Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for Januar 2019

Das ist der wahre Untergrund (weil die Magie noch in den Menschen lebt)

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Update zu Pflanzenähnlichkeit der Weiber: Novalis und die Frau als Königin, Mineral und Nahrungsmittel:

Wie viele Zeitungsartikel trifft man im Laufe eines Lebens, die einen auf Jahrzehnte hinaus beeindrucken? Es läppert sich. An einen meiner persönlichen, einstellig rechnenden wurde ich gerade kürzlich erinnert, als Hedwig Müller, die Wirtin vom Kropfersrichter Happy-Rock (an der B 85 bei Sulzbach-Rosenberg, wer’s kennt), 92 (in Worten: zweiundneunzig) wurde:

Das sind die die Sachen, die Kultur ins Leben und Leben in die Kultur tragen, oder genauer: lebenswert machen; Friedrich Schlegel samt seinen mittheoretisierenden und mitpraktizierenden Frühromantikern wäre begeistert — Athenäums-Fragment 116, 1798, vollständig:

Happy-Rock, Kropfersricht, OnetzDie romantische Poesie ist eine progressive Universalpoesie. Ihre Bestimmung ist nicht bloß, alle getrennte Gattungen der Poesie wieder zu vereinigen, und die Poesie mit der Philosophie und Rhetorik in Berührung zu setzen. Sie will, und soll auch Poesie und Prosa, Genialität und Kritik, Kunstpoesie und Naturpoesie bald mischen, bald verschmelzen, die Poesie lebendig und gesellig, und das Leben und die Gesellschaft poetisch machen, den Witz poetisieren, und die Formen der Kunst mit gediegnem Bildungsstoff jeder Art anfüllen und sättigen, und durch die Schwingungen des Humors beseelen. Sie umfaßt alles, was nur poetisch ist, vom größten wieder mehre Systeme in sich enthaltenden Systeme der Kunst, bis zu dem Seufzer, dem Kuß, den das dichtende Kind aushaucht in kunstlosen Gesang. Sie kann sich so in das Dargestellte verlieren, daß man glauben möchte, poetische Individuen jeder Art zu charakterisieren, sei ihr Eins und Alles; und doch gibt es noch keine Form, die so dazu gemacht wäre, den Geist des Autors vollständig auszudrücken: so daß manche Künstler, die nur auch einen Roman schreiben wollten, von ungefähr sich selbst dargestellt haben. Nur sie kann gleich dem Epos ein Spiegel der ganzen umgebenden Welt, ein Bild des Zeitalters werden. Und doch kann auch sie am meisten zwischen dem Dargestellten und dem Darstellenden, frei von allem realen und idealen Interesse auf den Flügeln der poetischen Reflexion in der Mitte schweben, diese Reflexion immer wieder potenzieren und wie in einer endlosen Reihe von Spiegeln vervielfachen. Sie ist der höchsten und der allseitigsten Bildung fähig; nicht bloß von innen heraus, sondern auch von außen hinein; indem sie jedem, was ein Ganzes in ihren Produkten sein soll, alle Teile ähnlich organisiert, wodurch ihr die Aussicht auf eine grenzenlos wachsende Klassizität eröffnet wird. Die romantische Poesie ist unter den Künsten was der Witz der Philosophie, und die Gesellschaft, Umgang, Freundschaft und Liebe im Leben ist. Andre Dichtarten sind fertig, und können nun vollständig zergliedert werden. Die romantische Dichtart ist noch im Werden; ja das ist ihr eigentliches Wesen, daß sie ewig nur werden, nie vollendet sein kann. Sie kann durch keine Theorie erschöpft werden, und nur eine divinatorische Kritik dürfte es wagen, ihr Ideal charakterisieren zu wollen. Sie allein ist unendlich, wie sie allein frei ist, und das als ihr erstes Gesetz anerkennt, daß die Willkür des Dichters kein Gesetz über sich leide. Die romantische Dichtart ist die einzige, die mehr als Art, und gleichsam die Dichtkunst selbst ist: denn in einem gewissen Sinn ist oder soll alle Poesie romantisch sein.

Die Tempel solcher in Novalis‘ Sinne romantisierenden Universalpoesie bestehen unabhängig von Lebensalter und Region. Gerade kurz vor Weihnachten 2018 hing ein Autor der Zeit seiner verlorenen Jugend in Form von eher miesen Erfahrungen in der Dorfdisco seines ohnehin gedämpften Vertrauens nach. Sein Beispiel ist das Leifi im niedersächsischen Flecken Cornau — übrigens nicht schlecht geschrieben: schonungslos gegen seine eigenen vergangenen und gegenwärtigen Schwächen, bildstark und genau beobachtet. — Ausschnitt:

——— Dirk Gieselmann:

Samstagnachtfieber

Weite Teile seiner Jugend verbrachte unser Autor in der Dorfdisco. Zwanzig Jahre später kehrt er für einen letzten Abend dorthin zurück. Das Gute: Diesmal wird er nicht verprügelt. Ihm ist nur irgendwann sehr schlecht.

in: Die Zeit, 26. Dezember 2018, Seite 56 f.:

Hier wurde ich zum ersten Mal verprügelt, von einem riesenhaften Kerl, der den Kampfnamen „Rindfleisch“ trug. Ich erinnere mich, wie das Blut aus meinem Mund in den Schnee auf dem Parkplatz tropfte. Hier riss mir zum ersten Mal der Film,nach einer Gallone Mariacron, gemischt mit ein wenig Cola. Hier bot sich mir, dem feigen Jungen, ein billiger Ersatz für den Mut: die Schamlosigkeit des Besoffenen.

Hier tanzte ich, ohne tanzen zu können, verrenkte mich, schrie Mädchen ins Ohr, dass ich sie verehrte, und sie schrien zurück, dass ich mich mal nicht lächerlich machen solle. Hier war ich mir für nichts zu schade, mit einem Zuviel an Kraft, für das ich keine andere Verwendung fand, als es an die Nacht zu vergeuden.

Der eingangs versprochene jahrzehntelang wirksame Zeitungsartikel aus demselben Blatt obliegt weit besseren Erinnerungen. Ich selber hielt mich immer ganz gern in Bauerndiscos auf, möglichst bis es hell wurde. Meine zuständige lag in Steinensittenbach, das im Landkreis Nürnberger Land liegt und sich deshalb „Stabo“ spricht. Das bedeutet, dass meine eigenen Erinnerungen auf der hellen wie der finsteren Seite wohnen: Rausch und sich zum Deppen machen sind Menschenrechte.

——— Christian Kortmann:

Let it rock

in: Die Zeit 18/2000, 27. April 2000:

Minutenlange Gitarrensoli, Ausdruckstanz, Mädchen, die Luftgeige spielen — im „Mobile“ in Bad Salzdetfurth ist alles erlaubt, was in der Großstadt noch als uncool gilt. Und das ist gut so. Ein Abend in der Rock-Disco

Mobile, Bad Salzdetfurth, AlleventsMittwoch ist Rockdisco-Tag. Um 20.30 Uhr wird ein solider Mainstream-Film (Flatliners) gezeigt und anschließend gerockt, so einfach ist das. Also fährt Andreas mit mir am Mittwochabend nach Bad Salzdetfurth ins Mobile. Gestern habe ich behauptet, dass uns eine Renaissance der harten Rockmusik und ihrer Gitarrenvirtuosen bevorsteht. Andreas, Musikexperte und langjähriger Gitarrist, schüttelte den Kopf und belehrte mich, dass der Hardrock kontinuierlich neben allen musikalischen Moden in einem Paralleluniversum zelebriert werde: „Das ganze Gerede von Clubculture und performativer Feier des Körpers ist doch Quatsch. Ich zeige dir, wo der Körper mit all seinen Schwächen wirklich gefeiert wird!“

Nur wenige Fahrzeuge sind auf der Landstraße unterwegs, dann tauchen links und rechts die Salzberge und Kalifabriken der Kurstadt auf. Das südniedersächsische Bad Salzdetfurth teilt mit Lüdenscheid den Ruhm, durch einen Komiker bekannt geworden zu sein. Dort war es Loriots „Herr Müller-Lüdenscheid“, hier Harald Schmidt, der in Schmidteinander regelmäßig fiktive Zuschauerbriefe von „Gabi aus Bad Salzdetfurth“ verlas. Es gibt wirklich nicht viel in Bad S., außer Salinen und Rentnern im Sommer und seit über 30 Jahren das Mobile, eine „Hard Rock, Funk, Reggae, New Wave“-Discothek, die laut Eigenwerbung „Famous & Fantastic“ ist. Wir parken auf dem hauseigenen Parkplatz mitten in einem Wohngebiet, wo man sich traditionell noch im Auto zur elfminütigen Live-Version von Stairway To Heaven eine Grastüte reinzieht.

„Voilà“, sagt Andreas, „willkommen im Uterus des Rock ’n‘ Roll!“ Von innen erinnert das Mobile an die Scheune auf dem Cover von Neil Youngs Harvest. Links und rechts erheben sich Emporen mit alten Polstersesseln, und in der Mitte liegt die Tanzfläche, kurz: ein Raum, in dem in amerikanischen B-Movies Dorfversammlungen abgehalten werden, wenn eine Invasion der Außerirdischen droht. Auch hier versammelt sich eine Gemeinde, und was sie eint, ist die Liebe zur Gitarrenmusik alter Schule. Die Wände sind mit kultischen Motiven aus den siebziger Jahren, der großen Zeit der Supergruppen, geschmückt. Es gibt ein aufwändiges Dark Side Of The Moon-Fresko, und an der Decke hängt zwischen kokonartigen Lampions ein fliegender Stuhl des Yes-Designers Roger Dean. Und dann ist da noch eine Wandmalerei, ein Fensterblick auf die offene See, die rhythmisch von einem Scheinwerfer angestrahlt wird. Man spürt, dass dies hier ein magischer Ort ist, ein Teil vom Netzwerk des geheimen Lebens. Denn solche Etablissements existieren überall, heißen Point One, Exit, Farmer’s Inn, Rockfabrik oder Schlucklum und liegen in Dörfern wie Uetze oder Lucklum, doch sind sie außerhalb ihrer Klientel nicht bekannt. Anders als bei Techno handelt es sich um eine Subkultur ohne Lobby, das ist der wahre Untergrund: Für den Rockdisco-Besucher ist der ästhetische Code der Großstadt ungültig. Trotz der realen und medialen Vorherrschaft der Clubculture nimmt er sich das Recht, nach wie vor uncool tanzen zu gehen.

Die Liturgie ist dabei genau festgelegt, denn der DJ darf keine eigenen Platten mitbringen, sondern muss sich aus dem Repertoire bedienen, das alle Favoriten der Mobile-Stammgäste enthält. Nirgendwo sonst könne der DJ es sich erlauben, mit verschränkten Armen neben seiner Holzbude zu lehnen, während ein Musikstück läuft, sagt Andreas, der uns erst mal zwei Flaschen Einbecker Brauherrenpils holt. Verglichen mit dem Kopfhörer-Heftpflaster-Reinhör-Markier-Gewese des Techno-DJs, ist es schon extrem lässig, so im Westernerstil an der Saloontür zu lehnen und auf das einsame, weite Land der Tanzfläche zu blicken. Zu Mike Oldfields verspielten Gitarrensoli will und kann nun mal niemand tanzen, doch ein selbstbewusstes Lächeln steht im Gesicht des DJs. Er vertraut auf die Kracher, die er sich am Musikpult zurechtgelegt hat. Dann tritt er ins Innere der Holzbude, lässt eine Platte aus der Hülle gleiten und legt sie auf.

Schon springen die Aficionados von allen Seiten herbei und tanzen in Jeansjacken und Lederwesten zu langen Passagen von Aphrodite’s Childs Konzeptalbum 666 und anderen Liedern von ungeahnter Tanzbarkeit wie Tori Amos‘ Cornflake Girl. Auf den Bänken und Amphitheaterstufen rund um die Tanzfläche sitzen dunkel gekleidete Gestalten mit angezogenen Beinen, hier und da glimmen selbst gedrehte Zigaretten. Man kann im Mobile sowohl ekstatische Lebenslust wie apathisches Abhängen beobachten und fragt sich, wieso Vergnügen und Langeweile so eng miteinander verknüpft sind. Liegt es daran, dass die Rockdisco-Nacht streng ritualisiert ist? Schließlich werden nur bekannte Lieder gespielt, die immergleichen aus dem langsam nur sich erweiternden Rockdisco-Kanon. Es fehlt der Reiz des Neuen, der sonst ein wesentlicher Bestandteil von Jugendkultur ist. Hier jubeln die Tanzenden, wenn ihr Lieblingslied kommt, und hüpfen dann auf und ab, als wollten sie den Boden nie wieder berühren.

Das Getränk zur Langeweile ist ein vorgeblicher Muntermacher: Kaffee. Den gibt es draußen an der Theke im Foyer, vor der eigentlichen Disco. Man verkauft selbst gebackene Pizza, und es läuft andere Musik, meistens AC/DC. Am Tresen stehen unscheinbare Typen in Jeans und Lederblousons, die einen Becher Kaffee nach dem anderen bestellen, den der VoKuHiLa-Wirt aus einer chromsilbernen Tanksäule abzapft. An Kicker und Flipper hängen ein paar junge Einheimische rum, die so aussehen, als hätten sie schon mal bei H & M eingekauft: die Jungs in Cargopants, die Mädchen in Flokati-Jacken. In Bad Salzdetfurth gibt es halt nichts anderes, wo man abends hingehen kann, auch deshalb landet man in der Rockdisco. Das war früher im Sauerland nicht anders: Jede Freitagnacht galt es, eine Mitfahrgelegenheit nach Oberbrügge ins Infinity zu finden. Man überzeugte den starken Mann an der Kasse, dass man schon 18 war, trank Flensburger, stand blöd rum und fragten den DJ, ob er „was von Living Colour“ da habe.

Zurück auf die Tanzfläche: Hippiemädchen in Batikpullovern und Lederwesten tanzen wie Waldgeister am Tor zur Dämmerung, was ihnen zur Vollkommenheit noch fehlt, sind die Panflöten; ein junger Mann läuft auf der Stelle, er befindet sich, comichaft wild gestikulierend, auf der Road to Nowhere und wird so schnell keine Ausfahrt finden. Ein Enddreißiger in erdfarbenem Strickpulli tanzt schlangenhaft, als sei er schon oft in einem indischen Ashram gewesen, vielleicht zu oft. Aber das ist ja gerade das Sympathische, dass die körperlichen Unzulänglichkeiten hier keine Rolle spielen. Wenn einer kein Taktgefühl hat, dann springt er halt am höchsten, und es ist voll in Ordnung.

„Da drüben!“, unterbricht Andreas meine Vision. „Das Hippiemädchen spielt Luftgeige!“ Tatsächlich: Barfuß tänzelt sie im weiten Batikhemd über das irische Moos und lässt ihre imaginäre Fidel erklingen. Wahnsinn. Sie zeigen einem hier, was man mit Popmusik machen kann, nämlich alles: Zu einem berserkerhaften Gitarrensolo haken sich zwei hagere Woodstock-Veteraninnen mit Zöpfen unter und rasen in einem Folkloretanz der Trance entgegen.

Spät in der Nacht spielt der DJ dann noch Lieder von Faith No More, den Smashing Pumpkins oder Depeche Mode. Durch die Veränderung weniger Parameter wie Ort, Zeit, Lautstärke und Reihenfolge können Songs ihre Bedeutung vollständig verändern. Zu Californication von den Red Hot Chili Peppers, das man morgens entspannt beim Zeitunglesen hört, wird hier wild abgerockt. Es ist nicht etwa Nostalgie, die die Menschen seit nunmehr drei Jahrzehnten ins Mobile lockt, sondern die außerzeitliche Übereinkunft einer exklusiven Gesellschaft, deren Erkennungszeichen das Gitarrenriff ist. So greift man auf die Musikgeschichte von den Rolling Stones (Satisfaction) bis zur Bloodhound Gang (The Bad Touch) zu, und so hat es auch Fat Boy Slim ins Mobile geschafft. Der Rockafeller Skank wäre schließlich der kleinste gemeinsame Nenner, wenn Clubber und Rocker eine ökumenische Party schmeißen müssten. Aber dazu wird es hier so schnell nicht kommen. Denn sollten sich die Guitarreros aus ihren Gräbern erheben, um einen Rachefeldzug gegen die Clubculture zu starten, dann wird das Mobile ihr Hauptquartier sein.

Es geht noch weiter in der Zeit: 2015 war Christian Kortmanns Zeitungsartikel offenbar immer noch legendär genug, dass sich eine Internetpräsenz mit etwas elitärem jugendkulturellen Selbstverständnis an ihn erinnern musste, das Mobile schon ein Aufguss seiner selbst:

——— Merlin Schumacher/Mika Doe:

Eine Nacht im Mobile. Eine Nacht geborgter Magie.

in: Zebrabutter. Schlaues über Gutes und Schlechtes, 30. September 2015:

Mobile, Bad Salzdetfurth, Zebrabutter[…] In Mathias‘ Augen ist ein Noch-Kein-Mal-Schlafen Leuchten, während wir Merlin zuhören, wie er Christian Kortmanns Zeit-Artikel über das Mobile von vor 15 Jahren vorliest. „Das ganze Gerede von Clubculture und performativer Feier des Körpers ist doch Quatsch. Ich zeige dir, wo der Körper mit all seinen Schwächen wirklich gefeiert wird!“ Es klingt nach einem besonderen Ort: Ein Pink Floyd Fresko an der Wand, schwebende Stühle unter der Decke und eine Kabine, an der man die ganze Nacht Kaffee trinken konnte. „Und jedes Wort ist wahr“, sagt Mathias. Knapp drei Jahre nach Erscheinen des Artikels schloss das Mobile. […]

Das Pink-Floyd-Fresko hat der Zeit nicht standgehalten. Jeder Quadratzentimeter des Raums ist mit schneeweißer Wandfarbe überzogen. Kein schwebender Stuhl mehr. Nur wenige Fragmente des alten Mobile blitzen durch: Der nikotinbraune Stoff unter der Decke ist noch da. Verschraubungen von entfernten Sitzbänken schauen aus der Wand, Die DJ-Kabine ist da, wo sie war und es gibt Kaffee. Die Struktur steht es noch, aber ihre Textur ist verschwunden. Das Mobile ist eine Veranstaltung in einer Mehrzweckveranstaltungshalle. […]

Das ist es auch, was diesen Abend von einer ordinären 80er oder 90er-Party unterscheidet. Auf den ersten Blick ist er all dessen beraubt, was er einmal gewesen ist. Doch die Nostalgie zweiter Ordnung kann ihr Versprechen halten, weil die Magie noch in den Menschen lebt.

Auch ohne Schlegel-Studium muss es etwas bedeuten, dass sowohl das Kropfersrichter Happy-Rock als auch das Bad Salzdetfurther Mobile je eine Wiedereröffnung hinter sich haben. Und zwar etwas Gutes.

Playlist der angeführten Lieder:







BIlder: Hartl für Warten auf das Happy Rock, 27. Januar 2017;
Allevents für Mobile Revival Party, Wietföhr 57, 31162 Bad Salzdetfurth, 11. März 2017;
Merlin Schumacher für Zebrabutter, 30. September 2015.

Bonus Track: Erste Allgemeine Verunsicherung: Märchenprinz, aus: Geld oder Leben!, 1985:

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Written by Wolf

25. Januar 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Schall & Getöse

Indessen Pasternak

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Update zu Russika aus vier Jahren: O komm ein Engel und rette mich!,
Mephista,
Bei den Gebildeten ein gewisses Aufsehen (starke Beachtung in der Gelehrtenwelt)
und Ein Nichts, ein Zwischenraum (Jedenfalls sie hattens nicht):

Byti snamenitom nekrassiwo.
(Berühmtheit kann nichts Schönes bieten.)

Wo wssiom mne chotschetssa dojti.
(In allem möchte ich zutiefst den Kern ergründen.)

Boris Pasternak, deutsch: Mary von Holbeck, a. a. O.

Boris Leonidowitsch Pasternak ist möglicherweise der Russe, bestimmt aber der russische Künstler, der in Amerika beliebter war als in Russland. Wer schon mal die berüchtigte Verfilmung seines Doktor Schiwago von 1956 durch David Lean 1965 gesehen hat – also jeder –, weiß auch davon, dass Pasternak für seine Buchvorlage den Literatur-Nobelpreis 1958 hat, der gerne allzuschnell der Einfachheit halber zu den fünf Osacars für den Film dazugerechnet wird. Das ist für eine Reaktion der Nobelpreisstifter auf Literaturströmungen ungewohnt zügig. Pasternak bekam den Nobelpreis zugesprochen, musste ihn jedoch auf vielfachen und besonders nachdrücklich geäußerten Wunsch der russischen Regierung ablehnen.

Boris Pasternak, Gedichte, Erzählungen, Sicheres Geleit, Fischer Bücherei 271, März 1959Doktor Schiwago erschien nicht 1956 auf Russisch, wie es reibungslos geschehen wäre, sondern auf Italienisch 1957. Die russische Originalausgabe wurde – und das ist ungewohnt – von der CIA beim Den Haager Mouton Verlag gefördert.

Seinen trotz alledem und alledem selbst gewünschten Verbleib in der Sowjetunion verdiente sich Pasternak mit ungebrochener Disziplin in Dichtung und Übersetzung aus mehreren Sprachen – unter anderem aus dem Deutschen, wozu ihn ein Studium in Marburg im Übermaß qualifizierte: 1950 hatte er sich mit der seinerzeit noch regierungstreuen Literaturzeitschrift Nowy Mir angelegt, indem er angeblich Goethes progressive Implikationen im Faust zugunsten der reaktionären Theorie der reinen Kunst verzerrte, trotzdem lag 1952 der Tragödie zweiter Theil fertig vor.

Wobei die Jahreszahlen 1950 und 1952 Informationen der englischen Wikipedia in den Abschnitten „Translating Goethe“ und „Selected books“ sind; Die Zeit Nr. 44 vom 30. Oktober 1958 gibt, aktueller am Zeitgeschehen, erst 1957 an). Jedenfalls kam es in den 1950 Jahren für Pasternak ziemlich geballt: Herzinfarkt, starke Magenblutungen und dann noch einen Lungenkrebs im Anfangsstadium überlebte er am 30. Mai 1960 nicht mehr, da war er zarte 60.

Nach russischen Faust-Übersetzungen unter anderem von Shukowskij, Gribojedow, Tjutchew, A.K.Tolstoj, Huber, Fet und Brjussow war die von Pasternak keineswegs die erste, ist aber die beliebteste geblieben, sogar in Russland selbst: Nach seiner offiziellen Rehabilitation nebst Wiederaufnahme in den Schriftstellerverband der UdSSR am 23. Februar 1987 durfte er durch Vertretung seines Sohnes Jewgeni Pasternak 1989 sogar posthum den Nobelpreis noch annehmen und den Doktor Schiwago in Zeitungsform veröffentlichen.

An Pasternaks Vorarbeiten zu faustischen Themen finde ich nur ein denkbar obskures Gedicht aus einem frühen, noch typisch lebensfroh gestimmten Gedichtband in einem weitgehend verschollenen deutschen Auswahlbändchen. Die Anmerkungen darin beschränken sich auf vage zeitliche Einordnung und Übersetzernamen, in werkimmanenter Interpretationsweise ist dem Gedicht kaum beizukommen:

——— Boris Pasternak:

Mephistopheles

Mefistofel, aus: Themen und Variationen (Temy i wariaziji), 1917–1923,
deutsche Übersetzung: Christel Pesch,
cit.: Gedichte, Erzählungen, „Sicheres Geleit“, Fischer Bücherei 271, März 1959, Seite 29:

Leonid Pasternak, Boris Pasternak Writing, 1919Sie alle strömten aus den Massen
Von Staub am Sonntag vors Tor hinaus,
Indessen der Regen, alleine gelassen,
Durch Schlafzimmerfenster dringt in das Haus.

Bei allen wars üblich, zum Mittagessen
Als Nachtisch spätestens Regen zu nehmen,
Indessen — ein Veloziped — wie besessen
Windwirbel die Zimmerkommoden durchfegen.

Jetzt wurden dort bis an die Decke
Die Seidenvorhänge durchgerüttelt,
Indessen draußen, an Teichen und Hecken
Der Sturm die Philister zusammenrüttelt.

Als überlanger Zug von Kremsern
Gegen die Wälle sie heimwärts strebten,
Wo rosseschreckende Schattengespenster
Sich allabendlich neu belebten.

In Strümpfen aus Blut mit großen Schnallen,
– Troddeln, die an der Trommel hingen –
Hört man des Teufels Beine hallen,
Die über rotgoldne Wege gingen.

Es schien, daß der Hochmut des Federhuts,
Der durch das Laub Überheblichkeit
In Wellen strömte, in einem Nu
Die Welt hinwegfegt für alle Zeit.

Er grüßt sie nur lässig, die neben ihm zogen,
Und zählt sie wie Meilensteine aus.
Den Kopf im Lachen zurückgebogen,
Stapft er gleichmäßig dem Freund voraus.

Luis Ricardo Falero, Faust und Mephisto

Bilder: Gedichte, Erzählungen, „Sicheres Geleit“ via Siniamaus auf Ebay;
Leonid Pasternak: Boris Pasternak Writing, 1919,
Kreidezeichnung auf Papier, 318 mm x 260 mm, London Tate Gallery;
Luis Ricardo Falero: Faust und Mephisto, via The Laughing Heresiarch, 10. Mai 2015.

Jetzt bloß kein Lara Theme: Über dem Versuch zu unterscheiden, ob auf YouTube gerade der Erste oder Zweite Mephisto-Walzer erklingt – was, siehe unten, selbst in hochoffiziellen Einspielungen mit Katia Buniatishvili verwechselt wird –, ersteht die schöne Erkenntnis, dass Franz Liszt deren sogar vier komponiert hat. Darum als populäre Referenz gleich alle viere, allesamt von slawischer Seite interpretiert:




Written by Wolf

18. Januar 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Novecento, Vier letzte Dinge: Hölle

Der erste Greis, den ich vernünftig fand

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Update zu Der Mensch ist gut: Sein Geist strebt nach der Wahrheit!:

Ein Jammer, dass Schecks Kanon vom gleichnamigen Denis, der in der Welt seit 1. April 2017 läuft, nur auf hundert Folgen angelegt ist. Folge 85 können wir nicht ignorieren, weil die vom Faust handelt.

Das Erstaunliche ist, dass Faust erst an 85. Stelle kommt; das Erfreuliche an allen bisherigen Folgen ist, dass man Herrn Scheck ohne weiteres glaubt, dass er alle hundert Bücher wirklich gelesen hat. Ganz. Gerade den Faust zitiert er ausführlich nicht aus dem ersten, sondern dem sehr viel schwerer verdaulichen zweiten Teil, und er findet Begründugen für seine begeisterte Empfehlung, die er nicht aus dem nächstbesten Schulbuch hat. Und das in einer einzigen, eher schmalen Zeitungsspalte — „Lesedauer: 3 Minuten“.

Wenn wir alle hundert Folgen auf solche drei Minuten ansetzen, hätten wir fünf Stunden unseres Lebens auf Schecks Kanon verwendet und alle paar Minuten etwas Erhellendes gelernt. Das kann man ruhig so durchziehen.

Eigenmächtig und mit Ansage verfälsche ich das Vollzitat des Zeitungsartikels, indem ich Schecks Faust-Zitat — aus: Faust. Der Tragödie zweyter Theil in fünf Acten, Zweyter Act: Hochgewölbtes, enges, gothisches Zimmer, ehemals Faustens, unverändert, Verse 6758 bis 6810 — ohne Auslassungspunkte, dafür vervollständigt in Originalschreibweise wiedergebe, weil wir hier nicht von Anschlagszahlen beschränkt sind. Lesedauer: bis man fertig ist.

Gösta Ekman in F. W. Murnaus Faust-Verfilmung von 1926, Getty Images via Die Welt, 27. November 2018

——— Denis Scheck:

Was uns Goethes „Faust“ über Altersrassismus erzählt

Schecks Kanon 85, in: Die Welt, 27. November 2018:

Goethes Theaterstück ist – auch international – der deutsche Klassiker schlechthin. Mit vielen radikalen Botschaften: „Hat einer dreißig Jahr vorüber / So ist er schon so gut wie tot.“

Groß war die Verlockung, Goethe als Lyriker in meinen Kanon aufzunehmen: Wo finden sich auf engstem Raum so hoch verdichtete Gedankenkonzentrate kombiniert mit enormer Zärtlichkeit und Sprachgewalt? Auch der Autor des ersten modernen Beziehungsromans („Wahlverwandtschaften“), der fragt, wie man Leben und Liebe unter einen Hut bekommt, dürfte seinen Platz darin beanspruchen. Ja, selbst der Verfasser der „Italienischen Reise“.

Größer aber noch ist Goethes Bedeutung als Schöpfer des Dramas, das im Ausland zu Recht als das deutsche schlechthin gilt: „Faust“ ist das Stück, das man ein Leben lang neu und anders liest, in dem Goethe antike und mittelalterliche Mythen zu einem großen Neuen verschmilzt und von einem Bewusstsein erzählt, dessen Modernität darin liegt, dass es sich den bequemen Wahrheiten von althergebrachter Religion und Moral nicht mehr anvertrauen möchte, sondern seine Sache ganz auf sich stellt – und auf den Teufel.

Literaturgeschichte lässt sich immer auch erzählen als Aufstand der Jungen gegen die Alten, als Revolte der hungrigen Neuen gegen die fett im Warmen sitzenden Etablierten. Johann Wolfgang von Goethe hat das am eigenen Leib erfahren: als Autor des Weltbestsellers „Werther“, als Initiator der Dichterschulen von Sturm und Drang und deutscher Klassik – nicht zuletzt als Autor des „Faust“, dem er 27 Jahre nach dem ersten Teil von 1805 einen zweiten Teil folgen ließ.

In „Faust II“ macht er sich im Dialog des Mephisto mit dem vom Schüler aus „Faust I“ zum Bakkalaureus Avancierten lustig: Ein veritables Originalgenie der zu Beginn des 19. Jahrhunderts immer mehr an Boden gewinnenden harten Naturwissenschaft, ausgerüstet mit dem stählernen Selbstbewusstsein und dem Altersrassismus der Kulturrevolutionäre aller Zeiten, betritt da die Bühne. Und vor so viel Hybris muss selbst der Teufel weichen:

Baccalaureus.
Erfahrungswesen! Schaum und Dust!
Und mit dem Geist nicht ebenbürtig.
Gesteht! was man von je gewußt
Es ist durchaus nicht wissenswürdig.

Mephistopheles (nach einer Pause).
Mich däucht es längst. Ich war ein Thor,
Nun komm‘ ich mir recht schaal und albern vor.

Baccalaureus.
Das freut mich sehr! Da hör‘ ich doch Verstand;
Der erste Greis, den ich vernünftig fand!

Mephistopheles.
Ich suchte nach verborgen-goldnem Schatze,
Und schauerliche Kohlen trug ich fort.

Baccalaureus.
Gesteht nur, euer Schädel, eure Glatze
Ist nicht mehr werth als jene hohlen dort?

Mephistopheles (gemüthlich).
Du weißt wohl nicht, mein Freund, wie grob du bist?

Baccalaureus.
Im Deutschen lügt man, wenn man höflich ist.

Mephistopheles
(der mit seinem Rollstuhle immer näher in’s Proscenium rückt, zum Parterre).
Hier oben wird mir Licht und Luft benommen,
Ich finde wohl bei euch ein Unterkommen?

Baccalaureus.
Anmaßlich find‘ ich, daß zur schlechtsten Frist
Man etwas seyn will, wo man nichts mehr ist.
Des Menschen Leben lebt im Blut, und wo
Bewegt das Blut sich wie im Jüngling so?
Das ist lebendig Blut in frischer Kraft,
Das neues Leben sich aus Leben schafft.
Da regt sich alles, da wird was gethan,
Das Schwache fällt, das Tüchtige tritt heran.
Indessen wir die halbe Welt gewonnen
Was habt ihr denn gethan? genickt, gesonnen,
Geträumt, erwogen, Plan und immer Plan.
Gewiß! das Alter ist ein kaltes Fieber
Im Frost von grillenhafter Noth;
Hat einer dreyßig Jahr‘ vorüber,
So ist er schon so gut wie todt.
Am besten wär’s, euch zeitig todtzuschlagen.

Mephistopheles.
Der Teufel hat hier weiter nichts zu sagen.

Baccalaureus.
Wenn ich nicht will, so darf kein Teufel seyn.

Mephistopheles (abseits).
Der Teufel stellt dir nächstens doch ein Bein.

Baccalaureus.
Dieß ist der Jugend edelster Beruf!
Die Welt sie war nicht eh‘ ich sie erschuf;
Die Sonne führt‘ ich aus dem Meer herauf;
Mit mir begann der Mond des Wechsels Lauf;
Da schmückte sich der Tag auf meinen Wegen,
Die Erde grünte, blühte mir entgegen.
Auf meinen Wink, in jener ersten Nacht,
Entfaltete sich aller Sterne Pracht.
Wer, außer mir, entband euch aller Schranken
Philisterhaft einklemmender Gedanken?
Ich aber frei, wie mir’s im Geiste spricht,
Verfolge froh mein innerliches Licht,
Und wandle rasch, im eigensten Entzücken,
Das Helle vor mir, Finsterniß im Rücken.
(Ab.)

Mephistopheles.
Original fahr‘ hin in deiner Pracht! –
Wie würde dich die Einsicht kränken:
Wer kann was Dummes, wer was Kluges denken
Das nicht die Vorwelt schon gedacht? –

Die Amüsierlust der Mächtigen

Neben den Früchten seiner lebenslangen Beschäftigung mit der Antike – schon Goethes Vater hatte in Frankfurt einen türkischstämmigen Sprachlehrer für Griechisch und Latein für ihn angeheuert – flossen in „Faust II“ insbesondere viele jener Kenntnisse ein, die sich Goethe während seiner Zeit als Superminister in Weimar angeeignet hatte: Die Amüsierlust der Mächtigen und ihre permanente Geldnot kannte er ebenso aus eigener Anschauung wie ihre Unlust zum Aktenstudium und ihre mangelnde Einsicht in Etatnotwendigkeiten.

Am meisten staunen macht mich bis heute der wahrhaft unersättliche Wissensdurst, das nie befriedigte Interesse dieses Menschen. Nichts ist dem Autor Goethe zu klein, zu abgelegen oder zu trivial. Goethe ist eine Neugiermaschine auf zwei Beinen. Ein Aktenfresser, Datenfex, Erfahrungssucher, Faktensammler und Wissensstaubsauger. Architektur und Kunst, Musik, Literatur finden ebenso Eingang in diese Dichtung wie die Frage nach den Folgen der Einführung einer nicht goldgedeckten Papierwährung, Bergbau, Straßenbau, Landgewinnung, Geologie und Landwirtschaft, Wasserbau, Religion, Mineralogie.

„Faust“ lesen, das ist eine Einladung zu einem Parcours durch die Wissenskreise, ein Ausloten unserer Anlagen zum Künstler, Wissenschaftler, Unternehmer – und nicht zuletzt ein Angriff auf unsere Lachmuskeln.

Emil Jannings in F. W. Murnaus Faust-Verfilmung von 1926

Im Artikel verwendetes Bild: „So spooky kann deutsche Klassik:
Gösta Ekman in F. W. Murnaus Faust-Verfilmung von 1926„, Getty Images via Die Welt;
noch nicht verwendetes Bild: Emil Jannings, ebenda.

Der Soundtrack, vor dem Emil Jannings als Mephisto in der Murnau-Verfilmung sich kurz vor Minute 55 die Ohren zuhält, ist je nach Untertitelfassung Lobe den Herren oder ein Te deum laudamus. Interessanter ist letztere Lösung: Es ist mit Sicherheit weder eine Fassung nach 1926 (logisch) noch die von Haydn oder Mozart, weil die beiden im unpassenden C-Dur stehen; etwas wahrscheinlicher wären Händel in D-Dur und Mendelssohn in A-Dur. Von Murnau gemeint war vermutlich der gregorianische Lob-, Dank- und Bittgesang aus dem 4. Jahrhundert — das eindeutig zur Spätantike und noch lange nicht einmal zur Vorromanik zählt —, und dessen elaborierte Melodie mitnichten von einer ungeübten Kirchengemeinde gesungen werden soll, aber Murnaus Bildsprache der gotischen Kathedrale in einem Stummfilm am ehesten entspricht:

Bonus Track: Tocotronic, „die deutschen Klassiker schlechthin“
(cit. Scheck, Denis, a. a. O. – naja, fast), die auch nicht jünger werden:
So jung kommen wir nicht mehr zusammen,
aus: Wir kommen um uns zu beschweren, 1996:

Written by Wolf

11. Januar 2019 at 00:01

Da unten in jenem Thale (da geht ein Kollergang)

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Update zu Willkomm und dervoo und
Herrjeh, schweigt mir vom Tegernsee!:

Das muss ich erzählen. Wie ich mal auf einer Autorenlesung von Peter Rühmkorf war.

Ein andermal, das wird zu lang. 2019 wäre Peter Rühmkorf 90 geworden, wenn er nicht 2008 den Griffel auf ewig niedergelegt hätte. Der 25. Oktober ist 2019 ein Freitag, da kann man gut feiern gehen; das haben Rühmkorfs Eltern anno 1929 geschickt eingerichtet. Und das zweite Fontane-Jahr in Folge ist sowieso schon ausgereizt.

——— Arnim & Brentano:

Müllers Abschied

Mündlich.

aus: Des Knaben Wunderhorn,
Band 1, 1805:

Da droben auf jenem Berge,
Da steht ein goldnes Haus,
Da schauen wohl alle Frühmorgen
Drey schöne Jungfrauen heraus;
Die eine, die heißt Elisabeth.
Die andre Bernharda mein,
Die dritte, die will ich nicht nennen,
Die sollt mein eigen seyn.

Da unten in jenem Thale,
Da treibt das Wasser ein Rad,
Das treibet nichts als Liebe,
Vom Abend bis wieder an Tag;
Das Rad das ist gebrochen,
Die Liebe, die hat ein End,
Und wenn zwey Liebende scheiden,
Sie reichen einander die Händ.

Ach Scheiden, ach, ach!
Wer hat doch das Scheiden erdacht,
Das hat mein jung frisch Herzelein
So frühzeitig traurig gemacht.
Dies Liedlein, ach, ach!
Hat wohl ein Müller erdacht;
Den hat des Ritters Töchterlein
Vom Lieben zum Scheiden gebracht.

——— Joseph von Eichendorff
als Florens:

Lied.

1810, Erstdruck in: Deutscher Dichterwald, 1813, Seite 40,
spätere Fassungen:
Das zerbrochene Ringlein:

In einem kühlen Grunde,
Da geht ein Mühlenrad,
Meine Liebste ist verschwunden,
Die dort gewohnet hat.

Sie hat mir Treu versprochen,
Gab mir ein’n Ring dabei,
Sie hat die Treu gebrochen,
Mein Ringlein sprang entzwei.

Ich möcht‘ als Spielmann reisen
Weit in die Welt hinaus,
Und singen meine Weisen
Und gehn von Haus zu Haus.

Ich möcht‘ als Reiter fliegen
Wohl in die blut’ge Schlacht,
Um stille Feuer liegen
Im Feld bei dunkler Nacht.

Hör‘ ich das Mühlrad gehen,
Ich weiß nicht, was ich will,
Ich möcht‘ am liebsten sterben,
Da wär’s auf einmal still.

——— Peter Rühmkorf:

Auf eine Weise des Joseph Freiherrn von Eichendorff

von Rühmkorf im Oktober 1960
auf der Tagung der Gruppe 47
in Aschaffenburg vorgetragen:

In meinem Knochenkopfe
da geht ein Kollergang,
der mahlet meine Gedanken
ganz außer Zusammenhang.

Mein Kopf ist voller Romantik,
meine Liebste nicht treu —
Ich treib in den Himmelsatlantik
und lasse Stirnenspreu.

Ach, wär ich der stolze Effendi,
der Gei- und Tiger hetzt,
wenn der Mond, in statu nascendi,
seine Klinge am Himmel wetzt! —

Ein Jahoo, möcht ich lallen
lieber als intro-vertiert
mit meinen Sütterlin-Krallen
im Kopf herumgerührt.

Ich möcht am liebsten sterben
im Schimmelmonat August —
Was klirren so muntere Scherben
in meiner Bessemer-Brust?!

Postkarte In einem kühlen Grunde, 1963, Goethezeitportal

Postkarte: L. v. Senger: In einem kühlen Grunde, Verlag Hermann A. Wiechmann, München, Seriennummer [unleserlich]. Verzeichnisse von Büchern, Bildern und Kunstpostkarten umsonst und postfrei, 1963, handschriftlich fortgesetzt:

wollen wir uns gerne einmal ausruhen, es kann auch warm sein nach dem kalten Winter 1962 schaffen wir es nicht. Seit Weihnachten haben wir es vor, Richtung Hamburg u. Silvester Geschirr abliefern anschließend Ferien. Es wird immer wieder hinausgeschoben, darum freuen wir uns über Ihren Besuch. Nach der hübschen blühenden Tochter [?] zu urteilen muß es Ihnen großartig gehen.

via Jutta Assel/Georg Jäger: Eichendorff-Motive auf Postkarten. Eine Dokumentation. Das zerbrochene Ringlein. In einem kühlen Grunde …, Goethezeitportal, Oktober 2011.

Soundtrack: Friedrich Glück, 1814: In einem kühlen Grunde, Gerhart-Hauptmann-Chor Herbst 1968,
in: Bunt sind schon die Wälder, anlässlich der Einführung des Farbfernsehens, DDR 1969:

Und dasselbe nochmal in Genießbar: von Hannes Wader — mit der üblichen Textabweichung „mein Liebchen“ statt von Eichendorff von letzter Hand autorisiert „mein‘ Liebste“:

Written by Wolf

4. Januar 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Romantik