Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for Mai 2013

Einige Reste Wein

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——— Eckermann, 11. März 1828:

Egal wie dicht du bist, Goethe war dichterGoethe schritt im Zimmer auf und ab. Ich hatte mich an den Tisch gesetzt, der zwar bereits abgeräumt war, aber auf dem sich noch einige Reste Wein befanden nebst einigem Biskuit und Früchten.

Goethe schenkte mir ein und nöthigte mich, von beiden etwas zu genießen. „Sie haben zwar verschmäht,“ sagte er, „diesen Mittag unser Gast zu sein, doch dürfte ein Glas von diesem Geschenk lieber Freunde Ihnen ganz wohl thun!“

Ich ließ mir so gute Dinge gefallen, während Goethe fortfuhr im Zimmer auf- und abzugehen und aufgeregten Geistes vor sich hin zu brummen und von Zeit zu Zeit unverständliche Worte herauszustoßen.

Dichter Maler: Joseph Ducreux: Autoportrait en moqueur, um 1793, Louvre.

Unverständliche Worte: Dr. med. Georg Ringsgwandl: Sekt, aus: Vogelwild, 1992.

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Written by Wolf

28. Mai 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Nahrung & Völlerei

Leise retardierende, ungläubig fragende Zurücknahme der Meldung

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Ab einem gewissen Alter muss man wählerisch werden, was für Musik man sich noch antun will, darum hab ich nie die deutschlandweit höchste Reichweite von Bayern 1 bei der Kernzielgruppe der „Best Agers“ von 45 bis 69 Jahren verstanden: Über drei Millionen Hörer täglich. Wenn die alle so gebildet, gut situiert, qualitätsorientiert und konsumfreudig sind, können sie doch wohl noch ihren Radiosender aussuchen, oder nicht?

Da sind mir zwei Bände Beethoven-Interpretationen unterlaufen, wahre Twin Towers über „nahezu“ (a.a.O.) das Gesamtwerk. Das fällt für meinen Begriff unter die Musik, die man noch schnell mitnehmen sollte. Darin die Einsicht über eine Goethe-Vertonung:

——— Frank Schneider: Artikel zu Beethoven: Meeresstille und glückliche Fahrt op. 112, 1815
in: Albrecht Riethmüller, Carl Dahlhaus, Alexander L. Ringer (Hg.):
Beethoven. Interpretationen seiner Werke, Laaber-Verlag, Laaber 1994, Band 2, Seite 184, Schluss:

Noch einmal kehrt das tänzerische Hauptthema des A-Teils zurück, kombiniert mit dem Schluß des B-Teils — nicht ohne leise retardierende, ungläubig fragende Zurücknahme der Meldung, ob es denn wirklich Land sei, was da gesichtet wird. Umso nachdrücklicher und triumphaler bekräftigen die letzten Takte Musik, daß ein Irrtum ausgeschlossen werden kann — nicht zuletzt, weil er ausgeschlossen bleiben muss.

Ach so, das erklärt vielleicht manches: weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Das ist aber schon eine Begründung aus dem Zwanzigsten.

——— Goethe: Meeres Stille, 1796:

Tiefe Stille herrscht im Wasser,
Ohne Regung ruht das Meer,
Und bekümmert sieht der Schiffer
Glatte Fläche rings umher.
Keine Luft von keiner Seite!
Todesstille fürchterlich!
In der ungeheuern Weite
Reget keine Welle sich.

——— Goethe: Glückliche Fahrt, 1796:

Die Nebel zerreißen,
Der Himmel ist helle,
Und Aeolus löset
Das ängstliche Band.
Es säuseln die Winde,
Es rührt sich der Schiffer.
Geschwinde! Geschwinde!
Es teilt sich die Welle,
Es naht sich die Ferne,
Schon seh‘ ich das Land!

Soeben musikalisch dazugelernt: Es gibt auch eine Version von Mendelssohn-Bartholdy, 1832:

Jetzt ist mir besser.

Mary Hare, Reach to the Sky, 31. Januar 2009

Und bekümmert sieht der Schiffer glatte Fläche ringsumher:
Mary Hare: Reach to the Sky, 31. Januar 2009.

Written by Wolf

27. Mai 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Romantik

Weekly Wanderer 0002

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——— Johannes Daniel Falk: Balde, balde. Der erste Vers von Göthe, 1817:

Unter allen Wipfeln ist Ruh;
In allen Zweigen hörest du
Keinen Laut;
Die Vöglein schlafen im Walde;
Warte nur, balde, balde
Schläffst auch du.

Unter allen Monden ist Plag‘;
Und alle Jahr und alle Tag‘
Jammerlaut!
Das Laub verwelkt in dem Walde;
Warte nur, balde, balde
Welkst auch du!

Unter allen Sternen ist Ruh‘;
In allen Himmeln hörest du
Harfenlaut;
Die Englein spielen, das schallte;
Warte nur, balde, balde
Spielst auch du!

Aert van der Neer, Nachtlandschaft mit Fluss, ca. 1650

Bild: Aert van der Neer: Nachtlandschaft mit Fluss, ca. 1650 via Gandalf’s Gallery. Heute leider ohne hübsche junge Frauen.

Written by Wolf

25. Mai 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Land & See

Die Brahmsianer können ja derweil aufs Klo.

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——— Domorganist Pfühl in Thomas Mann: Buddenbrooks, 1901:

Dies ist das Chaos! Dies ist Demagogie, Blasphemie und Wahnwitz! Dies ist ein parfümierter Qualm, in dem es blitzt. Dies ist das Ende der Moral in der Kunst!

Das Judenthum in der Musik, wie es Richard Wagner gefällt – wenn es nämlich 25 Gulden für einen Fauteuil bezahlt. Karikatur in Kikeriki, 1872Richard Wagner (22. Mai 1813 bis 13. Februar 1883) machte eine frühe antisemitische Lebensphase durch, die sich 1850 in seiner berüchtigten Schrift Das Judenthum in der Musik äußerte. Abgelöst wurde diese Phase von lebenslangem Judenhass, der sich 1869 in einer überarbeiteten Neuauflage äußerte.

O je, ich glaub, ich muss auch mal.

——— Richard Wagner : Eigene Grabinschrift, Karfreitag, 25. März 1864,
51-jährig und ohne Stabreim auf dem Heimweg von einem Münchner Schaufenster mit Kini-Bildnis:

Hier liegt Wagner, der nichts geworden,
nicht einmal Ritter vom lumpigsten Orden;
nicht einen Hund hinter’m Ofen entlockt‘ er
Universitäten nicht ‚mal ’nen Doktor.

München, 25. März 64

Huldigungsmarsch Es-Dur für Ludwig II. von Bayern: WWV 97, im darauffolgenden Oktober 1864:
Marschmäßig, anfänglich etwas zurückhaltend — Etwas belebter.
Zum 19. Geburtstage Seiner Majestät König Ludwig II.

Bild: Das Judenthum in der Musik, wie es Richard Wagner gefällt – wenn es nämlich 25 Gulden für einen Fauteuil bezahlt in: Kikeriki, Wien 1872.

Written by Wolf

22. Mai 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Schall & Getöse

Weekly Wanderer 0001

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Update zu Der unverzichtbare Buchstabe e:

Nach moderner Auffassung muss sich Dichtung, die es auf die eine oder andere Art in den Deutschunterricht geschafft hat, keineswegs allein dem Guten, Wahren und Öden widmen, sondern sich vielmehr aufführen wie ein Piranha beim Klassenkampf. Und ich wollte bei meinem Schöpfer, diese Formulierungen stammten von mir.

In unserem Bestreben, den schönsten lyrischen Smash-Hit der Klassik möglichst bis zum Grund auszuschöpfen, vesuchen wir genau das.

Die meisten Variationen, Parodien und Paraphrasen unserer neuen Reihe Weekly Wanderer werden zitiert nach Unser Goethe, bei Haffmans in Zürich 1982 herausgegeben von Eckhard Henscheid und F.W. Bernstein, was nicht jedes Mal eigens angemerkt werden soll. Illustriert werden die beiträge jeweils mit Bildmaterial aus dem entfernten thematischen Umkreis des Gedichts, was voraussichtlich im Durchschnitt auf das unerschöpfliche Genre junger, hübscher Frauen hinauslaufen wird, die außerhalb von Gebäuden ein Buch lesen. Das dient den visuellen Anforderungen des Internets (und seiner Leser), und in unserer Facebook-Gruppe (bitte beitreten!) muss ich nicht stereotyp die schwarz-weiße Fallende rechts oben verwenden. Außerdem verschaffe ich mir damit eine unschlagbare Gelegenheit, nach jungen, hübschen Frauen zu googeln. — Für Unser Goethe ergeht dringende Kaufempfehlung, antiquarisch ist es noch leicht und preiswert aufzutreiben.

Variation 1: Einer aus der reichlich kanonisierten Zeit, der sich an erster Stelle um alles mögliche außer Güte, Wahrheit und Ödnis schor und mit Klassenkampf zumindest so viel zu schaffen hatte, als er ihm zum Opfer fiel, ist der berüchtigte Kotzebue.

Sagen wir es wohlwollend: Um Kotzebues Darstellung historischer Fakten und seiner Zitierweise von Gedichten zu folgen, braucht der Freimüthige in der Tat reichlich gebildete, unbefangene Leser. Die Variante „schlafen“ statt „schweigen“ wurde in der Rezeption und Kritik Goethes übrigens oft und aus guten Gründen vorgeschlagen. Nur von Goethe nicht.

——— August von Kotzebue in: Der Freimüthige, oder Berliner Zeitung für gebildete, unbefangene Leser, 1803,
zitiert nach Unser Goethe, 1982, Seite 262:

Göthes Iphigenia wurde in einem Walde nahe bei Weimar gedichtet, wo er in den Stunden der Weihe und Begeisterung die gewünschte Empfindsamkeit fand. An der Wand der Eremitage, der Geburtsstätte der Iphigenia, liest man noch folgende von Goethe gedichtete Zeilen:

Ueber allen Wipfeln ist Ruh,
In allen Zweigen hörst du
Keinen Hauch;
Die Vöglein schlafen im Walde,
Warte nur, balde
Schläfst du auch.

Camille Corot: Corot, Der Wald von Fontainebleau, 1834

Waldbild: Jean-Baptiste Camille Corot: Wald von Fontainebleau, 1834 via Gandalf’s Gallery. Die unverzichtbare junge, hübsche Frau, die im Freien ein Buch liest, ist im Bild ganz klein links unten.

Written by Wolf

18. Mai 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Land & See

Stiefpilzin

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——— Friederike Kempner (1828 bis 1904):

Wie verschieden ist’s hienieden

cit. Horst Drescher (Hg.): Das Leben ist ein Gedichte,
Reclams Universal-Bibliothek Band 506 (100 Seiten, 1,50 M), Leipzig 1973,
4. Abteilung: Mensch und Tier in der bürgerlichen Gesellschaft:

Jedesmal, wenn frohe Stunden
Mir im Herzen stattgefunden,
Haben sich mir vorgestellt
Auch die Leiden dieser Welt.

Schon, daß gar so sehr verschieden
Uns’re Lose sind hienieden —
Goethe fand zwar nichts dabei,
Doch mir scheint’s nicht einwandfrei.

Pilz des Glücks ist dieser eine,
Jener Stiefpilz des Geschicks,
Einem sind als O die Beine,
Andern wuchsen sie als X.

Sorglos aalen sich die Reichen,
Andern sind die Gelder knapp,
Und noch ungestorb’ne Leichen
Senkt zum Orkus man hinab.

Wißt ihr nicht, wie weh das tut,
Wenn man wach im Grabe ruht?

John Austin, Kaitlin, 17. Dezember 2010

Andern wuchsen sie als X: John Austin: Kaitlin aus Spokane/Washington, 17. Dezember 2010.

Written by Wolf

16. Mai 2013 at 11:30

Veröffentlicht in Realismus, Vier letzte Dinge: Tod

Schreiet fort, Mißtöne, zerschreiet die Schatten: denn Er ist nicht!

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Spätestens seit dem letzten Monatswechsel löst das Richard-Wagner-Jahr 2013 mit großer Bestimmtheit das Jean-Paul-Jahr 2013 ab.

Nun ist der Hauptunterschied im geeigneten Umgang mit dem Gesamtwerk beider, dass man sich über Richard Wagner am besten leichtherzig kaputtlacht; Jean Paul darf man wenigstens stellenweise ernst nehmen. Oder kann jemand in sein Libretto Verse wie „Vergessens güt’ger Trank, dich trink‘ ich sonder Wank!“ hineintexten und dabei ernst bleiben?

Als Jean Pauls Paradestück wird besonders gern seine Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei herangezogen. Das ist ein wilder Alptraum, ein Fremdkörper im ansonsten eher humorig skurrilen Siebenkäs, der einen denkenden, fühlenden Menschen durch Stil und Inhalt heute noch in die Fresse hauen kann.

Zu Christi Himmelfahrt des Jean-Paul-Jahres gebe ich die gekürzte Version wieder, in der Madame de Staël in ihrem Über Deutschland 1810 Jean Paul europaweit verbreitet hat — wegen der wirkungsvolleren Rechtschreibung. Die Vollversion, falls sie nicht gratis in Ihrer zuständigen Stadtbücherei herumgilbt, steht mehrfach online und sei warm gegen die Folgen von Vatertagsfeiern empfohlen.

——— Jean Paul:

Rede des todten Christus vom Weltgebäude herab, daß kein Gott sey.

aus: Blumen-, Frucht- und Dornenstücke oder Ehestand, Tod und Hochzeit des Armenadvokaten F. St. Siebenkäs im Reichsmarktflecken Kuhschnappel, 1796–97;
cit. n. Madame Anne Louise Germaine de Staël: Über Deutschland. Zweiter Theil. II. Abtheilung.
Acht und zwanzigstes Capitel: Von den Romanen, 1810;
erste deutsche Übersetzung: Friedrich Buchholz, Samuel Heinrich Catel und Eduard Hitzig, 1814:

Wenn man in der Kindheit erzählen hört, daß sich die Todten um Mitternacht, wo unser Schlaf nahe bis an die Seele reicht und selber die Träume verfinstert aus ihrem Aufrichten, und daß sie in den Kirchen den Gottesdienst der Lebendigen nachäffen: so schaudert man der Todten wegen vor dem Tode; und wendet in der nächtlichen Einsamkeit den Blick von den langen Fenstern der stillen Kirche weg und fürchtet sich, ihrem Schillern nachzuforschen, ob es vom Monde niederfalle. Die Kindheit, und noch mehr ihre Schrecken als ihre Entzückungen, nehmen im Traume wieder Flügel und Schimmer an, und spielen wie Johanneswürmchen in der kleinen Nacht der Seele. Zerdrücken uns diese flatternden Funken nicht! – Lasset uns sogar die dunkeln peinlichen Träume als hebende Halbschatten der Wirklichkeit! – Und womit will man uns die Träume ersetzen, die uns aus dem untern Getöse des Wasserfalls wegtragen in die stille Höhe der Kindheit, wo der Strom des Lebens noch in seiner kleinen Ebene schweigend und als ein Spiegel des Himmels seinen Abgründen entgegenzog? – Ich lag einmal an einem Sommerabende vor der Sonne auf einem Berge und entschlief. Da träumte mir, ich erwachte auf dem Gottesacker. Die abrollenden Räder der Thurmuhr, die eilf Uhr schlug, hatten mich erweckt. Ich suchte im ausgeleerten Nachthimmel die Sonne, weil ich glaubte, eine Sonnenfinsterniß verhülle sie mit dem Mond. Alle Gräber waren aufgethan, und die eisernen Thüren des Gebeinhauses gingen unter unsichtbaren Händen auf und zu. An den Mauern flogen Schatten, die niemand warf, und andere Schatten gingen aufrecht in der blassen Luft. In den offnen Särgen schlief nichts mehr als die Kinder. Am Himmel hing in großen Falten blos ein grauer schwüler Nebel, den ein Riesenschatte wie ein Netz immer näher, enger und heisser herein zog. Ueber mir hört‘ ich den fernen Fall der Lauwinen, unter mir den ersten Tritt eines unermeßlichen Erdbebens. Die Kirche schwankte auf und nieder von zwei unaufhörlichen Mißtönen, die in ihr mit einander kämpften und vergeblich zu einem Wohllaut zusammenfließen wollten. Zuweilen hüpfte an ihren Fenstern ein grauer Schimmer hinan und unter dem Schimmer lief das Blei und Eisen zerschmolzen nieder. Das Netz des Nebels und die schwankende Erde rückten mich in den fürchterlichen Tempel, vor dessen Thore in zwei Gift-Hecken zwei Basilisken funkelnd brüteten. Ich ging durch unbekannte Schatten, denen alte Jahrhunderte aufgedruckt waren. – Alle Schatten standen um den leeren Altar, und allen zitterte und schlug statt des Herzens die Brust. Nur ein Todter, der erst in die Kirche begraben worden, lag noch auf seinem Kissen ohne eine zitternde Brust, und auf seinem lächelnden Angesicht stand ein glücklicher Traum. Aber da ein lebendiger hinein trat, erwachte er und lächelte nicht mehr, er schlug mühsam ziehend das schwere Augenlied auf, aber innen lag kein Auge und in der schlagenden Brust war statt des Herzens eine Wunde. Er hob die Hände empor und faltete sie zu einem Gebet; aber die Arme verlängerten sich und löseten sich ab, und die Hände fielen gefaltet hinweg. Oben am Kirchengewölbe stand das Zifferblatt der Ewigkeit, auf dem keine Zahl erschien und das sein eigner Zeiger war; aber ein schwarzer Finger zeigte darauf und die Todten wollten die Zeit darauf sehen.

Jetzt sank eine hohe edle Gestalt mit einem unvergänglichen Schmerz aus der Höhe auf den Altar hernieder und alle Todte riefen: „Christus! ist kein Gott?“

Er antwortete: „es ist keiner.“

Der ganze Schatten eines jeden Todten erbebte, nicht blos die Brust allein, und einer um den andern, wurde durch das Zittern zertrennt.

Christus fuhr fort: „Ich ging durch die Welten, ich stieg in die Sonnen und flog mit den Milchstraßen durch die Wüsten des Himmels; aber es ist kein Gott. Ich stieg herab, so weit das Seyn seinen Schatten wirft und schauete in den Abgrund und rief: Vater, wo bist du; aber ich hörte nur den ewigen Sturm, den niemand regiert, und der schimmernde Regenbogen aus Wesen stand ohne eine Sonne, die ihn schuf, über dem Abgrunde und tropfte hinunter. Und als ich aufblickte zur unermeßlichen Welt nach dem göttlichen Auge, starrte sie mich mit einer leeren schwarzen bodenlosen Augenhöhle an; und die Ewigkeit lag auf dem Chaos, zernagte es und wiederkäuete sich. – Schreiet fort, Mißtöne, zerschreiet die Schatten: denn Er ist nicht!“

Die entfärbten Schatten zerflatterten, wie weißer Dunst, den der Frost gestaltet, im warmen Hauch zerrinnt; und alles wurde leer. O da kamen, schrecklich für das Herz, die gestorbenen Kinder, die im Gottesacker erwacht waren, in den Tempel, und warfen sich vor die hohe Gestalt am Altare und sagten: „Jesus! haben wir keinen Vater?“ – Und er antwortete mit strömenden Thränen: „wir sind alle Waisen, ich und ihr, wir sind ohne Vater.“

Da kreischten die Mißtöne heftiger – die zitternden Tempelmauern rückten auseinander – und der Tempel und die Kinder sanken unter – und die ganze Erde und die Sonne sanken nach – und das ganze Weltgebäude sank mit seiner Unermeßlichkeit vor uns vorbei. – u. s. w.

Rembrandt van Rijn, Hemelvaart, Christi Himmelfahrt, 1636, Alte Pinakothek München

Bild: Rembrandt van Rijn: Hemelvaart, 1636, Alte Pinakothek München.

Written by Wolf

9. Mai 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Vier letzte Dinge: Himmel