Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for Juli 2021

Und überall die Bitternis in jedem Kerne

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Update zu Die Mondfrau sang im Boote:

Mit Theben meinte Else Lasker-Schüler nicht die „siebentorige“ Stadt in Böotien, die heute Thiva heißt, sondern die „hunderttorige“ in Oberägypten, die es überhaupt nicht mehr gibt; ihr alter ego ist der dortige Prinz — keine Prinzessin — Jussuf. Ihr gleichnamiges Buch ist 2002 neu aufgelegt. Aus der Druckauflage von 250 Stück hat die Lasker 50 Stück wertsteigernd handkoloriert und nummeriert, wobei das Exemplar 6 als „farbig besonders liebevoll gestaltet und gut erhalten“ der Herausgeberin Ricarda Dick für den Berliner Jüdischen Verlag zur Vorlage diente. Ernsthaft erschwinglich war das farbige Faksimile — 124 Euro für 64 Seiten — von Anfang an nicht, dafür schön luxuriös, transkribiert und mit Nachwort.

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923Wir tun mal wieder, was wir können, indem wir das Exemplar 58 — also schon keins der kolorierten Unikate mehr — aus einer Wiedergabe lange vor der dankenswerten Neuausgabe von 2002 zugänglich machen. Die Transkriptionen sind übliche Fassungen, nicht zeichengenau die Fassung aus dem neuem, faszinierenden Ganzen, den der Text-Bild-Zyklus Theben bilden soll — aber sie helfen die eher geringfügigen Unterschiede entziffern.

Lasker-Schülers Originalzeichnungen und -handschriften sind auf gelblichem Telegrammpapier verfertigt, das man seinerzeit bei der Post gratis mitnehmen konnte. Es rückt meine Fotos also umso näher an die ursprüngliche Anmutung, wenn meine Vorlage von 1966 ihrerseits in Ehren vergilbt ist.

Danke an Hank Nagler für die Bereitstellung!

(Übrigens suche ich immer noch, wie Sie aus den Fotos schließen können, ein Hand-Model. Vorzugsweise weiblich, mindestens 18 — damit sich irgendwelche Zustimmungen von Erziehungsberechigten erübrigen — bis um die 40 Jahre, Raum München, und nicht, was Sie jetzt denken. Können auch mal andere Körperteile sein, aber keine, die Sie nicht freiwillig Ihrer Großmutter zeigen würden. Von mir aus kann Ihr „Freund“ oder Ihre Anstandsdame zuschauen oder am besten meine Frau, die war sogar mal in einem Fotografieseminar. Es winken belustigende kontaktarme Zusammentreffen mit schönen Büchern und meiner möglichst wenig herumstörenden Person sowie haufenweise lobende Erswähnungen. Als Model-Honorar geht vielleicht sogar mal ein Seidel Bier auf mich.)

——— Else Lasker-Schüler:

Theben

Gedichte und Lithographien

Querschnitt-Verlag, Frankfurt am Main/Berlin 1923, als 24. Flechtheim-Druck in einer Auflage von 250 Exemplaren,
cit nach: Friedhelm Kemp, Hrsg.: Else Lasker-Schüler: Sämtliche Gedichte.
Einmalige Sonderausgabe: Band 134 der Reihe Die Bücher der Neunzehn, Februar 1966, Kösel-Verlag München,
Seite 263 bis 288:

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923

Gebet

Ich suche allerlanden eine Stadt,
Die einen Engel vor der Pforte hat.
Ich trage seinen grossen Flügel
Gebrochen schwer am Schulterblatt
Und in der Stirne seinen Stern als Siegel.

Und wandle immer in die Nacht …
Ich habe Liebe in die Welt gebracht –
Dass blau zu blühen jedes Herz vermag,
Und hab ein Leben müde mich gewacht,
In Gott gehüllt den dunklen Atemschlag.

O Gott, schliess um mich deinen Mantel fest;
Ich weiss, ich bin im Kugelglas der Rest,
Und wenn der letzte Mensch die Welt vergießt,
Du mich nicht wieder aus der Allmacht läßt
Und sich ein neuer Erdball um mich schließt.

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923

Meine Mutter

War sie der große Engel,
Der neben mir ging?

Oder liegt meine Mutter begraben
Unter dem Himmel von Rauch –
Nie blüht es blau über ihrem Tode.

Wenn meine Augen doch hell schienen
Und ihr Licht brächten.

Wäre mein Lächeln nicht versunken im Antlitz,
Ich würde es über ihr Grab hängen.

Aber ich weiß einen Stern,
Auf dem immer Tag ist;
Den will ich über ihre Erde tragen.

Ich werde jetzt immer ganz allein sein
Wie der große Engel,
Der neben mir ging.

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923

Versöhnung

Es wird ein großer Stern in meinen Schoß fallen …
Wir wollen wachen die Nacht,

In den Sprachen beten,
Die wie Harfen eingeschnitten sind.

Wir wollen uns versöhnen die Nacht –
So viel Gott strömt über.

Kinder sind unsere Herzen,
Die möchten ruhen müdesüß.

Und unsere Lippen wollen sich küssen,
Was zagst du?

Grenzt nicht mein Herz an deins –
Immer färbt dein Blut meine Wangen rot.

Wir wollen uns versöhnen die Nacht,
Wenn wir uns herzen, sterben wir nicht.

Es wird ein großer Stern in meinen Schoß fallen.

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923

Mein Volk

Der Fels wird morsch,
Dem ich entspringe
Und meine Gotteslieder singe…
Jäh stürz ich vom Weg
Und riesele ganz in mir
Fernab, allein über Klagegestein
Dem Meer zu.

Hab mich so abgeströmt
Von meines Blutes
Mostvergorenheit.
Und immer, immer noch der Widerhall
In mir,
Wenn schauerlich gen Ost
Das morsche Felsgebein,
Mein Volk,
Zu Gott schreit!

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923

Senna Hoy
(Sascha)

Seit du begraben liegst auf dem Hügel
Ist die Erde süß.

Wo ich hingehe nun auf Zehen,
Wandele ich über reine Wege.

O, deines Blutes Rosen
Durchtränken sanft den Tod.

Ich habe keine Furcht mehr
Vor dem Sterben.

Auf deinem Hügel blühe ich schon
Mit den Blumen der Schlingpflanzen.

Deine Lippen haben mich immer gerufen,
Nun weiß mein Name nicht mehr zurück.

Jede Schaufel Erde, die dich barg,
Verschüttete auch mich.

Darum ist immer Nacht an mir
Und Sterne schon in der Dämmerung.

Und ich bin unbegreiflich unseren Freunden
Und ganz fremd geworden.

Aber du stehst am Tor der stillsten Stadt
Und wartest auf mich, du Großengel.

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923

Marie von Nazareth

Träume, säume, Marienmädchen –
Überall löscht der Rosenwind
Die schwarzen Sterne aus.
Wiege im Arme dein Seelchen.

Alle Kinder kommen auf Lämmern
Zottehotte geritten
Gottlingchen sehen

Und die vielen Schimmerblumen
An den Hecken
Und den großen Himmel da
Im kurzen Blaukleide!

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923

Ein alter Tibetteppich

Deine Seele, die die meine liebet,
Ist verwirkt mit ihr im Teppichtibet.

Strahl in Strahl, verliebte Farben,
Sterne, die sich himmellang umwarben.

Unsere Füße ruhen auf der Kostbarkeit,
Maschentausendabertausendweit.

Süßer Lamasohn auf Moschuspflanzenthron,
Wie lange küßt dein Mund den meinen wohl
Und Wang die Wange buntgeknüpfte Zeiten schon?

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923

Ein Lied

Hinter meinen Augen stehen Wasser,
Die muß ich alle weinen.

Immer möcht ich auffliegen,
Mit den Zugvögeln fort;

Buntatmen mit den Winden
In der großen Luft.

O ich bin so traurig – – – –
Das Gesicht im Mond weiß es.

Drum ist viel sammtne Andacht
Und nahender Frühmorgen um mich.

Als an deinem steinernen Herzen
Meine Flügel brachen,

Fielen die Amseln wie Trauerrosen
Hoch vom blauen Gebüsch.

Alles verhaltene Gezwitscher
Will wieder jubeln

Und ich möchte auffliegen
Mit den Zugvögeln fort.

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923

Joseph wird verkauft

Die Winde spielten müde mit den Palmen noch
So dunkel war es schon um Mittag in der Wüste,
Und Joseph sah den Engel nicht, der ihn vom Himmel grüßte
Und weinte, da er für des Vaters Liebe büßte
Und suchte nach dem Cocos seines schattigen Herzens doch.

Der bunte Brüderschwarm zog wieder nach Gottosten
Und er bereute seine schwere Untat schon
Und auf den Sandweg fiel der schnöde Silberlohn.
Die fremden Männer aber ketteten des Jakobs Sohn
Bis ihm die Häute drohten mit dem Eisen zu verrosten.

So oft sprach Jakob inbrünstig zu seinem Herrn,
Sie trugen gleiche Bärte, Schaum von einer Eselin gemolken
Und Joseph glaubte jedesmal sein Vater blicke aus den Wolken
Und eilte über heilige Bergeshöhn, ihm nachzufolgen
Bis er dann ratlos einschlief unter einem Stern.

Die Käufer lauschten dem entrückten Knaben,
Des Vaters Andacht atmete aus seinem Haare;
Und sie entfesselten die edelblütige Ware
Und drängten sich zu tragen, Canaans Prophet in einer Bahre,
Wie die bebürdeten Kameele durch den Sand zu traben.

Egypten glänzte feierlich in goldenen Mantelfarben
Da dieses Jahr die Ernte auf den Salbtag fiel.
Die kleine Karawane, endlich nahte sie dem Ziel.
Sie trugen Joseph in das Haus des Potiphars am Nil.
An seinem Traume hingen aller Deutung Garben.

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923

Gott hör ….

Um meine Augen zieht die Nacht sich
Wie ein Ring zusammen.
Mein Puls verwandelte das Blut in Flammen
Und doch war alles grau und kalt um mich.

O Gott und bei lebendigem Tage,
Träum ich vom Tod.
Im Wasser trink ich ihn und würge ihn im Brot.
Für meine Traurigkeit gibt es kein Maß auf deiner Waage.

Gott hör … In deiner blauen Lieblingsfarbe
Sang ich das Lied von deines Himmels Dach –
Und weckte doch in deinem ewigen Hauche nicht den Tag.
Mein Herz schämt sich vor dir fast seiner tauben Narbe.

Wo ende ich? – 0 Gott!! Denn in die Sterne,
Auch in den Mond sah ich, in alle deiner Früchte Tal.
Der rote Wein wird schon in seiner Beere schal …
Und überall – die Bitternis – in jedem Kerne.

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923

Ich schrieb die Verse dieses Buches und zeichnete die Bilder dazu auf den Stein bei A. Ruckenbrod in Berlin, der das Buch in 250 Exemplaren für die Querschnitt-Verlags Aktiengesellschaft in Frankfurt am Main druckte. Die Zeichnungen der ersten 50 Bücher colorierte ich mit der Hand. Das Buch erscheint als 24. Flechtheim Druck.

Dieses Buch trägt die Nummer
58

Else Lasker-Schüler

Soundtrack: 17 Hippies: Frau von Ungefähr, aus: Ifni, 2004:

Written by Wolf

30. Juli 2021 at 00:01

Die Mütter sind es! Mütter!

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Update zu Untergehn mit Faust und Maus und Ach! schrei’n (Typisch deutsch!)
und Was hilft euch Schönheit, junges Blut?:

Den Müttern! Trifft’s mich immer wie ein Schlag!
Was ist das Wort das ich nicht hören mag?

Faust (schaudernd), Finstere Gallerie.

Wer zu den Müttern sich gewagt
Hat weiter nichts zu überstehen.

Homunculus, Classische Walpurgisnacht. Pharsalische Felder, Finserniß.

Als ich lange vor meiner notwendigen sittlichen Reife, im Alter von etwa zwölf Jahren, zum ersten Mal im Faust las, verliebte ich mich umgehend in den ersten Teil, weil er sich so schön reimte, der zweite Teil verschließt sich mir bis heute so hermetisch wie allen anderen Leuten auch.

Evelyn De Morgan, Helen of Troy, 1898Am auffälligsten erschien dem Welpen, der ich einst war, der Begriff der „Mütter“, zu denen Faust aus Gründen, die weder ein Zwölf- noch ein 24- noch 120-Jähriger ohne weiteres einzusehen vermag, „hinabsteigen“ muss. Aus dem schieren Wort, das von Assoziationen, nun ja: schwanger ist wie wenige andere, erheben sich umgehend Fragen wie: Warum gleich mehrere Mütter? Wie viele genau? Warum sind sie irgendwo unten? Doch nicht etwa in der Hölle? Und wenn, dann als Insassinnen oder als ein verschobener Verwandtschaftsgrad von des Teufels Großmüttern? Wer sind ihre Kinder?

Es sind drei, in Goethes eigenwilliger Auslegung griechischer Mythologie vermutlich Rhea, Demeter und Persephone. Sie sind die Weltenmütter, zu denen Faust sich gleichwie in sein Unterbewusstsein begeben muss, um den magischen Schlüssel dafür zu beschaffen, den kaiserlichen Hofstaat, nachdem er ihn materiell bereichert hat, auch noch durch die Vorführung der Schönen Helena persönlich samt ihrem Prinzen Paris zu amüsieren. Das gehört zu den wenigen Dingen, die sein dienstbarer Geist Mephisto ihm nicht unmittelbar leisten kann, worin eine mystisch umwaberte, aber eindeutige Kapitalismuskritik liegt. Entgegen der Erwartung an eine so tiefgreifende Unternehmung nimmt Faustens Gang zu den Müttern keinen ganzen Akt ein, sondern ist in wenigen Dialogwechseln teichoskopisch abgehandelt, was auch das spärliche Illustrationsmaterial dazu erklärt. Beruhigender Weise orientieren sich bisherige Interpretationen sehr viel eher an den Orphikern als an Ödipus.

Am tiefschürfendsten erfahren wir in der anthroposophischen Wikipdia, was Faust als Sprachrohr von Goethe unter „Müttern“ versteht, und finden eine thematisch früher einsetzende, wenngleich erst zwei Jahre spätere Erklärung für Rudolf Steiners Vortrag übers Reich derselben: aus dem Vortrag Faust und die Mütter, gehalten am 2. November 1917 in Dornach, nach einer szenischen Darstellung aus „Faust II“: „Finstere Galerie“, „Am Kaiserhof“:

Persönlich ist Goethe dieses ganze Verhältnis zu den Müttern vor die Seele getreten aus der Lektüre des Plutarch. Plutarch, der griechische Schriftsteller, den Goethe gelesen hat, spricht von den Müttern. Insbesondere eine Szene im Plutarch scheint auf Goethe dem Gemüte nach einen tiefen Eindruck gemacht zu haben: Die Römer sind mit den Karthagern im Kriege. Nikias ist römisch gesinnt, und er will die Stadt Engyion den Karthagern entreißen. Er soll an die Karthager deshalb ausgeliefert werden. Da stellt er sich wahnsinnig und läuft auf den Straßen herum und ruft: Die Mütter, die Mütter verfolgen mich! – Sie sehen daraus, daß in der Zeit, von der Plutarch spricht, man diese Verwandtschaft der Mütter nicht mit dem gewöhnlichen sinnlichen Verstände, sondern mit einem Zustand des Menschen, wo dieser sinnliche Verstand nicht da ist, in Zusammenhang bringt. Zweifellos hat alles dasjenige, was Goethe im Plutarch gelesen hat, ihm die Anregung gegeben, den Ausdruck, die Idee der Mütter einzuführen in den Faust.

Fachliteratur ist außer Rudolf Steiner, diesmal kmit tiefenpsycholgischem Ansatz, Simone Ehrhardt: Die Rolle der Mütter in Goethes Faust I ünd II, Magister-Abschlussprüfung (8 Seiten) an der Uni Mannheim 2000, Fassung von 2017. Die Coverage über die Mütter aus Faust II bildet der Absatz:

Der Gang zu den Müttern

Das nächste bedeutende Erlebnis ist Fausts Gang zu den Müttern. (Davor wird er durch besagte negative Mutter, die zu ihrer Tochter redet, noch einmal mit dem konfrontiert, was seine ursprüngliche Einschätzung Gretes war.) Der Gang zu den Müttern führt ihn auf eine Ebene, wohin Mephisto ihm nicht folgen kann. Der Anlass dafür ist, Helena zu finden, die Frau, die er schon im Spiegel gesehen hat und die in seinem Inneren wohnt. Der Gang zu den Müttern ist also ein Versinken in sein Unterbewusstsein. Wenn man Wilhelm Resenhöffts Argumentation folgt, der in Mephisto die Verkörperung des Faustschen Verstandes sieht, dann ist klar, warum Mephisto nicht dorthin kommen kann. Der Verstand kann dem Unter-bewusstsein nicht begegnen, das wäre paradox.

Faust begegnet bei den Müttern dem Urbild der Mutter, der Weiblichkeit, dem Weiblichen in sich selbst und stellt sich dem zum ersten Mal gewollt. Was er dort bzw. dadurch lernt, ist, dass es des Männlichen und des Weiblichen bedarf, um Leben zu schaffen (symbolisch dargestellt durch den Schlüssel und den Dreifuß) – ein Motiv, das später in Bezug auf Homunculus wiederholt wird.

Faust schafft es, Helena und Paris erscheinen zu lassen, aber das krampfhafte Festhaltenwollen an Helena lässt alles in Rauch aufgehen und Faust in einer Ohnmacht versinken. Wollte man Freud bemühen, könnte man auch sagen, dass Faust hier das Bild von Mutter und Vater erstehen lässt, durch seinen Vernichtungswunsch dem gleichgeschlechtlichen Rivalen gegenüber aber alles zerstört. In Helena könnte man das idealisierte Bild von Fausts Mutter sehen, in seiner Verbindung mit ihr denrealisierten Wunsch des Sohnes der Mutter gegenüber. Da dies aber vom Über-Ich verboten ist, kann diese Verbindung keinen Bestand haben.

Ich mache mir Rudolf Steiners Ansichten nicht zu eigen. Rein zur Dokumentation zitiere ich aus seiner gesamten Vortragsreihe, dem Band II aus Das Faust-Problem. Die romantische und die klassische Walpurgisnacht. Geisteswissenschaftliche Erläuterungen zu Goethes „Faust“. Zwölf Vorträge, gehalten in Dornach vom 30. September 1916 bis 19. Januar 1919, ein öffentlicher Vortrag in Prag am 12. Juni 1918 ungekürzt:

——— Rudolf Steiner:

Das Reich der Mütter. Die Mater gloriosa

Vortrag über Kunst, Reihe Faust, der strebende Mensch,
Dornach, 16. August 1915:

Blicken wir zurück in eine frühere Szene des zweiten Teiles von Goethes «Faust», in die Szene, die ich in manchem Zusammenhange schon öfters erwähnt habe, wo es Faust möglich gemacht werden soll, mit Helena sich zu vereinigen. Wie wird innerhalb der ganzen Faust-Dichtung diese Möglichkeit der Vereinigung des Faust mit Helena dargestellt?

Franz Xaver Simm, Helena 1899 via GoethezeitportalWir wissen, daß Faust sich zunächst, um die Vereinigung mit der Helena vollziehen zu können, in jene Region zu begeben hat, in die selbst Mephistopheles nicht hinein kann, in das Reich, das genannt wird «das Reich der Mütter». Wir haben es öfter hervorgehoben, daß Mephistopheles-Ahriman nur in der Lage ist, Faust den Schlüssel zum Reiche des «Unbetretenen, nicht zu Betretenden» zu reichen. Wir haben es auch erwähnt, wie in diesem Reiche der Mütter dasjenige zu finden ist, was das Ewige iSt an Helena, und wir haben erwähnt, wie Goethe versucht hat, das Geheimnis des Wiedereintretens der Helena in die Erdenwelt zu lösen. Wir haben dieses Geheimnis von Goethe ausgesprochen ge­funden dadurch, daß er den Homunkulus entstehen läßt, daß der Ho­munkulus durchgeht durch die Evolution der Erdenentwickelung, diese Evolution der Erdenentwickelung gleichsam nachholt, und daß dann der Homunkulus, indem er sich auflöst in den Elementen, übergeht in die elementarische geistige Welt so, daß er, indem er sich vereinigt mit dem Urbild der Helena, welches Faust von den Müttern holt, gewissermaßen die Wiederverkörperung gibt, mit der nun Faust sich verbinden kann. Faust ist gewissermaßen auf den großen Schauplatz der Geschichte er­hoben, er sucht Helena. Was braucht er, um Helena zu suchen? Helena, der Typus der griechischen Schönheit, Helena, das Weib, das so viel Verderben in die Griechenwelt gebracht hat, das aber Goethe doch so darstellt, daß es uns ebenfalls – ich sage dies mit Bezug auf das Gretchen – in griechischem Sinne unschuldig schuldig erscheint. Denn so tritt Helena am Beginn des dritten Aktes auf: unschuldig schuldig. Durch ihre Tat ist viel Schuld bewirkt worden. Allein Goethe sucht in jeder Menschennatur das Ewige und kann nicht rechnen da, wo er die Evolution der Menschheit im höheren Sinne darstellen will, mit der Schuld, sondern er kann nur rechnen mit der Notwendigkeit.

Wenn wir uns nun fragen, wodurch wird Faust in die Lage versetzt, in jene geistigen Reiche zu steigen, in denen er die Helena finden kann, da klingt es uns entgegen:

Die Mütter sind es! Mütter!

Und Mephistopheles reicht ihm den Schlüssel zu den Müttern. In charakteristischer Weise wird uns auseinandergesetzt, daß Faust hinabsteigen soll zu den Müttern, man könnte ebensogut sagen hinaufsteigen, denn in diesem Reich kommt es nicht darauf an, in physischem Sinne das Hinab und Hinauf voneinander zu unterscheiden.

Die Mütter! Mütter! – ’s klingt so wunderlich!

Wir hören das Wort aus dem «Faust». Und wenn wir uns erinnern, wie dies Reich der Mütter beschrieben wird, wie sie sitzen um den goldenen Dreifuß, wenn wir die ganze Szenerie des Reiches der Mütter ins Auge fassen, wie könnte dieses Sich-Begeben des Faust ins Reich der Mütter ausgedrückt werden? Was sind sie, die Mütter, die ewig walten, aber – weiblich dargestellt – die Kräfte darstellen, von denen Faust hervorgeholt hat das Ewige, das Unsterbliche der Helena? Wollte man an der Stelle, wo Faust zu Helena geschickt wird, die ganze Tatsache ausdrücken, so müßte man sagen: Faust wird seinen Drang zu Helena und zu den Müttern auszudrücken haben dadurch, daß er sagt: Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan oder hinab – darauf kommt es jetzt nicht an. Wir könnten ebensogut dieses letzte Motiv, das uns am Schlusse des «Faust» entgegentritt, angewendet wissen da, wo Faust zu den Müttern hinuntersteigt. Aber wir stehen mit dem Faust bei seinem Gang zu den Müttern und zu Helena auf dem Boden der alten heidnischen Welt, der vorchristlichen Welt, der Welt, die dem Mysterium von Golgatha vorangegangen ist. Und am Schlusse des «Faust»? Wir stehen einem ähnlichen Gange des Faust gegenüber, dem Gange des liebenden Faust, der sich Gretchens Seele nähern will, aber wir stehen jetzt mit ihm auf dem Boden der Evolution nach dem Mysterium von Golgatha. Und nach was strebt er jetzt? Noch nach den Müttern? Nach der Dreizahl der Mütter nicht mehr. Nach der einen Mutter, nach der Mater gloriosa, die ihm den «Weg ins Unbetretene, nicht zu Betretende», wo Gretchens Seele weilt, ebnen soll. Die Mütter, auch ein Ewig-Weibliches, sind in der Dreizahl. Die Mutter, die Mater gloriosa, sie ist in der Einzahl. Und das Streben zu den Müttern, indem es uns versetzt in die Zeit der Evolution vor dem Mysterium von Golgatha, und das Streben zu der Mutter, zu der Mater gloriosa, indem es uns versetzt in die Evolution nach dem Myste­rium von Golgatha – zeigt es uns nicht in einer wunderbaren Weise, dichterisch großartig, überwältigend großartig dasjenige, was das Mysterium von Golgatha der Menschheit gebracht hat? Aus der Dreiheit des noch astralischen Denkens, Fühlens und Wollens strebt hinauf die Menschheit im «Faust» nach der Dreigliedrigkeit des Ewig-Weiblichen. Wir haben es oft charakterisiert, wie die Einheit des menschlichen Inne­ren in dem Ich über die Menschheit gekommen ist durch das Mysterium von Golgatha. Aus den drei Müttern wird die eine Mutter, die Mater gloriosa, dadurch, daß der Mensch in der uns bekannten Weise zu der innerlichen Durchdringung mit dem Ich fortgeschritten ist.

In der Faust-Dichtung ist verkörpert das ganze Geheimnis des Überganges der Menschheit vor dem Mysterium von Golgatha. Und dieses von dem Ewig-Weiblichen der Dreiheit zu dem Ewig-Weiblichen der Einheit ist eine der größten, der wunderbarsten, schönsten Steigerungen nun in der künstlerischen Ausgestaltung, die sich in diesem zweiten Teil des «Faust» befindet. Aber wie tief wir auch in die Geheimnisse des «Faust» hineinsehen, überall finden wir das, was ich pedantisch aus­gesprochen, aber nicht pedantisch gemeint habe, indem ich gesagt habe:

Alles klingt so sach- und fachgemäß.

Ich habe schon früher darauf aufmerksam gemacht, wie wir, wenn wir vollständig den menschlichen Zusammenh ang begreifen wollen, dar­auf hinweisen müssen, daß der Mensch zunächst als ganzer Mensch mit dem Makrokosmos zusammenhängt, wie im Menschen sich der Makrokosmos abbildlich als im Mikrokosmos findet. Nur müssen wir uns er­innern, daß des Menschen Erdenentwickelung unverständlich bleibt, wenn man nicht weiß, daß der Mensch in seinem Inneren dasjenige trägt, was zunächst für diese Erdenentwickelung ein Vergängliches ist, was aber für des Menschen Entwickelung ein Dauerndes ist, was sich hineinentwickelt hat in die menschliche Natur beim Durchgang durch die alte Saturn-, Sonnen- und Mondenentwickelung. Wir wissen, daß des Menschen physischer Leib sich in der ersten Anlage schon während der alten Saturnentwickelung gebildet hat. Wir wissen, daß er sich da­mals immer weiter und weiter gebildet hat durch Sonnen- und durch Mondenentwickelung bis zur Erdenentwickelung herüber. In verschiede­ner Weise – darauf habe ich früher schon hingewiesen – ist nun eingegangen in die äußere irdische Bildung des Menschen das, was in den drei Vorstufen der Evolution, der vorirdischen Evolution, mit dem Menschen sich vereinigte.

Ich konnte den Teil, der früher über die Sache zu sagen war, nur flüchtig andeuten, und bei diesem flüchtigen Andeuten muß es auch bleiben. Ich habe gesagt: Wir berühren dabei den Saum eines bedeut­samen Geheimnisses. – Und es ist sehr natürlich, daß diese Dinge nur angedeutet werden können. Wer sie weiter verfolgen will, muß über das Angedeutete eine Meditation anstellen. Er wird dann schon das, was ihm noch wünschenswert ist, finden, wenn es vielleicht auch etwas lange dauert.

Wir aber müssen uns klarmachen, daß der Mensch, indem die Mondenentwickelung sich abgeschlossen hat, die Erdenentwickelung begonnen hat, gewissermaßen in diesem Übergang von der Mondenentwickelung zur Erdenentwickelung durchgegangen ist durch eine Art von Auflösung, Vergeistigung, durch eine Weltennacht, und erst wiederum sich hereingebildet hat ins Materielle. Gewiß, die Anlagen, die er sich durch die Saturn-, Sonnen- und Mondenentwickelung gebildet hat, sind ihm geblieben, auch die Anlagen zum physischen Leibe. Aber er hat sie auch aufgenommen in das Geistige und hat sie dann wieder herausgebildet aus dem Geistigen, so daß wir uns während der Erdenentwickelung eine Zeit denken mussen, in welcher der Mensch noch nicht physisch war.

Wenn wir von allem übrigen absehen, was teil hat an der Entwickelung der Tatsache, daß der Mensch sich in seinem physischen Erdendasein männlich und weiblich bildet, so können wir im allgemeinen sagen: So wie der Mensch überhaupt hereingekommen ist, ist er zunächst als ätherischer Mensch hereingekommen. – Gewiß, in diesem ätherischen Menschen waren schon die Anlagen zum physischen Menschen, die wäh­rend der Saturn-, Sonnen- und Mondenzeit sich entwickelt haben, aber dennoch, sie waren im Ätherischen ausgebildet. Ich habe das schon in der «Geheimwissenschaft im Umriß» genauer angedeutet. Und es muß sich das Physische erst wiederum aus dem Ätherischen heraus entwickeln. Aber an diesem ganzen Prozeß des Herausentwickelns haben Luzifer und Ahriman ihren Anteil. Denn Luzifer und Ahriman greifen schon vorher, wenn sich auch ihr Einfluß während der Erdenentwickelung wiederholt, während der Mondenentwickelung und schon während der Entwickelung hin zum Mond in die ganze Entwickelung der Menschheit ein.

Franz Xaver Simm, Helena 1899 via GoethezeitportalNun habe ich hier etwas zu sagen, was schwer verständlich ist – weniger schwer verständlich für den menschlichen Verstand als schwer ver­ständlich, glaube ich, für das ganze menschliche Gemüt –, aber was doch auch einmal wirklich verstanden werden muß. Stellen wir uns vor: der Mensch war also einmal im Erdenlauf, bevor er sich seit der lemurischen und atlantischen Zeit physisch allmählich gebildet hat, ätherisch, und – ich will das schematisch andeuten – aus diesem Ätherischen habe sich herausgebildet allmählich sein Physisches. Also der Mensch war äthe­risch. Nun wissen wir, daß das Ätherische ein viergliedriges ist. Wir kennen den Äther als eine gewissermaßen viergliedrige Wesenheit. Wenn wir von unten nach oben steigen, so kennen wir den Äther als: Wärmeäther; Lichtäther; den Äther mit stofflicher Natur oder auch chemischen Äther, der aber seine stoffliche Natur dadurch hat, daß der Stoff inner­lich noch den Ton füllt, die Weltenharmonie, die Sphärenharmonie, denn Stoffe sind dadurch Stoffe, daß sie Ausdruck sind für die Weltenharmonie. Zunächst haben wir uns die Welt harmonisch vorzustellen. Der eine Ton bedingt, indem er hinklingt durch die Welt, sagen wir, Gold, der andere Ton bedingt Silber, der dritte Ton bedingt Kupfer und so weiter. Jeder Stoff ist der Ausdruck eines gewissen Tones, so daß wir natürlich auch sagen können Tonäther, nur dürfen wir nicht den Äther so darstellen, daß er irdisch wahrnehmbar ist, sondern als noch in der Äther-Geistsphäre verklingenden Ton. Und der letzte Äther ist der Lebensäther. So daß der Mensch, wenn wir ihn uns noch als ätherisch vorstellen, ätherisch dadurch gebildet ist, daß diese vier Ätherarten in­einandergreifen. Wir können also sagen: Der Mensch erscheint da, wo die Erdenentwickelung sich anschickt, aus dem Äthermenschen allmählich den physischen Menschen hervorgehen zu lassen, als ein Ätherorganismus vor seinem Physischwerden, wo durcheinander organisiert ist Wärmeäther, Lichtäther, stofflicher oder Tonäther und Lebensäther.

Nun nehmen an diesem ganzen Prozeß des Physischwerdens des Men­schen teil Luzifer und Ahriman. Sie sind immer dabei. Sie nehmen teil an dieser ganzen Evolution. Sie üben ihren Einfluß aus. Natürlich gibt es besondere Punkte, wo sie diesen Einfluß ziemlich stark ausüben, aber immer sind sie da, diese besonderen Punkte, das finden Sie ja in der «Geheimwissenschaft» hervorgehoben. So wie, ich möchte sagen, die ganze pflanzliche Kraft immer in der Pflanze ist, aber einmal sich als grünes Laubblatt, einmal sich als Blüte geltend macht, so sind auch Luzifer und Ahriman immer dagewesen, während sich der Mensch hindurchent­wickelt hat durch die verschiedenen Epochen der Erdenentwickelung, sind sie gewissermaßen bei allem dabei.

Wenn Sie nun von allem übrigen absehen, man kann ja nicht immer alles aufzählen, so können Sie sich ungefähr dieses aus der ätherischen Organisation heraus entstehende Physische des Menschen so vorstellen – alles übrige eingerechnet, was ich in der «Geheimwissenschaft» und sonst natürlich dargestellt habe –, daß weibliche Gestalt und männliche Gestalt entsteht. Was sonst mitwirkt, davon sehen wir jetzt ab, aber es entsteht weibliche und männliche Gestalt. Hätten Luzifer und Ahriman nicht mitgewirkt, so wäre nicht weibliche und männliche Gestalt entstanden, sondern das, was ich einmal in München beschrieben habe: ein Mittleres. So daß wir wirklich sagen können: Luzifer und Ahriman ist es zuzuschreiben, daß die Menschengestalt auf Erden differenziert wurde in eine männliche und weibliche Gestalt. – Und zwar, wenn wir uns nun schon vorstellen den Zustand, wie sich der Mensch der Erde nähert, die sich allmählich durch das mineralische Reich verfestigt, wenn wir uns dazu noch vorstellen, daß sich der Erdenplanet bildet, physisch verfestigt, daß sich im Umkreise der Erde der auch die Erde durchdringende Äther befindet, so können wir uns vorstellen, daß der Mensch sich aus dem Äther der ganzen Erde herausbildet und damit sich in seinem Charakter auch nähert dem Physischen der Erde, daß sich in ihm gleichsam das Ätherisch-Mineralisch-Physische begegnet mit dem Mineralisch-Physischen der Erde. Aber Luzifer und Ahriman sind dabei, sind richtig dabei wirksam. Viele Mittel haben sie, um ihren Einfluß auf die Evolution der Menschheit geltend zu machen. Und dieser verschiedenen Mittel bedienen sie sich zu diesen oder jenen Vorgängen, die sie hervorrufen.

Luzifer hat vor allen Dingen die Tendenz, den Geist des Leichten zu entwickeln; er möchte eigentlich immer den Menschen nicht recht irdisch werden lassen, möchte ihn gar nicht so völlig auf die Erde herabkommen lassen. Luzifer ist ja bei der Mondenentwickelung zurück­geblieben, und er möchte den Menschen für sich gewinnen, ihn nicht hereinlassen in die Erdenentwickelung. Das strebt er auf die Weise an, daß er sich vor allen Dingen der Kräfte des Wärmeäthers und des Lichtäthers bemächtigt. Diese Kräfte verwendet er auf seine Art in den Vorgängen, die jetzt geschehen bei dem Physischwerden des Menschen. Luzi­fer hat hauptsächlich Macht über den Wärmeäther und den Lichtäther, die beherrscht er vorzugsweise. Dazu hat er sich schon während der Mondenentwickelung gut vorbereitet, die organisiert er auf seine Art. Dadurch kann er in einer andern Weise die Menschwerdung beeinflussen. Indem er aus dem Äther heraus den Menschen physisch werden läßt, kann er dadurch, daß er gerade über Wärme- und Lichtäther sich hermacht und darin seine Gewalt geltend macht in einer andern Weise, als es sonst ohne diese geschehen wäre, die menschliche Gestalt bewirken. So wie er nun im Wärme-Lichtäther waltet und webt, wird durch dieses Walten und Weben nicht der Mittelmensch, der sonst entstehen würde, sondern die weibliche Gestalt des Menschen. Die weibliche Gestalt des Menschen wäre nie ohne Luzifer zustande gekommen. Sie ist schon der Ausdruck des Hervorgehens aus dem Äther, indem Luzifer sich gerade des Wärme-Lichtäthers bemächtigt.

Über den Ton- und Lebensäther hat besonders Ahriman seine Gewalt. Ahriman ist zugleich der Geist der Schwere. Ahriman hat das Bestreben, Luzifer entgegenzuwirken. Dadurch wird in einer gewissen Weise wesentlich das Gleichgewicht bewirkt, daß von den weise wirkenden, fortschreitenden Göttern der luziferischen Gewalt, die den Menschen hinausheben will über das Irdische, entgegengestellt wird die ahrimanische Gewalt. Ahriman will nun den Menschen eigentlich herunterziehen ins Physische. Er will ihn mehr physisch machen, als er sonst würde als Mittelmensch. Dazu ist Ahriman dadurch vorbereitet, daß er besonders Gewalt hat über den Ton- und Lebensäther. Und in Ton- und Lebensäther wirkt er und webt er, der Ahriman. Und dadurch wird nun die menschliche physische Gestalt, indem sie aus dem Äther herausgeht ins Physische hinein, in einer andern Weise physisch, als sie geworden wäre durch die bloß fortschreitenden Götter, zur männlichen Gestalt. Die männliche Gestalt wäre ohne den Einfluß Ahrimans gar nicht denk­bar, gar nicht möglich. So daß man sagen kann: Die weibliche Gestalt ist herausgewoben durch Luzifer aus dem Wärme- und Lichtäther, in­dem Luzifer dieser Gestalt ätherisch ein gewisses Streben nach oben ein­flößt. Die männliche Gestalt wird von Ahriman so geformt, daß ihr ein gewisses Streben zur Erde hin eingepflanzt wird.

Dies, was so gleichsam jetzt aus dem Makrokosmischen der Weltenevolution heraus gewollt ist, können wir im Menschen wirklich geisteswissenschaftlich beobachten. Nehmen wir einmal die weibliche Gestalt, schematisch gezeichnet, so müssen wir also sagen: Da ist ätherisch hin­einverwoben von Luzifer Wärme und Licht in seiner Art. – Es ist also die physisch-weibliche Gestalt so gewoben, daß im Licht- und Wärmeäther nicht nur die gleichmäßig fortschreitenden Götter ihre Kräfte entwickelt haben, sondern daß luziferische Kräfte in diesen weiblichen Ätherleib hineinverwoben sind. Nehmen wir nun an, es werde in diesem weiblichen Ätherleib dasjenige, was die Erde besonders gegeben hat, das Ich-Bewußtsein, das zusammenhaltende Bewußtsein herabgestimmt, es trete eine Art herabgestimmtes Bewußtsein ein, was manche Leute schon «Hellsehen» nennen, eine Art des traumhaften, trancehaften Schauens, dann tritt in einem solchen Falle dasjenige, was Luzifer in Licht- und Wärmeäther verwoben hat, in einer Art von Aura heraus, so daß, wenn Visionärinnen in ihren Visionszuständen sind, sie von einer Aura umgeben sind, welche luziferische Kräfte in sich hat, nämlich die des Wärme- und Lichtäthers. Nun handelt es sich darum, daß diese Aura, die nun den weiblichen Leib umgibt, wenn Visionszustände ein­treten auf mediale Art, als solche nicht geschaut wird. Denn selbstverständlich wenn nun der weibliche Leib inmitten dieser Aura ist (es wird gezeichnet), dann sieht der weibliche Organismus in diese Aura hinein, und er projiziert ringsherum das, was er in dieser Aura sieht. Er sieht das, was in seiner eigenen Aura ist. Der objektive Betrachter sieht etwas, was er nennen kann: der Mensch strahlt Imaginationen aus, er hat eine Aura, die aus Imaginationen gebildet ist, an sich. Das ist ein objektiver Vorgang, der dem, der ihn betrachtet, nichts macht. Das heißt, wird diese imaginative Aura von außen betrachtet, durch einen andern betrachtet, so wird einfach eine Aura objektiv gesehen, wie etwas anderes gesehen wird; wird aber diese Aura von innen, von der Visionärin selber durchschaut, so sieht sie nur das, was in ihr selber Luzifer ausbreitet. Es ist ein großer Unterschied, ob man etwas selber sieht, oder ob es von andern gesehen wird. Ein gewaltiger Unterschied!

Mit diesem hängt es zusammen, daß bei dem Eintritt des visionären Hellsehens bei der Frau die große Gefahr dann vorhanden ist, wenn dieses visionäre Hellsehen in Form von Imaginationen auftritt. Da ist von seiten der Frau ganz besondere Vorsicht nötig. Und es ist immer das vorauszusetzen, daß die Entwickelung scharf in die Hand genommen werden muß, daß sie eine gesunde ist. Nicht stehenbleiben bei alledem, was man sieht, nicht wahr, denn das kann einfach die eigentlich luziferische Aura sein, von innen angeschaut, die nötig war, um den weiblichen Leib zu bilden. Und manches, was Visionärinnen beschreiben, ist aus einem ganz andern Grunde interessant als aus dem Grunde, aus dem es die weiblichen Visionärinnen für interessant halten. Wenn sie es so beschreiben oder ansehen, als ob es eine interessante objektive Welt wäre, so haben sie ganz unrecht, so sind sie ganz im Irrtum. Wenn aber diese entsprechende Aura von außen gesehen wird, dann ist es das, was aus dem Äther heraus die weibliche Gestalt gerade möglich gemacht hat in der Erdenentwickelung. So daß wir sagen können: Die Frau hat besondere Vorsicht anzuwenden, wenn bei ihr das Visionäre, das imaginative Hellsehen beginnt oder sich zeigt, denn da kann sehr leicht eine Gefahr lauern, die Gefahr, in Irrtum zu verfallen.

Der männliche Organismus ist nun anders. Wenn wir den männlichen Organismus ins Auge fassen, so hat in seine Aura hinein Ahriman seine Kraft, aber jetzt in den Ton- und Lebensäther gewoben. Und wie es bei der Frau vorzugsweise der Wärmeäther ist, so ist es beim Manne vor­zugsweise der Lebensäther. Bei der Frau ist es vorzugsweise der Wärmeäther, in dem Luzifer wirkt, und beim Manne der Lebensäther, in dem Ahriman wirkt. Wenn der Mann nun aus seinem Bewußtsein heraus­kommt, wenn der Zusammenhalt, der sich in ihm als Ich-Bewußtsein ausdrückt, herabgedämpft wird, wenn eine Art passiver Zustand bei dem Manne eintritt, dann ist es so, daß man wiederum sehen kann, wie die Aura sich um ihn geltend macht, die Aura, in der Ahriman seine Gewalt darinnen hat.

Aber es ist jetzt eine Aura, die vorzugsweise Lebensäther und Tonäther in sich enthält. Da ist vibrierender Ton drinnen, so daß man eigentlich diese Aura des Mannes nicht so unmittelbar imaginativ sieht. Es ist keine imaginative Aura, sondern es ist etwas von vibrierendem geistigem Ton, das den Mann umgibt. Das alles hat zu tun mit der Gestalt, nicht mit der Seele natürlich; das hat mit dem Manne zu tun, insofern er physisch ist. So daß derjenige, der diese Gestalt von außen betrachtet, sehen kann: der Mensch strahlt – kann man jetzt sagen – Intuitionen aus. Das sind dieselben Intuitionen, aus denen eigentlich seine Gestalt gebildet worden ist, durch die er da ist als der Mann in der Welt. Da tönt es von lebendig-vibrierendem Ton um einen herum. Da­her ist beim Manne eine andere Gefahr vorhanden, wenn das Bewußt­sein zur Passivität herabgedämpft wird, die Gefahr, diese eigene Aura nur zu hören, innerlich zu hören. Der Mann muß besonders achtgeben, daß er nicht sich gehen läßt, wenn er diese eigene Aura geistig hört, denn da hört er den in ihm waltenden Ahriman. Denn der muß da sein.

Franz Xaver Simm, Helena 1899 via GoethezeitportalSie sehen jetzt, wie auf der Erde nicht das Männliche und Weibliche in der Menschheit wäre, wenn nicht Luzifer und Ahriman gewirkt hätten. Ich möchte wissen, wie die Frau dem Luzifer entfliehen könnte, wie der Mann dem Ahriman entfliehen könnte! Die Predigt: man soll ihnen entfliehen, diesen Gewalten – ich habe es oft betont –, ist ganz töricht, denn sie gehören zu dem, was in der Evolution lebt, nachdem die Evolution schon einmal so ist, wie sie ist.

Aber wir können jetzt sagen: Ja, indem der Mann also auf der Erde als Mann steht, in einer männlichen Inkarnation, geht er durch sein Leben, und das, was er als Mann ist, was er als Mann erfahren kann, was gewissermaßen die männliche Erfahrung ist, hat er davon, daß dieser tönende Lebensäther in ihm ist, daß er gewissermaßen illimer in sich, allerdings von Ahriman gemischte Lebechöre hat, die eigentlich seine männliche Gestalt aufbauen. Lebechöre hat er um sich, in sich, die nur, wenn er medial wird, um ihn herum sichtbar, hörbar werden.

Nehmen wir nun an, wir hätten es mit bei der Geburt gleich Gestor­benen zu tun, die ausdrücken wollen, daß sie nicht «Mann» geworden sind hier während ihrer Inkarnation. Was würden denn die sagen? Die würden sagen, daß dies bei ihrer Geburt nicht gewirkt hat, daß sie zwar die Anlagen gehabt haben, in dieser Inkarnation Männer zu werden, aber es hat das, was den Mann zum Mann macht, nicht gewirkt. Sie sind entfernt worden gleich von dem, was sie in der physischen Inkarnation zu Männern gemacht hätte. Kurz, sie werden sagen:

Wir wurden früh entfernt
Von Lebechören.

Das sagen die seligen Knaben.

Wir wurden früh entfernt
Von Lebechören;
Doch dieser hat gelernt,

das heißt: der hat die Erfahrung durchgemacht, der Faust. Der ist durch das lange Leben gegangen, durch das lange Erdenleben. Der kann uns etwas übermitteln von diesem Erdenleben.

Er wird uns lehren.

So müssen wir gewissermaßen in die tiefsten Tiefen des okkulten Erkennens hineinschauen, wenn wir verstehen wollen, warum das eine oder andere Wort gerade in dieser Dichtung steht. Der Kommentator kommt dann und sagt: Nun ja, der Dichter wählt so ein Wort: Lebe­chöre und so weiter. – Dem ist alles recht, wenn er nur nicht nötig hat, sich der Unbequemlichkeit zu unterwerfen, etwas zu lernen. Durch solche Dinge möchte ich Sie hinweisen darauf, wie sach- und fachgemäß im Sinne der geistigen Weltauffassung diese Goethesche Dichtung ist, was in dieser Goetheschen Dichtung eigentlich ruht.

Nun habe ich Ihnen vielleicht – ich sagte es gleich: es hat etwas für das Menschengemüt schwer Verständliches – nach der einen oder andern Richtung hin das Herz schwergemacht, indem ich wiederum einmal auf charakteristische Punkte hingewiesen habe, wo Ahriman und Luzifer so in der Welt wirken, daß wir ihnen schon nicht entkommen können. Denn, wir mögen es anstellen, wie wir wollen, wenn wir uns zu einer Inkarnation anschicken – in eine männliche oder in eine weibliche Inkarnation müssen wir ja hinein –: ist in ihr nicht Luzifer, so ist Ahriman in ihr. Also es geht wirklich nicht, die Sache so weit zu treiben, daß man sagt: Man muß beiden entfliehen. — Nicht wahr, ich habe Ihnen gewissermaßen auch noch dadurch ein schweres Herz gemacht, daß ich Ihnen gezeigt habe, daß es eine gewisse Gefahr bedeutet, die eigene Aura zu beobachten, gleichsam in diese eigene Aura hineinzuschauen. Aber darin besteht gerade die unendliche Weisheit der Welt, daß das Leben nicht so ist, daß es ein ruhendes Pendel ist, sondern daß es ausschlägt. Und wie das Pendel nach rechts und nach links ausschlägt, so schlägt das Leben nicht nur der Menschheit, sondern der ganzen Welt nach ahrimanischer und luziferischer Seite aus. Und nur dadurch, daß das Leben zwischen ahrimanischen und luziferischen Einflüssen hin und her pendelt und dazwischen das Gleichgewicht hält und die Kraft dieses Gleichgewichtes hat, ist dieses Leben möglich. Daher wird auch diesem, was ich jetzt als Gefährliches geschildert habe, etwas entgegengesetzt. Ist es ein Luziferisches: das Ahrimanische. Ist es ein Ahrimanisches: das Luziferische.

Also nehmen wir noch einmal den weiblichen Organismus. Er strahlt aus gewissermaßen eine luziferische Aura. Aber dadurch, daß er sie ausstrahlt, schiebt er zurück den Lebens- oder Tonäther, dadurch bildet sich um den weiblichen Organismus herum eine Art ahrimanische Aura, so daß dann der weibliche Organismus in der Mitte die luziferische Aura hat, weiter draußen die ahrimanische. Aber dieser weibliche Orga­nismus kann jetzt, wenn er nicht so untätig ist, daß er bei seinem Schauen der eigenen Aura stehenbleibt, sich weiterentwickeln. Und das ist gerade das, worauf es ankommt, daß man nicht in ungesunder Weise bei den erstgebildeten Imaginationen bleibt, sondern daß man gerade alles Willensmäßige mächtig anwendet, um durchzudringen durch diese Imaginationen.

Denn man muß zuletzt es so weit bringen, daß einem nicht die eigene Aura erscheint, sondern daß zurückgespiegelt gleichsam von einer Spiegelplatte, die jetzt eine ahrimanische Aura ist, das erscheint. Man darf nicht in die eigene Aura hineinschauen, sondern man muß von der äußeren Aura zurückgespiegelt das haben, was in der eigenen Aura ist. Dadurch sehen Sie, ist es für den weiblichen Organismus so, daß er das Luziferische vom Ahrimanischen zurückgespiegelt erhält und dadurch neutralisiert, dadurch gerade ins Gleichgewicht gebracht wird. Dadurch ist es nun weder ahrimanisch noch luziferisch, aber es wird entweiblicht, es wird allgemeinmenschlich. Wirklich, es wird allgemeinmenschlich.

Ich bitte Sie nur, das so recht zu fühlen, wie der Mensch wirklich, in­dem er ins Geistige aufsteigt, dadurch daß er, sei es der luziferischen, sei es der ahrimanischen Gewalt der eigenen Aura entgeht, gerade ins Luziferische oder Ahrimanische nicht hineinschaut, sondern das eine sich spiegeln läßt und dadurch es zurückempfängt, asexuell, ohne daß es männlich oder weiblich ist. Das Weibliche wird neutralisiert zum Männlichen am Ahrimanischen, das Männnliche wird neutralisiert zum Weiblichen am Luziferischen. Denn ebenso, wie sich die weiblich-luziferische Aura umgibt mit der ahrimanischen Aura, so umgibt sich die männlich-ahrimanische Aura mit der luziferischen Aura, und es strahlt sich da ebenso dasjenige zurück, was man in sich hat wie bei der weib­lichen. Man sieht es als Spiegelbild.

Nehmen wir nun an, es wollte diesen Vorgang jemand schildern. Wann könnte er denn in die Lage kommen, ihn zu schildern? Nun, dasjenige, was beim Hellsehen eintritt, tritt doch auch nach dem Tode ein. Der Mensch ist in derselben Lage. Beim Hellsehen muß sich neutralisieren das Weibliche ins Männliche hinein, das Männliche in das Weibliche hinein. Das ist wiederum so der Fall nach dem Tode. Was müssen sich denn da für Vorstellungen herausstellen? Nun, nehmen wir einmal an, eine Seele, die in einem weiblichen Organismus gewesen ist, wäre durch den Tod gegangen, hätte nach dem Tode mancherlei durchzu­machen, was ein Ausgleich sein soll gegenüber irdischer Schuld. Eine solche Seele wird dann langsam streben aus dem, woran sie auf der Erde gebunden war, nach Neutralisierung. Es wird gleichsam das Weibliche nach Neutralisierung durch das Männliche streben. Es soll die Neutralisierung das sein, daß für sie eine Erlösung ist, nach dem höchsten Männ­lichen zu streben. Werden wir Büßerinnen finden nach dem Tode, so wird für sie charakteristisch sein müssen, daß ihre Sehnsucht in der geistigen Welt etwas ist voll Hinstreben nach dem Männlich-Ausgleichenden. Die drei Büßerinnen — die Magna peccatrix, die Mulier Samaritana, die Maria Aegyptiaca — sind allerdings im Gefolge der Mater gloriosa, aber sie sollen nach Neutralisierung, nach Ausgleich streben. Daher wirkt die Mater gloriosa zwar in der Aura; das wird uns sehr deutlich ausgedrückt, daß die Mater gloriosa in ihrer Aura wirken kann, ihre eigene Aura hat. Man höre nur:

Um sie verschlingen
Sich leichte Wölkchen,
Sind Büßerinnen,
Ein zartes Völkchen,
Um Ihre Kniee
Den Äther schlürfend,
Gnade bedürfend.

Dir, der Unberührbaren,
Ist es nicht benommen,
Daß die leicht Verführbaren
Traulich zu dir kommen.

Aber das werden sie nur so als ein Bewußtsein gewahr. Das tritt ihnen nicht entgegen wie etwas, was ihnen wie das Hohe des Lebens entgegentönt. Das tönt ihnen entgegen, was sie im Zusammenhang mit der Mater gloriosa durch den Christus erfahren sollen. Daher sehen wir überall die Reden der drei Büßerinnen nach dem Männlichen, Christus, hin gerichtet:

Bei der Liebe, die den Füßen
Deines gottverklärten Sohnes …

Und bei der Samariterin, der Maria:

Bei dem Bronn, zu dem schon weiland
Abram ließ die Herde führen …

Und hier vergeistigt:

Bei der reinen, reichen Quelle,
Die nun dorther sich ergießet …

Der Christus nennt sich ja selbst der Samariterin gegenüber: das rechte Wasser.

Und bei der Maria Aegyptiaca haben wir es schon zu tun mit der Grablegung:

Bei dem hochgeweihten Orte,
Wo den Herrn man niederließ …

Wir sehen, wie in den dreien das darinnen lebt, was aus der eigenen Aura heraus will zu dem, was sich neutralisiert.

Und fragen wir, was denn der Mann nun findet als dasjenige, was ihn neutralisiert, was ihn aus der Männlichkeit heraushebt, dann ist es die Sehnsucht nach dem Weiblichen, das die Welt durchwallt.

Hier ist die Aussicht frei,
Der Geist erhoben.
Dort ziehen Fraun vorbei,
Schwebend nach oben;
Die Herrliche mitteninn
Im Sternenkranze,
Die Himmelskönigin,
Ich seh’s am Glanze.

Er wird nicht so wie die Büßerinnen angezogen unmittelbar durch das Christus-Männliche, sondern er wird durch dasjenige, was zum Christus gehört als das Weibliche, zunächst angezogen. Und das führt ihn wie­derum zu dem mit ihm karmisch Verbundenen der Gretchen-Seele hin, wiederum zu dem Weibe. Da sehen Sie zart hineinverwoben in die Dichtung dieses tiefe Mysterium von dem Stehen des Menschen zur geistigen Welt. Denn wie sollte es nicht, ich möchte sagen, bestürzend tief empfunden werden, wenn uns der okkulte Tatbestand vor Augen tritt: die entkörperte Seele, die noch die Elemente in sich hat — Natur, die erst getrennt werden muß –, die sich neutralisieren muß durch das Weibliche. Und wir sehen, wie im Aufstreben zu der Neutralisierung, weil wir es mit dem Männlichen, Faust, zu tun haben, das Weibliche als das «Heranziehen» sich geltend machen muß. Es ist etwas ganz Wunderbares in dieser Dichtung dargestellt. Und klar und deutlich wird uns angedeutet, daß es darin sein soll. Faust wird also streben durch den Mund des Doctor Marianus dem Weiblichen, das heißt dem geistigen Ewig-Weiblichen entgegen, aber dem Geheimnis, dem Mysterium. Als er geistig ansichtig wird der Mater gloriosa, da sagt er:

Höchste Herrscherin der Welt!
Lasse mich im blauen,
Ausgespannten Himmelszelt
Dein Geheimnis schauen.

Nun stellen wir uns also vor: Faust nach der geistigen Welt strebend, verlangend, das Geheimnis des Weiblichen zu schauen in der Mater gloriosa. Wie wird es denn sein können? Nun, es wird so sein können, daß das Licht durch seine Gegenstrahlung neutralisiert wird, das heißt, daß auftritt die weibliche Licht- und Wärmeaura, aber entgegengestrahlt, nicht wie sie unmittelbar ausfließt. Das muß neutralisiert sein, muß verbunden sein damit, daß dieses Licht eine Gegenstrahlung hat. Im ausgespannten Himmelszelt wird geschaut das Geheimnis: das Weib mit der Aura, mit der Sonne. Wenn das Licht zurückgestrahlt wird vom Monde: das Weib auf dem Monde stehend. Sie kennen dieses Bild, es sollte wenigstens bekannt sein. So sehen wir Faust Verlangen tragend, im ausgespannten Himmelszeit zuletzt zu schauen das Mysterium:
Maria, das Weib, mit der Sonne bekleidet, den Mond zu Füßen, der zurückstrahlt. Und zusammen bildet das, was er sonst weiß von der Mater gloriosa, mit diesem Geheimnis, mit diesem Mysterium im aus­gespannten Himmelszelt dann den Gefühls- und Empfindungsgehalt des Chorus mysticus. Denn auch das, was noch menschliche Gestalt an der Mater gloriosa ist, ist ein Gleichnis, denn das ist das Vergängliche, was an ihr an menschlicher Gestalt ist, und alles das ist ein Gleichnis. Das Unzulängliche, das heißt das in der menschlichen Sehnsucht Unzu­längliche, hier wird es erst Erreichnis. Hier erhält man das Schauen der Aura-Strahlung sonnenhaft, deren Licht vom Monde zurückwirkt, zurückleuchtet: das Unbeschreibliche, hier ist es getan. Dasjenige, was im physischen Leben nicht begriffen werden kann, — daß gesucht wird das, was aus dem Selbst ausstrahlt in der selbstlosen Zurückerstrahlung: hier ist es getan. — Dann empfindungsgemäß das ganze aus Mannesmund gesagt oder für Mannesohren gesagt:

Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan.

Man muß schon sagen: Den «Faust» auf sich wirken lassen, bedeutet wirklich in bezug auf viele Parteien dieses «Faust» ein direktes Sich-Hineinbegehen in eine okkulte Atmosphäre. — Und wollte ich Ihnen alles sagen, was in bezug auf den «Faust» in okkulter Beziehung zu sagen wäre, dann müßten wir noch lange zusammenbleiben. Sie müßten viele Vorträge darüber hören. Aber das ist zunächst gar nicht notwendig, denn es kommt nicht so sehr darauf an, daß man möglichst viele Begriffe und Ideen aufnimmt, sondern zunächst kommt es wirklich bei uns ganz stark darauf an, daß unsere Gefühle sich vertiefen. Und wenn wir unsere Gefühle und Empfindungen gegenüber dieser Weltdichtung so vertiefen, daß wir eine tiefe Ehrfurcht haben vor dem Walten des Genius auf Erden, in dessen Tun und Schaffen wirklich Okkultes gegenwärtig ist, dann tun wir der Welt und uns ein Gutes an. Wenn wir empfinden können dem Geistig-Großen gegenüber in der richtigen ehrfürchtigen Weise, dann ist das ein bedeutungsvoller Weg zum Tore der Geisteswissenschaft.

Noch einmal sei es gesagt: Weniger um das Spintisieren handelt es sich, als um das Vertiefen der Gefühle. — Und ich möchte wenig darum geben, daß ich Ihnen zum Beispiel sagen durfte, daß der Ausspruch der seligen Knaben von dem Hinweggerissensein von Lebechören in solch okkulte Tiefen führt, ich möchte wenig darum geben um dieser bloßen Ideen willen, wenn ich nur wissen dürfte, daß Ihr Herz, Ihr Gemüt, Ihr innerer Sinn bei dem Aussprechen einer solchen Wahrheit so ergriffen wird, daß Sie etwas von den heilig tiefen Kräften verspüren, die in der Welt leben, die sich in das menschliche Schaffen ergießen, wenn dieses menschliche Schaffen wirklich mit den Weltgeheimnissen verknüpft ist. Wenn man erschauern kann bei einer solchen Tatsache, daß so Tiefes in einer Dichtung liegen kann, so ist dieses Erschauern, das einmal unsere Seele, unser Gemüt, unser Herz durchgemacht hat, viel mehr wert als das bloße Wissen, daß die seligen Knaben sagen, sie wären nicht mit Lebechören vereinigt. Nicht das Freuen an dem Geistreichen der Idee soll es sein, das uns ergreift, sondern das Erfreuen, daß die Welt so aus dem Geistigen herausgewoben ist, daß im Menschenherzen des Geistes Walten so hereinwirkt, daß solches Schaffen in der geistigen Entwickelung der Menschheit leben kann.

BIlder: Evelyn De Morgan: Helen of Troy, 1898;
Franz Xaver Simm 1899: Paris und Helena auf der Bühne vor einem Tempel,
Faust mit Lynceus vor Helena,
Faust und Helena, via Jutta Assel/Georg Jäger: Franz Xaver Simm. Illustrationen zu Goethes Faust, Goethezeitportal November 2012.

Soundtrack: Orchestral Manoeuvres in the Dark: Helen of Troy, aus: English Electric, 2013:

Written by Wolf

23. Juli 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Weisheit & Sophisterei

Vater, verlass mich nicht, wenn das Glöckchen läutet

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Update zum Blumenstück 001: Streckvers bei Nacht,
Der Widersacher. Ästhetischer Gaukler vs. unnahbarer Eispalast. Braucht die Welt
noch Dichterfürsten im Krähwinkel. Alles ist erlaubt und willkommen. Keine 30 Prozent der Quellen
,
Schreiet fort, Mißtöne, zerschreiet die Schatten: denn Er ist nicht!
und Blumenstück 003: Holdselige Ranunkel:

Anlass & Anliegen, wieso man bei der ersten eingehenderen Beschäftigung mit dem Kometen von Jean Paul 1820 ff. am liebsten ausgerechnet mit dem Schluss, was man ja – Spoiler! Spoiler! – eigentlich nicht soll, anfangen möchte, liefert Armin Elhardt im Stuttgarter Mephisto-Projekt, wie ich es nicht besser sagen könnte (eher im Gegenteil). Und das Bildermaterial gleich mit dazu:

Ines Scheppach, Ledermensch, 2019

——— Armin Elhardt:

Der Ledermensch Kain in Jean Pauls Roman „Der Komet“.

Eine Skizze in Worten

aus: mephisto?mephisto! Ein Denkansatz, in: Das Mephisto-Projekt, Galerie Interarts,
Union freischaffender Künstler und Kunstfreunde e. V. Stuttgart:

Goethe musste zwischen 1798 und 1800 seinen Wohnort Weimar (sprich Rom) mit einem Chinesen (sprich Jean Paul) teilen. Nicht frei von Missgunst und Neid auf den Erfolg* des jungen Erzählgenies verfasste der Dichter aus dem Haus am Frauenplan ein zehnzeiliges Schmähgedicht:

Der Chinese in Rom

Einen Chinesen sah ich in Rom; die gesamten Gebäude
Alter und neuerer Zeit schienen ihm lästig und schwer.
„Ach!“ so seufzt‘ er, „die Armen! ich hoffe, sie sollen begreifen,
Wie erst Säulchen von Holz tragen des Daches Gezelt,
Daß an Latten und Pappen, Geschnitz und bunter Vergoldung
Sich des gebildeten Aug’s feinerer Sinn nur erfreut.“
Siehe, da glaubt ich, im Bilde so manchen Schwärmer zu schauen,
Der sein luftig Gespinst mit der soliden Natur
Ewigem Teppich vergleicht, den echten, reinen Gesunden
Krank nennt, daß ja nur er heiße, der Kranke, gesund.

Goethe hatte damals schon Faust und Mephisto im Kopf, aber keine Ahnung davon, dass auf der literarischen Bühne seine dramatische Mephistofigur einen epischen Mitspieler erhalten würde. Und zwar im letzten Roman des erzählerischen Überfliegers und Konkurrenten Jean Paul: „Der Komet oder Nikolaus Marggraf. Eine komische Geschichte“, die das Mephistophelische in der Zerrissenheit des Ledermenschen Kain komplex und ernsthaft aufzeigt.

Ulla Haug-Rößler, Kain im KaminDie Titelfigur Marggraf hält sich in einem närrischen, wahnähnlichen Zustand für den Sohn eines Fürsten und begibt sich unter Pseudonym nach Rom, einer Stadt in Kleindeutschland, deren Bewohner sich nicht Römer heißen, sondern Romer. Dort will Marggraf den fürstlichen Vater suchen. Aber! Der psychisch Malträtierte a la Don Quixote wird bedroht von einem anderen, sehr seltsamen Mann: dem Ledermenschen, so genannt, weil er sich vollständig in Leder kleidet. Auf der Stirn trägt er das Zeichen Kains, eine rote Schlange. Gerät er in Wut, stehen ihm die Haare zu Berge und sträuben sich zu Hörnern. Tagsüber taucht er meist im Nebel auf, spricht Gutes zu den Frauen („Nur ihr seid schön“) und verschwindet wieder im Nebel. Die Stadtmenschen nennen ihn den ewigen Juden. Nach Walter Harich handelt es sich um „einen Wahnsinnigen, der in dem Teufel den Herrn der Welt sieht und seine Macht verkündet. Niemand hat den Ledermann essen und trinken sehen. Nachts dringt er durch Dach und Schornstein in die Häuser ein und nährt sich aus fremden Küchen. Besonders hat er es auf Fürsten abgesehen. Heilig sind ihm nur die Frauen, denen er nichts tut und zu denen er mit liebreicher Stimme spricht.“**

Der Roman bricht ab mit einer großen Rede dieser Mephisto ähnlichen Figur. Der Ledermensch spricht von seiner Sehnsucht, in die Hölle zu kommen, denn dort sind seine Verwandten, die Tierseelen, zu Hause. Den Menschen gibt er zu bedenken: »Rechnet einmal eure Nächte in Einem Jahr zusammen und seht in der 365sten nach, was euch von den langen Traumaffären auf dem Kopfkissen, von den Schlachten, den Lustbarkeiten, den Menschengesellschaften und Gesprächen und den langen, bangen Geschichten zurückgeblieben? Kein Federchen und kein Lüftchen; – und nun rechnet noch euere 365 Tage dazu: so habt ihr eben so viel, und der Teufel lacht und herrscht in euern Nächten und in euern Tagen; aber ihr wisst es nicht. […] Es ist närrisch auf der Erde« sagt er, »soeben entschlaf‘ ich***«, worauf er in den Kamin des Zimmers steigt und diesen von innen hochklettert. Den Anwesenden erklingt seine Stimme nun völlig verändert: lieblich und herzlich, sanft und mild. Man möge ihm vergeben, dass er den Anblick der guten Menschen nicht ertrage. „In seiner Studierstube wäre er alles Böse durch Denken gewesen: Mordbrenner, Giftmischer, Gottleugner, vertretender Herrscher über alle Länder und alle Geister, innerer Schauspieler von Satansrollen. Für diese Sünden werde er jetzt bestraft.“ (Harich)

Die letzten Worte im Roman gehören dem Ledermenschen Kain: „Jetzo lieb‘ ich euch Sterbliche alle so herzlich und kindlich und hasse niemand auf der Welt. – Ich habe in meinem Herzen dich, unendlicher Gott der Liebe, wieder, der in alle tausend tiefen Wunden der Menschen wärmend niedersieht und endlich die Wunde nimmt oder den Verwundeten. O Gott der Liebe, lasse dich fortlieben von mir, wenn ich erwache. Die schreckliche Stunde steht schon nahe, trägt mir meine Furienmaske entgegen und deckt sie auf mein Gesicht! – Vater der Menschen, ich bin ja auch dein Sohn und will dir ewig gehorchen; Vater, verlaß mich nicht, wenn das Glöckchen läutet« …..

Eben schlug es drei Uhr, und man hörte nur noch sein Weinen, und jede Seele weinte innerlich mit. Plötzlich erklang das Kindtaufglöckchen, und der Unglückliche stürzte aufgewacht herab. Gesicht und Hände waren geschwärzt, die Haarbüschel sträubten sich zornig empor, auf der geschwollnen Stirnhaut ringelte sich die rote Schlange wie zum Sprunge, und er rief freudig: »Vater Beelzebub, ich bin wieder bei dir; warum hattest du mich verlassen?«

Alle traten weit von ihm hinweg, nicht aus Furcht, sondern vor Entsetzen.

Ende des Romans. Sein Verfasser der „Chinese in Rom“? Aber nein doch, verfasst hat es Johann Paul Friedrich Richter, genannt Jean Paul. Nach dem Tod seines Sohnes fehlte ihm die Kraft für das Komische. Das 473-seitige Werk blieb Fragment.

* Jean Pauls Roman Hesperus schlug heftiger ein als Goethes Werther und machte seinen Verfasser zum beliebtesten Schriftsteller seiner Zeit

** Walther Harich: Jean Paul. Eine Biographie, Leipzig 1925

*** Jean Paul, Sämtliche Werke, Abteilung I, Band 6, Der Komet oder Nikolaus Marggraf. Eine komische Geschichte, Zweitausendeins (Lizenzausgabe 1996), © 1963 Carl Hanser Verlag München

Der besagte, im Verlauf eines Schreiberlebens galiig gewordene Schluss – zugegeben abzüglich der Jean-Paul-typisch benachwortenden zwanzig Enklaven – im Zusammenhang:

——— Jean Paul:

Einundzwanzigstes Kapitel in einem Gange,

worin jeder immer mehr erstaunt und erschrickt

Der Gang

Vorfälle und Vorträge auf der Gasse – seltsame Verwanlungen vorwärts und rückwärts

aus: Der Komet oder Nikolaus Marggraf, Georg Reimer, Berlin 1822, Schluss:

[…] Unter allen Umständen konnten Hacencoppen und Gefolge nichts anders tun, als so kühn zu sein wie Libette und dem Feinde die Festung zu öffnen, bei solcher Besatzung. Kain ging ruhig und stumm auf die Gesellschaft zu und antwortete Libettens Scherzen mit nichts. Ebenso mild und ruhig ging er vor dem Reiter zu Fuß vorüber und die Treppe hinauf. Sobald er aber in des Grafen Zimmer gekommen war: so bewegten sich seine härnen Hörner, und am Kopfe zuckten Ohren und Nase. Er hatte mit der gewöhnlichen Verschlagenheit der Tollen seine Ausbrüche aufgehoben. »So hab‘ ich euch denn«, fing er an, »lebendig zwischen vier Wänden vor mir, und ihr müßt mir alle zuhören. Bin ich fertig, so könnt ihr gehen; wer eher geht, fährt ab. Mich tötet keiner, ich aber einen und den andern. Ihr wollt meine Reichskinder, die Affen, nachäffen, ihr Unteraffen; aber ihr versteht es schlecht – ihr seid vom Antichristus abgefallen und macht euch der Hölle unwürdig durch euere feige Frömmigkeit und euer Dummbleiben mitten unter tausendjährigen Erfahrungen. Meine Affen sind klüger und lassen sich nicht, wie ihr, von euch regieren, nicht einmal von ihresgleichen. Bildet euch nicht ein, weil ihr einigen von ihnen mit manchen Gliedern ähnlich seht, vollständige Affen zu sein; auch der Hund, der Löwe, das Schwein sehen wie manche Affen aus, sind aber gar keineDer Hundaffe, der Schwein- und der Löwenaffe, der Bärenpavian, die Meerkatze erinnern durch die Tierähnlichkeiten, die ihre Menschähnlichkeit durchziehen, an den physiologischen Satz, daß der Mensch Auszug und Gipfelblüte des Tierreichs sei. und der Waldmensch betrübt sich über seine Verwandtschaft mit euchDer Urangutang ist bekanntlich im Gegensatze der anderen Affen ernst und trübe.. – Helvetius‘ Menschenstolz auf zwei Hände beschämt der Affe mit vier Händen, und euere sogenannte hohe Gestalt bückt und bricht mitten unter ihrer Aufrichtung durch euern Horaz und Herder vor der Eden- und Riesenschlange, wenn sie aufrecht wandelt und über Türme schaut.

Günther Sommer, JP blau mit LedermenschSchälet einmal euere Haut ab und seht euch aufgedeckt und aufgemacht an: so hängen statt euerer Reize und Menschenmienen Gehirnkugeln und Herzklumpen und Magensäcke und Därme vor euch da und würmeln; darum breitet ihr noch Häute vom Tier auf euere Füße und Hände, und Haare vom Tier auf euere dünnen Haare, und prangt mit schwarzen Beinen und Köpfen und mit bunten Überziehleibern eurer kahlen abgerupften Unterziehleiber.

Und nun kommt gar euer ewiges erbärmliches Sterben dazu, daß ihr nicht einmal so lange lebt wie eine Kröte im Marmor, geschweige wie ich aus euerm Paradies. Seid ihr denn nicht sämtlich bloß Luftfarbenleute und nicht einmal hölzerne, mir luftige Marionetten, wie sie der Buchhändler Nicolai in Berlin vor kurzem so lange um sich tanzen und reden sah, bis er ein Hausschlachten dieser Menschheit um sich her vornahm und unter die Gestalten seine Steiß-Blutigel als Würgengel schickte, womit er die ganze Stube ausholzte und lichtete, bis bloß auf sich selber, welchen Menschen dieser Nicolai nicht den Tieren oder Würmern vorwarf, was erst sein Tod tun wird?« – –

Ganz gewiß spann der Ledermann die Vergleichung bloß wegen des Gleichnamens Nicolai und Nikolaus so lange fort. Aber in seinen reißenden Redestrom war mit keiner Gegenrede zu springen, und das Reißen war ganz unerwartet, da der gelassene Zuchthausprediger immer seine früheren Reden nur breit und lange und den Strom nur als Sumpf nach Hause gebracht.

»Rechnet einmal euere Nächte in einem Jahre zusammen und seht in der 365ten nach, was euch von den langen Traumaffären auf dem Kopfkissen, von den Schlachten, den Lustbarkeiten, den Menschengesellschaften und Gesprächen und den langen bangen Geschichten, zurückgeblieben! Kein Federchen, kein Lüftchen; – und nun rechnet noch euere 365 Tage dazu: so habt ihr ebensoviel und der Teufel lacht und herrscht in euern Nächten und in euern Tagen; aber ihr wißt es nicht.

Und doch wollt ihr euch lieber von den matten, dünnen, durchsichtigen Menschen regieren lassen als vom Teufel, der tausendmal mehr Verstand und Leben hat als ihr alle, und der bloß aus Mitleid euere Herrscher beherrscht. – Was seid ihr denn für Wesen und Leute? Euere Mutter gebiert euere Religion und macht euch entweder zu Juden oder zu Christen oder zu Türken oder zu Heiden; der Mutterkuchen ist die Propaganda, die Töpferscheibe eueres Glaubens. – Thronen sind auf Geburtstühle gebaut, und welchen ihr anzubeten habt als einen Herrscher, oder zu begnadigen als einen Untertan, entscheidet ein delphisches Mutterorakel. Ein Knabe von 5 Jahren und 7 Monaten, Louis XV., ernennt vor dem Parlament den Herzog von Orleans zum Regenten während seiner MinderjährigkeitDie Memoiren des Herzogs von Richelieu. B. 1., und der Herzog trägt dem Knaben alle Staatbeschlüsse zur höchsten Genehmigung vor; und sein unmündiger Vorfahrer, der Vierzehnte, befiehlt dem Parlament, ihn selber auf der Stelle für mündig anzusehen und ihm zu gehorchen. – Zwei Kronschufte, die Gebrüder Caracalla, wovon keiner nur zu einem römischen Sklaven taugte, aber jeder den Freien und Sklaven zweier Weltteile die Gebote gab, wollten in das damalige All sich teilen und der eine bloß über Europa, der andere bloß über Asia schalten und Aufsicht führen.Herodian. c. 4. So waret ihr von jeher, und die Zeit macht euch nur bleich aus Angst und schwarz aus Bosheit, und erst hintennach rot aus Scham. Und euere Generationen werden durch nichts reif als durch die Würmer-Kaprifikation unter der Erde, und ihr legt, da keine Zeit euch weiter bringt und treibt, euern Soldatenleichen Sporen an den Stiefeln an, die eben auf der Bahre liegen. – – Tötet euch nur öfter ….. gehorcht ihnen jedesmal, wenn sie euch in das Schlachtfeld beordern ….. tut etwas noch darüber, sterbt wenigstens, wenn ihr nicht umbringt ….. Was hindert mich jetzt im Reden? Ich spür‘ etwas, die Augenlider fallen mir nieder – ich mag auch nicht lange mehr sehen auf der dummen, trüben Erde, die Hölle ist heller.« –

Allerdings fühlte der Ledermann etwas, denn Worble hatte ihn bisher im Rücken mit allen seinen magnetischen Fingerhebeln aus dem Wachen in den Schlaf umzulegen gestrebt und dabei eine Masse von Wollen aufgeboten, womit er ein weibliches Krankenheer würde erlegt und eingeschläfert haben. Nur wurd‘ es ihm schwer, den Strom Kains mit seinem Gegenstrom aufzuhalten und rückwärts zu drängen; das Feuer gegen alle mit dem Feuer für einige zu bändigen.

Kain fuhr fort: »Ich bin gewiß schon sehr lange aus der Ewigkeit heraus und muß durch die dünnen Augenblicke der Zeitlichkeit schwimmen und sterben sehen – – Es ist närrisch auf der Erde – soeben entschlaf‘ ich.«

Worble hatte ihn gerade am Hinterkopfe mit zusammengelegten Fingern wie mit einem elektrischen Feuerbüschel berührt und blitzartig getroffen und ihn plötzlich in die höchste Magnetkrise emporgetrieben. Wie sonst als Nachtwandler, versuchte der Kranke das AufkletternBekannt und erwiesen ist die Fertigkeit mehrer Somnambülen, an den Wänden und überall wie Tiere durch kleine Hülfen sich in die Höhe heben. mit geschloßnen Augen und drang in den nahen Kamin und an äußern kleinen Anhaltpunkten leicht darin hinauf.

Aber alle wurden bestürzt über eine fremde, liebliche, herzliche Stimme, welche jetzo verborgen zu ihnen sprach: »Ihr teuern, lieben Menschen, vergebt es mir, daß ich geflohen bin, ich ertrage vor euern Augen meine Schuld und euere Güte nicht; ich seh‘ euch aber alle. O, Dank habe du vor allen, der du mir den schwarzen Äther blau und licht gemacht und mich aus meiner brennenden Wüste auf einige Minuten in das kühle Land des Abendrots geführt. O wie ist mein trübes, flutendes Herz jetzt still und hell und rein! Und ich liebe nun die ganze Welt, als wär‘ ich ein Kind. Ich will euch mit Freuden alles von mir sagen, lauter Wahrheit.

Horst Peter Schlotter, Studie Ledermensch 1In den Nächten ging ich bisher als Nachtwandler mit düstern zugeschloßnen Sinnen ergrimmt umher und irrte über die Dächer hin, aber ich stieg überall ein, um mich zu nähren und zu tränken; und überall tat ich es im Wandelschlaf, um mich zu erhalten. Aber sobald ich erwachte, wußt‘ ich von meinem Stehlen und Nähren nichts mehr, ich sah mich fort für den unzerstörlichen Kain an und fiel wieder ab, von Menschen und von Gott. Denn ich soll gestraft werden für meine tausend Sünden, lauter Sünden in der Einsamkeit; auf meiner Studierstube war ich alles Böse durch Denken – Mordbrenner – Giftmischer – Gottleugner – ertretender Herrscher über alle Länder und alle Geister – Ehebrecher – innerer Schauspieler von Satansrollen und am meisten von Wahnwitzigen, in welche ich mich hineindachte, oft mit Gefühlen, nicht herauszukönnen. – So werd‘ ich denn gestraft und fortgestraft durch Gedanken für Gedanken, und ich muß noch viel leiden. – Ach, ihr Glücklichen um mich her, ihr könnt den Unendlichen lieben, aber ich muß ihn lästern, wenn ich erwache; und um drei Uhr, mit dem ersten Anschlage des Kindtaufglöckchens, werd‘ ich wieder wach und teuflisch; dann hütet euch vor dem Unglücklichen; denn meine Hölle wird heißer stechen und brennen, wenn sie hinter dieser kühlen Himmelwolke wieder hervortritt, die Schlange auf meiner Stirn wird giftiger glühen, und kann ich nach dem Waffenstillstand der bösen Natur morden, so tu‘ ichs; – besonders scheue du mich, sanfter Marggraf, wenn dein Heiligenschein dein Haupt umgibt. Ich habe einmal um Mitternacht, auf einem Dache stehend, dich mit einem gesehen und innig gehaßt; aber sobald ich erwache, wird er durch deine bewegte Seele wieder um dich schimmern und mich entrüsten.

Jetzo lieb‘ ich euch Sterbliche alle so herzlich und kindlich und hasse niemand auf der Welt. – Ich habe in meinem Herzen dich, unendlicher Gott der Liebe, wieder, der in alle tausend tiefen Wunden der Menschen wärmend niedersieht und endlich die Wunde nimmt oder den Verwundeten. O Gott der Liebe, lasse dich fortlieben von mir, wenn ich erwache. Die schreckliche Stunde steht schon nahe, trägt mir meine Furienmaske entgegen und deckt sie auf mein Gesicht! – Vater der Menschen, ich bin ja auch dein Sohn und will dir ewig gehorchen; Vater, verlaß mich nicht, wenn das Glöckchen läutet« …..

Eben schlug es drei Uhr, und man hörte nur noch sein Weinen, und jede Seele weinte innerlich mit. Plötzlich erklang das Kindtaufglöckchen, und der Unglückliche stürzte aufgewacht herab. Gesicht und Hände waren geschwärzt, die Haarbüschel sträubten sich zornig empor, auf der geschwollnen Stirnhaut ringelte sich die rote Schlange wie zum Sprunge, und er rief freudig: »Vater Beelzebub, ich bin wieder bei dir; warum hattest du mich verlassen?«

Alle traten weit von ihm hinweg, nicht aus Furcht, sondern vor Entsetzen.

Bilder:

  1. Ines Scheppach: Ledermensch, 2019;
  2. Ulla Haug-Rößler: Kain im Kamin;
  3. Günther Sommer: JP blau mit Ledermensch;
  4. Horst Peter Schlotter: Studie Ledermensch 1,

via Armin Elhardt: Der Ledermensch Kain in Jean Pauls Roman „Der Komet“. Eine Skizze in Worten,
aus: mephisto?mephisto! Ein Denkansatz, in: Das Mephisto-Projekt, Galerie Interarts,
Union freischaffender Künstler und Kunstfreunde e. V. Stuttgart.

Lederstrumpf: Mandolin Orange: Boots of Spanish Leather, live bei Audiotree, 15. April 2014:

Written by Wolf

16. Juli 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Vier letzte Dinge: Hölle

Liebchen öffne deinen Schoos

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Update zu Weihnachtsengel 3: Lasst mich scheinen, bis ich werde
(Mit Freuds Worten singt Mignon als Engel ihr Liebeslied der schönen Seele ohne Geschlecht)
,
Zu Lolitas Verteidigung,
Babes With Guns,
Fruchtstück 0002: Ein Schooß voll den begehr ich nicht
und But little girls grow up, my friend:

Damit nicht verloren geht, dass wir hier unter anderem eine Sammelstelle für siebenzeilige Gediche sind, folgt ein Lied aus dem Faust 2, das Goethe im Gegensatz zu manchen frivolen Neckereien unter erwachsenen Leuten, auch wenn sie phantastische Figuren sind, auffallender Weise nicht den „Outtakes“ anheimsortiert hat. Hans Arens in seinem Kommentar zu Goethes Faust II 1989 (ca. 1100 Seiten) wiegelt ab:

Es ist ausgeschlossen, daß 5197/5198 meinen, was sie wörtlich besagen; es kann nur etwa heißen: Sei bereit!

Na dann. Das Reimschema ist ABABCCB und schnappt in allen Strophen souverän ins Schloss — keine Selbstverständlichkeit beim Verfertigen von Siebenzeilern — und tanzt schön passend zur (bei Goethe noch Femininum) Mummenschanz.

——— Johann Wolfgang von Goethe:

Weitläufiger Saal, mit Nebengemächern, verziert und aufgeputzt zur Mummenschanz.

aus: Faust. Der Tragödie zweyter Theil, Erster Act, Vers 5178 bis 5198:

Undated family photograph of Florence Sally Horner, 1948, Wikimedia CommonsMutter und Tochter.

Mutter.
Mädchen als du kamst an’s Licht
Schmückt ich dich im Häubchen,
Warst so lieblich von Gesicht,
Und so zart am Leibchen.
Dachte dich sogleich als Braut,
Gleich dem Reichsten angetraut,
Dachte dich als Weibchen.

Ach! nun ist schon manches Jahr
Ungenützt verflogen,
Der Sponsirer bunte Schaar
Schnell vorbei gezogen;
Tanztest mit dem Einen flink,
Gabst dem Andern stillen Wink
Mit dem Ellenbogen.

Welches Fest man auch ersann,
Ward umsonst begangen;
Pfänderspiel und dritter Mann
Wollten nicht verfangen;
Heute sind die Narren los,
Liebchen öffne deinen Schoos,
Bleibt wohl einer hangen.

Gespielinnen
(jung und schön gesellen sich hinzu, ein vertrauliches Geplauder wird laut).

Bild: Florence Sally Horner, ca. 1948,
für: Sarah Weinman: The story of 11-year-old Sally Horner’s abduction changed the course of 20th-century literature. She just never got to tell it herself, Hazlitt, 20. November 2014,
via dieselbe: The real Lolita: Tragic girl, 11, was kidnapped and raped for months — and inspired Nabokov’s scandalous novel, The Mirror, 18. September 2018.

Soundtrack:Neil Diamond: Girl, You’ll Be a Woman Soon, aus: Just for You, 1967:

Girl, you’ll be a woman soon,
Please, come take my hand
Girl, you’ll be a woman soon,
Soon, you’ll need a man

in der Wiedergabe von Urge Overkill auf Stull, 1992, in: Pulp Fiction, 1994:

Written by Wolf

9. Juli 2021 at 00:01

Und vierzehn Gräser formen ein Sonett

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Update zu Nachtstück 0026: Heut hat der Sommer Schnaps gesoffen
und Das Beste sind die Kartoffeln:

Das Sonett von Klaus Modick steht erst- und letztmals als „Erstdruck aus einem größeren lyrischen Werk“ in der 1989er Ausgabe in der jährlichen Anthologie Von Büchern & Menschen der Frankfurter Verlagsanstalt; die hat mir mal meine Lieblingsbuchhändlerin geschenkt. Die Fünfheber verleihen ihm eine deutliche Rilke-Note.

——— Klaus Modick:

Sonett

aus: Von Büchern & Menschen, Frankfurter Verlagsanstalt 1989:

Der Sommer gähnt. Die Kronen werden lichter.
Der Wind hat sich zu einem Schlaf gelegt.
Im Gras liegt regungslos ein müder Dichter,
der nichts mehr schreibt und den nichts mehr bewegt.

Der Dichter hat die Worte freigelassen,
als Seifenblasen sind sie fortgeweht.
Er muß sich endlich nicht mehr selber hassen,
Er lächelt, spricht ein sprachloses Gebet.

De Dichter lebt sein Leben vor dem Tode.
Drei Wolken tanzen anmutig Terzett.
Der Himmel ist so blau wie eine Ode.
Und vierzehn Gräser formen ein Sonett.

Käm jetzt kein Wort mehr, würd er das genießen.
Käm doch noch eins, er würde es begrüßen.

Ernst Förster: Jean Paul, 1826, Bleistift

Bild: Ernst Förster: Jean Paul, 1826 — also posthum:

In Gras u. Blumen lieg ich gern

via Jean-Paul-Gesellschaft Bayreuth.

Soundtrack: Fairport Convention: Book Song, aus: What We Did on Our Holidays, 1969:

Written by Wolf

2. Juli 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Novecento