Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for the ‘Romantik’ Category

Rotkäppchen und der Penishase

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Update zu Schwatzen nach der Welt Gebrauch
und Schlachtens:

Jetzt ist bei weitem nicht mehr das, was es in seiner Form von 2012 mal war. Zuallererst war es bis Januar 2016 jetzt.de, gewann 2002 und 2006 je einen Grimme Online Award und trieb zahlreiche junge bis mitteljunge Menschen unter lauter lustigen Nutzernamen zu künstlerischer Hochform und in zwischenmenschliches Unheil. Lange Geschichte.

Bekannte Geschichte, im Aarne-Thompson-Index als eigener Typ ATU 333; der Volltext wird als bekannt vorausgesetzt:

——— Schokobohne & Prinzessin Lilli:

Rotkäppchen

aus: jetzt.de, 13. Mai 2012:

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Nachspann Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

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Making of Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Making of Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Making of Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Making of Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Making of Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Making of Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Making of Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Nachspann 2 Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Soundtrack: Amanda Seyfried: Little Red Riding Hood, für: Red Riding Hood – Unter dem Wolfsmond, 2011:

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Written by Wolf

25. Mai 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Das Tier & wir, Romantik

Pflanzenähnlichkeit der Weiber: Novalis und die Frau als Königin, Mineral und Nahrungsmittel

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Update zu Ach! wie ists erhebend sich zu freuen
und Busenalmanach:

Im kollektiven Bewusstsein lebt Novalis als Erfinder der Blauen Blume fort und als Jurist, der nichts mit Zahlen und Figuren anfangen konnte, also mit seinem von Franz Gareis verewigten 27-jährigen Jünglingsgesicht eher harmlos.

Stutzig hätte man längst werden müssen, noch bevor er leichtfertig als Erfinder der Romantik ausgerufen wurde. Das, was Romantik vor dem zielführenden Ambiente aus Teelichtern auf dem Badewannenrand, höhenlastiger Geigenmusik und „was Leckeres kochen“ heißen sollte, hat nicht Novalis definiert, sondern Fichte, Hegel, Kant und Schelling. Novalis wollte — ich vereinfache stark — den Idealismus handlicher und konkreter haben:

Die Welt muss romantisiert werden. So findet man den ursprünglichen Sinn wieder. Romantisieren ist nichts, als eine qualitative Potenzierung. Das niedre Selbst wird mit einem bessern Selbst in dieser Operation identifiziert. So wie wir selbst eine solche qualitative Potenzenreihe sind. Diese Operation ist noch ganz unbekannt. Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehn, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es – Umgekehrt ist die Operation für das Höhere, Unbekannte, Mystische, Unendliche – dies wird durch diese Verknüpfung logarithmisiert – es bekommt einen geläufigen Ausdruck. Romantische Philosophie. Lingua romana. Wechselerhöhung und Erniedrigung.

Fragmente und Studien 1797/1798.

Romantik also nicht als philosophische Richtung, sondern als erstrebenswerte „Operation“ der Universalpoesie, Grenzüberschreitung und Bewusstseinserweiterung. Nun sind rote Rosen keine blauen Blumen, ebensowenig wie die erwähnten Teelichter, Klassik-Playlists und Tiefkühlpizzen, und der Frühromantiker Novalis hätte mithin nichts daran erfunden, sondern allenfalls frühzeitig missbraucht. In den so unverständlich wie möglich gehaltenen Hymnen an die Nacht gab er vollends den Tod als das eigentlich „romantisierende Prinzip des Lebens“ aus — handlich und konkret: den Tod seiner ersten Verlobten, siehe unten. Und dann das:

——— Novalis:

Allgemeines Brouillon

Materialien zur Enzyklopädistik, 1798/99:

NaturLehre. Je lebhafter das zu Fressende widersteht, desto lebhafter wird die Flamme des Genußmoments seyn. Anwendung aufs Oxigène. /Nothzucht ist der stärkste Genuß./ Das Weib ist unser Oxigène –./

Elihu Vedder, Soul in Bondage, via Lou Margi, 30. März 2017Religionsgeschichte. Vorstellung der Gottheit, als eines Verzehrenden und befruchtenden Wesens. Guyon. Nonnen. Bey Mönchen hat Onanie und Paederastie daraus entstehen müssen.

Physik. Das Leben der Pflanzen ist gegen das Leben der Thiere gehalten – ein unaufhörliches Empfangen und Gebären – und lezteres gegen dieses – ein unaufhörliches Essen und Befruchten.

Wie das Weib das höchste sichtbare Nahrungsmittel ist, das den Übergang vom Körper zur Seele macht – So sind auch die Geschlechtstheile die höchsten, äußern Organe, die den Übergang von sichtbaren und unsichtbaren Organen machen.

Der Blick – (die Rede) – die Händeberührungder Kußdie Busenberührungder Grif an die Geschlechtstheile – der Act der Umarmung – dis sind die Staffeln der Leiter – auf der die Seele heruntersteigt – dieser entgegengesezt ist eine Leiter – auf der der Körper heraufsteigt – bis zur Umarmung. WitterungBeschnüffelungAct. Vorbereitung der Seele und des Körpers zur Erwachung des Geschlechtstriebes.

Seele und Körper berühren sich im Act. – chemisch – oder galvanisch – oder electrisch – oder feurig – Die Seele ißt den Körper (und verdaut ihn?) instantant – der Körper empfängt die Seele – (und gebiert sie?) instantant.

MenschenLehre. Ein Mensch kann alles dadurch adeln (seiner würdig machen), daß er es will.

MenschenLehre. Ewige Jungfrau ist nichts, als ewiges, weibliches Kind. Was entspricht der Jungfrau bey uns Männern. Ein Mädchen, die nicht mehr wahrhaftes Kind ist, ist nicht mehr Jungfrau. (Nicht alle Kinder sind Kinder).

Weiter chronologisch nach Werke, Tagebücher und Briefe Friedrich von Hardenbergs in 3 Bänden, alles aus dem 2. Band mit dem philosophisch-theoretischen Werk, hg. Hans-Joachim Mähl und Richard Samuel:

Im Manne ist Vernunft, im Weibe Gefühl /beydes positiv/ das Tonangebende. Die Moralität des Weibes ist im Gefühl — wie die des Mannes, in der Vernunft gegründet.

Über die verschiedene Art der Unterhaltungen beyder Geschlechter.

/Der Mann darf das Sinnliche in vernünftiger Form, die Frau das Vernünftige in sinnlicher Form begehren./

Das Beywesen des Mannes ist das Hauptwesen der Frau.

Fichte-Studien, 6. Handschriftengruppe, 1796.

Träume der Zukunft — ist ein tausendjähriges Reich möglich — werden einst alle Laster exuliren? Wenn die Erziehung zur Vernunft vollendet seyn wird.

Fichte-Studien, 6. Handschriftengruppe, 1796.

Lilith in Rope, DomWithLens, Cosmic Tie, 20. Januar 2016Jede gebildete Frau und jede sorgfältige Mutter sollte das Bild der Königin, in ihrem oder ihrer Töchter Wohnzimmer haben. Welche schöne kräftige Erinnerung an das Urbild, das jede zu erreichen sich vorgesetzt hätte. Ähnlichkeit mit der Königin würde der Karakterzug der Neupreußischen Frauen, ihr Nationalzug. Ein liebenswürdiges Wesen unter tausendfachen Gestalten. Mit jeder Trauung ließe sich leicht eine bedeutungsvolle Huldigungszeremonie der Königin einführen; und so sollte man mit dem König und der Königin das gewöhnliche Leben veredeln, wie sonst die Alten es mit ihren Göttern thaten. Dort entstand ächte Religiosität durch diese unaufhörliche Mischung der Götterwelt in das Leben. So könnte hier durch diese beständige Verwebung des königlichen Paars in das häusliche und öffentliche Leben, ächter Patriotism entstehen.

Glauben und Liebe, 1798.

Es ist mit dem Volke, wie mit den Weibern. Es hat für alles Leidenschaft, was seine Aufmercksamkeit an sich zieht. Es sucht in diesem Gegenstande alles, denn es fühlt durch denselben sein unendliches Wesen in dunckler Ahndung. Je schwächer der Mensch, desto mächtiger, ahndungsvoller und Behaglicher dünckt ihm ein leidenschaftlicher Zustand. Es ist ihm genug, daß er geweckt und gerührt wird – was ihn weckt und rührt ist ihm einerley – er ist noch nicht gebildet genug um irgend eine Wahl zu treffen und die erregenden Gegenstände zu ordnen und zu unterscheiden, oder gar manchen seine Aufmercksamkeit und Theilnahme zu versagen.

Vorarbeiten, 1798.

Sollte nicht für die Superioritaet der Frauen der Umstand sprechen, daß die Extreme ihrer Bildung viel frappanter sind, als die Unsrigen. Der verworfenste Kerl ist vom trefflichsten Mann nicht so verschieden, als das elende Weibsstück von einer edlen Frau. Nicht auch der, daß man sehr viel Gutes über die Männer, aber noch nichts Gutes über die Weiber gesagt findet.

Haben sie nicht die Aehnlichkeit mit dem Unendlichen, daß sie sich nicht quadriren, sondern nur durch Annäherung finden lassen? Und mit dem Höchsten, daß sie uns absolut nah sind, und doch immer gesucht — daß sie absolut verständlich sind und doch nicht verstanden, daß sie absolut unentbehrlich und doch meistens entbehrt werden, und mit höhern Wesen, daß sie so kindlich, so gewöhnlich, so müßig und so spielend erscheinen?

Auch ihre größere Hülflosigkeit erhebt sie über uns, so wie ihre größere Selbstbehülflichkeit — ihr größeres Sklaven- und ihr größeres Despotentalent — und so sind sie durchaus über uns und unter uns und dabey doch zusammenhängender und unteilbarer, als wir.

Würden wir sie auch lieben, wenn dies nicht so wäre. Mit den Frauen ist die Liebe, und mit der Liebe die Frauen entstanden — und darum versteht man keins ohne das Andre. Wer die Frauen ohne Liebe, und die Liebe ohne Frauen finden will, dem gehts, wie den Philosophen, die den Trieb ohne das Object, und das Object ohne den Trieb betrachteten — und nicht beyde im Begriff der Action zugleich sahen.

Vorarbeiten: Teplitzer Fragmente, 1798.

Die Holzkohle und Der Diamant sind Ein Stoff — und doch wie verschieden — Sollte es nicht mit Mann und Weib derselbe Fall seyn. Wir sind Thonerde — und die Frauen sind Weltaugen und Sapphyre die ebenfalls aus Thonerde bestehn.

Vorarbeiten: Teplitzer Fragmente, 1798.

Pflanzenaehnlichkeit der Weiber. Dichtungen auf diese Idee. (Blumen sind Gefäße)

Chemische, Organische und Physiologische Natur der Schönheit eines Körpers.

Fantasien, wie mein Mährchen, über die wunderlichsten Gegenstände.

(Menschenlehre.) Die Frauen haben eigentlich einen entschiednen Sinn für das Äußre: es sind geborne Oryktognosten.

Über die Sphäre der Frauen: die Kinderstube – die Küche – der Garten – der Keller – das Speisegewölbe – die Schlafkammer – die Wohnstube – das Gastzimmer – der Boden oder die Rumpelkammer.

Fragmente und Studien 1799/1800.

Es gibt nur Einen Tempel in der Welt und das ist der menschliche Körper. Nichts ist heiliger, als diese hohe Gestalt. Das Bücken vor Menschen ist eine Huldigung dieser Offenbarung im Fleisch.

(Göttliche Verehrung des Lingam, des Busens — der Stauen.) Man berührt den Himmel, wenn man einen Menschenleib betastet.

Über die Tötung krüppelhafter, alter und kranker Menschen.

Fragmente und Studien 1799/1800.

Der Schleier ist für die Jungfrau, was der Geist für den Leib ist, ihr unentbehrliches Organ dessen Falten die Buchstaben ihrer süßen Verkündigung sind; das unendliche Faltenspiel ist eine Chiffern-Musik, denn die Sprache ist der Jungfrau zu hölzern und zu frech, nur zum Gesang öffnen sich ihre Lippen. Mir ist er nichts als der feierliche Ruf zu einer neuen Urversammlung, der gewaltige Flügelschlag eines vorüberziehenden englischen Herolds. Es sind die ersten Wehen, setze sich jeder in Bereitschaft zur Geburt!

Die Christenheit oder Europa, 1799.

Daraufhin hab ich tatsächlich kurz überlegt, meine dreibändige Novalis-Ausgabe zurückzugeben, aber neuerdings soll man ja Nazis, Frauenunterdrücker und verwandtes Gelichter mit offensiver Freundlichkeit und Verständnis schlagen.

Nicht alles vom Obigen hat Novalis zur Veröffentlichung freigegeben oder auch nur vorgesehen. Der Trick ist jedoch: Er hat es gedacht; unter Zwang wird es ihm niemand diktiert haben, und zumindest Die Christenheit oder Europa wird als das Standardwerk angeführt, wenn es zu beweisen gilt, dass man sich aus dem Novalis nicht nur „die Schwindsucht herauslesen“ kann (Heine), sondern dass der Mann — „Bergstudent“ — auf der Höhe des theoretischen Wissens seiner Zeit stand.

Christiane Wilhelmine Sophie von Kühn, Kleinert nach dem Verlobungsring von NovalisDa war Novalis um die 26. Mit 23 hatte er sich mit einer 13-Jährigen verlobt:

Ich habe zu Söphchen Religion — nicht Liebe. Absolute Liebe, vom Herzen unabhängige, auf Glauben gegründete, ist Religion.

Erzählen Sie das mal einer Heranwachsenden — als Tipp: in Abwesenheit der Erziehungsberechtigten — und warten Sie ab, ob hinterher die Heranwachsende geschädigt ist oder Ihre Geschlechtstheile. Die hier betroffene Sophie von Kühn wusste sich der drohenden Ehe, gerade vorgestern 15 geworden, nur durch ihren eigenen Tod an Tuberkulose zu entziehen.

Solche Stellen habe ich nicht gesucht, und wenn mir daran läge, würde ich nicht ausgerechnet bei Novalis damit anfangen — umso schlimmer, dass ich welche gefunden habe und erleben muss, wie der gefühlsselige junge Mann in seinen privaten Aufzeichnungen der Vergewaltigung und dem sexuellen Missbrauch Minderjähriger das Wort redet, Frauen bis zum Reich der Pflanzen und – darauf muss einer erst mal kommen –: der Nahrungsmittel, Mineralien und chemischen Elemente entmenschlicht, sein ganzes gequirltes Frauenbild philosophisch untermauert und dann vorsichtshalber vom öffentlichen Herumtrompeten ausnimmt.

Und nein: Das ist nicht „zeitlich bedingt“, „historisch verankert“ oder auch nur damit zu rechtfertigen, dass ja auch Genies wie Poe ihnen blutsverwandte Kinder geheiratet haben — das ist einfach nur die Erwägung: Wie weit hatte der Kerl eigentlich noch den Arsch offen?

Mir steht nicht zu, Novalis zu zerlegen, ich bringe einfach nur keine Freundlichkeit und Verständnis für so einen Galimathias auf. Als Versuch einer Ehrenrettung deshalb noch eins — ohne zu verschweigen: Es ist das späteste in der Reihe — aus den Fragmenten und Studien 1799/1800 — und richtig eins zum Auswendigmerken und Anbringen in geeigneten Momenten:

Mit Recht können manche Weiber sagen, daß sie ihren Gatten in die Arme sinken — Wohl denen, die ihren Geliebten in die Arme steigen.

Weißenfels an der Saale, Zu Gast bei Novalis. Jahrestagung Exil-P.E.N., Exil-Schriftsteller treffen sich in Weißenfels, 26. Oktober 2017

Bilder:

  1. Elihu Vedder: Soul in Bondage, via Lou Margi, 30. März 2017;
  2. Lilith in Rope: Cosmic Tie, 20. Januar 2016:

    This was incredible to be a part of. Three models, One rigger, One Photographer, and Two assistants. As Gorgone said there was just the right amount of rope, people, strength, and talent to make this all happen. I couldn’t think of a better way to end an epic weekend of rope and friends!!!

    Models are Sarifka Morgan, myself, and Ebibex. Rigging by Gorgone. Photo by DomWithLens.

  3. Christiane Wilhelmine Sophie von Kühn (* 17. März 1782, † 19. März 1797) von Kleinert, nach dem Verlobungsring von Novalis;
  4. Weißenfels an der Saale: Zu Gast bei Novalis: Jahrestagung Exil-P.E.N.: Exil-Schriftsteller treffen sich in Weißenfels, 26. Oktober 2017:

    Mit Novalis steht einer der berühmtesten Söhne der Stadt im Mittelpunkt der Jahrestagung von Exil-P.E.N. Der frühromantische Dichter lebte bis zu seinem Tod in der Saalestadt.

  5. Adam Rhoades: Anticipation, 12. August 2009.

Adam Rhoades, Anticipation, 12. August 2009

Soundtrack: Miss Derringer: Better Run Away From Me, aus: Lullabies, 2008:

Bonus Track: Novalis: Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren, aus: Brandung, 1977:

Written by Wolf

11. Mai 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Weisheit & Sophisterei

Um meiner Mannheit Tiefgang auszuloten

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Update zu Meines Schooßes Lippen,
Ich will mich wie mein Schwanz erheben
und Krabbelröschen und in mehrerlei Hinsicht das Gegenteil
zu The boys and girls are one tonight (I marry the bed):

Ja, es wäre eine bessere Welt, wenn man unzulängliche Wikipedia-Beiträge einfach ändern könnte.

Kathrin Passig: Kommentar #9 zu: HM!, in: Riesenmaschine, 31. Oktober 2006, 00.42 Uhr.

Vensuberg, Fiedler's Skeleton series, TumblrMit den klassischen Schweinereien ist es so: Hinterher will sie keiner geschrieben haben. Friedrich Schlegel zum Beispiel kann aller Wahrscheinlichkeit nichts dafür, dem wurden die zehn Erotischen Sonette erst annähnernd hundert Jahre posthum an-gedichtet.

Im Verdacht der Urheberschaft stehen Alexander Bessmertny, Otto Julius Bierbaum, Franz Blei, Carl Georg von Maassen und eine ganze — siehe weiter unten — zwar vage auszumachende, aber nicht endgültig dingfest zu machende „Privatdruckszene“ nach 1900.

Nun ist ein Vorteil an eher abseitigen Wikipedia-Artikeln, dass sie keiner großen Änderungshistrorie unterliegen, sondern in Ruhe gelassen werden, bis sich nach mehreren Internet-Äonen endlich wieder ein Geek ihrer erbarmen kommt. So gesehen sind kontroverse Artikel wie etwa der über Donald Trump, Neoliberalismus oder Flug MH370 langweilig, weil man die so oder so sehen oder beides auch lassen kann, was sich in ihrer hibbeligen Fluktuation spiegelt. Alexander Bessmertny dagegen ist der Welt- und Zeit- fast so egal wie der Kulturgeschichte, weswegen sich ein engagierter und gut informierter Wikipedia-Nutzer über ein Nebenthema austoben konnte, das ihm proaktive Beobachter heißer Eisen aus einem Wiki-Smash-Hit längst wegen Irrelevanz herausgekürzt hätten.

Ich selber bin registrierer Wikipedia-Nutzer, wenngleich meine proaktive Zeit schon ein, zwei Betriebssysteme zurückliegt. Alle meine neu angelegten Artikel sind, sooft ich nachschaue, nicht ihrer eigenen Irrelevanz zum Opfer gefallen, sondern florieren still in ihren Nischen. Besonders stolz bin ich auf meine „Bernstein-Hypothese„, die heute gegenüber meiner Urversion von 2006 nicht wiederzuerkennen ist. Und deshalb werde ich mich hüten, so wichtige Nebensachen wie den Ausflug über die Erotischen Sonette innerhalb der Lebensdarstellung eines kurischen Juden, was technisch von jedem Telephon aus möglich wäre, vor lauter Themenstringenz zu unterbinden.

Woanders steht der nämlich nicht. Bis jetzt:

Vensuberg, Fiedler's Skeleton series, Tumblr

Bessmertny gilt als Verfasser der (pornographischen) „Zehn Sonette“, die seit ihrem erstmaligen Druck (1912?) dem romantischen Dichter Friedrich Schlegel (1772–1829) zugeschrieben worden sind. Einziger Zeuge für die Zuschreibung an Bessmertny ist der deutsche Literaturwissenschaftler Paul Englisch, der diese in den Jahren 1929 und 1931 an gleich fünf Stellen (in drei Publikationen) mit unterschiedlichen, teils voneinander abweichenden Formulierungen vorgenommen hat. Zunächst im 2. Band des „Bilderlexions der Erotik“ (1929) gleich zweimal, nämlich jeweils unter den Stichworten „Namensmissbrauch“ und „Franz Blei“; sodann im 2. Band seiner Geschichte der erotischen Literatur (Irrgarten der Erotik, Leipzig 1931; S. 190); und schließlich, im zuletzt genannten Band von ihm selbst als Quelle angegeben, in Bd. IX (= Ergänzungsband, erschienen 1929, hg. v. Paul Englisch) des sog. Hayn / Gotendorf (dort S. 530).

Fasst man die Aussagen P. Englischs zusammen, enthalten sie im Wesentlichen drei Behauptungen: 1. Der Erstherausgeber der „Zehn Sonette“ sei Franz Blei; dieser habe eine „niedliche Mystifikation“ vorgenommen, indem er die Sonette Friedrich Schlegel zuschrieb. 2. Erstmals gedruckt wurden die „Zehn Sonette“ in der Sammlung „Erbrochene Siegel“ im Jahr 1912. 3. Der wirkliche Autor sei Alexander Bessmertny. Soweit sich Englischs Darlegungen überprüfen lassen, treffen sie nur teilweise zu. Die genannte Sammlung von 1912 enthält tatsächlich die „Zehn Sonette“, und sie enthält auch (dort S. 35) die Zuschreibung an Schlegel. Doch die Sprache der „Zehn Sonette“ ist, das wird jeder Kenner bald spüren, eher die der Zeit um 1900 als die der Zeit um 1800. Insofern spricht auch sprachliche Plausibilität eher für 1912 als für eine Zeit vor 1829. Zahlreiche spätere Ausgaben des Textes lassen sich nachweisen (z.B. von 1926 und 1930), jedoch keine frühere.

Letztlich muss die Autorschaft der Sonette allerdings weiter als ungeklärt gelten. Denn die Sammlung „Erbrochene Siegel“ wurde keineswegs von Franz Blei herausgegeben, sondern gilt weithin als Werk des bekannten Bibliophilen und Literaturhistorikers Carl Georg von Maassen (1880–1940). Von diesem dürfte dann auch die Schlegel-Zuschreibung stammen – und letztlich vielleicht auch die „Zehn Sonette“ selbst. Maassen selbst hat um 1910 grotesk-satirische Gedichte im „Simplizissimus“ publiziert (vgl. NDB) und er gründete (u.a. zusammen mit Franz Blei!) die Gesellschaft der Münchener Bibliophilen (1907–1913) – beides würde zu Sonetten und Zuschreibung passen. Womöglich hat Maassen in „Erbrochene Siegel“ mit dieser fiktiven literarhistorischen Vignette ausprobiert, was er wenig später (in seinem „Grundgescheuten Antiquarius“, 1920–1923) mit realen Autoren der Romantik fortführte.

Ungeklärt bleibt auch, warum H. L. Arnold, der in seiner Sammlung „Dein Leib ist mein Gedicht“ (Bern u.a. 1970) die zehn Sonette ebenfalls abdruckt, als Quelle angibt: „Aus Zehn Sonette, o.O. o.J. (1880)“ (S. 208). Telefonisch dazu befragt (Januar 2011) besteht Arnold darauf, dass es sich bei dieser Angabe NICHT um eine neuerliche Mystifikation seinerseits gehandelt habe, sondern dass dies die Angaben zu einem entsprechenden Privatdruck der Zeit gewesen seien. Einzelheiten seien ihm nicht mehr erinnerlich. Falls die Jahresangabe 1880 stimmt, kann Bessmertny, der ja erst 1888 geboren wurde, NICHT der Autor der zehn Sonette sein, und natürlich auch nicht Maassen. Letzterer ist jedoch 1880 geboren – vielleicht kam es dadurch zu einer Verwechslung.- Arnold schreibt im übrigen in der Vorbemerkung seiner erwähnten Sammlung von 1970 (S. 7), „andere“ (konkrete Belege nennt er nicht) schrieben die Sonette dem Schriftsteller Otto Julius Bierbaum (1865–1910) zu. Falls Arnold wirklich ein Druck der Sonette aus dem Jahr 1880 vorgelegen haben sollte, dann muss ihm klar gewesen sein, dass zumindest diese Zuschreibung kaum stimmen konnte, da Bierbaum zu jenem Zeitpunkt erst 15 Jahre alt gewesen ist. Davon abgesehen, hätte jedoch eine Zuschreibung an Bierbaum einiges an Plausibilität für sich, denn er hinterließ u.a. ein breites lyrisches und erzählerisches Gesamtwerk, das weitgehend von Anlehnungen an ältere Vorbilder bestimmt ist und für seine gelegentliche „Schlüpfrigkeit“ bekannt.

Wer auch immer letztlich der Verfasser der „Zehn Sonette“ gewesen ist – Friedrich Schlegel war es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht. Ob Franz Blei, Alexander Bessmertny, Carl Georg von Maassen, Otto Julius Bierbaum oder vielleicht ein anderer aus der breiten „Privatdruckszene“ nach 1900 – in jedem Fall trifft zu, was Arnold im erwähnten Vorwort schreibt: „die philologische Akribie der späteren Herausgabe“ ist „eine ebenso ironische wie humorvolle Parodie auf die positivistischen Texteditionen des späteren 19. Jahrhunderts.“ (S. 7)“

Es folgen die pornographischen Primärtexte. Bitte trotz des Vintage-Charakters nur ab einer gewissen sittlichen Reife weiterlesen. Ab 18 Jahren:

Vensuberg, Fiedler's Skeleton series, Tumblr

——— Friedrich Schlegel (zugeschrieben):

Erotische Sonette

vor 1829, wahrscheinlicher aus: Erbrochene Siegel, ca. 1912:

Erstes Sonett

Vensuberg, Fiedler's Skeleton series, TumblrUm meiner Mannheit Tiefgang auszuloten,
Ging ich mit nacktem Glied zu Keuschgesinnten.
Ich glaubte, diese deutlichste der Finten
Sei zwingender als Zahlen oder Zoten.

Ich trat zu Mädchen unversehns von hinten,
Sprach sanft sie an und spielte den Zeloten.
Dann fragt‘ ich plötzlich, wann sie denn den roten
Gewaltherrn hätten, und wie lang sie minnten.

Sie sehn verdrehten Auges auf den Stecken,
Der ihnen doch galant entgegensteht.
Ich hebe sie, darauf zu stülpsen.

Zuerst wohl würgen, schreien sie, und rülpsen,
Dann fließt die Lust, und alles Weh vergeht.
Bis sie zutiefst gekitzelt drauf verrecken.

~~~\~~~~~~~/~~~

Zweites Sonett

Du meine Hand bist mehr als alle Weiber,
Du bist stets da, wie keine Frau erprobt,
Du hast noch nie in Eifersucht getobt,
Und bist auch nie zu weit, du enger Reiber.

Ovid, mein Lehrer weiland, hat dich recht gelobt,
Denn du verbirgst in dir ja alle Leiber,
Die ich mir wünsche. Kühler Glutvertreiber,
Dir hab ich mich für immer anverlobt.

Ich stehe stolz allein mir dir im Raume
Und streichle meine bläulichrote Glans.
Schon quirlt sich weiß der Saft zum Schaume,

So zieh ich aus Erfahrung die Bilanz:
Die Zweiheit paart sich nur im Wollusttraume,
Sonst paart sich meine Faust mit meinem Schwanz.

~~~\~~~~~~~/~~~

Drittes Sonett

Vensuberg, Fiedler's Skeleton series, TumblrDer rauhe Ost, der früh nach Rom mich jagte,
Ward dort zum Zephir hyacinthner Lüste.
Und keiner, der nur immer Mädchen küßte,
Rühm seinen Schwanz, daß er im Himmel ragte.

Auch mich erregen noch die herben Brüste
Kampan’scher Mädchen, doch wie oft verzagte
Mein Meerschaum an dem fremden Golf und klagte
Daß ohne recht‘ Verständnis diese Küste.

Wie anders schmiegte sich der Arsch des Knaben
dem Schwanz in lieblich-rundlichem Gehaben;
Kein Weib hat so behende mit der Zunge

Die Eichel mir geleckt wie dieser Junge.
Oh, könnt‘ ich doch an deinem Marmorhintern,
Mein Knabe, viele Monde überwintern … !

~~~\~~~~~~~/~~~

Viertes Sonett

Von allen Männern, die dich je bedrohten
Bin ich der geilste: sieh‘ mich zitternd an … !
Ich zerre deine Brüste Spann für Spann
Und werde sie auf deinem Rücken knoten.

Auch deine Füße knüpfe ich daran,
Und binde deine kleinen weißen Pfoten.
Und wenn den Leib du röchelnd mir geboten
Bewunderst du in mir den starken Mann.

Und wenn du schreist, so schlitz‘ ich deinen runden
Und weichen Leib mir auf mit kaltem Streiche.
Dann saugen sich die Lippen deiner Wunden

Um meinen Schwanz, daß ich vor Lust erbleiche.
Jedoch, mein Glück, es reift nicht aus zu Stunden:
Du riechst schon sehr, mein Torsoschatz, nach Leiche.

~~~\~~~~~~~/~~~

Fünftes Sonett

Vensuberg, Fiedler's Skeleton series, TumblrSo liegst du gut. Gleich wird sich’s prächtig zeigen
Wie klug mein Rat: ich schiebe meinen Dicken
In dein bemoostes Tor – man nennt das Ficken.
Du fragst warum? – Davon laß jetzt mich schweigen.

Schon seh‘ ich Schmerz in deinen blanken Blicken,
Das geht vorbei: du mußt zurück dich neigen,
Gleich wird dein Blut dir jubeln wie die Geigen
Von Engeln, welche ihre Brünste schicken

In bebender Musik zum Ohr der Welt.
Famos! … Du einst dich mir in bravem Schaukeln,
Die Schenkel schmiegen pressend, es umgaukeln

Mich Düfte, die mich locken in die Unterwelt.
Ein Stoß – ein Schrei! … Die weißen Glieder zittern
Im Kampf wie Apfelblüten in Gewittern.

~~~\~~~~~~~/~~~

Sechstes Sonett

Ich flehe dich um Wunden und um Male
Von deinen Händen, die mich heilig sprechen.
Du sollst das Glied, das du gesaugt, zerbrechen.
Das steif geragt in deine Kathedrale.

Schlürf‘ aus den Quell, der einst in weißen Bächen
In deinen Kelch gespritzt beim Bachanale! …
Gieß jetzt die letzte Kraft in deine Schale.
An meinem Blute magst du dich bezechen! …

Nimm scharfe Peitschen und geglühte Zwingen.
Schlag‘ fester zu und quäle meine Hoden! …
Laß tiefsten Schmerz das höchste Glück mir bringen.

Mein Stöhnen preist dich brünstiger als meine Oden.
Und wenn die letzten Schreie dich umklingen
Hörst du den Dank vom seligen Rhapsoden.

~~~\~~~~~~~/~~~

Siebentes Sonett

Vensuberg, Fiedler's Skeleton series, TumblrDer Müllerbursche schiebt hinauf zur Mühle
Auf seinem Karren einen Mühlenstein.
Und in die Öffnung schob er glatt hinein
Sein steifes Glied und schaffte so sich Kühle.

Die blonde Müll’rin sieht’s im Sonnenschein.
Und trotz der unerträglich dumpfen Schwüle
Läuft sie hinab, daß prüfend sie’s befühle:
Sie faßt und fühlt, es ist von Fleisch und Bein.

„Na hör‘, mein Junge“, ruft sie sehr brutal,
„Was soll die Schweinerei mit deinem Schweif? .. !
Ist das die Prüfung, die ich dir befahl.

Ob du auch würdig wärest für mein Bett?“
Doch er zeigt nur die Inschrift um den Reif.
Und ach, sie liest gerührt: Elisabeth … !

~~~\~~~~~~~/~~~

Achtes Sonett

Ich ward erlöst, zum Weltweib umgeschaffen,
Des irren Wanderns letzte höchste Feier.
Ich rag‘ ins Dämmerlicht, verhüllt vom Schleier
Der Sterne mit den bleichen Mondagraffen.

Zur Erde send‘ ich meinen Himmelsgeier,
Der ruft die letzten geilen Menschenaffen.
Ich werde meine Röcke höher raffen
Und alle grüßen als willkomm’ne Freier.

Ich höre schon ihr heis’res Brunstgeschrei.
Die Schwänze zucken und die Zungen lallen.
Begattend dünken sie sich schicksalsfrei.

Doch werden sie in meine Scheide fallen,
Dann will ich sie Kometen gleich mit kurzen
Und hellen Knallen in den Weltraum furzen.

~~~\~~~~~~~/~~~

Neuntes Sonett

Vensuberg, Fiedler's Skeleton series, TumblrVerschüchtert von des Purpurbett’s Umschattung
Horcht die Prinzessin in die schwarzen Ecken.
Ihr dünkt ein schalkhaft kichernd‘ Necken,
Ein seltsam‘ Künden fürstlicher Begattung.

Der Prinz harrt zweifelnd seiner Kraft Erwecken
Und früh vertaner Jugend Rückerstattung.
Wie peinlich würde heute die Ermattung
Die junge Frau aus der Umarmung schrecken.

Er droht des frechen Narren fröstelnd Lachen,
Flucht seiner Jugend mondbeglänzten Nachen
Und glaubt nicht mehr an schwarzer Kräuter Sieden.

Denn selbst die einst so treuen Canthariden,
Sie haben ihren Wirkungspol verrückt
Und reichen nur, daß er den Nachtstuhl schmückt.

~~~\~~~~~~~/~~~

Zehntes Sonett

Ich höre fern das Plätschern deiner Wasser.
Ich fühl‘ mein Herz in meine Hoden sinken.
Es drängt mich wieder, dein Pipi zu trinken,
Weil ich ein ruchlos raffinierter Prasser.

Man lügt, daß deine gelben Quellen stinken.
Mich macht ihr Duft, wenn ich sie trinke, blasser.
Ich möcht‘, ein Kieselstein, ein ewig nasser,
In deinen Fluten selig schimmernd blinken.

So wirst du mir, Geliebte, ganz zu eigen,
Wie mehr als in des Marterbergs Ersteigen
Im Abendmahle Einer Gott verwandt.

In deiner Krypta ein verschwieg’ner Brand,
Laß züngeln mich in allen roten Winkeln
Und zischend sterben in topas’nem Pinkeln.

Bilder: Vensuberg: Fiedler’s Skeleton Series, 17. Juni 2016;
Soundtrack: Mac Davis: It’s Hard to Be Humble, aus: Hard to Be Humble, 1980,
in: The Muppet Show 514, 22. November 1980:

Written by Wolf

27. April 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Romantik

Królowa nieba niezrównany (Himmels Königin ohne Gleichen)

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Update zu Jug,
Und zwar es ist ja doch so und
Beiträge zur Arbeitsmoral (Ich begreif nicht, was Ihr habt):

Gibt es eigentlich noch Menschen, die sich über Deppenapostrophe echauffieren? Weiter gedacht: Sind Deppenleerzeichen noch diskutierwürdig?

Glogau, Oder Jesuitenkirche, Ansichtskarte 1934Offensichtlich sind sie das, jedenfalls unter Nachwuchshipstern, die beim nächsten großen Ding hinterherhinken. Als man Max Goldt noch alles glauben konnte, hat er das Richtige über „Deppenapostrophe“ gesagt. Das war 1993, lange vor der Gründung der ersten Homepages, wo nicht gar Websites zur Geißelung vermeintlich falscher Rechtschreibung:

Liebe Leute: mich interessiert diese Mode, an Apostrophen zu mosern, überhaupt nicht. Wenn es Autoren gefällt, in den neuen Bundesländern, statt die dortigen Kunstschätze zu besichtigen, falsch geschriebene Imbißbuden zu photographieren und zu diesen Photos kleinkarierte Nörgelartikel mit rassistischer Tendenz zu verfassen, dann ist das deren Problem. Ich stehe fest zu meiner Überzeugung, daß es eine erstrangige charakterliche Widerwärtigkeit ist, sich über anderer Leute Rechtschreibfehler lustig zu machen. Erstaunlich ist, wie verbiestert gerade Leute, die sonst allen möglichen Regelwidrigkeiten oder sogar dem Anarchismus das Wort reden, sich über die paar überflüssigen Stricheleien ereifern.

Aktueller äußert sich der Sprachkolumnist Cus: Und Helga hat doch recht, Süddeutsche Zeitung, 22. September 2017:

Was die Oberlehrer gar nicht wissen wollen: Wahre Meister der Sprache lassen sich von kleinlichen Vorschriften nicht verdrießen. Thomas Mann, schludrigen Sprachgebrauchs nicht verdächtig, korrigierte in seine Gesamtausgabe von 1960 wieder die Apostrophe hinein, die ein übereifriger Lektor herausgestrichen hatte. Bravo, Mann! Und zwar immer dann, wenn ein Name auf einen Vokal endet: Tonio’s und Rebecca’s schrieb er folglich, alles andere empfand er als hässlich. Unsere dermaßen gescheiten Wutbürger von heute würden ihn des Deppenapostrophs bezichtigen, die von gestern verbrannten seine Werke.

Noch weniger als etwaige Schreibnachlässigkeiten müssen wir diskutieren, dass niemand jemals so weit hätte gehen dürfen, und selbst solche, die diesen Weg Schutze ihrer Kultur für den geeigneten hielten, schlugen ihn nicht wegen falsch gesetzter Hochkommata ein; übrigens erinnere ich mich an die ausdrückliche Rechtfertigung seiner Apostrophe vor Genitiv-s des ach so unpolitischen Emigranten Thomas Mann: „Ich finde, das Auge verlangt entschieden danach“, kann sie aber nicht nachweisen. Kennt jemand die Stelle?

Hans-J. Breske, Es fehlen immer noch die Turmhauben, Neuer Glogauer Anzeiger, Nummer 11, November 2010Rechtschreibung war lange Sache eines Sprachgefühls der professionellen oder gelegentlichen Schreiber, die richtigen oder falschen Schreibweisen der individuellen Autorität und Expertise unterworfen, dem vermuteten Auffassungsvermögen der angesprochenen Leser – vorgesetzte Herrscher, zu unterweisende Gottesgläubige, auswärtige Handelspartner – und regionalen Spracheigenheiten – in Sachsen anders als im Rheinland, an der Etsch anders als am Belt – und zwar wesentlich anders. Groß angelegte Bestrebungen, Sprech- und Schreibweisen möglichst weitreichend zu vereinheitlichen, fangen ungefähr mit der Lutherschen Bibelübersetzung an, die sich immerhin an eine große Menge von Sprachgemeinschaften wandte, die sich allesamt als deutsch verstanden – also um 1545.

Und die Sprachentwicklung schreitet schnell: In der heutigen neuhochdeutschen Standardsprache richtet sich Österreich nach einem eigenen Duden, die Schweiz benutzt gar eine eigene Tastaturbelegung. 40 Jahre DDR haben gereicht, um ein – im Vergleich zum mittelalterlichen – recht fest umrissenes Sprachgebiet in zwei eindeutig unterschiedene Varianten zu teilen, von den Ausprägungen fortbestehender deutschsprachiger Minderheiten in aller Welt zu schweigen.

Weil wir über Deutschland reden, stellen wir ab der Barockzeit Gesellschaften zur organisierten Pflege der Sprache fest, allen voran die Fruchtbringende Gesellschaft 1617 bis 1680, die Aufrichtige Tannengesellschaft 1633 bis 1670, die Deutschgesinnte Genossenschaft 1643 bis 1705 unter dem schätzbaren Philipp von Zesen, den Elbschwanenorden 1656 bis 1667, aber 2005 vom Verein Deutsche Sprache wiederbelebt, und die Nürnberger Gesellschaft vom Gekrönten Blumenorden von der Pegnitz, vulgo Pegnesischer Blumenorden oder Societas Florigera ad Pegnesum ab 1644, die lückenlos bis heute besteht. Die Missstände, die solche Organisationen erkannten und mit als geeignet befundenen Methoden bekämpften, waren ein gedankenloser Gebrauch der Sprache, zu viele Anteile der deutschen an der französischen Sprache, vergleichbar mit der heutigen Kritik am Denglischen, oder zu wenige oder zu unklar vermittelte Regeln für die Herstellung von Literatur in ungebundener und lyrischer Form. Dagegen traten auch Einzelpersonen wie Gottfried Wilhelm Leibniz mit seiner Ermahnung an die Deutschen. Von deutscher Sprachpflege 1697 oder Martin Opitz mit seinem Buch von der Deutschen Poeterey 1624 auf. Manche davon – unter anderem der rezente Verein Deutsche Sprache – haben ihre Mission immer wieder übertrieben und sich der Lächerlichkeit preisgegeben. Ein normativer Vorläufer des Duden wird ab 1774 mit dem „Adelung“ benutzt: Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, wenn auch noch mit unterschiedlich wahrgenommener Verbindlichkeit.

Zelem, Kościół Bożego Ciała, d. jezuitów Głogów, ul. Powstańców 1, Głogów, 10. August 2010Auf eine viel kürzere Geschichte kann die Kritik der Deutschsprachigen an der deutschen Sprache verweisen, sobald sie das übermäßige Trennen zusammengesetzter Wörter bemängelt. Traditionell macht sich das Deutsche eher durch zu lange Zusammensetzungen zum Gespött: Die „Freundschaftsbezeigungen“, „Dilettantenaufdringlichkeiten“, „Stadtverordnetenversammlungen“ und sonstigen „Umzüge sämtlicher Buchstaben des Alphabets“, vor denen es angeblich im Deutschen wimmelt, waren Mark Twain 1880 aufgefallen — das nur als prominentes und durchaus vergnügliches Beispiel. Spätestens seit nicht mehr kunstvoll verschraubte Hypotaxen einen wünschenswerten Sprech- und Schreibstil kennzeichnen, sondern schnell fassbare Hauptsätze, mag es Schreibern beigefallen sein, Komposita aufzulösen, wie es das im Lauf der Sprachgeschichte immer präsentere Englisch in systemkonformer und korrekter Weise pflegt. Hier fällt der Nachweis ebenfalls schwer, weil die Kritik daran meist in der Zurschaustellung und Geißelung der – zugegeben zahlreichen und oft eindeutig falschen – Fallbeispiele als „Deppenleerzeichen“, dem allzu nahen Verwandten des „Deppenbindestrichs„, steckenbleibt. Soviel wird immerhin erkennbar: dass ein instinktives Bedürfnis danach besteht, Komposita zugunsten der Schlichtheit zu entzerren, und sei es auf Kosten der Korrektheit – wie Thomas Mann (vielleicht) sagte: „Das Auge verlangt entschieden danach.“

Für zum Beispiel 1816 dürfen wir eine verhältnismäßig urtümlichere Schreibweise als für zwei Jahrhunderte später voraussetzen, den so verbreiteten wie verbindlichen Adelung hin oder her. Dem etwas hämischen Vergnügen nachgehend, zwielichtigen Verfehlungen anerkannter, ihrerseits normativ gewordener Klassiker hinterherzuspüren, lesen wir aus den Nachtstücken von E. T. A. Hoffmann: Die Jesuiterkirche in G. wieder. Dort ist mit „G.“ Glogau, das heute polnische Głogów gemeint, die Jesuiten residierten damals in der Corpus-Christi-Kirche, polnisch Kościół Bożego Ciała w Głogowie.

——— E. T .A. Hoffmann:

Die Jesuiterkirche in G.

aus: Nachtstücke, 1816:

Wir gingen nach der Kirche, der Professor ließ das Tuch von dem verhängten Gemälde herunternehmen, und in zauberischem Glanze ging vor mir ein Gemälde auf, wie ich es nie gesehen. Die Komposition war wie Raffaels Stil, einfach und himmlisch erhaben! – Maria und Elisabeth, in einem schönen Garten auf einem Rasen sitzend, vor ihnen die Kinder Johannes und Christus, mit Blumen spielend, im Hintergrunde seitwärts eine betende männliche Figur! – Marias holdes himmlisches Gesicht, die Hoheit und Frömmigkeit ihrer ganzen Figur erfüllten mich mit Staunen und tiefer Bewunderung. Sie war schön, schöner als je ein Weib auf Erden, aber so wie Raffaels Maria in der Dresdner Galerie verkündete ihr Blick die höhere Macht der Gottes-Mutter. Ach! mußte vor diesen wunderbaren, von tiefem Schatten umflossenen Augen nicht in des Menschen Brust die ewigdürstende Sehnsucht aufgehen? Sprachen die weichen halbgeöffneten Lippen nicht tröstend, wie in holden Engels-Melodien, von der unendlichen Seligkeit des Himmels? – Nieder mich zu werfen in den Staub vor ihr, der Himmels Königin, trieb mich ein unbeschreibliches Gefühl – keines Wortes mächtig, konnte ich den Blick nicht abwenden von dem Bilde ohne Gleichen. Nur Maria und die Kinder waren ganz ausgeführt, an der Figur Elisabeths schien die letzte Hand zu fehlen, und der betende Mann war noch nicht übermalt. Näher getreten, erkannte ich in dem Gesicht dieses Mannes Bertholds Züge.

Brigitte Marufke, Corpus-Christi-Kirche, frühere Jesuitenkirche, 2005

Bilder: Glogau/Oder Jesuitenkirche, Ansichtskarte 1934, Geschäfte und Jesuitenkirche — Glogau;
Hans-J. Breske: Es fehlen immer noch die Turmhauben,
Neuer Glogauer Anzeiger, Nummer 11, November 2010, via Glogauer Heimatbund;
Zetem: Kościół Bożego Ciała, d. jezuitów Głogów, ul. Powstańców 1, Głogów, 10. August 2010;
Brigitte Marufke: Corpus-Christi-Kirche, frühere Jesuitenkirche, 2005,
aus: Quer durch Mitteleuropa mit Schwerpunkt Mittelpolen.

Deutsch-osteuropäischer Soundtrack: Rammstein: Du hast, aus: Sehnsucht, 1997,
einmal von Dobranotch aus Russland und einmal von Лос Колорадос aus der Ukraine,
jedenfalls zweimal dreimal besser als das Original:


Written by Wolf

16. März 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Vier letzte Dinge: Himmel

Lichtmess-Gewinnspiel: Es kommt ja auch so viel zurück (verlängert bis 18. Februar 2018)

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Update zu Valentinsgewinnspiel: Ich bin nichts Offizielles (geschlossen),
zugleich Ein kleines Helles für Elke:

Weihnachten spendet ja schon jeder was. Wie ich nicht müde zu betonen werde, ist aber der liebenswerteste Feiertag des Jahres eben nicht Weihnachten, sondern Mariä Lichtmess, das Ende der liturgischen Weihnachtszeit: weil da noch richtig Frühling ist, aber langsam messbar welcher werden will, weil es der Tag der Brigid ist, der Personifikation der Dichtkunst und Beschützerin der Poeten, und weil man sich da nix schenken muss, außer man möchte gern.

Na, dann feiern wir doch Mariä Lichtmess. Das geht so: Sie spenden Summen Geldes, ich belohne Sie mit Büchern und CDs dafür. Wer an eine der folgenden Organisationen, einfach so, außerhalb der gängigen Weihnachtsfeiertage, in seiner Wohltätigkeit etwas spendet, kriegt was richtig Schönes von mir. Verlinkt sind praktischerweise die Spendenmöglichkeiten:

Das sind in aufsteigender Reihenfolge der von mir subjektiv empfundenen Wichtigkeit Organisationen, die mir am Herzen liegen: Das Goethezeitportal ist sehr verdienstreich und präsent für mein Online-Schaffen, aber nicht verzweifelt bedürftig; das Lyrik-Kabinett ist ähnlich verdienstreich für Lyriker, die noch am Leben sind, außerdem bewohnen sie eine liebenswert kuschlige Hiterhofbutze im Münchner Universitätsviertel, in der sie den lyrisch Interessierten glaubwürdig freundlich empfangen und wahlweise mit Kaffee versorgen oder in Ruhe studieren lassen — lang sollen sie leben, diese Helden der postkapitalistischen Gutherzigkeit; ja, und die Seniorenhilfe Lichtblick wendet sich mit möglichst unbürokratischen, aber pickelhart geldwerten Mitteln gegen Altersarmut. Menschen wie Sie und ich, die ihre Freizeit — und womöglich noch ihre Arbeitszeit — an die Literatur egal welcher Epoche wenden, werden sich noch schmerzlich für Begriffe wie „Versorgungslücke“ und „Grundsicherung“ interessieren müssen, glauben Sie’s ruhig.

Das halte ich für ein sehr viel dringlicheres politisches Thema als irgendwelches Flüchtlings-Hickhack. An jemanden zu spenden, der demnächst auf meiner Seite stehen könnte, grenzt an praktizierte Altersvorsorge, um nicht zu sagen: Eigennutz. Es ist also schlau, sein Geld auszugeben, solange noch eins da ist.

Das sind Vorschläge. Niemand muss sich genieren, diese Läden unterstützt zu haben, und sie sind allesamt gemeinnützig, das heißt: Was immer Sie spenden, können Sie von der Steuer absetzen. Zulässig sind noch sehr viele andere Adressen, die ich ebenfalls anerkennen werde, sagen wir: Amnesty International, Strahlemännchen, Animals‘ Angels, Attac, Ihr örtliches Tierheim, die Freiwllige Feuerwehr, das Rote Kreuz, solche Sachen.

Nachdem Sie gespendet haben, sollten Sie mich nämlich wissen lassen, an wen und wie viel. Dann entscheide ich, was ich Ihnen dafür schenke. Ich würde ja gern sagen, hey, ich verdopple einfach den Betrag, aber dann wedeln wieder alle mit den Hundertern, und die Seniorenhilfe Lichtblick wartet auf meine Aufstockung, bis sie mich unterstützen muss.

Spenden Sie, soviel Sie wollen, soviel Sie können; sehen Sie’s nicht als Opfer, sehen Sie’s so, dass Sie andere an Ihren Privilegien teilhaben lassen. Was immer Sie mir erzählen, werde ich nicht nachprüfen, da hätte ich schön was zu tun. Vielmehr gedenke ich Ihnen zu glauben, denn selbstverständlich habe ich die ehrlichsten und großzügigsten Leser der Welt. Wer meint, mich wegen eines alten Buches anlügen zu müssen, darf das entweder mit seinem eigenen Gewissen ausmachen, oder er hat alte Bücher sehr lieb, was dann schon wieder eine Qualifikation für sich wäre. Egal ob wir „Spendenanreiz“ oder „Belohnung“ oder etwas ganz anderes dazu sagen wollen, zu vergeben habe ich:

  • Gotthold Ephraim Lessing: Werke, Band 2 von 3: Kritische und philosophische Schriften. Nach den Ausgaben letzter Hand unter Hinzuziehung der Erstdrucke, die Winkler-Ausgabe 1969, Auflage von 1974, Dünndruck mit intaktem Lesebändchen, Schutzumschlag und Pappschuber, enthält unter anderem vollständig den Laokoon, die Hamburgische Dramaturgie, Briefe, die neueste Literatur betreffend und Die Erziehung des Menschengeschlechts. Der Schutzumschlag ist am Rücken etwas angefranst, was sehr vintage aussieht;
  • Gotthold Ephraim Lessing: Werke, Band 3 von 3: Vermischte Schriften. Ebenfalls die Winkler-Ausgabe 1972, Auflage von 1995, Dünndruck mit intaktem Lesebändchen, Schutzumschlag und Pappschuber, enthält Schriften zur Theologie, Philosophie und Literatur und antiquarische Schriften, Nachwort und Anmerkungen. Auffallend frisches Exemplar, schon mit dem neueren Verlagslogo, fast schon ein Stück fürs Moderne Antiquariat;
  • Ludwig Tieck: Gesammelte Werke in Einzelausgaben, Band 1 von 4: Frühe Erzählungen und Romane, die Winkler-Ausgabe, Auflage von 1963, Dünndruck mit intaktem Lesebänchen, Schutzumschlag und Pappschuber, enthält vollständig den William Lovell, Franz Sternbalds Wanderungen plus etliche Raritäten, Nachwort und Anmerkungen von Marianne Thalmann. Das ist mein liebstes von allem Ausgesetzten, das hab ich selber erst kürzlich angeschafft;
  • Ludwig Tieck: Gesammelte Werke in Einzelausgaben, Band 3 von 4: Novellen, die Winkler-Ausgabe 1965, Auflage von 1985, Dünndruck mit intaktem Lesebändchen, leider ohne Schutzumschlag und Pappschuber, enthält Tiecks umfassendste Novellensammlung in 1 abgeschlossenen Band außerhalb der Frankfurter Ausgabe, darunter etliche Preziosen der Romantik, Nachwort und Anmerkungen. Das Buch ist quasi nackt, aber in schönem dunkelgrünem Leinen und ansonsten recht frisch;
  • Ludwig Tieck: Gesammelte Werke in Einzelausgaben, Band 4 von 4: Romane, die Winkler-Ausgabe, Auflage von 1966, Dünndruck mit intaktem Lesebändchen und Schutzumschlag, leider ohne Pappschuber, enthält Der Aufruhr in den Cevennen, Der junge Tischlermeister und Vittoria Accorombona, Nachwort und Anmerkungen. Der Schutzumschlag hat ein paar kleine Flecken und ist am Rücken angefranst und oben und unten vorsichtig mit Tesafilm repariert. Wie alle anderen ein einwandfrei benutzbares, bombig fest gebundenes Exemplar;
  • Robert Schumann: das vollständige Solo-Klavierwerk, eingespielt von Jörg Demus, Aufnahme von 1989, 13 CDs, Jewel-Cases im Pappschuber.

Das sind alles wunderschöne Sachen, mit denen man ein Leben lang Freude haben kann, die ich leider teils aus Platzgründen, teils wegen unzuträglicher Doppelungen loswerden muss, für die man aber sowieso keine Reichtümer erlösen kann. Deshalb macht es wesentlich mehr Spaß, das Zeug in gute Hände abzugeben. Wahrscheinlich kann — und will — ich nicht streng nach der Spendenhöhe bestimmen, was das materiell Wertvollste davon ist und wer warum was kriegt. Im Hintergrund sind sogar noch mehr Schätze vorrätig, die eigens abzulichten und zu beschreiben ich einfach zu faul bin, die aber abzugeben ich nicht anstehen werde. Das ist hier die privateste Veranstaltung, die sich denken lässt, und die rein unserer Gaudi dient. Etwelche Ansprüche können nirgendwoher abgeleitet werden, die Preisverteilung unterliegt meinem persönlichen Gutdünken.

Deshalb darf ich auch bestimmen: Wer sich hinreißen lässt, Geld an eine politische Partei egal welcher Ausrichtung zu spenden, kann gern das Doppelte an mich überweisen, weil er offenbar zuviel davon hat, für Spenden an die „AfD“ oder Schlimmeres: das Zehnfache, oder ach was, so viel kann kein Mensch zahlen. Redliche, freundliche Menschen schreiben mir dagegen formlos in den Kommentar, was sie an wen springen lassen und was sie gern dafür hätten. Wenn mich jemand durch besondere Freigiebigkeit oder Originalität in Spendenverhalten und/oder seinen Berichten darüber für sich einzunehmen versteht, könnte ich ihm sogar extra was Schönes oder ungemein Passendes ankaufen. Ich bin doch so ein schlichtes Gemüt und ganz leicht zu beeindrucken.

Versprechen kann ich nichts, ich will ja nur ein paar Bücher unter gute Menschen verteilen. „Ich bin nichts Offizielles, ich bin ein kleines Helles“, wie der Dichter sagt — aber die Redlichen und Freundlichen spenden natürlich auch ohne Gegenleistung, wie es ihnen auch jetzt passieren kann, stimmt’s? Das Porto für die Bücher- oder Warensendung geht auf mich. Ich selber hab einen Zwanziger an den Lichtblick gespendet, was Sie mir glauben können oder nicht, und darf mir deshalb was feines Neues kaufen.

Dergleichen muss man durchziehen, bevor der erste euphorische Entschluss kalt wird: Mein privates, unverbindliches Angebot steht eine weitere Woche lang: bis 18. Februar 2018, 23.59 Uhr.
Inzwischen happy Imbolc!

Lessing Tieck Schumann

Bild: Serviervorschlag, selber gemacht, 29. Januar 2018.

Soundtrack: Hauptsache, was Keltisches: The Pogues: I’m a Man You Don’t Meet Every Day, aus: Rum, Sodomy & the Lash 1985. Die stets malerisch missgelaunte Cait O’Riordan war eine der wenigen einzigen Frauen einer Band, die nicht die Vocals anführte, sondern ihrer Arbeit am Bass nachging. Ihren großen Moment hatte sie auf der zweiten und letzten Platte, die sie mit den Pogues machte — als sie eben doch das Vocal-Solo übernahm, um mit etwas verstörender Selbstverständlichkeit zu singen, was sie für ein ganzer Kerl und großer Herr sei. Kurz nach Fertigstellung des Albums heiratete sie dessen Produzenten Elvis Costello und ward von den Pogues nicht mehr gesehen:

Written by Wolf

2. Februar 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Romantik

Weinfassreiten an der Küste der Nacht (oder geschah es bei Tage)

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Update zu Ich trinke ein Glas Burgunder!
und Wein-Lese:

Ich hab‘ ihn selbst hinaus zur Kellerthüre –
Auf einem Fasse reiten sehn – –
Es liegt mir bleyschwer in den Füßen.

Sich nach dem Tische wendend.

Mein! Sollte wohl der Wein noch fließen?

Altmayer in Auerbachs Keller, Vers 2329 ff.

Angelika Fischer, Berlin, in Bamberg für Tilman Spreckelsen, Der goldene Kopf. Wer auf den Spuren E. T. A. Hoffmanns durch Bamberg geht, reist in die Ferne des frühen 19. Jahrhunderts, in Frankfurter Allgemeine Zeitung, Freitag, 21. April 2017, aus Jürgen Hultenreich, Text, und Angelika Fischer, Fotos, Das Bamberg des E. T. A. Hoffmann. Wegmarken. Lebenswege und geistige Landschaften, Edition A. B. Fischer, Berlin 2016

Dem rezenten Literatur- und Weinverbraucher auf nimmermüder Suche nach seinen Konsumgütern muss nicht automatisch klar sein, was dieser viel und gerne besungene Burgunder genau ist, und ob es überhaupt noch welchen gibt, und wenn ja, welchen davon E. T. A. Hoffmann sich in den Gastwirtschaften seines Vertrauens an (und unter) den Tisch reichen ließ — was nicht einmal zwingend der Einfalt besagten Verbrauchers geschuldet sein muss: Hoffmanns Bamberger Stammkneipe ist ohne Google Maps kaum zu eruieren, und für seine favorisierte Burgundersorte muss man ganz schön in obskuren Insel-Taschenbüchern gründeln. Die Bamberger Altstadt ist seit 1993 UNESCO-Weltkulturerbe; was also gedenkt das dasige Tourismus-Marketing, das schon zugelassen hat, dass jemand oder etwas in eine einwandfreie Kneipe ein Steak- und Fischrestaurant am Rande der Eventgastronomie hineinstellen darf, gegen sotane Missstände zu unternehmen?

Natürlich so wenig wie möglich; den Leuten, die für einen „Fischteller Hoffmanns“ aus verschiedenen Fischfilets, Garnele (im Singular), Ratatouille und Kartoffeln 19 Euro blättern (Stand Ende Juli 2017), taugt’s. Wir müssen also wieder alleine schauen, wo wir bleiben, und finden in der FAZ, was sie offenbar aus einem knapp zehnminütigen Youtübchen von „Kulturkäffchen“ recherchiert hat:

Angelika Fischer, Berlin, in Bamberg für Tilman Spreckelsen, Der goldene Kopf. Wer auf den Spuren E. T. A. Hoffmanns durch Bamberg geht, reist in die Ferne des frühen 19. Jahrhunderts, in Frankfurter Allgemeine Zeitung, Freitag, 21. April 2017, aus Jürgen Hultenreich, Text, und Angelika Fischer, Fotos, Das Bamberg des E. T. A. Hoffmann. Wegmarken. Lebenswege und geistige Landschaften, Edition A. B. Fischer, Berlin 2016

——— Tilman Spreckelsen:

Der goldene Kopf.
Wer auf den Spuren E. T. A. Hoffmanns durch Bamberg geht,
reist in die Ferne des frühen 19. Jahrhunderts

aus: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Freitag, 21. April 2017:

Der Weinhändler Kunz berichtet von Besuchen seines Freundes im Gewölbekeller seines Hauses am Grünen Markt im Zentrum der Stadt. Das prächtige Gebäude steht noch, der Keller, heute wie leergefegt, ist auch noch da, und dort, schreibt Kunz, hätten die Freunde regelmäßig einen bestimmten Burgunder aus dem Anbaugebiet Côte de Nuits getrunken – und zwar so, „dass wir beide unsern Platz auf dem Fasse selbst nahmen und auf den entgegengesetzten Enden desselben, Gesicht gegen Gesicht gekehrt, triumphierend ritten. Jeder hielt das gefüllte Glas in der Hand, der offene Spund blieb in der Mitte“.

Den ganzen FAZ-Artikel wert ist allerdings das verwendete Bildmaterial, das er sinnigerweise von der Berliner Fotografin Andrea Fischer bezieht und das ich hier dankbar weiterverwende. Schwarzweiß mit durchgehender Tiefenschärfe, das ist sowieso die Feenkönigin unter den Fototechniken.

So dünn der Artikel auch sonst daherkommt — mit wie viel dickeren Brettern könnten wir denn mehr anfangen? Ein ganz und gar erfreulicher und tragfähiger Lerninhalt ist doch die genaue Weinsorte, die Hoffmann in einer wichtigen Lebensphase bevorzugte — und dass es die sogar noch zu kaufen gibt, woran wir Postmodernen ja in den Fällen des Burgunders im allgemeinen und Karl Simrocks Menzenberger Eckenblut im besonderen schnell scheitern. „Das Stöffchen, das einst E.T.A. Hoffmann befeuert hat, aber nicht namentlich überliefert ist“, das ich noch in der Weinlesezeit 2016 in Wein-Lese vorschnell der Verschollenheit überantworten musste, ist damit als Côte de Nuits benannt.

Nicht nachzuweisen war dagegen der Weinhändler Cagiorgi, den seinerseits der Bamberger Weinhändler Kunz eingangs erwähnt, den wir wiederum in dem oben erwähnten obskuren Insel-Taschenbuch vernehmen: Julius Eduard Hitzig: E. T. A. Hoffmanns Leben und Nachlaß, zuerst erschienen 1823. Des Händlers Erinnerung ist darin als Fußnote versteckt. Noch genauer kriegen wir’s in diesem Leben nicht mehr:

Angelika Fischer, Berlin, in Bamberg für Tilman Spreckelsen, Der goldene Kopf. Wer auf den Spuren E. T. A. Hoffmanns durch Bamberg geht, reist in die Ferne des frühen 19. Jahrhunderts, in Frankfurter Allgemeine Zeitung, Freitag, 21. April 2017, aus Jürgen Hultenreich, Text, und Angelika Fischer, Fotos, Das Bamberg des E. T. A. Hoffmann. Wegmarken. Lebenswege und geistige Landschaften, Edition A. B. Fischer, Berlin 2016

——— Carl Friedrich Kunz:

Hoffmann bezog, seinem Verlangen gemäß, von dem Weinhändler Cagiorgi, gegen eine von mir ausgestellte Anweisung, auf meine Rechnung 24 Bouteillen Burgunder. Der genannte Nuits ist bekanntlich eine vorzügliche Gattung dieses Weines, den Hoffmann während seines Bamberger Aufenthaltes besonders verehrte und sich mit mir in meinem Keller trefflich schmecken ließ. Was werden aber die profanen Leute und Philister dazu sagen, wenn ich versichere, daß dieser Nuits aus Ehrfurcht vor seiner geheimnißvollen Kraft und seinem gewürzreichen Bouquet nur in seinem Elemente, der Nacht, oder geschah es bei Tage, doch nur in der zauberisch dunkeln Umhüllung des Kellers von uns genossen ward?! Zuweilen pflegte es sogar zu geschehen, daß wir beide unsern Platz auf dem Fasse selbst (einer sogenannten Piece) nahmen, und auf den entgegengesetzten Enden desselben, Gesicht gegen Gesicht gekehrt, triumphirend ritten. Jeder hielt das gefüllte Glas in der Hand, der offene Spund blieb in der Mitte, in welchem die blecherne Pumpe, als stets bereitwillige Hebe, bis die Gläser geleert waren, nachlässig ruhte. — Daß aber hier nicht auf gemeine Weise gezecht, sondern auf die geistreichste und gemüthlichste Art sich des heitern Lebens gefreut warb, darf ich ebenfalls versichern. — Die allerdings höchst komische Attitude gab Hoffmann Veranlassung zu einer trefflich kolorirten Zeichnung, die ich leider, wie so viele, ungestümen Bitten nachgebend, nicht mehr besitze. — Dies ächt Tenier’sche Genrebild bezeichnete den Moment, wo, als wir eben beide ganz gemüthlich auf dem Fasse gegenüber sitzen, und im Begriffe stehen, unsere Gläser an einander zu klingen, ein mit einem heftigem Donnerschlage verbundener Blitz durch die Kelleröffnungen zuckt, und unsere von Schrecken grimassirten Gesichter hell erleuchtet darstellt. — Das Bild war kein Phantasiestück, sondern einer wirklich erlebten Scene entnommen, Honny soit qui mal y pense!

Mit dem Weinhändler höchstselbst Saufspiele veranstalten. Will man wirklich wissen, unter Einsatz welcher inneren Organe ein Mensch es so weit im Leben bringt? Und ist das wirklich wahr, dass ich gerade den Job der Bamberger Tourist-Information verrichte?

Angelika Fischer, Berlin, in Bamberg für Tilman Spreckelsen, Der goldene Kopf. Wer auf den Spuren E. T. A. Hoffmanns durch Bamberg geht, reist in die Ferne des frühen 19. Jahrhunderts, in Frankfurter Allgemeine Zeitung, Freitag, 21. April 2017, aus Jürgen Hultenreich, Text, und Angelika Fischer, Fotos, Das Bamberg des E. T. A. Hoffmann. Wegmarken. Lebenswege und geistige Landschaften, Edition A. B. Fischer, Berlin 2016

Bilder: Angelika Fischer, Berlin, in Bamberg für Tilman Spreckelsen: Der goldene Kopf. Wer auf den Spuren E. T. A. Hoffmanns durch Bamberg geht, reist in die Ferne des frühen 19. Jahrhunderts, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Freitag, 21. April 2017, aus: Jürgen Hultenreich (Text) und Angelika Fischer (Fotos): Das Bamberg des E. T. A. Hoffmann (Wegmarken. Lebenswege und geistige Landschaften), Edition A. B. Fischer, Berlin 2016:

  1. „Am 1. September 1808 kam das Ehepaar Ernst Theodor Amadeus und Marianna, genannt Mischa, in Bamberg an – allein, die gemeinsame Tochter Cäcilia war kurz zuvor zweijährig verstorben. Der zweiunddreißigjährige Hoffmann, der Jura studiert hatte und mit dem Zusammenbruch Preußens arbeitslos geworden war, hatte nun eine Stelle als Musikdirektor am Bamberger Theater bekommen. Das Ehepaar wohnte anfangs in einem Haus direkt am Regnitzkanal. Allerdings gab es von Anfang an Ärger mit der Vermieterin, die dem Musiker das Klavierspielen verbieten wollte. Die Hoffmanns zogen ein paar Häuser weiter.“;
  2. „In dem schmalen Wohnhaus in der Bildmitte bewohnte das Ehepaar Hoffmann die beiden obersten Etagen.“;
  3. „Blick auf die Stephanskirche“;
  4. „Im Weinkeller seines Freundes Kunz am Grünen Markt pflegte Hoffmann auf einem Fass zu reiten.“

Soundtrack zum Getränkemissbrauch: die angenehm durchgeschmorte Feenkönigin
Camille: Fontaine de lait, aus: OUÏ, 2017:

Written by Wolf

11. August 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Nahrung & Völlerei, Romantik

Ahnung und Gegenwart. Jeune femme assise. Wie sie ist

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Update zu Fräulein Rosa Martin aus Nürnberg (18),
Candida Terpin und
Welcome, proud Mary:

I.

——— Joseph von Eichendorff:

Ahnung und Gegenwart

Erstes Buch, Zweites Kapitel, 1812, Johann Leonhard Schrag, Nürnberg 1815:

Antoine Watteau, Jeune femme assise, tournée vers la droite, la jambe droite repliée, les épaules dénudées, 1716--1717, via Dave für Madame Pickwick Art BlogDas Rauschen und Klappern einer Waldmühle bestimmte seine Richtung. Ein ungeheurer Hund empfing ihn dort an dem Hofe der Mühle. Friedrich und sein Pferd waren zu ermattet, um noch weiterzureisen. Er pochte daher an die Haustüre. Eine rauhe Stimme antwortete von innen, bald darauf ging die Türe auf, und ein langer, hagerer Mann trat heraus. Er sah Friedrich, der ihn um Herberge bat, von oben bis unten an, nahm dann Sein Pferd und führte es stillschweigend nach dem Stalle. Friedrich ging nun in die Stube hinein. Ein Frauenzimmer stand drinnen und pickte Feuer. Er bemerkte bei den Blitzen der Funken ein junges und schönes Mädchengesicht. Als sie das Licht angezündet hatte, betrachtete sie den Grafen mit einem freudigen Erstaunen, das ihr fast den Atem zu verhalten schien. Darauf ergriff sie das Licht und führte ihn, ohne ein Wort zu sagen, die Stiege hinauf in ein geräumiges Zimmer mit mehreren Betten. Sie war barfuß und Friedrich bemerkte, als sie so vor ihm herging, daß sie nur im Hemde war und den Busen fast ganz bloß hatte. Er ärgerte sich über die Frechheit bei solcher zarten Jugend. Als sie oben in der Stube waren, blieb das Mädchen stehen und sah den Grafen furchtsam an. Er hielt sie für ein verliebtes Ding. „Geh“, sagte er gutmütig, „geh schlafen, liebes Kind.“ Sie sah sich nach der Türe um, dann wieder nach Friedrich. „Ach, Gott!“ sagte sie endlich, legte die Hand aufs Herz und ging zaudernd fort. Friedrich kam ihr Benehmen sehr sonderbar vor, denn es war ihm nicht entgangen, daß sie beim Hinausgehen an allen Gliedern zitterte.

Antoine Watteau, Jeune femme assise

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II.

Auf dem einzigen Nacktfoto, das von Maria existieren darf, sieht sie älter aus. Der extraharte Kontrast macht alles künstlich und beweist alles und das Gegenteil.

Riccardo Arriola, Maria, 2016. Silver gelatin, Ilford Genuine Silver Gelatin Art PaperEs ist genau das geworden, was der Lateiner ein intense portrait nennt: Wer sie nicht kennt, fragt umgehend, wer das denn sei, weil es auf jeden Fall ein Jemand ist, nicht etwa ein Modell für oder von etwas. Gut so, sonst hätte Maria auch dieses einzige sofort aus dem Verkehr gezogen, die ersten Abzüge und das Negativ verlangt und sogar dem Fotografen das bloße Betrachten untersagt.

Maria wurde zum ersten Mal in ihrem jungen Leben von ihrem zweiten Freund, der Fotograf ist, nackt fotografiert; soviel sie weiß, wurden von ihr nicht einmal in der Kindheit die typischen Babyfotos auf Eisbärenfellen oder beim Spielen im Planschbecken gemacht. So sieht die Nacktheit an ihr aus wie ein Kostüm. Ist es, weil sie so misstrauisch guckt? Sie hat kein gesteigertes Interesse daran, ihr Nacktbild kunsthistorisch zu interpretieren, schon gar nicht, wenn sie mit dem Fotografen zusammen ist.

Ihr Bild, das ist nicht sie, das ist ihr klar. Sie setzt die Frau auf dem Bild nicht mit der Maria, die sie ist, gleich; nur deswegen kann sie damit leben. Etwas anderes als ihre Passfotos in Abständen von fast einem Lebensalter ist sie nicht gewohnt, und auch die waren ihr noch nie ähnlich.

Eigentlich sollte die Frau auf dem Bild Kleider tragen; sie schreit sichtlich am natürlichsten nach einem zu großen grauen Flauschpullover, nach Jeans? Gar nicht einmal so selbstverständlich. Vielleicht passender Cordhosen? Gar einem langen Rock? Es kann sein, weil allein ihr Gesicht ein Häppchen Wetter abgekriegt hat und der Restkörper von aller Sonnenfärbung unbeleckt ist.

Ihre Füße sind Größe 42, obwohl sie nach der Körperlänge nie die Größte in einer Gruppe war — worüber sich jede andere Frau ihr Leben lang „Gedanken gemacht“ hätte. Schuhe kaufen war gerade deswegen immer leicht: Sie nahm einfach immer die größten vorrätigen, genau eine Nummer vor den Schuhgeschfäten für Übergrößen. Sie fand ihre Füße immer ganz gut: haben immer getan, was sie sollten, fielen niemandem unangenehm auf, und als Kind trug sie erst dann Schuhe, wenn das Anziehen weniger lästig wurde als die kalten Füße vom Barfußgehen. Ihre Füße sind langzehig hübsch, aber davon weiß sie schon gar nichts mehr, und wenn man es ihr sagte, würde sie einen befremdet anschauen und unauffällig fliehen.

Riccardo Arriola, Maria, 2016. Silver gelatin, Ilford Genuine Silver Gelatin Art PaperAuf ein Nacktportrait hat sie sich eingelassen, um ihrem Freund den Gefallen zu tun, wird dergleichen aber künftig lassen: „Du hast doch schon eins.“ Und: „Warte doch bis Samstag, wenn du wieder mit mir schläfst“ — Jawohl, sie sagt nicht etwa: „bis wir wieder miteinander schlafen“ –, „da siehst du mich noch nackig genug.“

Sandalenträgerin war sie nie. Dazu sind ihr Füße, die sie nicht ausdrücklich als Element erotischen Interesses begreift, denn doch zu intim. Nicht einmal offenzehige Hausschuhe hat sie je besessen.

Ihr Freund sieht in seinem Beruf jeden Tag ungefähr zehn nackte Mädchen, die allesamt viel schöner sind als sie, jedenfalls nach Model-Maßstäben, die man nun mal an kommerziell verwendbare Fotos legen muss. Die sind ihm aber erotisch egal, er hat über sie nur ein nüchternes Urteil, auf das er sich verlassen kann, und in ihr auf ähnliche Weise eine zuverlässige Freundin mit völlig anderem Beruf, auf die er sich verlassen kann. Etwas Unspektakuläres bei der Spedition ist sie, 8 bis 17 Uhr, ausgelernt, fest übernommen. Er betrachtet sie als sehr ernstes, sehr gutes großes Mädchen.

Von dem Gefallen mit dem Nacktfoto nimmt sie für sich persönlich mit, wie es für die ganzen Profimodeletten so ist, mit ihrem Freund im selben Job zu arbeiten. In jeder Sekunde ist ihr ganz ohne Bedauern klar, dass sie das mit dem Modeln gar nicht richtig „kann“ und dass sie auch keinen Ehrgeiz dazu hat.

Einmal hat er ihr gesagt, was sie für schöne Zehen hat: ohne Schwielen oder Verwachsungen, weder kurze Knubbel noch lange schlackernde Knochengespenster, so sieht man das selten, direkt fotografieren müsste man die mal … Da hat sie ihm angesehen, wie er ihre Füße geistig in seinem Profifotoportfoliodings unterzubringen versucht, und das wird sie nicht mitmachen. Ein Fetischist in ihrem Bett, auf Füße oder Ledersachen oder Spielzeuge, das fehlte ihr noch. Da hat sie ganz schnell und unauffällig die Füße unter die Bettdecke versteckt und das Thema gewechselt. Sie fand das beklemmend, er soll doch sie lieben, seine Freundin, und nicht ihre — Füße. Da hat sie fast geweint.

Riccardo Arriola, Maria, 2016. Silver gelatin, Ilford Genuine Silver Gelatin Art PaperAm Samstag zur Liebeszeit will sie das Licht dabei ausmachen, weil sie Skrupel ob ihres nicht-modelkonformen mammalen Bindegewebes hat. Ihr Freund, der allein ihr Fotograf sein durfte, und das nur einmal, liebt sie trotzdem, wenn nicht gar deswegen — weil ihr Naturzustand eine Seltenheit ist, den sie immer nur ihm schenken wird. Sie muss lange und jede Woche aufs neue wie zum ersten Mal beschlafen werden, damit sie zu ihrem sexuellen Recht kommt. Das ist anstrengend, aber auf eine schöne Weise, die er nicht sportlich nennen will. Er ist nicht ihr erster Freund, wahrscheinlich aber nicht einmal der dritte, und auf jeden Fall der erste, der sie so lieben kann — weil sie es ihm nach ihrer eher durchwachsenen ersten Erfahrung erlaubt.

Er heißt Richard. Ein Name, sagt sie ihm, mit dem man ruhig berühmt werden kann: ein Künstlername. Maria auch, findet er. Er ist ein paar Jahre älter als sie, so viel, dass sie als schönes Paar akzeptiert werden. Ach was, sagt sie. Nichts will sie weniger sein als berühmt.

Sie mag: öffentlich küssen, das macht ihr ein Herzklopfen, von dem sie wacher und klarer im Kopf wird. Aber nicht zuviel davon, sonst hält sie nicht durch bis Samstag. Was sie nicht müsste, aber sie schätzt eine gewisse Ordnung. Sie kann, glaubt sie fest, schlecht einordnen, wann ein richtiger Moment zum Küssen im Bus oder im Supermarkt ist, darum schlägt sie es nie von sich aus vor.

O ja, sie hat Orgasmen — nicht selbstverständlich für eine Frau, die der Falsche verklemmt hieße. Markieren würde sie niemals, darauf käme sie gar nicht — im Gegenteil: Ihr Höhepunkt ist still, geradezu introvertiert. Ihr Freund bemerkt ihn daran, dass sie erschrocken einatmet, was sie aber während einer Liebesrunde öfter tut und was darum kein sicheres Zeichen ist — gekommen ist sie erst, wenn sie es ihm sagt, indem sie ihn bei den Ohren schnappt und zu einem neuen Kuss ansetzt. Übrigens küsst sie besonders gut, aber wenn man ihr das sagt, wehrt sie ab: „Ach komm. Wie küsst man denn schlecht?“

Nach dem Liebesspiel ist sie immer zittrig und so erschöpft, wie sie sich eigentlich nicht vor ihrem Freund zeigen will. Deshalb lässt sie sich — nur manchmal — zu einer zweiten Runde verführen, weil sie in diesen Momenten auf eine freudige Art wehrlos ist. Diese zweiten Male sind immer die schöneren. Das weiß sie, aber sie benutzt es nicht. Sie ahnt, dass sie deswegen etwas verpasst, aber sie vermisst es nicht schmerzlich. Ihre zweiten Orgasmen fallen etwas lauter aus, weil ihr Körper schon ganz labbrig ist und quasi unter seinen Händen zerfließt, dann kann sie schon nicht mehr verhindern, dass etwas mehr Stöhnen aus ihr hervorströmt. Diese Wehrlosigkeit genießt sie sehr bewusst, aber eigentlich will sie sich so nicht erleben, so versteht sie sich nicht.

Unten geleckt werden, das mag sie. Das hätte sie nie im Leben von ihrem Freund verlangt, aber er mag es von selbst. Sie strubbelt ihm durch die Haare dabei und nimmt beim Sex zu zweit ihre Zeit für sich. Wenn sie ihm dabei mit den Zehen den Rücken streichelt, kommt sie sich schon verruchter vor, als sie sein will.

Umgekehrt ihn blasen ist ihr eher eine Schuldigkeit, weil es schon das Allerverruchteste ist, das sie sich jemals für sich vorstellen kann. O doch, sie mag seinen Schwanz sehr, so aus der Nähe, wie sie ihn mit Lippen und Zunge erkunden und sogar seinen Aggregatzustand steuern kann — findet aber, dass sie sich eigentlich ekeln sollte. Das ist keine Scham, es ist eher Selbstbeherrschung.

Sie kann ihn mit dem Mund zu Ende bringen und schluckt sogar, nicht ungern. Meistens will sie ihn aber noch vor seinem ersten Verströmen „richtig“ in sich spüren. Seine Schwanzmaße sind genau richtig, Länge und Umfang, nur hart genug kann er gar nicht sein. Auch das ist eine Art Steuern.

Seine Eichel könnte ihr Lieblingskörperteil auf der ganzen Welt sein, wenn sie sich das gestatten würde. Sie hat sowas ja nicht, da ist ihr seine Eichel so schön zwischen fremd und vertraut. Ihre Mischung aus Härte und Weichheit entzückt sie nimmermüde, damit wird sie niemals fertig werden. Weder mit dem Mund, in dem sie dieses fremde Stück vertrauter Lieblingsmensch bis zur Wurzel hinab herumkugelt wie einen unanständig großen Schluck Pistazieneis, noch wenn er es in ihr auf und ab pumpt, so fest sie will, so lange sie will. Das Einführen, das Zurechtkuscheln seiner Eichel, wie sie ihren Weg in ihre feuchtwarme und dann immer besonders tiefe Muschel hinauf bahnt und seine ersten Stöße, das ist ihr das Schönste in jeder Woche. An diese Augenblicke ist sie nie ganz gewöhnt, die kostet sie immer bewusst aus.

Er sagt, ihre Muschel riecht und schmeckt ungewöhnlich gut, überhaupt nicht nach abgestandenem Fisch, vielmehr nach frischer Seeluft, und ihr Mädchensaft ist schön flüssig und fast gar nicht sämig, und er ist kristallen durchsichtig und immer so viel, eher Gebirgsbachwasser als ein Schleim. Sie rasiert sich unten, extra penibel und nicht ungern, mit altmodischen Rasierklingen und der ein bisschen zu teuren Creme, hat es irgendwann ins Ritual ihrer Waschungen aufgenommen. Es gibt ihr ein sauberes Gefühl selbstbewusster Weiblichkeit, das ihr beim Lieben hilft. Wie seine Eichel schmeckt, kann sie nicht gut sagen, sie hat zuwenig vergleichende Erfahrung. Ein bisschen durch die Nase, nach Bittermandeln.

Ihr fürchterlichstes Geheimnis ist: Sie hat schon mal in der Arbeit masturbiert, bis zu Ende, als sie einen Rock trug. Das war in der Urlaubszeit, als sie das Büro allein hatte, am ersten Tag nach ihrer eigenen Woche auf Rügen, wo ihre Haut noch mit Sonne aufgeladen war, und kurz nachdem sie mit den Intimrasuren angefangen hatte. Sie hatte die Schuhe ausgezogen, um eine letzte Prise Sand aus dem Urlaub auf den Boden zu leeren, und wurde erregt von ihrer eigenen glatten Haut. Da hakte sie den einen Fuß auf der Schreibtischplatte ein und schlüpfte mit den Fingern zwischen ihre Lippen, die sie von selbst einsaugten. Sie schaute auf ihre natürlich unlackierten Zehen dabei, die sich an den Strand erinnerten, und schenkte sich den verbotenen Genuss. O Gott, wenn das jemand mitgekriegt hätte. Im Moment, als sie die Zehen vom Tisch nahm, blickte sie eine einzelne offene E-Mail an, schon davon fühlte sie sich ewischt. Kein Kollege, kein Vorgesetzter, nicht einmal Richard weiß davon. Es war bestimmt wichtig, entschuldigt sie sich, für ihre Selbstwahrnehmung.

Von hinten, das mag sie nicht, weil er dann nicht so tief in sie reicht, aber sie versucht sich so lebhaft zu schlängeln oder so ruhig zu liegen, dass es möglichst lange dauert. Schon im letzten Jahr hat sie sich vorgenommen, es doch einmal auf ihre Initiative hin von hinten zu versuchen, weil sie gelesen hat, dass er dann leichter an ihren G-Punkt reicht, und sie herausfinden will, ob es den gibt. Sie wird es ihm nicht vorher sagen, er wird es bemerken. Wenn sie ihm damit eine Freude machen kann, sollte es nicht ihre Absicht sein, aber umso besser. Beschlossen hat sie das in einem Moment, in dem sie kurz vor unbeherrschtem Herumstöhnen stand, nach einem zweiten Höhepunkt — worüber sie sich selbst wundert: Den Einfällen, die sie in entzündetem Zustand hatte, misstraut sie, vergisst sie auch meistens schnell wie Träume. Erklären könnte sie das nicht, und wozu sollte sie auch? Sie kann das eben. Sie schläft gern mit ihrem Freund und freut sich jede Woche darauf, und damit gut.

Betrunken mit ihm schlafen, das mag sie auch nicht. Einmal hat sie ihn in ihrer Liebesnacht nach einer Geburtstagsfeier, auf der sie zuviel erwischt hatte, mit den Armen umklammert, ins Ohr gebissen, mit lasziv gesenkter Stimme das Wort „Ssseeex!“ hineingeflüstert, wie die Nymphomanin in einem Serienporno mit dem Hintern gekreist und dann albern gekichert, so geht das doch nicht. Ihm schien es zu gefallen, regelmäßig einfordern wird er es nicht.

Den letzten Samstag, als beide betrunken waren, lagen sie nur nebeneinander im Bett und hielten sich an den Händen. Sie lag geduscht und nackt auf dem Rücken und fingerte sich selbst mit der Rechten. Sie war bedacht, die Welle der Bewegungen auf nur einer Seite der Matratze und ihers Körpers zu halten. Mit der Linken machte sie synchron die gleichen Fingerbewegungen in seiner Handfläche nach. So lange, bis ihr Höhepunkt einsetzte, worüber sie sehr erschrak, weil sie das nicht geplant hatte. Sie bäumte sich mit dem Becken auf und stöhnte laut, es war nicht zu verhindern. Und noch einmal. Sie hörte nicht auf, sich zu fingern, mit zwei, dann drei Fingern der Rechten in ihrer nass überlaufenden Höhle, und links in seiner Hand. In ihr stand eine Säule aus Lust, die oben als Stöhnen aus ihr wuchs. Wollte noch einmal, weil es so ein ungekannt schönes Gefühl war. Seufzte beim dritten Mal nur noch leise, bis sie merkte, dass sie schluchzte. Dann drehte sie sich zu ihm und wollte ihn küssen vor Glück, bestimmt mochte er sie jetzt auch richtig lieben. Er schlief schon.

Händchenhalten, das mag sie auch. Zum Beispiel an jenem sonnenhellen frühen Nachmittag, als sie ihr Nacktfoto machen wollten, waren sie händchenhaltend in Richards Altbauwohnung gekommen. Die Verständigung zwischen ihnen lief wortlos, was sie normalerweise überschätzt findet, weil man doch bitte reden kann, wenn man sich liebt. Diesmal war es passend. Auch er zog sich dazu nackt aus, wohl um einen Unterschied zu seinen professionellen Shootings zu machen, und mit einem schweigend auffordernden Blick: Komm, du auch, zieh dich jetzt aus. Dann standen sie im größten Zimmer und legten ihre Kleider sorgfältig auf Stühle zusammen. Unnötig zu vereinbaren, dass sie hinterher natürlich miteinander schlafen wollten.

Riccardo Arriola, Maria, 2016. Silver gelatin, Ilford Genuine Silver Gelatin Art PaperAls er ihr Bild nach wenigen Probeschüssen eingefangen hatte, wusste er sofort, dass es gelungen war: Profiblick. Der Ausschuss ruht heute irgendwo in Richards Beständen; sie weiß gar nicht, ob er digital, als Negativ oder als Abzug archiviert. Dann sprach er das einzige Wort während ihrer Sitzung:

„Maria.“

Darauf schlang sie die Beine unter sich hervor und ging auf ihn zu, um zu verführen und sich verführen zu lassen, es war Zeit. Er wies sie zärtlich ab, mit einem kleinen Kuss auf den Mund, und schraubte noch die Kamera vom Stativ.

Entnahm den Film. Verstaute die Kamera. Baute das Stativ ab. Trug den Film ins Bad, das zugleich seine Dunkelkammer war. Hieß sie mit einem Blick folgen.

Sie verstand, dass er das Vorspiel verlängern wollte, indem sie erst gemeinsam den Film entwickelten. Sie machte gerne mit. Das folgende Liebesspiel erinnert sie als besonders lange und besonders langsam, geradezu in Zeitlupe.

Die letzten Meter ins Bett hatte er sie auf seinen Armen getragen, ihre Haut war warm. Er bettete sie so behutsam aufs Bett, dass sie gar nicht sagen konnte, in welchem Moment sie noch schwebte und schon auf der Federdecke lag. Er begann mit ihr an den Füßen, weil sie in Reichweite seiner Hände lagen. Nippte kleine Küsse von ihren Zehen. Sie ließ es geschehen, weil es um ihren ganzen Körper gehen sollte, dazu gehörten heute auch ihre — Füße. Das letzte, was sie in Worten dachte, war: Größe 42.

Die Schlafzimmertür stand offen, ebenso im größten Zimmer das Fenster zur Straße. Als ihre Lust um den zweiten oder dritten Höhepunkt herum immer lauter wurde, war es noch nicht richtig Abend. Er selbst hatte sich den Höhepunkt offenbar verboten, denn er ließ immer nur sie aufs neue und noch einmal und dann noch ein letztes Mal kommen. Erst als von draußen kühle Abendluft an ihren Hintern fächelte, merkte sie, wie erschöpft sie war. Sie fing seinen Blick ein und blinzelte ihm die Erlaubnis zu: „Komm.“ Während in ihr sein Schwanz zu pumpen begann, flüsterte er ihr oben ein weiteres Mal ins Ohr:

„Maria.“

Ohne Hilfe der Hände entließ sie seinen erschlafften Schwanz aus ihrer Muschel. Scheidenmuskeln, dachte sie heimlich, Scheidenwände, Vaginalmuskulatur, der seltsamen, fremdartig erregenden Wörter wegen, und: Beckenbodengymnastik, und lächelte glücklich. Wie aus Versehen überlegte sie, wie das Nacktfoto von ihr wohl jetzt, nachher, ausfallen würde, brachte ihn aber auf keine weiteren Ideen. Sie bekam Lust auf etwas Süßes, Starkes. Portwein. Sie fasste ihn um den Nacken und zog seinen Kopf zu sich, um ihn noch einmal zu küssen. So, dass ihre Dankbarkeit und Liebe für ihn darin lag.

Beim Aufstehen spannte ihre Haut am ganzen Körper elektrisch, ihre Gehversuche fühlten sich jetzt schon an wie nach zwei Gläsern Portwein. Ihre Fußsohlen mussten sich erst an die Parkettbohlen gewöhnen. Sie sah nicht, sie fühlte nur ohne Scham, dass sie noch aus der Muschel tröpfelte. Sie fuhr nicht einmal ertappt zusammen, als sie gegenüber das offene Fenster zur Straße bemerkte, freute sich sogar darüber, mit einem leisen Anflug von Stolz. Sie tapste tiefer in die Wohnung, verschwand aus dem Sichtfeld des Schlafzimmers, durchbefriedigt, barfuß, nackt.

Hinter ihr stützte Richard den Kopf auf einen Arm und beobachtete sie, als ob sie sein Fotomodell wäre. Er versuchte nicht zu breit zu grinsen, denn es war ihm nicht entgangen, daß sie beim Hinausgehen an allen Gliedern zitterte.

Riccardo Arriola, Maria, 2016. Silver gelatin, Ilford Genuine Silver Gelatin Art Paper

Bilder: Antoine Watteau: Jeune femme assise, tournée vers la droite, la jambe droite repliée, les épaules dénudées, 1716–1717, via Dave für Madame Pickwick Art Blog: Watteau & Utopia on Standby: The Ghosts of Style, 15. Oktober 2010;
Jeune femme assise, via The Morgan Library & Museum, wie üblich bei Watteau ausschließich Holzkohle mit Rötel als einziger Farbe, mit Weiß gehöht;
Marienbilder: Riccardo Arriola: Maria, 2016. Silver gelatin, Ilford Genuine Silver Gelatin Art Paper, via Grand Studio Atelier, Dezember 2016.

Marias Lieblingsband: First Aid Kit (Klara, 15, und und Johanna Söderberg, genau am Tag zuvor 18 geworden) live für ihre erste EP Drunken Trees im schwedischen Wald von Oppunda, 1. November 2008: You’re Not Coming Home Tonight; Our Own Pretty Ways; Jagadamba, You Might:

Written by Wolf

2. Juli 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Romantik