Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for September 2013

The Metrum is the Message

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——— Albert Uderzo: Astérix XXIX: La Rose et le Glaive,
übs. Gudrun Penndorf: Asterix und Maestria, 1991, Seite 15:

[Obelix:] Hmmm! Welch wunderbarer Duft, der abends mich betört,
wenn ein Wildschwein gar mich lockt, an deinen heißen Herd!

[Asterix:] Machst du jetzt schon Alexandriner? Die Schule scheint dir zu bekommen!

The medium is the message ist gar keine so neuzeitliche Erkenntnis; neu ist nur die pointierte Formulierung, die sie populär machen konnte.

Cristina Suarez, 7. September 2012„Schon die Griechen“ — an dieser Stelle begrüße ich meine übrig gebliebene durchhaltestarke Leserschaft — verwendeten in ihrer antiken attischen Tragödie typischerweise Jambische Trimeter. Dafür hatten sie Gründe. Nicht etwa, postmoderne Schulkinder einzuschläfern, sondern die Form des Dramas mit seinem Inhalt, zugleich den Inhalt des Dramas mit seiner Form in Harmonie zu setzen. Tragödie bedeutet seit der Poetik von Aristoteles: Personal gehobenen Standes bis hinauf zu Göttern, um ihnen in der Handlung die größte Fallhöhe, die meisten materiellen, seelischen und sozialen Verluste zu ermöglichen; Einheit von Zeit, Ort und Handlung (welche also an einem einzigen festen Schauplatz innerhalb der Erzählzeit — der Dauer des Schauspiels — hintereinander weg geschieht); schuldloses Schuldigwerden anhand eines Dilemmas; ein unglückliches Ende — und dadurch Katharsis der handelnden Personen sowie zugleich des Anteil nehmenden Publikums. Das bedeutet die Vorstufe zum allgemeineren prodesse et delectare (das ist: Nutzen und Unterhaltung auf einmal — was auch für die Komödie gilt, die sich durch einen glücklichen Ausgang schon hinreichend von der Tragödie unterschiede, und für die Epik, die nicht der dreifachen Einheit gehorchen muss) beim späteren Horaz.

Vor allem diese Einheit aus Erzählzeit und erzählter Zeit in einem eng definieren Raum sollte durch das gleichförmige Versmaß unterstützt werden: Inhalt ist Form, Form ist Inhalt — the medium is the message. Was wir Heutigen in Theaterstücken, viel eher noch an Spielfilmen tadeln würden: das gewollt Abgehobene, das sich nicht um Kurzweil schert, sondern sich der Kunstform zuliebe einen langen Atem gestattet, die große, dennoch beschränkte Anzahl möglicher Handlungsverläufe — all das wurde seither variiert, gebrochen oder absichtsvoll und ausnahmsweise ignoriert, aber nie abgeschafft. Im Gegenteil wird sich überall, wo moderne Geschichten erzählt werden, darauf bezogen: So unterscheiden sich Hollywood-Drehbücher von Sophokles-Dramen in der Ausstattung und in der Dialogführung, nicht etwa in der Dramaturgie.

Genau genommen sind die meisten Spielfilme eine Variation über entweder die Ilias oder die Odyssee. Diese beiden stehen in Distichen, die aus einem Hexameter plus einem Pentameter bestehen, die sich im Altgriechischen besonders beredt den Wörtern anschmiegen, und weil es Epen sind, die man in einem langen Redefluss flüssig — idealerweise auswendig — rezitieren soll. In Dramen ist das nicht notwendig, weil Theaterfiguren a) ihre Reden vor dem Auftritt eingeübt und b) zusätzlich anders als sprechend zu agieren haben.

(Im Faust kommt gerade ein einziger Hexameter vor: „Eritis sicut Deus, scientes bonum et malum“ — und der ist ein Zitat, und selbst das in parodistischer Absicht; Mephisto spricht es. Das unmittelbar folgende

Folg nur dem alten Spruch und meiner Muhme der Schlange,
Dir wird gewiss einmal bei deiner Gottähnlichkeit Bange!

wurde im 19. Jahrhundert vermutlich gleich hexametrisch weitergelesen, was sich nicht anhand etwelcher Tonaufnahmen nachweisen lässt, funktioniert aber als unreiner Alexandriner.)

Halten wir fest: Der Jambische Trimeter schien in seinem Tonfall und seiner Anpassungsfähigkeit an die altgriechische Sprache besonders geeignet, Inhalte der attischen Tragödie zu transportieren. Das Moderne daran war einst, die Figurenrede quantitierend in einem quasi musikalischen Rhythmus zu gestalten; es ist deshalb schon zulässig, von einem Takt zu sprechen. (Vorhergehende und anderwärtige Versmaße binden den Text nur, indem sie ihn akzentuieren oder die Zahl der Silben festlegen, die Zahl der Senkungen zwischen von der einen zur nächsten Hebung bleibt dabei freier.)

Pandorra Von Lillian, Fact about me #1, 21. August 2011In Übersetzungen, das Problem wird nimmer alt, kann gegenüber dem Original nur einiger Verlust entstehen. Jambische Trimeter in deutscher Dichtung sind selten, weil sich das Metrum schlecht an die Sprache fügt. Rettung verheißt wie so oft Goethe: Im Faust, schon im Untertitel Der Tragödie zweiter Teil, verwendet er eine solche Vielfalt aus dem lyrischen Formenarsenal (nachgewiesen sind 40), dass, „wenn die Poesie ganz von der Welt verlorenginge, […] man sie aus diesem Stück wiederherstellen [könnte]“ (Goethe selbst über seinen fremden Kollegen Calderón: El principe constante) — was nicht allein von den wechselnden Versmaßen rührt, aber ein weit bunteres, durchaus für moderne Bedürfnisse kurzweiligeres Changieren erzeugt als mehrere Akte lang durchgehaltener — zum Beispiel — Jambischer Trimeter.

Den er a.a.O. in seinem deutschpsrachigen Original sehr wohl unterbringt:

Bewundert viel und viel gescholten, Helena,
Vom Strande komm ich, wo wir einst gelandet sind,
Noch immer trunken von des Gewoges regsamem Geschaukel.

Wie umgehend ins Auge — oder treffender: ins Ohr, man mag sich das getrost einmal laut vorsprechen — springt, ist das ein sechshebiger Jambus, in dem bei Bedarf eine Länge zu zwei Kürzen — die dann ein Spondeus heißen — aufgelöst werden kann. So geschehen auf den Silben in „Gewoges regsamem“. Man kann das goutieren, muss aber nicht; persönlich finde ich, dass es am richtigen Ort schön würdevoll einherschreitet. Bei Goethe kann man immerhin sicher sein, dass er die Wirkung seiner Metren fachkundig durchdacht hat.

Marcela Xavier, djfhsdlfhldsjf, 1. August 2012Von Sophokles bis Goethe führt ein langer Weg, auf dem Goethe durch spätere Geburt den Vorteil hatte, auf ihn zurückzublicken. Im Faust erscheinen deshalb auch so ziemlich alle seitherigen Versformen. Typisch fürs allfällige Fastnachtsspiel mit Blütezeit nach 1500 war der Knittelvers: vier Hebungen, egal ob Jambus oder Trochäus, Daktylus oder Anapäst, weil ohnehin die Zahl der Senkungen dem Dichter freisteht. So entstehen Verse mit 6 bis 15 Silben, was Knittelverse in der Herstellung stark vereinfacht und in logischer wie zeitlicher Folge in Misskredit bringt. Knittelvers ist so volkstümlich, wie ein Volk nur tümlich sein kann, und für den Goethischen Faust gerade deswegen so passend, weil er seine ersten Fassungen aus einem Puppenspiel für Jahrmärkte bezieht, das seinerseits nach dem dem gleichnamigen Volksbuch von Johann Spies von 1587 entstand — übrigens eine der Ecken in Wikipedia, die man wirklich atemlos gespannt lesen kann.

Gleich anfangs knittelt Faust sein „Habe nun, ach!“, was ihn formal charakterisierend in die Zeit aus Paracelsus, Nostradamus und Volksbüchern rückt, der er entstammt — und kurz darauf beim Anblick des Zeichens des Makrokosmus in seinem Buch:

Ha! welche Wonne fließt in diesem Blick
Auf einmal mir durch alle meine Sinnen!
Ich fühle junges heil’ges Lebensglück
neuiglühend mir durch Nerv‘ und Adern rinnen.
War es ein Gott, der diese Zeichen schrieb,
Die mir das inn’re Toben stillen,
Das arme Herz mit Freude füllen,
Und mit geheimnisvollem Trieb
Die Kräfte der Natur rings um mich her enthüllen?

Und so fort, die Szene Nacht im „hochgewölbten, engen, gotischen Zimmer“ kennen Sie bestimmt noch von der Schulplatzmiete. Fausts altdeutsch knittelnde Begeisterung hält dann gerade so lange vor, bis er zum Zeichen des Erdgeistes vorblättert.

Noch viel deutlicher in seinem etwas dilettantisch rumpelnden poetischen Flickwerk kommt der Knittelvers bei Carl Arnold Kortum daher:

Mit dem Handel giebts nur Kleinigkeiten,
Denn es ist kein Geld unter den Leuten,
Und die Ratsherrnschaft wirft auch nicht viel ab;
Drum sind meine Einkünfte so knapp.

Inhaltlich aktuell bis zeitlos, formal im abendländischen Kulturkreis wohl nicht so bald auszurotten. Kulturelle Verfeinerung verlangt nach elaborierteren, enger definierten Formen: Vor allem die Trauerspiele der französischen Renaissance und des deutschen Barock verwendeten typischerweise Alexandriner. Ursprünglich bedeutet das: 12 oder 13 Silben mit Zäsur nach der 6. Silbe, unbedingt mit Endreim. Seit Martin Opitz bedeutet es weiter verengt: sechshebiger Jambus mit Zäsur nach der dritten Hebung. Besonders sinnhaltig wird diese Form mit der deutlich unterteilenden Zäsur in den barocken dialektisch aufgebauten Memento-mori-Gedichten; Gryphius

DU sihst / wohin du sihst nur eitelkeit auf erden.
Was dieser heute bawt / reist jener morgen ein:
Wo itzund städte stehn / wird eine wiesen sein
Auff der ein schäffers kind wird spilen mitt den heerden.

ist bekannt (die Schrägstriche in dieser Originalversion bedeuten Kommata — keine metrischen Zäsuren).

LaPetiteTwinkle, Tick-Tock, 12. März 2009Keine Dramenhistorie ohne Historiendrama: Was Shakespeare eingeführt, verbreitet und weitertradiert hat, ist praktisch überhaupt nicht zu ermessen. Eine Hilfe dabei war ihm zweifellos der Blankvers — jambisch, fünfhebig, unbedingt ungereimt — wie der Name sagt: vom englischen blank, was den reinen, also reimlosen Vers bezeichnet. Er kommt ohne feste Zäsur aus, kann im Drama auf mehrere Sprecher verteilt werden, gewinnt so einen sehr geschmeidigen Rhythmus und kommt dadurch der ungebundenen Rede ziemlich nah. Das verleiht den handelnden Figuren Lebensnähe.

Wie die meisten Großleistungen Shakespeares ist der Blankvers keine Erfindung von ihm, allenfalls eine Vervollkommnung des heroic verse, der am prominentesten bei Geoffrey Chaucer vorkommt, bei demselben hinwiederum nicht in Dramen — und sei es „nur“ in der Verbreitung des Elisabethanischen Dramas zusammen mit Christopher „Kid“ Marlowe und Thomas Kyd.

Mit seinen Gedichten wird Shakespeare noch unter die Metaphysical Poets gerechnet, was in der deutschen Literatur ungefähr der Entwicklungsstufe des Barock entspricht. Allerdings sind die englischen den deutschen Lieraturepochen immer um einige Jahre voraus; in Deutschland setzt sich der Blankvers deshalb mit aufkommender Shakespeare-Rezeption durch — also flächendeckend ab der Übersetzung von Wieland. Dann begegnet er weiterhin bei Wieland, Klopstock, endgültig an Stelle des Alexandriners gesetzt von Lessing — als Paradebeispiel im gesamten Nathan der Weise — und Goethe in der gesamten Iphigenie auf Tauris.

Zum Merken und Wiedererkennen deren Anfang: „Heraus in eure Schatten, rege Wipfel“. Jambus, fünf Hebungen, die Zäsur dort, wo sie in der Syntax gebraucht wird, es stimmt also alles; und keine Sorge: Es wird sich die folgenden vier Stunden lang (mit Theaterpause) auf nichts reimen.

In weiten Teilen gereimt ist hingegen — zurück zum Ausgang — der Faust. Nun mag man meinem alten Geschichtslehrer darin folgen zu behaupten, im Faust, da seien Reime drin, „dass eine Sau graust“, und dafür stichhaltige Stellenbeispiele anführen — es bleibt dabei, dass wir mit beiden Teilen der Tragödie vor einem überwältigenden Formenpanorama stehen, dass die Sau zumindest die Geschichte der klassischen Versformen lernen kann. Und dabei haben wir noch gar nicht von den eloquenten Monologen von Mephisto geredet, die er in durchtrieben wendigen Madrigalversen abliefert.

Jamie McKerral, Bookworm, 25. Januar 2010Sogar Prosa kommt im Faust vor, wenngleich nicht öfter als in Trüber Tag. Feld; so avantgardistisch wollte Goethe gar nicht werden, dass er seine Figuren ungebunden reden ließe.

Vielmehr ist der Prosateil noch aus Goethes Frühfassung übrig (für die man von der Bezeichnung „Urfaust“ abgekommen ist), die aus seiner Sturm-und-Drang-Zeit stammt; da war ein bestimmter Prosastil voller Ellipsen und Interjektionen, die dem Sprecher keine Zeit zu lyrischer Ausformulierung lassen, als Ausdruck ungebändigter Emotion immerhin zulässig. Am 5. Mai 1798, schon tief in seiner klassischen Phase, schrieb Goethe an Schiller, er fände inzwischen „ihre Natürlichkeit und Stärke, in Verhältnis gegen das andere, ganz unerträglich“ und „suche sie deswegen gegenwärtig in Reime zu bringen, da denn die Idee wie durch einen Flor durchscheint, die unmittelbare Wirkung des ungeheuren Stoffes aber gedämpft wird.“

Dramen in durchgehender Prosa kommen als Normalfall erst im 19. Jahrhundert vor — etwa ab Georg Büchner, augenfälligstes Beispiel: Woyzeck. Diese größtmögliche Nähe zur Alltagsrede außerhalb einer Theaterbühne definierte nachmals das moderne Schauspiel und wurde bis jetzt nicht wieder aufgegeben, oder kennen Sie ein Original-Drehbuch mit lyrisch gebundenen Dialogen — also nicht gerade eins zu einer Shakespeare-Verfilmung?

Von dieser „Tragödie“ erstem und zweitem Theil bleibt außer dem unglücklichen Ende streng formal gerechnet nicht mehr viel übrig, und selbst da dauert der Expertenstreit fort, ob am Ende des zweiten Teils jetzt Faust oder Mephisto oder gar keiner gewonnen hat (wozu wir noch fortschreiten werden). Einheit von Zeit, Ort und Handlung? Von wegen, das glatte Gegenteil! Die Kriterien der klassischen Traödie sind hier durchaus bekannt, nur eben nicht eingehalten, sondern in alle Richtungen gesprengt. Ein Pandämonium in der Welt, im Himmel und der Hölle und einigen Zwischenreichen, durch alle Zeiten seit Anbeginn voller Nebenhandlungen — und in vierzig verschiedenen Vers- und Strophenformen, deren jede eine message transportiert. Es hat einen Goethe sechzig Jahre seines Lebens in Anspruch genommen, das auszusinnen.

Marshall McLuhans Erkenntnis, das Medium sei die Message, stammt von 1964 und hat eine gewisse Patina angesetzt. Die aristotelische Gleichsetzung von Form und Inhalt wurde noch nie ernstlich angefochten.

Fachliteratur: Goethe: Faust, Frankfurter Ausgabe, hg. Albrecht Schöne, 2. Band: Kommentare. Inzwischen als zweibändiges Taschenbuch für 22 Euro. Seit 1994 state of the art, seither immer weiter verbessert, Lebenswerk, Monument, dabei überraschend genießbares Lesefutter und die (nicht allein von mir) empfohlene Ausgabe;
Metzler Literatur Lexikon, 2. Auflage 1990, antiquarisch für den Gegenwert von einem Seidel Bier. Es gibt inzwischen mehrere Neuauflagen, die sich zu diesem Gegenstand wie erwartet nicht wesentlich anders äußern.

Southiphong Anaïs, La Parisienne, 6. August 2011

Versfüße: Cristina Suarez, 7. September 2012;
Pandorra Von Lillian: Fact about me #1, 21. August 2011;
Marcela Xavier: djfhsdlfhldsjf, 1. August 2012;
LaPetiteTwinkle: Tick-Tock 12. März 2009;
Jamie McKerral: Bookworm, 25. Januar 2010;
Southiphong Anaïs: La Parisienne, 6. August 2011.

Written by Wolf

27. September 2013 at 00:01

Doing a Grillparzer

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Update zu (Ändere die Welt.) Sie braucht es:

——— Franz Grillparzer in: Sinngedichte und Epigramme, 1872 (Österreich):

Nichts, was nur ächt historisch ist,
Gieng je in diesem Land verloren,
Drum herrschen zwei Parteien itzt:
Die Wichte und die Thoren.

Izzy Guttuso, Botany, 1 Januar 2010Ash Hershberger, The Butterfly Keeper's Daughter, 17. Juni 2012

Zwei Parteien: Izzy Guttuso: Botany, 1. Januar 2010;
Ash Hershberger: The Butterfly Keeper’s Daughter, 17. Juni 2012.
Noch zwei: Nick Cave & Shane MacGowan: Wonderful World, 1992.

Written by Wolf

23. September 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Biedermeier, Herrschaft & Revolte

Gewinnspiel: Alles muss raus (Erinnern Sie sich freundschaftlichst Ihres wahren Freundes)!

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Wir waren gewarnt: München kämpft sich ab heute durchs Oktoberfest, die Zeit der Rausschmisse.

Sollte je ein ungnädiger Dämon glauben, mich zum Oktoberfest reiten zu müssen, werde ich hoffentlich schon am Eingang zurückgewiesen (daher „Wiesn“).

Bei mir wird deshalb nur ein mittelgroßer Bücherstapel rausgeschmissen. Den können Sie haben, denn wer irgendwo rausgeschmissen wird, muss ja irgendwo anders hin, so befiehlt es die Physik. Und dann fangen wir so an: Kann man schöner rausgeschmissen werden als vom Rat Krespel? — :

Und gleich fuhr er fort, sehr leise singend, und in höflich gebeugter Stellung meine Hand ergreifend: „In der Tat, mein höchst verehrungswürdiger Herr Studiosus, in der Tat, gegen alle Lebensart, gegen alle guten Sitten würde es anstoßen, wenn ich laut und lebhaft den Wunsch äußerte, daß Ihnen hier auf der Stelle gleich der höllische Satan mit glühenden Krallenfäusten sanft das Genick abstieße, und Sie auf die Weise gewissermaßen kurz expedierte; aber davon abgesehen müssen Sie eingestehen, Liebwertester! daß es bedeutend dunkelt, und da heute keine Laterne brennt, könnten Sie, würfe ich Sie auch gerade nicht die Treppe herab, doch Schaden leiden an Ihren lieben Gebeinen. Gehen Sie fein zu Hause; und erinnern Sie sich freundschaftlichst Ihres wahren Freundes, wenn Sie ihn etwa nie mehr – verstehen Sie wohl? – nie mehr zu Hause antreffen sollten?“

Das können Sie auch. Sagen Sie mir unten im Kommentar: Wie schmeißen Sie Leute raus? Oder wahlweise umgekehrt: Mit welchen zarten Formeln der Verbundenheit wollten Sie schon immer mal rausgeschmissen werden?

Das können Sie bis Sonntag, den 6. Oktober 2013 um Mitternacht überlegen; so lange wird sich auch das Unwesen auf der Theresienwiese hinziehen, bevor es seinerseits dorthin zurückgeschickt wird, wo es hingehört: in verschiedene anständige Kneipen für ebensolche Leute.

Danach verlose ich an alle (!) Teilnehmer ein oder mehrere Bücher. Das Angebot schauen Sie auf dem Bilde, Sie dürfen gern schon Wünsche äußern. Ich erkläre Ihnen dann auch gern die Bücher, dazu bin ich ja da. Wenn Sie ein herausragend freundlicher Mensch sind, kaufe ich möglicherweise sogar eigens etwas für Sie an.

Die Verlosung erfolgt unter Ausschluss der Öffentlichkeit sowie jeglicher Vernunft durch ein pausbäckiges Waisenmädchen mit blonden Zöpfen. Der Rechtsweg ist daher ausgeschlossen, denn wer sich bei einem derart holdherzigen Geschöpfchen über kleinliche Ziehungsmodalitäten echauffieren wollte, dem soll hier auf der Stelle gleich der höllische Satan mit glühenden Krallenfäusten sanft das Genick abstoßen. Die versteht das doch noch gar nicht.

Und jetzt Sie.

Bücherstapel. Alles muss raus

Written by Wolf

21. September 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, ~ Weheklag ~

Auf einen Satz der Wölfin

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Franziska Schenkel, Spannenlanger Hansel, nudeldicke Dirn, Kunstverlag Georg Michel, NürnbergLiebling, wenn ich dich nicht hätt,
wär doppelt so viel Platz im Bett,
denn dein ganzes Körperfett
mach ich durch die Länge wett.

~~~\~~~~~~~/~~~

„Wenn du eine geschallert brauchst, kannst du gern in Prosa mit mir reden.“

„Die jungen Frauen haben das Flirten verlernt.“

„Die alten Deppen auch.“

~~~\~~~~~~~/~~~

Spannenlanger Hansel, nudeldicke Dirn:
M: Carl Reinecke; T: Österreich, vor 1900;
Kunstpostkarte Franziska Schenkel: Spannenlanger Hansel, nudeldicke Dirn, Kunstverlag Georg Michel, Nürnberg.

Written by Wolf

19. September 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Biedermeier, ~ Weheklag ~

In erster Linie ein Catwalk (pure Ironie)

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——— Lena Greiner (Text) und Thomas Meyer (Fotos):
Bibliothek mit stylischen Studenten: Hier kommen die Bibster,
in: Spiegel Online, 16. September 2013:

Thomas Meyer, Flo, 29, Berlin, Spiegel Online 16. SeptemberZwirbelbart, Kniestrümpfe, enge Hose: Flo, 29, ist der Meister-Hipster. Er schreibt gerade seine Masterarbeit in Religions- und Kulturwissenschaften über, na so was, Hipster.

„Ich denke viel darüber nach, wie ich mich anziehe“, sagt er. „Der Charakter, den ich zurzeit darstellen will, ist eine Mischung aus dem Stil der zwanziger Jahre und einem Philosophiestudenten wie zu Hegels Zeiten Anfang des 19. Jahrhunderts.“

Natürlich sei, so Flo, sein ganzer Look „pure Ironie“. Das Grimm-Zentrum ist für ihn ein Ort zum Arbeiten, Leutetreffen, aber auch der Inspiration. „Die Bibliothek ist sehr hipsterlastig, sie ist in erster Linie ein Catwalk: schöne Menschen, die ihre schönen Fahrräder vor der Tür abstellen.“

Was wird der der nächste Trend der Hipster? „Reiterhosen und Nazi-Oberlippenbärte.“

Thomas Meyer, Juliane, 23, Berlin, Spiegel Online 16. SeptemberKeilabsätze, kurzer Blazer, enge Hose: Juliane, 23, ist Berlinerin. Sie studiert Kunstgeschichte, Jüdische Geschichte und Religionswissenschaften an der FU.

Das Grimm-Zentrum ist nicht überfüllt von Hipstern, findet sie. „Komm mal in die Kunstbibliothek am Kulturforum„, sagt sie. „Da sehen Männer aus wie Frauen, und Frauen kleiden sich wie Männer.“

Die sollen in München anfangen. In der Bayerischen Staatsbibliothek wird in den Regalreihen mancher Forschungsgebiete fleißiger als im Müllerschen Volksbad gevögelt.

Written by Wolf

17. September 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Postironismus

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Written by Wolf

14. September 2013 at 00:01

Gewäsch über den Faust

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——— Christian Dietrich Grabbe (11. Dezember 1801 bis 12. September 1836):

Was ist das für ein Gewäsch über den Faust! Alles erbärmlich. Gebt mir jedes Jahr 3000 Thaler und ich will Euch einen Faust schreiben, daß Ihr die Pestilenz kriegt.

Mir zu Weihnachten Gegenstände schenken, die jemand „basteln“ musste, das darf nicht jeder. Wer meine begrenzte Aufmerksamkeit mit Tieren aus Pfeifenreinigern, Schneemännern aus Watte, Hamsterlaufröhren aus leeren Klopapierrollen oder mit Kalendern belastet, war schon immer gewarnt. Eigentlich darf das nur die Hannah, weil sie immerhin die Phrixuscoyotin ist, und … und dann muss ich schon langsam überlegen. — Noch 103 Tage bis Weihnachten.

Kalenderblatt September 2013

Nutzanwendung: Das Christian-Dietrich-Grabbe-Portal enthält die Werke und Briefe samt Kommentar in der Textfassung der Historisch-kritischen Gesamtausgabe (Hg. Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, bearb. Alfred Bergmann) sowie sämtliche überlieferten Handschriften im Faksimile.

Written by Wolf

12. September 2013 at 00:01