Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for the ‘Vier letzte Dinge: Apokalypse’ Category

The Art of Asking vs. was man bei manchen jungen Leuten ein insinuantes Wesen nennt

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Update zu Wähle dir ein Lied:

I think when we really see each other, we want to help each other.

Amanda Palmer, a. a. O.

Mit seinem populären Kreuzworträtsel-Halbwissen verortet man den Anfang der Psychologie allzugern bei Sigmund Freud. Am Anton Reiser bleibt der Untertitel Ein psychologischer Roman über seine vier Bände hinweg nicht das einzige Frappante.

Karl Friedrich Klischnig für Karl Philipp Moritz via Münchner Digitalisierungszentrum, Digitale BobliothekWie aktuell des Knaben Reisers Seelennöte geblieben sind, zeigt das erste Fachbuch darüber, das erst im November 2014 eine Musikerin vorlegen musste: Amanda Palmer: The Art of Asking: How I Learned to Stop Worrying and Let People Help, Grand Central Publishing, New York City; deutsch: The Art of Asking: Wie ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, und lernte, mir helfen zu lassen, Eichborn, Frankurt, September 2015.

Selbst darin bieten sich die Problemlösungen auf autobiographischen Umwegen, es soll aber trotz — oder wegen — all seiner Subjektivität in hohem Grade hilfreich sein. Anekdotischer Beweis: Seit Neil Gaiman mit Amanda Palmer verheiratet ist, haut er ein erfolgreiches Großprojekt nach dem anderen raus und wird oft im selben Satz mit dem Wort „Nobelpreis“ erwähnt. Da sollte es uns, die wir für ihre Bücher Geld löhnen sollen, allemal für unseren bescheidenen Alltag reichen.

Moritz‘ Problemschilderung ist gemeinfrei.

Der in Anton Reisers Pflegefamilie verwendete „Benjamin Schmolke“ schreibt sich gelegentlich auch Benjamin Schmolck und ist der pietistische Pfarrer mit zahlreichen geistlichen Liedern und Erbauungsschriften wie Der Lustige Sabbath/ Jn der Stille Zu Zion Mit Heiligen Liedern gefeyert/ Nebst einem Anhange Täglicher Morgen- und Abend- Kirch- Beicht- Buß- und Abendmahls-Andachten, Liebig, Reimann, Jauer, Schweidnitz 1712, oder Das Saiten-Spiel des Hertzens, Am Tage des Herrn, Oder Sonn- und Fest-tägliche Cantaten : Nebst einigen andern Liedern, Breßlau/Liegnitz 1720. Bei Moritz sind vermutlich Benjamin Schmolckens Gott-geheiligte Morgen- und Abend-Andachten in Bitte, Gebet, Fürbitte, und Dancksagung, nebst etlichen Liedern auf Begehren guter Freunde also ausgefertiget, durch Friederich Roth-Scholzen, Siles., Nürnberg und Altdorff, bey Johann Daniel Taubers, seel. Erben, 1720 u. ö. gemeint.

——— Karl Philipp Moritz:

Anton Reiser.

Ein psychologischer Roman.

Zweiter Theil. Friedrich Maurer, Berlin 1786,
cit. via Bibliotheca Augustana nach:

Karl Phillip Moritz, Anton Reiser, Ein psychologischer Roman (Karl Philipp Moritz, Die Schriften in 30 Bänden, hg. v. Petra Nettelbeck-Uwe Nettelbeck, Nördlingen 1987) nach der digitalen Ausgabe der Akademie der Wissenschaften in Göttingen (DWB-Thesaurus), die leider im Netz nicht mehr verfügbar ist.

Amanda Palmer via Connie Dee, Amanda Fucking Palmer, Pinterest, 2014Seine Eltern reißten nun auch weg, und er zog mit seinen wenigen Habseeligkeiten bei dem Hauboisten F… ein, dessen Frau insbesondre sich schon von seiner Kindheit an, seiner mit angenommen hatte. — Es herrschte bei diesen Leuten, die keine Kinder hatten, die größte Ordnung in der Einrichtung ihrer Lebensart, welche vielleicht nur irgendwo statt finden kann. Da war nichts, keine Bürste und keine Scheere, was nicht seit Jahren seinen bestimmten angewiesenen Platz gehabt hätte. Da war kein Morgen, der anbrach, wo nicht um acht Uhr Kaffee getrunken, und um neun Uhr der Morgenseegen gelesen worden wäre, welches allemal knieend geschahe, indes die Frau F… aus dem Benjamin Schmolke vorlaß, wobei denn Reiser auch mit knieen mußte. Des Abends nach neun Uhr wurde auf eben die Art indem jeder vor seinem Stuhle kniete, auch der Abendseegen aus dem Schmolke gelesen, und dann zu Bette gegangen. Dies war die unverbrüchliche Ordnung welche von diesen Leuten schon seit beinahe zwanzig Jahren, wo sie auch beständig auf derselben Stube gewohnt hatten, war beobachtet worden. Und sie waren gewiß dabei sehr glücklich, aber sie durften auch schlechterdings durch nichts darin gestört werden, wenn nicht zugleich ihre innre Zufriedenheit, die gröstentheils auf diese unverbrüchliche Ordnung gebaut war, mit darunter leiden sollte. Dieß hatten sie nicht recht erwogen, da sie sich entschlossen, ihre Stubengesellschaft mit jemanden zu vermehren, der sich unmöglich auf einmal in ihre seit zwanzig Jahren etablirte Ordnung, die ihnen schon zur andern Natur geworden war, gänzlich fügen konnte.

Es konnte also nicht fehlen, daß es ihnen bald zu gereuen anfieng, daß sie sich selbst eine Last aufgebürdet hatten, die ihnen schwerer wurde, als sie glaubten. Weil sie nur eine Stube und eine Kammer hatten, so mußte Reiser in der Wohnstube schlafen, welches ihnen nun alle Morgen, so oft sie herein traten, einen unvermutheten Anblick von Unordnung machte, dessen sie nicht gewohnt waren, und der sie wirklich in ihrer Zufriedenheit störte. — Anton merkte dieß bald, und der Gedanke, lästig zu seyn, war ihm so ängstigend und peinlich, daß er sich oft kaum zu husten getrauete, wenn er an den Blicken seiner Wohlthäter sahe, daß er ihnen im Grunde zur Last war. — Denn er mußte doch seine wenigen Sachen nun irgendwo hinlegen, und wo er sie hinlegte, da störten sie gewissermaßen die Ordnung, weil jeder Fleck hier nun schon einmal bestimmt war. — Und doch war es ihm nun unmöglich, sich aus dieser peinlichen Lage wieder herauszuwickeln. — Dieß alles zusammengenommen versetzte ihn oft Stundenlang in eine unbeschreibliche Wehmuth, die er sich damals selber nicht zu erklären wußte, und sie anfänglich bloß der Ungewohnheit seines neuen Aufenthaltes zuschrieb.

Amanda Palmer via Connie Dee, Amanda Fucking Palmer, Pinterest, 2014Allein es war nichts als der demüthigende Gedanke des Lästigseyns, der ihn so danieder druckte. Hatte er gleich bei seinen Eltern, und bei dem Hutmacher L… auch nicht viel Freude gehabt, so hatte er doch ein gewisses Recht da zu seyn. Bei jenen, weil es seine Eltern waren, und bei diesem, weil er arbeitete. — Hier aber war der Stuhl worauf er saß eine Wohlthat. — Möchten dieß doch alle diejenigen erwägen, welche irgend jemanden Wohlthaten erzeigen wollen, und sich vorher recht prüfen, ob sie sich auch so dabei nehmen werden, daß ihre gutgemeinte Entschließung dem Bedürftigen nie zur Quaal gereiche.

Das Jahr, welches Reiser in dieser Lage zubrachte, war, obgleich jeder ihn glücklich prieß, in einzelnen Stunden und Augenblicken, eines der qualvollsten seines Lebens.

Reiser hätte sich vielleicht seinen Zustand angenehmer machen können, hätte er des nur gehabt, was man bei manchen jungen Leuten ein insinuantes Wesen nennt. Allein zu einem solchen insinuanten Wesen gehört ein gewisses Selbstzutrauen, das ihm von Kindheit auf war benommen worden; um sich gefällig zu machen, muß man vorher den Gedanken haben, daß man auch gefallen könne. — Reisers Selbstzutrauen mußte erst durch zuvorkommende Güte geweckt werden, ehe er es wagte, sich beliebt zu machen. — Und wo er nur einen Schein von Unzufriedenheit andrer mit ihm bemerkte, da war er sehr geneigt, an der Möglichkeit zu verzweifeln, jemals ein Gegenstand ihrer Liebe oder ihrer Achtung zu werden. Darum gehörte gewiß ein großer Grad von Anstrengung bei ihm dazu, sich selber Personen als einen Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit vorzustellen, von denen er noch nicht wußte, wie sie seine Zudringlichkeit aufnehmen würden.

Dass ich mich darüber so komparativ ausbreite, könnte dem aufmerksamen Leser sagen, dass ich selber ein Problem damit hab, und damit hätte der aufmerksame Leser recht: Auch mir ist Geben seliger denn Nehmen. Lieber mit Hurra Arm und Haxen brechen als einmal mit ausgewichenem Blick verhuscht „danke“ murmeln müssen; nur „bitte“ ist schlimmer. Meine künftige Pflegekraft, die noch innerhalb dieser Generation ihre Ausbildung abschließen müsste, beneide ich nicht. Wenn ich mal regelmäßiger auf Hilfe angewiesen bin als „Kann ich mal das Salz haben — bitte?“, Gnade allen Beteiligten Gott.

Amanda Palmer reading live on stage The Art of Asking, Facebook, 8. April 2015

Bilder: Karl Friedrich Klischnig für Karl Philipp Moritz
via Münchner Digitalisierungszentrum, Digitale Bibliothek;
Amanda Palmer von hinten: via Connie Dee: Amanda Fucking Palmer, 2014;
Amanda Palmer von vorn: via From the inside cover of The Art of Asking
und reading live on stage The Art of Asking, 8. April 2015.

Soundtrack: Amanda Palmer: Ich bau dir ein Schloss,
live beim Wiener Standard Player, 5. November 2016,
ohne die anerkannte Schnulze von Heintje 1967 als minderwertig zu denunzieren:

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Written by Wolf

28. September 2018 at 00:01

Du hast genug geflennt

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Update zu Das Angedenken der Zuckerlust:

Um wenigstens auf meinem eigenen Speicherplatz nicht zu nerven aufhören zu müssen: Ich sammle Gedichte mit siebenzeiligen Strophen, und wenn jemandem eins auffällt, mag er es mir bitte nicht verschweigen, danke für die Aufmerksamkeit.

Besonders aufmerksam war dieser Tage — das ist: am 24. August 2018 um 20.40 Uhr — der Leser Hugo H., dem ein für hiesige Begriffe funkelnagelneues Gedicht aus drei siebenzeiligen Strophen aufgefallen ist.

Der Schuldchoral II von Robert Gernhardt, Gott hab ihn selig, stammt aus seinem letzten Gedichtband Später Spagat, schon posthum aus seinem Todesjahr 2006. Selber liegen mir leider nur seine Gesammelten Gedichte 1954–2004 von 2005 vor, darin als späteste Sammlung Die K-Gedichte von 2004.

Freiheit bedeutet, eine Auswahl zu haben. So kann ich mir jetzt aussuchen, ob ich mir die inzwischen aktualisierten Gesammelten Gedichte 1954–2006 oder den Späten Spagat als Einzelband anschaffe, damit ich an maßgebender Stelle nachschauen kann, ob Hugo H. richtig zitiert hat. Nicht dass ein persönlicher Zweifel daran bestünde, aber zum Beispiel Gernhardt schreibt sich, mit Verlaub, hinten mit dt. Berufskrankheit.

Robert Gernhardt hat seine siebenzeiligen zweifellos als Lutherstrophen gemeint, wobei er den jeweils siebten Vers nicht frei verwaisen, sondern, wie von diesem Großmeister der eingängigen Verheiratung von Form und Inhalt nicht anders zu erwarten, souverän im Reimschema ababccb ins Schloss schnappen lässt, — und Hugo H. bekommt für seinen Einsatz ein schönes Belohnungsbuch geschickt. Wenn er mir seine Adresse verrät.

——— Robert Gernhardt:

Schuldchoral II

aus: Später Spagat, 2006:

O Robert hoch in Schulden
Vor Gott und vor der Welt,
Was mußt du noch erdulden,
Bevor dein Groschen fällt?
Durch Speien und durch Kotzen,
Läßt der sich nichts abtrotzen,
Der auch dein Feld bestellt.

Dein Feld trägt lauter Dornen
Und Disteln ohne End.
Wie um dich anzuspornen:
Du hast genug geflennt.
Beim Rupfen und beim Jäten
Läßt der wohl mit sich reden,
Den man den Vater nennt.

Dein Vater starb im Morden,
Da warst du noch ein Kind.
So bist du nicht geworden,
Wie andre Menschen sind.
Und mußt dich doch ergeben,
Du hast nur dieses Leben.
Mach also nicht so’n Wind.

Freiheit, sagte ich, bedeutet, eine Auswahl zu haben. Das hat man jetzt, wenn man sich die Gesamtausgaben voreilig kauft, solange die Leute noch leben.

Memphis Green, 2017

Unbekannte Leserin: Memphis Green für Coffee Clubbers, beide auf Tumblr deaktiviert, 2017:

I don’t really have a favorite genre of book. I love fantasy, classics, biographies, and an occasional self help book. Right now I’m reading Ballet and Modern Dance: A Concise History by Jack Anderson. I have a lot of issues with reading comprehension so I usually end up reading most paragraphs twice. Haha. xo Memphis

Soundtrack zum in jeder Hinsicht zentralen Vers „Du hast genug geflennt“ aus dem Schuldchoral II:
Martin Luther featuring Paula Bär-Giese als Katharina von Bora: Das — selbstverständlich siebenzeilige — Auß tieffer noth schrei ich zu dir, 1523, nach Psalm 130, ca. 6. Jahrhundert v. C., für LUTHER 500, 2016 ff.:

Written by Wolf

2. September 2018 at 00:01

Scheißen Sie also nach Belieben

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Update zu Spitz wie Wetzlarer Karotte,
Schmerz, Tod und Graus gar spaßig zu erfassen,
Impotence proved I’m superman
und Lessing Luther Lemnius:

Dieser Brief musste früher oder später kommen. Umso verwunderlicher, dass davon keine zuverlässige oder auch nur vollständige Vorlage aufzutreiben war. Realistisch erreichbar ist die Auswahl Briefe der Liselotte von der Pfalz. Herausgegeben und eingeleitet von Helmuth Kiesel. Mit zeitgenössischen Porträts, Insel Verlag 1981; die verbindlichen Ausgaben sind diejenigen, nach denen sich Kiesel nach eigenen Angaben richtet: Briefe der Herzogin Elisabth Charlotte von Orléans (…). Herausgegeben von Dr. Wilhelm Ludwig Holland. 6 Bände. Stuttgart 1867–81 und Aus den Briefen der Herzogin Elisabeth Charlotte von Orléans an die Kurfürstin Sophie von Hannover. Ein Beitrag zur Kulturgeschichte des 17. und 18. Jahrhunderts. Herausgegeben von Eduard Bodemann. 2 Bände. Hannover 1891.

Von 1881 und 1891 — wobei die letztere sich schon in der Themenstellung ihrerseits als Auswahl ankündigt, und als modernste Ausgabe erwähnt Kiesels Literaturverzeichnis noch Briefe der Herzogin Elisabeth Charlotte von Orléans, gen. Liselotte. Herausgegeben von Hermann Bräuning-Oktavio — Leipzig 1913. Die ach so sprachlich erfrischend und unverblümt sich äußernde Liselotte soll gegen 60000 briefe geschrieben haben, von denen 5000 erhalten sind, und wird offenbar immer nur als Zitat eines Zitats eines Zitats weitergereicht, der berüchtigte Brief mit seiner Ballung an Kraftausdrücken — genauer: eines einzigen Kraftausdrucks — fehlt in der 1981er Auswahl des Insel-Verlags ganz. Und ab hier will man schon gar nicht mehr so genau wissen, in welchen wissenschaftlich verwendbaren Ausgaben er „entschärft“ erscheint oder ganz unterschlagen wird.

Coturnix, Erbauliche Enzy-Clo-Pädie, Meyster Verlag 1979Was ist eigentlich das Beschämende? Dass der Mensch (in Klammern: ich) so gern in hohen Gegenständen nach dem Niederen wühlt, bis er feststellen muss, dass das Niedere aus dem Hohen gerade dann herausgehalten wird, wenn es kulturhistorisch interessant wird — oder dass ich das ausführlichste Zitat — immer noch nicht den vollständigen Brief — in einem populären Brevier von 1979 finden musste?

Erbauliche Enzy-Clo-Pädie. Kulturgeschichte eines verschwiegenen Örtchens, herausgegeben von einem gewissen „Coturnix“ (wissenschaftlicher Name der Wachtel) im Meyster Verlag, der schon nicht mehr dingfest zu machen ist, habe ich mir 1979 oder kurz danach in der Buchabteilung vom Nürnberger Karstadt spendieren lassen — von meiner Frau Mutter, die dabei pflichtschuldig die Augen verdrehte, aber froh war, dass es mit 5,80 D-Mark abging statt mit den 14,80 für einen Karl May der Bamberger Reihe. Da war ich elf und musste mit irgendetwas auf dem Schulhof angeben können; das Bändchen (128 Seiten — es liegt mir noch vor) richtete sich wohl an Erwachsene bei gutbürgerlicher Freizeitgestaltung, die sich ansonsten auch gezielt „Herrenwitze“ merken, um sie ungefragt mit zuverlässigem Lacherfolg zu erzählen, und gern in hohen Gegenständen nach dem Niederen wühlen.

Den Liselotte-Brief habe ich seit 1979 öfter zitiert gesehen, genauer als bei „Coturnix“ werden wir ihn lange nicht vorfinden — mindestens bis 2022, wenn Liselotte 370. Geburtstag und 300. Todestag auf einmal feiern kann, worüber auch aus feministischer Sicht einiges zu holen sein dürfte — aber nicht so lange, wie eine seriöse, dabei lesbare Kulturgeschichte der Toilettenhygiene noch ausstehen wird.

Die Rechtschreibung ist alles andere als Liselottes originale, die in Kiesels Auswahl immer noch „behutsam modernisiert“, aber in ihrem übermütigen, sinnstiftenden Geiste belassen wäre.

——— Elisabeth Charlotte „Liselotte“ von der Pfalz:

Fontainebleau, den 9. Oktober 1694

Fontainebleau, den 9. Oktober 1694, an ihre Tante Sophie von der Pfalz:

Sie sind in der glücklichen Lage, scheißen gehen zu können, wann Sie wollen, scheißen Sie also nach Belieben. Wir hier sind nicht in derselben Lage, hier bin ich verpflichtet, meinen Kackhaufen bis zum Abend aufzuheben; es gibt nämlich keinen Leibstuhl in den Häusern an der Waldseite. Ich habe das Pech, eines davon zu bewohnen und darum den Kummer, hinausgehen zu müssen, wenn ich scheißen will, das ärgert mich, weil ich bequem scheißen möchte, und ich scheiße nicht bequem, wenn sich mein Arsch nicht hinsetzen kann. Dazu wäre noch zu bemerken, daß uns jeder beim Scheißen sieht: Da laufen Männer, Frauen, Mädchen und Jungen vorbei, Pfarrer und Schweizergarden können einander zusehen; nun, kein Vergnügen ohne Mühe und wenn man überhaupt nicht scheißen müßte, dann fühlte ich mich in Fontainebleau wie der Fisch im Wasser.

Es ist äußerst betrüblich, daß meine Freuden von Scheißhaufen behindert werden; ich wünschte, daß der, der das Scheißen erfunden hat, er und seine ganze Sippschaft, nur durch eine Tracht Prügel scheißen könnte! Wie war das am Dienstag? Man müßte leben können, ohne zu scheißen. Setzen Sie sich zu Tisch mit der besten Gesellschaft der Welt, wenn Sie scheißen müssen, müssen Sie scheißen gehen oder verrecken. Ach, die verdammte Scheißerei! ch weiß nichts Ekeligeres als das Scheißen. Sie sehen eine hübsche Person, niedlich, reinlich, Sie rufen aus: ach wie reizend wäre das, wenn sie nicht schisse! Den Lastenträgern, Gardesoldaten, Sänfteträgern, dem Volk dieses Kalibers billige ich es zu. Aber: die Kaiser scheißen, die Kaiserinnen scheißen, die Könige scheißen, die Königinnen scheißen, der Papst scheißt, die Kardinäle scheißen, die Fürsten scheißen und die Erzbischöfe und Bischöfe scheißen, die Pfarrer und die Vicare scheißen. Geben Sie zu, die Welt ist von von ekelhaften Leuten! Denn schließlich scheißt man in der Luft, man scheißt auf die Erde, man scheißt ins Meer, das Weltall ist angefüllt mit Scheißern und die Straßen von Fontainebleau mit Scheiße, vor allem mit Schweizerscheiße und die pflanzen Haufen — ebenso große wie Sie, Madame. Wenn Sie glauben, einen hübschen kleinen Mund zu küssen, mit ganz weißen Zähnen — Sie küssen eine Scheißemühle: alle Köstlichkeiten, die Biscuits, die Pasteten, Torten, Füllungen, Schinken, Rebhühner und Fasanen usw. Das Ganze existiert nur um daraus gemahlene Scheiße zu machen …

Heidelinde Weis als Liselotte von der Pfalz, 1966

BIlder: Coturnix (Hrsg.): Erbauliche Enzy-Clo-Pädie. Kulturgeschichte eines verschwiegenen Örtchens,
Meyster Verlag 1979;
Heidelinde Weis in: Liselotte von der Pfalz, 1966 (vermutlich von Regisseur Hoffmann mit Absicht ausnahmsweise nicht mit Liselotte Pulver besetzt), via TV Movie, ca. 2013. Der Film war wie alle von Kurt Hoffmann übrigens nicht vollends … nun ja: scheiße:

Written by Wolf

22. Juni 2018 at 00:01

5. Stattvent: Schnell – in dulci jubilo (denn es raucht sich schlecht entleibt)

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Wer an dieser Stelle ernstzunehmende Adventsinhalte wünscht, sei innerhalb des Weblogs freundlich auf die Sammlung über Weihnachtsengel (Dezember 2013), die Einschläferungsgedichte von Friedrich Rückert (Dezember 2014), das künstlerische Schaffen über Katzen (Dezember 2015) sowie das künstlerische Schaffen von Katzen (Dezember 2016) verwiesen.

Etwas Herzerwärmendes gehört bei allem Kulturpessimismus in diese eiseskalte Jahreszeit — jedenfalls ist gute Laune auch nicht kontraproduktiver als schlechte.

Heute noch erklingt auf Reinhard Meys Original-LP Ankomme Freitag den 13. von 1969 leider entschieden zu überarrangiert; zu seiner höchsten Form und vollen Aussage gelangt erst die gültige Version für Konzertgitarre und Barhocker auf seiner ersten Live-Doppel-LP Reinhard Mey live von 1971 — vielleicht die beste Live-Doppelte überhaupt, jedenfalls die beste aus meinem Besitz, die den Kauf weiterer, allesamt minderer Tonträger des Genres anregte. Die LP existiert heute auch in allen digitalen Formen und als YouTube-Playlist, nur schade, dass am 12. Dezember 1970 niemand mitgefilmt hat. Nach Heute noch fühlt man sich immer wie frisch geduscht und als ob die Welt vielleicht doch nicht ganz verrottet wäre.

——— Reinhard Mey:

Heute noch

aus: Ankomme Freitag den 13., 1969,
in: Reinhard Mey live, 1971, aufgenommen am 12. Dezember 1970 in Berlin:

Oft, wenn ich ans Fenster gehe,
Nachseh‘, ob noch alles steht,
Den Schuster drüben schustern sehe,
Hör‘ ich, wie die Welt sich dreht.
Dann füllt sich mein Kopf mit Wasser,
Wie aus einem Quell so frisch,
Drinnen schwimmt ein großer nasser
Trunk’ner lila Fisch.
Und der guckt aus meinen Augen,
Fängt an, weil er nichts vermißt,
Sich vor Freude vollzusaugen,
Weil die Welt noch nicht zertöppert ist.

Wie an südlichen Gestaden
Steh‘ ich über Moabit.
Kann im Strom der Menschen baden,
Der an mir vorüberzieht.
Noch habe ich Kopf und Kragen,
Beide sind noch unverletzt.
Kann noch meine Mütze tragen,
Ausgebeult und abgewetzt.
Drunter kann ich überlegen,
Und mir bleibt noch eine Frist
Zum Spazierengeh’n im Regen,
Der bislang nur Wasser ist.

Draußen riecht es gut nach Erde,
Nach Benzin, Asphalt und Staub.
Drinnen duftet es vom Herde,
Nach Rosmarin und Lorbeerlaub.
Noch ragt meine Nase frei und
Unbewehrt in der Natur.
Keine Gasmaske vor meinem Mund
Stört mich bei der Rasur.
Kann noch trinken: „Hoch die Tassen“,
Schnell geschluckt, denn darauf kommt’s an.
Ich kann mich nicht drauf verlassen,
Daß ich’s morgen auch noch kann.

Kann noch schwarzen Tabak rauchen,
Daß kein Krümel übrigbleibt,
Den könnt‘ ich doch nicht mehr brauchen,
Denn es raucht sich schlecht entleibt.
Laßt uns heut‘ Weihnachten feiern,
Schnell – in dulci jubilo –
Mit Neujahrspunsch und Ostereiern,
Mit Honig für den Bär im Zoo.
Mein Testament ist geschrieben,
Und mir bleibt noch etwas Zeit,
Vielleicht ein Tag nur, dich zu lieben,
Vielleicht ist morgen schon Ewigkeit.

Leucht‘ uns dann der Götterfunke, Funke aus Plutonium!

In diesem Sinne sehen wir uns 2018.

Mey vor GoIn, Reinhard Mey. Liedermacher, offiziell

Bild: Reinhard Mey: Mey vor GoIn, Fotos: der 60er Jahre, 2016.

Written by Wolf

29. Dezember 2017 at 00:01

Bocksgestöhn und freche Lieder

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Update zu Mačka se vratila und
Und wenn’s im Rücken mal weh tut, wird jede Bewegung zur Qual:

Hexen im Chor.
Die Hexen zu dem Brocken ziehn,
Die Stoppel ist gelb, die Saat ist grün.
Dort sammelt sich der große Hauf,
Herr Urian sitzt oben auf.
So geht es über Stein und Stock,
Es farzt die Hexe, es stinkt der Bock.

Walpurgisnacht, Zeile 3956 bis 3961.

——— Karl Paumgartten:

Walpurgisnacht.

in: Die Muskete. Humoristische Wochenschrift, 26. April 1917:

Horch: die Hexlein reiten wieder!
Doch sie reiten mit Bedacht.
Bocksgestöhn und freche Lieder
Klingen zögernd nur und sacht.

Mensch, will dich die Lust auch packen,
Du gibst jetzt nur Schmerzen Raum,
Und der Faun in deinem Nacken
Lächelt wie ein toter Traum.

Zeichnung von Amadeus: Walpurgisnacht, in: Die Muskete. Humoristische Wochenschrift, 26. April 1917,
via ANNO. Historische österreichische Zeitungen und Zeitschriften.

Zögernd nur und sacht: Get Well Soon: Witches! Witches! Rest Now In The Fire, aus: Songs Against The Glaciation, EP zu Rest Now, Weary Head! You Will Get Well Soon, Kaiserlich Königlich Records 2008:

Bonus Track: Felix Mendelssohn Bartholdy: Weltliche Kantate für Soli, Chor und Orchester
Die erste Walpurgisnacht, MWV D 3, 1833, Balladenvorlage: Goethe,
hr-Sinfonieorchester live unter Andrés Orozco-Estrada
auf dem Rheingau Musik Festival, Kloster Eberbach, 22. August 2014:

Written by Wolf

30. April 2017 at 07:00

Nachtstück 0007: Gespräch mit einem frischerstandenen Vampyren (was niemand hören wollte)

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Johann Heinrich Füssli, Der Nachtmahr, 1781, Filmic Artifacts, Tumblr, 27. November 2015

Update zum Nachtstück 0006: Nachtstück 0006: Sie fielen alle über mich her, da dacht‘ ich: nun so hört zu und zu den vier unbekannten Mengen
nach Idee, Vorschlag und Motiven unseres Lesers Thomas Faulhaber

mit Bildmaterial nach Johann Heinrich Füssli: Der Nachtmahr, 1781:

Borgman, Alex van Warmerdam, 2013, Filmic Artifacts, Tumblr, 27. November 2015

——— Faust 1, Zueignung, Vers 17 ff.:

Sie hören nicht die folgenden Gesänge,
Die Seelen, denen ich die ersten sang;
Zerstoben ist das freundliche Gedränge,
Verklungen ach! der erste Widerklang.
Mein Lied ertönt der unbekannten Menge,
Ihr Beyfall selbst macht meinem Herzen bang,
Und was sich sonst an meinem Lied erfreuet,
Wenn es noch lebt, irrt in der Welt zerstreuet.

——— Faust 2, Weitläufiger Saal, mit Nebengemächern, verziert und aufgeputzt zur Mummenschanz, Vers 5295 ff.:

Satyriker.
Wißt ihr was mich Poeten
Erst recht erfreuen sollte?
Dürft ich singen und reden
Was niemand hören wollte.

(Die Nacht- und Grabdichter lassen sich entschuldigen, weil sie so eben im interessantesten Gespräch mit einem frischerstandenen Vampyren begriffen seyen, woraus eine neue Dichtart sich vielleicht entwickeln könnte; der Herold muß es gelten lassen und ruft indessen die griechische Mythologie hervor, die, selbst in moderner Maske, weder Charakter noch Gefälliges verliert.)

Vampyr, Carl Th. Dreyer, 1932, Filmic Artifacts, Tumblr, 27. November 2015

Soundtrack: Anton Bruckner: Nullte Symphonie, WAB 100, 1869,
besonders der 2. Satz: Andante:

, Filmic Artifacts, Tumblr, 27. November 2015

Frischerstandene Vampyre:

  1. Johann Heinrich Füssli: Der Nachtmahr, 1781;
  2. Alex van Warmerdam: Borgman, 2013;
  3. Carl Theodor Dreyer: Vampyr – Der Traum des Allan Gray, 1932;
  4. James Whale: Frankenstein, 1931;
  5. Ken Russell: Gothic, 1986.

Ken Russell, Gorhic, 1986, Filmic Artifacts, Tumblr, 27. November 2015

Written by Wolf

30. März 2017 at 00:01

Historische Post vom Verleger

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Update zu Deine so oft entweihte Frühlingsfeier:
und Der den Wasserkothurn zu beseelen weiß:

Sehr geehrter Herr Klopstock!

Wo bleibt der Messias?

Ihr
Hermann Hemmerde.

~~~\~~~~~~~/~~~

——— Arno Schmidt:

S. H. Herrn
F.G. Klopstock, Superintendent.
Schul-Pforta
bei Naumburg/Saale.

Sehr geehrter Herr!

Anbei den Messias zurück.

Ihr
Arno Schmidt.

Soundtrack: Georg Friedrich Händel: Messiah, 1741, unter Stephen Cleobury, King’s College Cambridge, 1993:

Bild: Arno Schmidt lacht, Bargfeld, nach 1972,
vermutlich von Alice Schmidt und Copyright Arno Schmidt Stiftung, Bargfeld, via Arnoschmidt.

Written by Wolf

30. Dezember 2016 at 00:01