Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for the ‘Vier letzte Dinge: Apokalypse’ Category

Bocksgestöhn und freche Lieder

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Update zu Mačka se vratila und
Und wenn’s im Rücken mal weh tut, wird jede Bewegung zur Qual:

Hexen im Chor.
Die Hexen zu dem Brocken ziehn,
Die Stoppel ist gelb, die Saat ist grün.
Dort sammelt sich der große Hauf,
Herr Urian sitzt oben auf.
So geht es über Stein und Stock,
Es farzt die Hexe, es stinkt der Bock.

Walpurgisnacht, Zeile 3956 bis 3961.

——— Karl Paumgartten:

Walpurgisnacht.

in: Die Muskete. Humoristische Wochenschrift, 26. April 1917:

Horch: die Hexlein reiten wieder!
Doch sie reiten mit Bedacht.
Bocksgestöhn und freche Lieder
Klingen zögernd nur und sacht.

Mensch, will dich die Lust auch packen,
Du gibst jetzt nur Schmerzen Raum,
Und der Faun in deinem Nacken
Lächelt wie ein toter Traum.

Zeichnung von Amadeus: Walpurgisnacht, in: Die Muskete. Humoristische Wochenschrift, 26. April 1917,
via ANNO. Historische österreichische Zeitungen und Zeitschriften.

Zögernd nur und sacht: Get Well Soon: Witches! Witches! Rest Now In The Fire, aus: Songs Against The Glaciation, EP zu Rest Now, Weary Head! You Will Get Well Soon, Kaiserlich Königlich Records 2008:

Bonus Track: Felix Mendelssohn Bartholdy: Weltliche Kantate für Soli, Chor und Orchester
Die erste Walpurgisnacht, MWV D 3, 1833, Balladenvorlage: Goethe,
hr-Sinfonieorchester live unter Andrés Orozco-Estrada
auf dem Rheingau Musik Festival, Kloster Eberbach, 22. August 2014:

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Written by Wolf

30. April 2017 at 07:00

Nachtstück 0007: Gespräch mit einem frischerstandenen Vampyren (was niemand hören wollte)

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Johann Heinrich Füssli, Der Nachtmahr, 1781, Filmic Artifacts, Tumblr, 27. November 2015

Update zum Nachtstück 0006: Nachtstück 0006: Sie fielen alle über mich her, da dacht‘ ich: nun so hört zu und zu den vier unbekannten Mengen
nach Idee, Vorschlag und Motiven unseres Lesers Thomas Faulhaber

mit Bildmaterial nach Johann Heinrich Füssli: Der Nachtmahr, 1781:

Borgman, Alex van Warmerdam, 2013, Filmic Artifacts, Tumblr, 27. November 2015

——— Faust 1, Zueignung, Vers 17 ff.:

Sie hören nicht die folgenden Gesänge,
Die Seelen, denen ich die ersten sang;
Zerstoben ist das freundliche Gedränge,
Verklungen ach! der erste Widerklang.
Mein Lied ertönt der unbekannten Menge,
Ihr Beyfall selbst macht meinem Herzen bang,
Und was sich sonst an meinem Lied erfreuet,
Wenn es noch lebt, irrt in der Welt zerstreuet.

——— Faust 2, Weitläufiger Saal, mit Nebengemächern, verziert und aufgeputzt zur Mummenschanz, Vers 5295 ff.:

Satyriker.
Wißt ihr was mich Poeten
Erst recht erfreuen sollte?
Dürft ich singen und reden
Was niemand hören wollte.

(Die Nacht- und Grabdichter lassen sich entschuldigen, weil sie so eben im interessantesten Gespräch mit einem frischerstandenen Vampyren begriffen seyen, woraus eine neue Dichtart sich vielleicht entwickeln könnte; der Herold muß es gelten lassen und ruft indessen die griechische Mythologie hervor, die, selbst in moderner Maske, weder Charakter noch Gefälliges verliert.)

Vampyr, Carl Th. Dreyer, 1932, Filmic Artifacts, Tumblr, 27. November 2015

Soundtrack: Anton Bruckner: Nullte Symphonie, WAB 100, 1869,
besonders der 2. Satz: Andante:

, Filmic Artifacts, Tumblr, 27. November 2015

Frischerstandene Vampyre:

  1. Johann Heinrich Füssli: Der Nachtmahr, 1781;
  2. Alex van Warmerdam: Borgman, 2013;
  3. Carl Theodor Dreyer: Vampyr – Der Traum des Allan Gray, 1932;
  4. James Whale: Frankenstein, 1931;
  5. Ken Russell: Gothic, 1986.

Ken Russell, Gorhic, 1986, Filmic Artifacts, Tumblr, 27. November 2015

Written by Wolf

30. März 2017 at 00:01

Historische Post vom Verleger

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Update zu Deine so oft entweihte Frühlingsfeier:
und Der den Wasserkothurn zu beseelen weiß:

Sehr geehrter Herr Klopstock!

Wo bleibt der Messias?

Ihr
Hermann Hemmerde.

~~~\~~~~~~~/~~~

——— Arno Schmidt:

S. H. Herrn
F.G. Klopstock, Superintendent.
Schul-Pforta
bei Naumburg/Saale.

Sehr geehrter Herr!

Anbei den Messias zurück.

Ihr
Arno Schmidt.

Soundtrack: Georg Friedrich Händel: Messiah, 1741, unter Stephen Cleobury, King’s College Cambridge, 1993:

Bild: Arno Schmidt lacht, Bargfeld, nach 1972,
vermutlich von Alice Schmidt und Copyright Arno Schmidt Stiftung, Bargfeld, via Arnoschmidt.

Written by Wolf

30. Dezember 2016 at 00:01

Und wenn’s im Rücken mal weh tut, wird jede Bewegung zur Qual

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Update zu Welcome, proud Mary:

William Edward Frank Britten, Mariana, 1899Wer je von dem typischen Leiden aller Hochgewachsenen, Sportabstinenten und erblich Vorbelasteten befallen war, der Lumbago – also so ziemlich jeder –, wird das vorliegende ausgeklügelte Flechtwerk von Bild, Text, Musik, Reflexion und Verlinkungen verstehen.

Ausgenommen den Teil von Ernst Fuhrmann, und hiervon wiederum ausgenommen den zweiten zitierten Absatz. Und dass man in den Quellennachweisen des mehr als zurechnungsfähigen Raben — hier: des Zwanziger-Jahre-Raben von anno 1983 — die Impfgegnerschaft noch in aller Unschuld als „aufregende denkerische Entdeckung“ bestaunen konnte. Danach greift wieder der zweite Absatz. Oder aus dem ersten Absatz das ganz und gar nicht rhetorische: „Was aber ist die Wahrheit?“

Wenn man das wüsste. Bei Kreuzweh darf man sich ja nicht mal zum Nachdenken hinlegen, dafür ist es seinerseits eine sehr unmittelbar, ja geradezu intravenös einleuchtende Kur für Impfgegner.

She only said, „My life is dreary,
       He cometh not,“ she said;
She said, „I am aweary, aweary,“
       I would that I were dead!“

Alfred Lord Tennyson: Mariana, 1830
für John Everett Millais: Mariana, 1851.

Mariana in: Measure for Measure, 1604,
Act IV, Scene 1, verse 1801 ff.: The moated grange at St. Luke’s:

Break off thy song, and haste thee quick away:
Here comes a man of comfort, whose advice
Hath often still’d my brawling discontent.
[Exit Boy]
[Enter Duke Vicentio disguised as before]
I cry you mercy, sir; and well could wish
You had not found me here so musical:
Let me excuse me, and believe me so,
My mirth it much displeased, but pleased my woe.

——— Ernst Fuhrmann:

Zweifel

Das zweite Heft

aus: Zeitschrift Zweifel, 1. Jahrgang, Nr. 1, 1. März 1926, erstmal wieder wieder nachgedruckt in: Der Rabe. Magazin für jede Art von Literatur 2, einzige Auflage, Haffmans Verlag, Zürich, März 1983, Seite 12, „wobei sich der Untertitel dem Anlaß entsprechend angepaßt hat. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags Wilhelm Arnoldt, Allhornstieg, 200 Hamburg 67 — dort lieferbar von Fuhrmann: 9 von 10 geplanten Bänden Neue Wege, eine aufregende denkerische Entdeckung.

Alles weitere über den Zweifel in: Schuldt, Zweifel. Köln: DuMont 1967.“

John Everett Millais, Mariana, 1851Eine Reihe großer Denker fand die Bakterien und nach und nach die sämtlichen Gegenmittel der Impfung. Dummheit ist die Erbsünde, und man kann durchaus annehmen, daß diese Denker im besten Glauben gehandelt haben. So sicher, daß darauf chemische Industrien aufgebaut werden konnten. Man bedenke alles, was die Impfgegner und anderen Lager gegen die künftigen Zwangsimpfungen mit Salvarsan usw. schreiben, sie haben in mancher Hinsicht Recht, aber mit großen Argumenten kommt keiner. Was aber ist die Wahrheit? Man hat keine Ahnung, wie weit die Einflüsse der Menschen aufeinander durch körperliche Annäherung und Berührung gehen. Man propagiert dauernd die Notwendigkeit, daß sich die Völker und Menschen, die verschiedene Entwicklung gehabt haben, kennen lernen, daß eine große Vermischung entsteht und aus dieser für jeden ein Gewinn an Fähigkeiten, an Verfeinerung der Gefühle, der Wahrnehmungen usw. Dieser Autausch ist im Gange und niemand wird ihn aufhalten. Jeder reagiert auf das Fremde in seiner Weise. Ja, es gibt auch langwierige körperliche Reaktionen, durch die der Körper erst verändert wird, denn mit einem unveränderten Körper kann niemand anders denken. Und nun, da die Folgen verschiedener Berührungen sich zeigen, will man sie wegimpfen.

Ich zweifle nicht, daß man alles, was jetzt in unserem Lande geschieht, schon nach zwanzig Jahren wie die merkwürdigsten Verirrungen irgndwelcher Eingeborenen verstehen, aber auch verspotten darf; aber ich möchte versuchen, bevor ich größere Ergebnisse von Forschungen vorlegen kann, doch schon hier und da auszuplaudern, wie weit Zweifel führen können.

Falsche Haltung bei Rückenschmerzen: W. E. F. Britten (1848 oder 1857–1916): Illustration für Tennysons Mariana, 1899, aus: John Churton Colling (Hg.): The Early Poems of Alfred Lord Tennyson, Edited with a Critical Introduction, Commentaries and Notes, together with the Various Readings, a Transcript of the Poems Temporarily and Finally Suppressed and a Bibliography by John Churton Collins. With ten illustrations in Photogravure by W. E. F. Britten. Methuen & Co. 36 Essex Street W. C. London, 1901;
Suchbild: Wo ist die Maus?: John Everett Millais: Mariana, 1851, Öl auf Mahagoniholz, 59,7 cm × 49,5 cm, Tate Gallery, London.

Wenn’s im Rücken mal weh tut: Element of Crime: Ein Hotdog unten am Hafen,
aus: Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe, 2008:

Written by Wolf

11. Dezember 2016 at 00:01

Der Frühling liebt das Flötenspiel, doch auch auf der Posaune

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Update zu Seht, Ehrenbreitstein mit gesprengter Mauer:

William-Adolphe Bouguereau, Le Repos. Jeune Fille Couchee, 1880

Gerade wiedergelesen: Die Feuerzangenbowle von Heinrich Spoerl, in einem halben Tag und einer ganzen Nacht, mit kurzen Pausen für Stoffwechsel und Katerpflege. „Nicht wegen des Katers; das ist eine Sache für sich“, sondern die zwei vierbeinigen — cit. Spoerl, a.a.O., in der Bertelsmann-Ausgabe von 1962 mit Tusche- und Federillustrationen von einem gewissen, nicht näher nachweisbaren Gottfried Raap auf Seite 14, die ich beim Auszug bei meinen Eltern denselben gestrapst hab. Jetzt dünne ich Bücherregale aus und wollte sie unter Umständen drangeben. Die Umstände lauten aber: Kommt nicht in Frage.

Die bekannten Filmzitate stehen schon in der Buchvorlage, das kollektive Gedächtnis aller Generationen kann Erich Ponto als Schnauz und Paul Henckels als Bömmel bis heute auswendig mitsprechen. Ein neu entdeckter Liebling fügt sich genau in diese Reihe (bei mir auf Seite 132), der war mir glatt auch im Film entgangen:

„Schwäfelwasserstoff est ein onangenehmer Geselle. Er besetzt einen entenseven Geroch nach faulen Eiern und anderen onanständigen Sachen.“

Ist das nicht hinreißend putzig? Ist das nicht von einer kindlich frühlingshaften Harmlosigkeit? — Natürlich nicht, Schwefelwasserstoff ist ein Grundbaustein für die Entstehung des Lebens und der Film ist gar nicht so unschuldig, wie man ihn immer tun lässt. Dafür ist es eine gottgesegnete Erleichterung, dass man das alles nicht mehr persönlich mitmachen muss. — Das Buch ist tatsächlich von 1933; die bekannte Verfilmung mit Heinz Rühmann war schon die zweite, auch wieder mit Rühmann, und wurde 1944 zwischen den Kriegstrümmern von Babelsberg gedreht.

Eine besonders anrührende Sequenz geht im Buch nahezu unter und kommt in beiden nazizeitlichen Verfilmungen gar nicht erst vor:

——— Heinrich Spoerl:

Die Feuerzangenbowle

Ein Lausbüberei in der Kleinstadt. Der erste im Droste Verlag erschienene Roman,
als Vorabdruck in Der Mittag, Düsseldorf 1933:

So waren sie allmählich bei dem alten Schloß angelangt, das ihm Eva zeigen wollte. Dies war natürlich der äußere Vorwand des Ausfluges. Hans hätte das Schloß auch sehr gut allein gefunden, ja, er kannte es bereits in allen Winkeln und hatte dort kulturhistorische Studien angestellt. Aber er tat dumm und ließ sich von Eva führen. Treppauf, treppab, über die alten ausgewaschenen Stufen und leicht glitschigen Steinplatten, durch modrige Gänge und gruselige Gewölbe bis hinab ins Burgverlies, dann hinauf auf die dicken bröckelnden Mauern, schwindelnden Wehrgänge bis in den klobigen verfallenen Turm. Merkwürdig, heute kam ihm alles viel romantischer, viel geheimnisvoller vor. Eva erzählte in einem fort, was sie über das Schloß wußte. Hans hörte nicht zu, sondern berauschte sich an dem Klang ihrer klaren Stimme und sah sie unentwegt von der Seite an.

William-Adolphe Bouguereau, La Naissance de Vénus, 1879Als sie in den noch bewohnten Neubau des Schlosses kamen, hörte er von ihr eine besonders hübsche Geschichte, die nicht im amtlichen Burgenführer verzeichnet war: Eine Tages erschien bei der Fürstin ein Bauer und ließ bescheiden fragen, ob er seinem Enkelkinde die Urgroßmutter zeigen dürfe. Die Fürstin wußte auf diese Frage nichts zu entgegnen und bat um nähere Erklärungen. Da fragte der Bauer, ob es gestattet sei, das Schloß zu betreten und sich im Saal umzuschauen. Die Fürstin führte den Bauern mit seinem Enkelkinde in die große Halle. Diese war bis vor wenigen Jahren ein verräucherter und verschmutzter Stall gewesen; da hatte die Fürstin ohne viel Federlesens ihre sämtlichen Mägde zusammengetrommelt und Decken und Wände mit Seife, Sand und Soda abschrubben lassen. Und da kamen die alten allegorischen Gemälde, die ein halbes Jahrhundert lieblos übertüncht gewesen waren, wieder zum Vorschein: An den Wänden und Decken tummelten sich Zeus, Apoll, Hera, Artemis und die übrigen Insassen des Olymps nebst Hunderten von Putten. Der Bauer kniff die Äuglein zusammen und unterzog die mythologischen Gestalten einer eingehenden Musterung. Die Fürstin stand schweigend daneben. Die Putten erwiesen sich bei näherer Betrachtung als Bauernjungen. Alle Körper waren ungeschlacht und klobig. Etwas Robustes ging von der nackten Gesellschaft aus. Der Bauer nahm sein Enkelkind auf den Arm und zeigte mit dem Finger bald an die Decke, bald an die Wand; achtmal entdeckte er die Urgroßmutter, die teils mit Rosen dahinschwebte, teils ihre Füße badete, teils die aufgehende Sonne bewunderte, teils Ambrosia schlürfte. Und die Erklärung? Der Maler der Szenerie hatte seine sämtlichen Modelle aus dem Dorf bezogen. Und die Urgroßmutter, damals eine schmucke Dirn, mußte für sämtliche Göttinnen herhalten und war achtmal vertreten. Einmal als Aphrodite.

Eva drängte heimwärts. Sie durfte nicht zu lange bei ihrer Freundin Lisbeth bleiben.

William-Adolphe Bouguereau, Temptation, 1880

Einmal als Aphrodite: William-Adolphe Bouguereau: Le Repos (Jeune Fille Couchee), 1880, Öl auf Leinwand, 72 cm x 148 cm, bei Sotheby’s, New York für 458,500 $ verkauft;
La Naissance de Vénus, 1879, Öl auf Leinwand, 300 cm × 215 cm, Musée d’Orsay;
Temptation, 1880, Öl auf Leinwand, 99,06 cm × 132,08 cm, Minneapolis Institute of Art.

Soundtrack: Erich Knauf, 2. Mai 1944 in Brandenburg an der Havel hingerichtet wegen wegen defätistischer Äußerungen (vulgo Witzeerzählens) im Luftschutzkeller: Der Frühling liebt das Flötenspiel, doch auch auf der Posaune, featuring the Feuerzangenbowle Allstars:

Written by Wolf

8. Juli 2016 at 00:01

Saufspiele für Bücher-Geeks

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Drinking makes things happen.

Charles Bukowski: Women, 1978.

Francine van Hove

Saufspiele allein:

  1. Anti-Komasaufen:

    Bei jedem Umblättern in Auf der Suche nach der verlorenen Zeit: ein Red Bull auf ex. Um wach zu bleiben.

    Einkaufsliste:

    • Eine Steige Red Bull;
    • die alte Suhrkamp-Übersetzung von Eva Rechel-Mertens gibt’s in letzter Zeit nachgeschmissen, weil bei Reclam eine neue erscheint. Es funktioniert auch mit den Gesamtwerken von Heinrich Böll, Peter Handke, Manfred Hausmann, Wolfgang Koeppen, Stephenie Meyer, Herta Müller oder Martin Walser.
  2. Dickensaufen:

    Jedesmal wenn Charles Dickens eine neue Figur einführt: zügig eine Flasche Bier leeren.

    Einkaufsliste:

    • Bier;
    • am besten Die Pickwickier, da kommen die meisten kauzigen Typen vor.
  3. Holzfällen:

    Wenn Thomas Bernhard eine Formulierung verwendet, die innerhalb der letzten zwei Seiten schon mal wörtlich vorgekommen ist: zügig eine Flasche Bier leeren. Wenn er einen ganzen Satz wiederholt: ein Schnaps hinterher.

    Einkaufsliste:

    • Österreichisches Bier: Gösser, Ottakringer, Puntigamer, Stiegl oder Zipfer, die sind alle gar nicht so schlecht;
    • als Schnaps vorzugsweise Zwetschganer;
    • irgendwas von Thomas Bernhard, am besten antiquarisch oder der vergilbte Suhrkamp-Bestand aus der Stadtbibliothek, der schon seit zwanzig Jahren von der Abschreibung bedroht ist, aber seine vorgesehene Anzahl von Ausleihen nie erreicht. Jedenfalls sollte das Buch nicht mehr gekostet haben als eine Flasche Gösser.

Francine van Hove

Saufspiele zu zweit:

  1. Apostokese (Kenn-ich-gar-nicht, Home-Version):

    Wenn ein Fremdwort vorkommt, das der andere nicht kennt, muss er einen Schnaps kippen. Wenn es ein deutsches Wort ist: zwei.

    Einkaufsliste:

    • ehrbarer deutscher Schnaps: Doornkaat, Jägermeister o.ä. Heißer Sauftipp: Racke rauchzart;
    • für die schnelle toxische Wirkung am besten das BGB. Mehr Lesespaß machen Philosphen des 20. Jahrhunderts. Eine spielerische Gelegenheit, endlich mal die Dialektik der Aufklärung oder was Feines von Wittgenstein durchzuackern. Dem Spielzweck dient, aber ideologisch abzulehnen ist Heidegger. Heißer Lesetipp: Theodor W. Adorno: Minima Moralia, 1951. Überraschend ergiebig ist Ephraim Kishon;
    • zur Kontrolle den Duden und den Wahrig.
  2. Kenn-ich-gar-nicht, Geländeversion:

    Jeder schmuggelt eine Flasche Schnaps in eine möglichst große öffentliche Bibliothek oder einen Buchladen. Dann zieht man abwechselnd ein Buch aus dem Regal, das man nicht kennt und sagt (zum Beispiel): „Fifty Shades of Grey kenn ich gar nicht.“ Wenn der andere das Buch kennt, nimmt er einen Zug aus seiner Schnapsflasche. Theoretisch ist das zu mehreren noch lustiger, grenzt dann aber an einen Flashmob. Bitte überall höflich bleiben: In der Stadtbücherei die Bibliothekarin wenigstens pro forma zum Mitspielen einladen, im Buchladen nicht geizig sein.

    Einkaufsliste:

    • Schnaps. Empfohlen wird Tullamore Dew, weil die Flasche flach und handlich ist und sich deshalb schnell hervorziehen und wieder körpernah und bruchsicher verstauen lässt;
    • noch keine Bücher, weil man die ja erst während des Spiels erstehen will.
  3. Kohlhaasen:

    Jeder liest abwechselnd einen Satz aus Michael Kohlhaas, und zwar ohne Luft zu holen. Wer vor einem Punkt, Frage- oder Ausrufezeichen Luft holt, muss einen Schnaps kippen.

    Einkaufsliste:

    • Brandenburger Obstbrand von Streuobstwiesen. Irgendein Obstler tut’s auch;
    • das Gesamtwerk von Kleist ist gut erreichbar. Gedruckte Einzelausgaben, meistens die gelben Reclamheftchen, sind gerne noch aus der Schulzeit übrig. Der Kohlhaas reicht für ein feuchtes Wochenende; um schnell etwas auszuknobeln, eignet sich besser Das Bettelweib von Locarno (3 Seiten).

Francine van Hove

Saufspiele zu mehreren (ab 3 Mitspielern):

  1. Glasglöckeln:

    Jeder liest der Reihe nach einen Satz aus Die Glasglocke vor. Wer anfängt zu weinen, wird sofort von jeglicher Alkoholzufuhr abgeschnitten. Sobald der zweite anfängt, können Gruppenumarmungen und sachtes Schaukeln aufgenommen werden.

    Einkaufsliste:

    • Weiche Mädchen-Alkoholika: Aperol, Beerenwein, Pfefferminzlikör o.ä.;
    • für die vorzeitigen Verlierer Mädchentee: Jasmin, Lavendel, Wohlfühl o.ä.;
    • ein Exemplar Sylvia Plath für alle muss genügen, um nicht unnötig die Verbreitung ihres Werks voranzutreiben. Außerdem verbindet das Weiterreichen.
  2. Shakes-Bier:

    Ein Shakespeare-Stück wird mit verteilten Rollen gelesen. Jedesmal wenn eine scherzhafte Anspielung auf Geschlechtskrankheiten, Geschlechterrollen oder geschlechtliche Beziehungen vorkommt, trinkt der Vortragende eine Flasche Bier ex.

    Einkaufsliste:

    • Ausreichend Sixpacks von irgendeinem englischen Ale, Porter oder Stout, zur Not geht Guinness oder Kilkenny aus Irland. Nehmt 0,33er-Flaschen, es wird rund gehen;
    • ein Shakespeare-Stück. Nicht immer bloß Hamlet, Macbeth, Romeo und Julia und die Materialschlacht von Sommernachtstraum — gerne eins von den Königsdramen, die im deutschen Sprachraum kein Mensch kennt, geschweige denn auseinanderhalten kann. Und möglichst nicht die Schlegel-Tieck-Übersetzung, weil die umschreibt, verschlüsselt und entschärft — lieber die letzte von Frank Günther, der erspart einem nichts.
  3. Sündigen:

    Aus der Bibel werden rundum zufällig aufgeschlagene Stellen vorgelesen. Sobald eine Sünde vorkommt, muss der jeweils nächste beichten, ob er sie schon einmal begangen hat. Wenn ja, muss er Reue zeigen und sie in Wein ertränken. Das passiert etwa bei jedem zweiten Satz. Vorsicht: In der Bibel zählen auch praktisch alle sexuellen Orientierungen, vorehelicher Körperkontakt, Onanie, Coitus interruptus, die Zugehörigkeit zu einer anderen Glaubensgemeinschaft als dem orthodoxen Judentum sowie Wirkungstrinken als Sünden. Bei Genesis anfangen, später im Neuen Testament wird eher mal etwas vergeben.

    Einkaufsliste:

    • Alter Wein in neuen Schläuchen, dem Anlass angemessen bitte keinen Fusel unter 4,99 Euro pro Flasche. Sinnig ist fürs Alte Testament einer aus der Bekaa-Ebene im Libanon, fürs Neue einer von den Golanhöhen: beides sehr geschichtsträchtig, sehr gut und sehr teuer. Als Kompromiss den Syrah vom Penny (2,49 Euro) und Teile der Ersparnis für Amnesty spenden;
    • eine Luther-Version vor 1912.

Francine van Hove

Bilder: Francine van Hove via Kai Fine Art.

Francine van Hove

Written by Wolf

29. April 2016 at 00:01

Von dem Holz des Lebens essen und der bittern Schmach vergessen (im Leben ist da kein Verlag drin!)

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Update zu Music kennt nichts als lauter Güte
und Wer weis, wie lang ich hier noch bin:

Man mag es bedauern oder nicht, aber jetzt.de ist praktisch tot. Gut, die Domain scheint noch von jemandem bezahlt und häufig aktualisiert zu werden, wahrscheinlich von der Süddeutschen Zeitung, und man hat zumindest eine theoretische Möglichkeit aufrecht erhalten, die sicher täglich eingehenden Journalismen zu kommentieren, aber die einst wirklich vorbildliche Community ist zugunsten irgendwie „jugendlich“ gemeinter Artikel, die in Form und Anspruch ungefähr den Blogeinträgen Minderjähriger von 2003 ähneln, abgeschafft.

Eigentlich schade. Um 2003 muss ich da viel Zeit verschleudert und auch viel Blödsinn getrieben haben, auf den ich schon während des Verzapfens nicht stolz war, aber wenn man den zwischenmenschlichen Umgang auf jetzt.de kannte, hat man erst gemerkt, was auf dem damaligen Spiegel Online, dem heutigen Facebook, von Don Alphonsos wild wuchernden Wirkungsstätten und dem allzeit berüchtigten heise online ganz zu schweigen, für ein Herumgerüpel herrscht. Zum ersten Mal kippte die Stimmung auf jetzt.de, als ein „Relaunch“ mit „User-generated content“ versucht wurde. Über zehn Jahre haben sie durchgehalten, was sich gar nicht so schlecht anhört, dann wollte wohl keiner mehr generaten. So groß das Zetern und Fäusteschütteln 2005 darüber geriet, was gegen die Auflösung der Möglichkeiten zu Kontaktaufnahme und Veröffentlichung Anfang 2016 wie eine mindere Farbangleichung anmutete, so schulterzuckend wurde die jüngere hingenommen. Wenn die Gäste ausbleiben, wird nicht besser gekocht oder das Bier besser eingeschenkt, sondern die Kneipe gesprengt, klar.

Mit der einen wichtigen, ausnahmsweise hoffentlich nicht ganz so blöden Frage hab ich wieder zu lange gewartet:

Geschätzte [sehr schrulliger Username],

wir kennen uns nicht näher. Nicht erschrecken bitte, ich komme in Frieden :o)

Du hast vor Zeiten mal in einem Kommentar zu einem Beitrag der von uns gelöschten [nicht ganz so schrulliger Username] ein barockes Figurengedicht angebracht: von einem gewissen Johann Karst, Jahrgang 1624, in Form eines Baums, offenbar aus einer Sammlung namens Geistliche Waldfaren oder Engelsüß / von der Bitterkeit dieses und der Süssigkeit des Künftigen Lebens. In fallenden und steigenden Reimen aus: Deutscher Dicht-Kunst Lust- und Schauplatz, 1667, überliefert in: Fünfundzwanzig Figurengedichte des Barock, herausgegeben von Karl Severin, Verlag Basse & Lechner, München 1983.

Du hast, ich erinnere mich da nicht genau, kann aber schon meine angefangene Recherche dreinmischen, auch das Gedicht bildlich dazu gebracht; die Quelle war allerdings in janreichow.de, der 2014 seinen Blog nochmal von vorn angefangen hat und seitdem verspricht, auch das alte Material wieder zugänglich zu machen. Seitdem steht der Gedichttext unformatiert, rudimentär und bis auf weiteres gut versteckt in der Nebenstelle eines abseitigen Internetarchivs, womit niemand eine rechte Freude hat. Er geht:

——— Johann Karst:

Geistliche Waldfaren oder Engelsüß /
von der Bitterkeit dieses und der Süssigkeit des Künftigen Lebens.
In fallenden und steigenden Reimen

aus: Deutscher Dicht-Kunst Lust- und Schauplatz, 1667,
in: Karl Severin (Hg.): Fünfundzwanzig Figurengedichte des Barock, Verlag Basse & Lechner München. MCMLXXXIII (1983):

Johann Karst, Geistliche Waldfaren oder Engelsüß, von der Bitterkeit dieses und der Süssigkeit des Künftigen Lebens, Deutscher Dicht-Kunst Lust- und Schauplatz, 1667

Liese erstlich den Stengel von oben bis an die Wurzel / und hernach die Wurzel

Ach! ach / WIE MUS EJN MENSCH AUFF dieser Welt sich leiden. Zu allen Zeiten Mit Feinden streiten. Dein Reich o Welt / Das Schwarem Gezelt / Mir nit gefällt / In dir ist eitel Leit /Betrübnuß / Müh und Streit /. Unmuht / Kreutz und Schmertzen Nagen unsre Herzen Bald ist Trauren bald Gefahr Also daß wir immerdar Schweres Elend kläglich leiden. Und in Kummer täglich weiden Biß wir von der Erde scheiden Da wir in erwünschten Freuden. Von dem Holtz des Lebens essen Und der bittern Schmach vergessen. Drum Welt hab gute Nacht Ich geb auf eines acht. [?] Zu allen Zeiten Mit Feinden streiten. [?].

Praktischerweise hab ich das Bild, von dem das Figurengedicht ja lebt, selber gespeichert und an geeigneter Stelle verlinkt. Das fällt leicht, das dauert ungefähr so lange, wie ich dich hiermit belämmere .ò) Das letzte Änderungsdatum meiner .jpg-Datei ist übrigens der 12. August 2013, woran man wohl ungefähr einordnen kann, wann du das kommentiert hast.

Wie du da jetzt nach Jahren wieder reinkommst? — Nun, über die — teuer — noch erhältliche Sammlung mit den Fünfundzwanzig Figurengedichten von 1983. Die ist nämlich, s.o., aus dem Verlag Basse & Lechner, der wiederum laut Impressum in der Mallnitzer Straße 24 zu München resideren soll. Google findet den noch — aber auf dessen Street View ersichtlich ist die Adresse das gutbürgerlichste Reihenhaus der Welt in Obermenzing/Blumenau, im Leben ist doch da kein Verlag drin (bösartig könnte einer „spießig“ dazu sagen, aber einige meiner ehrbarsten Freunde wohnen in Reihenhäusern) — außer vielleicht einer Druckerpresse im Partykeller, die wenigstens potenziell solche bibliophilen, auf handnummerierte 350 Exemplare limitierten Schätze wuppt. Würde das jemand tun?

Darum die Frage an dich: Besitzest du wohl ein Exemplar der 350? Weißt du mehr über den Verlag, über das Buch, über Johann Karst, über sein Gedicht, über seine Geistlichen Waldfaren oder Engelsüß?

Das schieb ich schon eine Ewigkeit vor mir her, es war ja immer noch haufenweise Zeit. Jetzt, wo diese heil’gen Hallen alsbald zugesperrt werden, hab ich mich endlich aufgerafft. Schon klar, wenn du für mich nicht mehr in derselben Community erreichbar bist, kann ich immer noch den Herrn Jan Reichow fragen, der immerhin Blogger ist und sich bestimmt über egal was für ein Feedback freut — ich weiß sowas –, oder den Kontakt zum Verlag und ergoogelten Bewohner der Mallnitzer Straße 24, der weder in der Website noch außen auf Google seine Telefonnummer verschweigt. Das kann ich alles machen und werde davor nicht zurückschrecken. Aber warum nicht zuerst mal dich hören, die du dich ja offenbar persönlich für sowas interessierst :o)

Was ich selber damit will: Was darüber erzählen in Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt — was einen erheblichen Anteil meiner Freizeit und Ambitionen ausmacht und gerade dir den einen oder anderen Blick wert sein mag. Du bist, nach allem, was ich von dir verstreut gelesen hab, Zielgruppe. Es würde mich freuen, wenn du da Gast wirst — viel Zeit mitbringen bitte! — Was ich denn mit dem Buch will, wenn ich’s hab? — Ach Gott, erstens was man mit Büchern halt so will, und zweitens will ich’s ja gar nicht zwingend haben. Höchstens genauer davon wissen, das muss drittens ohnehin meistens reichen.

Und schon ist die kuriose Situation entstanden, dass du durch einen hingeworfenen Kommentar unter den verschwundenen Text einer ebensolchen Nutzerin vor zwei, drei Jahren einen Blog-Eintrag, den es noch nicht gibt, in einem Blog, den du gar nicht kennst, maßgeblich mitgestaltet hast, ob du nun jemals antwortest oder nicht. Gott ist groß.

Ich grüße dich!
Wolf

Das war drei oder vier Wochen vor dem Shutdown der jetzt.de-Community, in denen die Userin mit dem schrulligen Namen erkennbar noch ihren Account benutzt hat, und das als gar nicht so schrulliges, eher freundliches Haus. Offenbar habe ich noch viel an meinem zwischenmenschlichen Umgang zu arbeiten. Und schon ist die kuriose Situation entstanden, dass ich machen muss, was ich gesagt hab: den Herrn Jan Reichow oder den Kontakt zum Verlag und ergoogelten Bewohner der Mallnitzer Straße 24 fragen, ob die nun jemals antworten oder nicht. Aus nichtigen Gründen einem seltenen Buch hinterherspüren, wie sieht denn das aus. Gott ist groß und Erwachsensein scheint richtig anstrengend.

Basse & Lechner GmbH Verlag und Agentur, Mallnitzer Straße 24, 80687 München, Google Street View

Bilder: Basse & Lechner GmbH Verlag und Agentur, München; Google Street View, 2008.
Als Soundtrack wäre mir am liebsten Sportfreunde Stiller: Tage wie dieser aus: Die gute Seite, 2002 gewesen, weil die Jungs eine typische jetzt.de-Band waren und das Lied ein offizielles Video hat, für das man sich nicht fremdgenieren muss, mit Münchner Ansichten, wie man sie wirklich ab und zu erlebt, das anzuschauen aber wieder so ein Affront gegen die versammelte Musikindustrie scheint.
Es gibt deswegen was Älteres: Bally Prell: Isarmärchen, ca. 1953, mit Münchner Ansichten, wie man sie man gern ab und zu erleben würde:

Written by Wolf

15. April 2016 at 00:01