Das Infusorien-Gesindel.

XII.

An dem Ende seiner Tage
Steht der Kater Hiddigeigei,
Und er denkt mit leiser Klage,
Wie sein Dasein bald vorbei sei.

Möchte gerne aus dem Schatze
Reicher Weisheit Lehren geben,
Dran in Zukunft manche Katze
Haltpunkt fänd‘ im schwanken Leben.

Ach, der Lebenspfad ist holpernd,
— Liegen dort so manche Steine,
Dran wir Alte, schmählich stolpernd,
Oftmals uns verrenkt die Beine.

Ach, das Leben birgt viel Hader
Und schlägt viel unnütze Wunden,
Mancher tapfre schwarze Kater
Hat umsonst den Tod gefunden.

Doch wozu der alte Kummer,
Und ich hör‘ die Jungen lachen,
Und sie treiben’s noch viel dummer,
Schaden erst wird klug sie machen.

Fruchtlos stets ist die Geschichte;
Mögen sehn sie, wie sie’s treiben!
— Hiddigeigeis Lehrgedichte
Werden ungesungen bleiben.

XIII.

Reading Naked, October 30th, 2016Arm wird matter, Stirn wird bleicher,
Balde reißt des Lebens Faden,
Grabt ein Grab mir auf dem Speicher,
Auf der Walstatt meiner Taten!

Fester Kämpe, trug die ganze
Wucht ich hitzigen Gefechtes:
Senkt mich ein mit Schild und Lanze
Als den Letzten des Geschlechtes.

Als den letzten, — o die Enkel,
Nimmer gleichen sie den Vätern,
Kennen nicht des Geists Geplänkel,
Ehrbar sind sie, steif und ledern.

Ledern sind sie und langweilig,
Kurz und dünn ist ihr Gedächtnis;
Nur sehr wen’ge halten heilig
Ihrer Ahnherrn fromm Vermächtnis.

Aber einst, in fernen Tagen,
Wenn ich längst hinabgesargt bin,
Zieht ein nächtlich Katerklagen
Zürnend über euren Markt hin.

Zürnend klingt euch in die Ohren
Hiddigeigeis Geisterwarnung:
„Rettet euch, unsel’ge Toren,
Vor der Nüchternheit Umgarnung!“

Giorgio Sommer, Napoli, Zum Kater Hiddigeigei, Capri 1886 via Galerie Bassenge, Wikimedia Commons

Katzenbilder:

  1. Vornehmer Tafellikör Hiddigeigei: Magazin Jugend, 1921 via Heidelberger historische Bestände digital;
  2. Arthur Rackham: Jorinda and Joringel from Grimm’s Fairy Tales, 1909 via The Cinder Fields;
  3. Hans Thoma: Die Katze via The Macabre & The Bold;
  4. Irina Savateeva: Hi, September 2016 via Haunted by Storytelling;
  5. Godmachine: Dark Water via Noichitat;
  6. Michael Creese: Night Prowler, nach 2009;
  7. Felix Vallotton: Femme accroupie offrant du lait a un chat, 1919;
  8. Reading Naked, 30. Oktober 2016;
  9. Giorgio Sommer, Napoli: Zum Kater Hiddigeigei, Capri 1886 via Galerie Bassenge.

Soundtrack: Die sangesbegabten Katerbuben Al & The Black Cats:
The Light Hit Her Eyes, aus: Givin‘ Um Something to Rock’n’Roll About, 2008:

Written by Wolf

2. Dezember 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Biedermeier, Das Tier & wir

Der Arzt von Münster in Salzkotten

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Update zu Ein holprichtes Lied mit tiefer und rauher Stimme:

Tja, Münsterland ist stockkatholisch, historisch bedingt, (und Immermanns Oberhof für den Kenner sozialer Verhältnisse ein schlechter Witz. Anderes Thema.)

Arno Schmidt: Seelandschaft mit Pocahontas, 1953, Kapitel iv.

Das muss wirklich einer der am sträflichsten unterschätzten Romane der Romantik und des Biedermeiers zusammengerechnet sein: In Die Epigonen. Familienmemoiren in neun Büchern 1823–1835 von 1836 nimmt sich Karl Immerman alle Zeit, die er braucht, weil er etwas zu sagen hat; es war eine Zeit, in der man sich nicht mit einem Exposé bei allen in Frage kommenden Verlagen und noch einigen mehr verzweifelt um Veröffentlichung bewarb, sondern sein Ding „zum Druck beförderte“. Bis heute ist genau 1 ernstzunehmende Ausgabe davon in Umlauf: die von Peter Hasubek, und die ist von 1981, dafür bei Winkler.

Letzteres bedeutet blitzsaubere Verlagsarbeit, in diesem Fall leider auch eine bilderlose Textwüste. Bei meinem letzten Abruf auf Amazon.de gab’s die für 13,64 Euro für einen „guten“ Zustand bei „leichten Gebrauchsspuren“, als Geldausgabe ist das lächerlich. Alle 640 Seiten des Primärtextes — der Rest der 823 Seiten ist Kommentar — funkeln bunt und quicklebendig, ungefähr wie ein Bollywood-Film, der in der deutschen Provinz des Biedermeiers spielt, falls man sich das ungelesen vorstellen kann.

An manchen Stellen brechen die Figuren sogar in dramaturgisch nicht näher gerechtfertigten Gesang aus. Nein, es sind keine Gedichte eingeflochten, wie das kurz zuvor Eichendorff zum Wohle des Gesamtkunstwerks versucht hat; vielmehr hat Immermann, wie erwähnt, etwas zu sagen, und überlässt das seinen Figuren, die deshalb schon mal ein Kapitel ohne Unterbrechung übernehmen. Das bunteste und quicklebendigste Beispiel dafür bringe ich unten ungekürzt. Ich mag das sowieso immer, wenn ein Film, ein Lied oder eben: ein Roman ausreden darf. — In diesem Sinne zur Literaturgeschichte:

Rainer V., Brünnekenkapelle, Verne, SalzkottenPeter Hasubek verortet im Kommentar das erste Buch Klugheit und Irrtum mit Benno von Wiese: Karl Immermann. Sein Werk und sein Leben, Gehlen Verlag, Bad Homburg, Berlin, Zürich 1969:

B. v. Wiese (II, S. 660 f.) weist mit einiger Wahrscheinlichkeit nach, daß es sich dabei um die Brünnekenkapelle in der Nähe von Verne in Westfalen handelt. Für diese Annahme sprechen sowohl einzelne erwähnte Merkmale der Kapelle als auch die umgebende Landschaft. Drei Kilometer entfernt davon liegt der Ort Salzkotten an dem „Großen Heerweg“ […]. Sonach wäre Salzkotten der Handlungsort des ersten Buches der „Epigonen“.

Dieses Buch von Benno von Wiese existiert und ist für schmales Geld antiquarisch erhältlich. Gegen Hasubeks Nachweis spricht jetzt noch, dass es gar keine 660 und mehr, sondern nur 357 Seiten hat; für Berichtigungen von außen aller Angaben und Annahmen, besonders meiner eigenen, bin ich deshalb wie immer dankbar. — Alle handelnden Personen in Haupt-, Rahmen- und Binnenhandlung einschließlich des erzählenden Arztes wären somit als Ostwestfalen, gemäß der Aufteilung durch den Wiener Kongress als Musspreußen zu denken, die anfangs erwähnte Hauptstadt wäre Münster.

Das Bildmaterial stammt deshalb von Rainer V., der die netzweit schönste und dokumentarisch aufschlussreichste Sammlung über den zutiefst teutschen Regierungsbezirk Detmold, in dem Salzkotten heute liegt, beherbergt und vermutlich noch weiter aufstocken wird. Man ist dort überwiegend katholisch, daher scheint diese Gegend über einen besonderen Reichtum an Wegkreuzen aller Bauarten und Widmungszwecke zu verfügen.

——— Karl Immermann:

Zweites Kapitel

aus: Die Epigonen, Zweites Buch. Das Schloß des Standesherrn, 1836:

Der Arzt zog am runden Tische sein Büchelchen hervor, und las:

Der Lieutenant und das Fräulein

Anekdote aus meiner Praxis

Als ich in der Hauptstadt meinen Kursus machte, lernte ich einen Offizier von der Garnison kennen, der mir wegen seines gesetzten Wesens sehr zusagte, und von allen seinen Kamaraden als ein ruhiger Charakter bezeichnet wurde.

Rainer V., Wegkreuz, SalzkottenDieser ruhige Charakter war schon seit einigen Jahren mit einem Frauenzimmer von desto unruhigerer Gemütsart verlobt. Fräulein Ida hatte alles Feuer zugeteilt bekommen, welches die Natur bei der Erschaffung des Lieutenants Fabian erspart hatte. Lebendig, galt sie bei ihren Tänzern für geistreich, und konnte allerliebst sein, wenn ihre Partien auf vierzehn Tage hinaus versichert waren. Anfangs spielte sich das Verhältnis überaus artig fort, er wurde von ihrer Beweglichkeit in Bewegung gesetzt, sie gewann durch seinen Ernst mehr Haltung, woran es ihr früherhin zu ihrem Nachteile bisweilen gebrochen hatte. Das Unpassende, was das Publikum sonst wohl in Lieutenantsverlobungen findet, fiel hier weg, da die Braut ein artiges Vermögen besaß, und nur der Eigensinn der Mutter die Heirat bis zu dem Zeitpunkte verschob, wo der Schwiegersohn einen höheren Rang, und die Kompanie erlangt haben würde.

Indessen mußte der Monarch wohl noch eine große Anzahl verdienstvollerer oder älterer Lieutenants besitzen. Das Patent blieb länger aus, als man gedacht hatte, und da die Mutter ihre Tochter durchaus nicht ohne einen klingenden Titel von ihrem Herzen weggeben wollte, so dehnten sich die Tage der Hoffnung zu Jahren der Erwartung aus. Ein zu langwieriger Brautstand hat aber die bedeutendsten Unannehmlichkeiten. Die Liebe ist für Stunden, die Ruhe für das Leben; wer kann aber der Ruhe genießen, solange die Früchte noch auf dem Halme stehn? Das Gefühl gleicht nach so gedehntem Harren einem schönen Weine, den man im offnen Glase hat fade und abschmeckend werden lassen.

Grade kurz vor der Zeit, wo dieser bedenkliche Mangel an Geschmack im Verhältnisse der Liebenden eintrat, lernte ich den Lieutenant kennen, und ward durch ihn im Hause seiner zukünftigen Schwiegermutter eingeführt. Ich sah noch die letzten Sommertage der Zärtlichkeit, bald aber nahm ich eine gewisse Kälte zwischen den Brautleuten wahr, die nur mit einem unangenehmfeurigen Wesen abwechselte. Sie ließ sich wohl, wenn er dicht bei ihr stand, durch einen andern den Mantel holen, und betonte den Befehl; er rannte mitunter in der zierlichsten Gesellschaft nach heimlich-raschem Zwiegespräch in die Ecke, wo sein Hut und Degen sich befand, und nur meine Zuredungen konnten ihn alsdann bewegen, Aufsehn zu vermeiden und zu bleiben. Denn schon war ich sein Vertrauter geworden. Als junger Arzt mußte ich mir auf jede Weise zu helfen suchen. Ich machte damals in Herzenssachen den Rat und Beistand, um stärkere Praxis zu bekommen.

Rainer V., Wegkreuz, SalzkottenDer Lieutenant bekannte mir seinen ganzen Kummer. Er könne seiner Geliebten nichts mehr recht machen. Jede Laune werde an ihm ausgelassen. Bald solle er erkaltet sein, bald sich ohne Gemüt betragen haben, neulich habe sie ihm vorgeworfen, er verstehe sie nie. Er sei wirklich noch ganz und gar der alte, gehe im Frühlinge mit dem ersten Märzenveilchen zu ihr, im Junius komme der Rosenstock, im Herbst ein Almanach an die Reihe der Geschenke, wie sonst; zum Geburtstag mache er seinen Vers, die Weihnachtsbonbonnière fehle nimmer. Aber alles werde jetzt kaltsinnig oder schnöde aufgenommen. Was er denn nur in dieser Not beginnen solle?

Ich konnte ihm freilich als einziges Mittel nur die Heirat nennen. Er versetzte, dieses stehe nicht in seiner Gewalt. Sich selber könne er nicht avancieren, und das Kriegsdepartement wolle es noch nicht.

Indessen sind solche ruhige Charaktere nur bis auf einen gewissen Punkt zu treiben, und dieser fand seinen Gleichmut wieder, als er vor seinem Gewissen sicher war, im Dienste der Liebe nicht lässig geworden zu sein. Nun verwies er seine Braut, wenn sie ohne Grund klagte, an die Vernunft. Von dieser wollte sie nichts hören. Darauf kam er mit der Notwendigkeit hervor, sich zufriedenzugeben, wenn die Dinge einmal nicht anders gehn wollten. Worauf sie ihm sagte, er sei unausstehlich. Endlich, da alle Trostgründe niedrer Schicht nichts helfen wollten, wählte er als letzte Arznei die Fügungen des Himmels. Wenn sie über ein Fältchen zuviel oder zuwenig im Kleide sich ungebärdig anstellte, sprach er, man könne nicht wissen, wozu ein Mißgeschick fromme. Wenn der Regen eine Spazierfahrt vereitelte, lehrte er, die Vorsehung lasse Tropfen fallen, damit die Sonne nachher um so herrlicher scheine. Und als sie einst weinend auf ihrem Stuhle saß, weil man den Gesang einer Mitschwester stärker beklatscht hatte, als den ihren, gab er, zu ihr tretend, den Spruch zu vernehmen: „Wen der Herr liebt, den züchtiget er!“ Er war ein ordentlicher Kirchengänger, und hatte wirklich den Glauben, daß dem Geduldigen alle üblen Sachen zum Heile ausschlagen müssen.

Zuerst war ihr dieser Ton neu, und es vergingen einige Wochen unter solchen Tröstungen ganz leidlich. Indessen wollte das Gute, zu welchem nach ihrer Meinung das Schlechte führen mußte, nämlich das Avancement, immer noch nicht erscheinen. Da ward sie böser als je, und der arme Phlegmatikus geriet in ein Fegefeuer, welches nicht läuternder sein konnte. Zu gleicher Zeit begann ein Einfluß auf sie zu wirken, welcher den Frieden zwischen beiden bald ganz aufhob.

Rainer V., Wegkreuz, SalzkottenEine jener alten Jungfraun, welche, weil sie sitzengeblieben sind, es gern sähen, wenn das Heiraten abkäme, hatte sich des verdüsterten Sinns unsrer schönen Ärgerlichen bemächtigt. Sie ließ in ihre Gespräche einfließen, daß sie schon längst mit Kummer bemerkt, wie der Lieutenant immer gleichgültiger geworden sei, wie seine Neigung wohl keine Probe bestehen werde, und was dergleichen mehr war. Diese bösartigen Worte fanden ein offnes Ohr. Verdrießlich, von Mißstimmungen geplagt, ließ sich die Getäuschte zu dem Schritte hinreißen, dessen gefährliche Albernheit schon so viele beklagt haben. Sie wollte den Sinn ihres Liebhabers prüfen.

Eines Morgens wurde ich an das Krankenlager des Fräuleins berufen. Sie lag, anmutig gekleidet, allerdings im Bette, und klagte fast über jegliches, was den Menschen schmerzen kann. Die Mutter stand untröstlich daneben, sie liebte das Kind, vielleicht zu sehr. Man kann denken, daß mir, als jungem Arzte, eine Krankheit in einem geachteten Hause, welches selbst einigermaßen in der Mode war, höchst angenehm sein mußte, ich strengte daher die ganze Kraft meiner Diagnose, deren Feinheit man stets auf der Klinik gerühmt hatte, an, um die Natur des Übels zu entdecken. Aber der Puls ging vortrefflich, die Augen strahlten vom gesundesten Feuer, die Wangen lachten im reinen Rote der Jugend, die Zunge war unbelegt, alles, ohne Ausnahme alles befand sich leider im wünschenswertesten Zustande. Ich entschied mich, daß hier Verstellung sei, verordnete die unschuldigen Mittel, welche Hippokrates uns für einen solchen Fall an die Hand gegeben hat, äußerte indessen natürlich meine wahre Meinung nicht, sondern sagte der Mutter draußen, auf ihre ängstliche Frage: ob es auch keine Gefahr habe? mit Ernst und Nachdruck, daß man noch grade zur rechten Zeit nach mir geschickt habe, und daß eine Stunde später für nichts mehr zu stehn gewesen sei.

„Sie glauben nicht, welches Zutrauen sie zu Ihnen hat“, sagte die Mutter. „Den Geheimen Rat durfte ich nicht holen lassen.“ – „Nein“, dachte ich. „Der alte grobe Heros würde wenig Umstände gemacht haben, meine blöde Jugend ist für dergleichen Leiden geeigneter.“

Rainer V., Wegkreuz, SalzkottenAuf der Straße fand ich den Liebhaber, dem man schon durch die dritte Hand dieses Siechtum zu wissen getan hatte. Er war so bestürzt, wie es einem Seladon geziemt, und in Verzweiflung, daß er nicht gleich nach dem Hause seiner Braut eilen könne, aber er müsse auf die Parade. Ich beruhigte ihn, und verpfändete mein Ehrenwort, daß die Sache nichts weiter sei, als ein kleiner Schnupfen.

Gegen Abend fand ich mich wieder bei der verstellten Kranken ein, denn ich war neugierig, wohin diese Komödie führen werde. „Treuer, sorgsamer Freund!“ sagte die Mutter, welche von meinem Eifer gerührt war. In bescheidner Entfernung vom Krankenbette saß der Lieutenant, wie es schien, zerstreut und verlegen.

„Es ist doch ein großes Glück um einen gleichmütigen Sinn“, stichelte die Mutter. „Man versäumt dann nichts Notwendiges, und macht die Geschäfte erst ab, bevor man dem Herzen folgt.“

„Er will es nicht glauben, daß ich so krank bin, Doktor“, seufzte Fräulein Ida, deren hochrotes Antlitz von großer Bewegung zeugte. Die alte Jungfer saß im Fenster und strickte für die Armen.

Diesmal erriet meine Diagnose die Krankheit. Mich gelüstete nach der Krisis, und da ich als junger Arzt, traurig für mich, überflüssige Zeit hatte, setzte ich mich zu den gesunden Damen, und knüpfte mit ihnen eins der Gespräche an, aus welchem man noch immer mit Geistesfreiheit nach etwas andrem hinzuhören vermag.

„Wenn ich sterbe, Fabian …“ lispelte das Fräulein. „Teure Ida, an einem Schnupfen stirbt man ja nicht“, versetzte freundlich aber gefaßt der Lieutenant.

Sie begann immer heftiger und weinerlicher zu reden, kam in den Ton der Jean Paulischen Liane, sagte, im Traume sei ihr ihre selige Caroline erschienen, und sprach viel von Ahnung und Vorgefühl.

Ich saß so, daß ich im Spiegel die Szene beobachten konnte. Je pathetischer das Fräulein wurde, desto mehr nahm das Gesicht des Bräutigams den Ausdruck der Abwesenheit an, er half sich fast nur noch mit Interjektionen, als: „Hm! So! Ei bewahre!“ Nachmals hat er mir gestanden, daß er an dem Tage einen Verdruß mit seinem Obersten gehabt habe, und daß seine Gedanken freilich mehr bei dem ungerechten Vorgesetzten, als bei dem Schnupfen des Fräuleins gewesen seien.

Rainer V., Wegkreuz, SalzkottenIn einem solchen Zustande laufen einem gewisse Redensarten, die man häufig im Munde führt, ohne Sinn und Verstand über die Lippen. Daher geschah es, daß, als das Fräulein, welche über die Fassung ihres Geliebten immer mehr aus der Fassung geriet, mit unterdrücktem Weinen sagte: „Ja, ich empfinde ein gewisses Etwas in mir, ein Weben der Auflösung, die schwarzen Männer werden mich gewiß wegtragen“ – der Lieutenant, der schon lange nicht mehr wußte, wovon die Rede war, zerstreut und feierlich ausrief: „Wie Gott will! Der Wille des Herrn geschehe!“

Schrecklich war die Wirkung dieser Worte. Das Fräulein, entrüstet über eine solche Ergebung in die Fügungen des Himmels, die doch gar zu weit ging, warf meine unschuldige Medizinflasche zu Boden, daß die Scherben umherflogen, und rief:

„Aus meinen Augen! Ich habe dich durchschaut! Fort! Wir sind für immer geschieden!“ – „Wenn meine Tochter stirbt, sind Sie ihr Mörder“, wehklagte die Mutter. Die alte Jungfer hatte ihr Strickzeug in den Schoß sinken lassen, und äußerte so mit Salbung: daß derjenige zu beneiden sei, der so früh, wie Ida, die Einsicht in die Nichtigkeit aller Erdenlust gewinne.

„Erlauben Sie mir nur einige Worte zu meiner Verteidigung …“ stammelte der arme Fabian. „Es ist jetzt nicht Zeit dazu, machen Sie, daß Sie fortkommen“, raunte ich ihm zu.

Ich war mit den Damen allein. „Ida! meine Ida!“ seufzte die Mutter. „Diese Gemütserschütterung in deinen Leiden! Erhole dich, mein Kind, denke nicht mehr an den Abscheulichen.“ – Ich beschloß, die kleine Heuchlerin zu strafen, und die alte Jungfer dazu. Und so ist es gekommen. Ich erklärte den Zustand des Fräuleins für verschlimmert, ich ernannte die bejahrte Freundin zur nächtlichen Wächterin, da die Mutter eine solche Anstrengung nicht aushalten könne. Drei Tage mußte die gesunde Kranke im Bett zubringen, drei Nächte hatte die Friedensstörerin auf dem Wächterstuhl zu versitzen. Endlich erklärte jene sich mit Gewalt für hergestellt, zuletzt lief diese aus dem Hause und verschwor, es wieder zu betreten, wenn ich dort aufgenommen bleibe. Darüber bekam sie mit der Mutter Streit und Feindschaft, die mich einen seltnen Menschen nannte. Kurz, der böse Feind hatte sich diesmal die Grube selbst gegraben.

Rainer V., Wegkreuz, Salzkotten. DankkreuzMehrere Wochen vergingen, in denen ich nichts von meinen Liebesleuten hörte. Einige wirkliche und zwar sehr ernste Krankheiten hatten meine ganze Zeit in Anspruch genommen.

An einem schönen Märztage wanderte ich über den neuen Kirchhof, wo alle Sträucher in dem ungewöhnlich frühwarmen Wetter schon die Knospenaugen aufschlugen. Ich wollte die neuen Einrichtungen im Leichenhause besichtigen, welche zur Rettung der Scheintoten angebracht worden waren. Soeben mit dem Meisterdiplom versehen, hatte ich, die Obsorge über jene Anstalten zu führen, von der Stadt den Auftrag bekommen. Als ich durch die gewundenen, mit Kies reinlich gefesteten Wege des parkartigen Gottesackers ging, und das im gefälligen Stil erbaute Leichenhaus hinter einem Rasenplatze liegen sah, sagte ich: „Es ist kein Wunder, daß die Menschen jetzt mit dem Leben unzufrieden sind, man macht die Sterbehäuser und Grabstätten zu anlockend.“

Auf einem freien Platze fand ich unvermutet meinen Phlegmatikus. Er stand bei einem Sträußermädchen, die ihren Korb voll Frühlingsblumen ihm vorhielt. Er wählte und suchte sich das Schönste, was sie an Veilchen, Primeln und Aurikeln hatte, zusammen. „Für wen der Strauß?“ fragte ich. „Für Ida“, versetzte er.

„Gottlob! So seid ihr versöhnt?“

„Ach nein! Ich habe sie nicht wiedergesehn. Aber es ist heute ihr Geburtstag. Ich will den Strauß unter ihrem Porträt in Wasser setzen.“

Er sprach diese Worte ruhig, ja kalt. Aber seine Augen waren erloschen, und die Wangen bleich. Ich muß gestehn, daß mich die stummen, geduldigen Patienten immer am meisten zur Teilnahme bewegt haben. Ich sah meinen armen Verstoßnen an, ich überlegte hin und her, ob hier nicht mit einem raschen Streiche zu helfen sei? Die Natur der Leidenschaften, insbesondre der Liebe, kannte ich aus der Seelenlehre, das Fräulein war mit der Mutter in der Stadt, das wußte ich. Ich war jung, verwegen! Ohne an die möglichen Folgen eines tollen Einfalls zu denken, lud ich den Lieutenant ein, sich von mir in die Rettungsanstalten zeigen zu lassen. Das Sträußermädchen wies ich an, vor der Türe zu warten.

Rainer V., Wegkreuz, Salzkotten. HofkreuzDer Wächter war ausgegangen; alles begünstigte meinen Plan. Ich öffnete mit dem Hauptschlüssel, wir waren allein im leeren, schallenden Hause. Ich erklärte meinem Begleiter jedes Ding: die Einrichtung und Verbindung der Gemächer, die leicht zu bewegenden Glockenzüge, die Wärmmaschinen, die Frottierzeuge, die Bürsten, den Elixier- und Essenzenapparat des Wächters für die ersten Augenblicke des Erwachens aus dem furchtbaren Schlummer. Er fragte, ernst und wissenschaftlich gesinnt, verständig nach allem, und keine empfindsame Betrachtung kam in diesem Hause des Todes über seine Lippen. Endlich sagte er scherzend: „Diese reinlichen schimmernden Wände, die bronzenen Lampen, die blinkenden Stahlgriffe, die schönen Teppiche und Matratzen zeigen, wie jetzt alles auch bei den schrecklichsten Dingen zum Bequemen und Geschmückten strebt. Es fehlen nur noch die Tische mit den Journalen, um den Geretteten Unterhaltung zu bereiten, bis die Ihrigen sie wieder abholen.“

Ich bat mir seinen Verlobungsring aus. Er stutzte, wußte nicht, was ich wollte. Ich erklärte ihm trocken, daß ich gesonnen sei, noch heute zwischen ihm und seiner Braut dauerhaften Frieden zu stiften, aber dazu des Ringes bedürfe, nahm ihn bei der Hand, und streifte mit freundschaftlicher Gewalt ihm den Ring vom Finger. Er, in plötzlich auflodernder Hoffnung und Freude, rief: ob ich verwirrt sei? Ich, ohne zu antworten, schrieb mit Bleifeder auf ein ausgerißnes Blättchen meines Portefeuilles ein paar Zeilen an die Schwiegermutter, legte den Ring bei, verschloß das Billet mit Oblate, eilte zum Mädchen hinaus, sagte ihr, den Herrn habe ein Nervenschlag betroffen, sie sollte das Briefchen auf der Stelle da und da hintragen.

Mein bestürzter Freund war bis auf den Flur gefolgt, und hatte die Bestellung gehört. Ich nötigte ihn in eine der angenehmsten Sterbekammern zurück. „Um Gotteswillen!“ rief er, „was treiben Sie? was machen Sie aus mir?“ – „Einen Scheintoten“, versetzte ich. Er sah mich an, wie einen, von dem man glaubt, er habe den Verstand verloren. „Idas Krankheit“, sagte ich, „führte den Bruch herbei. Ihr Tod soll das Bündnis herstellen; das nennt man einen Klimax, welcher zu den wirksamsten Redefiguren gehört. Sie haben die Wahl, entweder mich zuschanden zu machen und sich jede Aussicht zu verbaun, oder folgsam zu sein, und Ihr Glück im letzten Akt einer Posse zu empfangen.“ Er stand anfangs starr, dann verwünschte er meine Torheit, und überschüttete mich mit Vorwürfen. Ich behielt indessen Geistesgegenwart, kramte Schnepper und Bindzeug aus, setzte eine Menge Flaschen auf den Tisch, ließ den Essigäther duften, verbrannte Federn, kurz, ich richtete das Zimmer so zu, daß es ganz medizinisch aussah und roch. Er, über meine Kaltblütigkeit in Verzweiflung, warf sich auf eine Matratze. Ich erklärte ihm, da könne er liegenbleiben, denn dahin gehöre er in seinem jetzigen Zustande. Ich löste seine Halsbinde, knöpfte die Uniform und Weste auf, und machte mir immerfort zu schaffen, um meine Unruhe zu verbergen, die sich mit dem Nachdenken doch allmählich bei mir einzustellen begann.

Nach einiger Zeit sprang er auf, und rief: „Ich muß fort, ich bin an diesen Dingen unschuldig! Sehen Sie zu, wie Sie aus der Verlegenheit kommen, die Sie angerichtet haben.“

Rainer V., Wegkreuz, SalzkottenEin Wagen fuhr sturmschnell vor. „Sie kommen“, rief ich, „ich wußte das ja!“ und ging ihnen entgegen. Sie waren es, Ida und ihre Mutter, meine Berechnung war richtig gewesen. Aus dem Schlage stürzte das Fräulein entgeistert, blaß, die Augen voll Tränen, und rief: „Wo ist seine Leiche?“ – „Er lebt, beruhigen Sie sich, er ist erwacht, meine Furcht war zu voreilig!“ rief ich ihr hastig zu. „Wo? Wo?“ stammelte sie, flog in das Haus, und wie durch Instinkt geleitet, in das rechte Zimmer.

Ich half der Mutter aus dem Wagen. Sie wußte sich in diesen Wechsel von Trauer und Freude nicht zu finden. „Teuerster, warum erschreckten Sie uns? Man muß bei dergleichen doch erst das Ende abwarten“, sagte sie. Ich bat um Verzeihung, ich hätte ganz den Kopf verloren gehabt, sie möchte einem jungen unerfahrnen Manne um des glücklichen Ausgangs willen nicht zürnen.

Wir traten in die Sterbekammer. Da war die Liebe von den Toten auferstanden. Fabian und Ida lagen einander in den Armen. Sie herzten sich und küßten sich, und wußten beide nicht, was sie taten. Sie wollte von ihm wissen, wie ihm zumute gewesen sei? er erwiderte, in diesem Punkte besonnen, er wisse von nichts, sie müsse den Doktor fragen.

Ich verbot alle Erklärungen, und riet ihnen, sich des Lebens zu freun. Die Mutter trat hinzu, gab ihm die Hand, und sagte sehr freundlich: „Lieber Sohn, Sie machen uns schöne Streiche. Mein Gott, wie das hier aussieht und riecht, es fällt mir auf die Nerven. Verlassen wir den leidigen Ort.“ Ich benutzte den Augenblick, küßte ihr ehrerbietig die Hand, und sagte bescheiden: „Edle Frau! Ida ist vor Liebe krank geworden, Fabian wäre beinahe daran gestorben; sollen Ihre Kinder noch länger schmachten?“

Rainer V., Wegkreuz, SalzkottenDie Gewalt dieser Auftritte hatte sie erweicht. Sie gab die Zustimmung zu dem, was die Verlobten wünschten. Es folgte ein neuer Sturm von Liebkosungen und Umarmungen, in dem ich ebenfalls zuletzt von ohngefähr mehrere Küsse bekam.

Indessen waren die Fügungen des Himmels auch tätig gewesen. Denn als wir eben aus dem seltsamsten aller Boudoire aufzubrechen im Begriff standen, nahte sich der Bursche Fabians mit der in gemeßner Haltung vorgebrachten Meldung, daß der Oberst schon dreimal nach ihm geschickt habe, indem das ersehnte Patent nun endlich eingetroffen sei.

So führte Ida statt eines erblichnen Lieutenants, nach dem sie ausgefahren war, einen lebendigen Capitain nach Hause. – Sie leben sehr glücklich miteinander, manche Szene, die sonst in die Ehe fällt, haben sie vorher schon unter sich abgetan, dazu ist wenigstens der lange Brautstand dienlich gewesen.

Mir brachte die sorgsame Behandlung des Fräuleins während jener drei Tage und die Rettung des Bräutigams große Gunst in den vielen mit dem Hause verbundnen Familien zuwege. Einer lobte mich immer noch mehr als der andre, so entstand mir bald ein Ruf, den mir so manche an armen Leuten im Verborgnen geübte saure Mühe nicht erworben hatte. Zuerst schlug mich das Gewissen etwas, nachher beruhigte ich mich durch den Anblick der allgemeinen Scharlatanerie, die in der Welt herrscht, über die meinige, die wenigstens niemand geschadet, vielmehr eine zufriedne Ehe gestiftet hat.

Bilder: Rainer V.: Salzkotten, ca. 2011 bis 2015.

Der Soundtrack ist Blast, Musikanten (Epistel 4) aus der dem Thema entsprechenden CD Liebe, Schnaps, Tod – Wader singt Bellman von dem bekannten Ostwestfalen Hannes Wader (gebürtig aus Bielefeld-Gadderbaum), 1996. Die Lieder sind, wie der Untertitel sagt, nicht von Wader selbst, sondern dem verstorbenen Schweden Carl Michael Bellman (1740 bis 1795), haben in Waders gesammelter Aufbereitung aber das Zeug zur Lieblings-CD. Waders eigene Übersetzung von Hej Musikanter ge Valdthornen väder wurde unterstützt von Reinhard Mey und Klaus Hoffmann.

Written by Wolf

9. September 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Biedermeier, Vier letzte Dinge: Tod

Du bist’s (Er ist’s)

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Update zu Das Leben ist kein [Zutreffendes streichen]:

Ich weiß, wie lange man an einen Comic hinzeichnet: Den ganzen Comic-Bloggern, die ihren Alltag darstellen, kann nichts anderes übrig bleiben als Metakram. Gut, dass Sarah Burrini wenigstens noch mit einem Elefanten, einem Pony, einem Fliegenpilz und so einem Dings zusammenlebt.

——— Eduard Mörike:

Er Ist’s.

aus: Maler Nolten. Novelle in zwei Teilen. 2. Teil, 1829, G. J. Göschen’sche Verlagshandlung, Stuttgart 1832:

Sarah Burrini, Das Leben ist kein Ponyhof, Frühüling, 9. Mai 2016

Frühling läßt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte;
Süße, wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land.

Veilchen träumen schon,
Wollen balde kommen.
– Horch, von fern ein leiser Harfenton!
     Frühling, ja du bist’s,
     Frühling, ja du bist’s!

Dich hab’ ich vernommen!

Der vorletzte Vers ist übrigens ab dem Erstdruck im Maler Nolten verdoppelt: „Frühling, ja du bist’s! / Frühling, ja du bist’s!“ Das gibt noch viel Emendationsarbeit, ab wann das nur noch einfach ausgerufen wird; spätestens in den Gesammelten Schriften 1878 jedenfalls. In drei Strophen aufgeteilt wie in der Gedichtsammlung 1838 find ich’s am schönsten.

Außerdem erfreut es immer das Herz, zu beobachten, wie die alten Meister (*1804) jungen Menschen (*1979) im Bewusstsein geblieben sind, die ich mal als Letzter vor Verleihung des PENG!-Preises (2011) sprechen durfte.

Eduard Mörike, Er ist's, 1832

Bilder: Frühüling, 9. Mai 2016; G. J. Göschen’sche Verlagshandlung 1829/1878;
leiser Harfenton ohne falsche Scheu vor der Singenden Säge: Tom Waits: You Can Never Hold Back Spring, aus: Orphans: Brawlers, Bawlers & Bastards, 2006.

Written by Wolf

10. Mai 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Biedermeier, Land & See

Oh my, oh my, oh my, what if it was true? (O wolle nicht ergründen, was einmal unergründlich ist)

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Update zu Denkst du denn nicht an den Loup Garou?
und Ach! wie ists erhebend sich zu freuen:

Oh my, oh my, oh my, what if it was true?
And oh my, oh my, oh my, tell me is it true?
Did he, did he, did he die upon that cross?
And did he, did he, did he come back across?

Violent Femmes: Jesus Walking on the Water, 1984.

Am I a soldier of the cross,
A follower of the Lamb,
And shall I fear to own His cause,
Or blush to speak His name?

Carter Family: On the Sea of Galilee, 1932.

Vnd da der Sabbath vergangen war, kaufften Maria Magdalena, vnd Maria Jacobi vnd Salome specerey, auff das sie kemen, vnd salbeten jn. Vnd sie kamen zum Grabe an einem Sabbather seer fruee, da die sonne auffgieng. Vnd sie sprachen vnternander, Wer waltzet vns den stein von des Grabs thuer? Vnd sie sahen dahin, vnd wurden gewar, das der Stein abgeweltzet war, denn er war seer gros.

VNd sie giengen hin ein in das Grab, vnd sahen einen Juengling zur rechten hand sitzen, der hatte ein lang weis Kleid an, vnd sie entsatzten sich.

Er aber sprach zu jnen, Entsetzet euch nicht. Jr suchet Jhesum von Nazareth den gecreutzigten, Er ist aufferstanden, vnd ist nicht hie, Sihe da, die Stete, da sie jn hinlegten. Gehet aber hin, vnd sagts seinen Juengern, vnd Petro, Das er fur euch hingehen wird in Galilea, Da werdet jr jn sehen, wie er euch gesagt hat.

Markus 16,1–7, Lutherbibel 1545.

Weil man sich ab heute wieder über seine Religion freuen darf, gleich meinen besten Osterwitz — und davon kenn ich nicht viele:

Jesus zeigt sich nach der Auferstehung seinen Jüngern: „Grüß euch, Jungs, da bin ich wieder.“

Sagt der ungläubige Thomas: „Soso? Und wer sagt uns, dass du Jesus bist?“

„Wer soll ich denn sonst sein?“

„Jesus ist doch vorgestern gestorben, wir haben doch zugeschaut.“

„Ja, und heute früh bin ich auferstanden. Das ist ja das Wunder.“

Sagt Thomas: „Wenn du Jesus bist, kannst du auch übers Wasser laufen. Da ist der See.“

Jesus geht zum See und läuft übers Wasser. Nach fünf Metern macht es flump und Jesus ist unter Wasser verschwunden.

Taucht Jesus wieder auf, paddelt und prustet: „Ey verdammt, ich hab doch noch die Löcher in den Füßen.“

Den letztzitierten Evangelientext stellte die Droste ihrem Ostersonntagsgedicht im Geistlichen Jahr voran. Dazu verwendete sie mutmaßlich die Fassung des im Bistum Münster gebräuchlichen Perikopenbuchs, uns ist nur die Luther-Fassung letzter Hand 1545 zugänglich.

Dafür sind wir in der glücklichen Lage, die zwei schönsten Osterlieder der Musikgeschichte voran- und sogar hintanzustellen: On the Sea of Galilee — ein frommes, hörbar hausgemachtes Gospelchen von ergreifender Schlichtheit — und Jesus Walking on the Water — unklarer Richtung; wahrscheinlich Gothic Beach Hillbilly, falls das schon erfunden ist. Für nur eins davon würde manch einer dreieinhalb Stunden Bach-Passion kalt stehenlassen.

——— Annette von Droste-Hülshoff:

Am Ostersonntag

aus: Geistliches Jahr in Liedern für alle Sonn- und Festtage, 1820,
Erstdruck: Cotta, Stuttgart und Tübingen 1851, cit. nach der Insel-Gesamtausgabe:

Simerenya, C. Timmann - Delfow, 16. März 2016O, jauchze, Welt, du hast ihn wieder,
Sein Himmel hielt ihn nicht zurück!
O jauchzet! jauchzet! singet Lieder!
Was dunkelst du, mein seelger Blick?

Es ist zu viel, man kann nur weinen,
Die Freude steht wie Kummer da;
Wer kann so großer Lust sich einen,
Der all so große Trauer sah!

Unendlich Heil hab‘ ich erfahren
Durch ein Geheimnis voller Schmerz,
Wie es kein Menschensinn bewahren,
Empfinden kann kein Menschenherz.

Vom Grabe ist mein Herr erstanden
Und grüßet alle die da sein,
Und wir sind frei von Tod und Banden,
Und von der Sünde Moder rein.

Den eignen Leib hat er zerrissen,
Zu waschen uns mit seinem Blut,
Wer kann um dies Geheimnis wissen,
Und schmelzen nicht in Liebesglut!

Ich soll mich freun an diesem Tage
Mit deiner ganzen Christenheit,
Und ist mir doch, als ob ich wage,
Da Unnennbares mich erfreut.

Mit Todesqualen hat gerungen
Die Seligkeit von Ewigkeit,
Gleich Sündern hat das Graun bezwungen
Die ewige Vollkommenheit.

Mein Gott, was konnte dich bewegen
Zu dieser grenzenlosen Huld!
Ich darf nicht die Gedanken regen
Auf unsre unermeßne Schuld.

Ach, sind denn aller Menschen Seelen
Wohl sonst ein überköstlich Gut,
Sind sie es wert, daß Gott sich quälen,
Ersterben muß in Angst und Glut!

Und sind nicht aller Menschen Seelen
Vor ihm nur eines Mundes Hauch?
Und ganz befleckt von Schmach und Fehlen,
Wie ein getrübter dunkler Rauch?

Mein Geist, o wolle nicht ergründen,
Was einmal unergründlich ist;
Der Stein des Falles harrt des Blinden,
Wenn er die Wege Gottes mißt.

Mein Jesus hat sie wert befunden
In Liebe und Gerechtigkeit;
Was will ich ferner noch erkunden?
Sein Wille bleibt in Ewigkeit!

So darf ich glauben und vertrauen
Auf meiner Seele Herrlichkeit!
So darf ich auf zum Himmel schauen
In meines Gottes Ähnlichkeit!

Ich soll mich freun an diesem Tage;
Ich freue mich, mein Jesu Christ,
Und wenn im Aug‘ ich Tränen trage,
Du weißt doch, daß es Freude ist!

Soundtracks: The Original Carter Family: On the Sea of Galilee, 1932;
Violent Femmes: Jesus Walking on the Water, aus: Hallowed Ground, 1984.
Bild: Simerenya: C. Timmann — Delfow, 16. März 2016. Etwas Genaueres finde ich darüber nicht einmal über TinEye heraus. Wenn Sie mehr über Maler, Bild oder Genre wissen, machen Sie um Himmels willen kein Geheimnis draus.

Written by Wolf

27. März 2016 at 00:01

Wenn man etwas Bildung hat (Die Moritat vom jungen Friedrich Kolbe)

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Update zur Eskimojade:

Mein lyrisches Frühwerk hat sich immer wie Wilhelm Busch angehört, weshalb ich es heute nicht mehr eigens verbreiten muss. Besonders beeindruckt hat mich in den zwei Bänden Was beliebt, ist auch erlaubt und Und die Moral von der Geschicht, die es seit 1959 unverändert mit dem Vorwort von Theodor Heuss gibt, Trauriges Resultat einer vernachlässigten Erziehung, das ich zehnjährig für einen echten Krimi gehalten hab. Allein der Formulierung der Überschrift nach zu schließen, ist es aber eher die Parodie auf eine Moritat und tatsächlich auf so ziemlich jede Melodie cantabile. — Und was heißt hier überhaupt, die haben Sie nicht, die einzige Gesamtausgabe, die wirklich überall hingehört, wo jemand wohnt, der lesen kann? Klick und kaufen, aber zügig!

Wilhelm Busch hat sich durchgehend mit einiger Koketterie als Kauz und „eingefleischten Junggesellen“ — was zeitweise eine feine Umschreibung für „schwul“ war — dargestellt. Die Moritat schrieb er mit 28 Jahren, da klang er, man weiß nicht, mit wie viel Ironie, geradezu frühvergreist. Trotzdem ist sie deutlich ein Steinbruch an Motiven für das spätere Max und Moritz, 1865: Der Schneider heißt Böckel statt später Böck, wird aber ebenfalls mit „Meck, meck, meck“ gemobbt; Antiheld Fritzchen hat Pausbacken und Strubbelfrisur der späteren Max-Figur und die Hosen von Moritz, die hier allerdings eine handlungstragende Rolle spielen (siehe Gudrun Schury: Ich wollt, ich wär ein Eskimo. Das Leben des Wilhelm Busch. Aufbau Verlag, Berlin 2007, als Taschenbuch in: Aufbau-Taschenbücher Nr. 7071, Berlin 2010).

Die vermittelten moralischen Werte — weil „Moritat“ entweder von „Moralität“ oder „Mordtat“ kommt — erscheinen heute fragwürdig. Das ist ja gerade die Gaudi. Ich bringe den Text korrigiert nach der Erstveröffentlichung in den Fliegenden Blättern, die sich von den erhältlichen, gefällig geglätteten am stärksten in der Zeichensetzung unterscheidet.

——— Wilhelm Busch:

Trauriges Resultat einer vernachläßigten Erziehung

in: Fliegende Blätter 33.1860, Nr. 783—808, Seite 108 bis 111., 1860:

Wilhelm Busch, Trauriges Resultat einer vernachläßigten Erziehung, Fliegende Blätter, 1860, Universitätsbibliothek HeidelbergAch, wie oft kommt uns zu Ohren,
Daß ein Mensch was Böses that,
Was man sehr begreiflich findet,
Wenn man etwas Bildung hat.

Manche Eltern sieht man lesen
In der Zeitung früh bis spät ;
Aber was will dies bedeuten,
Wenn man nicht zur Kirche geht ?

Denn man braucht nur zu bemerken,
Wie ein solches Ehepaar
Oft sein eig’nes Kind erziehet,
Ach, das ist ja schauderbar !

Ja, zum In’stheatergehen,
Ja, zu so was hat man Zeit,
Abgeseh’n von and’ren Dingen,
Aber wo ist Frömmigkeit ?

Wilhelm Busch, Trauriges Resultat einer vernachläßigten Erziehung, Fliegende Blätter, 1860, Universitätsbibliothek HeidelbergZum Exempel, die Familie,
Die sich Johann Kolbe schrieb,
Hatt‘ es selbst sich zuzuschreiben,
Daß sie nicht lebendig blieb.

Einen Fritz von sieben Jahren
Hatten diese Leute blos,
Außerdem, obschon vermögend,
Waren sie ganz kinderlos.

Nun wird mancher wohl sich denken :
Fritz wird gut erzogen sein,
Weil ein Privatier sein Vater ;
Doch da tönt es leider : Nein !

Alles konnte Fritzchen kriegen,
Wenn er seine Eltern bat,
Äpfel=, Birnen=, Zwetschgenkuchen,
Aber niemals guten Rath.

Wilhelm Busch, Trauriges Resultat einer vernachläßigten Erziehung, Fliegende Blätter, 1860, Universitätsbibliothek HeidelbergDas bewies der Schneider Böckel,
Wohnhaft Nr. 5 am Eck ;
Kaum, daß dieser Herr sich zeigte,
Gleich schrie Fritzchen : meck, meck, meck !

Oftmals, weil ihn dieses kränkte,
Kam er und beklagte sich,
Aber Fritzchens Vater sagte :
Dieses wäre lächerlich.

Wozu aber soll das führen,
Ganz besonders in der Stadt,
Wenn ein Kind von seinen Eltern
Weiter nichts gelernet hat ?

So was nimmt kein gutes Ende. —
Fast verging ein ganzes Jahr,
Bis der Zorn in diesem Schneider
Eine schwarze That gebar.

Wilhelm Busch, Trauriges Resultat einer vernachläßigten Erziehung, Fliegende Blätter, 1860, Universitätsbibliothek HeidelbergUnter Vorwand eines Kuchens
Lockt er Fritzchen in sein Haus,
Und mit einer großen Scheere
Bläst er ihm das Leben aus.

Kaum hat Böckel dies verbrochen,
Als es ihn auch schon schenirt,
Darum nimmt er Fritzchens Kleider,
Welche grün und blau karirt.

Fritzchen wirft er schnell ins Wasser,
Daß es einen Plumpser thut,
Kehrt beruhigt dann nach Hause,
Denkend : So, das wäre gut !

Ja, es setzte dieser Schneider
An die Arbeit sich sogar,
Welche eines Tandlers Hose
Und auch sehr zerrissen war.

Wilhelm Busch, Trauriges Resultat einer vernachläßigten Erziehung, Fliegende Blätter, 1860, Universitätsbibliothek HeidelbergDazu nahm er Fritzchens Kleider,
Weil er denkt : dich krieg‘ ich schon !
Aber ach ! ihr armen Eltern,
Wo ist Fritzchen, euer Sohn ?

In der Küche steht die Mutter,
Wo sie einen Fisch entleibt,
Und sie macht sich große Sorge :
Wo nur Fritzchen heute bleibt ?

Als sie nun den Fisch aufschneidet,
Da war Fritz in dessen Bauch. —
Todt fiel sie in’s Küchenmesser
Fritzchen war ihr letzter Hauch.

Wie erschrack der arme Vater,
Der g’rad‘ eine Prise nahm ;
Heftig fängt er an zu niesen,
Welches sonst nur selten kam.

Wilhelm Busch, Trauriges Resultat einer vernachläßigten Erziehung, Fliegende Blätter, 1860, Universitätsbibliothek HeidelbergStolpern und durch’s Fenster stürzen,
Ach, wie bald ist das gescheh’n !
Ach ! und Fritzchens alte Tante
Muß auch g’rad‘ vorüber geh’n.

Dieser fällt man auf den Nacken,
Knacks ! da haben wir es schon !
Beiden theuren Anverwandten
Ist die Seele sanft entfloh’n.

D’rob erstaunten viele Leute
Und man munkelt allerlei,
Doch den wahren Grund der Sache
Fand die wack’re Polizei.

Nämlich Eins war gleich verdächtig :
Fritz hat keine Kleider an !
Und wie wäre so was möglich,
Wenn es dieser Fisch gethan ?

Wilhelm Busch, Trauriges Resultat einer vernachläßigten Erziehung, Fliegende Blätter, 1860, Universitätsbibliothek HeidelbergLange fand man keinen Thäter,
Bis man einen Tandler fing,
Der, es war ganz kurz nach Ostern,
Eben in die Kirche ging.

Ein Gensdarm, der auf der Lauer,
Hatte nämlich gleich verspürt,
Daß die Hose dieses Tandlers
Hinten grün und blau karirt.

Und es war ein dumpf‘ Gemurmel
Bei den Leuten in der Stadt,
Daß ’ne schwarze Tandlersseele
Dieses Kind geschlachtet hat.

Hochentzücket führt den Tandler
Man zur Exekution ;
Zwar er will noch immer mucksen,
Aber Wupp ! da hängt er schon. —

Wilhelm Busch, Trauriges Resultat einer vernachläßigten Erziehung, Fliegende Blätter, 1860, Universitätsbibliothek HeidelbergNun wird Mancher hier wohl fragen :
Wo bleibt die Gerechtigkeit ?
Denn dem Schneidermeister Böckel
Thut bis jetzt man nichts zu leid.

Aber in der Westentasche
Des verstorb’nen Tandlers fand
Man die Quittung seiner Hose
Und von Böckel’s eig’ner Hand.

Als man diese durchgelesen,
Schöpfte man sogleich Verdacht
Und man sprach zu den Gensdarmen:
Kinder, habt auf Böckel acht !

Einst geht Böckel in die Kirche.
Plötzlich fällt er um vor Schreck,
Denn ganz dicht an seinem Rücken
Schreit man plötzlich : Meck, meck, meck !

Dies geschah von einer Ziege ;
Doch für Böckel war’s genug,
Daß sein schuldiges Gewissen
Ihn damit zu Boden schlug.

Wilhelm Busch, Trauriges Resultat einer vernachläßigten Erziehung, Fliegende Blätter, 1860, Universitätsbibliothek HeidelbergEin Gensdarm, der dies verspürte,
Kam aus dem Versteck herfür,
Und zu Böckel hingewendet
Sprach er : Böckel geh‘ mit mir !

Kaum noch zählt man 14 Tage,
Als man schon das Urtheil spricht :
Böckel sei auf’s Rad zu flechten.
Aber Böckel liebt dies nicht.

Ach ! die große Schneiderscheere
Ließ man leider ihm, und Schnapp !
Schnitt er sich mit eig’nen Händen
Seinen Lebensfaden ab.

Wilhelm Busch, Trauriges Resultat einer vernachläßigten Erziehung, Fliegende Blätter, 1860, Universitätsbibliothek HeidelbergJa, so geht es bösen Menschen.
Schließlich kriegt man seinen Lohn.
Darum, o ihr lieben Eltern,
Gebt doch Acht auf Euern Sohn.

Bilder: Universitätsbibliothek Heidelberg: Heidelberger historische Bestände — digital. Abermals danke, danke, danke für dieses Projekt samt den sorgfältigen Scanner — den viereckigen wie den zweibeinigen — in einem anständigen Kontrast:

Wilhelm Busch, Trauriges Resultat einer vernachläßigten Erziehung, Fliegende Blätter, 1860, Universitätsbibliothek Heidelberg

Wilhelm Busch, Trauriges Resultat einer vernachläßigten Erziehung, Fliegende Blätter, 1860, Universitätsbibliothek Heidelberg

Wilhelm Busch, Trauriges Resultat einer vernachläßigten Erziehung, Fliegende Blätter, 1860, Universitätsbibliothek Heidelberg

Written by Wolf

4. März 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Biedermeier, Vier letzte Dinge: Tod

Ach! wie ists erhebend sich zu freuen

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Update zu Denkst du denn nicht an den Loup Garou?:

Diese Woche hab ich mir endlich die Insel-Gesamtausgabe von der Droste angeschafft, meine ersten nicht-antiquarischen Bücher seit ungefähr einem Jahrzehnt. Erstens weil die textgleich mit der in der Bibliothek Deutscher Klassiker ist, also Gott, und man mit den zwei handlichen Bänden etwas Neues auf den Weg der fata setzt, den alle libelli habent, wenn dermaleinst der Urenkel nichts mehr von dergleichen wissen will. Das kostet keinen Fünfziger, also ungefähr ein Viertel vom Original beim Deutschen Klassiker Verlag, und ist immer noch Dünndruck, insgesamt ziemlich genau 2000 Seiten in Leineneinband plus durchsichtigem Plastik im bombig festen Schuber. Goldene Lesebändchen, geliebte Freunde.

See-Worthy, technicolor pin-up print, 1955Zweitens weil das alles Ausreden sind, ich am Sonntag in Meersburg (das am Bodensee, nicht das Merseburg mit den Zaubersprüchen) einbestellt bin, um den 70. Geburtstag meiner Mutter — lange soll sie leben — nachzufeiern, und wenn ich da schon mal hin muss, schlecht wieder gehen kann, ohne mich durchs Fürstenhäusle der Freifrau von Droste zu Hülshoff führen zu lassen, wie selbst meine Herren Eltern — lange sollen sie leben — einsehen werden. Irgendwie muss der Tag ja rumgehen, und warum soll man sich um den Preis für eine Zugfahrt sinnlos um seine erreichten vs. seine, sagen wir: erst noch zu erreichenden Lebensziele herumstreiten, wenn man buchstäblich das Zeug für eine literarische Touristenführung mitbringt — frisch über den örtlichen Buchhandel erworben — gegen die nicht mal Eltern was haben können? — Und warum es so kommen würde? Lange Geschichte.

Die historisch-kritische Gesamtausgabe der Briefe, herausgegeben von Winfried Woesler, wenn ich schon drüber bin, ist das feine dicke dtv-Taschenbuch, nach dem sich das gar nicht genug zu lobende Unternehmen Annette von Droste-Hülshoff in Briefen richtet, aber leider im Buchhandel vergriffen, weswegen ich die hoffentlich gerade noch rechtzeitig im Briefkasten hab, bevor ich mich nach Meersburg aufmachen muss.

Im Fall der Briefausgabe könnte es eventuell dem Frieden dienen, wenn ich sie nicht mitnehmen kann, weil ich den Fremdenführer unfehlbar fragen werde, warum überall, wo es um Tourismus geht, verbreitet wird, die Droste hätte sich ihr schmuckes Fürstenhäusle von 400 Talern Honorarvorschuss für Die Judenbuche gekauft, und überall, wo es um Literaturgeschichte geht, „im Vorgriff auf das in Aussicht gestellte Honorar für 400 Taler“ für ihre zweite Gedichtsammlung. Es ist aber schon wurscht, weil auch in der Insel-Ausgabe, übrigens herausgegeben von Bodo Plachta und genau demselben Winfried Woesler, die ich schon hab und mitzuführen gedenke, das mit der Gedichtsammlung drinsteht, Anmerkungsteil Seite 699. Man will ja nicht klugscheißen, und ob es gedeihlicher ist, sich mit seinen Eltern herumzustreiten oder mit einem Fremdenführer, der am Ende noch befugt ist, einen höflich aus seiner Fremdenführung zu entfernen, will ich gar nicht wissen.

Exclusively Yours, technicolor pin-up print of Diane Webber, 1950sWeiter mit Inhalt. Warum die einzige anständige Briefausgabe der Droste eine einzige Besprechung auf Amazon.de hat (5 Sterne) und Der Schwarm von Frank Schätzing deren 1321, weiß ich auch nicht, aber es beschleunigt die Meinungsbildung ungemein. Es rezensiert der evangelische Pfarrer in Kreis Soest, Christoph Fleischer:

Gerade diese vollständige Briefausgabe ist von unschätzbarem Wert. Wie eine große Muschel enthält sie eine Perle, das Gedicht „Unruhe“, das die fast noch jugendliche Annette von Droste-Hülshoff ihrem Förderer Prof. Sprickmann nach Breslau hinterher schreibt. Das sollen zwei Zitate zeigen:
Rastlos treibts mich um im engen Leben
Und zu Boden drücken Raum und Zeit
Freyheit heißt der Seele banges Streben
Und im Busen tönts Unendlichkeit.
Während dieser Vers noch vom Freiheitsgedanken z. B. eines Friedrich Schiller kündet, zeigt der nächste eine anfänglich feministische Spur:
Fesseln will man uns am eignen Heerde!
Unsre Sehnsucht nennt man Wahn und Traum
Und das Herz, dies kleine Klümpchen Erde
Hat doch für die ganze Schöpfung Raum.
Die Briefe sind eine gute Ergänzung zur Lektüre einer Biografie wie z. B. die der Barbara Beuys. In kurzen biografischen Skizzen werden die Briefempfänger im Anhang porträtiert, und alle in den Texten genannten Personen werden im Stichwortverzeichnis aufgeführt.

Water Nymphs by John Bradshaw Crandell, 1938Überhaupt ist der Vorteil der Briefausgabe — die ich, lieber Medimops, jeden Moment erwarte — in ihrer Eigenschaft als historisch-kritische, dass sie die Briefe in der originalen Rechtschreibung mit allen -th- und -ey- belässt. Der erwähnte Professor Anton Matthias Sprickmann war offenbar zwischen 1812 und 1819 der Droste literarischer Mentor und bringt mich auf einen zu Recht verborgenen Schatz des Internets: ihre Kurzbiographie, möglicherweise für Schulzwecke. Der umgebende Brief an Sprickmann stammt von Ende Februar 1816, das Gedicht mithin vom Januar oder Februar 1816, als die „fast jugendliche“ Droste 19 war. In der Gesamtausgabe steht es deshalb unter den Gedichten aus dem Nachlass. Briefauszug:

Ich schicke ihnen hierbey ein kleines Gedicht was ich vor einigen Wochen verfertigt habe, nehmen sie es gütig auf, es mahlt den damaligen, und eigentlich auch den jetzigen Zustand meiner Seele vollkommen, obschon diese fast fieberhafte Unruhe, mit Verschwinden meines Uebelbefindens einigermaßen sich gelegt hat.

Erst am 2. April 1817, nach über einem Jahr, kommt Sprickmann darauf zurück:

Ueber die „Unruhe„, mit der Sie mir ein so theures Geschenk gemacht haben, kann ich Ihnen in diesem Augenblick nichts sagen, weil sie schon unter meinen übrigen Heiligthümern tief im Koffer liegt. Aber das kann ich Ihnen doch von dem Eindruck, den auch dieses Gedicht von Ihnen auf mich gemacht hat, sagen, daß ich es dem Besten, was ich von Ihnen kenne, gleich setze.

Kurz: Eigentlich scheint es zu gut, um im Nachlass zu schlummern — so wie sich überhaupt nach einer Woche mit der Gesamtausgabe abzeichnet, dass die Sachen von der Droste, die zu ihren Lebzeiten kein Publikum erlebt haben, so wie eben der Nachlass und die Briefe, viel mehr Spaß machen als ihre Veröffentlichungen. Darum jetzt endlich weiter mit dem richtigen Inhalt: dem Gedicht selbst, mit aller fieberhaften Unruhe, Sehnsucht und Seemannsromantik, in seinem freiheitskämpferischen und protofeministischen Kontext und original belassener Rechtschreibung.

——— Annette von Droste-Hülshoff:

Unruhe

Januar/Februar 1816,
Erstdruck in Hermann Hüffer: Annette von Droste-Hülshoff, in: Deutsche Rundschau 7,
Februar/März 1881, Band 26, Heft 5 und 6, Seite 208–228, 421–446,
Gedichttext Seite 217:

Duane Bryers: HildaLaß uns hier ein wenig ruhn am Strande
FOIBOS Stralen spielen auf dem Meere
Siehst du dort der Wimpel weiße Heere
Reisge Schiffe ziehn zum fernen Lande

Ach! wie ists erhebend sich zu freuen
An des Ozeans Unendlichkeit
Kein Gedanke mehr an Maaß und Räume
Ist, ein Ziel, gesteckt für unsre Träume
Ihn zu wähnen dürfen wir nicht scheuen
Unermeßlich wie die Ewigkeit.

Wer hat ergründet
Des Meeres Gränzen
Wie fern die schäumende Woge es treibt
Wer seine Tiefe
Wenn muthlos kehret
Des Senkbley’s Schwere
Im wilden Meere
Des Ankers Rettung vergeblich bleibt.

Möchtest du nicht mit den wagenden Seglern
Kreisen auf dem unendlichen Plan?
O! ich möchte wie ein Vogel fliehen
Mit den hellen Wimpeln möcht ich ziehen
Weit, o weit wo noch kein Fußtritt schallte
Keines Menschen Stimme wiederhallte
Noch kein Schiff durchschnitt die flüchtge Bahn

Und noch weiter, endlos ewig neu
Mich durch fremde Schöpfungen, voll Lust
Hinzuschwingen fessellos und frey,
O! das pocht das glüht in meiner Brust
Rastlos treibts mich um im engen Leben
Und zu Boden drücken Raum und Zeit
Freyheit heißt der Seele banges Streben
Und im Busen tönts Unendlichkeit!

Stille, stille, mein thörichtes Herz
Willst du denn ewig vergebens dich sehnen?
Mit der Unmöglichkeit hadernde Trähnen
Ewig vergießen in fruchtlosem Schmerz?

So manche Lust kann ja die Erde geben
So liebe Freuden jeder Augenblick
Dort stille Herz dein glühendheißes Beben
Es giebt des Holden ja so viel im Leben
So süße Lust und, ach! so seltnes Glück!

Denn selten nur genießt der Mensch die Freuden
Die ihn umblühn sie schwinden ungefühlt
Sey ruhig, Herz, und lerne dich bescheiden
Giebt FOIBOS heller Strahl dir keine Freuden
Der freundlich schimmernd auf der Welle spielt?

Laß uns heim vom feuchten Strande kehren
Hier zu weilen, Freund, es thut nicht wohl,
Meine Träume drücken schwer mich nieder
Aus der Ferne klingts wie Heymathslieder
Und die alte Unruh‘ kehret wieder
Laß uns heim vom feuchten Strande kehren
Wandrer auf den Wogen, fahret wohl!

Fesseln will man uns am eignen Heerde!
Unsre Sehnsucht nennt man Wahn und Traum
Und das Herz, dies kleine Klümpchen Erde
Hat doch für die ganze Schöpfung Raum!

Natürlich freu ich mich auf Meersburg und meine Eltern, jedenfalls werde ich ihnen nichts anderes erzählen. Damit bin ich noch am besten beraten, weil mein Vater nächsthin 80 wird. „Ach! wie ists erhebend sich zu freuen“.

Paul Albert Laurens: Catching Waves

Bilder, weil die Droste-Portraits schon recht verbreitet sind:
Sea-Worthy!, technicolor pin-up print, 1955;
Exclusively Yours, technicolor pin-up print of Diane Webber, 1950s;
John Bradshaw Crandell: Water Nymphs, 1938;
Duane Bryers: Hilda,
Paul Albert Laurens: Catching Waves,
via Grapefruit Moon Gallery.

Written by Wolf

1. September 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Biedermeier, Land & See