Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for the ‘Romantik’ Category

Weinfassreiten an der Küste der Nacht (oder geschah es bei Tage)

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Update zu Ich trinke ein Glas Burgunder!
und Wein-Lese:

Ich hab‘ ihn selbst hinaus zur Kellerthüre –
Auf einem Fasse reiten sehn – –
Es liegt mir bleyschwer in den Füßen.

Sich nach dem Tische wendend.

Mein! Sollte wohl der Wein noch fließen?

Altmayer in Auerbachs Keller, Vers 2329 ff.

Angelika Fischer, Berlin, in Bamberg für Tilman Spreckelsen, Der goldene Kopf. Wer auf den Spuren E. T. A. Hoffmanns durch Bamberg geht, reist in die Ferne des frühen 19. Jahrhunderts, in Frankfurter Allgemeine Zeitung, Freitag, 21. April 2017, aus Jürgen Hultenreich, Text, und Angelika Fischer, Fotos, Das Bamberg des E. T. A. Hoffmann. Wegmarken. Lebenswege und geistige Landschaften, Edition A. B. Fischer, Berlin 2016

Dem rezenten Literatur- und Weinverbraucher auf nimmermüder Suche nach seinen Konsumgütern muss nicht automatisch klar sein, was dieser viel und gerne besungene Burgunder genau ist, und ob es überhaupt noch welchen gibt, und wenn ja, welchen davon E. T. A. Hoffmann sich in den Gastwirtschaften seines Vertrauens an (und unter) den Tisch reichen ließ — was nicht einmal zwingend der Einfalt besagten Verbrauchers geschuldet sein muss: Hoffmanns Bamberger Stammkneipe ist ohne Google Maps kaum zu eruieren, und für seine favorisierte Burgundersorte muss man ganz schön in obskuren Insel-Taschenbüchern gründeln. Die Bamberger Altstadt ist seit 1993 UNESCO-Weltkulturerbe; was also gedenkt das dasige Tourismus-Marketing, das schon zugelassen hat, dass jemand oder etwas in eine einwandfreie Kneipe ein Steak- und Fischrestaurant am Rande der Eventgastronomie hineinstellen darf, gegen sotane Missstände zu unternehmen?

Natürlich so wenig wie möglich; den Leuten, die für einen „Fischteller Hoffmanns“ aus verschiedenen Fischfilets, Garnele (im Singular), Ratatouille und Kartoffeln 19 Euro blättern (Stand Ende Juli 2017), taugt’s. Wir müssen also wieder alleine schauen, wo wir bleiben, und finden in der FAZ, was sie offenbar aus einem knapp zehnminütigen Youtübchen von „Kulturkäffchen“ recherchiert hat:

Angelika Fischer, Berlin, in Bamberg für Tilman Spreckelsen, Der goldene Kopf. Wer auf den Spuren E. T. A. Hoffmanns durch Bamberg geht, reist in die Ferne des frühen 19. Jahrhunderts, in Frankfurter Allgemeine Zeitung, Freitag, 21. April 2017, aus Jürgen Hultenreich, Text, und Angelika Fischer, Fotos, Das Bamberg des E. T. A. Hoffmann. Wegmarken. Lebenswege und geistige Landschaften, Edition A. B. Fischer, Berlin 2016

——— Tilman Spreckelsen:

Der goldene Kopf.
Wer auf den Spuren E. T. A. Hoffmanns durch Bamberg geht,
reist in die Ferne des frühen 19. Jahrhunderts

aus: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Freitag, 21. April 2017:

Der Weinhändler Kunz berichtet von Besuchen seines Freundes im Gewölbekeller seines Hauses am Grünen Markt im Zentrum der Stadt. Das prächtige Gebäude steht noch, der Keller, heute wie leergefegt, ist auch noch da, und dort, schreibt Kunz, hätten die Freunde regelmäßig einen bestimmten Burgunder aus dem Anbaugebiet Côte de Nuits getrunken – und zwar so, „dass wir beide unsern Platz auf dem Fasse selbst nahmen und auf den entgegengesetzten Enden desselben, Gesicht gegen Gesicht gekehrt, triumphierend ritten. Jeder hielt das gefüllte Glas in der Hand, der offene Spund blieb in der Mitte“.

Den ganzen FAZ-Artikel wert ist allerdings das verwendete Bildmaterial, das er sinnigerweise von der Berliner Fotografin Andrea Fischer bezieht und das ich hier dankbar weiterverwende. Schwarzweiß mit durchgehender Tiefenschärfe, das ist sowieso die Feenkönigin unter den Fototechniken.

So dünn der Artikel auch sonst daherkommt — mit wie viel dickeren Brettern könnten wir denn mehr anfangen? Ein ganz und gar erfreulicher und tragfähiger Lerninhalt ist doch die genaue Weinsorte, die Hoffmann in einer wichtigen Lebensphase bevorzugte — und dass es die sogar noch zu kaufen gibt, woran wir Postmodernen ja in den Fällen des Burgunders im allgemeinen und Karl Simrocks Menzenberger Eckenblut im besonderen schnell scheitern. „Das Stöffchen, das einst E.T.A. Hoffmann befeuert hat, aber nicht namentlich überliefert ist“, das ich noch in der Weinlesezeit 2016 in Wein-Lese vorschnell der Verschollenheit überantworten musste, ist damit als Côte de Nuits benannt.

Nicht nachzuweisen war dagegen der Weinhändler Cagiorgi, den seinerseits der Bamberger Weinhändler Kunz eingangs erwähnt, den wir wiederum in dem oben erwähnten obskuren Insel-Taschenbuch vernehmen: Julius Eduard Hitzig: E. T. A. Hoffmanns Leben und Nachlaß, zuerst erschienen 1823. Des Händlers Erinnerung ist darin als Fußnote versteckt. Noch genauer kriegen wir’s in diesem Leben nicht mehr:

Angelika Fischer, Berlin, in Bamberg für Tilman Spreckelsen, Der goldene Kopf. Wer auf den Spuren E. T. A. Hoffmanns durch Bamberg geht, reist in die Ferne des frühen 19. Jahrhunderts, in Frankfurter Allgemeine Zeitung, Freitag, 21. April 2017, aus Jürgen Hultenreich, Text, und Angelika Fischer, Fotos, Das Bamberg des E. T. A. Hoffmann. Wegmarken. Lebenswege und geistige Landschaften, Edition A. B. Fischer, Berlin 2016

——— Carl Friedrich Kunz:

Hoffmann bezog, seinem Verlangen gemäß, von dem Weinhändler Cagiorgi, gegen eine von mir ausgestellte Anweisung, auf meine Rechnung 24 Bouteillen Burgunder. Der genannte Nuits ist bekanntlich eine vorzügliche Gattung dieses Weines, den Hoffmann während seines Bamberger Aufenthaltes besonders verehrte und sich mit mir in meinem Keller trefflich schmecken ließ. Was werden aber die profanen Leute und Philister dazu sagen, wenn ich versichere, daß dieser Nuits aus Ehrfurcht vor seiner geheimnißvollen Kraft und seinem gewürzreichen Bouquet nur in seinem Elemente, der Nacht, oder geschah es bei Tage, doch nur in der zauberisch dunkeln Umhüllung des Kellers von uns genossen ward?! Zuweilen pflegte es sogar zu geschehen, daß wir beide unsern Platz auf dem Fasse selbst (einer sogenannten Piece) nahmen, und auf den entgegengesetzten Enden desselben, Gesicht gegen Gesicht gekehrt, triumphirend ritten. Jeder hielt das gefüllte Glas in der Hand, der offene Spund blieb in der Mitte, in welchem die blecherne Pumpe, als stets bereitwillige Hebe, bis die Gläser geleert waren, nachlässig ruhte. — Daß aber hier nicht auf gemeine Weise gezecht, sondern auf die geistreichste und gemüthlichste Art sich des heitern Lebens gefreut warb, darf ich ebenfalls versichern. — Die allerdings höchst komische Attitude gab Hoffmann Veranlassung zu einer trefflich kolorirten Zeichnung, die ich leider, wie so viele, ungestümen Bitten nachgebend, nicht mehr besitze. — Dies ächt Tenier’sche Genrebild bezeichnete den Moment, wo, als wir eben beide ganz gemüthlich auf dem Fasse gegenüber sitzen, und im Begriffe stehen, unsere Gläser an einander zu klingen, ein mit einem heftigem Donnerschlage verbundener Blitz durch die Kelleröffnungen zuckt, und unsere von Schrecken grimassirten Gesichter hell erleuchtet darstellt. — Das Bild war kein Phantasiestück, sondern einer wirklich erlebten Scene entnommen, Honny soit qui mal y pense!

Mit dem Weinhändler höchstselbst Saufspiele veranstalten. Will man wirklich wissen, unter Einsatz welcher inneren Organe ein Mensch es so weit im Leben bringt? Und ist das wirklich wahr, dass ich gerade den Job der Bamberger Tourist-Information verrichte?

Angelika Fischer, Berlin, in Bamberg für Tilman Spreckelsen, Der goldene Kopf. Wer auf den Spuren E. T. A. Hoffmanns durch Bamberg geht, reist in die Ferne des frühen 19. Jahrhunderts, in Frankfurter Allgemeine Zeitung, Freitag, 21. April 2017, aus Jürgen Hultenreich, Text, und Angelika Fischer, Fotos, Das Bamberg des E. T. A. Hoffmann. Wegmarken. Lebenswege und geistige Landschaften, Edition A. B. Fischer, Berlin 2016

Bilder: Angelika Fischer, Berlin, in Bamberg für Tilman Spreckelsen: Der goldene Kopf. Wer auf den Spuren E. T. A. Hoffmanns durch Bamberg geht, reist in die Ferne des frühen 19. Jahrhunderts, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Freitag, 21. April 2017, aus: Jürgen Hultenreich (Text) und Angelika Fischer (Fotos): Das Bamberg des E. T. A. Hoffmann (Wegmarken. Lebenswege und geistige Landschaften), Edition A. B. Fischer, Berlin 2016:

  1. „Am 1. September 1808 kam das Ehepaar Ernst Theodor Amadeus und Marianna, genannt Mischa, in Bamberg an – allein, die gemeinsame Tochter Cäcilia war kurz zuvor zweijährig verstorben. Der zweiunddreißigjährige Hoffmann, der Jura studiert hatte und mit dem Zusammenbruch Preußens arbeitslos geworden war, hatte nun eine Stelle als Musikdirektor am Bamberger Theater bekommen. Das Ehepaar wohnte anfangs in einem Haus direkt am Regnitzkanal. Allerdings gab es von Anfang an Ärger mit der Vermieterin, die dem Musiker das Klavierspielen verbieten wollte. Die Hoffmanns zogen ein paar Häuser weiter.“;
  2. „In dem schmalen Wohnhaus in der Bildmitte bewohnte das Ehepaar Hoffmann die beiden obersten Etagen.“;
  3. „Blick auf die Stephanskirche“;
  4. „Im Weinkeller seines Freundes Kunz am Grünen Markt pflegte Hoffmann auf einem Fass zu reiten.“

Soundtrack zum Getränkemissbrauch: die angenehm durchgeschmorte Feenkönigin
Camille: Fontaine de lait, aus: OUÏ, 2017:

Written by Wolf

11. August 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Nahrung & Völlerei, Romantik

Ahnung und Gegenwart. Jeune femme assise. Wie sie ist

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Update zu Fräulein Rosa Martin aus Nürnberg (18),
Candida Terpin und
Welcome, proud Mary:

I.

——— Joseph von Eichendorff:

Ahnung und Gegenwart

Erstes Buch, Zweites Kapitel, 1812, Johann Leonhard Schrag, Nürnberg 1815:

Antoine Watteau, Jeune femme assise, tournée vers la droite, la jambe droite repliée, les épaules dénudées, 1716--1717, via Dave für Madame Pickwick Art BlogDas Rauschen und Klappern einer Waldmühle bestimmte seine Richtung. Ein ungeheurer Hund empfing ihn dort an dem Hofe der Mühle. Friedrich und sein Pferd waren zu ermattet, um noch weiterzureisen. Er pochte daher an die Haustüre. Eine rauhe Stimme antwortete von innen, bald darauf ging die Türe auf, und ein langer, hagerer Mann trat heraus. Er sah Friedrich, der ihn um Herberge bat, von oben bis unten an, nahm dann Sein Pferd und führte es stillschweigend nach dem Stalle. Friedrich ging nun in die Stube hinein. Ein Frauenzimmer stand drinnen und pickte Feuer. Er bemerkte bei den Blitzen der Funken ein junges und schönes Mädchengesicht. Als sie das Licht angezündet hatte, betrachtete sie den Grafen mit einem freudigen Erstaunen, das ihr fast den Atem zu verhalten schien. Darauf ergriff sie das Licht und führte ihn, ohne ein Wort zu sagen, die Stiege hinauf in ein geräumiges Zimmer mit mehreren Betten. Sie war barfuß und Friedrich bemerkte, als sie so vor ihm herging, daß sie nur im Hemde war und den Busen fast ganz bloß hatte. Er ärgerte sich über die Frechheit bei solcher zarten Jugend. Als sie oben in der Stube waren, blieb das Mädchen stehen und sah den Grafen furchtsam an. Er hielt sie für ein verliebtes Ding. „Geh“, sagte er gutmütig, „geh schlafen, liebes Kind.“ Sie sah sich nach der Türe um, dann wieder nach Friedrich. „Ach, Gott!“ sagte sie endlich, legte die Hand aufs Herz und ging zaudernd fort. Friedrich kam ihr Benehmen sehr sonderbar vor, denn es war ihm nicht entgangen, daß sie beim Hinausgehen an allen Gliedern zitterte.

Antoine Watteau, Jeune femme assise

~~~\~~~~~~~/~~~

II.

Auf dem einzigen Nacktfoto, das von Maria existieren darf, sieht sie älter aus. Der extraharte Kontrast macht alles künstlich und beweist alles und das Gegenteil.

Riccardo Arriola, Maria, 2016. Silver gelatin, Ilford Genuine Silver Gelatin Art PaperEs ist genau das geworden, was der Lateiner ein intense portrait nennt: Wer sie nicht kennt, fragt umgehend, wer das denn sei, weil es auf jeden Fall ein Jemand ist, nicht etwa ein Modell für oder von etwas. Gut so, sonst hätte Maria auch dieses einzige sofort aus dem Verkehr gezogen, die ersten Abzüge und das Negativ verlangt und sogar dem Fotografen das bloße Betrachten untersagt.

Maria wurde zum ersten Mal in ihrem jungen Leben von ihrem zweiten Freund, der Fotograf ist, nackt fotografiert; soviel sie weiß, wurden von ihr nicht einmal in der Kindheit die typischen Babyfotos auf Eisbärenfellen oder beim Spielen im Planschbecken gemacht. So sieht die Nacktheit an ihr aus wie ein Kostüm. Ist es, weil sie so misstrauisch guckt? Sie hat kein gesteigertes Interesse daran, ihr Nacktbild kunsthistorisch zu interpretieren, schon gar nicht, wenn sie mit dem Fotografen zusammen ist.

Ihr Bild, das ist nicht sie, das ist ihr klar. Sie setzt die Frau auf dem Bild nicht mit der Maria, die sie ist, gleich; nur deswegen kann sie damit leben. Etwas anderes als ihre Passfotos in Abständen von fast einem Lebensalter ist sie nicht gewohnt, und auch die waren ihr noch nie ähnlich.

Eigentlich sollte die Frau auf dem Bild Kleider tragen; sie schreit sichtlich am natürlichsten nach einem zu großen grauen Flauschpullover, nach Jeans? Gar nicht einmal so selbstverständlich. Vielleicht passender Cordhosen? Gar einem langen Rock? Es kann sein, weil allein ihr Gesicht ein Häppchen Wetter abgekriegt hat und der Restkörper von aller Sonnenfärbung unbeleckt ist.

Ihre Füße sind Größe 42, obwohl sie nach der Körperlänge nie die Größte in einer Gruppe war — worüber sich jede andere Frau ihr Leben lang „Gedanken gemacht“ hätte. Schuhe kaufen war gerade deswegen immer leicht: Sie nahm einfach immer die größten vorrätigen, genau eine Nummer vor den Schuhgeschfäten für Übergrößen. Sie fand ihre Füße immer ganz gut: haben immer getan, was sie sollten, fielen niemandem unangenehm auf, und als Kind trug sie erst dann Schuhe, wenn das Anziehen weniger lästig wurde als die kalten Füße vom Barfußgehen. Ihre Füße sind langzehig hübsch, aber davon weiß sie schon gar nichts mehr, und wenn man es ihr sagte, würde sie einen befremdet anschauen und unauffällig fliehen.

Riccardo Arriola, Maria, 2016. Silver gelatin, Ilford Genuine Silver Gelatin Art PaperAuf ein Nacktportrait hat sie sich eingelassen, um ihrem Freund den Gefallen zu tun, wird dergleichen aber künftig lassen: „Du hast doch schon eins.“ Und: „Warte doch bis Samstag, wenn du wieder mit mir schläfst“ — Jawohl, sie sagt nicht etwa: „bis wir wieder miteinander schlafen“ –, „da siehst du mich noch nackig genug.“

Sandalenträgerin war sie nie. Dazu sind ihr Füße, die sie nicht ausdrücklich als Element erotischen Interesses begreift, denn doch zu intim. Nicht einmal offenzehige Hausschuhe hat sie je besessen.

Ihr Freund sieht in seinem Beruf jeden Tag ungefähr zehn nackte Mädchen, die allesamt viel schöner sind als sie, jedenfalls nach Model-Maßstäben, die man nun mal an kommerziell verwendbare Fotos legen muss. Die sind ihm aber erotisch egal, er hat über sie nur ein nüchternes Urteil, auf das er sich verlassen kann, und in ihr auf ähnliche Weise eine zuverlässige Freundin mit völlig anderem Beruf, auf die er sich verlassen kann. Etwas Unspektakuläres bei der Spedition ist sie, 8 bis 17 Uhr, ausgelernt, fest übernommen. Er betrachtet sie als sehr ernstes, sehr gutes großes Mädchen.

Von dem Gefallen mit dem Nacktfoto nimmt sie für sich persönlich mit, wie es für die ganzen Profimodeletten so ist, mit ihrem Freund im selben Job zu arbeiten. In jeder Sekunde ist ihr ganz ohne Bedauern klar, dass sie das mit dem Modeln gar nicht richtig „kann“ und dass sie auch keinen Ehrgeiz dazu hat.

Einmal hat er ihr gesagt, was sie für schöne Zehen hat: ohne Schwielen oder Verwachsungen, weder kurze Knubbel noch lange schlackernde Knochengespenster, so sieht man das selten, direkt fotografieren müsste man die mal … Da hat sie ihm angesehen, wie er ihre Füße geistig in seinem Profifotoportfoliodings unterzubringen versucht, und das wird sie nicht mitmachen. Ein Fetischist in ihrem Bett, auf Füße oder Ledersachen oder Spielzeuge, das fehlte ihr noch. Da hat sie ganz schnell und unauffällig die Füße unter die Bettdecke versteckt und das Thema gewechselt. Sie fand das beklemmend, er soll doch sie lieben, seine Freundin, und nicht ihre — Füße. Da hat sie fast geweint.

Riccardo Arriola, Maria, 2016. Silver gelatin, Ilford Genuine Silver Gelatin Art PaperAm Samstag zur Liebeszeit will sie das Licht dabei ausmachen, weil sie Skrupel ob ihres nicht-modelkonformen mammalen Bindegewebes hat. Ihr Freund, der allein ihr Fotograf sein durfte, und das nur einmal, liebt sie trotzdem, wenn nicht gar deswegen — weil ihr Naturzustand eine Seltenheit ist, den sie immer nur ihm schenken wird. Sie muss lange und jede Woche aufs neue wie zum ersten Mal beschlafen werden, damit sie zu ihrem sexuellen Recht kommt. Das ist anstrengend, aber auf eine schöne Weise, die er nicht sportlich nennen will. Er ist nicht ihr erster Freund, wahrscheinlich aber nicht einmal der dritte, und auf jeden Fall der erste, der sie so lieben kann — weil sie es ihm nach ihrer eher durchwachsenen ersten Erfahrung erlaubt.

Er heißt Richard. Ein Name, sagt sie ihm, mit dem man ruhig berühmt werden kann: ein Künstlername. Maria auch, findet er. Er ist ein paar Jahre älter als sie, so viel, dass sie als schönes Paar akzeptiert werden. Ach was, sagt sie. Nichts will sie weniger sein als berühmt.

Sie mag: öffentlich küssen, das macht ihr ein Herzklopfen, von dem sie wacher und klarer im Kopf wird. Aber nicht zuviel davon, sonst hält sie nicht durch bis Samstag. Was sie nicht müsste, aber sie schätzt eine gewisse Ordnung. Sie kann, glaubt sie fest, schlecht einordnen, wann ein richtiger Moment zum Küssen im Bus oder im Supermarkt ist, darum schlägt sie es nie von sich aus vor.

O ja, sie hat Orgasmen — nicht selbstverständlich für eine Frau, die der Falsche verklemmt hieße. Markieren würde sie niemals, darauf käme sie gar nicht — im Gegenteil: Ihr Höhepunkt ist still, geradezu introvertiert. Ihr Freund bemerkt ihn daran, dass sie erschrocken einatmet, was sie aber während einer Liebesrunde öfter tut und was darum kein sicheres Zeichen ist — gekommen ist sie erst, wenn sie es ihm sagt, indem sie ihn bei den Ohren schnappt und zu einem neuen Kuss ansetzt. Übrigens küsst sie besonders gut, aber wenn man ihr das sagt, wehrt sie ab: „Ach komm. Wie küsst man denn schlecht?“

Nach dem Liebesspiel ist sie immer zittrig und so erschöpft, wie sie sich eigentlich nicht vor ihrem Freund zeigen will. Deshalb lässt sie sich — nur manchmal — zu einer zweiten Runde verführen, weil sie in diesen Momenten auf eine freudige Art wehrlos ist. Diese zweiten Male sind immer die schöneren. Das weiß sie, aber sie benutzt es nicht. Sie ahnt, dass sie deswegen etwas verpasst, aber sie vermisst es nicht schmerzlich. Ihre zweiten Orgasmen fallen etwas lauter aus, weil ihr Körper schon ganz labbrig ist und quasi unter seinen Händen zerfließt, dann kann sie schon nicht mehr verhindern, dass etwas mehr Stöhnen aus ihr hervorströmt. Diese Wehrlosigkeit genießt sie sehr bewusst, aber eigentlich will sie sich so nicht erleben, so versteht sie sich nicht.

Unten geleckt werden, das mag sie. Das hätte sie nie im Leben von ihrem Freund verlangt, aber er mag es von selbst. Sie strubbelt ihm durch die Haare dabei und nimmt beim Sex zu zweit ihre Zeit für sich. Wenn sie ihm dabei mit den Zehen den Rücken streichelt, kommt sie sich schon verruchter vor, als sie sein will.

Umgekehrt ihn blasen ist ihr eher eine Schuldigkeit, weil es schon das Allerverruchteste ist, das sie sich jemals für sich vorstellen kann. O doch, sie mag seinen Schwanz sehr, so aus der Nähe, wie sie ihn mit Lippen und Zunge erkunden und sogar seinen Aggregatzustand steuern kann — findet aber, dass sie sich eigentlich ekeln sollte. Das ist keine Scham, es ist eher Selbstbeherrschung.

Sie kann ihn mit dem Mund zu Ende bringen und schluckt sogar, nicht ungern. Meistens will sie ihn aber noch vor seinem ersten Verströmen „richtig“ in sich spüren. Seine Schwanzmaße sind genau richtig, Länge und Umfang, nur hart genug kann er gar nicht sein. Auch das ist eine Art Steuern.

Seine Eichel könnte ihr Lieblingskörperteil auf der ganzen Welt sein, wenn sie sich das gestatten würde. Sie hat sowas ja nicht, da ist ihr seine Eichel so schön zwischen fremd und vertraut. Ihre Mischung aus Härte und Weichheit entzückt sie nimmermüde, damit wird sie niemals fertig werden. Weder mit dem Mund, in dem sie dieses fremde Stück vertrauter Lieblingsmensch bis zur Wurzel hinab herumkugelt wie einen unanständig großen Schluck Pistazieneis, noch wenn er es in ihr auf und ab pumpt, so fest sie will, so lange sie will. Das Einführen, das Zurechtkuscheln seiner Eichel, wie sie ihren Weg in ihre feuchtwarme und dann immer besonders tiefe Muschel hinauf bahnt und seine ersten Stöße, das ist ihr das Schönste in jeder Woche. An diese Augenblicke ist sie nie ganz gewöhnt, die kostet sie immer bewusst aus.

Er sagt, ihre Muschel riecht und schmeckt ungewöhnlich gut, überhaupt nicht nach abgestandenem Fisch, vielmehr nach frischer Seeluft, und ihr Mädchensaft ist schön flüssig und fast gar nicht sämig, und er ist kristallen durchsichtig und immer so viel, eher Gebirgsbachwasser als ein Schleim. Sie rasiert sich unten, extra penibel und nicht ungern, mit altmodischen Rasierklingen und der ein bisschen zu teuren Creme, hat es irgendwann ins Ritual ihrer Waschungen aufgenommen. Es gibt ihr ein sauberes Gefühl selbstbewusster Weiblichkeit, das ihr beim Lieben hilft. Wie seine Eichel schmeckt, kann sie nicht gut sagen, sie hat zuwenig vergleichende Erfahrung. Ein bisschen durch die Nase, nach Bittermandeln.

Ihr fürchterlichstes Geheimnis ist: Sie hat schon mal in der Arbeit masturbiert, bis zu Ende, als sie einen Rock trug. Das war in der Urlaubszeit, als sie das Büro allein hatte, am ersten Tag nach ihrer eigenen Woche auf Rügen, wo ihre Haut noch mit Sonne aufgeladen war, und kurz nachdem sie mit den Intimrasuren angefangen hatte. Sie hatte die Schuhe ausgezogen, um eine letzte Prise Sand aus dem Urlaub auf den Boden zu leeren, und wurde erregt von ihrer eigenen glatten Haut. Da hakte sie den einen Fuß auf der Schreibtischplatte ein und schlüpfte mit den Fingern zwischen ihre Lippen, die sie von selbst einsaugten. Sie schaute auf ihre natürlich unlackierten Zehen dabei, die sich an den Strand erinnerten, und schenkte sich den verbotenen Genuss. O Gott, wenn das jemand mitgekriegt hätte. Im Moment, als sie die Zehen vom Tisch nahm, blickte sie eine einzelne offene E-Mail an, schon davon fühlte sie sich ewischt. Kein Kollege, kein Vorgesetzter, nicht einmal Richard weiß davon. Es war bestimmt wichtig, entschuldigt sie sich, für ihre Selbstwahrnehmung.

Von hinten, das mag sie nicht, weil er dann nicht so tief in sie reicht, aber sie versucht sich so lebhaft zu schlängeln oder so ruhig zu liegen, dass es möglichst lange dauert. Schon im letzten Jahr hat sie sich vorgenommen, es doch einmal auf ihre Initiative hin von hinten zu versuchen, weil sie gelesen hat, dass er dann leichter an ihren G-Punkt reicht, und sie herausfinden will, ob es den gibt. Sie wird es ihm nicht vorher sagen, er wird es bemerken. Wenn sie ihm damit eine Freude machen kann, sollte es nicht ihre Absicht sein, aber umso besser. Beschlossen hat sie das in einem Moment, in dem sie kurz vor unbeherrschtem Herumstöhnen stand, nach einem zweiten Höhepunkt — worüber sie sich selbst wundert: Den Einfällen, die sie in entzündetem Zustand hatte, misstraut sie, vergisst sie auch meistens schnell wie Träume. Erklären könnte sie das nicht, und wozu sollte sie auch? Sie kann das eben. Sie schläft gern mit ihrem Freund und freut sich jede Woche darauf, und damit gut.

Betrunken mit ihm schlafen, das mag sie auch nicht. Einmal hat sie ihn in ihrer Liebesnacht nach einer Geburtstagsfeier, auf der sie zuviel erwischt hatte, mit den Armen umklammert, ins Ohr gebissen, mit lasziv gesenkter Stimme das Wort „Ssseeex!“ hineingeflüstert, wie die Nymphomanin in einem Serienporno mit dem Hintern gekreist und dann albern gekichert, so geht das doch nicht. Ihm schien es zu gefallen, regelmäßig einfordern wird er es nicht.

Den letzten Samstag, als beide betrunken waren, lagen sie nur nebeneinander im Bett und hielten sich an den Händen. Sie lag geduscht und nackt auf dem Rücken und fingerte sich selbst mit der Rechten. Sie war bedacht, die Welle der Bewegungen auf nur einer Seite der Matratze und ihers Körpers zu halten. Mit der Linken machte sie synchron die gleichen Fingerbewegungen in seiner Handfläche nach. So lange, bis ihr Höhepunkt einsetzte, worüber sie sehr erschrak, weil sie das nicht geplant hatte. Sie bäumte sich mit dem Becken auf und stöhnte laut, es war nicht zu verhindern. Und noch einmal. Sie hörte nicht auf, sich zu fingern, mit zwei, dann drei Fingern der Rechten in ihrer nass überlaufenden Höhle, und links in seiner Hand. In ihr stand eine Säule aus Lust, die oben als Stöhnen aus ihr wuchs. Wollte noch einmal, weil es so ein ungekannt schönes Gefühl war. Seufzte beim dritten Mal nur noch leise, bis sie merkte, dass sie schluchzte. Dann drehte sie sich zu ihm und wollte ihn küssen vor Glück, bestimmt mochte er sie jetzt auch richtig lieben. Er schlief schon.

Händchenhalten, das mag sie auch. Zum Beispiel an jenem sonnenhellen frühen Nachmittag, als sie ihr Nacktfoto machen wollten, waren sie händchenhaltend in Richards Altbauwohnung gekommen. Die Verständigung zwischen ihnen lief wortlos, was sie normalerweise überschätzt findet, weil man doch bitte reden kann, wenn man sich liebt. Diesmal war es passend. Auch er zog sich dazu nackt aus, wohl um einen Unterschied zu seinen professionellen Shootings zu machen, und mit einem schweigend auffordernden Blick: Komm, du auch, zieh dich jetzt aus. Dann standen sie im größten Zimmer und legten ihre Kleider sorgfältig auf Stühle zusammen. Unnötig zu vereinbaren, dass sie hinterher natürlich miteinander schlafen wollten.

Riccardo Arriola, Maria, 2016. Silver gelatin, Ilford Genuine Silver Gelatin Art PaperAls er ihr Bild nach wenigen Probeschüssen eingefangen hatte, wusste er sofort, dass es gelungen war: Profiblick. Der Ausschuss ruht heute irgendwo in Richards Beständen; sie weiß gar nicht, ob er digital, als Negativ oder als Abzug archiviert. Dann sprach er das einzige Wort während ihrer Sitzung:

„Maria.“

Darauf schlang sie die Beine unter sich hervor und ging auf ihn zu, um zu verführen und sich verführen zu lassen, es war Zeit. Er wies sie zärtlich ab, mit einem kleinen Kuss auf den Mund, und schraubte noch die Kamera vom Stativ.

Entnahm den Film. Verstaute die Kamera. Baute das Stativ ab. Trug den Film ins Bad, das zugleich seine Dunkelkammer war. Hieß sie mit einem Blick folgen.

Sie verstand, dass er das Vorspiel verlängern wollte, indem sie erst gemeinsam den Film entwickelten. Sie machte gerne mit. Das folgende Liebesspiel erinnert sie als besonders lange und besonders langsam, geradezu in Zeitlupe.

Die letzten Meter ins Bett hatte er sie auf seinen Armen getragen, ihre Haut war warm. Er bettete sie so behutsam aufs Bett, dass sie gar nicht sagen konnte, in welchem Moment sie noch schwebte und schon auf der Federdecke lag. Er begann mit ihr an den Füßen, weil sie in Reichweite seiner Hände lagen. Nippte kleine Küsse von ihren Zehen. Sie ließ es geschehen, weil es um ihren ganzen Körper gehen sollte, dazu gehörten heute auch ihre — Füße. Das letzte, was sie in Worten dachte, war: Größe 42.

Die Schlafzimmertür stand offen, ebenso im größten Zimmer das Fenster zur Straße. Als ihre Lust um den zweiten oder dritten Höhepunkt herum immer lauter wurde, war es noch nicht richtig Abend. Er selbst hatte sich den Höhepunkt offenbar verboten, denn er ließ immer nur sie aufs neue und noch einmal und dann noch ein letztes Mal kommen. Erst als von draußen kühle Abendluft an ihren Hintern fächelte, merkte sie, wie erschöpft sie war. Sie fing seinen Blick ein und blinzelte ihm die Erlaubnis zu: „Komm.“ Während in ihr sein Schwanz zu pumpen begann, flüsterte er ihr oben ein weiteres Mal ins Ohr:

„Maria.“

Ohne Hilfe der Hände entließ sie seinen erschlafften Schwanz aus ihrer Muschel. Scheidenmuskeln, dachte sie heimlich, Scheidenwände, Vaginalmuskulatur, der seltsamen, fremdartig erregenden Wörter wegen, und: Beckenbodengymnastik, und lächelte glücklich. Wie aus Versehen überlegte sie, wie das Nacktfoto von ihr wohl jetzt, nachher, ausfallen würde, brachte ihn aber auf keine weiteren Ideen. Sie bekam Lust auf etwas Süßes, Starkes. Portwein. Sie fasste ihn um den Nacken und zog seinen Kopf zu sich, um ihn noch einmal zu küssen. So, dass ihre Dankbarkeit und Liebe für ihn darin lag.

Beim Aufstehen spannte ihre Haut am ganzen Körper elektrisch, ihre Gehversuche fühlten sich jetzt schon an wie nach zwei Gläsern Portwein. Ihre Fußsohlen mussten sich erst an die Parkettbohlen gewöhnen. Sie sah nicht, sie fühlte nur ohne Scham, dass sie noch aus der Muschel tröpfelte. Sie fuhr nicht einmal ertappt zusammen, als sie gegenüber das offene Fenster zur Straße bemerkte, freute sich sogar darüber, mit einem leisen Anflug von Stolz. Sie tapste tiefer in die Wohnung, verschwand aus dem Sichtfeld des Schlafzimmers, durchbefriedigt, barfuß, nackt.

Hinter ihr stützte Richard den Kopf auf einen Arm und beobachtete sie, als ob sie sein Fotomodell wäre. Er versuchte nicht zu breit zu grinsen, denn es war ihm nicht entgangen, daß sie beim Hinausgehen an allen Gliedern zitterte.

Riccardo Arriola, Maria, 2016. Silver gelatin, Ilford Genuine Silver Gelatin Art Paper

Bilder: Antoine Watteau: Jeune femme assise, tournée vers la droite, la jambe droite repliée, les épaules dénudées, 1716–1717, via Dave für Madame Pickwick Art Blog: Watteau & Utopia on Standby: The Ghosts of Style, 15. Oktober 2010;
Jeune femme assise, via The Morgan Library & Museum, wie üblich bei Watteau ausschließich Holzkohle mit Rötel als einziger Farbe, mit Weiß gehöht;
Marienbilder: Riccardo Arriola: Maria, 2016. Silver gelatin, Ilford Genuine Silver Gelatin Art Paper, via Grand Studio Atelier, Dezember 2016.

Marias Lieblingsband: First Aid Kit (Klara, 15, und und Johanna Söderberg, genau am Tag zuvor 18 geworden) live für ihre erste EP Drunken Trees im schwedischen Wald von Oppunda, 1. November 2008: You’re Not Coming Home Tonight; Our Own Pretty Ways; Jagadamba, You Might:

Written by Wolf

2. Juli 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Romantik

Ein Nichts, ein Zwischenraum (Jedenfalls sie hattens nicht)

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Update zu Menschenhaß! Ein Haß über ein ganzes Menschengeschlecht! O Gott! Ist es möglich, daß ein Menschenherz weit genug für so viel Haß ist!
und Ich will mich wie mein Schwanz erheben:

Sinaida Serebrjakowa

Neues aus meiner Jugend: Als meine Eltern glaubten, in meinem verrammelten Zimmer läse ich das, was sie bis heute „hochgestochene Gedichtebücher“ nennen, so hatten sie recht. Ebenfalls bis heute wäre ihnen nie im Leben zu vermitteln, was da eigentlich drinsteht — und mir, wie man endlich einen russischen Roman über 800 Seiten durchhält. Anderes Thema.

Sinaida Serebrjakowa, Portrait of daughter Ekaterina Serebriakova, 1928Mit 14 gingen für mich allerdings die Kurzgeschichten von Čechov, Peter-Urban-Übersetzung von 1976, und die schmissigeren Gedichte von Puschkin klar. Bleiben wir bei letzterem. Wenn meine Eltern das geahnt hätten, dass mir eine Ballade von ihm — um sie nicht als Büttenrede abzuqualifizieren — eine Woche lang erspart hat, meine selbstverfertigten Ferkeleien auf dem Schulhof für 20 Pfennig pro Durchschlag zu verhökern.

1822 war Puschkin 23, ein adliger Offizierssohn in russischen Staatsdiensten in Saft und Kraft, und durfte dergleichen schreiben — gerade weil er den gleichen Fehler machte wie weiter westlich sein Schreiber- und Romantikerkollege E.T.A. Hoffmann und sich durch satirische Zusetzungen mit seinen Petersburger Vorgesetzten anlegte. Ich kannte mit 14 die Übersetzung aus seiner Gesamtausgabe bei Insel, die von 1968 stammt, und habe immer bedauert, mir diese Textmenge nie ganz auswendig gemerkt zu haben.

Vielleicht hat sich meine Faulheit beim Auswendiglernen gelohnt, weil mir heute eine Übersetzung von 1998 über den Weg läuft, die um einiges souveräner daherkommt. Menschen, die ziemlich viel von Russisch und speziell von Puschkin verstehen, geben mir die Einschätzung, die Übersetzung sei „stellenweise etwas künstlerisch freizüngig und modernisiert, erkennte da jeder noch seinen Puschkin? Nuja, andererseits: Warum nicht, könnte vielleicht als sowas wie der 40-Töchter-Rap durchgehen.“ — Wie ich sagte, ohne unmittelbar mit Puschkins Original vergleichen zu können: souverän.

Zusätzlich zu seinem Husarenstück liefert Dietrich Gerhardt seinen Fachartikel: X. Puschkins Gedicht „Zar Nikita und seine vierzig Töchter“, den ich zu Einordnung und Verständnis warm empfehle und auch von den o. a. puschkinverständigen Menschen als „erhellend und kurzweilig“ eingestuft wird. — Auszug:

Der Text des „Zaren Nikita“ ist ein interessantes Mittelding zwischen authentischer, d. h. handschriftlich gestützter Überlieferung und oraler Tradition. Bei abnormen, in diesem Falle gegen die Konvention gerichteten Produkten ist so etwas gar nicht so selten; man denke etwa an die vielen „normalen“ Texte mit „abnormalen“ und nur mündlich tradierten Fortsetzungen oder an das große Gebiet der politischen Dichtung. Nur Vers 1 bis 26 sind in einem Autographen Puschkins erhalten, alles übrige beruht auf dem, was vor allem Puschkins Bruder Lev Sergeevič und andere wie M. N. Longinov in ihren Gedächtnissen bewahrt haben und was von den verschiedensten Hörern in Nachschriften fixiert wurde. Bis Vers 76 stimmen zwar zahlreiche dieser Notate überein, aber von da an gibt die textliche Basis kein völlig klares Bild mehr von einem oder mehreren Textstadien. Da die zaristische Zensur, die Puschkin selbst am Schluß des authentischen Teils als fromme, allzu prüde Närrin angeht, gegen eine Veröffentlichung in Rußland sicherlich Einspruch, wenn nicht mehr, erhoben hätte, treten von der Jahrhundertmitte an ausländische Publikationen in die Bresche und führen zu den ersten Abdrucken. Dann beginnen die neueren Ausgaben bis hin zu der letzten akademischen Gesamtedition. Neuere Textzeugen sind nun wohl nicht mehr zu erwarten und der Wortlaut steht nach der dort geleisteten peniblen Puzzle-Arbeit im wesentlichen fest.

Die erwähnten Bilder von Nina Ivanovna Ljubavina und Elena Anatolevna Gliznecova sind mit meinen Mitteln — sprich: Russischkenntnissen — nicht aufzutreiben, aber eine Gegenüberstellung der zwei bekannten, sehr vergnüglichen Übersetzungen, das geht. — Für die Russen unter uns — zuvörderst zur Feststellung, warum die Übersetzungen unterschiedlich lang geraten mussten, — steht das kyrillische Original auf Wikisource und öfter.

Sinaida Serebrjakowa

——— Alexander Sergejewitsch Puschkin:

Zar Nikita und seine vierzig Töchter

1822:

Deutsche Übersetzung: Lieselotte Remané, 1968:

Zar Nikita, reich und mächtig,
Lebte lustig, lebte prächtig,
War vielleicht kein Bösewicht.
Doch auch Gutes tat er nicht.
Meistens mußte er sich plagen –
Tags mit Eß- und Trinkgelagen
Und mit seinen Fraun bei Nacht,
Bis sie ihm zur Welt gebracht
Vierzig Töchter, die vergleichbar
Gottes Engeln, unerreichbar
Klug und liebenswert und schön.
Welche Wonne, nur zu sehn
Diese Köpfchen, diese Haare,
Diene holden Augenpaare
Und die schlanken Beine gar!
All das schien bestimmt, fürwahr.
Männer auf die Knie zu zwingen
Und um den Verstand zu bringen,
Fehlte nicht – zu ihrem Leid –
Allen eine Kleinigkeit …
Doch wie soll ich das erklären? …
Soll ich’s wagen, mich nicht scheren
Um Gesittung und Moral?
Sei’s drum, schließlich ist’s egal.
Ob pedantische Zensoren,
Mucker, Heuchler und Pastoren
Lauthals gleich ihr Veto schrein!
Also: diesen Jüngferlein …
Fehlte zwischen ihren Beinen …
Nein! Das mag zu deutlich scheinen …
Lieber Gott, wie fang ich’s an?
Ob man’s so umschreiben kann?:
Venus, reizen mein Gelüste
Nur dein Mund und deine Brüste?
Ach, der Liebe letzter Traum
Ist ein Nichts, ein Zwischenraum.
Nun, den Töchterchen des Zaren,
Die so lieb und lustig waren,
Und so holden Angesichts,
Fehlte eben dieses Nichts.
Trog nicht solcherlei Entartung
Schließlich jedes Manns Erwartung?
Ach, der Zar war fassungslos,
Und nicht minder schwer verdroß
Es die mütterlichen Damen.
Als das Volk dann durch die Ammen
Diesen Hoffskandal erfuhr,
Sperrte jeder sprachlos nur
Auf das Maul, doch was er dachte,
Sagte keiner. Alles lachte
Heimlich bloß – man kann’s verstehn –
Um nicht nach Nertschinsk zu gehn.
Sämtliche Lakain und Ammen
Rief der Zar deshalb zusammen
Und verbot, daß irgendwer
Noch darob ein Wort verlor.
„Keiner soll sich mehr erfrechen,
Laut von Fleischeslust zu sprechen,
Damit meinen Töchtern nicht
Liebesgram die Herzen bricht.
Weibern, die sich lustig machen,
Über meine Töchter gar,
Über ihr Gebrechen lachen
– Drohte der erzürnte Zar –,
Schneide ich die Zunge raus.
Und den Männern – freiheraus
Sei’s gesagt, ihr sollt nicht meinen,
Daß ich scherze – das Gemächt!“
Hart war dies, jedoch gerecht,
Und so gab es schließlich keinen,
Der Gehorsam nicht gezeigt,
Dem Dekret sich nicht gebeugt.
Alle hielten steif die Ohren,
Waren um ihr höchstes Gut
Stets wohlweislich auf der Hut.
Manch ein Weib gab schon verloren
Ihren redseligen Mann,
Doch der dachte unverfroren:
Fing sie doch zu schwätzen an!
(Denn er wünschte sie zum Teufel).
Als die vierzig Jüngferlein
Heiratsfähig ohne Zweifel
Schienen allesamt zu sein,
Da berief der fromme Zar
Heimlich zu sich die Bojaren,
Denn kein Diener sollt’s erfahren –
Legte seinen Kummer dar,
Bat sie, Rat ihm zu erteilen,
Wie das Übel wär zu heilen.
Aus der Würdenträger Chor
Trat ein greiser Ratsherr vor.
Und verneigte sich vor allen.
Da ihm grad was eingefallen,
Tippte sich der alte Tropf
Plötzlich auf den kahlen Kopf
Und begann drauflos zu schwätzen:
„Weiser, edler Zar, verzeiht
Gnädigst mir die Dreistigkeit
Meiner Rede! Nicht verletzen
Möcht ich Anstand und Moral.
Doch ich kann in diesem Fall
Nicht vom Sumpf der Wollust schweigen,
Die vergangnen Zeiten eigen.
Eine üble Kupplerin,
Der ich einst begegnet bin
(Weiß nicht, wo sie dann geblieben,
Und was sie seitdem getrieben),
Galt als Hexe und verstand
Von der Heilkunst allerhand.
Sie zu finden muß gelingen,
Einzig sie kann Rettung bringen!“
„Sucht die Hexe, findet sie“,
Schrie der Zar, „gleichgültig, wie!“
Sollte uns das Weib belügen,
Hintergehen, frech betrügen,
Mag man mich ein Hundsfott nennen,
Gäb zum Rosenmontag ich
Nicht Befehl, sie zu verbrennen.
Doch Gott hilft uns sicherlich!“

Heimlich ließ er von Kurieren
Nach der Hexe spionieren,
Rundherum im ganzen Land
Wurden Boten ausgesandt.
Sie durchsuchten alles gründlich,
Doch wohin ihr Blick auch drang,
Allerwegen unauffindlich
Blieb das Weib zwei Jahre lang.
Endlich konnt nach wildem Ritte
Einer eine Spur erspähn,
Sah im Wald dann eine Hütte
Tief versteckt im Dickicht stehn
(Eigenhändig, ohne Zweifel,
Führte dorthin ihn der Teufel.),
Und, fürwahr, er fand darin
Die gesuchte Zauberin.
Als Gesandter seines Zaren
Konnt er Höflichkeit sich sparen,
Trat gleich ein ganz ungeniert,
Sagte, was ihn hergeführt.
Was den Zarentöchtern fehlte.
Eh, daß er’s zu End‘ erzählte,
War der Alten völlig klar,
Was des Zaren Auftrag war.
Aus dem Haus hieß sie ihn gehen,
Keinesfalls sich umzusehen.
„Fort“, schrie sie, „sonst packt dich Tropf
Böses Fieber gleich beim Schopf! …
Komme wieder nach drei Tagen.
Meine Antwort zu erfragen,
Doch beim ersten Frührotschein!“
Dann schloß sich die Hexe ein,
Unterm Kessel Glut zu schüren
Und den Satan zu zitieren.
Und der Teufel kam und gab
Selbst ein Kästchen bei ihr ab,
Voll von jenen Gottesgaben,
Dran sich Wollüstlinge laben.
Jede Farbe war parat.
Ganz zu schweigen vom Format.
Doch die Hexe reservierte
Für die Zarentöchterlein
Nur die schönsten und sortierte,
Wohlverpackt in Tüchlein fein,
Sie ins Kästchen wieder ein.
Als der Bote nach drei Tagen
Wiederkam, gab sie’s ihm mit,
Hieß ihn heimwärts schnell zu jagen,
Schenkte für den langen Ritt
Ihm ein Geldstück noch zum Lohn.
Eiligst brauste er davon.
Aber schon nach ein paar Stunden
Spürte Hunger er und Durst,
Machte Rast und ließ sich munden
Wodka, Brot und Speck und Wurst –
War als ordentlicher Mann
Wohlversorgt mit Trank und Essen.
Während auch sein Gaul indessen
Friedlich graste, fing er an,
Sich den Lohn schon auszumalen.
Den der Zar spendieren könnt.
Ob er Tausende wird zahlen
Und zum Grafen ihn ernennt?
Doch was schickt das Weib dem Zaren,
Was ist in dem Kasten drin?
Allzugern möcht er’s erfahren,
Leider, ach, verschloß sie ihn.
Neugier wachsen und Begehren.
Noch steht seine Furcht davor …
An das Schloß preßt er sein Ohr,
Aber nichts ist drin zu hören.
Schließlich schnuppert er daran …
Fährt zurück und ruft : „Beim Teufel
Ja, das ist doch … ohne Zweifel! …
Na, das seh ich mir gleich an!“
Doch kaum hat er aufgebrochen
Die Schatulle, schwirrte schon,
Was darin so gut gerochen.
Wie ein Vogelschwarm davon.
Ringsum ließen sie sich nieder.
Wiegten auf den Zweigen sich.
Rief nach ihnen flehentlich
Unser Bursch auch immer wieder,
Streute er auch Stück um Stück
Seinen Zwieback aus, vergebens!
Keines kam zu ihm zurück,
Alle freuten sich des Lebens
Mehr in Freiheit, statt im engen
Dunklen Käfig sich zu drängen.
Schließlich kam des Wegs gezogen
Just ein altes Weib daher,
Tief gebeugt, krumm wie ein Bogen,
An der Krücke keuchend schwer.
Und der Bursch fiel ihr zu Füßen:
„Meine Vögel“, schrie er, „sieh,
Ließ ich fliegen! Schrecklich büßen
Werd ich’s, Mutter! Sag mir, wie
Krieg ich sie ins Kästchen wieder?“
Und die Alte hob den Kopf,
Spuckte aus, sah auf ihn nieder,
Zischte nur: „Heul nicht, du Tropf,
Hast dich übel zwar vergangen,
Doch nicht schwer ist’s, sie zu fangen,
Denn sie wissen, wo ihr Platz,
Knöpf nur auf den Hosenlatz!“
„Danke“, sprach er – und ließ sehen,
Was man sonst nicht zeigt so frei.
Kaum jedoch war dies geschehen,
Flog der Schwarm auch schon herbei.
Um nicht Schlimmres zu erfahren,
Faßte er die Vögelein,
Sperrte alle wieder ein
Und ritt weiter, heim zum Zaren.
Von den Töchtern setzte jede
Fröhlich ohne Widerrede
Einen in ihr eignes Nest.
Und dann gab der Zar ein Fest.
Sieben Tage ging die Fete,
Zechte man in Saus und Braus,
Dreißig Tage schlief man aus,
Und dann kriegten alle Räte
Von des Zaren eigner Hand
Umgehängt ein Ordensband.
Auch der alten Hexe sandte
Zar Nikita, eingedenk
Ihrer Künste, als Geschenk
Eine ziemlich abgebrannte
Kerze, ein Museumsstück,
Und zu ihrem höchsten Glück,
Was Erstaunen wohl erregte,
Zwei in Spiritus gelegte
Schlangen, sowie zwei Skelette
Aus demselben Kabinette …
Auch der Bote ward bedacht.
Damit schließ ich, gute Nacht!

Deutsche Übersetzung: Dietrich Gerhardt, 1998:

Irgendwo auf dieser Welt,
Wo, das sei dahingestellt,
Lebte seine Dolce Vita
Einst ein Zar, genannt Nikita;
Machte seinem Musterlande
Nicht viel Ehre, nicht viel Schande,
Tat nicht viel und aß und trank,
Sagte seinem Schöpfer Dank,
Und zu vieler Mütter Glück
Zeugt’ er Töchter, vierzig Stück,
Vierzig Töchter ohne Mängel,
Vierzig Mädchen wie die Engel,
Schöne Mädchen, wie ich meine,
Lieber Himmel, was für Beine!
Was für Köpfchen, schwarzes Haar,
Augen, Stimme wunderbar,
Und ein Geist, der uns begeistert,
Herz und Sinne gleich bemeistert,
Kurz, von Kopf bis Fuß vollkommen –
Ihnen war nur Eins benommen.
Was denn? Eine – Bagatelle,
Fast ein Nichts auf alle Fälle,
Ganz egal, aus welcher Sicht.
Jedenfalls sie hattens nicht.
Ja wie soll mans nur erklären,
Ums moralisch zu bewähren
Vor der Mutter der Kultur,
Unsrer kitzlichen Zensur?
Nun, was solls, es muß wohl sein.
Zwischen ihren Beinen – Nein,
Das fällt allzu deutlich aus.
Anders wird ein Schuh daraus:
Venus zeigt mir nicht alleine
Busen, Lippen, schöne Beine,
Auch den Feuerherd der Liebe,
Ziel des heißesten der Triebe.
Nun, was ist wohl diese Stelle?
Eine kleine Bagatelle,
Und just diese hatten schlicht
Unsre schönen Töchter nicht.
Die genetische Bewendnis
Sahen ohne viel Verständnis
Alle höfischen Berater.
Traurig war es für den Vater
Und die Mütterschar zusammen.
Als von ihren Hebeammen
Man erfuhr, was da geschehen,
Ließ das Volk sich schmerzlich gehen,
Stöhnte, raufte sich das Haar,
Mancher fand es komisch gar,
Doch in aller Heimlichkeit,
Denn Sibirien war nicht weit.
Seinen Hofstaat zu erbauen,
Auch die frommen Kinderfrauen,
Gab der Zar nun dies Gebot:
„Wer es wagt und ohne Not
Meine Töchter Sünde lehrt,
Oder nicht zu denken wehrt,
Oder ihnen nicht verhehlt,
Daß bei ihnen etwas fehlt,
Oder mit obszönen Gesten
Oder Worten sie will testen,
Dem, das sollten Weiber wissen,
Wird die Zunge ausgerissen,
Wenns ein Er ist schlimmstenfalles
Etwas andres, manchmal pralles.
„So gerecht war unser Zar,
Wie er streng und deutlich war.
Das Gebot war recht und billig.
Jeder unterwarf sich willig,
Lebte nun mit Vorbedacht
Nahm sein Hab und Gut in Acht.
Zwar die armen Weiber hatten
In die Schweigsamkeit der Gatten
Nicht das nötige Vertrauen.
„Schuld sind immer nur die Frauen!“
Dachten jene ärgerlich
Und erbost ihr Teil für sich.
Und so wuchsen sie heran,
Was man nur bedauern kann.
Vor dem Rate legt der Zar
Schließlich seine Sache dar,
So und so, und ziemlich frei
Wenn kein Dienerohr dabei.
Viele dachten nach im Staat
Wie das wohl zu heilen sei.
Da erschien ein alter Rat
Grüßte, schlug sich vor die Glatze
Und begann ein Mordsgeschwatze:
Herr und Zar, du großes Licht,
Strafe meine Frechheit nicht,
Wenn ich sage, wie vor Zeiten
Man verfuhr mit Fleischlichkeiten.
Mir war einst in unserm Land
Eine Kupplerin bekannt.
Wo und was sie heute treibt
Sicher ist sie, was sie bleibt:
Weitberühmt durch Hexerei
Macht sie aller Krankheit frei,
Heilt so Leib- wie Gliederschwächen,
Husten, Brust- und Seitenstechen.
Diese muß man suchen lassen.
Sie wirds schon in Ordnung bringen,
Kennt sich aus in solchen Dingen.
„Also kriegt sie mir zu fassen!“
Rief der Zar mit Zornesblicken,
„Augenblicklich nach ihr schicken!
Doch wenn sie sich untersteht,
Nicht beschafft, worum es geht,
Uns mit Lügerei umgaukelt
Oder anderswie verschaukelt,
Werde ich, so wahr ich Zar bin
Und im Kopfe halbwegs klar bin,
Ihr den Scheiterhaufen schüren
Und damit den Himmel rühren.
„Also schickt man heimlich-leise
Per Expreß in größter Eile
Seine Häscher auf die Reise
Fort in alle Landesteile,
Und sie fahnden rings in Scharen
Nach der Hexe für den Zaren.
Ein-zwei Jahre gehn ins Land,
Nichts wird irgendwo bekannt.
Bis ein Junge, aufgeweckt,
Eine heiße Spur entdeckt.
Wie vom Teufel selbst gestoßen
Kam er in den Wald, den großen,
Sieht: Ein Häuschen steht im Wald,
Drin die Hexe, grau und alt,
Und als Bote seines Zaren
Achtlos möglicher Gefahren,
Tritt er ein und grüßt sie keck,
Spricht von seinem Reisezweck,
Stellt die vierzig Töchter dar,
Und was nicht vorhanden war.
Nun, die Alte riecht den Braten
Und befördert den Soldaten
Rasch zur Tür hinaus: „Verschwinde!
Und wirf keinen Blick zurück,
In drei Tagen hol ein Stück
Dir als Antwort-Angebinde.
Und vergiß nicht: Früh am Tage,
Sonst besiehst du Not und Plage!
„Hinter fest verschlossner Tür
Zaubert sie dann nach Gebühr,
Drei Mal vierundzwanzig Stunden,
Bis den Teufel sie gebunden,
Bis er für das Zarenschloß
Selber ihr ein Kästchen goß,
Voll mit frevelhaften Dingen,
Denen Männer Opfer bringen.
Alle gabs mit Zubehör,
Jede Größe und Couleur,
Auch gelockte, erste Wahl,
Von der ganzen großen Zahl
Nahm die Hexe sich heraus.
Sucht die vierzig schönsten aus,
Eine Serviette drum,
Dreht den Schlüssel um und um.
Schickt ihn damit auf die Reise,
Gibt ihm Geld für Trank und Speise.
Der geht los im Morgenrot,
Will mit seinem Früstücksbrot
Zur Siesta sich bequemen.
Etwas Wodka zu sich nehmen,
Hatte alles mit Bedacht
Für den Rückweg mitgebracht.
Bald ist alles aufgezehrt.
Ruhig dösen Mensch und Pferd
Nun in süßen Träumerein:
Loben wird ihn der Regent,
Wenn er ihn nicht gar ernennt …
Was schließt wohl das Kästchen ein?
Was ists wohl für ein Präsent?
Fruchtlos schaut er durch die Spalten.
Ärgerlich! Die Schlösser halten.
Und die Neugier plagt und brennt,
Fängt zu jucken an, zu bohren.
An das Schloß hält er die Ohren:
Nichts dringt aus dem Schlüsselloch.
Doch wies riecht – das kennt er doch?
Gott verdammt, was ist geschehen?
Etwas könnte man mal sehen.
Und den Jäger hielts nicht mehr.
Kaum kriegt er den Schlüssel her,
Sind die Vögel ausgeflogen,
Haben ringsum sich verzogen,
Husch! – im Kreise auf die Äste
Schwänzeln die befreiten Gäste.
Unser Jäger rief erschrocken,
Wollte sie mit Zwieback locken,
Streute Krümel aus – vergebens
(Klar: Sie brauchten andre Speise!),
Sangen, freuten sich des Lebens,
Und zurück auf keine Weise!
Doch da kommt den Weg entlang
Grad im Krücken-Humpelgang
Lahm die Beine, krumm die Knochen,
Eine alte Frau gekrochen.
Jener fällt ihr – bums! – zu Füßen:
„Muß mit meinem Kopfe büßen,
Hilf mir, Mutter, steht mir bei,
Sieh nur, diese Schweinerei!
Ich kann sie nicht wieder fangen.
Wie ist das bloß zugegangen?“
Als sies übersehen kann,
Spuckt sie aus und zischelt dann:
„Böses hast Du angestellt,
Doch sieh mutig in die Welt,
Brauchst den Vögeln nur zu zeigen …,
Runter sind sie von den Zweigen.“
„Danke“, sprach er, „sei gepriesen.“
Hat es ihnen kaum gewiesen,
Sind sie schon herab geflattert
Und zu neuer Haft vergattert.
Weil dies Pech genug gewesen,
Sperrt er ohne Federlesen
Alle vierzig in den Kasten,
Macht sich heimwärts ohne Rasten,
Um sie heil zu überbringen,
Wo die Mädchen sie empfingen,
Schnurstracks in den Käfig taten,
Sehr zur Lust des Potentaten.
Gleich gabs dann ein Festgelage,
Und man zechte sieben Tage,
Und erholte sich vier Wochen.
Lob und Dank ward ausgesprochen,
Auch der Hexe nicht vergessen.
Ihr ward nämlich zugemessen
Aus dem Wunderkabinette
Zwei Reptilien, zwei Skelette,
Und – man wunderte sich wohl –
Aschenbrand in Alkohol.
Auch der Jäger ging nicht leer aus.
Das ist meines Märchens Kehraus.

***

Viele werden mich wohl schmähen,
Weil sie gern begründet sähen,
Wie man so was schreiben kann.
Nun, ich kanns. Was geht sies an?

Sinaida Serebrjakowa

Bilder: Vaginalose russische Akte von Sinaida Serebrjakow, 1884–1967. Das zweite von oben, das Hochformat, ist ein Portrait von Ekaterina, der Künstlerinnentochter, 1928.

Sinaida Serebrjakowa

Soundtrack: Beloe Zlato („Weißes Gold“): Über den stillen Fluss: stubenreines, jugendfreies russisches Volksgut.

Written by Wolf

23. Juni 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Romantik

I’m half-sick of shadows

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Update zu Wie der Schnee so weiß, aber kalt wie Eis ist das Liebchen, das du dir erwählt:

The Lady of Shalott von Lord Alfred Tennyson, 1. Baron Tennyson wurde schon lange nicht mehr ordentlich übersetzt. Dabei ließ sich die deutschsprachige Reproduktion zuerst so lebhaft an; unter anderem gibt es:

Empfohlen wird natürlich die erste, die von Freiligrath, die auch in recht leserlich gestochener Fraktur daherkommt.

Persönlich greifen mir Geschichten von Mädchen und viel zu schönen Frauen, die sich zu Tode singen, ganz unverhältnismäßig ans Herze, das ist eine körperliche Reaktion bei mir, fast noch sicherer und heftiger als das Orpheus-Eurydike-Thema, weil es persönlicher und damit unmittelbarer wirkt. Das geht so, seit ich zu früh im Leben A Fight to the Finish 1947 mit Oskar Supermaus gesehen hab, Paradebeispiel ist die Antonie aus dem Rat Krespel 1818 von E.T.A. Hoffmann, die Jacques Offenbach sangeswirksam als dritten Akt von Hoffmanns Erzählungen 1881 ausgebaut hat. In der schlimmen Heimatschnulze Das Donkosakenlied 1956 ist es ein kleiner Junge, der das Singen nicht lassen kann, und in Noch einmal mit Gefühl 2001 ist gleich eine ganze Stadt vom Totsingen bedroht, da waltet aber um die Vampirjägerin Buffy und ihre von Dämonen Mitverfolgten wenigstens die nötige Selbstironie. — Wenn jemand noch was weiß? Die Kommentarfunktion ist immer offen.

Seltsamerweise hab ich auf die Lady of Shalott nie so angesprochen, obwohl da eine Vorläuferin der Ophelia sich sehenden Auges malerisch in ein Boot legt und darin singend auf ein Schloss zutreibt, in dem sie als Leiche ankommen wird. Schieben wir es darauf, dass man dieses ausgebaute Genre der Lady of the Lake immer nicht als die faszinierend schillernde Elaine kennenlernt, sondern als einschläfernden Loop über 11:34 Minuten von einer Meditations-CD fürs Zahnarztwartezimmer.

Zur Interpretation abseits des Wikipedia-Artikels: Die Besonderheiten am Shalott’schen Topos sind, dass die Lady 1. nicht weiß, worin eigentlich ihr Fluch besteht, 2. Bilder webt, die sie indirekt in einem Spiegel sieht, und 3. bereitwillig für ihre erste Liebe auf den ersten Blick, die gleich ihre große ist, stirbt. Schuld und Sühne sind also definiert wie bei Kafka: in höchst willkürlicher Weise überhaupt nicht — und das von einer fadenscheinigen, rächenden Instanz, „Nenn’s Glück! Herz! Liebe! Gott!“ (Faust). Aus feministischer Sicht ist das reichlich fragwürdig, aus einfach nur menschlicher Sicht nicht minder: Eine namenlose Edelfrau darf ihren Elfenbeinturm weder mit ihrer Erkenntnis noch gar mit ihren unbefugten Füßen (siehe den Bonus Track unten) überschreiten, und wenn der wunder-schöne, stolze Ritter kommt, darf sie ihm gerade noch hinterherreisen und ihr letztes Lied dabei singen. Gnade vor dem ritterlichen Hof findet sie nicht für ihre künstlerischen oder hausfraulichen Leistungen oder auch nur für ihre Hingabe, sondern ausdrücklich für ihr hübsches Gesicht. Wer sich als Feminist*in versteht, darf an dieser Stelle einige berechtigte Einwände erheben, sich dabei nur nicht so anstellen wie die ewige Gothic Lolita Emilie Autumn in ihrer Kontrafaktur Shalott 2006 auf Opheliac. Klar, dass diese Auffassung aus dem Frühmittelalter stammt — weil sie nämlich als Nebenstrang der Artus-Sage aus dem Frühmittelalter stammt.

Daher ist es gar nicht so schlimm, wenn ich hier nur Tennysons zwei Fassungen in parallele Übersicht setzen kann. Ich hätte lieber noch eine dritte Spalte mit dem gedichtnahen Schlagertext von Loreena McKennitt dazugequetscht, aber ich hab dieses enge WordPress-Theme nicht gebaut. McKennitt darf erst darunter, was künstlerisch nicht ganz unpassend erscheint.

Tennysons Gedicht bleibt eine der schönsten Balladen überhaupt, die einen Spannungsbogen mit Handlungsauflösung verwenden, und eine Empfehlung für das englische Lesepublikum, in dem Gedichte so cantabile marschieren und trotzdem klassisch werden dürfen.

John William Waterhouse, The Lady of Shalott, 1888

——— Lord Alfred Tennyson:

The Lady of Shalott

1833 edition:

***

1842 edition:

***

Part the First.

*

Part I.

*

On either side the river lie
Long fields of barley and of rye,
That clothe the wold and meet the sky.
And thro‘ the field the road runs by
               To manytowered Camelot.
The yellowleavèd waterlily,
The greensheathèd daffodilly,
Tremble in the water chilly,
               Round about Shalott.

*

On either side the river lie
Long fields of barley and of rye,
That clothe the wold and meet the sky;
And thro‘ the field the road runs by
               To many-tower’d Camelot;
And up and down the people go,
Gazing where the lilies blow
Round an island there below,
               The island of Shalott.

*

Willows whiten, aspens shiver,
The sunbeam-showers break and quiver
In the stream that runneth ever
By the island in the river,
               Flowing down to Camelot.
Four gray walls and four gray towers
Overlook a space of flowers,
And the silent isle imbowers
               The Lady of Shalott.

*

Willows whiten, aspens quiver,
Little breezes dusk and shiver
Thro‘ the wave that runs for ever
By the island in the river
               Flowing down to Camelot.
Four gray walls, and four gray towers,
Overlook a space of flowers,
And the silent isle imbowers
               The Lady of Shalott.

*

Underneath the bearded barley,
The reaper, reaping late and early,
Hears her ever chanting cheerly,
Like an angel, singing clearly,
               O’er the stream of Camelot.
Piling the sheaves in furrows airy,
Beneath the moon, the reaper weary
Listening whispers, „‚tis the fairy
               Lady of Shalott.“

*

By the margin, willow-veil’d
Slide the heavy barges trail’d
By slow horses; and unhail’d
The shallop flitteth silken-sail’d
               Skimming down to Camelot:
But who hath seen her wave her hand?
Or at the casement seen her stand?
Or is she known in all the land,
               The Lady of Shalott?

*

The little isle is all inrailed
With a rose-fence, and overtrailed
With roses: by the marge unhailed
The shallop flitteth silkensailed,
               Skimming down to Camelot.
A pearlgarland winds her head:
She leaneth on a velvet bed,
Full royally apparellèd
               The Lady of Shalott.

*

Only reapers, reaping early
In among the bearded barley,
Hear a song that echoes cheerly
From the river winding clearly,
               Down to tower’d Camelot.
And by the moon the reaper weary,
Piling sheaves in uplands airy,
Listening, whispers „‚Tis the fairy
               Lady of Shalott.“

*

Part the Second.

*

Part II.

*

No time hath she to sport and play:
A charmèd web she weaves alway.
A curse is on her, if she stay
Her weaving, either night or day,
               To look down to Camelot.
She knows not what the curse may be;
Therefore she weaveth steadily,
Therefore no other care hath she,
               The Lady of Shalott.

*

There she weaves by night and day
A magic web with colours gay.
She has heard a whisper say,
A curse is on her if she stay
               To look down to Camelot.
She knows not what the curse may be,
And so she weaveth steadily,
And little other care hath she,
               The Lady of Shalott.

*

She lives with little joy or fear.
Over the water, running near,
The sheepbell tinkles in her ear.
Before her hangs a mirror clear,
               Reflecting towered Camelot.
And, as the mazy web she whirls,
She sees the surly village-churls,
And the red cloaks of market-girls,
               Pass onward from Shalott.

*

And moving thro‘ a mirror clear
That hangs before her all the year,
Shadows of the world appear.
There she sees the highway near
               Winding down to Camelot:
There the river eddy whirls,
And there the surly village-churls,
And the red cloaks of market girls,
               Pass onward from Shalott.

*

Sometimes a troop of damsels glad,
An abbot on an ambling pad,
Sometimes a curly shepherd lad,
Or longhaired page, in crimson clad,
               Goes by to towered Camelot.
And sometimes thro‘ the mirror blue,
The knights come riding, two and two.
She hath no loyal knight and true
               The Lady of Shalott.

*

Sometimes a troop of damsels glad,
An abbot on an ambling pad,
Sometimes a curly shepherd-lad,
Or long-hair’d page in crimson clad,
               Goes by to tower’d Camelot;
And sometimes thro‘ the mirror blue
The knights come riding two and two:
She hath no loyal knight and true,
               The Lady of Shalott.

*

But in her web she still delights
To weave the mirror’s magic sights:
For often thro‘ the silent nights
A funeral, with plumes and lights
               And music, came from Camelot.
Or, when the moon was overhead,
Came two young lovers, lately wed:
„I am half-sick of shadows,“ said
               The Lady of Shalott.

*

But in her web she still delights
To weave the mirror’s magic sights,
For often thro‘ the silent nights
A funeral, with plumes and lights
               And music, went to Camelot:
Or when the moon was overhead,
Came two young lovers lately wed;
„I am half-sick of shadows,“ said
               The Lady of Shalott.

*

Part the Third.

*

Part III.

*

A bowshot from her bower-eaves.
He rode between the barleysheaves:
The sun came dazzling thro‘ the leaves,
And flamed upon the brazen greaves
               Of bold Sir Launcelot.
A redcross knight for ever kneeled
To a lady in his shield,
That sparkled on the yellow field,
               Beside remote Shalott.

*

A bow-shot from her bower-eaves,
He rode between the barley-sheaves,
The sun came dazzling thro‘ the leaves,
And flamed upon the brazen greaves
               Of bold Sir Lancelot.
A redcross knight for ever kneel’d
To a lady in his shield,
That sparkled on the yellow field,
               Beside remote Shalott.

*

The gemmy bridle glittered free,
Like to some branch of stars we see
Hung in the golden galaxy.
The bridle-bells rang merrily,
               As he rode down from Camelot.
And, from his blazoned baldric slung,
A mighty silver bugle hung,
And, as he rode, his armour rung,
               Beside remote Shalott.

*

The gemmy bridle glitter’d free,
Like to some branch of stars we see
Hung in the golden Galaxy.
The bridle-bells rang merrily
               As he rode down to Camelot:
And from his blazon’d baldric slung
A mighty silver bugle hung,
And as he rode his armour rung,
               Beside remote Shalott.

*

All in the blue unclouded weather,
Thickjewelled shone the saddle-leather.
The helmet, and the helmet-feather
Burned like one burning flame together,
               As he rode down from Camelot.
As often thro‘ the purple night,
Below the starry clusters bright,
Some bearded meteor, trailing light,
               Moves over green Shalott.

*

All in the blue unclouded weather
Thick-jewell’d shone the saddle-leather,
The helmet and the helmet-feather
Burn’d like one burning flame together,
               As he rode down to Camelot.
As often thro‘ the purple night,
Below the starry clusters bright,
Some bearded meteor, trailing light,
               Moves over still Shalott.

*

His broad clear brow in sunlight glowed.
On burnished hooves his warhorse trode.
From underneath his helmet flowed
His coalblack curls, as on he rode,
               As he rode down from Camelot.
From the bank, and from the river,
He flashed into the crystal mirror,
„Tirra lirra, tirra lirra,“
               Sang Sir Launcelot.

*

His broad clear brow in sunlight glow’d;
On burnish’d hooves his war-horse trode;
From underneath his helmet flow’d
His coal-black curls as on he rode,
               As he rode down to Camelot.
From the bank and from the river
He flash’d into the crystal mirror,
„Tirra lirra,“ by the river
               Sang Sir Lancelot.

*

She left the web: she left the loom:
She made three paces thro‘ the room:
She saw the waterflower bloom:
She saw the helmet and the plume:
               She looked down to Camelot.
Out flew the web, and floated wide,
The mirror cracked from side to side,
‚The curse is come upon me,“ cried
               The Lady of Shalott.

*

She left the web, she left the loom,
She made three paces thro‘ the room,
She saw the water-lily bloom,
She saw the helmet and the plume:
               She look’d down to Camelot.
Out flew the web and floated wide;
The mirror crack’d from side to side;
„The curse is come upon me,“ cried
               The Lady of Shalott.

*

Part the Fourth.

*

Part IV.

*

In the stormy eastwind straining
The pale-yellow woods were waning,
The broad stream in his banks complaining,
Heavily the low sky raining
               Over towered Camelot:
Outside the isle a shallow boat
Beneath a willow lay afloat,
Below the carven stern she wrote,
               THE LADY OF SHALOTT.

*

In the stormy east-wind straining,
The pale-yellow woods were waning,
The broad stream in his banks complaining,
Heavily the low sky raining
               Over tower’d Camelot;
Down she came and found a boat
Beneath a willow left afloat,
And round about the prow she wrote
               The Lady of Shalott.

*

A cloudwhite crown of pearl she dight.
All raimented in snowy white
That loosely flew, (her zone in sight,
Clasped with one blinding diamond bright,)
               Her wide eyes fixed on Camelot,
Though the squally eastwind keenly
Blew, with folded arms serenely
By the water stood the queenly
               Lady of Shalott.

*

 

With a steady, stony glance—
Like some bold seer in a trance,
Beholding all his own mischance,
Mute, with a glassy countenance—
               She looked down to Camelot.
It was the closing of the day,
She loosed the chain, and down she lay,
The broad stream bore her far away,
               The Lady of Shalott.

*

And down the river’s dim expanse—
Like some bold seër in a trance,
Seeing all his own mischance—
With a glassy countenance
               Did she look to Camelot.
And at the closing of the day
She loosed the chain, and down she lay;
The broad stream bore her far away,
               The Lady of Shalott.

*

As when to sailors while they roam,
By creeks and outfalls far from home,
Rising and dropping with the foam,
From dying swans wild warblings come,
               Blown shoreward; so to Camelot
Still as the boathead wound along
The willowy hills and fields among,
They heard her chanting her deathsong,
               The Lady of Shalott.

*

Lying, robed in snowy white
That loosely flew to left and right—
The leaves upon her falling light—
Thro‘ the noises of the night
               She floated down to Camelot:
And as the boat-head wound along
The willowy hills and fields among,
They heard her singing her last song,
               The Lady of Shalott.

*

A longdrawn carol, mournful, holy,
She chanted loudly, chanted lowly,
Till her eyes were darkened wholly,
And her smooth face sharpened slowly
               Turned to towered Camelot:
For ere she reached upon the tide
The first house by the waterside,
Singing in her song she died,
               The Lady of Shalott.

*

Heard a carol, mournful, holy,
Chanted loudly, chanted lowly,
Till her blood was frozen slowly,
And her eyes were darken’d wholly,
               Turn’d to tower’d Camelot;
For ere she reach’d upon the tide
The first house by the water-side,
Singing in her song she died,
               The Lady of Shalott.

*

Under tower and balcony,
By gardenwall and gallery,
A pale, pale corpse she floated by,
Deadcold, between the houses high,
               Dead into towered Camelot.
Knight and burgher, lord and dame,
To the plankèd wharfage came:
Below the stern they read her name,
               „The Lady of Shalott.“

*

Under tower and balcony,
By garden-wall and gallery,
A gleaming shape she floated by,
A corse between the houses high,
               Silent into Camelot.
Out upon the wharfs they came,
Knight and burgher, lord and dame,
And round the prow they read her name,
               The Lady of Shalott.

*

They crossed themselves, their stars they blest,
Knight, minstrel, abbot, squire and guest.
There lay a parchment on her breast,
That puzzled more than all the rest,
               The wellfed wits at Camelot.
„The web was woven curiously
The charm is broken utterly,
Draw near and fear not – this is I,
               The Lady of Shalott.
Who is this? and what is here?
And in the lighted palace near
Died the sound of royal cheer;
And they cross’d themselves for fear,
               All the knights at Camelot:
But Lancelot mused a little space;
He said, „She has a lovely face;
God in his mercy lend her grace,
               The Lady of Shalott.“

William Maw Egley, The Lady of Shalott, 1858

——— Loreena McKennitt:

The Lady of Shalott

from: The Visit, 1991.
Lyrics by Alfred Lord Tennyson adapted by Loreena McKennitt, music by Loreena McKennit:

William Holman Hunt, The Lady of Shalott, 1905On either side the river lie
Long fields of barley and of rye,
That clothe the wold and meet the sky;
And thro‘ the field the road run by
               To many-towered Camelot;
And up and down the people go,
Gazing where the lilies blow
Round an island there below,
               The island of Shalott.

Willows whiten, aspens quiver,
Little breezes disk and shiver
Thro‘ the wave that runs for ever
By the island in the river
               Flowing down to Camelot.
Four grey walls, and four grey towers,
Overlook a space of flowers,
And the silent isle imbowers
               The Lady of Shalott.

Only reapers, reaping early,
In among the beared barley
Hear a song that echoes cheerly
From the river winding clearly,
               Down to tower’d Camelot;
And by the moon the reaper weary,
Piling sheaves in uplands airy,
Listing, whispers „‚tis the fairy
               The Lady of Shalott.“

There she weaves by night and day
A magic web with colours gay.
She has heard a whisper say,
A curse is on her if she stay
               To look down to Camelot.
She knows not what the curse may be,
And so she weaveth steadily,
And little other care hath she,
               The Lady of Shalott.

And moving through a mirror clear
That hangs before her all the year,
Shadows of the world appear.
There she sees the highway near
               Winding down to Camelot;
And sometimes thro‘ the mirror blue
The Knights come riding two and two.
She hath no loyal Knight and true,
               The Lady of Shalott.

But in her web she still delights
To weave the mirror’s magic sights,
For often thro‘ the silent nights
A funeral, with plumes and with lights
               And music, went to Camelot;
Or when the Moon was overhead,
Came two young lovers lately wed.
„I am, half sick of shadow,“ she said,
               The Lady of Shalott.

A bow-shot from her bower-eaves,
He rode between the barley sheaves,
The sun came dazzling thro‘ the leaves,
And flamed upon the brazen greaves,
               Of bold Sir Lancelot.
A red-cross knight for ever kneel’d
To a lady in his shield,
That sparkled on the yellow field,
               Beside remote Shalott.

William Edward Frank Britten, The Lady of Shalott, 1901His broad clear brow in sunlight glow’d;
On burnish’d hooves his war-horse trode;
From underneath his helmet flow’d
His coal-black curls as on he rode,
               As he rode down to Camelot.
And from the bank and from the river
He flashed into the crystal mirror,
„Tirra lirra,“ by the river
               Sang Sir Lancelot.

She left the web, she left the loom,
She made three paces thro‘ the room,
She saw the water-lily bloom,
She saw the helmet and the plume,
          She look’d down to Camelot.
Out flew the web and floated wide;
The mirror crack’d from side to side;
„The curse is come upon me,“ cried
          The Lady of Shalott.

In the stormy east-wind straining,
The pale yellow woods were waning,
The broad stream in his banks complaining.
Heavily the low sky raining
          Over tower’d Camelot;
Down she cam and found a boat
Beneath a willow left afloat,
And round the prow she wrote
          The Lady of Shalott.

Down the river’s dim expanse
Like some bold seer in a trance,
Seeing all his own mischance —
With a glassy countenance
          She looked to Camelot.
And at the closing of the day
She loosed the chain, and shown she lay;
The broad stream bore her far away,
          The Lady of Shalott.

Heard a carol, mournful, holy,
Chanted loudly, chanted slowly,
Till her blood was frozen slowly,
And her eyes were darkened wholly,
          Turn’d to tower’d Camelot.
For ere she reach’d upon the tide
The first house by the water-side,
Singing in her song she died,
          The Lady of Shalott.

Under tower and balcony,
By garden-wall and gallery,
A gleaming shape she floated by,
Dead-pale between the houses high,
               Silent into Camelot.
And out upon the wharfs they came,
Knight and Burgher, Lord and Dame,
And round the prow they read her name,
               The Lady of Shalott.

Who is this? And what is here?
And in the lighted palace near
Died the sound of royal cheer;
They crossed themselves for fear,
               The Knights at Camelot;
But Lancelot mused a little space
He said, „she has a lovely face;
God in his mercy lend her grace,
               The Lady of Shalott.

                         But who hath seen her wave her hand?
                         Or at the casement seen her stand?
                         Or is she known in all the land,
                         The Lady of Shalott?

Ladies of Shalott: 2 webende, 2 schippernde, 2 Querformate, 2 Hochformate, 4 von Malern namens William = 4 Bilder, die 4 deutschen Übersetzungen des 19. Jahrhunderts entsprechen:

  1. John William Waterhouse: The Lady of Shalott, 1888;
  2. William Maw Egley: The Lady of Shalott, 1858;
  3. William Holman Hunt: The Lady of Shalott, 1905;
  4. William Edward Frank Britten: The Early Poems of Alfred, Lord Tennyson, Edited with a Critical Introduction, Commentaries and Notes, together with the Various Readings, a Transcript of the Poems Temporarily and Finally Suppressed and a Bibliography by John Churton Collins. With ten illustrations in Photogravure by W. E. F. Britten. Methuen & Co. 36 Essex Street W. C. London, 1901,

alle via Jones’s Celtic Enyclopedia: Elaine of Astolat/The Lady of Shalott.

Bonus Track: Teilrezitation des Revolving Doors Theatre als Trailer für Pelleas & The Lady of Shalott in den Arthurian plays im Blue Elephant Theatre in Camberwell, London, 20. November bis 8. Dezember 2007:

Written by Wolf

1. April 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Vier letzte Dinge: Tod

5. und letzter Katzvent 2016: Mačka se vratila

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Update zum 4. Katzvent: Was ich gebar in Stunden der Begeisterung:

Jetzt, wo Weihnachten vorbei ist und die bekannten Verkaufs- und Tauschplattformen — und vergesst mir ja die Antiquariate nicht! — vor gebrauchten Büchern platzen müssten, ergeht die wärmste Empfehlung für Clemens Brentano.

Francesco Bacchiacca, Portrait of a young lady holding a cat, ca. 1525--1530Jetzt, wo Weihnachten vorbei ist, kann Brentanos namenloser kroatischer Edelmann aus Die mehreren Wehmüller und ungarischen Nationalgesichter die Katzengeschichte erzählen, die ihm in der Heiligen Nacht widerfahren ist.

Sie ist nicht sehr präsent. Weder in Anthologien für Weihnachts- noch für Katzengeschichten erscheint sie oft gesammelt, weil sie — ohne zu spoilern — für die Katze — hier: den Kater — nicht zum besten ausgeht und allgemein etwas ruppig und nicht ganz so besinnlich daherkommt, wie es die anzunehmende Zielgruppe für Weihnachts- und Katzenanthologien wünscht. Ich finde sie der Erzählerstimme nur angemessen und insgesamt raffiniert erfunden — und das vor allem in ihrer Funktion als Binnengeschichte für die mehreren Wehmüller: Sie vollführt nämlich später im Text — ohne zu spoilern — einen geradezu postmodernen Schlenker auf die Ebene der Rahmenerzählung zurück und kann daher gar nicht anders verlaufen. Viel raffinierter als Brentano in den Wehmüllern kann man kaum erzählen.

Und jetzt, wo Weihnachten vorbei ist, erscheint der feline Teil der mehreren Wehmüller quasi als Bonus-Katzvent Nummer 5, weil es glaubwürdiger ist, wenn der edle Kroate erst nach dem Advent vom Heiligabend berichtet. Sein Kater Mores passt als künstlerisch tätige Katze in die Reihe: Er versteht sich, wie erstaunlich viele Katzen der Kunstgeschichte, aufs Dudelsackblasen.

——— Clemens Brentano:

Das Pickenick des Katers Mores

Erzählung des kroatischen Edelmanns

in: Die mehreren Wehmüller und ungarischen Nationalgesichter, 1817:

Cat playing the bagpipes, Morgan Library, MS 282Mein Freihof liegt einsam, eine halbe Stunde von der türkischen Grenze, in einem sumpfichten Wald, wo alles im herrlichsten und fatalsten Überfluß ist, zum Beispiel die Nachtigallen, die einen immer vor Tag aus dem Schlafe wecken, und im letzten Sommer pfiffen die Bestien so unverschämt nah und in solcher Menge vor meinem Fenster, daß ich einmal im größten Zorne den Nachttopf nach ihnen warf. Aber ich kriegte bald einen Hausgenossen, der ihnen auf den Dienst paßte und mich von dem Ungeziefer befreite. Heut sind es drei Jahre, als ich morgens auf meinen Finkenherd ging, mit einem Pallasch, einer guten Doppelbüchse und einem Paar doppelten Pistolen versehen, denn ich hatte einen türkischen Wildpretdieb und Händler auf dem Korn, der mir seit einiger Zeit großen Wildschaden angetan und mir, da ich ihn gewarnt hatte, trotzig hatte sagen lassen, er störe sich nicht an mir und wolle unter meinen Augen in meinem Wald jagen. Als ich nach dem Finkenherd kam, fand ich alle meine ausgestellten Dohnen und Schlingen ausgeleert und merkte, daß der Spitzbube mußte da gewesen sein. Erbittert stellte ich meinen Fang wieder auf, da strich ein großer schwarzer Kater aus dem Gesträuch murrend zu mir her und machte sich so zutulich, daß ich seinen Pelz mit Wohlgefallen ansah und ihn liebkoste mit der Hoffnung, ihn an mich zu gewöhnen und mir etwa aus seinen Winterhaaren eine Mütze zu machen. Ich habe immer so eine lebendige Wintergarderobe im Sommer in meinem Revier, ich brauche darum kein Geld zum Kürschner zu tragen, es kommen mir auch keine Motten in mein Pelzwerk. Vier Paar tüchtige lederne Hosen laufen immer als lebendige Böcke auf meinem Hofe, und mitten unter ihnen ein herrlicher Dudelsack, der sich jetzt als lebendiger Bock schon so musikalisch zeigt, daß die zu einzelnen Hosenbeinen bestimmten Kandidaten, sobald er meckernd unter sie tritt, zu tanzen und gegeneinander zu stutzen anfangen, als fühlten sie jetzt schon ihre Bestimmung, einst mit meinen Beinen nach diesem Dudelsack ungarisch zu tanzen. So habe ich auch einen neuen Reisekoffer als Wildsau in meinem Forste herumlaufen, ein prächtiger Wolfspelz hat mir im letzten Winter in der Gestalt von sechs tüchtigen Wölfen schon auf den Leib gewollt; die Bestien hatten mit ein tüchtiges Loch in die Kammertüre genagt, da fuhr ich einem nach dem andern durch ein Loch über der Türe mit einem Pinsel voll Ölfarbe über den Rücken und erwarte sie nächstens wieder, um ihnen das Fell über die Ohren zu ziehen.

Book of Hours, Lyon, ca. 1505–1510, LyonAus solchen Gesichtspunkten sah ich auch den schwarzen Kater an und gab ihm, teils weil er schwarz wie ein Mohr war, teils weil er gar vortreffliche Mores oder Sitten hatte, den Namen Mores. Der Kater folgte mir nach Hause und wußte sich so vortrefflich durch Mäusefangen und Verträglichkeit mit meinen Hunden auszuzeichnen, daß ich den Gedanken, ihn aus seinem Pelz zu vertreiben, bald aufgegeben hatte. Mores war mein steter Begleiter, und nachts schlief er auf einem ledernen Stuhl neben meinem Bette. Merkwürdig war es mir besonders an dem Tiere, daß es, als ich ihm scherzhaft bei Tage einigemal Wein aus meinem Glase zu trinken anbot, sich gewaltig dagegen sträubte und ich es doch einst im Keller erwischte, wie es den Schwanz ins Spundloch hängte und dann mit dem größten Appetit ableckte. Auch zeichnete sich Mores vor allen Katzen durch seine Neigung, sich zu waschen, aus, da doch sonst sein Geschlecht eine Feindschaft gegen das Wasser hat. Alle diese Absonderlichkeiten hatten den Mores in meiner Nachbarschaft sehr berühmt gemacht, und ich ließ ihn ruhig bei mir aus und ein gehen, er jagte auf seine eigne Hand und kostete mich nichts als Kaffee, den er über die Maßen gern soff. So hatte ich meinen Gesellen bis gegen Weihnachten immer als Schlafkameraden gehabt, als ich ihn die zwei letzten Tage und Nächte vor dem Christtag ausbleiben sah. Ich war schon an den Gedanken gewöhnt, daß ihn irgendein Wildschütze, vielleicht gar mein türkischer Grenznachbar, möge weggeschossen oder gefangen haben, und sendete deswegen einen Knecht hinüber zu dem Wildhändler, um etwas von dem Mores auszukundschaften. Aber der Knecht kam mit der Nachricht zurück, daß der Wildhändler von meinem Kater nichts wisse, daß er eben von einer Reise von Stambul zurückgekommen sei und seiner Frau eine Menge schöner Katzen mitgebracht habe; übrigens sei es ihm lieb, daß er von meinem trefflichen Kater gehört, und wolle er auf alle Weise suchen, ihn in seine Gewalt zu bringen, da ihm ein tüchtiger Bassa für sein Serail fehle. Diese Nachricht erhielt ich mit Verdruß am Weihnachtsabend und sehnte mich um so mehr nach meinem Mores, weil ich ihn dem türkischen Schelm nicht gönnte. Ich legte mich an diesem Abend früh zu Bette, weil ich in der Mitternacht eine Stunde Weges nach der Kirche in die Metten gehen wollte. Mein Knecht weckte mich zur gehörigen Zeit; ich legte meine Waffen an und hängte meine Doppelbüchse, mit dem gröbsten Schrote geladen, um. So machte ich mich auf den Weg, in der kältesten Winternacht, die ich je erlebt; ich war eingehüllt wie ein Pelznickel, die brennende Tabakspfeife fror mir einigemal ein, der Pelz um meinen Hals starrte von meinem gefrornen Hauch wie ein Stachelschwein, der feste Schnee knarrte unter meinen Stiefeln, die Wölfe heulten rings um meinen Hof, und ich befahl meinen Knechten, Jagd auf sie zu machen.

LeValeur, Spielkatze mit Dudelsack, 2013So war ich bei sternheller Nacht auf das freie Feld hinaus gekommen und sah schon in der Ferne eine Eiche, die auf einer kleinen Insel mitten in einem zugefrornen Teiche stand und etwa die Hälfte des Weges bezeichnete, den ich zum Kirchdorf hatte. Da hörte ich eine wunderbare Musik und glaubte anfangs, es sei etwa ein Zug Bauern, der mit einem Dudelsack sich den Weg zur Kirche verkürzte, und so schritt ich derber zu, um mich an diese Leute anzuschließen. Aber je näher ich kam, je toller war die kuriose Musik, sie löste sich in ein Gewimmer auf, und, schon dem Baume nah, hörte ich, daß die Musik von demselben herunter schallte. Ich nahm mein Gewehr in die Hand, spannte den Hahn und schlich über den festen Teich auf die Eiche los; was sah ich, was hörte ich? Das Haar stand mir zu Berge; der ganze Baum saß voll schrecklich heulender Katzen, und in der Krone thronte mein Herr Mores mit krummem Buckel und blies ganz erbärmlich auf einem Dudelsack, wozu die Katzen unter gewaltigem Geschrei um ihn her durch die Zweige tanzten. Ich war anfangs vor Entsetzen wie versteinert, bald aber zwickte mich der Klang des Dudelsacks so sonderbar in den Beinen, daß ich selbst anfing zu tanzen und beinahe in eine von Fischern gehauene Eisöffnung fiel; da tönte aber die Mettenglocke durch die helle Nacht, ich kam zu Sinnen und schoß die volle Schrotladung meiner Doppelbüchse in den vermaledeiten Tanzchor hinein, und in demselben Augenblick fegte die ganze Tanzgesellschaft wie ein Hagelwetter von der Eiche herunter und wie ein Bienenschwarm über mich weg, so daß ich auf dem Eise ausglitt und platt niederstürzte. Als ich mich aufraffte, war das Feld leer, und ich wunderte mich, daß ich auch keine einzige von den Katzen getroffen unter dem Baume fand. Der ganze Handel hatte mich so erschreckt und so wunderlich gemacht, daß ich es aufgab, nach der Kirche zu gehen; ich eilte nach meinem Hofe zurück und schoß meine Pistolen mehrere Male ab, um meine Knechte herbeizurufen. Sie nahten mir bald auf dieses verabredete Zeichen; ich erzählte ihnen mein Abenteuer, und der eine, ein alter, erfahrener Kerl, sagte: „Sei’n Ihr Gnaden nur ruhig, wir werden die Katzen bald finden, die Ihr Gnaden geschossen haben.“ Ich machte mir allerlei Gedanken und legte mich zu Hause, nachdem ich auf den Schreck einen warmen Wein getrunken hatte, zu Bett.

Medieval Beasts and Bestiary TilesAls ich gegen Morgen ein Geräusch vernahm, erwachte ich aus dem unruhigen Schlaf, und sieh da: mein vermaledeiter Mores lag – mit versengtem Pelz – wie gewöhnlich neben mir auf dem Lederstuhl. Es lief mir ein grimmiger Zorn durch alle Glieder; „Passaveanelkiteremtete!“ schrie ich, „vermaledeite Zauberkanaille! bist du wieder da?“ und griff nach einer neuen Mistgabel, die neben meinem Bette stand; aber die Bestie stürzte mir an die Kehle und würgte mich; ich schrie Zetermordio. Meine Knechte eilten herbei mit gezogenen Säbeln und fegten nicht schlecht über meinen Mores her, der an allen Wänden hinauf fuhr, endlich das Fenster zerstieß und dem Walde zustürzte, wo es vergebens war, das Untier zu verfolgen; doch waren wir gewiß, daß Herr Mores seinen Teil Säbelhiebe weghabe, um nie wieder auf dem Dudelsack zu blasen. Ich war schändlich zerkratzt, und der Hals und das Gesicht schwoll mir gräßlich an. Ich ließ nach einer slavonischen Viehmagd rufen, die bei mir diente, um mir einen Umschlag von ihr kochen zu lassen, aber sie war nirgends zu finden, und ich mußte nach dem Kirchdorf fahren, wo ein Feldscheer wohnte. Als wir an die Eiche kamen, wo das nächtliche Konzert gewesen war, sahen wir einen Menschen darauf sitzen, der uns erbärmlich um Hülfe anflehte. Ich erkannte bald Mladka, die slavonische Magd; sie hing halb erfroren mit den Röcken in den Baumästen verwickelt, und das Blut rann von ihr nieder in den Schnee; auch sahen wir blutige Spuren von da her, wo mich die Katzen über den Haufen geworfen, nach dem Walde zu. Ich wußte nun, wie es mit der Slavonierin beschaffen war, ließ sie schwebend, daß sie die Erde nicht berührte, auf den Wurstwagen tragen und festbinden und fuhr eilend mit der Hexe nach dem Dorfe. Als ich bei dem Chirurg ankam, wurde gleich der Vizegespan und der Pfarrer des Orts gerufen, alles zu Protokoll genommen, und die Magd Mladka ward ins Gefängnis geworfen; sie ist zu ihrem Glück an dem Schuß, den sie im Leibe hatte, gestorben, sonst wäre sie gewiß auf den Scheiterhaufen gekommen. Sie war ein wunderschönes Weibsbild, und ihr Skelett ist nach Pest ins Naturalienkabinett als ein Muster schönen Wachstums gekommen; sie hat sich auch herzlich bekehrt und ist unter vielen Tränen gestorben. Auf ihre Aussagen sollten verschiedene andere Weibspersonen in der Gegend gefangengenommen werden, aber man fand zwei tot in ihren Betten, die anderen waren entflohen.

Robin Milner, A Cat Came FiddlingAls ich wiederhergestellt war, mußte ich mit einer Kreiskommission über die türkische Grenze reisen; wir meldeten uns bei der Obrigkeit mit unserer Anzeige gegen den Wildhändler, aber da kamen wir schier in eine noch schlimmere Suppe; es wurde uns erklärt, daß der Wildhändler nebst seiner Frau und mehreren türkischen, serbischen und slavonischen Mägden und Sklavinnen von Schrotschüssen und Säbelhieben verwundet zu Hause angekommen, und daß der Wildhändler gestorben sei mit der Angabe: er sei, von einer Hochzeit kommend, auf der Grenze von mir überfallen und so zugerichtet worden. Während dies angezeigt wurde, versammelte sich eine Menge Volks, und die Frau des Wildhändlers mit mehreren Weibern und Mägden, verbunden und bepflastert, erhoben ein mörderliches Geschrei gegen uns. Der Richter sagte: er könne uns nicht schützen, wir möchten sehen, daß wir fortkämen; da eilten wir nach dem Hof, sprangen zu Pferde, nahmen den Kreiskommissär in die Mitte, ich setzte mich an die Spitze der sechs Szekler-Husaren, die uns begleitet hatten, und so sprengten wir, Säbel und Pistole in der Hand, früh genug zum Orte hinaus, um nicht mehr zu erleiden als einige Steinwürfe und blinde Schüsse, eine Menge türkischer Flüche mit eingerechnet. Die Türken verfolgten uns bis über die Grenze, wurden aber von den Szeklern, die sich im Walde setzten, so zugerichtet, daß wenigstens ein paar von ihnen dem Wildhändler in Mahomeds Paradies Nachricht von dem Erfolg werden gegeben haben. Als ich nach Haus kam, war das erste, daß ich meinen Dudelsack visitierte, den ich auch mit drei Schroten durchlöchert hinter meinem Bette liegen fand. Mores hatte also auf meinem eigenen Dudelsack geblasen und war von ihm gegen meinen Schuß gedeckt worden. Ich hatte mit der unseligen Geschichte noch viele Schererei, ich wurde weitläufig zu Protokoll vernommen, es kam eine Kommission nach der andern auf meinen Hof und ließ sich tüchtig aufwarten; die Türken klagten wegen Grenzverletzung, und ich mußte es mir am Ende noch mehrere Stücke Wild und ein ziemliches Geld kosten lassen, daß die Gerichtsplackerei endlich einschlief, nachdem ich und meine Knechte vereidigt worden waren. Trotzdem wurde ich mehrmals vom Kreisphysikus untersucht, ob ich auch völlig bei Verstand sei, und dieser kam nicht eher zur völligen Gewißheit darüber, bis ich ihm ein Paar doppelte Pistolen und seiner Frau eine Verbrämung von schwarzem Fuchspelz und mehrere tüchtige Wildbraten zugeschickt hatte. So wurde die Sache endlich stille; um aber in etwas auf meine Kosten zu kommen, legte ich eine Schenke unter der Eiche auf der Insel in dem Teiche an, wo seither die Bauern und Grenznachbarn aus der Gegend sich sonntags im Sommer viel einstellen und den ledernen Stuhl, worauf Mores geschlafen, und an den ich ein Stück seines Schweifs, das ihm die Knechte in der Nacht abgehauen, genagelt habe, besehen; den Dudelsack habe ich flicken lassen, und mein Knecht, der den Wirt dort macht, pflegt oben in der Eiche, wo Mores gesessen, darauf den Gästen, die um den Baum tanzen, vorzuspielen. Ich habe schon ein schönes Geld da eingenommen, und wenn mich die Herrschaften einmal dort besuchen wollen, so sollen sie gewiß gut bedient werden.

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Jan van Bijlert, Young Woman Playing with a Cat, 1630--1635Diese Erzählung, welche der Kroat mit dem ganzen Ausdruck der Wahrheit vorgebracht hatte, wirkte auf die verschiedenste Weise in der Gesellschaft. Der Vizegespan, der Tiroler und die Wirtin hatten keinen Zweifel, und der Savoyarde zeigte seine Freude, daß man noch kein Beispiel gehabt habe: ein Murmeltier sei eine Hexe gewesen. Lindpeindler äußerte: es möge an der Geschichte wahr sein, was da wolle, so habe sie doch eine höhere poetische Wahrheit; sie sei in jedem Falle wahr, insofern sie den Charakter der Einsamkeit, Wildnis und der türkischen Barbarei ausdrücke; sie sei durchaus für den Ort, auf welchem sie spiele, scharf bezeichnend und mythisch und darum dort wahrer als irgendeine Lafontainesche Familiengeschichte. Aber es verstand keiner der Anwesenden, was Lindpeindler sagen wollte, und Devillier leugnete ihm grade ins Gesicht, daß Lafontaine irgendeine seiner Fabeln jemals für eine wahre Familiengeschichte ausgegeben habe; Lindpeindler schwieg und wurde verkannt.

Girl with a Cat, 1545, Jan Cornelisz VermeyenNun aber wendete sich der Franzose zu der Kammerjungfer, welche sich mit stillem Schauer in einen Winkel gedrückt hatte, sprechend: „Und Sie, schöne Nanny, sind ja so stille, als fühlten Sie sich bei der Geschichte getroffen.“ – „Wieso getroffen?“ fragte Nanny. „Nun, ich meine,“ erwiderte Devillier lächelnd, „von einem Schrote des kroatischen Herrn. Sollte das artigste Kammerkätzchen der Gegend nicht zu dem Teedansant eingeladen gewesen sein? – Das wäre ein Fehler des Herrn Mores gegen die Galanterie, wegen welchem er die Rache seines Herrn allein schon verdient hätte.“ Alle lachten, Nanny aber gab dem Franzosen eine ziemliche Ohrfeige und erwiderte: „Sie sind der Mann dazu, einen in den Ruf zu bringen, daß man geschossen sei, denn Sie haben selbst einen Schuß!“ und dabei zeigte sie ihm von neuem die fünf Finger; worauf Devillier sagte: „Erhebt das nicht den Verdacht, sind das nicht Katzenmanieren? Sie waren gewiß dabei! Frau Tschermack, die Wirtin, wird es uns sagen können, denn die hat gewiß nicht gefehlt; ich glaube, daß sie die Blessur in der Hüfte eher bei solcher Gelegenheit als bei den Wurmserschen Husaren erhalten.“ Alles lachte von neuem, und der Zigeuner sagte: „Ich will sie fragen.“

Ex Libris Marthe Hassler, August 2012Der Kroate fand sich über die Ungläubigkeit Devilliers gekränkt und fing an, seine Geschichte nochmals zu beteuern, indem er seine pferdehaarne steife Halsbinde ablöste, um die Narben von den Klauen des Mores zu zeigen. Nanny drückte die Augen zu, und indessen brachte der Zigeuner die Nachricht: Frau Tschermack meine, Mores müsse es selbst am besten wissen. Er setzte mit diesen Worten die große schwarze Katze der Wirtin, welche er vor der Türe gefangen hatte, der Kammerjungfer in den Schoß, welche mit einem heftigen Schrei des Entsetzens auffuhr. – „Eingestanden!“ rief Devillier; aber der Spaß war dumm, denn Nanny kam einer Ohnmacht nah, die Katze sprang auf den Tisch, warf das Licht um und fuhr dem armen Wehmüller über seine nassen Farben; der Vizegespan riß das Fenster auf und entließ die Katze, aber alles war rebellisch geworden; die Büffelkühe im Hintergrund der Stube an den Ketten, und jeder drängte nach der Türe. Wehmüller und Lindpeindler sprangen auf den Tisch und stießen mit dem Tiroler zusammen, der es auch in demselben Augenblick tat und mit seinen nägelbeschlagenen Schuhen mehr Knopflöcher in das Porträt des Vizegespans trat, als Knöpfe darauf waren. Devillier trug Nanny hinaus; der Kroate schrie immer: „Da haben wir es, das kömmt vom Unglauben!“ Frau Tschermack aber, welche mit einem vollen Weinkrug in die Verstörung trat, fluchte stark und beruhigte die Kühe; der Zigeuner griff wie ein zweiter Orpheus nach seiner Violine, und als Monsieur Devillier mit Nanny, die er am Brunnen erfrischt hatte, wieder hereintrat, kniete der kecke Bursche vor ihr nieder und sang und spielte eine so rührende Weise auf seinem Instrument, daß niemand widerstehen konnte und bald alles stille ward. Es war dies ein altes zigeunerisches Schlachtlied, wobei der Zigeuner endlich in Tränen zerfloß, und Nanny konnte ihm nicht widerstehen, sie weinte auch und reichte ihm die Hand; Lindpeindler aber sprang auf den Sänger zu und umarmte ihn mit den Worten: „O, das ist groß, das ist ursprünglich! Bester Michaly, wollen Sie mir Ihr Lied wohl in die Feder diktieren?“ – „Nimmermehr!“ sagte der Zigeuner, „so was diktiert sich nicht, ich wüßte es auch jetzt nicht mehr, und wenn Sie mir den Hals abschnitten; wenn ich einmal wieder eine schöne Jungfer betrübt habe, wird es mir auch wieder einfallen.“

Tina Sosna, Her voice was a tiny bird flying in the cold winter sky, analogue photography, January 18th, 2016Da lachte die ganze Gesellschaft, und Michaly begann so tolle Melodieen aus seiner Geige herauszulocken, daß die Fröhlichkeit bald wieder hergestellt wurde und Devillier den Kroaten fragte, ob Mores nicht diesen Tanz aufgespielt hätte; Herr Lindpeindler notierte sich wenigstens den Inhalt des extemporierten Liedes; es war die Wehklage über den Tod von tausend Zigeunern. Im Jahr 1537 wurde in den Zapolischen Unruhen das Kastell Nagy-Jda in der Abanywarer Gespanschaft mit Belagerung von kaiserlichen Truppen bedroht. Franz von Perecey, der das Kastell verteidigte, stutzte, aus Truppenmangel, tausend Zigeuner in der Eile zu Soldaten und legte sie unter reichen Versprechungen von Geld und Freiheiten auf Kindeskinder, wenn sie sich wacker hielten, gegen den ersten Anlauf in die äußeren Schanzen. Auf diese vertrauend hielten sich diese Helden auch ganz vortrefflich, sie empfingen die Belagerer mit einem heftigen Feuer, so daß sie umwendeten. Aber nun krochen die Helden übermütig aus ihren Löchern und schrien den Fliehenden nach: „Geht zum Henker, ihr Lumpen, hätten wir noch Pulver und Blei, so wollten wir euch anders zwiebeln.“ Da sahen sich die Abziehenden um, und als sie statt regulierter Truppen einen frechen Zigeunerschwarm auf den Wällen merkten, ergriff sie der Zorn, sie drangen in die Schanze und säbelten die armen Helden bis auf den letzten Mann nieder. Diese Niederlage, eine der traurigsten Erinnerungen der Zigeuner in jener Gegend, hatte Michaly in der Klage einer Mutter um ihren Sohn und einer Braut um ihren gefallenen Geliebten besungen.

Dorota Sroka, Exercice de Style. Cabinet de curiosites, 18. Juni 2016

Katzenbilder:

  1. mit Frauen:

    1. Portrait of a young lady holding a cat, ca. 1525–1530;
    2. Junge Frau, mit einer Katze spielend, 1630–1635;
    3. Jan Cornelisz Vermeyen: Mädchen mit Katze, 1545;
    4. A. Collot: Ex libris Marthe Hassler, August 2012;
    5. Tina Sosna: Her voice was a tiny bird flying in the cold winter sky,
      analoge Photographie für Worte in Bildern, 18. Januar 2016
      mit Muse Anna Mai in handmade lingery von Franziska Zuber,
  2. und mit Dudelsäcken:

    1. Cat playing a bagpipe, Book of Hours, Paris ca. 1460.
      Morgan Library & Museum New York, MS M.282, fol. 133v;
    2. Book of Hours, Lyon, ca. 1505–1510, Lyon, Bibliothèque municipale, Ms 6881, fol. 63v;
    3. LeValeur: Spielkatze mit Dudelsack, 2013;
    4. Medieval Beasts and Bestiary Tiles;
    5. Robin Milner: A Cat Came Fiddling,
  3. und noch eins von Dorota Sroka in Exercice de Style. Cabinet de curiosites, 18. Juni 2016.

Soundtrack: Harry S. Miller: The Cat Came Back, 1893 in der Version der allezeit herzwärmenden (und bekennend lesbischen) Anna Roberts-Gevalt und Joe DeJarnette live zu Hause in Baltimore, 2010:

Bonus Track: Das gleiche nochmal mit Text: Rowlf für The Muppets Show, Folge 523, 26. Oktober 1980:

Written by Wolf

6. Januar 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Das Tier & wir, Romantik

Trost der Welt, du stille Nacht

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Update zu Wölfchen Wulffs Weihnachten, Naseweise Weihnachten, Das Gezänk der Weisen und Weihnachten Fibels:

Wir warten aufs Christkind und horchen ein bissel Eichendorff dabei.

Doch, den kann man hören. Allein der nicht gerade endlos lange Einsiedler wurde mindestens 31-mal vertont. Eichendorff bildete dieses Abendlied eines einsamen Menschen, der nach einigen Andeutungen einst zur See gefahren sein mag, dem Lied des Einsiedels in Grimmelshausens Simplicissimus von 1669 nach, der zum Grundwissen des Romantikers gehörte. 1805 konnte er in Des Knaben Wunderhorn die erste Bearbeitung vorfinden. Seine Kenntnis davon ist dadurch belegt, dass Clemens Brentano ihm im Februar 1810 persönlich ein Exemplar geschenkt hat, damit ihm und uns auch ja nichts entgeht.

Das Weihnachtliche an Eichendorffs Version ist, dass nicht mehr eine Nachtigall zum Trost kommen möge, sondern eine stille Nacht — die Eichendorff 1835 schon als Weihnachtslied — von 1818 — bekannt sein mochte.

Schweifreime klingen immer besonders souverän, weil der letzte, der vollständig machende Reim erst im jeweils sechsten Vers ziemlich spät ins Schloss schnappt. Allein oder in Gesellschaft: Fröhliche Weihnachten.

Friedrich Bodenstedt, Initial Der Einsiedler, Album deutscher Kunst und Dichtung, 1877

——— Joseph von Eichendorff:

Der Einsiedler

aus: Geistliche Lieder, 1835, Deutscher Musenalmanach 1837:

Caspar Scheuren, Der Einsiedler, Album deutscher Kunst und Dichtung, 1877Komm, Trost der Welt, du stille Nacht!
Wie steigst du von den Bergen sacht,
Die Lüfte alle schlafen,
Ein Schiffer nur noch, wandermüd‘,
Singt übers Meer sein Abendlied
Zu Gottes Lob im Hafen.

Die Jahre wie die Wolken gehn
Und lassen mich hier einsam stehn,
Die Welt hat mich vergessen,
Da tratst du wunderbar zu mir,
Wenn ich beim Waldesrauschen hier
Gedankenvoll gesessen.

O Trost der Welt, du stille Nacht!
Der Tag hat mich so müd‘ gemacht,
Das weite Meer schon dunkelt,
Laß ausruhn mich von Lust und Not,
Bis daß das ew’ge Morgenrot
Den stillen Wald durchfunkelt.

Bilder:

  1. Friedrich Bodenstedt: Initial aus: Der Einsiedler in: Album deutscher Kunst und Dichtung. Auswahl aus einem Prachtwerk der Gründerzeit, 1877;
  2. Caspar Scheuren: Der Einsiedler in: Friedrich Bodenstedt (Hg.): Album deutscher Kunst und Dichtung, mit Holzschnitten, nach Zeichnungen der Künstler, ausgeführt von R. Brend’amour und Anderen. Vierte, umgearbeitete Auflage. Berlin, Verlag der G. Grote’schen Verlagsbuchhandlung, 1877, Seite 33;
  3. Ludwig Richter: Einsiedels Abendlied mit Text aus: Die guten Meister des deutschen Hauses, Gelber Verlag in Dachau, 1921, Seite 49.

Ludwig Richter, Einsiedels Abendlied, Die guten Meister des deutschen Hauses, 1921

Von Eichendorffs Gedicht zählt The LiederNet Archive 31 Vertonungen auf, von denen fünf tatsächlich auffindbar sind. Am bekanntesten ist Opus 83 Nummer 3 von Robert Schumann, zu Studium und Erbauung wird die längste empfohlen: Der Einsiedler von Max Reger, Opus 144a von 1915. — Chronologisch:

Robert Schumann aus: Drei Gesänge für Singstimme und Klavier, opus 83 Nr. 3, 1850:

Hugo Wolf: Resignation aus: Sechs geistliche Lieder nach Gedichten von Eichendorff, Nr. 3, 1881:

Mex Reger, opus 144a, 1915:

Christian Lahusen:

Felix Wolfes, 1953:

Bonus Track: Tom Waits: Silent Night, aus: SOS United, 1989 – nur als Stiftung für die SOS-Kinderdörfer.

Written by Wolf

24. Dezember 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Glaube & Eifer, Romantik

4. Katzvent: Was ich gebar in Stunden der Begeisterung

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Der Advent 2016 führt uns nicht mehr einfach das künstlerische Schaffen über Katzen vor,
sondern das von Katzen.

Das lyrische Gesamtwerk des Katers Murr

Weltweit zum ersten Mal gesammelt folgen die Gedichte des vortrefflichen Katers Murr, die der Étudiant en belles lettres und Homme de lettres très renommé sich selbst zuschreibt — also nicht, was im Dritten Abschnitt: Die Lehrmonate. Launisches Spiel des Zufalls der Katerchor singt und von Murr aus dem Gedächtnis zitiert wird, und nicht der Ausschnitt aus dem Orlando furioso aus dem Vierten Abschnitt: Erspriessliche Folgen höherer Kultur. Die reiferen Monate des Mannes.

Die Bilder sind die beiden bildnerischen Werke, die uns durch den Ziehvater des historischen Katers Murr überliefert wurden, welch letzterer am 1. Dezember 1821 entschlief, „um zu einem beßern Dasein zu erwachen“: durch den getreuen, noch bis 25. Juni 1822 überlebenden Kammergerichtsrat E.T.A. Hoffmann, und bilden somit ebenfalls ein Gesamtkorpus.

Kater Murr, Skizze 1

——— Kater Murr:

Was ich gebar in Stunden der Begeisterung

Ausschnitte aus: E.T.A. Hoffmann: Lebens-Ansichten des Katers Murr nebst fragmentarischer Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern, Ferdinand Dümmlersche Verlagsbuchhandlung, Berlin, 1819 und 1821:

„Leugnet es nur nicht,“ fuhr der Professor fort, „leugnet es nur nicht, an dem Kleinen dort in der Kammer habt Ihr jene abstrakte Erziehungsmethode versucht, Ihr habt ihn lesen, schreiben gelehrt, Ihr habt ihm die Wissenschaften beigebracht, so daß er sich schon jetzt unterfängt, den Autor zu spielen, ja sogar Verse zu machen.“

„Nun,“ sprach der Meister, „das ist doch in der Tat das Tollste, was mir jemals vorgekommen! – Ich meinen Kater erziehen, ich ihm die Wissenschaften beibringen! – Sagt, was für Träume rumoren in Eurem Sinn, Professor? – Ich versichere Euch, daß ich von meines Katers Bildung nicht das mindeste weiß, die selbe auch für ganz unmöglich halte.“

„So?“ fragte der Professor mit gedehntem Ton, zog ein Heft aus der Tasche, das ich augenblicklich für das mir von dem jungen Ponto geraubte Manuskript erkannte, und las:

„Sehnsucht nach dem Höheren

Ha, welch Gefühl, das meine Brust beweget?
Was sagt dies unruh- – ahnungsvolle Beben,
Will sich zum kühnen Sprung der Geist erheben,
Vom Sporn des mächt’gen Genius erreget?

Was ist es, was der Sinn im Sinne träget,
Was will dem liebesdrangerfüllten Leben
Dies rastlos brennend feurig-süße Streben,
Was ist es, das im bangen Herzen schläget?

Entrückt werd‘ ich nach fernen Zauberlanden,
Kein Wort, kein Laut, die Zunge ist gebunden,
Ein sehnlich Hoffen weht mit Frühlingsfrische,

Befreit mich bald von drückend schweren Banden.
Erträumt, erspürt, im grünsten Laub gefunden!
Hinauf mein Herz! beim Fittich ihn erwische!“

Ich hoffe, daß jeder meiner gütigen Leser die Musterhaftigkeit dieses herrlichen Sonetts, das aus der tiefsten Tiefe meines Gemüts hervorfloß, einsehen und mich um so mehr bewundern wird, wenn ich versichere, daß es zu den ersten gehört, die ich überhaupt verfertigt habe.

„Hoho,“ rief der Meister, „wahrhaftig, das Sonett ist eines Katers vollkommen würdig, aber noch immer verstehe ich nicht Euern Spaß, Professor, sagt mir nur lieber geradezu, wo Ihr hinauswollt.“

Der Professor, ohne dem Meister zu antworten, blätterte im Manuskript und las weiter:

„Glosse

Liebe schwärmt auf allen Wegen,
Freundschaft bleibt für sich allein,
Liebe kommt uns rasch entgegen,
Aufgesucht will Freundschaft sein.

Schmachtend wehe, bange Klagen
Hör‘ ich überall ertönen,
Ob den Sinn zum Schmerz gewöhnen,
Ob zur Lust, ich kann’s nicht sagen,
Möchte oft mich selber fragen,
Ob ich träume, ob ich wache.
Diesem Fühlen, diesem Regen,
Leih ihm, Herz, die rechte Sprache;
Ja, im Keller, auf dem Dache,
Liebe schwärmt auf allen Wegen!

Doch es heilen alle Wunden,
Die der Liebesschmerz geschlagen,
Und in einsam stillen Tagen
Mag, von aller Qual entbunden,
Geist und Herz wohl bald gesunden;
Art’ger Kätzchen los Gehudel,
Darf es auf die Dauer sein?
Nein! – fort aus dem bösen Strudel,
Unterm Ofen mit dem Pudel,
Freundschaft bleibt für sich allein!

Wohl, ich weiß es, widerstehen
Mag man nicht dem süßen Kosen,
Wenn aus Büschen duft’ger Rosen
Süße Liebeslaute wehen.
Will das trunkne Aug‘ dann sehen,
Wie die Holde kommt gesprungen,
Die da lauscht an Blumenwegen,
Kaum ist Sehnsuchts-Ruf erklungen,
Hat sich schnell hinangeschwungen.
Liebe kommt uns rasch entgegen.

Dieses Sehnen, dieses Schmachten
Kann wohl oft den Sinn berücken,
Doch wie lange kann’s beglücken,
Dieses Springen, Rennen, Trachten!
Holder Freundschaft Trieb‘ erwachten,
Strahlten auf bei Hespers Scheine.
Und den Edlen brav und rein,
Ihn zu finden, den ich meine,
Klettr‘ ich über Maur und Zäune,
Aufgesucht will Freundschaft sein.“

In dem Augenblick entstand ein fürchterlicher Lärm. Die Menschen liefen durcheinander, schrien: „Feuer! – Feuer!“ Reuter sprengten durch die Straßen – Wagen rasselten. – Aus den Fenstern eines Hauses, unfern uns, strömten Rauchwolken und Flammen. – Ponto sprang schnell vorwärts, ich aber in der Angst kletterte eine hohe Leiter hinauf, die an ein Haus gelehnt, und befand mich bald auf dem Dache in voller Sicherheit. Plötzlich kam mir – alles so bekannt, so heimisch vor, ein süßes Aroma, selbst wußt‘ ich nicht, von welchen vortrefflichen Braten, wallte in bläulichen Wolken über die Dächer daher, und wie aus weiter – weiter Ferne, im Säuseln des Abendwindes, lispelten holde Stimmen: „Murr, mein Geliebter, wo weiltest du so lange?“ –

„Was ist’s, das die beengte Brust
Mit Wonneschauer so durchbebt,
Den Geist zum Himmel hoch erhebt,
Ist’s Ahnung hoher Götterlust?
Ja – springe auf, du armes Herz,
Ermut’ge dich zu kühnen Taten,
Umwandelt ist in Lust und Scherz
Der trostlos bittre Todesschmerz,
Die Hoffnung lebt – ich rieche Braten!“

So sang ich und verlor mich, des entsetzlichen Feuerlärms nicht achtend, in die angenehmsten Träume! Doch auch hier auf dem Dache sollten mich noch die schreckhaften Erscheinungen des grotesken Weltlebens, in das ich hineingesprungen, verfolgen. Denn ehe ich mir’s versah, stieg aus dem Rauchfange eines jener seltsamen Ungetüme empor, die die Menschen Schornsteinfeger nennen. Kaum mich gewahrend, rief der schwarze Schlingel: „Husch Katz!“ und warf den Besen nach mir.

„Ha,“ rief ich, „zu ihr hinauf aufs Dach! – Ha, ich werde sie wiederfinden, die süße Huldin, da, wo ich sie zum erstenmal erblickte, aber singen soll sie, ja singen, und bringt sie nur eine einzige falsche Note heraus, dann ist’s vorbei, dann bin ich geheilt, gerettet.“ Der Himmel war heiter, und der Mond, bei dem ich der holden Miesmies Liebe zugeschworen, schien wirklich, als ich auf das Dach stieg, um sie zu erlauern. Lange gewahrte ich sie nicht, und meine Seufzer wurden laute Liebesklagen.

Ich stimmte endlich ein Liedlein an im wehmütigsten Ton, ungefähr folgendermaßen:

„Rauschende Wälder, flüsternde Quellen,
Strömender Ahnung spielende Wellen,
Mit mir o klaget!
Saget, o saget!
Miesmies, die Holde, wo ist sie gegangen,
Jüngling in Liebe, Jüngling, wo hat er
Miesmies, die süße Huldin, umfangen?
Tröstet den Bangen.
Tröstet den gramverwilderten Kater!
Mondschein, o Mondschein,
Sag‘ mir, wo thront mein
Artiges Kindlein, liebliches Wesen!
Wütender Schmerz kann niemals genesen!
Trostloser Liebender kluger Berater,
Eil‘ ihn zu retten
Von Liebesketten,
Hilf ihm, o hilf dem verzweifelnden Kater.“

Seht ein, geliebter Leser, daß ein wackerer Dichter weder sich im rauschenden Walde befinden, noch an einer flüsternden Quelle sitzen darf, ihm strömen der Ahnung spielende Wellen doch zu, und in diesen Wellen erschaut er doch alles, was er will, und kann davon singen, wie er will.

Hier sind die Verse, die meinen Zustand, sowie den Übergang von Leid zur Freude mit poetischer Kraft und Wahrheit schildern.

„Was wandelt, horch! durch finstre Räume,
In öder Keller Einsamkeit?
Was ruft mir zu: ‚Nicht länger säume!‘
Wes Stimme klagt ein herbes Leid?
Dort liegt der treue Freund begraben,
Nach mir verlangt sein irrer Geist.
Mein Trost soll ihn im Tode laben,
Ich bin’s, der Leben ihm verheißt!

Doch nein! – das ist kein flücht’ger Schatten,
Der solche Töne von sich gibt!
Sie seufzen nach dem treuen Gatten,
Nach ihm, der noch so heiß geliebt!
In alte Liebesketten fallen,
Rinaldo will’s, er kehrt zurück,
Doch wie! – schau‘ ich nicht spitze Krallen?
Nicht eifersücht’gen Zornes Blick?

Sie ist’s – die Frau! – wohin entfliehen! –
Ha! welch Gefühl bestürmt die Brust.
Im keuschen Schnee der Jugend blühen
Seh‘ ich des Lebens höchste Lust.
Sie springt, sie naht, und immer heller
Wird’s um mich Hochbeglückten her.
Ein süßer Duft durchweht den Keller,
Die Brust wird leicht, das Herz wird schwer.

Der Freund gestorben – sie gefunden –
Entzücken! – Wonne! – bittrer Schmerz!
Die Gattin – Tochter – neue Wunden! –
Ha! – sollst du brechen, armes Herz?
Doch kann den Sinn wohl so betören
Ein Trauermahl, ein lust’ger Tanz?
Nein – diesem Treiben muß ich wehren,
Mich blendet nur ein falscher Glanz.

Hinweg, ihr eitlen Truggebilde,
Gebt höherm Streben willig Raum!
Gar manches führt die Katz im Schilde,
Sie liebt, sie haßt und weiß es kaum.
Kein Ton, kein Blick, senkt eure Augen,
O Mina, Miesmies, falsch Geschlecht!
Verderblich Gift, nicht will ich’s saugen,
Ich flieh‘, und Muzius sei gerächt.

Verklärter! – ja, bei jedem Braten,
Bei jedem Fisch gedenk‘ ich dein!
Denk‘ deiner Weisheit, deiner Taten,
Denk‘ Kater ganz wie du zu sein.
Gelang es hünd’schem Frevelwitze
Dich zu verderben, edler Freund,
So trifft die Schmach blutgier’ge Spitze,
Es rächet dich, der um dich weint.

So flau, so jammervoll im Busen
War mir’s, ich wußte gar nicht wie,
Doch hoher Dank den holden Musen,
Dem kühnen Flug der Phantasie.
Mir ist jetzt wieder leidlich besser,
Spür‘ gar nicht g’ringen Appetit,
Bin Muzius gleich ein wackrer Esser
Und ganz in Poesie erglüht.

Ja Kunst! du Kind aus hohen Sphären,
Du Trösterin im tiefsten Leid,
O! – Verslein laß mich stets gebären
Mit genialer Leichtigkeit.
Und: ‚Murr‘, so sprechen edle Frauen,
Hochherz’ge Jünglinge, ‚o Murr;
Du Dichterherz, ein zart Vertrauen
Weckt in der Brust dein süß Gemurr!'“

Die Wirkung des Versleinmachens war zu wohltätig, ich konnte mich nicht mit diesem Gedicht begnügen, sondern machte mehre hintereinander mit gleicher Leichtigkeit, mit gleichem Glück. Die gelungensten würd‘ ich hier dem geneigten Leser mitteilen, hätte ich nicht im Sinn, dieselben nebst mehreren Witzwörtern und Impromptus, die ich in müßigen Stunden angefertigt, und über die ich schon beinahe vor Lachen bersten mögen, unter dem allgemeinen Titel: „Was ich gebar in Stunden der Begeisterung“ herauszugeben.

Da schwankte die Glaskugel hin und her, und ein melodischer Ton ließ sich vernehmen, wie wenn Windeshauch leise hinstreift über die Saiten der Harfe. Aber bald wurde der Ton zu Worten:

„Noch ist Leben nicht dahin,
Trost und Hoffnung nicht verschwunden,
Was vermag der frömmste Sinn,
Hält ihn schwerer Eid gebunden?
Meister! Mut! – du wirst gesunden,
Blick‘ auf zu der Dulderin,
Die da heilt die tiefsten Wunden,
Bittrer Schmerz bringt dir Gewinn.“

„O du barmherziger Himmel,“ lispelte der Alte mit bebenden Lippen, „sie ist es selbst, die zu mir spricht von dem hohen Himmel herab; sie wandelt nicht mehr unter den Lebendigen!“ – Da ließ sich jener melodische Ton abermals vernehmen, und noch leiser, noch entfernter erklangen die Worte:

„Nicht erfaßt der bleiche Tod,
Die im Herzen Liebe tragen;
Dem glänzt noch das Abendrot,
Der am Morgen wollt‘ verzagen.
Bald kann dir die Stunde schlagen,
Die entreißt dich aller Not;
Zu vollbringen magst du wagen,
Was die ew’ge Macht gebot.“

Stärker anschwellend und wieder verhallend, lockten die süßen Töne den Schlaf herbei, der den Alten einhüllte in seinen schwarzen Fittich. Aber in dem Dunkel ging strahlend wie ein schöner Stern der Traum vergangenen Glücks auf, und Chiara lag wieder an des Meisters Brust, und beide waren wieder jung und selig, und kein finstrer Geist vermochte den Himmel ihrer Liebe zu trüben. –

– Hier hat, wie der Herausgeber es dem geneigten Leser bemerklich machen muß, der Kater wieder ein paar Makulaturblätter ganz weggerissen, wodurch in dieser Geschichte voller Lücken wiederum eine Lücke entstanden. Nach der Seitenzahl fehlen aber nur acht Kolumnen, die eben nichts besonders Wichtiges enthalten zu haben scheinen, da das Folgende sich im ganzen noch so ziemlich an das Vorhergegangene reiht.

Kater Murr, Skizze 2

Soundtrack: Katzenjammer featuring Ben Caplan und The Trondheim Soloists mit der Mutter all derer Weihnachtslieder, die man ganzjährig singen darf: dem Pogues-Klopfer Fairytale of New York aus If I Should Fall from Grace with God, 1987, 2012:

Written by Wolf

23. Dezember 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Das Tier & wir, Romantik