Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for the ‘Romantik’ Category

Seht ihr, seht ihr die Tscherkessen (Schöne Menschen, schöne Glieder)

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Update zu Stiefpilzin:

Meine Ansicht vom Sterben ist die ruhigste. Ein Freund ist mir bei seinem Leben was mir die Gramatik ist, stirbt er so wird er mir zur Poesie. Jch wollte lieber von meinem besten Freund nicht wissen als irgend ein schönes Kunstwerk nicht kennen.

Karoline von Günderrode: Sämtliche Werke und ausgewählte Studien, 1990, Band 1, Seite 438.

Mit der leider allzu jung gebliebenen Frau Günder(r)ode ist es wie mit Marilyn Monroe, Grace Kelly, Mama Cass, Janis Joplin, Sandy Denny und Amy Winehouse: Als erstes fällt einem immer ein, dass sie gestorben ist.

Jean-Léon Gérôme, Veiled Circassian Beauty, 1876Dagegen hat Friederike Kempner sich in ihrer Autobiographie acht Jahre jünger gemacht, als sie war, für ihren Grabstein konnte sie ihr echtes Geburtsdatum 25. Juni 1828 dann doch nicht mehr unterbinden. Immerhin hat sie ihre Taphephobie — was es ja in diesem Fall unbedingt zu verhindern gilt — nicht überlebt, vielmehr 22-jährig mittels ihrer Denkschrift über die Nothwendigkeit einer gesetzlichen Einführung von Leichenhäusern 1850, sechs Auflagen bis 1867, die Karenzzeit zwischen Tod und Bestattung gesetzlich durchsetzen geholfen.

Vorzustellen ist sie als ernsthafte, engagierte, dabei menschenfreundliche Gutsbesitzerin im Schlesischen, im Gedächtnis bleibt sie als „Schlesischer Schwan“, der eigentlich eine „Nachtigall im Tintenfass“ ist — jedenfalls seit den entschieden zu hämischen, darüber hinaus effektvoll verfälschenden Veröffentlichungen von Walter Meckauer und vor allem Gerhart Herrmann Mostar: Friederike Kempner, der schlesische Schwan. Das Genie der unfreiwilligen Komik, Heidenheimer Verlagsanstalt, 1953.

Ihr literarisches Werk ist mannigfalt, in seinen meisten Formen leider weder erschlossen noch zugänglich, worin sich ihr tätiges Leben wenig von ihrer Nachwirkung unterscheidet; verbreitet und geschätzt wurden und werden allein ihre Gedichte, wenngleich aus zwiespältigen Gründen. Formal sind sie nicht weiter überraschend: meistens vierzeilige Strophen in Paar- und Kreuzreimen, drei- und vierhebig — inhaltlich sind sie, um das Geringste zu sagen, schlicht bis zur kindlichen Naivität im guten und im schlechten Wortsinne. Das trägt ihr bis heute den Spott derer ein, die es besser zu können oder jedenfalls besser zu wissen glauben. Solche Geistreichelei versteigt sich allzu leicht ins Überhebliche. Anzurechnen ist ihr allerdings ihre Unverdrossenheit in allem, was sie erreichen wollte — sei es die flächendeckende Versorgung mit Leichenschauhäusern oder die Produktion von Literatur. Wer dergleichen anfängt, will es selbstverständlich so gut wie möglich tun, bei ihr war die Poesie aber nicht mit Gewinnstreben verbunden — auf das sie nicht angewiesen war — sondern mit menschlichem Verhalten: Poetisch gestimmte Leute schreiben Gedichte, was denn sonst? Manches aus ihrer Produktion erheitert, ohne es zu wollen, und ist mithin wohl „unfreiwillig komisch“. Bei ihr ist das ein Vorzug. Ein professioneller Literat kommt doch gar nicht auf so was, der traut sich das gar nicht. In den verschieden zusammengestellten Auswahlsammlugen stehen Gedichte von durchaus unterschiedlicher Professionalität — aber kein langweiliges. Man kann der Dame nichts nachtragen, weil sie einfach Spaß macht.

In Mostars mehr populär- als -wissenschaftliche, zugegeben recht geschickt erfundene Abhandlung sind gar einige Friederike-Kempner-Gedichte geraten, die mitnichten von Friederike Kempner stammen, sondern vom Abhandelnden Mostar selbst. Und sie sind geschickt genug erfunden, dass diese Kontrafakturen Eingang in Kempner-Sammlungen nach 1953 finden konnten: Am bekanntesten ist der Schlesische Schwan stellenweise für Gesänge, die er erst posthum (nicht) angestimmt hat. So steht in der schmalen, aber verbreiteten Sammlung Das Leben ist ein Gedichte ab 1971 bei bei Reclam Leipzig — das sind nicht gelben Stuttgarter, sondern die schwarzen, höherformatigen und holzhaltigerweise stärker gilbenden — noch als Ausklang auf Seite 98:

Letzte Mahnung

Von den Sternen fiel ich nieder
Und verwinde nie den Fall,
Aber meine Hohenlieder
Ziehen klangvoll durch das All!

Und wenn ich dereinst ‚mal sterbe,
Mahnet Euch der Musen Chor:
Nicht enthaltet dieses Erbe
Euren Nachekommen vor!

Gerade das „Nachekommen“ müsste vor diesem Wissen die letzten Meter von der Kontrafaktur zur Parodie gutmachen, wurde aber offensichtlich nicht allein vom Herausgeber Horst Drescher anstandslos hingenommen.

Gwaschemasch'e Efendi, 1900Nun war zu Zeiten der Günderrode und der Kempner das Volk der Tscherkessen oder Adygejer sehr viel präsenter als heute, wo man längst medial überfordert ist, wenn sich auf dem kaukasischen Gebirgsland wieder ohnehin undurchschaubare Grenzverläufe umsortieren und ein Volk im anderen aufgeht, wenn nicht in irgendwelchen Kriegswirren ganz verschwindet. Tscherkessien war der fernwehgeplagten deutschen Seele einst ein echtes Sehnsuchtsland — wie zeitweise auch Griechenland, als es sich 1821 bis 1829 vom Osmanischen Reich losriss, oder Italien, das nie aus der Liste veschwinden, sie höchstens allein ausmachen wird, oder Irland seit Heinrich Böll. Tscherkessen sind ja so ein freiheitsliebendes, selbstbewusstes, kämpferisches, edles Volk, das sich nichts von Gott oder Herrscher vormachen lässt, und dabei so schöne Menschen.

Zur Orientierung: Tscherkessen sind heute ein „Volk ohne Raum“, dafür mit reichhaltiger Tradition, das ungefähr in Georgien mit angrenzenden Ländern und gern in den USA lebt. Nach einem weitgehend verdrängten Völkermord von 1864 haben sie kein fest umgrenztes Staatsgebiet außer der Hälfte von Karatschai-Tscherkessien und einer winzigen autonomen Republik Adygeja innerhalb Russlands mit 0,6 Prozent tscherkessischem Bevölkerungsanteil mehr, keine einheitliche Sprache, geschweige denn eine Nationalliteratur, keine ausgeprägte Nationalküche, nicht einmal eine typische Volksmusik — nur spektakuläre Trachten, sprichwörtliche Gastfreundschaft und Höflichkeit sowie allerhand Kriegsruhm. Soweit mein persönlicher Einblick reicht, immer noch allesamt lauter wunderschöne Menschen, alles was recht ist.

Ein Gedicht, das mit einiger Sicherheit eben doch von Friederike Kempner stammt — so weit, das längste Einzel- aus dem lyrischen Gesamtwerk zu fälschen, ging Mostar dann doch nicht — spielt denn auch einen Einbruch des tscherkessischen ins preußische Element durch. Es hat also, ungewöhnlich für die Kempner, eine balladeske Handlung, leider nur einen fragmentarischen Spannungsbogen:

——— Friederike Kempner:

Die Tscherkessen

aus: Gedichte, zwischen 1873 und 8. Auflage letzter Hand 1903:

Sieh‘, drei Reiter, glänzend, prächtig,
Wie sie nur im Traume!
Scharlachrot auf schwarzen Rossen,
Und mit gold’nem Zaume.

Schwarz und golden, herrlich flimmert’s
Wie sie blitzschnell eilen.
Funken stäuben gleich Raketen,
Und es schwinden Meilen!

Purpurfedern auf Baretten,
Dolche an den Seiten,
Schienen sie die schnelle Runde
Um die Welt zu reiten.

Und die Rosse, wie arabisch
Ihre Blicke leuchten,
Wie die glänzend schwarzen Haare
Helle Tropfen feuchten!

Dreimal kam die Nacht gezogen,
Dreimal sah man’s tagen,
Und noch immer Rosseshufe
Samt den Herzen schlagen.

Dreimal kam die Nacht gezogen,
Dreimal sah man’s tagen,
Und es konnten Feuerkugeln
Sie noch nicht erjagen!

Circassian girl in traditional clothingNächtlich sieh‘ im Mondenscheine
Die drei Reiter knieen.
Brück‘ und Wasser hinter ihnen
Eine Linie ziehen.

In dem Grenzort auf dem Berge
Steht des Marktes Menge,
Und Bewunderung, Staunen, Rührung,
Wechseln im Gedränge:

Seht ihr, seht ihr die Tscherkessen,
Herr Gott! wie die reiten!
Feuer sprühen ihre Blicke
Hin nach allen Seiten!

Sie entfloh’n aus tiefen Reußen,
Heldenmut im Blute, –
So tönt’s in des Volks Geflüster –
„Wie den‘ auch zu Mute?“ –

Vor des Preuß’schen Rathaus Schwelle
Stehet die Behörde,
Und die Reiter, heiß und glänzend,
Ruhen auf der Erde.

Ihre Zeichen, ihre Mienen,
Blicke, freudetrunken,
Streicheln sie die prächt’gen Rosse,
Wie im Traum versunken.

Ihre Zeichen, ihre Mienen,
Ihre dunklen Worte,
Sie enträtselt halb ein Dolmetsch,
Tief gerührt am Orte.

„Wir Cirkassien’s freie Söhne
„In der Sklaven-Ferne
„Hörten rühmend eure Freiheit,
„Dienten Freien gerne!

„Durch des höchsten Gottes Fügung
„Nun auf freier Erde,
„Flehen wir zum freien Preußen,
„Daß uns Hilfe werde!

„Dreimal vier und zwanzig Stunden
„Ohne Rast geflohen,
„Bieten wir uns, uns’re Schwerter
„Euch an voll Vertrauen!

„Dreimal vier und zwanzig Stunden
„Ohne Rast geritten,
„Wir um edle, große, deutsche
„Gastlichkeit nun bitten! – „

Also klagen ihre Worte,
Und mit starrem Munde
Still vernahm des Ortes Vorstand
Diese selt’ne Kunde.

Selbe Nacht noch, sieh‘, pechfinster,
Trotz des Vollmonds Lichte,
Lautlos durch die tiefe Stille
Lauschet die Geschichte.

Horch, zwei preußische Schwadronen,
Die Tscherkessen mitten,
Ziehen auf dem dunklen Boden
Hin mit festen Tritten.

Sartorial Adventure, 9. April 2018Wieder sieht man durch die Gegend
Rosseshufe sprühen,
Brück und Wasser diesmal ihnen
Vorn die Grenze ziehen.

Horch, da öffnet sich der Schlagbaum,
Und am Brückenkopfe
Nicken durch die hohle Öffnung
Russen mit dem Kopfe.

Dumpf Gemurmel vom Kartelle,
Freundschaft, – ungeschwächte, –
Und man liefert unsere Helden
An Kosakenknechte!

Düster graut der vierte Morgen,
Einzeln leuchten Sterne,
Russen bilden einen Halbkreis,
Wetter leuchten ferne:

Düster flimmern die Laternen,
Donner westwärts grollen,
Von der Helden Haupt, gebücktem,
Große Tränen rollen:

Niederknien alle Dreie,
Und vom Regimente
Dreimal tönt die russ’sche Salve,
Daß die Erde dröhnte!

Neben den Einbruch des tscherkessischen ins preußische Element gesellt die Kempner denn auch in knapperer Form die Verwandtschaft ihres Posen-schlesischen Elements ins tscherkessische — vor dem historischen Hintergrund noch kein Beweis für eine ausgeprägte Tscherkessophilie, aber ein starkes Indiz:

——— Friederike Kempner:

Ich bin auch Tscherkesserin!

aus: Gedichte, zwischen 1873 und 8. Auflage letzter Hand 1903:

Angela Toidze, Adyghe girl in traditional clothing during folk festival held in Nalchik, Kabardina-Balkaria Republic, RussiaWeit die Welt möcht‘ ich durchmessen
Bis zum schwarzen Kaukasus,
Auf die Schwelle des Tscherkessen
Setzen möcht‘ ich meinen Fuß.

Mit dem Lammfell auf dem Schopfe
Träte jener vor mich hin,
Essen würd‘ aus einem Topfe
Ich mit der Tscherkesserin.

Schöne Menschen, schöne Glieder,
Starker Mann und zartes Weib,
Aber seht, auch dieses Mieder
Enget wohlgestalten Leib.

Apfel fällt nicht weit vom Stamme,
Und wer sieht nicht, frag‘ ich, wer?
Daß es mir vom Auge flamme:
Ich bin auch Kaukasier!

Wo die Kempner recht hat, hat sie recht: Von der besonders ansehnlichen Proportionierung des, nun ja: Volkskörpers und dessen angeblich ungewöhnlich — jedenfall auf monochromen Fotos — weißen Hautfarbe leitet sich die Einteilung der eher bleichgesichtigen Volksgruppen als „kaukasisch“ her. — Was Karoline von Günderrodes bildliche Studie zum Tscherkessentum dem gedachten Status einer bloßen Gedichtillustration hinaushebt zu einem eigenständigen, vergleichswürdigen Beitrag:

——— Karoline Friederike Louise Maximiliane von Günderrode:

Kopfstudien

Schwache Bleistiftskizzen mit brauner Tinte, ca. 1805,
im Zusammenhang mit [der Studienbuchkategorie] M Physiognomik. SUF: A 4, Blatt 228 verso,
in: Sämtliche Werke und ausgewählte Studien, 1990, Seite 478:

Karoline von Günderrode, Kopfstudien, 1805

Cirtassierin [meint wohl: Cirkassierin]
Jndier
Russe

Fachliteratur, leider beide Druckwerke anzuzweifeln, der Weblog scheint recht kompetent:

Bilder:

  1. Jean-Léon Gérôme, Veiled Circassian Beauty, 1876, via Printemps Sacré, 27. Mai 2016.
    Laut Books and Art, 8. April 2018:

    The pensive face is above a contraposto that does not disturb the pensive expression on her face. The play of elements is surprising: the solid pattern of the rug makes that of the jacket even more delicate. The hand is absolutely beautiful, both in accuracy and in its absent-minded repose.

  2. Gwaschemasch’e Efendi, 1900, via Olenna Redwyne;
  3. Maktus: Circassian girl in traditional clothing, 2018;
  4. Sartorial Adventure, 9. April 2018;
  5. Angela Toidze: Adyghe girl in traditional clothing during folk festival
    held in Nalchik, Kabardina-Balkaria Republic, Russia
    ;
  6. Ahmed Nagoev featuring Ruslan Teshev und Tamara Kobleva für den Circassian calendar 2015,
    via My Caucasus Blog, 12. Januar 2015.

Ahmed Nagoev featuring Ruslan Teshev und Tamara Kobleva für den Circassian calendar 2015, via My Caucasus Blog, 12. Januar 2015

Soundtrack: der Flötenmuckel, der mich auf meine alten Tage, weil ich als Schüler nur an Melodica und Akkordeon herangeführt wurde, zum Erlernen des Blockflötenspiels trieb: Biermösl Blosn — die Brillanz der Fingerfertigkeit höchstselbst auf unter zwei Minuten zusammengefasst:
Circassian Circle, aus: Grüß Gott, mein Bayernland, 1982; Arrangement und Solo: Christoph Well.
Und nein, so werde ich’s nie, nie, nie können:

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Written by Wolf

5. April 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Romantik

Katerladen

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Update zu Was ich gebar in Stunden der Begeisterung und
„du schaffst es“, sagte ich, „du bist ein Guter …“:

Zu den ikonischen bildlichen Vorstellungen in der Katzenliteratur gehört E.T.A. Hoffmanns historischer Berliner Kater Murr, wie er in des Dichters Schreibtischschublade ruht, die er sich selbst aufgepfotet hat, und der Tätigkeit des Wohnens nachgeht.

Zu den bildlichen Vorstellungen — nicht zum überlieferten Bildmaterial. Eine völlig unrepräsentative Umfrage unter einer literarisch so mittel beschlagenen Zielgruppe der Stärke 2 ergab zu 100 % ein großes Erstaunen darüber, dass man den Kater Murr („Er ist auf dem Umschlage dieses Buchs frappant getroffen“) tatsächlich noch nie in seiner Schublade erblickt hat. Die ganze Überlieferung des Bildes besteht nämlich in einem beiläufigen Nebensatz aus Hoffmanns erster Biographie E.T.A. Hoffmann’s Leben und Nachlaß, die ein Jahr nach seinem zeitigen Ableben durch seinen persönlichen Freund Hitzig geschah.

Offenbar besteht eine kurze und lockere, aber eindeutige Tradition unter Schreibern darin, wo der geeignete Wohnort für den Kater des Hauses einzurichten ist.

Look at This Funky Lil Long Boy, 2018

——— Julius Eduard Hitzig:

E.T.A. Hoffmann’s Leben und Nachlaß

Zehnter Abschnitt: Berlin 1814–1822, bei Ferdinand Dümmler, Berlin 1823:

Tygrrbomg, I Shall Try. The I Shall Wait All Day, 27. Oktober 2017Endlich erschien 1820 noch der erste Band der Lebensansichten des Kater Murr, dem 1822 der zweite folgte und der, mit dem dritten, leider auf dem Papier nicht angefangenen, aber im Kopfe schon ganz vollendeten, schließen sollte. Zu der äußern Form dieses Buches war Hoffmann durch einen ausgezeichnet schönen Kater veranlaßt worden, den er auferzogen hatte, und der ihm wirklich mehr als gewöhnlichen Thierverstand zu haben schien; wenigstens war er unerschöpflich in Erzählungen von den Klugheiten, welche von diesem Liebling, der in der Regel in dem Schubkasten des Schreibtisches seines Herrn, den er sich mit den Pfoten selbst aufzog, und auf dessen Papieren, ruhte, ausgegangen seyn sollten. Der Held der Dichtung, Johannes Kreisler, schon aus den Fantasiestücken der lesenden Welt bekannt und werth geworden, war aber eine Personificirung seines humoristischen Ich’s, weshalb auch in keinem seiner Werke so viel, auf Wahrheit gegründete, Beziehungen auf sein eigenes Leben, zu finden sind, als in diesem. Der dritte Band sollte Kreislern bis zu der Periode führen, wo ihn die erfahrnen Täuschungen wahnsinnig gemacht, und, unmittelbar an diesen Band sich die, schon mehrmals erwähnten, lichten Stunden eines wahnsinnigen Musikers anschließen.

Auf den Kater Murr legte Hoffmann, fast unter allen seinen Werken, den höchsten Werth, und in dem letzten Theile desselben glaubte er zu leisten, was er früher noch nicht vermocht.

Bei der ungestützten Überlegung, worin Gemeinsamkeiten zwischen E.T.A. Hoffmann und Charles Bukowski liegen könnten, fällt einem als erstes ein: 1.: Schriftsteller, 2.: schwere Alkoholiker — und neuerdings 3.: wohnen mit einem schreibenden Kater in der Schreibtischschublade zusammen:

——— Charles Bukowski:

mein Kater, der Schriftsteller

aus: Abel Debritto, Hrsg.: Charles Bukowski: Katzen, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2018:

Why you should always check before trying to close drawers, 2018ich sitze hier vor der
Maschine
hinter mir mein Kater
Ting
auf der Sessellehne.

jetzt
wo ich das schreibe, steigt
er in eine offene
Schublade
und weiter über diesen
Schreibtisch.

jetzt
ist seine Nase über
diesem Blatt Papier
und er sieht zu, wie ich
tippe.

dann
verdrückt er sich
und steckt die Nase in
eine
Kaffeetasse.

jetzt
ist er zurück
sein Kopf vor dem
Papier und
er
pfötelt nach dem
Farbband.

ich
drücke eine Taste
er
springt weg.

jetzt
sitzt er da und sieht mir zu beim
Tippen.
mein Weinglas und
die Flasche stelle ich
auf die andere Seite
der Maschine.

im Radio läuft schlechte
Klavier-
musik.

Ting sitzt bloß da und
beäugt
die Schreibmaschine.

glaubt ihr, er wäre gern
ein
Schriftsteller?
ode war mal einer,
früher?

ich
mag keine niedlichen Katzen-
gedichte
habe aber trotzdem eins
geschrieben.

jetzt
ist hier drin eine
Fliege
und Ting lässt sie nicht aus den
Augen.

es ist 23.45 Uhr und
ich bin
besoffen …

hey, bleibt locker, ihr habt
schlechtere
Gedichte gelesen als
das hier …

und ich hab sie
geschrieben.

They Fell Asleep in the Cat-Drawer, 2018

Bilder: Look at This Funky Lil Long Boy, 2018;
I Shall Try. The I Shall Wait All Day, 27. Oktober 2017;
Why you should always check before trying to close drawers, 2018;
They Fell Asleep in the Cat-Drawer, 2018.

Schlechte Klaviermusik war nicht aufzutreiben, daher auf der Cigar Box Guitar unter den Orgeln: Barbora Cejpová spielt Bach auf einer aufblasbaren Baumorgel von Ludvik Cejp (Baumstamm, Luftballon und 37 Pfeifen, Manual aus Ästen, Blasebalg aus Wachstuchtischdecke): Englische Suite II a-Moll BWV 807 („und andere Opusse für die, welche mit Bach Nichts anfangen können“), 2011. Vollbild lohnt sich:

Written by Wolf

1. Februar 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Das Tier & wir, Romantik

Das ist der wahre Untergrund (weil die Magie noch in den Menschen lebt)

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Update zu Pflanzenähnlichkeit der Weiber: Novalis und die Frau als Königin, Mineral und Nahrungsmittel:

Wie viele Zeitungsartikel trifft man im Laufe eines Lebens, die einen auf Jahrzehnte hinaus beeindrucken? Es läppert sich. An einen meiner persönlichen, einstellig rechnenden wurde ich gerade kürzlich erinnert, als Hedwig Müller, die Wirtin vom Kropfersrichter Happy-Rock (an der B 85 bei Sulzbach-Rosenberg, wer’s kennt), 92 (in Worten: zweiundneunzig) wurde:

Das sind die die Sachen, die Kultur ins Leben und Leben in die Kultur tragen, oder genauer: lebenswert machen; Friedrich Schlegel samt seinen mittheoretisierenden und mitpraktizierenden Frühromantikern wäre begeistert — Athenäums-Fragment 116, 1798, vollständig:

Happy-Rock, Kropfersricht, OnetzDie romantische Poesie ist eine progressive Universalpoesie. Ihre Bestimmung ist nicht bloß, alle getrennte Gattungen der Poesie wieder zu vereinigen, und die Poesie mit der Philosophie und Rhetorik in Berührung zu setzen. Sie will, und soll auch Poesie und Prosa, Genialität und Kritik, Kunstpoesie und Naturpoesie bald mischen, bald verschmelzen, die Poesie lebendig und gesellig, und das Leben und die Gesellschaft poetisch machen, den Witz poetisieren, und die Formen der Kunst mit gediegnem Bildungsstoff jeder Art anfüllen und sättigen, und durch die Schwingungen des Humors beseelen. Sie umfaßt alles, was nur poetisch ist, vom größten wieder mehre Systeme in sich enthaltenden Systeme der Kunst, bis zu dem Seufzer, dem Kuß, den das dichtende Kind aushaucht in kunstlosen Gesang. Sie kann sich so in das Dargestellte verlieren, daß man glauben möchte, poetische Individuen jeder Art zu charakterisieren, sei ihr Eins und Alles; und doch gibt es noch keine Form, die so dazu gemacht wäre, den Geist des Autors vollständig auszudrücken: so daß manche Künstler, die nur auch einen Roman schreiben wollten, von ungefähr sich selbst dargestellt haben. Nur sie kann gleich dem Epos ein Spiegel der ganzen umgebenden Welt, ein Bild des Zeitalters werden. Und doch kann auch sie am meisten zwischen dem Dargestellten und dem Darstellenden, frei von allem realen und idealen Interesse auf den Flügeln der poetischen Reflexion in der Mitte schweben, diese Reflexion immer wieder potenzieren und wie in einer endlosen Reihe von Spiegeln vervielfachen. Sie ist der höchsten und der allseitigsten Bildung fähig; nicht bloß von innen heraus, sondern auch von außen hinein; indem sie jedem, was ein Ganzes in ihren Produkten sein soll, alle Teile ähnlich organisiert, wodurch ihr die Aussicht auf eine grenzenlos wachsende Klassizität eröffnet wird. Die romantische Poesie ist unter den Künsten was der Witz der Philosophie, und die Gesellschaft, Umgang, Freundschaft und Liebe im Leben ist. Andre Dichtarten sind fertig, und können nun vollständig zergliedert werden. Die romantische Dichtart ist noch im Werden; ja das ist ihr eigentliches Wesen, daß sie ewig nur werden, nie vollendet sein kann. Sie kann durch keine Theorie erschöpft werden, und nur eine divinatorische Kritik dürfte es wagen, ihr Ideal charakterisieren zu wollen. Sie allein ist unendlich, wie sie allein frei ist, und das als ihr erstes Gesetz anerkennt, daß die Willkür des Dichters kein Gesetz über sich leide. Die romantische Dichtart ist die einzige, die mehr als Art, und gleichsam die Dichtkunst selbst ist: denn in einem gewissen Sinn ist oder soll alle Poesie romantisch sein.

Die Tempel solcher in Novalis‘ Sinne romantisierenden Universalpoesie bestehen unabhängig von Lebensalter und Region. Gerade kurz vor Weihnachten 2018 hing ein Autor der Zeit seiner verlorenen Jugend in Form von eher miesen Erfahrungen in der Dorfdisco seines ohnehin gedämpften Vertrauens nach. Sein Beispiel ist das Leifi im niedersächsischen Flecken Cornau — übrigens nicht schlecht geschrieben: schonungslos gegen seine eigenen vergangenen und gegenwärtigen Schwächen, bildstark und genau beobachtet. — Ausschnitt:

——— Dirk Gieselmann:

Samstagnachtfieber

Weite Teile seiner Jugend verbrachte unser Autor in der Dorfdisco. Zwanzig Jahre später kehrt er für einen letzten Abend dorthin zurück. Das Gute: Diesmal wird er nicht verprügelt. Ihm ist nur irgendwann sehr schlecht.

in: Die Zeit, 26. Dezember 2018, Seite 56 f.:

Hier wurde ich zum ersten Mal verprügelt, von einem riesenhaften Kerl, der den Kampfnamen „Rindfleisch“ trug. Ich erinnere mich, wie das Blut aus meinem Mund in den Schnee auf dem Parkplatz tropfte. Hier riss mir zum ersten Mal der Film,nach einer Gallone Mariacron, gemischt mit ein wenig Cola. Hier bot sich mir, dem feigen Jungen, ein billiger Ersatz für den Mut: die Schamlosigkeit des Besoffenen.

Hier tanzte ich, ohne tanzen zu können, verrenkte mich, schrie Mädchen ins Ohr, dass ich sie verehrte, und sie schrien zurück, dass ich mich mal nicht lächerlich machen solle. Hier war ich mir für nichts zu schade, mit einem Zuviel an Kraft, für das ich keine andere Verwendung fand, als es an die Nacht zu vergeuden.

Der eingangs versprochene jahrzehntelang wirksame Zeitungsartikel aus demselben Blatt obliegt weit besseren Erinnerungen. Ich selber hielt mich immer ganz gern in Bauerndiscos auf, möglichst bis es hell wurde. Meine zuständige lag in Steinensittenbach, das im Landkreis Nürnberger Land liegt und sich deshalb „Stabo“ spricht. Das bedeutet, dass meine eigenen Erinnerungen auf der hellen wie der finsteren Seite wohnen: Rausch und sich zum Deppen machen sind Menschenrechte.

——— Christian Kortmann:

Let it rock

in: Die Zeit 18/2000, 27. April 2000:

Minutenlange Gitarrensoli, Ausdruckstanz, Mädchen, die Luftgeige spielen — im „Mobile“ in Bad Salzdetfurth ist alles erlaubt, was in der Großstadt noch als uncool gilt. Und das ist gut so. Ein Abend in der Rock-Disco

Mobile, Bad Salzdetfurth, AlleventsMittwoch ist Rockdisco-Tag. Um 20.30 Uhr wird ein solider Mainstream-Film (Flatliners) gezeigt und anschließend gerockt, so einfach ist das. Also fährt Andreas mit mir am Mittwochabend nach Bad Salzdetfurth ins Mobile. Gestern habe ich behauptet, dass uns eine Renaissance der harten Rockmusik und ihrer Gitarrenvirtuosen bevorsteht. Andreas, Musikexperte und langjähriger Gitarrist, schüttelte den Kopf und belehrte mich, dass der Hardrock kontinuierlich neben allen musikalischen Moden in einem Paralleluniversum zelebriert werde: „Das ganze Gerede von Clubculture und performativer Feier des Körpers ist doch Quatsch. Ich zeige dir, wo der Körper mit all seinen Schwächen wirklich gefeiert wird!“

Nur wenige Fahrzeuge sind auf der Landstraße unterwegs, dann tauchen links und rechts die Salzberge und Kalifabriken der Kurstadt auf. Das südniedersächsische Bad Salzdetfurth teilt mit Lüdenscheid den Ruhm, durch einen Komiker bekannt geworden zu sein. Dort war es Loriots „Herr Müller-Lüdenscheid“, hier Harald Schmidt, der in Schmidteinander regelmäßig fiktive Zuschauerbriefe von „Gabi aus Bad Salzdetfurth“ verlas. Es gibt wirklich nicht viel in Bad S., außer Salinen und Rentnern im Sommer und seit über 30 Jahren das Mobile, eine „Hard Rock, Funk, Reggae, New Wave“-Discothek, die laut Eigenwerbung „Famous & Fantastic“ ist. Wir parken auf dem hauseigenen Parkplatz mitten in einem Wohngebiet, wo man sich traditionell noch im Auto zur elfminütigen Live-Version von Stairway To Heaven eine Grastüte reinzieht.

„Voilà“, sagt Andreas, „willkommen im Uterus des Rock ’n‘ Roll!“ Von innen erinnert das Mobile an die Scheune auf dem Cover von Neil Youngs Harvest. Links und rechts erheben sich Emporen mit alten Polstersesseln, und in der Mitte liegt die Tanzfläche, kurz: ein Raum, in dem in amerikanischen B-Movies Dorfversammlungen abgehalten werden, wenn eine Invasion der Außerirdischen droht. Auch hier versammelt sich eine Gemeinde, und was sie eint, ist die Liebe zur Gitarrenmusik alter Schule. Die Wände sind mit kultischen Motiven aus den siebziger Jahren, der großen Zeit der Supergruppen, geschmückt. Es gibt ein aufwändiges Dark Side Of The Moon-Fresko, und an der Decke hängt zwischen kokonartigen Lampions ein fliegender Stuhl des Yes-Designers Roger Dean. Und dann ist da noch eine Wandmalerei, ein Fensterblick auf die offene See, die rhythmisch von einem Scheinwerfer angestrahlt wird. Man spürt, dass dies hier ein magischer Ort ist, ein Teil vom Netzwerk des geheimen Lebens. Denn solche Etablissements existieren überall, heißen Point One, Exit, Farmer’s Inn, Rockfabrik oder Schlucklum und liegen in Dörfern wie Uetze oder Lucklum, doch sind sie außerhalb ihrer Klientel nicht bekannt. Anders als bei Techno handelt es sich um eine Subkultur ohne Lobby, das ist der wahre Untergrund: Für den Rockdisco-Besucher ist der ästhetische Code der Großstadt ungültig. Trotz der realen und medialen Vorherrschaft der Clubculture nimmt er sich das Recht, nach wie vor uncool tanzen zu gehen.

Die Liturgie ist dabei genau festgelegt, denn der DJ darf keine eigenen Platten mitbringen, sondern muss sich aus dem Repertoire bedienen, das alle Favoriten der Mobile-Stammgäste enthält. Nirgendwo sonst könne der DJ es sich erlauben, mit verschränkten Armen neben seiner Holzbude zu lehnen, während ein Musikstück läuft, sagt Andreas, der uns erst mal zwei Flaschen Einbecker Brauherrenpils holt. Verglichen mit dem Kopfhörer-Heftpflaster-Reinhör-Markier-Gewese des Techno-DJs, ist es schon extrem lässig, so im Westernerstil an der Saloontür zu lehnen und auf das einsame, weite Land der Tanzfläche zu blicken. Zu Mike Oldfields verspielten Gitarrensoli will und kann nun mal niemand tanzen, doch ein selbstbewusstes Lächeln steht im Gesicht des DJs. Er vertraut auf die Kracher, die er sich am Musikpult zurechtgelegt hat. Dann tritt er ins Innere der Holzbude, lässt eine Platte aus der Hülle gleiten und legt sie auf.

Schon springen die Aficionados von allen Seiten herbei und tanzen in Jeansjacken und Lederwesten zu langen Passagen von Aphrodite’s Childs Konzeptalbum 666 und anderen Liedern von ungeahnter Tanzbarkeit wie Tori Amos‘ Cornflake Girl. Auf den Bänken und Amphitheaterstufen rund um die Tanzfläche sitzen dunkel gekleidete Gestalten mit angezogenen Beinen, hier und da glimmen selbst gedrehte Zigaretten. Man kann im Mobile sowohl ekstatische Lebenslust wie apathisches Abhängen beobachten und fragt sich, wieso Vergnügen und Langeweile so eng miteinander verknüpft sind. Liegt es daran, dass die Rockdisco-Nacht streng ritualisiert ist? Schließlich werden nur bekannte Lieder gespielt, die immergleichen aus dem langsam nur sich erweiternden Rockdisco-Kanon. Es fehlt der Reiz des Neuen, der sonst ein wesentlicher Bestandteil von Jugendkultur ist. Hier jubeln die Tanzenden, wenn ihr Lieblingslied kommt, und hüpfen dann auf und ab, als wollten sie den Boden nie wieder berühren.

Das Getränk zur Langeweile ist ein vorgeblicher Muntermacher: Kaffee. Den gibt es draußen an der Theke im Foyer, vor der eigentlichen Disco. Man verkauft selbst gebackene Pizza, und es läuft andere Musik, meistens AC/DC. Am Tresen stehen unscheinbare Typen in Jeans und Lederblousons, die einen Becher Kaffee nach dem anderen bestellen, den der VoKuHiLa-Wirt aus einer chromsilbernen Tanksäule abzapft. An Kicker und Flipper hängen ein paar junge Einheimische rum, die so aussehen, als hätten sie schon mal bei H & M eingekauft: die Jungs in Cargopants, die Mädchen in Flokati-Jacken. In Bad Salzdetfurth gibt es halt nichts anderes, wo man abends hingehen kann, auch deshalb landet man in der Rockdisco. Das war früher im Sauerland nicht anders: Jede Freitagnacht galt es, eine Mitfahrgelegenheit nach Oberbrügge ins Infinity zu finden. Man überzeugte den starken Mann an der Kasse, dass man schon 18 war, trank Flensburger, stand blöd rum und fragten den DJ, ob er „was von Living Colour“ da habe.

Zurück auf die Tanzfläche: Hippiemädchen in Batikpullovern und Lederwesten tanzen wie Waldgeister am Tor zur Dämmerung, was ihnen zur Vollkommenheit noch fehlt, sind die Panflöten; ein junger Mann läuft auf der Stelle, er befindet sich, comichaft wild gestikulierend, auf der Road to Nowhere und wird so schnell keine Ausfahrt finden. Ein Enddreißiger in erdfarbenem Strickpulli tanzt schlangenhaft, als sei er schon oft in einem indischen Ashram gewesen, vielleicht zu oft. Aber das ist ja gerade das Sympathische, dass die körperlichen Unzulänglichkeiten hier keine Rolle spielen. Wenn einer kein Taktgefühl hat, dann springt er halt am höchsten, und es ist voll in Ordnung.

„Da drüben!“, unterbricht Andreas meine Vision. „Das Hippiemädchen spielt Luftgeige!“ Tatsächlich: Barfuß tänzelt sie im weiten Batikhemd über das irische Moos und lässt ihre imaginäre Fidel erklingen. Wahnsinn. Sie zeigen einem hier, was man mit Popmusik machen kann, nämlich alles: Zu einem berserkerhaften Gitarrensolo haken sich zwei hagere Woodstock-Veteraninnen mit Zöpfen unter und rasen in einem Folkloretanz der Trance entgegen.

Spät in der Nacht spielt der DJ dann noch Lieder von Faith No More, den Smashing Pumpkins oder Depeche Mode. Durch die Veränderung weniger Parameter wie Ort, Zeit, Lautstärke und Reihenfolge können Songs ihre Bedeutung vollständig verändern. Zu Californication von den Red Hot Chili Peppers, das man morgens entspannt beim Zeitunglesen hört, wird hier wild abgerockt. Es ist nicht etwa Nostalgie, die die Menschen seit nunmehr drei Jahrzehnten ins Mobile lockt, sondern die außerzeitliche Übereinkunft einer exklusiven Gesellschaft, deren Erkennungszeichen das Gitarrenriff ist. So greift man auf die Musikgeschichte von den Rolling Stones (Satisfaction) bis zur Bloodhound Gang (The Bad Touch) zu, und so hat es auch Fat Boy Slim ins Mobile geschafft. Der Rockafeller Skank wäre schließlich der kleinste gemeinsame Nenner, wenn Clubber und Rocker eine ökumenische Party schmeißen müssten. Aber dazu wird es hier so schnell nicht kommen. Denn sollten sich die Guitarreros aus ihren Gräbern erheben, um einen Rachefeldzug gegen die Clubculture zu starten, dann wird das Mobile ihr Hauptquartier sein.

Es geht noch weiter in der Zeit: 2015 war Christian Kortmanns Zeitungsartikel offenbar immer noch legendär genug, dass sich eine Internetpräsenz mit etwas elitärem jugendkulturellen Selbstverständnis an ihn erinnern musste, das Mobile schon ein Aufguss seiner selbst:

——— Merlin Schumacher/Mika Doe:

Eine Nacht im Mobile. Eine Nacht geborgter Magie.

in: Zebrabutter. Schlaues über Gutes und Schlechtes, 30. September 2015:

Mobile, Bad Salzdetfurth, Zebrabutter[…] In Mathias‘ Augen ist ein Noch-Kein-Mal-Schlafen Leuchten, während wir Merlin zuhören, wie er Christian Kortmanns Zeit-Artikel über das Mobile von vor 15 Jahren vorliest. „Das ganze Gerede von Clubculture und performativer Feier des Körpers ist doch Quatsch. Ich zeige dir, wo der Körper mit all seinen Schwächen wirklich gefeiert wird!“ Es klingt nach einem besonderen Ort: Ein Pink Floyd Fresko an der Wand, schwebende Stühle unter der Decke und eine Kabine, an der man die ganze Nacht Kaffee trinken konnte. „Und jedes Wort ist wahr“, sagt Mathias. Knapp drei Jahre nach Erscheinen des Artikels schloss das Mobile. […]

Das Pink-Floyd-Fresko hat der Zeit nicht standgehalten. Jeder Quadratzentimeter des Raums ist mit schneeweißer Wandfarbe überzogen. Kein schwebender Stuhl mehr. Nur wenige Fragmente des alten Mobile blitzen durch: Der nikotinbraune Stoff unter der Decke ist noch da. Verschraubungen von entfernten Sitzbänken schauen aus der Wand, Die DJ-Kabine ist da, wo sie war und es gibt Kaffee. Die Struktur steht es noch, aber ihre Textur ist verschwunden. Das Mobile ist eine Veranstaltung in einer Mehrzweckveranstaltungshalle. […]

Das ist es auch, was diesen Abend von einer ordinären 80er oder 90er-Party unterscheidet. Auf den ersten Blick ist er all dessen beraubt, was er einmal gewesen ist. Doch die Nostalgie zweiter Ordnung kann ihr Versprechen halten, weil die Magie noch in den Menschen lebt.

Auch ohne Schlegel-Studium muss es etwas bedeuten, dass sowohl das Kropfersrichter Happy-Rock als auch das Bad Salzdetfurther Mobile je eine Wiedereröffnung hinter sich haben. Und zwar etwas Gutes.

Playlist der angeführten Lieder:







BIlder: Hartl für Warten auf das Happy Rock, 27. Januar 2017;
Allevents für Mobile Revival Party, Wietföhr 57, 31162 Bad Salzdetfurth, 11. März 2017;
Merlin Schumacher für Zebrabutter, 30. September 2015.

Bonus Track: Erste Allgemeine Verunsicherung: Märchenprinz, aus: Geld oder Leben!, 1985:

Written by Wolf

25. Januar 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Schall & Getöse

Da unten in jenem Thale (da geht ein Kollergang)

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Update zu Willkomm und dervoo und
Herrjeh, schweigt mir vom Tegernsee!:

Das muss ich erzählen. Wie ich mal auf einer Autorenlesung von Peter Rühmkorf war.

Ein andermal, das wird zu lang. 2019 wäre Peter Rühmkorf 90 geworden, wenn er nicht 2008 den Griffel auf ewig niedergelegt hätte. Der 25. Oktober ist 2019 ein Freitag, da kann man gut feiern gehen; das haben Rühmkorfs Eltern anno 1929 geschickt eingerichtet. Und das zweite Fontane-Jahr in Folge ist sowieso schon ausgereizt.

——— Arnim & Brentano:

Müllers Abschied

Mündlich.

aus: Des Knaben Wunderhorn,
Band 1, 1805:

Da droben auf jenem Berge,
Da steht ein goldnes Haus,
Da schauen wohl alle Frühmorgen
Drey schöne Jungfrauen heraus;
Die eine, die heißt Elisabeth.
Die andre Bernharda mein,
Die dritte, die will ich nicht nennen,
Die sollt mein eigen seyn.

Da unten in jenem Thale,
Da treibt das Wasser ein Rad,
Das treibet nichts als Liebe,
Vom Abend bis wieder an Tag;
Das Rad das ist gebrochen,
Die Liebe, die hat ein End,
Und wenn zwey Liebende scheiden,
Sie reichen einander die Händ.

Ach Scheiden, ach, ach!
Wer hat doch das Scheiden erdacht,
Das hat mein jung frisch Herzelein
So frühzeitig traurig gemacht.
Dies Liedlein, ach, ach!
Hat wohl ein Müller erdacht;
Den hat des Ritters Töchterlein
Vom Lieben zum Scheiden gebracht.

——— Joseph von Eichendorff
als Florens:

Lied.

1810, Erstdruck in: Deutscher Dichterwald, 1813, Seite 40,
spätere Fassungen:
Das zerbrochene Ringlein:

In einem kühlen Grunde,
Da geht ein Mühlenrad,
Meine Liebste ist verschwunden,
Die dort gewohnet hat.

Sie hat mir Treu versprochen,
Gab mir ein’n Ring dabei,
Sie hat die Treu gebrochen,
Mein Ringlein sprang entzwei.

Ich möcht‘ als Spielmann reisen
Weit in die Welt hinaus,
Und singen meine Weisen
Und gehn von Haus zu Haus.

Ich möcht‘ als Reiter fliegen
Wohl in die blut’ge Schlacht,
Um stille Feuer liegen
Im Feld bei dunkler Nacht.

Hör‘ ich das Mühlrad gehen,
Ich weiß nicht, was ich will,
Ich möcht‘ am liebsten sterben,
Da wär’s auf einmal still.

——— Peter Rühmkorf:

Auf eine Weise des Joseph Freiherrn von Eichendorff

von Rühmkorf im Oktober 1960
auf der Tagung der Gruppe 47
in Aschaffenburg vorgetragen:

In meinem Knochenkopfe
da geht ein Kollergang,
der mahlet meine Gedanken
ganz außer Zusammenhang.

Mein Kopf ist voller Romantik,
meine Liebste nicht treu —
Ich treib in den Himmelsatlantik
und lasse Stirnenspreu.

Ach, wär ich der stolze Effendi,
der Gei- und Tiger hetzt,
wenn der Mond, in statu nascendi,
seine Klinge am Himmel wetzt! —

Ein Jahoo, möcht ich lallen
lieber als intro-vertiert
mit meinen Sütterlin-Krallen
im Kopf herumgerührt.

Ich möcht am liebsten sterben
im Schimmelmonat August —
Was klirren so muntere Scherben
in meiner Bessemer-Brust?!

Postkarte In einem kühlen Grunde, 1963, Goethezeitportal

Postkarte: L. v. Senger: In einem kühlen Grunde, Verlag Hermann A. Wiechmann, München, Seriennummer [unleserlich]. Verzeichnisse von Büchern, Bildern und Kunstpostkarten umsonst und postfrei, 1963, handschriftlich fortgesetzt:

wollen wir uns gerne einmal ausruhen, es kann auch warm sein nach dem kalten Winter 1962 schaffen wir es nicht. Seit Weihnachten haben wir es vor, Richtung Hamburg u. Silvester Geschirr abliefern anschließend Ferien. Es wird immer wieder hinausgeschoben, darum freuen wir uns über Ihren Besuch. Nach der hübschen blühenden Tochter [?] zu urteilen muß es Ihnen großartig gehen.

via Jutta Assel/Georg Jäger: Eichendorff-Motive auf Postkarten. Eine Dokumentation. Das zerbrochene Ringlein. In einem kühlen Grunde …, Goethezeitportal, Oktober 2011.

Soundtrack: Friedrich Glück, 1814: In einem kühlen Grunde, Gerhart-Hauptmann-Chor Herbst 1968,
in: Bunt sind schon die Wälder, anlässlich der Einführung des Farbfernsehens, DDR 1969:

Und dasselbe nochmal in Genießbar: von Hannes Wader — mit der üblichen Textabweichung „mein Liebchen“ statt von Eichendorff von letzter Hand autorisiert „mein‘ Liebste“:

Written by Wolf

4. Januar 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Romantik

Nachtstück 0018: Es bedarf des Absurden (denn verstört ist der Weltlauf)

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Update zum Feinsliebchen:

——— Theodor Wiesengrund Adorno:

Minima Moralia

Dritter Teil, 1946/1947, 128. Regressionen, Suhrkamp 1951, Seite 227 f.:

Seit ich denken kann, bin ich glücklich gewesen mit dem Lied: „Zwischen Berg und tiefem, tiefem Tal„: von den zwei Hasen, die sich am Gras gütlich taten, vom Jäger niedergeschossen wurden, und als sie sich besonnen hatten, daß sie noch am Leben waren, von dannen liefen. Aber spät erst habe ich die Lehre darin verstanden: Vernunft kann es nur in Verzweiflung und Überschwang aushalten; es bedarf des Absurden, um dem objektiven Wahnsinn nicht zu erliegen. Man sollte es den beiden Hasen gleichtun; wenn der Schuß fällt, närrisch für tot hinfallen, sich sammeln und besinnen, und wenn man noch Atem hat, von dannen laufen. Die Kraft zur Angst und die zum Glück sind das gleiche, das schrankenlose, bis zur Selbstpreisgabe gesteigerte Aufgeschlossensein für Erfahrung, in der der Erliegende sich wiederfindet. Was wäre Glück, das sich nicht mäße an der unmeßbaren Trauer dessen was ist? Denn verstört ist der Weltlauf. Wer ihm vorsichtig sich anpaßt, macht eben damit sich zum Teilhaber des Wahnsinns, während erst der Exzentrische standhielte und dem Aberwitz Einhalt geböte. Nur er dürfte auf den Schein des Unheils, die „Unwirklichkeit der Verzweiflung“, sich besinnen und dessen innewerden, nicht bloß daß er noch lebt, sondern daß noch Leben ist. Die List der ohnmächtigen Hasen erlöst mit ihnen selbst den Jäger, dem sie seine Schuld stibitzt.

Gewöhnen wir uns instrumental an die Melodie:

——— N. N. (anonym):

Zwischen Berg und tiefem, tiefem Tal

um 1825, Hessen und Umgebung von Elberfeld (Wuppertal):

Zwischen Berg und tiefem, tiefem Tal
saßen einst zwei Hasen,
fraßen ab das grüne, grüne Gras,
fraßen ab das grüne, grüne Gras
bis auf den Rasen.

Als sie sich dann sattgefressen hatten,
setzten sie sich nieder,
bis daß der Jäger, Jäger kam,
bis daß der Jäger, Jäger kam
und schoß sie nieder.

Als sie sich dann aufgesammelt hatten
und sich besannen,
daß sie noch am lieben Leben waren,
daß sie noch am lieben Leben waren,
liefen sie von dannen.

Herrschaften, ist das ein schönes Lied. Wo er recht hat, hat er recht, der Adorno: Es ist anrührend schlicht, kurz gefasst, damit jeder sofort alles versteht — und leichtherzig darüber hinwegsieht, dass die überraschende Schlusswendung auf kindliche Weise dramaturgisch durch schon mal gleich überhaupt gar nichts motiviert ist — und mit seinem urtümlichen Thema so allgemeingültig, dass es einem nicht egal sein kann. Ein Volkslied im besten Sinne: archaisch und fragloser Bestandteil der Welt.

Julia Stella Gretchen Hä für Adorno Ultras. Anand Angrg, Adorno Changed My Life, 17. Juni 2017Ich selber wusste nichts davon, bis ich in den Minima Moralia daüber gestolpert bin — wenn man Adorno schon mal beim Erzählen von Schwänken aus seiner Kindheit antrifft. Und da kommt die besondere Qualität des Volkslieds rein: Es wird nämlich einen Grund haben, dass ein so betont einfältiges Liedchen seit 1825 — andere Stellen sagen: um 1800 — überliefert wird und auf dem unzuerlässigen Boden des Volksmundes mit seinem anderweitig beschäftigten Gedächtnis so lange überlebt.

Die sotane Qualität und gar noch ihr Grund gehören zum Schwersten, was sich dingfest machen lässt. Egal womit man sie benennt, irgendjemand vedreht immer die Augen und bricht in Begründungen des Gegenteils aus, so schnell und so polemisch wie sonst nur noch bei Glaubensfragen. „Nenn’s Glück! Herz! Liebe! Gott!“ (Faust) oder Natur oder kollektives Bewusstsein — etwas hat dazu gereicht, dass sich ein deutscher Professor der Philosophie im kalifornischen Exil daran erinnert — und aus der Kindheitserinnerung eine neue Interpretation zieht. Das gelingt nicht vielen Kunstformen, so eine Tragfähigkeit entsteht nicht durch eine einzige dünne Bedeutungsebene.

Das Lied von zwei Hasen ist üppig veryoutubt; die schönste Version ist die von einem gemischten Chor unausgebildeter Stimmen — die der Heidnischen Gemeinschaft im Berliner Deichgraf —, die dem Lied das leise, dabei unüberhörbare Knirschen zwischen Tod und Lebenslust unbefangen gelten lässt, weil es genau so stimmt:

Bild: Julia Stella Gretchen Hä für Adorno Ultras:
Anand Angrg: Adorno Changed My Life, 17. Juni 2017.

Written by Wolf

28. Dezember 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Höllenklag, Romantik, Schall & Getöse

So offenbare sich der dichtende Gott

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Update zu In lieblicher Bläue und
Die junge Gräfin (erzählt neben einem Paar nachbarlichen Würsten):

Rollen wir den Zeitstrahl der Einfachheit halber von hinten auf: 1840 veröffentliche Bettine von Arnim ihren Briefroman Die Günderode (mit einfachem r), den sie aus dem Briefwechsel mit der schon 1806 von eigener Hand erdolchten Karoline von Günderrode (mit Doppel-r) zurechtfrisierte. Wichtige Stellen in den Briefen wie im Roman betreffen Friedrich Hölderlin, dessen „Hypochondrie“ spätestens 1805 über ein Stadium des Wahnsinns in „Raserei“ — aus heutiger Sicht: Schizophrenie — übergegangen war.

Giovanni Baglione, Erato, Muse der LyrikUngefähr im Sommer 1804 besuchte sein Studienfreund und tatkräftiger Gönner Isaac von Sinclair den schon als wahnsinnig geltenden Hölderlin in Homburg, wo er selbst ihn als Hofbibliothekar untergebracht hatte und aus eigener Tasche bezahlte. Unter dem Spitznamen „St. Clair“ stand Sinclair in Kontakt mit der Familie Brentano, deren Haustochter Bettine, die nachmalige von Arnim, ebenfalls gern Hölderlin besucht hätte — was der 19-Jährigen wegen einer gewissen Neigung zur Überspanntheit, die ihr heute als liebenswerte Exaltation und ihre eigentliche Persönlichkeit ausgelegt wird, familiär untersagt wurde, auf dass sie sich nicht von dem gefährlich Kranken die Hypochondrie und Schlimmeres zuziehe.

Der fünf Jahre älteren und noch viel überspannteren Freundin, dem „Günderödchen“, hinterbringt sie am 17. eines Monats vermutlich im Sommer oder frühen Herbst 1804, was St. Clair ihr von einem einwöchigen Besuch beim verehrten Hölderlin hinterbringt: seine Ansichten zur Entstehung von Poesie.

Die Entsprechungen zu einer äußeren Wirklichkeit sind wie bei allem, was Bettine von Arnim veröffentlicht, gelinde gesagt unsicher, aber aufschlussreich. Was glaubwürdig erscheint, ist Hölderlins referierte Dichtungstheorie, die auf die gesamte Poesie ausweitet, was Herder ab 1771 zur Entstehung von Volksliedern vermutet: dass „wahre“ Dichtung in der Natur, ja einem göttlichen Element, von selbst vorhanden sei, um sich zu gereifter Zeit durch jemanden, der sich dann – und erst dann und deswegen – Dichter nennen darf, durch natürliche oder eben göttliche Einwirkung zu manifestieren. Volkslieder – bei Hölderlin: die gesamte Poesie – quasi als Dichtung, die auf den Bäumen wächst.

Glaubwürdig daran ist, dass Hölderlin dergleichen Theorien vertrat. Schon problematischer ist, dass er dann laut St. Clairs durch Bettines dritte Hand überkommenen Urlaubsbericht – auf ein hochstehendes und hoch anerkanntes Werk zurückblickend und nicht ohne Hinweis auf einen (drunter macht er’s nicht) „heiligen“ Wahnsinn des Dichters – nur noch einer Art göttlicher Eingebung „sich schmiegen“ will. So abfällig Hölderlin sich über erfundene Rhythmen äußert, wollen wir uns doch daran erinnern, dass der Mann zu lichten Zeiten Versmaße erfand, die zumindest für seine eigene Produktion von Oden verbindlich gemeint waren und sich als poetisch höchst leistungsfähig erwiesen. Einen Widerspruch erkenne ich darin, dass Hölderlin erst derart solides Handwerkszeug bereitstellen kann und dann angeblich selbst das Werkzeug in der Hand Gottes sein will.

Dennoch bleiben dieses „Undenkbare“ wie die „Athletentugend“ – siehe unten – schöne Gedanken und deren Vereinbarkeit schon wieder eine poetische Leistung für sich. – Korrigiert nach der Ausgabe in der Bibliothek Deutscher Klassiker, 2006:

——— Bettine von Arnim:

17ten

aus: Die Günderode, Erster Teil, 1840:

Gewiß ist mir doch bei diesem Hölderlin als müsse eine göttliche Gewalt wie mit Fluten ihn überströmt haben, und zwar die Sprache, in übergewaltigem raschen Sturz seine Sinne überflutend, und diese darin ertränkend; und als die Strömungen verlaufen sich hatten, da waren die Sinne geschwächt und die Gewalt des Geistes überwältigt und ertötet. – Und St. Clair sagt: ja so ist’s – und er sagt noch: aber ihm zuhören, sei grade, als wenn man es dem Tosen des Windes vergleiche, denn er brause immer in Hymnen dahin die abbrechen wie wenn der Wind sich dreht, – und dann ergreife ihn wie ein tieferes Wissen, wobei einem die Idee daß er wahnsinnig sei ganz verschwinde, und daß sich anhöre was er über die Verse und über die Sprache sage, wie wenn er nah dran sei das göttliche Geheimnis der Sprache zu erleuchten, und dann verschwinde ihm wieder alles im Dunkel, und dann ermatte er in der Verwirrung, und meine es werde ihm nicht gelingen begreiflich sich zu machen; und die Sprache bilde alles Denken, denn sie sei größer wie der Menschengeist, der sei ein Sklave nur der Sprache, und so lange sei der Geist im Menschen noch nicht der vollkommne, als die Sprache ihn nicht alleinig hervorrufe. Die Gesetze des Geistes aber seien metrisch, das fühle sich in der Sprache, sie werfe das Netz über den Geist, in dem gefangen, er das Göttliche aussprechen müsse, und so lange der Dichter noch den Versakzent suche und nicht vom Rhythmus fortgerissen werde, so lange habe seine Poesie noch keine Wahrheit, denn Poesie sei nicht das alberne sinnlose Reimen, an dem kein tieferer Geist Gefallen haben könne, sondern das sei Poesie: daß eben der Geist nur sich rhythmisch ausdrücken könne, daß nur im Rhythmus seine Sprache liege, während das poesielose auch geistlos, mithin unrhythmisch sei – und ob es denn der Mühe lohne mit so sprachgeistarmen Worten Gefühle in Reime zwingen zu wollen, wo nichts mehr übrig bleibe, als das mühselig gesuchte Kunststück zu reimen, das dem Geist die Kehle zuschnüre. Nur der Geist sei Poesie, der das Geheimnis eines ihm eingebornen Rhythmus in sich trage, und nur mit diesem Rhythmus könne er lebendig und sichtbar werden, denn dieser sei seine Seele, aber die Gedichte seien lauter Schemen, keine Geister mit Seelen. –

Es gebe höhere Gesetze für die Poesie, jede Gefühlsregung entwickle sich nach neuen Gesetzen die sich nicht anwenden lassen auf andre, denn alles Wahre sei prophetisch und überströme seine Zeit mit Licht, und der Poesie allein sei anheimgegeben dies Licht zu verbreiten, drum müsse der Geist, und könne nur, durch sie hervorgehen. Geist gehe nur durch Begeistrung hervor. – Nur allein Dem füge sich der Rhythmus, in dem der Geist lebendig werde! – wieder: –

Gustave Moreau, Hesiod und seine Muse„Wer erzogen werde zur Poesie in göttlichem Sinn, der müsse den Geist des Höchsten für gesetzlos anerkennen über sich, und müsse das Gesetz ihm preisgeben; Nicht wie ich will, sondern wie du willt! – und so müsse er sich kein Gesetz bauen, denn die Poesie werde sich nimmer einzwängen lassen, sondern der Versbau werde ewig ein leeres Haus bleiben, in dem nur Poltergeister sich aufhalten. Weil aber der Mensch der Begeisterung nie vertraue, könne er die Poesie als Gott nicht fassen. – Gesetz sei in der Poesie Ideengestalt, der Geist müsse sich in dieser bewegen, und nicht ihr in den Weg treten, Gesetz was der Mensch dem Göttlichen anbilden wolle, ertöte die Ideengestalt, und so könne das Göttliche sich nicht durch den Menschengeist in seinen Leib bilden. Der Leib sei die Poesie, die Ideengestalt, und dieser, sei er ergriffen vom Tragischen, werde tödlich faktisch, denn das Göttliche ströme den Mord aus Worten, die Ideengestalt, die der Leib sei der Poesie, die morde, – so sei aber ein Tragisches was Leben ausströme in der Ideengestalt, – (Poesie) denn alles sei Tragisch. – Denn das Leben im Wort (im Leib) sei Auferstehung, (lebendig faktisch) die bloß aus dem Gemordeten hervorgehe. – Der Tod sei der Ursprung des Lebendigen. –

Die Poesie gefangen nehmen wollen im Gesetz, das sei nur damit der Geist sich schaukle an zwei Seilen sich haltend, und gebe die Anschauung als ob er fliege. Aber ein Adler der seinen Flug nicht abmesse – obschon die eifersüchtige Sonne ihn niederdrücke – mit geheim arbeitender Seele im höchsten Bewußtsein dem Bewußtsein ausweiche, und so die heilige lebende Möglichkeit des Geistes erhalte, in dem brüte der Geist sich selber aus, und fliege – vom heiligen Rhythmus hingerissen oft, dann getragen dann geschwungen sich auf und ab in heiligem Wahnsinn, dem Göttlichen hingegeben, denn innerlich sei dies Eine nur: die Bewegung zur Sonne, die halte am Rhythmus sich fest. –

Dann sagte er am andern Tag wieder: Es seien zwei Kunstgestalten oder zu berechnende Gesetze, die eine zeige sich auf der gottgleichen Höhe im Anfang eines Kunstwerks, und neige sich gegen das Ende; die andre, wie ein freier Sonnenstrahl, der vom göttlichen Licht ab, sich einen Ruhepunkt auf dem menschlichen Geist gewähre, neige ihr Gleichgewicht vom Ende zum Anfang. Da steige der Geist hinauf aus der Verzweiflung in den heiligen Wahnsinn, insofern Der höchste menschliche Erscheinung sei, wo die Seele alle Sprachäußerung übertreffe, und führe der dichtende Gott sie ins Licht; die sei geblendet dann, und ganz getränkt vom Licht, und es erdürre ihre ursprüngliche üppige Fruchtbarkeit vom starken Sonnenlicht; aber ein so durchgebrannter Boden sei im Auferstehen begriffen, er sei eine Vorbereitung zum Übermenschlichen. Und nur die Poesie verwandle aus einem Leben ins andre, die freie nämlich. – Und es sei Schicksal der schuldlosen Geistesnatur, sich ins Organische zu bilden, im regsam Heroischen, wie im leidenden Verhalten. – Und jedes Kunstwerk sei Ein Rhythmus nur, wo die Zäsur einen Moment des Besinnens gebe, des Widerstemmens im Geist, und dann schnell vom Göttlichen dahingerissen, sich zum End schwinge. So offenbare sich der dichtende Gott. Die Zäsur sei eben jener lebendige Schwebepunkt des Menschengeistes, auf dem der göttliche Strahl ruhe. – Die Begeistrung welche durch Berührung mit dem Strahl entstehe, bewege ihn, bringe ihn ins Schwanken; und das sei die Poesie die aus dem Urlicht schöpfe und hinabströme den ganzen Rhythmus in Übermacht über den Geist der Zeit und Natur, der ihm das Sinnliche – den Gegenstand – entgegentrage, wo dann die Begeistrung bei der Berührung des Himmlischen mächtig erwache im Schwebepunkt, (Menschengeist), und diesen Augenblick müsse der Dichtergeist festhalten und müsse ganz offen, ohne Hinterhalt seines Charakters sich ihm hingeben, – und so begleite diesen Hauptstrahl des göttlichen Dichtens immer noch die eigentümliche Menschennatur des Dichters, bald das tragisch Ermattende, bald das von göttlichem Heroismus angeregte Feuer schonungslos durchzugreifen, wie die ewig noch ungeschriebene Totenwelt, die durch das innere Gesetz des Geistes ihren Umschwung erhalte, bald auch eine träumerisch naive Hingebung an den göttlichen Dichtergeist, oder die liebenswürdige Gefaßtheit im Unglück; – und dies objektiviere die Originalnatur des Dichters mit in das Superlative der heroischen Virtuosität des Göttlichen hinein. –

So könnt ich Dir noch Bogen voll schreiben aus dem was sich St. Clair in den acht Tagen aus den Reden des Hölderlin aufgeschrieben hat in abgebrochnen Sätzen, denn ich lese dies alles darin, mit dem zusammen was St. Clair noch mündlich hinzufügte. Einmal sagte Hölderlin, Alles sei Rhythmus, das ganze Schicksal des Menschen sei Ein himmlischer Rhythmus, wie auch jedes Kunstwerk ein einziger Rhythmus sei, und alles schwinge sich von den Dichterlippen des Gottes, und wo der Menschengeist dem sich füge, das seien die verklärten Schicksale, in denen der Genius sich zeige, und das Dichten sei ein Streiten um die Wahrheit, und bald sei es in plastischem Geist, bald in athletischem, wo das Wort den Körper (Dichtungsform) ergreife, bald auch im hesperischen, das sei der Geist der Beobachtungen und erzeuge die Dichterwonnen, wo unter freudiger Sohle der Dichterklang erschalle, während die Sinne versunken seien in die notwendigen Ideengestaltungen der Geistesgewalt, die in der Zeit sei. – Diese letzte Dichtungsform sei eine hochzeitliche feierliche Vermählungsbegeisterung, und bald tauche sie sich in die Nacht und werde im Dunkel hellsehend, bald auch ströme sie im Tageslicht über alles was dieses beleuchte. – Der gegenüber, als der humanen Zeit, stehe die furchtbare Muse der tragischen Zeit; – und wer dies nicht verstehe meinte er, der könne nimmer zum Verständnis der hohen griechischen Kunstwerke kommen, deren Bau ein göttlich organischer sei, der nicht könne aus des Menschen Verstand hervorgehen, sondern der habe sich Undenkbarem geweiht. – Und so habe den Dichter der Gott gebraucht als Pfeil seinen Rhythmus vom Bogen zu schnellen, und wer dies nicht empfinde und sich dem schmiege, der werde nie, weder Geschick noch Athletentugend haben zum Dichter, und zu schwach sei ein solcher, als daß er sich fassen könne, weder im Stoff, noch in der Weltansicht der früheren, noch in der späteren Vorstellungsart unsrer Tendenzen, und keine poetischen Formen werden sich ihm offenbaren. Dichter die sich in gegebene Formen einstudieren, die können auch nur den einmal gegebenen Geist wiederholen, sie setzen sich wie Vögel auf einen Ast des Sprachbaumes und wiegen sich auf dem, nach dem Urrhythmus der in seiner Wurzel liege, nicht aber fliege ein solcher auf als der Geistesadler von dem lebendigen Geist der Sprache ausgebrütet.

Ich verstehe alles, obschon mir vieles fremd drin ist was die Dichtkunst belangt, wovon ich keine klare oder auch gar keine Vorstellung habe, aber ich hab besser durch diese Anschauungen des Hölderlin den Geist gefaßt, als durch das wie mich St. Clair darüber belehrte. – Dir muß dies alles heilig und wichtig sein. –

Luis Ricardo Falero, Allegorie der Kunst, 1892

Fachliteratur: Hans Ulrich Gumbrecht: Die süße Ruhe im Wahnsinn: über ein spätes Gedicht von Friedrich Hölderlin, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 8. November 2014.

Göttlich organischer Bau: Giovanni Baglione: Erato, Muse der Lyrik, via Lou Margi, 5. Augut 2016;
Gustave Moreau: Hesiod und seine Muse, via Lou Margi, 6. Mai 2016;
Luis Ricardo Falero: Allegorie der Kunst, 1892, via Books and Art, 6. Februar 2018.

Alles sei Rhythmus, das ganze Schicksal des Menschen sei Ein himmlischer Rhythmus, wie auch jedes Kunstwerk ein einziger Rhythmus sei: von den fast gleichnamigen Krautrockern Hoelderlin gleich die ganze LP Hölderlins Traum, 1972:

Written by Wolf

23. November 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Weisheit & Sophisterei

Austen Brontë Woolf

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Zur Rezeption des Häubchenfilms

Update zu Pride and Prejudice
und Schwarze Butter:

Gegen die galoppierende Verwechslungsgefahr merken wir uns: Jane Austen ist ungefähr die Muttergeneration der Brontë-Schwestern — vor allem der schreibenden Anne, Charlotte und Emily. Zwei apokryphe, die eigentlich ältesten Brontë-Schwestern Elizabeth und Mary, sind noch als Schulmädchen an Tuberkulose gestorben; vom einzigen Bruder Patrick Branwell existieren auf eine fast theoretische Weise die gesammelten Gedichte, aber die will niemand lesen, bezahlen oder gar übersetzen. Ansonsten soll Patrick recht begabt gemalt — zum Beispiel das bekannte Dreifach-Portrait 1834 seiner überlebenden und schreibenden Schwestern, aus dem er nachträglich seine eigene Person taktvoll ausradiert hat — und vor allem ein paar Yards die Hauptstraße runter in der Dorfkneipe als ländliches Original beim Porter durchaus gebildete Schoten erzählt haben.

In ihrem jugendlichen Zeitvertreib erfanden alle vier Geschwister in wechselnden kreativen Allianzen die Reiche Angria und Gondal, in Erfindungsreichtum und schierem Umfang J.R.R. Tolkiens Mittelerde oder rezenten vielbändigen Fantasy-Großtaten in nichts nachstehend. Wenn das mal komplett erschlossen, in eine stringente Ordnung gebracht und gar verfilmt werden könnte — das wäre eine literarische Sensation. Das Material wurde von vier pubertierenden Pfarrerskindern gesammelt, der Ausarbeitung stand nichts mehr Weg als das Ende der Kindlichkeit, die niederen Sachzwänge des Erwachsenenlebens und der bei der friedhofsnah und gottesfürchtig hausenden Familie allgegenwärtige Tod.

Das Alter von vierzig Jahren hat überhaupt nur Schwester Charlotte erreicht, die außerdem als einzige nicht als Jungfrau ins Grab sank: Ein Kumpel ihres Vaters hat sich ihrer mit 39 erbarmt, aber damit nicht eine schließlich doch noch geoutete Bestseller-Autorin geheiratet, sondern seine örtliche Pfarrerstochter mit einer Gouvernantenausbildung aus dem kontinentalen Belgien, die seit über einem Jahrzehnt als sitzengeblieben galt.

Alle anderen welkten pünktlich kurz vor ihren Dreißigsten wie die kindlich vorausgestorbenen Elizabeth und Mary ab, denn es herrschte ein hässlich feuchtes, der Lunge junger Mädchen (und Patricks) unzuträgliches Hochmoorklima im Pfarrhaus mit Fensterfront auf den Friedhof zu Haworth in West Yorkshire. Vater Brontë überlebte alle, trotz seiner sechs Kinder der letzte Spross seines Stammes.

Mit Jane Austen, ebenfalls ledigerweise nur 42 geworden, verbindet diese glücklose Familie ein angenehm überschaubares Gesamtwerk, das jeweils in einen einzigen, dann aber geradezu waffentauglichen Band passt, sowie dessen vollständige und sogar mehrfache Verfilmung, für die man sich nicht allzusehr genieren muss, wenn man sie ab und zu binge-watcht. Austen- und Brontë-Filme machen Spaß, sogar noch die richtig miesen, und man verschafft sich dabei das nützliche Gefühl, man habe wenigstens versucht, einen ihrer Handlungsverläufe nachzuvollziehen.

Viel mehr Schreiberinnen solcher Filmvorlagen sind nicht bekannt. Man kann allenfalls Elizabeth Gaskell, persönliche Freundin und erste Biographin von Charlotte Brontë, und ein paar obskure Georgianerinnen dazuzählen, vorneweg George Eliot, die bürgerliche Mary Anne Evans mit dem vermännlichten Pseudonym: Mit dem Schreibhandwerk etwas fürs Herrenhaus dazuverdienen war erst als Viktorianerin nichts Ehrenrühriges mehr. An diesem Material kann man nun entweder bemängeln oder liebenswert finden, dass immer wieder nur das verfilmt werden kann, was einmal vorhanden ist. Ich finde es sogar bereichernd, in die Tiefe statt in die Breite zu konsumieren — oder finden Sie mal raus, auf welche Verfilmung von Wuthering Heights hin Kate Bush 1978 zu ihrem überkandidelten Ausdruckstanz gejodelt hat.*

Die Wölfin nennt dieses rundum erfreuliche Genre, das filmisch Historical period drama heißt, etwas herablassend, aber sehr treffend „Häubchenfilme“ und kapriziert sich lieber auf Schwedenkrimis, die gar nicht trostlos genug verlaufen und ausgehen können. Recht hat sie damit, dass Jane Austen auf einer Seitenzahl, in der man getrost eine ausgewachsene Romanhandlung unterbringen könnte, gerade einmal das Setting schafft, und wenn’s endlich losgehen könnte, sind alle schon verheiratet. Tot oder glücklich wären sie erst bei Charles Dickens, aber dazu brauchte es historisch noch die Zwischengeneration der Brontinnen — wie ja die Brontës insgesamt so eine Art Charles Dickens für Mädchen sind, was spätestens dann auffällt, wenn John Irving in Gottes Werk und Teufels Beitrag den Waisenkinderlein im Wechsel David Copperfield und Jane Eyre vorlesen lässt.

In mancher Hinsicht sind solche Häubchenfilme eine Art weiblich gelesenes Pendant zum betont männlichen Genre des Western-Films: Auf den ersten Blick an einem einzigen Szenenbild erkennbar, sind sie so stereotyp und so vielfältig, wie dramaturgischer Sachverstand darein gesetzt wurde, und sie leben wesentlich vom Aufwand an Ausstattung und einer angenommenen Nähe zu historischer Zeit und Ort. Mit dem Unterschied: Nicht jugendfreie Western sind weiterhin Western, meistens der Italo-Ausrichtung, Häubchenfilme sind gewöhnlich recht harmlos für jugendliche Seelen; ihre Porno-Varianten sind weder historical noch period, sondern eben Pornos. Sagen wir, Häubchenfilme sind Western für Mädchen. Für kleine und große. Aller Geschlechter.

Wer genug Häubchenfilme auf Handlungsdichte und Figurenführung durchgeschaut hat, merkt dann schon, welchen Satz nach vorn die Auffassung von Suspense in dieser entscheidenden Generation vollführt hat: Die Austen stickt noch Bildchen auf Sofakissen, die Brontës spulen schon Filme ab. Es kann auch, wenn man an dergleichen glaubt, an der Geographie liegen: Die Austen erzählt über die englische Südküste, wo am Golfstrom die ersten Palmen gedeihen, die Brontës kauzen über die knorrige Gegend an der Grenze zu Schottland herum. Und Dickens, wieder eine Generation später und von der Weltstadt London aus wirksam, konnte dramaturgisch und PR-technisch sowieso alles.

Weiterhin verbindet Jane Austen und die drei literarisch hervorgetretenen Schwestern Brontë, dass sie im derzeitigen deutschen Buchhandel in mehreren qualitativ unterschiedlichen Gesamtausgaben stattfinden. Das reicht von den besten, natürlich wie immer beim Insel-Verlag, der für solche Gestalten ja halboffiziell zuständig ist, bis hin zu Volltextabdrucken in lustigen Eindeutschungsversuchen auf einer Art saugfähigem Küchenpapier — natürlich wie immer bei ganz und gar unnötigen Verlagen, die nur deswegen Verlage sind, weil ein studierter Controller gehört hat, dass man in manchen Weltgegenden für ein Nichts saugfähiges Küchenpapier volldrucken und in Deutschland preisgebunden verkaufen kann. Beider — oder genauer: vierer — Gesamtausgaben sind in schmucken Sammelkästen erhältlich, weil man mit den einbändigen Ausgaben beim Lesen im Bett Gefahr läuft, sich beim Wegdösen das Nasenbein zu brechen.

So eine Schmucksammlung wünsche ich mir endlich aus einer bis drei weiteren Generationen später: von Virginia Woolf, über deren Orlando in der jüngsten Übersetzung von Melanie Walz man ja Wunderdinge hört. Der ist von 1928 im Eigenverlag einer starken Frau erschienen, da wurden die englischen Könige schon fotografiert statt gemalt, die Engländerinnen wurden zu politischen Wahlen zugelassen und die Häubchen fallen nicht mehr als Stigma unterdrückten Heiratsfutters auf; das ist dann vielleicht sogar für die Wölfin zeitgemäß genug. Und verfilmt ist der — wenn schon, dann richtig — mit Tilda Swinton.

Filmtipps: Der eine Häubchenfilm, der wirklich richtig was taugt, ist Sinn und Sinnlichkeit, das ist: Sense and Sensibility nach Jane Austen — und zwar der von 1995, mit Emma Thompson als Hauptrolle und dem völlig berechtigten Oscar fürs adaptierte Drehbuch 1996, Kate Winslet in der anderen Hauptrolle, einem gewohnt doofen, aber gut gelaunten Hugh Grant, dem sowieso immer lohnenden Alan Rickman und ein paar einnehmend grantigen Kurzauftritten von Hugh Laurie in seiner Jungform, als er noch Musiker war und lange nicht ahnte, was als „Dr. House“ mal aus ihm werden könnte.

Nummer 2 bleibt bis auf weiteres die Austen-Verfilmung, die einem seit 2005 immer als erstes einfällt, wenn von Austen-Verfilmungen die Rede ist: Stolz und Vorurteil, das ist: Pride & Prejudice, in dem sich jeder Mensch mit einem Herzen in der Brust endgültig in Keira Knightley verlieben musste, während er noch überlegt hat, was genau die kleinen und großen Mädchen aller Geschlechter seit Jahrhunderten an diesem Miesnickel von Mr. Darcy finden — und wieder mit Drehbuchbeteiligung seitens Emma Thompson (Schlüsselszene mit Keira Knightley barfuß).

Fachliteratur:

Bild: Helena Kelly: Jane Austen, Secret Radical, via Jane Austen Centre, Bath, 5. Juni 2018.

*Auflösung des Filmrätsels: Kate Bush ließ sich von den letzten ungefähr zehn Minuten der Verfilmung von Wuthering Heights von 1970 mit Timothy Dalton zu ihrem gleichnamigen Best- und Longseller hinreißen. Kate Bush im Interview mit Doug Pringle für Profiles in Rock, Dezember 1980, dingfest gemacht in deren eigenen Anmerkungen:

Well that was based around the story Wuthering Heights, which was written by Emily Bronte. And ah, and really what sparked that off was a TV thing I saw as a young child. [Apparently the timothy dalton telefilm of about 1972] I just walked into the room and caught the end of this program. And I am sure one of the reasons it stuck so heavily in my mind was because of the spirit of Cathy, and as a child I was called Cathy. It later changed to Kate. It was just a matter of exaggerating all my bad areas, because she’s a really vile person, she’s just so headstrong and passionate and … crazy, you know? And it was fun to do, and it took — a night and a half?

Diese spezielle Verfilmung handelt „nur“ die ersten 16 Kapitel der Buchvorlage ab, Frau Bushs Inspiration leitet sich also vom Showdown in den Klippen her, der mitnichten das Ende der Romanhandlung darstellt. Was Häubchenfilme angeht, ein eher schroffes Exemplar:

Soundtrack:, weil das oben ewähnte exaltierte Gehampel von Kate Bush — das unbenommen seine eigene Größe hat — erst kürzlich dran war: die dokumentarisch schätzbare — um nicht zu sagen: unschätzbare — „only known surviving recording of Virginia Woolf’s voice“:
Judith Kelly/Anita Gatehouse: Rare Virginia Woolf Singing Video, 6. April 2102:

Und weil’s ganz ohne eben doch nicht geht, nach der dran gewesenen Red Dress Version noch die White Dress Version von Kate Bush: Wuthering Heights, aus: The Kick Inside, 1978 — die sogar als erste Version gilt und auch nicht weniger überdreht daherkommt:

Written by Wolf

26. Oktober 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Weisheit & Sophisterei