Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Fruchtstück 0002: Ein Schooß voll den begehr ich nicht

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Update zum Weihnachtsengel 3: Lasst mich scheinen, bis ich werde
(Mit Freuds Worten singt Mignon als Engel ihr Liebeslied der schönen Seele ohne Geschlecht)

und Zu Lolitas Verteidigung:

Drei Beerenarten – weil vorerst im Winter keine gedeihen –, drei Jahrhunderte, chronologisch geordnet nicht nach der Entstehungszeit, sondern nach den Jahreszeiten.

Das mittlere über die Brombeeren stammt aus Des Knaben Wunderhorn, aufgenommen durch Achim von Arnim, und verarbeitet ein verbreitetes volkstümliches Motiv. Das späteste über die Heidelbeeren von Bierbaum ist eine recht freie Form, der Ode verwandt, die erst im abschließenden Volksliedzitat in Reime ausbricht, ohne realistisch nicht erreichbare Buchausgaben schon nicht mehr genau nachweisbar. Das früheste über die Walderdbeeren von Herder ist eindeutig eine Ode im hohen Ton, ungereimt, dafür formal streng in siebenzeilige Strophen unterteilt.

Auffallend bleibt durch alle drei Jahrhunderte der anzügliche Vergleich von heranreifendem Obst mit sehr jungen Mädchen, die vorerst nur unter Aufbietung verharmlosender Koketterie zum Geschlechtsverkehr herangezogen werden können.

——— Johann Gottfried Herder:

Die Erdbeeren

1772, gesammelt in: Sämmtliche Werke. Zur schönen Literatur und Kunst,
Fünfzehnter Theil, Cotta 1817, Seite 164 f.:

Holde Erdentöchter,
Frühlings frühe Kinder,
Schon aus Sonnenvaters
Warmem Lebenshauche
Und aus Mutter-Erden
Kühlem Schooß empfangen,
Kühle, süße Beeren!

Strawberries, Ireth Alcarin, ca. 2014 bis 2019Wie sie dort im Grase
Hügelaufwärts glühen
Und ins Grün erröthen,
Jetzt den Wandrer lieblich
Locken, jetzt entschlüpfend
Täuschen – Buhlerinnen,
Wie die Erdentöchter!

Ha, wie Vater Frühlings
Odem sie durchbalsamt,
Und der Mutter Erde
Kühle sie erfrischet!
Wie aus niederm Grase
Labung auf sie duften!
Glühen da wie Sterne!

Sollet bald in Schaaren
Lieblich schwimmen! – Sterne,
Jetzt in weißer Unschuld,
Jetzt in goldnem Feuer
Schöngepaaret! Feuer,
Unschuld! und der Liebe
Und der Freude Töchter!

Mir ein ganzer Frühling,
Mir ein ganzes Leben!
Unschuld, Kraft und Freude,
Kühl‘ und Süße! Rose
Ohne Stachel, Labung
Ohne Felsenschlaube!
Schön und tief im Grase!

Mir ein ganzer Frühling,
Mir ein Duft aus Eden!
Als einst Paradieses
Sel’ge Fluren schwanden,
Waren’s Manns Gebete,
Waren’s Eva’s Thränen,
Die zu Duft da blieben?

Oder bracht‘ ein Bruder-
Engel Euch hinieden
In die Wilde? – Labung
Wo dem matten Wandrer
Zu bereiten, Labung,
Als er, halb verschmachtet,
Traurig abwärts blickte?

Kommt dem matten Wandrer
Auch in wüster Wilde
Labung! Wenn er traurig
Pfadverloren abwärts
Blicket – dann erscheint ihm
Kühle, Labung, ferner
Rosenduft aus Eden!

——— Otto Julius Bierbaum:

Heidelbeeren

vermutlich aus: Irrgarten der Liebe, 1901,
posthum gesammelt in: Ausgewählte Gedichte, 1921:

Als heut ich durch die Dresdner Haide fuhr,
Stand meine Kindheit vor mir da: Ein Kind,
Ein Bauernmädelchen im kurzen Rock,
Das bunte Kopftuch über dem blonden Haar:
Die „Guge“, die sich so hübsch an rote Backen schmiegt
Und unterm Kinne zipfelig geschlungen ist.
„Barbs“ geht sie – barfuß: was für Wädelchen!
Wie süß die zierlichen Zehen geschnitten sind
(Ob auch ein wenig mit Staub gepudert) –, ach und sieh:
Wie sich das Bäuchlein leise vorwärts wölbt
(Grad nur, zu zeigen, daß es da ist), und
Wie schelmhaft dieses Fräulein lächeln kann!

Blueberries, Ireth Alcarin, ca. 2014 bis 2019Ein Fräulein von zwölf Jahren, ein Kind und doch
Ein Frauchen: Allerliebst kokett bereits
Und doch unschuldig, Duft noch ganz und Tau
Des frischen Morgens. In den Händen hält
Das Kindchen einen Korb, bis obenan
Gefüllt mit Heidelbeeren. Und da seh ich nun,
Warum die Lippen ihm ein bißchen „schnuddlich“ sind:
Gefärbt vom Blaurot unsrer Wäldlerin,
Der drallen Blauen, die sich den Armen schenkt.

Ja wohl, so wars: So sah meine Kindheit aus.
Die Heidelbeere, nicht die Ananas,
Seh ich als Sinnbild jener zagen Zeit.
Die Heidelbeere, tief im Wald gesucht,
Die wäßrig-säuerliche, die so süß doch war
Dem unverwöhnt gesunden Kindesmund,
Der damals schon beim Süße-Suchen sang:
Heedelbeern, Heedelbeern,
Such ich in der Haide.
Heedelbeern, Heedelbeern
Suchen macht mir Freide.
Heedelbeern sin scheene,
In den Kober kommt keene;
Ich esse alle Heedelbeern, Heedelbeern alleene.

——— Achim von Arnim:

Die schweren Brombeeren.

(Vielfach schriftlich und mündlich.)

aus: Des Knaben Wunderhorn. Alte deutsche Lieder, Band 2,
Mohr und Zimmer, Heidelberg 1808, Seite 206:

Blackberries, Ireth Alcarin, ca. 2014 bis 2019Es wollt ein Mägdlein früh aufstehn,
Drey Stündelein vor dem Tag,
Wollt in den grünen Wald n’aus gehn,
Brombeerlein brechen ab.

Und als sie in den Wald nein kam,
Begegnet ihr Jägers Knecht.
Ey Mädchen scher dich weg nach Haus,
Dem Herren ist das nicht recht.

Und als das Mädchen rückwärts kam,
Begegnet ihr Jägers Sohn:
„Ey Mädchen brech dir ohne Scham,
Ein Schooß voll gönn ich dir schon.“

„Ein Schooß voll den begehr ich nicht,
Ein Handvoll hab ich genug.“
Die Brombeeren standen da so dicht,
Sie suchten da immerzu.

Und als ein halbes Jahr um war,
Brombeerlein wurden groß,
Und als ein drey Vierteljahr um waren,
Ein Kindlein auf dem Schooß.

Ach Gott sind das die Brombeerlein,
Die ich mir gebrochen hab,
Komm her du falsches Jägerlein,
Hilf tragen mich ins Grab.

Tondokument: Zupfgeigenhansel: Die Brombeeren, aus: Volkslieder II, 1976:

Bilder: Erd-, Heidel- und Brombeeren via Ireth Alcarin, ca. 2014 bis 2019;
Extra-Brombeer-Querformat: Can I Kiss You?, 29. Februar 2020.

Blackberries, Can I Kiss You, 29. Februar 2020

Bonus Track: Bikini Girl: Rebel Girl, aus: Yeah Yeah Yeah Yeah, 1992,
für: Ghost World, 2001:

Written by Wolf

24. April 2020 um 00:01

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