Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for the ‘Biedermeier’ Category

Wenn–dann (weiß ich auch nicht)

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Update zu Des Frühlings beklommnes Herz und
Süßer Freund, das bißchen Totsein hat ja nichts zu bedeuten:

Adalbert Stifter ist der Wald. Es lassen sich sogar trefflich Kränze aus seinen verschiedenen Gewächsen winden:

——— Adalbert Stifter:

Der Nachsommer

3. Band, 4. Der Rückblick, 1857:

Sie fragte mich, ob ich denn nicht gerne in die Stadt gehe.

Ich sagte, daß ich nicht gerne gehe, daß es hier gar so schön sei, und daß es mir vorkomme, in der Stadt werde alles anders werden.

‚Es ist wirklich sehr schön‘, antwortete sie, ‚hier sind wir alle viel mehr beisammen, in der Stadt kommen Fremde dazwischen, man wird getrennt, und es ist, als wäre man in eine andere Ortschaft gereist. Es ist doch das größte Glück, jemanden recht zu lieben.‘ […]

Es begann nun eine merkwürdige Zeit. In meinem und Mathildens Leben war ein Wendepunkt eingetreten. Wir hatten uns nicht verabredet, daß wir unsere Gefühle geheim halten wollen; dennoch hielten wir sie geheim, wir hielten sie geheim vor dem Vater, vor der Mutter, vor Alfred und vor allen Menschen. Nur in Zeichen, die sich von selber gaben, und in Worten, die nur uns verständlich waren, und die wie von selber auf die Lippen kamen, machten wir sie uns gegenseitig kund. Tausend Fäden fanden sich, an denen unsere Seelen zu einander hin und her gehen konnten, und wenn wir in dem Besitze von diesen tausend Fäden waren, so fanden sich wieder tausend, und mehrten sich immer. Die Lüfte, die Gräser, die späten Blumen der Herbstwiese, die Früchte, der Ruf der Vögel, die Worte eines Buches, der Klang der Saiten, selbst das Schweigen waren unsere Boten. Und je tiefer sich das Gefühl verbergen mußte, desto gewaltiger war es, desto drängender loderte es in dem Innern. Auf Spaziergänge gingen wir drei, Mathilde, Alfred und ich, jetzt weniger als sonst, es war, als scheuten wir uns vor der Anregung. Die Mutter reichte oft den Sommerhut und munterte auf. Das war dann ein großes, ein namenloses Glück. Die ganze Welt schwamm vor den Blicken, wir gingen Seite an Seite, unsere Seelen waren verbunden, der Himmel, die Wolken, die Berge lächelten uns an, unsere Worte konnten wir hören, und wenn wir nicht sprachen, so konnten wir unsere Tritte vernehmen, und wenn auch das nicht war, oder wenn wir stille standen, so wußten wir, daß wir uns besaßen, der Besitz war ein unermeßlicher, und wenn wir nach Hause kamen, war es, als sei er noch um ein Unsägliches vermehrt worden. Wenn wir in dem Hause waren, so wurde ein Buch gereicht, in dem unsere Gefühle standen, und das andere erkannte die Gefühle, oder es wurden sprechende Musiktöne hervorgesucht, oder es wurden Blumen in den Fenstern zusammengestellt, welche von unserer Vergangenheit redeten, die so kurz und doch so lang war. Wenn wir durch den Garten gingen, wenn Alfred um einen Busch bog, wenn er in dem Gange des Weinlaubes vor uns lief, wenn er früher aus dem Haselgebüsche war als wir, wenn er uns in dem Innern des Gartenhauses allein ließ, konnten wir uns mit den Fingern berühren, konnten uns die Hand reichen, oder konnten gar Herz an Herz fliegen, uns einen Augenblick halten, die heißen Lippen an einander drücken und die Worte stammeln: ‚Mathilde, dein auf immer und auf ewig, nur dein allein, und nur dein, nur dein allein!‘ ‚O ewig dein, ewig, ewig, Gustav, dein, nur dein, und nur dein allein.‘ Diese Augenblicke waren die allerglückseligsten.

Adalbert Stifter, Blick auf die Falkenmauer aus der Gegend von Kremsmünster, ca. 1825

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Witiko

1. Band, 1: Es klang fast wie Gesang von Lerchen, 1865:

Sogleich trat das Mädchen, welches keine Rosen hatte, in den Wald zurück, das andere blieb stehen. Der Reiter ging zu demselben hin. Da er bei ihm angekommen war, sagte er: „Was stehst du mit deinen Rosen hier da?“

„Ich stehe hier in meiner Heimat da“, antwortete das Mädchen; „stehst du auch in derselben, daß du frägst, oder kamst du wo anders her?“

„Ich komme anders wo her“, sagte der Reiter.

„Wie kannst du dann fragen?“ entgegnete das Mädchen.

„Weil ich es wissen möchte“, antwortete der Reiter.

„Und wenn ich wissen möchte, was du willst“, sagte das Mädchen.

„So würde ich es dir vielleicht sagen“, antwortete der Reiter.

„Und ich würde dir vielleicht sagen, warum ich mit den Rosen hier stehe“, entgegnete das Mädchen.

„Nun, warum stehst du da?“ fragte der Reiter.

„Sage zuerst, was du willst“, erwiderte das Mädchen.

„Ich weiß nicht, warum ich es nicht sagen sollte“, erwiderte der Reiter, „ich suche mein Glück.“

„Dein Glück? hast du das verloren?“ sagte das Mädchen, „oder suchst du ein anderes Glück, als man zu Hause hat?“

„Ja“, antwortete der Reiter, „ich gehe nach einem großen Schicksale, das dem rechten Manne ziemt.“

„Kennst du dieses Schicksal schon, und weißt du, wo es liegt?“ fragte das Mädchen.

„Nein“, sagte der Reiter, „das wäre ja nichts Rechtes, wenn man schon wüßte, wo das Glück liegt, und nur hingehen dürfte, es aufzuheben. Ich werde mir mein Geschick erst machen.“

„Und bis du der rechte Mann, wie du sagst?“ fragte das Mädchen.

„Ob ich der rechte Mann bin“, antwortete der Reiter, „siehe, das weiß ich noch nicht; aber ich will in der Welt das Ganze tun, was ich nur immer tun kann.“

„Dann bist du vielleicht der Rechte“, erwiderte das Mädchen, „bei uns, sagt der Vater, tun sie immer weniger, als sie können. Du mußt aber ausführen, was du sagst, nicht bloß es sagen. Dann weiß ich aber doch noch nicht, ob du ein Schicksal machen kannst. Ich weiß auch nicht, ob du ein Schicksal machst, wenn du in unserem Walde auf der Wiese stehst.“

Bayerwaldgipfelstürmer, Wegweiser Dreisessel, 3. Mai 2011„Ich darf da stehen“, sagte der Reiter, „denn heute ist Sonntag, der Ruhetag für Menschen und Tiere, wenn es nicht eine Not und Notwendigkeit anders heischt. Mein Pferd habe ich eingestellt. Ich bin in den Wald herauf gegangen, zu beten. Und für den übrigen Tag will ich versuchen, ob ich nicht zu dem Steine der drei Sessel hinauf gelangen kann.“

„Das kannst du“, sagte das Mädchen, „es geht ein Pfad hinauf, den du immer wieder leicht findest, wenn du ihn einmal verlierst. Weil aber der Stein von dem Grunde, der um ihn herum ist, wie eine gerade Mauer aufsteigt, so haben sie Stämme zusammen gezimmert, haben dieselben an ihn gelehnt, und durch Hölzer eine Treppe gemacht, daß man auf seine Höhe gelangen kann. Du mußt aber oben sorgsam sein, daß dein Haupt nicht irre wird; denn du stehst in der Luft allein über allen Wipfeln.“

„Bist du schon oben gestanden?“ fragte der Reiter.

„Ich werde doch, da ich so nahe bin“, antwortete das Mädchen.

„Nun“, sagte der Reiter, „wenn du schon oben gestanden bist, so werde auch ich oben stehen.“

„Und wenn du heute von den drei Sesseln herunter kommst“, sagte das Mädchen, „dann reitest du morgen nach deinem Geschicke weiter?“

„Ich werde weiter reiten“, sagte er; „warum hast du die Rosen?“

„Muß ich antworten, wenn ich gefragt werde?“ sagte das Mädchen.

Wenn die Eltern fragen, mußt du antworten“, entgegnete der Reiter, „wenn jemand anderer artig fragt, sollst du, und wenn du es versprochen hast, mußt du antworten.“

„So will ich dir so viel sagen, als du gesagt hast“, antwortete das Mädchen, „ich trage die Rosen, weil ich will.“

„Und warum willst du denn?“ fragte der Reiter.

„Für den Willen gibt es keine Ursache“, sagte das Mädchen.

Wenn man vernünftig ist, gibt es für den Willen immer eine Ursache“, erwiderte der Reiter.

„Das ist nicht wahr“, sagte das Mädchen, „denn es gibt auch Eingebungen.“

„Trägst du die Rosen aus Eingebung?“ fragte der Reiter.

„Das weiß ich nicht“, entgegnete das Mädchen, „aber wenn du mir mehr von dir sagst, so sage ich dir auch mehr.“

„Ich kann dir nicht viel sagen“, antwortete der Reiter, „ich habe eine Mutter, die in Baiern wohnt, mein Vater ist gestorben, und ich reite jetzt in die Welt, um meine Lebenslaufbahn zu beginnen.“

„So will ich dir auch etwas sagen“, erwiderte das Mädchen. „Meine Eltern haben von hier weiter oben ein Haus. Wir würden es erreichen, wenn wir hier in den Wald gingen, wo ich mit meiner Gespanin herausgetreten bin, wenn wir in dem Walde nach aufwärts gingen, bis wir ein Wasser rauschen hörten, und wenn wir dann zu dem Wasser gingen, und demselben immer entgegen, dann würden endlich Wiesen und Felder kommen, und in ihnen das Haus. An dem Hause ist ein Garten, wo die Sonnenseite ist, und in dem Garten stehen viele Blumen. Und an der Hinterseite des Hauses geht ein Riegel gegen die Tannen, auf welchem viele Waldrosen stehen, und diese nehme ich oft.“

„Hast du die Rosen heute aus Eingebung genommen? Sie sind mir ein Zeichen, daß meine Fahrt gelingen wird“, sagte der Reiter.

„Ich habe einen Metallring, in welchen die Rosenstiele passen“, sagte das Mädchen, „habe heute Rosen genommen, habe sie in den Ring gesteckt, und den Ring auf das Haupt getan.“

„Weil wir noch mehr sprechen werden“, sagte der Reiter, „so gehen wir ein wenig an dem Waldsaume hin, woher du mich kommen gesehen hast. Da werden wir Steine finden, welche zu Sitzen taugen. Auf dieselben können wir uns setzen, und dort sprechen.“

„Ich weiß es nicht, ob ich noch mehreres mit dir sprechen werde“, antwortete das Mädchen, „aber ich gehe mit dir zu den Steinen, und setze mich ein wenig zu dir. Ich kenne die Steine, ich selber habe die Sitze machen lassen. Im Sommer ist es am Vormittage dort sehr heiß, am Nachmittage aber schattig. Im Herbste ist es vormittags lieblich und mild.“

Sie wandelten nun in der Richtung an dem Saume des Waldes hin, in welcher der Reiter zu den Mädchen hergekommen war. Sie hatten bald jene Steine erreicht, an denen der Reiter versucht hatte, ob sie zu Sitzen tauglich wären. Er blieb stehen, und harrte, bis das Mädchen sich gesetzt hatte. Es setzte sich auf einen glatten Stein. Der Reiter setzte sich zu ihrer Linken auf einen, der etwas niederer war, so daß nun sein Angesicht mit dem ihrigen fast in gleicher Höhe war. Das Schwert ragte zu seiner Linken in die niederen Steine hinab. Sie sprachen nun nichts.

Nach einer Weile sagte der Reiter: „So rede etwas.“

„So rede du etwas“, antwortete sie, „du hast gesagt, daß du mit mir noch sprechen willst.“

„Ich weiß jetzt nicht mehr, was ich sagen wollte“, entgegnete er.

„Nun, ich auch nicht“, sagte sie.

Da Knaus der Woche. Magischer Sonnenuntergang am Dreisessel mit Bischof-Neumann-Kapelle, da Hogn, 23. Februar 2015

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Aus dem Bayrischen Walde

November 1867, Erstdruck posthum in: Die Katholische Welt, Aachen, April 1868, Seite 122 ff.,
gesammelt in: Prager Ausgabe, Band XV, Reichenberg 1935,
das Letzte, was Stifter je zur Veröffentlichung freigegeben hat:

Als wir die Häuser um die Kirche hinter uns hatten, war wieder die weiße Wildnis vor uns, und das Grau des Schneefalles um und über uns, sonst nichts. Die Bahn war hoch oben, zu beiden Seiten war der tiefe lockere Schnee, und sie hatte nur die Breite eines Schlittens.

„Martin“, sagte ich, „wenn uns ein Schlitten begegnet.“

„Es begegnet uns keiner“, sagte er.

Wenn uns aber doch einer begegnet“, sagte ich wieder.

„Es begegnet uns keiner“, sagte er.

Wenn uns aber doch einer begegnet“, beharrte ich.

Dann weiß ich es nicht“, sagte er.

Es begegnete uns aber keiner.

Ferdinand Stiller aus Schwarzenberg fürs Wirtshaus Rosenberger Gut, Geschichte. Adalbert Stifter zu Gast im Rosenberger Gut

Die Wölfin meint: „Die Gegend kenn ich. Die sind da wirklich so.“

Bilder: Adalbert Stifter: Blick auf die Falkenmauer aus der Gegend von Kremsmünster, ca. 1825,
via Silvae: Adalbert Stifter, 23. Oktober 2010;
Bayerwaldgipfelstürmer: Dreisessel (1333m) — Bay. Plöckenstein (1365m), 3. Mai 2011;
Georg Knaus aus Freyung, Sägewerksmeister in Vilshofen: Da Knaus der Woche: Magischer Sonnenuntergang am Dreisessel, 23. Februar 2015 mit der Bischof-Neumann-Kapelle für da Hog’n. Onlinemagazin ausm Woid;
Ferdinand Stiller aus Schwarzenberg fürs Wirtshaus Rosenberger Gut.

Soundtrack: Georg Ringsgwandl: Oberpfalz, aus: Woanders, 2016:

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Written by Wolf

31. August 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Biedermeier, Land & See

Das sanfte Gesetz

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Update zu Zeichenstifter und
Hochwaldklangwolke: Die einzelnen Minuten, wie sie in den Ozean der Ewigkeit hinuntertropfen:

——— Adalbert Stifter:

Vorrede

Im Herbste 1852, zu: Bunte Steine. Ein Festgeschenk.
Verlag von Gustav Heckenast, Pest. Leipzig, bei Georg Wigand, 1853:

William-Adolphe Bouguereau, L'Art et la Littérature, 1867Weil wir aber schon einmal von dem Großen und Kleinen reden, so will ich meine Ansichten darlegen, die wahrscheinlich von denen vieler anderer Menschen abweichen. Das Wehen der Luft, das Rieseln des Wassers, das Wachsen der Getreide, das Wogen des Meeres, das Grünen der Erde, das Glänzen des Himmels, das Schimmern der Gestirne halte ich für groß: das prächtig einherziehende Gewitter, den Blitz, welcher Häuser spaltet, den Sturm, der die Brandung treibt, den feuerspeienden Berg, das Erdbeben, welches Länder verschüttet, halte ich nicht für größer als obige Erscheinungen, ja ich halte sie für kleiner, weil sie nur Wirkungen viel höherer Gesetze sind. Sie kommen auf einzelnen Stellen vor, und sind die Ergebnisse einseitiger Ursachen. Die Kraft, welche die Milch im Töpfchen der armen Frau empor schwellen und übergehen macht, ist es auch, die die Lava in dem feuerspeienden Berge empor treibt und auf den Flächen der Berge hinab gleiten läßt. Nur augenfälliger sind diese Erscheinungen und reißen den Blick des Unkundigen und Unaufmerksamen mehr an sich, während der Geisteszug des Forschers vorzüglich auf das Ganze und Allgemeine geht und nur in ihm allein Großartigkeit zu erkennen vermag, weil es allein das Welterhaltende ist. Die Einzelheiten gehen vorüber, und ihre Wirkungen sind nach kurzem kaum noch erkennbar. Wir wollen das Gesagte durch ein Beispiel erläutern. Wenn ein Mann durch Jahre hindurch die Magnetnadel, deren eine Spitze immer nach Norden weist, tagtäglich zu festgesetzten Stunden beobachtete und sich die Veränderungen, wie die Nadel bald mehr bald weniger klar nach Norden zeigt, in einem Buche aufschriebe, so würde gewiß ein Unkundiger dieses Beginnen für ein kleines und für Spielerei ansehen; aber wie ehrfurchterregend wird dieses Kleine und wie begeisterungerweckend diese Spielerei, wenn wir nun erfahren, daß diese Beobachtungen wirklich auf dem ganzen Erdboden angestellt werden, und daß aus den daraus zusammengestellten Tafeln ersichtlich wird, daß manche kleine Veränderungen an der Magnetnadel oft auf allen Punkten der Erde gleichzeitig und in gleichem Maße vor sich gehen, daß also ein magnetisches Gewitter über die ganze Erde geht, daß die ganze Erdoberfläche gleichzeitig gleichsam ein magnetisches Schauern empfindet. Wenn wir, so wie wir für das Licht die Augen haben, auch für die Elektrizität und den aus ihr kommenden Magnetismus ein Sinneswerkzeug hätten, welche große Welt, welche Fülle von unermeßlichen Erscheinungen würde uns da aufgetan sein. Wenn wir aber auch dieses leibliche Auge nicht haben, so haben wir dafür das geistige der Wissenschaft, und diese lehrt uns, daß die elektrische und magnetische Kraft auf einem ungeheuren Schauplatze wirke, daß sie auf der ganzen Erde und durch den ganzen Himmel verbreitet sei, daß sie alles umfließe und sanft und unablässig verändernd, bildend und lebenerzeugend sich darstelle. Der Blitz ist nur ein ganz kleines Merkmal dieser Kraft, sie selber aber ist ein Großes in der Natur. Weil aber die Wissenschaft nur Körnchen nach Körnchen erringt, nur Beobachtung nach Beobachtung macht, nur aus Einzelnem das Allgemeine zusammen trägt, und weil endlich die Menge der Erscheinungen und das Feld des Gegebenen unendlich groß ist, Gott also die Freude und die Glückseligkeit des Forschens unversieglich gemacht hat, wir auch in unseren Werkstätten immer nur das Einzelne darstellen können, nie das Allgemeine, denn dies wäre die Schöpfung: so ist auch die Geschichte des in der Natur Großen in einer immerwährenden Umwandlung der Ansichten über dieses Große bestanden. Da die Menschen in der Kindheit waren, ihr geistiges Auge von der Wissenschaft noch nicht berührt war, wurden sie von dem Nahestehenden und Auffälligen ergriffen und zu Furcht und Bewunderung hingerissen; aber als ihr Sinn geöffnet wurde, da der Blick sich auf den Zusammenhang zu richten begann, so sanken die einzelnen Erscheinungen immer tiefer, und es erhob sich das Gesetz immer höher, die Wunderbarkeiten hörten auf, das Wunder nahm zu.

William-Adolphe Bouguereau, Frère et sœur, 1887So wie es in der äußeren Natur ist, so ist es auch in der inneren, in der des menschlichen Geschlechtes. Ein ganzes Leben voll Gerechtigkeit, Einfachheit, Bezwingung seiner selbst, Verstandesgemäßheit, Wirksamkeit in seinem Kreise, Bewunderung des Schönen, verbunden mit einem heiteren, gelassenen Sterben, halte ich für groß: mächtige Bewegungen des Gemütes, furchtbar einherrollenden Zorn, die Begier nach Rache, den entzündeten Geist, der nach Tätigkeit strebt, umreißt, ändert, zerstört, und in der Erregung oft das eigene Leben hinwirft, halte ich nicht für größer, sondern für kleiner, da diese Dinge so gut nur Hervorbringungen einzelner und einseitiger Kräfte sind, wie Stürme, feuerspeiende Berge, Erdbeben. Wir wollen das sanfte Gesetz zu erblicken suchen, wodurch das menschliche Geschlecht geleitet wird. Es gibt Kräfte, die nach dem Bestehen des Einzelnen zielen. Sie nehmen alles und verwenden es, was zum Bestehen und zum Entwickeln desselben notwendig ist. Sie sichern den Bestand des Einen und dadurch den aller. Wenn aber jemand jedes Ding unbedingt an sich reißt, was sein Wesen braucht, wenn er die Bedingungen des Daseins eines anderen zerstört, so ergrimmt etwas Höheres in uns, wir helfen dem Schwachen und Unterdrückten, wir stellen den Stand wieder her, daß er ein Mensch neben dem andern bestehe und seine menschliche Bahn gehen könne, und wenn wir das getan haben, so fühlen wir uns befriedigt, wir fühlen uns noch viel höher und inniger, als wir uns als Einzelne fühlen, wir fühlen uns als ganze Menschheit. Es gibt daher Kräfte, die nach dem Bestehen der gesamten Menschheit hinwirken, die durch die Einzelkräfte nicht beschränkt werden dürfen, ja im Gegenteile beschränkend auf sie selber einwirken. Es ist das Gesetz dieser Kräfte, das Gesetz der Gerechtigkeit, das Gesetz der Sitte, das Gesetz, das will, daß jeder geachtet, geehrt, ungefährdet neben dem anderen bestehe, daß er seine höhere menschliche Laufbahn gehen könne, sich Liebe und Bewunderung seiner Mitmenschen erwerbe, daß er als Kleinod gehütet werde, wie jeder Mensch ein Kleinod für alle andern Menschen ist. Dieses Gesetz liegt überall, wo Menschen neben Menschen wohnen, und es zeigt sich, wenn Menschen gegen Menschen wirken. Es liegt in der Liebe der Ehegatten zu einander, in der Liebe der Eltern zu den Kindern, der Kinder zu den Eltern, in der Liebe der Geschwister, der Freunde zu einander, in der süßen Neigung beider Geschlechter, in der Arbeitsamkeit, wodurch wir erhalten werden, in der Tätigkeit, wodurch man für seinen Kreis, für die Ferne, für die Menschheit wirkt, und endlich in der Ordnung und Gestalt, womit ganze Gesellschaften und Staaten ihr Dasein umgeben und zum Abschlusse bringen. Darum haben alte und neue Dichter vielfach diese Gegenstände benützt, um ihre Dichtungen dem Mitgefühle naher und ferner Geschlechter anheim zu geben. Darum sieht der Menschenforscher, wohin er seinen Fuß setzt, überall nur dieses Gesetz allein, weil es das einzige Allgemeine, das einzige Erhaltende und nie Endende ist. Er sieht es eben so gut in der niedersten Hütte wie in dem höchsten Palaste, er sieht es in der Hingabe eines armen Weibes und in der ruhigen Todesverachtung des Helden für das Vaterland und die Menschheit. Es hat Bewegungen in dem menschlichen Geschlechte gegeben, wodurch den Gemütern eine Richtung nach einem Ziele hin eingeprägt worden ist, wodurch ganze Zeiträume auf die Dauer eine andere Gestalt gewonnen haben. Wenn in diesen Bewegungen das Gesetz der Gerechtigkeit und Sitte erkennbar ist, wenn sie von demselben eingeleitet und fortgeführt worden sind, so fühlen wir uns in der ganzen Menschheit erhoben, wir fühlen uns menschlich verallgemeinert, wir empfinden das Erhabene, wie es sich überall in die Seele senkt, wo durch unmeßbar große Kräfte in der Zeit oder im Raume auf ein gestaltvolles, vernunftgemäßes Ganzes zusammen gewirkt wird. Wenn aber in diesen Bewegungen das Gesetz des Rechtes und der Sitte nicht ersichtlich ist, wenn sie nach einseitigen und selbstsüchtigen Zwecken ringen, dann wendet sich der Menschenforscher, wie gewaltig und furchtbar sie auch sein mögen, mit Ekel von ihnen ab, und betrachtet sie als ein Kleines, als ein des Menschen Unwürdiges. So groß ist die Gewalt dieses Rechts- und Sittengesetzes, daß es überall, wo es immer bekämpft worden ist, doch endlich allezeit siegreich und herrlich aus dem Kampfe hervorgegangen ist. Ja wenn sogar der einzelne oder ganze Geschlechter für Recht und Sitte untergegangen sind, so fühlen wir sie nicht als besiegt, wir fühlen sie als triumphierend, in unser Mitleid mischt sich ein Jauchzen und Entzücken, weil das Ganze höher steht als der Teil, weil das Gute größer ist als der Tod, wir sagen da, wir empfinden das Tragische, und werden mit Schauern in den reineren Äther des Sittengesetzes emporgehoben. Wenn wir die Menschheit in der Geschichte wie einen ruhigen Silberstrom einem großen, ewigen Ziele entgegen gehen sehen, so empfinden wir das Erhabene, das vorzugsweise Epische. Aber wie gewaltig und in großen Zügen auch das Tragische und Epische wirken, wie ausgezeichnete Hebel sie auch in der Kunst sind, so sind es hauptsächlich doch immer die gewöhnlichen, alltäglichen, in Unzahl wiederkehrenden Handlungen der Menschen, in denen dieses Gesetz am sichersten als Schwerpunkt liegt, weil diese Handlungen die dauernden, die gründenden sind, gleichsam die Millionen Wurzelfasern des Baumes des Lebens. So wie in der Natur die allgemeinen Gesetze still und unaufhörlich wirken, und das Auffällige nur eine einzelne Äußerung dieser Gesetze ist, so wirkt das Sittengesetz still und seelenbelebend durch den unendlichen Verkehr der Menschen mit Menschen, und die Wunder des Augenblickes bei vorgefallenen Taten sind nur kleine Merkmale dieser allgemeinen Kraft. So ist dieses Gesetz, so wie das der Natur das welterhaltende ist, das menschenerhaltende.

William-Adolphe Bouguereau, Idylle Enfantine, 1900

Bilder: William-Adolphe Bouguereau: L’Art et la Littérature, 1867, Arnot Art Museum, Elmira, New York State;
Frère et sœur, 1887;
Idylle Enfantine, 1900, Denver Art Museum, Colorado.

Soundtrack: Mozart, Stifters favorisierter Tonsetzer: Sinfonia concertante für Violine und Viola Es-Dur, KV 364, mit Vilde Frang und Nils Mönkemeyer an Solo-Violine und -Bratsche — weil die Nordmanntanne Vilde Frang, dieser grundmädchenhafte boreale Jeanstyp junonischer Statur, zu den paar Star-Geigerinnen zählt, mit denen man sich mal einen Kneipenabend lang abgeben möchte. Falls sie mitzieht.

Written by Wolf

17. August 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Biedermeier, Weisheit & Sophisterei

Hochwaldklangwolke: Die einzelnen Minuten, wie sie in den Ozean der Ewigkeit hinuntertropfen

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Update zu Zeichenstifter und
Ach Himmel, wie sich die Menschen täuschen können!:

Es ist einmal gegen mich bemerkt worden, daß ich nur das Kleine bilde, und daß meine Menschen stets gewöhnliche Menschen seien.

A. S.: Bunte Steine, Vorrede, 1853.

Um Gottes willen, ich muss aufhören, Adalbert Stifter zu lesen. Ich geliere ja schon.

Adalbert Stifter, Die Ruine Wittinghausen, um 1833--1835

Es ist in jeder Hinsicht beruhigend, wenn Adalbert Stifter zu einem kommt. Da hat man richtig lange was zu lesen und muss sich nicht aufregen. Der Mann ist einer der verrufensten Großlangweiler der deutschen, wenn nicht gar der Weltliteratur, man liest ihn nicht atemlos. Er ist langatmig, weil er einen langen Atem hat. Deshalb braucht man einen langen Atem, um auch nur eine Geschichte von ihm, die natürlich als Erzählungen firmieren, bis zu Ende zu lesen. Man soll ihm sehr lange sehr genau zuhören, denn er will ausreden. Deshalb hat er seine meisten Erzählungen und Romane mindestens zweimal, gern auch gleich sechsmal, von Grund auf neu geschrieben.

Die gar nicht überschätzbare politische Dimension von Stifters dröhnender Stille hat Heribert Prantl erfasst: Was man vom langweiligsten aller langweiligen Dichter lernen kann, Prantls Blick vom 21. Januar 2018. Weil Prantl bei der Süddeutschen Zeitung eben nicht fürs Feuilleton, sondern ressortleitend fürs Innenpolitische zuständig ist, hat er weniger eigene Erkenntnisse gefunden, als er Autoritäten zitiert, denen er zu glauben geneigt ist: Christian Begemann mit:

„Im Zeitalter einer rasanten Beschleunigung aller Lebensvollzüge kann man den Nachsommer genießen als eine Art therapeutischen Entschleuniger, man kann ihn lesen als … den ersten ökologischen Roman.“ Das Vorbildhafte der kleinen Stifterwelt zeige sich nicht in bedeutenden Ereignissen und umfassenden Plänen, sondern gerade im schlichten, aber völlig durchgearbeiteten Alltäglichen; für Stifter sei es immer das Kleine, in dem sich das Richtige realisiert.

Karl Kraus

verbeugte sich tief vor Adalbert Stifter — hielt dagegen die meisten Schreiber seiner Zeit für völlig bedeutungslos; er forderte sie auf, (sofern sie noch „ein Quäntchen Menschenwürde und Ehrgefühl“ besäßen) vor das Grab Adalbert Stifters zu ziehen. Sie sollten dort „das stumme Andenken dieses Heiligen für ihr lautes Dasein um Verzeihung bitten und hierauf einen solidarischen leiblichen Selbstmord auf dem angezündeten Stoß ihrer schmutzigen Papiere und Federstiele unternehmen“.

Simon Strauß meine:

[b]ei Stifter sei nichts zu klein, um von ihm nicht groß beschrieben zu werden. Bei Stifter lernt man, was Stille ist: Es gibt eine Stille, in der man meint, „man müsse die einzelnen Minuten hören, wie sie in den Ozean der Ewigkeit hinuntertropfen“. Man fände diese Stille gern in unseren lauten Tagen.

und Prantls alter Lehrer, „über den wir Schüler auch deswegen gefeixt haben, weil er bei jeder Gelegenheit Stifter zitierte; am liebsten einen Satz aus dem Beginn der Erzählung ‚Hochwald‘.“

Autoritäten zu zitieren ist etwas Zulässiges und Glaubwürdiges; ich unternehme wenig anderes. Prantl hat es anlässlich Stifters 150. Todestag am 28. Januar 2018 getan. Typisch, dass daran ein 64-jähriger Fusselbart in seiner regelmäßig vom Lektorat durchgewinkten Nebenkolumne erinnern muss und sich der deutschsprachige Kulturbetrieb (dich schau ich an, Buchhandel!) dazu verhalten hat wie „tiefschwarz, überragt von der Stirne und Braue der Felsen, gesäumt von der Wimper dunkler Tannen, drin das Wasser regungslos wie eine versteinerte Träne“ (Stifter, Hochwald, 1842).

Adalbert Stifter, St. Thoma Wittinghausen, um 1839

Das wichtigste Handlungselement, zugleich turbulenteste Ereignis, ist so ziemlich jedes Mal, wie grün der Wald ist. Meistens ist es der Böhmerwald, und davon der südliche Teil, im heutigen Länderdreieck Bayern-Böhmen-Oberösterreich, wo sie Mühlviertel dazu sagen. Die Eichendorff-Novellen sind Tarantino-Blockbuster dagegen.

Arno Schmidt hatte also recht wie immer, indem er Stifter ausführlicher, tiefgreifender und detaillierter, also schon nicht mehr lässlicher Plagiate bei James Fenimore Cooper überführt hat, und begründet fundiert, welche von Stifters Leistungen überleben werden und welche seiner Belanglosigkeiten lieber in der Literaturgeschichte verstauben dürfen. Stifters Wald aber schafft das Grünsein im Buch so gut wie im Film, und das ist durchaus eine Qualität. Gerade über die Studien-Sammlung, worin der Hochwald vorkommt, redet Meister Arno recht lobend; zu meiden wäre das Großwerk Witiko.

Adalbert Stifter, Zerfallene Hütte im Wald, 1840 oder 1846

So respektlos das alles klingt, fühlt man sich nach einigem Vertiefen in Stifteriana richtig ausgeruht. Deshalb hab ich lang und breit nachgegoogelt, wo Stifters Handlungen sich überhaupt ereignen. Nicht dass es besonders schwer herauszufinden wäre, aber man verweilt dann doch gar zu gern.

Es ist alles ums Dreiländereck Böhmen-Österreich-Bayern voll der fleischfressenden, weil deutsch und tschechisch vorhandenen Ortsnamen und viel Vollprovinz zum Kennenlernen, Einordnen und geistigen Rumhängen. In meiner Kindheit war unter den Eisenbahnerkollegen meines Vaters das anliegende Steinerne Meer bekannt — und beliebt, um zollfrei Schnaps und Zigaretten anzukaufen. Die Gesamtgegend heißt Mühlviertel — ja, sag das doch gleich, das kennt man dem Namen nach auch weiter nördlich, als Ausdruck für beschaulichen Urwald mit nicht minder uriger Bevölkerung — also weniger als Kulturgegend, in der man der von Fenimore „Lederstrumpf“ Cooper … nun ja: entlehnten Weltliteratur hinterherspüren könnte.

Als Stichwortgeber und Ausgangspunkt für Intenet-Reisen empfiehlt sich das Böhmerwälder Adalbert-Stifter-Denkmal, von dort geht’s weiter in die ganze Gegend mit Plöckensteiner See und smetanabekannter Moldauquelle.

Es herrscht ein naturgemäß sehr ruhiger, dafür umso länger andauernder Gelehrtenstreit darüber, welche Fassungen aus Stifters Werk vorzuziehen seien: Die Frühfassungen gelten als unmittelbar und frisch, aber unausgegoren, die Spätfassungen als ausgereift, aber breitärschig. In neueren Stifter-Ausgaben stelle ich eine Tendenz zu den Frühfassungen fest und bin recht glücklich mit meinen angemessen durchgegilbten Studien „nach dem Text der Erstdrucke oder der Ausgabe letzter Hand“ aus der fünfbändigen Winkler-Gesamtausgabe, die meines Wissens seit 1949 unverändert aufgelegt wird. Für meine eigenen privaten Studienpläne möchte ich festhalten, dass bis jetzt gelesen sind: Der Condor, Die Mappe meines Urgroßvaters, Brigitta, Der Waldsteig und sowieso Der Hochwald; Der Nachsommer ist anstehend, aber vorsichtshalber nicht zu bald, Witiko wird weiträumig umfahren und um zu wissen, wie überstrapaziert der Bergkristall ist, muss man nicht mal die 2004er Vilsmaier-Verfilmung mit Katja Riemann kennen.

Adalbert Stifter, Die Gutwasserkapelle bei Oberplan, 1845

Am besten und am nachhaltigsten wirksam war mir der Hochwald. Kann sein, weil ich von Anfang an immer die Stimmung aus dem Klangwolken-Trailer mithören konnte und ja mit Sommerregen, tiefem grünem Wald, Moos und barfüßigen Dryaden im Elfenkleide etwas anfangen kann.

Klangwolke? — Klangwolke. Offenbar brauchten engagierte Kulturschaffende in Österreich keinen 150. Todestag, denen genügte der 210 Geburtstag:

——— lawine torrèn:

HOCHWALD

Trailer für Linzer Klangwolke, 2015:

adalbert stifters erzählung HOCHWALD als stadtergreifendes naturtheater vom paradies und seinem verlust

ein vater aus dem böhmerwald fürchtet während eines krieges um die sicherheit seiner beiden töchter und bringt sie deshalb in ein verstecktes waldhaus. dieses haus befindet sich im unberührten wald. dennoch wird das versteck von einem jungen mann entdeckt, der eines der mädchen liebt.

vor dem hintergrund dieser erzählung über den wald, die unschuld und das streben nach sicherheit, geht es um die zukunft der natur. „während wir uns über die entwicklung der städte im 21. jahrhundert gedanken machen, fehlt ein gestalterischer plan dafür, wie sich jene naturlandschaft entwickeln sollte, die längst nicht mehr unabhängig vom menschen dahinwächst. aller wald in europa ist von menschenhand gemacht. wie also stellen wir in hinkunft die natur her, sodass es sich lohnt in ihr zu wohnen?“ so regisseur hubert lepka. anders gesagt: der böhmerwald ist heute bedeckt von wirtschaftswald. wahre baumriesen und gestaltete natur finden wir hingegen in den städtischen parks und den englischen gärten.

der wald kommt in die stadt

die textfassung von joey wimplinger übersetzt die romantische erzählung stifters von 1842 in das urbane landschafts- und stadtbild von linz an der donau. da weder die donau noch die bauten der stadt in den wald kommen, kommt der wald in die stadt. bagger, stapler, laster und schiffe bringen mehrere dutzend bäume — einen veritablen nadelwald — samt waldhaus in einer überdimensionalen choreographie zum tanzen. die donaulände und der gesamte sichtbare stadtraum werden als bewegte naturlandschaft begreifbar, über der zart an einem abrissbagger ein beflügeltes wesen schwebt.

feuer

vieles von dem, wie stadt aussieht (die mittelalterliche stadt genauso wie die moderne), hat mit dem feuer zu tun. brände machten bauordnungen nötig. brandrodungen gestalteten wald und wiese. vom brennmaterial holz wurden ganze landschaften geprägt. feuer und seine abwehr bestimmen immer noch unser wohnen. auch in dieser klangwolke kommt also dem feuerwerk und der feuerwehr eine entsprechende rolle zu.

klangwolke unplugged

adalbert stifters HOCHWALD spielt im 30-jahrigen krieg, jenem umbruch in europa, der die religion, die geographie der herrschaft, die musik, die kunst ebenso zerstörte wie neu entstehen ließ. das im klingenden spiel marschierende heer (jenes der bauern wie jenes der fürsten) lebt heute noch in der tradition der blasmusik fort. HOCHWALD bringt marschmusik und die hochentwickelte polyphonie der spätrenaissance in den kontext zeitgenössischer elektronik. und zwar als musikdramatik im sinne von erzählender, emotionalisierender filmmusik.

pavillon

ein haus fährt auf dem treppelweg, ein offener pavillon auf rädern, dessen innenwände aus großen videowalls bestehen. unmittelbar vor den augen der zuschauer gleiten darin wichtige szenen von HOCHWALD vorbei.

die idee dieser mobilen immobilie weist vielleicht einen architektonischen weg, wie wir bei schonendem verbrauch der grundstoffe, wie etwa landschaft, baumaterial und energie, unsere lebenswelt so gestalten konnten, dass es sich auch in hinkunft lohnt, darin zu wohnen.

HOCHWALD
tanz der bäume im donaupark
5. september 2015 | 19.30 Uhr
linz | donaupark | klangwolke

Für ein „stadtergreifendes Naturtheater“, das man offenbar wenn schon nicht gesehen, so anscheinend doch einmal gemacht haben muss, geht so ein Projekt schon klar. Österreicher dürfen sowieso alles, und Österreicherinnen erst.

Das Theater ist nicht vollständig im Bild überliefert, im Trailer 2 beobachten wir eine barfüßige Österreicherin und dürfen fachmännisch rätseln, ob die Schauspielerin in den tschechischen Reiterstiebeln dieselbe wie die Barfüßerin war, und wenn ja, ob sie zuerst die gestiefelten Szenen drehen durfte oder gleich zu Drehbeginn barfuß durch den Wald sprinten musste. Passend ist das insofern, als auch im Stifterschen Hochwald zwei einander ähnelnde, weil schwesterliche Jungmaiden vorkommen, die noch tiefer in den Wald verschickt werden, als sie zu Anfang schon waren, und barfüßicht vorzustellen sind. Die Nahaufnahme der Waldfeenflossen ab Minute 1:35 im Trailer vermittelt wohl die archaische Naturnähe.

Im Trailer 3 verwendet die österreichische lawine für ihre Aspekte des Balletts allerschwerstes land- und forstwirtschaftliches Gerät, ja gar Hubschrauber. Wenn das Herr Stifter noch hätte erleben müssen, wäre er schon gar nicht mehr mit 62 so ausgesprochen unglücklich beim Rasieren mit dem Messer ausgerutscht, indem ihn umgehend der Schlag getroffen hätte, weil es seiner umfassenden Ruhe des sanften Gesetzes widerspricht — es kann aber ein Ballett schon wieder auf spektakuläre Weise cool machen:

Ich muss aufhören, Adalbert Stifter zu lesen. Vielleicht versuch ich doch mal Wilhelm Raabe.

Adalbert Stifter, Waldhang, 2. Oktober 1865

Bilder: Adalbert Stifter: Das malerische Werk:

  1. Die Ruine Wittinghausen, um 1833–1835, Öl auf Leinwand, 905 cm × 14,2 cm (sic, laut Zeno.org);
  2. St. Thoma Wittinghausen, um 1839, Öl auf Holz, 9,5 cm × 14,2 cm, Adalbert-Stifter-Institut des Landes Österreich;
  3. Zerfallene Hütte im Wald, 1840 oder 1846, Bleistift auf Papier, 19 cm × 26,5 cm;
  4. Die Gutwasserkapelle bei Oberplan, 1845, Bleistift auf Papier, 24,4 cm × 29,6 cm;
  5. Waldhang, 2. Oktober 1865, Bleistift auf Papier, Adalbert-Stifter-Institut des Landes Österreich;
  6. Christoph K.: Böhmerwald — Blick ins Landesinnere von Tschechien, 10. Oktober 2011:

    Blick vom Plöckenstein (am Adalbert-Stifter-Denkmal) in Richtung Landesinneres der Tschechischen Republik. In der Bildmitte am Horizont ist das Kernkraftwerk Temelín erkennbar.

Christoph K.: Böhmerwald -- Blick ins Landesinnere von Tschechien, 10. Oktober 2011

Soundtrack: Andreas Hartauer aus Goldbrunn/Zlatá Studna, um 1870: Tief drin im Böhmerwald, mit Bildmaterial aus Stifter-Hochwald-City Böhmisch Krumau an der Moldau, das ist: Krumlov. Aufnahme von Oliver Nowak an Mandoline und Gitarre in Limerick, County Limerick, Irland, 2016:

Written by Wolf

13. April 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Biedermeier, Land & See

Dem Knaben graut im Haidekraut

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Update zu Ho, ho, meine arme Seele!:

Es lässt sich leider nicht in Abrede stellen, dass Forscher, welche sich mit zahlreichen Fragen beschäftigen, die besonders die Hochmoore stellen, schon jetzt im nordwestdeutschen Tieflande, einem der Moorreichsten Länder der Erde, sich vergeblich um deren Lösung bemühen. In wenigen Jahren wird dies überhaupt nicht mehr möglich sein, bei der Hast, mit der man bemüht ist, die letzte Spur der Natur auf diesen interessanten Bildungen der Nützlichkeit zu opfern.

Carl Albert Weber, 1901.

Martin Peterdamm, Lost in the Swamp, 1. April 2017, Brandenburg

Wie versprochen verlautet nachstehend das Gedicht vom Haidemesser, das aller Wahrscheinlichkeit nach die Freiin Annette von Droste-Hülshoff im November 1841 zu ihrem Der Knabe im Moor angeregt hat.

Um bei dieser Gelegenheit der Frage eines nicht gerade minderbemittelten, nur eben mit anderen Sachen beschäftigten Kollegen zu begegnen: Doch, ja, wirklich, solche Interferenzen lassen sich schlüssig begründen und nachweisen; und: nein, nicht mit allerletzter, unwiderlegbarer Sicherheit. Leider zählt die Literaturwissenschaft „nur“ unter die Geisteswissenschaften, die nicht alles durch Empirie beweisen können, aber keineswegs bei beliebig austauschbaren Assoziationen und Vermutungen verweilen. Deshalb bleiben sie weiterhin Wissenschaften, weil sie auf logischen Wegen zu Ergebnissen kommen. Woraus ich betonen möchte: auf logischen Wegen; daran muss man oft auch die Literaturwissenschaftler selbst erinnern. Aber das funktioniert, und es funktioniert wissenschaftlich durch Deduktion und Induktion.

Der schlüssige Nachweis von dem apokryphen Gedicht Der Haidemesser von einem anonym bleibenden „B.H.“ auf Der Knabe im Moor geht so: Der Haidemesser stand am 18. Dezember 1837 im Unterhaltungsblatt des Westfälischen Merkur, den sich die Droste bis auf Schloss Meersburg am Bodensee liefern ließ — weil sie ihr angekauftes Fürstenhäusle krankheitshalber von ihrer Schwester und Schlossherrin verwalten lassen musste. was sie leider nicht mehr überleben sollte.

Nach der anderen Richtung — zurück in die Vergangenheit, auf die Quelle zu — reicht Der Haidemesser inhaltlich an das Gedicht Der Heidemann von Wilhelm Junkmann von 1836. Mit Junkmann war die Droste persönlich bekannt, kurz nach dem Knaben im Moor schrieb sie 1842 ihrerseits eine eigene Version gleichen Namens.

Zu den Handlungsmotiven bei B.H., Junkmann und Droste-Hülshoff: Auch bei der Droste — wie übrigens schon im alles andere als vorbildlosen Erlkönig von Goethe 1782 — flieht ein Knabe vor dem versammelten Volksaberglauben, den die Droste 1845 noch in Gestalten der Sonntagsspinnerin, des diebischen Torfgräbers und des kopflosen Geigers in den Westphälischen Schilderungen ausbreiten sollte. Darüber hinaus sollten dem eingesessenen Westfalen Moorlandschaften geistig sehr viel näher liegen als anderen Ethnien: sind im heutigen Nordrhein-Westfalen doch in Zeiten der Entwässerung bis heute auffallend viele Moore erhalten. Für die Empiriker unter uns sind das Zufälle, deren Logik nicht eindeutig zwingend sein kann, für Literaturwissenschaftler sind es Zufälle, die sich nicht mehr ignorieren lassen.

Martin Peterdamm, Lost in the Swamp, 1. April 2017, Brandenburg

Im Falle der Droste erfährt man diese Herleitung aus ihrer Gesamtausgabe von Bodo Plachta und Winfried Woesler — zwei Bände, Deutscher Klassiker Verlag, als wohlfeilere Hardcovers bei Insel — die ihren Kommentar offenbar sehr direkt aus der großen Gedichtinterpretation von Hermann Kunisch bezieht: In Annette von Droste-Hülshoff: ‚Der Knabe im Moor‘ in: Kleine Schriften. Zweiter Teil: Zur neueren deutschen Literatur, Duncker & Humblot, Berlin 1968, Seite 303 bis 337 steht in allen Wortsinnen erschöpfend alles zusammengetragen, was es zu Geschichte, Deutung und Bedeutung der Drosteschen Ballade zu wissen gibt — diese 35 Seiten der „Kleinen Schrift“ sind das einschlägige Standardwerk. Zur Erschließung der Quellen heißt es dort — wertend genug:

Martin Peterdamm, Lost in the Swamp, 1. April 2017, BrandenburgDie bisherige Beschreibung und Auslegung des ‚Knaben im Moor‘ kann in ihrem Gewicht verstärkt werden, wenn wir neben dieses Gedicht ein im Thema verwandtes eines münsterländischen Heimatpoeten stellen. Julius Schwering hat in seiner für die Klärung der Dichtung Annettes noch immer wichtigen Ausgabe [] ein Gedicht eine unbekannten (B. H. unterzeichnet) mitgeteilt, das im Unterhaltungsblatt des ‚Westfälischen Merkur‘ vom 18. 12. 1837 erschienen ist. Schwering vermutet, daß die Dichterin dieses Machwerk gekannt habe und von ihm zu ihrem angeregt worden sei. Das ist sicher zutreffend. Nur darf man darüber hinaus sagen, daß Widerspruch gegen dieses Erzeugnis, in dem ein großartiger Vorwurf kläglich vertan worden war, sie zu ihrem Gedicht veranlaßt haben kann. Jedenfalls ist das Gedicht aus dem ‚Westfälischen Merkur‘ geeignet, den Rang der Drosteschen Balle in volles Licht zu rücken.

Ein Machwerk also, das einen großartigen Vorwurf kläglich vertut. Die Leistung der Droste wäre demnach, aus Widerspruchsgeist eine regionale Gespenstergeschichte in der Tradition des Erlkönigs verbessert zu haben; die Leistung der heute gut erreichbaren Gesamtausgabe, das „Machwerk“ im Gegensatz zu Hermann Kunisch in originaler Rechtschreibung anzuführen. Die Typographie der Zeileneinrückungen entnehme ich dagegen nur dem Kunisch:

Martin Peterdamm, Lost in the Swamp, 1. April 2017, Brandenburg

——— B. H.:

Der Haidemesser

Unterhaltungsblatt des Westfälischen Merkur, 18. Dezember 1837:

          Der Süd durchfleucht
          Die Haide feucht,
     In himmlischer Ferne
     Erblassen die Sterne,
Es eilet der Knabe: O wär ich zu Haus!
Da ist es warm, da wird mir nicht graus!“

          Dem Knaben graut
          Im Haidekraut,
     Da glühet es helle
     Von Stelle zu Stelle,
Da zittert das kraut, da risselt der Schilf.
Der Knabe rufet: „Mein Vater, o hilf!“

          Der Knabe flieht
          Durch Kraut und Riet,
     Und stürzt in die Hütte
     Mit bebendem Schritte,
Da athmet er frei, da wehet es warm.
„Was bist du so blaß? Komm, ruh‘ mir im Arm!“

          Ach, ach, mir graut‘
          Im Haidekraut,
     Da glüht es so helle
     Von Stelle zu Stelle,
Da zittert das Kraut, da risselt der Schilf.
Ich rief vor Schrecken: „Mein Vater, o hlf!“

          „Mein Kind, das ist
          Der böse Christ,
     Durchwandelt die Haide
     In Trauer und Leide
Mit dürrem Fuße bei nächtlichem Graun.
Und öfter noch wirst du im Sturm ihn schaun.

          Der Mann war schlecht,
          Er maß nicht recht,
     D’rum mißt er die Stätte
     Mit glühender Kette
Von Alters her bis zum Ende der Welt.
Thu‘ immer, mein Söhnchen, was Gott gefällt!“

Martin Peterdamm, Lost in the Swamp, 1. April 2017, Brandenburg

Knäbin im Moor: Martin Peterdamm, Berlin: Lost in the Swamp, 1. April 2017 — vermutlich in einem deutschen, gar brandenburgischen Moor; leider ohne Ortsangabe, aber die Bilddateien tragen Zeitstempel zwischen 18.02 und 18.45 Uhr.

Martin Peterdamm, Lost in the Swamp, 1. April 2017, Brandenburg

Soundtrack: Kate Bush: Wuthering Heights, aus: The Kick Inside, 1978: „Out on the wiley, windy moors, we’d roll and fall in green“, der Jugend zur Warnung:

Bonus Track: das gleiche nochmal von The Ukulele Orchestra of Great Britain, aus: A Fist Full of Ukuleles, 1994, weil Musik ja ruhig auch Spaß machen darf:

Written by Wolf

30. März 2018 at 00:01

Ho, ho, meine arme Seele!

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Update zu Denkst du denn nicht an den Loup Garou?,
Oh my, oh my, oh my, what if it was true? (O wolle nicht ergründen, was einmal unergründlich ist)
und Ach! wie ists erhebend sich zu freuen:

Es ergeht Empfehlung, ausnahmsweise fürs Fernsehen:

Jan Haft hat bis 2015 für Magie der Moore 500 Drehtage auf fünf Jahre und 80 Drehorte verteilt; der technische Aufwand lässt sich natürlich schon in Zahlen ermessen, sagt aber noch lange nichts aus über die Wunder, um nicht zu sagen: das Wunder dieses Dokumentarfilms.

T. Finn, Moor, Germany, 2015Dokumentarfilm. Wie das klingt. Nach Terra X mit Wumpf-Wumpf-Untermalung von lizenzfrei schaffenden Hans-Zimmer-Epigonen — wie sie auch der Trailer noch bringt. Erwarten Sie nichts und erwarten Sie alles. Wenn Sie das Ereignis, wie es leider wahrscheinlich ist, auf Arte verpasst haben, muss eben jetzt die DVD her, aber wahrscheinlich wurde genau dafür die Blu-ray erfunden. Beide werden offenbar extra erschwinglich gehalten, weil sie ausdrücklich als Unterrichtsmaterial ab der 5. Klasse herhalten sollen — Freigabe ohne Altersbeschränkung — und zwar vorzugsweise für Deutsch, Biologie, Erdkunde und Kunst. So geht interdisziplinär. Und: Nein, einfach so auf YouTube steht’s nicht.

Zu Jan Hafts interdisziplinärem Vorgehen gehört es, ausführlich an geeigneten Stellen zum Gestalten seiner Stimmung ein Gedicht heranzuziehen, das wir in unserer leider allzu monofakultären Sichtweise — mit Verlaubnis — nicht mit dem Arsch anschauen würden, weil es zu bekannt und auch ohne uns schon viel zu gut belegt ist: Der Knabe im Moor von der Droste 1842.

In der Verbindung zu Hafts ganz und gar erstaunlichen Bildern, die man so nicht hat kommen sehen, erhellt plötzlich, wie schön das Gedicht eigentlich ist — schauen Sie zum Beispiel mal das durchtriebene Reimschema genau an. Wir müssen deshalb gar nicht so elitär tun, sondern als Erkenntnisgewinn mitnehmen, was sich anbietet: 1. Die Droste hatte für ihre Interpretation einer Moorbegehung ein recht eindeutig fassbares Vorbild: einen nicht näher bezeichneten „B.H.“, der am 18. Dezember 1837 ins Unterhaltungsblatt des Westfälischen Merkur ein Gedicht namens Der Haidemesser setzen ließ, das möglicherweise auf Der Heidemann von Wilhelm Junkmann 1836 zurückgeht, welche beiden im Gegensatz zur Droste praktisch gar nicht belegt werden. Den Apokryphen vom Haidemesser will ich demnächst an dieser Stelle ausbreiten, was ich für diesen Fall ausnahmsweise versprechen kann (und wofür sich Ostern aufdrängt); 2. „Scheide“ bedeutet, liebe pubertäre Unterrichtsteilnehmer ab der 5. Klasse, die Grenze zwischen Moor und festem Boden.

Es folgt die zeichengenaue Fassung nach dem Erstdruck.

T. Finn, Moor, Germany, 2015

——— Annette von Droste-Hülshoff:

Der Knabe im Moor

geschrieben November 1841 im Fürstenhäusle zu Meersburg am Bodensee,
aus: Morgenblatt für gebildete Stände Nr. 40, 16. Februar 1842,
in: Gedichte, 1844, Abschnitt Heidebilder;
Levin Schücking (Hrsg.): Gesammelte Schriften von Annette Freiin von Droste-Hülshoff.
Band 1: Lyrische Gedichte, J. G. Cotta’sche Buchhandlung, Stuttgart 1879, Seite 115–116:

O, schaurig ist’s, übers Moor zu gehn,
Wenn es wimmelt vom Haiderauche,
Sich wie Phantome die Dünste drehn
Und die Ranke häkelt am Strauche,
Unter jedem Tritte ein Quellchen springt,
Wenn aus der Spalte es zischt und singt –
O, schaurig ist’s, übers Moor zu gehn,
Wenn das Röhricht knistert im Hauche!

Deutscher Balladenborn für jung und alt, 1904Fest hält die Fibel das zitternde Kind
Und rennt, als ob man es jage;
Hohl über die Fläche sauset der Wind –
Was raschelt drüben am Hage?
Das ist der gespenstige Gräberknecht,
Der dem Meister die besten Torfe verzecht;
Hu, hu, es bricht wie ein irres Rind!
Hinducket das Knäblein zage.

Vom Ufer starret Gestumpf hervor,
Unheimlich nicket die Föhre,
Der Knabe rennt, gespannt das Ohr,
Durch Riesenhalme wie Speere;
Und wie es rieselt und knittert darin!
Das ist die unselige Spinnerin,
Das ist die gebannte Spinnlenor‘,
Die den Haspel dreht im Geröhre!

Voran, voran, nur immer im Lauf,
Voran, als woll‘ es ihn holen;
Vor seinem Fuße brodelt es auf,
Es pfeift ihm unter den Sohlen
Wie eine gespenstige Melodei;
Das ist der Geigenmann ungetreu,
Das ist der diebische Fiedler Knauf,
Der den Hochzeitheller gestohlen!

Da birst das Moor, ein Seufzer geht
Hervor aus der klaffenden Höhle;
Weh, weh, da ruft die verdammte Margret:
„Ho, ho, meine arme Seele!“
Der Knabe springt wie ein wundes Reh,
Wär‘ nicht Schutzengel in seiner Näh‘,
Seine bleichenden Knöchelchen fände spät
Ein Gräber im Moorgeschwehle.

Da mählich gründet der Boden sich,
Und drüben, neben der Weide,
Die Lampe flimmert so heimathlich,
Der Knabe steht an der Scheide.
Tief athmet er auf, zum Moor zurück
Noch immer wirft er den scheuen Blick:
Ja, im Geröhre war’s fürchterlich,
O, schaurig war’s in der Haide!

Jan Haft könnten wir an dieser Stelle noch öfter gebrauchen. Noch vor seinem — nicht seinem ersten — wundersamen Meisterwerk über Moore 2015 hat er nämlich Das Grüne Wunder – Unser Wald 2012 gedreht, in sechs Jahren an 70 Drehorten, als Unterrichtsmaterial empfohlen für Deutsch, Heimat- und Sachkunde, Erdkunde, Kunst und Werken: noch viel interdisziplinärer, und sobald es um Wälder geht, bestimmt noch viel wundersamer. Auch der steht nicht einfach so auf YouTube, aber die DVD ist lieferbar.

T. Finn, Moor, Germany, 2015

Bilder: Deutscher Balladenborn für jung und alt, 1904,
via Martina „Büchersammler“ Berg, 16. September 2013;
T. Finn: Moor, Germany, 2015, via Low on Clichés:

Torfstich. Torfabbau zu Heizzwecken vor 1900 und nach 1918 bis Ende der 20er Jahre. Geringfügiger Abbau von 1945–1946 (Abstichkante von 1946 nch sichtbar). Stichfläche wird in zunehmendem Maße von Hochmoorpflanzen besiedelt.

T. Finn, Moor, Germany, 2015

Rezitation: Sigrid Carpe Poem aus Regensburg, 4. Januar 2015;
Vertonung: Sturmpercht: Der Knabe im Moor, aus: Geister Im Waldgebirg, 2006,
mit abweichendem Text, aber schmissigem Gitarrenzupf;
Bonus Track: Various Irish Musicians: The Gathering, 1981, opening mit Paul Brady: Heather on the Moor:

Written by Wolf

2. März 2018 at 00:01

Nachtstück 0012: Wie es enden wird, vermag ein irdischer Verstand nicht zu ergründen

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Update zu Damals gab es keine:

——— Adalbert Stifter:

Der Nachsommer

Kapitel Das Fest, 1857:

Rembrandt van Rijn, Die Nachtache, 1642, Rijksmuseum AmsterdamWie wird es sein, wenn wir mit der Schnelligkeit des Blitzes Nachrichten über die ganze Erde werden verbreiten können, wenn wir selber mit großer Geschwindigkeit und in kurzer Zeit an die verschiedensten Stellen der Erde werden gelangen, und wenn wir mit gleicher Schnelligkeit große Lasten werden befördern können? Werden die Güter der Erde da nicht durch die Möglichkeit des leichten Austauschens gemeinsam werden, daß allen alles zugänglich ist? Jetzt kann sich eine kleine Landstadt und ihre Umgebung mit dem, was sie hat, was sie ist, und was sie weiß, absperren, bald wird es aber nicht mehr so sein, sie wird in den allgemeinen Verkehr gerissen werden. Dann wird, um der Allberührung genügen zu können, das, was der Geringste wissen und können muß, um vieles größer sein als jetzt. Die Staaten, die durch Entwicklung des Verstandes und durch Bildung sich dieses Wissen zuerst erwerben, werden an Reichtum, an Macht und Glanz vorausschreiten und die andern sogar in Frage stellen können. Welche Umgestaltungen wird aber erst auch der Geist in seinem ganzen Wesen erlangen? Diese Wirkung ist bei weitem die wichtigste. Der Kampf in dieser Richtung wird sich fortkämpfen, er ist entstanden, weil neue menschliche Verhältnisse eintraten, das Brausen, von welchem ich sprach, wird noch stärker werden, wie lange es dauern wird, welche Übel entstehen werden, vermag ich nicht zu sagen; aber es wird eine Abklärung folgen, die Übermacht des Stoffes wird vor dem Geiste, der endlich doch siegen wird, eine bloße Macht werden, die er gebraucht, und weil er einen neuen menschlichen Gewinn gemacht hat, wird eine Zeit der Größe kommen, die in der Geschichte noch nicht dagewesen ist. Ich glaube, daß so Stufen nach Stufen in Jahrtausenden erstiegen werden. Wie weit das geht, wie es werden, wie es enden wird, vermag ein irdischer Verstand nicht zu ergründen. Nur das scheint mir sicher, andere Zeiten und andere Fassungen des Lebens werden kommen, wie sehr auch das, was dem Geiste und Körper des Menschen als letzter Grund inne wohnt, beharren mag.

Anmerkung: Adalbert Stifter (gestorben am 28. Januar 1868) ist 23 Jahre älter als Jules Verne (geboren am 8. Februar 1828) — der meines Wissens nie das Internet „vorweggenommen“ hat. Aber sonst nächst Gott und Leonardo da Vinci so ziemlich alles.

Nachträglich angenehme Ruhe zum 150. Todestag, et mes félicitations au 190e anniversaire, maîtres.

Welche Umgestaltungen wird aber erst auch der Geist in seinem ganzen Wesen erlangen?: Rembrandt van Rijn: Die Nachtwache, 1642, Öl auf Leinwand, 363 cm × 437 cm, Rijksmuseum Amsterdam,
via The Adventures of Accordion Guy in the Twenty-First Century:
Nothing to see here…or is there?, 31. März 2015.

Soundtrack: Ajde Jano: The Story, 2017. Unterstützet auch Oliver Nowak an Mandoline, Gitarren, Saz und Moviemaker nebst King John, die miteinander Jack’s Compass bilden. Aufgenommen und filmed on location of Limerick, County Limerick, 2017. Die Moral stimmt immer:

Written by Wolf

9. Februar 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Biedermeier, Handel & Wandel

Am deutschesteresteresten

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Update zu Was zusammengehört
und Geibels Wesen und Beruf:

——— Friedrich Rückert:

Grammatische Deutschheit

in: Urania. Taschenbuch auf das Jahr 1819. Neue Folge, erster Jahrgang 1819, Seite 400:

Neulich deutschten auf deutsch vier deutsche Deutschlinge deutschend,
     Sich überdeutschend am Deutsch, welcher der deutscheste sey.
Vier deutschnamig benannt: Deutsch, Deutscherig, Deutscherling, Deutschdich;
     Selbst so hatten zu deutsch sie sich die Namen gedeutscht.
Jetzt wettdeutschten sie, deutschend in grammatikalischer Deutschheit,
     Deutscheren Comparativ, deutschesten Superlativ.
„Ich bin deutscher als deutsch.“ „Ich deutscherer.“ „Deutschester bin ich.“
     „Ich bin der Deutschereste, oder der Deutschestere.“
Drauf durch Comparativ und Superlativ fortdeutschend,
     Deutschten sie auf bis zum — Deutschesteresteresten;
Bis sie vor comparativisch= und superlativischer Deutschung
     Den Positiv von Deutsch hatten vergessen zuletzt.

Friedrich Rückert, den mag ich ja. Und jetzt bilde ich mir wunder was darauf ein, als erster im großen bunten Internet die Quelle mit der originalen Rechtschreibung ausfindig und zugänglich gemacht zu haben. Dankeschön.

Die Reinigung von allem „Undeutschen“ und „Unvolkstümlichen“ war zur Zeit der Napoleonischen Befreiungskriege 1813 bis 1815 zur Mode geworden; siehe auch: Friedrich Ludwig „Turnvater“ Jahn: Deutsches Volksthum, Abschnitt Achtung der Muttersprache, Niemann und Comp., Lübeck 1810.

Johannes Sadeler, Germania, 1594

Bild: Johannes Sadeler I nach Hans von Aachen, Germania, aus der Serie „Quatuor Europae nationes“, 1594.
Kupferstich, 22 x 25,8 cm, München, Staatliche Graphische Sammlung
via Rainer Schoch im RDK Labor: Germania, 2014:

Nach Entwürfen von Hans von Aachen und mit Widmung an den Geographen Abraham Ortelius schufen Johannes und Raphael Sadeler 1594 die Kupferstichfolge der „Quatuor Europae nationes“: Italia, Germania, Francia und Hispania sind jeweils in einem Götterpaar personifiziert. Für Germania steht Ceres mit Krone und Szepter, umgeben von Gegenständen ihres Erfindungsreichtums: dem Pflug, der Uhr, dem Kupferstich, der Druckerpresse, dem Schießpulver und zahlreichen Waffen. Trotz der vielen kriegerischen Attribute ist ihr Bacchus als Gefährte zugeordnet; Zecher vor einem Wirtshaus im Hintergrund verweisen auf die Trinkfestigkeit der Deutschen. Germania verkörpert keinen politischen Nationalbegriff, sondern charakterisiert eine Kulturnation. Dieser allegorische Völkervergleich knüpft an die kulturgeographische Literatur des Humanismus an und fügt sich in den enzyklopädisch-allegorischen Kontext der niederländischen Bilderfolgen.

Klangspur: Die 82 schönsten deutschen Märsche aus der öffentlichen Domäne:

Und weil ich Sie schlecht mit geschlagenen vier Stunden Marschmusik im Ohr sitzenlassen kann, noch 2:03 Minuten der urdeutschen Fertigkeit des Jodelns und dem Spielen mit Gegebenheiten der deutschen Sprache — im Walzertakt und in der entspanntesten Weise und einer Virtuosität, dass man ihm spontan dankbar die Hand schütteln möchte, im spätneuzeitlichen Bacchus-Tempel zum Schimmelwirt dargeboten vom ehemaligen deutsch-niederbayerischen Nationalbarden Fredl Fesl zwischen erfindungsreichen Deutschen, ihre Trinkfestigkeit demonstrierend, 1976:

Written by Wolf

3. Oktober 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Biedermeier, Herrschaft & Revolte