Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for the ‘Romantik’ Category

Hesses alter Novalis

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Update zu Des Wallens willen wallen:

Einzelausgabe Hermann Hesse, Der Novalis, 1940Sagen wir’s mal so: Hermann Hesse war ein sehr ordentlicher, dem Expressionismus nahestehender Maler. Leider hat er alle schriftstellerische Schaffenskraft daran verschwendet, Thomas Mann sein zu wollen, der seinerseits alle Schaffens- und Lebenskraft daran verschwendet hat, Goethe sein zu wollen. 17 Jahre nach Thomas Mann hat Hesse dann doch noch seinen Literatur-Nobelpreis eingefahren, und wir wissen, was von Literatur-Nobelpreisträgern zu halten ist.

Nun mag an dieser Stelle schon öfter die eine oder andere Missbilligung an Inhalt und Form bei Hesse und Weltanschauung bei Novalis oder umgekehrt durchgeschimmert sein. Solche Kleinlichkeiten schimmern mit Recht sehr gedeckt, in Wirklichkeit sind ja beide Herren literaturhistorisch recht schätzbar, und besser hab ich’s selber nie geschafft. Ausnahmsweise werden wir also mit gut überwindlichen Schmerzen von einer Wiedergabe des primärliterarischen Volltextes absehen; er ist leicht in dem Band Hermann Hesse: Sämtliche Werke in 20 Bänden und einem Registerband: Band 6: Die Erzählungen 1. 1900–1906 im Suhrkamp-Verlag einsehbar. In dem Link steht er auf Seite 18 bis 36; einfach downloaden und hinscrollen oder noch einfacher: mit Strg+F nach „Bücherliebhabers“ suchen.

In meiner eigenen Ausgabe, dem erst 2009 in dieser Backsteinform gesammelten Suhrkamp Quarto mit den Erzählungen und Märchen, nimmt Der Novalis 20 von den 1840 Druckseiten ein. Und man muss zugeben, dass es eine der Geschichten von Hesse ist, die ungefiltert Spaß machen: kein Populärbuddhismus, kein esoterisches Geraune, keine uneingelösten Vorausweisungen, sondern eben: eine Geschichte im Sinne von Handlung mit Geschichte im Sinne von Historie, und dann über unser aller Lieblingsnischenthema: ein altes Buch. Unsere Hauptaussage ist: Das beschriebene Buch hat es wirklich gegeben:

——— Hermann Hesse:

Der Novalis. Aus den Papieren eines Bücherliebhabers

um 1900, in: März – Halbmonatsschrift für deutsche Kultur, München, März 1907.
Buchform: Ein altes Buch. Aus den Papieren eines Altmodischen, in: Sieben Schwaben. Ein neues Dichterbuch. Eingeleitet von Theodor Heuss.
Separatausgabe: als 6. Veröffentlichung der Oltener Bücherfreunde in 1221 numerierten Exemplaren, 1940:

Unter den verschiedenen Ausgaben des Novalis, die ich allmählich zusammengebracht habe, ist auch eine „vierte, vermehrte“ vom Jahre 1837, ein Stuttgarter Nachdruck auf Löschpapier in zwei Bänden.

Novalis, Werke, 1837, Antiquariat Ehbrecht

Unaufgelöst lässt Hesse, wonach die Ausgabe im — soviel ist herauszufinden — Stuttgarter Hausmann Verlag nachgedruckt sein soll. Laut einem Angebot des Antiquariats Ehbrecht umfassen die zwei betitelten Original-Halbledereinbände 339 und 315 Seiten mit Goldprägung. Es deutet also alles auf einen Nachdruck der ersten umfassenden Werkausgabe durch Novalis‘ persönliche Freunde Ludwig Tieck und Friedrich Schlegel, begonnen 1802 kurz nach Novalis‘ frühem Tod, und fortgeführt eben 1837, was die beschriebene, zweibändig „vermehrte“ Ausgabe ergeben hätte. Ein dritter Band erschien erst 1846 in Berlin durch Tieck und Eduard von Bülow, liegt also nach Hesses handlungsstiftendem „Stuttgarter Nachdruck“. Seine neue Information, die in keiner der üblichen Beschreibungen erwähnt wird, ist das „Löschpapier“, also wahrscheinlich eher minderwertiges, auf den schnellen optischen Eindruck von Fülle im Buchhandel berechnetes Volumenpapier: ein herstellerischer Trick, der mit der marktwirtschaftlichen Orientierung des Buchhandels nie gealtert ist, und auf den 1837 längst verstorbenen Novalis als Erfolgsautor hinweist.

Weil wir damit nicht über Ramschreste des Modernen Antiquariats, sondern bibliophile Wertanlagen reden, lohnt sich das Kennenlernen von Hesses Jugendwerk anhand des Nachworts von Volker Michels im besagten Suhrkamp Quarto. Meinen sehr gelegentlichen Stichproben nach ist nicht einmal in der Gesamtausgabe mehr über den Novalis zu erfahren:

Einzelausgabe Hermann Hesse, Der Novalis, 1983Erzählungen wie Der Novalis und Eine Rarität wenden sich literarischen Themen zu. Der Novalis, die Geschichte eines Büchersammlers, ist wohl um die Jahrhundertwende in Basel entstanden und enthält gleichfalls autobiographische Elemente. Im Nachwort zu einer Einzelausgabe schrieb Hesse im Frühling 1940: „Ich habe mich [im ersten Kapitel] dieser Erzählung als einen Bibliophilen bezeichnet, der ich damals und noch lange nachher wirklich war, und habe mir damals … meine alten Tage als die eines einsamen Hagestolzes vorgestellt, dessen einzige Liebe und einziger Umgang die Bücher sind. Dies nun hat das Leben anders gefügt, und von den seltenen alten Büchern, von denen in der Einleitung meiner Erzählung die Rede ist, etwa von den Italienern der Renaissance in Aldus-Drucken, ist heute nichts mehr in meinem Besitz; ja, ich muß sogar bekennen, daß der zweibändige Novalis, den ich in Tübingen erwarb und von dem meine Erzählung handelt, längst nicht mehr mir gehört … mein Leben sieht nun ziemlich anders aus, als ich mir es damals phantasierend ausmalte. Wenn ich aber auch heute mich nicht mehr als einen eigentlichen Bibliophilen und in seine Bücher verliebten Sammler nennen darf, so kann ich doch meine jugendliche Bücherliebhaberei nicht belächeln, sie gehört unter den Leidenschaften, die ich im Leben kennen lernte, nicht nur zu den harmlosen und hübschen, sondern auch zu den fruchtbaren.“ In sechs Kapiteln wird der Weg, den diese Novalis-Ausgabe von 1837 bis zur Jahrhundertwende genommen hat, anhand der Lebensgeschichte ihrer sechs Besitzer geschildert, wobei jener Käufer der Ausgabe, der sich „seit kurzem teils durch Rezensionen, teils durch kleinere Zeitschriftenartikel am literarischen Leben beteiligt“, an den Verfasser erinnert. Denn zur Zeit der Niederschrift begann mit ersten Buchbesprechungen für die Basler „Allgemeine Zeitung“ Hesses lebenslange Rezensententätigkeit. Seine früheste, einem einzelnen Dichter gewidmete Würdigung vom 21.1.1900 galt tatsächlich Novalis und der ersten Gesamtausgabe dieses Dichters, die 1898 (herausgegeben von Carl Meißner) bei Eugen Diederichs in Leipzig erschienen war. Doch was das Autobiographische in dieser wie in den meisten von Hesses Erzählungen betrifft, ist zu bedenken, was der Dichter im September 1948 an seinen Sohn Heiner schrieb: „Übrigens wäre es natürlich unvorsichtig, das Ich des Erzählers mit meiner Person gleichzusetzen. Auch [Peter] Camenzind erzählt ja seine Geschichte selbst und [Josef] Knecht seine Lebensläufe, und an jedem bin ich beteiligt, aber keiner ist Ich“. Der Novalis ist einer der Texte, die Hesse in keinen seiner Erzählbände aufgenommen hat. Erst 1952 wurde diese Geschichte gemeinsam mit Eine Stunde hinter Mitternacht und Hermann Lauscher von ihm unter der Rubrik „Frühe Prosa“ in die geschlossene Ausgabe seiner Gesammelten Dichtungen und deren erweiterte Nachauflage Gesammelte Schriften (1957) einbezogen.

Nach Hesses zitiertem Nachwort 1940 hat seine Geschichte ein potenzielles siebtes Kapitel erhalten: Theoretisch, nein, viel besser: Praktisch muss es heute möglich sein, Hermann Hesses Exemplar antiquarisch zu erwerben. Die Frage ist, ob es zu erkennen wäre. Das achte Kapitel handelt dann davon, wie lange das siebte schon zurückliegt pp.

Fassen wir zusammen: Nach einer als milde Jugendsünde empfundenen Phase der Bibliophilie und dem feuilletonistischen Debut mit seinem Lieblingsdichter kann man immer noch seiner Bücher — freiwillig oder nicht — verlustig gehen, die eigene literarische Aufarbeitung davon halbherzig verwerfen und den Nobelpreis einfahren. Das muss das zeitlos Moderne an Hermann Hesse sein.

Bilder: Der Novalis. Aus den Papieren eines Altmodischen, Veröffentlichung der Vereinigung Oltner Bücherfreunde, 6., via avelibro Dinkelscherben, 13. Oktober 2019;
Hermann Hesse: Der Novalis, signiert und numeriert, Nr 140 von 250 signiert von Ernst Engel Presse Walter Stähle Handpressendruck, 1983, via Buchparadies Lonsee, 17. Juli 2019;
Antiquariat Ehbrecht, Ilsede.

Das 19. im 20. Jahrhundert: Schroeder spielt Beethoven: Klaviersonate 8 in c-Moll, opus 13,
„Grande Sonate Pathétique“, 2. Satz: Adagio cantabile As-Dur, 1798,
aus: A Boy Named Charlie Brown, 1969:

Written by Wolf

16. April 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Romantik

Dornenstück 0006: Lyrik im Liegen

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Update zum Nachtstück 0022: Zu schweigen beginnen
und Frohnleichnamsfahnen wehen:

Alexandre Séon. La Pensée, o. J.Für einen Philosophen mittlerschwerer, in seinem Hauptwerk sehr schwerer Verständlichkeit hat Schopenhauer etliche Fans, und zwar die richtigen. Leider ist seine komplette Lyrik unter aller Sau.

Das Beste an Schopenhauers Gedichten ist, dass es auf eine Lebenszeit von 72 Jahren verteilt nur 39 geworden sind. Da sind die Stammbuchverse schon mitgerechnet. Einer von denen war ohne Reim und Rhythmus, aber im Alter von 70 Jahren doch noch sein lyrisches Highlight:

——— Arthur Schopenhauer: Stammbucheintrag,
8. April 1858, gesammelt in: Parerga und Paralimpomena, Band II,
cit. nach Arthur Hübscher, Hrsg.: Gedichte von an über Arthur Schopenhauer, Haffmans Verlag, Zürich 1994:

Sitzen ist besser, als stehen, u. liegen ist besser, als sitzen:
Besser, als liegen, ist schlafen, und besser, als schlafen, ist todt seyn.

Frankfurt a. M. d. 8ten April 1858

Arthur Schopenhauer.

Das Poesiealbum mit dem Original ist verloren. Schopenhauers Quelle ist wahrscheinlich Nicolas Chamfort: Maximes et pensées, caractères et anecdotes II, 1795:

Wenn behauptet wird, daß die Menschen, die am wenigsten empfinden, am glücklichsten sind, so muß ich immer an das indische Sprichwort denken: Sitzen ist besser als stehen, liegen besser als sitzen, aber das Beste ist tot sein.

Lebenslustige Franzosen: Chamfort sagt das noch, als ob’s was Befremdliches wäre.

Bild: Alexandre Séon: La Pensée, ohne Jahr.

Soundtrack: The Be Good Tanyas: The Littlest Birds (Sing the Prettiest Songs), aus: Blue Horse, 2000:

Written by Wolf

5. Februar 2021 at 00:01

All I lov’d — I lov’d alone

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Update for And all I got’s a pocketful of flowers on my grave
and Etwas distinkt Metaphysisch-Transzendentales:

A friend of mine (yes, I have a few) recently quoted me a line by Poe: „And all I loved I love alone“, allegedly from a poem named Alone. Looking it up, I neither found it in my English nor my German edition of Poe’s „complete“ works, the latter even bilingual, translated by Hans Wollschläger.

There is a reason for Alone, originally Original, remaining uncollected: it is a true bootleg.

Poe wrote this poem in the autograph album of Lucy Holmes, later Lucy Holmes Balderston. The poem was never printed during Poe’s lifetime. It was first published by E. L. Didier in Scribner’s Monthly for September of 1875, in the form of a facsimile. The facsimile, however, included the addition of a title and date not on the original manuscript. That title was “Alone,” which has remained. Doubts about its authenticity, in part inspired by this manipulation, have since been calmed. The poem is now seen as one of Poe’s most revealing works. The same album also contains a poem by Poe’s brother Henry.

The original manuscript bears the number 55 in the upper right hand corner, as a page number within the album.

The website of the Maryland Historical Society includes a photograph of the original manuscript.

Going there:

Though we don’t have a great deal of Edgar Allan Poe materials in our library, we do have a poem entitled “Original,” which was handwritten into a volume of poetry owned by a Baltimorean named Lucy Holmes. The poem was not published in Poe’s lifetime, but finally appeared under the title “Alone” in an 1875 issue of Scribner’s Monthly. Though the poem was penned by a 20-year-old Poe, it seemed to reveal some of the inner turmoil that was always within the author, as well as foreshadow his shortened life. Though the provenance is a little unclear, it was donated by a woman named Emma Welbourn in 1969, who was most likely a descendant of Ms. Holmes. Not a lot is known of Lucy Holmes, except that she was known to be active in the literary circles of Baltimore. She most likely had Poe write the poem in her ledger sometime in 1829. This was a time period in Poe’s life shortly after he left West Point and returned to Baltimore. The fact that he wrote this poem in the ledger of a wealthy socialite provides fairly strong evidence that he was not a homeless wanderer at this point in his life as some have suggested.

——— Edgar Allan Poe:

Original

undated manuscript, about 1829, published 1875:

From childhood’s hour I have not been
As others were — I have not seen
As others saw — I could not bring
My passions from a common spring —
From the same source I have not taken
My sorrow — I could not awaken
My heart to joy at the same tone —
And all I lov’d — I lov’d alone —
Then — in my childhood — in the dawn
Of a most stormy life — was drawn
From ev’ry depth of good and ill
The mystery which binds me still —
From the torrent, or the fountain —
From the red cliff of the mountain —
From the sun that ’round me roll’d
In its autumn tint of gold —
From the lightning in the sky
As it pass’d me flying by —
From the thunder, and the storm —
And the cloud that took the form
(When the rest of Heaven was blue)
Of a demon in my view —

E. A. Poe

Poe, Original, ca. 1829

Further:

Isaiah Balderston, FaksimileThough Poe’s poem is what truly makes this book unique, there are also approximately 100 other poems by Baltimore poets contained in its pages. The great majority of the poems seem to be written with the goal of pursuing courtship with Ms. Holmes. Poe’s poem stands out from the crowd by being autobiographical, dark, and depressing—pretty much the opposite tone of every other poem in the volume. It is not, however, the only poem in Edgar Allan Poe’s handwriting in the small book. At his brother W.H. Poe’s request, Edgar Allan copied one if his poems on the very next page. Once again it seems like another piece of literary sleaze with the purpose of impressing Lucy. The assumption that Lucy’s favor could be won with flattery was not completely baseless. One of the poets, „Isaiah“ (or „I… B….N“) who appears frequently in the ledger is most likely Isaiah Balderston, whom Lucy ended up marrying in 1830. If heavy handed love poems tickle your fancy then by all means come visit us at the H. Furlong Baldwin Library—we’d be happy to make this volume available for your perusal! (Eben Dennis)

This poem from I.. B…N may have been the very one that titillated young Lucy. I guess she wasn’t impressed by Edgar’s demons. MS 1796, MdHS

Sources and further reading:

Scribners Monthly „An Early Poem by Edgar Allan Poe“ September 1875

Ingram, John Henry. The complete poetical works of Edgar Allen Poe (New York : A. L. Burt Co., 1907) MP3.P743 1907, MdHS

Reilly, John E. The image of Poe in American poetry (Baltimore: Edgar Allan Poe Society, 1976) MP3.P743.R36, MdHS

Another source and even further reading: Edgar Allan Poe Society of Baltimore: Edgar Allan Poe — „Alone“ („From childhood’s hour . . .“), Reading and Reference Texts.

Special thanks to Frank T. Zumbach!

Images: Maryland Center for History and Culture: Poe and Alone.

Soundtrack: Lindi Ortega: Lived And Died Alone, from: Tin Star, 2013:

I guess I thought it couldn’t really hurt
To search for sweethearts underneath the dirt
Sure, they may be made of dust and bone
But I will take them home
from their lonely tombstone
To be with me
In the Dead Sea

Written by Wolf

22. Januar 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Romantik

Weh, gingst mir verloren, bliebst mein eigen nicht

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Update zu Alle wurden bei diesem Anblicke still und atmeten tief über dem Wellenrauschen:
Regensburg bis Grein

und Der Arzt von Münster in Salzkotten:

Die alte Frage: Wie ist eigentlich der idealtypische Roman der deutschen Romantik gebaut? Herder meint 1796 im 99. Brief zur Beförderung der Humanität, zitiert nach Monika Schmitz-Emans in der Revue internationale de philosophie 2009:

Keine Gattung der Poesie ist von weiterem Umfange, als der Roman; unter allen ist er auch der verschiedensten Bearbeitung fähig: denn er enthält oder kann enthalten nicht etwa nur Geschichte und Geographie, Philosophie und die Theorie fast aller Künste, sondern auch die Poesie aller Gattungen und Arten – in Prose. Was irgend den menschlichen Verstand und das Herz intereßiret, Leidenschaft und Charakter, Gestalt und Gegenstand, Kunst und Weisheit, was möglich und denkbar ist, ja das Unmögliche kann und darf in einen Roman gebracht werden […].

Herder, in seinem eigenen Wirken noch kein Angehöriger der Romantik, vielmehr ein Viertel des „Weimarer Viergestirns“ der Hochklassik, äußert sich da zur Zeit der einsetzeden Romantik recht optimistisch darüber, was die Form des Romans leisten könnte oder sollte. In der schöpferischen Praxis stellt es sich so dar:

Handlungsort ist eins der nicht im Detail nachvollziehbaren Duodez-Fürstentümer im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation (bis 1806) um das Wartburgfest (1817) herum, Handlungszeit ist vor unvordenklichen Zeiten in einem zumindest nicht widerlegbaren Hoch- bis Spätmittelalter um Albrecht Dürer (1471 bis 1528). Am Anfang von Theil 1, Buch 1, Capitel 1 erscheint bei Sonnenaufgang ein Reiter auf einem Hügel, reitet in das idyllische Dorf aus Fachwerkhäusern im Tale und besucht seinen alten Freund aus Studienzeiten, die etwa zwei Jahre zurückliegen. Der Freund hat inzwischen eine ungefähr siebenjährige Tochter und einen so viel jüngeren lebenslustigen Knaben, dass die große Schwester schon an ihm herummutteln muss. Seine Frau war einst seine Jugendliebe und bewirtet den eingetroffenen Reiter mit Brot und Wein; der Gang der Handlung steht am frühen Vormittag.

Regine, Haidnische Alterthümer, unbenutzt, Ebay-Kleinanzeigen, 1. Dezember 2020Die Studienkameraden geraten ohne Umschweife in eine Diskussion über die rechte Art zu leben: sesshaft auf einem eigenen Gut mit Weib und Kindern oder obdachlos mit einem Säckchen Dukaten ausgerüstet. In einem Nebensatz erfährt man, dass der einsame Reiter die ganze Zeit seines freien Umherchweifens ein Gefolge von der Stärke zwischen einem Knappen und vier „Berittenen“ mit sich herumschleppt, die sich offenbar von den Resten des Brotkantens ernähren und draußen auf ihren Gäulen schlafen. Abschließend nennt der sesshafte Freund die Grundsatzdiskussion einen Streit, wovon man ansonsten nichts bemerkt hätte, und umarmt den gutsituierten Vagabunden zum Abschied. Im weiteren Verlauf fährt er wahlweise auf dem Rhein oder der Donau ein paar landschaftlich reizvolle Duodez-Fürstentümer weiter, verirrt sich im Wald und verliebt sich an einem Schloss auf einer Waldlichtung in eine Vierzehnjährige, die zufällig aus dem Fenster schaut. Offensichtlich kann jeder, der zufällig vorbeigeritten kommt, in dem Schloss nach Belieben ein- und ausgehen. Der Reiter wird bewirtet, fragt nach der Tochter des Hauses, die kommt und züchtig die Augen niederschlägt, woraufhin auch sie als unsterblich in den Reiter verliebt gilt. Inzwischen ist es Abend, und der Reiter muss in die böse Stadt, an deren Stadtmauer er die Wächter wecken muss. Zielstrebig reitet er zu einem Palast, in dem unfehlbar ein Fest stattfindet, mischt sich unbehelligt unter die Gäste und säuft mit. Die Tochter aus dem Waldschloss ist schon da, erkennt ihn, redet aber nur mit den städtisch verkommenen niederen Adligen. Inzwischen dämmert der Morgen und noch hat niemand geschlafen.

Geschlafen wird vermutlich erst innerhalb der beiläufig fallengelassenen Adverbiale „nach mehreren Tagen“, die ungefähr nach dem schöpferischen Wochenpensum eines durchschnittlichen Originalgenies der deutschen Romantik auftritt, und in denen weitere Schlösser betreten, Feste gefeiert, Flüsse beschifft und Grundsatzdiskussionen geführt wurden. Danach gehen die Schilderungen wieder dermaßen ins Detail, dass keine Zeit für Nachtschlaf und Ernährung bleibt, nur für beziehungsreiche Landschaftsschilderungen, die an die große Liebe gemahnen — die Tochter aus dem Schloss, falls sich jemand erinnert. Unterwegs gewinnt der Reiter beim Frühstück unter einem Baum (Eiche oder Linde; es gibt wieder frühmorgens Wein) oder einer ausgesucht einsamen Waldhütte einen neuen Busenfreund, der seine Ansichten teilt, aber ihm etwas Neues darüber erzählen kann, worauf er selber hätte kommen können, wenn er Albertus Magnus oder Johann Gottlieb Fichte gelesen hätte, am besten beide. Wenn alles zu durcheinander geht und das Originalgenie nach seiner vereinbarten Anzahl Druckbogen zu einem Schluss gelangen will, ist der neue Busenfreund sein seit der Kindheit verschollener Bruder. Nachdem sie sich noch einmal in einer felsigen Gegend verlaufen haben, kommen sie wieder bei dem Studienkumpel vom Anfang an, die Schlosstochter kommt mit ihrem Vater, dem Großgrundbesitzer der Gegend, vorbei und heiratet den Reiter, die Tochter des Studienkumpels wird dem Busenbruder versprochen.

Wenn ein Lied zwischengeschaltet werden nuss, das dem Gedanken des Gesamtkunstwerks dient, hüpft ein Zehnjähriger nicht erklärbarer Herkunft herum, der vor allem nachts engelgleich singen und virtuos die Laute schlagen kann. Wenn gerade kein Lied anliegt, erschrickt er vor einem Schatten, der zu einem Räuber gehören könnte, und schwimmt panisch durchs Schilf davon. Auf einem Fest in einem Stadtpalais wird er unversehens als Page angetroffen und kann weiter durch die sprechenden Landschaften herumgezerrt werden. Am Schluss stellt sich heraus, dass er ein Mädchen ist.

Die knorrigen Sonderlinge in altdeutscher Tracht (schwarz, ohne Halstuch, lange Haare, ab 1819 wegen Demagogentums verboten) sind die Guten.

Das ist die Handlung beim Großteil von Eichendorff; Brentano war im Lauf seiner Schreiberkarriere sowieso immer offensichtlicher verrückt und ist in seinem erklärt „verwilderten Roman“ Godwi 1801 auf mehreren Ebenen darüber hinausgegangen; E.T.A. Hoffmann hat alles unternommen, um psychedelisch wirksam zu sein, und musste sich deswegen ständig etwas Neues einfallen lassen; Bestsellerlieferant Fouqué schlägt am ehesten diese Richtung ein.

Arno-Schmidt-Der-Alles-Weiß versäumt selten, Fouqué das Eptitheton „der Sänger der unsterblichen ‚Undine‚“ — die ist auch wirklich gut — hinterherzuschießen; noch deutlicher wird das beschriebene roman-romantische Vorgehen in seinem Alethes. Sein eigenes dort eingeflochtenes Gedicht Sollt‘ ich doch Dich missen fand Fouqué offenbar so gelungen, dass er es im selben Roman erst anzitieren, dann im Ersten Theil, Erstes Buch, Sechstes Kapitel vollständig wiedergeben wollte — und im unten angeführten Textbeispiel gleich noch einmal. Wie er in seinem Vorwort verrät, liegt zwischen diesen beiden Romanabschnitten eine neunjährige Schaffenspause, nach der er im letzten der vier Bücher „einen andern Geist“ eingeführt hatte — siehe den Volltext.

Das Bildmaterial beschreibt die Haidnischen Alterthümer, in denen die Einzelausgabe noch am ehesten erreichbar bleibt.

Regine, Haidnische Alterthümer, unbenutzt, Ebay-Kleinanzeigen, 1. Dezember 2020

——— Friedrich Heinrich Karl Baron de la Motte Fouqué:

Die wunderbaren Begebenheiten des Grafen ALETHES von LINDENSTEIN

bei Gerhard Fleischer dem Jüngern, Leipzig 1817,
Zweiter Theil, Zweites Buch, Achtes Kapitel
ungekürzt cit. nach dem „Haidnischen Alterthum“, Oktober 1980, Seite 330 bis 333:

Auf Lindenstein angekommen, hub Alethes in der feierlichen Herbstesabendstille wieder einmal in dem alten Büchlein zu blättern an, das ihm mit seinen einfachen Sprüchen nun schon so manchesmal Trost und Freude in die Seele geredet hatte. Er schlug folgende Worte auf:

Regine, Haidnische Alterthümer, unbenutzt, Ebay-Kleinanzeigen, 1. Dezember 2020„Wenn Gott Nein spricht zu irgend einem Wunsche, der Dir sehr lieb ist, so glaube nur, daß er noch tausendmal lieber Ja gesagt hätte, dafern es Dir irgend hätte taugen wollen. Und es kann auch wohl gar seyn, das er Dir Dein Geschenk nur blos aufhebt, um es Dir ein andermal zu geben, wenn es Dir noch viel, viel mehr Freude macht. Aber fußen mußt Du Dich darauf nicht etwa im Voraus; sonst thust Du eine Sünde, und es wird auch dann ganz gewiß nichts draus.“

Sehr hell und getröstet ging er zur Ruhe, und begann mit dem nächsten Morgen ein recht wirksames, frisches Leben. Schon früher pflegte er den Angelegenheiten seiner Unterthanen und seinen eignen mit ehrbarer Thätigkeit vorzustehn, aber es war ihm dabei zu Muth, wie etwa einem vertriebnen Heldenfürsten, der in Verkleidung und Unerkanntheit Schafe hütet. Die Träume künftiger großer Thaten und Tage redeten und weheten dazwischen, und mühsam verhaltne Seufzer der Ungeduld und Sehnsucht schwellten ihm den stolzen Busen. Jetzt fand er sich schon besser darin. Er hielt sich so ruhig im Innern, als es irgend anging, und wenn gar nichts mehr helfen wollte, half doch wohl jenes alte einfältige Buch. Dann mußte er oft lachen in Erinnerung des ehemaligen Hochmuthes, womit er vordem einen solchen unscheinbaren Helfer über die Seite geworfen haben würde.

Er hatte auf diese Weise schon einige Wochen verlebt, und die Stürme begannen wilder und schneidender durch die fast laublose Waldung zu heulen; da saß er eines Abends, von einem thätigen, mühevollen Tage anmuthig erschöpft, an der Flamme des hellen Kamines. Mit stiller, unbesiegbarer Gewalt stieg Emiliens Bild in seiner Seele auf. – „Wäre nun sie Deine Hausfrau geworden, dachte er, und säße in frommer Lieblichkeit an Deiner Seiten, und kredenzte Dir den Wein, oder rührte die Zither und sänge anmuthig dazu, so anmuthig wie letzthin im Gemäuer der Abtei –“

Die getrennten Strophen ihres Liedes umtönten ihn. Unwillkürlich nahm er seine längst schon ungebrauchte Laute von der Wand, stimmte, und phantasirte dann nach Emiliens Klängen umher. Da fügte sich ihm nach und nach auf eine seltsame Weise das Ganze wieder zusammen. Er wußte nun bestimmt, es war das Lied, das Erwin einst bei nächtlicher Weile dem argen Using vorsang in Paris, und das bisher in Alethes geschlafen zu haben schien, um jetzt in tiefer Wehmuth zu erwachen. Auch jedes Wortes, das damals von den Zweien gesprochen ward, erinnerte er sich wieder, und voll verwundender Süßigkeit ging es aus Allem hervor: seit dem ersten Erblicken auf dem Weiher hatte ihn Emiliens ganze Seele geliebt in holder Reinheit und schmerzlicher Entsagung. Mit fast überströmenden Thränen sang er zu der Laute:

„Sollt‘ ich doch Dich missen,
Ach, warum Dich schau’n?
Ach, warum zerrissen
Mir mein Dämm’rungsgrau’n?
Leis‘ und träumend lebt‘ ich
In der Still‘ Umfang,
Manchmal nur erbebt‘ ich,
Wenn Dein Name klang.

Doch auf Wassers Spiegel,
Tief in stiller Nacht,
Brach der Ferne Riegel
Vor geheimer Macht.
Wiegend schwamm auf Wogen
Mir Dein Bild heran,
Abwärts bald gezogen,
Königlicher Schwan!

Weh, gingst mir verloren,
Bliebst mein eigen nicht,
Hast Dir Gluth erkoren
Für das stille Licht!
Und mein Sinn, zerrissen,
Kann sich selbst nicht trau’n.
Sollt‘ ich doch Dich missen,
Ach, warum Dich schau’n!“

Die Thüre ging rasch auf, und herein trat, beinahe othemlos, der bei Emilien gebliebne Diener, ein gesiegeltes Blatt in der Hand. Fast eben so othemlos riß es der Graf zu sich, und las folgende Worte:

„Der Freiherr von Thurn weint nach seinem Organtin. Vergeblich ist mein Bemühen gewesen, all diese Zeit über, ihm seinen Traum auszureden. Wenn er sich auch für Augenblicke zur Ruhe gab, wachte ihm doch das heiße, schmerzliche Sehnen immer zerreißender wieder auf. Jetzt grade weint er so recht herzinnig. Mir ist, als könne ihm sein edles, krankes Herz darüber brechen. Eilt denn, Graf Alethes, eilt! Es kann und soll ja nun einmal nicht anders seyn.“

„Emilie.“

Und eilig rief Alethes nach seinem Rosse, und ungesäumt sprengte er in die sturmestosende Nacht hinaus.

Regine, Haidnische Alterthümer, unbenutzt, Ebay-Kleinanzeigen, 1. Dezember 2020

Bliebst mein eigen nicht: Regine aus Fürth: Haidnische Alterthümer, unbenutzt, 30 €, Versand ausschließlich gegen Kostenübernahme. Die Bücher wurden lediglich zum Fotografieren heraus genommen,
Ebay-Kleinanzeigen, 1. Dezember 2020.

Soundtrack: Paul Hörbiger/Heinz Rühmann/Hans Holt: Wozu ist die Straße da?,
aus: Lumpacivagabundus, 1936:

Written by Wolf

15. Januar 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Weisheit & Sophisterei

Coronadvent 4: Und wirklich, wenn man die 11000 Zeilen überstanden hat, ist es des Oktavenklanges genug (Das Interessanteste am Epos ist die Gestalt der Heldin)

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Update zu Gräflein Du bist verrathen
und Drei Rosen, sang er, drei Rosen:

Corona hat schon besser ausgesehen als in seiner 2019er Erscheinung. 1814 war es eine charismatische Zauberin, das ist: Hexe, protagonistisch tätig in: Corona. Ein Rittergedicht in drei Büchern. Von Friedrich Baron de la Motte Fouqué. Stuttgart und Tübingen, in der J. W. Cotta’schen Buchhandlung, 1814. Und kaum hat Arno Schmidt kein Radioprogramm darüber ausformuliert, das es heute als CD — es ist nie ein Streaming — zu erwerben gibt, schon weiß man nichts mehr davon.

Nicht erschlossen, nicht einmal erschließbar scheint das Hexenbild, von dem Fouqué ausgeht, nicht einmal die Berliner Ausstellung im Kriegsjahr 1813, wo er es vorfand. Schmidt referiert ihn in seinen unveröffentlichten Essays zu wiederholten Malen. In seinem „Biographischen Versuch“ von 1958 Fouqué und einige seiner Zeitgenossen, besonders Bargfelder Ausgabe III,1, Seite 274, bezieht er sich auf Fouqués Autobiographie. Bei ihm selbst manifestiert sich die Zauberin Corona weiterhin ohne bildliche Darstellung, aber durchaus bildhaft:

——— Friedrich de la Motte Fouqué:

Lebensgeschichte des Baron Friedrich de La Motte Fouqué
Aufgezeichnet durch ihn selbst

E. A. Schwetschke und Sohn, Halle 1840:

Die Waffenruhe brachte mir einen Urlaub in die Heimath. –

Goldne Tage! Seelige Tage fast! – Solch ein Wiedersehn! Und eben der ernste Hintergrund, nach einigen Wochen mich wiederum hinaus in’s Feld des Kampfes und der Ehre winkend, hob die blumige Oasis der Gegenwart nur um so lieblicher hervor. Ist es ja doch mit dem ganzen Erdenleben just eben so. Was wär’s es darum, stände nicht an seinem Ziele der ernsteste aller Engel! Wir hienieden heißen ihn: Tod. –

Fouqué, Corona, 1814, TitelblattWährend jenes raschen Maifeldzuges hatte mir die Muse, zwischen den mir keck entklingenden, mannigfach von den Kameraden nachgesung’nen Kriegsliedern, auch noch ein gar wundersamliches Bild aufbewahrt. Zuerst war es mir in einer, kurz vor des Kampfes Beginn zu Berlin aufgestellten Gemäldegalerie erschienen: das Oelgemälde einer schönen, seltsam aussehenden Frau, ihre Tracht zwischen dem Europischen und Orientalischem mitten inne, ihr Blick anziehend und abstoßend, herb und mild. Aus der Altitalischen Schule schien das kleine Bild herzustammen, aber Niemand konnte den Meister nennen, oder überhaupt Näheres davon berichten. Auf mich machte es einen fast magischen Eindruck, so daß es die Freunde nur: »die Here« zu benennen pflegten, weil immer und immer wiederum davor sie mich antrafen, wie einen Gebannten, wie ich denn in der That von den andern vielgepriesnen Bildern dieser Ausstellung – bei meinem sonst eigenthümlich scharfem Gedächtniß, namentlich für Gegenstände der bildenden Kunst, – mich auch keines Einzigen mehr zu erinnern weiß. Die: »Here« dagegen, obgleich ich das Gemälde nie wiedersah, nicht einmal wissend, wohin es geschwunden ist, lebt noch jetzt vor meinem geistigen Auge, und hat sich nach und nach zur Corona gestaltet, der magischen Heldin meines unter diesem Namen bekannten Rittergedichtes. In der heimatlichen Ruhe begann ich an die Darstellung meiner Zauberin zu gehen. Stehe hier der Anfang des Liedes:

»Der ernste Krieg, der Fürst von Deutschlands Kriegen,
Der über Tod und Leben trägt Gewalt,
Nicht fragend nur, ob Fürst und Volk erliegen,
Nein, ob noch fürder Deutsche Zunge schallt,
Ob Nacht, ob Klarheit soll auf Erden siegen, –
Er macht für Wochen, still erwägend, Halt.
Und mild, als wie befriedet, hält umwunden
De Heimath mich in seegenreichen Stunden.

Da kommt die Muse grüßend hergegangen,
Und spricht zu mir von manch erhabnen Bildern,
Die, wenn Geschütze brüllten, Schwerdter klangen,
Mir ahnend wußten kühnen Trotz zu mildern.
Sie will, ich soll noch Dichterkränz‘ erlangen,
Soll, was sie ahnend haucht, in Worten schildern,
Und, wie zum Trotz den wild empörten Zeiten,
Erzählend greifen in die goldnen Saiten.

So sei es denn. Und ruhe jetzt, mein Schwerdt,
Bis Dich Trompetenklänge neu erwecken.
Die Muse winkt. Es scheint, als sei ihr werth,
Wer zu ihr aus der Schlachten blut’gen Schrecken [*]
Nicht ohne Sieg, nicht ohne Ruhm auch, kehrt.
Schwellt, meines Liedes Seegel! Wir entdecken
In kühner Fahrt durch manch ein zaubrisch Land
Wohl hoh’re Lust, als wir noch je gekannt.« –

[* Anm. Variante: „Wer zu ihr aus der Schlacht Begeistrungs-Schrecken“ u. s. w.]

Die Gesänge begannen und schlossen auf diese Weise stets mit irgend einem Gebilde der ernst bedeutungsvollen Gegenwart, so daß die phantastischen Erscheinungen gleichsam davon umwoben und umhegt wurden, wie von eben so vielen Rahmen. Für Jener eigentliches Thema und Centrum mogte die absichtlich wie derkehrende Schilderung der Zauberin Corona gelten:

»Schau‘ diese dunklen Brauen, finstren Locken,
Und dieser Augen mondlich trüben Schein,
Wie jeder Zug, als tönten Grabesglocken,
Sich hüllt in tiefe Todesnebel ein,
Daß bang‘ davor des Lebens Pulse stocken,
Und jedem Hoffen sich’s entgegnet: Nein!
Und doch, ein leises lindes Liebesthauen
Bebt ahnend nieder durch das strenge Grauen.«

Die Tage der freudigen Ruhe vergingen. Frischfreudig wiederum ging es in’s Feld. –

Wie aus den vom Dichter höchstselbst angeführten Textproben erhellt, ist seine Corona laut unserer Bildquelle 2 „in ‚ottave rime‚, dem epischen Versmaß der Italiener“ ein

„‚[großes] Stanzen-Epos, das einen Ausflug in das alte romantische Land des Kampfes zwischen Christen und Heiden, jedoch auf dem Hintergrund des Krieges 1813 gegen Napoleon und der persönlichen Verwicklung des Autors darin (darstellt)‘ (De Boor/Newald VII, 2, S. 418).“

Schmidts hauptsächliche Stelle lautet, gegenüber dem „elektronischen Findmittel“ der Bargfelder Ausgabe um die Fußnote ergänzt:

——— Arno Schmidt:

Fouqué und einige seiner Zeitgenossen
§ 37

Bläschke 1958; 2., verbesserte und beträchtlich vermehrte Auflage 1960,
Bargfelder Ausgabe III/1, Seite 293 bis 296:

Da ist zunächst die Arbeit an der »Corona«.

Die Anregung durch das Bild der »Hexe« ist bereits geschildert worden; (an Miltitz gibt er einmal Leonardo da Vinci als Meister an); Plan und Erfindung werden noch während des Waffenstillstandes rasch angelegt : 3 Bücher, jedes zu 12 Gesängen; der südlich=romantische Stoff fordert das alte italienische Versmaaß, die Oktave – für einen Schüler Schlegels keine Schwierigkeit. Es sei aber ausdrücklich bemerkt, daß Fouqué das anspruchsvolle Maaß frei und schon ganz souverän behandelt. Gewidmet ist es der Prinzessin Marianne.

Der Stoff ist in seiner gewohnten bunten Art erfunden :

Fouqué, Corona, 1814, Antiquariat VoersterCorona und Blanka, die Schwarze und die Weiße, von uralter Westgotenzeit her schuldhaft aneinandergekettet, und, immer wiedergeboren, sich immer wieder befehdend, jede mit ihrem farbigen Gefolge von Rittern und Anhängern. Auch die Schauplätze liegen sämtlich im »alten romantischen Land« : Italien, Norwegen, die Schluchten des Libanon und der persischen Gebirge oder der rhätischen Alpen; Meer, Wüste und Wald. Die Staffage bilden seine üblichen Ritter, Mohren, Zauberer, Priester, Assassinen, Geister – die ganze »Maschinerie« Ariostos und Tassos ist gekonnt beisammen. Schwebend gehen die Gestalten aus Shakespeares »Sturm« durch das Werk hin : Claribella von Tunis und Ascanio, Alonso und der Luftgeist Ariel – kurz, es ist ein versifizierter Ritterroman, nichts weiter, und Ziesemers Ansicht, daß es sich hier um eine sorgfältig ausgeführte Allegorie des Jahres 13 handele, ist völlig verfehlt : das ist die »Sängerliebe« nachher, nicht die »Corona«; und Keiner der vielen Zeitgenossen Fouqués, die sich, begeistert oder tadelnd, über das Werk ausgelassen haben, ist auch jemals auf den durchaus abwegigen Einfall gekommen, mehr darin zu sehen, als eben ein Rittergedicht. Fouqué hat auch selbst einmal dazu Stellung genommen; am 24.5.26 gibt er einem begeisterten Leser, dem Privatbibliothekar der beiden hannöverschen Könige, L. C. Nolte, (etwa 1790 bis 1870; auch ein Freiwilliger von 1813; später Oberrevisor beim Finanzministerium in Hannover, und Redakteur des dortigen »Intelligenz=Comtoirs« – leider ist über den interessanten Mann noch gar nichts bekannt*), diese Auskunft :

{Fußnote:] * Ich hatte seinerzeit meine Angaben lediglich aus den Hannoverschen Staatshandbüchern zusammengetragen; inzwischen habe ich die Familie im Bürgerlichen Geschlechterbuch II, S. 284 ff. gefunden. Danach ist Louis Carl Nolte am 13. 3. 1797 als Sohn eines Arztes in Hannover geboren; und dort auch als königlicher Oberbibliothekar am 12. 1. 1879 gestorben; mit seiner Frau, Charlotte Belleville (1796–1869) hatte er 6 Kinder.}

»Der Philostrat in der Corona ist mir beinahe so rätselhaft als Ihnen. In der Geschichte hat er keinen Platz, oder doch nur höchstens insofern, als Seinesgleichen : ein ritterlicher Priester, oder priesterlicher Ritter – wie schon Ihr Schreiben sehr richtig bemerkt – eben in jenen Tagen nicht zu den ungewöhnlichsten Dingen gehörte. Bilden ja die schönen geistlichen Ritterorden in ihrem ursprünglichen reinen Zustande ganze Blumengärten dieser Gattung …… Dies Alles aber ist mir in Bezug auf den Philostrat erst nach der Darstellung des Bildes aufgegangen, und ging mir zum Teil erst in diesem Augenblicke zutraulicher Mitteilung auf. Zuerst war mir Philostrat eben nur ein rätselhaft feierliches, aber irdisch existierendes Wesen, keineswegs etwa ein allegorisches ….. oder auch ebensowenig ein verhüllter Schutzengel, oder dergleichen sonst. Mir lebte und lebt eine Ahnung von den früheren Helden- und Pilgerbahnen dieses Philostrat in der Seele, die ihn eben zu diesem Standpunkte geführt hätten, und wohl dereinst durch mich oder einen Anderen in einem eigentümlichen Epos dargestellt werden könnten.« – Noch deutlicher kann er es ja nicht sagen, daß es sich hierbei um ein krauses absichtloses Produkt seiner Phantasie handelt. Gewiß, zu Beginn und am Ende jedes Gesanges, erwähnt der Dichter kurz die Zeitereignisse oder Erinnerungen, die sich im Augenblick der Niederschrift gerade darbieten; aber ohne jede Beziehung zum Inhalt, so daß diese »Einlagen« Manchem sogar störend vorkamen.

Uns sind sie aber biographisch durchaus von Wert; denn er setzt vielen der Freunde, den Lebenden und Gefallenen, ihre Denksteine, Zimietzki und Wilhelm von Massenbach, die Schlachten von Lützen und Haynau werden erwähnt, die Englandreise des Königs, und auch der »treue Gelbe«, sein Roß, das bei Lützen fiel, fehlt nicht im Erinnerungsreigen; so daß wir Schritt für Schritt die Entstehung verfolgen können – wozu nebenbei auch die Briefe schon ausreichen.

Das Urteil der Freunde ist überschwänglich günstig. Apel in Leipzig nennt es »ein geniales und glänzendes Werk, dem jeder Vorzug Ariosts und Tassos eigen ist«; Rückert, Truchseß, die Stolberge, und natürlich Franz Horn, der Wassermann, sind entzückt wie die Chézy und die Helvig; Friedrich Schlegel allerdings weiß schon, daß die »Corona« den »Zauberring« bei weitem nicht erreicht; und Jakob Grimms Abneigung ist so groß, daß er das Buch nicht einmal »anlesen« mag.

Und wirklich, wenn man die 11000 Zeilen überstanden hat, ist es des Oktavenklanges genug; wie ich denn überhaupt oft gefunden habe, daß gerade dieses Maaß Ohr und inneren Sinn ermüdet, wie kaum ein anderes. Ja, es ist mit großer Kunst und viel rhythmischem Geschick gehandhabt, und Fleiß und Feile von fast anderthalb Jahren sind unverkennbar; aber es ist letzten Endes doch weiter nichts geworden, als ein großer Haufen bunter Bilderkacheln, und gezierter Bilder noch dazu; erst nach mehrmaligem angespanntem Lesen findet man den ursprünglichen Plan, der aber in der Ausführung wieder mehrfach zerbröckelt ist, heraus. Friedrich Schlegel hat Recht : es ist gar kein Vergleich mit dem gewachsenen Chaos des »Zauberrings«, und wenn man die beiden, zeitlich einander doch so nahen, Werke zusammen hält, empfindet man recht eigentlich, um wieviel gute Prosa doch bester Verskunst überlegen ist. –

Das Interessanteste am Epos ist die Gestalt der Heldin. Mit aller Macht versucht er, auch die Gegenspielerin, die blonde Blanka, zu erhöhen; aber die bleibt stets im Schatten der Anderen, bleibt stets, – obwohl von Fouqué verzweifelt komplett mit all dem ausgestattet, was er als Kennzeichen »feiner weiblicher Bildung« sich abstrahiert hat – die blasse zweidimensionale Gestalt, zu der ihm leider allzuoft seine Heroinen entartet sind, und die auch, wie ebenfalls immer wieder bei ihm vorkommt, im Kloster endet. Corona dagegen, die temperamentvolle Dunkle – »Schau diese dunklen Brauen, finstern Locken« – ist ihm decouvrierend gut gelungen (soweit seine von Natur aus geringe Fähigkeit der Charakterschilderung dies überhaupt zuläßt); der Vamp war ihm doch wohl einmal eine angenehme Abwechslung zwischen all der ewigen höheren Weiblichkeit; leider schlägt zum Schluß wieder die Orthodoxie durch : sie (wie auch die ähnliche, obgleich blonde, Gerda des »Zauberrings«) wird zum Schluß mitleidslos »gerettet«, bekehrt : »Mein Freund, mein Romuald – kannst Du mich taufen?« – Schade.

Für die Freunde korrekter Texte sei noch hinzugefügt, daß auf S. 385 hinter Zeile 18 (»… Heilend jede Wunde,«) diese einzufügen ist : »Kommt die letzte Stunde,«; in seinem Briefe an Cotta beklagt sich Fouqué bitter über die entstellende Auslassung.

Denn bei Cotta ist die »Corona« erschienen; Fouqué hat jetzt auch den renommiertesten Verlag jener Zeit, bei dem die ganzen »Klassiker« herauskommen, gewonnen; der wird noch allerlei von ihm bringen.

Moritz Retzsch hat eine ganze Reihe von Zeichnungen zum Epos entworfen und gestochen; aber Cotta, dem Fouqué sie in einem Briefe vom 27.11. anbietet, hat sie nicht gebracht.

BIlder: Uwe Turszynski, Visual Storyteller: „Von wegen chinesische Wildtiermärkte oder Laboratorien. Die deutsche Romantik hat es eingeschleppt. Das weiß nur keiner. Wird von den Eliten verschwiegen. Jawoll!“, via Antiquariate + antiquarische Bücher, 6. Mai 2020;
J. Voerster, Antiquariat für Musik und Deutsche Literatur, Stuttgart: FOUQUÉ, Fr. de la Motte: Corona. Ein Rittergedicht in drei Büchern. Stuttgart und Tübingen J. G. Cotta 1814. XIV, 386 S., winziger Wurmgang, sonst schönes, frisches Exemplar. Lederband der Zeit mit Goldgirlanden auf den Deckeln, Ecken leicht bestoßen, 650,00 Euro.

Soundtrack: Some Rival, Traditional um 1656, aus: Storm Force Ten, 1977:

Here’s a health to all lovers that are loyal and just
Here’s confusion to the rival that lives in distrust
For it’s I’ll be as constant as a true turtle dove
And it’s never will I prove false to my love

Written by Wolf

18. Dezember 2020 at 00:01

Coronadvent 2: In den blutbetauten Hallen ihres Schwelggelags

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Update zu Die unnachsichtige Logik, zu der ich mich erzogen hatte
und Etwas distinkt Metaphysisch-Transzendentales:

Für das Jahr 2020 drängt sich nichts so sehr auf wie ein Rückblick auf vergangene Pandemien.
Es ist Advent. Gott steh uns bei.

Mit manchen Schreibern ist es gelinde gesagt erstaunlich, wie punktgenau sie auf postmoderne Ereignisse passen. Weniger gelinde gesagt ist es unfair bis geradenwegs widerlich. So hat unser aller Hausheiliger Edgar „The Divine“ Allan Poe 1842 mit The Masque of the Red Death (in der Urfassung ist die Schreibung noch Mask) die bis heute passende Parabel auf alle sozialdynamischen Prozesse während der Zeiten von Pest und sonstiger Epi- und Pandemien geliefert.

Allein kann versöhnen, dass selbst ein Poe auf seit Jahrhunderten reichlich sprudelnde literarische Quellen zurückgreifen musste: Im Falle des roten Todes sind das mit meist recht indirektem Einfluss Liebeszauber von Ludwig Tieck 1811, Der Sandmann und Klein Zaches genannt Zinnober von E.T.A. Hoffmann 1817 bzw. 1819 und nachweislich sogar Ahnung und Gegenwart von Eichendorff 1815 (siehe hierzu Franz K. Mohr: The Influence of Eichendorff’s Ahnung und Gegenwart on Poe’s Masque of the Red Death, in: Modern Language Quarterly X, 1949, pp. 3–15), sehr viel direkter die Beschreibungen des gesamteuropäisch verheerenden Schwarzen Todes zwischen 1346 und 1353 aus Italien, die es zu weltliterarischem Rang gebracht haben, allen voran Il Decamerone von Boccaccio, das noch mitten im Geschehen entstand und ohne das seitdem keine Erzählung unter Romanstärke auskommt. In Frage kommen auch die Pestschilderungen aus dem Dreißigjährigen Krieg in I Promessi Sposi von Alessandro Manzoni 1827 bis 1842 (siehe hierzu Cortell King Holsapple: The Masque of the Red Death and I Promessi Sposi, in: University of Texas Studies English, Nr. 18, 1838, pp. 137–139), Klosterheim, or, The Masque von Thomas de Quincey 1832, die reichhaltigen Darstellungen mehrer Jahrhunderte von Totentänzen, die an Poe sicher nicht unbemerkt vorbeigehen konnten — sowie höchst unmittelbar „ein Artikel im New Yorker Mirror vom 2. Juni 1832, in dem Nathaniel Parker Willis berichtet, bei einem Maskenball in Paris habe einer der Teilnehmer die Pest dargestellt“ (cit. die Anmerkung in der deutschen Gesamtausgabe). Ferner konnte Poe 1831 die Cholera in Baltimore beobachten — und aufpassen, nicht selbst erwischt zu werden. Aus dieser Zeitzeugenschaft war ihm 1835 schon König Pest entstanden, allerdings launig-makabrer, deutlicher historisch verankert, dafür mit weniger zeitübergreifender Relevanz.

Die Umfärbung des Schwarzen auf den „roten“ Tod scheint Poes eigene, bildhaft ausgebreitete Farbsymbolik, zugeschrieben dem festveranstaltenden Prinzen Prospero mit dem namentlichen Anklang an den Zauberer aus dem Sturm von Shakespeare 1611. Zeit und Ort der Handlung erinnern an Boccaccios decameronisches Florenz, werden aber nicht bezeichnet. — Der eindrucksvolle Schluss:

Harry Clarke, The Masque of the Red Death, 1923

——— Edgar Allan Poe:

The Mask of the Red Death. A Fantasy.

in: Graham’s Lady’s and Gentleman’s Magazine, vol. XX, no. 5, May 1842, Philadelphia, May 1842:

And now was acknowledged the presence of the Red Death. He had come like a thief in the night. And one by one dropped the revellers in the blood-bedewed halls of their revel, and died each in the despairing posture of his fall. And the life of the ebony clock went out with that of the last of the gay. And the flames of the tripods expired. And Darkness and Decay and the Red Death held illimitable dominion over all.

——— Edgar Allan Poe:

Die Maske des roten Todes

Übersetzung: Hans Wollschläger, 1966, Schluss:

Nun ward die Gegenwart des Roten Tods erkannt. Wie in der Nacht ein Dieb war er gekommen. Und einer nach dem andern sanken die Gäste nieder, hin in den blutbetauten Hallen ihres Schwelggelags, und starb ein jeglicher in seines Falls Verzweiflungshaltung. Und in der ebenholznen Uhr verlosch das Leben mit dem des letzten dieser Fröhlichen. Und die Flammen der Dreifüße verglommen. Und Finsternis und Verfall kam, und der Rote Tod hielt grenzenlose Herrschaft über allem.

Als ob solche Clairvoyance nicht reichen würde, hat Poe an unbekannterer Stelle auch noch den Klimawandel vorausgesagt. Wie anders ließe sich die Stelle aus dem Mittelstück von „Poe’s trilogy of dialogues of blessed spirits in Heaven“ sonst deuten? — Das Thema war Poe offenbar wichtig, wie man aus der Überarbeitung nach vier Jahren schließen darf:

——— Edgar Allan Poe:

The Colloquy of Monos and Una

May or June, 1841, in: Graham’s Lady’s and Gentleman’s Magazine, Philadelphia, August 1841;
version of 1845:

Meantime huge smoking cities arose, innumerable. Green leaves shrank before the hot breath of furnaces. The fair face of Nature was deformed as with the ravages of some loathsome disease. And methinks, sweet Una, even our slumbering sense of the forced and of the far-fetched might have arrested us here. But now it appears that we had worked out our own destruction in the perversion of our taste, or rather in the blind neglect of its culture in the schools. For, in truth, it was at this crisis that taste alone — that faculty which, holding a middle position between the pure intellect and the moral sense, could never safely have been disregarded — it was now that taste alone could have led us gently back to Beauty, to Nature, and to Life.

——— Edgar Allan Poe:

Zwiegespräch zwischen Monos und Una

1841 ff., Übersetzung: Hans Wollschläger, 1967:

Derweil erhoben sich ungeheuere qualmende Städte, schier ohne Zahl. Grünendes Laub verdorrte im heißen Atem der Schlote. Das schöne Gesicht der Natur ward entstellt, wie von den Verheerungen einer ekelhaften Krankheit. Und mich dünkt, süße Una, unser schlummernder Sinn für das Gewaltsame und das Weithergeholte hätte uns eigentlich hier Einhalt gebieten müssen. Doch nun erscheint es, dass wir mit der Pervertierung unseres Geschmacks oder vielmehr mit der blinden Vernachlässigung seiner Ausbildung in den Schulen nur unsern eignen Untergang herbeigeführt hatten. Denn wahrscheinlich, in diesem entscheidenden Krisenaugenblick war es allein der Geschmack – jene Fähigkeit, welche eine Mittel- und Mittlerposition zwischen dem reinen Intellekt und dem moralischen Empfinden innehat und niemals ungestraft missachtet wird – in diesem Augenblick war es einzig und allein der Geschmack, der uns sanft hätte zurückführen können zu Schönheit, Natur und Leben.

Mit dem Wissen über Poe stünden wir alleine da ohne die verdienstreiche, immer noch gültige Gesamtausgabe im Walter Verlag, Olten 1966 ff., und ohne die nicht weniger verdienstreiche, ebenfalls immer noch gültige Biographie im Winkler Verlag 1986 und das enzylopädische, freimütig mitgeteilte Wissen von Frank T. Zumbach.

——— Frank T. Zumbach:

Die phänomenale Wirkung des Edgar Allan Poe

25. April 2010:

Und wenn Schwachsinn und Medienverblödung nicht noch weiter um sich greifen, werden wir Mr. Poe nie wieder los, gottseidank.

Harry Clarke, The Masque of the Red Death, 1923

Bilder: Harry Clarke1916, in der teilkolorierten Fassung 1923, via

  1. Maya Phillips: The Rich Can’t Hide From a Plague. Just Ask Edgar Allan Poe.
    In „The Masque of the Red Death,“ the poor are sacrificed to disease so the rich can keep their comfortable lives. Sound familiar?, Slate, 26. März 2020, und
  2. Glenn Russell: I’ve always sensed a strong connection to Poe’s The Masque of the Red Death,
    goodreads 9. Februar 2014.

Soundtrack: Eric Burdon & The Animals: The Black Plague, aus: Winds of Change, 1967:

Written by Wolf

4. Dezember 2020 at 00:01

Wer hätte da sich um Blumen bekümmert?

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Update zu Pflanzenähnlichkeit der Weiber:
Novalis und die Frau als Königin, Mineral und Nahrungsmittel
:

Klar bleibt allein, dass der Begriff der Blauen Blume der deutschen Romantik von Novalis in die „hohe“ Literatur eingeführt wurde.

Allenfalls findet sich ein vager Hinweis auf „eine alte Volkssage, lange vor der Romantik“ in der „jemand zufällig eine blaue Wunderblume“ findet; „durch sie erlangt er Zugang zu verborgenen Schätzen“ — näher werden wir nicht zur Quelle geführt. Schlüssig nachweisbar ist nur Novalis‘ Roman Heinrich von Ofterdingen von 1800, posthum 1802 erschienen. Darin liegt „der Jüngling“ gleich zu Anfang des ersten Kapitels

unruhig auf seinem Lager, und gedachte des Fremden und seiner Erzählungen. Nicht die Schätze sind es, die ein so unaussprechliches Verlangen in mir geweckt haben, sagte er zu sich selbst; fern ab liegt mir alle Habsucht: aber die blaue Blume sehn‘ ich mich zu erblicken. Sie liegt mir unaufhörlich im Sinn, und ich kann nichts anders dichten und denken. So ist mir noch nie zu Muthe gewesen: es ist, als hätt‘ ich vorhin geträumt, oder ich wäre in eine andere Welt hinübergeschlummert; denn in der Welt, in der ich sonst lebte, wer hätte da sich um Blumen bekümmert, und gar von einer so seltsamen Leidenschaft für eine Blume hab‘ ich damals nie gehört.

Heinrich, würde man heute sagen, verarbeitet also im Halbschlaf seinen Tag. Nicht viel später im Text „träumte ihm erst von unabsehlichen Fernen, und wilden, unbekannten Gegenden“:

Berauscht von Entzücken und doch jedes Eindrucks bewußt, schwamm er gemach dem leuchtenden Strome nach, der aus dem Becken in den Felsen hineinfloß. Eine Art von süßem Schlummer befiel ihn, in welchem er unbeschreibliche Begebenheiten träumte, und woraus ihn eine andere Erleuchtung weckte. Er fand sich auf einem weichen Rasen am Rande einer Quelle, die in die Luft hinausquoll und sich darin zu verzehren schien. Dunkelblaue Felsen mit bunten Adern erhoben sich in einiger Entfernung; das Tageslicht das ihn umgab, war heller und milder als das gewöhnliche, der Himmel war schwarzblau und völlig rein. Was ihn aber mit voller Macht anzog, war eine hohe lichtblaue Blume, die zunächst an der Quelle stand, und ihn mit ihren breiten, glänzenden Blättern berührte. Rund um sie her standen unzählige Blumen von allen Farben, und der köstlichste Geruch erfüllte die Luft. Er sah nichts als die blaue Blume, und betrachtete sie lange mit unnennbarer Zärtlichkeit. Endlich wollte er sich ihr nähern, als sie auf einmal sich zu bewegen und zu verändern anfing; die Blätter wurden glänzender und schmiegten sich an den wachsenden Stengel, die Blume neigte sich nach ihm zu, und die Blüthenblätter zeigten einen blauen ausgebreiteten Kragen, in welchem ein zartes Gesicht schwebte. Sein süßes Staunen wuchs mit der sonderbaren Verwandlung, als ihn plötzlich die Stimme seiner Mutter weckte, und er sich in der elterlichen Stube fand, die schon die Morgensonne vergoldete.

Halten wir fest: Der romantisch verträumte Jüngling Heinrich erfährt in der Exposition unvermittelt durch einen nicht näher bezeichneten Fremden — vielleicht dem erst später auftretenden Klingsohr — von einer blauen Blume, die gleichfalls nicht genauer denn „lichtblau“ und impilzit von auffallender Schönheit beschrieben wird. Gegen Ende desselben ersten Kapitels tritt zutage, dass auch Heinrichs Vater einst von einer Blume geträumt hat, sich aber nicht an deren Farbe und sonstige Beschaffenheit erinnert:

Ach! liebster Vater, sagt mir doch, welche Farbe sie hatte, rief der Sohn mit heftiger Bewegung.

Das entsinne ich mich nicht mehr, so genau ich mir auch sonst alles eingeprägt habe.

War sie nicht blau?

Es kann seyn, fuhr der Alte fort, ohne auf Heinrichs seltsame Heftigkeit Achtung zu geben. Soviel weiß ich nur noch, daß mir ganz unaussprechlich zu Muthe war, und ich mich lange nicht nach meinem Begleiter umsah. Wie ich mich endlich zu ihm wandte, bemerkte ich, daß er mich aufmerksam betrachtete und mir mit inniger Freude zulächelte. Auf welche Art ich von diesem Orte wegkam, erinnere ich mir nicht mehr. Ich war wieder oben auf dem Berge. Mein Begleiter stand bey mir, und sagte: du hast das Wunder der Welt gesehn. Es steht bey dir, das glücklichste Wesen auf der Welt und noch über das ein berühmter Mann zu werden. Nimm wohl in Acht, was ich dir sage: wenn du am Tage Johannis gegen Abend wieder hieher kommst, und Gott herzlich um das Verständniß dieses Traumes bittest, so wird dir das höchste irdische Loos zu Theil werden; dann gieb nur acht, auf ein blaues Blümchen, was du hier oben finden wirst, brich es ab, und überlaß dich dann demüthig der himmlischen Führung. Ich war darauf im Traume unter den herrlichsten Gestalten und Menschen, und unendliche Zeiten gaukelten mit mannichfaltigen Veränderungen vor meinen Augen vorüber. Wie gelöst war meine Zunge, und was ich sprach, klang wie Musik. Darauf ward alles wieder dunkel und eng und gewöhnlich; ich sah deine Mutter mit freundlichem, verschämten Blick vor mir; sie hielt ein glänzendes Kind in den Armen, und reichte mir es hin, als auf einmal das Kind zusehends wuchs, immer heller und glänzender ward, und sich endlich mit blendendweißen Flügeln über uns erhob, uns beyde in seinen Arm nahm, und so hoch mit uns flog, daß die Erde nur wie eine goldene Schüssel mit dem saubersten Schnitzwerk aussah. Dann erinnere ich mir nur, daß wieder jene Blume und der Berg und der Greis vorkamen; aber ich erwachte bald darauf und fühlte mich von heftiger Liebe bewegt. Ich nahm Abschied von meinem gastfreyen Wirth, der mich bat, ihn oft wieder zu besuchen, was ich ihm zusagte, und auch Wort gehalten haben würde, wenn ich nicht bald darauf Rom verlassen hätte, und ungestüm nach Augsburg gereist wäre.

Der Verlust, ja die Missachtung der Erinnerung an die blaue Blume macht den Vater zu einem Vertreter der Klassik, die jener Romantik voranging, für deren Werte die Blume steht, jedenfalls zu einem nüchternen, strebsamen, der Welt zugewandten, nicht eben schlechten, aber doch prosaischen Menschen.

Ohne die eine oder andere Epoche auf- oder abzuwerten, habe ich es immer für einen Verlust in der Auslegung und Bewertung beider unbestreitbar wichtigen Epochen gehalten, dass niemand weiß: von was für einer Blume Novalis eigentlich redet, die er vielleicht aus einer „Volkssage, lange vor der Romantik“ oder vielleicht aus einem Bild seines Freundes Friedrich Schwedenstein herleiten mag — oder vielleicht auch nicht.

Am 2. Juni 2019 habe ich mich in dieser Angelegenheit an die Mitglieder der Facebook-Gruppe Deutsche Romantik gewandt, wo ich einige Experten für solche Belange vermutete:

Mal eine Frage, die geradezu in die Substanz der deutschen Romantik lappt: Was ist eigentlich die Blaue Blume für eine Blume?

Cicely Mary Barker, The Heliotrope Fairy, 1923, 1944Das klingt so trivial — aber was genau sollte man sich darunter bildlich vorstellen? In Wikipedia finde ich: „Als reale Vorbilder der blauen Blume werden oft heimische Pflanzen angesehen, in Mitteleuropa etwa die Kornblume oder die Wegwarte; Novalis spricht vom blauen Heliotrop.“

Und zwar finde ich das ausschließlich in Wikipedia. Deshalb hab ich mir die Mühe gemacht nachzuschauen, seit wann diese Zuschreibung des Heliotrops kursiert: Eingeführt hat das erst unter der alten Version ein Nutzer namens NikePelera am 7. Januar 2010 um 14:01 Uhr — verbessert aus seiner eigenen, genau 2 Minuten älteren Version mit dem noch nicht verlinkten „Heliothrop“.

Man wird also seit Anfang 2010 an den Heliotrop als Blaue Blume glauben, was man auch öfter so verbreitet findet. Allerdings beziehen sich nach meiner Einschätzung sämtliche Stellen, genannt oder ungenannt, auf diese Wikipedia-Erklärung von einem Nutzer, der nicht erreichbar ist. Das Wikipedia-Bild dazu zeigt eine Kornblume mit der unbelegten Vermutung in unbegründetem Konjunktiv: „Die Kornblume könnte Vorbild für das Symbol gewesen sein“.

Ohne dem unbekannt bleibenden NikePelera zu nahe treten zu wollen, finde ich das in dieser Verbindung wenig glaubwürdig. Dass Novalis von einem Heliotrop, von mir aus auch von der Sonnenwende (Heliotropium) spricht, stelle ich weder in meiner Gesamtausgabe noch irgendwo online fest — abgesehen davon, dass es laut dem Ofterdingen „eine hohe lichtblaue Blume“ sein soll, was ich aus der Zeit und der Stilebene als „hellblau“ übersetzen möchte, und Sonnenwenden eher dunkelblau gedeihen — allerdings auf heutigem Stand der Botanik: „Sowohl krautige Pflanzen, Halbsträucher als auch Bäume kommen vor“, sagt wiederum Wikipedia über die „rund 250 Arten“, was durchaus als „hohe“ Pflanze durchgehen kann, und na gut, dann kannte Novalis vielleicht ja auch hellblaue.

Und dann doch wieder: „Die Blüthenblätter zeigten einen blauen ausgebreiteten Kragen, in welchem ein zartes Gesicht schwebte“ — wohingegen Sonnenwenden nicht breit, sondern mit doldenähnlichem Blütenstand blühen.

Kurz gesagt bin ich also unglücklich mit der Vorstellung der Blauen Blume als Heliotrop, weil ich mir das weder bildlich vorstellen noch aus der Primär- oder Sekundärliiteratur herleiten kann. Eine bessere Lösung weiß ich auch nicht.

Kann hier jemand sagen, ob ich was übersehen hab oder was denn die Blaue Blume sonst sein könnte?

Darauf erhielt ich noch am selben Tag die Antwort vom Gruppen-Administrator Michael D. Schmid:

Ja, an dem Artikel habe ich auch schon rumgebastelt. :) Zur botanischen Deutung der blauen Blume: Ich persönlich würde die Ansicht vertreten, dass eine allzu einengende Definition der träumerisch-rauschhaften Traumerzählung Heinrichs etwas zuwider läuft. Die Passage appelliert doch an die assoziative Phantasie, und das Symbol der blauen Blume als Inbegriff der Sehnsucht muss sich einer aufklärerisch-wissenschaftlichen Vermessung (Vermessung = Vermessenheit?) entziehen. Oder mit Novalis gesprochen: „Die Aussenwelt ist die Schattenwelt, sie wirft ihren Schatten in das Lichtreich.“ Ich für meinen Teil kann und will die Blaue Blume nicht erkennen, nur erahnen.

Das trug Herrn Schmid fünf Likes und ein „So ist es!“ ein, die wir ihm herzlich vergönnen wollen, allerdings auf seine durchdachte, engagierte und unbestreitbar wahre Antwort, die mir dennoch nicht genügen wollte:

Das gibt Sinn und entspricht wohl auch dem romantischen Geiste :) Ich würde die Blume gern auch benennen wollen. Der Heliotrop scheint mir dann doch aus der Luft gegriffen — und deshalb an einer Stelle, die so ziemlich jeder Interessierte als erstes ansteuern wird, zu vermeiden. Schon klar, Wiki-Artikel verbessern kann jeder, ich selber sogar unter registriertem Nutzernamen; da überlege ich gerade, ob das ersatzlos zu streichen ist, oder wodurch man’s denn verbessern sollte…

Bei meiner Unzufriedenheit mit der Forschung, ja Verderbtheit des allgemeinen Wissensstandes, ist es bis auf weiteres geblieben. Noch fünf Wochen danach wurde mein Facebook-Thread nach oben geholt durch den nicht vollends geistlosen Kalauer anderer Hand:

Ganz einfach: Es handelt sich um eine blûme in pla-tôn.

Ein konstruktiver Versuch wurde noch unternommen durch den ergänzenden Einwurf:

ich würde sagen, gustav mahler hat wie kein anderer die suche nach der blauen blume in musik umgesetzt, zumindest in seinen wunderhorn-symphonien 1-4.

Das war’s. Im übrigen sind wir geworfen auf Ricarda Huch: Die Romantik. Ausbreitung, Blütezeit und Verfall Blütezeit der Romantik: Erstdruck: Leipzig, Haessel, 1899. Ausbreitung und Verfall der Romantik: Erstdruck: ebenda, 1902.

Die blaue Blume ist aber das, was jeder sucht, ohne es selbst zu wissen, nenne man es nun Gott, Ewigkeit oder Liebe.

Ja, genau:

Nenn’s Glück! Herz! Liebe! Gott!
Ich habe keinen Nahmen
Dafür! Gefühl ist alles;
Name ist Schall und Rauch,
Umnebelnd Himmelsgluth.

Bild: Cicely Mary Barker: The Heliotrope Fairy, aus: Flower Fairies of the Garden; Blackie, 1944:

Heliotrope’s my name; and why
People call me „Cherry Pie“,
That I really do not know;
But perhaps they call me so,
’Cause I give them such a treat,
Just like something nice to eat.
For my scent—O come and smell it!

How can words describe or tell it?
And my buds and flowers, see,
Soft and rich and velvety—
Deepest purple first, that fades
To the palest lilac shades.
Well-beloved, I know, am I—
Heliotrope, or Cherry Pie!

Soundtrack: wie auf Facebook empfohlen, Gustav Mahler: 4. Sinfonie in G-Dur, 1901,
unter Leonard Bernstein, Mai 1972 im Wiener Musikvereinssaal; Sopran: Edith Mathis:

Bonus Track: Mazzy Star: Blue Flower, aus: She Hangs Brightly, 1990, live 9. Juli 1994:

Written by Wolf

13. November 2020 at 00:01

Blumenstück 006 Sie weinten nicht, sie klagten nicht, sie starben sonder Laut

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Update zum Wunderblatt 11: Die blühenden Narkosen und
Ein alter Moortopf, der auf seinem eigenen Herd sitzt und sich selbst kocht:

Wer sich Schnittblumen in die Wohnung stellt, kann tagelang dem Tod bei der Arbeit zuschauen. Soviel zur Romantik von Blumensträußen.

Eins der traurigsten Gedichte der Freifrau von Droste zu Hülshoff, vulgo Frau Nette, handelt von so einer vorzeitigen Folter zum Tode. Die Umstände, unter denen der Strauß am Hof zu Bökendorf gepflückt wurde, sind komplizierter als das heutige Vorsprechen in einem Blumenladen, vielmehr eingebunden ins nachmals so bezeichnete Arnswaldt-Straube-Erlebnis — eine verwickelte Liebesaffäre der Droste mit August von Arnswaldt und Heinrich Straube, deren genauerer Verlauf sich bei fortbestehender Forschungslage der Rekonstruktion entziehen wird.

Drostes Entwurf lässt sich aufgrund eines Stammbucheintrags ihrer Tante Sophie vom Haxthausen auf Juni 1820 datieren, von der die Situation beschrieben wird:

Im Juny 1820 als Nette auf dem Hof in Bökendorf mit Anna unter der Akazie saß und einen Blumenstrauß, den ihr Anna gebracht, zerrissen.

Anna ist Drostes andere, vier Jahre jüngere und eng vertraute Tante Anna von Haxthausen, die sich ihrerseits in ihrem Stammbuch erinnert:

Wir saßen auf einer Bank, auf dem Hof unter der Linde die Ludowine gepflanzt, und sie zerpflückte einen Blumenstrauß, den ich ihr gebracht; nach einem ernsten Gespräch, das wir führten, diktierte sie mir das Gedicht, was ich in eine Brieftasche schrieb.

Anna pflückt also den Strauß, schenkt ihn Annette, dieselbe zerpflückt ihn. Es folgt ein ernstes Gespräch. Eine Auseinandersetzung unter adligen jungen Fräulein, die sich vermutlich um adlige junge Männlein dreht. So genau will man’s am Ende gar nicht wissen.

Die üblich gewordene Überschrift Blumentod hat die große Schwester „Hans“, eigentlich Jenny, in den Entwurf dazugeschrieben. In der rohen, nur leicht modernisierten Fassung mit ganz wenigen Satzzeichen, in der die Haxthausen das Diktat der Droste aufgenommen haben muss, und wie sie der Deutsche Klassiker Verlag in den Sämtlichen Werken bringt, wirkt das Gedicht aber erst richtig verzweifelt und archaisch.

——— Annette von Droste-Hülshoff:

Blumentod

Schloss Bökerhof, Juni 1820:

John William Waterhouse, Narcissus, 1912Wie sind meine Finger so grün
Blumen hab ich zerrissen
Sie wollten für mich blühn
Und haben sterben müssen
Wie neigten sie um mein Angesicht
Wie fromme schüchterne Lieder
Ich war in Gedanken, ich achtets nicht
Und bog sie zu mir nieder
Zerriß die lieben Glieder
In sorgenlosem Mut
Da floß ihr grünes Blut
Um meine Finger nieder
Sie weinten nicht, sie klagten nicht,
Sie starben sonder Laut
Nur dunkel ward ihr Angesicht
Wie wenn der Himmel graut
Sie konnten mirs nicht ersparen
Sonst hätten sies wohl getan, —
Wohin bin ich gefahren!
In trüben Sinnens Wahn!
O töricht Kinderspiel!
O schuldlos Blutvergießen!
Und gleichts dem Leben viel,
Laßt mich die Augen schließen,
Denn was geschehn ist, ist geschehn
Und wer kann für die Zukunft stehn!

Schloss Bökerhof bei Brakel im nordrhein-westfälischen Landkreis Höxter ist heute Gedenkstätte für den Bökendorfer Romantikerkreis mit Literaturmuseum, mithin eine touristische Unternehmung wert. Wer mir durch Bild und/oder lebende — also nicht etwa sinnlos ausgerupfte — Präparate schlüssig nachweisen kann, aus welchen Pflanzenarten anno 1820 ein Blumenstrauß von unter Ludowinens Linde bestanden haben mag, gewinnt was richtig Schönes. Ein Buch, wie ich mich einschätze.

Bild: John William Waterhouse: Narcissus, 1912.

Soundtrack: John Mayall: Don’t Pick a Flower, aus: Empty Rooms, 1970:

Written by Wolf

9. Oktober 2020 at 00:01

Unvernünftige Rede übers unwiederbringlich Verlorene

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Update zu Dieses treffliche Märchen vom Schmidt
und Адвент 1: Über Nacht bin ich tot:

Unter den rhetorischen Strategemen, um eine Diskussion zu gewinnen, ist die Zustimmung, die sogleich den gegenteiligen Schluss aus dem Argument des Diskussionsgegners zieht, das vornehmste. Im Märchen beherrschen sogar Tiere diesen Salto — mit der Extradrehung, dem gegnerischen Argument zuvorzukommen. Jedenfalls im ukrainischen Märchen (empfohlene Quelle: Ukrajinska Prawda). Und wer mir glaubwürdig sagen kann, wie dieser spezielle argumentative Kunstgriff beim Fachausdruck heißt, gewinnt ein Buch von mir. Ein schönes.

Irmhild und Hilmar Proft, Die Nachtigall, Mimi Barillot, Hrsg., Die Sonnenrose. Ukrainische Märchen, 1966Mir fällt immer schwer, Märchen aus eigenem fachlichen Ermessen nach dem Aarne-Thompson-Uther-Index einzuteilen, vor allem wenn Tiere (ATU 1–299), übernatürliches Können oder Wissen (650–699), schwankhafte Geschehnisse (ATU 1200–1963), ein überraschender Zugewinn an Weisheit, der auch ein Übertölpeln des vermeintlich Stärkeren sein könnte, und bestimmt noch einiges, das sich allzu leicht übersieht, auf so engem Raum zusammenkommen. Die Nachtigall aus dem gleichnamigen Märchen kann jedenfalls alles davon.

Gegen die dahingegangene DDR ist mancherlei vorzubringen, aber die Märchenbücher dieses Landes, denen gleich mehrere volkseigene Betriebe des Buchgewerbes und nicht wenige international wirksame Erzähler, Übersetzer und Illustratoren oblagen, sind bis heute unübertroffen schön. Soviel weiß man.

Die Sonnenrose mit den ukrainischen Märchen, aus der ich unten zitiere, war nie in meinem Besitz. Im Gegenteil musste ich letzthin einen ganzen Stoß solcher großformatigen Märchenziegel aus meiner Kindheit, die mir meine Verwandtschaft „von drüben“ einstmals im Austausch gegen Bohnenkaffee, Bananen und Strumpfhosen geschenkt hat, in gute Hände weiterreichen, solange die Leute noch ein Regalmeterchen für dergleichen übrig haben. Die russischen hab ich behalten. Die Sonnenrose, lauten meine Einkaufspläne, darf ich erst anschaffen, wenn noch ein Buch nicht unter DIN A4 aussortiert ist. Es eilt also mit dem Fachausdruck für den argumentativen Kunstgriff.

——— Mimi Barillot, Hrsg.:

Die Nachtigall

aus: Die Sonnenrose. Ukrainische Märchen. Mit Illustrationen von Irmhild und Hilmar Proft,
Verlag Kultur und Fortschritt Berlin, 1966 u. ö.,
aus dem Ukrainischen von Lieselotte Remané, Seite 108:

Irmhild und Hilmar Proft, Die Nachtigall, Mimi Barillot, Hrsg., Die Sonnenrose. Ukrainische Märchen, 1966

Ein Pan fing eine Nachtigall, die wollte er in einen Käfig sperren.

„Wenn du mich freiläßt“, sagte da die Nachtigall, „will ich dir zwei gute Ratschläge geben, vielleicht können sie dir nützen.<"

Der Pan versprach, sie freizulassen.

Ihr erster Rat lautete: Trauere niemals dem unwiederbringlich Verlorenen nach!

Und der zweite war: Glaube keiner unvernünftigen Rede!

Als der Pan diese Ratschläge vernommen hatte, ließ er die Nachtigall frei. Sie flog auf und sagte: „Schlecht hast du daran getan, mich freizulassen. Wenn du wüßtest, welch einen Schatz ich besitze! Eine herrliche riesengroße Perle trage ich in mir. Hättest du die erworben, so wärst du noch reicher geworden.“

Das hörte der Pan und trauerte dem unwiederbringlich Verlorenen nach. Er hüpfte in die Höhe, um die Nachtigall zu fangen.

Da sprach sie: „Jetzt weiß ich, Pan, du bist ebenso habgierig wie dumm: Dem unwiederbringlich Verlorenen trauerst du nach und glaubtest meiner unvernünftigen Rede! Sieh doch, wie klein ich bin. Wie sollte denn eine riesengroße Perle in mir Platz finden!“

Sprach’s und flog davon.

Irmhild und Hilmar Proft, Die Nachtigall, Mimi Barillot, Hrsg., Die Sonnenrose. Ukrainische Märchen, 1966

Bilder: Irmhild und Hilmar Proft, aus: Mimi Barillot, Hrsg.: Die Sonnenrose. Ukrainische Märchen,
Verlag Kultur und Fortschritt, Ost-Berlin 1966 u. ö.; verwendete antiquarische Angebote:

  1. liberantiquus, 25. März 2020;
  2. kulpet, 15. November 2019;
  3. piemonteser, 1. Januar 2020.

Soundtrack: Тік: Люби ти Україну!, 2013:

Written by Wolf

4. September 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Das Tier & wir, Romantik

Der Sommer ohne Freischütz

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Update zu Grabesdunstwitterlich,
Gespräch mit einem frischerstandenen Vampyren (was niemand hören wollte),
The admirable symmetry of her person
und I wish you were dead, my dear:

I had a dream, which was not all a dream.
The bright sun was extinguish’d, and the stars
Did wander darkling in the eternal space,
Rayless, and pathless, and the icy earth
Swung blind and blackening in the moonless air;
Morn came and went—and came, and brought no day.

Lord Byron: Darkness, 1816.

Auf diese Weise kommt man doch endlich noch zu einem Book on Demand — weil mir nur zwei Plattformpublikationen aus der ganzen Publikationsplattform auffallen, die Sinn ergeben.

Gespensterbuch Titelseite 1810Nun will ich aus dem Internet keinen bestimmten Matthias Wagner fischen müssen, um ihn zu verlinken. Einer aber dieses Namens hat nicht weniger geschafft als eine schmerzlich klaffende Lücke im Buchhandel zu schließen, für die eigentlich der Insel-Verlag zuständig gewesen wäre. Dafür kann man ihn gar nicht genug loben und preisen, ihm danken und seine zwei Books on Demand abkaufen — die werden, wie der Name sagt, erst auf Anfrage gedruckt und tauchen deshalb nie antiquarisch oder — was im Falle gleichbleibender 22,90 bzw. 18,90 Euro wenig schreckt — verbilligt auf. Bei ebenjenen Books on Demand hat Matthias Wagner sich herbeigelassen, das Gespensterbuch und das Wunderbuch von Apel und Laun, eine insgesamt siebenbändige Reihe zwischen 1810 (sic!) und 1818, erstmals vollständig in zwei benutzbaren Bänden herauszugeben. Bei Insel gibt es eine tröstliche Auswahl und bei de Gruyter ein unverständlich teures Faksimile, aber es musste erst ein Herr Wagner kommen, alles selber machen, auf ein von zitierfähiger Seite anerkanntes Lektorat verzichten und in postmoderner Eigenausbeutung auf eigene Kosten self-publishen. Das mit dem Lektorat schmerzt mich berufsbedingt persönlich, aber wir reden über das Einrichten eines nicht vollends veschütteten Textkorpus, das es historisch einzuordnen galt.

Matthias Wagners selbstverlegerische Arbeit wirkt hierin vertrauenswürdig, weil er ein eigenes Nachwort stiftet, das ich ungekürzt und um die nötigen Verlinkungen erweitert übernehmen kann: Besser kann ich’s auch nicht sagen, und man erfährt nebenher alles, was man aus dem Jahr ohne Sommer 1816 für literaturhistorische Belange behalten sollte. An dieser Stelle mal wieder special thanks an Hank Nagler für den einschlägigen einschlagenden Hinweis.

Die ansonsten immer an erste Stelle gerückte literarische Bedeutung des Gespensterbuchs erwähnt Wagner gar nicht erst: Die einleitende Geschichte Der Freischütz war 1821 die Vorlage für die gleichnamige Oper von Weber. Der ausgewiesene Autor weist sie im Untertitel als „Eine Volkssage“ aus. Die interessantere Frage ist daher: Woher bezog wiederum Apel seinen ach so originären Urstoff zur deutschesten aller Opern?

Die von Wagner erwähnte französische Auswahlübersetzung ist Fantasmagoriana 1812 von Apel, Laun, Heinrich Clauren und dem Volksmärchen-Musäus (übrigens mit seiner schon behandelten Stummen Liebe) 1816, auf Französisch herausgegeben von Jean-Baptiste Benoît Eyriès, danach ebenfalls ungedruckt bis 2017 und erst dann in den deutschen Originalen als „Geisterbarbiere, Totenbräute und mordende Porträts“ beim Berliner Ripperger und Kremers Verlag.

Die interessantere Frage ist daher: Die englische — seinerzeit anonyme — Auswahlübersetzung Tales of the Dead 1813 konnte den schauerromantisierenden Helden der Villa Dioadati im sommerlosen Jahr 1816 schon vorliegen. Insinuiert wird an mehreren Stellen, sie hätten die Inspiration zu ihrem folgenreichen Schreibwettbewerb aus den frranzösischen Fantasmagoriana gezogen, wobei nahe liegt, dass in einer Villa bei Cologny am Genfersee im französischsprachigen Kanton Genf ein französisches Buch vorrätig herumliegt. Beherrschten aber wirklich alle Beteiligten — Engländer allesamt — gut genug die Fremdsprache, um sich unter dem ausgiebigen Einfluss von Laudanum, der in den Berichten darüber nie verschwiegen wird, zu solchen auch intellektuellen Höchstleistungen beflügeln zu lassen? Forschungsauftrag an mich selbst und alle anderen, die sich an dergleichen aufspulen: Ich würde gern mal das Exemplar der Fantasmagoriana oder der Tales of the Dead sehen, in dem diese Kommune auf Zeit geblättert haben muss.

In keiner der beiden zeitgenössischen Auswahlen kommt eine Übersetzung der Freischütz-Volkssage vor; am frankophonen Genfersee mussten die Engländer ohne Vorlage zum nachträglichen Soundtrack der deutschen Romantik auskommen. Die interessantere Frage ist daher, auf welchen Wegen — als prominentes Beispiel aus dem jüngeren Musikschaffen — Tom Waits und William S. Burroughs 1990 auf ihre „musical fable“ The Black Rider: The Casting of the Magic Bullets geraten und sie im hanseatisch weltoffenen, aber grunddeutschen Thalia-Theater zu Hamburg uraufführen konnten.

——— Matthias Wagner:

Nachwort.

2017, zu: Johann August Apel & Friedrich Laun: Gespensterbuch, J. G. Göschen, Leipzig 1811–1815.
Vollständige Ausgabe, Books on Demand 2017, Seite 569 f.:

Das Gespensterbuch der beiden Literaten Johann August Apel und Friedrich Laun, ursprünglich in fünf Einzelbänden zwischen den Jahren 1811 und 1815 erschienen, war die bekannteste Sammlung deutscher Schauergeschichten der Romantik.

Ihr damaliger Bekanntheitsgrad war so groß. daß sich bald Teilübersetzungen ins Englische und Französische fanden.

Die französische Übersetzung mit dem Titel: Fantasmagoriana, ou Recueil d’histoires d’apparitions de spectres, revenans, fantômes, etc., traduit de l’allemand par un amateur, Paris 1812 von Jean-Baptiste Benoît Eyriès, erlangte im Sommer 1816 Berühmtheit, als Lord Byron, sein Leibarzt John William Polidori, Mary Wollstonecraft Shelley und ihr Mann Percy Bysshe Shelley [Anmerkung: Die Gesellschaft umfasste auch die Initiatorin der Reise, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Claire_Clairmont&quot; target="_blank" title=Wikipedia"Claire Clairmont.] nach ihrer Lektüre den Entschluß faßten, eigene Schauergeschichten zu erfinden. Polidori verfaßte The Vampyre, eine kurze Novelle, welche lange Zeit Lord Byron zugeschrieben wurde. The Vampyre ist die erste literarische Verarbeitung der Sagengestalt des Vampirs in Prosaform und verändert diese so, daß daraus der diabolische Adlige mit unstillbarem Blutdurst wurde. Die Arbeiten Byrons und Percy Shelleys blieben nur Fragmente, doch Mary Shelley earbeitete ihren größten Erfolg und einen der bekanntesten Schauerromane der Weltliteratur: Frankenstein, or The Modern Prometheus, der im Jahre 1818 in erster Auflage erschien.

Das Gespensterbuch erhielt in den Jahren zwischen 1815 und 1817 einen mehrbändigen Nachfolger unter dem Titel Wunderbuch. Die Geschichten knüpfen an diejenigen des Gespensterbuches an, sind teilweise aber unter die religiös-legendenhafte Literatur zu rechnen.

Johann August Apel verstarb unvorhergesehen im Jahre 1816. Der letzte Band des Wunderbuchs erschien 1817, unter Mitherausgabe von Friedrich de la Motte Fouqué, die Reihe wurde danach nicht mehr weitergeführt.

Eine englische Teilübersetzung des Gespensterbuchs erschien unter dem Titel: Tales of the Dead, London 1813 unter der Herausgabe Sarah Elizabeth Uttersons.

Cover Apel, Die Bilder der Ahnen, HörspielSowohl die französische als auch die englische Übersetzung enthielten eine Erzählung Johann August Apels, welche eigentlich nicht im Gespensterbuch enthalten war, durch diese Übersetzungen aber immer wieder damit in Verbidung gebracht und fälschlicherweise dazugerechnet wird: Die Bilder der Ahnen. Diese Geschichte erschien in einem Sammelband mit Kurzgeschichten J. A. Apels aus dem Jahre 1810 mit dem Titel: Cicaden, ein Jahr vor Veröffentlichung des ersten Bandes des Gespensterbuchs. Da dieses schöne Stück aber immer wieder mit dem großen Werk Apels und Launs in Verbindung gebracht wird, hielt ich es für angemessen, es als einen Anhang zum Gespensterbuch beizufügen.

Des Weiteren wird in der Geschichte Die schwarze Kammer, von Hauptprotagonisten einer Erzählung aus dem Journal Der Freimüthige gedacht, nämlich: Die graue Stube von Heinrich Clauren. Es handelt sich dabei praktisch um eine Zwillingsgeschichte zur Schwarzen Kammer des Gespensterbuchs und soll der Vollständigkeit halber hier auch mitaufgenommen werden.

Nun liegt mit dieser Edition zum ersten Mal seit 200 Jahren wieder eine schonend überarbeitete Komplettausgabe des Gespensterbuchs vor, und ich hoffe, daß sich heute wieder so wie damals viele Leser finden, die sich von seinem Inhalt verzaubern lassen.

Der Herausgeber.

Gespensterbuch Titelkupfer

Bilder: Gespensterbuch: Titelseite, via Staatsbibliothek zu Berlin;
Johann August Apel: Die Bilder der Ahnen, Cover zum Hörbuch, via Thomas Rippert,
Schnorr von Carolsfeld: Titelkupfer 1810, via LeastCommonAncestor, 2010.

Soundtrack: Carl Maria von Weber: Wir winden dir den Jungfernkranz, aus: Der Freischütz, 1821,
unter Carlos Kleiber, 1972 in der Dresdner Lukaskirche („Nutzung des Ortes für national und international bekannte Musikaufnahmen“). Die ist bis heute von keiner Referenzaufnahme abgelöst worden:

Bonus Track: Tom Waits/Willam S. Burroughs: Crossroads, aus: The Black Rider, Albumversion 1993:

Written by Wolf

7. August 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Romantik

Eichendorffs Märchen

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Update zu Süßer Freund, das bißchen Totsein hat ja nichts zu bedeuten
und Da ist schwäb’scher Dichter Schule, und ihr Meister heißt – Natur!:

Sosehr man populärer Weise dazu neigen mag, ihn mit der Epoche der deutschen Romantik höchstselbst gleichzusetzen, so wenig ist bekannt, dass der adlige Joseph von Eichendorff zu einer studentischen Künstlerclique gehörte, die ihren Ehrgeiz nicht zuletzt darein setzte, bestehende Kunstwerke „im Volkston“ zu sammeln und sie als Naturerscheinungen zu würdigen: Musäus die Volksmährchen der Deutschen in fünf Bänden 1782 bis 1787; Clemens Brentano und Achim von Arnim Des Knaben Wunderhorn 1805 bis 1808; Eichendorffs Lehrer Joseph Görres Die teutschen Volksbücher 1807; Jacob und Wilhelm Grimm Kinder- und Hausmärchen 1812 bis 1858; Ernst Moritz Arndt und Ludwig Bechstein Märchen in der Nachfolge der Brüder Grimm; die Aufzählung ist bei weitem nicht vollständig.

Eichendorff hat seinen Versuch nach sieben Exemplaren abgebrochen. Sein Enkel und Nachlassverwalter Karl hat die „meist dem Volksmunde abgelauschte[n] Sagen und Märchen aus Oberschlesien“ als Märchen aus dem Nachlasse Joseph Freiherrn von Eichendorff auf 1808 bis 1809 datiert. Der Erstdruck geschah deshalb unter Karls Obhut als: Märchen. Von Joseph Freiherr von Eichendorff. Aus dem Nachlaß erstmals veröffentlicht von Karl Freiherr von Eichendorff, in: Der Wächter. Zeitschrift für alle Zweige der Kultur 8, Köln, erst 1925, Seite 10 bis 20. Offenbar hat der aufzeichnende Großvater Joseph die Märchen, die ihm in einem Dialekt erzählt wurden, der Schlonsakisch oder — wegen der rechten Seite der Oder bei Brieg, heute Brzeg — Wasserpolnisch heißt, gleich im selben Arbeitszug ins Hochdeutsche übersetzt und dabei — so der herausgebende Enkel Karl — „mit einer stellenweise geradezu verblüffenden Sorglosigkeit zu Papier gebracht.“ Das wäre damit von der Arbeitsweise etwa der Brüder Grimm prägnant unterschieden, aber für heutige Belange unerheblich, weil man mit der Sammlung eher die Arbeit Eichendorffs als die wasserpolnische Mythologie dokumentieren will.

Der erste Neudruck stammt von Albrecht Schau: Eichendorffs oberschlesische Märchen- und Sagensammlung, in: Aurora. Jahrbuch der Eichendorffgesellschaft 30/31, 1970/1971, Seite 57 bis 72. Der traditionell schlesische, heute Görlitzer Bergstadtverlag Wilhelm Gottlieb Korn gab 2001 offenbar aus heimatpflegerischen Absichten eine Einzelausgabe als In freudenreichem Schalle: Eine Sammlung oberschlesischer Märchen heraus; offenbar kommentiert, weil das Büchlein immerhin 79 Seiten haben soll.

Unten wird zitiert nach dem heute zugänglichsten Druck in: Joseph von Eichendorff: Ahnung und Gegenwart. Sämtliche Erzählungen I, in: Werke in sechs Bänden, Band 2, herausgegebn von Wolfgang Frühwald und Brigitte Schillbach, Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1985, als Taschenbuch Band 18 bei Suhrkamp 2007. Die Überschriften stammen nicht von Eichendorff, sondern laut dieser Ausgabe erst von Albrecht Schau für seinen Nachdruck 1970.

——— Joseph von Eichendorff:

Märchen

1808 bis 1809:

1. Das Märchen von der schönen Crassna, der wunderbaren Rose und dem Ungeheuer

In einer Stadt wohnte ein reicher Kaufmann. Der hatte ein prächtiges Haus, ein Vorwerk und zwei sehr schöne Töchter. Die älteste war stolz und übermütig, die jüngste aber, die alles an Schönheit übertraf, war gut und hieß Craßna. Eines Tages verlor der Kaufmann sein ganzes Vermögen, denn seine Schiffe waren in einem Sturme auf dem Meere mit allen Waren untergegangen. Da ward er sehr betrübt, stieg auf sein Pferd und wollte in die Welt reisen, um wieder etwas zu gewinnen. Wie er wegritt, sagte die älteste Tochter, er solle ihr ein schönes Kleid, Perlen und Edelgesteine einkaufen, Craßna aber bat, er möge ihr nur eine schöne Rose mitbringen. Als er nun in fremden Landen war, kam er einstmals zu einem großen, schönen Schloß. Er band sein Pferd am Tore an und ging hinein. Aber da war alles still und kein Mensch zeigte sich. Endlich ging er in ein Zimmer, das sehr schön verziert war. Darin standen Stühle, ein Tisch und ein Bett. In einem Augenblick war der Tisch gedeckt und mit Wein und köstlichen Speisen besetzt, ohne daß man jemand sah oder hörte. Er aß und trank und ging darauf im Garten spazieren, der neben dem Schlosse lag und voll der schönsten Blumen stand. Als er eben auch das Abendessen verzehrt hatte, trat plötzlich ein schreckliches Ungeheuer in die Stube, das aber nichts sprach und sogleich wieder verschwand. So lebte der Kaufmann drei Tage lang ganz allein in dem Schlosse, der Tisch deckte sich immer wieder von selbst, das Ungeheuer aber zeigte sich nicht mehr. Den dritten Tag endlich machte er sich wieder auf die Reise. Er war aber noch nicht weit gekommen als ihm einfiel, daß ihn seine Tochter Craßna um eine Rose gebeten wie er sie im Garten bei jenem Schlosse gesehen hatte. Er kehrte also schnell wieder um, stieg ab und ging in den Garten hinein. Als er aber eben die schönste Rose abgebrochen hatte, stand auf einmal das Ungeheuer vor ihm, brüllte fürchterlich und sagte er müsse nunmehr für die Rose seine Tochter Craßna auf das Schloß bringen. Da kam der Kaufmann sehr betrübt wieder nach Hause, gab seiner Tochter die Rose, erzählte wie es ihm ergangen und wie er dem Ungeheuer habe versprechen müssen, sie auf das Schloß zu bringen. Alles war sehr traurig, Craßna aber, welche befürchtete, daß viel Übel daraus entstehen würde, wenn sie nicht gehorchte, willigte ein. Der Vater brachte sie selber auf das Schloß und ließ sie dort mit vielen Tränen allein zurück. Sie fand dort reichlich zu essen und zu trinken und alles was ihr Herz nur wünschte. Das Ungeheuer besuchte sie alle Tage einmal auf kurze Zeit, ohne ein Wort zu sprechen. Nach geraumer Frist kam das Ungeheuer einmal zu ihr, gab ihr einen Ring und sagte: „Meine schöne Craßnal Behalte diesen Ring stets am Finger und wenn du an irgend einen Ort der Welt denkst, wo du gerne sein möchtest, so brauchst du nur den Ring nach jener Gegend hinzuwenden und er wird dich sogleich, samt einem Koffer mit so viel Gold, als du nur wünschest, dorthin versetzen. Aber hüte dich, so lange du an dem betreffenden Orte weilst, in den Koffer hineinzusehen. Auch darfst du niemals über drei Tage ausbleiben, sonst muß ich sterben.“ Craßna war über dies alles sehr vergnügt. Sie wünschte sehnlichst ihren Vater und ihre Schwester wiederzusehen, richtete ihren Ring dorthin und befand sich sogleich inmitten der Ihrigen. Unbeschreiblich war die Freude, die alle hatten, die geliebte Craßna wiederzusehen, zumal als sie den Koffer bemerkten, den sie mitgebracht hatte. Sie konnte sich nicht enthalten letzteren zu öffnen, um zu sehen, was er eigentlich enthielt, kaum aber hatte sie dies getan, so war er mit allen Kostbarkeiten verschwunden. Am Abend des dritten Tages kehrte sie wieder in ihr Schloß zurück. So wiederholte sie ihre Besuche noch sehr oft und da sie jedesmal einen Koffer mit Gold mitbrachte und nicht mehr hineinguckte wie das erstemal, zählte ihr Vater bald wieder zu den Reichsten im Lande. Als sie wieder einmal nach Hause kam, fand sie Vater und Schwester sehr betrübt, weil sie auf immer getrennt von ihr leben mußten. Mit vielem Weinen und Bitten sprachen sie ihr daher, als der dritte Tag seinem Ende entgegenging, zu, nicht mehr aufs Schloß zurückzukehren. Nach vielen Gegenreden ließ sie sich auch erweichen und blieb über Nacht zu Hause. Als aber der Morgen graute, sprang sie sogleich auf, denn sie hatte sich nach und nach so an das Ungeheuer gewöhnt, daß ihr unaussprechlich bange wurde, wenn sie einige Tage von ihm weg war. Ohne Abschied und ohne, daß jemand davon wußte, kehrte sie ihren Ring jener Weltgegend zu und befand sich sogleich wieder im Schlosse. Zu ihrem Entsetzen fand sie dort das Ungeheuer im Garten wie tot ausgestreckt. Es schien sie nicht mehr zu kennen und holte nur noch schwach Atem. Sie stürzte sich auf dasselbe, umarmte und küßte es und klagte und weinte bitterlich. Da schwoll dieses immer mehr und mehr auf bis es endlich zerplatzte und ein Jüngling von blendender Schönheit vor Craßna stand, der ihr um den Hals fiel und sie mit Küssen fast erstickte. Darauf nahm er sie bei der Hand, führte sie im Garten herum und erzählte ihr, daß er ein verwunschener Prinz sei und nur von einer Jungfrau erlöst werden konnte, die ihn trotz seiner erschrecklichen Gestalt so liebte, daß sie ohne ihn nicht zu leben vermochte. „Ihr habt mich,“ so sagte es, „durch Euere große Liebe endlich erlöst und nun ist alles Euer, was Ihr seht.“ In diesem Augenblicke wimmelte der ganze Garten von schön geschmückten Knaben und Frauen, welche den Prinzen und Craßna bedienten. Der Prinz schickte sogleich einen Wagen mit vier schönen Pferden zu Craßnas Vater und seinen Anverwandten und da alles beisammen war, hielt er mit seiner Braut auf dem Schlosse Hochzeit, die drei Wochen lang dauerte.

Frédéric, Flickr

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2. Das Märchen von dem Amulettring und den zwei Königskindern

Es war einmal ein König, der hatte eine sehr schöne Tochter. Eines Tages kam ein fremder reisender Krämer mit allerhand Waren auf das Schloß, der einen Ring bei sich hatte, auf dem ein wunderschöner junger Mann gemalt war. Die Prinzessin kaufte den Ring und war so entzückt über das Bild, daß sie keinen anderen in der Welt heiraten wollte als den auf dem Gemälde dargestellten. So war sie in das Bild verliebt, daß sie alle Freier ausschlug. Endlich kam ein sehr schöner und reicher Prinz in der Absicht, sich um sie zu bewerben. Sie schlug auch diesen aus, der König aber, der nicht länger zu warten beabsichtigte, wollte sie zwingen ihn zu heiraten. Da ging sie am Abend vor dem Hochzeitstage mit ihrem Ring am Meere spazieren und weinte. Am Ufer erblickte sie eine Schifferin in einem Kahne. Diese sprach zu ihr: „Durchlauchtigste Prinzessin, was seid Ihr so traurig?“ „Ach,“ entgegnete die Prinzessin, „fraget nicht erst, Ihr könnt mir doch nicht helfen.“ „Wer weiß!“ sagte die Schifferin, „entdeckt mir nur getrost den Grund Euerer Betrübnis.“ Da erzählte ihr die Prinzessin die ganze Geschichte. Als die Schifferin den Ring erblickte, rief sie sogleich voller Freude: „Ich kann Euch Eueren Geliebten zeigen, der auf diesem Ringe dargestellte Prinz wohnt in dem Lande, dem ich entstamme. Wenn Ihr morgen in aller Frühe wieder hierherkommen wollt, so will ich Euch hinführen; Ihr müßt aber viel Gold und drei Eurer schönsten Kleider mitbringen.“ Die Prinzessin begab sich hierauf nach Hause und konnte die ganze Nacht vor Freude nicht schlafen. Sie sann immerfort darüber nach, wer wohl der Prinz wäre und wo das Land gelegen sei. Ehe noch der Tag angebrochen war, ging sie mit dem Gold und ihren Kleidern ganz allein an den Meeresstrand, wo die Schifferin mit ihrem Kahne schon auf sie wartete. Diese als Mannsbild angekleidet, nahm Gold und Kleider in Verwahrung und so fuhren sie über das Meer bis sie zu einer großen Stadt kamen. Hier begab sich die Schifferin in das königliche Schloß und sagte dem Koche des Prinzen, sie wolle ihm eine recht gute und geschickte Küchenmagd bringen. Dann zog sie der Prinzessin schlechte Kleider an, verdeckte ihr Kopf und Gesicht mit einem weißen Tuche, so daß sie niemand erkennen konnte, und führte sie ins Schloß. Dort verrichtete die Prinzessin still und fromm die niedrigsten Geschäfte in der Küche. Der Prinz aber war immer sehr traurig, denn auch er hatte vor einiger Zeit von einem reisenden Kaufmann einen Ring erhalten, auf dem eine wunderschöne Jungfrau gemalt war. Er wollte keine andere als diese und konnte sie doch nirgends finden. Eines Tages wurde in der Stadt ein großer Ball gegeben. Der Prinz bestellte beim Koch bloß eine Suppe, die er essen wollte ehe er wegging. Die Schifferin begab sich zur Prinzessin und setzte ihr ausführlich auseinander, wie sie sich zu verhalten habe, was sie denn auch treulich ausführte. Als der Bediente die Suppe hinauftragen wollte, nahm sie dieselbe heimlich fort und trug sie selbst zum Prinzen. Dieser, der sich eben den Rock ausbürstete, wurde böse darüber, daß er von einer so schlechten Magd bedient werden sollte, nahm die Bürste und warf sie nach ihr. Sie aber ging, ohne ein Wort zu sagen, aus dem Zimmer. Dann bat sie, wie ihr die Schifferin geraten, den Koch, ihr zu erlauben, heute abend dem Balle zuzusehen. Alsdann verschaffte sie sich einen herrlichen Wagen mit vier Pferden, zog eines von ihren drei schönen Kleidern an und fuhr zum Balle. Alles war über ihre Schönheit und Pracht erstaunt. Der Prinz wurde auf einmal ganz fröhlich, als er bemerkte, daß es sich um dieselbe handelte, die er auf seinem Ringe erblickte. Sie aber hatte ihren Ring nicht angesteckt. Nachdem der Prinz sehr viel mit ihr getanzt hatte, fragte er sie zuletzt, woher sie wäre, worauf sie erwiderte, aus Bürstendorf. Da sann er hin und her, aber er kannte kein Dorf dieses Namens. Als sie nach Hause kam, fragte sie der Koch, was sie gesehen habe und sie erzählte ihm, wie der Prinz lustig gewesen sei und viel getanzt habe. Der Koch wunderte sich hierüber sehr, da der Prinz in seinem Leben noch nicht getanzt hatte. Nach einiger Zeit war wieder ein Ball in der Stadt. Da ihm nun die Prinzessin als Magd wieder die von ihm bestellte Suppe brachte, warf er einen Stiefel hinter ihr her. Sie fuhr nun wieder in ihrem zweiten schönen Kleide hin und als der Prinz sie noch einmal nach dem Namen ihres Heimatortes fragte, nannte sie ihn Stiefeldorf. Schließlich gab der Prinz, der sehr neugierig war, ob die Prinzessin wiederkommen würde, selbst einen Ball. Auch diesmal trug sie ihm vorher wieder seine Suppe herauf. Er war eben im Begriffe, seine goldenen Sporen umzuschnallen und warf, als er sie erblickte, einen derselben nach ihr. Später erschien sie in ihrem dritten prächtigsten Kleide auf dem Balle. Zuletzt fragte der Prinz wieder, woher sie sei und erhielt von ihr zur Antwort aus Sporndorf. Das fiel dem Prinzen endlich auf, denn er hatte schon nach allen Richtungen vergeblich Boten ausgeschickt, um die Lage der erwähnten Dörfer festzustellen. Die Prinzessin begab sich zeitig nach Hause, um ihre Geschäfte in der Küche nicht zu versäumen. Als der Ball beendet war, sandte der Prinz in die Küche, das neue Mensch solle zu ihm hinaufkommen und zog ihr, da sie zu ihm in die Stube trat, schnell das große weiße Tuch vom Kopfe. Da erkannte er sie. „Also du bist es, liebes Kind,“ rief er voller Freuden aus, fiel ihr um den Hals und küßte sie unzähligemale. Nun waren sie alle beide vergnügt, belohnten die Schifferin sehr reichlich und hielten miteinander Hochzeit in freudenreichem Schalle.

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3. Das Märchen von dem Faulpelz, dem wunderbaren Fisch und der Prinzessin

Es war einmal ein Weib, das einen Faulpelz zum Sohne hatte. Der saß das ganze Jahr auf dem Ofen und fraß alle Tage einen Topf mit Krautsuppe auf, der so groß war, daß er ihm bis über die Knien reichte. Als nun der Vater gestorben, sagte die Mutter: „Faulpelz, rühre dich! denn nun mußt du mir helfen Brot verdienen. Spanne gleich die Ochsen an den Wagen und fahre in den Wald um Holz.“ Der Faulpelz stieg vom Ofen herunter, konnte aber die Ochsen nicht einspannen. Da spannte die Mutter selber an und setzte den Faulpelz auf den Wagen. Vor dem Walde befand sich ein großer Teich, durch den ein Damm ging. Als nun der Faulpelz herankam, lag quer über den Damm ein großer Fisch. Er nahm die Peitsche und warf den Fisch in den Teich. Da schnalzte dieser im Wasser mit dem Schwanze und sagte: „Faulpelz, du hast mich wieder ins Wasser gebracht, zum Danke kannst du dir wünschen was du willst, und wenn du sagest: Es geschehe durch den Fisch, so wird es erfüllt werden.“ Da sagte der Faulpelz: „Der Wagen soll durch den Fisch voll Holz sein,“ und sogleich lag eine ganze Fichte auf dem Wagen. Als er nun damit wieder nach Hause fuhr, sah eben die Prinzessin oben im Schlosse zum Fenster heraus. Die lachte laut auf, als sie ihn unten fahren sah, und sagte: „Die Leute sprechen immer, der Faulpelz arbeitet nichts, und da fährt er ja wahrhaftig eine ganze Fichte aus dem Walde.“ Daß er so ausgelacht wurde, ärgerte dem Faulpelz und er sprach: „Ich wünsche, daß die Prinzessin durch den Fisch schwanger wird.“ Von diesem Augenblick an wurde die Prinzessin schwanger und gebar nach 9 Monaten einen jungen Prinzen. Alles war erstaunt, denn niemand kannte den Vater. Als das Kind 5 Jahre alt war, war es wunderschön und spielte immer mit einem goldenen Apfel. Da sagte der König: „Ich will alle meine Untertanen zusammenberufen und wem das Kind den Apfel gibt, der ist der Vater.“ Vornehme und Niedere kamen herbei und mußten sich stellen, aber der kleine Prinz rollte immerfort den goldenen Apfel in der Stube vor sich her und gab auf keinem acht …

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4. Das Märchen von der schönen Sophie und ihren neidischen Schwestern

Ein König hatte drei sehr schöne Töchter, unter denen aber die jüngste, welche Sophie hieß, die beiden anderen an Liebreiz weit übertraf. Die beiden älteren Schwestern waren im Besitz eines Spiegels, den sie immer fragten: „Sag an, du Spiegel an der Wand, welche ist die Schönste in Engelland?“ und jedesmal antwortete ihnen der Spiegel: „Ihr zwei seid schön, die Sophie ist jedoch die Schönste in ganz Engelland.“ Darüber wurden die beiden Prinzessinnen sehr böse und neidisch und suchten auf alle Weise die jüngste Schwester loszuwerden. An einem schönen Sommertage begaben sie sich mit ihr in den Wald, um Heidelbeeren zu klauben. Als sie draußen waren, hingen sie an einem Aste eine Schnur mit einem Stück Holz auf, das vom Winde immer wieder gegen den Baum geworfen wurde. Dann sagten sie ihrer Schwester: „Wir wollen uns nun alle drei im Walde zerstreuen und wenn es Abend wird, hier, wo das Holz im Winde klappert, zusammenkommen.“ Sophie ging darauf in den Wald, wo sie fleißig Beeren klaubte. Die beiden Schwestern aber begaben sich sogleich nach Hause und ließen sie im Walde allein. Bei einbrechender Dunkelheit traf sie aber doch wieder zu dem Holze und kam glücklich nach Hause. Das ärgerte ihre beiden Schwestern gar sehr und sie führten sie daher den anderen Tag wieder in den Wald. Aber auch diesmal fand sie den Weg zurück. Als sie aber am dritten Tage wieder in die Beeren gegangen waren, konnte Sophie am Abend den rechten Weg nicht mehr finden, sie verirrte sich immer tiefer und fing, da es schon ganz finster geworden war, bitterlich an zu weinen. Auf einmal sah sie von ferne ein Licht schimmern. Sie ging darauf zu und kam endlich an ein kleines, niedriges Häuschen. Da sie, durch das Fenster blickend, am Herde ein altes Mütterchen bemerkte, klopfte sie an. Die Alte machte sogleich auf, freute sich ungemein, ein so schönes Mädchen bei sich zu haben, gab ihr zu essen und trinken und beredete sie, bei ihr zu bleiben. Den anderen Morgen ging die Alte in den Wald hinaus und schärfte der Sophie ein, durchaus niemanden ins Haus zu lassen. Die beiden älteren Prinzessinnen freuten sich sehr, daß ihre Schwester nicht wiedergekommen war, da sie aber den Spiegel befragten und dieser wieder wie sonst antwortete: „Ihr beide seid schön, aber die Sophie ist die Schönste in ganz Engelland“ ärgerten sie sich und begaben sich in den Wald, die Sophie aufzusuchen. Endlich kamen sie auch an das Häuschen, klopften an und wollten hinein. Sophie aber erwiderte, daß sie durchaus nicht öffnen dürfe. Darauf sagten sie zu ihr: „Liebste Schwester, du hast gewiß hier in dem schlechten Hause Läuse bekommen, wir wollen dir etwas den Kopf durchsuchen.“ Da Sophie das Fensterchen öffnete und den Kopf herausstreckte, kämmten die Prinzessinnen sie sauber, flochten die Haare, banden die Zöpfe mit einem goldenen Bande zusammen und nahmen alsdann wieder Abschied. Kaum aber hatte Sophie das Fenster geschlossen, so fiel sie wie tot auf den Boden. Gen Abend kam die Alte zurück: „Hui, hui, Sophie“ rief sie „mach auf!“ Da aber drinnen alles stille blieb, stieg sie durch das Fenster hinein und jammerte sehr, als sie Sophie tot da liegen sah. Trotzdem sie Sophie sogleich auszog und ihr den ganzen Leib mit warmen Wasser wusch, war kein Lebenszeichen zu bemerken. Auf einmal erblickte sie das goldene Band im Haar und zog es schnell heraus, worauf Sophie alsbald wieder lebendig wurde. Die beiden Schwestern hatten das Band vergiftet. Den anderen Tag ging die Alte wieder aus und warnte die Sophie, ihren Schwestern, falls sie wiederkommen sollten, nochmals Gehör zu schenken. Da nun die beiden Prinzessinnen zu Hause den Spiegel befragten und wiederum die Antwort erhielten „Die Sophie ist die Schönste in Engelland,“ suchten sie nochmals das Häuschen auf und nahmen ein Körbchen voll Äpfel mit. Als Sophie das Fenster nicht aufmachen wollte, baten sie sehr freundlich, sie möchte doch wenigstens einige von den Äpfeln nehmen und da sie selber anfingen, die Äpfel zu verspeisen, konnte Sophie nicht mehr widerstehen, öffnete das Fenster und aß mit. Die Schwestern suchten ihr noch den schönsten Apfel aus und gingen wieder fort. Der Apfel aber war vergiftet. Wie sie die Hälfte davon abbiß, blieb er ihr im Halse stecken und sie fiel tot um. Gegen Abend kam die Alte zurück: „Hui, hui, Sophie, mach auf.“ Niemand aber rührte sich. Wiederum stieg sie durchs Fenster und sah Sophie auf dem Boden liegen. Trotzdem sie die Tote wieder sehr fleißig wusch und salbte, war sie diesmal nicht wieder zum Leben zu erwecken. Die Alte warf sich über sie, küßte sie und weinte sehr. Dann ließ sie einen gläsernen Sarg anfertigen, putzte die Tote mit den schönsten Kleidern, legte sie hinein und setzte den Sarg auf zwei hohe Linden, die oben mit den Ästen ineinander gewachsen waren. Einen Kranz von Rosmarin hatte sie ihr in die Haare und einen Strauß davon an die Brust gesteckt. Diese blieben immerfort grün und wuchsen im Sarge fort, auch sie selbst blieb so schön und rot, wie sie im Leben gewesen. Alle Tage fragten nun die beiden Prinzessinnen den Spiegel: „Sag an du Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste in Engelland?“ worauf der Spiegel jedesmal antwortete: „Sophie war schön, ihr zwei seid die Schönsten in ganz Engelland.“ Darüber entstand große Freude. Nach einiger Zeit verirrte sich einmal ein junger Prinz auf der Jagd im Walde. Seine Hunde blieben vor dem Lindenbaume stehen, bellten hinauf und wollten von dem Orte nicht fort. Der Prinz bemerkte nun oben den Sarg und war außer sich vor Freude über die Schönheit der Toten. Er ging sofort in das Häuschen und verlangte von der Alten den Sarg. Diese aber weinte entsetzlich und erwiderte es wäre dies ihre einzige Freude auf der Welt und sie würde sterben, wenn man ihr die schöne Sophie wegnähme. Nachdem ihr versprochen worden war, auch sie mitzunehmen, und immer bei dem Sarge zu belassen, willigte sie endlich ein und der Prinz ließ den Sarg herabholen und auf einen Wagen setzen. Als dieser aber über einige Baumwurzeln hinwegrollte, sprang durch die Erschütterung plötzlich der Apfel aus Sophiens Halse, worauf sie tief aufatmete und die Augen aufschlug. Da fiel ihr der Prinz voller Freude um den Hals, setzte sich zu ihr in den Wagen und hielt Hochzeit mit ihr auf seinem Schlosse. Auf die Frage der beiden Schwestern: „Sag an du Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste in Engelland?“ antwortete der Spiegel nun wieder: „Ihr beide seid schön, Sophie jedoch ist die Schönste in ganz Engelland.“ Die Prinzessinnen wurden hierdurch zornig, warfen den Spiegel auf die Erde und zertraten ihn in kleine Stücke.

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5. Das Märchen vom Vogel Venus, dem Pferd Pontifar
und der schönen Amalia aus dem schwarzen Wald

Ein König war so krank, daß ihm kein Arzt im ganzen Königreiche mehr zu helfen wußte. Da träumte ihm einmal, daß er nicht eher gesund werden würde, bis er den Vogel Venus singen höre. Als er aufwachte, erzählte er allen seinen Traum. Aber da war keiner, der den Vogel Venus kannte, oder wußte, wo er zu finden sei. Der König hatte aber drei Söhne. Der älteste von ihnen sagte: „Ich will in die Welt hinaus und den Venusvogel überall suchen“ und trat, nachdem er vom König viel Gold und Silber erhalten hatte, die Reise an. In der nächsten großen Stadt erkundigte er sich nach dem besten Wirtshause und kehrte dort ein. In dem Gasthofe war ein großes Jubeln und Tosen von Spielleuten und schöngeputzten Mädchen, Saufen und Spielen, und da man beim Prinzen viel Geld merkte, hielt man ihn so lange auf, bis er seinen letzten Groschen verspielt hatte. Dann ließ ihn der Wirt, weil er nichts mehr besaß, die Zeche zu bezahlen, in einen tiefen Turm werfen. Da nun der König lange vergebens auf seinen Sohn gewartet hatte und immer kränker wurde, erklärte der zweite Prinz, nun auch auf die Wanderschaft zu gehen und den Vogel Venus aufzusuchen. Auch er erhielt vom Könige Gold in Menge. Er nahm denselben Weg, wie der erste, kehrte ebenfalls in dem Wirtshause ein, verspielte sein ganzes Geld und wurde gleichfalls in einen Turm geworfen. Als auch der zweite nicht wiederkam, machte sich endlich der dritte Prinz auf den Weg. Er kam auch an das Wirtshaus, aber er trank und spielte nicht, achtete auch nicht auf die hübschen Mädchen, sondern sann nur immerfort nach, wohin er sich wenden sollte, um den Vogel zu finden. Vor der Weiterreise sagte ihm der Wirt: „Ihr seid ein recht feiner und kluger junger Herr, daß Ihr Euer Geld so wohl zusammenhaltet, erst unlängst waren zwei eben so junge und reiche Menschen hier, die ich in den Turm geworfen habe, weil sie alles verspielt hatten.“ Da verlangte der Prinz die beiden Gefangenen zu sehen und erkannte seine Brüder. Dem Wirt bezahlte er, was sie schuldig waren, machte ihnen Vorwürfe daß sie so unbedachtsam gelebt und wies den Wirt an, ihnen gutes Quartier, aber täglich nur so viel zu verzehren zu geben, als sie notwendig brauchten und sie so lange zurückzuhalten, bis er selbst sie abhole. Darauf ritt er in Gottes Namen weiter. In der Vorstadt sah er auf offener Straße eine Leiche auf der Bahre stehen. Er erkundigte sich, was dies zu bedeuten habe und als man ihm mitteilte, daß es hier Gebrauch sei, einen Menschen, der Geld schuldig geblieben, unbegraben zu lassen, bezahlte er sogleich die 200 Rthr., die der Verstorbene schuldig war und ließ ihn auf seine Kosten beerdigen. Darauf kam er in einen großen Wald, wo ein Fuchs am Wege saß. „Wo reitest du denn so voller Gedanken hin,“ fragte derselbe den Prinzen. „Ach, mein liebes Füchslein,“ erwiderte der Prinz, „was hülfe es mir, wenn ich’s dir auch sagte, du könntest mir doch nicht raten.“ „Wer weiß,“ sagte der Fuchs, „wenn du erlaubst, will ich dich begleiten.“ Nachdem sie lange so gereist waren, rief der Fuchs: „Hier in der Nähe wohnt ein König, der besitzt den Vogel Venus. Gehe um Mitternacht ganz allein ins Schloß, die Wachen werden alle schlafen. Im innersten Gemache wirst du ringsherum an der Wand eine Menge Vögel in schönen Gebauern finden, in der Mitte aber steht der Vogel Venus, der einen so prächtigen Käfig hat, daß die Stäbe desselben einen glänzenden Schein von sich geben. Begeize dich aber ja nicht auf den Käfig, sondern lasse ihn stehen und begnüge dich damit, den Vogel sachte herauszunehmen, sonst wirst du unglücklich.“ Um Mitternacht ging der Prinz aufs Schloß, während der Fuchs die Pferde bewachte. Als er in das erwähnte Gemach trat, war er von der Schönheit des Käfigs ganz geblendet und dachte bei sich: „Die Wachen schlafen alle, ich werde den Käfig schnell forttragen, so hab‘ ich beides.“ Kaum aber hatte er den Käfig in die Hand genommen, so fing der Vogel an, dermaßen zu kreischen und mit den Flügeln zu schlagen, daß die Wächter erwachten, den Prinzen ergriffen und ins Gefängnis warfen. Am zweiten Tage erschien der Fuchs im Turme und sagte: „Sieh’st du, hab‘ ich nit gesagt, daß es dir schlimm gehen würde, wenn du nicht folgtest. Morgen sollst du gehängt werden, wenn du auf den Richtplatz hinausgeführt wirst, so bitte den Henker, dich noch einmal zum Könige zu führen, da du ihm etwas sehr Wichtiges anzuvertrauen hättest. Nur so kannst du dich noch retten.“ Das tat denn auch der Prinz am anderen Tage. Auf vieles Bitten führte ihn der Henker noch einmal vor den König, dem er, wie ihn der Fuchs gelehrt, versprach, ihm das Pferd Pontifar zu bringen, wenn er ihm das Leben schenke. Der König war ganz außer sich vor Freude, begnadigte den Prinzen und versprach ihm den Vogel Venus samt dem Käfig zum Geschenk zu machen, wenn er ihm das Pferd Pontifar bringe. Als nun der Prinz wieder zum Fuchse in dem Walde kam, fragte er ihn, wo nun aber das Pferd zu finden sei. „Das Pferd Pontifar,“ erwiderte dieser, „befindet sich wieder bei einem anderen Könige in einem prächtigen Stalle. In einem Kreise um das Pferd herum sitzen die Wächter, von denen jeder einen goldenen Zügel in der Hand hält. Du wirst nun wieder um Mitternacht, während die Wächter schlafen, allein hingehen. Hüte dich aber, von dem köstlichen Geschirr des Pferdes etwas mitzunehmen, schirr es vielmehr langsam ab und reite auf dem ledigen Pferde davon, sonst wirst du unglücklich.“ Wie erstaunte aber der Prinz, als er in der Nacht in den Stall kam. Denn war das Pferd schön, so war doch Sattel und Geschirr, aus Gold und Edelsteinen bestehend, noch weit schöner. Er konnte nicht widerstehen, zog die goldenen Zügel langsam aus den Händen der schlafenden Wächter und schwang sich auf das aufgeputzte Pferd. Kaum aber saß er droben, so wieherte und polterte das Roß derart, daß die Wächter erschreckt auffuhren, den Prinzen herabrissen und ins Gefängnis warfen. Am zweiten Tage erschien der Fuchs wieder im Gefängnisse, schalt ihn aus und gab ihm wieder Ratschläge wie das erstemal. Auf inständiges Bitten wurde der Prinz vom Richtplatze noch einmal vor den König geführt, dem er die Prinzessin Amalia aus dem schwarzen Walde zu verschaffen versprach, wenn er ihm das Leben schenke. Da freute sich der König über alle Maßen, er schenkte ihm nicht nur das Leben, sondern stellte ihm auch noch das Pferd Pontifar nebst Sattel und Zeug in Aussicht, wenn er ihm die Prinzessinbringe. „Mein liebes Füchslein,“ sagte der Prinz, als er zurückkam, „wo werden wir nun aber die Prinzessin finden?“ „Die Prinzessin Amalia,“ erwiderte der Fuchs, „wohnt im schwarzen Walde in einem schwarzen Schlosse, bewacht von zwei Wölfen, zwei Bären und zwei Löwen. Du mußt wieder um Mitternacht bis ins innerste Gemach vordringen. Dort wirst du auf einem Tische eine Menge herrlicher brennender Lampen finden. Hüte dich aber, eine der schönen Lampen anzurühren, nimm vielmehr die schlechteste, die in der Mitte steht, und gehe damit hinaus. Du bist verloren, wenn du mir nicht folgst, denn diesmal kann ich dir nicht mehr helfen.“ – Beim Schlosse angekommen, ging der Prinz allein hinein. Wölfe, Bären und Löwen schliefen alle. Im innersten Gemache brannten die Lampen in verschiedenen bunten Farben und Scheinen, so daß der ganze Raum mit Glanz erfüllt war. Keine von ihnen rührte er an, sondern nahm aus der Mitte die schlechte und ging mit ihr hinaus. Am Tore wartete seiner schon die Prinzessin Amalia aus dem schwarzen Walde, die ganz in schwarzem Flor gekleidet war. Ohne ein Wort zu sprechen, führte sie der Prinz, wie ihn der Fuchs befohlen, zu den Pferden und ritt mit ihr zum Schlosse des zweiten Königs zurück. Aus dem Schloßfenster sah ihnen der König schon entgegen und das Pferd Pontifar stand bei ihrer Ankunft bereits aufgeputzt am Tore. Der König war voller Freude, als er die Prinzessin Amalia erblickte und dankte dem Prinzen außerordentlich. Dieser bestieg sein Roß, schwang die Prinzessin, die von ihm nicht lassen wollte, vor sich auf den Sattel und ritt somit ihr über alle Berge. Als er zum Schlosse des ersten Königs kam, stand der Käfig mit dem Vogel Venus bereits auf dem Hofe. Mit tausend Freuden bestieg der König das Pferd Pontifar. Es wollte ihn aber nicht dulden und er vermochte es nicht zu bändigen. Der Prinz erklärte, es im Hofe etwas zureiten zu wollen, bestieg es, die Prinzessin Amalia, die ihn außerordentlich liebte, gleich auch mit ihm, tummelte das Roß nach allen Richtungen, ergriff unversehens den Käfig mit dem Vogel Venus und jagte somit allem davon. Seine im Wirtshaus zurückgebliebenen Brüder wunderten sich, als er dorthin zurückkam, sehr über die mitgebrachten herrlichen Sachen, verabredeten aus Neid, den Bruder zu erschlagen, versenkten ihn in einen Graben, ritten mit den Sachen nach Hause und rühmten sich ihrer Erfolge. Aber die schöne Prinzessin wollte nicht sprechen, das Pferd nicht fressen, der Vogel Venus nicht singen und der alte König blieb daher so krank, wie er gewesen. Unterdessen lief der Fuchs zu dem Graben, wo der Prinz lag, zog ihn heraus, wusch ihn mit seinen Pfoten, erweckte ihn zum Leben und sagte zu ihm: „Ich bin die Seele des Verstorbenen, für den du die Schulden bezahlt hast, meine Schuld habe ich dir nunmehr abgezahlt und bin erlöst. Gehe du nun zu einem Schäfer, ziehe dessen Kleider an, eile so ins Schloß und gib dich für einen Tierarzt aus.“ Bei diesen Worten verschwand der Fuchs, der Prinz aber suchte einen Schäfer auf dem Felde auf, wechselte mit ihm die Kleider und ging alsdann zu seinem Vater. Dort wollte man ihn, weil er so verlumpt aussah, nicht aufnehmen, wurde aber, da er angab, alle Pferde kurieren zu können, in den Stall geführt. Bei seinem Eintritt sah sich das Pferd Pontifar sogleich nach ihm um, wieherte, fraß Hafer aus seinen Händen und wurde ganz munter. Alles war hierüber höchst erstaunt und wollte den Wunderarzt sehen. Als er in die königlichen Gemächer geführt wurde, fiel die stumme Prinzessin Amalia ihm um den Hals, der Vogel Venus begann wunderschön zu singen und der König sprang gesund aus dem Bette. Hierauf zog der Prinz seine schönen Kleider an und erzählte alles. Der alte König war voller Freude und gab eine prächtige Gasterei. Die beiden Brüder, die zur Jagd ausgezogen waren, erstaunten über die Vorkommnisse aufs höchste. Über Tafel fragte sie der König, was wohl jemand verdiene, der seinen Vater belogen und einen Menschen erschlagen habe. Sie antworteten: „Den lichten Galgen.“ Der König wollte sie hierauf aufhängen lassen, da der Bruder aber sehr für sie bat, wurden sie in ein Gewölbe gebracht, wo sie zeitlebens in der dicksten Finsternis sitzen mußten. Der jüngste Prinz aber hielt mit der schönen Prinzessin Amalia aus dem schwarzen Walde eine glänzende Hochzeit.

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6. Die Sage vom häßlichen Schuster, der zwölf Jahre Teufelsbündler war
und ein reicher Mann wurde

Unterdessen hatte auch der König von dem großen Reichtum des Arrendators gehört und fuhr daher hin, um alles selbst in Augenschein zu nehmen. Da führte ihn der Schuster in seinem Hause durch unzählige Keller, die bis zur Decke mit Gold angefüllt waren. Der König war über die Maßen erstaunt, da er sah, daß der Schuster hundertmal reicher war, als er selbst, versprach ihm seine Tochter zur Frau zu geben, ließ ein Bild des Schusters anfertigen und nahm es mit nach Hause. Als er aber der ältesten Tochter mitteilte, was er versprochen und sie auf dem Bilde den gräulichen, über und über beschmutzten Schuster erblickte, lachte sie ihrem Vater ins Gesicht. Darauf wandte sich der König an seine zweite Tochter, aber auch diese wollte durchaus nichts von der Heirat wissen. Die jüngste Prinzessin aber erklärte, den Befehlen ihres Vaters Gehorsam leisten zu wollen. Mittlerweile waren die zwölf Jahre, die der Schuster mit dem Teufel akkordiert hatte, verflossen und er beschloß sich nunmehr um die versprochene Prinzessin zu bewerben. Er ließ sechs prächtige Pferde vor einen goldenen Wagen spannen und fuhr so vor. Als er unterwegs an einem Teiche vorbeifuhr, sprangen plötzlich drei Teufel aus dem Schilfe hervor. „Du Schweinigel,“ riefen sie dem Schuster zu, „ist das eine Art, so mit kotigem Gesicht und mit unausgekämmten Haaren um eine Prinzessin zu freien!“ Damit rissen sie den Schuster aus dem Wagen, warfen ihn ins Wasser und wuschen und striegelten ihn von oben bis unten. Dann zogen sie ihm prächtige Kleider an und setzten ihn wieder in den Wagen. Der Schuster aber sprach für sich: „Man behauptet immer, der Teufel sei dumm, aber wahrhaftig, er ist klüger als ich,“ und war wohl zufrieden. Bei der Ankunft war man über seine Schönheit allgemein erstaunt, denn er war ganz verwandelt. Die jüngste Prinzessin fiel ihm voller Freude um den Hals, die beiden anderen aber erhängten sich aus Neid und Ärgernis. Die Teufel aber verabschiedeten sich für immer von dem Schuster, da sie hier und im Branntweinhause bereits zahlreiche Seelen erobert hatten.

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7. Das Märchen von der in der Wildnis ausgesetzten Königin
und ihren Söhnen Josaphat und Löwiath

Ein römischer Kaiser heiratete einstmals ein sehr schönes, aber ganz armes Fräulein. Darüber wurde seine Mutter, die alte Kaiserin, sehr ergrimmt und suchte daher die junge Frau auf alle Weise anzuschwärzen. Während der Kaiser eben Krieg führte, gebar ihm seine junge Gemahlin zwei Prinzen auf einmal. Die Alte schrieb hierauf ihrem Sohne, daß keine junge Frau, wenn sie züchtig und ehrbar gelebt habe, zum erstenmale Zwillinge gebären könne, er solle sich daher eiligst aufmachen, um die ihm angetane Schande an seiner Frau zu rächen. Der Kaiser kehrte auf diese Nachricht hin schleunigst in seine Residenz zurück, ging sogleich in die Kirche, kniete vor dem Hochaltar nieder und bat Gott für seine Frau. Das ärgerte die alte Kaiserin entsetzlich, sie beredete daher ihren Kammerdiener, sich bis aufs Hemd auszuziehen und so zu der jungen Kaiserin, die eben schlief, ins Bett zu legen. Dann ging sie zu ihrem Sohne in die Kirche und erzählte ihm, wie schändlich sich seine Frau aufführe und zerrte ihn so lange, bis er ihr endlich in das Schlafgemach der jungen Kaiserin folgte, wo er neben seiner schlafenden Frau den Kammerdiener liegen sah. Da zog der Kaiser sein Schwert und durchbohrte den Diener, daß sein Blut der erschrockenen Kaiserin ins Gesicht spritzte. Sie sollte sogleich mit ihren Kindern lebendig verbrannt werden. Auf dem Richtplatze verhielt sich das dort zusammengelaufene Volk still und traurig, weil alle die junge Kaiserin sehr liebten und keiner von den Richtern wollte das Todesurteil verlesen. Die Verurteilte wandte sich hierauf an ihren Gemahl und sprach: „Weil du mich nicht mehr liebst, lege ich keinen Wert darauf, weiter zu leben, aber die beiden armen Кinder erbarmen mich sehr. Schenke mir ihretwegen das Leben und ich will mit ihnen fortziehen, so weit mich meine Füße tragen.“ Der Каiser ließ sie auf ein Pferd setzen und gab ihr einen großen Mantel mit, in den sie die Кinder einwickelte. Nach langem Ritt kam sie in eine große Wildnis. Аuf einer Wiese stieg sie ab, legte die Кinder rechts und links auf dem Мantel in die Sonne und schlief in deren Мitte ein. Вald darauf näherte sich ein Affe, nahm eines der Кinder in seine Аrme und trug es unbemerkt in den Wald. Dort sah eine Räuberbande den Аffen mit dem Кinde, man jagte ihm nach, nahm ihm das Кind fort und trug es in die nächste Stadt. Еinem dort weilenden fremden Каufmann gefiel der schöne Кnabe so, daß er beschloß, ihn seiner Frau mitzubringen. Еr kaufte daher den jungen Prinzen von den Räubern, besorgte ihm eine Amme, setzte diese auf eine Eselin und zog alsdann nach Hause, wo das Kind von seiner Frau sehr gut aufgenommen wurde. Вald darauf schlich sich eine Löwin an die Schlafende heran und raubte ihr das zweite Кind, um es ihren Jungen zum Fraß zu geben. Da sie aber eben im Вegriff war, es fortzutragen, flog der Vogel Greif heran, ergriff die Löwin samt dem Кinde und flog mit seiner Beute weit übers Мееr. Аuf einer wüsten Insel wollte sich der Greif niederlassen. Als sie schon ganz niedrig waren, ließ die Löwin das Кind sachte in den Sand fallen, riß sich, sobald sie den Boden erreichte, schnell los und biß den Vogel tot. Dann scharrte sie dem Кinde ein Bett im Sande, säugte es und nährte sich neun Tage lang von dem Fleische des Vogels. Die Кaiserin jammerte und weinte sehr, als sie den Verlust ihrer Кinder bemerkte und irrte so lange im Walde umher, bis sie endlich an das Мееr kam. Da stand ein Schiff, das eben absegeln wollte. Sie bat die Schiffer, sie mitzunehmen und diese taten es gerne ihrer Schönheit halber. Nach mehrtägiger Fahrt warfen sie an einer wüsten Insel die Аnker aus und gingen ans Land, kehrten aber alsbald wieder zurück, weil sie eine Löwin mit einem Кinde erblickt hatten. Über diese Nachricht war die Mutter voll Freuden, eilte nach dem bezeichneten Оrte hin und erkannte sofort ihr Кind, das die Löwin sich gutwillig nehmen ließ. Аls die Мutter es forttrug, folgte ihr die Löwin wie ein Нund. Die Schiffer fuhren, da sie dieses sahen, aus Furcht, ohne sie schnell ins Мееr hinein, ließen aber einen Каhn zurück, den sie mit der Löwin bestieg. So fuhr sie mit dem Kinde an der Вrust und die Löwin zu ihren Füßen, so lange auf dem Меere herum, bis sie endlich wieder mit dem Schiff zusammentraf und auf vieles Bitten aufgenommen wurde. Еiner von den Seeleuten verliebte sich in sie und schlich in der Nacht in ihre Кammer, um sie zu notzüchtigen, er wurde aber von der Löwin hieran gehindert, die ihn in Stücke zerriß und ins Мееr warf. In einer großen Stadt, wo gelandet wurde, begab sich die Кaiserin mit der Löwin, die sie niemals verließ, in ein Ноspital. Нier erzog sie ihren Sohn, den man nach der Löwin Löwiath nannte, aufs beste. — Unterdessen war ihr zweiter Sohn, der weit entfernt bei dem Кaufmann sich aufhielt und Josaphat genannt wurde, immer mehr herangewachsen. Weil er sehr stark und stammig war, sollte er Fleischhacker werden und sein Pflegevater schickte ihn daher mit zwei Осhsen über Land zu einem Меister. Веi der Ankunft redete er diesen sogleich an: „Guten Мorgen, Каmerad!“ Der Meister aber antwortete zornig: „Du Laffel kommst eben in die Lehre und nennst mich Каmerad,“ wobei er mit der Аxt drohte. Da rief Josaphat: „Rühr mich nicht an, oder ich breche dir das Genick,“ kehrte zornig mit seinen Оchsen nach Hause zurück und wollte von der Profession nichts mehr wissen. Unterwegs begegnete ihm ein Jäger, der einen Falken auf der Hand trug. Der Vogel gefiel ihm außerordentlich. Еr gab dem Jäger seine beiden Оchsen und nahm dafür den Falken mit. Sein Pflegevater, der Кашfmann, war über diesen Наndel sehr erzürnt und wollte ihn abprügeln, aber seine Frau verwendete sich sehr für den jungen Josaphat und sagte, daß er gewiß von adeligem Geschlecht und nicht zu niederem Standegeboren sei. Einige Zeit später sandte der Кашfmann den Josaphat mit dreizehn Pfund Silber in die Münze, wo sein rechter Sohn als Geselle arbeitete. Auf dem Wege dorthin begegnete Josaphat einem Reiter, der ein wildes, prächtiges Pferd tummelte. Ganz entzückt von dem schönen Rosse gab er dem Reiter das Silber und ritt nach Hause. Über diesen Streich ergrimmte der Kaufmann sehr, aber seine Frau bat noch einmal für ihn und meinte, man wisse nicht, was aus dem Knaben noch einmal werden könne.

Inzwischen hatten die Türken dem Könige, in dessen Land der Kaufmann wohnte, den Krieg erklärt und waren bis zu dessen Residenz vorgerückt. Im türkischen Lager befand sich die wunderschöne Tochter des Sultans, welche dieser einem Riesen zur Frau geben wollte, der so stark war, daß er einen gewappneten Ritter samt dem Rosse fortzutragen und vor die Füße der Prinzessin zu werfen vermochte. Von diesem Riesen wurde der König zum Zweikampf herausgefordert. Da war großes Trauern und Wehklagen im ganzen Lande, denn der König war diesem Gegner keineswegs gewachsen. Als Josaphat sah, daß auch sein Pflegevater trauerte, entschloß er sich, selbst hinzugehen und sich für den König zu schlagen. „O du großer Narr,“ sagte ihm der Kaufmann, „woher willst du denn eine Rüstung nehmen?“ Josaphat riß zwei große Platten aus Blech aus dem Ofen und band sich die eine hinten, die andere vorne hin. „Wo hast du denn aber eine Lanze?“ fragte der Kaufmann weiter. Da ging der junge Held in den Hühnerstall und bewaffnete sich mit einer langen Stange. Unter dem Bette zog er ein verrostetes, aber sehr wunderbares und glückseliges Schwert hervor, mit dem schon die Vorfahren des Kaufmannes große Taten verrichtet hatten, schwang sich auf sein schönes Pferd und ritt zur Residenzstadt, wo er mit großen Freuden empfangen wurde. Die ihm vom Könige angebotene prächtige und starke Rüstung verschmähte er und ritt in seinem erstaunlichen Aufzuge auf den Kampfplatz, wo der Riese zu Pferde schon seiner harrte und ihn fragte, ob er der König sei. Josaphat entgegnete ihm: „Hiernach hast du nicht zu fragen, der Schmied hat seine Zange, damit er sich nicht verbrenne und der König seine Ritter.“ Mit diesen Worten warf er dem Riesen seine Stange mit solcher Gewalt an den Kopf, daß er rücklings zu Boden sank. Dann sprang Josaphat schnell zu, hieb dem Riesen das Haupt ab, spießte es auf sein Schwert, sprengte ins türkische Lager vor das Zelt der Prinzessin, legte ihr den Kopf zu Füßen und sagte ihr: „Hier hast du den Kopf deines Liebsten.“ Die Prinzessin war über die Schönheit des fremden Ritters ebenso erstaunt wie er über die ihrige. – Als er eines Tages nach Rückkehr in die Residenz in Gedanken versunken oben auf dem Walle stand, ging jenseits am grünen Flußufer die Prinzessin mit ihren Hofdamen spazieren. „Glaubt ihr,“ sagte sie zu diesen, „daß der junge Ritter dort mir so gewogen ist, daß er gleich zu mir herüberkäme, wenn ich ihm ein Zeichen gäbe.“ Da sie sich aber schämte, dies zu tun, winkte eine der Jungfrauen, worauf Josaphat ungesäumt durch den Fluß zu ihr hinüberschwamm. Hier verlangte sie von ihm, daß er sie während der nächsten Schlacht entführe und versprach ihm, ihm überallhin zu folgen. – Es begann nun ein großes Gemetzel, Josaphat benutzte diesen Umstand, ritt in das türkische Lager, entführte seine Prinzessin, überließ sie aber ihrem Schicksal, als die Christen zu weichen anfingen und stürzte sich in das Kampfgewühl. Trotzdem der römische Kaiser und auch andere Fürsten dem Könige zu Hilfe geeilt waren, trugen die Türken den Sieg davon und der König, der römische Kaiser, Josaphat und alle wurden gefangen genommen.

Die Kunde von diesem Unglück war schnell auch in das Land gedrungen, wo die vertriebene Kaiserin mit ihrem zweiten Sohne lebte. Löwiath begab sich mit einer Anzahl Krieger und seiner Löwin sofort auf den Kriegsschauplatz und ritt direkt ins türkische Lager hinein. Da die Löwin alles wütend zerriß, was ihm und seiner Mannschaft noch Widerstand leistete, so waren bald fast alle Türken getötet und die Gefangenen befreit. Der König zog feierlich in seine Residenz ein und veranstaltete eine große Gasterei. Über Tafel fragte Löwiath den römischen Kaiser, aus welchem Grunde er ohne Söhne, die für ihn fechten könnten, in den Krieg zöge, woaruf dieser voll Traurigkeit erwiderte, daß er in verhängnisvoller Übereilung seine tugendhafte Gemahlin verstoßen und sich seit dieser Zeit nicht wiedervermählt habe. Da erkannte Löwiath in dem Kaiser seinen Vater. Als dieser seine Frage, ob er seine Gemahlin wiedererkennen würde, bejahte, ließ er schnell seine Mutter herbeiholen. Alle waren voller Freude über die Wiedervereinigung und Josaphat hielt glänzende Hochzeit mit der schönen türkischen Prinzessin. Der römische Kaiser verabschiedete sich hierauf mit seiner Frau und seinen Söhnen von dem Könige und zog mit ihnen in die Heimat. Schon unterwegs hörten sie, daß die alte Kaiserin, die alles Übel verursacht, wahnsinning geworden sei und sich erhängt habe.

Frédéric, Flickr

Bilder: Frédéric:

  1. L’après-midi d’un(e) faune, 13. März 2020;
  2. Souffle léger, vapeur éphémère, 30. März 2020;
  3. Au pied de l’arbre, 12. April 2020;
  4. La fille qui murmurait à l’oreille des forêts, 15. April 2020;
  5. Les nuits blanches (et les mots bleus), 29. April 2020;
  6. Sous le soleil (exactement), 30. April 2020;
  7. De la tête au pied, 5. Mai 2020.

In freudenreichem Schalle: Breslau: Volksmusik, 1982 — gleich das ganze Album.
Vocals: die — solche Erwähnung erscheint angebracht — mitnichten „rechte“ Jutta Weinhold:

Written by Wolf

10. Juli 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Romantik, ~~~Olymp~~~

Zwei Klavier-Trios und zwei Violoncello-Sonaten

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Update zu Leise retardierende, ungläubig fragende Zurücknahme der Meldung
und Ein ewig Weißwurschten:

Kapelle Maria RastMein üblicher Urlaub besteht darin, ein-, zweimal im Jahr frühmorgens zur Haustür hinauszufallen, den Weg zur Isar einzuschlagen und erst wieder mit dem Latschen aufzuhören, wenn ich in Kloster Schäftlarn rauskomme. Das kann ich nur empfehlen: Obwohl der Weg durch einen touristisch durcherschlossenen Wald stur geradeaus am Isarufer flussaufwärts führt, verfranst man sich unfehlbar so vielfältig, dass ich in zwanzig Jahren keine zweimal genau dieselbe Strecke gegangen bin, der Klosterladen hält einwandfreien lokal hergestellten Honig von sichtbar umherschwärmenden Bienen feil – falls – selten genug – noch welcher da ist –, hinterher ist man so rechtschaffen müde, dass man sogar zu faul ist, im anliegenden Klosterbräustüberl als Isarpreuße herumzustören, und obwohl das ein noch viel steilerer Aufstieg aufs Isarhochufer ist, als man über die Straße bis in die Traditionskneipe hinein gehechtet wäre, kommt man mit der S7 vom Bahnhof Hohenschäftlarn aller 20 Minuten wieder nach München. Bei dem fiesen Anstieg aufs Hochufer in den Hauptort holt man sich erst den Muskelkater, da hilft auch die still vor sich hin verfallende Kapelle Maria Rast nix. Oben vekehrt sich’s bei gleichem Aufwand auch weiter nach Wolfratshausen, wenn man unbedingt meint.

Panorama Kloster Schäftlarn

Das Klosterbräustüberl Schäftlarn bleibt selbstverständlich mit seinen drei Umlauten im Domainnamen und seinem Schnitzel- und Steaktag aus den persönlich ansprechbaren Isartaler Angusrindern ausgerechnet an unchristlich gewählten Freitagen nur die zweite Sehenswürdigkeit am Ort, durch den man mir nix dir nix durchgerauscht ist, wenn man nicht rechtzeitig an der Klosterkirche bremst.

Letztere ist nämlich von einem idylischen Friedhof umzingelt, und an der Kirchenwand, gleich linker Hand der Hauptpforte, findet sich das Schild angeschroben:

Marie von Erdödy, Schild Friedhof Kloster Schäftlarn

ANNA MARIA GRÄFON ERDÖDY

1779 — 1837

FAND IN SCHÄFTLARN IHRE LETZTE RUHE.

LUDWIG VAN BEETHOVEN

WIDMETE IHR IN DANKBARKEIT

ZWEI KLAVIER-TRIOS

UND ZWEI VIOLONCELLO-SONATEN.

BEETHOVEN-GESELLSCHAFT MÜNCHEN

„Zwei Klavier-Trios“ ist gut. Die Gräfin Anna Maria „Marie“ von Erdődy (mit ungarischem ő) hat von Beethoven nichts Geringeres denn das vom Beufsmusiker E.T.A. Hoffmann für die Musikgeschichte dringend empfohlene Geistertrio – und dann noch einiges geschenkt bekommen, was sie in den Kreis der Verdächtigen als Beethovens obskure Unsterbliche Geliebte aus dem gleichnamigen Brief vom Montag, den 6. Juli 1812 rückt.

Präalatengarten Kloster Schäftlarn

Ohne einem Frauenschicksal hinterherzuspüren, das eine Banater Adlige zu Beethovens Verehrerin der ersten Stunde, seiner Gönnerin, Hauswirtin in der Krugerstraße 1074 im Wiener 1. Bezirk, Eigentümerin des geeigneten Landguts für den viel späteren Verein der Freunde der Beethoven-Gedenkstätte in Floridsdorf, einer seiner allerengsten Lebensfreundinnen, wenn nicht gar noch Unsterblichen Geliebten machte – ohne, sagte ich, solchen wahrhaft verwirrenden Details hinterherzuspüren, weil wir darüber ohnhein nicht herausfinden, was die Gräfin an ihren Sterbeort im zarten 57. Lebensjahr zu München trug – und vor allem: wer oder was sie dann an ihre Grabstätte vor der Kirchenmauer der Benediktinerabtei – und eben nicht Benediktinerinnenabtei – Schäftlarn getragen haben mag, wohin ihr in späteren Zeitaltern noch eine bis 1990 existierende Münchner Beethoven-Gesellschaft mit einer von geistlicher Seite zu genhemigenden Gedenktafel nachruft – ohne diese Verwirrungen eines erwartbar an allen Ecken und Enden überraschenden Lebenswandels zu einer Auflösung zu führen und velmehr in unserer vielgestaltigen Verwunderung steckenzubleiben, wollen wir an dieser Stelle über ihren Widmungen ihres Frauenschicksals gedenken, wenn auch nicht ohne eine gewisse Wehmut des Versäumnisses:

  1. Klaviertrio op. 70 Nr. 1, „Geistertrio“, Lieblingsaufnahme mit Barenboim, Zukerman & du Pré:

  2. Klaviertrio op. 70 Nr. 2:

  3. 4. Cellosonate op. 102 Nr. 1:

  4. 5. Cellosonate op. 102 Nr. 2 – beide letzteren auf den Leib des Cellisten Joseph Linke komponiert:

  5. Kanon Glück, Glück zum neuen Jahr, WoO 176:

So eine nachweinende Wehmut bleibt einem sowieso jedesmal, wenn man von München aus nach Schäftlarn wandert. Auch wenn man im Gegensatz zu der verstorbenen Gräfin Erdődy aus eigenen Mitteln zurück nach München gelangt, verpasst man immer irgendwas bei seinem bemessenen Aufenthalt: Entweder hat der überaus sehenswerte Prälatengarten – man beachte dort das persönlich erinnernde, anrührende Dankschreiben von Papst Benedikt „Ratzefummel“ XVI. – ist zugesperrt, man ist zu geizig, um ins Klosterbräustüberl einzukehren, oder zu katholisch, um fastenfreitags dessen Angebot eines Angusrindersteaks zu nutzen, oder der Klosterladen hat wahlweise Ruhetag oder keinen Honig mehr.

Eingang Klosterladen Schätlarn

Man steckt nicht drin, in den wenigsten der angeführten Umstände. Um wenigstens den Klosterladen geöffnet zu erwischen, damit man daheim sein – so vorrätig – Halb- oder Pfundglasl Klosterhonig vorweisen und sagen kann: „Schau her, ich bin dagewesen“ – die Öffnungszeiten sind:

Mittwoch–Samstag 14.00–17.00 Uhr
Sonn- und Feiertage 11.00–17.00 Uhr

Während der Monate Januar bis Ende März ist der Klosterladen sonntags geschlossen.

Zu deutsch: Montag und Dienstag haben Sie Glück, wenn Sie mal aus dem idyllisch plätschernden Brunnen im Prälatengarten Im Zweifelsfall vorher zu den angegebenen Öffnungszeiten mal anrufen; die Schäftlarner, mit denen man touristisch zu tun hat, sind nach meiner Erfahrung auffallend freundlich. Wer bis hier mitgelesen hat, kriegt als Belohnung den Geheimtipp mit: Der Schnaps ist meistens noch da. Vielleicht war die Gräfin Erdődy ja doch eine gesegnete Frau.

Landstraße nach Kloster Schätlarn

Buidln: Lars Melzer für Google Maps, Januar 2020;
das Schild von mir, die anderen via Abtei Schäftlarn.

Bonus Track. Johannes Buxbaum an der Klosterorgel Schäftlarn, 15. April 2020:
Pater Anton Estendorffer: Capriccio super Christ ist erstanden, 2008:

Written by Wolf

12. Juni 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Schall & Getöse

Wem recht die Brust sich dehnte vom sanften Lau des März (oh yeah!)

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Update zu Und Beethoven so: WTF??!!! (Aufmerksam hab‘ ich’s gelesen)
und Da unten in jenem Thale (da geht ein Kollergang):

Tina Sosna, Ricarda, Silja, Julia. Lacustrine, 2017

Gustav Seibt sagt es so — ausnahmsweise nicht in der Süddeutschen Zeitung, sondern auf Facebook am 20. September 2019:

Oh, yeah!

Von Eckhard Henscheids Eichendorff-Büchlein „Aus der Heimat hinter den Blitzen rot“ kann man wohl kaum mehr als fünf Seiten am Stück lesen, schon weil man unentwegt unterbricht, um die anzitierten Vertonungen nachzuhören. Aber vor allem weil Henscheid sich immer wieder in ein Delirium redet und schreibt, und zwar ein gleichermaßen verquasseltes wie poetisch verdicktes, eine Suada des Enthusiasmus über Dichtung und Musik — im Grund ist es fast egal, wo genau man in diesen Stream einsteigt und reinhört, die Bilder, Metaphern, preziösen Fremdwörter, verbalen Ausbrüche und Rücknahmen steigern sich immer wieder zu einem erhöhten Sprachzustand, dem oft nur der Abbruch mitten mit im Satz beikommt — hier eine Soundprobe zu „künftigem großen Glück“ und „Mondesglanz“: Wer danach nicht zu Robert Schumann und Felix Mendelssohn eilt, hat ein Herz aus Stein.

Mit der Soundprobe meint er:

——— Eckhard Henscheid:

Aus der Heimat hinter den Blitzen rot:
Gedichte von Joseph von Eichendorff.
Ein Lesebuch von Eckhard Henscheid

Hanser Verlag, 1999:

Tina Sosna, Ricarda, Silja, Julia. Lacustrine, 2017Der „Frühlingsnacht“ wie des Schwesterwerks künftiges großes Glück: ganz auszuloten ist das Gemeinte nicht. Es hat zu tun mit einer spezifischen Gestimmtheit, mit einer Idee, die als sinnlich überaus scheinende bei vielen der ebendeshalb allerschönsten Eichendorffstrophen und -zeilen aufgeht; sonst zuweilen eben auch von mancherlei Schumann-Musik; aber vor allem wiederum doch der Mendelssohns, dem Beginn des Violinkonzerts in e-moll etwa, oder dem Elfenchor des „Sommernachtstraum“, beidemale vernehmlich in Sonderheit im bangfrohen Pochen der Pauken: als tippten sie wie ein erwartungsvolles Kätzchen mit der sanften Pfote auf unsere dämmrige Stirn, uns zum Aufbruche zu mahnen, ins künftige große Glück, gleichwie zu pochen und zu tippen an des Zukunftsschicksals ja schon halboffene Pforte —

— was aber dieses künftige große Glück denn nun wirklich ganz genau sei, das läßt sich trotzdem nicht sagen, höchstens allzu geschwollen. Das im Sinne der ganz besonderen und unwiederbringlichen, allerdings offenbar im Gedicht doch revozierbaren Eichendorff-Heidelbergischen Romantik aufgebrochene und entfesselte Menschheitsgefühl selber wird es wohl sein, kulminierend und symbolisch gekrönt in dem werweiß deutschesten aller Wörter, dem „Mondesglanz“ als der damit schon erfüllten Vorahnung des großen Glücks, als der fast militanten Lichtfanfare der Idee Romantik, einer speziell deutschen Romantik zugleich — vorzüglich dann, wenn dieser Eichendorff-Schumannsche „Mondesglanz“ diesmal weniger von Hermann Prey, sondern einer so spezifischen Deutschen wie der bekannten Jessye Norman ausgestoßen wird: es ist das dann schon wie ein hinreißend-hingerissener Trumpfdreisilber mitten im schäumenden Triumphgefühl, oh yeah.

Tina Sosna, Ricarda, Silja, Julia. Lacustrine, 2017

Das fasst schon auf der kurzen Strecke zusammen, warum ich Henscheid unter den verdienstvollen Recken der Neuen Frankfurter Schule immer am wenigsten mochte — was mein Problem ist, nicht seins: „spezifische Gestimmtheit“, „das im Sinne der ganz besonderen und unwiederbringlichen, allerdings offenbar im Gedicht doch revozierbaren Eichendorff-Heidelbergischen Romantik aufgebrochene und entfesselte Menschheitsgefühl“, und „beidemale vernehmlich in Sonderheit im bangfrohen Pochen der Pauken“, also bitte mal; ich hoffe inständig, aus alter Befangenheit nur blind für Henscheids Selbstironie zu sein.

Dabei ist gerade er mit seinen Feldzügen gegen das Dummdeutsche, die das „publizistische Scharmützel“ (Wolfgang Heubisch, FDP, 2009) nicht scheuen, einer der verdienstvollsten Neuen Frankfurter, dazu — siehe oben — mit hoher Affinität zur deutschen Romantik, und als gebürtigem Amberger sollte ich ihm eigentlich persönlich nahe stehen. Eigentlich. Aber noch eigentlicher kommt man — siehe noch weiter oben — eben nicht um ihn herum. Jedenfalls hat er die richtigen Fans: Ebenjenem Gustav Seibt, von dem ich nicht wenig halte – endlich mal ein Journalist, der sich im richtigen Thema richtig auskennt —, gilt Henscheids „unvergleichliche Leistung des Humors“ geradezu als „Henscheidsche Wende in der deutschen Nachkriegsliteratur“. Alle Achtung. Sag ich ja, dass es mein Problem ist, nicht seins.

Außerdem hat Gustav Seibt seinerseits Facebook-Follower, die sich zu etwas gehaltvolleren Kommentaren herbeilassen als „lol“, „ggg“ oder „This.“ Zu seiner Auslassung über Aus der Heimat hinter den Blitzen rot unter anderem:

Tina Sosna, Ricarda, Silja, Julia. Lacustrine, 2017Niemand deliriert schöner als Jean Paul und sein Erbe Henscheid.

Die einen sagen so, die andern so. Siehe oben.

Schön auch Henscheids Wandergedicht im postromantischen Eichendorff-Sound samt Heine’scher Brechungen!

Danach Henscheids Wandergedicht als Telephonphotographie. Siehe unten (das Gedicht, nicht das Handyfoto).

Vielleicht könnte der Verlag ja einfach den Soundtrack als CD (oder als Playlistlink, für die jüngeren unter uns) beilegen?

Auch gute Idee. Der Soundtrack zu einem Buch als Spotify-Playlist wäre nicht das Dümmste, was ich je angelegt hätte.

Fangen wir an mit den Textbelegen: Soll Henscheid meist verdeckt Literatur- und Opernzitate in seine Texte einmontieren, ist das „künftige große Glück“ in der Vorlage Eichendorff recht eindeutig zuzuordnen:

——— Joseph von Eichendorff:

Schöne Fremde.

1837:

Es rauschen die Wipfel und schauern,
Als machten zu dieser Stund‘
Um die halbversunkenen Mauern
Die alten Götter die Rund‘.

Hier hinter den Myrthenbäumen
In heimlich dämmernder Pracht,
Was sprichst du wirr wie in Träumen
Zu mir, phantastische Nacht?

Es funkeln auf mich alle Sterne
Mit glühendem Liebesblick,
Es redet trunken die Ferne
Wie von künftigem großen Glück! —

Tina Sosna, Ricarda, Silja, Julia. Lacustrine, 2017

Die gleiche Lage besteht beim „Mondesglanz“:

——— Joseph von Eichendorff:

Frühlingsnacht

1837:

Übern Garten durch die Lüfte
Hört ich Wandervögel ziehn,
Das bedeutet Frühlingsdüfte,
Unten fängts schon an zu blühn.

Jauchzen möcht ich, möchte weinen,
Ist mirs doch, als könnts nicht sein!
Alte Wunder wieder scheinen
Mit dem Mondesglanz herein.

Und der Mond, die Sterne sagens,
Und in Träumen rauschts der Hain,
Und die Nachtigallen schlagens:
Sie ist Deine, sie ist dein!

Tina Sosna, Ricarda, Silja, Julia. Lacustrine, 2017

Ein gedeihlicher Fund war mir Henscheids Wandergedicht. Das lässt einen fast schon mit allen Ressentiments brechen, schon gar mit den hässlich grundlosen wie denen gegenüber dem Oberpfälzer Nachkriegsliteraturüberwinder und -wender Henscheid:

——— Eckhard Henscheid:

Vorfrühling im Sulzbacher Land

vor 2008:

Tina Sosna, Ricarda, Silja, Julia. Lacustrine, 2017Wer auf den Wogen schritte
von lindem frischem Grün;
wer über Hügel glitte,
wo Anemonen glühn;

Wem recht die Brust sich dehnte
vom sanften Lau des März;
wer in den Hain sich sehnte:
dem blümt jetrzt Aug‘ und Herz.

Rings sich die Wiesen weiten,
und blau am Firmament
Düfte in Schaum sich kleiden
von Wolken – und man wähnt

Heut‘ schon Karfreitag gekommen,
diesig unde bräsig – das Warten
auf Ostern, freudvoll beklommen:
des Schmauses im Prohofer Garten.

Zwei Herren streichen für sich hin
– es lümmelt ein Lufthauch, ein warmer – :
der eine im Polohemd, Krauskopf, Bluejean,
der and’re sieht aus wie ein sehr kleiner Farmer.

Löwenzahn knistert, Schwalbe girrt;
Buschwind fährt sachte durchs Röschen;
voll in die Landschaft ist integriert
des Farmers grasgrünes Höschen.

Igelchen raschelt im laubigen Blatt,
froh des erwachten Gewandels –
fern dröhnt das Lärmen der staubigen Stadt,
Zentrum des Teppichhandels.

Zwei Herren dackeln übers Land
in trautem Plausch – zwei Bekannte –,
und zwischen ihnen pendelt gewandt,
Wenzi, die Hundetante.

Tina Sosna, Ricarda, Silja, Julia. Lacustrine, 2017

Eine Herausforderung ist der Soundtrack als Playlist in einer Aufzählung, die sogar die Einspielungen unterscheidet. Der Bestand aus Seibts Ausschnitt heißt uns für den Anfang zu Robert Schumann und Felix Mendelssohn eilen:

  1. Felix Mendelssohn Bartholdy: Violinkonzert e-Moll, opus 64, 1844,
    live mit Hilary Hahn:

  2. Felix Mendelssohn Bartholdy: Ein Sommernachtstraum, opus 61, 1842, Elfenreigen,
    live auf dem Münchner Odeonsplatz:

  3. Robert Schumann: Schöne Fremde, aus: Liederkreis, opus 39, 1840/1842,
    Probenmitschnitt einer Meisterklasse unter Dietrich Fischer-Dieskau:

  4. Robert Schumann: Frühlingsnacht, aus: Liederkreis, opus 39,
    wie von Henscheid empfohlen von Jessye Norman:

Das war aus einer einzigen Druckseite, auf der ein musikalisch beschlagener Satiriker Vertonungen mit Eichendorff-Bezügen anzitiert, die ein bedeutender Feuilletonist mit Henscheid-Bezügen anzitiert. Nicht auszudenken, was auf den restlichen 175 Seiten der Heimat hinter den Blitzen rot noch alles gespielt wird.

Tina Sosna, Ricarda, Silja, Julia. Lacustrine, 2017

Vorfrühlingsbilder: Tina Sosna: Ricarda, Silja, Julia. La(u)custrine, 2017.

Bonus Track: My Bubba & Mi: Through & Through, aus: Wild & You, 2011:

Written by Wolf

13. März 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Romantik

Ein ganz anderer Kerl als der Fuchs oder Wolf (so, gerade so bist du)

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Update zu Sollen denn aber bloß diese Kasus in der neu aufblühenden Kunstschule gebildet werden
(wenn wir bei deutscher Mundart bleiben)?
:

Die Stelle mit dem Kater wird dessen Halter besonders gerne dann vor Augen gestellt, wenn er zweie davon hat. Hab ich gehört.

Ansonsten werde ich nicht ruhen, Ludwig Tieck als so relevant (nicht „aktuell“) darzustellen, wie er ist, bis wenigstens der Deutsche Klassiker Verlag sich herbeilässt, seine liegen gelassene Gesamtausgabe von fünf Bänden — davon die ersten schon wieder vergriffen — auf die vorgesehenen zwölf aufzustocken.

Aus dem formatierten Volltext in die originale Rechtschreibung zurückkorrigiert:

Nova Sophia, 25, 12. Oktober 2017

——— Ludwig Tieck:

Die Gesellschaft auf dem Lande

Berlinischer Taschenkalender, 1825:

„Man wird mit dem Pferde eins“, sagte Römer, „Mensch und Thier lassen sich gar nicht mehr trennen.“

William-Adolphe Bouguereau, Innocence, 1873„Da sprecht Ihr ein gescheutes Wort“, rief Binder, „darin liegt das Geheimniß und auch der Schlüssel zu tausend Dingen, die man ohne ihn niemals begreifen würde. Es ist unglaublich, was die Thiere durch uns empfangen, indem wir sie zähmen und zu Hausthieren machen: alle die Anlagen, die die gütige Natur ihnen mitgetheilt hat, werden nur erst dadurch, daß ein Theil des Menschengeistes in sie übergeht, etwas Lebendiges und Geistiges. Die Zähmbarkeit ist ihr Genie, und durch Regel, Ordnung und Vernunft, die das wunderbare Wesen nun beherrscht und sich ihm mittheilt, erwachsen die Erscheinungen und Künste, die wir am Pferde und Hunde bewundern müssen. Dadurch, daß der Hund gezähmt werden kann und sich zum Menschen sehnt, diesen auch weit mehr liebt, als sein eigenes Geschlecht, ist er eben ein ganz anderer Kerl als der Fuchs oder Wolf, mit denen er doch in so naher Familienverbindung steht. Aber eben so wie die Thiere gewinnen, und etwas in ihrer Natur auch verlieren, so geht es ebenfalls dem Menschen, wenn er in diese Allianz tritt. Er entwickelt unbewußt thierische Anlagen, die vorher schlummerten. Der Jäger, der sich täglich und nächtlich mit seinem Hunde umtreibt, oder der Liebhaber, der mit seinem Pudel stündlich spielt, fängt allgemach an, die Dinge so zu sehen, wie das Thier. Er bekommt einen ähnlichen Neid, sowie eine Verwandtschaft in Blick, Geberde und Gang, er kann auch schon keinen Stock liegen sehn, ohne die Lust, apportiren zu lassen, und so wie ihm der Hund nur winkt, so thut er ihm auch den Gefallen, den Span aufzunehmen, und mit dem Liebling das langweilige Spiel zu treiben. Wie das Pferd den Reiter versteht, wie der Sinn und die Art des Rosses in den Mann übergeht, wie beide sich wechselsweis errathen, wie ihr Instinkt in der Gefahr ein und derselbe wird, darüber ließe sich vielerlei sagen, obgleich die Liebe des Gauls zum Menschen eine ganz andere, als die knechtische des Hundes ist. Ein Hund kann eigentlich nicht gekränkt werden, ein Pferd wohl, und je edler es ist, so leichter. Welcher Rinderhirt hält den Kopf nicht eben so, wie sein Vieh. Man erzeigt mir die Ehre, meine Schaafzucht für die beste in der Provinz zu halten, da kommen denn die Leute, und wollen sich bei mir Raths erholen. Was ein anderer mir so sagen kann über dergleichen, das ist niemals das beste. Andere lachen über meine Anstalten, verwundern sich aber doch, daß alles so gedeiht. Im Winter tragen einige meiner Schaafe Kappen, diese sind an den Köpfen empfindlich, etlichen habe ich Jacken angezogen, manchen eine Art von Schuh gemacht. Die Garde geht auch anders, als die Füseliere, Dragoner sind von den schweren Kürassieren unterschieden. Alles hat seine Vernunft und seinen guten Grund. Woher ich nun alles habe, was ich bei meiner Schäferei, und mit so gutem Erfolge, anwende? Denken? Beobachten? Erfahrungen anderer benutzen? O ja, das ist auch alles ganz gut und nicht zu verachten, – aber die Hauptsache ist doch, daß ich zu Zeiten in meinen Schaafstall gehe, nun drängt und wälzt sich alles das Wollenvieh zu mir heran. ‚Schäfer‘, sag‘ ich, ‚laßt mich ein Weilchen allein‘. Nun mach‘ ich die Augen zu, taste mit beiden Händen um mich her, fasse bald den Kopf, bald den Rücken dieses und jenes Hammels, versenke mich ganz in das Gefühl und die Anschauung, werde mit einem Wort, ganz und gar und völlig zum Schaaf. In diesem Schaafthum, in diesem wachen Schlummerzustande kommen mir denn die allerbesten Erfindungen und Verbesserungen, und in diesen Stunden der Weihe empfange ich durch Instinkt oder Inspiration alles, was ich abändern, was ich anwenden muß. Wem kann ich aber diese Gabe wohl mittheilen, der nicht schon selbst auf guten Wegen geht? Und nun, meine Herren, beobachten Sie einmal meinen Gang, ich will ein paarmal auf und nieder wandeln, – he, ist es nun nicht ganz der Gang eines Hammels? Aufrichtig gesprochen, ja! Sehen Sie meine Physiognomie unbefangen an. Sie verändert sich von Jahr zu Jahr: immer mehr wächst mir der Hammelausdruck in Stirn und Nase hinein. Ich niese auch schon wie die Schaafe, und wenn ich einmal viel spreche, wie jetzt eben, so gibt es wahrlich schon unter meinen Redetönen so viele Blökelaute, die knarrenden lang gezogenen Määähredensarten der Mutterschaafe, daß ich mich vor Worten, wie: ‚Wehe! sähe, geschähe‘ u. dgl. einigermaßen hüten muß.“

Sheepy Hollows, 8. Februar 2017Gotthold ergötzte sich heimlich an diesen Bekenntnissen, der Obrist nahm eine Prise nach der andern, um nur das Lachen zu unterdrücken, Römer sah gen Himmel, und erinnerte sich wohl einiger Lebensgefahren seiner Jugend, um eine ehrbare Miene zu behalten; aber der alte Baron brach, nach nicht sonderlich langem Kampfe, mit einem ungemäßigten, lauten und anhaltenden Lachen hervor. „Nun wahrlich“, sagte er endlich, sich noch immer die ermüdeten Seiten haltend, „das ist ein Selbstlob von ganz eigener, so wie völlig neuer Art! Das ist eine Einbürgerung in einen Stand und die Urbarmachung einer Geniegegend, von denen unsere Vorfahren nichts wußten. Du könntest eine ganz neue erklärende Ausgabe der ovidischen Metamorphosen veranstalten, wenn ein einfaches Entgegenkommen, nach deiner Meinung, das Wunder überflüssig macht.“

„Aber was ist denn da zu lachen?“ sagte Binder plötzlich mit dem heftigsten Zorne. „Lachen, wenn ein denkender Mann etwas Tiefes und Gründliches spricht? Bloß, weil es der alten Basenweisheit vielleicht ein wenig sonderbar vorkommt? Auch an dir bewährt sich meine Beobachtung. Du liegst hier seit Jahren still und träge, und spielst unermüdet mit deinen großen und kleinen Katzen. Wie nun ein alter Kater wohl zwölf Stunden ruhig mit zugekniffenen Augen unter dem Ofen liegt, indes umher Spiel und Tanz, Zwist und Versöhnung, Musik und Gespräch, oder selbst wichtige Begebenheiten vorfallen, er aber nichts weiß und erfährt, und endlich langsam, langsam hervorkriecht, die Vorderbeine weit ausstreckt, sich dehnt, sie zurückzieht, und, mit den vier Beinen eng aneinander, den hohen Buckel hinaufrollt, wie es ihm keine andere Creatur nachmachen kann, so daß er wie ein griechisches Omega dasteht: so, gerade so bist du, der auch zu allem Neuen, zu allen Fortschritten, zum Anwachs der Vernunft und Kenntnisse, wie beim Abschnitte der Wissenschaften und Zöpfe mit deinem langgedehnten ‚Oooo!‘ verwundernd dastehst, und die Augen dann erstaunend aufmachst, daß es noch andere Wesen, als Kater in der Welt geben soll.

„Jetzt bei deinem O!“ sagte der Baron, „fand ich deine vorige Behauptung, die mir als unglaublich auffiel, bestätigt.“

Jean-François Millet, Orsay 1863

Schaafsbilder:

  1. Nova Sophia: 25, 12. Oktober 2017;
  2. William-Adolphe Bouguereau: Innocence, 1873;
  3. Sheepy Hollows, 8. Februar 2017;
  4. Jean-François Millet: Le Retour du Troupeau, La Grande Bergère, Orsay 1863.

Soundtrack: Pink Floyd: Sheep, aus: Animals, 1977:

Written by Wolf

14. Februar 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Das Tier & wir, Romantik

Dieß ward schon oft gesprochen, doch spricht man’s nie zu oft

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Update zum 2. Advent 2014: Vom Bäumlein, das andere Blätter hat gewollt
und Quis me amabit? (Wer sol mich minnen?):

Friedrich de la Motte Fouqué, 12. Februar 1777 bis 23. Januar 1843, verlebte die Jahre 1803 bis 1831 auf Schloss Nennhausen im heutigen Landkreis Havelland als außergewöhnlich produktiver Modeschriftsteller.

1817 war der Glanz, zumal der finanzielle, seiner literarischen Meterware stark unterschiedlicher Qualität weitgehend verblasst. In demselben Jahr war Trost, das vermutlich schönste Gedicht des ausufernden Epikers, eine zur Veröffentlichung freigegebene Tatsache, schon im zweiten Band seiner gesammelten Gedichte. Wer dagegen wann und warum und unter welchen Umständen die Fouqué-Eiche im Nennhausener Schlosspark — wohl gegen 1550 — gepflanzt und — wohl gegen 1810 — benannt hat, bleibt über all den Berichten über ihren Zusammenbruch — am 17. April 2006 — ungewiss.

Stand Februar 2005:

Fouqué-Eiche, Baumjäger via Ostdeutsches Baumarchiv, Februar 2005Die Fouqué-Eiche (Quercus robur) in Nennhausen.

Text bei Fröhlich (1994): Ausgesprochen attraktive Stieleiche, deren mächtiger hohler Stamm leicht geneigt ist und eine große halbseitige Öffnung aufweist. Der obere Kronenbereich ist schon reduziert. Einseitig reichen die Äste tief herab. Bizarre Trockenäste. Sehenswert: Schloß Nennhausen. Die Eiche ist benannt nach dem Dichter und Freiheitskämpfer Friedrich de la Motte Fouque (1777-1843), der in Nennhausen seinen Roman „Undine“ geschrieben haben soll.

Daten bei Fröhlich (1994): 500–600 Jahre, Höhe 21 m, Umfang 805 cm, Krone 23 m.

Standort: Auf einer Wiese neben dem Schloß.

Landkreis: Havelland.

Besucht in den Jahren: 2001, 2002, 2003, 2004, 2005, 2006, 2008, 2011, 2011, 2014, 2016, 2018.

Naturdenkmal: Ja.

Umfang 2005: 855 cm in 1,3 m Höhe.

Photo und Messung stammen aus Februar 2005, dem Jahr vor dem traurigen Ende dieser außergewöhnlichen Eiche. Schaut man sich das Bild an, den geneigten Wuchs des Stammes und die Form der Höhlung, so ist wahrscheinlich, dass es sich ihr einst um einen Tiefzwiesel, oder zweistämmigem Baum handelte, bei dem der eine Stamm vor langer Zeit ausbrach.

GPS-Koordinaten: 52.606540, 12.501861

Mai 2006:

Sie war ein mächtiges Baummonument mit Ihrem gewaltigem, geneigten und bis in die Krone hinauf vollkommen hohlen Stamm. Schon 1904 hieß es im Entwurf für das Forstbotanische Merkbuch der Provinz Brandenburg: In der Viehkoppel im Schloßpark eine alte Stieleiche, im Absterben begriffen, 6,50m U, 12-15m H, stark zerklüftet, des Haltes wegen mit Lehm und Stein ausgefüllt, von Epheu umsponnen.

Hundert Jahre später immer noch vital, bzw. mit wieder regenerierter Krone, schien sie, dem seinerzeit prophezeiten Schicksal trotzend, ewig leben zu wollen. Doch völlig unvermittelt, in den windstillen Morgenstunden des 17.04.2006, brach sie in sich zusammen.

Als wir dann, von dem Ereignis Kenntnis erhalten, drei Wochen später die Eiche besuchten, fanden wir sie, über die gesamte Krone, frisch austreibend vor, ein letztes Zeichen ihrer Vitalität. Der Torso lässt sich heute noch erleben, er wird jedoch immer mehr überwachsen.

Besucht in den Jahren: 1999, 2001, 2002, 2002, 2005, 2006, 2007, 2009, 2014, 2017.

Naturdenkmal: Ja, bis zu ihrem Zusammenbruch.

Die letzte Messung stammt aus Februar 2005, dem Jahr vor dem traurigen Ende dieser außergewöhnlichen Eiche. Das Photo ist aus Mai 2006, kurz nach ihrem Zusammenbruch. Sie strotzte immer noch so vor Kraft, dass aus den Ästen und Zweigen am abgebrochenem Stamm noch Blätter und Blüten austrieben.

Man hätte es ahnen können:

——— Friedrich de la Motte Fouqué:

Trost

aus: Gedichte, Zweiter Band, Gedichte aus dem Manns=Alter,
Cotta’sche Buchhandlung, Stuttgart und Tübingen 1817, Seite 75:

Wenn Alles eben käme,
Wie Du gewollt es hast,
Und Gott Dir gar nichts nähme,
Und gäb‘ Dir keine Last,
Wie wär’s da um Dein Sterben,
Du Menschenkind bestellt?
Du müßtest fast verderben,
So lieb wär‘ Dir die Welt!

Nun fällt — ein’s nach dem andern —
Manch süßes Band Dir ab,
Und weiter kannst Du wandern
Gen Himmel durch das Grab.
Dein Zagen ist gebrochen,
Und Deine Seele hofft; —
Dieß ward schon oft gesprochen,
Doch spricht man’s nie zu oft.

Fouqué-Eiche, Baumjäger via Ostdeutsches Baumarchiv, Mai 2006

Bilder: Baumjäger via Ostdeutsches Baumarchiv:

  1. Fröhlich — Wege zu alten Bäumen — Brandenburg — Nr 140 —
    Fouqué-Eiche in Nennhausen
    , Februar 2005;
  2. Fouque-Eiche in Nennhausen (Quercus robur), Umfang 8,55 m
    (2006 zusammengebrochen)
    , Mai 2006.

Soundtrack: Lisa Hannigan: Lille, aus: Sea Sew, 2008, live auf dem Baum 2011:

Written by Wolf

24. Januar 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Vier letzte Dinge: Tod

Etwas distinkt Metaphysisch-Transzendentales

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Update zu Die unnachsichtige Logik, zu der ich mich erzogen hatte:

Edgar Allan Poe, posthum 1853       But he lies in dust,
       And the stone is roll’d
Over his sepulcher dark and cold;
He has cancel’d all he has done, or said,
And gone to the dear and holy dead!
Let us forget the path he trod,
       And leave him now,
       With his Maker — God!

Richard H. Stoddard (zugeschrieben): Miserriums, aus: New York Tribune, in: EDGAR ALLAN POE, The National Magazine, März 1853;

Somewhat ironically, at the bottom of the last page on which this article was originally printed appears the following small bit of filler: „HARSH WORDS are like hailstones in summer, which, if melted, would fertilize the tender plant they batter down.“

Edgar Allan Poe — * 19. Januar 1809; † 7. Oktober 1849. Frank T. Zumbach lebt noch.

——— Frank T. Zumbach:

19. Januar 2020:

Der Text über Eddie stammt übrigens nicht von mir, es handelt sich lediglich um eine von mir übersetzte Cum-grano-salis-Anekdote, über deren Hintergründe ich hier noch endlos schwafeln könnte, immerhin halte ich sie für wahr, let that suffice.

Poe, Edgar Allan
(1809—1849)

aus: Der rasende Leichnam. Ein literarischer Befremdenführer.
Ausgewählt, mit einem Grußwort und biographischen Angaben versehen von Frank Tilman Zumbach,
Kleine Reihe Sachon, Band 3, Mindelheim 1986
,
letzte der Biographischen Angaben, Seite 171 f.:

John Alexander McDougall, Edgar Allan Poe, 1845Ein Zeitschriftenherausgeber aus Philadelphia, in seinen Reminiszenzen kurz ‚Tom‘ genannt, erinnerte sich daran, wie Poe einmal ebenso ’niedergeschlagen‘ wie ‚angeheitert‘ in seiner Redaktion erschien und drohte, hier, gleich und auf der Stelle, Selbstmord zu begehen: „Ich habe dieses Leben satt. Alles ekelt mich (hick) … ekelt mich an. Ich bin fertig. Ich will (hick) sterben.“ ‚Tom‘ machte den Vorschlag, er solle seinen Enschluß noch etwas hinauszögern, um ihn am gleichen Abend vor einem größeren Publikum in die Tat umzusetzen, einer öffentlichen Versammlung, die um 19 Uhr im städtischen Museum stattfinden würde. Dabei hätte er Gelegenheit, vor der ersten Festansprache gemessenen Schrittes zum Rednerpodium vorzugehen und von dort eine feierliche Abschlußrede zu halten: „Ich bin Edgar A. Poe — von meinen Freunden im Stich gelassen — von meinen Feinden verleumdet und verfolgt — von den Talentierten gefürchtet — unverstanden von der Welt — ohne jeden Rückhalt auf ein Gestirn verbannt, das ich verachte, von blödem Pöbel umgeben — nun seht! so fliegt ein Genius seiner Bestimmung zu!“ „Dann“, fuhr Tom fort, „schneiden Sie sich mutig vor der Masse die Kehle durch, und es wird in der gesamten Christenheit keine Zeitung geben, die über diesen Vorfall nicht detailliert berichten wird.“

„Beim Jupiter, Tom“, rief Poe aus, indem er aufsprang, „das ist eine fabelhafte Idee. Poetisch. Philosophisch. Entschieden römisch. Diese Todesart hätte wahrlich Stil. Es haftet ihr etwas distinkt Metaphysisch-Transzendentales an, Tom, etwas Besonderes, das nicht verfehlen wird, die Öffentlichkeit zu beeindrucken. Wie Lukretia, Tom, ne non procumbat honeste, etc.: ‚Ihr letzter Gedanke war’s, auf ehrbare Weise zu fallen.‘ So wird’s sein, Tom. Ihre Hand darauf. Die Versammlung findet um sieben statt, nicht wahr?“ Und er begab sich sogleich auf den Heimweg, um zuvor noch ein kleines Nickerchen zu halten. Dabei verschlief er den Termin.

Fachliteratur: Frank T. Zumbach: Edgar Allan Poe: Eine Biographie, Winkler, München 1986.

Jung-Edgar: Richard H. Stoddard: EDGAR ALLAN POE, The National Magazine, März 1853, Seite 193,
posthume Darstellung, via Edgar Allan Poe Society of Baltimore;
John Alexander McDougall: Edgar Allan Poe, 1845,
via AMERICAN GALLERY – 19th Century, 6. Juli 2017.

Soundtrack: Pink Martini: Que Sera, Sera (Whatever Will Be, Will Be), 1956,
aus: Sympathique, 1997, für: Mary and Max, 2009:

Written by Wolf

17. Januar 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Vier letzte Dinge: Tod

O Julie – Giulietta – Himmelsbild – Höllengeist – Entzücken und Qual – Sehnsucht und Verzweiflung

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Update zu Weinfassreiten an der Küste der Nacht (oder geschah es bei Tage):

Gedeihliches neues Jahr uns allen! Egal was Sie Silvester angestellt haben: Solange Sie sich daran erinnern können, muss schon was kommen, damit es falsch war. Die Wölfin zum Beispiel hat Silvester Bananeneis gemacht, was man guten Gewissens so weiterempfehlen kann.

Ad vocem Bananen: Zu Zeiten des Kalten Krieges musste immer ein Päckchen nach drüben verschickt werden — die Älteren entsinnen sich, vor allem die mit Verwandtschaft in der DDR — und es musste Weihnachten geschehen und unterm Jahr zu jedem Geburtstag besagter Verwandtschaft. Außen auf dem Päckchen musste gut sichtbar „Geschenkware, keine Handelsware“ geschrieben stehen, und drin musste außer den Bananen sein: Orangen, möglichst Jaffa, Kaffee, möglichst Jacobs Krönung, Seife und Strumpfhosen.

Im Gegenzug kamen Schallplatten und Bücher zurück — die „gab’s“ immer: schwer verderbliche Ware, über den Fünfjahresplan hinaus auf Vorrat produzierbar, für die deutsch-russische Freundschaft und die Konkurrenz zum „Westen“, sprich: die BRD, zum Renommieren geeignet, und die Kulturschaffenden konnten anhand ihrer Arbeit beweisen, dass sie das System liebten. Und Dresdner Christstollen und Danziger Goldwasser.

Die Schallplatten und Bücher waren oft gar nicht schlecht: Ein paar Einspielungen in prächtigen LP-Boxen des Ossis Johann Sebastian Bach sind bis heute beispiellos und kommen einer historisch-kritischen Ausgabe einzelner Werke gleich; die Bücher waren auf holzhaltigem, also stark gilbendem Papier, aber vorbildlich lektoriert und ausgestattet. Für bestimmte Schreiber in ordentlich kommentierten Ausgaben muss man heute noch auf die inzwischen dunkelbraun vefärbten DDR-Schwarten zurückgreifen, zumal bei abseitigen Russen oder gängiger Weltliteratur, die man sich ordentlich, also so respekt- wie liebevoll illustriert wünscht. Ich erinnere mich an eine wunderschöne, leider nicht ganz vollständige Ausgabe der Grimmschen Märchen mit Illustrationen von Professor Werner Klemke, die vom Beltz Verlag vorgehalten wird, an einen ganzen Stapel Kinderbücher mit Bildern von Manfred Bofinger, und ich erinnere mich an den ungebändigt produktiven, ehrfurchtgebietenden, hochverdienten und in allen mir zugänglichen Bücherschränken allgegenwärtigen Klaus Ensikat, den letzten überlebenden Großrecken der Buchgestaltung in der DDR.

Gerade 2019 hat Ensikat — endlich — Die Abentheuer der Sylvester-Nacht von E.T.A. Hoffmann für die Bayreuther Pressendrucke bei The Bear Press illustriert. Sollten Sie noch Weihnachtsgeld übrig behalten haben: Schön sind Ensikat-Illustrationen ohnedies, ihren Preis wert scheinen sie allemal:

Imprint Antiqua, 68 S., 19 x 28 cm:

  • Edition de Tête: 83 Exemplare, Halbpergament. Subskriptionspreis bis 30.06.2020: € 800,00;
  • Vorzugsausgabe: 25 Exemplare, eine zusätzliche Radierung, anthrazitfarbenes Maroquin. Subskriptionspreis bis 30.06.2020: € 1200,00;
  • Luxusausgabe: 12 Exemplare, alle 12 Radierungen vom Künstler aquarelliert. Preis auf Anfrage;
  • Suitenausgabe: 12 Exemplare mit 12 einzeln signierten Radierungen, dunkelrote Leinenkasette. Subskriptionspreis bis 30.06.2020: € 1200,00.

Niemand konnte so passend die Raserey der Eifersucht und unerwiderten Liebe ausbreiten wie E. T. A. Hoffmann — nicht ohne lebendigen Grund. Für die Sylvester-Nacht schien es am passendsten, um eine Handlung, die sich offen — mit Namensnennung — an den Peter Schlemihl seines persönlichen Kumpels Adalbert von Chamisso sowie versteckter an den Fauststoff anlehnt, seinen öfter verwendeten „reisenden Enthusiasten“ zu schlingen, um klarzumachen, wie er sich doch als noch aufstrebender Schriftsteller von dergleichen Wahnsinn distanziere.

Aufkommende Schwarzromantik mit Rahmenhandlung eines fiktiven generischen Ich-Erzählers, veräußerte Schatten, drei Kapitel lang hinausgezögerte Spannung auf eine Allegorie zu, aus der nachmals nur noch ein Opernstoff werden konnte — soviel Verfremdung musste sein. Immerhin war der Mann verheiratet, und zwar mit der zur Zeit der Sylvester-Nacht 37-jährigen Marianne Thekla Michaelina „Mischa“ Rorer-Trzcińska und nicht etwa mit einer 19-jährigen Lieblingsklavierschülerin namens Giulietta, nicht doch: Julia.

Übigens feiert Klaus Ensikat, * 1937, am 16. Januar Geburtstag (wir wollen ihm wünschen: sehr aktiv), E. T. A. Hoffmann, * 1776, am 24. Januar (passiv). Beiden traue ich in ihren besten Phasen jederzeit zu, dass sie eine Silvestergeschichte dieses Umfangs am 3. Januar fertig haben. — Im Volltext:

——— E. T. A. Hoffmann:

Die Abentheuer der Sylvester-Nacht

aus: Fantasiestücke in Callot’s Manier. Vierter und letzter Band. C. F. Kunz, Bamberg 1815, Seite 1 bis 104:

1.
Die Geliebte.

Klaus Ensikat, Die Abentheuer der Sylvester-Nacht, Pressendrucke bei The Bear Press, 2019Ich hatte den Tod, den eiskalten Tod im Herzen, ja aus dem Innersten, aus dem Herzen heraus stach es wie mit spitzigen Eiszapfen in die gluthdurchströmten Nerven. Wild rannte ich, Hut und Mantel vergessend, hinaus in die finstre stürmische Nacht! – Die Thurmfahnen knarrten, es war, als rühre die Zeit hörbar ihr ewiges furchtbares Räderwerk und gleich werde das alte Jahr wie ein schweres Gewicht dumpf hinabrollen in den dunkeln Abgrund. – Du weißt es ja, daß diese Zeit, Weihnachten und Neujahr, die Euch Allen in solch heller herrlicher Freudigkeit aufgeht, mich immer aus friedlicher Klause hinauswirft auf ein wogendes, tosendes Meer. Weihnachten! das sind Festtage, die mir in freundlichem Schimmer lange entgegenleuchten. Ich kann es nicht erwarten – ich bin besser, kindlicher als das ganze Jahr über, keinen finstern, gehässigen Gedanken nährt die der wahren Himmelsfreude geöffnete Brust; ich bin wieder ein vor Lust jauchzender Knabe. Aus dem bunten vergoldeten Schnittwerk in den lichten Christbuden lachen mich holde Engelgesichter an, und durch das lärmende Gewühl auf den Straßen gehen, wie aus weiter Ferne kommend, heilige Orgelklänge: „denn es ist uns ein Kind geboren!“ – Aber nach dem Feste ist Alles verhallt, erloschen der Schimmer im trüben Dunkel. Immer mehr und mehr Blüthen fallen jedes Jahr verwelkt herab, ihr Keim erlosch auf ewig, keine Frühlingssonne entzündet neues Leben in den verdorrten Aesten. Das weiß ich recht gut, aber die feindliche Macht rückt mir das, wenn das Jahr sich zu Ende neigt, mit hämischer Schadenfreude unaufhörlich vor. „Siehe,“ lispelt’s mir in die Ohren, „siehe, wie viel Freuden schieden in diesem Jahr von Dir, die nie wiederkehren, aber dafür bist Du auch klüger geworden und hältst überhaupt nicht mehr viel auf schnöde Lustigkeit, sondern wirst immer mehr ein ernster Mann – gänzlich ohne Freude.“ Für den Sylvester-Abend spart mir der Teufel jedesmal ein ganz besonderes Feststück auf. Er weiß im richtigen Moment, recht furchtbar höhnend, mit der scharfen Kralle in die Brust hineinzufahren und weidet sich an dem Herzblut, das ihr entquillt. Hülfe findet er überall, so wie gestern der Justizrath ihm wacker zur Hand ging. Bei dem (dem Justizrath, meine ich) giebt es am Sylvester-Abend immer große Gesellschaft, und dann will er zum lieben Neujahr Jedem eine besondere Freude bereiten, wobei er sich so ungeschickt und täppisch anstellt, daß alles Lustige, was er mühsam ersonnen, untergeht in komischem Jammer. – Als ich in’s Vorzimmer trat, kam mir der Justizrath schnell entgegen, meinen Eingang in’s Heiligthum, aus dem Thee und feines Räucherwerk herausdampfte, hindernd. Er sah überaus wohlgefällig und schlau aus, er lächelte mich ganz seltsam an, sprechend: „Freundchen, Freundchen, etwas Köstliches wartet Ihrer im Zimmer – eine Ueberraschung sonder gleichen am lieben Sylvester-Abend – erschrecken Sie nur nicht!“ – Das fiel mir auf’s Herz, düstre Ahnungen stiegen auf und es war mir ganz beklommen und ängstlich zu Muthe. Die Thüren wurden geöffnet, rasch schritt ich vorwärts, ich trat hinein, aus der Mitte der Damen auf dem Sopha strahlte mir ihre Gestalt entgegen. Sie war es – Sie selbst, die ich seit Jahren nicht gesehen, die seligsten Momente des Lebens blitzten in einem mächtigen zündenden Strahl durch mein Innres – kein tödtender Verlust mehr – vernichtet der Gedanke des Scheidens! – Durch welchen wunderbaren Zufall sie hergekommen, welches Ereigniß sie in die Gesellschaft des Justizraths, von dem ich gar nicht wußte, daß er sie jemals gekannt, gebracht, an das Alles dachte ich nicht – ich hatte sie wieder! – Regungslos, wie von einem Zauberschlag plötzlich getroffen, mag ich da gestanden haben; der Justizrath stieß mich leise an: „Nun, Freundchen – Freundchen?“ Mechanisch trat ich weiter, aber nur sie sah ich, und der gepreßten Brust entflohen mühsam die Worte: „Mein Gott – mein Gott, Julie hier?“ Ich stand dicht am Theetisch, da erst wurde mich Julie gewahr. Sie stand auf und sprach in beinahe fremden Ton: „Es freuet mich recht sehr, Sie hier zu sehen – Sie sehen recht wohl aus!“ – und damit setzte sie sich wieder und fragte die neben ihr sitzende Dame: „Haben wir künftige Woche interessantes Theater zu erwarten?“ – Du nahst Dich der herrlichen Blume, die in süßen heimischen Düften Dir entgegenleuchtet, aber so wie Du Dich beugst, ihr liebliches Antlitz recht nahe zu schauen, schießt aus den schimmernden Blättern heraus ein glatter, kalter Basilisk und will Dich tödten mit feindlichen Blicken! – Das war mir jetzt geschehen! – Täppisch verbeugte ich mich gegen die Damen, und damit dem Giftigen auch noch das Alberne hinzugefügt werde, warf ich, schnell zurücktretend, dem Justizrath, der dicht hinter mir stand, die dampfende Tasse Thee aus der Hand in das zierlich gefaltete Jabot. Man lachte über des Justizraths Unstern und wol noch mehr über meine Tölpelhaftigkeit. So war Alles zu gehöriger Tollheit vorbereitet, aber ich ermannte mich in resignirter Verzweiflung. Julie hatte nicht gelacht, meine irren Blicke trafen sie, und es war, als ginge ein Strahl aus herrlicher Vergangenheit, aus dem Leben voll Liebe und Poesie zu mir herüber. Da fing Einer an im Nebenzimmer auf dem Flügel zu fantasiren, das brachte die ganze Gesellschaft in Bewegung. Es hieß, Jener sey ein fremder großer Virtuose, Namens Berger, der ganz göttlich spiele und dem man aufmerksam zuhören müsse. „Klappre nicht so gräßlich mit den Theelöffeln, Mienchen,“ rief der Justizrath und lud, mit sanft gebeugter Hand nach der Thür zeigend und einem süßen: „Eh bien!“ die Damen ein, dem Virtuosen näher zu treten. Auch Julie war aufgestanden und schritt langsam nach dem Nebenzimmer. Ihre ganze Gestalt hat etwas Fremdartiges angenommen, sie schien mir größer, herausgeformter in fast üppiger Schönheit, als sonst. Der besondere Schnitt ihres weißen, faltenreichen Kleides, Brust, Schultern und Nacken nur halb verhüllend, mit weiten bauschigen, bis an die Ellbogen reichenden Aermeln, das vorn an der Stirn gescheitelte, hinten in vielen Flechten sonderbar heraufgenestelte Haar gab ihr etwas Alterthümliches, sie war beinahe abzusehen, wie die Jungfrauen auf den Gemälden von Mierís – und doch auch wieder war es mir, als hab‘ ich irgendwo deutlich mit hellen Augen das Wesen gesehen, in das Julie verwandelt. Sie hatte die Handschuhe herabgezogen und selbst die künstlichen um die Handgelenke gewundenen Armgehänge fehlten nicht, um durch die völlige Gleichheit der Tracht jene dunkle Erinnerung immer lebendiger und farbiger hervorzurufen. Julie wandte sich, ehe sie in das Nebenzimmer trat, nach mir herum, und es war mir, als sey das engelschöne, jugendlich anmuthige Gesicht verzerrt zum höhnenden Spott; etwas Entsetzliches, Grauenvolles regte sich in mir, wie ein alle Nerven durchzuckender Krampf. „O er spielt himmlisch!“ lispelte eine durch süßen Thee begeisterte Demoiselle, und ich weiß selbst nicht, wie es kam, daß ihr Arm in dem meinigen hing, und ich sie, oder vielmehr sie mich in das Nebenzimmer führte. Berger ließ gerade den wildesten Orkan daher brausen; wie donnernde Meereswellen stiegen und sanken die mächtigen Akkorde, das that mir wohl! – Da stand Julie neben mir und sprach mit süßerer, lieblicherer Stimme, als je: „Ich wollte, Du säßest am Flügel und sängest milder von vergangener Lust und Hoffnung!“ – Der Feind war von mir gewichen und in dem einzigen Namen, Julie! wollte ich alle Himmelsseligkeit aussprechen, die in mich gekommen. – Andere dazwischen tretende Personen hatten sie aber von mir entfernt. – Sie vermied mich nun sichtlich, aber es gelang mir, bald ihr Kleid zu berühren, bald dicht bei ihr ihren Hauch einzuathmen, und mir ging in tausend blinkenden Farben die vergangene Frühlingszeit auf. – Berger hatte den Orkan ausbrausen lassen, der Himmel war hell worden, wie kleine goldne Morgenwölkchen zogen liebliche Melodien daher und verschwebten im Pianissimo. Dem Virtuosen wurde reichlich verdienter Beifall zu Theil, die Gesellschaft wogte durch einander, und so kam es, daß ich unversehens dicht vor Julien stand. Der Geist wurde mächtiger in mir, ich wollte sie festhalten, sie umfassen im wahnsinnigen Schmerz der Liebe, aber das verfluchte Gesicht eines geschäftigen Bedienten drängte sich zwischen uns hinein, der, einen großen Präsentirteller hinhaltend, recht widrig rief: „Befehlen Sie?“ – In der Mitte der mit dampfendem Punsch gefüllten Gläser stand ein zierlich geschliffener Pokal, voll desselben Getränkes, wie es schien. Wie der unter die gewöhnlichen Gläser kam, weiß jener am besten, den ich allmälig kennen lerne; er macht, wie der Clemens im Oktavian daherschreitend, mit einem Fuß einen angenehmen Schnörkel und liebt ungemein rothe Mäntelchen und rothe Federn. Diesen fein geschliffenen und seltsam blinkenden Pokal nahm Julie und bot ihn mir dar, sprechend: „Nimmst Du denn noch so gern, wie sonst das Glas aus meiner Hand?“ – „Julia – Julia,“ seufzte ich auf. Den Pokal erfassend berührte ich ihre zarten Finger, elektrische Feuerstrahlen blitzten durch alle Pulse und Adern – ich trank und trank – es war mir, als knisterten und leckten kleine blaue Flämmchen um Glas und Lippe. Geleert war der Pokal, und ich weiß selbst nicht, wie es kam, daß ich in dem nur von einer Alabaster-Lampe erleuchteten Kabinet auf der Ottomane saß – Julie – Julie neben mir, kindlich und fromm mich anblickend, wie sonst. Berger war auf’s Neue am Flügel, er spielte das Andante aus Mozarts sublimer Esdur-Sinfonie, und auf den Schwanenfittigen des Gesanges regte und erhob sich alle Liebe und Lust meines höchsten Sonnenlebens. – Ja es war Julie – Julie selbst, engelschön und mild – unser Gespräch, sehnsüchtige Liebesklage, mehr Blick als Wort, ihre Hand ruhte in der meinigen. – „Nun lasse ich Dich nimmer, Deine Liebe ist der Funke, der in mir glüht, höheres Leben in Kunst und Poesie entzündend – ohne Dich – ohne Deine Liebe Alles todt und starr – aber bist Du denn nicht auch gekommen, damit Du mein bleibest immerdar?“ – In dem Augenblick schwankte eine tölpische, spinnenbeinichte Figur mit herausstehenden Froschaugen herein und rief, recht widrig kreischend und dämisch lachend: „Wo der Tausend ist denn meine Frau geblieben?“ Julie stand auf und sprach mit fremder Stimme: „Wollen wir nicht zur Gesellschaft gehen? mein Mann sucht mich. – Sie waren wieder recht amüsant, mein Lieber, immer noch bei Laune wie vormals, menagiren Sie sich nur im Trinken“ – und der spinnenbeinichte Kleinmeister griff nach ihrer Hand; sie folgte ihm lachend in den Saal. – „Auf ewig verloren!“ schrie ich auf – „Ja gewiß, Codille, Liebster!“ meckerte eine l’Hombre spielende Bestie. Hinaus – hinaus rannte ich in die stürmische Nacht. –

~~~\~~~~~~~/~~~

2.
Die Gesellschaft im Keller.

Klaus Ensikat, Die Abentheuer der Sylvester-Nacht, Pressendrucke bei The Bear Press, 2019Unter den Linden auf und ab zu wandeln mag sonst ganz angenehm seyn, nur nicht in der Sylvester-Nacht bei tüchtigem Frost und Schneegestöber. Das fühlte ich Baarköpfiger und Unbemäntelter doch zuletzt, als durch die Fiebergluth Eisschauer fuhren. Fort ging es über die Opernbrücke, bei dem Schlosse vorbei – ich bog ein, lief über die Schleusenbrücke bei der Münze vorüber. – Ich war in der Jägerstraße dicht am Thiermannschen Laden. Da brannten freundliche Lichter in den Zimmern; schon wollte ich hinein, weil zu sehr mich fror und ich nach einem tüchtigen Schluck starken Getränkes durstete; eben strömte eine Gesellschaft in heller Fröhlichkeit heraus. Sie sprachen von prächtigen Austern und dem guten Eilfer-Wein. „Recht hatte Jener doch,“ rief Einer von ihnen, wie ich beim Laternenschein bemerkte, ein stattlicher Uhlanenoffizier, „Recht hatte Jener doch, der voriges Jahr in Mainz auf die verfluchten Kerle schimpfte, welche Anno 1794 durchaus nicht mit dem Eilfer herausrücken wollten.“ – Alle lachten aus voller Kehle. Unwillkührlich war ich einige Schritte weiter gekommen, ich blieb vor einem Keller stehen, aus dem ein einsames Licht herausstrahlte. Fühlte sich der Schakspearsche Heinrich nicht einmal so ermattet und demüthig, daß ihm die arme Creatur Dünnbier in den Sinn kam? In der That, mir geschah Gleiches, meine Zunge lechzte nach einer Flasche guten englischen Biers. Schnell fuhr ich in den Keller hinein. „Was beliebt?“ kam mir der Wirth, freundlich die Mütze rückend, entgegen. Ich forderte eine Flasche guten englischen Biers nebst einer tüchtigen Pfeife guten Tabaks, und befand mich bald in solch einem sublimen Philistrismus, vor dem selbst der Teufel Respekt hatte und von mir abließ. – O Justizrath! hättest du mich gesehen, wie ich aus deinem hellen Theezimmer herabgestiegen war in den dunkeln Bierkeller, du hättest dich mit recht stolzer verächtlicher Miene von mir abgewendet und gemurmelt: „Ist es denn ein Wunder, daß ein solcher Mensch die zierlichsten Jabots ruinirt?“ –

Klaus Ensikat, Die Abentheuer der Sylvester-Nacht, Pressendrucke bei The Bear Press, 2019Ich mochte ohne Hut und Mantel den Leuten etwas verwunderlich vorkommen. Dem Manne schwebte eine Frage auf den Lippen, da pochte es an’s Fenster und eine Stimme rief herab: „Macht auf, macht auf, ich bin da!“ Der Wirth lief hinaus und trat bald wieder herein, zwei brennende Lichter hoch in den Händen tragend, ihm folgte ein sehr langer, schlanker Mann. In der niedrigen Thür vergaß er sich zu bücken und stieß sich den Kopf recht derb; eine baretartige schwarze Mütze, die er trug, verhinderte jedoch Beschädigung. Er drückte sich auf ganz eigene Weise der Wand entlang und setzte sich mir gegenüber, indem die Lichter auf den Tisch gestellt wurden. Man hätte beinahe von ihm sagen können, daß er vornehm und unzufrieden aussähe. Er forderte verdrießlich Bier und Pfeife, und erregte mit wenigen Zügen einen solchen Dampf, daß wir bald in einer Wolke schwammen. Uebrigens hatte sein Gesicht so etwas Charakteristisches und Anziehendes, daß ich ihn trotz seines finstern Wesens sogleich liebgewann. Die schwarzen reichen Haare trug er gescheitelt und von beiden Seiten in vielen kleinen Locken herabhängend, so daß er den Bildern von Rubens glich. Als er den großen Mantelkragen abgeworfen, sah ich, daß er in eine schwarze Kurtka mit vielen Schnüren gekleidet war, sehr fiel es mir aber auf, daß er über die Stiefeln zierliche Pantoffeln gezogen hatte. Ich wurde das gewahr, als er die Pfeife ausklopfte, die er in fünf Minuten ausgeraucht. Unser Gespräch wollte nicht recht von Statten gehen, der Fremde schien sehr mit allerlei seltenen Pflanzen beschäftigt, die er aus einer Kapsel genommen hatte und wohlgefällig betrachtete. Ich bezeigte ihm meine Verwunderung über die schönen Gewächse und fragte, da sie ganz frisch gepflückt zu seyn schienen, ob er vielleicht im botanischen Garten oder bei Boucher gewesen. Er lächelte ziemlich seltsam und antwortete: „Botanik scheint nicht eben Ihr Fach zu seyn, sonst hätten Sie nicht so“ – Er stockte, ich lispelte kleinlaut: „albern“ – „gefragt“ setzte er treuherzig hinzu. „Sie würden,“ fuhr er fort, „auf den ersten Blick Alpenpflanzen erkannt haben, und zwar, wie sie auf dem Tschimborasso wachsen.“ Die letzten Worte sagte der Fremde leise vor sich hin, und Du kannst denken, daß mir dabei gar wunderlich zu Muthe wurde. Jede Frage erstarb mir auf den Lippen; aber immer mehr regte sich eine Ahnung in meinem Innern, und es war mir, als habe ich den Fremden nicht sowol oft gesehen, als oft gedacht. Da pochte es aufs Neue ans Fenster, der Wirth öffnete die Thür und eine Stimme rief: „Seyd so gut Euern Spiegel zu verhängen.“ – „Aha!“ sagte der Wirth, „da kommt noch recht spät der General Suwarow.“ Der Wirth verhing den Spiegel, und nun sprang mit einer täppischen Geschwindigkeit, schwerfällig hurtig, möcht‘ ich sagen, ein kleiner dürrer Mann herein, in einem Mantel von ganz seltsam bräunlicher Farbe, der, indem der Mann in der Stube herumhüpfte, in vielen Falten und Fältchen auf ganz eigene Weise um den Körper wehte, so daß es im Schein der Lichter beinahe anzusehen war, als führen viele Gestalten aus und in einander, wie bei den Enslerschen Fantasmagorien. Dabei rieb er die in den weiten Aermeln versteckten Hände und rief: „Kalt! – kalt – o wie kalt! In Italia ist es anders, anders!“ Endlich setzte er sich zwischen mir und dem Großen, sprechend: „Das ist ein entsetzlicher Dampf – Tabak gegen Tabak – hätt‘ ich nur eine Priese!“ – Ich trug die spiegelblank geschliffene Stahldose in der Tasche, die Du mir einst schenktest, die zog ich gleich heraus und wollte dem Kleinen Tabak anbieten. Kaum erblickte er die, als er mit beiden Händen darauf zufuhr und, sie wegstoßend, rief: „Weg – weg mit dem abscheulichen Spiegel!“ Seine Stimme hatte etwas Entsetzliches, und als ich ihn verwundert ansah, war er ein Andrer worden. Mit einem gemüthlichen jugendlichen Gesicht sprang der Kleine herein, aber nun starrte mich das todtblasse, welke, eingefurchte Antlitz eines Greises mit hohlen Augen an. Voll Entsetzen rückte ich hin zum Großen. „Ums Himmelswillen, schauen Sie doch,“ wollt‘ ich rufen, aber der Große nahm an Allem keinen Antheil, sondern war ganz vertieft in seine Tschimborasso-Pflanzen, und in dem Augenblick forderte der Kleine: „Wein des Nordens,“ wie er sich preziös ausdrückte. Nach und nach wurde das Gespräch lebendiger. Der Kleine war mir zwar sehr unheimlich, aber der Große wußte über geringfügig scheinende Dinge recht viel Tiefes und Ergötzliches zu sagen, unerachtet er mit dem Ausdruck zu kämpfen schien, manchmal auch wol ein ungehöriges Wort einmischte, das aber oft der Sache eben eine drollige Originalität gab, und so milderte er, mit meinem Innern sich immer mehr befreundend, den übeln Eindruck des Kleinen. Dieser schien wie von lauter Springfedern getrieben, denn er rückte auf dem Stuhle hin und her, gestikulirte viel mit den Händen, und wol rieselte mir ein Eisstrom durch die Haare über den Rücken, wenn ich es deutlich bemerkte, daß er wie aus zwei verschiedenen Gesichtern heraussah. Vorzüglich blickte er oft den Großen, dessen bequeme Ruhe sonderbar gegen des Kleinen Beweglichkeit abstach, mit dem alten Gesicht an, wiewol nicht so entsetzlich, als zuvor mich. – In dem Maskenspiel des irdischen Lebens sieht oft der innere Geist mit leuchtenden Augen aus der Larve heraus, das Verwandte erkennend, und so mag es geschehen seyn, daß wir drei absonderliche Menschen im Keller uns auch so angeschaut und erkannt hatten. Unser Gespräch fiel in jenen Humor, der nur aus dem tief bis auf den Tod verletzten Gemüthe kommt. „Das hat auch seinen Haken,“ sagte der Große. „Ach Gott,“ fiel ich ein, „wie viel Haken hat der Teufel überall für uns eingeschlagen, in Zimmerwänden, Lauben, Rosenhecken, woran vorbeistreifend wir etwas von unserm theuern Selbst hängen lassen. Es scheint, Verehrte! als ob uns Allen auf diese Weise schon etwas abhanden gekommen, wiewol mir diese Nacht vorzüglich Hut und Mantel fehlte. Beides hängt an einem Haken in des Justizraths Vorzimmer, wie Sie wissen!“ Der Kleine und der Große fuhren sichtlich auf, als träfe sie unversehens ein Schlag. Der Kleine schaute mich recht häßlich mit seinem alten Gesichte an, sprang aber gleich auf einen Stuhl und zog das Tuch fester über den Spiegel, während der Große sorgfältig die Lichter putzte. Das Gespräch lebte mühsam wieder auf, man erwähnte eines jungen wackern Malers, Namens Philipp, und des Bildes einer Prinzessin, das er mit dem Geist der Liebe und dem frommen Sehnen nach dem Höchsten, wie der Herrinn tiefer heiliger Sinn es ihm entzündet, vollendet hatte. „Zum Sprechen ähnlich, und doch kein Portrait, sondern ein Bild,“ meinte der Große. „Es ist so ganz wahr,“ sprach ich, „man möchte sagen, wie aus dem Spiegel gestohlen.“ Da sprang der Kleine wild auf, mit dem alten Gesicht und funkelnden Augen mich anstarrend schrie er: „Das ist albern, das ist toll, wer vermag aus dem Spiegel Bilder zu stehlen? – wer vermag das? meinst Du, vielleicht der Teufel? – Hoho Bruder, der zerbricht das Glas mit der tölpischen Kralle, und die feinen weißen Hände des Frauenbildes werden auch wund und bluten. Albern ist das. Heisa! – zeig mir das Spiegelbild, das gestohlne Spiegelbild, und ich mache Dir den Meistersprung von tausend Klafter hinab, du betrübter Bursche!“ – Der Große erhob sich, schritt auf den Kleinen los und sprach: „Mache Er sich nicht so unnütz, mein Freund! sonst wird Er die Treppe hinaufgeworfen, es mag wol miserabel aussehen mit Seinem eignen Spiegelbilde.“ – „Ha ha ha ha!“ lachte und kreischte der Kleine in tollem Hohn, „ha ha ha – meinst Du? meinst Du? Hab‘ ich doch meinen schönen Schlagschatten, o Du jämmerlicher Geselle, hab‘ ich doch meinen Schlagschatten!“ – Und damit sprang er fort, noch draußen hörten wir ihn recht hämisch meckern und lachen: „hab‘ ich doch meinen Schlagschatten!“ Der Große war, wie vernichtet, todtenbleich in den Stuhl zurückgesunken, er hatte den Kopf in beide Hände gestützt und aus der tiefsten Brust athmete schwer ein Seufzer auf. „Was ist Ihnen?“ fragte ich theilnehmend. „O mein Herr,“ erwiederte der Große, „jener böse Mensch, der uns so feindselig erschien, der mich bis hieher, bis in meine Normalkneipe verfolgte, wo ich sonst einsam blieb, da höchstens nur etwa ein Erdgeist unter dem Tisch aufduckte und Brodkrümchen naschte – jener böse Mensch hat mich zurückgeführt in mein tiefstes Elend. Ach – verloren, unwiederbringlich verloren habe ich meinen – Leben Sie wohl!“ – Er stand auf und schritt mitten durch die Stube zur Thür hinaus. Alles blieb hell um ihn – er warf keinen Schlagschatten. Voll Entzücken rannte ich nach – „Peter Schlemihl – Peter Schlemihl!“ rief ich freudig, aber der hatte die Pantoffeln weggeworfen. Ich sah, wie er über den Gensdarmesthurm hinwegschritt und in der Nacht verschwand.

Als ich in den Keller zurück wollte, warf mir der Wirth die Thür vor der Nase zu, sprechend: „Vor solchen Gästen bewahre mich der liebe Herr Gott!“ –

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3.
Erscheinungen.

Klaus Ensikat, Die Abentheuer der Sylvester-Nacht, Pressendrucke bei The Bear Press, 2019Herr Mathieu ist mein guter Freund, und sein Thürsteher ein wachsamer Mann. Der machte mir gleich auf, als ich im goldnen Adler an der Hausklingel zog. Ich erklärte, wie ich mich aus einer Gesellschaft fortgeschlichen ohne Hut und Mantel, im letztern stecke aber mein Hausschlüssel, und die taube Aufwärterinn herauszupochen, sey unmöglich. Der freundliche Mann (den Thürsteher mein‘ ich) öffnete ein Zimmer, stellte die Lichter hin und wünschte mir eine gute Nacht. Der schöne breite Spiegel war verhängt, ich weiß selbst nicht, wie ich darauf kam, das Tuch herabzuziehen und beide Lichter auf den Spiegeltisch zu setzen. Ich fand mich, da ich in den Spiegel schaute, so blaß und entstellt, daß ich mich kaum selbst wiedererkannte. – Es war mir, als schwebe aus des Spiegels tiefstem Hintergrunde eine dunkle Gestalt hervor; so wie ich fester und fester Blick und Sinn darauf richtete, entwickelten sich in seltsam magischem Schimmer deutlicher die Züge eines holden Frauenbildes – ich erkannte Julien. Von inbrünstiger Liebe und Sehnsucht befangen, seufzte ich laut auf: „Julia! Julia!“ Da stöhnte und ächzte es hinter den Gardinen eines Bettes in des Zimmers äußerster Ecke. Ich horchte auf, immer ängstlicher wurde das Stöhnen. Juliens Bild war verschwunden, entschlossen ergriff ich ein Licht, riß die Gardinen des Bettes rasch auf und schaute hinein. Wie kann ich Dir denn das Gefühl beschreiben, das mich durchbebte, als ich den Kleinen erblickte, der mit dem jugendlichen, wiewol schmerzlich verzogenen Gesicht da lag und im Schlaf recht aus tiefster Brust aufseufzte: „Giulietta – Giulietta!“ – Der Name fiel zündend in mein Inneres – das Grauen war von mir gewichen, ich faßte und rüttelte den Kleinen recht derb, rufend: „he – guter Freund, wie kommen Sie in mein Zimmer, erwachen Sie und scheren Sie sich gefälligst zum Teufel!“ – Der Kleine schlug die Augen auf und blickte mich mit dunklen Blicken an: „Das war ein böser Traum,“ sprach er, „Dank sey Ihnen, daß Sie mich weckten.“ Die Worte klangen nur wie leise Seufzer. Ich weiß nicht, wie es kam, daß der Kleine mir jetzt ganz anders erschien, ja daß der Schmerz, von dem er ergriffen, in mein eignes Innres drang und all‘ mein Zorn in tiefer Wehmuth verging. Weniger Worte bedurfte es nur, um zu erfahren, daß der Thürsteher mir aus Versehen dasselbe Zimmer aufgeschlossen, welches der Kleine schon eingenommen hatte, daß ich es also war, der, unziemlich eingedrungen, den Kleinen aus dem Schlafe aufstörte.

Klaus Ensikat, Die Abentheuer der Sylvester-Nacht, Pressendrucke bei The Bear Press, 2019„Mein Herr,“ sprach der Kleine, „ich mag Ihnen im Keller wol recht toll und ausgelassen vorgekommen seyn, schieben Sie mein Betragen darauf, daß mich, wie ich nicht läugnen kann, zuweilen ein toller Spuk befängt, der mich aus allen Kreisen des Sittigen und Gehörigen hinaustreibt. Sollte Ihnen denn nicht zuweilen Gleiches widerfahren?“ – „Ach Gott ja,“ erwiederte ich kleinmüthig, „nur noch heute Abend, als ich Julien wiedersah.“ – „Julia?“ krächzte der Kleine mit widriger Stimme und es zuckte über sein Gesicht hin, das wieder plötzlich alt wurde. „O lassen Sie mich ruhen – verhängen Sie doch gütigst den Spiegel, Bester!“ – dies sagte er ganz matt aufs Kissen zurückblickend. „Mein Herr,“ sprach ich, „der Name meiner auf ewig verlornen Liebe scheint seltsame Erinnerungen in Ihnen zu wecken, auch variiren Sie merklich mit Dero angenehmen Gesichtszügen. Doch hoffe ich mit Ihnen ruhig die Nacht zu verbringen, weshalb ich gleich den Spiegel verhängen und mich ins Bett begeben will.“ Der Kleine richtete sich auf, sah mich mit überaus milden, gutmüthigen Blicken seines Jünglings Gesichts an, faßte meine Hand und sprach, sie leise drückend: „Schlafen Sie ruhig, mein Herr, ich merke, daß wir Unglücksgefährten sind. – Sollten Sie auch? – Julia – Giulietta – Nun dem sey, wie ihm wolle, Sie üben eine unwiderstehliche Gewalt über mich aus – ich kann nicht anders, ich muß Ihnen mein tiefstes Geheimniß entdecken – dann hassen, dann verachten Sie mich.“ Mit diesen Worten stand der Kleine langsam auf, hüllte sich in einen weißen weiten Schlafrock und schlich leise und recht gespensterartig nach dem Spiegel, vor den er sich hinstellte. Ach! – rein und klar warf der Spiegel die beiden Lichter, die Gegenstände im Zimmer, mich selbst zurück, die Gestalt des Kleinen war nicht zu sehen im Spiegel, kein Strahl reflektirte sein dicht herangebogenes Gesicht. Er wandte sich zu mir, die tiefste Verzweiflung in den Mienen, er drückte meine Hände: „Sie kennen nun mein grenzenloses Elend,“ sprach er, „Schlemihl, die reine gute Seele, ist beneidenswerth gegen mich Verworfenen. Leichtsinnig verkaufte er seinen Schlagschatten, aber ich! – ich gab mein Spiegelbild ihrihr! – oh – oh – oh!“ – So tief aufstöhnend, die Hände vor die Augen gedrückt, wankte der Kleine nach dem Bette, in das er sich schnell warf. Erstarrt blieb ich stehen, Argwohn, Verachtung, Grauen, Theilnahme, Mitleiden, ich weiß selbst nicht, was sich alles für und wider den Kleinen in meiner Brust regte. Der Kleine fing indeß bald an so anmuthig und melodiös zu schnarchen, daß ich der narkotischen Kraft dieser Töne nicht widerstehen konnte. Schnell verhing ich den Spiegel, löschte die Lichter aus, warf mich so wie der Kleine, ins Bett und fiel bald in tiefen Schlaf. Es machte wol schon Morgen seyn, als ein blendender Schimmer mich weckte. Ich schlug die Augen auf und erblickte den Kleinen, der im weißen Schlafrock, die Nachtmütze auf dem Kopf, den Rücken mir zugewendet, am Tische saß und bei beiden angezündeten Lichtern emsig schrieb. Er sah recht spukhaft aus, mir wandelte ein Grauen an; der Traum erfaßte mich plötzlich und trug mich wieder zum Justizrath, wo ich neben Julien auf der Ottomane saß. Doch bald war es mir, als sey die ganze Gesellschaft eine spaßhafte Weihnachtsausstellung bei Fuchs, Weide, Schoch oder sonst, der Justizrath eine zierliche Figur von Dragant mit postpapiernem Jabot. Höher und höher wurden die Bäume und Rosenbüsche. Julie stand auf und reichte mir den kristallnen Pokal, aus dem blaue Flammen emporleckten. Da zog es mich am Arm, der Kleine stand hinter mir mit dem alten Gesicht und lispelte: „Trink nicht, trink nicht – sieh sie doch recht an! – hast Du sie nicht schon gesehen auf den Warnungstafeln von Breughel, von Callot oder von Rembrandt?“ – Mir schauerte vor Julien, denn freilich war sie in ihrem faltenreichen Gewande mit den bauschigen Aermeln, in ihrem Haarschmuck so anzusehen, wie die von höllischen Unthieren umgebenen lockenden Jungfrauen auf den Bildern jener Meister. „Warum fürchtest Du Dich denn,“ sprach Julie, „ich habe Dich und Dein Spiegelbild doch ganz und gar.“ Ich ergriff den Pokal, aber der Kleine hüpfte wie ein Eichhörnchen auf meine Schultern und wehte mit dem Schweife in die Flammen, widrig quiekend: „Trink nicht – trink nicht.“ Doch nun wurden alle Zuckerfiguren der Ausstellung lebendig und bewegten komisch die Händchen und Füßchen, der dragantne Justizrath trippelte auf mich zu und rief mit einem ganz feinen Stimmchen: „warum der ganze Rumor, mein Bester? warum der ganze Rumor? Stellen Sie sich doch nur auf Ihre lieben Füße, denn schon lange bemerke ich, daß Sie in den Lüften über Stühle und Tische wegschreiten.“ Der Kleine war verschwunden, Julie hatte nicht mehr den Pokal in der Hand. „Warum wolltest Du denn nicht trinken?“ sprach sie, „war denn die reine herrliche Flamme, die Dir aus dem Pokal entgegenstrahlte, nicht der Kuß, wie Du ihn einst von mir empfingst?“ Ich wollte sie an mich drücken, Schlemihl trat aber dazwischen, sprechend: „Das ist Mina, die den Raskal geheirathet.“ Er hatte einige Zuckerfiguren getreten, die ächzten sehr. – Aber bald vermehrten diese sich zu Hunderten und Tausenden, und trippelten um mich her und an mir herauf im bunten häßlichen Gewimmel und umsummten mich wie ein Bienenschwarm. – Der dragantne Justizrath hatte sich bis zur Halsbinde heraufgeschwungen, die zog er immer fester und fester an. „Verdammter dragantner Justizrath!“ schrie ich laut und fuhr auf aus dem Schlafe. Es war heller lichter Tag, schon eilf Uhr Mittags. „Das ganze Ding mit dem Kleinen war auch wol nur ein lebhafter Traum,“ dachte ich eben, als der mit dem Frühstück eintretende Kellner mir sagte, daß der fremde Herr, der mit mir in einem Zimmer geschlafen, am frühen Morgen abgereiset sey und sich mir sehr empfehlen lasse. Auf dem Tische, an dem Nachts der spukhafte Kleine saß, fand ich ein frisch beschriebenes Blatt, dessen Inhalt ich Dir mittheile, da es unbezweifelt des Kleinen wundersame Geschichte ist.

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4.
Die Geschichte vom verlornen Spiegelbilde.

Klaus Ensikat, Die Abentheuer der Sylvester-Nacht, Pressendrucke bei The Bear Press, 2019Endlich war es doch so weit gekommen, daß Erasmus Spikher den Wunsch, den er sein Leben lang im Herzen genährt, erfüllen konnte. Mit frohem Herzen und wohlgefülltem Beutel setzte er sich in den Wagen, um die nördliche Heimath zu verlassen und nach dem schönen warmen Welschland zu reisen. Die liebe fromme Hausfrau vergoß tausend Thränen, sie hob den kleinen Rasmus, nachdem sie ihm Nase und Mund sorgfältig geputzt, in den Wagen hinein, damit der Vater zum Abschiede ihn noch sehr küsse. „Lebe wohl, mein lieber Erasmus Spikher,“ sprach die Frau schluchzend, „das Haus will ich Dir gut bewahren, denke fein fleißig an mich, bleibe mir treu und verliere nicht die schöne Reisemütze, wenn Du, wie Du wol pflegst, schlafend zum Wagen herausnickst.“ – Spikher versprach das. –

In dem schönen Florenz fand Erasmus einige Landsleute, die voll Lebenslust und jugendlichen Muths in den üppigen Genüssen, wie sie das herrliche Land reichlich darbot, schwelgten. Er bewies sich ihnen als ein wackrer Kumpan und es wurden allerlei ergötzliche Gelage veranstaltet, denen Spikhers besonders muntrer Geist und das Talent, dem tollen Ausgelassenen das Sinnige beizufügen, einen eignen Schwung gaben. So kam es denn, daß die jungen Leute (Erasmus erst sieben und zwanzig Jahr alt, war wol dazu zu rechnen) einmal zur Nachtzeit in eines herrlichen, duftenden Gartens erleuchtetem Boskett ein gar fröhliches Fest begingen. Jeder, nur nicht Erasmus, hatte eine liebliche Donna mitgebracht. Die Männer gingen in zierlicher altteutscher Tracht, die Frauen waren in bunten leuchtenden Gewändern, jede auf andere Art, ganz fantastisch gekleidet, so daß sie erschienen wie liebliche wandelnde Blumen. Hatte Diese oder Jene zu dem Saitengelispel der Mandolinen ein italienisches Liebeslied gesungen, so stimmten die Männer unter dem lustigen Geklingel der mit Syrakuser gefüllten Gläser einen kräftigen deutschen Rundgesang an. – Ist ja doch Italien das Land der Liebe. Der Abendwind säuselte wie in sehnsüchtigen Seufzern, wie Liebeslaute durchwallten die Orange- und Jasmindüfte das Boskett, sich mischend in das lose neckhafte Spiel, das die holden Frauenbilder, all‘ die kleinen zarten Buffonerien, wie sie nur den italienischen Weibern eigen, aufbietend, begonnen hatten. Immer reger und lauter wurde die Lust. Friedrich, der Glühendste vor Allen, stand auf mit einem Arm hatte er seine Donna umschlungen, und das mit perlendem Syrakuser gefüllte Glas mit der andern Hand hoch schwingend, rief er: „Wo ist denn Himmelslust und Seligkeit zu finden als bei Euch, Ihr holden, herrlichen, italienischen Frauen, Ihr seyd ja die Liebe selbst. – Aber Du, Erasmus,“ fuhr er fort, sich zu Spikher wendend, „scheinst das nicht sonderlich zu fühlen, denn nicht allein, daß Du, aller Verabredung, Ordnung und Sitte entgegen, keine Donna zu unserm Feste geladen hast, so bist Du auch heute so trübe und in Dich gekehrt, daß, hättest Du nicht wenigstens tapfer getrunken und gesungen, ich glauben würde, Du seyst mit einem Mal ein langweiliger Melancholikus geworden.“ – „Ich muß Dir gestehen, Friedrich,“ erwiederte Erasmus, „daß ich mich auf die Weise nun einmal nicht freuen kann. Du weißt ja, daß ich eine liebe, fromme Hausfrau zurückgelassen habe, die ich recht aus tiefer Seele liebe, und an der ich ja offenbar einen Verrath beginge, wenn ich im losen Spiel auch nur für einen Abend mir eine Donna wählte. Mit Euch unbeweibten Jünglingen ist das ein Andres, aber ich, als Familienvater“ – Die Jünglinge lachten hell auf, da Erasmus bei dem Worte „Familienvater“ sich bemühte, das jugendliche gemüthliche Gesicht in ernste Falten zu ziehen, welches denn eben sehr possierlich herauskam. Friedrichs Donna ließ sich das, was Erasmus teutsch gesprochen, in das Italienische übersetzen, dann wandte sie sich ernsten Blickes zum Erasmus und sprach, mit aufgehobenem Finger leise drohend: „Du kalter, kalter Teutscher! – verwahre Dich wohl, noch hast Du Giulietta nicht gesehen!“

Klaus Ensikat, Die Abentheuer der Sylvester-Nacht, Pressendrucke bei The Bear Press, 2019In dem Augenblick rauschte es beim Eingange des Bosketts, und aus dunkler Nacht trat in den lichten Kerzenschimmer hinein ein wunderherrliches Frauenbild. Das weiße, Busen, Schultern und Nacken nur halb verhüllende Gewand, mit bauschigen bis an die Ellbogen streifenden Aermeln, floß in reichen breiten Falten herab, die Haare vorn an der Stirn gescheitelt, hinten in vielen Flechten heraufgenestelt. – Goldene Ketten um den Hals, reiche Armbänder um die Handgelenke geschlungen, vollendeten den alterthümlichen Putz der Jungfrau, die anzusehen war, als wandle ein Frauenbild von Rubens oder dem zierlichen Mieris daher. „Giulietta!“ riefen die Mädchen voll Erstaunen. Giulietta, deren Engelsschönheit Alle überstrahlte, sprach mit süßer lieblicher Stimme: „Laßt mich doch Theil nehmen an Euerm schönen Fest, ihr wackern teutschen Jünglinge. Ich will hin zu Jenem dort, der unter Euch ist so ohne Lust und ohne Liebe.“ Damit wandelte sie in hoher Anmuth zum Erasmus und setzte sich auf den Sessel, der neben ihm leer geblieben, da man vorausgesetzt hatte, daß auch er eine Donna mitbringen werde. Die Mädchen lispelten unter einander: „Seht, o seht, wie Giulietta heute wieder so schön ist!“ und die Jünglinge sprachen: „Was ist denn das mit dem Erasmus, er hat ja die Schönste gewonnen und uns nur wol verhöhnt?“

Dem Erasmus war bei dem ersten Blick, den er auf Giulietta warf, so ganz besonders zu Muthe geworden, daß er selbst nicht wußte, was sich denn so gewaltsam in seinem Innern rege. Als sie sich ihm näherte, faßte ihn eine fremde Gewalt und drückte seine Brust zusammen, daß sein Athem stockte. Das Auge fest geheftet auf Giulietta mit erstarrten Lippen saß er da und konnte kein Wort hervorbringen, als die Jünglinge laut Giulietta’s Anmuth und Schönheit priesen. Giulietta nahm einen vollgeschenkten Pokal und stand auf, ihn dem Erasmus freundlich darreichend; der ergriff den Pokal, Giulietta’s zarte Finger leise berührend. Er trank, Gluth strömte durch seine Adern. Da fragte Giulietta scherzend: „Soll ich denn Eure Donna seyn?“ Aber Erasmus warf sich wie im Wahnsinn vor Giulietta nieder, drückte ihre beiden Hände an seine Brust und rief: „Ja, Du bist es, Dich habe ich geliebt immerdar, Dich, Du Engelsbild! – Dich habe ich geschaut in meinen Träumen, Du bist mein Glück, meine Seligkeit, mein höheres Leben!“ – Alle glaubten, der Wein sey dem Erasmus zu Kopf gestiegen, denn so hatten sie ihn nie gesehen, er schien ein Anderer worden. „Ja, Du – Du bist mein Leben, Du flammst in mir mit verzehrender Gluth. Laß mich untergehen – untergehen, nur in Dir, nur Du will ich seyn,“ – so schrie Erasmus, aber Giulietta nahm ihn sanft in die Arme; ruhiger geworden, setzte er sich an ihre Seite, und bald begann wieder das heitre Liebesspiel in munteren Scherzen und Liedern, das durch Giulietta und Erasmus unterbrochen worden. Wenn Giulietta sang, war es, als gingen aus tiefster Brust Himmelstöne hervor, nie gekannte, nur geahnte Lust in Allen entzündend. Ihre volle wunderbare Kristallstimme trug eine geheimnißvolle Gluth in sich, die jedes Gemüth ganz und gar befing. Fester hielt jeder Jüngling seine Donna umschlungen, und feuriger strahlte Aug‘ in Auge. Schon verkündete ein rother Schimmer den Anbruch der Morgenröthe, da rieth Giulietta das Fest zu enden. Es geschah. Erasmus schickte sich an, Giulietta zu begleiten, sie schlug das ab und bezeichnete ihm das Haus, wo er sie künftig finden könne. Während des teutschen Rundgesanges, den die Jünglinge noch zum Beschluß des Festes anstimmten, war Giulietta aus dem Boskett verschwunden; man sah sie hinter zwei Bedienten, die mit Fackeln voranschritten, durch einen fernen Laubgang wandeln. Erasmus wagte nicht, ihr zu folgen. Die Jünglinge nahmen nun jeder seine Donna unter den Arm und schritten in voller heller Lust von dannen. Ganz verstört und im Innern zerrissen von Sehnsucht und Liebesqual folgte ihnen endlich Erasmus, dem sein kleiner Diener mit der Fackel vorleuchtete. So ging er, da die Freunde ihn verlassen, durch eine entlegene Straße, die nach seiner Wohnung führte. Die Morgenröthe war hoch heraufgestiegen, der Diener stieß die Fackel auf dem Steinpflaster aus, aber in den aufsprühenden Funken stand plötzlich eine seltsame Figur vor Erasmus, ein langer dürrer Mann mit spitzer Habichtsnase, funkelnden Augen, hämisch verzogenem Munde, im feuerrothen Rock mit strahlenden Stahlknöpfen. Der lachte und rief mit unangenehm gellender Stimme: „Ho, ho! – Ihr seyd wol aus einem alten Bilderbuch herausgestiegen mit Euerm Mantel, Euerm geschlitzten Wamms und Euerm Federnbarett. – Ihr seht recht schnakisch aus, Hr. Erasmus, aber wollt Ihr denn auf der Straße der Leute Spott werden? Kehrt doch nur ruhig zurück in Euern Pergamentband.“ – „Was geht Euch meine Kleidung an,“ sprach Erasmus verdrießlich und wollte, den rothen Kerl bei Seite schiebend, vorübergehen, der schrie ihm nach: „Nun, nun – eilt nur nicht so, zur Giulietta könnt Ihr doch jetzt gleich nicht hin.“ Erasmus drehte sich rasch um. „Was sprecht Ihr von Giulietta,“ rief er mit wilder Stimme, den rothen Kerl bei der Brust packend. Der wandte sich aber pfeilschnell und war, ehe sich’s Erasmus versah, verschwunden. Erasmus blieb ganz verblüfft stehen, mit dem Stahlknopf in der Hand, den er dem Rothen abgerissen. „Das war der Wunderdoktor, Signor Dapertutto; was der nur von Euch wollte?“ sprach der Diener, aber dem Erasmus wandelte ein Grauen an, er eilte sein Haus zu erreichen. –

Klaus Ensikat, Die Abentheuer der Sylvester-Nacht, Pressendrucke bei The Bear Press, 2019Giulietta empfing den Erasmus mit all‘ der wunderbaren Anmuth und Freundlichkeit, die ihr eigen. Der wahnsinnigen Leidenschaft, die den Erasmus entflammt, setzte sie ein mildes, gleichmüthiges Betragen entgegen. Nur dann und wann funkelten ihre Augen höher auf, und Erasmus fühlte, wie leise Schauer aus dem Innersten heraus ihn durchbebten, wenn sie manchmal ihn mit einem recht seltsamen Blicke traf. Nie sagte sie ihm, daß sie ihn liebe, aber ihre ganze Art und Weise mit ihm umzugehen, ließ es ihn deutlich ahnen, und so kam es, daß immer festere und festere Bande ihn umstrickten. Ein wahres Sonnenleben ging ihm auf; die Freunde sah er selten, da Giulietta ihn in andere fremde Gesellschaft eingeführt. –

Einst begegnete ihm Friedrich, der ließ ihn nicht los, und als der Erasmus durch manche Erinnerung an sein Vaterland und an sein Haus recht mild und weich geworden, da sagte Friedrich: „Weißt Du wol, Spikher, daß Du in recht gefährliche Bekanntschaft gerathen bist? Du mußt es doch wol schon gemerkt haben, daß die schöne Giulietta eine der schlauesten Courtisanen ist, die es je gab. Man trägt sich dabei mit allerlei geheimnißvollen, seltsamen Geschichten, die sie in gar besonderm Lichte erscheinen lassen. Daß sie über die Menschen, wenn sie will, eine unwiderstehliche Macht übt und sie in unauflösliche Bande verstrickt, seh‘ ich an Dir, Du bist ganz und gar verändert, Du bist ganz der verführerischen Giulietta hingegeben, Du denkst nicht mehr an Deine liebe fromme Hausfrau.“ – Da hielt Erasmus beide Hände vors Gesicht, er schluchzte laut, er rief den Namen seiner Frau. Friedrich merkte wol, wie ein innerer harter Kampf begonnen. „Spikher,“ fuhr er fort, „laß uns schnell abreisen.“ „Ja, Friedrich,“ rief Spikher heftig, „Du hast Recht. Ich weiß nicht, wie mich so finstre gräßliche Ahnungen plötzlich ergreifen, – ich muß fort, noch heute fort.“ Beide Freunde eilten über die Straße, quer vorüber schritt Signor Dapertutto, der lachte dem Erasmus ins Gesicht und rief: „Ach, eilt doch, eilt doch nur schnell, Giulietta wartet schon, das Herz voll Sehnsucht, die Augen voll Thränen. – Ach, eilt doch, eilt doch!“ Erasmus wurde wie vom Blitz getroffen. „Dieser Kerl,“ sprach Friedrich, „dieser Ciarlatano ist mir im Grunde der Seele zuwider, und daß der bei Giulietta aus- und eingeht und ihr seine Wunderessenzen verkauft“ – „Was!“ rief Erasmus, „dieser abscheuliche Kerl bei Giulietta – bei Giulietta?“ – „Wo bleibt Ihr aber auch so lange, Alles wartet auf Euch, habt Ihr denn gar nicht an mich gedacht?“ so rief eine sanfte Stimme vom Balkon herab. Es war Giulietta, vor deren Hause die Freunde, ohne es bemerkt zu haben, standen. Mit einem Sprunge war Erasmus im Hause. „Der ist nun einmal hin und nicht mehr zu retten,“ sprach Friedrich leise und schlich über die Straße fort. –

Klaus Ensikat, Die Abentheuer der Sylvester-Nacht, Pressendrucke bei The Bear Press, 2019Nie war Giulietta liebenswürdiger gewesen, sie trug dieselbe Kleidung als damals in dem Garten, sie strahlte in voller Schönheit und jugendlicher Anmuth. Erasmus hatte Alles vergessen, was er mit Friedrich gesprochen, mehr als je riß ihn die höchste Wonne, das höchste Entzücken unwiderstehlich hin, aber auch noch niemals hatte Giulietta so ohne allen Rückhalt ihm ihre innigste Liebe merken lassen. Nur ihn schien sie zu beachten, nur für ihn zu seyn. – Auf einer Villa, die Giulietta für den Sommer gemiethet, sollte ein Fest gefeiert werden. Man begab sich dahin. In der Gesellschaft befand sich ein junger Italiener von recht häßlicher Gestalt und noch häßlicheren Sitten, der bemühte sich viel um Giulietta und erregte die Eifersucht des Erasmus, der voll Ingrimm sich von den Andern entfernte und einsam in einer Seiten-Allee des Gartens auf- und abschlich. Giulietta suchte ihn auf. „Was ist Dir? – bist Du denn nicht ganz mein?“ Damit umfing sie ihn mit den zarten Armen und drückte einen Kuß auf seine Lippen. Feuerstrahlen durchblitzten ihn, in rasender Liebeswuth drückte er die Geliebte an sich und rief: „Nein, ich lasse Dich nicht, und sollte ich untergehen im schmachvollsten Verderben!“ Giulietta lächelte seltsam bei diesen Worten, und ihn traf jener sonderbare Blick, der ihm jederzeit innern Schauer erregte. Sie gingen wieder zur Gesellschaft. Der widrige junge Italiener trat jetzt in die Rolle des Erasmus; von Eifersucht getrieben, stieß er allerlei spitze beleidigende Reden gegen Teutsche und insbesondere gegen Spikher aus. Der konnte es endlich nicht länger ertragen; rasch schritt er auf den Italiener los. „Haltet ein,“ sprach er, „mit Euern nichtswürdigen Sticheleien auf Teutsche und auf mich, sonst werfe ich Euch in jenen Teich, und Ihr könnt Euch im Schwimmen versuchen.“ In dem Augenblick blitzte ein Dolch in des Italieners Hand, da packte Erasmus ihn wüthend bei der Kehle und warf ihn nieder, ein kräftiger Fußtritt ins Genick, und der Italiener gab röchelnd seinen Geist auf. – Alles stürzte auf den Erasmus los, er war ohne Besinnung – er fühlte sich ergriffen, fortgerissen. Als er wie aus tiefer Betäubung erwachte, lag er in einem kleinen Cabinet zu Giulietta’s Füßen, die, das Haupt über ihn herabgebeugt, ihn mit beiden Armen umfaßt hielt. „Du böser, böser Teutscher,“ sprach sie unendlich sanft und mild, „welche Angst hast Du mir verursacht! Aus der nächsten Gefahr habe ich Dich errettet, aber nicht sicher bist Du mehr in Florenz, in Italien. Du mußt fort, Du mußt mich, die Dich so sehr liebt, verlassen.“ Der Gedanke der Trennung zerriß den Erasmus in namenlosem Schmerz und Jammer. „Laß mich bleiben,“ schrie er, „ich will ja gern den Tod leiden, heißt denn sterben mehr als leben ohne Dich?“ Da war es ihm, als rufe eine leise ferne Stimme schmerzlich seinen Namen. Ach! es war die Stimme der frommen teutschen Hausfrau. Erasmus verstummte, und auf ganz seltsame Weise fragte Giulietta: „Du denkst wol an Dein Weib? – Ach, Erasmus, Du wirst mich nur zu bald vergessen.“ – „Könnte ich nur ewig und immerdar ganz Dein seyn,“ sprach Erasmus. Sie standen gerade vor dem schönen breiten Spiegel, der in der Wand des Cabinets angebracht war und an dessen beiden Seiten helle Kerzen brannten. Fester, inniger drückte Giulietta den Erasmus an sich, indem sie leise lispelte: „Laß mir Dein Spiegelbild, Du innig Geliebter, es soll mein und bei mir bleiben immerdar.“ – „Giulietta,“ rief Erasmus ganz verwundert, „was meinst Du denn? – mein Spiegelbild?“ – Er sah dabei in den Spiegel, der ihn und Giulietta in süßer Liebesumarmung zurückwarf. „Wie kannst Du denn mein Spiegelbild behalten,“ fuhr er fort, „das mit mir wandelt überall, und aus jedem klaren Wasser, aus jeder hellgeschliffnen Fläche mir entgegentritt?“ – „Nicht einmal,“ sprach Giulietta, „nicht einmal diesen Traum Deines Ichs, wie er aus dem Spiegel hervorschimmert, gönnst Du mir, der Du sonst mein mit Leib und Leben seyn wolltest? Nicht einmal Dein unstetes Bild soll bei mir bleiben und mit mir wandeln durch das arme Leben, das nun wol, da Du fliehst, ohne Lust und Liebe bleiben wird?“ Die heißen Thränen stürzten der Giulietta aus den schönen dunklen Augen. Da rief Erasmus, wahnsinnig vor tödtendem Liebesschmerz: „Muß ich denn fort von Dir? – muß ich fort, so soll mein Spiegelbild Dein bleiben auf ewig und immerdar. Keine Macht – der Teufel soll es Dir nicht entreißen, bis Du mich selbst hast mit Seele und Leib.“ – Giulietta’s Küsse brannten wie Feuer auf seinem Munde, als er dies gesprochen, dann ließ sie ihn los und streckte sehnsuchtsvoll die Arme aus nach dem Spiegel. Erasmus sah, wie sein Bild unabhängig von seinen Bewegungen hervortrat, wie es in Giulietta’s Arme glitt, wie es mit ihr im seltsamen Duft verschwand. Allerlei häßliche Stimmen meckerten und lachten in teuflischem Hohn; erfaßt von dem Todeskrampf des tiefsten Entsetzens sank er bewußtlos zu Boden, aber die fürchterliche Angst – das Grausen riß ihn auf aus der Betäubung, in dicker dichter Finsterniß taumelte er zur Thür hinaus, die Treppe hinab. Vor dem Hause ergriff man ihn und hob ihn in einen Wagen, der schnell fortrollte. „Dieselben haben sich etwas alterirt, wie es scheint,“ sprach der Mann, der sich neben ihn gesetzt hatte, in teutscher Sprache, „Dieselben haben sich etwas alterirt, indessen wird jetzt Alles ganz vortrefflich gehen, wenn Sie sich nur mir ganz überlassen wollen. Giuliettchen hat schon das Ihrige gethan und mir Sie empfohlen. Sie sind auch ein recht lieber junger Mann und inkliniren erstaunlich zu angenehmen Späßen, wie sie uns, mir und Giuliettchen, sehr behagen. Das war mir ein recht tüchtiger teutscher Tritt in den Nacken. Wie dem Amoroso die Zunge kirschblau zum Halse heraushing – es sah recht possierlich aus, und wie er so krächzte und ächzte und nicht gleich abfahren konnte – ha – ha – ha –“ Die Stimme des Mannes war so widrig höhnend, sein Schnickschnack so gräßlich, daß die Worte Dolchstichen gleich in des Erasmus Brust fuhren. „Wer Ihr auch seyn mögt,“ sprach Erasmus, „schweigt, schweigt von der entsetzlichen That, die ich bereue!“ – „Bereuen, bereuen!“ erwiederte der Mann, „so bereut Ihr auch wol, daß Ihr Giulietta kennen gelernt und ihre süße Liebe erworben habt?“ – „Ach, Giulietta, Giulietta!“ seufzte Erasmus. „Nun ja,“ fuhr der Mann fort, „so seyd Ihr nun kindisch, Ihr wünscht und wollt, aber Alles soll auf gleichem glatten Wege bleiben. Fatal ist es zwar, daß Ihr Giulietta habt verlassen müssen, aber doch könnte ich wol, bliebet Ihr hier, Euch allen Dolchen Eurer Verfolger und auch der lieben Justiz entziehen.“ Der Gedanke bei Giulietta bleiben zu können, ergriff den Erasmus gar mächtig. „Wie wäre das möglich?“ fragte er. – „Ich kenne,“ fuhr der Mann fort, „ein sympathetisches Mittel, das Eure Verfolger mit Blindheit schlägt, kurz, welches bewirkt, daß Ihr ihnen immer mit einem andern Gesichte erscheint und sie Euch niemals wieder erkennen. So wie es Tag ist, werdet Ihr so gut seyn recht lange und aufmerksam in irgend einen Spiegel zu schauen, mit Euerm Spiegelbilde nehme ich dann, ohne es im mindesten zu versehren, gewisse Operationen vor und Ihr seyd geborgen, Ihr könnt dann leben mit Giulietta ohne alle Gefahr in aller Lust und Freudigkeit.“ – „Fürchterlich, fürchterlich!“ schrie Erasmus auf. „Was ist denn fürchterlich, mein Werthester?“ fragte der Mann höhnisch. „Ach, ich – habe, ich – habe,“ fing Erasmus an – „Euer Spiegelbild sitzen lassen,“ fiel der Mann schnell ein, „sitzen lassen bei Giulietta? – ha, ha, ha! Bravissimo, mein Bester! Nun könnt Ihr durch Fluren und Wälder, Städte und Dörfer laufen, bis Ihr Euer Weib gefunden nebst dem kleinen Rasmus und wieder ein Familienvater seyd, wiewol ohne Spiegelbild, worauf es Eurer Frau auch weiter wol nicht ankommen wird, da sie Euch leiblich hat, Giulietta aber nur Euer schimmerndes Traum-Ich.“ – „Schweige, Du entsetzlicher Mensch,“ schrie Erasmus. In dem Augenblick nahte sich ein fröhlich singender Zug mit Fackeln, die ihren Glanz in den Wagen warfen. Erasmus sah seinem Begleiter ins Gesicht und erkannte den häßlichen Doktor Dapertutto. Mit einem Satz sprang er aus dem Wagen und lief dem Zuge entgegen, da er schon in der Ferne Friedrichs wohltönenden Baß erkannt hatte. Die Freunde kehrten von einem ländlichen Mahle zurück. Schnell unterrichtete Erasmus Friedrichen von Allem was geschehen, und verschwieg nur den Verlust seines Spiegelbildes. Friedrich eilte mit ihm voran nach der Stadt, und so schnell wurde alles Nöthige veranstaltet, daß, als die Morgenröthe aufgegangen, Erasmus auf einem raschen Pferde sich schon weit von Florenz entfernt hatte. – Spikher hat manches Abentheuer aufgeschrieben, das ihm auf seiner Reise begegnete. Am merkwürdigsten ist der Vorfall, welcher zuerst den Verlust seines Spiegelbildes ihm recht seltsam fühlen ließ. Er war nämlich gerade, weil sein müdes Pferd Erholung bedurfte, in einer großen Stadt geblieben, und setzte sich ohne Arg an die stark besetzte Wirthstafel, nicht achtend, daß ihm gegenüber ein schöner klarer Spiegel hing. Ein Satan von Kellner, der hinter seinem Stuhle stand, wurde gewahr, daß drüben im Spiegel der Stuhl leer geblieben und sich nichts von der darauf sitzenden Person reflektire. Er theilte seine Bemerkung dem Nachbar des Erasmus mit, der seinem Nebenmann, es lief durch die ganze Tischreihe ein Gemurmel und Geflüster, man sah den Erasmus an, dann in den Spiegel. Noch hatte Erasmus gar nicht bemerkt, daß ihm das Alles galt, als ein ernsthafter Mann vom Tische aufstand, ihn vor den Spiegel führte, hineinsah und dann sich zur Gesellschaft wendend laut rief: Wahrhaftig, er hat kein Spiegelbild! „Er hat kein Spiegelbild – er hat kein Spiegelbild!“ schrie Alles durch einander; „ein mauvais sujet, ein homo nefas, werft ihn zur Thür hinaus!“ – Voll Wuth und Schaam flüchtete Erasmus auf sein Zimmer; aber kaum war er dort, als ihm von Polizei wegen angekündigt wurde, daß er binnen einer Stunde mit seinem vollständigen, völlig ähnlichen Spiegelbilde vor der Obrigkeit erscheinen oder die Stadt verlassen müsse. Er eilte von dannen, vom müssigen Pöbel, von den Straßenjungen verfolgt, die ihm nachschrieen: „da reitet er hin, der dem Teufel sein Spiegelbild verkauft hat, da reitet er hin!“ – Endlich war er im Freien. Nun ließ er überall wo er hinkam, unter dem Vorwande eines natürlichen Abscheu’s gegen jede Abspiegelung, alle Spiegel schnell verhängen, und man nannte ihn daher spottweise den General Suwarow, der ein Gleiches that. –

Klaus Ensikat, Die Abentheuer der Sylvester-Nacht, Pressendrucke bei The Bear Press, 2019Freudig empfing ihn, als er seine Vaterstadt und sein Haus erreicht, die liebe Frau mit dem kleinen Rasmus, und bald schien es ihm, als sey in ruhiger, friedlicher Häuslichkeit der Verlust des Spiegelbildes wol zu verschmerzen. Es begab sich eines Tages, daß Spikher, der die schöne Giulietta ganz aus Sinn und Gedanken verloren, mit dem kleinen Rasmus spielte; der hatte die Händchen voll Ofenruß und fuhr damit dem Papa ins Angesicht. „Ach, Vater, Vater, wie hab‘ ich Dich schwarz gemacht, schau mal her!“ So rief der Kleine und holte, ehe Spikher es hindern konnte, einen Spiegel herbei, den er, ebenfalls hineinschauend, dem Vater vorhielt. – Aber gleich ließ er den Spiegel weinend fallen und lief schnell zum Zimmer hinaus. Bald darauf trat die Frau herein, Staunen und Schreck in den Mienen. „Was hat mir der Rasmus von Dir erzählt,“ sprach sie. „Daß ich kein Spiegelbild hätte, nicht wahr, mein Liebchen?“ fiel Spikher mit erzwungenem Lächeln ein, und bemühte sich zu beweisen, daß es zwar unsinnig sey zu glauben, man könne überhaupt sein Spiegelbild verlieren, im Ganzen sey aber nicht viel daran verloren, da jedes Spiegelbild doch nur eine Illusion sey, Selbstbetrachtung zur Eitelkeit führe, und noch dazu ein solches Bild, das eigne Ich, spalte in Wahrheit und Traum. Indem er so sprach, hatte die Frau von einem verhängten Spiegel, der sich in dem Wohnzimmer befand, schnell das Tuch herabgezogen. Sie schaute hinein, und als träfe sie ein Blitzstrahl sank sie zu Boden. Spikher hob sie auf, aber kaum hatte die Frau das Bewußtseyn wieder, als sie ihn mit Abscheu von sich stieß. „Verlasse mich,“ schrie sie, „verlasse mich, fürchterlicher Mensch! Du bist es nicht, Du bist nicht mein Mann, nein – ein höllischer Geist bist Du, der mich um meine Seligkeit bringen, der mich verderben will. – Fort, verlasse mich, Du hast keine Macht über mich, Verdammter!“ Ihre Stimme gellte durch das Zimmer, durch den Saal, die Hausleute liefen entsetzt herbei, in voller Wuth und Verzweiflung stürzte Erasmus zum Hause hinaus. Wie von wilder Raserei getrieben rannte er durch die einsamen Gänge des Parks, der sich bei der Stadt befand. Giulietta’s Gestalt stieg vor ihm auf in Engelsschönheit, da rief er laut: „Rächst Du Dich so, Giulietta, dafür, daß ich Dich verließ und Dir statt meines Selbst nur mein Spiegelbild gab? Ha, Giulietta, ich will ja Dein seyn mit Leib und Seele, Sie hat mich verstoßen, Sie, der ich Dich opferte. Giulietta, Giulietta, ich will ja Dein seyn mit Leib und Leben und Seele.“ – „Das können Sie ganz füglich, mein Werthester,“ sprach Signor Dapertutto, der auf einmal in seinem scharlachrothen Rocke mit den blitzenden Stahlknöpfen dicht neben ihm stand. Es waren Trostesworte für den unglücklichen Erasmus, deshalb achtete er nicht Dapertutto’s hämisches, häßliches Gesicht, er blieb stehen und fragte mit recht kläglichem Ton: „Wie soll ich Sie denn wieder finden, Sie, die wol auf immer für mich verloren ist!“ – „Mit nichten,“ erwiederte Dapertutto, „Sie ist gar nicht weit von hier und sehnt sich erstaunlich nach Ihrem werthen Selbst, Verehrter, da doch, wie Sie einsehen, ein Spiegelbild nur eine schnöde Illusion ist. Uebrigens giebt sie Ihnen, sobald sie sich Ihrer werthen Person, nämlich mit Leib, Leben und Seele sicher weiß, Ihr angenehmes Spiegelbild glatt und unversehrt dankbarlichst zurück.“ „Führe mich zu ihr – zu ihr hin!“ rief Erasmus, „wo ist sie?“ „Noch einer Kleinigkeit bedarf es,“ fiel Dapertutto ein, „bevor Sie Giulietta sehen und sich ihr gegen Erstattung des Spiegelbildes ganz ergeben können. Dieselben vermögen nicht so ganz über Dero werthe Person zu disponiren, da Sie noch durch gewisse Bande gefesselt sind, die erst gelöset werden müssen. – Dero liebe Frau nebst dem hoffnungsvollen Söhnlein“ – „Was soll das?“ – fuhr Erasmus wild auf. „Eine unmaßgebliche Trennung dieser Bande,“ fuhr Dapertutto fort, „könnte auf ganz leicht menschliche Weise bewirkt werden. Sie wissen ja von Florenz aus, daß ich wundersame Medikamente geschickt zu bereiten weiß, da hab‘ ich denn hier so ein Hausmittelchen in der Hand. Nur ein paar Tropfen dürfen die genießen, welche Ihnen und der lieben Giulietta im Wege sind, und sie sinken ohne schmerzliche Gebehrde lautlos zusammen. Man nennt das zwar sterben, und der Tod soll bitter seyn; aber ist denn der Geschmack bittrer Mandeln nicht lieblich, und nur diese Bitterkeit hat der Tod, den dieses Fläschchen verschließt. Sogleich nach dem fröhlichen Hinsinken wird die werthe Familie einen angenehmen Geruch von bittern Mandeln verbreiten. – Nehmen Sie, Geehrtester.“ – Er reichte dem Erasmus eine kleine Phiole hin.[Fußnote] 1 „Entsetzlicher Mensch,“ schrie dieser, „vergiften soll ich Weib und Kind?“ „Wer spricht denn von Gift,“ fiel der Rothe ein, „nur ein wohlschmeckendes Hausmittel ist in der Phiole enthalten. Mir stünden andere Mittel, Ihnen Freiheit zu schaffen, zu Gebote, aber durch Sie selbst möcht‘ ich so ganz natürlich, so ganz menschlich wirken, das ist nun einmal meine Liebhaberei. Nehmen Sie getrost, mein Bester!“ – Erasmus hatte die Phiole in der Hand, er wußte selbst nicht wie. Gedankenlos rannte er nach Hause in sein Zimmer. Die ganze Nacht hatte die Frau unter tausend Aengsten und Qualen zugebracht, sie behauptete fortwährend, der Zurückgekommene sey nicht ihr Mann, sondern ein höllischer Geist, der ihres Mannes Gestalt angenommen. So wie Spikher ins Haus trat, floh Alles scheu zurück, nur der kleine Rasmus wagte es, ihm nahe zu treten und kindisch zu fragen, warum er denn sein Spiegelbild nicht mitgebracht habe, die Mutter würde sich darüber zu Tode grämen. Erasmus starrte den Kleinen wild an, er hatte noch Dapertutto’s Phiole in der Hand. Der Kleine trug seine Lieblingstaube auf dem Arm, und so kam es, daß diese mit dem Schnabel sich der Phiole näherte und an dem Pfropfe pickte; sogleich ließ sie den Kopf sinken, sie war todt. Entsetzt sprang Erasmus auf. „Verräther,“ schrie er, „Du sollst mich nicht verführen zur Höllenthat!“ – Er schleuderte die Phiole durch das offene Fenster, daß sie auf dem Steinpflaster des Hofes in tausend Stücke zersprang. Ein lieblicher Mandelgeruch stieg auf und verbreitete sich bis ins Zimmer. Der kleine Rasmus war erschrocken davon gelaufen. Spikher brachte den ganzen Tag von tausend Qualen gefoltert zu, bis die Mitternacht eingebrochen. Da wurde immer reger und reger in seinem Innern Giulietta’s Bild. Einst zersprang ihr in seiner Gegenwart eine Halsschnur, von jenen kleinen rothen Beeren aufgezogen, die die Frauen wie Perlen tragen. Die Beeren auflesend verbarg er schnell eine, weil sie an Giulietta’s Halse gelegen, und bewahrte sie treulich. Die zog er jetzt hervor, und sie anstarrend, richtete er Sinn und Gedanken auf die verlorne Geliebte. Da war es, als ginge aus der Perle der magische Duft hervor, der ihn sonst umfloß in Giulietta’s Nähe. „Ach, Giulietta, Dich nur noch ein einziges Mal sehen und dann untergehen in Verderben und Schmach.“ – Kaum hatte er diese Worte gesprochen, als es auf dem Gange vor der Thür leise zu rischeln und zu rascheln begann. Er vernahm Fußtritte – es klopfte an die Thür des Zimmers. Der Athem stockte dem Erasmus vor ahnender Angst und Hoffnung. Er öffnete. Giulietta trat herein, in hoher Schönheit und Anmuth. Wahnsinnig vor Liebe und Lust schloß er sie in seine Arme. „Nun bin ich da, mein Geliebter,“ sprach sie leise und sanft, „aber sieh, wie getreu ich Dein Spiegelbild bewahrt!“ Sie zog das Tuch vom Spiegel herab, Erasmus sah mit Entzücken sein Bild der Giulietta sich anschmiegend; unabhängig von ihm selbst warf es aber keine seiner Bewegungen zurück. Schauer durchbebten den Erasmus. „Giulietta,“ rief er, „soll ich denn rasend werden in der Liebe zu Dir? – Gieb mir das Spiegelbild, nimm mich selbst mit Leib, Leben und Seele.“ – „Es ist noch etwas zwischen uns, lieber Erasmus,“ sprach Giulietta, „Du weißt es – hat Dapertutto Dir nicht gesagt – Um Gott, Giulietta,“ fiel Erasmus ein, „kann ich nur auf diese Weise Dein werden, so will ich lieber sterben.“ – „Auch soll Dich,“ fuhr Giulietta fort, „Dapertutto keineswegs verleiten zu solcher That. Schlimm ist es freilich, daß ein Gelübde und ein Priestersegen nun einmal so viel vermag, aber lösen mußt Du das Band, was Dich bindet, denn sonst wirst Du niemals gänzlich mein, und dazu giebt es ein anderes besseres Mittel, als Dapertutto vorgeschlagen.“ – „Worin besteht das?“ fragte Erasmus heftig. Da schlang Giulietta den Arm um seinen Nacken, und den Kopf an seine Brust gelehnt lispelte sie leise: „Du schreibst auf ein kleines Blättchen Deinen Namen Erasmus Spikher unter die wenigen Worte: Ich gebe meinem guten Freunde Dapertutto Macht über meine Frau und über mein Kind, daß er mit ihnen schalte und walte nach Willkühr und löse das Band, das mich bindet, weil ich fortan mit meinem Leibe und mit meiner unsterblichen Seele angehören will der Giulietta, die ich mir zum Weibe erkohren, und der ich mich noch durch ein besonderes Gelübde auf immerdar verbinden werde.“ Es rieselte und zuckte dem Erasmus durch alle Nerven. Feuerküsse brannten auf seinen Lippen, er hatte das Blättchen, das ihm Giulietta gegeben, in der Hand. Riesengroß stand plötzlich Dapertutto hinter Giulietta und reichte ihm eine metallene Feder. In dem Augenblick sprang dem Erasmus ein Aederchen an der linken Hand und das Blut spritzte heraus. „Tunke ein, tunke ein – schreib‘, schreib‘,“ krächzte der Rothe. – „Schreib‘, schreib‘, mein ewig, einzig Geliebter,“ lispelte Giulietta. Schon hatte er die Feder mit Blut gefüllt, er setzte zum Schreiben an – da ging die Thür auf, eine weiße Gestalt trat herein, die gespenstisch starren Augen auf Erasmus gerichtet, rief sie schmerzvoll und dumpf: „Erasmus, Erasmus, was beginnst Du – um des Heilandes willen, laß ab von gräßlicher That!“ – Erasmus in der warnenden Gestalt sein Weib erkennend, warf Blatt und Feder weit von sich. – Funkelnde Blitze schossen aus Giulietta’s Augen, gräßlich verzerrt war das Gesicht, brennende Gluth ihr Körper. „Laß ab von mir, Höllengesindel, Du sollst keinen Theil haben an meiner Seele. In des Heilandes Namen, hebe Dich von mir hinweg, Schlange – die Hölle glüht aus Dir.“ – So schrie Erasmus und stieß mit kräftiger Faust Giulietta, die ihn noch immer umschlungen hielt, zurück. Da gellte und heulte es in schneidenden Mißtönen, und es rauschte wie mit schwarzen Rabenfittigen im Zimmer umher. – Giulietta – Dapertutto verschwanden im dicken stinkenden Dampf, der wie aus den Wänden quoll, die Lichter verlöschend. Endlich brachen die Strahlen des Morgenroths durch die Fenster. Erasmus begab sich gleich zu seiner Frau. Er fand sie ganz milde und sanftmüthig. Der kleine Rasmus saß schon ganz munter auf ihrem Bette; sie reichte dem erschöpften Mann die Hand, sprechend: „Ich weiß nun Alles, was Dir in Italien Schlimmes begegnet, und bedaure Dich von ganzem Herzen. Die Gewalt des Feindes ist sehr groß, und wie er denn nun allen möglichen Lastern ergeben ist, so stiehlt er auch sehr, und hat dem Gelüst nicht widerstehen können, Dir Dein schönes, vollkommen ähnliches Spiegelbild auf recht hämische Weise zu entwenden. – Sieh doch einmal in jenen Spiegel dort, lieber, guter Mann!“ – Spikher that es, am ganzen Leibe zitternd, mit recht kläglicher Miene. Blank und klar blieb der Spiegel, kein Erasmus Spikher schaute heraus. „Diesmal,“ fuhr die Frau fort: „ist es recht gut, daß der Spiegel Dein Bild nicht zurückwirft, denn Du siehst sehr albern aus, lieber Erasmus. Begreifen wirst Du aber übrigens wol selbst, daß Du ohne Spiegelbild ein Spott der Leute bist und kein ordentlicher, vollständiger Familienvater seyn kannst, der Respekt einflößt der Frau und den Kindern. Rasmuschen lacht Dich auch schon aus, und will Dir nächstens einen Schnauzbart mahlen mit Kohle, weil Du das nicht bemerken kannst. Wandre also nur noch ein bischen in der Welt herum und suche gelegentlich dem Teufel Dein Spiegelbild abzujagen. Hast Du’s wieder, so sollst Du mir recht herzlich willkommen seyn. Küsse mich, (Spikher that es) und nun – glückliche Reise! Schicke dem Rasmus dann und wann ein Paar neue Höschen, denn er rutscht sehr auf den Knieen und braucht dergleichen viel. Kommst Du aber nach Nürnberg, so füge einen bunten Husaren hinzu und einen Pfefferkuchen, als liebender Vater. Lebe recht wohl, lieber Erasmus!“ – Die Frau drehte sich auf die andere Seite und schlief ein. Spikher hob den kleinen Rasmus in die Höhe und drückte ihn an’s Herz; der schrie aber sehr, da setzte Spikher ihn wieder auf die Erde und ging in die weite Welt. Er traf einmal auf einen gewissen Peter Schlemihl, der hatte seinen Schlagschatten verkauft; Beide wollten Compagnie gehen, so daß Erasmus Spikher den nöthigen Schlagschatten werfen, Peter Schlemihl dagegen das gehörige Spiegelbild reflektiren sollte; es wurde aber nichts daraus.

Ende der Geschichte vom verlornen Spiegelbilde.

~~~\~~~~~~~/~~~

Postskript des reisenden Enthusiasten.

– Was schaut denn dort aus jenem Spiegel heraus? – Bin ich es auch wirklich? – O Julie – Giulietta – Himmelsbild – Höllengeist – Entzücken und Qual – Sehnsucht und Verzweiflung. – Du siehst, mein lieber Theodor Amadäus Hoffmann! daß nur zu oft eine fremde dunkle Macht sichtbarlich in mein Leben tritt, und den Schlaf um die besten Träume betrügend, mir gar seltsame Gestalten in den Weg schiebt. Ganz erfüllt von den Erscheinungen der Sylvesternacht, glaube ich beinahe, daß jener Justizrath wirklich von Dragant, sein Thee eine Weihnachts- oder Neujahrsausstellung, die holde Julie aber jenes verführerische Frauenbild von Rembrandt oder Callot war, das den unglücklichen Erasmus Spikher um sein schönes ähnliches Spiegelbild betrog. Vergieb mir das!

Klaus Ensikat, Die Abentheuer der Sylvester-Nacht, Pressendrucke bei The Bear Press, 2019

[Fußnote] 1 Dapertutto’s Phiole enthielt gewiß rektifizirtes Kirschlorbeerwasser, sogenannte Blausäure. Der Genuß einer sehr geringen Quantität dieses Wassers (weniger als eine Unze) bringt die beschriebenen Wirkungen hervor. Horns Archiv für mediz. Erfahr. 1813. Mai bis Dez. Seite 510.

Bilder: Klaus Ensikat: E.T.A. Hoffmann. Die Abentheuer der Sylvester-Nacht.
Imprint Antiqua, 68 S., 19 x 28 cm, Pressendrucke in The Bear Press, Bayreuth 2019.

Soundtrack: Bryn Terfel für ORF 2 aus der Staatsoper Wien, 1995:
Jacques Offenbach: Spiegelarie „Scintille diamant“, aus: Les contes d’Hoffmann, 1881:

Bonus Track: A Gschicht zum verzähln: Anti Cornettos: Korsakov Syndrom, aus: Dohuggandedeoiweidohuggan, 2014:

Written by Wolf

3. Januar 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Romantik

Ukraihnachtsgewinnspiel: Die Lichter brennen, Geigen klingen

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Веселого Різдва для всіх nochmal. Die mir bekannten Ukrainer, in der Mehrzahl Ukrainerinnen, die sich in diesen Tagen gerne für zusätzliche Schichten einteilen lassen, weil sie in einem eher zufällig sich ergebenden lückenlosen Anschluss erst nach unseren zwölf Raunächten das orthodoxe Weihnachtsfest zu begehen gedenken, die mir bekannten Ukrainer also, sagte ich, werden mir was dafür husten, dass ich auf Basis einer ukrainischen Weihnachtsserie was zu verschenken hab. Die gute Nachricht ist: Die sind Schlimmeres gewohnt.

Mykola Kornylovych Pymonenko, Різдвяні ворожіння, 1888Zu verschenken gibt es einmal Frank T. Zumbach: Galgenblüten, Haffmans 1996, ungelesen, altersbedingt angestaubt, als Mängelexemplar gekennzeichnet, aber einwandfrei benutzbar — oder wahlweise die Verwendung eines Vornamens Ihrer Wahl in meinem nächsten Liedtext. Ich hab nämlich einen drei- bis vierstrophigen Text plus Refrain für einen Blues im Ofen, in den ich noch einen menschlichen Eigennamen eintauschen kann. Voraussichtlich wird es ein ganz ordentliches Lied, und Sie dürfen sich wünschen, darin unsterblich zu werden. Für mich wäre es hilfreich, wenn Sie sich einen weiblichen Vornamen wünschen, das Buch kriegt jeder, der es haben will, weil mir das sagt, dass es dann schon in gute Hände kommen wird.

Eins von beiden dürfen Sie sich wünschen, wenn Sie mir den Originaltext zu einem Gedicht von Taras Schewtschenko beschaffen, das ich in deutscher Übersetzung von Alfred Kurella in der zweibändigen Auswahlausgabe Der Kobsar, Verlag für fremdsprachige Literatur, Moskau 1951 gefunden hab. Weder mein bildschönes und blitzgescheites ukrainisches Gewährsmädchen noch Volltextsuchen konnten mir sagen, woraus das übersetzt ist.

Das ukraihnachtliche Gewinnspiel ist zeitlich nicht begrenzt, weil ich die Lösung auch in hundert Jahren noch wissen will. Sollten die Preise bis dahin nicht mehr zur Verfügung stehen, finden wir einen Ersatz, versprochen. Das ist eine private Veranstaltung rein zur Gaudi mit ausgeschlossenem Rechtsweg.

Die erwartbare Reaktion auf das Gedicht wäre anno 2019 ein trockenes „OK Boomer“ gewesen, im Russischen Kaiserreich des Jahres 1850 war die Klage um die verlorene Jugend eines 36-Jährigen berechtigt. — Шукаю оригінал:

——— Taras Schewtschenko zu Orenburg, 1. Halbjahr 1850, übs. Alfred Kurella:

Die Lichter brennen, Geigen klingen,
Zum Himmel klingt ein schluchzend Singen!
In heißer Diamantenglut
Erglänzen junge Augenpaare,
Und Freude nur und Hoffnung strahlen
Im frohen Blick. Du hast es gut,
Du sündenloses, junges Blut!
Und alle plaudern, lachen, drehn sich;
Nur ich allein seh freudlos zu;
Wie ein Verdammter abseits steh ich
Und weine, weine immerzu.
Was wein ich? Mir will scheinen heute,
Daß voller Leid und ohne Freude
Die Jugend mir verflog im Nu.

A scene from a traditional Ukrainian Christmas vertep, via Internet Encyclopedia of Ukraine

Soundtrack ist das in der ukrainischen Volksseele zutiefst verankerte Schtschedryk von Mykola Leontowytsch 1916. Aus einer langen Список українських колядок і щедрівок, das ist: Liste genuin ukrainischer Weihnachtslieder, ragt der Schtschedryk, das ist: abgeleitet von „Щедрий вечiр“ der reichhaltige Abend, in Beliebtheit und die Generationen verbindender Bedeutung heraus — was man vor allem daran erkennt, dass es, von Leontowytsch eigentlich gar nicht als Weihnachtslied geplant, ein Lieblingslied meines bildschönen und blitzgescheiten ukrainischen Gewährsmädchens ist.

In diesem Sinne ein großmächtiges Dankeschön an Olha für Insiderwissen und Geduld: Du darfst immer noch mitmachen!

Bilder: Mykola Kornylovych Pymonenko: Різдвяні ворожіння (Weihnachtliche Weissagung), 1888,
Russisches Museum Sankt Petersburg;
A scene from a traditional Ukrainian Christmas vertep, via Internet Encyclopedia of Ukraine.

Bonus Track: Tom Waits: Silent Night, aus: SOS United, 1989 – nur als Stiftung für die SOS-Kinderdörfer.
Im Video: Correggio: Anbetung der Hirten, 1530 (Detail); Tintoretto, 1545 oder 1578; Gerrit van Honthorst, 1622 oder 1646.

Written by Wolf

27. Dezember 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Vier letzte Dinge: Tod

Адвент 3: Mit einem stillen, guten Worte mein gedenken

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Update zu Das Angedenken der Zuckerlust:

Die nationale, um nicht zu sagen: emotionale Bedeutung für die ganze stolze Ukraine von Taras Schewtschenkos Gedicht Заповіт kann man gar nicht überschätzen. Allein in der Liste der Übersetzungen wird man gar nicht fertig mit Scrollen — und merkt, was der Google-Translator für ein Segen ist.

Unter den deutschen Übersetzugen werden darin die von der Lemberger, nein: Львова Wortkünstlerin Hedda Zinner aus der noch erreichbarsten Schewtschenko-Auswahl Meine Lieder, meine Träume. Gedichte und Zeichnungen — Verlag der Nation Berlin und Verlag Dnipro Kiew 1987, auf keine Weise identisch mit dem nahezu gleichnamigen USA-Film 1965 — angeführt, sowie die Übersetzung von Iwan Franko.

Was für ein glückliches Land das sein sollte, in dem sich die Nationaldichter gegenseitig in die Sprachen des befreundeten Auslands übersetzen.

——— Тарас Григорович Шевченко:

Заповіт

написанное 25 декабря 1845 года в Переяславе,
перше надрукований в 1859 році в Ляйпциґу в збірці Новыя стихотворѣнія Пушкина и Шевченки:

Як умру, то поховайте
Мене на могилі,
Серед степу широкого
На Вкраїні милій:
Щоб лани широкополі
І Дніпро, і кручі
Було видно, — було чути
Як реве ревучий!

Як понесе з України
У синєє море
Кров ворожу, — отоді я
І лани, і гори —
Все покину і полину
До самого Бога
Молитися. А до того —
Я не знаю Бога!

Поховайте та вставайте,
Кайдани порвіте,
І вражою, злою кровю
Волю окропіте!
І мене в сімьї великій,
В сімьї вольній, новій,
Не забудьте помьянути
Незлим, тихим словом!

1912, Ганна ЧЕРКАСЬКА, Ховали Тараса, як гетьмана-парубка. Сьогодні – 157 роковини перепоховання Шевченка, UAinfo, 22. Mai 2018

——— Taras Hryhorowytsch Schewtschenko:

Das Vermächtnis

übs. Iwan Franko, 1903:

Wenn ich sterbe, so bestattet
Mich auf eines Kurhans Zinne,
Mitten in der breiten Steppe
Der geliebten Ukraine, –
Daß ich grenzenlose Felder
Und den Dnipr und seine Schnellen
Sehen kann und hören möge
Das Gebraus der großen Wellen.

Wenn sie von der Ukraine
Schwemmen fort ins Meer und schleppen
Feindesblut und Feindesleichen,
Dann verlaß‘ ich Berg und Steppen,
Schwinge bis zum Gott empor mich
Von dem Sturme hingerissen
Um zu beten, – doch bis dahin
Will von keinem Gott ich wissen.

Ja, begrabt mich und erhebt euch,
Und zersprenget eure Ketten,
Und mit schlimmem Feindesblute
Möge sich die Freiheit röten!
Und am Tag, der euch die Freiheit
Und Verbrüderung wird schenken,
Möget ihr mit einem stillen,
Guten Worte mein gedenken.

——— Taras Hryhorowytsch Schewtschenko:

Vermächtnis

übs. Hedda Zinner, 1951:

Wenn ich sterbe, sollt zum Grab ihr
Den Kurgan mir bereiten
In der lieben Ukraine,
Auf der Steppe, der breiten,
Wo man weite Felder sieht,
Den Dnjepr und seine Hänge,
Wo man hören kann sein Tosen,
Seine wilden Sänge.

Wenn aus unsrer Ukraine
Zum Meer dann, zum blauen,
Treibt der Feinde Blut, verlaß ich
Die Berge und Auen,
Alles laß ich dann und fliege
Empor selbst zum Herrgott,
Und ich bete… Doch bis dahin
Kenn‘ ich keinen Herrgott!

So begrabt mich und erhebt euch!
Die Ketten zerfetzet!
Mit dem Blut der bösen Feinde
Die Freiheit benetzet!
Meiner sollt in der Familie,
In der großen, ihr gedenken,
Und sollt in der freien, neuen
Still ein gutes Wort mir schenken.

Ганна ЧЕРКАСЬКА, Ховали Тараса, як гетьмана-парубка. Сьогодні – 157 роковини перепоховання Шевченка, UAinfo, 22. Mai 2018

Bilder: beide 1912, via Anna Cherkaska: „Ховали Тараса, як гетьмана-парубка“. Сьогодні – 157 роковини перепоховання Шевченка, UAinfo, 22. Mai 2018.

Soundtrack: Отава Ё: Ой, Дуся, ой, Маруся, Juli/August 2016:

Written by Wolf

13. Dezember 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Romantik

Blumenstück 003: Holdselige Ranunkel

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Update zum Wunderblatt 7: Die Vegetation ist der negative Lebensprozeß. Vom ursprünglichsten Gegensatz zwischen Pflanze und Tier — und Emily und Emily
und Wunderblatt 9: Dies ist das Kaktusland:

Wenn die Reben wieder glühen,
Rühret sich der Wein im Fasse,
Wenn die Erbsen wieder blühen,
Weiß ich nicht, wie mir geschieht.

Ludwig Tieck, a. a. O., Seite 95.

Einmal hab ich’s versucht: Es ist gar nicht so einfach, mit Absicht ein wirklich abgrundmieses Gedicht zu schreiben. Am zweitschwersten sind ordentliche Gedichte in aufsteigenden Qualitätsgraden, so mittel werden sie von selber; siehe auch: Kathryn und Ross Petras: Very Bad Poetry, Vintage Books 1997 (Kaufempfehlung!).

Die Muskete, 1941, via AbecedarianArno Schmidt, der alles weiß, lässt genau vier „echte“ deutsche Romantiker gelten: Clemens Brentano, Friedrich de la Motte Fouqué, E.T.A. Hoffmann und Ludwig Tieck. Am wenigsten verwundert Fouqué, weil Schmidt über denselben 1958 die immer noch gültige Standard-Biographie geliefert hat; das Skandalöse an seiner extraknapp gehaltenen Liste ist eher noch, wen er alles nicht erwähnt: Eichendorff, Hölderlin, Novalis, beide Schlegels, Uhland, von Arnim – also die meisten, die unsereinem, die wir nicht gerade „zweimal zehntausend Arbeitsstunden“ (Selbstauskunft; das wären etwa zehn Arbeitsjahre) an eine abseitige Biographie gewandt haben, spontan einfallen mögen.

Ebenso unterschätzt wie vernachlässigt finde ich darunter Ludwig Tieck, der allemal mehr Spaß macht als, sagen wir, der überschätzte, überpräsente und dazu noch heillos überlebte Novalis, wenn man denn wirklich einmal auf Teile seines Werks stößt.

Sehr vereinzelt findet man noch den bedauernden Hinweis: „Eine umfassende Werkausgabe, die wissenschaftlichen Ansprüchen genügen könnte, gibt es nicht. Zum Teil muss man auf die Einzelausgaben oder die von Tieck selbst besorgte Ausgabe der Schriften zurückgreifen.“ Letztere ist von 1828 bis 1854. Selbst der Deutsche Klassiker Verlag hat bezeichnender Weise die auf zwölf Bände – und auf weitgehende Vollständigkeit – angelegte Gesamtausgabe von Ludwig Tieck nach fünf Bänden abgebrochen. Halbwegs aufzutreiben ist antiquarisch die vierbändige Winkler-Ausgabe von Marianne Thalmann, auch schon wieder von 1963 bis 1966. Die ist verdienstreich und wunderschön, beansprucht aber gar nicht erst, vollständig zu sein; unter anderem lässt sie die Gedichte weg.

Gerade Ludwig Tiecks Gedichte sind ein Verlust. Die gute Nachricht ist: Ruprecht Wimmer konnte vor dem Abbruch für die Bibliothek Deutscher Klassiker die Gedichte als siebten Band veranstalten, der sogar noch lieferbar ist; Verlagsbeschreibung: „Band 7 der neuen Tieck-Ausgabe versammelt erstmals alle Gedichte Tiecks und erschließt sie durch einen umfassenden Kommentar.“ Die schlechte Nachricht ist: Der Band kostet verlagsfrisch in Leinen mal kurz 76 Euro, in Leder 138. Irgendwas ist ja immer.

Paul Galdone für Margaret G. Otto, The Man in the Moon, detail, via AbecedarianUm Arno Schmidts Einschätzungen über Ludwig Tieck nicht vollends ungenutzt liegen zu lassen, hören wir auf ihn und bemerken: Der Mann empfiehlt in seinem gesamten Werk spätestens aller „gefühlte“ fünfzig Seiten einmal Die Vogelscheuche von 1835 aufs allerwärmste. Im Druck ist diese „Mährchen-Novelle in fünf Aufzügen“ praktisch nicht vorhanden – außer in der Reihe Haidnische Alterthümer von Zweitausendeins 1979, die man erwischen muss – dafür als Einzel-Kindle 0 Euro, fragt sich nur, in was für einem Zustand. Online steht der Originaltext mindestens fünfmal (na gut, und in bekannter Zuverlässigkeit auf Gutenberg):

Was wiederum Die Vogelscheuche im Zusammenhang mit Gedichten angeht, schlagen wir unser Haidnisches Alterthum von 1979 auf Seite 97 auf, um unsere kulturellen Verluste leichter zu verschmerzen. Wo Schmidt recht hat mit seiner nimmermüden Empfehlung, die er in jedem nur entfernt sich anbietenden Zeitungsartikel und Radiodialog unterbringt: Das Ding ist schon rein formal die reine Freude, weil die erzählende Prosa, aufgeteilt in die Akte und Szenen eines Theaterstücks, allerlei Auftritte wie Duette, Trios oder Chöre durchdekliniert. Die „Novelle“ zwischen realistischer und phantastischer Handlung umfasst ausführliche 400 Druckseiten, will also ausreden – aber nicht in nach allen Richtungen zerfasernden Assoziationen wie Jean Paul – ein anderer, höchst berechtigter Liebling von Schmidt –, sondern dicht mit wahren Kabinettstückchen vollgepackt.

Mit der auf Seite 98 besungenen Ranunkel ist vermutlich eine domestizierte Spielart des Asiatischen Hahnenfußes Ranunculus asiaticus) gemeint, dessen Wildform im östlichen Mittelmeerraum vorkommt, der aber im 19. Jahrhundert als mitteleuropäische Gärtnerpflanze beliebt war und auf den die Beschreibung „fein geblättert, sinnig, mit allen Farben prangend, und dennoch so bescheiden“ passt, und eben nicht die allzu artenreiche Gattung des Hahnenfuß Ranunculus innerhalb der schier unüberschaubaren Familie der Hahnenfußgewächse Ranunculaceae. Die Figur des Herrn Ledebrinna, ein ledergesichiger Unsympath und rücksichtsloser Emporkömmling, trägt vor:

——— Ludwig Tieck:

Große musikalische Gesellschaft.

Zweiter Aufzug. Dritte Scene,
aus: Die Vogelscheuche. Mährchen-Novelle in fünf Aufzügen. Erster Theil, Reimer, Berlin 1835,
cit. nach: ders.: Die Vogelscheuche. / Das Alte Buch und Die Reise ins Blaue hinein.
Mit einem Nachwort von Ulrich Wergin, Textredaktion Hanne Witte,
Reihe: Michael Bock, Hrsg.: Haidnische Alterthümer. Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts, Band 4,
Zweitausendeins, Frankfurt am Main 1979, Seite 97 bis 100:

The Link, 1970, via Abecedarian[…] Ich wüthe eigentlich nur, fuhr Ledebrinna fort, gegen die Rose, so wie gegen die Verehrer dieser ganz nichtsnutzigen Blume. Was ist denn Schönes oder Preiswürdiges an dieser Kreatur? Selbst die wild an den Zäunen wachsende ist nichts Vorzügliches, und doch liefert sie uns wenigstens noch die Hanbutte, die freilich auch, mit Zucker aufgekocht, oder eingemacht, nichts Sonderliches der gebildeten Zunge bietet. Glauben Sie aber nicht, daß ich so ganz einseitig nur einem wilden engherzigen Systeme folge. Ich weiß wohl Unterschiede zu machen, und einer Blume, die auch nichts weiter als eine solche ist, zolle ich meine unbedingte Huldigung, und möchte sie als Königin auf den Thron der Blüthenwelt setzen, den die unwürdige Rose schon seit lange usurpirt hat.

Und wer wäre das? fragte der Apotheker in der höchsten Spannung.

Kann es jemand anders seyn, erwiederte Ledebrinna, als die einzige, fein geblätterte, sinnige, mit allen Farben prangende, und dennoch so bescheidene Ranunkel?

Des Apothekers Gesicht erglühte hochroth in freudiger Ueberraschung. Ledebrinna aber zog ein Blatt mit Goldschnitt aus dem Busen und las:

Dir sei Preis, holdselige Ranunkel,
Denn du bist nach meinem Sinn
Doch der Blumen Königin,
Deiner tausend Farben Lichtgefunkel
Glänzt wie Frühling durch den Garten hin,
Du bedarfst nicht, nur die Rose sucht das Dunkel,
Thau und Feuchtigkeit der Nacht bringt ihr Gewinn,
Wenn es hell wird, bleicht die Röthe bald dahin:
Wozu also noch vom Rosenlob Gemunkel?
Es ist doch nur eiteles Geflunkel,
Lieber selbst ist mir die Rübe, Runkel,
Nein, Ranunkel,
Du bist aller Blumen Kaiserin,
Ros‘ und Lilie dienen höchstens nur als Kunkel-
Frauen deinem Thron, du bist und bleibst nach meinem schlichten Sinn
Die Königin
Der ganzen Blumenwelt, vielstrahlende Ranunkel!

Mit dem letzten Worte verbeugte er sich und übergab dem Apotheker sein Gedicht. Dieser schloß den Dichter heftig in seine Arme und weinte laut. Die meisten wußten nicht, was sie von dieser Scene denken sollten, doch da Wilhelm bemerkte, wie sich Alexander und Amalie anlächelten und eine satirische Miene machten, hielt er sich nicht länger zurück, sondern lachte laut auf, da ihm das Gedicht, die Umarmung, Ledebrinna und der Apotheker äußerst komisch erschienen. Der Apotheker drehte sich unwillig um, und Ledebrinna warf nach seiner Art den Kopf schnell nach der Seite und rollte die dunkeln Augen. indem er mit den Armen schlenkerte. Der Magister Ubique, der das Lachen nicht bemerkt hatte, sagte mit seinem glatten Ton: Wahrlich, Herr von Ledebrinna, höchstverehrtester Freund, Sie haben uns da ein eben so originelles als großartiges Gedicht mitgetheilt, es erinnert an die schönsten Zeiten unsrer Poesie, ja auch durch den schlichten Vortrag an die Antike, und hätten Sie das elegische Sylbenmaaß, den Hexameter und Pentameter, beliebt, so zweifle ich, ob etwas in der Anthologie stehe, welches dieser lichten Geistesblüthe vorzuziehen sei. Auch an Göthe’s schönste Jugend-Periode erinnert uns dieser wahrhaft lyrische Schwung; die kühnen Uebergänge sind ganz in seiner besten Manier.

Reden Sie mir von Göthe nicht! rief Ledebrinna entrüstet aus, ich verbitte es mir, mit diesem Weichling, der unsere Moralität von allen Seiten untergraben hat, in irgend eine Parallele gestellt zu werden. […]

Fliegende Blätter, 1924, via Abededarian

Bilder: via Abecedarian:

  1. Die Muskete, 1941;
  2. Paul Galdone für Margaret G. Otto: The Man in the Moon, 1957, detail;
  3. The Link, 1970;
  4. Fliegende Blätter, 1924.

Soundtrack: Tom Waits: Hold On, aus: Mule Variations, 1999:

Written by Wolf

22. November 2019 at 00:01

Drei Rosen, sang er, drei Rosen

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Update zu Gräflein Du bist verrathen:

Es reißt nicht ab: Wer zu tief nach Theodor Fontanes Volksliedfund Wer geht so spät zu Hofe buddelt, gerät nahezu zwangsläufig an eine weitere Ballade, diesmal ein Original von Friedrich de la Motte Fouqué.

„Wir schließen diesen Abschnitt mit einem Liede“ (George Hesekiel a. a. O.) aus derselben Quelle wie Fontanes Volkslied „zur Geschichte des Geschlechts der Grafen Königsmarck“, die über Fontanes Verwendung hinausgeht, allein schon weil sie auf einen der zentralen Forschungsgegenstände von Arno Schmidt verweist: Fouqué — und sogar, wie Schmidt sie in seinem Standardwerk von 1958 nennt, „einige seiner seiner Zeitgenossen„. Das trägt uns praktischerweise gleich noch eine Ballade in siebenzeiligen Strophen ein. Abermals in gleich zwei Zusammenhängen:

Günter Rössler, Fotokinoverlag, Leipzig 1982

——— George Hesekiel:

Nachrichten zur Geschichte des Geschlechts der Grafen Königsmarck

Verlag von Alexander Duncker, Königlicher Hofbuchhändler, Berlin 1854, Seite 5 bis 6:

Günter Rössler, Fotokinoverlag, Leipzig 1982In dieser Zeit kommen die Königsmarck in die erste Verbindung mit den Lützelburgern, dem böhmischen Königshause; Rüdiger von Königsmarck, er wird auch Radecke genannt, begleitete den Markgrafen, später Kaiser, Sigismund 1382 nach Ungarn und zeichnete sich vielfach dort aus. Seine glänzendste That aber war 1387 die Befreiung der Königin Maria von Ungarn aus der Gefangenschaft des Banus von Kroatien. Der Sage nach ließ die schöne Königin den tapfern Ritter vor sich bescheiden, grüßte ihn holdselig und sagte ihm, er solle sich eine Gnade ausbitten. Da bat der ritterliche Held um die drei Rosen, welche die Königin in der Hand hielt, die Königin aber reichte ihm die Rosen und dazu dreimal ihren rosigen Mund zum Kuß. Seit der Zeit hieß Rüdiger von Königsmarck im Ungarlande der Rosenritter, seine Nachkommen aber führen noch heut zum Gedächtniß die Königin mit den drei Rosen in der Hand als Helmkleinod auf ihrem Wappen. Einer unserer edelsten deutschen Dichter, Friedrich Baron de Lamotte=Fouqué hat diese Königsmarck’sche Schildsage in der folgenden lieblichen Romanze besungen:

Hier folgt die Romanze. Um nicht wieder unzulässig ins Zitat eines Zitats eingreifen zu müssen, weil Hesekiel nicht wesentlich, aber nicht gerade sehr zuverlässig von Fouqué abweicht, bringe ich den Text nach der Erstausgabe aus: Friedrich de la Motte Fouqué: Alwin. Ein Roman in zwei Bänden von Pellegrin. Erster Band, bei Friedrich Braunes, Berlin 1808, Seite 209 bis 210:

Günter Rössler, Fotokinoverlag, Leipzig 1982

Was meint sie denn mit den drei Rosen, die man meim Einlaß in’s Schloß nennen muß? fragte Alwin.

Emil, rief Hartwald nach dem Zelte hinein, sing uns doch einmal Flaminiens Romanze. Es ist ein altes Liedchen, fuhr er gegen Alwin fort, das ihr so ausnehmend gefällt, und von dem sie die Losung gewählt hat.

Der hübsche Page war indessen heraus getreten, hatte seine Zither gestimmt, und sang:

Mein Knappe, was kommst Du an Stirn und Brust
     Und Arm von Blute so roth,
Und reitest als wie in erquicklicher Lust,
     Als gäb‘ es nicht Jammer noch Noth?
          Drei Rosen, sang er, drei Rosen,
          Die pflückt‘ ich aus feindlichem Tosen,
     Die pflückt‘ ich aus drohendem Tod.

Günter Rössler, Fotokinoverlag, Leipzig 1982Und als er kam vor das Königshaus
     Der junge siegende Held.
Da trat die Königinn selber heraus:
     Nun fordre, was Dir gefällt.
          „Drei Rosen, hätt‘ ich drei Rosen,
     Wie wollt‘ ich noch hundertmal losen
     Um’s Leben auf eisernem Feld!

Die Königinn wußte, was Helden gebührt;
     Was Helden kann machen gesund.
Da haben ihn schweigende Mägdlein geführt
     In Zimmers verschwiegenen Rund.
          „Drei Rosen gab sie, drei Rosen,
          Drei Küsse mit freundlichem Kosen
     Von ihrem hellrosigen Mund.

Und drauf im erleuchteten, festlichen Saal
     Stand Herzog und Grafe bereit,
Da sagte die Herrin zu dieser Zahl
     Sei künftig mit Ehren gereiht,
     Und heiße der Ritter von Rosen,
     Und führ‘ im Wappen drei Rosen
     Und rosenfarb Helmbusch und Kleid.

Du hast deine Sache recht gut gemacht, Emil, sagte Hartwald, und kannst billig den besten Sängerlohn verlangen. Nimm hin! Und mit diesen Worten reichte er ihm einen goldnen Becher. Der Page nahm ihn lächelnd an, und tauchte seine schwellenden Lippen in die Gluth des Weins, indeß Alwin, als bemerkte er einen lange Verkannten, plötzlich emporschaute; diese Lippen waren es, welche er in der Einsiedelei sich auf ähnliche Weise in den Wein hatte tauchen sehn, und Emil stand als Emilie vor ihm, als die entführte, reizende Nonne.

Günter Rössler, Fotokinoverlag, Leipzig 1982

Die Bilder sind das Material, das für den Ursprungsartikel erwogen und verworfen wurde:
Günter Rössler für den Fotokinoverlag, Leipzig 1982.

Soundtrack: Über eine nicht mehr als dreigliedrige Assoziationskette:
Motörhead: Heroes, aus: Motörizer, 2008:

Written by Wolf

15. November 2019 at 00:01

Gefühl kann man zu Markt nicht bringen, doch Manuskripte jederzeit

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Update zu Ein Nichts, ein Zwischenraum (Jedenfalls sie hattens nicht)
und Indessen Pasternak:

Dichter.
Ihr fühlet nicht wie schlecht ein solches Handwerk sey!
Wie wenig das den ächten Künstler zieme!
Der saubern Herren Pfuscherey
Ist, merk‘ ich, schon bey euch Maxime. […]

Wer läßt den Sturm zu Leidenschaften wüthen?
Das Abendroth im ernsten Sinne glühn?
Wer schüttet alle schönen Frühlingsblüten
Auf der Geliebten Pfade hin?
Wer flicht die unbedeutend grünen Blätter
Zum Ehrenkranz Verdiensten jeder Art?
Wer sichert den Olymp? vereinet Götter?
Des Menschen Kraft im Dichter offenbart.

Goethe: Vorspiel auf dem Theater, Vers 104 bis 107; 150 bis 157.

Elisabeta Zelenina, Knishniki, Novaja Gazeta, St. Petersburg, 31.  August 2015

Die Russen haben lange gebraucht, bis sie in ihre Literatur eine gewisse Leichtigkeit tragen konnten — eigentlich erst Puschkin in einem Jahrhundert, als deutsche Dichter mit ihrer ersten Décadence der Romantik beschäftigt waren. Alles davor war erdenschwere Religiosität und Panegyrik, und dann blühte praktisch alles zahlreich, üppig und wie über Nacht, quasi Barock, Klassik, Romantik und dämmernde Moderne auf einmal. Als Puschkin für seinen Eugen Onegin einen Vorspann zum 1. Kapitel suchte, fand er Anregung im deutschen Faust, genauer im Vorspiel auf dem Theater. Was die russische Seele halt so unter Leichtigkeit versteht.

Elisabeta Zelenina, Knishniki, Novaja Gazeta, St. Petersburg, 31.  August 2015

Unten folgt — meines Wissens als Internet-Premiere — die Übersetzung von Theodor Commichau 1916 nach der vergriffenen Insel-Ausgabe, die ihrerseits die DDR-Ausgabe bei Aufbau wiedergibt. Dieselbe Übersetzung verwendet auch die wohl seltenste und dabei, wie sich begründen lässt, wichtigste deutsche Puschkin-Ausgabe: die vierbändige Auswahl aus dem Verlag für fremdsprachige Literatur, Moskau 1950. Wladimir Neustadt, der als Herausgeber zeichnet, dessen voller Name aber ausschließlich im Klappentext der weit späteren Insel-Ausgabe preisgegeben wird, formuliert es in seinen Anmerkungen zum ersten Band Gedichte mit Klassenbewusstsein:

Das „Gespräch“ wurde erstmalig als Vorwort zur Einzelausgabe des „Eugen Onegin“ 1825 gedruckt.

Puschkin war einer der ersten Adligen in der russischen Literatur, der sein Leben auf die Einnahmen aus seinen literarischen Werken gründete, obwohl die Adelskreise damals mit großer Verachtung auf die Schriftsteller von Beruf hinabblicken. Dieses Gedicht ist zum Verständnis dee Haltung Puschlkins zur Poesie von großer Bedeutung. Puschkin betont die Freiheit und Unabhängigkeit seines Schaffens vom Geschmack des Mobs der Großen Welt.

Der Hinweis auf den Faust erscheint noch nicht in Moskau 1950, aber dann bei Aufbau, Ost-Berlin 1973, und mit nicht weniger real existierendem Sozialbewusstsein, das von Insel im westdeutschen Frankfurt übernommen wurde:

Als Vorspann zur Ausgabe des 1. Kapitels „Eugen Onegin“ gedacht. Puschkin, dem es auf die Unabhängigkeit der dichteischen Inspiration von jeglichem Mäzenatentum und der absolutistischen Staatsdoktrin ankam, verschloß nicht die Augen vor den unausweichlichen Auswirkungen einer voranschreitenden Kapitalisierung des Büchermarktes. Um die ihrem Inhalt nach gegen alle romantisierenden Illusionen gerichteten Schlußzeilen des Dialogs zu unterstreichen, verzichtete er bewußt auf die Versform. Eine Anregung zu seinem „Gespräch“ erhielt Puschkin durch Goethes „Vorspiel auf dem Theater“ zum ersten Teil des „Faust“.

Знамя народное пусть от победы к победе ведёт. Wo Puschkin in seinem Gedicht auf die Versform verzichtet, und auf welche Grundlage ihm das als bewusstes Tun unterstellt werden kann, wird der anmerkende Herausgeber Harald Raab hoffentlich selber verstehen. Dieser „Vorspann“ erscheint weder in allen russischen noch gar den deutschen Ausgaben vom Onegin, aber umso zuverlässiger, weil exemplarisch für Puschkins Kunstauffassung, in den Gedichtsammlungen.

Elisabeta Zelenina, Knishniki, Novaja Gazeta, St. Petersburg, 31.  August 2015

Puschkins Inspiration datiert vom 26. September 1824. Die erste deutsche Übersetzung stammt von Dr. Robert Lippert in: Alexander Puschkin’s Dichtungen, zweiter Band, Verlag von Wilhelm Engelmann, Leipzig 1840, Seite 1 bis 13. Mit Goethes Vorspiel auf dem Theater verbindet Puschkin der Konflikt zwischen Idealismus des künstlerischen Schaffens und kommerzieller Verwertbarkeit, den weder Goethe, Puschkin noch der nachfolgende russische Kommunismus lösen konnte. Der Kapitalismus übrigens auch nicht.

Das Bildmaterial (für das ich im Dienste des Layouts lieber drei Hochformate gefunden hätte, aber mach was) zeigt die Inhaber unabhängiger Buchhandlungen in Sankt Petersburg via Elisabeta Zelenina für die örtliche Novaja Gazeta vom 31. August 2015.

Besonderer Dank für ihre Aufmerksamkeit, Anteilnahme und Auswahl-Ausgabe aus dem Verlag für fremdsprachige Literatur ergeht an die Hochhaushex!

Elisabeta Zelenina, Knishniki, Novaja Gazeta, St. Petersburg, 31.  August 2015

——— Alexander Sergejewitsch Puschkin:

Gespräch zwischen Buchhändler und Dichter

Razgovor knigoprodavca a poetom, 26. September 1824,
teilweise verwendet in der Vorrede zu Eugen Onegin,
übs. Theodor Commichau 1916,
nach: Gesammelte Werke 1: Gedichte, Insel Verlag Frankfurt am Main 1973, Seite 197 bis 203:

Buchhändler
Euch bringt das Dichten wahrlich Segen:
Ein bißchen Müh so nebenher,
Und schon hat Fama allerwegen
Hinausposaunt die frohe Mär:
Ein groß Poem sei Euch gelungen,
Entsprossen aus Genie und Fleiß;
Ich bin gespannt auf Äußerungen,
Wohlan denn, stellt mir Euren Preis.
Ich tausche Eure Musenfrüchte
Geschwind in blanke Münze ein
Und kaufe jedes Blatt Gedichte
Für einen guten Kassenschein.
Ihr seufzt, mein Lieber? Darf man fragen
               Weshalb?

Dichter
Mir träumt‘ von fernen Tagen:
Ich dachte jener schönen Zeit,
Da ich, von Schaffenslust getrieben,
Ein freier Sänger, gottgeweiht,
Aus Neigung, nicht um Sold geschrieben.
Ich sah im Geist mein Bergasyl,
Das Obdach einsam süßer Stunden,

Wo einst so gern sich eingefunden
Die Muse zum Gedankenspiel.
Nur Harmonie war dort mein Ziel;
Dort, mir gesandt von Zaubermächten,
Umschwebte lockend Bild um Bild,
Von himmlisch reinem Glanz erfüllt,
Mich in begeistrungsvollen Nächten.
Und alles rief Entzücken wach:
Der Mond, die Flur im Duft der Ähren,
Das Sturmgeheul ums morsche Dach,
Der greisen Pflegerin Wundermären.
Ein Dämon lenkte mich empor
Aus meiner Muße, meinen Spielen,
War um mich stets und sang dem Ohr
Süßheimlich Melodien vor –
Und sehnsuchtschweres, warmes Fühlen
Durchwogte meine volle Brust.
Ihr tiefstes Wunder ward erschlossen:
In schwungvoll klaren Rhythmen flossen
Die Worte mir – wie unbewußt
In schönem Gleichmaß hingegossen.
Wetteifernd stritt mit meinem Sang
Der Frühlingssturm, des Waldes Rauschen,
Der Meerflut nächtlich dunkler Drang,
Des frischen Bächleins muntres Plauschen.
Damals, im Schoß der Einsamkeit
Still schaffend, war ich nicht bereit,
Mein Kleinod an den Plebs zu wagen
Und was der Muse Kuß geweiht
Für schnödes Geld zu Markt zu tragen.
Ich wahrte treu mein höchstes Gut,
Gleichwie des Jünglings Herz in Glut
All seine Liebe, sein Entzücken
Verborgen hält in stolzer Hut
Vor unrein pöbelhaften Blicken.

Buchhändler
Je nun, der Ruhm ersetzte Euch
Das stille Glück im Idealen;
Ihr seid bekannt, an Ehren reich,
Derweil sich hier in Staubregalen
Zu Haufen Vers und Prosa staut
Und ganz umsonst nach Lesern schaut,
Davon die meisten schlecht bezahlen.

Dichter
O glücklich, wer im Herzensschrein,
Verschlossen hielt der Musen Gabe,
Wunschlos, jemals bedankt zu sein
Von seiner Mitwelt, seinem Grabe;
O glücklich, wer in edler Scham,
Von keinem Ruhmesdorn umschlungen
Und sicher vor den Lästerzungen
Als Namenloser Abschied nahm!
Trug, blinder noch als Hoffnungsträume,
Was ist denn Ruhm? Des Lesers Gunst?
Der Albernheit Entzückungsschäume?
Des läst’gen Laffen blauer Dunst?

Buchhändler
Byron wie auch Shukowski fanden
Gleich bittre Worte schon; trotzdem
Hat alle Welt ihr Glanzpoem
Gewürdigt und für Geld erstanden.
Ja, Euer Los ist Neides wert:
Bald züchtigt, bald bekränzt der Dichter,
Zerschmetternd trifft sein Flammenschwert
Mit ew’gem Fluch die Bösewichter;
Dem Helden singt er schönsten Lohn,
Und auf Cytherens goldnem Thron
Erhöht er seiner Liebsten Füße.
Lobpreisen langweilt Euch zwar schon,
Allein der Weiber Herz braucht Süße.
Kurz, schreibt für sie; ihr Ohr entzückt
Anakreons galantes Kosen:
Der Kranz von Helikon beglückt
Die Jugend weniger als Rosen.

Dichter
O frühen Irrwahns tiefe Schmach,
Verblendung junger Eigenliebe!
Einst lief auch ich im Weltgetriebe
Den Spuren hübscher Weiber nach.
Mit Lächeln hat auf meine Lieder
Die holde Wimper Dank getaut,
Von weichen Lippen klingt er wider,
Bestrickend, mein Verführerlaut.
O still davon! Solch Opfer bringen
Kann ich nicht mehr, ihr Sklave nur;
Mag doch das Schoßkind der Natur,
Der geile Jüngling sie besingen.
Was sind sie heut mir? Still dahin,
Vertieft in Andacht, fließt mein Leben;
Der ernsten Leier Weisen schweben
Hoch über eitlem Flattersinn.
Unkeusch ist ihr Gefühl, ihr Denken,
Und nimmermehr verstehn sie mich:
Begeistrung, wie sie Götter schenken,
Ist ihnen fremd und lächerlich.
O wenn mitunter zum Entsetzen
Solch Lied im Ohr mir widertönt,
Erkenn‘ ich schaudernd, welchen Götzen
Einst meine Lüsternheit gefrönt!
Ich Narr, wonach hab‘ ich gerungen?
Für wen den stolzen Geist entehrt?
Für welch Idol mich sinnbetört
Zu Jubelhymnen aufgeschwungen?

Buchhändler
Wie prächtig grollt so ein Poet!
Respekt vor Euren tiefren Gründen,
Doch – sollte gar kein Herz sich finden,
Das ausnahmsweise Euch versteht?
Kein Wesen, wert des Dichterdranges,
Das Euren Liebesdurst erquickt
Und mit den Blüten Eures Sanges
Die eignen vollen Reize schmückt?
Da schweigt Ihr nun.

Dichter
               O schont den Schlummer,
Dem mein Poetenherz sich weiht;
Erinnrung weckt nur neues Leid.
Was fragt die Welt nach meinem Kummer?
Ich bin ihr fremd. Birgt meine Brust
Ein teures Bildnis, treu beschlossen?
Hab‘ ich um Liebe je gewußt?
Je Tränen still für mich vergossen,
Wenn sehnsuchtskrank die Seele war?
Wo ist sie, deren Blick noch eben
Mir zugelächelt himmlisch klar?
Zwei kurze Nächte – war’s mein Leben?…
.   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .
Was soll’s? Mein Seufzer rührt ja nicht,
Und was mein Weh in Worten spricht,
Gleich irrem Stammeln eines Toren.
Ein Herz zwar lebt, das mich vernimmt,
Doch ach, nur bebend, schmerzverloren.
So war’s vom Schicksal vorbestimmt.
Wem weih ich nun die edlen Triebe?
Nur eine gab’s, vor ihr allein
Erschloß in heil’ger, lautrer Liebe
Des Sängers Brust sich keusch und rein.
Sie hätte mir, mich aufzuraffen,
Die frische Jugend neu geschenkt,
Die Phantasie zum frohen Schaffen
In freie, lichte Bahn gelenkt!
Sie hätte, sie allein, mir sinnig
Gedeutet mein verworren Lied
Und mir im Herzen hell und innig
Als heilger Liebesstern geglüht.
Doch ach, umsonst war Wunsch und Bangen!
Kein Flehen, keine Schwüre drangen
Zu ihres Busens stolzer Wehr:
Sie lieh dem irdischen Verlangen,
Gleich einer Gottheit, kein Gehör …

Buchhändler
Und so, von Amor schnöd betrogen,
Enttäuscht durch unbelohnte Müh,
Habt Ihr Euch leider viel zu früh
Der Pflege Eurer Kunst entzogen.
Und nun, entrückt der lauten Welt
Und deren Sucht nach Modeneuheit,
Was habt Ihr nun erkoren?

Dichter
                    Freiheit.

Buchhändler
Sehr schön. Doch laßt Euch, wenn’s gefällt,
Von meinem klügren Rate leiten:
In unsern rücksichtslosen zeiten
Gibt’s keine Freiheit ohne Geld.
Und Ruhm, was ist’s? Ein bunter Flicken,
Auf Dichters Bettelrock genäht.
Gold, Gold, nur Gold kann uns beglücken,
Drum jagt nach Gold von früh bis spät!
Nein, kommt mir nicht mit andren Dingen,
Euch Herrn Poeten kenn ich gut:
Ihr prahlt mit Eures Werks Gelingen,
Solang im Rausch der Schaffensglut
Gedanken kühn dem Hirn entspringen;
Doch kaum zerrinnt die tolle Flut,
Lähmt Überdruß Euch gleich die Schwingen.
Drum kurz und bündig zum Bescheid:
Gefühl kann man zu Markt nicht bringen,
Doch Manuskripte jederzeit.
Was zaudert Ihr? Die Leser harren,
Mich überläuft das Publikum,
Reimschmiede, Journalisten scharren
Vor meiner Ladentür herum;
Der braucht, wovon sein Herz was hätte,
Und der ist auf Kritik bedacht:
Mit Eurer Leier wird, ich wette,
Noch wunderschön Profit gemacht.

Dichter
Sie haben vollkommen recht. Hier mein
Manuskript. Schließen wir gleich ab.

Elisabeta Zelenina, Knishniki, Novaja Gazeta, St. Petersburg, 31.  August 2015

Sankt Petersburger Buchhändler/-innen: via Елизавета Зеленина: Книжники. Владельцы шести независимых книжных заведений Петербурга назвали книги, коорые точнее прочих отражают сегодняшнюю реальность, Новая Газета, 31 августа 2015:

  1. Дарья Чилякова (Darja Tschiljakova) von Подписные издания;
  2. Михаил Богданов (Michail Bogdanov) vom Comicladen 28-й;
  3. Анна Изакар (Anna Izakar) von Порядок слов;
  4. Михаил Маляров (Michail Maljarov) von Фаренгейт 451;
  5. Ольга Кузьмина (Olga Kuzmina) von Книги и кофе;
  6. Мария Левченко (Marija Levtschenko) von Свои книги.

Elisabeta Zelenina, Knishniki, Novaja Gazeta, St. Petersburg, 31.  August 2015

Russische art pour l’art: Белое Злато: Девушки поют в Кафе Русские песни, ca. 2017:

Written by Wolf

8. November 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Romantik

Nachtstück 0024: I wish you were dead, my dear

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Update zu Wenn Schnee bedeckt mein Haar einmal,
Grabesdunstwitterlich,
So singet laut den Pillalu (Och orro orro ollalu)
und Das Angedenken der Zuckerlust:

——— Algernon Charles Swinburne:

Satia te Sanguine

from: Laus Veneris, and Other Poems and Ballads,
Carleton, New York 1866:

IF YOU loved me ever so little,
     I could bear the bonds that gall,
I could dream the bonds were brittle;
     You do not love me at all.

O beautiful lips, O bosom
     More white than the moon’s and warm,
A sterile, a ruinous blossom
     Is blown your way in a storm.

As the lost white feverish limbs
     Of the Lesbian Sappho, adrift
In foam where the sea-weed swims,
     Swam loose for the streams to lift,

My heart swims blind in a sea
     That stuns me; swims to and fro,
And gathers to windward and lee
     Lamentation, and mourning, and woe.

A broken, an emptied boat,
     Sea saps it, winds blow apart,
Sick and adrift and afloat,
     The barren waif of a heart.

Where, when the gods would be cruel,
     Do they go for a torture? where
Plant thorns, set pain like a jewel?
     Ah, not in the flesh, not there!

The racks of earth and the rods
     Are weak as foam on the sands;
In the heart is the prey for gods,
     Who crucify hearts, not hands.

Mere pangs corrode and consume,
     Dead when life dies in the brain;
In the infinite spirit is room
     For the pulse of an infinite pain.

I wish you were dead, my dear;
     I would give you, had I to give,
Some death too bitter to fear;
     It is better to die than live.

I wish you were stricken of thunder
     And burnt with a bright flame through,
Consumed and cloven in sunder,
     I dead at your feet like you.

If I could but know after all,
     I might cease to hunger and ache,
Though your heart were ever so small,
     If it were not a stone or a snake.

You are crueller, you that we love,
     Than hatred, hunger, or death;
You have eyes and breasts like a dove,
     And you kill men’s hearts with a breath.

As plague in a poisonous city
     Insults and exults on her dead,
So you, when pallid for pity
     Comes love, and fawns to be fed.

As a tame beast writhes and wheedles,
     He fawns to be fed with wiles;
You carve him a cross of needles,
     And whet them sharp as your smiles.

He is patient of thorn and whip,
     He is dumb under axe or dart;
You suck with a sleepy red lip
     The wet red wounds in his heart.

You thrill as his pulses dwindle,
     You brighten and warm as he bleeds,
With insatiable eyes that kindle
     And insatiable mouth that feeds.

Your hands nailed love to the tree,
     You stript him, scourged him with rods,
And drowned him deep in the sea
     That hides the dead and their gods.

And for all this, die will he not;
     There is no man sees him but I;
You came and went and forgot;
     I hope he will some day die.

——— Algernon Charles Swinburne:

Satia te Sanguine

deutsche Nachdichtung:
Otto Hauser, 1910:

Wär‘ ich etwas dir nur, ich ertrüge
     Die Bande, die mir so schwer,
Doch daß du mich liebst, ist Lüge:
     Ich sprenge sie nimmermehr.

O schöne Lippen, o Brüste,
     Weiß wie kein Mond und warm,
Zutreibt im Sturm eurer Küste,
     Eine Blüte fruchtlos und arm.

Wie Sapphos fiebernde Glieder,
     Die, weiß umspielt von Tang,
Mit dem Seeschaum auf und nieder
     Sich wiegten im Wogengang —

Wird mein Herz dahingetragen
     Von wild mich betäubender See
Und gewinnt nur Seufzer und klagen,
     Nur Leid unter Wind und Lee,

Ein Nachen, leer und zerschmettert,
     Der irr mit den Wogen schifft,
Siech und umbraust und umwettert,
     Eines Herzens nutzlose Trift.

Wo wüten in grausamem Zorne
     Die Götter und bohren vorein
Wie Demantspitzen Dorne
     Und Qualen? Ins Fleisch? O nein!

Die Zepter, die Folterschmerzen
     Sind weich wie der Schaum auf der Flut,
Die Götter kreuzigen Herzen,
     Nicht Hände in grausamer Wut.

Jedem andern Schmerz wird Rast,
     Er stirbt im Hirn mit dem Sein —
Der unendliche Geist nur fast
     Den Puls unendlicher Pein.

Ich möcht den Tod dir geben
     So herb, daß die Furcht er vertrieb,
(Denn besser ist sterben als leben) —
     Ich wollt‘, du wärst tot, mein Lieb.

Ich wollte vom Blitz dich gefällt,
     Verzehrt in flammendem Nu,
Vom treffenden Strahl zerspellt,
     Mich tot dir zu Füßen wie du.

Doch könnte mich eines versöhnen:
     Wenn dein Herz, ob noch so klein,
Das hungern mich läßt und stöhnen,
     Nicht Schlange nur wär‘ oder Stein.

Haß Hunger und Tod gelüsten
     Nach Qual nicht mit solcher Gier;
Du bist Taube von Augen und Brüsten
     Und doch tötet ein Hauch von dir.

Wie die Pest in vergifteter Stadt
     Ob den Toten jauchzt, so du,
Bittet Liebe dich bleich und matt:
     Wirf einen Brocken mir zu.

Wie ein zahmes Tier will sie’s machen
     Und schmeichelt, doch erntet nur Hohn;
Aus Nadeln so scharf wie dein Lachen
     Erhöhst du ein Kreuz ihr zum Lohn.

Stumm duldet sie Dornen und Schwippen
     Und schweigend Pfeil und Erz;
Du saugst mit rotschläfrigen Lippen
     Ihr feuchtrote Wunden ins Herz.

Du glühst, wie ihr Blut bei dem Saugen
     Versiegt und sie sinkt auf den Grund,
Mit unersättlichen Augen
     Und unersättlichem Mund.

Du stäuptest sie, gabst den Spöttern
     Am Kreuze sie preis und riefst:
Zu den Toten und ihren Göttern
     Versenkt in das Meer sie zu tiefst.

Doch so voll du die Leiden ihr maßest,
     Sie stirbt nicht; ich sehe sie noch.
Du kamst und gingst und vergaßest,
     Ich hoffe: einst stirbt sie doch.

Paulus Pontius nach Peter Paul Rubens, The Head of Cyrus brought to Queen Tomyris, Satia te Sanguine quem semper sitisti, engraving 1630

Satia te Sanguine quem semper sitisti: und Cum priuilegijs Regis Christianissimi / Serenissimæ Infantis et Ordinum confoed. a.o 1630: Paulus Pontius nach Peter Paul Rubens: The Head of Cyrus brought to Queen Tomyris, Kupferstich auf Papier 1630, 58,9 cm auf 40,3 cm, The Trustees of the British Museum.

Sucker love is heaven sent: Placebo: Every You Every Me, aus: Without You I’m Nothing, 1998:

Like the naked leads the blind,
I know I’m selfish, I’m unkind.
Sucker love, I always find
Someone to bruise and leave behind.

#gothiclyrik

Written by Wolf

31. Oktober 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Vier letzte Dinge: Tod

Ein Buch gibt keine Gelatinesuppe

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Update zu Die alte und neue Inertia (Warum hast du nichts gelernt?)
und Your open hand but shows our loss:

Denkenden und fühlenden Menschen wird niemals klar werden, was Schönheit um ihrer selbst willen so gleichgültig, wenn nicht gar schädlich machen soll. Die dergleichen voraussetzen, gelten als nüchtern, zielstrebig und daher erfolgreich. Bei genauerem Besehen will man nichts mit ihnen zu tun haben. Auch das wird ihnen egal sein.

Ein Thema, das gerade angesichts des aktuellen Zustands der Welt nicht einfach in der Luft herumwabert, sondern jeden Tag lodernder brennt. Ausnahmsweise erspare ich mir deshalb einen penibel korrigierten Text und bringe einen gekürzten, dafür handlichen, der sich den Philistern zum In-die-Fresse-Hauen eignet.

Das französische Original von Gautiers Erst- und Hauptwerk Mademoiselle de Maupin steht online, unser Zitat handelt aus dem ausführlichen préface. Die derzeit gültige Übersetzung von 2011 ist beim Manesse Verlag erhältlich. — Danke an Frank T. Zumbach für Aufmerksamkeit und Anteilnahme!

——— Théophile Gautier:

Théophile Gautier: Nützlichkeit

aus: Mademoiselle de Maupin, Vorwort, 1834;
erste deutsche Übersetzung: Ilna Ewers-Wunderwald, Verlag der Funken, Leipzig 1908:

Neben den moralischen Journalisten ist … eine Prozession kleiner Champignons einer … recht kuriosen Art aufgetaucht … es sind die utilitären Kritiker. „Was nützt dieses Buch?“(sagen sie) „Wie kann man es für die Versittlichung und das Glück der zahlreichsten und ärmsten Klasse verwenden? Was! nicht ein Wort über die Bedürfnisse der Gesellschaft, nichts Zivilisierendes und Progressives! Wie kann man, anstatt an der großen Synthese der Menschheit zu wirken und anhand der historischen Ereignisse die Phasen der regenerierenden und providentiellen Idee zu verfolgen, wie kann man Gedichte und Romane schreiben, die zu nichts führen und das Menschengeschlecht nicht auf dem Weg der Zukunft vorwärtsbringen? Wie kann man sich angesichts so schwerwiegender Angelegenheiten mit der Form, mit dem Stil und Reim befassen? – Was kümmern uns Stil, Reim und Form? Als ob es gerade darum ginge (arme Füchse, die Trauben sind zu grün!) – Die Gesellschaft leidet, sie ist das Opfer einer grossen inneren Zerrissenheit … Aufgabe des Dichters ist es, die Ursache dieses Unglücks zu suchen und es zu heilen. Das Mittel hierfür wird er finden, wenn er mit Herz und Seele mit der Menschheit sympathisiert. (Philanthropische Poeten! das wäre etwas Seltenes und Bezauberndes.) Auf diesen Dichter warten wir, wir sehen ihn innigst herbei …“ Meinetwegen. Doch da wir wünschen, daß unsere Leser bis zum Ende dieses … Vorworts wach bleiben, werden wir diese sehr getreue Nachahmung des utilitären Stils nicht fortsetzen, der von Natur sehr einschläfernd wirkt …

Nein, Schwachköpfe, nein, Kretins, ein Buch gibt keine Gelatinesuppe, ein Roman ist kein Paar nahtlose Stiefel, ein Sonett keine Klistierspritze mit Dauerstrahl, ein Drama keine Eisenbahn, alles Dinge, die für die Zivilisation wesentlich sind und die Menschheit auf dem Weg des Fortschritts vorwärtsmarschieren lassen. (…)

Nichts, was schön ist, ist zum Leben unentbehrlich. Rottete man die Blumen aus, litte die Welt nicht materiell darunter. Wer möchte jedoch, dass es keine Blumen mehr gibt? Ich würde lieber auf Kartoffeln als auf Rosen verzichten, und ich glaubte, es gibt auf der Welt nur den Utilitaristen, der fähig wäre, ein Tulpenbeet auszureißen, um Kohl darauf zu pflanzen.

Wozu dient die Schönheit der Frauen? Vorausgesetzt, eine Frau ist gesundheitlich in Ordnung und imstande, Kinder zu gebären, so wird sie für Ökonomen immer gut genug sein.

Wozu ist die Musik gut? Wozu die Malerei? Wer wäre so närrisch, Mozart Herrn Carrel und Michelangelo dem Erfinder des weißen Mostrichs vorzuziehen?

Wirklich schön ist nur, was zu nichts dienen kann.

Alles Nützliche ist häßlich, denn es ist der Ausdruck irgendeines Bedürfnisses, und die Bedürfnisse des Menschen sind unedel und widerlich, wie seine arme und schwache Natur. Der nützlichste Ort eines Hauses ist der Abtritt.

Das mit dem materiellen Schaden, den der Mangel an Blumen anrichtet, wird heute anders gesehen, selbst von Utilitaristen — die weiterhin davon absehen werden, die Arbeit der Bienen zu verrichten. Das macht den Nutzen schöner Erscheinungen nicht gleichgültiger — sondern offensichtlicher.

Rose Matthias Claudius

Buidl: Rose Matthias Claudius, von der Wölfin, 19. Juli 2019.

Die Schönheit persönlich: Miley Cyrus: Wildflowers von Tom Petty, aus: Wildflowers, 1994:

Written by Wolf

29. Oktober 2019 at 04:04

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Romantik

Wohl dem, der weiß, was recht und wahr, und dies auch übet immerdar

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Update zu Wunderblatt 9: Dies ist das Kaktusland und
Ein Haufen belebter Maschinen, welche von der Natur hervor getrieben worden wären, für sie zu arbeiten:

Buchcover Eliot, George, Silas Marner. Der Weber von Raveloe, ars vivendi 2018Keine Ahnung, wie man zu zweit einen Roman übersetzt. Elke Link und Sabine Roth haben 1997 für den Cadolzburger ars vivendi Verlag den Silas Marner von George Eliot versucht und tatsächlich zu einem Druckunterlagenschluss etwas zur Veröffentlichung Geeignetes geliefert – das gut genug geraten ist, um es 2018 wiederzuveröffentlichen.

Eine richtig schöne Neuausgabe ist es geworden. Schon rein als Buchobjekt, selbst wenn man es gar nicht erst aufschlägt, geschweige um es zu lesen. Dunkelgrünes grobes Leinen, an dem man die Fäden zählen kann, mit einem stilisierten Webstuhl tief dreingeprägt – beides als gestalterische Referenz an den Beruf des Leinenwebers der Hauptfigur, vielleicht auch an die englische Prachtausgabe von 1907; mal den Buchausstatter fragen –, eher voluminöses Papier, aber streichelfest und nicht die saugfähigen Wischlappen chinesischer Lizenzfreibeuter-„Verlage“ – Lesebändchen. Und damit Alexander Pechmann, der einem zum Thema Moby-Dick an jedem Eck unterläuft, ein Nachwort stiftet, muss wohl auch einiges kommen.

Das Duo der Übersetzerinnen von 1997 hat, wie sich das gehört, 2018 erneut die Köpfe zusammengesteckt und tatsächlich noch was gefunden. Das macht keinen großen Unterschied, aber einen feinen. Es folgt deshalb die betreffende Stelle im Roman und danach das Eigentliche: die Nachbemerkung der Übersetzerinnen. Damit die dergleichen für ein Buch auf drei Druckseiten stiften dürfen, muss nämlich erst recht einiges kommen.

——— George Eliot:

Silas Marner: The Weaver of Raveloe

1861, Part One, Chapter VI:

Mr. Macey, tailor and parish-clerk, the latter of which functions rheumatism had of late obliged him to share with a small-featured young man who sat opposite him, held his white head on one side, and twirled his thumbs with an air of complacency, slightly seasoned with criticism. He smiled pityingly, in answer to the landlord’s appeal, and said–

„Aye, aye; I know, I know; but I let other folks talk. I’ve laid by now, and gev up to the young uns. Ask them as have been to school at Tarley: they’ve learnt pernouncing; that’s come up since my day.“

„If you’re pointing at me, Mr. Macey,“ said the deputy clerk, with an air of anxious propriety, „I’m nowise a man to speak out of my place. As the psalm says–

„I know what’s right, nor only so,
But also practise what I know.““

„Well, then, I wish you’d keep hold o‘ the tune, when it’s set for you; if you’re for practising, I wish you’d practise that,“ said a large jocose-looking man, an excellent wheelwright in his week-day capacity, but on Sundays leader of the choir. He winked, as he spoke, at two of the company, who were known officially as the „bassoon“ and the „key-bugle“, in the confidence that he was expressing the sense of the musical profession in Raveloe.

Mr. Tookey, the deputy-clerk, who shared the unpopularity common to deputies, turned very red, but replied, with careful moderation– „Mr. Winthrop, if you’ll bring me any proof as I’m in the wrong, I’m not the man to say I won’t alter. But there’s people set up their own ears for a standard, and expect the whole choir to follow ‚em. There may be two opinions, I hope.“

„Aye, aye,“ said Mr. Macey, who felt very well satisfied with this attack on youthful presumption; „you’re right there, Tookey: there’s allays two ‚pinions; there’s the ‚pinion a man has of himsen, and there’s the ‚pinion other folks have on him. There’d be two ‚pinions about a cracked bell, if the bell could hear itself.“

——— George Eliot:

Silas Marner. Der Weber von Raveloe

1861, Übs. Elke Link und Sabine Roth,
Teil 1, Kapitel 6, ars vivendi 2018, Seite 61 f.:

Mr Macey, seines Zeichens Schneider und Küster – letzteres Amt musste er aufgrund seines Rheumatismus seit kurzem mit einem schmalgesichtigen jungen Mann teilen, der ihm gegenüber saß –, lete seeinen weißen Kopf auf die Seite und drehte die Daumen, mit einer Selbstzufriedenheit, die freilich nicht einer Pikiertheit entbehrte. Er quittierte den Appell des Wirtes mit einem mitleidigen Lächeln und sagte dann:

Wohl, wohl; ich weiß, ich weiß; aber das Reden überlass ich lieber den andern. Ich halt mich jetzt eher zurück; die Jungen könn das viel besser. Die wo in Tarley auf der Schuel waren, die haben’s gelernt, Reden zu schwingen; zu meinen Zeiten hat’s das noch nicht so gegeben.“

„Wenn Ihr mich damit meint, Mr Macey“, sagte der Hilfsküster, ängstlich auf Korrektheit bedacht, „ich bin keineswegs ein Mann, der spricht, wenn es nicht rechtens ist. Wie wir es in dem Psalm singen:

‚Wohl dem, der weiß, was recht und wahr,
Und dies auch übet immerdar.'“

„Nun, dann wünschte ich, Ihr würdet den Ton halten, so wie ich ihn Euch angeb; wenn Ihr schon so fürs Üben seid, dann wünschte ich, Ihr würdet das üben“, sagte ein großer, schalkhaft dreinblickender Mann, unter der Woche ein vortrefflicher Wagner, sonntags jedoch Leiter des Kirchenchores. Im Sprechen zwinkerte er zweien der Anwesenden zu, die von Amts wegen als „das Fagott“ und „das Klappenhorn“ bekannt waren, im Vertrauen darauf, den Konsensus des Musikerstandes von Raveloe zum Ausdruck zu bringen.

Mr Tookey, der Hilfsküster, der so unbeliebt war, wie das bei Stellvertretern stets der Fall ist, wurde puterrot, erwiderte jedoch mit bewusster Mäßigung: „Mr Winthrop, wenn Ihr mir irgendeinen Beweis erbringt, dass ich im Unrecht bin, so will ich gewiss der Letzte sein, der sich weigert, sich anzupassen. Aber es gibt eben Leute, die ihr eignes Ohr zum Maßstab nehmen und dann erwarten, dass sich der ganze Chor nach ihnen richtet. Man wird ja wohl noch verschiedener Meinung sein dürfen.“

„Wohl, wohl“, sagte Mr Macey, den dieser Angriff auf die Überheblichkeit der Jugend mit großer Befriedigung erfüllte, „da habt Ihr völlig recht, Tookey: Verschiedne Meinungen hat’s immer; nämlich die Meinung, die ein Mann von sich selber hat, und die Meinung, die wo die andern von ihm haben. Sogar über ’ne Glocke mit ’nem Sprung drin tät’s noch verschiedne Meinungen geben, wenn die Glocke sich selber hören könnt.“

Besonders eindrucksvoll an der Verbesserung von 2018 ist das ausführlich ins Metrum geschriebene „übet“, das nicht mehr als „üb“ mit oder ohne Apostroph oder gar ersatzlos verschluckt wird und damit seinen Doppelsinn als Üben von musikalischen Fertigkeiten annehmen kann. Das geht so:

——— Elke Link und Sabine Roth:

Nachbemerkung der Übersetzerinnen

in: George Eliot: Silas Marner. Der Weber von Raveloe, ars vivendi, Cadolzburg 2018, Seite 227 bis 229:

Hugh Thomson, George Eliot, Silas Marner, Part I, Chapter 6, The company at the Rainbow, 1907Als wir im letzten Jahrtausend mit der Übersetzung von Silas Marner begannen, gab es das Internet noch nicht so, wie wir es heute kennen. Wir gingen in die Bayerische Staatsbibliothek. Und dann ganz schnell wieder hinaus – denn die Übersetzungen, die wir vorfanden, drohten die Suche nach unserem eigenen Ton und die Übertragung des Silas-Marner-Sounds sofort zu überlagern.

Stattdessen besuchten wir Antiquariate und die Münchner Auer Dult, um alte Wörterbücher aufzukaufen. Wir lasen in den Wörterbüchern, lasen Texte aus der Zeit. Wir tauchten in die Soziologie des ländlichen Englands ein, nicht zuletzt, um die Frage der Anreden – Er, Du, Ihr, Sie – differenziert zu entscheiden. Und um den einzelnen Personen und Gruppen zugeordneten Soziolekt und Dialekt zu spiegeln (denn in Silas Marner sprechen alle, auch die Angehörigen der Oberschicht, dialektal gefärbt), mussten wir eine Kunstsprache schaffen, die eher lautmalerisch und über den Rhythmus funktioniert als über regionale Marker. Die teils eigenwillige Zeichensetzung des Originals haben wir dabei bewusst übernommen.

Biografisches über die Autorin war uns nicht wichtig – die Frau, die als Mann schrieb, die Frau , die sieben Namen hatte, die Frau, die lang in wilder Ehe lebte und danach einen zwanzig Jahre jüngeren Mann heiratete, der sich auf der Hochzeitsreise in den Canal Grande stürzte – das alles spielte keine Rolle. Für uns zählte letztlich nur der Text, den wir zu übertragen hatten. Wir übersetzten den Text abwechselnd und lasen gegen, überarbeiteten die eigene Version, dan die der anderen, dann die Überarbeitung der Überarbeitung, waren in konstantem Austausch, bis wir den Eindruck hatten, der Text brummt wie ein Bienenvolk im Bienenhaus.

Für die Neuauflage sahen wir den Text noch einmal durch und stießen auf erstaunlich wenig, was wir nach all den Jahren ändern wollten. Eine „echte“ Verbesserung hat unsere Nachlese allerdings gebracht, und sie illustriert Chancen und Grenzen der heutigen Technik so perfekt, dass wir sie kurz kommentieren möchten. Uns war unser „Psalm“ (s. S. 61) in der Wirtshausszene plötzlich zu unpsalmenhaft erschienen – kein Wunder, denn das Original klingt ebenfalls mehr biedermännisch als biblisch: „I know what’s right, nor only so, / But also practise what I know.“ Dank Google hatten wir nun ruckzuck herausgebracht, dass es in England tatsächlich „Psalmenlieder“ gab – gereimte (und deutlich gestreckte) Nachdichtungen aus dem späten 17. Jahrhundert, die damals regelmäßig in Gebrauch waren –, und dass der von Mr Tookey zitierte Vers aus dem 106. Psalm diese Nachdichtung leicht abwandelt. Und sogar eine deutsche Entsprechung, von Ambrosius Lobwasser aus dem Jahr 1573, fand sich im Netz, die aber just an dieser Stelle so klobig ausfällt, dass kein noch so betulicher Hilfsküster sie im Munde führen würde (und in der noch dazu das Wort „üben“ fehlt, das im weiteren Verlauf wichtig wird).

Womit uns nichts übrig blieb, als selbst noch einmal neu zu dichten und den Vers so abzufassen, dass er einerseits sprechbar ist, andererseits aber auch, zumindest theoretisch, in einem Vespergottesdienst vom Chor gesungen werden könnte. Und so wurde aus unserem ursprünglichen

„Ich weiß, was sich geziemt, doch drüber ’naus
Üb ich, was ich als recht erkannt, auch aus“

nicht, wie bei Lobwasser,

„Wohl dem, der die gebott Gotts hält,
Und sein thun darnach recht anstellt“

und auch nicht, wie 1861 bei unserem Vorgänger Julius Frese,

„Ich weiß, was recht ist, und noch mehr:
Ich tu’s und üb es auch nachher“,

sondern:

„Wohl dem, der weiß, was recht und wahr,
Und dies auch übet immerdar“,

sodass der historische Zusammenhang jetzt rekonstruierbar wird, ohne dass darunter die situative Glaubwürdigkeit leidet. Ein kleines nachträgliches Tröpfchen Honig aus dem Bienenhaus von einst …

Editorische Notiz

Die Originalausgabe erschien 1861 unter dem Titel Silas Marner: The Weaver of Raveloe. George Eliot hat diese Fassung später für zwei spätere Neuausgaben durchgesehen und leicht bearbeitet. […]

Elke Link und Sabine Roth

Hugh Thomson: Silas trifft Eppie, Allegorie vor Teil I, Kapitel 1, 1907, Seite 1

Bilder: Buchcover bei ars vivendi, 2018;
Hugh Thomson: Silas Marner, Teil 1, Kapitel 6: The company at the ‚Rainbow.‘,
MacMillan and Co., London 1907, Seite 74;
Hugh Thomson: Silas trifft Eppie, Allegorie vor Teil I, Kapitel 1, ebenda, 1907, Seite 1.

Soundtrack: Der erwähnte Psalm 106, vertont von Heinrich Schütz:
Confitemini Domino, quoniam ipse bonus,
aus: Cantiones sacrae quatuor vocum, SWV 53-93: XXXIX, SWV 91, 1625,
Cappella Augustana & Matteo Messori, 2013:

Bonus Track: Robert Burns: Tae the Weavers Gin Ye Gang, 1788,
as rendered by The McCalmans, aus: Peace & Plenty, 1986,
mit Bildbeispielen leinenweberischer Projekte von Andy Leisk,
Chief Cook, Bottle Washer, Handweaver, und Curmudgeon, 2011:

Written by Wolf

4. Oktober 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Romantik

Sollen denn aber bloß diese Kasus in der neu aufblühenden Kunstschule gebildet werden (wenn wir bei deutscher Mundart bleiben)?

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Update zu Der unverzichtbare Buchstabe e
und The Metrum is the Message:

Es folgt einer der sieben Ur-Artikel für DFWuH, den ich von Anfang 2012 an bringen wollte. Man kommt ja zu nix. Aufgefallen war mir, sagen wir ruhig: schon vor Jahrzehnten, dass Ludwig Tieck im Ernst einmal auf die Idee verfallen war, die grammatischen Kategorien der deutschen Sprache, vor allem die des Kasus, zu charakterisieren. Klasse Idee, muss ich was damit machen. Endlich geht’s.

Librarians United, 2017Was man so deutsche Sprache nennt: Laut der Winkler-Ausgabe der Novellen — in meinem Besitz ist ein von der Herausgeberin Marianne Thalmann gewidmetes Exemplar aus der Erstauflage von 1965, daher noch ohne ISBN — ist Die Gesellschaft auf dem Lande von 1825

[e]ine ausgesprochen märkische Novelle, ehe noch W. Alexis den Märker zum Gegenstand patriotischer Romane macht. Es geht nicht mehr um Kunstfragen, sondern um fundamentale Fragen des preußischen Pflichtgefühls, um Religion, Deutschtum, Landwirtschaft, um die Comédie humaine der adeligen Oberschicht, die von der Führung zurücktritt. Sie gehört zu Tiecks besten Leistungen und ist als sogenannte „Zopfnovelle“ A.W. Schlegels Lieblingsstück gewesen.

Aus eigenem Laienwissen ergänze ich Frau Thalmann: vor Willibald Alexis und noch herausragender vor Theodor Fontane. Eine leichtfüßige, personal bis dialogisch durchgeführte Abhandlung über ostmitteldeutsche Sprachelemente versteht als Antwort auf preußisches Pflichtgefühl wohl eher die in Thalmanns Kommentar vermutete Comédie humaine denn das Deutschtum.

Als Bildmaterial bietet sich wegen der spärlichen Illustration für Ludwig-Tieck-Novellen eine thematisch wertfreie, aber stimmungsvolle Serie aus einer Stadtbibliothek mit Kinderabteilung an: ein bildungsbeflissenes Kinderballett via Librarians Unite von 2017.

Librarians United, 2017

——— Ludwig Tieck:

Die Gesellschaft auf dem Lande

Berlinischer Taschenkalender, 1825:

Librarians United, 2017„Nein“, antwortete jener, „diesmal wird es etwas Großes, Idealisches. Du sollst selbst überrascht werden. Aber unausstehlich ist es doch in eurem Lande, das immerwährende unrichtige Sprechen anhören zu müssen. Diese ewige Verwechslung des Mir und Mich könnte einen Rechtgläubigen zur Verzweiflung bringen. Dabei ist das Ding so charakterlos, so recht eigentlich insipide, daß man es nicht einmal zum Spaß in Komödien oder Erzählungen nachahmen kann, denn es würde bloß albern auftreten. Das ist aber nicht wahr, was du mir sonst wohl von deinen Landsleuten erzählt hast, daß sie ohne allen Unterschied bald Mir bald Mich gebrauchen. Ich glaube, zu bemerken, daß es Sekten gibt. Hier im Hause (Adelheid ausgenommen, die richtig spricht, es wäre auch für eine Geliebte entsetzlich, so wie die übrigen zu prudeln) herrscht offenbar der Akkusativ vor: die alte gnädige Frau braucht ihn beständig; ob ich gleich erforscht und ausgegrübelt habe, daß ein so feiner Geist, wie der ihrige, auch hier gründliche und tiefsinnige Unterschiede macht, für die sich auch wohl von einem denkenden Grammatiker etwas sagen ließe. Sie behandelt die Sache nämlich mehr aus dem Gesichtspunkt der Dialekte. Der Akkusativ, als der ionische oder attische, erscheint ihr vornehmer und edler, daher braucht sie ihn unbedingt gegen ihre Domestiken. ‚Christian, geb er mich das Fleisch – nehm er mich hier den Teller weg – Fanchon, tu sie mich die Mütze auf!‘ – Gegen uns aber, wo sie demütiger und höflicher erscheinen will, braucht sie fast stets den dorischen Dativ und sagt daher ganz richtig: ‚Geben Sie mir das Salzfaß;‘ – nur geht sie freilich in der Konsequenz so weit, daß sie auch sagt: ‚Wenn Sie wohl geruht haben, soll es mir freuen.‘ – Indessen ist jedes System, jede folgerechte Lebensweise schon immer etwas Löbliches, und du hast wenigstens darin unrecht, wenn du von den Rednern deines Landes aussagst, daß sie die Anwendung dieses Kasus dem blinden Glücke, dem Zufalle, oder unbeugsamen Fatum überlassen. Sie denken über den Gegenstand; und warum will man sie zwingen, ihn so, wie der eigensinnige Adelung anzusehn?“

Bei Tische mußte Franz wirklich das bestätigt finden, was sein Freund beobachtet hatte. […]

Librarians United, 2017Er ging wieder an seine Arbeit, tröstete dann seinen Freund, und am folgenden Tage, als der alte Römer auch bei der gnädigen Frau gespeist hatte, begaben sich diese und Adelheid in den großen Saal, wo Gotthold seine beiden Bilder aufgestellt hatte. Das eine war eine schlanke, vorschreitende Figur, mit leicht schwebendem griechischem Gewande, die Schultern frei, jugendlichen Angesichts; die zweite ein bärtiger, sitzender Mann, ganz bekleidet und in breiteren Formen, auch älter, der auf seine ausgestreckten Hände niedersah. Als die Eintretenden sich gesetzt, die Bilder betrachtet hatten, und alle nicht wußten, was sie daraus machen sollten, erhob sich der übermütige Gotthold in einem Anfall seiner tollen Laune und hielt an die Versammlung folgende Rede:

„Verehrteste Zuhörer!

Librarians United, 2017Indem ich seit einigen Tagen von dem Vorsatz bewegt wurde, diesem teuren Hause ein Andenken meines Daseins, einen Dank, wenn auch nur kleinen, für die Gastlichkeit und Freundschaft, die ich hier genossen habe, zurückzulassen, kam in den feierlichen Stunden der Mitternacht die Begeisterung zu meinem Lager, und in kurzem Verkehr mit der Göttlichen wußte ich sogleich, was mir zu tun obliege. Wohl klagt unser Schiller mit Recht, daß die Götter von unsrer Erde entwichen seien, die den Griechen Wald, Berg und Fluß belebten und verherrlichten. Besaß doch damals sogar jede Stadt, jeder Hain, jegliches Haus ein Bild der Gottheit, die dort vorzüglich verehrt wurde, und die auch darum gern verweilte. Soll ich an die Pallas der Athener erinnern, an Trojas, Thebens Heiligtümer, an den Pan Arkadiens? Doch wir, was haben wir, was glauben wir, wenn wir auch einen Apollo oder Hermes schnitzeln? Das hat ja die Bildhauerkunst bei uns schon tausendmal beklagt, daß die Veneres uns so wenig bedeuten, daß wir mit diesen Amoribus nichts anzufangen wissen. So wandte man sich mehr wie einmal zu vaterländischen, deutschtümlichen, volksmäßigen, isländischen Göttergebilden. Aber Freia und Thor, Odin und Wodan, Tyr und Loke, samt Balder wollten uns ebensowenig aus der ratlosen Lage helfen, denn ihnen kam noch weniger der Glaube entgegen, und Kenner selbst meinten: ihre Attribute, ihre Fabeln, ihre ganze Statur und Natur vertrügen sich nicht mit dem guten Geschmack. Schon oft hab ich mich im stillen gefragt: warum hat noch keinen Genius der Blitz der Weissagung durchdrungen, uns den Geschmack selbst bildlich darzustellen? Haben wir doch Mütterlichkeit und Kindesliebe, Gesetzgebung und Freiheit, ja Aufklärung gezeichnet und gestochen, wenn auch nur in Vignetten, oder in Kalendern. Warum haut man nicht den Geist der Zeit in Marmor, oder Liberalität, Humanität, die Fortschreitung des Menschengeschlechts, die sich von selbst auch der schwachen Imagination im Bilde darbietet? Hier, vaterländische Künstler, geht ein neuer Weg, hier ist ein frischer, unberührter Steinbruch, um Originalität zu holen, die Lorbeerkränze fallen von selbst herunter. Nun möchten Sie glauben, diese Figuren, da ich mich so ereifere, sollten etwa den Geschmack, den Zeitgeist, den Zustand der Finanzen, den Amortisationsfond oder den Patriotismus darstellen; aber weit gefehlt, begeisterte Freunde, diese Einleitung ward nur vorangeschickt, um eine Bahn zu öffnen, die uns näher liegt, die uns wichtiger sein muß, und auf welcher wir den Griechen gleichkommen, ja sie wohl noch überflügeln können.

Librarians United, 2017Denn das ist jenen Alten immer vorzurücken, daß sie Bild und Sache verwechselten; über ihre Verehrung der Naturkräfte war ihnen, was wir alle noch täglich bedauern, der Schöpfer selber schon verlorengegangen; aber als sie nun Stein, Holz und Erz sogar für das Wesentliche hielten, da war Hopfen und Malz an ihnen verloren. Deshalb ist zu befürchten, die wir schon mit Begriffen Götzendienst treiben, daß wir bei plastischer Bildung dieser gefühlreichen Begriffe ganz in die Anbetung des kälbernen Apis geraten möchten. Um also unsere Gemüter frei zu lassen, und doch der Kunst und Originalität genugzutun, habe ich als der erste kühne Beschiffer eines unbekannten Ozeans den vielleicht zu kühnen Versuch gemacht, in der Gestalt dieses schlanken jungen Mannes dem schauenden körperlichen Auge den Accusativus hinzustellen, der in diesem Hause und in der ganzen Provinz mit ausgezeichneter Andacht verehrt wird. Sei er also der schützende Genius dieses Schlosses, dem schon die Herzen schlagen, der so oft angerufen, zitiert und angewendet wird, in Gelegenheiten, wo andre Provinzen seinem Bruder, dem Dativ, huldigen. So, wie er hier gezeichnet ist, hat diesen feinen, idealischen, sanften Akkusativ mein Geist geschaut, und ich bin der festen Überzeugung, nur in diesem Vorschreiten, in diesem leichten Gange, in dieser Gestalt und Gebärde kann er in die Wirklichkeit treten. Vielleicht, daß der junge Erbe dieses Hauses ihn in Zukunft in Marmor gestalten läßt, nach dieser Skizze, die aus Andacht und Begeisterung hervorgegangen ist. Des Kontrastes wegen sitzt dort sein Bruder, der gedrückte, bescheidne Dativ, erwartend, statt entgegenzukommen, ruhend, statt im Anlauf, gedrungen, breit, stämmig, statt schlank und heiter. Frage jeder sich der teuern Anwesenden, jeder sinnige Beschauer, ob nicht so diese Gebilde schon seit undenklichen Zeiten in seinem Innern schlummerten. Wohlan denn, der Berg ist durchgehauen, der Weg nach der neuen und neuesten Kunst eröffnet! Mir nach, ihr Jünglinge, ihr Genien, beflügelte Geister, die nur darauf warteten, den Himmel der Kunst von einer neuen Seite bestürmen zu können. Wem von euch wird der Nominativ, der seltsam geheimnisvolle Genitiv erscheinen? Von dem wunderlich verrufenen Vocativus, dem frömmsten der sechs Brüder, ist eine kuriose Sage durch alle Länder im Umlauf, so daß er der unwissenden Menge schon oft zum Gelächter gedient hat. Ebenso war Kassandra verspottet, so wurde des Tiresias Weisheit nur zu oft mißverstanden. Aber in manchem frommen Bilde, das die Augen in Ekstase nach oben dreht, von Carlo Dolce und ähnlichen, habe ich geglaubt, die Annäherung an meinen Vocativus, die Ahndung dieses hohen Ideals zu entdecken, wenn die Gemäldegalerien und ihre Register die Figur auch ganz anders taufen.

Sollen denn aber bloß diese Kasus in der neu aufblühenden Kunstschule gebildet werden? Diese hohen Gestalten bewachen ja nur den Eingang zur menschlichen Erkenntnis. Wer sie schon geheimnisvoll nennt, mit welcher Mystik muß er dann Indikativ und Konjunktiv, das nahestehende Präsens, das hohe Perfektum, das verehrungswürdige Plusquamperfektum begrüßen? Ein Name, vor dem schon der Knabe sich beugt, der zum Bewußtsein erwacht. Soll ich das Futurum, das unbegreifliche Kind von diesem, das Paulo post noch nennen? Und der Infinitiv! Müßte er nicht in vielen Palästen als Schutzgott hingestellt wer den, da der Große schon seit lange, der Vornehme, mit lakonischem Bestreben ihn fast einzig und allein gebraucht? Dann noch der heldenkühne Imperativ, dräuenden Blicks, zornig wie Ares, stark wie Thor, majestätisch wie Zeus. Ist erst dieses geschehen, so wage sich ein künftiger Praxiteles oder Apelles selbst an die beiden Aoristen der Griechen, um das Sublimste zu schaffen und deutlich zu machen, was dem menschlichen Geiste vielleicht möglich ist! Sie sehen aber, Verehrte, daß auch schon, wenn wir bei deutscher Mundart bleiben, der Begeisterung unendlich viel zu tun obliegt. Hier stehn sie, die ersten Anfänge dieses glorreichen Jahrhunderts, der Nachwelt verehrungswürdig, weil sie zuerst den Pfropf lösten, der bis dahin den brausenden Champagner in der Flasche festhielt.“ –

~~~\~~~~~~~/~~~

Librarians United, 2017Adelheid hatte während dieser feierlichen Rede das Lachen verhalten müssen, die Mutter hatte sie aufmerksam angehört, ohne ein Wort zu verstehn, Franz war zu ernsthaft, um den Spaß genießen zu können, und der alte Römer ging empfindlich fort, indem er zur gnädigen Frau sagte: „Der junge Herr ist boshaft, das mit dem Vokativ soll auf mich gehn, weil ich die Augen manchmal gen Himmel aufschlage. Woher soll uns aber Trost und Hoffnung kommen, wenn nicht von dort? Das alles, glauben Sie mir, hat ihm der gottlose Müller eingeblasen; aber es ist weder Wahrheit noch Menschenverstand in der Sache.“

Adelheid unterbrach die Ruhe, indem sie ausrief: „Der Vater kommt!“ Alle liefen an das Fenster, ihn zu begrüßen, dann eilten sie die Treppe hinab, die beiden Fremden blieben zurück, und sahen den alten Herrn vom Pferde absteigen, der niemand anders war, als jener Grüne, gegen welchen sie sich an der großen Brücke nicht eben allzu höflich betragen hatten. „Was ist nun zu tun?“ rief der erschrockne Franz: „ist es doch, als wenn alles Unglück auf mich einstürmte.“ – „Nur zweierlei kann geschehen“, antwortete Gotthold mit Fassung: „entweder wir nehmen sogleich Extrapost und reisen ohne Abschied davon, und dies wäre das Mittel für die Feigheit, die alles aufgibt, wo noch nichts verloren ist: oder ich werfe mich in eine graziöse Unverschämtheit, und tu, als wäre gar nichts Besonderes vorgefallen. Dazu gehört aber, wenn es glücken soll, daß du dein Inkognito fahren lässest, denn wenn wir Edelleute sind, so nimmt das die Hälfte der Beleidigung hinweg.“

Librarians United, 2017Hand in Hand gingen die Freunde hinab. Die Familie hatte sich schon begrüßt, und Gotthold eilte auf den Alten zu, umarmte ihn und rief: „Willkommen! willkommen! Aber warum haben Sie sich denn gar so lange erwarten lassen? Ich bin Gotthold von Eisenflamm, dieser hier Franz von Walthershausen Freunde Ihres Sohnes, und Franz ist weitläufig zwar, aber doch mit Ihnen verwandt. Verzeihen Sie uns jenen Spaß, alter, würdiger Freund, wir kannten Sie recht gut, und wollten nur sehen, ob Sie mit Ihrer Würde und Autorität auch wohl einige Geduld verbänden. Und herrlich haben Sie uns junges Volk ohne allen Zorn über die Achsel angesehn; auch dafür unsern Dank, verehrter Mann.“

Der Alte war wie im Sturm erobert, und konnte nicht zürnen. Bald musterte man alle Familienverzweigungen und Seitenverwandte durch, womit sich der alte Adel so gern, vorzüglich auf dem Lande beschäftigt. Franz gewann durch diese langweiligen Ausfädelungen so viel, daß er nun für eine Art von Vetter gelten konnte.

~~~\~~~~~~~/~~~

Librarians United, 2017Am folgenden Tage war der alte Herr mit den jungen Leuten und seiner Gemahlin im Saale. Gotthold war etwas verlegen, was der grüne Mann zu seinen beiden Bildern sagen würde. „Ei!“ rief er aus, „was ist denn das? Das ist hübsch, bei meiner Seele!“ Die gnädige Frau fing an: „Der Mann, der da sitzt, soll ein gewisser berühmter Dadiv sein.“ – „O Weibsvolk! Weibsvolk!“ rief der Vater: „was das schwatzt, David will sie sagen, und verwechselt sogar den berühmten biblischen Namen; aber dazu fehlt ihm Harfe und Krone. Es ist offenbar der bettelnde, blinde Belisar, wie er am Wege sitzt, und ein Almosen erwartet. Recht schön ist seine Not ausgedrückt, wie er so die blinden Augen auf seine ausgestreckten Hände heruntersenkt, als wenn er sagen wollte: ‚Noch habe ich heute nichts bekommen.‘ Und der Große scheint mir Achilles zu sein, wie er aus seinem Zelte heraustritt.“ Gotthold bejahte mit Schweigen. „Sehn Sie“, fuhr jener fort, „wie ich die Gemälde gleich erkenne, wenn sie nur im richtigen Charakter aufgefaßt sind. Es ist aber viel, daß die beiden Herren in der Kunst so treffliche Sachen leisten können.“

Adelheid und die Mutter entfernten sich wieder, die letztere darüber empfindlich, daß ihr Gemahl die Bilder heute ganz anders gedeutet habe, und daß Gotthold ihm darin recht gegeben, der sie gestern, wenn sie ihn auch nicht verstanden hatte, doch mit andern Namen belegte. Adelheid suchte ihr einzureden, daß die eine Figur wirklich Achilles sei genannt worden; sie glaubte dies endlich, nur Belisar und Dativ schien ihr zu weit auseinanderzuliegen, und sie meinte zuletzt; der biederherzige Römer möchte nicht ganz unrecht haben, daß er in Ansehung des Vokativ sich getroffen gefühlt, und es wären wohl noch mehr boshafte Anspielungen in jener Rede und den Bildern verborgen.

Librarians United, 2017

Bilder: via Librarians Unite, 2017.

Soundtrack: Harald Juhnke: Ick liebe dir, ick liebe dich, 1987:

Ick lieb nich uff den dritten Fall,
ick lieb nich uff den vierten Fall,
ick lieb uff alle Fälle.

Bonus Track: Tom Waits: Russian Dance, aus: The Black Rider, 1993,
verfilmt von Mikhail Segal an der staatlichen Filmhochschule Moskau (der ältesten der Welt) 1996:

Written by Wolf

27. September 2019 at 00:01

So säumet denn, ihr Freunde, nicht, die Würste zu verspeisen

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Update zu Da ist schwäb’scher Dichter Schule, und ihr Meister heißt – Natur!
und Romantische Bieronie (Dei Ironiezeigl konnst sejwa saffa):

Da, wo ich herkomme, wird allenfalls zur Kirchweih so ein Tumult um das Schlachten seiner Mitkreaturen gemacht. Ludwig Uhland war aus Schwaben und zur Zeit seines Metzelsupenlieds 26 Jahre alt. Das ist so jung, da darf man seine siebenzeiligen Strophen sogar noch mit einer ungereimten Waise abschließen (Reimschema ABABCCX).

Laut Uhlands Tagebuch entstand das Lied unter dem Arbeitstitel Verse über die Abschlachtung eines Schweins ab 26. Januar 1814 in Tübingen anlässlich eines musikalischen Abends beim befreundeten Komponisten Friedrich Knapp, tags darauf weitere Verse. Die Uraufführung war eine Vorlesung im selben Knappschen Kreis am 16. Februar 1814.

Der Text redet dem Fleischverzehr und dem Antisemitismus das Wort — viel gesammelt wird es wohl nicht mehr; die aufwändig belustigende, aber undistanzierte Illustration stammt von 1930. Metzelsuppe in ihrer Bedeutung als Ritual oder als Nahrung findet in den Gegenden, die tradtioneller Weise noch Wert auf dergleichen legen, ganzjährig statt; um sie außerhalb einer dörflichen Feierlichkeit in einem Gedicht zu feiern, an dem man mehr als einen Tag lang sitzt, muss man wohl über einen nicht allein sehr hungrigen, sondern künstlerisch orientierten Freundeskreis verfügen. Immerhin scheint es, der junge Ludwig Uhland war ein glücklicher Mensch.

——— Ludwig Uhland:

Metzelsuppenlied

gesammelt in Gedichte 1815, Seite 72 f.:

Wir haben heut nach altem Brauch
Ein Schweinchen abgeschlachtet;
Der ist ein jüdisch eckler Gauch,
Wer solch ein Fleisch verachtet.
Es lebe zahm und wildes Schwein!
Sie leben alle, groß und klein,
Die blonden und die braunen!

So säumet denn, ihr Freunde, nicht,
Die Würste zu verspeisen,
Und laßt zum würzigen Gericht
Die Becher fleißig kreisen!
Es reimt sich trefflich: Wein und Schwein,
Und paßt sich köstlich: Wurst und Durst,
Bei Würsten gilt’s zu bürsten.

Auch unser edles Sauerkraut,
Wir sollen’s nicht vergessen;
Ein Deutscher hat’s zuerst gebaut,
Drum ist’s ein deutsches Essen.
Wenn solch ein Fleischchen, weiß und mild,
Im Kraute liegt, das ist ein Bild
Wie Venus in den Rosen.

Und wird von schönen Händen dann
Das schöne Fleisch zerleget,
Das ist, was einem deutschen Mann
Gar süß das Herz beweget.
Gott Amor naht und lächelt still,
Und denkt: nur daß, wer küssen will,
Zuvor den Mund sich wische!

Ihr Freunde, tadle Keiner mich,
Daß ich von Schweinen singe!
Es knüpfen Kraftgedanken sich
Oft an geringe Dinge.
Ihr kennet jenes alte Wort,
Ihr wißt: es findet hier und dort
Ein Schwein auch eine Perle.

Ludwig Uhland, Metzelsuppenlied, Die fidele Kommode, 1930, Seite 134

BIld: Ludwig Uhland: Metzelsuppenlied, in: Die fidele Kommode. Siebenhundert Jahre deutscher Humor. Ein kurzweiliges und scherzhaftes Album deutscher Humordichtung mit vielen hundert lustigen Reim-Episteln und launigen Versstücken, Fikentscher Verlag, Leipzig 1930, Seite 134; ex libris MTP, via Michael Studt, 5. Juni 2019.

Soundtrack: eins der wenigen, zum nachhaltigen Volksgut gewordenen Highlights
von Wilhelm Hauff: Reiters Morgenlied (Alte Soldatenweise),
aus: Kriegs und Volkslieder. Stuttgart, in der Metzlerschen Buchhandlung, 1824, Seite 84,
für fränkische Belange bearbeitet von der Frankenbänd, 2005, live in der Nürnberger Katharinenruine 2012:

Written by Wolf

6. September 2019 at 00:01

Nicht immer klagen die Nachtigallen

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Update zu den Wanderwochen 02: Das kannst du, Knabe, nicht fassen:

Ja, es gilt jetzt stark genug zu sein, sein Weltbild umzubauen, aber der nachfolgende Dichter namens Ludwig Bechstein ist tatsächlich der Märchen-Bechstein, der oft genug in den gängigen Märchenanthologien vorkommt, dass man ins Grübeln gerät, wodurch sich seine Sammeltätigkeit eigentlich von derjenigen der Brüder Grimm unterschied, bis man zu dem Ergebnis kommt: nicht allzuviel.

Ludwig Bechstein, der letztlich doch vollends unverächtliche Weimaraner Sammler und Herausgeber von Märchen und Sagen aus ganz Deutschland, war unter vielem anderen der Neffe des Naturforschers Johann Matthäus Bechstein, der 1795 eine Naturgeschichte der Stubenvögel herausgab — 1797 gefolgt von der sehr viel folgenreicheren Naturgeschichte der Stubenthiere — herausgab. Die ornithologische Seite animierte den poetischeren (wenngleich gelernten Apotheker) Neffen Ludwig 1846 zu einer Neuen Naturgeschichte der Stubenvögel, diesmal in gereimter Form, aber nicht ohne didaktischen Anspruch, wie man allein dem für einen Gedichtband geradezu epischen Umfang von 369 Seiten anmerkt.

Ausgegraben haben dieses Kleinod die Herausgeber Robert Gernhardt und Klaus Cäsar Zehrer für Hell und Schnell 2004, worin die unten wiedergegebene Nr. 5. eins von 555 komischen Gedichte aus 5 Jahrhunderten ist — auf Seite 475 im Abschnitt Sechster Raum: Die Wunderkammer. Wunderliche und wunderbare Fundstücke aus deutschen Dichterstuben. Deshalb und auch sonst ergeht dringende Kaufempfehlung.

Der Nachweis außerhalb dieses rundum liebenswerten und aufschlussreichen Hausbuchs ergibt: Bechsteins Gedicht heißt Noch ein Nachtigallenlied, weil es nicht nur eins, sondern gar noch zwei davon gibt. Von Gernhardt und Zehrer wird das mittlere davon angeführt; hätten sie das erste genommen, hätten sie Bechsteins Fußnote dazu mitnehmen können, die mein nie ganz abwelkender innerer Linguist der besonderen allgemeinen Aufmerksamkeit übergibt: Ach ja, es ist schon ein altes Kreuz mit der schriftlichen Wiedergabe von Lautäußerungen. Das geht nicht einmal 1:1, wenn man phonetisch geschulten Ohres , ly und li unterscheidet, da kann man seine Lieder den begabten Tonsetzen überlassen, was man will.

Das soll mir mal jemand vortragen — mit Gefühl, wenn ich bitten darf. Penibel aus dem Original abgetippt:

——— Ludwig Bechstein:

4.
Ein Nachtigallenlied. *)

aus: Neue Naturgeschichte der Stubenvögel. Ein Lehrgedicht von Bechstein dem Jüngern.
Hannover. In der Hahn’schen Hofbuchhandlung. 1846. Seite 258 bis 262:

Nachtigall, Luscinia megarhynchos, Farbdruck 1958, via PicclickEs duften die Nachtviolen,
Es glüht der Sterne Pracht;
Es zucken blitzende Flammen
Durch das Fächeln der Frühlingsnacht.

Tio — tio — tio — tio — tio —
Quitio quitio quitio quio qui.

Die Nachtigall seufzet und jauchzet,
Quorror diu dlo — dlo — dlo — dlo !
Sie träumt den Traum der Liebe
In ahnenden Herzen froh.

Tzü — tzü — tzützützü — tzü zi zi
Quorr zio zio zio pi!

O tiefes unendliches Sehnen,
Du bist ein seliger Schmerz.
Du sprichst von dem Herzen Gottes
Lebendig ans Menschenherz.

Ha gürr gürr gürr quio quipio qui
Qui qui gui gigigi diodzi,

Du rufst aus Nachtigall=Liedern
Gott ist die Liebe! uns zu.
O flöte, Nachtigall, flöte
In himmelseliger Ruh!

Goll, goll, goll, goll — hi hadadoi
Higai gai gaigai gaigi./p>

*) Es ist einleuchtend, daß der Nachtigallenschlag sich mit unsern wenigen Lautzeichen nicht ausdrücken läßt, und daß jeder derartige Versuch nur entfernte Bedeutung sein kann. Aber was die Sprache der Rede nicht vermag, vermag die Sprache des Gesanges, daher seien diese Nachtigallenlieder begabten Tonsetzern empfohlen. D.V.

~~~\~~~~~~~/~~~

5.
Noch ein Nachtigallenlied.

The Nightingale Practises His Scales, from St. Nicholas Magazine, March 1917, via AbecedarianHorch wie wonneflötend in des Fliederbaumes
Mondbeglänzten Zweigen singt die Nachtigall !
Rings das heil’ge Schweigen eines Lenzentraumes
Der Natur — und einzig dieser süße Hall.

Einzig dieser Töne reiche Zauberfülle,
Die das Herz uns fesselt, die kein Wort umfaßt.
Seufzerlaut und Jubel durch die Abendstille,
Liedeswell‘ auf Welle — Ausstrom sonder Rast.

„Tiuu — tiuu — tiuui — weilst du meine Traute —
Tio — tio — tio — tio ti — küssest Rosen noch
Fern am Phrat? tio — tio — lausche meinem Laute,
Tzü — tzü — tzü — tzü — tzü züo zi: Buhle, komme doch !“

Sängerherz voll Sehnsucht steht in Glückesblüthe ;
Sehnsucht ist der Himmel, Sehnsucht nur ist Glück.
Jede Wunscherfüllung, höchste Liebesgüte
Giebt das Glück der Sehnsucht nicht der Brust zurück.

„Tsisisi — tzisisisissi — komme doch geflogen !
Wo die Liebe liebet blüht das Paradies.
Dlo — dlo — dlo — dlo — meine Braut ! Durch der Lüfte Wogen
Schwimme näher ! Quio lilüli ! Hoffnung ist so süß !“

Ja so süß ist Hoffnung auf das Glück der Liebe,
Daß das Glück der Liebe kaum der Hoffnung gleicht.
Himmelsahnungswonnen läutern unsre Triebe,
Bis des trunknen Herzens heißer Wunsch erreicht.

„Gollgollgollgollgia — hadadoi ! O weile
Freundin nun nicht länger, nahe, nahe mir !
Quigi horr ha diadiadsi ! Nahe mir, ich theile
Wonnen oder Wehe, Freundin, treu mit dir !“

Alle Wipfel schweigen, alle Blüthen Träumen,
Sanft zum Niedergange neigt der Abendstern.
Thaugefunkel regnet von den Blüthenbäumen,
Leise schütternd, segnend, haucht der Gesit des Herrn.

Lülülülü lüli — guia guia guia
Guia guia guia io io ioioioio qui —
Higaigaigaigaigaigaigai gia —
Gaigaigaigai quior ziozio pi ! —

~~~\~~~~~~~/~~~

6.
Noch ein Nachtigallenlied.

W. Heath Robinson, Wily Willy passes the night in securing a record of the song of Tetrazzini's rival, the nightingale, from The Sketch, 1908, via AbecedarianNicht immer klagen die Nachtigallen,
Nicht immer seufzet ihr Fötenton.
Lautjubelnd schmettert oft Philomele
Des Glücks Triumphlied, der Liebe Lohn !
Lü ly li la la lo didl io quia pi.

Nicht immer klagen, nicht immer trauern,
Nicht immer Thränen, nicht immer Schmerz.
Was ist die Krone der ganzen Schöpfung,
Nach Gottes Willen ? Ein frohes Herz !
Lü lü lülü ly lyly ly lilili !

Mensch, wann im Lenze Natur sich jünget,
Wann Frühlingszauber die Flur bekränzt,
Laß deine Trauer sich mild verklären,
Sei gleich der Blume, die Thau beglänzt.
Qui qui qui gü gy quü quy qui.

Wir hoffen sehnend, wir werden glücklich,
Des Glückes Blume streut goldnen Staub.
Die Monden wandeln — die Zeiten wechseln —
Oft wird die Blume der Zeiten Raub.
Tio — tio — tio — tio diodio — zozozozo zirrhahi.

Wird frühgebrochen, eh‘ wir’s erwarten ;
Ach, wann erwarten wir tiefsten Gram ?
Des Menschen Seele ist Braut des Himmels,
Oft zögert lange der Bräutigam.
Tza tza tza tza tza tza tza za za zi.

Nicht immer klagen die Nachtigallen,
Gott schuf auch Freuden der Kreatur.
Ihr Lied verschönt uns den Tarum des Lenzes,
Süß und zum Herzen spricht die Natur.
Quia quia quia quia quia quia quia gi.

Die Liebe Gottes giebt sich in Wonnen,
Giebt sich in Leiden der Menschheit kund,
Und stets erneut sie im Ring der Zeiten
So mit der Menschheit den ew’gen Bund.
Higaigaigaia gaigaigai gorr diadi.

Bilder: Nachtigall (Luscinia megarhynchos), Farbdruck 1958, via Picclick;
The Nightingale Practises His Scales, aus: St. Nicholas Magazine, März 1917,
via Abecedarian, 1. Oktober 2020 (sic);
W. Heath Robinson: Wily Willy passes the night in securing a record of the song of Tetrazzini’s rival, the nightingale, aus: The Sketch, 1908, via Abecedarian, 28. September 2017.

Heimische Singvögel: Alain Morisod & Sweet People: Et Les Oiseaux Chantaient, aus: Percé, 1979:

Written by Wolf

16. August 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Das Tier & wir, Romantik

Die unnachsichtige Logik, zu der ich mich erzogen hatte

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Update zu Irgendwelche Lümmel oder Gesellschaften von zechenden Strolchen
und And all I got’s a pocketful of flowers on my grave:

Hermann Wögel, MS. Found in a Bottle, 1884, via Old Book IllustrationsAm spukhaftesten wirkt immer Pseudo-Nonfiction: die erfundenen Geschichten, die mit allen dramaturgischen Mitteln und unter Aufbietung aller Beweismittel so tun, als sie einer äußeren Wirklichkeit entsprächen, bis man nicht einmal mehr künstlich seine Ungläubigkeit aussetzen muss. Im Kino musste ich mal den größten Teil vom Blair Witch Project ernsthaft Händchen halten, was ich normalerweise missbillige — wie meine üblichen Kinobegleitungen vorher wissen. Schade ums Eintrittsgeld, und das nicht wegen des außergewöhnlich nervigen Filmpersonals, aber die Realität war wirklich raffiniert mit monatelangem Vorlauf als, nun ja: Realität konstruiert. Geht mir heute noch nach.

Eine frühe Spielart solcher Mockumentary bringt Edgar Allan Poe in Manuskriptfund in einer Flasche, im Original MS. Found in a Bottle, 1833: Solange er nicht auf filmische Mittel zurückgreifen konnte — und man darf annehmen, dass er es jederzeit getan hätte — versah Poe seinen phantastischen Reisebericht mit dem dokumentarischen Rahmen eines Vor- und Nachworts unter seinem Autorennamen. Aus eigener Erfahrung kann ich nur sagen, dass man angesichts dieses durchschaubaren, weil eben nicht filmisch umgesetzten Kunstgriffs durchaus kurz ins Grübeln gerät, ob nicht doch alles wahr ist.

Die Handlung besteht aus dem angeblich vollständigen, allerdings stark punktuell verkürzten Tagebuch eines eher unsympathisch gezeichneten Dandys, der auf einer Weltreise … Nein, das Werk ist zu kurz, um es auch noch zu spoilern — aber es wird ähnlich wie der viel ausführlichere Arthur Gordon Pym 1838 aufgelöst.

Die im folgenden Auszug erwähnten „deutschen Moralisten“ bezeichnen dem versammelten deutschen Idealismus zwischen Kant und Schelling. Folgt man Poes sonstigen Figuren bis zur Morella aus der gleichnamigen Kurzgeschichte von 1835, studiert die natürlich überaus schöne und vor allem ehrfurchtgebietend gelehrte Freundin des umnachteten Ich-Erzählers genau in diese Richtung. Ganz beiläufig ist Morella aus Preßburg gebürtig und damit aus Poes amerikanischer Sicht eine der sprichwörtlich schönen und gelehrten Frauengestalten aus dem Kulturkreis des „alten Europa“. Die Herkunft aus dem heutigen Bratislava verweist zusätzlich, von Poe beabsichtigt oder nicht, auf Böhmen am Meer aus Shakespeares Wintermärchen.

Ich bringe zwei berückende Absätze aus dem MS. Found in a Bottle — einen von gegen Anfang und einen von gegen Schluss:

——— Edgar Allan Poe:

Manuskriptfund in einer Flasche

1833, übs. Arno Schmidt 1970:

Vor allen Dingen bereitete mir die Beschäftigung mit den deutschen Moralisten das hellste Entzücken; nicht etwa aus irgendeiner übelberatenen Bewunderung ihrer zungenfertigen Wahn=Witze, sondern der Leichtigkeit wegen, mit der die unnachsichtige Logik, zu der ich mich erzogen hatte, mich in den Stand setzte, ihre Falschheit zu entdecken. Man hat mich ob dieser unfruchtbaren Trockenheit meines Geistes oft getadelt; mir einen Mangel an Einbildungskraft schier wie ein Verbrechen unterstellt; und der Pyrrhonismus meiner Ansichten hat mich allzeits in Verruf gebracht./p>

[…]

Sich von Grauenhaften meiner Gefühlslage einen Begriff zu machen, wird, wie ich annehme, völlig unmöglich sein; trotzdem überwiegt eine gewisse Neubegier, die Geheimnisse dieser schrecklich hehren Regionen zu ergründen, selbst meine Verzweiflung noch; und versöhnt mich gleichsam wieder mit dem Aspekt auch des scheußlichsten Todes. Liegt es doch auf der Hand, daß wir vorwärts stürmen, irgendeiner erregendsten Erkenntnis zu — einem niemals bekanntzumachenden Geheimnis, dessen Erreichung gleichbedeutend ist mit Zerstörung.

——— Edgar Allan Poe:

MS. Found in a Bottle

1833:

Beyond all things, the works of the German moralists gave me great delight; not from any ill-advised admiration of their eloquent madness, but from the ease with which my habits of rigid thought enabled me to detect their falsities. I have often been reproached with the aridity of my genius; a deficiency of imagination has been imputed to me as a crime; and the Pyrrhonism of my opinions has at all times rendered me notorious.

[…]

To conceive the horror of my sensations is, I presume, utterly impossible; yet a curiosity to penetrate the mysteries of these awful regions, predominates even over my despair, and will reconcile me to the most hideous aspect of death. It it evident that we are hurrying onwards to some exciting knowledge—some never-to-be-imparted secret, whose attainment is destruction.

Harry Clarke, MS. Found in a Bottle, 1833, MONTE DE LEITURAS. Blog do Alfredo Monte, 6. März 2013

Bilder: Hermann Wögel: MS. Found in a Bottle, Albert Quantin, Paris 1884;
Harry Clarke, 1833, via Para seguidores e neófitos de Poe: Os arabescos de CONTOS DE IMAGINAÇÃO E MISTÉRIO, MONTE DE LEITURAS: blog do Alfredo Monte, 6. März 2013.

Die ganze Kurzgeschichte als Kurzfilm: Florian Grolig
in der Animationsklasse Kassel, 2010, Prädikat: Besonders wertvoll:

Soundtrack: Zaz: Port coton, aus: Zaz, 2010:

Boire pour la soif
Je ne sais pas ce qui de nous deux restera
Tu dis mais je ne regarde pas
Je n’ai jamais vu la mer
Mais j’en ai vu des noyés
Comment fais-tu pour oublier
pour oublier

Et la pluie qui revient
dans nos voix
Pas une chanson où je ne pense à toi
Dans ce monde inhabitable
Il vaut mieux danser sur les tables
A port coton qu’on se revoit
qu’on se revoit

Written by Wolf

9. August 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Romantik

Der arme Stephan mit dem gebackenen Kopf

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Update zu Schlachtens und
Dieses unnötige, ja sinnlose Hin und Her:

Schmerzlich vermisst wird eine brauchbare Gesamtausgabe von Wilhelm Hauff. Brauchbar bedeutet: mit dem gesamten Werk — wobei sie nicht einmal historisch-kritisch ausfallen muss, aber als ernstzunehmende Lese-, besser noch Studienausgabe kompetent durchkommentiert. Eben das, was die Bibliothek Deutscher Klassiker und der Winkler-Verlag machen.

Und da nähern wir uns dem Problem: Bei der ersteren fehlt Wilhelm Hauff ganz, bei Winkler hat Sybille von Steinsdorff die bis heute maßgeblichen drei Bände herausgegeben; das war 1970.

Beweisstück A:
Wilhelm Hauff, Winkler-Ausgabe in 3 Bänden

Das Problem wird vollends zum Problem, wenn wir anschauen, was Frau von Steinsdorff da genau herausgegeben hat: vermutlich das Beste, was dem Angedenken Wilhelm Hauffs je widerfahren ist. Der erste der drei Bände bringt alles von Wilhelm Hauff, was einem Roman ähnlich sieht: den großen — und ersten deutschen — historischen Roman Lichtenstein und die längeren Satiren; der dritte Band versammelt die Phantasien im Bremer Ratskeller, die bis auf ganz wenige Highlights nie sehr verbreiteten Gedichte und allerlei Nebenwerke namens Kleine Schriften.

Das Problem liegt im zweiten Band mit den erstaunlich zahlreichen Novellen und — wir haben sie schon vermisst — den Märchen — und innerhalb derselben speziell im Märchen-Almanach auf das Jahr 1827 für Söhne und Töchter gebildeter Stände. Dessen Rahmenerzählung Der Scheik von Alessandria und seine Sklaven umrahmt nämlich nicht nur eigene Märchen von Hauff, sondern zusätzlich:

  1. Gustav Adolf Schöll: Der arme Stephan;
  2. James Morier: Der gebackene Kopf, aus: Adventures of Hajji Baba;
  3. Wilhelm Grimm: Das Fest der Unterirdischen;
  4. Wilhelm Grimm: Schneeweißchen und Rosenrot.

Von Hauffs drei Märchenalmanachen ist dieser mittlere der einzige, für den Hauff vier Beiträge — immerhin 50 Prozent — zugekauft hat. Das ist in Ordnung, denn er firmierte als Herausgeber und durfte das. Nun bemerkt selbst die objektive Wikipedia so treffend wie leise missbilligend: „Diese Beiträge finden sich deshalb nicht in den Gesamtausgaben von Hauffs Werken und in den darauf basierenden Nachdrucken des Almanachs.“

Und damit hat sie schlagend recht. Mit antiquarischen, meist undatierten, aber noch in Fraktur gesetzten Gesamtausgaben von Hauff kann man die Straße pflastern (und wird es demnächst wahrscheinlich auch tun), richtig schwer und kostspielig erreichbar sind allein die drei Bände von Frau von Steinsdorff — selbst noch als Lizenzausgabe beim Deutschen Bücherbund — die aufgeführten vier Märchen bringt bis hinauf zur bis auf weiteres maßgeblichen keine Ausgabe.

Das ist ein Verlust. Man kann argumentieren, dass es nicht Aufgabe einer Hauff-Edition sein kann, Märchen von sonstwem zu veröffentlichen, die Almanache bleiben ohne sie so unvollständig, dass es sehr unliebsam auffällt — vor allem, weil an den Fehlstellen in der Rahmenhandlung regelmäßig steht, was an dieser Stelle kommen sollte — aber nicht kommen kann, weil Schöll, Morier und Grimm nun einmal weder Hauff heißen noch sind.

Schmerzhaft ist das besonders in den Fällen von Schölls armem Stephan und Moriers gebackenem Kopf, die nicht etwa verzichtbare Variationen über irgendwelche anderweitig schon ausreichend ausgewalzte Kindermärchenstoffe sind, sondern ausgesprochen geschickt gebaute Novellen entfernt märchenhaften Inhalts — hochstehende Erfindungen, Musterbeispiele der Erzählkunst, ein Heidenspaß. Hauff hat auch als Herausgeber gut gearbeitet und ganz und gar keinen Schrott akquiriert.

Wieso ich das weiß? — Weil ich zu dem Problem die Lösung in Händen halte. Die Lösung heißt: Wilhelm Hauff: Die Karawane. Märchen. Vollständige Ausgabe, 1. Auflage 2002 im Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin, auf der Grundlage von: Wilhelm Hauff’s Märchen. Vollständige Ausgabe, Insel-Verlag Leipzig 1911, mit 6 Illustrationen von Max Reach und einem Nachwort von Tilman Spreckelsen und unter Unterstützung von Oliver Freiherr von Beaulieu Marconnay, ISBN 3746613582 — ein unspekatuläres Taschenbuch von stattlichen 520 Seiten, verlagsneu für schmale 10 Euro, allerdings seit 2002 schon wieder vergriffen, dafür antiquarisch umso günstiger aufzutreiben (eine Abfrage am 30. Mai 2019 ergab: 9 Cent + 3 Euro Porto).

Beweisstück B:
Wilhelm Hauff, Die Karawane, Aufbau 2002, Doppelseite mit Inhaltsverzeichnis

Eine quasi noch vollständigere Gesamtausgabe von Wilhelm Hauff, als es je gab, erhält man deshalb, wenn man die von Steinsdorffs dreibändige Winkler-Ausgabe oder deren Bücherbund-Lizenz hat — was schwer ist — und deren Lücken durch Die Karawane bei Aufbau schließt — was leicht ist. Dann hat man die meisten Hauff-Märchen doppelt, was ich allerdings für einen weit geringeren Schaden halte als Schöll, Morier und Grimm zu vermissen.

Außerdem kann man vor allem das geniale kalte Herz gar nicht oft genug lesen. Das stammt von 1827 und ist 1828 in einem der Almanache erschienen, die eigentlich in den meisten Ausgaben mit Hauffs Märchen von selbst vollständig erscheinen. Übermäßig viele sind es nämlich von Natur aus nicht. Zur Erinnerung ist Wilhelm Hauff mit zarten 24 Jahren an Typhus verstorben. Ein so umfangreiches, so haltbares, so objektiv handwerklich gelungenes und so nachhaltig im Volksgut verankertes Gesamtwerk muss einer in dem Alter erst mal zustandebringen.

Beweisstück C:
Wilhelm Hauff, Winkler-Ausgabe und Die Karawane

Bilder: eigener Besitz, Mai 2019.

Soundtrack: Leo Leandros: Mustafa, 1960.
Wegen der herbeigezerrten Begegnung mit dem Orient natürlich:

Written by Wolf

26. Juli 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Romantik

Da ist schwäb’scher Dichter Schule, und ihr Meister heißt – Natur!

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Update zu So offenbare sich der dichtende Gott:

Frédéric, Tout conte fait, bientôt l'été. Tribute to Eric R., 25. Februar 2008

Was für ein Bestseller Ludwig Uhland — welch Glücksfall für einen Dichter — zu seiner eigenen Lebenszeit war und wie aufrichtig beliebt seine Balladen über das Mittelalter, das um 1800 als „gute alte Zeit“ missverstanden wurde, gewesen sein müssen, lässt sich in Zeiten, wo er nicht einmal mehr Schulstoff ist, nicht mehr richtig nachfühlen. Gegenüber seinen moralischen Auslassungen in Theorie und beispielhafter Anschauung, die grundsätzlich in beneidenswert korrekt gedrechselter Lyrik stattfinden, war seine Prosa von Anfang an weniger bekannt.

Etwa 25-jährig entwarf Uhland einen Aufsatz zur Klärung seiner eigenen schriftstellerischen Arbeit, den er nicht gedruckt sehen sollte, weil er erst 1928 durch Heinz Otto Burgers Dissertation zugänglich wurde. Dort stand der Aufsatz noch irrtümlich mit der Tübinger Sonntagszeitung in Zusammenhang — wahrscheinlich weil er nicht einmal Burger mit Uhlands übrigem Nachlass (in Marbach aufs Deutsche Literaturarchiv und das Schiller-Nationalmuseum verteilt) vorlag.

Wie jeder andere denkende Mensch auch nahm Uhland dichterische Tätigkeit etwa 18-jährig auf; da war er Studiosus der Rechtswissenschaften am Tübinger Stift, bildete aber lieber mit Gustav Schwab, Justinus Kerner, Karl Mayer, Karl Heinrich Gotthilf von Köstlin, Eduard Mörike, Gustav Schwab, Karl August Varnhagen von Ense und Wilhelm Hauff ab 1805 den Schwäbischen Dichterkreis, der sich als ohnehin eher loser Zusammenschluss 1808 wieder auflöste. In dieser kurzen Spanne einer studentischen Sangesrunde eine verbindlich gemeinte Poetik überhaupt zu planen, zeugt von einigem Lebensernst.

Von mitten darin, 1807, datiert sich Uhlands Aufsatz zur Selbstfindung, der bezeichnenderweise eine Poetik wurde, die nicht vornehmlich zur Veröffentlichung gedacht war. In der Auffassung ähnelt er schon, geht aber durch seine duale Unterscheidung von Objektiv und Subjektiv weit hinaus über Justinus Kerners Programmgedicht zur selben Unternehmung der Dichterschule, zu dem er sich allerdings erst 1839, also über drei Jahrzehnte nachträglich durchrang. Zum Vergleich folgen Uhlands Aufsatz und die Verse von Justinus Kerner, nach dem Erstdruck korrigiert — der eine Strophe mehr — die sechste — als an den meisten Stellen überliefert enthält (zum Beispiel in der vermutlich meistbenutzten Wiedergabe in Wikipedia), ja der überhaupt noch in Strophen unterteilt ist.

Nicht ermitteln konnte ich, was und wie viel im Uhland-Text wann von wem zuerst und warum ausgelassen wurde; alle auffindbaren Fassungen online sowie meine WInkler-Gesamtausgabe von 1980 bringen einhellig nur die Auslassungspunkte in eckigen Klammern. — Chronologisch:

Frédéric, Tourbière. En avril, ne te détournes pas des filles, 11. April 2018

——— Ludwig Uhland:

Über objektive und subjektive Dichtung

ca. 1807, Erstdruck in: Heinz Otto Burger: Schwäbische Romantik.
Studie zur Charakteristik des Uhlandkreises, Dissertation Tübingen, W. Kohlhammer Verlag, Stuttgart 1928:

Die Seele, darein Mutter Natur in der reichsten Fülle die Kräfte des Empfangens und des Wirkens gelegt hat, das ist die Dichterseele. Vermöge der empfangenden Kräfte hat sie die feine Berührbarkeit, die sie das zarteste […] der äußeren und inneren Welt fühlen läßt, und das leise Ohr, das ihr die geheimsten Ahndungen zu vernehmen gibt; durch die wirkenden Kräfte gibt sie dem Dunkeln Klarheit, lernt ihre Bestimmung erkennen und strebt schwungvoll ihrer Vollkommenheit entgegen. Ist das äußere Leben heiter und warm, so werden sich die Blumenknospen entfalten, die Seele wird sich hier befriedigen können, sie findet den Spielraum, ihre üppigen Kräfte zu üben, das äußere und innere Leben zerfließen ineinander, und dies ist das poetische Leben. Denkt auch der Geist (hier) über die Außenwelt nach, so wird sie ihm genügen, will er sie darstellen und sein Wirken in ihr, so kann er sie getreulich abmalen, das Gemälde wird hell und heiterste, objektive Poesie.

Poetisch ist das Leben des Altertums der meisten Völker, darum auch die Poesie des Altertums objektiv. Aber der Frühling der Jugendwelt, wie bald ist er verblüht! Der Dichtergeist kann weder poetisch leben, noch liegt vor ihm ein poetisches Leben, das er dar stellen könnte. Aber seine Kräfte sind zu jeder Zeit rege, und er fühlt ewig den unendlichen Drang, sich zu entfalten. Ist ihm die Erde verwelkt, so schaut er zum Himmel auf, ob dieser noch blühe. Dieser Himmel ist das Unendliche in ihm, das er ahndet, nach dem er sich immer schmerzlicher, immer freudiger sehnt, je weniger ihm die Außenwelt geben kann. Er erforscht sich, er lernt seine erhabene, aber geheime Bestimmung fühlen. Es geht ein Glanz in ihm auf, der zwar das endliche Geistesauge noch blendet, aber sich über die Außenwelt ergießt und sie verklärt. Er vertraut seine Gefühle und Gedanken dem Liede: subjektive Poesie.

Das poetische Leben in Tat und Wort ist objektive Poesie, sobald es einen Darsteller findet. Die objektive Poesie nähert sich der subjektiven, wenn sich ein Gegenstand der Trauer, der Sehnsucht nach einem Entfernten und dergleichen in sie einmischt, denn sobald die Seele in der Gegenwart nimmer Genüge findet, schwingt sie sich in den Äther des Unendlichen. Auch einzelne Seelen, die ihr tätiges Leben und ihre anschaulichen Umgebungen auch in einem sonst poetischen Zeitalter nimmer befriedigen, steigen in ihr Inneres hinab, und ihre Poesie wird subjektiv. Die subjektive Poesie, die das äußere Leben von innen heraus zu verschönen sucht, heißt Poesie des Lebens.

Der Dichter gehe in sich, und er wird folgende Bemerkungen der Analogie des Gesagten gemäß an sich selbst machen können:

Ist sein Leben sehr reich und regsam, so wird er wenig dichten, aber herrlich leben; gewinnt er bei solchen schönen Umgebungen dennoch Zeit und Lust zur Darstellung, so wird sein freudiges Lied nur die Melodie des Lebens nachhallen, er schätzt den Gesang nicht über seine Wirklichkeit, er kann diese nicht einmal mit jenem erreichen, und er hat sich zu hüten, daß nicht das, was er unter den glühendsten Empfindungen hervorgebracht, andere kalt anfasse; aber wird das Leben um ihn her trüb und öde, da blickt er in sich, er nährt sich von eigenem Vorrat; Erinnerung, Hoffnung, Sehnsucht sind seiner Seele stille Trösterinnen.

Frédéric, Comme un parfum de soir d'été, 4. April 2019

——— Justinus Kerner:

Die schwäbische Dichterschule

Morgenblatt für gebildete Stände Nr. 38, Mittwoch, den 13. Februar 1839:

„Wohin soll den Fuß ich lenken, ich, ein fremder Wandersmann,
Daß ich eure Dichterschule, gute Schwaben, finden kann?“

Fremder Wanderer, o gerne will ich solches sagen dir:
Geh‘ durch diese lichte Matten in das dunkle Waldrevier,

Wo die Tanne steht, die hohe, die als Mast einst schifft durch’s Meer;
Wo von Zweig zu Zweig sich schwinget singend lust’ger Vögel Heer;

Wo das Reh mit klaren Augen aus dem dunkeln Dickicht sieht,
Und der Hirsch, der schlanke, setzet über Felsen von Granit.

Trete dann aus Waldesdunkel, wo im goldnen Sonnenstrahl
Grüßen Berge dich voll Reben, Neckars Blau im tiefen Thal;

Wo von Epheu grün umranket, manche Burg von Felsen schaut,
Stiller Dörfer bunte Menge rings sich friedlich angebaut;

Wo ein goldnes Meer von Aehren durch die Ebnen wogt und wallt,
Ueber ihm in blauen Lüften Jubellied der Lerche schallt;

Wo der Winzer, wo der Schnitter singt ein Lied durch Berg und Flur –
Da ist schwäb’scher Dichter Schule, und ihr Meister heißt Natur.

Frédéric, Camille C. à la campagne, 25. April 2019

Objektivität vs. Subjektivität: Frédéric aus Frankreich (das liegt bei Schwaben ums Eck):

  1. Tout conte fait, bientôt l’été (tribute to Eric R.), 25. Februar 2008;
  2. Tourbière (en avril, ne te détournes pas des filles), 11. April 2018;
  3. Comme un parfum de soir d’été, 4. April 2019;
  4. Camille C. à la campagne, 25. April 2019.

Soundtrack: Agnes Obel: Riverside, aus: Philharmonics, 2010:

Written by Wolf

28. Juni 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Weisheit & Sophisterei

Seht ihr, seht ihr die Tscherkessen (Schöne Menschen, schöne Glieder)

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Update zu Stiefpilzin:

Meine Ansicht vom Sterben ist die ruhigste. Ein Freund ist mir bei seinem Leben was mir die Gramatik ist, stirbt er so wird er mir zur Poesie. Jch wollte lieber von meinem besten Freund nicht wissen als irgend ein schönes Kunstwerk nicht kennen.

Karoline von Günderrode: Sämtliche Werke und ausgewählte Studien, 1990, Band 1, Seite 438.

Mit der leider allzu jung gebliebenen Frau Günder(r)ode ist es wie mit Marilyn Monroe, Grace Kelly, Mama Cass, Janis Joplin, Sandy Denny und Amy Winehouse: Als erstes fällt einem immer ein, dass sie gestorben ist.

Jean-Léon Gérôme, Veiled Circassian Beauty, 1876Dagegen hat Friederike Kempner sich in ihrer Autobiographie acht Jahre jünger gemacht, als sie war, für ihren Grabstein konnte sie ihr echtes Geburtsdatum 25. Juni 1828 dann doch nicht mehr unterbinden. Immerhin hat sie ihre Taphephobie — was es ja in diesem Fall unbedingt zu verhindern gilt — nicht überlebt, vielmehr 22-jährig mittels ihrer Denkschrift über die Nothwendigkeit einer gesetzlichen Einführung von Leichenhäusern 1850, sechs Auflagen bis 1867, die Karenzzeit zwischen Tod und Bestattung gesetzlich durchsetzen geholfen.

Vorzustellen ist sie als ernsthafte, engagierte, dabei menschenfreundliche Gutsbesitzerin im Schlesischen, im Gedächtnis bleibt sie als „Schlesischer Schwan“, der eigentlich eine „Nachtigall im Tintenfass“ ist — jedenfalls seit den entschieden zu hämischen, darüber hinaus effektvoll verfälschenden Veröffentlichungen von Walter Meckauer und vor allem Gerhart Herrmann Mostar: Friederike Kempner, der schlesische Schwan. Das Genie der unfreiwilligen Komik, Heidenheimer Verlagsanstalt, 1953.

Ihr literarisches Werk ist mannigfalt, in seinen meisten Formen leider weder erschlossen noch zugänglich, worin sich ihr tätiges Leben wenig von ihrer Nachwirkung unterscheidet; verbreitet und geschätzt wurden und werden allein ihre Gedichte, wenngleich aus zwiespältigen Gründen. Formal sind sie nicht weiter überraschend: meistens vierzeilige Strophen in Paar- und Kreuzreimen, drei- und vierhebig — inhaltlich sind sie, um das Geringste zu sagen, schlicht bis zur kindlichen Naivität im guten und im schlechten Wortsinne. Das trägt ihr bis heute den Spott derer ein, die es besser zu können oder jedenfalls besser zu wissen glauben. Solche Geistreichelei versteigt sich allzu leicht ins Überhebliche. Anzurechnen ist ihr allerdings ihre Unverdrossenheit in allem, was sie erreichen wollte — sei es die flächendeckende Versorgung mit Leichenschauhäusern oder die Produktion von Literatur. Wer dergleichen anfängt, will es selbstverständlich so gut wie möglich tun, bei ihr war die Poesie aber nicht mit Gewinnstreben verbunden — auf das sie nicht angewiesen war — sondern mit menschlichem Verhalten: Poetisch gestimmte Leute schreiben Gedichte, was denn sonst? Manches aus ihrer Produktion erheitert, ohne es zu wollen, und ist mithin wohl „unfreiwillig komisch“. Bei ihr ist das ein Vorzug. Ein professioneller Literat kommt doch gar nicht auf so was, der traut sich das gar nicht. In den verschieden zusammengestellten Auswahlsammlugen stehen Gedichte von durchaus unterschiedlicher Professionalität — aber kein langweiliges. Man kann der Dame nichts nachtragen, weil sie einfach Spaß macht.

In Mostars mehr populär- als -wissenschaftliche, zugegeben recht geschickt erfundene Abhandlung sind gar einige Friederike-Kempner-Gedichte geraten, die mitnichten von Friederike Kempner stammen, sondern vom Abhandelnden Mostar selbst. Und sie sind geschickt genug erfunden, dass diese Kontrafakturen Eingang in Kempner-Sammlungen nach 1953 finden konnten: Am bekanntesten ist der Schlesische Schwan stellenweise für Gesänge, die er erst posthum (nicht) angestimmt hat. So steht in der schmalen, aber verbreiteten Sammlung Das Leben ist ein Gedichte ab 1971 bei bei Reclam Leipzig — das sind nicht gelben Stuttgarter, sondern die schwarzen, höherformatigen und holzhaltigerweise stärker gilbenden — noch als Ausklang auf Seite 98:

Letzte Mahnung

Von den Sternen fiel ich nieder
Und verwinde nie den Fall,
Aber meine Hohenlieder
Ziehen klangvoll durch das All!

Und wenn ich dereinst ‚mal sterbe,
Mahnet Euch der Musen Chor:
Nicht enthaltet dieses Erbe
Euren Nachekommen vor!

Gerade das „Nachekommen“ müsste vor diesem Wissen die letzten Meter von der Kontrafaktur zur Parodie gutmachen, wurde aber offensichtlich nicht allein vom Herausgeber Horst Drescher anstandslos hingenommen.

Gwaschemasch'e Efendi, 1900Nun war zu Zeiten der Günderrode und der Kempner das Volk der Tscherkessen oder Adygejer sehr viel präsenter als heute, wo man längst medial überfordert ist, wenn sich auf dem kaukasischen Gebirgsland wieder ohnehin undurchschaubare Grenzverläufe umsortieren und ein Volk im anderen aufgeht, wenn nicht in irgendwelchen Kriegswirren ganz verschwindet. Tscherkessien war der fernwehgeplagten deutschen Seele einst ein echtes Sehnsuchtsland — wie zeitweise auch Griechenland, als es sich 1821 bis 1829 vom Osmanischen Reich losriss, oder Italien, das nie aus der Liste veschwinden, sie höchstens allein ausmachen wird, oder Irland seit Heinrich Böll. Tscherkessen sind ja so ein freiheitsliebendes, selbstbewusstes, kämpferisches, edles Volk, das sich nichts von Gott oder Herrscher vormachen lässt, und dabei so schöne Menschen.

Zur Orientierung: Tscherkessen sind heute ein „Volk ohne Raum“, dafür mit reichhaltiger Tradition, das ungefähr in Georgien mit angrenzenden Ländern und gern in den USA lebt. Nach einem weitgehend verdrängten Völkermord von 1864 haben sie kein fest umgrenztes Staatsgebiet außer der Hälfte von Karatschai-Tscherkessien und einer winzigen autonomen Republik Adygeja innerhalb Russlands mit 0,6 Prozent tscherkessischem Bevölkerungsanteil mehr, keine einheitliche Sprache, geschweige denn eine Nationalliteratur, keine ausgeprägte Nationalküche, nicht einmal eine typische Volksmusik — nur spektakuläre Trachten, sprichwörtliche Gastfreundschaft und Höflichkeit sowie allerhand Kriegsruhm. Soweit mein persönlicher Einblick reicht, immer noch allesamt lauter wunderschöne Menschen, alles was recht ist.

Ein Gedicht, das mit einiger Sicherheit eben doch von Friederike Kempner stammt — so weit, das längste Einzel- aus dem lyrischen Gesamtwerk zu fälschen, ging Mostar dann doch nicht — spielt denn auch einen Einbruch des tscherkessischen ins preußische Element durch. Es hat also, ungewöhnlich für die Kempner, eine balladeske Handlung, leider nur einen fragmentarischen Spannungsbogen:

——— Friederike Kempner:

Die Tscherkessen

aus: Gedichte, zwischen 1873 und 8. Auflage letzter Hand 1903:

Sieh‘, drei Reiter, glänzend, prächtig,
Wie sie nur im Traume!
Scharlachrot auf schwarzen Rossen,
Und mit gold’nem Zaume.

Schwarz und golden, herrlich flimmert’s
Wie sie blitzschnell eilen.
Funken stäuben gleich Raketen,
Und es schwinden Meilen!

Purpurfedern auf Baretten,
Dolche an den Seiten,
Schienen sie die schnelle Runde
Um die Welt zu reiten.

Und die Rosse, wie arabisch
Ihre Blicke leuchten,
Wie die glänzend schwarzen Haare
Helle Tropfen feuchten!

Dreimal kam die Nacht gezogen,
Dreimal sah man’s tagen,
Und noch immer Rosseshufe
Samt den Herzen schlagen.

Dreimal kam die Nacht gezogen,
Dreimal sah man’s tagen,
Und es konnten Feuerkugeln
Sie noch nicht erjagen!

Circassian girl in traditional clothingNächtlich sieh‘ im Mondenscheine
Die drei Reiter knieen.
Brück‘ und Wasser hinter ihnen
Eine Linie ziehen.

In dem Grenzort auf dem Berge
Steht des Marktes Menge,
Und Bewunderung, Staunen, Rührung,
Wechseln im Gedränge:

Seht ihr, seht ihr die Tscherkessen,
Herr Gott! wie die reiten!
Feuer sprühen ihre Blicke
Hin nach allen Seiten!

Sie entfloh’n aus tiefen Reußen,
Heldenmut im Blute, –
So tönt’s in des Volks Geflüster –
„Wie den‘ auch zu Mute?“ –

Vor des Preuß’schen Rathaus Schwelle
Stehet die Behörde,
Und die Reiter, heiß und glänzend,
Ruhen auf der Erde.

Ihre Zeichen, ihre Mienen,
Blicke, freudetrunken,
Streicheln sie die prächt’gen Rosse,
Wie im Traum versunken.

Ihre Zeichen, ihre Mienen,
Ihre dunklen Worte,
Sie enträtselt halb ein Dolmetsch,
Tief gerührt am Orte.

„Wir Cirkassien’s freie Söhne
„In der Sklaven-Ferne
„Hörten rühmend eure Freiheit,
„Dienten Freien gerne!

„Durch des höchsten Gottes Fügung
„Nun auf freier Erde,
„Flehen wir zum freien Preußen,
„Daß uns Hilfe werde!

„Dreimal vier und zwanzig Stunden
„Ohne Rast geflohen,
„Bieten wir uns, uns’re Schwerter
„Euch an voll Vertrauen!

„Dreimal vier und zwanzig Stunden
„Ohne Rast geritten,
„Wir um edle, große, deutsche
„Gastlichkeit nun bitten! – „

Also klagen ihre Worte,
Und mit starrem Munde
Still vernahm des Ortes Vorstand
Diese selt’ne Kunde.

Selbe Nacht noch, sieh‘, pechfinster,
Trotz des Vollmonds Lichte,
Lautlos durch die tiefe Stille
Lauschet die Geschichte.

Horch, zwei preußische Schwadronen,
Die Tscherkessen mitten,
Ziehen auf dem dunklen Boden
Hin mit festen Tritten.

Sartorial Adventure, 9. April 2018Wieder sieht man durch die Gegend
Rosseshufe sprühen,
Brück und Wasser diesmal ihnen
Vorn die Grenze ziehen.

Horch, da öffnet sich der Schlagbaum,
Und am Brückenkopfe
Nicken durch die hohle Öffnung
Russen mit dem Kopfe.

Dumpf Gemurmel vom Kartelle,
Freundschaft, – ungeschwächte, –
Und man liefert unsere Helden
An Kosakenknechte!

Düster graut der vierte Morgen,
Einzeln leuchten Sterne,
Russen bilden einen Halbkreis,
Wetter leuchten ferne:

Düster flimmern die Laternen,
Donner westwärts grollen,
Von der Helden Haupt, gebücktem,
Große Tränen rollen:

Niederknien alle Dreie,
Und vom Regimente
Dreimal tönt die russ’sche Salve,
Daß die Erde dröhnte!

Neben den Einbruch des tscherkessischen ins preußische Element gesellt die Kempner denn auch in knapperer Form die Verwandtschaft ihres Posen-schlesischen Elements ins tscherkessische — vor dem historischen Hintergrund noch kein Beweis für eine ausgeprägte Tscherkessophilie, aber ein starkes Indiz:

——— Friederike Kempner:

Ich bin auch Tscherkesserin!

aus: Gedichte, zwischen 1873 und 8. Auflage letzter Hand 1903:

Angela Toidze, Adyghe girl in traditional clothing during folk festival held in Nalchik, Kabardina-Balkaria Republic, RussiaWeit die Welt möcht‘ ich durchmessen
Bis zum schwarzen Kaukasus,
Auf die Schwelle des Tscherkessen
Setzen möcht‘ ich meinen Fuß.

Mit dem Lammfell auf dem Schopfe
Träte jener vor mich hin,
Essen würd‘ aus einem Topfe
Ich mit der Tscherkesserin.

Schöne Menschen, schöne Glieder,
Starker Mann und zartes Weib,
Aber seht, auch dieses Mieder
Enget wohlgestalten Leib.

Apfel fällt nicht weit vom Stamme,
Und wer sieht nicht, frag‘ ich, wer?
Daß es mir vom Auge flamme:
Ich bin auch Kaukasier!

Wo die Kempner recht hat, hat sie recht: Von der besonders ansehnlichen Proportionierung des, nun ja: Volkskörpers und dessen angeblich ungewöhnlich — jedenfall auf monochromen Fotos — weißen Hautfarbe leitet sich die Einteilung der eher bleichgesichtigen Volksgruppen als „kaukasisch“ her. — Was Karoline von Günderrodes bildliche Studie zum Tscherkessentum dem gedachten Status einer bloßen Gedichtillustration hinaushebt zu einem eigenständigen, vergleichswürdigen Beitrag:

——— Karoline Friederike Louise Maximiliane von Günderrode:

Kopfstudien

Schwache Bleistiftskizzen mit brauner Tinte, ca. 1805,
im Zusammenhang mit [der Studienbuchkategorie] M Physiognomik. SUF: A 4, Blatt 228 verso,
in: Sämtliche Werke und ausgewählte Studien, 1990, Seite 478:

Karoline von Günderrode, Kopfstudien, 1805

Cirtassierin [meint wohl: Cirkassierin]
Jndier
Russe

Fachliteratur, leider beide Druckwerke anzuzweifeln, der Weblog scheint recht kompetent:

Bilder:

  1. Jean-Léon Gérôme, Veiled Circassian Beauty, 1876, via Printemps Sacré, 27. Mai 2016.
    Laut Books and Art, 8. April 2018:

    The pensive face is above a contraposto that does not disturb the pensive expression on her face. The play of elements is surprising: the solid pattern of the rug makes that of the jacket even more delicate. The hand is absolutely beautiful, both in accuracy and in its absent-minded repose.

  2. Gwaschemasch’e Efendi, 1900, via Olenna Redwyne;
  3. Maktus: Circassian girl in traditional clothing, 2018;
  4. Sartorial Adventure, 9. April 2018;
  5. Angela Toidze: Adyghe girl in traditional clothing during folk festival
    held in Nalchik, Kabardina-Balkaria Republic, Russia
    ;
  6. Ahmed Nagoev featuring Ruslan Teshev und Tamara Kobleva für den Circassian calendar 2015,
    via My Caucasus Blog, 12. Januar 2015.

Ahmed Nagoev featuring Ruslan Teshev und Tamara Kobleva für den Circassian calendar 2015, via My Caucasus Blog, 12. Januar 2015

Soundtrack: der Flötenmuckel, der mich auf meine alten Tage, weil ich als Schüler nur an Melodica und Akkordeon herangeführt wurde, zum Erlernen des Blockflötenspiels trieb: Biermösl Blosn — die Brillanz der Fingerfertigkeit höchstselbst auf unter zwei Minuten zusammengefasst:
Circassian Circle, aus: Grüß Gott, mein Bayernland, 1982; Arrangement und Solo: Christoph Well.
Und nein, so werde ich’s nie, nie, nie können:

Written by Wolf

5. April 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Romantik

Katerladen

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Update zu Was ich gebar in Stunden der Begeisterung und
„du schaffst es“, sagte ich, „du bist ein Guter …“:

Zu den ikonischen bildlichen Vorstellungen in der Katzenliteratur gehört E.T.A. Hoffmanns historischer Berliner Kater Murr, wie er in des Dichters Schreibtischschublade ruht, die er sich selbst aufgepfotet hat, und der Tätigkeit des Wohnens nachgeht.

Zu den bildlichen Vorstellungen — nicht zum überlieferten Bildmaterial. Eine völlig unrepräsentative Umfrage unter einer literarisch so mittel beschlagenen Zielgruppe der Stärke 2 ergab zu 100 % ein großes Erstaunen darüber, dass man den Kater Murr („Er ist auf dem Umschlage dieses Buchs frappant getroffen“) tatsächlich noch nie in seiner Schublade erblickt hat. Die ganze Überlieferung des Bildes besteht nämlich in einem beiläufigen Nebensatz aus Hoffmanns erster Biographie E.T.A. Hoffmann’s Leben und Nachlaß, die ein Jahr nach seinem zeitigen Ableben durch seinen persönlichen Freund Hitzig geschah.

Offenbar besteht eine kurze und lockere, aber eindeutige Tradition unter Schreibern darin, wo der geeignete Wohnort für den Kater des Hauses einzurichten ist.

Look at This Funky Lil Long Boy, 2018

——— Julius Eduard Hitzig:

E.T.A. Hoffmann’s Leben und Nachlaß

Zehnter Abschnitt: Berlin 1814–1822, bei Ferdinand Dümmler, Berlin 1823:

Tygrrbomg, I Shall Try. The I Shall Wait All Day, 27. Oktober 2017Endlich erschien 1820 noch der erste Band der Lebensansichten des Kater Murr, dem 1822 der zweite folgte und der, mit dem dritten, leider auf dem Papier nicht angefangenen, aber im Kopfe schon ganz vollendeten, schließen sollte. Zu der äußern Form dieses Buches war Hoffmann durch einen ausgezeichnet schönen Kater veranlaßt worden, den er auferzogen hatte, und der ihm wirklich mehr als gewöhnlichen Thierverstand zu haben schien; wenigstens war er unerschöpflich in Erzählungen von den Klugheiten, welche von diesem Liebling, der in der Regel in dem Schubkasten des Schreibtisches seines Herrn, den er sich mit den Pfoten selbst aufzog, und auf dessen Papieren, ruhte, ausgegangen seyn sollten. Der Held der Dichtung, Johannes Kreisler, schon aus den Fantasiestücken der lesenden Welt bekannt und werth geworden, war aber eine Personificirung seines humoristischen Ich’s, weshalb auch in keinem seiner Werke so viel, auf Wahrheit gegründete, Beziehungen auf sein eigenes Leben, zu finden sind, als in diesem. Der dritte Band sollte Kreislern bis zu der Periode führen, wo ihn die erfahrnen Täuschungen wahnsinnig gemacht, und, unmittelbar an diesen Band sich die, schon mehrmals erwähnten, lichten Stunden eines wahnsinnigen Musikers anschließen.

Auf den Kater Murr legte Hoffmann, fast unter allen seinen Werken, den höchsten Werth, und in dem letzten Theile desselben glaubte er zu leisten, was er früher noch nicht vermocht.

Bei der ungestützten Überlegung, worin Gemeinsamkeiten zwischen E.T.A. Hoffmann und Charles Bukowski liegen könnten, fällt einem als erstes ein: 1.: Schriftsteller, 2.: schwere Alkoholiker — und neuerdings 3.: wohnen mit einem schreibenden Kater in der Schreibtischschublade zusammen:

——— Charles Bukowski:

mein Kater, der Schriftsteller

aus: Abel Debritto, Hrsg.: Charles Bukowski: Katzen, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2018:

Why you should always check before trying to close drawers, 2018ich sitze hier vor der
Maschine
hinter mir mein Kater
Ting
auf der Sessellehne.

jetzt
wo ich das schreibe, steigt
er in eine offene
Schublade
und weiter über diesen
Schreibtisch.

jetzt
ist seine Nase über
diesem Blatt Papier
und er sieht zu, wie ich
tippe.

dann
verdrückt er sich
und steckt die Nase in
eine
Kaffeetasse.

jetzt
ist er zurück
sein Kopf vor dem
Papier und
er
pfötelt nach dem
Farbband.

ich
drücke eine Taste
er
springt weg.

jetzt
sitzt er da und sieht mir zu beim
Tippen.
mein Weinglas und
die Flasche stelle ich
auf die andere Seite
der Maschine.

im Radio läuft schlechte
Klavier-
musik.

Ting sitzt bloß da und
beäugt
die Schreibmaschine.

glaubt ihr, er wäre gern
ein
Schriftsteller?
ode war mal einer,
früher?

ich
mag keine niedlichen Katzen-
gedichte
habe aber trotzdem eins
geschrieben.

jetzt
ist hier drin eine
Fliege
und Ting lässt sie nicht aus den
Augen.

es ist 23.45 Uhr und
ich bin
besoffen …

hey, bleibt locker, ihr habt
schlechtere
Gedichte gelesen als
das hier …

und ich hab sie
geschrieben.

They Fell Asleep in the Cat-Drawer, 2018

Bilder: Look at This Funky Lil Long Boy, 2018;
I Shall Try. The I Shall Wait All Day, 27. Oktober 2017;
Why you should always check before trying to close drawers, 2018;
They Fell Asleep in the Cat-Drawer, 2018.

Schlechte Klaviermusik war nicht aufzutreiben, daher auf der Cigar Box Guitar unter den Orgeln: Barbora Cejpová spielt Bach auf einer aufblasbaren Baumorgel von Ludvik Cejp (Baumstamm, Luftballon und 37 Pfeifen, Manual aus Ästen, Blasebalg aus Wachstuchtischdecke): Englische Suite II a-Moll BWV 807 („und andere Opusse für die, welche mit Bach Nichts anfangen können“), 2011. Vollbild lohnt sich:

Written by Wolf

1. Februar 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Das Tier & wir, Romantik

Das ist der wahre Untergrund (weil die Magie noch in den Menschen lebt)

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Update zu Pflanzenähnlichkeit der Weiber: Novalis und die Frau als Königin, Mineral und Nahrungsmittel:

Wie viele Zeitungsartikel trifft man im Laufe eines Lebens, die einen auf Jahrzehnte hinaus beeindrucken? Es läppert sich. An einen meiner persönlichen, einstellig rechnenden wurde ich gerade kürzlich erinnert, als Hedwig Müller, die Wirtin vom Kropfersrichter Happy-Rock (an der B 85 bei Sulzbach-Rosenberg, wer’s kennt), 92 (in Worten: zweiundneunzig) wurde.

Das sind die die Sachen, die Kultur ins Leben und Leben in die Kultur tragen, oder genauer: lebenswert machen; Friedrich Schlegel samt seinen mittheoretisierenden und mitpraktizierenden Frühromantikern wäre begeistert — Athenäums-Fragment 116, 1798, vollständig:

Happy-Rock, Kropfersricht, OnetzDie romantische Poesie ist eine progressive Universalpoesie. Ihre Bestimmung ist nicht bloß, alle getrennte Gattungen der Poesie wieder zu vereinigen, und die Poesie mit der Philosophie und Rhetorik in Berührung zu setzen. Sie will, und soll auch Poesie und Prosa, Genialität und Kritik, Kunstpoesie und Naturpoesie bald mischen, bald verschmelzen, die Poesie lebendig und gesellig, und das Leben und die Gesellschaft poetisch machen, den Witz poetisieren, und die Formen der Kunst mit gediegnem Bildungsstoff jeder Art anfüllen und sättigen, und durch die Schwingungen des Humors beseelen. Sie umfaßt alles, was nur poetisch ist, vom größten wieder mehre Systeme in sich enthaltenden Systeme der Kunst, bis zu dem Seufzer, dem Kuß, den das dichtende Kind aushaucht in kunstlosen Gesang. Sie kann sich so in das Dargestellte verlieren, daß man glauben möchte, poetische Individuen jeder Art zu charakterisieren, sei ihr Eins und Alles; und doch gibt es noch keine Form, die so dazu gemacht wäre, den Geist des Autors vollständig auszudrücken: so daß manche Künstler, die nur auch einen Roman schreiben wollten, von ungefähr sich selbst dargestellt haben. Nur sie kann gleich dem Epos ein Spiegel der ganzen umgebenden Welt, ein Bild des Zeitalters werden. Und doch kann auch sie am meisten zwischen dem Dargestellten und dem Darstellenden, frei von allem realen und idealen Interesse auf den Flügeln der poetischen Reflexion in der Mitte schweben, diese Reflexion immer wieder potenzieren und wie in einer endlosen Reihe von Spiegeln vervielfachen. Sie ist der höchsten und der allseitigsten Bildung fähig; nicht bloß von innen heraus, sondern auch von außen hinein; indem sie jedem, was ein Ganzes in ihren Produkten sein soll, alle Teile ähnlich organisiert, wodurch ihr die Aussicht auf eine grenzenlos wachsende Klassizität eröffnet wird. Die romantische Poesie ist unter den Künsten was der Witz der Philosophie, und die Gesellschaft, Umgang, Freundschaft und Liebe im Leben ist. Andre Dichtarten sind fertig, und können nun vollständig zergliedert werden. Die romantische Dichtart ist noch im Werden; ja das ist ihr eigentliches Wesen, daß sie ewig nur werden, nie vollendet sein kann. Sie kann durch keine Theorie erschöpft werden, und nur eine divinatorische Kritik dürfte es wagen, ihr Ideal charakterisieren zu wollen. Sie allein ist unendlich, wie sie allein frei ist, und das als ihr erstes Gesetz anerkennt, daß die Willkür des Dichters kein Gesetz über sich leide. Die romantische Dichtart ist die einzige, die mehr als Art, und gleichsam die Dichtkunst selbst ist: denn in einem gewissen Sinn ist oder soll alle Poesie romantisch sein.

Die Tempel solcher in Novalis‘ Sinne romantisierenden Universalpoesie bestehen unabhängig von Lebensalter und Region. Gerade kurz vor Weihnachten 2018 hing ein Autor der Zeit seiner verlorenen Jugend in Form von eher miesen Erfahrungen in der Dorfdisco seines ohnehin gedämpften Vertrauens nach. Sein Beispiel ist das Leifi im niedersächsischen Flecken Cornau — übrigens nicht schlecht geschrieben: schonungslos gegen seine eigenen vergangenen und gegenwärtigen Schwächen, bildstark und genau beobachtet. — Ausschnitt:

——— Dirk Gieselmann:

Samstagnachtfieber

Weite Teile seiner Jugend verbrachte unser Autor in der Dorfdisco. Zwanzig Jahre später kehrt er für einen letzten Abend dorthin zurück. Das Gute: Diesmal wird er nicht verprügelt. Ihm ist nur irgendwann sehr schlecht.

in: Die Zeit, 26. Dezember 2018, Seite 56 f.:

Hier wurde ich zum ersten Mal verprügelt, von einem riesenhaften Kerl, der den Kampfnamen „Rindfleisch“ trug. Ich erinnere mich, wie das Blut aus meinem Mund in den Schnee auf dem Parkplatz tropfte. Hier riss mir zum ersten Mal der Film,nach einer Gallone Mariacron, gemischt mit ein wenig Cola. Hier bot sich mir, dem feigen Jungen, ein billiger Ersatz für den Mut: die Schamlosigkeit des Besoffenen.

Hier tanzte ich, ohne tanzen zu können, verrenkte mich, schrie Mädchen ins Ohr, dass ich sie verehrte, und sie schrien zurück, dass ich mich mal nicht lächerlich machen solle. Hier war ich mir für nichts zu schade, mit einem Zuviel an Kraft, für das ich keine andere Verwendung fand, als es an die Nacht zu vergeuden.

Der eingangs versprochene jahrzehntelang wirksame Zeitungsartikel aus demselben Blatt obliegt weit besseren Erinnerungen. Ich selber hielt mich immer ganz gern in Bauerndiscos auf, möglichst bis es hell wurde. Meine zuständige lag in Steinensittenbach, das im Landkreis Nürnberger Land liegt und sich deshalb „Stabo“ spricht. Das bedeutet, dass meine eigenen Erinnerungen auf der hellen wie der finsteren Seite wohnen: Rausch und sich zum Deppen machen sind Menschenrechte.

——— Christian Kortmann:

Let it rock

in: Die Zeit 18/2000, 27. April 2000:

Minutenlange Gitarrensoli, Ausdruckstanz, Mädchen, die Luftgeige spielen — im „Mobile“ in Bad Salzdetfurth ist alles erlaubt, was in der Großstadt noch als uncool gilt. Und das ist gut so. Ein Abend in der Rock-Disco

Mobile, Bad Salzdetfurth, AlleventsMittwoch ist Rockdisco-Tag. Um 20.30 Uhr wird ein solider Mainstream-Film (Flatliners) gezeigt und anschließend gerockt, so einfach ist das. Also fährt Andreas mit mir am Mittwochabend nach Bad Salzdetfurth ins Mobile. Gestern habe ich behauptet, dass uns eine Renaissance der harten Rockmusik und ihrer Gitarrenvirtuosen bevorsteht. Andreas, Musikexperte und langjähriger Gitarrist, schüttelte den Kopf und belehrte mich, dass der Hardrock kontinuierlich neben allen musikalischen Moden in einem Paralleluniversum zelebriert werde: „Das ganze Gerede von Clubculture und performativer Feier des Körpers ist doch Quatsch. Ich zeige dir, wo der Körper mit all seinen Schwächen wirklich gefeiert wird!“

Nur wenige Fahrzeuge sind auf der Landstraße unterwegs, dann tauchen links und rechts die Salzberge und Kalifabriken der Kurstadt auf. Das südniedersächsische Bad Salzdetfurth teilt mit Lüdenscheid den Ruhm, durch einen Komiker bekannt geworden zu sein. Dort war es Loriots „Herr Müller-Lüdenscheid“, hier Harald Schmidt, der in Schmidteinander regelmäßig fiktive Zuschauerbriefe von „Gabi aus Bad Salzdetfurth“ verlas. Es gibt wirklich nicht viel in Bad S., außer Salinen und Rentnern im Sommer und seit über 30 Jahren das Mobile, eine „Hard Rock, Funk, Reggae, New Wave“-Discothek, die laut Eigenwerbung „Famous & Fantastic“ ist. Wir parken auf dem hauseigenen Parkplatz mitten in einem Wohngebiet, wo man sich traditionell noch im Auto zur elfminütigen Live-Version von Stairway To Heaven eine Grastüte reinzieht.

„Voilà“, sagt Andreas, „willkommen im Uterus des Rock ’n‘ Roll!“ Von innen erinnert das Mobile an die Scheune auf dem Cover von Neil Youngs Harvest. Links und rechts erheben sich Emporen mit alten Polstersesseln, und in der Mitte liegt die Tanzfläche, kurz: ein Raum, in dem in amerikanischen B-Movies Dorfversammlungen abgehalten werden, wenn eine Invasion der Außerirdischen droht. Auch hier versammelt sich eine Gemeinde, und was sie eint, ist die Liebe zur Gitarrenmusik alter Schule. Die Wände sind mit kultischen Motiven aus den siebziger Jahren, der großen Zeit der Supergruppen, geschmückt. Es gibt ein aufwändiges Dark Side Of The Moon-Fresko, und an der Decke hängt zwischen kokonartigen Lampions ein fliegender Stuhl des Yes-Designers Roger Dean. Und dann ist da noch eine Wandmalerei, ein Fensterblick auf die offene See, die rhythmisch von einem Scheinwerfer angestrahlt wird. Man spürt, dass dies hier ein magischer Ort ist, ein Teil vom Netzwerk des geheimen Lebens. Denn solche Etablissements existieren überall, heißen Point One, Exit, Farmer’s Inn, Rockfabrik oder Schlucklum und liegen in Dörfern wie Uetze oder Lucklum, doch sind sie außerhalb ihrer Klientel nicht bekannt. Anders als bei Techno handelt es sich um eine Subkultur ohne Lobby, das ist der wahre Untergrund: Für den Rockdisco-Besucher ist der ästhetische Code der Großstadt ungültig. Trotz der realen und medialen Vorherrschaft der Clubculture nimmt er sich das Recht, nach wie vor uncool tanzen zu gehen.

Die Liturgie ist dabei genau festgelegt, denn der DJ darf keine eigenen Platten mitbringen, sondern muss sich aus dem Repertoire bedienen, das alle Favoriten der Mobile-Stammgäste enthält. Nirgendwo sonst könne der DJ es sich erlauben, mit verschränkten Armen neben seiner Holzbude zu lehnen, während ein Musikstück läuft, sagt Andreas, der uns erst mal zwei Flaschen Einbecker Brauherrenpils holt. Verglichen mit dem Kopfhörer-Heftpflaster-Reinhör-Markier-Gewese des Techno-DJs, ist es schon extrem lässig, so im Westernerstil an der Saloontür zu lehnen und auf das einsame, weite Land der Tanzfläche zu blicken. Zu Mike Oldfields verspielten Gitarrensoli will und kann nun mal niemand tanzen, doch ein selbstbewusstes Lächeln steht im Gesicht des DJs. Er vertraut auf die Kracher, die er sich am Musikpult zurechtgelegt hat. Dann tritt er ins Innere der Holzbude, lässt eine Platte aus der Hülle gleiten und legt sie auf.

Schon springen die Aficionados von allen Seiten herbei und tanzen in Jeansjacken und Lederwesten zu langen Passagen von Aphrodite’s Childs Konzeptalbum 666 und anderen Liedern von ungeahnter Tanzbarkeit wie Tori Amos‘ Cornflake Girl. Auf den Bänken und Amphitheaterstufen rund um die Tanzfläche sitzen dunkel gekleidete Gestalten mit angezogenen Beinen, hier und da glimmen selbst gedrehte Zigaretten. Man kann im Mobile sowohl ekstatische Lebenslust wie apathisches Abhängen beobachten und fragt sich, wieso Vergnügen und Langeweile so eng miteinander verknüpft sind. Liegt es daran, dass die Rockdisco-Nacht streng ritualisiert ist? Schließlich werden nur bekannte Lieder gespielt, die immergleichen aus dem langsam nur sich erweiternden Rockdisco-Kanon. Es fehlt der Reiz des Neuen, der sonst ein wesentlicher Bestandteil von Jugendkultur ist. Hier jubeln die Tanzenden, wenn ihr Lieblingslied kommt, und hüpfen dann auf und ab, als wollten sie den Boden nie wieder berühren.

Das Getränk zur Langeweile ist ein vorgeblicher Muntermacher: Kaffee. Den gibt es draußen an der Theke im Foyer, vor der eigentlichen Disco. Man verkauft selbst gebackene Pizza, und es läuft andere Musik, meistens AC/DC. Am Tresen stehen unscheinbare Typen in Jeans und Lederblousons, die einen Becher Kaffee nach dem anderen bestellen, den der VoKuHiLa-Wirt aus einer chromsilbernen Tanksäule abzapft. An Kicker und Flipper hängen ein paar junge Einheimische rum, die so aussehen, als hätten sie schon mal bei H & M eingekauft: die Jungs in Cargopants, die Mädchen in Flokati-Jacken. In Bad Salzdetfurth gibt es halt nichts anderes, wo man abends hingehen kann, auch deshalb landet man in der Rockdisco. Das war früher im Sauerland nicht anders: Jede Freitagnacht galt es, eine Mitfahrgelegenheit nach Oberbrügge ins Infinity zu finden. Man überzeugte den starken Mann an der Kasse, dass man schon 18 war, trank Flensburger, stand blöd rum und fragten den DJ, ob er „was von Living Colour“ da habe.

Zurück auf die Tanzfläche: Hippiemädchen in Batikpullovern und Lederwesten tanzen wie Waldgeister am Tor zur Dämmerung, was ihnen zur Vollkommenheit noch fehlt, sind die Panflöten; ein junger Mann läuft auf der Stelle, er befindet sich, comichaft wild gestikulierend, auf der Road to Nowhere und wird so schnell keine Ausfahrt finden. Ein Enddreißiger in erdfarbenem Strickpulli tanzt schlangenhaft, als sei er schon oft in einem indischen Ashram gewesen, vielleicht zu oft. Aber das ist ja gerade das Sympathische, dass die körperlichen Unzulänglichkeiten hier keine Rolle spielen. Wenn einer kein Taktgefühl hat, dann springt er halt am höchsten, und es ist voll in Ordnung.

„Da drüben!“, unterbricht Andreas meine Vision. „Das Hippiemädchen spielt Luftgeige!“ Tatsächlich: Barfuß tänzelt sie im weiten Batikhemd über das irische Moos und lässt ihre imaginäre Fidel erklingen. Wahnsinn. Sie zeigen einem hier, was man mit Popmusik machen kann, nämlich alles: Zu einem berserkerhaften Gitarrensolo haken sich zwei hagere Woodstock-Veteraninnen mit Zöpfen unter und rasen in einem Folkloretanz der Trance entgegen.

Spät in der Nacht spielt der DJ dann noch Lieder von Faith No More, den Smashing Pumpkins oder Depeche Mode. Durch die Veränderung weniger Parameter wie Ort, Zeit, Lautstärke und Reihenfolge können Songs ihre Bedeutung vollständig verändern. Zu Californication von den Red Hot Chili Peppers, das man morgens entspannt beim Zeitunglesen hört, wird hier wild abgerockt. Es ist nicht etwa Nostalgie, die die Menschen seit nunmehr drei Jahrzehnten ins Mobile lockt, sondern die außerzeitliche Übereinkunft einer exklusiven Gesellschaft, deren Erkennungszeichen das Gitarrenriff ist. So greift man auf die Musikgeschichte von den Rolling Stones (Satisfaction) bis zur Bloodhound Gang (The Bad Touch) zu, und so hat es auch Fat Boy Slim ins Mobile geschafft. Der Rockafeller Skank wäre schließlich der kleinste gemeinsame Nenner, wenn Clubber und Rocker eine ökumenische Party schmeißen müssten. Aber dazu wird es hier so schnell nicht kommen. Denn sollten sich die Guitarreros aus ihren Gräbern erheben, um einen Rachefeldzug gegen die Clubculture zu starten, dann wird das Mobile ihr Hauptquartier sein.

Es geht noch weiter in der Zeit: 2015 war Christian Kortmanns Zeitungsartikel offenbar immer noch legendär genug, dass sich eine Internetpräsenz mit etwas elitärem jugendkulturellen Selbstverständnis an ihn erinnern musste, das Mobile schon ein Aufguss seiner selbst:

——— Merlin Schumacher/Mika Doe:

Eine Nacht im Mobile. Eine Nacht geborgter Magie.

in: Zebrabutter. Schlaues über Gutes und Schlechtes, 30. September 2015:

Mobile, Bad Salzdetfurth, Zebrabutter[…] In Mathias‘ Augen ist ein Noch-Kein-Mal-Schlafen Leuchten, während wir Merlin zuhören, wie er Christian Kortmanns Zeit-Artikel über das Mobile von vor 15 Jahren vorliest. „Das ganze Gerede von Clubculture und performativer Feier des Körpers ist doch Quatsch. Ich zeige dir, wo der Körper mit all seinen Schwächen wirklich gefeiert wird!“ Es klingt nach einem besonderen Ort: Ein Pink Floyd Fresko an der Wand, schwebende Stühle unter der Decke und eine Kabine, an der man die ganze Nacht Kaffee trinken konnte. „Und jedes Wort ist wahr“, sagt Mathias. Knapp drei Jahre nach Erscheinen des Artikels schloss das Mobile. […]

Das Pink-Floyd-Fresko hat der Zeit nicht standgehalten. Jeder Quadratzentimeter des Raums ist mit schneeweißer Wandfarbe überzogen. Kein schwebender Stuhl mehr. Nur wenige Fragmente des alten Mobile blitzen durch: Der nikotinbraune Stoff unter der Decke ist noch da. Verschraubungen von entfernten Sitzbänken schauen aus der Wand, Die DJ-Kabine ist da, wo sie war und es gibt Kaffee. Die Struktur steht es noch, aber ihre Textur ist verschwunden. Das Mobile ist eine Veranstaltung in einer Mehrzweckveranstaltungshalle. […]

Das ist es auch, was diesen Abend von einer ordinären 80er oder 90er-Party unterscheidet. Auf den ersten Blick ist er all dessen beraubt, was er einmal gewesen ist. Doch die Nostalgie zweiter Ordnung kann ihr Versprechen halten, weil die Magie noch in den Menschen lebt.

Auch ohne Schlegel-Studium muss es etwas bedeuten, dass sowohl das Kropfersrichter Happy-Rock als auch das Bad Salzdetfurther Mobile je eine Wiedereröffnung hinter sich haben. Und zwar etwas Gutes.

Playlist der angeführten Lieder:






BIlder: Hartl für Warten auf das Happy Rock, 27. Januar 2017;
Allevents für Mobile Revival Party, Wietföhr 57, 31162 Bad Salzdetfurth, 11. März 2017;
Merlin Schumacher für Zebrabutter, 30. September 2015.

Bonus Track: Erste Allgemeine Verunsicherung: Märchenprinz, aus: Geld oder Leben!, 1985:

Written by Wolf

25. Januar 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Schall & Getöse

Da unten in jenem Thale (da geht ein Kollergang)

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Update zu Willkomm und dervoo und
Herrjeh, schweigt mir vom Tegernsee!:

Das muss ich erzählen. Wie ich mal auf einer Autorenlesung von Peter Rühmkorf war.

Ein andermal, das wird zu lang. 2019 wäre Peter Rühmkorf 90 geworden, wenn er nicht 2008 den Griffel auf ewig niedergelegt hätte. Der 25. Oktober ist 2019 ein Freitag, da kann man gut feiern gehen; das haben Rühmkorfs Eltern anno 1929 geschickt eingerichtet. Und das zweite Fontane-Jahr in Folge ist sowieso schon ausgereizt.

——— Arnim & Brentano:

Müllers Abschied

Mündlich.

aus: Des Knaben Wunderhorn,
Band 1, 1805:

Da droben auf jenem Berge,
Da steht ein goldnes Haus,
Da schauen wohl alle Frühmorgen
Drey schöne Jungfrauen heraus;
Die eine, die heißt Elisabeth.
Die andre Bernharda mein,
Die dritte, die will ich nicht nennen,
Die sollt mein eigen seyn.

Da unten in jenem Thale,
Da treibt das Wasser ein Rad,
Das treibet nichts als Liebe,
Vom Abend bis wieder an Tag;
Das Rad das ist gebrochen,
Die Liebe, die hat ein End,
Und wenn zwey Liebende scheiden,
Sie reichen einander die Händ.

Ach Scheiden, ach, ach!
Wer hat doch das Scheiden erdacht,
Das hat mein jung frisch Herzelein
So frühzeitig traurig gemacht.
Dies Liedlein, ach, ach!
Hat wohl ein Müller erdacht;
Den hat des Ritters Töchterlein
Vom Lieben zum Scheiden gebracht.

——— Joseph von Eichendorff
als Florens:

Lied.

1810, Erstdruck in: Deutscher Dichterwald, 1813, Seite 40,
spätere Fassungen:
Das zerbrochene Ringlein:

In einem kühlen Grunde,
Da geht ein Mühlenrad,
Meine Liebste ist verschwunden,
Die dort gewohnet hat.

Sie hat mir Treu versprochen,
Gab mir ein’n Ring dabei,
Sie hat die Treu gebrochen,
Mein Ringlein sprang entzwei.

Ich möcht‘ als Spielmann reisen
Weit in die Welt hinaus,
Und singen meine Weisen
Und gehn von Haus zu Haus.

Ich möcht‘ als Reiter fliegen
Wohl in die blut’ge Schlacht,
Um stille Feuer liegen
Im Feld bei dunkler Nacht.

Hör‘ ich das Mühlrad gehen,
Ich weiß nicht, was ich will,
Ich möcht‘ am liebsten sterben,
Da wär’s auf einmal still.

——— Peter Rühmkorf:

Auf eine Weise des Joseph Freiherrn von Eichendorff

von Rühmkorf im Oktober 1960
auf der Tagung der Gruppe 47
in Aschaffenburg vorgetragen:

In meinem Knochenkopfe
da geht ein Kollergang,
der mahlet meine Gedanken
ganz außer Zusammenhang.

Mein Kopf ist voller Romantik,
meine Liebste nicht treu —
Ich treib in den Himmelsatlantik
und lasse Stirnenspreu.

Ach, wär ich der stolze Effendi,
der Gei- und Tiger hetzt,
wenn der Mond, in statu nascendi,
seine Klinge am Himmel wetzt! —

Ein Jahoo, möcht ich lallen
lieber als intro-vertiert
mit meinen Sütterlin-Krallen
im Kopf herumgerührt.

Ich möcht am liebsten sterben
im Schimmelmonat August —
Was klirren so muntere Scherben
in meiner Bessemer-Brust?!

Postkarte In einem kühlen Grunde, 1963, Goethezeitportal

Postkarte: L. v. Senger: In einem kühlen Grunde, Verlag Hermann A. Wiechmann, München, Seriennummer [unleserlich]. Verzeichnisse von Büchern, Bildern und Kunstpostkarten umsonst und postfrei, 1963, handschriftlich fortgesetzt:

wollen wir uns gerne einmal ausruhen, es kann auch warm sein nach dem kalten Winter 1962 schaffen wir es nicht. Seit Weihnachten haben wir es vor, Richtung Hamburg u. Silvester Geschirr abliefern anschließend Ferien. Es wird immer wieder hinausgeschoben, darum freuen wir uns über Ihren Besuch. Nach der hübschen blühenden Tochter [?] zu urteilen muß es Ihnen großartig gehen.

via Jutta Assel/Georg Jäger: Eichendorff-Motive auf Postkarten. Eine Dokumentation. Das zerbrochene Ringlein. In einem kühlen Grunde …, Goethezeitportal, Oktober 2011.

Soundtrack: Friedrich Glück, 1814: In einem kühlen Grunde, Gerhart-Hauptmann-Chor Herbst 1968,
in: Bunt sind schon die Wälder, anlässlich der Einführung des Farbfernsehens, DDR 1969:

Und dasselbe nochmal in Genießbar: von Hannes Wader — mit der üblichen Textabweichung „mein Liebchen“ statt von Eichendorff von letzter Hand autorisiert „mein‘ Liebste“:

Written by Wolf

4. Januar 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Romantik

Nachtstück 0018: Es bedarf des Absurden (denn verstört ist der Weltlauf)

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Update zum Feinsliebchen:

——— Theodor Wiesengrund Adorno:

Minima Moralia

Dritter Teil, 1946/1947, 128. Regressionen, Suhrkamp 1951, Seite 227 f.:

Seit ich denken kann, bin ich glücklich gewesen mit dem Lied: „Zwischen Berg und tiefem, tiefem Tal„: von den zwei Hasen, die sich am Gras gütlich taten, vom Jäger niedergeschossen wurden, und als sie sich besonnen hatten, daß sie noch am Leben waren, von dannen liefen. Aber spät erst habe ich die Lehre darin verstanden: Vernunft kann es nur in Verzweiflung und Überschwang aushalten; es bedarf des Absurden, um dem objektiven Wahnsinn nicht zu erliegen. Man sollte es den beiden Hasen gleichtun; wenn der Schuß fällt, närrisch für tot hinfallen, sich sammeln und besinnen, und wenn man noch Atem hat, von dannen laufen. Die Kraft zur Angst und die zum Glück sind das gleiche, das schrankenlose, bis zur Selbstpreisgabe gesteigerte Aufgeschlossensein für Erfahrung, in der der Erliegende sich wiederfindet. Was wäre Glück, das sich nicht mäße an der unmeßbaren Trauer dessen was ist? Denn verstört ist der Weltlauf. Wer ihm vorsichtig sich anpaßt, macht eben damit sich zum Teilhaber des Wahnsinns, während erst der Exzentrische standhielte und dem Aberwitz Einhalt geböte. Nur er dürfte auf den Schein des Unheils, die „Unwirklichkeit der Verzweiflung“, sich besinnen und dessen innewerden, nicht bloß daß er noch lebt, sondern daß noch Leben ist. Die List der ohnmächtigen Hasen erlöst mit ihnen selbst den Jäger, dem sie seine Schuld stibitzt.

Gewöhnen wir uns instrumental an die Melodie:

——— N. N. (anonym):

Zwischen Berg und tiefem, tiefem Tal

um 1825, Hessen und Umgebung von Elberfeld (Wuppertal):

Zwischen Berg und tiefem, tiefem Tal
saßen einst zwei Hasen,
fraßen ab das grüne, grüne Gras,
fraßen ab das grüne, grüne Gras
bis auf den Rasen.

Als sie sich dann sattgefressen hatten,
setzten sie sich nieder,
bis daß der Jäger, Jäger kam,
bis daß der Jäger, Jäger kam
und schoß sie nieder.

Als sie sich dann aufgesammelt hatten
und sich besannen,
daß sie noch am lieben Leben waren,
daß sie noch am lieben Leben waren,
liefen sie von dannen.

Herrschaften, ist das ein schönes Lied. Wo er recht hat, hat er recht, der Adorno: Es ist anrührend schlicht, kurz gefasst, damit jeder sofort alles versteht — und leichtherzig darüber hinwegsieht, dass die überraschende Schlusswendung auf kindliche Weise dramaturgisch durch schon mal gleich überhaupt gar nichts motiviert ist — und mit seinem urtümlichen Thema so allgemeingültig, dass es einem nicht egal sein kann. Ein Volkslied im besten Sinne: archaisch und fragloser Bestandteil der Welt.

Julia Stella Gretchen Hä für Adorno Ultras. Anand Angrg, Adorno Changed My Life, 17. Juni 2017Ich selber wusste nichts davon, bis ich in den Minima Moralia daüber gestolpert bin — wenn man Adorno schon mal beim Erzählen von Schwänken aus seiner Kindheit antrifft. Und da kommt die besondere Qualität des Volkslieds rein: Es wird nämlich einen Grund haben, dass ein so betont einfältiges Liedchen seit 1825 — andere Stellen sagen: um 1800 — überliefert wird und auf dem unzuerlässigen Boden des Volksmundes mit seinem anderweitig beschäftigten Gedächtnis so lange überlebt.

Die sotane Qualität und gar noch ihr Grund gehören zum Schwersten, was sich dingfest machen lässt. Egal womit man sie benennt, irgendjemand vedreht immer die Augen und bricht in Begründungen des Gegenteils aus, so schnell und so polemisch wie sonst nur noch bei Glaubensfragen. „Nenn’s Glück! Herz! Liebe! Gott!“ (Faust) oder Natur oder kollektives Bewusstsein — etwas hat dazu gereicht, dass sich ein deutscher Professor der Philosophie im kalifornischen Exil daran erinnert — und aus der Kindheitserinnerung eine neue Interpretation zieht. Das gelingt nicht vielen Kunstformen, so eine Tragfähigkeit entsteht nicht durch eine einzige dünne Bedeutungsebene.

Das Lied von zwei Hasen ist üppig veryoutubt; die schönste Version ist die von einem gemischten Chor unausgebildeter Stimmen — die der Heidnischen Gemeinschaft im Berliner Deichgraf —, die dem Lied das leise, dabei unüberhörbare Knirschen zwischen Tod und Lebenslust unbefangen gelten lässt, weil es genau so stimmt:

Bild: Julia Stella Gretchen Hä für Adorno Ultras:
Anand Angrg: Adorno Changed My Life, 17. Juni 2017.

Written by Wolf

28. Dezember 2018 at 00:01

So offenbare sich der dichtende Gott

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Update zu In lieblicher Bläue und
Die junge Gräfin (erzählt neben einem Paar nachbarlichen Würsten):

Rollen wir den Zeitstrahl der Einfachheit halber von hinten auf: 1840 veröffentliche Bettine von Arnim ihren Briefroman Die Günderode (mit einfachem r), den sie aus dem Briefwechsel mit der schon 1806 von eigener Hand erdolchten Karoline von Günderrode (mit Doppel-r) zurechtfrisierte. Wichtige Stellen in den Briefen wie im Roman betreffen Friedrich Hölderlin, dessen „Hypochondrie“ spätestens 1805 über ein Stadium des Wahnsinns in „Raserei“ — aus heutiger Sicht: Schizophrenie — übergegangen war.

Giovanni Baglione, Erato, Muse der LyrikUngefähr im Sommer 1804 besuchte sein Studienfreund und tatkräftiger Gönner Isaac von Sinclair den schon als wahnsinnig geltenden Hölderlin in Homburg, wo er selbst ihn als Hofbibliothekar untergebracht hatte und aus eigener Tasche bezahlte. Unter dem Spitznamen „St. Clair“ stand Sinclair in Kontakt mit der Familie Brentano, deren Haustochter Bettine, die nachmalige von Arnim, ebenfalls gern Hölderlin besucht hätte — was der 19-Jährigen wegen einer gewissen Neigung zur Überspanntheit, die ihr heute als liebenswerte Exaltation und ihre eigentliche Persönlichkeit ausgelegt wird, familiär untersagt wurde, auf dass sie sich nicht von dem gefährlich Kranken die Hypochondrie und Schlimmeres zuziehe.

Der fünf Jahre älteren und noch viel überspannteren Freundin, dem „Günderödchen“, hinterbringt sie am 17. eines Monats vermutlich im Sommer oder frühen Herbst 1804, was St. Clair ihr von einem einwöchigen Besuch beim verehrten Hölderlin hinterbringt: seine Ansichten zur Entstehung von Poesie.

Die Entsprechungen zu einer äußeren Wirklichkeit sind wie bei allem, was Bettine von Arnim veröffentlicht, gelinde gesagt unsicher, aber aufschlussreich. Was glaubwürdig erscheint, ist Hölderlins referierte Dichtungstheorie, die auf die gesamte Poesie ausweitet, was Herder ab 1771 zur Entstehung von Volksliedern vermutet: dass „wahre“ Dichtung in der Natur, ja einem göttlichen Element, von selbst vorhanden sei, um sich zu gereifter Zeit durch jemanden, der sich dann – und erst dann und deswegen – Dichter nennen darf, durch natürliche oder eben göttliche Einwirkung zu manifestieren. Volkslieder – bei Hölderlin: die gesamte Poesie – quasi als Dichtung, die auf den Bäumen wächst.

Glaubwürdig daran ist, dass Hölderlin dergleichen Theorien vertrat. Schon problematischer ist, dass er dann laut St. Clairs durch Bettines dritte Hand überkommenen Urlaubsbericht – auf ein hochstehendes und hoch anerkanntes Werk zurückblickend und nicht ohne Hinweis auf einen (drunter macht er’s nicht) „heiligen“ Wahnsinn des Dichters – nur noch einer Art göttlicher Eingebung „sich schmiegen“ will. So abfällig Hölderlin sich über erfundene Rhythmen äußert, wollen wir uns doch daran erinnern, dass der Mann zu lichten Zeiten Versmaße erfand, die zumindest für seine eigene Produktion von Oden verbindlich gemeint waren und sich als poetisch höchst leistungsfähig erwiesen. Einen Widerspruch erkenne ich darin, dass Hölderlin erst derart solides Handwerkszeug bereitstellen kann und dann angeblich selbst das Werkzeug in der Hand Gottes sein will.

Dennoch bleiben dieses „Undenkbare“ wie die „Athletentugend“ – siehe unten – schöne Gedanken und deren Vereinbarkeit schon wieder eine poetische Leistung für sich. – Korrigiert nach der Ausgabe in der Bibliothek Deutscher Klassiker, 2006:

——— Bettine von Arnim:

17ten

aus: Die Günderode, Erster Teil, 1840:

Gewiß ist mir doch bei diesem Hölderlin als müsse eine göttliche Gewalt wie mit Fluten ihn überströmt haben, und zwar die Sprache, in übergewaltigem raschen Sturz seine Sinne überflutend, und diese darin ertränkend; und als die Strömungen verlaufen sich hatten, da waren die Sinne geschwächt und die Gewalt des Geistes überwältigt und ertötet. – Und St. Clair sagt: ja so ist’s – und er sagt noch: aber ihm zuhören, sei grade, als wenn man es dem Tosen des Windes vergleiche, denn er brause immer in Hymnen dahin die abbrechen wie wenn der Wind sich dreht, – und dann ergreife ihn wie ein tieferes Wissen, wobei einem die Idee daß er wahnsinnig sei ganz verschwinde, und daß sich anhöre was er über die Verse und über die Sprache sage, wie wenn er nah dran sei das göttliche Geheimnis der Sprache zu erleuchten, und dann verschwinde ihm wieder alles im Dunkel, und dann ermatte er in der Verwirrung, und meine es werde ihm nicht gelingen begreiflich sich zu machen; und die Sprache bilde alles Denken, denn sie sei größer wie der Menschengeist, der sei ein Sklave nur der Sprache, und so lange sei der Geist im Menschen noch nicht der vollkommne, als die Sprache ihn nicht alleinig hervorrufe. Die Gesetze des Geistes aber seien metrisch, das fühle sich in der Sprache, sie werfe das Netz über den Geist, in dem gefangen, er das Göttliche aussprechen müsse, und so lange der Dichter noch den Versakzent suche und nicht vom Rhythmus fortgerissen werde, so lange habe seine Poesie noch keine Wahrheit, denn Poesie sei nicht das alberne sinnlose Reimen, an dem kein tieferer Geist Gefallen haben könne, sondern das sei Poesie: daß eben der Geist nur sich rhythmisch ausdrücken könne, daß nur im Rhythmus seine Sprache liege, während das poesielose auch geistlos, mithin unrhythmisch sei – und ob es denn der Mühe lohne mit so sprachgeistarmen Worten Gefühle in Reime zwingen zu wollen, wo nichts mehr übrig bleibe, als das mühselig gesuchte Kunststück zu reimen, das dem Geist die Kehle zuschnüre. Nur der Geist sei Poesie, der das Geheimnis eines ihm eingebornen Rhythmus in sich trage, und nur mit diesem Rhythmus könne er lebendig und sichtbar werden, denn dieser sei seine Seele, aber die Gedichte seien lauter Schemen, keine Geister mit Seelen. –

Es gebe höhere Gesetze für die Poesie, jede Gefühlsregung entwickle sich nach neuen Gesetzen die sich nicht anwenden lassen auf andre, denn alles Wahre sei prophetisch und überströme seine Zeit mit Licht, und der Poesie allein sei anheimgegeben dies Licht zu verbreiten, drum müsse der Geist, und könne nur, durch sie hervorgehen. Geist gehe nur durch Begeistrung hervor. – Nur allein Dem füge sich der Rhythmus, in dem der Geist lebendig werde! – wieder: –

Gustave Moreau, Hesiod und seine Muse„Wer erzogen werde zur Poesie in göttlichem Sinn, der müsse den Geist des Höchsten für gesetzlos anerkennen über sich, und müsse das Gesetz ihm preisgeben; Nicht wie ich will, sondern wie du willt! – und so müsse er sich kein Gesetz bauen, denn die Poesie werde sich nimmer einzwängen lassen, sondern der Versbau werde ewig ein leeres Haus bleiben, in dem nur Poltergeister sich aufhalten. Weil aber der Mensch der Begeisterung nie vertraue, könne er die Poesie als Gott nicht fassen. – Gesetz sei in der Poesie Ideengestalt, der Geist müsse sich in dieser bewegen, und nicht ihr in den Weg treten, Gesetz was der Mensch dem Göttlichen anbilden wolle, ertöte die Ideengestalt, und so könne das Göttliche sich nicht durch den Menschengeist in seinen Leib bilden. Der Leib sei die Poesie, die Ideengestalt, und dieser, sei er ergriffen vom Tragischen, werde tödlich faktisch, denn das Göttliche ströme den Mord aus Worten, die Ideengestalt, die der Leib sei der Poesie, die morde, – so sei aber ein Tragisches was Leben ausströme in der Ideengestalt, – (Poesie) denn alles sei Tragisch. – Denn das Leben im Wort (im Leib) sei Auferstehung, (lebendig faktisch) die bloß aus dem Gemordeten hervorgehe. – Der Tod sei der Ursprung des Lebendigen. –

Die Poesie gefangen nehmen wollen im Gesetz, das sei nur damit der Geist sich schaukle an zwei Seilen sich haltend, und gebe die Anschauung als ob er fliege. Aber ein Adler der seinen Flug nicht abmesse – obschon die eifersüchtige Sonne ihn niederdrücke – mit geheim arbeitender Seele im höchsten Bewußtsein dem Bewußtsein ausweiche, und so die heilige lebende Möglichkeit des Geistes erhalte, in dem brüte der Geist sich selber aus, und fliege – vom heiligen Rhythmus hingerissen oft, dann getragen dann geschwungen sich auf und ab in heiligem Wahnsinn, dem Göttlichen hingegeben, denn innerlich sei dies Eine nur: die Bewegung zur Sonne, die halte am Rhythmus sich fest. –

Dann sagte er am andern Tag wieder: Es seien zwei Kunstgestalten oder zu berechnende Gesetze, die eine zeige sich auf der gottgleichen Höhe im Anfang eines Kunstwerks, und neige sich gegen das Ende; die andre, wie ein freier Sonnenstrahl, der vom göttlichen Licht ab, sich einen Ruhepunkt auf dem menschlichen Geist gewähre, neige ihr Gleichgewicht vom Ende zum Anfang. Da steige der Geist hinauf aus der Verzweiflung in den heiligen Wahnsinn, insofern Der höchste menschliche Erscheinung sei, wo die Seele alle Sprachäußerung übertreffe, und führe der dichtende Gott sie ins Licht; die sei geblendet dann, und ganz getränkt vom Licht, und es erdürre ihre ursprüngliche üppige Fruchtbarkeit vom starken Sonnenlicht; aber ein so durchgebrannter Boden sei im Auferstehen begriffen, er sei eine Vorbereitung zum Übermenschlichen. Und nur die Poesie verwandle aus einem Leben ins andre, die freie nämlich. – Und es sei Schicksal der schuldlosen Geistesnatur, sich ins Organische zu bilden, im regsam Heroischen, wie im leidenden Verhalten. – Und jedes Kunstwerk sei Ein Rhythmus nur, wo die Zäsur einen Moment des Besinnens gebe, des Widerstemmens im Geist, und dann schnell vom Göttlichen dahingerissen, sich zum End schwinge. So offenbare sich der dichtende Gott. Die Zäsur sei eben jener lebendige Schwebepunkt des Menschengeistes, auf dem der göttliche Strahl ruhe. – Die Begeistrung welche durch Berührung mit dem Strahl entstehe, bewege ihn, bringe ihn ins Schwanken; und das sei die Poesie die aus dem Urlicht schöpfe und hinabströme den ganzen Rhythmus in Übermacht über den Geist der Zeit und Natur, der ihm das Sinnliche – den Gegenstand – entgegentrage, wo dann die Begeistrung bei der Berührung des Himmlischen mächtig erwache im Schwebepunkt, (Menschengeist), und diesen Augenblick müsse der Dichtergeist festhalten und müsse ganz offen, ohne Hinterhalt seines Charakters sich ihm hingeben, – und so begleite diesen Hauptstrahl des göttlichen Dichtens immer noch die eigentümliche Menschennatur des Dichters, bald das tragisch Ermattende, bald das von göttlichem Heroismus angeregte Feuer schonungslos durchzugreifen, wie die ewig noch ungeschriebene Totenwelt, die durch das innere Gesetz des Geistes ihren Umschwung erhalte, bald auch eine träumerisch naive Hingebung an den göttlichen Dichtergeist, oder die liebenswürdige Gefaßtheit im Unglück; – und dies objektiviere die Originalnatur des Dichters mit in das Superlative der heroischen Virtuosität des Göttlichen hinein. –

So könnt ich Dir noch Bogen voll schreiben aus dem was sich St. Clair in den acht Tagen aus den Reden des Hölderlin aufgeschrieben hat in abgebrochnen Sätzen, denn ich lese dies alles darin, mit dem zusammen was St. Clair noch mündlich hinzufügte. Einmal sagte Hölderlin, Alles sei Rhythmus, das ganze Schicksal des Menschen sei Ein himmlischer Rhythmus, wie auch jedes Kunstwerk ein einziger Rhythmus sei, und alles schwinge sich von den Dichterlippen des Gottes, und wo der Menschengeist dem sich füge, das seien die verklärten Schicksale, in denen der Genius sich zeige, und das Dichten sei ein Streiten um die Wahrheit, und bald sei es in plastischem Geist, bald in athletischem, wo das Wort den Körper (Dichtungsform) ergreife, bald auch im hesperischen, das sei der Geist der Beobachtungen und erzeuge die Dichterwonnen, wo unter freudiger Sohle der Dichterklang erschalle, während die Sinne versunken seien in die notwendigen Ideengestaltungen der Geistesgewalt, die in der Zeit sei. – Diese letzte Dichtungsform sei eine hochzeitliche feierliche Vermählungsbegeisterung, und bald tauche sie sich in die Nacht und werde im Dunkel hellsehend, bald auch ströme sie im Tageslicht über alles was dieses beleuchte. – Der gegenüber, als der humanen Zeit, stehe die furchtbare Muse der tragischen Zeit; – und wer dies nicht verstehe meinte er, der könne nimmer zum Verständnis der hohen griechischen Kunstwerke kommen, deren Bau ein göttlich organischer sei, der nicht könne aus des Menschen Verstand hervorgehen, sondern der habe sich Undenkbarem geweiht. – Und so habe den Dichter der Gott gebraucht als Pfeil seinen Rhythmus vom Bogen zu schnellen, und wer dies nicht empfinde und sich dem schmiege, der werde nie, weder Geschick noch Athletentugend haben zum Dichter, und zu schwach sei ein solcher, als daß er sich fassen könne, weder im Stoff, noch in der Weltansicht der früheren, noch in der späteren Vorstellungsart unsrer Tendenzen, und keine poetischen Formen werden sich ihm offenbaren. Dichter die sich in gegebene Formen einstudieren, die können auch nur den einmal gegebenen Geist wiederholen, sie setzen sich wie Vögel auf einen Ast des Sprachbaumes und wiegen sich auf dem, nach dem Urrhythmus der in seiner Wurzel liege, nicht aber fliege ein solcher auf als der Geistesadler von dem lebendigen Geist der Sprache ausgebrütet.

Ich verstehe alles, obschon mir vieles fremd drin ist was die Dichtkunst belangt, wovon ich keine klare oder auch gar keine Vorstellung habe, aber ich hab besser durch diese Anschauungen des Hölderlin den Geist gefaßt, als durch das wie mich St. Clair darüber belehrte. – Dir muß dies alles heilig und wichtig sein. –

Luis Ricardo Falero, Allegorie der Kunst, 1892

Fachliteratur: Hans Ulrich Gumbrecht: Die süße Ruhe im Wahnsinn: über ein spätes Gedicht von Friedrich Hölderlin, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 8. November 2014.

Göttlich organischer Bau: Giovanni Baglione: Erato, Muse der Lyrik, via Lou Margi, 5. Augut 2016;
Gustave Moreau: Hesiod und seine Muse, via Lou Margi, 6. Mai 2016;
Luis Ricardo Falero: Allegorie der Kunst, 1892, via Books and Art, 6. Februar 2018.

Alles sei Rhythmus, das ganze Schicksal des Menschen sei Ein himmlischer Rhythmus, wie auch jedes Kunstwerk ein einziger Rhythmus sei: von den fast gleichnamigen Krautrockern Hoelderlin gleich die ganze LP Hölderlins Traum, 1972:

Written by Wolf

23. November 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Weisheit & Sophisterei

Austen Brontë Woolf

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Zur Rezeption des Häubchenfilms

Update zu Pride and Prejudice
und Schwarze Butter:

Gegen die galoppierende Verwechslungsgefahr merken wir uns: Jane Austen ist ungefähr die Muttergeneration der Brontë-Schwestern — vor allem der schreibenden Anne, Charlotte und Emily. Zwei apokryphe, die eigentlich ältesten Brontë-Schwestern Elizabeth und Mary, sind noch als Schulmädchen an Tuberkulose gestorben; vom einzigen Bruder Patrick Branwell existieren auf eine fast theoretische Weise die gesammelten Gedichte, aber die will niemand lesen, bezahlen oder gar übersetzen. Ansonsten soll Patrick recht begabt gemalt — zum Beispiel das bekannte Dreifach-Portrait 1834 seiner überlebenden und schreibenden Schwestern, aus dem er nachträglich seine eigene Person taktvoll ausradiert hat — und vor allem ein paar Yards die Hauptstraße runter in der Dorfkneipe als ländliches Original beim Porter durchaus gebildete Schoten erzählt haben.

In ihrem jugendlichen Zeitvertreib erfanden alle vier Geschwister in wechselnden kreativen Allianzen die Reiche Angria und Gondal, in Erfindungsreichtum und schierem Umfang J.R.R. Tolkiens Mittelerde oder rezenten vielbändigen Fantasy-Großtaten in nichts nachstehend. Wenn das mal komplett erschlossen, in eine stringente Ordnung gebracht und gar verfilmt werden könnte — das wäre eine literarische Sensation. Das Material wurde von vier pubertierenden Pfarrerskindern gesammelt, der Ausarbeitung stand nichts mehr Weg als das Ende der Kindlichkeit, die niederen Sachzwänge des Erwachsenenlebens und der bei der friedhofsnah und gottesfürchtig hausenden Familie allgegenwärtige Tod.

Das Alter von vierzig Jahren hat überhaupt nur Schwester Charlotte erreicht, die außerdem als einzige nicht als Jungfrau ins Grab sank: Ein Kumpel ihres Vaters hat sich ihrer mit 39 erbarmt, aber damit nicht eine schließlich doch noch geoutete Bestseller-Autorin geheiratet, sondern seine örtliche Pfarrerstochter mit einer Gouvernantenausbildung aus dem kontinentalen Belgien, die seit über einem Jahrzehnt als sitzengeblieben galt.

Alle anderen welkten pünktlich kurz vor ihren Dreißigsten wie die kindlich vorausgestorbenen Elizabeth und Mary ab, denn es herrschte ein hässlich feuchtes, der Lunge junger Mädchen (und Patricks) unzuträgliches Hochmoorklima im Pfarrhaus mit Fensterfront auf den Friedhof zu Haworth in West Yorkshire. Vater Brontë überlebte alle, trotz seiner sechs Kinder der letzte Spross seines Stammes.

Mit Jane Austen, ebenfalls ledigerweise nur 42 geworden, verbindet diese glücklose Familie ein angenehm überschaubares Gesamtwerk, das jeweils in einen einzigen, dann aber geradezu waffentauglichen Band passt, sowie dessen vollständige und sogar mehrfache Verfilmung, für die man sich nicht allzusehr genieren muss, wenn man sie ab und zu binge-watcht. Austen- und Brontë-Filme machen Spaß, sogar noch die richtig miesen, und man verschafft sich dabei das nützliche Gefühl, man habe wenigstens versucht, einen ihrer Handlungsverläufe nachzuvollziehen.

Viel mehr Schreiberinnen solcher Filmvorlagen sind nicht bekannt. Man kann allenfalls Elizabeth Gaskell, persönliche Freundin und erste Biographin von Charlotte Brontë, und ein paar obskure Georgianerinnen dazuzählen, die gern auch schon ins Viktoriansich lappen, vorneweg George Eliot, die bürgerliche Mary Anne Evans mit dem vermännlichten Pseudonym: Mit dem Schreibhandwerk etwas fürs Herrenhaus dazuverdienen war erst als Vollviktorianerin nichts Ehrenrühriges mehr, wo von weitem schon der literarische Realismus winkt. An diesem Material kann man nun entweder bemängeln oder liebenswert finden, dass immer wieder nur das verfilmt werden kann, was einmal vorhanden ist. Ich finde es sogar bereichernd, in die Tiefe statt in die Breite zu konsumieren — oder finden Sie mal raus, auf welche Verfilmung von Wuthering Heights hin Kate Bush 1978 zu ihrem überkandidelten Ausdruckstanz gejodelt hat.*

Die Wölfin nennt dieses rundum erfreuliche Genre, das filmisch Historical period drama heißt, etwas herablassend, aber sehr treffend „Häubchenfilme“ und kapriziert sich lieber auf Schwedenkrimis, die gar nicht trostlos genug verlaufen und ausgehen können. Recht hat sie damit, dass Jane Austen auf einer Seitenzahl, in der man getrost eine ausgewachsene Romanhandlung unterbringen könnte, gerade einmal das Setting schafft, und wenn’s endlich losgehen könnte, sind alle schon verheiratet. Tot oder glücklich wären sie erst bei Charles Dickens, aber dazu brauchte es historisch noch die Zwischengeneration der Brontinnen — wie ja die Brontës insgesamt so eine Art Charles Dickens für Mädchen sind, was spätestens dann auffällt, wenn John Irving in Gottes Werk und Teufels Beitrag den Waisenkinderlein im Wechsel David Copperfield und Jane Eyre vorlesen lässt.

In mancher Hinsicht sind solche Häubchenfilme eine Art weiblich gelesenes Pendant zum betont männlichen Genre des Western-Films: Auf den ersten Blick an einem einzigen Szenenbild erkennbar, sind sie so stereotyp und so vielfältig, wie dramaturgischer Sachverstand darein gesetzt wurde, und sie leben wesentlich vom Aufwand an Ausstattung und einer angenommenen Nähe zu historischer Zeit und Ort. Mit dem Unterschied: Nicht jugendfreie Western sind weiterhin Western, meistens der Italo-Ausrichtung, Häubchenfilme sind gewöhnlich recht harmlos für jugendliche Seelen; ihre Porno-Varianten sind weder historical noch period, sondern eben Pornos. Sagen wir, Häubchenfilme sind Western für Mädchen. Für kleine und große. Aller Geschlechter.

Wer genug Häubchenfilme auf Handlungsdichte und Figurenführung durchgeschaut hat, merkt dann schon, welchen Satz nach vorn die Auffassung von Suspense in dieser entscheidenden Generation vollführt hat: Die Austen stickt noch Bildchen auf Sofakissen, die Brontës spulen schon Filme ab. Es kann auch, wenn man an dergleichen glaubt, an der Geographie liegen: Die Austen erzählt über die englische Südküste, wo am Golfstrom die ersten Palmen gedeihen, die Brontës kauzen über die knorrige Gegend an der Grenze zu Schottland herum. Und Dickens, wieder eine Generation später und von der Weltstadt London aus wirksam, konnte dramaturgisch und PR-technisch sowieso alles.

Weiterhin verbindet Jane Austen und die drei literarisch hervorgetretenen Schwestern Brontë, dass sie im derzeitigen deutschen Buchhandel in mehreren qualitativ unterschiedlichen Gesamtausgaben stattfinden. Das reicht von den besten, natürlich wie immer beim Insel-Verlag, der für solche Gestalten ja halboffiziell zuständig ist, bis hin zu Volltextabdrucken in lustigen Eindeutschungsversuchen auf einer Art saugfähigem Küchenpapier — natürlich wie immer bei ganz und gar unnötigen Verlagen, die nur deswegen Verlage sind, weil ein studierter Controller gehört hat, dass man in manchen Weltgegenden für ein Nichts saugfähiges Küchenpapier volldrucken und in Deutschland preisgebunden verkaufen kann. Beider — oder genauer: vierer — Gesamtausgaben sind in schmucken Sammelkästen erhältlich, weil man mit den einbändigen Ausgaben beim Lesen im Bett Gefahr läuft, sich beim Wegdösen das Nasenbein zu brechen.

So eine Schmucksammlung wünsche ich mir endlich aus einer bis drei weiteren Generationen später: von Virginia Woolf, über deren Orlando in der jüngsten Übersetzung von Melanie Walz man ja Wunderdinge hört. Der ist von 1928 im Eigenverlag einer starken Frau erschienen, da wurden die englischen Könige schon fotografiert statt gemalt, die Engländerinnen wurden zu politischen Wahlen zugelassen und die Häubchen fallen nicht mehr als Stigma unterdrückten Heiratsfutters auf; das ist dann vielleicht sogar für die Wölfin zeitgemäß genug. Und verfilmt ist der — wenn schon, dann richtig — mit Tilda Swinton.

Filmtipps: Der eine Häubchenfilm, der wirklich richtig was taugt, ist Sinn und Sinnlichkeit, das ist: Sense and Sensibility nach Jane Austen — und zwar der von 1995, mit Emma Thompson als Hauptrolle und dem völlig berechtigten Oscar fürs adaptierte Drehbuch 1996, Kate Winslet in der anderen Hauptrolle, einem gewohnt doofen, aber gut gelaunten Hugh Grant, dem sowieso immer lohnenden Alan Rickman und ein paar einnehmend grantigen Kurzauftritten von Hugh Laurie in seiner Jungform, als er noch Musiker war und lange nicht ahnte, was als „Dr. House“ mal aus ihm werden könnte.

Nummer 2 bleibt bis auf weiteres die Austen-Verfilmung, die einem seit 2005 immer als erstes einfällt, wenn von Austen-Verfilmungen die Rede ist: Stolz und Vorurteil, das ist: Pride & Prejudice, in dem sich jeder Mensch mit einem Herzen in der Brust endgültig in Keira Knightley verlieben musste, während er noch überlegt hat, was genau die kleinen und großen Mädchen aller Geschlechter seit Jahrhunderten an diesem Miesnickel von Mr. Darcy finden — und wieder mit Drehbuchbeteiligung seitens Emma Thompson (Schlüsselszene mit Keira Knightley barfuß).

Fachliteratur:

Bild: Helena Kelly: Jane Austen, Secret Radical, via Jane Austen Centre, Bath, 5. Juni 2018.

*Auflösung des Filmrätsels: Kate Bush ließ sich von den letzten ungefähr zehn Minuten der Verfilmung von Wuthering Heights von 1970 mit Timothy Dalton zu ihrem gleichnamigen Best- und Longseller hinreißen. Kate Bush im Interview mit Doug Pringle für Profiles in Rock, Dezember 1980, dingfest gemacht in deren eigenen Anmerkungen:

Well that was based around the story Wuthering Heights, which was written by Emily Bronte. And ah, and really what sparked that off was a TV thing I saw as a young child. [Apparently the timothy dalton telefilm of about 1972] I just walked into the room and caught the end of this program. And I am sure one of the reasons it stuck so heavily in my mind was because of the spirit of Cathy, and as a child I was called Cathy. It later changed to Kate. It was just a matter of exaggerating all my bad areas, because she’s a really vile person, she’s just so headstrong and passionate and … crazy, you know? And it was fun to do, and it took — a night and a half?

Diese spezielle Verfilmung handelt „nur“ die ersten 16 Kapitel der Buchvorlage ab, Frau Bushs Inspiration leitet sich also vom Showdown in den Klippen her, der mitnichten das Ende der Romanhandlung darstellt. Was Häubchenfilme angeht, ein eher schroffes Exemplar:

Soundtrack:, weil das oben ewähnte exaltierte Gehampel von Kate Bush — das unbenommen seine eigene Größe hat — erst kürzlich dran war: die dokumentarisch schätzbare — um nicht zu sagen: unschätzbare — „only known surviving recording of Virginia Woolf’s voice“:
Judith Kelly/Anita Gatehouse: Rare Virginia Woolf Singing Video, 6. April 2102:

Und weil’s ganz ohne eben doch nicht geht, nach der dran gewesenen Red Dress Version noch die White Dress Version von Kate Bush: Wuthering Heights, aus: The Kick Inside, 1978 — die sogar als erste Version gilt und auch nicht weniger überdreht daherkommt:

Written by Wolf

26. Oktober 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Weisheit & Sophisterei

The admirable symmetry of her person

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Update for Zwischennetzsurferey:

Perhaps, after all, it is possible to read too many novels.

Jane Austen, op. cit., 1817.

Felicity Jones as Catherine Morland in Northanger Abbey, 2007

In Northanger-Abbey-the-book, the heroine „in training“ Catherine Morland is not in terms driven by Jane Austen’s society novels, but by Ann Radcliffe’s Gothic novels, explicitly by The Mysteries of Udolpho, 1794.

In Northanger-Abbey-the-film, Catherine Morland’s most circumstantial quotation is neither from Austen nor Radcliffe, but Matthew Gregory Lewis, explicitly from The Monk, 1796:

——— Matthew Gregory Lewis:

The Monk: A Romance

J. Saunders, Masterford 1796,
in: Jon Jones: Northanger Abbey, 2007,
as read by Felicity Jones as Catherine Morland:

Felicity Jones as Catherine Morland in Northanger Abbey, 2007The Friar pronounced the magic words and a thick smoke arose over the magic mirror. At length, he beheld Antonia’s lovely form. She was undressing to bathe herself and the amorous monk had full opportunity to observe the voluptuous contours and admirable symmetry of her person as she drew off her last garment.

At this moment, a tame linnet flew towards her, nestled its head between her breasts and nibbled them in wanton play. Ambrosio could bear no more. The blood boiled in his veins and a raging fire rushed through his limbs.

„l must possess her,“ he cried. „No, no, Ambrosio. I shall no longer be able to combat my passions. I am convinced with every moment, that I have but one alternative… I must enjoy you, or die!“

Today, we might regret Ms. Austen’s decision not to refer to herself in extent, since Northanger Abbey – her fifth, however first completed novel, and first one to be published posthumously, which is 19 years after its first draft –, offered plenty of space for self parody. We might even more regret Jon Jones‘ decision, due to dramatic brevity and tension, to feature only some neatly trimmed peak selections from Lewis‘ Chapters 2 and 7. Most of all, we might regret everybody’s decision not to feature Felicity Jones in a film adaptation of The Monk.

Film and images: Jon Jones: Northanger Abbey, ITV Studios London, WGBH-TV Boston, 2007.

Felicity Jones as Catherine Morland in Northanger Abbey, 2007

Written by Wolf

21. September 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Romantik

Nachtstück 0015: Bis die Zeit auch Dich verspeist

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Update zu Damit du siehst, wie leicht sich’s leben läßt
und Nachtstück 0011: Weiß ich nur, wer ich bin:

——— Joseph von Eichendorff:

Intermezzo.

1810, gesammelt in: Gedichte, Berlin 1837:

Wie so leichte läßt sich’s leben!
Blond und roth und etwas feist,
Thue wie die andern eben,
Daß Dich jeder Bruder heißt,
Speise, was die Zeiten geben,
Bis die Zeit auch Dich verspeist!

Muss auch mal sein: ein vielfach Hurra für gestandene Weibsbilder in allen Farben und Formen!

Fotografia erotica

Die Wölfin meint: „Alle Achtung, mein Lieber. Die drei Grazien von hinten sehen, das feiert nicht jeder als Leichtigkeit und Lebenslust.“

„Man gewöhnt sich dran. Das Ende war schon immer nahe.“

„Aber selten so gut sichtbar.“

„Jetzt hab ich Angst.“

#MeToo.“

Dass dich jeder Schwester heißt: Fotografia erotica, autore: non trovato. Ein Jammer.

Blond und rothe Mutter & Tochter: The Judds Farewell Concert,
4. Dezember 1991 in Murfreesboro, Tennessee:

Written by Wolf

10. August 2018 at 00:03

Wenn der Wind aus allen vier Ecken bläst

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Update zu Einnorden:

Lucia Znamirowski, Compass Rose, 29. Mai 2015Anfang 1819 lieferte E. T. A. Hoffmann für den Freimüthigen eine etwas willkürlich zusammengewürfelte Sammlung von „Notizen, Anekdoten, Beobachtungen, Lesefrüchten“ (Hartmut Steinicke im Kommentar zu seiner Hoffmann-Ausgabe), die aber wie nicht anders von ihm gewohnt immer noch erfrischende geistige Klimmzüge vorstellen.

Die sehr tragfähige bildliche Vorstellung geistiger Inhalte auf einer Windrose soll laut demselben Kommentar schon bei Georg Christoph Lichtenberg vorkommen, in seinen Vermischten Schriften I von 1800. Es ist mir nicht gelungen, weder mit den Suchbegriffen „Windrose“ noch „Kompass“, und zwar weder online noch in meiner sechsbändigen Lichtenberg-Ausgabe von Zweitausendeins noch meiner kleinen knuffigen Sudelbücher-Auswahl bei Manesse, das nachzuweisen.

Aufruf: Wer mir sagen kann, wo bei Lichtenberg eine ähnliche Vorstellung wie die folgende von Hoffmann vorkommt, gewinnt ein Buch von mir. Ein schönes, versprochen. Die Kommentarfunktion ist offen.

Am zweitschwersten war es, das zeitlich und örtlich verstreut wahrgenommene Bildmaterial an einen Ort zu versammeln. Schon leichter ist es herauszufinden, wer wesen Modell war: Die Photographie ist von 2014, die Zeichnung von 2015. Am drittschwersten war es, sich mal so hinzusetzen.

Eine „französische Vorlage“ egal was für eines Barons hat es nie gegeben, die Bemerkungen sind Hoffmanns eigene und sollen wohl durch Berufung auf einen behaupteten Adligen an Seriosität gewinnen. Außerdem liegt Geist aus meiner Sicht keine ganze Windrichtung von Verstand entfernt, und schon gar nicht entgegengesetzt zu Humor. Scheint was Zeittypisches zu sein.

——— E. T. A. Hoffmann:

Flüchtige Bemerkungen und Gedanken über mancherlei Gegenstände.

(Nach dem Französischen des Barons von L*****).

aus: Der Freimüthige für Deutschland. Zeitblatt der Belehrung und Aufheiterung, Erster Jahrgang, Erster Band, Januar bis Juni, Berlin 1819:

The Colby Files, Tangled, 31. März 2014Für die verschiedenen Richtungen, die Dichter nach dem Uebergewicht dieser, jener ihnen innewohnenden Kraft nehmen, ließe sich eine förmliche Windrose auf Seemannsmanier denken. Die beiden entgegengesetzten Pole, Nord und Süd, bilden Verstand und Phantasie, West und Ost, Humor und Geist. Die Abweichungen liegen nun dazwischen. Z. B. wenn es auf der Schiffrose heißt: Nord West, Nord West Nord, Nord West West , so heißt es hier, Verstand Humor, Verstand Humor Verstand, Verstand Humor Humor etc. — Das Schlimmste für die Seefahrer möchte bei den Dichtern das Beste seyn, wenn nämlich der Wind aus allen vier Ecken bläst. — Uebrigens ist die Windrose nur brauchbar bei Dichtern, die wirklich auf heller blanker See segeln und ihre anmuthigen Lieder ertönen lassen. Wer mag die Richtungen bestimmen, in denen die Frösche im Sumpf quackend hin und her hüpfen.

Verstand, Phantasie, Humor, Geist:
The Colby Files: Tangled, 31. März 2014
versus Lucia Znamirowski: Compass Rose,
29. Mai 2015.

Die Stücke der Windrose für Salonorchester: Mauricio Kagel, 1988 bis 1994,
Osten vom Ansamblul Proculs, 20. März 2011 (Richtung Verstand Geist Verstand):

Anmuthiges Lied aus Verstand Humor Humor: Stuart McGregor: (The west winds blow to) Coshieville,
von Nick Keir von den McCalmans, um 1985:

Written by Wolf

3. August 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Weisheit & Sophisterei

Rotkäppchen und der Penishase

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Update zu Schwatzen nach der Welt Gebrauch
und Schlachtens:

Jetzt ist bei weitem nicht mehr das, was es in seiner Form von 2012 mal war. Zuallererst war es bis Januar 2016 jetzt.de, gewann 2002 und 2006 je einen Grimme Online Award und trieb zahlreiche junge bis mitteljunge Menschen unter lauter lustigen Nutzernamen zu künstlerischer Hochform und in zwischenmenschliches Unheil. Lange Geschichte.

Bekannte Geschichte, im Aarne-Thompson-Index als eigener Typ ATU 333; der Volltext wird als bekannt vorausgesetzt:

——— Schokobohne & Prinzessin Lilli:

Rotkäppchen

aus: jetzt.de, 13. Mai 2012:

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

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Nachspann Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

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Making of Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Making of Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Making of Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Making of Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Making of Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Making of Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Making of Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Nachspann 2 Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Soundtrack: Amanda Seyfried: Little Red Riding Hood, für: Red Riding Hood – Unter dem Wolfsmond, 2011:

Written by Wolf

25. Mai 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik

Pflanzenähnlichkeit der Weiber: Novalis und die Frau als Königin, Mineral und Nahrungsmittel

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Update zu Ach! wie ists erhebend sich zu freuen
und Busenalmanach:

Im kollektiven Bewusstsein lebt Novalis als Erfinder der Blauen Blume fort und als Jurist, der nichts mit Zahlen und Figuren anfangen konnte, also mit seinem von Franz Gareis verewigten 27-jährigen Jünglingsgesicht eher harmlos.

Stutzig hätte man längst werden müssen, noch bevor er leichtfertig als Erfinder der Romantik ausgerufen wurde. Das, was Romantik vor dem zielführenden Ambiente aus Teelichtern auf dem Badewannenrand, höhenlastiger Geigenmusik und „was Leckeres kochen“ heißen sollte, hat nicht Novalis definiert, sondern Fichte, Hegel, Kant und Schelling. Novalis wollte — ich vereinfache stark — den Idealismus handlicher und konkreter haben:

Die Welt muss romantisiert werden. So findet man den ursprünglichen Sinn wieder. Romantisieren ist nichts, als eine qualitative Potenzierung. Das niedre Selbst wird mit einem bessern Selbst in dieser Operation identifiziert. So wie wir selbst eine solche qualitative Potenzenreihe sind. Diese Operation ist noch ganz unbekannt. Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehn, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es – Umgekehrt ist die Operation für das Höhere, Unbekannte, Mystische, Unendliche – dies wird durch diese Verknüpfung logarithmisiert – es bekommt einen geläufigen Ausdruck. Romantische Philosophie. Lingua romana. Wechselerhöhung und Erniedrigung.

Fragmente und Studien 1797/1798.

Romantik also nicht als philosophische Richtung, sondern als erstrebenswerte „Operation“ der Universalpoesie, Grenzüberschreitung und Bewusstseinserweiterung. Nun sind rote Rosen keine blauen Blumen, ebensowenig wie die erwähnten Teelichter, Klassik-Playlists und Tiefkühlpizzen, und der Frühromantiker Novalis hätte mithin nichts daran erfunden, sondern allenfalls frühzeitig missbraucht. In den so unverständlich wie möglich gehaltenen Hymnen an die Nacht gab er vollends den Tod als das eigentlich „romantisierende Prinzip des Lebens“ aus — handlich und konkret: den Tod seiner ersten Verlobten, siehe unten. Und dann das:

——— Novalis:

Allgemeines Brouillon

Materialien zur Enzyklopädistik, 1798/99:

NaturLehre. Je lebhafter das zu Fressende widersteht, desto lebhafter wird die Flamme des Genußmoments seyn. Anwendung aufs Oxigène. /Nothzucht ist der stärkste Genuß./ Das Weib ist unser Oxigène –./

Elihu Vedder, Soul in Bondage, via Lou Margi, 30. März 2017Religionsgeschichte. Vorstellung der Gottheit, als eines Verzehrenden und befruchtenden Wesens. Guyon. Nonnen. Bey Mönchen hat Onanie und Paederastie daraus entstehen müssen.

Physik. Das Leben der Pflanzen ist gegen das Leben der Thiere gehalten – ein unaufhörliches Empfangen und Gebären – und lezteres gegen dieses – ein unaufhörliches Essen und Befruchten.

Wie das Weib das höchste sichtbare Nahrungsmittel ist, das den Übergang vom Körper zur Seele macht – So sind auch die Geschlechtstheile die höchsten, äußern Organe, die den Übergang von sichtbaren und unsichtbaren Organen machen.

Der Blick – (die Rede) – die Händeberührungder Kußdie Busenberührungder Grif an die Geschlechtstheile – der Act der Umarmung – dis sind die Staffeln der Leiter – auf der die Seele heruntersteigt – dieser entgegengesezt ist eine Leiter – auf der der Körper heraufsteigt – bis zur Umarmung. WitterungBeschnüffelungAct. Vorbereitung der Seele und des Körpers zur Erwachung des Geschlechtstriebes.

Seele und Körper berühren sich im Act. – chemisch – oder galvanisch – oder electrisch – oder feurig – Die Seele ißt den Körper (und verdaut ihn?) instantant – der Körper empfängt die Seele – (und gebiert sie?) instantant.

MenschenLehre. Ein Mensch kann alles dadurch adeln (seiner würdig machen), daß er es will.

MenschenLehre. Ewige Jungfrau ist nichts, als ewiges, weibliches Kind. Was entspricht der Jungfrau bey uns Männern. Ein Mädchen, die nicht mehr wahrhaftes Kind ist, ist nicht mehr Jungfrau. (Nicht alle Kinder sind Kinder).

Weiter chronologisch nach Werke, Tagebücher und Briefe Friedrich von Hardenbergs in 3 Bänden, alles aus dem 2. Band mit dem philosophisch-theoretischen Werk, hg. Hans-Joachim Mähl und Richard Samuel:

Im Manne ist Vernunft, im Weibe Gefühl /beydes positiv/ das Tonangebende. Die Moralität des Weibes ist im Gefühl — wie die des Mannes, in der Vernunft gegründet.

Über die verschiedene Art der Unterhaltungen beyder Geschlechter.

/Der Mann darf das Sinnliche in vernünftiger Form, die Frau das Vernünftige in sinnlicher Form begehren./

Das Beywesen des Mannes ist das Hauptwesen der Frau.

Fichte-Studien, 6. Handschriftengruppe, 1796.

Träume der Zukunft — ist ein tausendjähriges Reich möglich — werden einst alle Laster exuliren? Wenn die Erziehung zur Vernunft vollendet seyn wird.

Fichte-Studien, 6. Handschriftengruppe, 1796.

Lilith in Rope, DomWithLens, Cosmic Tie, 20. Januar 2016Jede gebildete Frau und jede sorgfältige Mutter sollte das Bild der Königin, in ihrem oder ihrer Töchter Wohnzimmer haben. Welche schöne kräftige Erinnerung an das Urbild, das jede zu erreichen sich vorgesetzt hätte. Ähnlichkeit mit der Königin würde der Karakterzug der Neupreußischen Frauen, ihr Nationalzug. Ein liebenswürdiges Wesen unter tausendfachen Gestalten. Mit jeder Trauung ließe sich leicht eine bedeutungsvolle Huldigungszeremonie der Königin einführen; und so sollte man mit dem König und der Königin das gewöhnliche Leben veredeln, wie sonst die Alten es mit ihren Göttern thaten. Dort entstand ächte Religiosität durch diese unaufhörliche Mischung der Götterwelt in das Leben. So könnte hier durch diese beständige Verwebung des königlichen Paars in das häusliche und öffentliche Leben, ächter Patriotism entstehen.

Glauben und Liebe, 1798.

Es ist mit dem Volke, wie mit den Weibern. Es hat für alles Leidenschaft, was seine Aufmercksamkeit an sich zieht. Es sucht in diesem Gegenstande alles, denn es fühlt durch denselben sein unendliches Wesen in dunckler Ahndung. Je schwächer der Mensch, desto mächtiger, ahndungsvoller und Behaglicher dünckt ihm ein leidenschaftlicher Zustand. Es ist ihm genug, daß er geweckt und gerührt wird – was ihn weckt und rührt ist ihm einerley – er ist noch nicht gebildet genug um irgend eine Wahl zu treffen und die erregenden Gegenstände zu ordnen und zu unterscheiden, oder gar manchen seine Aufmercksamkeit und Theilnahme zu versagen.

Vorarbeiten, 1798.

Sollte nicht für die Superioritaet der Frauen der Umstand sprechen, daß die Extreme ihrer Bildung viel frappanter sind, als die Unsrigen. Der verworfenste Kerl ist vom trefflichsten Mann nicht so verschieden, als das elende Weibsstück von einer edlen Frau. Nicht auch der, daß man sehr viel Gutes über die Männer, aber noch nichts Gutes über die Weiber gesagt findet.

Haben sie nicht die Aehnlichkeit mit dem Unendlichen, daß sie sich nicht quadriren, sondern nur durch Annäherung finden lassen? Und mit dem Höchsten, daß sie uns absolut nah sind, und doch immer gesucht — daß sie absolut verständlich sind und doch nicht verstanden, daß sie absolut unentbehrlich und doch meistens entbehrt werden, und mit höhern Wesen, daß sie so kindlich, so gewöhnlich, so müßig und so spielend erscheinen?

Auch ihre größere Hülflosigkeit erhebt sie über uns, so wie ihre größere Selbstbehülflichkeit — ihr größeres Sklaven- und ihr größeres Despotentalent — und so sind sie durchaus über uns und unter uns und dabey doch zusammenhängender und unteilbarer, als wir.

Würden wir sie auch lieben, wenn dies nicht so wäre. Mit den Frauen ist die Liebe, und mit der Liebe die Frauen entstanden — und darum versteht man keins ohne das Andre. Wer die Frauen ohne Liebe, und die Liebe ohne Frauen finden will, dem gehts, wie den Philosophen, die den Trieb ohne das Object, und das Object ohne den Trieb betrachteten — und nicht beyde im Begriff der Action zugleich sahen.

Vorarbeiten: Teplitzer Fragmente, 1798.

Die Holzkohle und Der Diamant sind Ein Stoff — und doch wie verschieden — Sollte es nicht mit Mann und Weib derselbe Fall seyn. Wir sind Thonerde — und die Frauen sind Weltaugen und Sapphyre die ebenfalls aus Thonerde bestehn.

Vorarbeiten: Teplitzer Fragmente, 1798.

Pflanzenaehnlichkeit der Weiber. Dichtungen auf diese Idee. (Blumen sind Gefäße)

Chemische, Organische und Physiologische Natur der Schönheit eines Körpers.

Fantasien, wie mein Mährchen, über die wunderlichsten Gegenstände.

(Menschenlehre.) Die Frauen haben eigentlich einen entschiednen Sinn für das Äußre: es sind geborne Oryktognosten.

Über die Sphäre der Frauen: die Kinderstube – die Küche – der Garten – der Keller – das Speisegewölbe – die Schlafkammer – die Wohnstube – das Gastzimmer – der Boden oder die Rumpelkammer.

Fragmente und Studien 1799/1800.

Es gibt nur Einen Tempel in der Welt und das ist der menschliche Körper. Nichts ist heiliger, als diese hohe Gestalt. Das Bücken vor Menschen ist eine Huldigung dieser Offenbarung im Fleisch.

(Göttliche Verehrung des Lingam, des Busens — der Stauen.) Man berührt den Himmel, wenn man einen Menschenleib betastet.

Über die Tötung krüppelhafter, alter und kranker Menschen.

Fragmente und Studien 1799/1800.

Der Schleier ist für die Jungfrau, was der Geist für den Leib ist, ihr unentbehrliches Organ dessen Falten die Buchstaben ihrer süßen Verkündigung sind; das unendliche Faltenspiel ist eine Chiffern-Musik, denn die Sprache ist der Jungfrau zu hölzern und zu frech, nur zum Gesang öffnen sich ihre Lippen. Mir ist er nichts als der feierliche Ruf zu einer neuen Urversammlung, der gewaltige Flügelschlag eines vorüberziehenden englischen Herolds. Es sind die ersten Wehen, setze sich jeder in Bereitschaft zur Geburt!

Die Christenheit oder Europa, 1799.

Daraufhin hab ich tatsächlich kurz überlegt, meine dreibändige Novalis-Ausgabe zurückzugeben, aber neuerdings soll man ja Nazis, Frauenunterdrücker und verwandtes Gelichter mit offensiver Freundlichkeit und Verständnis schlagen.

Nicht alles vom Obigen hat Novalis zur Veröffentlichung freigegeben oder auch nur vorgesehen. Der Trick ist jedoch: Er hat es gedacht; unter Zwang wird es ihm niemand diktiert haben, und zumindest Die Christenheit oder Europa wird als das Standardwerk angeführt, wenn es zu beweisen gilt, dass man sich aus dem Novalis nicht nur „die Schwindsucht herauslesen“ kann (Heine), sondern dass der Mann — „Bergstudent“ — auf der Höhe des theoretischen Wissens seiner Zeit stand.

Christiane Wilhelmine Sophie von Kühn, Kleinert nach dem Verlobungsring von NovalisDa war Novalis um die 26. Mit 23 hatte er sich mit einer 13-Jährigen verlobt:

Ich habe zu Söphchen Religion — nicht Liebe. Absolute Liebe, vom Herzen unabhängige, auf Glauben gegründete, ist Religion.

Erzählen Sie das mal einer Heranwachsenden — als Tipp: in Abwesenheit der Erziehungsberechtigten — und warten Sie ab, ob hinterher die Heranwachsende geschädigt ist oder Ihre Geschlechtstheile. Die hier betroffene Sophie von Kühn wusste sich der drohenden Ehe, gerade vorgestern 15 geworden, nur durch ihren eigenen Tod an Tuberkulose zu entziehen.

Solche Stellen habe ich nicht gesucht, und wenn mir daran läge, würde ich nicht ausgerechnet bei Novalis damit anfangen — umso schlimmer, dass ich welche gefunden habe und erleben muss, wie der gefühlsselige junge Mann in seinen privaten Aufzeichnungen der Vergewaltigung und dem sexuellen Missbrauch Minderjähriger das Wort redet, Frauen bis zum Reich der Pflanzen und – darauf muss einer erst mal kommen –: der Nahrungsmittel, Mineralien und chemischen Elemente entmenschlicht, sein ganzes gequirltes Frauenbild philosophisch untermauert und dann vorsichtshalber vom öffentlichen Herumtrompeten ausnimmt.

Und nein: Das ist nicht „zeitlich bedingt“, „historisch verankert“ oder auch nur damit zu rechtfertigen, dass ja auch Genies wie Poe ihnen blutsverwandte Kinder geheiratet haben — das ist einfach nur die Erwägung: Wie weit hatte der Kerl eigentlich noch den Arsch offen?

Mir steht nicht zu, Novalis zu zerlegen, ich bringe einfach nur keine Freundlichkeit und Verständnis für so einen Galimathias auf. Als Versuch einer Ehrenrettung deshalb noch eins — ohne zu verschweigen: Es ist das späteste in der Reihe — aus den Fragmenten und Studien 1799/1800 — und richtig eins zum Auswendigmerken und Anbringen in geeigneten Momenten:

Mit Recht können manche Weiber sagen, daß sie ihren Gatten in die Arme sinken — Wohl denen, die ihren Geliebten in die Arme steigen.

Weißenfels an der Saale, Zu Gast bei Novalis. Jahrestagung Exil-P.E.N., Exil-Schriftsteller treffen sich in Weißenfels, 26. Oktober 2017

Bilder:

  1. Elihu Vedder: Soul in Bondage, via Lou Margi, 30. März 2017;
  2. Lilith in Rope: Cosmic Tie, 20. Januar 2016:

    This was incredible to be a part of. Three models, One rigger, One Photographer, and Two assistants. As Gorgone said there was just the right amount of rope, people, strength, and talent to make this all happen. I couldn’t think of a better way to end an epic weekend of rope and friends!!!

    Models are Sarifka Morgan, myself, and Ebibex. Rigging by Gorgone. Photo by DomWithLens.

  3. Christiane Wilhelmine Sophie von Kühn (* 17. März 1782, † 19. März 1797) von Kleinert, nach dem Verlobungsring von Novalis;
  4. Weißenfels an der Saale: Zu Gast bei Novalis: Jahrestagung Exil-P.E.N.: Exil-Schriftsteller treffen sich in Weißenfels, 26. Oktober 2017:

    Mit Novalis steht einer der berühmtesten Söhne der Stadt im Mittelpunkt der Jahrestagung von Exil-P.E.N. Der frühromantische Dichter lebte bis zu seinem Tod in der Saalestadt.

  5. Adam Rhoades: Anticipation, 12. August 2009.

Adam Rhoades, Anticipation, 12. August 2009

Soundtrack: Miss Derringer: Better Run Away From Me, aus: Lullabies, 2008:

Written by Wolf

11. Mai 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Weisheit & Sophisterei

Um meiner Mannheit Tiefgang auszuloten

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Update zu Meines Schooßes Lippen,
Ich will mich wie mein Schwanz erheben
und Krabbelröschen und in mehrerlei Hinsicht das Gegenteil
zu The boys and girls are one tonight (I marry the bed):

Ja, es wäre eine bessere Welt, wenn man unzulängliche Wikipedia-Beiträge einfach ändern könnte.

Kathrin Passig: Kommentar #9 zu: HM!, in: Riesenmaschine, 31. Oktober 2006, 00.42 Uhr.

Vensuberg, Fiedler's Skeleton series, TumblrMit den klassischen Schweinereien ist es so: Hinterher will sie keiner geschrieben haben. Friedrich Schlegel zum Beispiel kann aller Wahrscheinlichkeit nichts dafür, dem wurden die zehn Erotischen Sonette erst annähnernd hundert Jahre posthum an-gedichtet.

Im Verdacht der Urheberschaft stehen Alexander Bessmertny, Otto Julius Bierbaum, Franz Blei, Carl Georg von Maassen und eine ganze — siehe weiter unten — zwar vage auszumachende, aber nicht endgültig dingfest zu machende „Privatdruckszene“ nach 1900.

Nun ist ein Vorteil an eher abseitigen Wikipedia-Artikeln, dass sie keiner großen Änderungshistrorie unterliegen, sondern in Ruhe gelassen werden, bis sich nach mehreren Internet-Äonen endlich wieder ein Geek ihrer erbarmen kommt. So gesehen sind kontroverse Artikel wie etwa der über Donald Trump, Neoliberalismus oder Flug MH370 langweilig, weil man die so oder so sehen oder beides auch lassen kann, was sich in ihrer hibbeligen Fluktuation spiegelt. Alexander Bessmertny dagegen ist der Welt- und Zeit- fast so egal wie der Kulturgeschichte, weswegen sich ein engagierter und gut informierter Wikipedia-Nutzer über ein Nebenthema austoben konnte, das ihm proaktive Beobachter heißer Eisen aus einem Wiki-Smash-Hit längst wegen Irrelevanz herausgekürzt hätten.

Ich selber bin registrierer Wikipedia-Nutzer, wenngleich meine proaktive Zeit schon ein, zwei Betriebssysteme zurückliegt. Alle meine neu angelegten Artikel sind, sooft ich nachschaue, nicht ihrer eigenen Irrelevanz zum Opfer gefallen, sondern florieren still in ihren Nischen. Besonders stolz bin ich auf meine „Bernstein-Hypothese„, die heute gegenüber meiner Urversion von 2006 nicht wiederzuerkennen ist. Und deshalb werde ich mich hüten, so wichtige Nebensachen wie den Ausflug über die Erotischen Sonette innerhalb der Lebensdarstellung eines kurischen Juden, was technisch von jedem Telephon aus möglich wäre, vor lauter Themenstringenz zu unterbinden.

Woanders steht der nämlich nicht. Bis jetzt:

Vensuberg, Fiedler's Skeleton series, Tumblr

Bessmertny gilt als Verfasser der (pornographischen) „Zehn Sonette“, die seit ihrem erstmaligen Druck (1912?) dem romantischen Dichter Friedrich Schlegel (1772–1829) zugeschrieben worden sind. Einziger Zeuge für die Zuschreibung an Bessmertny ist der deutsche Literaturwissenschaftler Paul Englisch, der diese in den Jahren 1929 und 1931 an gleich fünf Stellen (in drei Publikationen) mit unterschiedlichen, teils voneinander abweichenden Formulierungen vorgenommen hat. Zunächst im 2. Band des „Bilderlexions der Erotik“ (1929) gleich zweimal, nämlich jeweils unter den Stichworten „Namensmissbrauch“ und „Franz Blei“; sodann im 2. Band seiner Geschichte der erotischen Literatur (Irrgarten der Erotik, Leipzig 1931; S. 190); und schließlich, im zuletzt genannten Band von ihm selbst als Quelle angegeben, in Bd. IX (= Ergänzungsband, erschienen 1929, hg. v. Paul Englisch) des sog. Hayn / Gotendorf (dort S. 530).

Fasst man die Aussagen P. Englischs zusammen, enthalten sie im Wesentlichen drei Behauptungen: 1. Der Erstherausgeber der „Zehn Sonette“ sei Franz Blei; dieser habe eine „niedliche Mystifikation“ vorgenommen, indem er die Sonette Friedrich Schlegel zuschrieb. 2. Erstmals gedruckt wurden die „Zehn Sonette“ in der Sammlung „Erbrochene Siegel“ im Jahr 1912. 3. Der wirkliche Autor sei Alexander Bessmertny. Soweit sich Englischs Darlegungen überprüfen lassen, treffen sie nur teilweise zu. Die genannte Sammlung von 1912 enthält tatsächlich die „Zehn Sonette“, und sie enthält auch (dort S. 35) die Zuschreibung an Schlegel. Doch die Sprache der „Zehn Sonette“ ist, das wird jeder Kenner bald spüren, eher die der Zeit um 1900 als die der Zeit um 1800. Insofern spricht auch sprachliche Plausibilität eher für 1912 als für eine Zeit vor 1829. Zahlreiche spätere Ausgaben des Textes lassen sich nachweisen (z.B. von 1926 und 1930), jedoch keine frühere.

Letztlich muss die Autorschaft der Sonette allerdings weiter als ungeklärt gelten. Denn die Sammlung „Erbrochene Siegel“ wurde keineswegs von Franz Blei herausgegeben, sondern gilt weithin als Werk des bekannten Bibliophilen und Literaturhistorikers Carl Georg von Maassen (1880–1940). Von diesem dürfte dann auch die Schlegel-Zuschreibung stammen – und letztlich vielleicht auch die „Zehn Sonette“ selbst. Maassen selbst hat um 1910 grotesk-satirische Gedichte im „Simplizissimus“ publiziert (vgl. NDB) und er gründete (u.a. zusammen mit Franz Blei!) die Gesellschaft der Münchener Bibliophilen (1907–1913) – beides würde zu Sonetten und Zuschreibung passen. Womöglich hat Maassen in „Erbrochene Siegel“ mit dieser fiktiven literarhistorischen Vignette ausprobiert, was er wenig später (in seinem „Grundgescheuten Antiquarius“, 1920–1923) mit realen Autoren der Romantik fortführte.

Ungeklärt bleibt auch, warum H. L. Arnold, der in seiner Sammlung „Dein Leib ist mein Gedicht“ (Bern u.a. 1970) die zehn Sonette ebenfalls abdruckt, als Quelle angibt: „Aus Zehn Sonette, o.O. o.J. (1880)“ (S. 208). Telefonisch dazu befragt (Januar 2011) besteht Arnold darauf, dass es sich bei dieser Angabe NICHT um eine neuerliche Mystifikation seinerseits gehandelt habe, sondern dass dies die Angaben zu einem entsprechenden Privatdruck der Zeit gewesen seien. Einzelheiten seien ihm nicht mehr erinnerlich. Falls die Jahresangabe 1880 stimmt, kann Bessmertny, der ja erst 1888 geboren wurde, NICHT der Autor der zehn Sonette sein, und natürlich auch nicht Maassen. Letzterer ist jedoch 1880 geboren – vielleicht kam es dadurch zu einer Verwechslung.- Arnold schreibt im übrigen in der Vorbemerkung seiner erwähnten Sammlung von 1970 (S. 7), „andere“ (konkrete Belege nennt er nicht) schrieben die Sonette dem Schriftsteller Otto Julius Bierbaum (1865–1910) zu. Falls Arnold wirklich ein Druck der Sonette aus dem Jahr 1880 vorgelegen haben sollte, dann muss ihm klar gewesen sein, dass zumindest diese Zuschreibung kaum stimmen konnte, da Bierbaum zu jenem Zeitpunkt erst 15 Jahre alt gewesen ist. Davon abgesehen, hätte jedoch eine Zuschreibung an Bierbaum einiges an Plausibilität für sich, denn er hinterließ u.a. ein breites lyrisches und erzählerisches Gesamtwerk, das weitgehend von Anlehnungen an ältere Vorbilder bestimmt ist und für seine gelegentliche „Schlüpfrigkeit“ bekannt.

Wer auch immer letztlich der Verfasser der „Zehn Sonette“ gewesen ist – Friedrich Schlegel war es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht. Ob Franz Blei, Alexander Bessmertny, Carl Georg von Maassen, Otto Julius Bierbaum oder vielleicht ein anderer aus der breiten „Privatdruckszene“ nach 1900 – in jedem Fall trifft zu, was Arnold im erwähnten Vorwort schreibt: „die philologische Akribie der späteren Herausgabe“ ist „eine ebenso ironische wie humorvolle Parodie auf die positivistischen Texteditionen des späteren 19. Jahrhunderts.“ (S. 7)“

Es folgen die pornographischen Primärtexte. Bitte trotz des Vintage-Charakters nur ab einer gewissen sittlichen Reife weiterlesen. Ab 18 Jahren:

Vensuberg, Fiedler's Skeleton series, Tumblr

——— Friedrich Schlegel (zugeschrieben):

Erotische Sonette

vor 1829, wahrscheinlicher aus: Erbrochene Siegel, ca. 1912:

Erstes Sonett

Vensuberg, Fiedler's Skeleton series, TumblrUm meiner Mannheit Tiefgang auszuloten,
Ging ich mit nacktem Glied zu Keuschgesinnten.
Ich glaubte, diese deutlichste der Finten
Sei zwingender als Zahlen oder Zoten.

Ich trat zu Mädchen unversehns von hinten,
Sprach sanft sie an und spielte den Zeloten.
Dann fragt‘ ich plötzlich, wann sie denn den roten
Gewaltherrn hätten, und wie lang sie minnten.

Sie sehn verdrehten Auges auf den Stecken,
Der ihnen doch galant entgegensteht.
Ich hebe sie, darauf zu stülpsen.

Zuerst wohl würgen, schreien sie, und rülpsen,
Dann fließt die Lust, und alles Weh vergeht.
Bis sie zutiefst gekitzelt drauf verrecken.

~~~\~~~~~~~/~~~

Zweites Sonett

Du meine Hand bist mehr als alle Weiber,
Du bist stets da, wie keine Frau erprobt,
Du hast noch nie in Eifersucht getobt,
Und bist auch nie zu weit, du enger Reiber.

Ovid, mein Lehrer weiland, hat dich recht gelobt,
Denn du verbirgst in dir ja alle Leiber,
Die ich mir wünsche. Kühler Glutvertreiber,
Dir hab ich mich für immer anverlobt.

Ich stehe stolz allein mir dir im Raume
Und streichle meine bläulichrote Glans.
Schon quirlt sich weiß der Saft zum Schaume,

So zieh ich aus Erfahrung die Bilanz:
Die Zweiheit paart sich nur im Wollusttraume,
Sonst paart sich meine Faust mit meinem Schwanz.

~~~\~~~~~~~/~~~

Drittes Sonett

Vensuberg, Fiedler's Skeleton series, TumblrDer rauhe Ost, der früh nach Rom mich jagte,
Ward dort zum Zephir hyacinthner Lüste.
Und keiner, der nur immer Mädchen küßte,
Rühm seinen Schwanz, daß er im Himmel ragte.

Auch mich erregen noch die herben Brüste
Kampan’scher Mädchen, doch wie oft verzagte
Mein Meerschaum an dem fremden Golf und klagte
Daß ohne recht‘ Verständnis diese Küste.

Wie anders schmiegte sich der Arsch des Knaben
dem Schwanz in lieblich-rundlichem Gehaben;
Kein Weib hat so behende mit der Zunge

Die Eichel mir geleckt wie dieser Junge.
Oh, könnt‘ ich doch an deinem Marmorhintern,
Mein Knabe, viele Monde überwintern … !

~~~\~~~~~~~/~~~

Viertes Sonett

Von allen Männern, die dich je bedrohten
Bin ich der geilste: sieh‘ mich zitternd an … !
Ich zerre deine Brüste Spann für Spann
Und werde sie auf deinem Rücken knoten.

Auch deine Füße knüpfe ich daran,
Und binde deine kleinen weißen Pfoten.
Und wenn den Leib du röchelnd mir geboten
Bewunderst du in mir den starken Mann.

Und wenn du schreist, so schlitz‘ ich deinen runden
Und weichen Leib mir auf mit kaltem Streiche.
Dann saugen sich die Lippen deiner Wunden

Um meinen Schwanz, daß ich vor Lust erbleiche.
Jedoch, mein Glück, es reift nicht aus zu Stunden:
Du riechst schon sehr, mein Torsoschatz, nach Leiche.

~~~\~~~~~~~/~~~

Fünftes Sonett

Vensuberg, Fiedler's Skeleton series, TumblrSo liegst du gut. Gleich wird sich’s prächtig zeigen
Wie klug mein Rat: ich schiebe meinen Dicken
In dein bemoostes Tor – man nennt das Ficken.
Du fragst warum? – Davon laß jetzt mich schweigen.

Schon seh‘ ich Schmerz in deinen blanken Blicken,
Das geht vorbei: du mußt zurück dich neigen,
Gleich wird dein Blut dir jubeln wie die Geigen
Von Engeln, welche ihre Brünste schicken

In bebender Musik zum Ohr der Welt.
Famos! … Du einst dich mir in bravem Schaukeln,
Die Schenkel schmiegen pressend, es umgaukeln

Mich Düfte, die mich locken in die Unterwelt.
Ein Stoß – ein Schrei! … Die weißen Glieder zittern
Im Kampf wie Apfelblüten in Gewittern.

~~~\~~~~~~~/~~~

Sechstes Sonett

Ich flehe dich um Wunden und um Male
Von deinen Händen, die mich heilig sprechen.
Du sollst das Glied, das du gesaugt, zerbrechen.
Das steif geragt in deine Kathedrale.

Schlürf‘ aus den Quell, der einst in weißen Bächen
In deinen Kelch gespritzt beim Bachanale! …
Gieß jetzt die letzte Kraft in deine Schale.
An meinem Blute magst du dich bezechen! …

Nimm scharfe Peitschen und geglühte Zwingen.
Schlag‘ fester zu und quäle meine Hoden! …
Laß tiefsten Schmerz das höchste Glück mir bringen.

Mein Stöhnen preist dich brünstiger als meine Oden.
Und wenn die letzten Schreie dich umklingen
Hörst du den Dank vom seligen Rhapsoden.

~~~\~~~~~~~/~~~

Siebentes Sonett

Vensuberg, Fiedler's Skeleton series, TumblrDer Müllerbursche schiebt hinauf zur Mühle
Auf seinem Karren einen Mühlenstein.
Und in die Öffnung schob er glatt hinein
Sein steifes Glied und schaffte so sich Kühle.

Die blonde Müll’rin sieht’s im Sonnenschein.
Und trotz der unerträglich dumpfen Schwüle
Läuft sie hinab, daß prüfend sie’s befühle:
Sie faßt und fühlt, es ist von Fleisch und Bein.

„Na hör‘, mein Junge“, ruft sie sehr brutal,
„Was soll die Schweinerei mit deinem Schweif? .. !
Ist das die Prüfung, die ich dir befahl.

Ob du auch würdig wärest für mein Bett?“
Doch er zeigt nur die Inschrift um den Reif.
Und ach, sie liest gerührt: Elisabeth … !

~~~\~~~~~~~/~~~

Achtes Sonett

Ich ward erlöst, zum Weltweib umgeschaffen,
Des irren Wanderns letzte höchste Feier.
Ich rag‘ ins Dämmerlicht, verhüllt vom Schleier
Der Sterne mit den bleichen Mondagraffen.

Zur Erde send‘ ich meinen Himmelsgeier,
Der ruft die letzten geilen Menschenaffen.
Ich werde meine Röcke höher raffen
Und alle grüßen als willkomm’ne Freier.

Ich höre schon ihr heis’res Brunstgeschrei.
Die Schwänze zucken und die Zungen lallen.
Begattend dünken sie sich schicksalsfrei.

Doch werden sie in meine Scheide fallen,
Dann will ich sie Kometen gleich mit kurzen
Und hellen Knallen in den Weltraum furzen.

~~~\~~~~~~~/~~~

Neuntes Sonett

Vensuberg, Fiedler's Skeleton series, TumblrVerschüchtert von des Purpurbett’s Umschattung
Horcht die Prinzessin in die schwarzen Ecken.
Ihr dünkt ein schalkhaft kichernd‘ Necken,
Ein seltsam‘ Künden fürstlicher Begattung.

Der Prinz harrt zweifelnd seiner Kraft Erwecken
Und früh vertaner Jugend Rückerstattung.
Wie peinlich würde heute die Ermattung
Die junge Frau aus der Umarmung schrecken.

Er droht des frechen Narren fröstelnd Lachen,
Flucht seiner Jugend mondbeglänzten Nachen
Und glaubt nicht mehr an schwarzer Kräuter Sieden.

Denn selbst die einst so treuen Canthariden,
Sie haben ihren Wirkungspol verrückt
Und reichen nur, daß er den Nachtstuhl schmückt.

~~~\~~~~~~~/~~~

Zehntes Sonett

Ich höre fern das Plätschern deiner Wasser.
Ich fühl‘ mein Herz in meine Hoden sinken.
Es drängt mich wieder, dein Pipi zu trinken,
Weil ich ein ruchlos raffinierter Prasser.

Man lügt, daß deine gelben Quellen stinken.
Mich macht ihr Duft, wenn ich sie trinke, blasser.
Ich möcht‘, ein Kieselstein, ein ewig nasser,
In deinen Fluten selig schimmernd blinken.

So wirst du mir, Geliebte, ganz zu eigen,
Wie mehr als in des Marterbergs Ersteigen
Im Abendmahle Einer Gott verwandt.

In deiner Krypta ein verschwieg’ner Brand,
Laß züngeln mich in allen roten Winkeln
Und zischend sterben in topas’nem Pinkeln.

Bilder: Vensuberg: Fiedler’s Skeleton Series, 17. Juni 2016;
Soundtrack: Mac Davis: It’s Hard to Be Humble, aus: Hard to Be Humble, 1980,
in: The Muppet Show 514, 22. November 1980:

Written by Wolf

27. April 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Romantik

Królowa nieba niezrównany (Himmels Königin ohne Gleichen)

with 2 comments

Update zu Jug,
Und zwar es ist ja doch so und
Beiträge zur Arbeitsmoral (Ich begreif nicht, was Ihr habt):

Gibt es eigentlich noch Menschen, die sich über Deppenapostrophe echauffieren? Weiter gedacht: Sind Deppenleerzeichen noch diskutierwürdig?

Glogau, Oder Jesuitenkirche, Ansichtskarte 1934Offensichtlich sind sie das, jedenfalls unter Nachwuchshipstern, die beim nächsten großen Ding hinterherhinken. Als man Max Goldt noch alles glauben konnte, hat er das Richtige über „Deppenapostrophe“ gesagt. Das war 1993, lange vor der Gründung der ersten Homepages, wo nicht gar Websites zur Geißelung vermeintlich falscher Rechtschreibung:

Liebe Leute: mich interessiert diese Mode, an Apostrophen zu mosern, überhaupt nicht. Wenn es Autoren gefällt, in den neuen Bundesländern, statt die dortigen Kunstschätze zu besichtigen, falsch geschriebene Imbißbuden zu photographieren und zu diesen Photos kleinkarierte Nörgelartikel mit rassistischer Tendenz zu verfassen, dann ist das deren Problem. Ich stehe fest zu meiner Überzeugung, daß es eine erstrangige charakterliche Widerwärtigkeit ist, sich über anderer Leute Rechtschreibfehler lustig zu machen. Erstaunlich ist, wie verbiestert gerade Leute, die sonst allen möglichen Regelwidrigkeiten oder sogar dem Anarchismus das Wort reden, sich über die paar überflüssigen Stricheleien ereifern.

Aktueller äußert sich der Sprachkolumnist Cus: Und Helga hat doch recht, Süddeutsche Zeitung, 22. September 2017:

Was die Oberlehrer gar nicht wissen wollen: Wahre Meister der Sprache lassen sich von kleinlichen Vorschriften nicht verdrießen. Thomas Mann, schludrigen Sprachgebrauchs nicht verdächtig, korrigierte in seine Gesamtausgabe von 1960 wieder die Apostrophe hinein, die ein übereifriger Lektor herausgestrichen hatte. Bravo, Mann! Und zwar immer dann, wenn ein Name auf einen Vokal endet: Tonio’s und Rebecca’s schrieb er folglich, alles andere empfand er als hässlich. Unsere dermaßen gescheiten Wutbürger von heute würden ihn des Deppenapostrophs bezichtigen, die von gestern verbrannten seine Werke.

Noch weniger als etwaige Schreibnachlässigkeiten müssen wir diskutieren, dass niemand jemals so weit hätte gehen dürfen, und selbst solche, die diesen Weg Schutze ihrer Kultur für den geeigneten hielten, schlugen ihn nicht wegen falsch gesetzter Hochkommata ein; übrigens erinnere ich mich an die ausdrückliche Rechtfertigung seiner Apostrophe vor Genitiv-s des ach so unpolitischen Emigranten Thomas Mann: „Ich finde, das Auge verlangt entschieden danach“, kann sie aber nicht nachweisen. Kennt jemand die Stelle?

Hans-J. Breske, Es fehlen immer noch die Turmhauben, Neuer Glogauer Anzeiger, Nummer 11, November 2010Rechtschreibung war lange Sache eines Sprachgefühls der professionellen oder gelegentlichen Schreiber, die richtigen oder falschen Schreibweisen der individuellen Autorität und Expertise unterworfen, dem vermuteten Auffassungsvermögen der angesprochenen Leser – vorgesetzte Herrscher, zu unterweisende Gottesgläubige, auswärtige Handelspartner – und regionalen Spracheigenheiten – in Sachsen anders als im Rheinland, an der Etsch anders als am Belt – und zwar wesentlich anders. Groß angelegte Bestrebungen, Sprech- und Schreibweisen möglichst weitreichend zu vereinheitlichen, fangen ungefähr mit der Lutherschen Bibelübersetzung an, die sich immerhin an eine große Menge von Sprachgemeinschaften wandte, die sich allesamt als deutsch verstanden – also um 1545.

Und die Sprachentwicklung schreitet schnell: In der heutigen neuhochdeutschen Standardsprache richtet sich Österreich nach einem eigenen Duden, die Schweiz benutzt gar eine eigene Tastaturbelegung. 40 Jahre DDR haben gereicht, um ein – im Vergleich zum mittelalterlichen – recht fest umrissenes Sprachgebiet in zwei eindeutig unterschiedene Varianten zu teilen, von den Ausprägungen fortbestehender deutschsprachiger Minderheiten in aller Welt zu schweigen.

Weil wir über Deutschland reden, stellen wir ab der Barockzeit Gesellschaften zur organisierten Pflege der Sprache fest, allen voran die Fruchtbringende Gesellschaft 1617 bis 1680, die Aufrichtige Tannengesellschaft 1633 bis 1670, die Deutschgesinnte Genossenschaft 1643 bis 1705 unter dem schätzbaren Philipp von Zesen, den Elbschwanenorden 1656 bis 1667, aber 2005 vom Verein Deutsche Sprache wiederbelebt, und die Nürnberger Gesellschaft vom Gekrönten Blumenorden von der Pegnitz, vulgo Pegnesischer Blumenorden oder Societas Florigera ad Pegnesum ab 1644, die lückenlos bis heute besteht. Die Missstände, die solche Organisationen erkannten und mit als geeignet befundenen Methoden bekämpften, waren ein gedankenloser Gebrauch der Sprache, zu viele Anteile der deutschen an der französischen Sprache, vergleichbar mit der heutigen Kritik am Denglischen, oder zu wenige oder zu unklar vermittelte Regeln für die Herstellung von Literatur in ungebundener und lyrischer Form. Dagegen traten auch Einzelpersonen wie Gottfried Wilhelm Leibniz mit seiner Ermahnung an die Deutschen. Von deutscher Sprachpflege 1697 oder Martin Opitz mit seinem Buch von der Deutschen Poeterey 1624 auf. Manche davon – unter anderem der rezente Verein Deutsche Sprache – haben ihre Mission immer wieder übertrieben und sich der Lächerlichkeit preisgegeben. Ein normativer Vorläufer des Duden wird ab 1774 mit dem „Adelung“ benutzt: Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, wenn auch noch mit unterschiedlich wahrgenommener Verbindlichkeit.

Zelem, Kościół Bożego Ciała, d. jezuitów Głogów, ul. Powstańców 1, Głogów, 10. August 2010Auf eine viel kürzere Geschichte kann die Kritik der Deutschsprachigen an der deutschen Sprache verweisen, sobald sie das übermäßige Trennen zusammengesetzter Wörter bemängelt. Traditionell macht sich das Deutsche eher durch zu lange Zusammensetzungen zum Gespött: Die „Freundschaftsbezeigungen“, „Dilettantenaufdringlichkeiten“, „Stadtverordnetenversammlungen“ und sonstigen „Umzüge sämtlicher Buchstaben des Alphabets“, vor denen es angeblich im Deutschen wimmelt, waren Mark Twain 1880 aufgefallen — das nur als prominentes und durchaus vergnügliches Beispiel. Spätestens seit nicht mehr kunstvoll verschraubte Hypotaxen einen wünschenswerten Sprech- und Schreibstil kennzeichnen, sondern schnell fassbare Hauptsätze, mag es Schreibern beigefallen sein, Komposita aufzulösen, wie es das im Lauf der Sprachgeschichte immer präsentere Englisch in systemkonformer und korrekter Weise pflegt. Hier fällt der Nachweis ebenfalls schwer, weil die Kritik daran meist in der Zurschaustellung und Geißelung der – zugegeben zahlreichen und oft eindeutig falschen – Fallbeispiele als „Deppenleerzeichen“, dem allzu nahen Verwandten des „Deppenbindestrichs„, steckenbleibt. Soviel wird immerhin erkennbar: dass ein instinktives Bedürfnis danach besteht, Komposita zugunsten der Schlichtheit zu entzerren, und sei es auf Kosten der Korrektheit – wie Thomas Mann (vielleicht) sagte: „Das Auge verlangt entschieden danach.“

Für zum Beispiel 1816 dürfen wir eine verhältnismäßig urtümlichere Schreibweise als für zwei Jahrhunderte später voraussetzen, den so verbreiteten wie verbindlichen Adelung hin oder her. Dem etwas hämischen Vergnügen nachgehend, zwielichtigen Verfehlungen anerkannter, ihrerseits normativ gewordener Klassiker hinterherzuspüren, lesen wir aus den Nachtstücken von E. T. A. Hoffmann: Die Jesuiterkirche in G. wieder. Dort ist mit „G.“ Glogau, das heute polnische Głogów gemeint, die Jesuiten residierten damals in der Corpus-Christi-Kirche, polnisch Kościół Bożego Ciała w Głogowie.

——— E. T .A. Hoffmann:

Die Jesuiterkirche in G.

aus: Nachtstücke, 1816:

Wir gingen nach der Kirche, der Professor ließ das Tuch von dem verhängten Gemälde herunternehmen, und in zauberischem Glanze ging vor mir ein Gemälde auf, wie ich es nie gesehen. Die Komposition war wie Raffaels Stil, einfach und himmlisch erhaben! – Maria und Elisabeth, in einem schönen Garten auf einem Rasen sitzend, vor ihnen die Kinder Johannes und Christus, mit Blumen spielend, im Hintergrunde seitwärts eine betende männliche Figur! – Marias holdes himmlisches Gesicht, die Hoheit und Frömmigkeit ihrer ganzen Figur erfüllten mich mit Staunen und tiefer Bewunderung. Sie war schön, schöner als je ein Weib auf Erden, aber so wie Raffaels Maria in der Dresdner Galerie verkündete ihr Blick die höhere Macht der Gottes-Mutter. Ach! mußte vor diesen wunderbaren, von tiefem Schatten umflossenen Augen nicht in des Menschen Brust die ewigdürstende Sehnsucht aufgehen? Sprachen die weichen halbgeöffneten Lippen nicht tröstend, wie in holden Engels-Melodien, von der unendlichen Seligkeit des Himmels? – Nieder mich zu werfen in den Staub vor ihr, der Himmels Königin, trieb mich ein unbeschreibliches Gefühl – keines Wortes mächtig, konnte ich den Blick nicht abwenden von dem Bilde ohne Gleichen. Nur Maria und die Kinder waren ganz ausgeführt, an der Figur Elisabeths schien die letzte Hand zu fehlen, und der betende Mann war noch nicht übermalt. Näher getreten, erkannte ich in dem Gesicht dieses Mannes Bertholds Züge.

Brigitte Marufke, Corpus-Christi-Kirche, frühere Jesuitenkirche, 2005

Bilder: Glogau/Oder Jesuitenkirche, Ansichtskarte 1934, Geschäfte und Jesuitenkirche — Glogau;
Hans-J. Breske: Es fehlen immer noch die Turmhauben,
Neuer Glogauer Anzeiger, Nummer 11, November 2010, via Glogauer Heimatbund;
Zetem: Kościół Bożego Ciała, d. jezuitów Głogów, ul. Powstańców 1, Głogów, 10. August 2010;
Brigitte Marufke: Corpus-Christi-Kirche, frühere Jesuitenkirche, 2005,
aus: Quer durch Mitteleuropa mit Schwerpunkt Mittelpolen.

Deutsch-osteuropäischer Soundtrack: Rammstein: Du hast, aus: Sehnsucht, 1997,
einmal von Dobranotch aus Russland und einmal von Лос Колорадос aus der Ukraine,
jedenfalls zweimal dreimal besser als das Original:


Written by Wolf

16. März 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Vier letzte Dinge: Himmel

Lichtmess-Gewinnspiel: Es kommt ja auch so viel zurück (verlängert bis 18. Februar 2018)

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Update zu Valentinsgewinnspiel: Ich bin nichts Offizielles (geschlossen),
zugleich Ein kleines Helles für Elke:

Weihnachten spendet ja schon jeder was. Wie ich nicht müde zu betonen werde, ist aber der liebenswerteste Feiertag des Jahres eben nicht Weihnachten, sondern Mariä Lichtmess, das Ende der liturgischen Weihnachtszeit: weil da noch richtig Frühling ist, aber langsam messbar welcher werden will, weil es der Tag der Brigid ist, der Personifikation der Dichtkunst und Beschützerin der Poeten, und weil man sich da nix schenken muss, außer man möchte gern.

Na, dann feiern wir doch Mariä Lichtmess. Das geht so: Sie spenden Summen Geldes, ich belohne Sie mit Büchern und CDs dafür. Wer an eine der folgenden Organisationen, einfach so, außerhalb der gängigen Weihnachtsfeiertage, in seiner Wohltätigkeit etwas spendet, kriegt was richtig Schönes von mir. Verlinkt sind praktischerweise die Spendenmöglichkeiten:

Das sind in aufsteigender Reihenfolge der von mir subjektiv empfundenen Wichtigkeit Organisationen, die mir am Herzen liegen: Das Goethezeitportal ist sehr verdienstreich und präsent für mein Online-Schaffen, aber nicht verzweifelt bedürftig; das Lyrik-Kabinett ist ähnlich verdienstreich für Lyriker, die noch am Leben sind, außerdem bewohnen sie eine liebenswert kuschlige Hiterhofbutze im Münchner Universitätsviertel, in der sie den lyrisch Interessierten glaubwürdig freundlich empfangen und wahlweise mit Kaffee versorgen oder in Ruhe studieren lassen — lang sollen sie leben, diese Helden der postkapitalistischen Gutherzigkeit; ja, und die Seniorenhilfe Lichtblick wendet sich mit möglichst unbürokratischen, aber pickelhart geldwerten Mitteln gegen Altersarmut. Menschen wie Sie und ich, die ihre Freizeit — und womöglich noch ihre Arbeitszeit — an die Literatur egal welcher Epoche wenden, werden sich noch schmerzlich für Begriffe wie „Versorgungslücke“ und „Grundsicherung“ interessieren müssen, glauben Sie’s ruhig.

Das halte ich für ein sehr viel dringlicheres politisches Thema als irgendwelches Flüchtlings-Hickhack. An jemanden zu spenden, der demnächst auf meiner Seite stehen könnte, grenzt an praktizierte Altersvorsorge, um nicht zu sagen: Eigennutz. Es ist also schlau, sein Geld auszugeben, solange noch eins da ist.

Das sind Vorschläge. Niemand muss sich genieren, diese Läden unterstützt zu haben, und sie sind allesamt gemeinnützig, das heißt: Was immer Sie spenden, können Sie von der Steuer absetzen. Zulässig sind noch sehr viele andere Adressen, die ich ebenfalls anerkennen werde, sagen wir: Amnesty International, Strahlemännchen, Animals‘ Angels, Attac, Ihr örtliches Tierheim, die Freiwillige Feuerwehr, das Rote Kreuz, solche Sachen.

Nachdem Sie gespendet haben, sollten Sie mich nämlich wissen lassen, an wen und wie viel. Dann entscheide ich, was ich Ihnen dafür schenke. Ich würde ja gern sagen, hey, ich verdopple einfach den Betrag, aber dann wedeln wieder alle mit den Hundertern, und die Seniorenhilfe Lichtblick wartet auf meine Aufstockung, bis sie mich unterstützen muss.

Spenden Sie, soviel Sie wollen, soviel Sie können; sehen Sie’s nicht als Opfer, sehen Sie’s so, dass Sie andere an Ihren Privilegien teilhaben lassen. Was immer Sie mir erzählen, werde ich nicht nachprüfen, da hätte ich schön was zu tun. Vielmehr gedenke ich Ihnen zu glauben, denn selbstverständlich habe ich die ehrlichsten und großzügigsten Leser der Welt. Wer meint, mich wegen eines alten Buches anlügen zu müssen, darf das entweder mit seinem eigenen Gewissen ausmachen, oder er hat alte Bücher sehr lieb, was dann schon wieder eine Qualifikation für sich wäre. Egal ob wir „Spendenanreiz“ oder „Belohnung“ oder etwas ganz anderes dazu sagen wollen, zu vergeben habe ich:

  • Gotthold Ephraim Lessing: Werke, Band 2 von 3: Kritische und philosophische Schriften. Nach den Ausgaben letzter Hand unter Hinzuziehung der Erstdrucke, die Winkler-Ausgabe 1969, Auflage von 1974, Dünndruck mit intaktem Lesebändchen, Schutzumschlag und Pappschuber, enthält unter anderem vollständig den Laokoon, die Hamburgische Dramaturgie, Briefe, die neueste Literatur betreffend und Die Erziehung des Menschengeschlechts. Der Schutzumschlag ist am Rücken etwas angefranst, was sehr vintage aussieht;
  • Gotthold Ephraim Lessing: Werke, Band 3 von 3: Vermischte Schriften. Ebenfalls die Winkler-Ausgabe 1972, Auflage von 1995, Dünndruck mit intaktem Lesebändchen, Schutzumschlag und Pappschuber, enthält Schriften zur Theologie, Philosophie und Literatur und antiquarische Schriften, Nachwort und Anmerkungen. Auffallend frisches Exemplar, schon mit dem neueren Verlagslogo, fast schon ein Stück fürs Moderne Antiquariat;
  • Ludwig Tieck: Gesammelte Werke in Einzelausgaben, Band 1 von 4: Frühe Erzählungen und Romane, die Winkler-Ausgabe, Auflage von 1963, Dünndruck mit intaktem Lesebänchen, Schutzumschlag und Pappschuber, enthält vollständig den William Lovell, Franz Sternbalds Wanderungen plus etliche Raritäten, Nachwort und Anmerkungen von Marianne Thalmann. Das ist mein liebstes von allem Ausgesetzten, das hab ich selber erst kürzlich angeschafft;
  • Ludwig Tieck: Gesammelte Werke in Einzelausgaben, Band 3 von 4: Novellen, die Winkler-Ausgabe 1965, Auflage von 1985, Dünndruck mit intaktem Lesebändchen, leider ohne Schutzumschlag und Pappschuber, enthält Tiecks umfassendste Novellensammlung in 1 abgeschlossenen Band außerhalb der Frankfurter Ausgabe, darunter etliche Preziosen der Romantik, Nachwort und Anmerkungen. Das Buch ist quasi nackt, aber in schönem dunkelgrünem Leinen und ansonsten recht frisch;
  • Ludwig Tieck: Gesammelte Werke in Einzelausgaben, Band 4 von 4: Romane, die Winkler-Ausgabe, Auflage von 1966, Dünndruck mit intaktem Lesebändchen und Schutzumschlag, leider ohne Pappschuber, enthält Der Aufruhr in den Cevennen, Der junge Tischlermeister und Vittoria Accorombona, Nachwort und Anmerkungen. Der Schutzumschlag hat ein paar kleine Flecken und ist am Rücken angefranst und oben und unten vorsichtig mit Tesafilm repariert. Wie alle anderen ein einwandfrei benutzbares, bombig fest gebundenes Exemplar;
  • Robert Schumann: das vollständige Solo-Klavierwerk, eingespielt von Jörg Demus, Aufnahme von 1989, 13 CDs, Jewel-Cases im Pappschuber.

Das sind alles wunderschöne Sachen, mit denen man ein Leben lang Freude haben kann, die ich leider teils aus Platzgründen, teils wegen unzuträglicher Doppelungen loswerden muss, für die man aber sowieso keine Reichtümer erlösen kann. Deshalb macht es wesentlich mehr Spaß, das Zeug in gute Hände abzugeben. Wahrscheinlich kann — und will — ich nicht streng nach der Spendenhöhe bestimmen, was das materiell Wertvollste davon ist und wer warum was kriegt. Im Hintergrund sind sogar noch mehr Schätze vorrätig, die eigens abzulichten und zu beschreiben ich einfach zu faul bin, die aber abzugeben ich nicht anstehen werde. Das ist hier die privateste Veranstaltung, die sich denken lässt, und die rein unserer Gaudi dient. Etwelche Ansprüche können nirgendwoher abgeleitet werden, die Preisverteilung unterliegt meinem persönlichen Gutdünken.

Deshalb darf ich auch bestimmen: Wer sich hinreißen lässt, Geld an eine politische Partei egal welcher Ausrichtung zu spenden, kann gern das Doppelte an mich überweisen, weil er offenbar zuviel davon hat, für Spenden an die „AfD“ oder Schlimmeres: das Zehnfache, oder ach was, so viel kann kein Mensch zahlen. Redliche, freundliche Menschen schreiben mir dagegen formlos in den Kommentar, was sie an wen springen lassen und was sie gern dafür hätten. Wenn mich jemand durch besondere Freigiebigkeit oder Originalität in Spendenverhalten und/oder seinen Berichten darüber für sich einzunehmen versteht, könnte ich ihm sogar extra was Schönes oder ungemein Passendes ankaufen. Ich bin doch so ein schlichtes Gemüt und ganz leicht zu beeindrucken.

Versprechen kann ich nichts, ich will ja nur ein paar Bücher unter gute Menschen verteilen. „Ich bin nichts Offizielles, ich bin ein kleines Helles“, wie der Dichter sagt — aber die Redlichen und Freundlichen spenden natürlich auch ohne Gegenleistung, wie es ihnen auch jetzt passieren kann, stimmt’s? Das Porto für die Bücher- oder Warensendung geht auf mich. Ich selber hab einen Zwanziger an den Lichtblick gespendet, was Sie mir glauben können oder nicht, und darf mir deshalb was feines Neues kaufen.

Dergleichen muss man durchziehen, bevor der erste euphorische Entschluss kalt wird: Mein privates, unverbindliches Angebot steht eine weitere Woche lang: bis 18. Februar 2018, 23.59 Uhr.
Inzwischen happy Imbolc!

Lessing Tieck Schumann

Bild: Serviervorschlag, selber gemacht, 29. Januar 2018.

Soundtrack: Hauptsache, was Keltisches: The Pogues: I’m a Man You Don’t Meet Every Day, aus: Rum, Sodomy & the Lash 1985. Die stets malerisch missgelaunte Cait O’Riordan war eine der wenigen einzigen Frauen einer Band, die nicht die Vocals anführte, sondern ihrer Arbeit am Bass nachging. Ihren großen Moment hatte sie auf der zweiten und letzten Platte, die sie mit den Pogues machte — als sie eben doch das Vocal-Solo übernahm, um mit etwas verstörender Selbstverständlichkeit zu singen, was sie für ein ganzer Kerl und großer Herr sei. Kurz nach Fertigstellung des Albums heiratete sie dessen Produzenten Elvis Costello und ward von den Pogues nicht mehr gesehen:

Written by Wolf

2. Februar 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Romantik

Weinfassreiten an der Küste der Nacht (oder geschah es bei Tage)

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Update zu Ich trinke ein Glas Burgunder!
und Wein-Lese:

Ich hab‘ ihn selbst hinaus zur Kellerthüre –
Auf einem Fasse reiten sehn – –
Es liegt mir bleyschwer in den Füßen.

Sich nach dem Tische wendend.

Mein! Sollte wohl der Wein noch fließen?

Altmayer in Auerbachs Keller, Vers 2329 ff.

Angelika Fischer, Berlin, in Bamberg für Tilman Spreckelsen, Der goldene Kopf. Wer auf den Spuren E. T. A. Hoffmanns durch Bamberg geht, reist in die Ferne des frühen 19. Jahrhunderts, in Frankfurter Allgemeine Zeitung, Freitag, 21. April 2017, aus Jürgen Hultenreich, Text, und Angelika Fischer, Fotos, Das Bamberg des E. T. A. Hoffmann. Wegmarken. Lebenswege und geistige Landschaften, Edition A. B. Fischer, Berlin 2016

Dem rezenten Literatur- und Weinverbraucher auf nimmermüder Suche nach seinen Konsumgütern muss nicht automatisch klar sein, was dieser viel und gerne besungene Burgunder genau ist, und ob es überhaupt noch welchen gibt, und wenn ja, welchen davon E. T. A. Hoffmann sich in den Gastwirtschaften seines Vertrauens an (und unter) den Tisch reichen ließ — was nicht einmal zwingend der Einfalt besagten Verbrauchers geschuldet sein muss: Hoffmanns Bamberger Stammkneipe ist ohne Google Maps kaum zu eruieren, und für seine favorisierte Burgundersorte muss man ganz schön in obskuren Insel-Taschenbüchern gründeln. Die Bamberger Altstadt ist seit 1993 UNESCO-Weltkulturerbe; was also gedenkt das dasige Tourismus-Marketing, das schon zugelassen hat, dass jemand oder etwas in eine einwandfreie Kneipe ein Steak- und Fischrestaurant am Rande der Eventgastronomie hineinstellen darf, gegen sotane Missstände zu unternehmen?

Natürlich so wenig wie möglich; den Leuten, die für einen „Fischteller Hoffmanns“ aus verschiedenen Fischfilets, Garnele (im Singular), Ratatouille und Kartoffeln 19 Euro blättern (Stand Ende Juli 2017), taugt’s. Wir müssen also wieder alleine schauen, wo wir bleiben, und finden in der FAZ, was sie offenbar aus einem knapp zehnminütigen Youtübchen von „Kulturkäffchen“ recherchiert hat:

Angelika Fischer, Berlin, in Bamberg für Tilman Spreckelsen, Der goldene Kopf. Wer auf den Spuren E. T. A. Hoffmanns durch Bamberg geht, reist in die Ferne des frühen 19. Jahrhunderts, in Frankfurter Allgemeine Zeitung, Freitag, 21. April 2017, aus Jürgen Hultenreich, Text, und Angelika Fischer, Fotos, Das Bamberg des E. T. A. Hoffmann. Wegmarken. Lebenswege und geistige Landschaften, Edition A. B. Fischer, Berlin 2016

——— Tilman Spreckelsen:

Der goldene Kopf.
Wer auf den Spuren E. T. A. Hoffmanns durch Bamberg geht,
reist in die Ferne des frühen 19. Jahrhunderts

aus: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Freitag, 21. April 2017:

Der Weinhändler Kunz berichtet von Besuchen seines Freundes im Gewölbekeller seines Hauses am Grünen Markt im Zentrum der Stadt. Das prächtige Gebäude steht noch, der Keller, heute wie leergefegt, ist auch noch da, und dort, schreibt Kunz, hätten die Freunde regelmäßig einen bestimmten Burgunder aus dem Anbaugebiet Côte de Nuits getrunken – und zwar so, „dass wir beide unsern Platz auf dem Fasse selbst nahmen und auf den entgegengesetzten Enden desselben, Gesicht gegen Gesicht gekehrt, triumphierend ritten. Jeder hielt das gefüllte Glas in der Hand, der offene Spund blieb in der Mitte“.

Den ganzen FAZ-Artikel wert ist allerdings das verwendete Bildmaterial, das er sinnigerweise von der Berliner Fotografin Andrea Fischer bezieht und das ich hier dankbar weiterverwende. Schwarzweiß mit durchgehender Tiefenschärfe, das ist sowieso die Feenkönigin unter den Fototechniken.

So dünn der Artikel auch sonst daherkommt — mit wie viel dickeren Brettern könnten wir denn mehr anfangen? Ein ganz und gar erfreulicher und tragfähiger Lerninhalt ist doch die genaue Weinsorte, die Hoffmann in einer wichtigen Lebensphase bevorzugte — und dass es die sogar noch zu kaufen gibt, woran wir Postmodernen ja in den Fällen des Burgunders im allgemeinen und Karl Simrocks Menzenberger Eckenblut im besonderen schnell scheitern. „Das Stöffchen, das einst E.T.A. Hoffmann befeuert hat, aber nicht namentlich überliefert ist“, das ich noch in der Weinlesezeit 2016 in Wein-Lese vorschnell der Verschollenheit überantworten musste, ist damit als Côte de Nuits benannt.

Nicht nachzuweisen war dagegen der Weinhändler Cagiorgi, den seinerseits der Bamberger Weinhändler Kunz eingangs erwähnt, den wir wiederum in dem oben erwähnten obskuren Insel-Taschenbuch vernehmen: Julius Eduard Hitzig: E. T. A. Hoffmanns Leben und Nachlaß, zuerst erschienen 1823. Des Händlers Erinnerung ist darin als Fußnote versteckt. Noch genauer kriegen wir’s in diesem Leben nicht mehr:

Angelika Fischer, Berlin, in Bamberg für Tilman Spreckelsen, Der goldene Kopf. Wer auf den Spuren E. T. A. Hoffmanns durch Bamberg geht, reist in die Ferne des frühen 19. Jahrhunderts, in Frankfurter Allgemeine Zeitung, Freitag, 21. April 2017, aus Jürgen Hultenreich, Text, und Angelika Fischer, Fotos, Das Bamberg des E. T. A. Hoffmann. Wegmarken. Lebenswege und geistige Landschaften, Edition A. B. Fischer, Berlin 2016

——— Carl Friedrich Kunz:

Hoffmann bezog, seinem Verlangen gemäß, von dem Weinhändler Cagiorgi, gegen eine von mir ausgestellte Anweisung, auf meine Rechnung 24 Bouteillen Burgunder. Der genannte Nuits ist bekanntlich eine vorzügliche Gattung dieses Weines, den Hoffmann während seines Bamberger Aufenthaltes besonders verehrte und sich mit mir in meinem Keller trefflich schmecken ließ. Was werden aber die profanen Leute und Philister dazu sagen, wenn ich versichere, daß dieser Nuits aus Ehrfurcht vor seiner geheimnißvollen Kraft und seinem gewürzreichen Bouquet nur in seinem Elemente, der Nacht, oder geschah es bei Tage, doch nur in der zauberisch dunkeln Umhüllung des Kellers von uns genossen ward?! Zuweilen pflegte es sogar zu geschehen, daß wir beide unsern Platz auf dem Fasse selbst (einer sogenannten Piece) nahmen, und auf den entgegengesetzten Enden desselben, Gesicht gegen Gesicht gekehrt, triumphirend ritten. Jeder hielt das gefüllte Glas in der Hand, der offene Spund blieb in der Mitte, in welchem die blecherne Pumpe, als stets bereitwillige Hebe, bis die Gläser geleert waren, nachlässig ruhte. — Daß aber hier nicht auf gemeine Weise gezecht, sondern auf die geistreichste und gemüthlichste Art sich des heitern Lebens gefreut warb, darf ich ebenfalls versichern. — Die allerdings höchst komische Attitude gab Hoffmann Veranlassung zu einer trefflich kolorirten Zeichnung, die ich leider, wie so viele, ungestümen Bitten nachgebend, nicht mehr besitze. — Dies ächt Tenier’sche Genrebild bezeichnete den Moment, wo, als wir eben beide ganz gemüthlich auf dem Fasse gegenüber sitzen, und im Begriffe stehen, unsere Gläser an einander zu klingen, ein mit einem heftigem Donnerschlage verbundener Blitz durch die Kelleröffnungen zuckt, und unsere von Schrecken grimassirten Gesichter hell erleuchtet darstellt. — Das Bild war kein Phantasiestück, sondern einer wirklich erlebten Scene entnommen, Honny soit qui mal y pense!

Mit dem Weinhändler höchstselbst Saufspiele veranstalten. Will man wirklich wissen, unter Einsatz welcher inneren Organe ein Mensch es so weit im Leben bringt? Und ist das wirklich wahr, dass ich gerade den Job der Bamberger Tourist-Information verrichte?

Angelika Fischer, Berlin, in Bamberg für Tilman Spreckelsen, Der goldene Kopf. Wer auf den Spuren E. T. A. Hoffmanns durch Bamberg geht, reist in die Ferne des frühen 19. Jahrhunderts, in Frankfurter Allgemeine Zeitung, Freitag, 21. April 2017, aus Jürgen Hultenreich, Text, und Angelika Fischer, Fotos, Das Bamberg des E. T. A. Hoffmann. Wegmarken. Lebenswege und geistige Landschaften, Edition A. B. Fischer, Berlin 2016

Bilder: Angelika Fischer, Berlin, in Bamberg für Tilman Spreckelsen: Der goldene Kopf. Wer auf den Spuren E. T. A. Hoffmanns durch Bamberg geht, reist in die Ferne des frühen 19. Jahrhunderts, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Freitag, 21. April 2017, aus: Jürgen Hultenreich (Text) und Angelika Fischer (Fotos): Das Bamberg des E. T. A. Hoffmann (Wegmarken. Lebenswege und geistige Landschaften), Edition A. B. Fischer, Berlin 2016:

  1. „Am 1. September 1808 kam das Ehepaar Ernst Theodor Amadeus und Marianna, genannt Mischa, in Bamberg an – allein, die gemeinsame Tochter Cäcilia war kurz zuvor zweijährig verstorben. Der zweiunddreißigjährige Hoffmann, der Jura studiert hatte und mit dem Zusammenbruch Preußens arbeitslos geworden war, hatte nun eine Stelle als Musikdirektor am Bamberger Theater bekommen. Das Ehepaar wohnte anfangs in einem Haus direkt am Regnitzkanal. Allerdings gab es von Anfang an Ärger mit der Vermieterin, die dem Musiker das Klavierspielen verbieten wollte. Die Hoffmanns zogen ein paar Häuser weiter.“;
  2. „In dem schmalen Wohnhaus in der Bildmitte bewohnte das Ehepaar Hoffmann die beiden obersten Etagen.“;
  3. „Blick auf die Stephanskirche“;
  4. „Im Weinkeller seines Freundes Kunz am Grünen Markt pflegte Hoffmann auf einem Fass zu reiten.“

Soundtrack zum Getränkemissbrauch: die angenehm durchgeschmorte Feenkönigin
Camille: Fontaine de lait, aus: OUÏ, 2017:

Written by Wolf

11. August 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Nahrung & Völlerei, Romantik

Ahnung und Gegenwart. Jeune femme assise. Wie sie ist

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Update zu Fräulein Rosa Martin aus Nürnberg (18),
Candida Terpin und
Welcome, proud Mary:

I.

——— Joseph von Eichendorff:

Ahnung und Gegenwart

Erstes Buch, Zweites Kapitel, 1812, Johann Leonhard Schrag, Nürnberg 1815:

Antoine Watteau, Jeune femme assise, tournée vers la droite, la jambe droite repliée, les épaules dénudées, 1716--1717, via Dave für Madame Pickwick Art BlogDas Rauschen und Klappern einer Waldmühle bestimmte seine Richtung. Ein ungeheurer Hund empfing ihn dort an dem Hofe der Mühle. Friedrich und sein Pferd waren zu ermattet, um noch weiterzureisen. Er pochte daher an die Haustüre. Eine rauhe Stimme antwortete von innen, bald darauf ging die Türe auf, und ein langer, hagerer Mann trat heraus. Er sah Friedrich, der ihn um Herberge bat, von oben bis unten an, nahm dann Sein Pferd und führte es stillschweigend nach dem Stalle. Friedrich ging nun in die Stube hinein. Ein Frauenzimmer stand drinnen und pickte Feuer. Er bemerkte bei den Blitzen der Funken ein junges und schönes Mädchengesicht. Als sie das Licht angezündet hatte, betrachtete sie den Grafen mit einem freudigen Erstaunen, das ihr fast den Atem zu verhalten schien. Darauf ergriff sie das Licht und führte ihn, ohne ein Wort zu sagen, die Stiege hinauf in ein geräumiges Zimmer mit mehreren Betten. Sie war barfuß und Friedrich bemerkte, als sie so vor ihm herging, daß sie nur im Hemde war und den Busen fast ganz bloß hatte. Er ärgerte sich über die Frechheit bei solcher zarten Jugend. Als sie oben in der Stube waren, blieb das Mädchen stehen und sah den Grafen furchtsam an. Er hielt sie für ein verliebtes Ding. „Geh“, sagte er gutmütig, „geh schlafen, liebes Kind.“ Sie sah sich nach der Türe um, dann wieder nach Friedrich. „Ach, Gott!“ sagte sie endlich, legte die Hand aufs Herz und ging zaudernd fort. Friedrich kam ihr Benehmen sehr sonderbar vor, denn es war ihm nicht entgangen, daß sie beim Hinausgehen an allen Gliedern zitterte.

Antoine Watteau, Jeune femme assise

~~~\~~~~~~~/~~~

II.

Auf dem einzigen Nacktfoto, das von Maria existieren darf, sieht sie älter aus. Der extraharte Kontrast macht alles künstlich und beweist alles und das Gegenteil.

Riccardo Arriola, Maria, 2016. Silver gelatin, Ilford Genuine Silver Gelatin Art PaperEs ist genau das geworden, was der Lateiner ein intense portrait nennt: Wer sie nicht kennt, fragt umgehend, wer das denn sei, weil es auf jeden Fall ein Jemand ist, nicht etwa ein Modell für oder von etwas. Gut so, sonst hätte Maria auch dieses einzige sofort aus dem Verkehr gezogen, die ersten Abzüge und das Negativ verlangt und sogar dem Fotografen das bloße Betrachten untersagt.

Maria wurde zum ersten Mal in ihrem jungen Leben von ihrem zweiten Freund, der Fotograf ist, nackt fotografiert; soviel sie weiß, wurden von ihr nicht einmal in der Kindheit die typischen Babyfotos auf Eisbärenfellen oder beim Spielen im Planschbecken gemacht. So sieht die Nacktheit an ihr aus wie ein Kostüm. Ist es, weil sie so misstrauisch guckt? Sie hat kein gesteigertes Interesse daran, ihr Nacktbild kunsthistorisch zu interpretieren, schon gar nicht, wenn sie mit dem Fotografen zusammen ist.

Ihr Bild, das ist nicht sie, das ist ihr klar. Sie setzt die Frau auf dem Bild nicht mit der Maria, die sie ist, gleich; nur deswegen kann sie damit leben. Etwas anderes als ihre Passfotos in Abständen von fast einem Lebensalter ist sie nicht gewohnt, und auch die waren ihr noch nie ähnlich.

Eigentlich sollte die Frau auf dem Bild Kleider tragen; sie schreit sichtlich am natürlichsten nach einem zu großen grauen Flauschpullover, nach Jeans? Gar nicht einmal so selbstverständlich. Vielleicht passender Cordhosen? Gar einem langen Rock? Es kann sein, weil allein ihr Gesicht ein Häppchen Wetter abgekriegt hat und der Restkörper von aller Sonnenfärbung unbeleckt ist.

Ihre Füße sind Größe 42, obwohl sie nach der Körperlänge nie die Größte in einer Gruppe war — worüber sich jede andere Frau ihr Leben lang „Gedanken gemacht“ hätte. Schuhe kaufen war gerade deswegen immer leicht: Sie nahm einfach immer die größten vorrätigen, genau eine Nummer vor den Schuhgeschfäten für Übergrößen. Sie fand ihre Füße immer ganz gut: haben immer getan, was sie sollten, fielen niemandem unangenehm auf, und als Kind trug sie erst dann Schuhe, wenn das Anziehen weniger lästig wurde als die kalten Füße vom Barfußgehen. Ihre Füße sind langzehig hübsch, aber davon weiß sie schon gar nichts mehr, und wenn man es ihr sagte, würde sie einen befremdet anschauen und unauffällig fliehen.

Riccardo Arriola, Maria, 2016. Silver gelatin, Ilford Genuine Silver Gelatin Art PaperAuf ein Nacktportrait hat sie sich eingelassen, um ihrem Freund den Gefallen zu tun, wird dergleichen aber künftig lassen: „Du hast doch schon eins.“ Und: „Warte doch bis Samstag, wenn du wieder mit mir schläfst“ — Jawohl, sie sagt nicht etwa: „bis wir wieder miteinander schlafen“ –, „da siehst du mich noch nackig genug.“

Sandalenträgerin war sie nie. Dazu sind ihr Füße, die sie nicht ausdrücklich als Element erotischen Interesses begreift, denn doch zu intim. Nicht einmal offenzehige Hausschuhe hat sie je besessen.

Ihr Freund sieht in seinem Beruf jeden Tag ungefähr zehn nackte Mädchen, die allesamt viel schöner sind als sie, jedenfalls nach Model-Maßstäben, die man nun mal an kommerziell verwendbare Fotos legen muss. Die sind ihm aber erotisch egal, er hat über sie nur ein nüchternes Urteil, auf das er sich verlassen kann, und in ihr auf ähnliche Weise eine zuverlässige Freundin mit völlig anderem Beruf, auf die er sich verlassen kann. Etwas Unspektakuläres bei der Spedition ist sie, 8 bis 17 Uhr, ausgelernt, fest übernommen. Er betrachtet sie als sehr ernstes, sehr gutes großes Mädchen.

Von dem Gefallen mit dem Nacktfoto nimmt sie für sich persönlich mit, wie es für die ganzen Profimodeletten so ist, mit ihrem Freund im selben Job zu arbeiten. In jeder Sekunde ist ihr ganz ohne Bedauern klar, dass sie das mit dem Modeln gar nicht richtig „kann“ und dass sie auch keinen Ehrgeiz dazu hat.

Einmal hat er ihr gesagt, was sie für schöne Zehen hat: ohne Schwielen oder Verwachsungen, weder kurze Knubbel noch lange schlackernde Knochengespenster, so sieht man das selten, direkt fotografieren müsste man die mal … Da hat sie ihm angesehen, wie er ihre Füße geistig in seinem Profifotoportfoliodings unterzubringen versucht, und das wird sie nicht mitmachen. Ein Fetischist in ihrem Bett, auf Füße oder Ledersachen oder Spielzeuge, das fehlte ihr noch. Da hat sie ganz schnell und unauffällig die Füße unter die Bettdecke versteckt und das Thema gewechselt. Sie fand das beklemmend, er soll doch sie lieben, seine Freundin, und nicht ihre — Füße. Da hat sie fast geweint.

Riccardo Arriola, Maria, 2016. Silver gelatin, Ilford Genuine Silver Gelatin Art PaperAm Samstag zur Liebeszeit will sie das Licht dabei ausmachen, weil sie Skrupel ob ihres nicht-modelkonformen mammalen Bindegewebes hat. Ihr Freund, der allein ihr Fotograf sein durfte, und das nur einmal, liebt sie trotzdem, wenn nicht gar deswegen — weil ihr Naturzustand eine Seltenheit ist, den sie immer nur ihm schenken wird. Sie muss lange und jede Woche aufs neue wie zum ersten Mal beschlafen werden, damit sie zu ihrem sexuellen Recht kommt. Das ist anstrengend, aber auf eine schöne Weise, die er nicht sportlich nennen will. Er ist nicht ihr erster Freund, wahrscheinlich aber nicht einmal der dritte, und auf jeden Fall der erste, der sie so lieben kann — weil sie es ihm nach ihrer eher durchwachsenen ersten Erfahrung erlaubt.

Er heißt Richard. Ein Name, sagt sie ihm, mit dem man ruhig berühmt werden kann: ein Künstlername. Maria auch, findet er. Er ist ein paar Jahre älter als sie, so viel, dass sie als schönes Paar akzeptiert werden. Ach was, sagt sie. Nichts will sie weniger sein als berühmt.

Sie mag: öffentlich küssen, das macht ihr ein Herzklopfen, von dem sie wacher und klarer im Kopf wird. Aber nicht zuviel davon, sonst hält sie nicht durch bis Samstag. Was sie nicht müsste, aber sie schätzt eine gewisse Ordnung. Sie kann, glaubt sie fest, schlecht einordnen, wann ein richtiger Moment zum Küssen im Bus oder im Supermarkt ist, darum schlägt sie es nie von sich aus vor.

O ja, sie hat Orgasmen — nicht selbstverständlich für eine Frau, die der Falsche verklemmt hieße. Markieren würde sie niemals, darauf käme sie gar nicht — im Gegenteil: Ihr Höhepunkt ist still, geradezu introvertiert. Ihr Freund bemerkt ihn daran, dass sie erschrocken einatmet, was sie aber während einer Liebesrunde öfter tut und was darum kein sicheres Zeichen ist — gekommen ist sie erst, wenn sie es ihm sagt, indem sie ihn bei den Ohren schnappt und zu einem neuen Kuss ansetzt. Übrigens küsst sie besonders gut, aber wenn man ihr das sagt, wehrt sie ab: „Ach komm. Wie küsst man denn schlecht?“

Nach dem Liebesspiel ist sie immer zittrig und so erschöpft, wie sie sich eigentlich nicht vor ihrem Freund zeigen will. Deshalb lässt sie sich — nur manchmal — zu einer zweiten Runde verführen, weil sie in diesen Momenten auf eine freudige Art wehrlos ist. Diese zweiten Male sind immer die schöneren. Das weiß sie, aber sie benutzt es nicht. Sie ahnt, dass sie deswegen etwas verpasst, aber sie vermisst es nicht schmerzlich. Ihre zweiten Orgasmen fallen etwas lauter aus, weil ihr Körper schon ganz labbrig ist und quasi unter seinen Händen zerfließt, dann kann sie schon nicht mehr verhindern, dass etwas mehr Stöhnen aus ihr hervorströmt. Diese Wehrlosigkeit genießt sie sehr bewusst, aber eigentlich will sie sich so nicht erleben, so versteht sie sich nicht.

Unten geleckt werden, das mag sie. Das hätte sie nie im Leben von ihrem Freund verlangt, aber er mag es von selbst. Sie strubbelt ihm durch die Haare dabei und nimmt beim Sex zu zweit ihre Zeit für sich. Wenn sie ihm dabei mit den Zehen den Rücken streichelt, kommt sie sich schon verruchter vor, als sie sein will.

Umgekehrt ihn blasen ist ihr eher eine Schuldigkeit, weil es schon das Allerverruchteste ist, das sie sich jemals für sich vorstellen kann. O doch, sie mag seinen Schwanz sehr, so aus der Nähe, wie sie ihn mit Lippen und Zunge erkunden und sogar seinen Aggregatzustand steuern kann — findet aber, dass sie sich eigentlich ekeln sollte. Das ist keine Scham, es ist eher Selbstbeherrschung.

Sie kann ihn mit dem Mund zu Ende bringen und schluckt sogar, nicht ungern. Meistens will sie ihn aber noch vor seinem ersten Verströmen „richtig“ in sich spüren. Seine Schwanzmaße sind genau richtig, Länge und Umfang, nur hart genug kann er gar nicht sein. Auch das ist eine Art Steuern.

Seine Eichel könnte ihr Lieblingskörperteil auf der ganzen Welt sein, wenn sie sich das gestatten würde. Sie hat sowas ja nicht, da ist ihr seine Eichel so schön zwischen fremd und vertraut. Ihre Mischung aus Härte und Weichheit entzückt sie nimmermüde, damit wird sie niemals fertig werden. Weder mit dem Mund, in dem sie dieses fremde Stück vertrauter Lieblingsmensch bis zur Wurzel hinab herumkugelt wie einen unanständig großen Schluck Pistazieneis, noch wenn er es in ihr auf und ab pumpt, so fest sie will, so lange sie will. Das Einführen, das Zurechtkuscheln seiner Eichel, wie sie ihren Weg in ihre feuchtwarme und dann immer besonders tiefe Muschel hinauf bahnt und seine ersten Stöße, das ist ihr das Schönste in jeder Woche. An diese Augenblicke ist sie nie ganz gewöhnt, die kostet sie immer bewusst aus.

Er sagt, ihre Muschel riecht und schmeckt ungewöhnlich gut, überhaupt nicht nach abgestandenem Fisch, vielmehr nach frischer Seeluft, und ihr Mädchensaft ist schön flüssig und fast gar nicht sämig, und er ist kristallen durchsichtig und immer so viel, eher Gebirgsbachwasser als ein Schleim. Sie rasiert sich unten, extra penibel und nicht ungern, mit altmodischen Rasierklingen und der ein bisschen zu teuren Creme, hat es irgendwann ins Ritual ihrer Waschungen aufgenommen. Es gibt ihr ein sauberes Gefühl selbstbewusster Weiblichkeit, das ihr beim Lieben hilft. Wie seine Eichel schmeckt, kann sie nicht gut sagen, sie hat zuwenig vergleichende Erfahrung. Ein bisschen durch die Nase, nach Bittermandeln.

Ihr fürchterlichstes Geheimnis ist: Sie hat schon mal in der Arbeit masturbiert, bis zu Ende, als sie einen Rock trug. Das war in der Urlaubszeit, als sie das Büro allein hatte, am ersten Tag nach ihrer eigenen Woche auf Rügen, wo ihre Haut noch mit Sonne aufgeladen war, und kurz nachdem sie mit den Intimrasuren angefangen hatte. Sie hatte die Schuhe ausgezogen, um eine letzte Prise Sand aus dem Urlaub auf den Boden zu leeren, und wurde erregt von ihrer eigenen glatten Haut. Da hakte sie den einen Fuß auf der Schreibtischplatte ein und schlüpfte mit den Fingern zwischen ihre Lippen, die sie von selbst einsaugten. Sie schaute auf ihre natürlich unlackierten Zehen dabei, die sich an den Strand erinnerten, und schenkte sich den verbotenen Genuss. O Gott, wenn das jemand mitgekriegt hätte. Im Moment, als sie die Zehen vom Tisch nahm, blickte sie eine einzelne offene E-Mail an, schon davon fühlte sie sich ewischt. Kein Kollege, kein Vorgesetzter, nicht einmal Richard weiß davon. Es war bestimmt wichtig, entschuldigt sie sich, für ihre Selbstwahrnehmung.

Von hinten, das mag sie nicht, weil er dann nicht so tief in sie reicht, aber sie versucht sich so lebhaft zu schlängeln oder so ruhig zu liegen, dass es möglichst lange dauert. Schon im letzten Jahr hat sie sich vorgenommen, es doch einmal auf ihre Initiative hin von hinten zu versuchen, weil sie gelesen hat, dass er dann leichter an ihren G-Punkt reicht, und sie herausfinden will, ob es den gibt. Sie wird es ihm nicht vorher sagen, er wird es bemerken. Wenn sie ihm damit eine Freude machen kann, sollte es nicht ihre Absicht sein, aber umso besser. Beschlossen hat sie das in einem Moment, in dem sie kurz vor unbeherrschtem Herumstöhnen stand, nach einem zweiten Höhepunkt — worüber sie sich selbst wundert: Den Einfällen, die sie in entzündetem Zustand hatte, misstraut sie, vergisst sie auch meistens schnell wie Träume. Erklären könnte sie das nicht, und wozu sollte sie auch? Sie kann das eben. Sie schläft gern mit ihrem Freund und freut sich jede Woche darauf, und damit gut.

Betrunken mit ihm schlafen, das mag sie auch nicht. Einmal hat sie ihn in ihrer Liebesnacht nach einer Geburtstagsfeier, auf der sie zuviel erwischt hatte, mit den Armen umklammert, ins Ohr gebissen, mit lasziv gesenkter Stimme das Wort „Ssseeex!“ hineingeflüstert, wie die Nymphomanin in einem Serienporno mit dem Hintern gekreist und dann albern gekichert, so geht das doch nicht. Ihm schien es zu gefallen, regelmäßig einfordern wird er es nicht.

Den letzten Samstag, als beide betrunken waren, lagen sie nur nebeneinander im Bett und hielten sich an den Händen. Sie lag geduscht und nackt auf dem Rücken und fingerte sich selbst mit der Rechten. Sie war bedacht, die Welle der Bewegungen auf nur einer Seite der Matratze und ihers Körpers zu halten. Mit der Linken machte sie synchron die gleichen Fingerbewegungen in seiner Handfläche nach. So lange, bis ihr Höhepunkt einsetzte, worüber sie sehr erschrak, weil sie das nicht geplant hatte. Sie bäumte sich mit dem Becken auf und stöhnte laut, es war nicht zu verhindern. Und noch einmal. Sie hörte nicht auf, sich zu fingern, mit zwei, dann drei Fingern der Rechten in ihrer nass überlaufenden Höhle, und links in seiner Hand. In ihr stand eine Säule aus Lust, die oben als Stöhnen aus ihr wuchs. Wollte noch einmal, weil es so ein ungekannt schönes Gefühl war. Seufzte beim dritten Mal nur noch leise, bis sie merkte, dass sie schluchzte. Dann drehte sie sich zu ihm und wollte ihn küssen vor Glück, bestimmt mochte er sie jetzt auch richtig lieben. Er schlief schon.

Händchenhalten, das mag sie auch. Zum Beispiel an jenem sonnenhellen frühen Nachmittag, als sie ihr Nacktfoto machen wollten, waren sie händchenhaltend in Richards Altbauwohnung gekommen. Die Verständigung zwischen ihnen lief wortlos, was sie normalerweise überschätzt findet, weil man doch bitte reden kann, wenn man sich liebt. Diesmal war es passend. Auch er zog sich dazu nackt aus, wohl um einen Unterschied zu seinen professionellen Shootings zu machen, und mit einem schweigend auffordernden Blick: Komm, du auch, zieh dich jetzt aus. Dann standen sie im größten Zimmer und legten ihre Kleider sorgfältig auf Stühle zusammen. Unnötig zu vereinbaren, dass sie hinterher natürlich miteinander schlafen wollten.

Riccardo Arriola, Maria, 2016. Silver gelatin, Ilford Genuine Silver Gelatin Art PaperAls er ihr Bild nach wenigen Probeschüssen eingefangen hatte, wusste er sofort, dass es gelungen war: Profiblick. Der Ausschuss ruht heute irgendwo in Richards Beständen; sie weiß gar nicht, ob er digital, als Negativ oder als Abzug archiviert. Dann sprach er das einzige Wort während ihrer Sitzung:

„Maria.“

Darauf schlang sie die Beine unter sich hervor und ging auf ihn zu, um zu verführen und sich verführen zu lassen, es war Zeit. Er wies sie zärtlich ab, mit einem kleinen Kuss auf den Mund, und schraubte noch die Kamera vom Stativ.

Entnahm den Film. Verstaute die Kamera. Baute das Stativ ab. Trug den Film ins Bad, das zugleich seine Dunkelkammer war. Hieß sie mit einem Blick folgen.

Sie verstand, dass er das Vorspiel verlängern wollte, indem sie erst gemeinsam den Film entwickelten. Sie machte gerne mit. Das folgende Liebesspiel erinnert sie als besonders lange und besonders langsam, geradezu in Zeitlupe.

Die letzten Meter ins Bett hatte er sie auf seinen Armen getragen, ihre Haut war warm. Er bettete sie so behutsam aufs Bett, dass sie gar nicht sagen konnte, in welchem Moment sie noch schwebte und schon auf der Federdecke lag. Er begann mit ihr an den Füßen, weil sie in Reichweite seiner Hände lagen. Nippte kleine Küsse von ihren Zehen. Sie ließ es geschehen, weil es um ihren ganzen Körper gehen sollte, dazu gehörten heute auch ihre — Füße. Das letzte, was sie in Worten dachte, war: Größe 42.

Die Schlafzimmertür stand offen, ebenso im größten Zimmer das Fenster zur Straße. Als ihre Lust um den zweiten oder dritten Höhepunkt herum immer lauter wurde, war es noch nicht richtig Abend. Er selbst hatte sich den Höhepunkt offenbar verboten, denn er ließ immer nur sie aufs neue und noch einmal und dann noch ein letztes Mal kommen. Erst als von draußen kühle Abendluft an ihren Hintern fächelte, merkte sie, wie erschöpft sie war. Sie fing seinen Blick ein und blinzelte ihm die Erlaubnis zu: „Komm.“ Während in ihr sein Schwanz zu pumpen begann, flüsterte er ihr oben ein weiteres Mal ins Ohr:

„Maria.“

Ohne Hilfe der Hände entließ sie seinen erschlafften Schwanz aus ihrer Muschel. Scheidenmuskeln, dachte sie heimlich, Scheidenwände, Vaginalmuskulatur, der seltsamen, fremdartig erregenden Wörter wegen, und: Beckenbodengymnastik, und lächelte glücklich. Wie aus Versehen überlegte sie, wie das Nacktfoto von ihr wohl jetzt, nachher, ausfallen würde, brachte ihn aber auf keine weiteren Ideen. Sie bekam Lust auf etwas Süßes, Starkes. Portwein. Sie fasste ihn um den Nacken und zog seinen Kopf zu sich, um ihn noch einmal zu küssen. So, dass ihre Dankbarkeit und Liebe für ihn darin lag.

Beim Aufstehen spannte ihre Haut am ganzen Körper elektrisch, ihre Gehversuche fühlten sich jetzt schon an wie nach zwei Gläsern Portwein. Ihre Fußsohlen mussten sich erst an die Parkettbohlen gewöhnen. Sie sah nicht, sie fühlte nur ohne Scham, dass sie noch aus der Muschel tröpfelte. Sie fuhr nicht einmal ertappt zusammen, als sie gegenüber das offene Fenster zur Straße bemerkte, freute sich sogar darüber, mit einem leisen Anflug von Stolz. Sie tapste tiefer in die Wohnung, verschwand aus dem Sichtfeld des Schlafzimmers, durchbefriedigt, barfuß, nackt.

Hinter ihr stützte Richard den Kopf auf einen Arm und beobachtete sie, als ob sie sein Fotomodell wäre. Er versuchte nicht zu breit zu grinsen, denn es war ihm nicht entgangen, daß sie beim Hinausgehen an allen Gliedern zitterte.

Riccardo Arriola, Maria, 2016. Silver gelatin, Ilford Genuine Silver Gelatin Art Paper

Bilder: Antoine Watteau: Jeune femme assise, tournée vers la droite, la jambe droite repliée, les épaules dénudées, 1716–1717, via Dave für Madame Pickwick Art Blog: Watteau & Utopia on Standby: The Ghosts of Style, 15. Oktober 2010;
Jeune femme assise, via The Morgan Library & Museum, wie üblich bei Watteau ausschließich Holzkohle mit Rötel als einziger Farbe, mit Weiß gehöht;
Marienbilder: Riccardo Arriola: Maria, 2016. Silver gelatin, Ilford Genuine Silver Gelatin Art Paper, via Grand Studio Atelier, Dezember 2016.

Marias Lieblingsband: First Aid Kit (Klara, 15, und und Johanna Söderberg, genau am Tag zuvor 18 geworden) live für ihre erste EP Drunken Trees im schwedischen Wald von Oppunda, 1. November 2008: You’re Not Coming Home Tonight; Our Own Pretty Ways; Jagadamba, You Might:

Written by Wolf

2. Juli 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Romantik

Ein Nichts, ein Zwischenraum (Jedenfalls sie hattens nicht)

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Update zu Menschenhaß! Ein Haß über ein ganzes Menschengeschlecht! O Gott! Ist es möglich, daß ein Menschenherz weit genug für so viel Haß ist!
und Ich will mich wie mein Schwanz erheben:

Sinaida Serebrjakowa

Neues aus meiner Jugend: Als meine Eltern glaubten, in meinem verrammelten Zimmer läse ich das, was sie bis heute „hochgestochene Gedichtebücher“ nennen, so hatten sie recht. Ebenfalls bis heute wäre ihnen nie im Leben zu vermitteln, was da eigentlich drinsteht — und mir, wie man endlich einen russischen Roman über 800 Seiten durchhält. Anderes Thema.

Sinaida Serebrjakowa, Portrait of daughter Ekaterina Serebriakova, 1928Mit 14 gingen für mich allerdings die Kurzgeschichten von Čechov, Peter-Urban-Übersetzung von 1976, und die schmissigeren Gedichte von Puschkin klar. Bleiben wir bei letzterem. Wenn meine Eltern das geahnt hätten, dass mir eine Ballade von ihm — um sie nicht als Büttenrede abzuqualifizieren — eine Woche lang erspart hat, meine selbstverfertigten Ferkeleien auf dem Schulhof für 20 Pfennig pro Durchschlag zu verhökern.

1822 war Puschkin 23, ein adliger Offizierssohn in russischen Staatsdiensten in Saft und Kraft, und durfte dergleichen schreiben — gerade weil er den gleichen Fehler machte wie weiter westlich sein Schreiber- und Romantikerkollege E.T.A. Hoffmann und sich durch satirische Zusetzungen mit seinen Petersburger Vorgesetzten anlegte. Ich kannte mit 14 die Übersetzung aus seiner Gesamtausgabe bei Insel, die von 1968 stammt, und habe immer bedauert, mir diese Textmenge nie ganz auswendig gemerkt zu haben.

Vielleicht hat sich meine Faulheit beim Auswendiglernen gelohnt, weil mir heute eine Übersetzung von 1998 über den Weg läuft, die um einiges souveräner daherkommt. Menschen, die ziemlich viel von Russisch und speziell von Puschkin verstehen, geben mir die Einschätzung, die Übersetzung sei „stellenweise etwas künstlerisch freizüngig und modernisiert, erkennte da jeder noch seinen Puschkin? Nuja, andererseits: Warum nicht, könnte vielleicht als sowas wie der 40-Töchter-Rap durchgehen.“ — Wie ich sagte, ohne unmittelbar mit Puschkins Original vergleichen zu können: souverän.

Zusätzlich zu seinem Husarenstück liefert Dietrich Gerhardt seinen Fachartikel: X. Puschkins Gedicht „Zar Nikita und seine vierzig Töchter“, den ich zu Einordnung und Verständnis warm empfehle und auch von den o. a. puschkinverständigen Menschen als „erhellend und kurzweilig“ eingestuft wird. — Auszug:

Der Text des „Zaren Nikita“ ist ein interessantes Mittelding zwischen authentischer, d. h. handschriftlich gestützter Überlieferung und oraler Tradition. Bei abnormen, in diesem Falle gegen die Konvention gerichteten Produkten ist so etwas gar nicht so selten; man denke etwa an die vielen „normalen“ Texte mit „abnormalen“ und nur mündlich tradierten Fortsetzungen oder an das große Gebiet der politischen Dichtung. Nur Vers 1 bis 26 sind in einem Autographen Puschkins erhalten, alles übrige beruht auf dem, was vor allem Puschkins Bruder Lev Sergeevič und andere wie M. N. Longinov in ihren Gedächtnissen bewahrt haben und was von den verschiedensten Hörern in Nachschriften fixiert wurde. Bis Vers 76 stimmen zwar zahlreiche dieser Notate überein, aber von da an gibt die textliche Basis kein völlig klares Bild mehr von einem oder mehreren Textstadien. Da die zaristische Zensur, die Puschkin selbst am Schluß des authentischen Teils als fromme, allzu prüde Närrin angeht, gegen eine Veröffentlichung in Rußland sicherlich Einspruch, wenn nicht mehr, erhoben hätte, treten von der Jahrhundertmitte an ausländische Publikationen in die Bresche und führen zu den ersten Abdrucken. Dann beginnen die neueren Ausgaben bis hin zu der letzten akademischen Gesamtedition. Neuere Textzeugen sind nun wohl nicht mehr zu erwarten und der Wortlaut steht nach der dort geleisteten peniblen Puzzle-Arbeit im wesentlichen fest.

Die erwähnten Bilder von Nina Ivanovna Ljubavina und Elena Anatolevna Gliznecova sind mit meinen Mitteln — sprich: Russischkenntnissen — nicht aufzutreiben, aber eine Gegenüberstellung der zwei bekannten, sehr vergnüglichen Übersetzungen, das geht. — Für die Russen unter uns — zuvörderst zur Feststellung, warum die Übersetzungen unterschiedlich lang geraten mussten, — steht das kyrillische Original auf Wikisource und öfter.

Sinaida Serebrjakowa

——— Alexander Sergejewitsch Puschkin:

Zar Nikita und seine vierzig Töchter

1822:

Deutsche Übersetzung: Lieselotte Remané, 1968:

Zar Nikita, reich und mächtig,
Lebte lustig, lebte prächtig,
War vielleicht kein Bösewicht.
Doch auch Gutes tat er nicht.
Meistens mußte er sich plagen –
Tags mit Eß- und Trinkgelagen
Und mit seinen Fraun bei Nacht,
Bis sie ihm zur Welt gebracht
Vierzig Töchter, die vergleichbar
Gottes Engeln, unerreichbar
Klug und liebenswert und schön.
Welche Wonne, nur zu sehn
Diese Köpfchen, diese Haare,
Diene holden Augenpaare
Und die schlanken Beine gar!
All das schien bestimmt, fürwahr.
Männer auf die Knie zu zwingen
Und um den Verstand zu bringen,
Fehlte nicht – zu ihrem Leid –
Allen eine Kleinigkeit …
Doch wie soll ich das erklären? …
Soll ich’s wagen, mich nicht scheren
Um Gesittung und Moral?
Sei’s drum, schließlich ist’s egal.
Ob pedantische Zensoren,
Mucker, Heuchler und Pastoren
Lauthals gleich ihr Veto schrein!
Also: diesen Jüngferlein …
Fehlte zwischen ihren Beinen …
Nein! Das mag zu deutlich scheinen …
Lieber Gott, wie fang ich’s an?
Ob man’s so umschreiben kann?:
Venus, reizen mein Gelüste
Nur dein Mund und deine Brüste?
Ach, der Liebe letzter Traum
Ist ein Nichts, ein Zwischenraum.
Nun, den Töchterchen des Zaren,
Die so lieb und lustig waren,
Und so holden Angesichts,
Fehlte eben dieses Nichts.
Trog nicht solcherlei Entartung
Schließlich jedes Manns Erwartung?
Ach, der Zar war fassungslos,
Und nicht minder schwer verdroß
Es die mütterlichen Damen.
Als das Volk dann durch die Ammen
Diesen Hoffskandal erfuhr,
Sperrte jeder sprachlos nur
Auf das Maul, doch was er dachte,
Sagte keiner. Alles lachte
Heimlich bloß – man kann’s verstehn –
Um nicht nach Nertschinsk zu gehn.
Sämtliche Lakain und Ammen
Rief der Zar deshalb zusammen
Und verbot, daß irgendwer
Noch darob ein Wort verlor.
„Keiner soll sich mehr erfrechen,
Laut von Fleischeslust zu sprechen,
Damit meinen Töchtern nicht
Liebesgram die Herzen bricht.
Weibern, die sich lustig machen,
Über meine Töchter gar,
Über ihr Gebrechen lachen
– Drohte der erzürnte Zar –,
Schneide ich die Zunge raus.
Und den Männern – freiheraus
Sei’s gesagt, ihr sollt nicht meinen,
Daß ich scherze – das Gemächt!“
Hart war dies, jedoch gerecht,
Und so gab es schließlich keinen,
Der Gehorsam nicht gezeigt,
Dem Dekret sich nicht gebeugt.
Alle hielten steif die Ohren,
Waren um ihr höchstes Gut
Stets wohlweislich auf der Hut.
Manch ein Weib gab schon verloren
Ihren redseligen Mann,
Doch der dachte unverfroren:
Fing sie doch zu schwätzen an!
(Denn er wünschte sie zum Teufel).
Als die vierzig Jüngferlein
Heiratsfähig ohne Zweifel
Schienen allesamt zu sein,
Da berief der fromme Zar
Heimlich zu sich die Bojaren,
Denn kein Diener sollt’s erfahren –
Legte seinen Kummer dar,
Bat sie, Rat ihm zu erteilen,
Wie das Übel wär zu heilen.
Aus der Würdenträger Chor
Trat ein greiser Ratsherr vor.
Und verneigte sich vor allen.
Da ihm grad was eingefallen,
Tippte sich der alte Tropf
Plötzlich auf den kahlen Kopf
Und begann drauflos zu schwätzen:
„Weiser, edler Zar, verzeiht
Gnädigst mir die Dreistigkeit
Meiner Rede! Nicht verletzen
Möcht ich Anstand und Moral.
Doch ich kann in diesem Fall
Nicht vom Sumpf der Wollust schweigen,
Die vergangnen Zeiten eigen.
Eine üble Kupplerin,
Der ich einst begegnet bin
(Weiß nicht, wo sie dann geblieben,
Und was sie seitdem getrieben),
Galt als Hexe und verstand
Von der Heilkunst allerhand.
Sie zu finden muß gelingen,
Einzig sie kann Rettung bringen!“
„Sucht die Hexe, findet sie“,
Schrie der Zar, „gleichgültig, wie!“
Sollte uns das Weib belügen,
Hintergehen, frech betrügen,
Mag man mich ein Hundsfott nennen,
Gäb zum Rosenmontag ich
Nicht Befehl, sie zu verbrennen.
Doch Gott hilft uns sicherlich!“

Heimlich ließ er von Kurieren
Nach der Hexe spionieren,
Rundherum im ganzen Land
Wurden Boten ausgesandt.
Sie durchsuchten alles gründlich,
Doch wohin ihr Blick auch drang,
Allerwegen unauffindlich
Blieb das Weib zwei Jahre lang.
Endlich konnt nach wildem Ritte
Einer eine Spur erspähn,
Sah im Wald dann eine Hütte
Tief versteckt im Dickicht stehn
(Eigenhändig, ohne Zweifel,
Führte dorthin ihn der Teufel.),
Und, fürwahr, er fand darin
Die gesuchte Zauberin.
Als Gesandter seines Zaren
Konnt er Höflichkeit sich sparen,
Trat gleich ein ganz ungeniert,
Sagte, was ihn hergeführt.
Was den Zarentöchtern fehlte.
Eh, daß er’s zu End‘ erzählte,
War der Alten völlig klar,
Was des Zaren Auftrag war.
Aus dem Haus hieß sie ihn gehen,
Keinesfalls sich umzusehen.
„Fort“, schrie sie, „sonst packt dich Tropf
Böses Fieber gleich beim Schopf! …
Komme wieder nach drei Tagen.
Meine Antwort zu erfragen,
Doch beim ersten Frührotschein!“
Dann schloß sich die Hexe ein,
Unterm Kessel Glut zu schüren
Und den Satan zu zitieren.
Und der Teufel kam und gab
Selbst ein Kästchen bei ihr ab,
Voll von jenen Gottesgaben,
Dran sich Wollüstlinge laben.
Jede Farbe war parat.
Ganz zu schweigen vom Format.
Doch die Hexe reservierte
Für die Zarentöchterlein
Nur die schönsten und sortierte,
Wohlverpackt in Tüchlein fein,
Sie ins Kästchen wieder ein.
Als der Bote nach drei Tagen
Wiederkam, gab sie’s ihm mit,
Hieß ihn heimwärts schnell zu jagen,
Schenkte für den langen Ritt
Ihm ein Geldstück noch zum Lohn.
Eiligst brauste er davon.
Aber schon nach ein paar Stunden
Spürte Hunger er und Durst,
Machte Rast und ließ sich munden
Wodka, Brot und Speck und Wurst –
War als ordentlicher Mann
Wohlversorgt mit Trank und Essen.
Während auch sein Gaul indessen
Friedlich graste, fing er an,
Sich den Lohn schon auszumalen.
Den der Zar spendieren könnt.
Ob er Tausende wird zahlen
Und zum Grafen ihn ernennt?
Doch was schickt das Weib dem Zaren,
Was ist in dem Kasten drin?
Allzugern möcht er’s erfahren,
Leider, ach, verschloß sie ihn.
Neugier wachsen und Begehren.
Noch steht seine Furcht davor …
An das Schloß preßt er sein Ohr,
Aber nichts ist drin zu hören.
Schließlich schnuppert er daran …
Fährt zurück und ruft : „Beim Teufel
Ja, das ist doch … ohne Zweifel! …
Na, das seh ich mir gleich an!“
Doch kaum hat er aufgebrochen
Die Schatulle, schwirrte schon,
Was darin so gut gerochen.
Wie ein Vogelschwarm davon.
Ringsum ließen sie sich nieder.
Wiegten auf den Zweigen sich.
Rief nach ihnen flehentlich
Unser Bursch auch immer wieder,
Streute er auch Stück um Stück
Seinen Zwieback aus, vergebens!
Keines kam zu ihm zurück,
Alle freuten sich des Lebens
Mehr in Freiheit, statt im engen
Dunklen Käfig sich zu drängen.
Schließlich kam des Wegs gezogen
Just ein altes Weib daher,
Tief gebeugt, krumm wie ein Bogen,
An der Krücke keuchend schwer.
Und der Bursch fiel ihr zu Füßen:
„Meine Vögel“, schrie er, „sieh,
Ließ ich fliegen! Schrecklich büßen
Werd ich’s, Mutter! Sag mir, wie
Krieg ich sie ins Kästchen wieder?“
Und die Alte hob den Kopf,
Spuckte aus, sah auf ihn nieder,
Zischte nur: „Heul nicht, du Tropf,
Hast dich übel zwar vergangen,
Doch nicht schwer ist’s, sie zu fangen,
Denn sie wissen, wo ihr Platz,
Knöpf nur auf den Hosenlatz!“
„Danke“, sprach er – und ließ sehen,
Was man sonst nicht zeigt so frei.
Kaum jedoch war dies geschehen,
Flog der Schwarm auch schon herbei.
Um nicht Schlimmres zu erfahren,
Faßte er die Vögelein,
Sperrte alle wieder ein
Und ritt weiter, heim zum Zaren.
Von den Töchtern setzte jede
Fröhlich ohne Widerrede
Einen in ihr eignes Nest.
Und dann gab der Zar ein Fest.
Sieben Tage ging die Fete,
Zechte man in Saus und Braus,
Dreißig Tage schlief man aus,
Und dann kriegten alle Räte
Von des Zaren eigner Hand
Umgehängt ein Ordensband.
Auch der alten Hexe sandte
Zar Nikita, eingedenk
Ihrer Künste, als Geschenk
Eine ziemlich abgebrannte
Kerze, ein Museumsstück,
Und zu ihrem höchsten Glück,
Was Erstaunen wohl erregte,
Zwei in Spiritus gelegte
Schlangen, sowie zwei Skelette
Aus demselben Kabinette …
Auch der Bote ward bedacht.
Damit schließ ich, gute Nacht!

Deutsche Übersetzung: Dietrich Gerhardt, 1998:

Irgendwo auf dieser Welt,
Wo, das sei dahingestellt,
Lebte seine Dolce Vita
Einst ein Zar, genannt Nikita;
Machte seinem Musterlande
Nicht viel Ehre, nicht viel Schande,
Tat nicht viel und aß und trank,
Sagte seinem Schöpfer Dank,
Und zu vieler Mütter Glück
Zeugt’ er Töchter, vierzig Stück,
Vierzig Töchter ohne Mängel,
Vierzig Mädchen wie die Engel,
Schöne Mädchen, wie ich meine,
Lieber Himmel, was für Beine!
Was für Köpfchen, schwarzes Haar,
Augen, Stimme wunderbar,
Und ein Geist, der uns begeistert,
Herz und Sinne gleich bemeistert,
Kurz, von Kopf bis Fuß vollkommen –
Ihnen war nur Eins benommen.
Was denn? Eine – Bagatelle,
Fast ein Nichts auf alle Fälle,
Ganz egal, aus welcher Sicht.
Jedenfalls sie hattens nicht.
Ja wie soll mans nur erklären,
Ums moralisch zu bewähren
Vor der Mutter der Kultur,
Unsrer kitzlichen Zensur?
Nun, was solls, es muß wohl sein.
Zwischen ihren Beinen – Nein,
Das fällt allzu deutlich aus.
Anders wird ein Schuh daraus:
Venus zeigt mir nicht alleine
Busen, Lippen, schöne Beine,
Auch den Feuerherd der Liebe,
Ziel des heißesten der Triebe.
Nun, was ist wohl diese Stelle?
Eine kleine Bagatelle,
Und just diese hatten schlicht
Unsre schönen Töchter nicht.
Die genetische Bewendnis
Sahen ohne viel Verständnis
Alle höfischen Berater.
Traurig war es für den Vater
Und die Mütterschar zusammen.
Als von ihren Hebeammen
Man erfuhr, was da geschehen,
Ließ das Volk sich schmerzlich gehen,
Stöhnte, raufte sich das Haar,
Mancher fand es komisch gar,
Doch in aller Heimlichkeit,
Denn Sibirien war nicht weit.
Seinen Hofstaat zu erbauen,
Auch die frommen Kinderfrauen,
Gab der Zar nun dies Gebot:
„Wer es wagt und ohne Not
Meine Töchter Sünde lehrt,
Oder nicht zu denken wehrt,
Oder ihnen nicht verhehlt,
Daß bei ihnen etwas fehlt,
Oder mit obszönen Gesten
Oder Worten sie will testen,
Dem, das sollten Weiber wissen,
Wird die Zunge ausgerissen,
Wenns ein Er ist schlimmstenfalles
Etwas andres, manchmal pralles.
„So gerecht war unser Zar,
Wie er streng und deutlich war.
Das Gebot war recht und billig.
Jeder unterwarf sich willig,
Lebte nun mit Vorbedacht
Nahm sein Hab und Gut in Acht.
Zwar die armen Weiber hatten
In die Schweigsamkeit der Gatten
Nicht das nötige Vertrauen.
„Schuld sind immer nur die Frauen!“
Dachten jene ärgerlich
Und erbost ihr Teil für sich.
Und so wuchsen sie heran,
Was man nur bedauern kann.
Vor dem Rate legt der Zar
Schließlich seine Sache dar,
So und so, und ziemlich frei
Wenn kein Dienerohr dabei.
Viele dachten nach im Staat
Wie das wohl zu heilen sei.
Da erschien ein alter Rat
Grüßte, schlug sich vor die Glatze
Und begann ein Mordsgeschwatze:
Herr und Zar, du großes Licht,
Strafe meine Frechheit nicht,
Wenn ich sage, wie vor Zeiten
Man verfuhr mit Fleischlichkeiten.
Mir war einst in unserm Land
Eine Kupplerin bekannt.
Wo und was sie heute treibt
Sicher ist sie, was sie bleibt:
Weitberühmt durch Hexerei
Macht sie aller Krankheit frei,
Heilt so Leib- wie Gliederschwächen,
Husten, Brust- und Seitenstechen.
Diese muß man suchen lassen.
Sie wirds schon in Ordnung bringen,
Kennt sich aus in solchen Dingen.
„Also kriegt sie mir zu fassen!“
Rief der Zar mit Zornesblicken,
„Augenblicklich nach ihr schicken!
Doch wenn sie sich untersteht,
Nicht beschafft, worum es geht,
Uns mit Lügerei umgaukelt
Oder anderswie verschaukelt,
Werde ich, so wahr ich Zar bin
Und im Kopfe halbwegs klar bin,
Ihr den Scheiterhaufen schüren
Und damit den Himmel rühren.
„Also schickt man heimlich-leise
Per Expreß in größter Eile
Seine Häscher auf die Reise
Fort in alle Landesteile,
Und sie fahnden rings in Scharen
Nach der Hexe für den Zaren.
Ein-zwei Jahre gehn ins Land,
Nichts wird irgendwo bekannt.
Bis ein Junge, aufgeweckt,
Eine heiße Spur entdeckt.
Wie vom Teufel selbst gestoßen
Kam er in den Wald, den großen,
Sieht: Ein Häuschen steht im Wald,
Drin die Hexe, grau und alt,
Und als Bote seines Zaren
Achtlos möglicher Gefahren,
Tritt er ein und grüßt sie keck,
Spricht von seinem Reisezweck,
Stellt die vierzig Töchter dar,
Und was nicht vorhanden war.
Nun, die Alte riecht den Braten
Und befördert den Soldaten
Rasch zur Tür hinaus: „Verschwinde!
Und wirf keinen Blick zurück,
In drei Tagen hol ein Stück
Dir als Antwort-Angebinde.
Und vergiß nicht: Früh am Tage,
Sonst besiehst du Not und Plage!
„Hinter fest verschlossner Tür
Zaubert sie dann nach Gebühr,
Drei Mal vierundzwanzig Stunden,
Bis den Teufel sie gebunden,
Bis er für das Zarenschloß
Selber ihr ein Kästchen goß,
Voll mit frevelhaften Dingen,
Denen Männer Opfer bringen.
Alle gabs mit Zubehör,
Jede Größe und Couleur,
Auch gelockte, erste Wahl,
Von der ganzen großen Zahl
Nahm die Hexe sich heraus.
Sucht die vierzig schönsten aus,
Eine Serviette drum,
Dreht den Schlüssel um und um.
Schickt ihn damit auf die Reise,
Gibt ihm Geld für Trank und Speise.
Der geht los im Morgenrot,
Will mit seinem Früstücksbrot
Zur Siesta sich bequemen.
Etwas Wodka zu sich nehmen,
Hatte alles mit Bedacht
Für den Rückweg mitgebracht.
Bald ist alles aufgezehrt.
Ruhig dösen Mensch und Pferd
Nun in süßen Träumerein:
Loben wird ihn der Regent,
Wenn er ihn nicht gar ernennt …
Was schließt wohl das Kästchen ein?
Was ists wohl für ein Präsent?
Fruchtlos schaut er durch die Spalten.
Ärgerlich! Die Schlösser halten.
Und die Neugier plagt und brennt,
Fängt zu jucken an, zu bohren.
An das Schloß hält er die Ohren:
Nichts dringt aus dem Schlüsselloch.
Doch wies riecht – das kennt er doch?
Gott verdammt, was ist geschehen?
Etwas könnte man mal sehen.
Und den Jäger hielts nicht mehr.
Kaum kriegt er den Schlüssel her,
Sind die Vögel ausgeflogen,
Haben ringsum sich verzogen,
Husch! – im Kreise auf die Äste
Schwänzeln die befreiten Gäste.
Unser Jäger rief erschrocken,
Wollte sie mit Zwieback locken,
Streute Krümel aus – vergebens
(Klar: Sie brauchten andre Speise!),
Sangen, freuten sich des Lebens,
Und zurück auf keine Weise!
Doch da kommt den Weg entlang
Grad im Krücken-Humpelgang
Lahm die Beine, krumm die Knochen,
Eine alte Frau gekrochen.
Jener fällt ihr – bums! – zu Füßen:
„Muß mit meinem Kopfe büßen,
Hilf mir, Mutter, steht mir bei,
Sieh nur, diese Schweinerei!
Ich kann sie nicht wieder fangen.
Wie ist das bloß zugegangen?“
Als sies übersehen kann,
Spuckt sie aus und zischelt dann:
„Böses hast Du angestellt,
Doch sieh mutig in die Welt,
Brauchst den Vögeln nur zu zeigen …,
Runter sind sie von den Zweigen.“
„Danke“, sprach er, „sei gepriesen.“
Hat es ihnen kaum gewiesen,
Sind sie schon herab geflattert
Und zu neuer Haft vergattert.
Weil dies Pech genug gewesen,
Sperrt er ohne Federlesen
Alle vierzig in den Kasten,
Macht sich heimwärts ohne Rasten,
Um sie heil zu überbringen,
Wo die Mädchen sie empfingen,
Schnurstracks in den Käfig taten,
Sehr zur Lust des Potentaten.
Gleich gabs dann ein Festgelage,
Und man zechte sieben Tage,
Und erholte sich vier Wochen.
Lob und Dank ward ausgesprochen,
Auch der Hexe nicht vergessen.
Ihr ward nämlich zugemessen
Aus dem Wunderkabinette
Zwei Reptilien, zwei Skelette,
Und – man wunderte sich wohl –
Aschenbrand in Alkohol.
Auch der Jäger ging nicht leer aus.
Das ist meines Märchens Kehraus.

***

Viele werden mich wohl schmähen,
Weil sie gern begründet sähen,
Wie man so was schreiben kann.
Nun, ich kanns. Was geht sies an?

Sinaida Serebrjakowa

Bilder: Vaginalose russische Akte von Sinaida Serebrjakow, 1884–1967. Das zweite von oben, das Hochformat, ist ein Portrait von Ekaterina, der Künstlerinnentochter, 1928.

Sinaida Serebrjakowa

Soundtrack: Beloe Zlato („Weißes Gold“): Über den stillen Fluss: stubenreines, jugendfreies russisches Volksgut.

Written by Wolf

23. Juni 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Romantik

I’m half-sick of shadows

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Update zu Wie der Schnee so weiß, aber kalt wie Eis ist das Liebchen, das du dir erwählt:

The Lady of Shalott von Lord Alfred Tennyson, 1. Baron Tennyson wurde schon lange nicht mehr ordentlich übersetzt. Dabei ließ sich die deutschsprachige Reproduktion zuerst so lebhaft an; unter anderem gibt es:

Empfohlen wird natürlich die erste, die von Freiligrath, die auch in recht leserlich gestochener Fraktur daherkommt.

Persönlich greifen mir Geschichten von Mädchen und viel zu schönen Frauen, die sich zu Tode singen, ganz unverhältnismäßig ans Herze, das ist eine körperliche Reaktion bei mir, fast noch sicherer und heftiger als das Orpheus-Eurydike-Thema, weil es persönlicher und damit unmittelbarer wirkt. Das geht so, seit ich zu früh im Leben A Fight to the Finish 1947 mit Oskar Supermaus gesehen hab, Paradebeispiel ist die Antonie aus dem Rat Krespel 1818 von E.T.A. Hoffmann, die Jacques Offenbach sangeswirksam als dritten Akt von Hoffmanns Erzählungen 1881 ausgebaut hat. In der schlimmen Heimatschnulze Das Donkosakenlied 1956 ist es ein kleiner Junge, der das Singen nicht lassen kann, und in Noch einmal mit Gefühl 2001 ist gleich eine ganze Stadt vom Totsingen bedroht, da waltet aber um die Vampirjägerin Buffy und ihre von Dämonen Mitverfolgten wenigstens die nötige Selbstironie. — Wenn jemand noch was weiß? Die Kommentarfunktion ist immer offen.

Seltsamerweise hab ich auf die Lady of Shalott nie so angesprochen, obwohl da eine Vorläuferin der Ophelia sich sehenden Auges malerisch in ein Boot legt und darin singend auf ein Schloss zutreibt, in dem sie als Leiche ankommen wird. Schieben wir es darauf, dass man dieses ausgebaute Genre der Lady of the Lake immer nicht als die faszinierend schillernde Elaine kennenlernt, sondern als einschläfernden Loop über 11:34 Minuten von einer Meditations-CD fürs Zahnarztwartezimmer.

Zur Interpretation abseits des Wikipedia-Artikels: Die Besonderheiten am Shalott’schen Topos sind, dass die Lady 1. nicht weiß, worin eigentlich ihr Fluch besteht, 2. Bilder webt, die sie indirekt in einem Spiegel sieht, und 3. bereitwillig für ihre erste Liebe auf den ersten Blick, die gleich ihre große ist, stirbt. Schuld und Sühne sind also definiert wie bei Kafka: in höchst willkürlicher Weise überhaupt nicht — und das von einer fadenscheinigen, rächenden Instanz, „Nenn’s Glück! Herz! Liebe! Gott!“ (Faust). Aus feministischer Sicht ist das reichlich fragwürdig, aus einfach nur menschlicher Sicht nicht minder: Eine namenlose Edelfrau darf ihren Elfenbeinturm weder mit ihrer Erkenntnis noch gar mit ihren unbefugten Füßen (siehe den Bonus Track unten) überschreiten, und wenn der wunder-schöne, stolze Ritter kommt, darf sie ihm gerade noch hinterherreisen und ihr letztes Lied dabei singen. Gnade vor dem ritterlichen Hof findet sie nicht für ihre künstlerischen oder hausfraulichen Leistungen oder auch nur für ihre Hingabe, sondern ausdrücklich für ihr hübsches Gesicht. Wer sich als Feminist*in versteht, darf an dieser Stelle einige berechtigte Einwände erheben, sich dabei nur nicht so anstellen wie die ewige Gothic Lolita Emilie Autumn in ihrer Kontrafaktur Shalott 2006 auf Opheliac. Klar, dass diese Auffassung aus dem Frühmittelalter stammt — weil sie nämlich als Nebenstrang der Artus-Sage aus dem Frühmittelalter stammt.

Daher ist es gar nicht so schlimm, wenn ich hier nur Tennysons zwei Fassungen in parallele Übersicht setzen kann. Ich hätte lieber noch eine dritte Spalte mit dem gedichtnahen Schlagertext von Loreena McKennitt dazugequetscht, aber ich hab dieses enge WordPress-Theme nicht gebaut. McKennitt darf erst darunter, was künstlerisch nicht ganz unpassend erscheint.

Tennysons Gedicht bleibt eine der schönsten Balladen überhaupt, die einen Spannungsbogen mit Handlungsauflösung verwenden, und eine Empfehlung für das englische Lesepublikum, in dem Gedichte so cantabile marschieren und trotzdem klassisch werden dürfen.

John William Waterhouse, The Lady of Shalott, 1888

——— Lord Alfred Tennyson:

The Lady of Shalott

1833 edition:

***

1842 edition:

***

Part the First.

*

Part I.

*

On either side the river lie
Long fields of barley and of rye,
That clothe the wold and meet the sky.
And thro‘ the field the road runs by
               To manytowered Camelot.
The yellowleavèd waterlily,
The greensheathèd daffodilly,
Tremble in the water chilly,
               Round about Shalott.

*

On either side the river lie
Long fields of barley and of rye,
That clothe the wold and meet the sky;
And thro‘ the field the road runs by
               To many-tower’d Camelot;
And up and down the people go,
Gazing where the lilies blow
Round an island there below,
               The island of Shalott.

*

Willows whiten, aspens shiver,
The sunbeam-showers break and quiver
In the stream that runneth ever
By the island in the river,
               Flowing down to Camelot.
Four gray walls and four gray towers
Overlook a space of flowers,
And the silent isle imbowers
               The Lady of Shalott.

*

Willows whiten, aspens quiver,
Little breezes dusk and shiver
Thro‘ the wave that runs for ever
By the island in the river
               Flowing down to Camelot.
Four gray walls, and four gray towers,
Overlook a space of flowers,
And the silent isle imbowers
               The Lady of Shalott.

*

Underneath the bearded barley,
The reaper, reaping late and early,
Hears her ever chanting cheerly,
Like an angel, singing clearly,
               O’er the stream of Camelot.
Piling the sheaves in furrows airy,
Beneath the moon, the reaper weary
Listening whispers, „‚tis the fairy
               Lady of Shalott.“

*

By the margin, willow-veil’d
Slide the heavy barges trail’d
By slow horses; and unhail’d
The shallop flitteth silken-sail’d
               Skimming down to Camelot:
But who hath seen her wave her hand?
Or at the casement seen her stand?
Or is she known in all the land,
               The Lady of Shalott?

*

The little isle is all inrailed
With a rose-fence, and overtrailed
With roses: by the marge unhailed
The shallop flitteth silkensailed,
               Skimming down to Camelot.
A pearlgarland winds her head:
She leaneth on a velvet bed,
Full royally apparellèd
               The Lady of Shalott.

*

Only reapers, reaping early
In among the bearded barley,
Hear a song that echoes cheerly
From the river winding clearly,
               Down to tower’d Camelot.
And by the moon the reaper weary,
Piling sheaves in uplands airy,
Listening, whispers „‚Tis the fairy
               Lady of Shalott.“

*

Part the Second.

*

Part II.

*

No time hath she to sport and play:
A charmèd web she weaves alway.
A curse is on her, if she stay
Her weaving, either night or day,
               To look down to Camelot.
She knows not what the curse may be;
Therefore she weaveth steadily,
Therefore no other care hath she,
               The Lady of Shalott.

*

There she weaves by night and day
A magic web with colours gay.
She has heard a whisper say,
A curse is on her if she stay
               To look down to Camelot.
She knows not what the curse may be,
And so she weaveth steadily,
And little other care hath she,
               The Lady of Shalott.

*

She lives with little joy or fear.
Over the water, running near,
The sheepbell tinkles in her ear.
Before her hangs a mirror clear,
               Reflecting towered Camelot.
And, as the mazy web she whirls,
She sees the surly village-churls,
And the red cloaks of market-girls,
               Pass onward from Shalott.

*

And moving thro‘ a mirror clear
That hangs before her all the year,
Shadows of the world appear.
There she sees the highway near
               Winding down to Camelot:
There the river eddy whirls,
And there the surly village-churls,
And the red cloaks of market girls,
               Pass onward from Shalott.

*

Sometimes a troop of damsels glad,
An abbot on an ambling pad,
Sometimes a curly shepherd lad,
Or longhaired page, in crimson clad,
               Goes by to towered Camelot.
And sometimes thro‘ the mirror blue,
The knights come riding, two and two.
She hath no loyal knight and true
               The Lady of Shalott.

*

Sometimes a troop of damsels glad,
An abbot on an ambling pad,
Sometimes a curly shepherd-lad,
Or long-hair’d page in crimson clad,
               Goes by to tower’d Camelot;
And sometimes thro‘ the mirror blue
The knights come riding two and two:
She hath no loyal knight and true,
               The Lady of Shalott.

*

But in her web she still delights
To weave the mirror’s magic sights:
For often thro‘ the silent nights
A funeral, with plumes and lights
               And music, came from Camelot.
Or, when the moon was overhead,
Came two young lovers, lately wed:
„I am half-sick of shadows,“ said
               The Lady of Shalott.

*

But in her web she still delights
To weave the mirror’s magic sights,
For often thro‘ the silent nights
A funeral, with plumes and lights
               And music, went to Camelot:
Or when the moon was overhead,
Came two young lovers lately wed;
„I am half-sick of shadows,“ said
               The Lady of Shalott.

*

Part the Third.

*

Part III.

*

A bowshot from her bower-eaves.
He rode between the barleysheaves:
The sun came dazzling thro‘ the leaves,
And flamed upon the brazen greaves
               Of bold Sir Launcelot.
A redcross knight for ever kneeled
To a lady in his shield,
That sparkled on the yellow field,
               Beside remote Shalott.

*

A bow-shot from her bower-eaves,
He rode between the barley-sheaves,
The sun came dazzling thro‘ the leaves,
And flamed upon the brazen greaves
               Of bold Sir Lancelot.
A redcross knight for ever kneel’d
To a lady in his shield,
That sparkled on the yellow field,
               Beside remote Shalott.

*

The gemmy bridle glittered free,
Like to some branch of stars we see
Hung in the golden galaxy.
The bridle-bells rang merrily,
               As he rode down from Camelot.
And, from his blazoned baldric slung,
A mighty silver bugle hung,
And, as he rode, his armour rung,
               Beside remote Shalott.

*

The gemmy bridle glitter’d free,
Like to some branch of stars we see
Hung in the golden Galaxy.
The bridle-bells rang merrily
               As he rode down to Camelot:
And from his blazon’d baldric slung
A mighty silver bugle hung,
And as he rode his armour rung,
               Beside remote Shalott.

*

All in the blue unclouded weather,
Thickjewelled shone the saddle-leather.
The helmet, and the helmet-feather
Burned like one burning flame together,
               As he rode down from Camelot.
As often thro‘ the purple night,
Below the starry clusters bright,
Some bearded meteor, trailing light,
               Moves over green Shalott.

*

All in the blue unclouded weather
Thick-jewell’d shone the saddle-leather,
The helmet and the helmet-feather
Burn’d like one burning flame together,
               As he rode down to Camelot.
As often thro‘ the purple night,
Below the starry clusters bright,
Some bearded meteor, trailing light,
               Moves over still Shalott.

*

His broad clear brow in sunlight glowed.
On burnished hooves his warhorse trode.
From underneath his helmet flowed
His coalblack curls, as on he rode,
               As he rode down from Camelot.
From the bank, and from the river,
He flashed into the crystal mirror,
„Tirra lirra, tirra lirra,“
               Sang Sir Launcelot.

*

His broad clear brow in sunlight glow’d;
On burnish’d hooves his war-horse trode;
From underneath his helmet flow’d
His coal-black curls as on he rode,
               As he rode down to Camelot.
From the bank and from the river
He flash’d into the crystal mirror,
„Tirra lirra,“ by the river
               Sang Sir Lancelot.

*

She left the web: she left the loom:
She made three paces thro‘ the room:
She saw the waterflower bloom:
She saw the helmet and the plume:
               She looked down to Camelot.
Out flew the web, and floated wide,
The mirror cracked from side to side,
‚The curse is come upon me,“ cried
               The Lady of Shalott.

*

She left the web, she left the loom,
She made three paces thro‘ the room,
She saw the water-lily bloom,
She saw the helmet and the plume:
               She look’d down to Camelot.
Out flew the web and floated wide;
The mirror crack’d from side to side;
„The curse is come upon me,“ cried
               The Lady of Shalott.

*

Part the Fourth.

*

Part IV.

*

In the stormy eastwind straining
The pale-yellow woods were waning,
The broad stream in his banks complaining,
Heavily the low sky raining
               Over towered Camelot:
Outside the isle a shallow boat
Beneath a willow lay afloat,
Below the carven stern she wrote,
               THE LADY OF SHALOTT.

*

In the stormy east-wind straining,
The pale-yellow woods were waning,
The broad stream in his banks complaining,
Heavily the low sky raining
               Over tower’d Camelot;
Down she came and found a boat
Beneath a willow left afloat,
And round about the prow she wrote
               The Lady of Shalott.

*

A cloudwhite crown of pearl she dight.
All raimented in snowy white
That loosely flew, (her zone in sight,
Clasped with one blinding diamond bright,)
               Her wide eyes fixed on Camelot,
Though the squally eastwind keenly
Blew, with folded arms serenely
By the water stood the queenly
               Lady of Shalott.

*

 

With a steady, stony glance—
Like some bold seer in a trance,
Beholding all his own mischance,
Mute, with a glassy countenance—
               She looked down to Camelot.
It was the closing of the day,
She loosed the chain, and down she lay,
The broad stream bore her far away,
               The Lady of Shalott.

*

And down the river’s dim expanse—
Like some bold seër in a trance,
Seeing all his own mischance—
With a glassy countenance
               Did she look to Camelot.
And at the closing of the day
She loosed the chain, and down she lay;
The broad stream bore her far away,
               The Lady of Shalott.

*

As when to sailors while they roam,
By creeks and outfalls far from home,
Rising and dropping with the foam,
From dying swans wild warblings come,
               Blown shoreward; so to Camelot
Still as the boathead wound along
The willowy hills and fields among,
They heard her chanting her deathsong,
               The Lady of Shalott.

*

Lying, robed in snowy white
That loosely flew to left and right—
The leaves upon her falling light—
Thro‘ the noises of the night
               She floated down to Camelot:
And as the boat-head wound along
The willowy hills and fields among,
They heard her singing her last song,
               The Lady of Shalott.

*

A longdrawn carol, mournful, holy,
She chanted loudly, chanted lowly,
Till her eyes were darkened wholly,
And her smooth face sharpened slowly
               Turned to towered Camelot:
For ere she reached upon the tide
The first house by the waterside,
Singing in her song she died,
               The Lady of Shalott.

*

Heard a carol, mournful, holy,
Chanted loudly, chanted lowly,
Till her blood was frozen slowly,
And her eyes were darken’d wholly,
               Turn’d to tower’d Camelot;
For ere she reach’d upon the tide
The first house by the water-side,
Singing in her song she died,
               The Lady of Shalott.

*

Under tower and balcony,
By gardenwall and gallery,
A pale, pale corpse she floated by,
Deadcold, between the houses high,
               Dead into towered Camelot.
Knight and burgher, lord and dame,
To the plankèd wharfage came:
Below the stern they read her name,
               „The Lady of Shalott.“

*

Under tower and balcony,
By garden-wall and gallery,
A gleaming shape she floated by,
A corse between the houses high,
               Silent into Camelot.
Out upon the wharfs they came,
Knight and burgher, lord and dame,
And round the prow they read her name,
               The Lady of Shalott.

*

They crossed themselves, their stars they blest,
Knight, minstrel, abbot, squire and guest.
There lay a parchment on her breast,
That puzzled more than all the rest,
               The wellfed wits at Camelot.
„The web was woven curiously
The charm is broken utterly,
Draw near and fear not – this is I,
               The Lady of Shalott.
Who is this? and what is here?
And in the lighted palace near
Died the sound of royal cheer;
And they cross’d themselves for fear,
               All the knights at Camelot:
But Lancelot mused a little space;
He said, „She has a lovely face;
God in his mercy lend her grace,
               The Lady of Shalott.“

William Maw Egley, The Lady of Shalott, 1858

——— Loreena McKennitt:

The Lady of Shalott

from: The Visit, 1991.
Lyrics by Alfred Lord Tennyson adapted by Loreena McKennitt, music by Loreena McKennit:

William Holman Hunt, The Lady of Shalott, 1905On either side the river lie
Long fields of barley and of rye,
That clothe the wold and meet the sky;
And thro‘ the field the road run by
               To many-towered Camelot;
And up and down the people go,
Gazing where the lilies blow
Round an island there below,
               The island of Shalott.

Willows whiten, aspens quiver,
Little breezes disk and shiver
Thro‘ the wave that runs for ever
By the island in the river
               Flowing down to Camelot.
Four grey walls, and four grey towers,
Overlook a space of flowers,
And the silent isle imbowers
               The Lady of Shalott.

Only reapers, reaping early,
In among the beared barley
Hear a song that echoes cheerly
From the river winding clearly,
               Down to tower’d Camelot;
And by the moon the reaper weary,
Piling sheaves in uplands airy,
Listing, whispers „‚tis the fairy
               The Lady of Shalott.“

There she weaves by night and day
A magic web with colours gay.
She has heard a whisper say,
A curse is on her if she stay
               To look down to Camelot.
She knows not what the curse may be,
And so she weaveth steadily,
And little other care hath she,
               The Lady of Shalott.

And moving through a mirror clear
That hangs before her all the year,
Shadows of the world appear.
There she sees the highway near
               Winding down to Camelot;
And sometimes thro‘ the mirror blue
The Knights come riding two and two.
She hath no loyal Knight and true,
               The Lady of Shalott.

But in her web she still delights
To weave the mirror’s magic sights,
For often thro‘ the silent nights
A funeral, with plumes and with lights
               And music, went to Camelot;
Or when the Moon was overhead,
Came two young lovers lately wed.
„I am, half sick of shadow,“ she said,
               The Lady of Shalott.

A bow-shot from her bower-eaves,
He rode between the barley sheaves,
The sun came dazzling thro‘ the leaves,
And flamed upon the brazen greaves,
               Of bold Sir Lancelot.
A red-cross knight for ever kneel’d
To a lady in his shield,
That sparkled on the yellow field,
               Beside remote Shalott.

William Edward Frank Britten, The Lady of Shalott, 1901His broad clear brow in sunlight glow’d;
On burnish’d hooves his war-horse trode;
From underneath his helmet flow’d
His coal-black curls as on he rode,
               As he rode down to Camelot.
And from the bank and from the river
He flashed into the crystal mirror,
„Tirra lirra,“ by the river
               Sang Sir Lancelot.

She left the web, she left the loom,
She made three paces thro‘ the room,
She saw the water-lily bloom,
She saw the helmet and the plume,
          She look’d down to Camelot.
Out flew the web and floated wide;
The mirror crack’d from side to side;
„The curse is come upon me,“ cried
          The Lady of Shalott.

In the stormy east-wind straining,
The pale yellow woods were waning,
The broad stream in his banks complaining.
Heavily the low sky raining
          Over tower’d Camelot;
Down she cam and found a boat
Beneath a willow left afloat,
And round the prow she wrote
          The Lady of Shalott.

Down the river’s dim expanse
Like some bold seer in a trance,
Seeing all his own mischance —
With a glassy countenance
          She looked to Camelot.
And at the closing of the day
She loosed the chain, and shown she lay;
The broad stream bore her far away,
          The Lady of Shalott.

Heard a carol, mournful, holy,
Chanted loudly, chanted slowly,
Till her blood was frozen slowly,
And her eyes were darkened wholly,
          Turn’d to tower’d Camelot.
For ere she reach’d upon the tide
The first house by the water-side,
Singing in her song she died,
          The Lady of Shalott.

Under tower and balcony,
By garden-wall and gallery,
A gleaming shape she floated by,
Dead-pale between the houses high,
               Silent into Camelot.
And out upon the wharfs they came,
Knight and Burgher, Lord and Dame,
And round the prow they read her name,
               The Lady of Shalott.

Who is this? And what is here?
And in the lighted palace near
Died the sound of royal cheer;
They crossed themselves for fear,
               The Knights at Camelot;
But Lancelot mused a little space
He said, „she has a lovely face;
God in his mercy lend her grace,
               The Lady of Shalott.

                         But who hath seen her wave her hand?
                         Or at the casement seen her stand?
                         Or is she known in all the land,
                         The Lady of Shalott?

Ladies of Shalott: 2 webende, 2 schippernde, 2 Querformate, 2 Hochformate, 4 von Malern namens William = 4 Bilder, die 4 deutschen Übersetzungen des 19. Jahrhunderts entsprechen:

  1. John William Waterhouse: The Lady of Shalott, 1888;
  2. William Maw Egley: The Lady of Shalott, 1858;
  3. William Holman Hunt: The Lady of Shalott, 1905;
  4. William Edward Frank Britten: The Early Poems of Alfred, Lord Tennyson, Edited with a Critical Introduction, Commentaries and Notes, together with the Various Readings, a Transcript of the Poems Temporarily and Finally Suppressed and a Bibliography by John Churton Collins. With ten illustrations in Photogravure by W. E. F. Britten. Methuen & Co. 36 Essex Street W. C. London, 1901,

alle via Jones’s Celtic Enyclopedia: Elaine of Astolat/The Lady of Shalott.

Bonus Track: Teilrezitation des Revolving Doors Theatre als Trailer für Pelleas & The Lady of Shalott in den Arthurian plays im Blue Elephant Theatre in Camberwell, London, 20. November bis 8. Dezember 2007:

Written by Wolf

1. April 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Vier letzte Dinge: Tod

5. und letzter Katzvent 2016: Mačka se vratila

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Update zum 4. Katzvent: Was ich gebar in Stunden der Begeisterung:

Jetzt, wo Weihnachten vorbei ist und die bekannten Verkaufs- und Tauschplattformen — und vergesst mir ja die Antiquariate nicht! — vor gebrauchten Büchern platzen müssten, ergeht die wärmste Empfehlung für Clemens Brentano.

Francesco Bacchiacca, Portrait of a young lady holding a cat, ca. 1525--1530Jetzt, wo Weihnachten vorbei ist, kann Brentanos namenloser kroatischer Edelmann aus Die mehreren Wehmüller und ungarischen Nationalgesichter die Katzengeschichte erzählen, die ihm in der Heiligen Nacht widerfahren ist.

Sie ist nicht sehr präsent. Weder in Anthologien für Weihnachts- noch für Katzengeschichten erscheint sie oft gesammelt, weil sie — ohne zu spoilern — für die Katze — hier: den Kater — nicht zum besten ausgeht und allgemein etwas ruppig und nicht ganz so besinnlich daherkommt, wie es die anzunehmende Zielgruppe für Weihnachts- und Katzenanthologien wünscht. Ich finde sie der Erzählerstimme nur angemessen und insgesamt raffiniert erfunden — und das vor allem in ihrer Funktion als Binnengeschichte für die mehreren Wehmüller: Sie vollführt nämlich später im Text — ohne zu spoilern — einen geradezu postmodernen Schlenker auf die Ebene der Rahmenerzählung zurück und kann daher gar nicht anders verlaufen. Viel raffinierter als Brentano in den Wehmüllern kann man kaum erzählen.

Und jetzt, wo Weihnachten vorbei ist, erscheint der feline Teil der mehreren Wehmüller quasi als Bonus-Katzvent Nummer 5, weil es glaubwürdiger ist, wenn der edle Kroate erst nach dem Advent vom Heiligabend berichtet. Sein Kater Mores passt als künstlerisch tätige Katze in die Reihe: Er versteht sich, wie erstaunlich viele Katzen der Kunstgeschichte, aufs Dudelsackblasen.

——— Clemens Brentano:

Das Pickenick des Katers Mores

Erzählung des kroatischen Edelmanns

in: Die mehreren Wehmüller und ungarischen Nationalgesichter, 1817:

Cat playing the bagpipes, Morgan Library, MS 282Mein Freihof liegt einsam, eine halbe Stunde von der türkischen Grenze, in einem sumpfichten Wald, wo alles im herrlichsten und fatalsten Überfluß ist, zum Beispiel die Nachtigallen, die einen immer vor Tag aus dem Schlafe wecken, und im letzten Sommer pfiffen die Bestien so unverschämt nah und in solcher Menge vor meinem Fenster, daß ich einmal im größten Zorne den Nachttopf nach ihnen warf. Aber ich kriegte bald einen Hausgenossen, der ihnen auf den Dienst paßte und mich von dem Ungeziefer befreite. Heut sind es drei Jahre, als ich morgens auf meinen Finkenherd ging, mit einem Pallasch, einer guten Doppelbüchse und einem Paar doppelten Pistolen versehen, denn ich hatte einen türkischen Wildpretdieb und Händler auf dem Korn, der mir seit einiger Zeit großen Wildschaden angetan und mir, da ich ihn gewarnt hatte, trotzig hatte sagen lassen, er störe sich nicht an mir und wolle unter meinen Augen in meinem Wald jagen. Als ich nach dem Finkenherd kam, fand ich alle meine ausgestellten Dohnen und Schlingen ausgeleert und merkte, daß der Spitzbube mußte da gewesen sein. Erbittert stellte ich meinen Fang wieder auf, da strich ein großer schwarzer Kater aus dem Gesträuch murrend zu mir her und machte sich so zutulich, daß ich seinen Pelz mit Wohlgefallen ansah und ihn liebkoste mit der Hoffnung, ihn an mich zu gewöhnen und mir etwa aus seinen Winterhaaren eine Mütze zu machen. Ich habe immer so eine lebendige Wintergarderobe im Sommer in meinem Revier, ich brauche darum kein Geld zum Kürschner zu tragen, es kommen mir auch keine Motten in mein Pelzwerk. Vier Paar tüchtige lederne Hosen laufen immer als lebendige Böcke auf meinem Hofe, und mitten unter ihnen ein herrlicher Dudelsack, der sich jetzt als lebendiger Bock schon so musikalisch zeigt, daß die zu einzelnen Hosenbeinen bestimmten Kandidaten, sobald er meckernd unter sie tritt, zu tanzen und gegeneinander zu stutzen anfangen, als fühlten sie jetzt schon ihre Bestimmung, einst mit meinen Beinen nach diesem Dudelsack ungarisch zu tanzen. So habe ich auch einen neuen Reisekoffer als Wildsau in meinem Forste herumlaufen, ein prächtiger Wolfspelz hat mir im letzten Winter in der Gestalt von sechs tüchtigen Wölfen schon auf den Leib gewollt; die Bestien hatten mit ein tüchtiges Loch in die Kammertüre genagt, da fuhr ich einem nach dem andern durch ein Loch über der Türe mit einem Pinsel voll Ölfarbe über den Rücken und erwarte sie nächstens wieder, um ihnen das Fell über die Ohren zu ziehen.

Book of Hours, Lyon, ca. 1505–1510, LyonAus solchen Gesichtspunkten sah ich auch den schwarzen Kater an und gab ihm, teils weil er schwarz wie ein Mohr war, teils weil er gar vortreffliche Mores oder Sitten hatte, den Namen Mores. Der Kater folgte mir nach Hause und wußte sich so vortrefflich durch Mäusefangen und Verträglichkeit mit meinen Hunden auszuzeichnen, daß ich den Gedanken, ihn aus seinem Pelz zu vertreiben, bald aufgegeben hatte. Mores war mein steter Begleiter, und nachts schlief er auf einem ledernen Stuhl neben meinem Bette. Merkwürdig war es mir besonders an dem Tiere, daß es, als ich ihm scherzhaft bei Tage einigemal Wein aus meinem Glase zu trinken anbot, sich gewaltig dagegen sträubte und ich es doch einst im Keller erwischte, wie es den Schwanz ins Spundloch hängte und dann mit dem größten Appetit ableckte. Auch zeichnete sich Mores vor allen Katzen durch seine Neigung, sich zu waschen, aus, da doch sonst sein Geschlecht eine Feindschaft gegen das Wasser hat. Alle diese Absonderlichkeiten hatten den Mores in meiner Nachbarschaft sehr berühmt gemacht, und ich ließ ihn ruhig bei mir aus und ein gehen, er jagte auf seine eigne Hand und kostete mich nichts als Kaffee, den er über die Maßen gern soff. So hatte ich meinen Gesellen bis gegen Weihnachten immer als Schlafkameraden gehabt, als ich ihn die zwei letzten Tage und Nächte vor dem Christtag ausbleiben sah. Ich war schon an den Gedanken gewöhnt, daß ihn irgendein Wildschütze, vielleicht gar mein türkischer Grenznachbar, möge weggeschossen oder gefangen haben, und sendete deswegen einen Knecht hinüber zu dem Wildhändler, um etwas von dem Mores auszukundschaften. Aber der Knecht kam mit der Nachricht zurück, daß der Wildhändler von meinem Kater nichts wisse, daß er eben von einer Reise von Stambul zurückgekommen sei und seiner Frau eine Menge schöner Katzen mitgebracht habe; übrigens sei es ihm lieb, daß er von meinem trefflichen Kater gehört, und wolle er auf alle Weise suchen, ihn in seine Gewalt zu bringen, da ihm ein tüchtiger Bassa für sein Serail fehle. Diese Nachricht erhielt ich mit Verdruß am Weihnachtsabend und sehnte mich um so mehr nach meinem Mores, weil ich ihn dem türkischen Schelm nicht gönnte. Ich legte mich an diesem Abend früh zu Bette, weil ich in der Mitternacht eine Stunde Weges nach der Kirche in die Metten gehen wollte. Mein Knecht weckte mich zur gehörigen Zeit; ich legte meine Waffen an und hängte meine Doppelbüchse, mit dem gröbsten Schrote geladen, um. So machte ich mich auf den Weg, in der kältesten Winternacht, die ich je erlebt; ich war eingehüllt wie ein Pelznickel, die brennende Tabakspfeife fror mir einigemal ein, der Pelz um meinen Hals starrte von meinem gefrornen Hauch wie ein Stachelschwein, der feste Schnee knarrte unter meinen Stiefeln, die Wölfe heulten rings um meinen Hof, und ich befahl meinen Knechten, Jagd auf sie zu machen.

LeValeur, Spielkatze mit Dudelsack, 2013So war ich bei sternheller Nacht auf das freie Feld hinaus gekommen und sah schon in der Ferne eine Eiche, die auf einer kleinen Insel mitten in einem zugefrornen Teiche stand und etwa die Hälfte des Weges bezeichnete, den ich zum Kirchdorf hatte. Da hörte ich eine wunderbare Musik und glaubte anfangs, es sei etwa ein Zug Bauern, der mit einem Dudelsack sich den Weg zur Kirche verkürzte, und so schritt ich derber zu, um mich an diese Leute anzuschließen. Aber je näher ich kam, je toller war die kuriose Musik, sie löste sich in ein Gewimmer auf, und, schon dem Baume nah, hörte ich, daß die Musik von demselben herunter schallte. Ich nahm mein Gewehr in die Hand, spannte den Hahn und schlich über den festen Teich auf die Eiche los; was sah ich, was hörte ich? Das Haar stand mir zu Berge; der ganze Baum saß voll schrecklich heulender Katzen, und in der Krone thronte mein Herr Mores mit krummem Buckel und blies ganz erbärmlich auf einem Dudelsack, wozu die Katzen unter gewaltigem Geschrei um ihn her durch die Zweige tanzten. Ich war anfangs vor Entsetzen wie versteinert, bald aber zwickte mich der Klang des Dudelsacks so sonderbar in den Beinen, daß ich selbst anfing zu tanzen und beinahe in eine von Fischern gehauene Eisöffnung fiel; da tönte aber die Mettenglocke durch die helle Nacht, ich kam zu Sinnen und schoß die volle Schrotladung meiner Doppelbüchse in den vermaledeiten Tanzchor hinein, und in demselben Augenblick fegte die ganze Tanzgesellschaft wie ein Hagelwetter von der Eiche herunter und wie ein Bienenschwarm über mich weg, so daß ich auf dem Eise ausglitt und platt niederstürzte. Als ich mich aufraffte, war das Feld leer, und ich wunderte mich, daß ich auch keine einzige von den Katzen getroffen unter dem Baume fand. Der ganze Handel hatte mich so erschreckt und so wunderlich gemacht, daß ich es aufgab, nach der Kirche zu gehen; ich eilte nach meinem Hofe zurück und schoß meine Pistolen mehrere Male ab, um meine Knechte herbeizurufen. Sie nahten mir bald auf dieses verabredete Zeichen; ich erzählte ihnen mein Abenteuer, und der eine, ein alter, erfahrener Kerl, sagte: „Sei’n Ihr Gnaden nur ruhig, wir werden die Katzen bald finden, die Ihr Gnaden geschossen haben.“ Ich machte mir allerlei Gedanken und legte mich zu Hause, nachdem ich auf den Schreck einen warmen Wein getrunken hatte, zu Bett.

Medieval Beasts and Bestiary TilesAls ich gegen Morgen ein Geräusch vernahm, erwachte ich aus dem unruhigen Schlaf, und sieh da: mein vermaledeiter Mores lag – mit versengtem Pelz – wie gewöhnlich neben mir auf dem Lederstuhl. Es lief mir ein grimmiger Zorn durch alle Glieder; „Passaveanelkiteremtete!“ schrie ich, „vermaledeite Zauberkanaille! bist du wieder da?“ und griff nach einer neuen Mistgabel, die neben meinem Bette stand; aber die Bestie stürzte mir an die Kehle und würgte mich; ich schrie Zetermordio. Meine Knechte eilten herbei mit gezogenen Säbeln und fegten nicht schlecht über meinen Mores her, der an allen Wänden hinauf fuhr, endlich das Fenster zerstieß und dem Walde zustürzte, wo es vergebens war, das Untier zu verfolgen; doch waren wir gewiß, daß Herr Mores seinen Teil Säbelhiebe weghabe, um nie wieder auf dem Dudelsack zu blasen. Ich war schändlich zerkratzt, und der Hals und das Gesicht schwoll mir gräßlich an. Ich ließ nach einer slavonischen Viehmagd rufen, die bei mir diente, um mir einen Umschlag von ihr kochen zu lassen, aber sie war nirgends zu finden, und ich mußte nach dem Kirchdorf fahren, wo ein Feldscheer wohnte. Als wir an die Eiche kamen, wo das nächtliche Konzert gewesen war, sahen wir einen Menschen darauf sitzen, der uns erbärmlich um Hülfe anflehte. Ich erkannte bald Mladka, die slavonische Magd; sie hing halb erfroren mit den Röcken in den Baumästen verwickelt, und das Blut rann von ihr nieder in den Schnee; auch sahen wir blutige Spuren von da her, wo mich die Katzen über den Haufen geworfen, nach dem Walde zu. Ich wußte nun, wie es mit der Slavonierin beschaffen war, ließ sie schwebend, daß sie die Erde nicht berührte, auf den Wurstwagen tragen und festbinden und fuhr eilend mit der Hexe nach dem Dorfe. Als ich bei dem Chirurg ankam, wurde gleich der Vizegespan und der Pfarrer des Orts gerufen, alles zu Protokoll genommen, und die Magd Mladka ward ins Gefängnis geworfen; sie ist zu ihrem Glück an dem Schuß, den sie im Leibe hatte, gestorben, sonst wäre sie gewiß auf den Scheiterhaufen gekommen. Sie war ein wunderschönes Weibsbild, und ihr Skelett ist nach Pest ins Naturalienkabinett als ein Muster schönen Wachstums gekommen; sie hat sich auch herzlich bekehrt und ist unter vielen Tränen gestorben. Auf ihre Aussagen sollten verschiedene andere Weibspersonen in der Gegend gefangengenommen werden, aber man fand zwei tot in ihren Betten, die anderen waren entflohen.

Robin Milner, A Cat Came FiddlingAls ich wiederhergestellt war, mußte ich mit einer Kreiskommission über die türkische Grenze reisen; wir meldeten uns bei der Obrigkeit mit unserer Anzeige gegen den Wildhändler, aber da kamen wir schier in eine noch schlimmere Suppe; es wurde uns erklärt, daß der Wildhändler nebst seiner Frau und mehreren türkischen, serbischen und slavonischen Mägden und Sklavinnen von Schrotschüssen und Säbelhieben verwundet zu Hause angekommen, und daß der Wildhändler gestorben sei mit der Angabe: er sei, von einer Hochzeit kommend, auf der Grenze von mir überfallen und so zugerichtet worden. Während dies angezeigt wurde, versammelte sich eine Menge Volks, und die Frau des Wildhändlers mit mehreren Weibern und Mägden, verbunden und bepflastert, erhoben ein mörderliches Geschrei gegen uns. Der Richter sagte: er könne uns nicht schützen, wir möchten sehen, daß wir fortkämen; da eilten wir nach dem Hof, sprangen zu Pferde, nahmen den Kreiskommissär in die Mitte, ich setzte mich an die Spitze der sechs Szekler-Husaren, die uns begleitet hatten, und so sprengten wir, Säbel und Pistole in der Hand, früh genug zum Orte hinaus, um nicht mehr zu erleiden als einige Steinwürfe und blinde Schüsse, eine Menge türkischer Flüche mit eingerechnet. Die Türken verfolgten uns bis über die Grenze, wurden aber von den Szeklern, die sich im Walde setzten, so zugerichtet, daß wenigstens ein paar von ihnen dem Wildhändler in Mahomeds Paradies Nachricht von dem Erfolg werden gegeben haben. Als ich nach Haus kam, war das erste, daß ich meinen Dudelsack visitierte, den ich auch mit drei Schroten durchlöchert hinter meinem Bette liegen fand. Mores hatte also auf meinem eigenen Dudelsack geblasen und war von ihm gegen meinen Schuß gedeckt worden. Ich hatte mit der unseligen Geschichte noch viele Schererei, ich wurde weitläufig zu Protokoll vernommen, es kam eine Kommission nach der andern auf meinen Hof und ließ sich tüchtig aufwarten; die Türken klagten wegen Grenzverletzung, und ich mußte es mir am Ende noch mehrere Stücke Wild und ein ziemliches Geld kosten lassen, daß die Gerichtsplackerei endlich einschlief, nachdem ich und meine Knechte vereidigt worden waren. Trotzdem wurde ich mehrmals vom Kreisphysikus untersucht, ob ich auch völlig bei Verstand sei, und dieser kam nicht eher zur völligen Gewißheit darüber, bis ich ihm ein Paar doppelte Pistolen und seiner Frau eine Verbrämung von schwarzem Fuchspelz und mehrere tüchtige Wildbraten zugeschickt hatte. So wurde die Sache endlich stille; um aber in etwas auf meine Kosten zu kommen, legte ich eine Schenke unter der Eiche auf der Insel in dem Teiche an, wo seither die Bauern und Grenznachbarn aus der Gegend sich sonntags im Sommer viel einstellen und den ledernen Stuhl, worauf Mores geschlafen, und an den ich ein Stück seines Schweifs, das ihm die Knechte in der Nacht abgehauen, genagelt habe, besehen; den Dudelsack habe ich flicken lassen, und mein Knecht, der den Wirt dort macht, pflegt oben in der Eiche, wo Mores gesessen, darauf den Gästen, die um den Baum tanzen, vorzuspielen. Ich habe schon ein schönes Geld da eingenommen, und wenn mich die Herrschaften einmal dort besuchen wollen, so sollen sie gewiß gut bedient werden.

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Jan van Bijlert, Young Woman Playing with a Cat, 1630--1635Diese Erzählung, welche der Kroat mit dem ganzen Ausdruck der Wahrheit vorgebracht hatte, wirkte auf die verschiedenste Weise in der Gesellschaft. Der Vizegespan, der Tiroler und die Wirtin hatten keinen Zweifel, und der Savoyarde zeigte seine Freude, daß man noch kein Beispiel gehabt habe: ein Murmeltier sei eine Hexe gewesen. Lindpeindler äußerte: es möge an der Geschichte wahr sein, was da wolle, so habe sie doch eine höhere poetische Wahrheit; sie sei in jedem Falle wahr, insofern sie den Charakter der Einsamkeit, Wildnis und der türkischen Barbarei ausdrücke; sie sei durchaus für den Ort, auf welchem sie spiele, scharf bezeichnend und mythisch und darum dort wahrer als irgendeine Lafontainesche Familiengeschichte. Aber es verstand keiner der Anwesenden, was Lindpeindler sagen wollte, und Devillier leugnete ihm grade ins Gesicht, daß Lafontaine irgendeine seiner Fabeln jemals für eine wahre Familiengeschichte ausgegeben habe; Lindpeindler schwieg und wurde verkannt.

Girl with a Cat, 1545, Jan Cornelisz VermeyenNun aber wendete sich der Franzose zu der Kammerjungfer, welche sich mit stillem Schauer in einen Winkel gedrückt hatte, sprechend: „Und Sie, schöne Nanny, sind ja so stille, als fühlten Sie sich bei der Geschichte getroffen.“ – „Wieso getroffen?“ fragte Nanny. „Nun, ich meine,“ erwiderte Devillier lächelnd, „von einem Schrote des kroatischen Herrn. Sollte das artigste Kammerkätzchen der Gegend nicht zu dem Teedansant eingeladen gewesen sein? – Das wäre ein Fehler des Herrn Mores gegen die Galanterie, wegen welchem er die Rache seines Herrn allein schon verdient hätte.“ Alle lachten, Nanny aber gab dem Franzosen eine ziemliche Ohrfeige und erwiderte: „Sie sind der Mann dazu, einen in den Ruf zu bringen, daß man geschossen sei, denn Sie haben selbst einen Schuß!“ und dabei zeigte sie ihm von neuem die fünf Finger; worauf Devillier sagte: „Erhebt das nicht den Verdacht, sind das nicht Katzenmanieren? Sie waren gewiß dabei! Frau Tschermack, die Wirtin, wird es uns sagen können, denn die hat gewiß nicht gefehlt; ich glaube, daß sie die Blessur in der Hüfte eher bei solcher Gelegenheit als bei den Wurmserschen Husaren erhalten.“ Alles lachte von neuem, und der Zigeuner sagte: „Ich will sie fragen.“

Ex Libris Marthe Hassler, August 2012Der Kroate fand sich über die Ungläubigkeit Devilliers gekränkt und fing an, seine Geschichte nochmals zu beteuern, indem er seine pferdehaarne steife Halsbinde ablöste, um die Narben von den Klauen des Mores zu zeigen. Nanny drückte die Augen zu, und indessen brachte der Zigeuner die Nachricht: Frau Tschermack meine, Mores müsse es selbst am besten wissen. Er setzte mit diesen Worten die große schwarze Katze der Wirtin, welche er vor der Türe gefangen hatte, der Kammerjungfer in den Schoß, welche mit einem heftigen Schrei des Entsetzens auffuhr. – „Eingestanden!“ rief Devillier; aber der Spaß war dumm, denn Nanny kam einer Ohnmacht nah, die Katze sprang auf den Tisch, warf das Licht um und fuhr dem armen Wehmüller über seine nassen Farben; der Vizegespan riß das Fenster auf und entließ die Katze, aber alles war rebellisch geworden; die Büffelkühe im Hintergrund der Stube an den Ketten, und jeder drängte nach der Türe. Wehmüller und Lindpeindler sprangen auf den Tisch und stießen mit dem Tiroler zusammen, der es auch in demselben Augenblick tat und mit seinen nägelbeschlagenen Schuhen mehr Knopflöcher in das Porträt des Vizegespans trat, als Knöpfe darauf waren. Devillier trug Nanny hinaus; der Kroate schrie immer: „Da haben wir es, das kömmt vom Unglauben!“ Frau Tschermack aber, welche mit einem vollen Weinkrug in die Verstörung trat, fluchte stark und beruhigte die Kühe; der Zigeuner griff wie ein zweiter Orpheus nach seiner Violine, und als Monsieur Devillier mit Nanny, die er am Brunnen erfrischt hatte, wieder hereintrat, kniete der kecke Bursche vor ihr nieder und sang und spielte eine so rührende Weise auf seinem Instrument, daß niemand widerstehen konnte und bald alles stille ward. Es war dies ein altes zigeunerisches Schlachtlied, wobei der Zigeuner endlich in Tränen zerfloß, und Nanny konnte ihm nicht widerstehen, sie weinte auch und reichte ihm die Hand; Lindpeindler aber sprang auf den Sänger zu und umarmte ihn mit den Worten: „O, das ist groß, das ist ursprünglich! Bester Michaly, wollen Sie mir Ihr Lied wohl in die Feder diktieren?“ – „Nimmermehr!“ sagte der Zigeuner, „so was diktiert sich nicht, ich wüßte es auch jetzt nicht mehr, und wenn Sie mir den Hals abschnitten; wenn ich einmal wieder eine schöne Jungfer betrübt habe, wird es mir auch wieder einfallen.“

Tina Sosna, Her voice was a tiny bird flying in the cold winter sky, analogue photography, January 18th, 2016Da lachte die ganze Gesellschaft, und Michaly begann so tolle Melodieen aus seiner Geige herauszulocken, daß die Fröhlichkeit bald wieder hergestellt wurde und Devillier den Kroaten fragte, ob Mores nicht diesen Tanz aufgespielt hätte; Herr Lindpeindler notierte sich wenigstens den Inhalt des extemporierten Liedes; es war die Wehklage über den Tod von tausend Zigeunern. Im Jahr 1537 wurde in den Zapolischen Unruhen das Kastell Nagy-Jda in der Abanywarer Gespanschaft mit Belagerung von kaiserlichen Truppen bedroht. Franz von Perecey, der das Kastell verteidigte, stutzte, aus Truppenmangel, tausend Zigeuner in der Eile zu Soldaten und legte sie unter reichen Versprechungen von Geld und Freiheiten auf Kindeskinder, wenn sie sich wacker hielten, gegen den ersten Anlauf in die äußeren Schanzen. Auf diese vertrauend hielten sich diese Helden auch ganz vortrefflich, sie empfingen die Belagerer mit einem heftigen Feuer, so daß sie umwendeten. Aber nun krochen die Helden übermütig aus ihren Löchern und schrien den Fliehenden nach: „Geht zum Henker, ihr Lumpen, hätten wir noch Pulver und Blei, so wollten wir euch anders zwiebeln.“ Da sahen sich die Abziehenden um, und als sie statt regulierter Truppen einen frechen Zigeunerschwarm auf den Wällen merkten, ergriff sie der Zorn, sie drangen in die Schanze und säbelten die armen Helden bis auf den letzten Mann nieder. Diese Niederlage, eine der traurigsten Erinnerungen der Zigeuner in jener Gegend, hatte Michaly in der Klage einer Mutter um ihren Sohn und einer Braut um ihren gefallenen Geliebten besungen.

Dorota Sroka, Exercice de Style. Cabinet de curiosites, 18. Juni 2016

Katzenbilder:

  1. mit Frauen:

    1. Portrait of a young lady holding a cat, ca. 1525–1530;
    2. Junge Frau, mit einer Katze spielend, 1630–1635;
    3. Jan Cornelisz Vermeyen: Mädchen mit Katze, 1545;
    4. A. Collot: Ex libris Marthe Hassler, August 2012;
    5. Tina Sosna: Her voice was a tiny bird flying in the cold winter sky,
      analoge Photographie für Worte in Bildern, 18. Januar 2016
      mit Muse Anna Mai in handmade lingery von Franziska Zuber,
  2. und mit Dudelsäcken:

    1. Cat playing a bagpipe, Book of Hours, Paris ca. 1460.
      Morgan Library & Museum New York, MS M.282, fol. 133v;
    2. Book of Hours, Lyon, ca. 1505–1510, Lyon, Bibliothèque municipale, Ms 6881, fol. 63v;
    3. LeValeur: Spielkatze mit Dudelsack, 2013;
    4. Medieval Beasts and Bestiary Tiles;
    5. Robin Milner: A Cat Came Fiddling,
  3. und noch eins von Dorota Sroka in Exercice de Style. Cabinet de curiosites, 18. Juni 2016.

Soundtrack: Harry S. Miller: The Cat Came Back, 1893 in der Version der allezeit herzwärmenden (und bekennend lesbischen) Anna Roberts-Gevalt und Joe DeJarnette live zu Hause in Baltimore, 2010:

Bonus Track: Das gleiche nochmal mit Text: Rowlf für The Muppets Show, Folge 523, 26. Oktober 1980:

Written by Wolf

6. Januar 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Das Tier & wir, Romantik

Trost der Welt, du stille Nacht

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Update zu Wölfchen Wulffs Weihnachten, Naseweise Weihnachten, Das Gezänk der Weisen und Weihnachten Fibels:

Wir warten aufs Christkind und horchen ein bissel Eichendorff dabei.

Doch, den kann man hören. Allein der nicht gerade endlos lange Einsiedler wurde mindestens 31-mal vertont. Eichendorff bildete dieses Abendlied eines einsamen Menschen, der nach einigen Andeutungen einst zur See gefahren sein mag, dem Lied des Einsiedels in Grimmelshausens Simplicissimus von 1669 nach, der zum Grundwissen des Romantikers gehörte. 1805 konnte er in Des Knaben Wunderhorn die erste Bearbeitung vorfinden. Seine Kenntnis davon ist dadurch belegt, dass Clemens Brentano ihm im Februar 1810 persönlich ein Exemplar geschenkt hat, damit ihm und uns auch ja nichts entgeht.

Das Weihnachtliche an Eichendorffs Version ist, dass nicht mehr eine Nachtigall zum Trost kommen möge, sondern eine stille Nacht — die Eichendorff 1835 schon als Weihnachtslied — von 1818 — bekannt sein mochte.

Schweifreime klingen immer besonders souverän, weil der letzte, der vollständig machende Reim erst im jeweils sechsten Vers ziemlich spät ins Schloss schnappt. Allein oder in Gesellschaft: Fröhliche Weihnachten.

Friedrich Bodenstedt, Initial Der Einsiedler, Album deutscher Kunst und Dichtung, 1877

——— Joseph von Eichendorff:

Der Einsiedler

aus: Geistliche Lieder, 1835, Deutscher Musenalmanach 1837:

Caspar Scheuren, Der Einsiedler, Album deutscher Kunst und Dichtung, 1877Komm, Trost der Welt, du stille Nacht!
Wie steigst du von den Bergen sacht,
Die Lüfte alle schlafen,
Ein Schiffer nur noch, wandermüd‘,
Singt übers Meer sein Abendlied
Zu Gottes Lob im Hafen.

Die Jahre wie die Wolken gehn
Und lassen mich hier einsam stehn,
Die Welt hat mich vergessen,
Da tratst du wunderbar zu mir,
Wenn ich beim Waldesrauschen hier
Gedankenvoll gesessen.

O Trost der Welt, du stille Nacht!
Der Tag hat mich so müd‘ gemacht,
Das weite Meer schon dunkelt,
Laß ausruhn mich von Lust und Not,
Bis daß das ew’ge Morgenrot
Den stillen Wald durchfunkelt.

Bilder:

  1. Friedrich Bodenstedt: Initial aus: Der Einsiedler in: Album deutscher Kunst und Dichtung. Auswahl aus einem Prachtwerk der Gründerzeit, 1877;
  2. Caspar Scheuren: Der Einsiedler in: Friedrich Bodenstedt (Hg.): Album deutscher Kunst und Dichtung, mit Holzschnitten, nach Zeichnungen der Künstler, ausgeführt von R. Brend’amour und Anderen. Vierte, umgearbeitete Auflage. Berlin, Verlag der G. Grote’schen Verlagsbuchhandlung, 1877, Seite 33;
  3. Ludwig Richter: Einsiedels Abendlied mit Text aus: Die guten Meister des deutschen Hauses, Gelber Verlag in Dachau, 1921, Seite 49.

Ludwig Richter, Einsiedels Abendlied, Die guten Meister des deutschen Hauses, 1921

Von Eichendorffs Gedicht zählt The LiederNet Archive 31 Vertonungen auf, von denen fünf tatsächlich auffindbar sind. Am bekanntesten ist Opus 83 Nummer 3 von Robert Schumann, zu Studium und Erbauung wird die längste empfohlen: Der Einsiedler von Max Reger, Opus 144a von 1915. — Chronologisch:

Robert Schumann aus: Drei Gesänge für Singstimme und Klavier, opus 83 Nr. 3, 1850:

Hugo Wolf: Resignation aus: Sechs geistliche Lieder nach Gedichten von Eichendorff, Nr. 3, 1881:

Mex Reger, opus 144a, 1915:

Christian Lahusen:

Felix Wolfes, 1953:

Bonus Track: Tom Waits: Silent Night, aus: SOS United, 1989 – nur als Stiftung für die SOS-Kinderdörfer.

Written by Wolf

24. Dezember 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Glaube & Eifer, Romantik

4. Katzvent: Was ich gebar in Stunden der Begeisterung

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Der Advent 2016 führt uns nicht mehr einfach das künstlerische Schaffen über Katzen vor,
sondern das von Katzen.

Das lyrische Gesamtwerk des Katers Murr

Weltweit zum ersten Mal gesammelt folgen die Gedichte des vortrefflichen Katers Murr, die der Étudiant en belles lettres und Homme de lettres très renommé sich selbst zuschreibt — also nicht, was im Dritten Abschnitt: Die Lehrmonate. Launisches Spiel des Zufalls der Katerchor singt und von Murr aus dem Gedächtnis zitiert wird, und nicht der Ausschnitt aus dem Orlando furioso aus dem Vierten Abschnitt: Erspriessliche Folgen höherer Kultur. Die reiferen Monate des Mannes.

Die Bilder sind die beiden bildnerischen Werke, die uns durch den Ziehvater des historischen Katers Murr überliefert wurden, welch letzterer am 1. Dezember 1821 entschlief, „um zu einem beßern Dasein zu erwachen“: durch den getreuen, noch bis 25. Juni 1822 überlebenden Kammergerichtsrat E.T.A. Hoffmann, und bilden somit ebenfalls ein Gesamtkorpus.

Kater Murr, Skizze 1

——— Kater Murr:

Was ich gebar in Stunden der Begeisterung

Ausschnitte aus: E.T.A. Hoffmann: Lebens-Ansichten des Katers Murr nebst fragmentarischer Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern, Ferdinand Dümmlersche Verlagsbuchhandlung, Berlin, 1819 und 1821:

„Leugnet es nur nicht,“ fuhr der Professor fort, „leugnet es nur nicht, an dem Kleinen dort in der Kammer habt Ihr jene abstrakte Erziehungsmethode versucht, Ihr habt ihn lesen, schreiben gelehrt, Ihr habt ihm die Wissenschaften beigebracht, so daß er sich schon jetzt unterfängt, den Autor zu spielen, ja sogar Verse zu machen.“

„Nun,“ sprach der Meister, „das ist doch in der Tat das Tollste, was mir jemals vorgekommen! – Ich meinen Kater erziehen, ich ihm die Wissenschaften beibringen! – Sagt, was für Träume rumoren in Eurem Sinn, Professor? – Ich versichere Euch, daß ich von meines Katers Bildung nicht das mindeste weiß, die selbe auch für ganz unmöglich halte.“

„So?“ fragte der Professor mit gedehntem Ton, zog ein Heft aus der Tasche, das ich augenblicklich für das mir von dem jungen Ponto geraubte Manuskript erkannte, und las:

„Sehnsucht nach dem Höheren

Ha, welch Gefühl, das meine Brust beweget?
Was sagt dies unruh- – ahnungsvolle Beben,
Will sich zum kühnen Sprung der Geist erheben,
Vom Sporn des mächt’gen Genius erreget?

Was ist es, was der Sinn im Sinne träget,
Was will dem liebesdrangerfüllten Leben
Dies rastlos brennend feurig-süße Streben,
Was ist es, das im bangen Herzen schläget?

Entrückt werd‘ ich nach fernen Zauberlanden,
Kein Wort, kein Laut, die Zunge ist gebunden,
Ein sehnlich Hoffen weht mit Frühlingsfrische,

Befreit mich bald von drückend schweren Banden.
Erträumt, erspürt, im grünsten Laub gefunden!
Hinauf mein Herz! beim Fittich ihn erwische!“

Ich hoffe, daß jeder meiner gütigen Leser die Musterhaftigkeit dieses herrlichen Sonetts, das aus der tiefsten Tiefe meines Gemüts hervorfloß, einsehen und mich um so mehr bewundern wird, wenn ich versichere, daß es zu den ersten gehört, die ich überhaupt verfertigt habe.

„Hoho,“ rief der Meister, „wahrhaftig, das Sonett ist eines Katers vollkommen würdig, aber noch immer verstehe ich nicht Euern Spaß, Professor, sagt mir nur lieber geradezu, wo Ihr hinauswollt.“

Der Professor, ohne dem Meister zu antworten, blätterte im Manuskript und las weiter:

„Glosse

Liebe schwärmt auf allen Wegen,
Freundschaft bleibt für sich allein,
Liebe kommt uns rasch entgegen,
Aufgesucht will Freundschaft sein.

Schmachtend wehe, bange Klagen
Hör‘ ich überall ertönen,
Ob den Sinn zum Schmerz gewöhnen,
Ob zur Lust, ich kann’s nicht sagen,
Möchte oft mich selber fragen,
Ob ich träume, ob ich wache.
Diesem Fühlen, diesem Regen,
Leih ihm, Herz, die rechte Sprache;
Ja, im Keller, auf dem Dache,
Liebe schwärmt auf allen Wegen!

Doch es heilen alle Wunden,
Die der Liebesschmerz geschlagen,
Und in einsam stillen Tagen
Mag, von aller Qual entbunden,
Geist und Herz wohl bald gesunden;
Art’ger Kätzchen los Gehudel,
Darf es auf die Dauer sein?
Nein! – fort aus dem bösen Strudel,
Unterm Ofen mit dem Pudel,
Freundschaft bleibt für sich allein!

Wohl, ich weiß es, widerstehen
Mag man nicht dem süßen Kosen,
Wenn aus Büschen duft’ger Rosen
Süße Liebeslaute wehen.
Will das trunkne Aug‘ dann sehen,
Wie die Holde kommt gesprungen,
Die da lauscht an Blumenwegen,
Kaum ist Sehnsuchts-Ruf erklungen,
Hat sich schnell hinangeschwungen.
Liebe kommt uns rasch entgegen.

Dieses Sehnen, dieses Schmachten
Kann wohl oft den Sinn berücken,
Doch wie lange kann’s beglücken,
Dieses Springen, Rennen, Trachten!
Holder Freundschaft Trieb‘ erwachten,
Strahlten auf bei Hespers Scheine.
Und den Edlen brav und rein,
Ihn zu finden, den ich meine,
Klettr‘ ich über Maur und Zäune,
Aufgesucht will Freundschaft sein.“

In dem Augenblick entstand ein fürchterlicher Lärm. Die Menschen liefen durcheinander, schrien: „Feuer! – Feuer!“ Reuter sprengten durch die Straßen – Wagen rasselten. – Aus den Fenstern eines Hauses, unfern uns, strömten Rauchwolken und Flammen. – Ponto sprang schnell vorwärts, ich aber in der Angst kletterte eine hohe Leiter hinauf, die an ein Haus gelehnt, und befand mich bald auf dem Dache in voller Sicherheit. Plötzlich kam mir – alles so bekannt, so heimisch vor, ein süßes Aroma, selbst wußt‘ ich nicht, von welchen vortrefflichen Braten, wallte in bläulichen Wolken über die Dächer daher, und wie aus weiter – weiter Ferne, im Säuseln des Abendwindes, lispelten holde Stimmen: „Murr, mein Geliebter, wo weiltest du so lange?“ –

„Was ist’s, das die beengte Brust
Mit Wonneschauer so durchbebt,
Den Geist zum Himmel hoch erhebt,
Ist’s Ahnung hoher Götterlust?
Ja – springe auf, du armes Herz,
Ermut’ge dich zu kühnen Taten,
Umwandelt ist in Lust und Scherz
Der trostlos bittre Todesschmerz,
Die Hoffnung lebt – ich rieche Braten!“

So sang ich und verlor mich, des entsetzlichen Feuerlärms nicht achtend, in die angenehmsten Träume! Doch auch hier auf dem Dache sollten mich noch die schreckhaften Erscheinungen des grotesken Weltlebens, in das ich hineingesprungen, verfolgen. Denn ehe ich mir’s versah, stieg aus dem Rauchfange eines jener seltsamen Ungetüme empor, die die Menschen Schornsteinfeger nennen. Kaum mich gewahrend, rief der schwarze Schlingel: „Husch Katz!“ und warf den Besen nach mir.

„Ha,“ rief ich, „zu ihr hinauf aufs Dach! – Ha, ich werde sie wiederfinden, die süße Huldin, da, wo ich sie zum erstenmal erblickte, aber singen soll sie, ja singen, und bringt sie nur eine einzige falsche Note heraus, dann ist’s vorbei, dann bin ich geheilt, gerettet.“ Der Himmel war heiter, und der Mond, bei dem ich der holden Miesmies Liebe zugeschworen, schien wirklich, als ich auf das Dach stieg, um sie zu erlauern. Lange gewahrte ich sie nicht, und meine Seufzer wurden laute Liebesklagen.

Ich stimmte endlich ein Liedlein an im wehmütigsten Ton, ungefähr folgendermaßen:

„Rauschende Wälder, flüsternde Quellen,
Strömender Ahnung spielende Wellen,
Mit mir o klaget!
Saget, o saget!
Miesmies, die Holde, wo ist sie gegangen,
Jüngling in Liebe, Jüngling, wo hat er
Miesmies, die süße Huldin, umfangen?
Tröstet den Bangen.
Tröstet den gramverwilderten Kater!
Mondschein, o Mondschein,
Sag‘ mir, wo thront mein
Artiges Kindlein, liebliches Wesen!
Wütender Schmerz kann niemals genesen!
Trostloser Liebender kluger Berater,
Eil‘ ihn zu retten
Von Liebesketten,
Hilf ihm, o hilf dem verzweifelnden Kater.“

Seht ein, geliebter Leser, daß ein wackerer Dichter weder sich im rauschenden Walde befinden, noch an einer flüsternden Quelle sitzen darf, ihm strömen der Ahnung spielende Wellen doch zu, und in diesen Wellen erschaut er doch alles, was er will, und kann davon singen, wie er will.

Hier sind die Verse, die meinen Zustand, sowie den Übergang von Leid zur Freude mit poetischer Kraft und Wahrheit schildern.

„Was wandelt, horch! durch finstre Räume,
In öder Keller Einsamkeit?
Was ruft mir zu: ‚Nicht länger säume!‘
Wes Stimme klagt ein herbes Leid?
Dort liegt der treue Freund begraben,
Nach mir verlangt sein irrer Geist.
Mein Trost soll ihn im Tode laben,
Ich bin’s, der Leben ihm verheißt!

Doch nein! – das ist kein flücht’ger Schatten,
Der solche Töne von sich gibt!
Sie seufzen nach dem treuen Gatten,
Nach ihm, der noch so heiß geliebt!
In alte Liebesketten fallen,
Rinaldo will’s, er kehrt zurück,
Doch wie! – schau‘ ich nicht spitze Krallen?
Nicht eifersücht’gen Zornes Blick?

Sie ist’s – die Frau! – wohin entfliehen! –
Ha! welch Gefühl bestürmt die Brust.
Im keuschen Schnee der Jugend blühen
Seh‘ ich des Lebens höchste Lust.
Sie springt, sie naht, und immer heller
Wird’s um mich Hochbeglückten her.
Ein süßer Duft durchweht den Keller,
Die Brust wird leicht, das Herz wird schwer.

Der Freund gestorben – sie gefunden –
Entzücken! – Wonne! – bittrer Schmerz!
Die Gattin – Tochter – neue Wunden! –
Ha! – sollst du brechen, armes Herz?
Doch kann den Sinn wohl so betören
Ein Trauermahl, ein lust’ger Tanz?
Nein – diesem Treiben muß ich wehren,
Mich blendet nur ein falscher Glanz.

Hinweg, ihr eitlen Truggebilde,
Gebt höherm Streben willig Raum!
Gar manches führt die Katz im Schilde,
Sie liebt, sie haßt und weiß es kaum.
Kein Ton, kein Blick, senkt eure Augen,
O Mina, Miesmies, falsch Geschlecht!
Verderblich Gift, nicht will ich’s saugen,
Ich flieh‘, und Muzius sei gerächt.

Verklärter! – ja, bei jedem Braten,
Bei jedem Fisch gedenk‘ ich dein!
Denk‘ deiner Weisheit, deiner Taten,
Denk‘ Kater ganz wie du zu sein.
Gelang es hünd’schem Frevelwitze
Dich zu verderben, edler Freund,
So trifft die Schmach blutgier’ge Spitze,
Es rächet dich, der um dich weint.

So flau, so jammervoll im Busen
War mir’s, ich wußte gar nicht wie,
Doch hoher Dank den holden Musen,
Dem kühnen Flug der Phantasie.
Mir ist jetzt wieder leidlich besser,
Spür‘ gar nicht g’ringen Appetit,
Bin Muzius gleich ein wackrer Esser
Und ganz in Poesie erglüht.

Ja Kunst! du Kind aus hohen Sphären,
Du Trösterin im tiefsten Leid,
O! – Verslein laß mich stets gebären
Mit genialer Leichtigkeit.
Und: ‚Murr‘, so sprechen edle Frauen,
Hochherz’ge Jünglinge, ‚o Murr;
Du Dichterherz, ein zart Vertrauen
Weckt in der Brust dein süß Gemurr!'“

Die Wirkung des Versleinmachens war zu wohltätig, ich konnte mich nicht mit diesem Gedicht begnügen, sondern machte mehre hintereinander mit gleicher Leichtigkeit, mit gleichem Glück. Die gelungensten würd‘ ich hier dem geneigten Leser mitteilen, hätte ich nicht im Sinn, dieselben nebst mehreren Witzwörtern und Impromptus, die ich in müßigen Stunden angefertigt, und über die ich schon beinahe vor Lachen bersten mögen, unter dem allgemeinen Titel: „Was ich gebar in Stunden der Begeisterung“ herauszugeben.

Da schwankte die Glaskugel hin und her, und ein melodischer Ton ließ sich vernehmen, wie wenn Windeshauch leise hinstreift über die Saiten der Harfe. Aber bald wurde der Ton zu Worten:

„Noch ist Leben nicht dahin,
Trost und Hoffnung nicht verschwunden,
Was vermag der frömmste Sinn,
Hält ihn schwerer Eid gebunden?
Meister! Mut! – du wirst gesunden,
Blick‘ auf zu der Dulderin,
Die da heilt die tiefsten Wunden,
Bittrer Schmerz bringt dir Gewinn.“

„O du barmherziger Himmel,“ lispelte der Alte mit bebenden Lippen, „sie ist es selbst, die zu mir spricht von dem hohen Himmel herab; sie wandelt nicht mehr unter den Lebendigen!“ – Da ließ sich jener melodische Ton abermals vernehmen, und noch leiser, noch entfernter erklangen die Worte:

„Nicht erfaßt der bleiche Tod,
Die im Herzen Liebe tragen;
Dem glänzt noch das Abendrot,
Der am Morgen wollt‘ verzagen.
Bald kann dir die Stunde schlagen,
Die entreißt dich aller Not;
Zu vollbringen magst du wagen,
Was die ew’ge Macht gebot.“

Stärker anschwellend und wieder verhallend, lockten die süßen Töne den Schlaf herbei, der den Alten einhüllte in seinen schwarzen Fittich. Aber in dem Dunkel ging strahlend wie ein schöner Stern der Traum vergangenen Glücks auf, und Chiara lag wieder an des Meisters Brust, und beide waren wieder jung und selig, und kein finstrer Geist vermochte den Himmel ihrer Liebe zu trüben. –

– Hier hat, wie der Herausgeber es dem geneigten Leser bemerklich machen muß, der Kater wieder ein paar Makulaturblätter ganz weggerissen, wodurch in dieser Geschichte voller Lücken wiederum eine Lücke entstanden. Nach der Seitenzahl fehlen aber nur acht Kolumnen, die eben nichts besonders Wichtiges enthalten zu haben scheinen, da das Folgende sich im ganzen noch so ziemlich an das Vorhergegangene reiht.

Kater Murr, Skizze 2

Soundtrack: Katzenjammer featuring Ben Caplan und The Trondheim Soloists mit der Mutter all derer Weihnachtslieder, die man ganzjährig singen darf: dem Pogues-Klopfer Fairytale of New York aus If I Should Fall from Grace with God, 1987, 2012:

Written by Wolf

23. Dezember 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Das Tier & wir, Romantik

3. Katzvent: Die Katze als Subjekt der bildenden Kunst

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Der Advent 2016 führt uns nicht mehr einfach das künstlerische Schaffen über Katzen vor,
sondern das von Katzen.

Update zu The Watercolors of the Astrokater und
zum 3. Katzvent 2015: Und ich singe was ich fühle:

  1. ——— Michael Mathias Prechtl:

    Astrokater Schrodinger

    aus der Galerie berühmter Katzen aus Literatur und Malerei, 1997, in: E.T.A. Hoffmann: Lebensansichten des Katers Murr Nebst fragmentarischer Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern, Büchergilde Gutenberg, Frankfurt am Main 1997:

    Michael Mathias Prechtl, Astrokater Schrodinger aus der Galerie berühmter Katzen aus Literatur und Malerei, 1997, in E.T.A. Hoffmann, Lebensansichten des Katers Murr Nebst fragmentarischer Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern, Büchergilde Gutenberg, Frankfurt am Main 1997

    Die beste amerikanische Astronautin, Amanda Jaworski, anerkannte Physikerin, Expertin in Atomphysik, Strahlenkunde, Astronomie, Geologie und Photometrie hat ihren Kater Schrodinger benannt, nach dem Physiker und Philosophen Erwin Schrödinger, der mit seinem theoretischen Experiment der “Katze im Kasten” berühmt wurde. Amerikaner leugnen die Notwendigkeit von Pünktchen auf dem o und anderswo, so daß sich der arme Schrödinger unnötig schnöde verödet vokalisiert vorkommen muß. Kater Schrodinger verschluckt zwei vom Subpartikel Tachyon verlorene Evolutionsmoleküle, fängt an zu zeichnen (ausschließlich Amandas Füße) und wird von den blauen Robotern zum Planeten Epsilon Erdani entführt, vierzig Millionen Lichtjahre von der Erde entfernt. Amanda, die mit ihrem Raumschiff zum Mars fliegen soll, ändert ihren Kurs dahin, um ihren geliebten Kater zu retten.

    Wem dies alles wie Science ichweißnichtwas vorkommt, der liegt richtig, aber um die wunderbare Story zu durchschauen, muß er unbedingt Carol Hills dickes Buch lesen, mindestens zweimal.

    Ein Kater in einem dicken, physikbeschwipsten Roman von einer Frau über eine Frau für Frauen, der malen kann. Prechtl stellt ihn in einem klassischen Motivdreieck dar, als deren wichtigste Ecke die links untere mit dem Frauenportrait erscheint: Die Frau schaut versonnen zu, wie ihr geliebter und liebender Kater ihren Fuß abbildet — den Teil an ihr, den er als Fußbodenbewohner am häufigsten zu Gesicht bekommt. Dabei sieht sie so glücklich aus, wie man sich Frauen wünscht, mit denen man zusammenlebt: Sie fühlt sich durch Kater Schrodingers Blick gewertschätzt und wertschätzt zurück. Ob auch in einer Astronautin noch das alte, anerkennungsbedürftige kleine Mädchen steckt?

    Prechtl und der Kater zeigen uns in einer Allegorie einen glückhaften Vorgang. Empfohlen sei an dieser Stelle überhaupt auch uns, die wir mit weniger als vier Beinen auskommen müssen, unserem Lieblingsmenschen in allen Wortsinnen die Füße zu malen. Ihm die Zehennägel zu lackieren, um seine Schönheit zu erhöhen, ist ein im besten Sinne intimer, verbindender Moment; mit Bleistift und anderen Zeichen- oder Maltechniken ein getreues Abbild seiner Füße zu schaffen, hilft ihn verstehen. Die oben wiedergegebene „Amanda Jaworski“ zum Beispiel verfügt über griechische Zehen wie die Göttinnen der griechischen Mythologie und damit offenbar über besondere Stärke, Intelligenz und erotische Anziehungskraft. Der Kater weiß das.

  2. Der Abessinierkater Rusty aus Edinburgh malt gern im Stil des unfigurativen Impressionismus.

    Der Abessinierkater Rusty aus Edinburgh malt gern im Stil des unfigurativen Impressionismus, Kater Paul, 31. Dezember 2010

  3. Diese Zeichnung von Mike Twohy aus dem New Yorker dokumentiert dagegen die skulpturelle Betätigung einer Wohnungskatze mit einem vorhandenen Gegenstand. Sein Werk ist einer Kunstrichtung zuzuordnen, die man artifizielle Metamorphose nennen könnte.

    Diese Zeichnung von Mike Twohy aus dem New Yorker dokumentiert dagegen die skulpturelle Betätigung einer Wohnungskatze mit einem vorhandenen Gegenstand. Sein Werk ist einer Kunstrichtung zuzuordnen, die man artifizielle Metamorphose nennen könnte, Kater Paul, 31. Dezember 2010

  4. Ich selbst (im Bildhintergrund) arbeite schon seit langem unter dem Arbeitstitel Miezkunstwerk an der kompletten künstlerischen Umgestaltung unserer Mietwohnung.

    Ich selbst im Bildhintergrund arbeite schon seit langem unter dem Arbeitstitel Miezkunstwerk an der kompletten künstlerischen Umgestaltung unserer Mietwohnung, Kater Paul, 31. Dezember 2010

    Die Bilder 2 bis 4 wurden zuerst dokumentiert vom Kater Paul in: Katzen sind Künstler, 31. Dezember 2010. Das fünfte auch. Immer wieder danke für die stete Anregungen, o kluger Miez!

  5. ——— Robert Gernhardt:

    Es ist ein Maus entsprungen:

    aus: Hier spricht der Dichter. 120 Bildgedichte, Haffmans Verlag, Zürich 1985:

    Die Katze träumt vom Weihnachtsfest,
    wogegen sich nichts sagen läßt,
    enthielte nicht ihr Weihnachtstraum
    auch diesen Katzenweihnachtsbaum:

    Robert Gernhardt, Es ist ein Maus entsprungen

Soundtrack: Welpen als Subjekte der Klangkunst:
G. Berthold, i. e. Robert Lucas Pearsall:
Duetto buffo di due gatti, 1825,
Kompilation aus Gioacchino Rossini: Otello, 1816,
in einer, weil man sich diskutierende Katzen spontan eher jungisch vorstellt, angemessen verspielten Version von ungenannten Solisten des Coro del Liceo Franco Mexicano im Palacio de Bellas Artes, 2010:

Written by Wolf

16. Dezember 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Das Tier & wir, Romantik

Und wenn’s im Rücken mal weh tut, wird jede Bewegung zur Qual

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Update zu Welcome, proud Mary:

William Edward Frank Britten, Mariana, 1899Wer je von dem typischen Leiden aller Hochgewachsenen, Sportabstinenten und erblich Vorbelasteten befallen war, der Lumbago – also so ziemlich jeder –, wird das vorliegende ausgeklügelte Flechtwerk von Bild, Text, Musik, Reflexion und Verlinkungen verstehen.

Ausgenommen den Teil von Ernst Fuhrmann, und hiervon wiederum ausgenommen den zweiten zitierten Absatz. Und dass man in den Quellennachweisen des mehr als zurechnungsfähigen Raben — hier: des Zwanziger-Jahre-Raben von anno 1983 — die Impfgegnerschaft noch in aller Unschuld als „aufregende denkerische Entdeckung“ bestaunen konnte. Danach greift wieder der zweite Absatz. Oder aus dem ersten Absatz das ganz und gar nicht rhetorische: „Was aber ist die Wahrheit?“

Wenn man das wüsste. Bei Kreuzweh darf man sich ja nicht mal zum Nachdenken hinlegen, dafür ist es seinerseits eine sehr unmittelbar, ja geradezu intravenös einleuchtende Kur für Impfgegner.

She only said, „My life is dreary,
       He cometh not,“ she said;
She said, „I am aweary, aweary,“
       I would that I were dead!“

Alfred Lord Tennyson: Mariana, 1830
für John Everett Millais: Mariana, 1851.

Mariana in: Measure for Measure, 1604,
Act IV, Scene 1, verse 1801 ff.: The moated grange at St. Luke’s:

Break off thy song, and haste thee quick away:
Here comes a man of comfort, whose advice
Hath often still’d my brawling discontent.
[Exit Boy]
[Enter Duke Vicentio disguised as before]
I cry you mercy, sir; and well could wish
You had not found me here so musical:
Let me excuse me, and believe me so,
My mirth it much displeased, but pleased my woe.

——— Ernst Fuhrmann:

Zweifel

Das zweite Heft

aus: Zeitschrift Zweifel, 1. Jahrgang, Nr. 1, 1. März 1926, erstmal wieder wieder nachgedruckt in: Der Rabe. Magazin für jede Art von Literatur 2, einzige Auflage, Haffmans Verlag, Zürich, März 1983, Seite 12, „wobei sich der Untertitel dem Anlaß entsprechend angepaßt hat. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags Wilhelm Arnoldt, Allhornstieg, 200 Hamburg 67 — dort lieferbar von Fuhrmann: 9 von 10 geplanten Bänden Neue Wege, eine aufregende denkerische Entdeckung.

Alles weitere über den Zweifel in: Schuldt, Zweifel. Köln: DuMont 1967.“

John Everett Millais, Mariana, 1851Eine Reihe großer Denker fand die Bakterien und nach und nach die sämtlichen Gegenmittel der Impfung. Dummheit ist die Erbsünde, und man kann durchaus annehmen, daß diese Denker im besten Glauben gehandelt haben. So sicher, daß darauf chemische Industrien aufgebaut werden konnten. Man bedenke alles, was die Impfgegner und anderen Lager gegen die künftigen Zwangsimpfungen mit Salvarsan usw. schreiben, sie haben in mancher Hinsicht Recht, aber mit großen Argumenten kommt keiner. Was aber ist die Wahrheit? Man hat keine Ahnung, wie weit die Einflüsse der Menschen aufeinander durch körperliche Annäherung und Berührung gehen. Man propagiert dauernd die Notwendigkeit, daß sich die Völker und Menschen, die verschiedene Entwicklung gehabt haben, kennen lernen, daß eine große Vermischung entsteht und aus dieser für jeden ein Gewinn an Fähigkeiten, an Verfeinerung der Gefühle, der Wahrnehmungen usw. Dieser Autausch ist im Gange und niemand wird ihn aufhalten. Jeder reagiert auf das Fremde in seiner Weise. Ja, es gibt auch langwierige körperliche Reaktionen, durch die der Körper erst verändert wird, denn mit einem unveränderten Körper kann niemand anders denken. Und nun, da die Folgen verschiedener Berührungen sich zeigen, will man sie wegimpfen.

Ich zweifle nicht, daß man alles, was jetzt in unserem Lande geschieht, schon nach zwanzig Jahren wie die merkwürdigsten Verirrungen irgndwelcher Eingeborenen verstehen, aber auch verspotten darf; aber ich möchte versuchen, bevor ich größere Ergebnisse von Forschungen vorlegen kann, doch schon hier und da auszuplaudern, wie weit Zweifel führen können.

Falsche Haltung bei Rückenschmerzen: W. E. F. Britten (1848 oder 1857–1916): Illustration für Tennysons Mariana, 1899, aus: John Churton Colling (Hg.): The Early Poems of Alfred Lord Tennyson, Edited with a Critical Introduction, Commentaries and Notes, together with the Various Readings, a Transcript of the Poems Temporarily and Finally Suppressed and a Bibliography by John Churton Collins. With ten illustrations in Photogravure by W. E. F. Britten. Methuen & Co. 36 Essex Street W. C. London, 1901;
Suchbild: Wo ist die Maus?: John Everett Millais: Mariana, 1851, Öl auf Mahagoniholz, 59,7 cm × 49,5 cm, Tate Gallery, London.

Wenn’s im Rücken mal weh tut: Element of Crime: Ein Hotdog unten am Hafen,
aus: Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe, 2008:

Written by Wolf

11. Dezember 2016 at 00:01

Vincent’s favorite author

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Best moment in Vincent is when Vincent Price says: „You’re not Vincent Price.“

——— Tim Burton:

Vincent

1982:

Vincent Malloy is seven years old,
He’s always polite and does what he’s told.
For a boy his age he’s considerate and nice,
But he wants to be just like Vincent Price.
He doesn’t mind living with his sister, dog and cat,
Though he’d rather share a home with spiders and bats.
There he could reflect on the horrors he’s invented,
And wander dark hallways alone and tormented.
Vincent is nice when his aunt comes to see him,
But imagines dipping her in wax for his wax museum.
He likes to experiment on his dog Abercrombie,
In the hopes of creating a horrible zombie.
So he and his horrible zombie dog,
Could go searching for victims in the London fog.
His thoughts aren’t only of ghoulish crime,
He likes to paint and read to pass the time.
While other kids read books like Go Jane Go,
Vincent’s favorite author is Edgar Allen Poe.
One night while reading a gruesome tale,
He read a passage that made him turn pale.
Such horrible news he could not survive,
For his beautiful wife had been buried alive.
He dug out her grave to make sure she was dead,
Unaware that her grave was his mother’s flower bed.
His mother sent Vincent off to his room,
He knew he’d been banished to the tower of doom.
Where he was sentenced to spend the rest of his life,
Alone with a portrait of his beautiful wife.
While alone and insane, encased in his tomb,
Vincent’s mother suddenly burst into the room.
„If you want to you can go outside and play.
It’s sunny outside and a beautiful day.“
Vincent tried to talk, but he just couldn’t speak,
The years of isolation had made him quite weak.
So he took out some paper, and scrawled with a pen,
„I am possessed by this house, and can never leave it again.“
His mother said, „You’re not possessed, and you’re not almost dead.
These games that you play are all in your head.
You’re not Vincent Price, you’re Vincent Malloy.
You’re not tormented or insane, you’re just a young boy.“
„You’re seven years old, and you’re my son,
I want you to get outside and have some real fun.“
Her anger now spent, she walked out through the hall,
While Vincent backed slowly against the wall.
The room started to sway, to shiver and creak.
His horrid insanity had reached its peak.
He saw Abercrombie his zombie slave,
And heard his wife call from beyond the grave.
She spoke from her coffin, and made ghoulish demands.
While through cracking walls reached skeleton hands.
Every horror in his life that had crept through his dreams,
Swept his mad laugh to terrified screams.
To escape the madness, he reached for the door,
But fell limp and lifeless down on the floor.
His voice was soft and very slow,
As he quoted The Raven from Edgar Allen Poe,
„And my soul from out that shadow that lies floating on the floor,
Shall be lifted—nevermore!“

——— Tim Burton:

Vincent

1982:

Vincent Malloy ist sieben Jahre alt,
Ein höflicher Junge, der tut was man sagt.
Man lobt sein Benehmen und rühmt seinen Fleiß,
Doch am liebsten wär er wie Vincent Price.
Mit Schwester, Hund und Katzen zu leben macht ihm nichts aus,
Doch lieber lebt er zusammen mit Spinne und Fledermaus.
Ungestört könnt er dann neue Monster entdecken,
Und wandeln in dunklen Gängen und finstren Ecken.
Zu seiner Tante ist Vincent immer sehr nett,
Doch im Geist taucht er sie in Wachs, für sein Figurenkabinett.
Er experimentiert mit seinem Hund Abercrombie,
In der Hoffnung, ihm gelänge ein furchtbarer Zombie.
So manches Opfer müsste erbleichen,
Sähe es beide durch Londons Nebel schleichen.
Er hat jedoch nicht nur Schauriges im Sinn,
manche Stunde sieht man beim Malen und Lesen ihn.
Andere Kinder macht man mit Märchen froh,
Doch Vincent bevorzugt Geschichten von Edgar Allan Poe.
Eines Nachts hat er wieder eine Gruselgeschichte gelesen
und ist dann vor Schrecken ganz blass gewesen:
Was er da las, konnt er unmöglich ertragen,
Denn man hatte seine schöne Frau lebendig begraben.
Vielleicht konnt er sie retten, noch war nichts zu spät,
Er merkte es nicht, ihr Grab war Mutters Blumenbeet.
Die Mutter bestrafte ihn mit Hausarrest,
Und Vincent wusste, er saß im Turm der Verdammnis fest.
Für den Rest seines Lebens im Verlies,
Mit dem Bild seiner Frau ihn alleine ließ.
Vor Qual und Gram verlor er fast den Verstand,
Als Vincents Mutter plötzlich im Zimmer stand.
Sie sagte: „Wenn du willst, kannst du zum Spielen rausgehn,
Die Sonne scheint, der Tag ist wunderschön.“
Vincent wollte sprechen, doch er war zu geschwächt,
Nach den Jahren der Haft ging es ihm wirklich schlecht.
Er fand einen Zettel und nahm einen Stift,
„Dies Haus hält mich gefangen“, schrieb er in krakliger Schrift.
Seine Mutter sagte: „Du bist nicht gefangen und stumm warst du nie,
All diese Spiele sind nur Fantasie.
Du bist nicht Vincent Price, wer hat dir das erzählt?
Du bist Vincent Malloy, und du wirst nicht gequält.
Du bist sieben Jahre alt, und du bist mein Sohn,
Geh raus und amüsier dich, die andern warten schon.“
Sie war nicht mehr böse und ließ ihn allein,
Doch das sollte Vincents Untergang sein.
Denn plötzlich bebte und schwankte das Zimmer,
Sein schrecklicher Wahn, der wurd immer schlimmer!
Ihm erschien sein Zombiehund Abercrombie,
Derweil seine Frau aus dem Grab nach ihm schrie.
Sie schrie aus dem Jenseits, und aus krachenden Wänden
Griff man nach Vincent mit Knochenhänden!
Jeder Schrecken, den er in seinen Träumen erdacht,
Suchte ihn heim mit aller Macht.
Er griff nach der Tür, um dem Wahn zu entkommen,
Doch fiel er zu Boden, kraftlos und benommen.
Und mit sterbender Stimme zitiert dort der Knabe,
Aus Edgar Allan Poes Gedicht „Der Rabe“:
„Doch vom Boden erheben wird sich aus dem Schatten schwer,
Meine Seele — nimmermehr.“

Image via Odd Film Stills, 2014.

Tim Burton, Vincent, 1982, opening credit

Written by Wolf

1. November 2016 at 01:01

Veröffentlicht in Romantik, Vier letzte Dinge: Tod

And all I got’s a pocketful of flowers on my grave

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Update zu The Raven und der Rabe,
was übrig blieb von grünem leben und
Damit du siehst, wie leicht sich’s leben läßt:

EJN jglichs hat seine zeit / Vnd alles fürnemen vnter dem Himel hat seine stund. Geborn werden / Sterben / Pflantzen / Ausrotten das gepflantzt ist / Würgen / Heilen / Brechen / Bawen Weinen / Lachen / Klagen / Tantzen Stein zestrewen / Stein samlen / Hertzen / Fernen von hertzen Suchen / Verlieren / Behalten /Wegwerffen / Zureissen / Zuneen / Schweigen / Reden / Lieben / Hassen / Streit / Fried / hat seine zeit. MAN erbeit wie man wil / So kan man nicht mehr ausrichten / Wenn das stündlin nicht da ist / so richt man nichts aus / man thu wie man wil / Wens nicht sein sol / so wird nichts draus.

Annemarie, Schlossgarten Erlangen, August 1993, VerlagswerbungDu bist ein Schatten am Tage,
Und in der Nacht ein Licht;
Du lebst in meiner Klage,
Und stirbst im Herzen nicht.

Wo ich mein Zelt aufschlage,
Da wohnst du bei mir dicht;
Du bist mein Schatten am Tage,
Und in der Nacht mein Licht.

Wo ich auch nach dir frage,
Find‘ ich von dir Bericht,
Du lebst in meiner Klage,
Und stirbst im Herzen nicht.

Du bist ein Schatten am Tage,
Doch in der Nacht ein Licht;
Du lebst in meiner Klage,
Und stirbst im Herzen nicht.

Fern aber, dunkel vor dem klaren Ausgang,
stand irgend jemand, dessen Angesicht
nicht zu erkennen war. Er stand und sah,
wie auf dem Streifen eines Wiesenpfades
mit trauervollem Blick der Gott der Botschaft
sich schweigend wandte, der Gestalt zu folgen,
die schon zurückging dieses selben Weges,
den Schritt beschränkt von langen Leichenbändern,
unsicher, sanft und ohne Ungeduld.

Annemarie, Schlossgarten Erlangen, August 1993

Annemarie „Barfuß“ Srb, * 20. April 1962, † 8. Oktober 1993,
am Samstag, 14. oder 21. August 1993, im Erlanger Schlossgarten.

Annemarie hat mir viel gezeigt. Das fängt mit ihrer unsäglich verkrakelten Handschrift an und hört mit der Demo-Kassette von Fiddler’s Green 1991 noch lange nicht auf.

Fiddler’s Green leben noch und sind aus Erlangen, wo Annemarie in der mittlerweile erloschenen Buchhandlung Theodor Krische Wissenschaftliche Buchhändlerin war und ich studiert hab. Nebenbei hat sich Annemarie als Photomodell für die Kurse an der Erlanger Volkshochschule verdingt. Ein Model war mal Fan von mir, eigentlich kann ich beruhigt sterben. In dem Tag, an dem wir uns 30 Stunden Zeit füreinander nahmen, wollten wir alles unterbringen, was wir wollten. Ich wollte ihr das Buch überreichen, das ich ihr geschrieben hatte, sie als Lesende portraitieren und hinterher feste einen heben. Etwas wesentlich anderes wollte sie auch nicht.

Annemarie, Schlossgarten Erlangen, August 1993Zur Lesenden hab ich ihr nicht das Buch von mir, sondern meine einbändige englische Poe-Ausgabe in die Hand gedrückt. Erst war sie nach vielen Jahren wieder hin und weg, wie gut The Raven überhaupt ist, dann fiel uns ein, dass unlängst Fiddler’s Green auf ihrer ersten CD — 1993 einem noch recht frischen Medium — das letzte Gedicht von Poe, die Annabel Lee vertont hatten. Mit verhunztem Text, damit er auf die Melodie passt, aber wer auf seinem ersten Auftritt am Heiligabend von null auf hundert den Nürnberger Kunstverein dermaßen rocken kann, hat sogar Poe gegenüber ein paar Freiheiten gut.

Die Demo-Kassette der Fiddlers war uns in exklusiver Weise frühzeitig bekannt geworden, weil die damalige Musikszene der Metropolregion Nürnberg praktisch geschlossen in Erlangen studierte und bei Annemarie Stammkundschaft war (wie ich ja behaupte, dass J.B.O. ihr „Nilschwein„, verwendet seit 1996 auf Explizite Lyrik, nach dem Holzspielzeug-Viech auf Annemariens Dienstschreibtisch benannt haben). Eine vorläufige Unplugged-Version von ihrer Annabel Lee war da schon drauf. Und: Ja: Es war mir aufgefallen, dass „Annabel Lee“ ohne metrischen oder inhaltlichen Verlust durch „Annemarie“ substituierbar ist.

Entgegen seiner sonstigen Gewohnheit, eine autorisierte Version freizugeben, hat Poe von seinem letzten großen Gedicht Annabel Lee Manuskripte in verschiedenen Versionen in Umlauf gebracht, was die Veröffentlichungsgeschichte nicht gerade vereinfacht. So wichtig war ihm sein ahnungsvolles letztes Gedicht. Ich bringe eine der Versionen, die das Komma in „For the moon never beams without bringing me dreams“, das ich für ein Unding halte, weglässt und mit „In her tomb by the side of the sea“ statt „In her tomb by the sounding sea“ endet, weil Hans Wollschläger in seiner einzig wahren Übersetzung das erstere verwendet. Als Internet-Premiere folgt der zuverlässige Text, nach der Gesamtausgabe korrigiert — wie im Fall von The Raven sinnvollerweise verkleinert, damit der Direktvergleich in die Weblog-Spalte passt.

Nach unseren 30 Sonnenstunden hatte Annemarie keine zwei Monate mehr zu leben.

Annemarie, Schlossgarten Erlangen, August 1993

——— Edgar Allan Poe:

Annabel Lee

in: New York Daily Tribune, 9. Oktober 1849:

It was many and many a year ago,
     In a kingdom by the sea,
That a maiden there lived whom you may know
     By the name of Annabel Lee;
And this maiden she lived with no other thought
     Than to love and be loved by me.

I was a child and she was a child,
     In this kingdom by the sea,
But we loved with a love that was more than love—
     I and my Annabel Lee—
With a love that the wingèd seraphs of Heaven
     Coveted her and me.

And this was the reason that, long ago,
     In this kingdom by the sea,
A wind blew out of a cloud, chilling
     My beautiful Annabel Lee;
So that her highborn kinsmen came
     And bore her away from me,
To shut her up in a sepulchre
     In this kingdom by the sea.

The angels, not half so happy in Heaven,
     Went envying her and me—
Yes!—that was the reason (as all men know,
     In this kingdom by the sea)
That the wind came out of the cloud by night,
     Chilling and killing my Annabel Lee.

But our love it was stronger by far than the love
     Of those who were older than we—
     Of many far wiser than we—
And neither the angels in Heaven above
     Nor the demons down under the sea
Can ever dissever my soul from the soul
     Of the beautiful Annabel Lee;

For the moon never beams without bringing me dreams
     Of the beautiful Annabel Lee;
And the stars never rise, but I feel the bright eyes
     Of the beautiful Annabel Lee;
And so, all the night-tide, I lie down by the side
     Of my darling—my darling—my life and my bride,
     In her sepulchre there by the sea—
     In her tomb by the side of the sea.

——— Edgar Allan Poe:

Annabel Lee

deutsch von Hans Wollschläger in: Werke IV, Walter Verlag 1973:

Es war vor so manchem und manchem Jahr
     in dem Seereich, nicht weit von hie,
daß ein Mädchen dort lebte, wunderbar,
     mit Namen Annabel Lee: –
und dies Mädchen, es lebte dem einzigen Sinn,
     mich zu lieben, wie ich liebte sie.

Sie war ein Kind und ich war ein Kind
     in dem Seereich, nicht weit von hie,
doch uns einte, was mehr noch als Liebe war, –
     mich und lieb Annabel Lee –
und so blickten am Ende die Seraphim selber
     begehrlich auf mich und sie.

Und dies war der Grund, daß vor langer Zeit
     in dem Seereich, nicht weit von hie,
ein Windschauer gellte aus Wolken bei Nacht
     und traf meine Annabel Lee;
so daß die erlauchte Verwandtschaft kam
     und trug hinweg mir sie,
zu schließen sie tief in ein Grabgemach
     in dem Seereich, nicht weit von hie.

Die Engel, nicht halb so glücklich im Himmel,
     warn neidisch auf mich und sie: –
Ja! das war der Grund (wie ein jeder weiß
     in dem Seereich, nicht weit von hie),
daß bei Nacht aus den Wolken der Windschauer gellend
     entseelt‘ meine Annabel Lee.

Unsre Liebe aber war stärker noch
     als die Liebe der Älteren, die
     viel weiser immer denn ich und sie, –
und nimmer solln Engel im Himmel hoch
     noch Dämonen darunten hie
abtrennen können mein Seel‘ von der Seel‘
     meiner lieblichen Annabel Lee.

Denn der Mond mir nicht blinkt, ohn‘ dass Träume er bringt
     von der lieblichen Annabel Lee;
in den Sternen gewahr ich die Augen klar
     meiner lieblichen Annabel Lee;
und so lieg alle Nachtzeit ich wachend zur Seit‘
meiner Lieb‘, der ich lebte, die einst ich gefreit,
     in dem Grabe, nicht weit von hie –
     in der Gruft, nicht weit von hie.

Annemarie, Schlossgarten Erlangen, August 1993

Vertonung mit angeglichenem Text: Fiddler’s Green auf: Fiddler’s Green, 1992:

Bonus Track: Hubert von Goisern und die Original Alpinkatzen: Weit, weit weg, aus: Aufgeigen stått niederschiassen, 1992, damals noch featuring die unschlagbare Alpine Sabine und Reinhard Stranzinger mit einem der Gitarrensoli des 20. Jahrhunderts, die überleben werden, live in der Kaltenberg-Arena 1994:

Übrigens waren wir gar nicht bei den Fiddlers am Heiligabend im Kunstverein. Annemarie hat mir viel gezeigt, für noch mehr war keine Zeit; seitdem unterteile ich die Zeitrechnung in vor und nach dem 8. Oktober 1993. Bei Hubert von Goisern in Kaltenberg war sie schon tot.

Annemarie, Schlossgarten Erlangen, August 1993

Written by Wolf

7. Oktober 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Vier letzte Dinge: Tod

Wein-Lese

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Update zu Einige Reste Wein und
Ich trinke ein Glas Burgunder!:

Gut! wenn ich wählen soll, so will ich Rheinwein haben.
Das Vaterland verleiht die allerbesten Gaben.

Frosch, Auerbachs Keller, Vers 2264 f.

Da ist mir dieser Tage ein exquisites Tröpfchen aufgefallen. Und ich sag’s gleich: Es ist nicht erhältlich. Es ist der Rheinwein von Karl Simrock — den er nicht nur fleißig verzehrt, sondern in Eigenanbau und Kelterei hergestellt hat. Der Dichter und Gelehrte war nämlich nebenher Freizeitwinzer und übrigens auch Spargelbauer.

Heinrich Reifferscheid, Karl Simrocks Studierstube im Haus Parzival, Zeichnung 1905

Schade drum, das zu verkosten wäre ähnlich interessant wie das Stöffchen, das einst E.T.A. Hoffmann befeuert hat, aber nicht namentlich überliefert ist. Über Simrocks Menzenberger Eckenblut weiß man: Es war wohl eine Fuchs- oder Erdbeerrebe, also von eher geringer Qualität — und aus der Ortsgeschichtsschreibung: „Der Weinanbau in Menzenberg endete Ende der 1950er-Jahre“, und als aktuellste Meldung aus dem Bonner General-Anzeiger vom 29. März 2012: Rebfläche am Weingut Menzenberg soll rekultiviert werden:

Professor Helmut Arntz rettete es vor 30 Jahren vor dem Untergang und ließ es mit großem Einsatz restaurieren. Nur Wein wird eben nicht mehr am Menzenberg angebaut. Lediglich eine alte Simrock-Rebe wurde entdeckt und seither von der Weinbruderschaft Mittelrhein-Siebengebirge gehegt.

Ihre Ideen zur Rekultivierung des Weinhanges Menzenberg stellten jetzt Peter Weinmann von der Karl-Simrock-Forschung Bonn und Jan Dirk Schierloh von der Stiftung Rheinische Kulturlandschaft im „Weingut Menzenberg“ vor. „Ziel ist es, einen 4000 bis 5000 Quadratmeter großen Teilabschnitt zu rekultivieren“, sagte Schierloh.

Die Fläche ist im Eigentum von Hartmut und Helga Möltgen, den Inhabern des Weingutes Menzenberg, das sie restauriert haben und als Gaststätte betreiben. An einen professionellen Weinanbau haben die Initiatoren freilich nicht gedacht, sondern es geht um den kulturgeschichtlichen Aspekt. Bis zur Säkularisation 1803 hatten hier verschiedene Orden Weingüter. Danach verkaufte der Staat das ihm zugefallene Eigentum. So gelangte auch in die Familie des Bonner Musikverlegers und Beethoven-Freundes Nikolaus Simrock ein Weingut.

Weinkultur MenzenbergDie Inhaber eines Weingutes, die darauf eine Gaststätte betreiben, haben nicht daran gedacht, Wein anzubauen? Boshaft gesagt ist es dann auch kein Wunder, dass Familie Möltgen, ein ausgestiegenes Lehrerehepaar, bis Ende 2013 die letzten Wirtsleute waren — erneut nach Information des Bonner General-Anzeigers am 11. September 2013: Familie Möltgen verkaufen Anwesen am Menzenberg:

Der gastronomische Betrieb, den das Ehepaar betrieben hat, ruht bereits zum größten Teil. Ende des Jahres [2013] wird er endgültig eingestellt. In Zukunft wird das historische Anwesen ausschließlich als Mehr-Generationen-Wohnhaus genutzt.

Der aktuelle Stand über Simrocks Anwesen ist laut Adressverwaltung der Stadtinformation Bad Honnef:

Nach wechselvollen Jahrzehnten mehrerer Eigentümer, Bewohner und baulichem Niedergang, kaufte Prof. Univ. Dr. Helmut Arntz, Fachkollege Simrocks und Bad Honnefer im Jahr 1980 bei einer Zwangsversteigerung das Anwesen. Es erfolgte der Eintrag in die Denkmalliste und der langwierige Wiederaufbau des abbruchreifen „Haus Parzival“ . Die Treppe, Fenster, Türen und Außenläden, die teilweise im Garten herumlagen, sind original, im Keller ist noch das Loch für die Schläuche zum Füllen und Abziehen der Weinfässer zu sehen. Von Simrocks Einrichtung ist im „Haus Parzival“ jedoch nichts mehr vorhanden.

Der alte Weinberg existiert nicht mehr, dort stehen heute Fichten und alte Obstbäume. Aber auf dem Grundstück des „Haus Parzival“ fand man eine meterlange Amerikaner-Rebe aus der Epoche Karl Simrocks am Menzenberg, die sich zwischen den Ästen eines Apfelbaumes schlängelte. Prof. Arntz ließ eine Pergola bauen, die dem kostbaren Fund seither Schutz und Entfaltungsmöglichkeit bietet.

Ansprechpartner zu Haus Parzival ist Herr Klaus Weinmann von der Bonner Karl-Simrock-Forschung, keine Besichtigung möglich, nur der Ausgangspunkt für den Literarischen Simrock-Freiligrath-Weg, der kein Rundwanderweg ist.

Weinkultur MenzenbergMan braucht also derzeit nicht hin, um zu bleiben; weder gibt es den Wein der Sehnsucht noch eine kulturell bedeutsame Einkehr (kein Zweifel besteht hingegen an der allgemeinen Einkehrkultur dieses Landstrichs, gerade auch entlang des Literarischen Simrock-Freiligrath-Weges). Mir hätte das damals noch geöffnete Wirtshaus schon 2007 auffallen sollen, als ich für Moby-Dick™ dem sehr deutschfreundlichen Amerikaner Eric T. Hansen bei seinem Versuch gefolgt bin, das Land der Deutschen mit der Seele zu suchen. Damals hat mir offenbar genügt, seinen anrührenden Abschnitt aus Planet Germany. Eine Expedition in die Heimat des Hawaii-Toasts von 2006 zu verbreiten. Das mach ich glatt noch einmal, diesmal mit Blick auf den Wein. Wir werden ja alle nicht jünger.

Planet Germany geht über die typisch deutschen Selbstkasteiungen, wie typisch deutsch der typische Deutsche doch sei, weit hinaus; die Qualität rührt nicht daher, dass überraschenderweise doch Amis klug und Deutsche doof sind, sondern von der Distanz schaffenden, jeoch teilnehmenden Sicht von außen. Man stelle sich vor: Amerikanische Jungs wissen sich ihrer Vorliebe zu deutschen Mädchen nur zu erwehren, indem sie welche heiraten. Erwachsen geworden, schreiben sie Bücher mit einer Aufmerksamkeitsspanne von über 15 Sekunden. Und Hawaiianer wohnen freiwillig im verregneten Deutschland, machen ihren Magister in deutscher Mediävistik und passend dazu eine ausführliche Nibelungenreise (und der New Yorker Seemann Herman Melville liest — ich möchte es berücksichtigt haben — nachweislich die Gespräche mit Goethe von Eckermann) — eine Idee, mit der einem Deutschen zu kommen sich einer erst mal trauen muss.

Weinkultur MenzenbergDas Wohltuende daran ist: Es verhält doch nicht nur so, dass der blindgeschlagene Deutsche an sich dauernd irgendwelchen kulturlosen Besatzern nacheifert. Gerade Karl Simrock hat versucht, das deutsche Nationalepos des Nibelungeliedes durch selbst zusammengesuchtes Sagenmaterial in einem Amelungenlied zu vervollständigen. Meine Ausgabe davon hat etwa 860 Seiten, mehr als das Nibelungenlied. Es war von Anfang an kein Bestseller, meine 860 Seiten sind in Fraktur und ohne Jahreszahl, an eine ISBN war noch lange nicht zu denken, aber wohl von ungefähr anno 1900 — vor allem, falls es die jedenfalls von Gotthold Klee eingeleitete Ausgabe ist. Das Amelungenlied gibt’s also schon länger nicht mehr als den Wein, und für den Sagenkreis um Dietrich von Bern ist man — kein Scherz — am ehesten auf norwegische Literatur angewiesen — weil nämlich ein aufstrebender Komponist in der Tradition von Richard Wagner namens Adolf Hitler seine geplante Dietrich-Oper wegen anderweitiger Bestrebungen nicht zu Ende brachte und man seither nicht weiß, was man daran verpasst oder sich statt dessen eingehandelt hat.

Karl Simrock wohnte seit 1832 auf dem Weingut und erwarb es 1834 — 32-jährig — für 2367 Taler. Etwa um diese Zeit nahm er die Arbeit am Amelungenlied auf, das ihn allerdings mehrere Jahrzehnte lang beschäftigte. Gedruckt erschein es 1843 bis 1849. Das Etikett zu seinem eigenen Wein ist auf launige Weise antikisierend vom Winzer selbst gedichtet, allerdings wird nirgends klar, ab wann genau; die erhaltenen Vorlagen deuten schon auf frühestens 1840, als Simrock sehr vertieft in die Dietrichepik gedacht und gelebt haben muss. Es bedient sich in Namensgebung und Anpreisung der Dietrichssage.

——— Karl Simrock:

Menzenberger Eckenblut

Weinetikett, ca. 1840. Unterteilung in mehrere Bildfelder durch knorrige Weinstücke. In der Mitte Ansicht von Simrocks Weingut, darüber weinumrankt die Lagebezeichnung, darunter die nur zur Hälfte vorgedruckte Jahrgangsbezeichnung 18[..], via Karl-Simrock-Forschung:

Held Dietrich schlug Herrn Ecken
Zu Tod, den kühnen Mann.
Nun lassen wir uns schmecken
Das Blut, das ihm entrann.

Die Erde hat’s getrunken
Die Rebe saugt‘ es ein
Zuletzt in’s Faß gesunken
Ward es ein edler Wein.

Und trinken wir des Weines
So giebt des Helden Blut
Dem kühnen Sohn des Rheines
Erst rechten Heldenmuth.

Wir fürchten keinen Gegner;
Auf dieser Erde Stern
Lebt auch kein Ueberlegner,
Kein Dietrich mehr von Bern.

Ein jedenfalls größerer Bestseller als alles von Karl Simrock ist Planet Germany von Eric T. Hansen 2006. Ein Stück von geradenwegs zärtlicher Anteilnahme auf der Suche nach dem Inbegriff deutschen Wesens, die sich dem zumal deutschen Leser rückwirkend wiedermitteilt, schafft Hansen in .

——— Eric T. Hansen:

Die Deutschen machen aus ein paar toten Dichtern dermaßen Kult,
dass man fast meint, sie würden sie auch lesen

aus: Planet Germany, unter Mitarbeit von Astrid Ule, Fischer Taschenbuch Verlag 2006:

Weinkultur MenzenbergAm Ende einer steilen, von Bäumen gesäumten Straße hoch über dem Rhein steht ein zweistöckiges Haus, das im spätklassizistischen Stil auf dem Gewölbe einer uralten Kellerei der Minoritenmönche gebaut wurde. Die Villa heißt Haus Parzival. Hier hat der Germanist, Übersetzer, Dichter und Vollblutromantiker Karl Simrock seine Sommer verbracht.

Simrock hatte bei Schlegel und Arndt studiert, empfing ab und zu Besuch von den Grimms und Ludwig Uhland und verfasste schwärmerische Gedichte über die Schönheit des Rheins. Bekannt wurde er als Übersetzer zahlreicher Werke des Mittelalters und des germanischen Altertums, von der Edda über die Gedichte Walthers von der Vogelweide bis hin zu Wolframs Parzival. Sein größtes Verdienst war, das Nibelungenlied mit einer schwungvollen und lesbaren Übersetzung populär zu machen, ja es gar zu einer Art deutschem Ersatz-Gründungsmythos zu erheben. Er gehörte zum harten Kern der deutschen Identitätsbastler.

Sein Haus Parzival liegt ein paar Meter ab von der Straße hinter einem schwarzblauen, verschnörkelten Eisenzaun. Das Haus ist gelb, dieses typisch deutsche Buttergelb. Das sanft ansteigende Gelände ist voller Pflanzen – gepflegte Blumenbeete, Wildgräser, selbst das Unkraut ist malerisch. Dazwischen ein Teich, ein Vogelbad, ein hölzerner Tisch mit Stühlen. Ein Ahorn, eine Esche, eine Trauerweide machen den Garten schattig.

Ich stand eine Weile da und betrachtete den Garten. Er strömte Ruhe aus, und ich bildete mir ein, dass man von hier aus den Rhein riechen konnte. Alles war leicht. Hier war jeden Tag Sommer.

Ich stellte mir vor, wie Simrock im Garten spazieren geht. Zwischendurch greift er zum Gartenwerkzeug und kümmert sich um seine neuen Spargelbeete. Er hat ein Buch dabei, einen dieser alten Lederbände, die von außen kaum identifizierbar sind, weil der Umschlag keine bunte Abbildung enthält. Es ist sicher der Iwein. Nach einer Weile setzt er sich hin und liest. Wenn der Tag zur Neige geht, nimmt er ein Glas Wein dazu.

Weinkultur MenzenbergEs war das perfekte deutsche Leben. Das Leben, das die meisten Deutschen heimlich leben wollen – damals wie heute. Ein großes Haus – weder eine Mietwohnung noch eine protzige Villa, eher ein … Anwesen. Genug Geld, um finanziell unabhängig zu sein, aber nicht so viel, dass man als reich beschimpft wird. Im Haus hat man eine Küche mit offenem Kamin. Keine Mikrowelle, kein Plastik. Alles strahlt Ursprünglichkeit aus: Stahl, Stein, Holz. Im Salon ein altes Klavier, ein echter Perser, ein echtes Hausmädchen. Ein Arbeitszimmer – pardon, eine Privatbibliothek natürlich, mit bequemen Stühlen und einem breiten Schreibtisch, denn „arbeiten“ heißt, man befasst sich mit dem Griechischen und mit Latein. Der ideale Deutsche arbeitet mit den Dingen des Geistes. Nicht des Hirns, sondern des Geistes. Er hat Muße. Dass er kein Snob ist, zeigt, dass er nebenbei ein Handwerk ausübt. Er respektiert die Arbeit mit den Händen und verbringt deshalb viel Zeit im Garten, er kocht selbst in der Küche, wenn Gäste kommen, oder, wie Simrock es tat, er legt einen kleinen, edlen Weingarten an und nennt seinen Wein nach einer Figur aus den alten Schriften, mit denen er sich gerade beschäftigt: Eckenblut, nach dem Riesen in der Dietrichssage. Wenn Freunde vorbeikommen, geht man am Rhein spazieren und diskutiert die Arbeit am griechischen Text und die Entwicklungen in Frankreich oder den anderen wichtigen Regionen der Welt.

So will jeder Deutsche sein, dachte ich mir, als ich da stand. Was vor mir liegt, ist nichts weniger als die deutsche Seele selbst. Meine Chance war gekommen. Ich musste mich nur ein Stündchen an diesen Tisch in den Garten setzen, dann würde sie sich schon blicken lassen. Wenn ich die jetzigen Bewohner nett fragte, würden sie es sicher erlauben.

Ich klingelte. Aber es machte keiner auf. Niemand war zu Hause.

Das Weinetikett gibt’s sogar noch zu kaufen: ca. 19 cm x 26 cm (geringfügige Abweichungen im Papierformat möglich) für 90 Euro zzgl. Versandkosten. Wie gesagt, ohne den Wein.

Menzenberger Eckenblut

Bilder: Haus Parzival, Menzenberg 9, das Weingut von Karl Simrock in Weinkultur Menzenberg, Januar 2013:

  1. Heinrich Reifferscheid: Karl Simrocks Studierstube im Haus Parzival, Zeichnung 1905;
  2. Heinrich Reifferscheid: Haus Parzival, Gemälde 1895;
  3. Dankward Heinrich: Der alte Weg zu Haus Parzival führte südlich des Baches (heute privat);
  4. Dankward Heinrich: Karl Simrocks Haus, 2013;
  5. Klaus Rick: Haus Parzival, Eingang — über der Haustür die Initialien des Ehepaars Simrock;
  6. Dankward Heinrich: Weinbergsweg oberhalb Haus Parzival (links unterhalb des Zauns);

Weinetikett Menzenberger Eckenblut: Carl Schlickum via Karl-Simrock-Forschung Bonn.

Soundtrack: einer der wenigen genießbaren Momente bei Richard Wagner: Orchesterzwischenspiel vor dem I. Aufzug: Siegfrieds Rheinfahrt, aus: Götterdämmerung, 1876, unter Zubin Mehta in Valencia, 2008:

Written by Wolf

23. September 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Nahrung & Völlerei, Romantik

Nachtstück 0006: Sie fielen alle über mich her, da dacht‘ ich: nun so hört zu

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Update zu Hört zu und berstet vor Langerweile
und Nachtsück 0005:

Sie fielen alle über mich her, da dacht‘ ich: nun so hört zu und berstet vor Langerweile.

E.T.A. Hoffmann: Johannes Kreisler’s, des Kapellmeisters, musikalische Leiden, 1810.

Milo ManaraWeil ich’s versprochen hab: Nach eineinhalb Jahren musste ich mal wieder die Playlist für Johannes Kreisler’s, des Kapellmeisters, musikalische Leiden von E.T.A. Hoffmann 1810 auf kaputte Links durchschauen.

Den Weg alles Digitalen waren das Ach ich liebte aus dem Serail und Lodi al gran Dio aus La Betulia liberata gegangen, beide von Mozart, und einen Link hatte ich von Anfang an vertippt (nein, jetzt, wo ich ihn repariert hab, verrat ich nicht mehr, welchen). Es ist schön, nach ein paar Monaten auf dergleichen zu stoßen, vor allem, wenn man Ersatz schaffen kann. Es hilft beobachten, in welchem Tempo das Internet, zumal YouTube, den Bach runtergeht, und in der Folge einschätzen, bis wann man alles, was man noch gehört haben will, gehört haben muss, bevor jeder Gedanke an Musik lizenzpflichtig und jedes Abspielen endgültig illegal geworden ist.

Vorläufig bleibt das Lieblingsvideo aus der o.a. Playlist das erste: Patricia Petibon beim Versuch, die Königin der Nacht zu meistern. Sie scheint eine wirklich Nette, und das Training in der Kempener Paterskirche war für ihr Amoureuses von 2008, da kann sie’s vielleicht schon heute.

Und wo ich schon dabei war, hab ich auch gleich die dahingegangenen Bachschen Inventionen und Sinfonien von Glenn Gould aus Engführung in mikrokosmisch strukturiertem Material (musikalisches Lustspiel) gefixt. Ganz anders, auch wunderschön. Aus den YouTube-Playlisten ist heute schon keine vollständige legale Sammlung mehr aufzutreiben. Für Österreich, Nordkorea oder den Iran möglicherweise schon, für Deutschland eben nicht.

Bild: Milo Manara, mutmaßlich mit einem Mozart auf dem T-Shirt, und spätes Novecento. Erkennt jemand aus dem Notenbild, das die Dame vor sich liegen hat, die Musik?

Da capo:

Written by Wolf

3. August 2016 at 00:01

Da ist alle Herrlichkeit der Erde und des Himmels, die Leiden und die Lust der Liebe (O Ihr Kurzsichtigen, die Ihr das Meer in Bechern erschöpfen wollt, Ihr glaubt die Kunst zu ergründen und ergründet nur Eure Engherzigkeit): Die Bilder in Franz Sternbalds Wanderungen

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Update zu Nackt fällt sie ihm an seinen Mund:

Jemand muss es tun: Es folgen alle eingehender behandelten Gemälde aus Ludwig Tieck: Franz Sternbalds Wanderungen, 1798. Zeichengenau korrigiert wurde nach der Studienausgabe von Alfed Anger bei Reclam. Das ist die Fassung, in der die meisten Gemälde vorkommen – mehr gegenüber der teuren, allerdings schöneren Ausgabe mit frühen Romanen und Erzählungen bei Winkler.

Meine Lieblingsstelle ist die mit dem Straßburger Münster. Weil ich in der Bildauswahl thematisch eingeschränkt war und nicht beliebig etwas herumzeigen, sondern gezielt suchen musste, gibt es ausnahmsweise auch gut proportionierte Männer statt lauter inhaltlich diskutierwürdiger, leicht geschürzter Frauen zu sehen. Und das wirklich sehr schöne Straßburger Münster.

——— Ludwig Tieck:

Franz Sternbalds Wanderungen, eine altdeutsche Geschichte

Johann Friedrich Unger, Berlin 1798:

Albrecht Dürer: Die vier Apostel, 1526, Alte Pinakothek, München.
Erster Teil, Erstes Buch, Erstes Kapitel:

Albrecht Dürer, Die vier Apostel, 1526„Wie alles noch so still und feierlich ist“, sagte Franz, „und bald werden sich diese guten Stunden in Saus und Braus, in Getümmel und tausend Abwechselungen verlieren. Unser Meister schläft wohl noch und arbeitet an seinen Träumen, seine Gemälde stehen aber auf der Staffelei und warten schon auf ihn. Es tut mir doch leid, daß ich ihm den Petrus nicht habe können ausmalen helfen.“

„Gefällt er dir?“ fragte Sebastian.

„Über die Maßen“, rief Franz aus, „es sollte mir fast bedünken, als könnte der gute Apostel, der es so ehrlich meinte, der mit seinem Degen so rasch bei der Hand war und nachher doch aus Lebensfurcht das Verleugnen nicht lassen konnte und sich von einem Hahn mußte eine Buß- und Gedächtnispredigt halten lassen, als wenn ein solcher beherzter und furchtsamer, starrer und gutmütiger Apostel nicht anders habe aussehen können, als ihn Meister Dürer so vor uns hingestellt hat. Wenn er dich zu dem Bilde läßt, lieber Sebastian, so wende ja allen deinen Fleiß darauf und denke nicht, daß es für ein schlechtes Gemälde gut genug sei. Willst du mir das versprechen?“

Er nahm, ohne eine Antwort zu erwarten, seines Freundes Hand und drückte sie stark, Sebastian sagte: „Deinen Johannes will ich recht aufheben und ihn behalten, wenn man mir auch viel Geld dafür böte.“

Albrecht Dürer: Tanzendes Bauernpaar, 1514, Graphische Sammlung Albertina, Wien.
Erstes Teil, Erstes Buch, Sechstes Kapitel:

Albrecht Dürer, Tanzendes Bauernpaar, 1514Es war am folgenden Tage, an welchem das Erntefest gefeiert werden sollte. Franz hatte nun keinen Widerwillen mehr gegen das frohe, aufgeregte Menschengetümmel, er suchte die Freude auf, und war darum auch bei dem Feste zugegen. Er erinnerte sich einiger guten Kupferstiche von Albrecht Dürer, auf denen tanzende Bauern dargestellt waren und die ihm sonst überaus gefallen hatten; er suchte nun beim Klange der Flöten diese possierliche Gestalten wieder und fand sie auch wirklich; er hatte hier Gelegenheit zu bemerken, welche Natur Albrecht auch in diese Zeichnungen zu legen gewußt hatte.

Der Tag des Festes war ein schöner, warmer Tag, an dem alle Stürme und unangenehme Winde von freundlichen Engeln zurückgehalten wurden. Die Töne der Flöten und Hörner gingen wie eine liebliche Schar ruhig und ungestört durch die sanfte Luft hin. Die Freude auf der Wiese war allgemein, hier sah man tanzende Paare, dort scherzte und neckte sich ein junger Bauer mit seiner Liebsten, dort schwatzten die Alten und erinnerten sich ihrer Jugend. Die Gebüsche standen still und waren frisch grün und überaus anmutig, in der Ferne lagen krause Hügel mit Obstbäumen bekränzt. „Wie“, sagte Franz zu sich, „sucht ihr Schüler und Meister immer nach Gemälden und wißt niemals recht, wo ihr sie suchen müßt? Warum fällt es keinem ein, sich mit seiner Staffelei unter einen solchen unbefangenen Haufen niederzusetzen und uns auf einmal diese Natur ganz, wie sie ist, darzustellen. Keine abgerissene Fragmente aus der alten Historie und Göttergeschichte, die so oft weder Schmerz noch Freude in uns erregen, keine kalte Figuren aus der Legende, die uns oft gar nicht ansprechen, weil der Maler die heiligen Männer nicht selber vor sich sah und er ohne Begeisterung arbeitete. Diese Gestalten wörtlich so und ohne Abänderung niedergeschrieben, damit wir lernen, welche Schöne, welche Erquickung in der einfachen Natürlichkeit verborgen liegt. Warum schweift ihr immer in der weiten Ferne und in einer staubbedeckten, unkenntlichen Vorzeit herum, uns zu ergötzen? Ist die Erde, wie sie jetzt ist, keiner Darstellung mehr wert; und könnt ihr die Vorwelt malen, wenn ihr gleich noch so sehr wollt? Und wenn ihr größeren Geister nun auch hohe Ehrfurcht in unser Herz hineinbannt; wenn eure Stücke uns mit ernster, feierlicher Stimme anreden; warum sollen nicht auch einmal die Strahlen einer weltlichen Freude aus einem Gemälde herausbrechen? Warum soll ich in einer freien, herzlichen Stunde nicht auch einmal Bäuerlein und ihre Spiele und Ergötzungen lieben? Dort werden wir beim Anblick der Bilder älter und klüger, hier kindischer und fröhlicher.“

Albrecht Dürer: Der heilige Hieronymus im Gehäus, 1514, 24,5 cm x 18,7 cm, Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Berlin-Dahlem, Kupferstichkabinett.
Erster Teil, Erstes Buch, Achtes Kapitel:

Albrecht Dürer, Der heilige Hieronymus im Gehäus, 1514Ich habe neulich einen neuen Kupferstich von unserm Albert gesehn, den er seit meiner Abwesenheit gemacht hat. Du wirst ihn kennen, es ist der lesende Einsiedler. Wie ich da wieder unter euch war! denn ich kannte die Stube, den Tisch und die runden Scheiben gleich wieder, die Dürer auf diesem Bilde von seiner eigenen Wohnung abgeschrieben hat. Wie oft habe ich die runden Scheiben betrachtet, die der Sonnenschein an der Täfelung oder an der Decke zeichnete; der Eremit sitzt an Dürers Tisch. Es ist schön, daß unser Meister in seiner frommen Vorliebe für das, was ihn so nahe umgibt, der Nachwelt ein Konterfei von seinem Zimmer gegeben hat, wo doch alles so bedeutend ist und jeder Zug Andacht und Einsamkeit ausdrückt.

Ich gehe auf meinem Wege oft in die kleinen Kapellen hinein und verweile mich dabei, die Gemälde und Zeichnungen zu betrachten. Ob es meine Unerfahrenheit oder meine Vorliebe für das Alter macht, ich sehe selten ein ganz schlechtes Bild; ehe ich die Fehler entdecke, sehe ich immer die Vorzüge an jedem. Ich habe gemeiniglich bei jungen Künstlern die entgegengesetzte Gemütsart gefunden, und sie wissen sich immer recht viel mit ihrem Tadel. Ich habe oft eine fromme Ehrfurcht vor unsern treuherzigen Vorfahren, die zuweilen recht schöne und erhabene Gedanken mit so wenigen Umständen ausgedrückt haben.

Lukas van Leyden: Heilige Familie, ca. 1508.
Erster Teil, Zweites Buch, Erstes Kapitel:

Lukas van Leyden, Heilige Familie mit dem Apfel, ca. 1508Am Morgen erkundigte sich Franz nach der Wohnung des berühmten Lukas von Leyden. Man bezeichnete ihm die Straße und das Haus, und er ging mit hochschlagendem Herzen hin. Er ward in ein ansehnliches Haus geführt, und eine Magd sagte ihm, daß der Herr sich schon in seiner Malerstube befinde und arbeite. Franz bat, daß man ihn hineinführen möchte. Die Tür öffnete sich, und Franz sah einen kleinen, freundlichen, ziemlich jungen Mann vor einem Gemälde sitzen, an dem er fleißig arbeitete, um ihn her standen und hingen vielerlei Schildereien, einige Farbenkasten, Zeichnungen und Anatomien, aber alles in der besten Ordnung. Der Maler stand auf und ging Franzen entgegen, der Schüler war jetzt mit seinen Augen dem Gesicht des berühmten Meisters gegenüber und vermochte in der ersten Verwirrung kein Wort hervorzubringen. Endlich faßte er sich und nannte seinen Namen und den Namen seines Lehrers. Lukas hieß ihn von Herzen willkommen, und beide setzten sich nun in der Werkstatt nieder, und Franz erzählte ganz kurz seine Reise und sprach von einigen merkwürdigen Gemälden, die er unterwegs angetroffen hatte. Er beschaute während dem Sprechen aufmerksam das Bild, an welchem Lukas eben arbeitete; es war eine heilige Familie, er traf darinnen vieles von einigen Dürerschen Arbeiten an, denselben Fleiß, dieselbe Genauigkeit im Ausmalen, nur schien ihm an Lukas Bildern Dürers strenge Zeichnung zu fehlen, ihm dünkte, als wären die Umrisse weniger dreist und sicher gezogen, dagegen hatte Lukas etwas Liebliches und Anmutiges in den Wendungen seiner Gestalten, ja auch in seiner Färbung, das dem Dürer mangelte. Dem Geiste nach, glaubte er, müßten sich diese beiden großen Künstler sehr nahe verwandt sein, er sah hier dieselbe Simplizität in der Zusammensetzung, dieselbe Verschmähung unnützer Nebenwerke, die rührende und echt deutsche Behandlung der Gesichter und Leidenschaften, dasselbe Streben nach Wahrheit.

Albrecht Dürer: Der heilige Eustachius, ca. 1501, Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Berlin-Dahlem, Kupferstichkabinett.
Erster Teil, Zweites Buch, Erstes Kapitel:

Albrecht Dürer, Der heilige Eustachius, ca. 1501„Ihr seid jung“, sagte Lukas, „und Euer Wesen ist mir ungemein lieb, es gibt wenige solcher Menschen, die meisten betrachten die Kunst nur als ein Spielwerk und uns als große Kinder, die albern genug bleiben, um sich mit derlei Possen zu beschäftigen. – Aber laßt uns auf etwas anderes kommen, ich bin jetzt überdies müde, zu malen. Ich habe einen Kupferstich von Eurem Albert erhalten, der mir bisher noch unbekannt war. Es ist der heilige Hubertus, der auf der Jagd einem Hirsche mit einem Kruzifixe zwischen dem Geweih begegnet und sich bei diesem Anblicke bekehrt und seine Lebensweise ändert. Seht hieher, es ist für mich ein merkwürdiges Blatt, nicht bloß der schönen Ausführung, sondern vorzüglich der Gedanken halber, die für mich darin liegen. Die Gegend ist Wald, und Dürer hat einen hohen Standpunkt angenommen, weshalb ihn nur ein Unverständiger tadeln könnte, denn wenn auch ein dichter Wald, wo wir nur wenige große Bäume wahrnähmen, etwas natürlicher beim ersten Anblicke in die Augen fallen dürfte, so könnte das doch nimmermehr das Gefühl der völligen Einsamkeit so ausdrücken und darstellen wie es