Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for September 2017

Krabbelröschen

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Update zu Dein pöschelochter roter mund
Spitz wie Wetzlarer Karotte
und Die Litaneien des Körpers:

Die Liebe war jung.

Und sie war eine Fernbeziehung. Als erstes ist mir beim Herumstrolchen in der neuen, fremden Stadt der Karton mit vergilbten Taschenbüchern aufgefallen: auf dem Fensterbrett eines Antiquitätenladens in der Ludwigstraße, unweit des Geburtshauses von Sissi, mit dem Schild: „Jedes Buch 1 DM“.

Als zweites ist mir in dem Karton Dein Leib ist mein Gedicht mit dem nicht unraffinierten Cover aufgefallen, als drittes in dem Buch das lockere Layout der fünf Seiten O Rösi du Nuß von Kurt Marti. Allein dafür hätte man die 1 DM bezahlt.

Als viertes — dann schon zu Hause mit meinem ersten in der neuen, fremden Stadt erstandenen Buch — ist mir aufgefallen, dass Kurt Marti für einen Schweizer Geistlichen des Jahrgangs 1921 eine ganz schön offenherzige Sexualität pflegt, und das so halböffentlich in obskuren Erotik-Anthologien; als fünftes: und zwar sehr wahrscheinlich mit der namentlich, nur leider nicht bildlich bekannten Johanna „Hanni“ Marti-Morgenthaler, die er 1950 geheiratet hatte und die auch 1970 noch, als er 49 war, als unmittelbares Vorbild für seine lyrische „Rösi“ gelten darf. Hochwürden Martis „Zyklus zärtlicher Albernheiten“ über das Zusammensein mit seiner bewunderten Gespielin erzählt in — sinnigerweise — wechselnden Rhythmen von unverbrauchter Liebe, ja richtiggehend frischer Verliebtheit, und sehr explizit, aber ohne pornographisch zu werden, von fröhlichem Sex. In seinem beneidenswerten Übermut hat es das Zeug zu einem Lieblingsgedicht, für das man sich — keine Selbstverständlichkeit bei erotischen Themen — nicht schämen muss. Hanni starb 2007.

Als sechstes: Kurt Marti ist 2017 gestorben, als ich 49 war. Die Liebe, wie man aus Martis Spätwerk weiß, war jung.

Als siebtes, was ich nicht gerne sage, hab ich über Dein Leib ist mein Gedicht den ehemals gleichfalls Schweizer, nämlich Züricher Haffmans Verlag bei einem Konzeptklau erwischt — aber 7a) nicht sicher und 7b) wenn doch, dann 7c) bei einem lässlichen und 7d) bei einem von sich selbst, denn wer wäre ich 7d) denn, dem verdienstreichen Haffmans Verlag, Gott hab ihn selig, Sachen zu unterstellen. Sachen wie:

Dein Leib ist mein Gedicht wurde 1970 von Heinz Ludwig Arnold herausgegeben. Als Motto für seine Deutsche erotische Lyrik aus fünf Jahrhunderten benutzt er eine Stelle von Günter Grass: den Schlussvers von März aus: Ausgefragt, Luchterhand 1967:

Ich hab genug. Komm. Zieh dich aus.

Komm. Zieh dich aus. heißt wiederum das Handbuch der lyrischen Hocherotik deutscher Zunge, mehrere Zeitenwenden später, nämlich 1991 bei Haffmans herausgegeben von — Überraschung — Heinz Ludwig Arnold. 1986 war vom selben Verlag schon Die klassische Sau. Das Handbuch der literarischen Hocherotik mit gleicher Thematik und in ähnlicher Aufmachung veranstaltet worden, nur eben mit säuischen Stellen in Prosa und herausgegeben von Hermann Kinder — die etliche Nachfolgerinnen hat, die direkten herausgegeben von „Eva Zutzel“ und „Adam Zausel“, die indirekten gerne ganz unabhängig von der Muttersau in anderen Verlagen. Aktuell von 2016 ist Die literarische Sau. Ein Aufkärungsbuch der Hocherotik beim Nachfolgeverlag Haffmans & Tolkemitt, herausgegeben von „Viktor & Viktoria“, und überhaupt hat sich das Konzept seit 1986 als recht tragfähig erwiesen. Meine persönlich empfohlenes Derivat ist das bibliophil gehaltene Liederlich! Die lüsterne Lyrik der Deutschen, bei Eichborn Berlin 2008 herausgegeben von Steffen Jacobs.

Garden of Venus, O., 30. Mai 2014

Inzwischen sind die klassische Sau und ihre Ferkel in die Erbmassen gealterter Bibliothekenbesitzer übergegangen und müssen von den Kindern, die unter ihrer Inspiration entstanden sind, an die Antiquariate des deutschen Sprachraums verscherbelt werden. Dort tauchen derzeit überraschend viele Exemplare auf. Nachdem die Bibliothekenbesitzer nie mit der erfreulichen Vollständigkeit ihrer klassischen Sau, neuen klassischen Sau und allerneuesten klassischen Sau plus Komm. Zieh dich aus hausieren gegangen sind, sie vielmehr in der zweiten Regalreihe verborgen haben, erhellt erst jetzt, was das für ein Verkaufserfolg für den alten Haffmans Verlag gewesen sein muss.

Ich war 1986 ff. nicht so verklemmt und hab mir von einer sehr lieben Freundin dankbar das Original zum Geschenk machen lassen, das von ihr ganz bestimmt nicht anzüglich gemeint war. Das Staunen darüber, dass ein Original ein übergeordnetes Original mit einem so schönen Namen wie Dein Leib ist mein Gedicht haben kann, hat sich selbst erst für heute aufgehoben, wo man aus dem Alter schon wieder raus ist.

Als achtes ist mir aufgefallen, dass sich auf „Krabbelröschen“ etwas Sinnvolles reimt. — Ab hier bis runter zu den Soundtracks: NSFW.

A Wolfe's Love, The screaming orgasm is the ultimate reassurance, Wolfe Sole Productions, 11. November 2015

——— Kurt Marti:

O Rösi du Nuß

Zyklus zärtlicher Albernheiten

Erstveröffentlichung: Heinz Ludwig Arnold (Hrsg.): Dein Leib ist mein Gedicht. Deutsche erotische Lyrik aus fünf Jahrhunderten, Ullstein 1970, Seite 161–163:

1
rösi
du
nuß
du
fee
du
feenuß
seit
je

2
o
rösi
du
eros
ion
meiner
ruh
du

3
rösi
wie
bohrst du
uns doch
in den zahn
dieser zeit
manch zeitloses
loch

4
blühst
im zehrosenteich
palamür
rösi
als schönste
zehrose
mir

5
rösi
du rilke-fan
rilkest doch viel zu schön
um immerzu brav
und allein
niemandes schlaf
unter so viel lidern
zu sein

6
mir wässert
o rösi
der mund
nach deinen
rund
hundert
rosigen
pfund

7
rösi
o spass
du wendig
und schnappenden munds
bis dass
wir vierhändig
spielen
mit uns

8
o rösi
wie rund
dein körper
mir aalt
damit
mein mund
ihn zärtlich
bemalt

9
AUU
ich bin
doch kein
schnitzel
rösi
zügle
die zähne
ein bitzel

10
welch ein gebimmel
o rösi
wenn du
dich selbst
lustig
als himmel
über mich
wölbst

11
küsse
die küssen begegnend
in deinem gesicht sich verloren
o rösi
wie schlägst du
die schenkel mir segnend
und weich um die ohren

12
im
ekstasen
fieber
wie süss
die rösigen
nasen
stüber
des knies

13
überstrahlst
die gewohnte
prosa
der triebe
o rösi
du monte
rosa
der liebe

14
hätte
nur jeder
ein krabbelröschen
wie dich
mit lustigem
zappelmöschen
bei sich —
ich glaube die leute
wären besser als heute

15
wer
o rösi
beschriebe
die wohllust
des wolllauts
der liebe?

16
ganz
von dir
durchdut
rösi
ruht
sich
gut

17
ach
wie weisst du
zärtlich durchtrieben
mit binnenmuskeln
den muskel der liebe
für und für
zu lieben
in dir

18
mit deinem
körper fühlen
zu können
rösi
ach wunderbare
das wäre
erst die wahre
liebe zu nennen

19
o rösi
wie hat mir
liebe sublim
ihr sehr schönes bein
gestellt —
die härchen an ihm
sind fein
die feinsten
der welt

20
komm
wir zwei
wir gründen
eine partei
deren parole
programmt:
WERDET MITEINANDER
ZÄRTLICH
WIE SAMT

21
stolzer
als ein monarch
wache ich
rösi
über dein
sanftes
geschnarch

22
leuchtender noch
trat der vollmond
herfür
rösi
ach träumte ich doch
deine träume
mit dir

23
so traut da
umbeint
wenn atem
und schlaf
uns hautnah
vereint

24
morgenstund
hat
blond
im mund

25
o rösi
wie zappelst
du bäuchlings
und streckst
mir den po
damit
ich dich so

26
ein tag
mit liebesakt
begonnen
ist
rösi
schon so gut
wie ganz gewonnen

Let Me Do This to You

Bilder:

  1. Garden of Venus: O., 30. Mai 2014;
  2. A Wolfe’s Love: The screaming orgasm is the ultimate reassurance,
    Wolfe Sole Productions, 11. November 2015;
  3. Let Me Do This to You;
  4. Luci Marti: Algazara, 26. Mai 2015.

Lucy Marti, Algazara, 26. Mai 2015

Soundtrack: The Kinks: Strangers, aus: Lola Versus Powerman and the Moneygoround, Part One, 1970,
mit Bildern aus Wes Anderson: The Royal Tenenbaums, 2001:

Strangers on this road we are on:
We are not two, we are one.

Bonus Track: dasselbe nochmal als anrührend verliebtes, häusliches Live-Cover
von Christina Bowers und Henry Toland, 6. Dezember 2015. Man beachte den Hund:

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Written by Wolf

28. September 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Novecento

Trauervokal

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Update zu Die katholische Zeit hat solche Geschmacklosigkeiten nicht gekannt:

Effi aber, während sie die Tüte mitten auf die rasch zusammengeraffte Tischdecke legte, sagte: „Nun fassen wir alle vier an, jeder an einem Zipfel und singen was Trauriges.“

„Ja, das sagst Du wohl, Effi. Aber was sollen wir denn singen?“

„Irgend ‚was; es ist ganz gleich, es muß nur einen Reim auf ‚u‚ haben; ‚u‚ ist immer Trauervokal. Also singen wir:

Flut, Flut
Mach‘ alles wieder gut …“

und während Effi diese Litanei feierlich anstimmte, setzten sich alle vier auf den Steg hin in Bewegung, stiegen in das dort angekettelte Boot und ließen von diesem aus die mit einem Kiesel beschwerte Tüte langsam in den Teich niedergleiten.

Theodor Fontane († 20. September 1898): Effi Briest, Berlin W, F. Fontane & Co. 1896.

——— Robert Gernhardt:

Lektor Lincke an Theodor Fontane

aus: Schreiben, die bleiben. Höhepunkte abendländischer Briefkultur,
in: Wörtersee. IV: Spaßmacher und Ernstmacher, 1981:

Sehr geehrter Herr von Tame,
war das nicht Ihr werter Name?
Vor mir liegt Ihr Buchvorschlag,
welcher — doch der Reihe nach.
Erstens ist er nicht zu brauchen —
eine Frage: Darf ich rauchen,
während ich hier weitermache?
Dankeschön. Doch nun zur Sache:
Das Manuskript, das Sie geschickt,
war in der Mitte eingeknickt,
sowie in Worten abgefaßt,
was nicht zu unserm Hause paßt.
Auch störten mich die vielen Us
in Ihrem Satz „Ulf ging zu Fuß.“
Ach ja — und Ihre Fragezeichen,
die sollten Sie wohl alle streichen.
Sie wirken derart krumm und rund,
so schlangenhaft und ungesund,
daß ich mich dauernd frage: Was
bezweckt, bewirkt und soll denn das?
Sodann Ihr Stil! Schon wenn man liest,
daß Ihre Heldin Effi briest,
ist Ihre Ignoranz erwiesen:
Die deutsche Sprache kennt kein „briesen“.
Doch nun was andres: Unser Haus
bringt grade eine Reihe raus,
die sich „So brummt der Deutsche“ nennt —
ich bin ganz sicher, so was könnt‘
durchaus in Ihre Richtung passen.
Woll’n Sie sich mal was einfall’n lassen?

in Erwartung Ihrer geschätzten Antwort ver-
bleibe ich
Mit frohem Gruß
Ihr Lektor Lincke

PS     Ist es erlaubt, wenn ich was trinke?

Übrigens kennt die deutsche Sprache in der tat kein „briesen“, die deutsche Literaturgeschichte dafür ein Adelsgeschlecht derer von Briest, dem unter anderem die sehr produktive Schreiberin Caroline Philippine von Briest entstammte, geboren 1773 in Fontanes Mark Brandenburg und ab 1803 schon in zweiter Ehe Baronesse de la Motte Fouqué, nämlich verheiratet an Arno Schmidts großen Biographiegegenstand, den gerade seit 1802 geschiedenen Friedrich Heinrich Karl Baron de la Motte Fouqué, weil ihre erste Ehe mit Friedrich Ehrenreich Adolf Ludwig Rochus von Rochow allzu effi-briest-mäßig unglücklich verlaufen war, woraufhin sich der gescheiterte Ehemann — wegen „Spielschulden“ — kurz vor der Scheidung erschossen hatte.

Baronesse von Briest trug im weiteren Verlauf nicht solche gesellschaftlichen Schäden davon wie ihre fiktive Nachfahrin Effi — als welche sich Effi im achten Kapitel ausdrücklich bezeichnet —, sondern unterhielt, wie sich das für adlige Schreiberinnen dieser Epoche gehört, einen literarischen Salon in Berlin, um sich mit Größen wie Chamisso, Eichendorff, E.T.A. Hoffmann, August Wilhelm Schlegel und den Eheleuten Varnhagen von Ense (alphabetisch) zu umgeben.

Warum Effi Briest das nicht getan hat, um sich z. B. mit Theodor Fontane als Cameo-Figur in seinem eigenen Roman zu umgeben? — Das ist ein zu weites Feld.

Bild: Postmoderne Buchausgabe im Fischer Taschenbuch Verlag 2012, via Buchhexe.

Zweitbeste Filmfassung, leider ausgesprochener Feel-Bad-Movie: Rainer Werner Fassbinder: Fontane Effi Briest oder Viele, die eine Ahnung haben von ihren Möglichkeiten und ihren Bedürfnissen und trotzdem das herrschende System in ihrem Kopf akzeptieren durch ihre Taten und es somit festigen und durchaus bestätigen (der heißt wirklich so), 1974 — ungelogen mit Rainer Langhans an der Regieassistenz und Ingrid Caven als Scriptgirl:

Beste Filmfassung, Feel-Good-Movie: Jan „Neo Magazin Royale“ Böhmermann:
Letzte Stunde vor den Ferien: Effi Briest, 2017:

Soundtrack: Witt/Heppner: Die Flut, aus: bayreuth eins, 1998:

Written by Wolf

22. September 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Realismus, Vier letzte Dinge: Tod

Romantische Bieronie (Dei Ironiezeigl konnst sejwa saffa)

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Update zu Isarathen ist die nördlichste Stadt Italiens und
Große Zusammenkünfte, die mehr einer Feierlichkeit als einem geselligen Vergnügen gleichen:

Zur Eröffnung des Oktoberfestes 2017 kann man sich nur mehr ironisch im nicht-aristotelischen Sinne äußern. Der letzte Teil ab „und ein mitleidig ledernes Lächeln“ erscheint nur im Manuskript und einigen Drucken in Heines Werkausgaben, von Heine autorisierter Text ist er nicht.

——— Heinrich Heine:

Reise von München nach Genua

Kapitel III, aus: Reisebilder. Dritter Teil, 1830:

Daß man aber die ganze Stadt ein neues Athen nennt, ist, unter uns gesagt, etwas ridikül, und es kostet mich viele Mühe, wenn ich sie in solcher Qualität vertreten soll. Dieses empfand ich aufs tiefste in dem Zweigespräch mit dem Berliner Philister, der, obgleich er schon eine Weile mit mir gesprochen hatte, unhöflich genug war, alles attische Salz im neuen Athen zu vermissen.

„Des“, rief er ziemlich laut, „gibt es nur in Berlin. Da nur ist Witz und Ironie. Hier gibt es gutes Weißbier, aber wahrhaftig keine Ironie.“

„Ironie haben wir nicht“, rief Nannerl, die schlanke Kellnerin, die in diesem Augenblick vorbeisprang, „aber jedes andre Bier können Sie doch haben.“

Marie-Geneviève Bouliar, Selbstportrait als Aspasia, 1794Daß Nannerl die Ironie für eine Sorte Bier gehalten, vielleicht für das beste Stettiner, war mir sehr leid, und damit sie sich in der Folge wenigstens keine solche Blöße mehr gebe, begann ich folgendermaßen zu dozieren: „Schönes Nannerl, die Ironie is ka Bier, sondern eine Erfindung der Berliner, der klügsten Leute von der Welt, die sich sehr ärgerten, daß sie zu spät auf die Welt gekommen sind, um das Pulver erfinden zu können, und die deshalb eine Erfindung zu machen suchten, die ebenso wichtig und eben denjenigen, die das Pulver nicht erfunden haben, sehr nützlich ist. Ehemals, liebes Kind, wenn jemand eine Dummheit beging, was war da zu tun? Das Geschehene konnte nicht ungeschehen gemacht werden, und die Leute sagten: ‚Der Kerl war ein Rindvieh.‘ Das war unangenehm. In Berlin, wo man am klügsten ist und die meisten Dummheiten begeht, fühlte man am tiefsten diese Unannehmlichkeit. Das Ministerium suchte dagegen ernsthafte Maßregeln zu ergreifen: bloß die größeren Dummheiten durften noch gedruckt werden, die kleineren erlaubte man nur in Gesprächen, solche Erlaubnis erstreckte sich nur auf Professoren und hohe Staatsbeamte, geringere Leute durften ihre Dummheiten bloß im verborgenen laut werden lassen; – aber alle diese Vorkehrungen halfen nichts, die unterdrückten Dummheiten traten bei außerordentlichen Anlässen desto gewaltiger hervor, sie wurden sogar heimlich von oben herab protegiert, sie stiegen öffentlich von unten hinauf, die Not war groß, bis endlich ein rückwirkendes Mittel erfunden ward, wodurch man jede Dummheit gleichsam ungeschehen machen und sogar in Weisheit umgestalten kann. Dieses Mittel ist ganz einfach und besteht darin, daß man erklärt, man habe jene Dummheit bloß aus Ironie begangen oder gesprochen. So, liebes Kind, avanciert alles in dieser Welt, die Dummheit wird Ironie, verfehlte Speichelleckerei wird Satire, natürliche Plumpheit wird kunstreiche Persiflage, wirklicher Wahnsinn wird Humor, Unwissenheit wird brillanter Witz, und du wirst am Ende noch die Aspasia des neuen Athens.“

Ich hätte noch mehr gesagt, aber das schöne Nannerl, das ich unterdessen am Schürzenzipfel festhielt, riß sich gewaltsam los, als man von allen Seiten „A Bier! A Bier!“ gar zu stürmisch forderte. Der Berliner aber sah aus wie die Ironie selbst, als er bemerkte, mit welchem Enthusiasmus die hohen schäumenden Gläser in Empfang genommen wurden; und indem er auf eine Gruppe Biertrinker hindeutete, die sich den Hopfennektar von Herzen schmecken ließen und über dessen Vortrefflichkeit disputierten, sprach er lächelnd: „Das wollen Athenienser sind?“ und ein mitleidig ledernes Lächeln zog sich um die hölzernen Lippen des Mannes, als er auf eine Gruppe Biertrinker hinzeigte, die sich das holde Getränk von Herzen schmecken ließen, und über die Vorzüglichkeit des diesjährigen Bockes disputierten. „Das wollen Athenienser sind? — — —“

Zeit und Ort der Handlung sind die Bockbierzeit 1830, das ist etwa ein Vierteljahr vor dem 20. Oktoberfest, und wie man erst im darauffolgen Kapitel IV und über das Literaturportal Bayern erfährt, weitab vom Oktoberfestgelände der Ludwigsvorstädter Theresienwiese, in Bogenhausen:

das längst verschwundene Schlößchen des Grafen von Törring-Jettenbach am Hochufer der Isar gegenüber dem St. Georgs-Kirchlein von Johann Michael Fischer; die Neuberghauserstraße erinnert seit 1897 daran. In diesem Edelsitz wohnte kurzfristig der bayerische Finanzminister Johann Wilhelm von Hompesch bis zu seinem Tod 1809. Mit dem „Montgelasgarten“ des nahe gelegenen Edelsitzes Stepperg des Freiherrn von Montgelas hat Neuberghausen allerdings nichts zu tun. In dem einstigen Schlösschen wurde stattdessen Anfang 1828 eine Ausflugsgaststätte eröffnet, die bald gut florierte. Hier saß Heinrich Heine als einer der ersten Gäste und hatte noch den freien Blick auf die Alpenkette, und eben hier wurde ihm ein besonders schönes Denkmal gesetzt, das alle Widrigkeiten der Zeit überdauert hat.

Und eben nicht der unsäglich nichtssagende Gusseisenkäfig von 1962 im Dichtergarten, mit dem die Stadt München wehrlose, weil verstorbene Schreibarbeiter verunglimpfen zu müssen glaubt und der — typisch für München — ein abgelegener Teil des Finanzgartens ist. Übrigens, Kapitel IV, a. a. O.:

Das Bier ist an besagtem Orte wirklich sehr gut, selbst im Prytaneum, vulgo Bockkeller, ist es nicht besser, es schmeckt ganz vortrefflich, besonders auf jener Treppenterrasse, wo man die Tiroler Alpen vor Augen hat. Ich saß dort oft vorigen Winter und betrachtete die schneebedeckten Berge, die, glänzend in der Sonnenbeleuchtung, aus eitel Silber gegossen zu sein schienen.

Und unsereins soll auf einem „Volksfest“ 2017 für rund 0,8 Liter Bier knapp elf Euro zahlen und bloß nicht glauben, die Bedienung gäbe sich übertrieben lange mit dem Kramen nach Wechselgeld ab, wenn sie erst einen Zwanziger in der Hand hat. Das ist nicht-aristotelische Ironie.

Neuberghausen, Lithorgraphie 1830 via Literaturportal Bayern

Buidln: Marie-Geneviève Bouliar: Selbstportrait als Aspasia, 1794,
Öl auf Leinwand, 123 cm auf 127 cm, Musée des beaux-arts d’Arras;
„Neuberghausen“, Lithographie mit Tondruck, ca. 1830. „Im Hintergrund das ehem. Törring- und nachher Hompesch-Schlößchen, spätere Gasthaus Neuberghausen. Dasselbe bildete Mitte des vorigen Jahrhunderts Winter wie Sommer einen Vereinigungspunkt der vornehmen Welt zu den Kaffee-Nachmittagsstunden; große Tanzunterhaltungen zeichneten sich durch einen sehr heiteren Ton aus.“ Abb. 233 in: Alt-Münchner Bilderbuch. Ansichten aus dem alten München aus der Monacensia-Sammlung Zettler. München 1918. Legende ebd., S. 26,
via Dr. Dirk Heißerer: Ironie haben wir nicht. München, Bogenhausen: Neuberghauserstraße,
Literaturportal Bayern.

Soundtrack: LaBrassBanda featuring Stephan Remmler: Keine Sterne in Athen,
aus: Kiah Royal, unplugged im Kuhstall, Höllthal bei Seeon 2014:

Written by Wolf

15. September 2017 at 00:01

Einigen wir uns auf Unentschieden

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Update zu Dieses unnötige, ja sinnlose Hin und Her:

Für Friedrich kämpfend sank er nieder,
So wollte es sein Heldengeist.
Unsterblich groß durch seine Lieder
Der Menschenfreund, der weise Kleist.

Grabdenkmal für Ewald Christian von Kleist, seit 1780.

Hans Mentz, dem ich jedes Wort glaube, unterstellt in seinem Humorkritik-Artikel Lieblingsplagiat in der Titanic vom Juni 2017 auf Seite 51, Monty Python hätten 1975 in Die Ritter der Kokosnuß ein „dreistes Plagiat“ geliefert. Mentz stützt sich dazu auf eine Beobachtung des Lesers S. aus G. und lässt den Erfindern der postmodernen Komik wohlwollend durchgehen, dass sie nicht alles allein aus dem Boden stampfen können, aber dergleichen würde ich ungern auf Monty Python sitzen lassen.

Gottfried Hempel, Ewald Christian von Kleist, 1751, Gleimhaus HalberstadtDie im kollektiven Gedächtnis gut verankerte Szene mit dem Schwarzen Ritter „parodiert bzw. plagiiert laut S. ein Ereignis, welches sich tatsächlich zugetragen und in die Literatur Eingang gefunden hat (nachzulesen in Reimar F. Lachers Buch „‚Friedrich, unser Held‘ – Gleim und sein König„, Wallstein).“ Das Buch ist auffind- und lieferbar, liegt mir aber leider nicht vor (19,90 Euro, erschienen im Februar 2017). Weiter Mentz:

In einem Brief vom 26.9.1759 an Johann Wilhelm Ludwig Gleim schildert Samuel Gottlieb Nicolai, wie sich der Dichter Ewald Christian von Kleist in der Schlacht bei Kunersdorf im Siebenjährigen Krieg [am 12. August 1759] Verletzungen zuzog, an deren Folgen er schließlich starb.

Siehe Nicolais Briefausschnitt unten.

Jener Kleist, der sich nicht mit dem gleichnamigen Selbstmörder mit den brillanten Aufsätzen deckt, ist mir ein Begriff, weswegen ich umso hellhöriger geworden bin: Dessen Sämtliche Werke hab ich mir spontan mit ungefähr 14 Jahren als Reclamheft gekauft, weil es eben ein taschengeldverträgliches Reclamheft war (6,40 DM), auf dem ausdrücklich „Sämtliche“ und kein diffuses „Gesammelte“ oder überhaupt keine näher bezeichneten „Werke“ stand, und weil ich schon den verwandten Heinrich von den Tempel-Klassikern (15 DM) hatte.

Begeistert war ich von seiner schäferidyllischen Lyrik nie, aber heute, in einem Alter, in dem man ernstlich anfängt, sich zu fragen, wie ein Mensch beschaffen sein muss, damit er „Korrektheit des Ausdrucks, glücklich gewählte Bilder, in denen er gewöhnlich die Natur lebendig zeichnet, sowie Fülle und Wohlklang der Diktion“ mit einer Todesart vereinen kann, die zwei Jahrhunderte später als Parodie taugt, habe ich das Bedürfnis, bei dem Freimaurer und Offizier um Entschuldigung zu bitten. Es scheint wirklich, er war ein guter Mensch.

——— Samuel Gottlieb Nicolai:

Brief an Johann Wilhelm Ludwig Gleim, 26. September 1759,
aus: Reimar F. Lacher: „‚Friedrich, unser Held‘ – Gleim und sein König„, Wallstein Verlag 2017,
cit. Hans Mentz: Lieblingsplagiat, aus: Humorkritik, in: Titanic, Juni 2017, Seite 51:

Er half 3 Batterien erobren; und ward an der rechten Hand verwundet. Er hielt den Degen in der linken Hand; Er ward in den linken Arm geschoßen und da Er den Degen nicht mehr halten konte faßte er ihn mit dem Daum und zwei lezten Fingern der rechten Hand … Er rief die Fahnen zu sich. Sie kamen, Er faßte einen Fahnenjunker an, der schon 3 Fahnen trug und will weiter. Das Bataillon folgte. Ohngefehr 30 Schritte von einer neuen Batterie zerschmettern ihm zwischen 4 und 5 Uhr 3 Cartetschen Kugeln das rechte Bein. Er fiel vom Pferde, versuchte, zweimahl vergeblich wieder aufzusteigen, und blieb in Ohnmacht liegen … Ein Feldscheer kam, band den Schnupftuch um das Bein, goß etwas Spiritus auf die Wunde, und ward durch einen Schuß in den Kopf am fernern Verbinden gehindert.

Emil Hünten, Kleist fällt bei Kunersdorf, Holzstich

In Die Ritter der Kokosnuß wird König Artus von Graham Chapman gespielt, der stark lädierte, aber unbesiegbare Schwarze Ritter ist John Cleese. Zum ersten Mal habe ich in dem Filmausschnitt das Schiller-Zitat entdeckt. Wem fällt’s noch auf?

Bilder: Gottfried Hempel: Ewald Christian von Kleist, 1751,
Öl auf Leinwand, 48,8 cm x 38,8 cm, Gleimhaus Halberstadt;
Emil Hünten (1827–1902): Kleist fällt bei Kunersdorf, Holzstich nach Zeichnung,
aus: F. Bülau, Die deutsche Geschichte in Bildern, 2. Band, C. C. Meinhold & Söhne, Dresden 1862.

Soundtrack: Subway to Sally: Grabrede, aus: MCMXCV, 1995:

Written by Wolf

8. September 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Aufklärung, Herrschaft & Revolte

Nachtstück 0010: Dieses Zucken im Zwerchfell

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——— Juli Zeh:

Griffe und Schritte

in: Adler und Engel, 2001:

Auf der Autobahn dreht sie das Radio an und wippt den Kopf im Takt. Im Dunkeln sehe ich, dass sie lächelt.

Das Leben ist merkwürdig, flüstert sie, es besteht eigentlich nur aus Griffen und Schritten. Ein paar wenige davon und schon ist alles anders.

Ich spüre es wieder, dieses Zucken im Zwerchfell.

Juli Zeh, Griffe und Schritte, Adler und Engel, 2001

Soundtrack: The Byrds: Wasn’t Born to Follow, aus: The Notorious Byrd Brothers, 1968:

Written by Wolf

1. September 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Postironismus