Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for September 2014

Take Five

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Wie Benny Goodman zu Mozart kam,
das Quintett zu den Quartetten
und alles miteinander zu uns.

In München zu wohnen ist schön. Die einen sagen, das Beste daran sei, dass man „in keinen zwei Stunden am Gardasee“ ist, die anderen, die A 9 und gleich drei verschiedene Zugstrecken nach Nürnberg. Wie immer haben alle Recht und keiner.

Das Beste an München ist selbstverständlich die Klassikabteilung im fünften Stock des Kaufhauses Beck am Rathauseck, der größten der Welt. Da findet man nämlich zwischen den ganzen Vollpreis-CDs und vorgeblichen Angeboten, die ein Zentralmünchner Kaufhaus für Sonderpreise hält, manchen Schatz, den es nicht mal im ganzen großen weiten Internet gibt, selbst wenn man das „Internet“ weiter fasst als Amazon, iTunes, Facebook und Silkroad.

CD-Cover Mozart, Budapest Quartet, George Szell, Benny Goodman, Naxos 2007Wirklich gelohnt hat sich das absichtslose Nachblättern unter den Klavierquartetten von Mozart. Klavierquartette sind keine vier Klaviere, sondern Streichertrios, die von einem Klavier angeführt werden. Mozart hat genau zwei davon geschrieben: Quartett Nummer 1 in g-Moll für Klavier und Streicher, Köchelverzeichnis 478, und Quartett Nummer 2 in Es-Dur für Klavier und Streicher, Köchelverzeichnis 493. Das sind nicht gerade Mozarts Smash-Hits, es gibt nur wenige Aufnahmen davon, und diese wenigen fassen gern beide zusammen, weil sie nur je etwas um 25 Minuten dauern. Das passt auf eine einzige CD und lässt noch Platz für interpretierendes oder wertsteigerndes Zusatzmaterial.

2007 hat Naxos, wohl das edelste unter den Billig-Klassik-Labels, die CD MOZART. The Two Piano Quartets. Clarinet Quintet K. 581 zusammengestellt. Sie ist ein Kleinod geworden.

Die Klavierquartette sind am 18. und 20. August 1946 in Hollywood von drei Vierteln des Budapest Quartet mit George Szell am Klavier eingespielt, das ergänzende Quintett in a-Moll für Klarinette und Streicher, Köchelverzeichnis 581, kurz: „das Klarinettenquintett“, am 25. April 1938 in New York vom Budapest Quartet mit, und jetzt halten Sie sich fest: an der Klarinette Benny Goodman.

Von 1938 und 1946 sind das natürlich Überspielungen von Schellackplatten, die wie durchs Telefon klingen. Macht aber nichts, es gibt ein angenehm kauziges Streichquartett von verklungenem Weltruf zu entdecken, bei Benny Goodman will man den Vintage-Sound sowieso gar nicht anders haben und lebt in dem schönen Bewusstsein, die erste Gesamtaufnahme der Mozart-Klavierquartette plus eine doppelte Klassik- und Jazz-Rarität erstanden zu haben. Mehr kann für 7 Euro 90 niemand verlangen.

Wie Benny Goodman zu Mozart kommt, erklärt sich auf verstreuten, meist englischsprachigen Internetseiten zu einem vollständigen Bild zusammen, und zwar zu einem musikalisch und historisch hochinteressanten. Im Booklet der Naxos-CD steht die Geschichte vollständig, ebenfalls auf englisch. Ich bringe den vollständigen Text in meiner eigenen Übersetzung, in der ich mir die Freiheit nehme, deutlich mehr Absätze einzufügen.

——— Tully Potter: Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791): The Two Piano Quartets. Clarinet Quintet K. 581
in der gleichnamigen CD, Naxos Rights International Ltd., 2007:

Aufnahmen, die dem üblichen Repertoire und den Neigungen eines Künstlers „gegen den Strich“ gehen, können recht interessant sein – das stellte sich einmal mehr heraus, als Benny Goodman, der King of Swing, mit dem Budapest Quartet zusammengebracht wurde.

LP-Cover Mozart, Benny Goodman, Budapest Quartet, Clarinet Concerto and QuintetWie so viele der abenteuerlichsten Aufnahmeinitiativen in den 1930er Jahren kam Goodmans Anstoß, sich mit Mozart auseinanderzusetzen, von John Hammond, dem Spross einer gesellschaftlich hochstehenden New Yorker Familie, der in Liebe zur Klassik erzogen, aber ein lebhafter Jazzfan wurde.

Erstmals versuchte sich Goodman am a-Moll-Quintett 1935 auf einer Soirée in Hammonds eigenem Festsaal in der East 91st Street. Das Streichquartett bestand aus den Violinisten John Dembeck und Ronald Murat, Hammond an der Bratsche und Artie Bernstein am Cello, das Publikum war ein illustres: Jazzmusiker aus Harlem durchmischt mit New Yorker Salonlöwen.

„1936 nahm Benny [das Klarinettenquintett] mit dem Pro Arte String Quartet für Victor auf. Aus den Platten ist nicht viel geworden“, erinnerte sich Hammond, „die Streicher brachten Benny nicht den Respekt entgegen, der ihm zustand, und in der unbequemen Atmosphäre war er wie versteinert.“

Zwei Jahre später unternahm Goodman noch einen Versuch. Hammond hatte Alexander „Sasha“ Schneider kennen gelernt, den zweiten Geiger des Budapest Quartet und wie er selbst ein ausgesprochener Lebemann, der zum Champagner neigte. Hammond führte Schneider in einen Jazzclub, um Goodmans Gruppe spielen zu hören, man wurde einander vorgestellt, und Goodman fand die Russen sehr viel zugänglicher als das belgische Viergestirn Pro Arte.

Russen aus Budapest? Das erfordert immer wieder das eine oder andere Wort der Erklärung. Das Budapest Quartet hatte 1917 seinen Anfang durchaus von drei Ungarn und einem Holländer aus Budapest genommen, aber 1927 hatte eine russische Unterwanderung eingesetzt. Seit Herbst 1936 bestand das Ensemble vollständig aus Russen, was schnell Gegenstand zahlreicher Witze wurde. Dennoch nahmen die Mitglieder ihre Arbeit sehr ernst: Alle hatten sowohl in Deutshland als auch in ihrem Heimatland studiert; so verband ihr Stil österreichisch-deutsche Elemente mit russischer Streicherseele. Sie führten eher wenig russische Musik auf, und sollte man einen einzigen Komponisten benennen, der sie am besten repräsentierte, so wäre es Mozart.

Den üblicherweise recht selbstbewussten Goodman erlebten sie in seinem Bemühen, Klassik zu spielen, als durchaus bescheiden. Er bot ihnen sogar ein Vorspielen an, aber kaum hatten sie eine spontane Probe-Session im Great Northern Hotel abgehalten, beschlossen sie die Aufnahme zu machen. Später sollte Goodman es bereuen, dass sie das Quintett nicht erst zu fünft öffentlich aufführten, bevor sie es auf Schellack bannten. „Ich hätte gedacht, dass Kammermusik sich ungefähr so einfach wie eine gute Jam-Session aus dem Ärmel schüttelt“, erinnerte er sich. Ihm passte nicht, dass „das erstaunlich hohe Niveau des Budapest Quartet von unausgesetzter peinlicher Detailgenauigkeit bei jeder Probe und jeder Aufführung jedes Werkes in ihrem Repertoire“ herrührte.

Charles O’Connell, der exzentrische oberste Klassik-Chef bei RCA Victor, der Kammermusik-Aficionados für „blutleere Snobs“ hielt – eine Einstellung, die ihn alsbald außer dem Budapest Quartet auch noch das Busch-Quartett kosten sollte –, machte es Goodman mit seiner Entscheidung, die ersten drei Sätze des Quintetts auf 10-Inch-Platten aufzunehmen, besonders schwer. Das bedeutete, das Werk in acht statt nur sechs Einzelteile zu zerhacken; und weil jeder Take zur Sicherheit mindestens einmal wiederholt werden musste, hatten die Musiker sechzehn statt nur zwölf Takes durchzustehen.

Was dabei herauskam, stieß bei den Connaisseuren auf beiden Seiten des Atlantiks auf Ablehnung. Während die Amerikaner mit drei 10-Inch- und einer 12-Inch-Platte herumhantieren mussten, bekam der britische Markt die ersten drei Sätze als dumpf klingende Dubbings der zweiten Generation zu hören – die Tonmeister bei Abbey Road hatten nämlich die sechs 10-Inch-Masterplatten auf vier 12-Inch-Seiten umgespielt. Nicht einmal John Hammond, der Geburtshelfer der Aufnahme, hielt viel von ihr. Nur die zahlenden Plattenkäufer waren begeistert.

Und tatsächlich treten beim Wiederhören in digitalisierter Gestalt ihre Tugenden klarer zutage als ihre Fehler. Der englische Klarinettist Reginald Kell, der später Benny Goodmans Mentor in klassischer Musik wurde, wählte bei seiner Aufnahme mit dem Philharmonia Quartet ganz sicher einen entspannteren Ansatz. Aber Goodmans extrovertierte, ausschreitende, durchatmende Spielweise hat ihre eigenen, erfrischenden Vorzüge; und das Spiel der Streicher ist wunderschön.

Nachdem die Einspielung nur eine einzige Übertragung auf LP und zwei kurzlebige Wiederveröffentlichungen auf CD erlebt hat (deren eine die umgespielten britischen Masterplatten verwendete), wird ihr Neuerscheinen wohl von Goodman- wie von Budapest-Fans begrüßt werden. Goodman sollte das Mozartsche Klarinettenquintett noch dreimal mit dem Budapest Quartet öffentlich aufführen; auch eine gemeinsame Einspielung des Klarinettenquintetts von Brahms war angedacht. Leider zeigte O’Connell so wenig Interesse am Budapest Quartet, dass sie bereitwillig Hammonds Vorschlag folgten, zu Columbia als dem kongenialeren Plattenlabel zu wechseln. Im September 1940, als sie schon Bürger der Vereinigten Staaten waren und ihre Traumresidenz in der Library of Congress innehatten, machten sie ihre ersten Aufnahmen für Columbia; und diesem Label blieben sie das nächste Vierteljahrhundert bis zu ihrer Auflösung verbunden.

So weit die Informationen der nicht sehr verbreiteten Naxos-Veröffentlichung über die E-musikalischen Ausflüge eines grand old man des Jazz, als er Ende zwanzig war. Über die Headliner-Stücke der CD, die eigentliche Gesamtaufnahme der Mozart-Klavierquartette, fährt das Booklet erst an zweiter Stelle nahtlos fort:

Zur Zeit der anderen beiden Aufnahmen auf dieser CD war beim Budapest Quartet allerhand und keineswegs nur Erfreuliches vorgefallen. Einerseits waren sie als führendes Streichquartett von Amerika etabliert. Auf der Soll-Seite hatten sie 1944 die Galionsfigur und ihren besten Musiker Alexander Schneider verloren; und mit dessen Nachfolger als zweitem Geiger Edgar Ortenberg wollte es nicht recht vorangehen. Mit den anderen drei Mitgliedern Joseph Roisman, Boris Kroyt und Mischa Schneider gab es kein leichtes Zusammenarbeiten, so dass Ortenberg sich nie so ganz einlebte. Besonders schlimm war die Situation im Aufnahmestudio – etliche Projekte, in die Ortenberg eingebunden war, mussten wiederholt werden, und zumindest das kleine Es-Dur-Quartett von Schubert brachte es überhaupt nie zu einer zufriedenstellenden Budapester-Einspielung.

Da war es für die drei Älteren ein ausgesprochener Segen, dass sie bei Mozarts großartigen Klavierquartetten für sich arbeiten konnten und im 49-jährigen George Szell den idealen Kollegen zur Seite hatten. Dieser archetypische mitteleuropäische Musiker, in Ungarn als Sohn tschechischer Eltern geboren, doch in Wien aufgewachsen und ausgebildet, hatte schon damals fast drei Jahrzehnte Erfahrung als Dirigent; angefangen hatte er seine Karriere allerdings als Wunderkind sowohl in Komposition – Adolf Busch war nur einer von vielen großen Musikern, die sein frühreifes Klavierquintett aufführten – als auch Klavierspiel. Als Schüler des Wiener Klavierpädagogen Richard Robert, der auch Rudolf Serkin, Hans Gál und Clara Haskil unterrichtete, gestattete er seinen Fertigkeiten am Klavier nicht einmal, als er hauptberuflich dirigierte, das geringste Einrosten.

LP-Cover Mozart, George Szell, Budapest Quartet, Piano QuartetsSzells aristokratischer Klavieranschlag wurde in Verbindung mit dem Budapest Quartet erstmals im April 1945 in der Library of Congress bei Dvořáks Klavierquintett [Nr. 1 op. 5 oder Nr. 2 op.81] vernommen; im Oktober desselben Jahres führte er das Quintett von Brahms mit ihnen auf; im Mai 1946 schließlich spielte er in verschiedenen Besetzungen Schuberts Forellenquintett und Beethovens Kakadu-Variationen für Trio (die Library besitzt private Aufnahmen aller vier Interpretationen).

Als er sich im August 1946 mit dem Quartett zusammentat, um die Mozart-Quartette aufzunehmen, waren die Partner also schon gut eingespielt. Szells wunderschön eingerichtetes Spiel ergänzte die Budapester Streicher zur Perfektion, in der Boris Kroyts feiner Ton auf Mozarts Lieblingsbratsche hervorragend die Struktur durchdrang.

Insgesamt gab es bei diesen Aufführungen eigentlich nur eine einzige Überraschung – das Studio. Normalerweise nahm das Budapest Quartet in der Liederkranz-Halle in New York auf, wo auch eine Wiederveröffentlichung der Aufführungen durch Columbia die Sitzungen verortete, aber Mischa Schneider beharrte in Gesprächen mit Philip Hart, dem Diskographen des Quartetts darauf, dass die Sitzungen mit Szell – ihre einzigen kommerziellen Aufnahmen mit ihm – in Hollywood stattgefunden hatten.

Schon die Geschichte der Entstehung und Weitergabe der Aufnahmen birgt genug Unsicherheiten – besonders veranschlagt für Musiker, die nicht gerade obskure Garagenbands sind, nach längst keinem ganzen Jahrhundert ohne dazwischenfallende „Kriegswirren“. Nicht weniger spannend ist die Geschichte der Restaurierung der Aufnahme, bezeichnenderweise nur der dreingegebenen Goodman-Rarität, festgehalten vom „Producer and Audio Restoration Engineer“ in Personalunion, am gleichen Ort:

——— Mark Obert-Thorn: Producer’s Note
in: The Two Piano Quartets. Clarinet Quintet K. 581, Naxos Rights International Ltd., 2007:

Die zwei Klavierquartette wurden von der amerikanischen Columbia auf Masterplatten aus Vinyl mit 33 1/3 U/min aufgenommen, von denen Matritzen mit 78 U/min überspielt wurden. Weil die Vinylplatten einen größeren Frequenzumfang und (meistens) eine ruhigere Oberfläche als die 78-er Metallteile hatten, wurden sie von Columbia für die späteren LP-Transfers verwendet, die ihrerseits als Quelle für diese Neuveröffentlichung gedient haben. Es bleibt ein gewisses Oberflächenrauschen, bedingt durch den ursprünglichen Vilyllack (ohne die kommerzielle LP); trotzdem habe ich in diesem Fall letztendlich die Ergebnisse aus den LPs als Quelle gegenüber dem viel höheren Rauschen auf den 78-er Schellacks zufriedenstellender gefunden. Beiläufig waren das die ersten Aufnahmen, die Szell in den Vereinigten Staaten gemacht hat, kurz bevor er die Leitung des Cleveland Orchestra übernahm.

Autogramm Budapest String QuartetDas Klarinettenquintett ist von der Erstausgabe von noch vor dem Zweiten Weltkrieg aus den Gold-Pressungen bei Victor überspielt. Das ursprüngliche Album umfasste drei 10-Inch-Platten mit den ersten drei Sätzen, vervollständigt um eine 12-Inch-Platte mit dem letzten Satz (was die Seltenheit erklärt, mit der heute noch ein vollständiges Exemplar mit der intakten letzten Platte aufzutreiben ist), und erschien auf drei 12-Inch-Platten. Als EMI diese Ausgabe vor einigen Jahren in ihrer Serie Rérérences auf CD wiedereröffentlichten, zogen sie für die Digitalisierung offenbar die klanglich beeinträchtigten Umspielungen heran. Von unserer Seite wurde sie aus den ursprünglichen, nicht umgespielten Pressungen restauriert.

Angesichts der aktuellen Verbreitung von Klassik-„Crossover“-Veröffentlichungen erscheint es geradezu kurios, wie sich Victor in ihrem Original-Booklet für die Zusammenführung des berühmten Streichquartetts mit dem „King of Swing“ rechtfertigen zu müssen glaubten:

So merkwürdig die musikalische Verbindung von Mr. Benny Goodman, Klarinette, dessen Ruhm im allgemeinen Bewusstsein der Öffentlichkeit jedenfalls weitab von den Gefilden der Kammermusik angesiedelt ist, mit einer so ernsthaften Gruppe wie dem Budapest Streichquartett erscheinen mag, so wenig kann es für den aufmerksamen Zuhörer auch nur weniger Takte der hier dargebotenen Aufnahme den leisesten Zweifel an Mr. Goodmans Qualifikation geben … Diese Darbietung ist keinem Sinne des Wortes ein „Gag“ und war weder von den Künstlern noch sonst einem an ihr Beteiligten zu irgend einem Zeitpunkt als solcher beabsichtigt … Unternommen wurde sie, um dem Kanon der Aufnahmen von Victor auf die bestmögliche Weise mit den besten verfügbaren Künstlern ein gültiges Meisterwerk hinzuzufügen. Daher stellt sie keine Abweichung von den Richtlinien von Victor dar.

Kurz gesagt, war es ein langer Weg, bis diese CD in dieser Zusammenstellung und in dieser Qualität auf uns kommen konnte. Von München aus mag es zwei Stunden zum Gardasee oder nach Nürnberg brauchen, aber keine zwei Minuten bis in den fünften Stock, nicht in der Nähe vom, sondern tatsächlich auf dem Marienplatz, Nummer 11. Ein Dreiviertelliter Bier auf dem Oktoberfest 2014 kostet über 10 Euro – mehr, als ich für zehn Liter diskutabel halte; diese CD fürs Leben (man wird mit haushaltsüblichen Mitteln zumindest die leicht herstellbaren .mp3-Dateien wohl noch länger hörbar machen können) hat 7,90 Euro gekostet, ich bitte Sie. Man hat die Wahl.

Und ich werde nicht müde zu betonen, dass genau das der Sinn der grundgesetzlich verankerten Freizügigkeit ist.

Bilder: Respective record label;
Schubertiade Music & Arts Summer 2012 Catalog, Lot 229.

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Written by Wolf

26. September 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Schall & Getöse, ~~~Olymp~~~

Anständig essen

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Eine jungische Dozentin hat mal in meinem Erlanger anglistischen Grundkurs als Gruppendiskussionsthema „Food and Eating“ anberaumt — mit der Begründung, dazu könne jeder was sagen, „or is anybody here who doesn’t eat at all?“

Das war schon die erste Gelegenheit, bei der sich niemand melden wollte. Für mich brachte die junge Dame da eine erschreckende Implikation vor: Ist es denn keine der Weltmiseren, wie der Mensch durch beständiges Streben nach körperlicher Nahrung, also entlang eines mit Leichen gepflasterten Weges, seinen eigenen Tod hinauszögert? Und wenn er sich dabei nicht anständig benimmt, sich zumindest gesellschaftlich unmöglich macht, also nicht weniger wirksam aushungert, als wenn ihm gleich die Muttermilch verweigert würde? Und wehe dem sozialen Wesen, das keine Freude an Nahrungsaufnahme zeigt!

Das ist eine Ansicht, mit der ich damals nicht gleich die Grundkursdiskussion eröffnen wollte, schon gar nicht auf Englisch. Seit man seine Mammuts nicht mehr selbst handwürgen muss, ist nichts einfacher geworden.

——— Um 1370:

Du solt nit bey tische grelzen noch mit dem messer in die zent stüren.

——— Vor 1643, überliefert in Umberto Eco: Die Insel des vorigen Tages, Hanser Verlag 1994,
Kapitel 6: Große Kunst des Lichts und der Schatten, Seite 69,
Übersetzung von Burkhart Kroeber:

„In sauberen Kleidern erscheinen, nicht nach jedem Happen einen Schluck trinken, sich vor dem Trinken den Bart und den Schnurrbart abwischen, sich nicht die Finger ablecken, nicht in den Teller spucken, sich nicht in die Tischdecke schneuzen. Wir sind schließlich keine Kaiserlichen, Messieurs!“

——— Heinz Dietrich: Menschen miteinander.
Ein Brevier des taktvollen und guten Benehmens, 1934, Nachdruck 1952:

Mittelalterliche Tischsitten. Gutes Benehmen macht Eindruck, Tischsitten sind weiter wichtig, Badische Zeitung 11. November 2013Von dem aufgetanen Fleisch wird im Gegensatz zu angelsächsischen Gepflogenheiten immer nur das Stück, das man für den nächsten Bissen braucht, abgeschnitten. Nur für Gebrechliche und für Kinder, die sich auf den Gebrauch von Messer und Gabel noch nicht verstehen, kann man das ganze Stück gleich auf einmal zerteilen. Knochen, unzerkaubare Knorpel und Sehnen, die einem in den Mund geraten sind, läßt man auf die Gabel gleiten und legt sie etwas abseits auf den Teller zurück.

Messer und Gabel werden am oberen Teil des Griffes gehalten, so daß dessen Ende wie ein Hebel gegen die Mitte der Innenhand stößt. Dadurch hat man nicht nur die größte Gewalt über Messer und Gabel, die locker über den Griff ausgestreckten Zeigefinger werden dann auch niemals so weit nach unten gleiten, daß sie die Schneide oder die Gabelzinken berühren. Die Daumen liegen ebenfalls ausgestreckt seitwärts an, während die übrigen Finger eingekrümmt die untere Klammerstütze für die Besteckgriffe bilden. Je leichter und unverkrampfter die Hände Messer und Gabel führen, desto eleganter sieht es aus und desto weniger Geklapper und Lärm entsteht. Die Gabel bleibt stets in der Linken, das Messer in der Rechten. Sie werden beide mit dem Rücken nach oben im spitzen Winkel flach und schräg über dem Teller gehalten. Das Messer darf sich niemals vom Teller entfernen, es dient nur zum Fleischschneiden und zur Unterstützung der Gabel bei der Zusammenstellung und beim Anspießen des Bissens. Degenschlucker gehören in den Zirkus. Grundsätzlich wird das Messer nur zum Schneiden solcher Gerichte benutzt, die allein mit der Gabel nicht zerkleinert werden können. Gemüse wird also nicht geschnitten, ebensowenig natürlich Deutsches Beefsteak. Gleichwohl wird das Messer auch dann nicht aus der Hand gelegt, sondern zur Unterstützung der Gabel als Schieber gebraucht. Auch wenn es für das Messer gerade nichts zu tun gibt, soll es während des Ganges also nicht aus der Hand gelegt werden. Die Gabel sticht, Rücken nach oben, leicht in das abgeschnittene Fleischstück und hebt es zum Munde. Gemüse, Kartoffel usw. ohne Fleisch kann auch mit der nach oben offenen Gabel aufgenommen werden. Sie darf aber nicht erst in der Luft angefüllt werden, indem etwa das Messer die Speisen an ihr wie ein Maurerspachtel abstreicht, sondern immer direkt auf dem Teller. Und, wie man nicht oft genug sagen kann, nie zu hoch auf einmal aufladen, lieber die Gabel ein paarmal mehr zum Munde führen. […]

Jede Mahlzeit geht einmal zu Ende, auch die längste. Trotz der so oft angestrengten „Sitzung“ werden Sie jedoch niemals schwer und stumm in Ihren Stuhl zurücksinken, als hätten Sie schon mit einem kleinen Verdauungsschlummer begonnen. Bei den Rauchern erwacht die Sehnsucht nach der Zigarette. Doch sie sollten ihre Etuis steckenlassen und sich bezähmen, bis der Hausherr es für richtig hält, Zigaretten anbieten zu lassen. Vor dem Schlußgericht (Süßspeise oder Obst) wird das nicht der Fall sein. In der Regel geht man zu Kaffee, Zigarette und Likör nach beendeter Mahlzeit in ein anderes Zimmer. Wird der Kaffee sofort anschließend am Eßtisch serviert, nachdem alles Geschirr und alle Gläser abgedeckt sind, so paßt eine Zigarette recht gut dazu. Zugleich macht auch die Kiste Zigarren die Runde. Zwischen den Gängen zu rauchen, ist heute vielfach üblich geworden. Besonders schön ist das nicht, und bei großen, offiziellen Diners ist das zweifellos nicht am Platze. Vor dem Kriege verwendete man für die ganz engagierten Raucher gern sogenannte „Damen-Zigaretten“, die nur wenige Züge enthielten. Zur Zeit sind solche Zwischengangszigaretten nur als Sonderanfertigungen erhältlich. […]

Darum wird man auch allein genau so essen, als sei man mit anderen zusammen. Auch allein bleibt man ein Mitglied der menschlichen Gesellschaft, und man degradierte sich menschlich, wenn man sich von jenen Formen „befreite“, sobald man unbemerkt ist, als seien sie nur ein Komödienspiel, das man ohne Zuschauer nicht mehr nötig hätte. Wie könnte man auch von jemand verlangen, daß er als ernsthafter erwachsener Mensch sich nach Formeln richtete, die weiter nichts wären als bloße Spielregeln?

Doch es kommt noch hinzu, daß man niemals die nötige Sicherheit und Gewandtheit erlangt, wenn man immer erst in Gegenwart anderer mit seinem guten Benehmen beginnt. Da Appetit und schlechte Gewohnheit sehr bald den auferlegten Zwang durchbrächen, so würden sich die üblen Manieren doch schnell verraten. Wem daher der tiefere Sinn der Tischsitten verborgen bliebe, für den wäre es immer noch eine Sache der praktischen Zweckmäßigkeit, sich auch allein am Tische niemals gehen zu lassen.

——— Barbara Kleber: Knigge für jeden Tag: Richtiges Benehmen.
Zeitgemäße Umgangsformen. Mit Trainingsfilm auf DVD, 2011:

Stundenbuch des Herzogs von Berry, Johann von Valois bei einem großen Mahl, ca. 1410 via Kochzitate.deEin Beispiel: Dr. jur. Krösus (wir erinnern uns, der frischgebackene Doktor der Rechtswissenschaften) lädt seine beiden Mitarbeiterinnen zum Mittagessen in den Ratskeller ein. Alle Tische sind eingedeckt, ein paar Gäste sitzen im Gastraum. Dr. Krösus führt die Damen an einen Tisch seiner Wahl, ohne sich mit dem Service abgesprochen zu haben. Ein Kellner folgt der Prozession und weist die Gruppe darauf hin, dass dieser ausgewählte Tisch reserviert sei. Mit den Worten „Dann reservieren Sie eben einen anderen!“ lässt sich Krösus nieder, während die Damen noch zögerlich stehen bleiben. Der Kellner bittet Krösus höflich an einen anderen Tisch, denn dieser Tisch sei reserviert und schon für die Gäste dekoriert, die übrigens die Dekoration auch schon bezahlt hätten. Notgedrungen wechselt Krösus mit den Damen, denen die ganze Situation peinlich ist, an einen anderen Tisch. Krösus hat kaum von der Suppe gekostet, als er laut in die Hände klatscht, um die Aufmerksamkeit eines Kellners zu gewinnen. Dieser kommt auch schnell, weil er neues Unheil ahnt. Krösus erklärt ihm nun lautstark, dass er dieses „Dosenfutter“ nicht essen und auch nicht bezahlen wird. Mit einer Entschuldigung räumt der Kellner die Suppentasse ab. Die Damen löffeln weiter, immerhin scheint es ihnen zu schmecken. Zum Hauptgang haben die Herrschaften Rotwein bestellt. Wieder lässt Krösus den Service antreten und verkündet: „Diesen verkorkten Wein werde ich nicht trinken, bringen Sie mir ein Bier, damit können Sie hoffentlich nichts falsch machen.“ Schließlich sind die Teller und Gläser leer und Krösus ruft durch den Raum: „Zahlen!“ Der Kellner kommt mit der Rechnung. Derweilen hat Krösus seine Brieftasche gezückt, knallt drei Kreditkarten auf den Tisch mit der Bemerkung: „Suchen Sie sich eine aus!“ Während der Kellner noch mit der Karte seiner Wahl und der Abrechnung beschäftigt ist, steht Krösus auf und holt die Garderobe. Als sich die drei anziehen, kommt der Kellner mit der Karte und dem Rechnungsbeleg zurück. Wortlos nickend nimmt Krösus beides an sich. Die drei verlassen den Ratskeller und der Kellner atmet tief durch.

Sie wissen und können es besser. Notieren Sie hier Ihre Empfehlungen für Herrn Dr. Krösus:


 


 


 


 


Bilder: Badische Zeitung: Gutes Benehmen macht Eindruck.
Tischsitten sind weiter wichtig, 11. November 2013;
Les très riches heures du duc de Berry. Janvier (Stundenbuch des Herzogs von Berry, Januar):
Johann von Valois bei einem großen Mahl, ca. 1410 via Kochzitate:
Der Herzog sitzt an einem hohen Tisch unter einem luxuriösen Baldachin vor dem Kamin. Auf dem Tisch links vom Herzog ist ein goldenes Salzfässchen in Form eines Schiffs.

Written by Wolf

19. September 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Hochmittelalter, Nahrung & Völlerei

Der Fluch des Albatros

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Update zu Quietly Floats The Don und
Schicksal des Menschen, wie gleichst du dem Wind:

Der Entenhausener Bericht The Not-So-Ancient Mariner, empfangen und übermittelt durch Carl Barks, erschien deutsch als Der Fluch des Albatros (WDC 312) in TGDD 71, beide 1966. Heute am besten erreichbar in Die tollkühnen Abenteuer der Ducks auf hoher See, herausgegeben von Frank Schätzing (seufz!) im mareverlag, März 2006.

Der Gang der Handlung nach BarksBase:

Cover Walt Disney's Comics and Stories, The Not-So-Ancient MarinerDaisy hat beim Quiz der Wunderweiß-Waschmittel-Werke [Bluefog Blubber Company] eine Reise mit der „Korallen-Königin“ [Fatsonia] gewonnen und fährt zusammen mit ihrer Tante Melitta [Aunt Drusilla] in die Südsee. Weil Gustav mit demselben Schiff fährt (er ist zur Beat-Weltkonferenz nach Samoa eingeladen), beteiligt auch Donald sich an dem Wunderweiß-Quiz. Er kann die letzten zwei Strophen aus dem Gedicht „Der Fluch des Albatros“ [Ancient Mariner] und gewinnt ebenfalls eine Fahrt mit der „Korallen-Königin“ — allerdings im Laderaum, wo er von Daisy nicht viel sieht. Er schleicht sich an Deck, wo er versehentlich einen Albatros abschießt — was letztendlich dazu führt, daß Donald über Bord geht. Die dadurch bewirkte Fahrtverzögerung hat zur Folge, daß Donald die Bordpreisfrage richtig beantwortet — und sich eine Kabine erster Klasse leisten kann.

Im Original wird die Ballade »The Rime of the Ancient Mariner« ([in der Fassung von] 1798) von Samuel Taylor Coleridge zitiert. CBVD enthält zusätzlich die Originalfassung.

Empfohlen werden ausdrücklich Gustave Dorés 1876er Illustrationen zu Coleridges Ballade. Aufallend an der deutschen Fassung ist der einleitende Satz: „Alle Seeleute glauben, daß es Unglück bringt, einen Albatros zu töten. Ob das wohl stimmt?“, der explizit vom Töten spricht, obwohl nach verbreiteten Fällen von Traumatisierung durch den Tod von Bambis Mutter der Tod aus allen Disney-Veröffentlichungen herausgehalten wird (einzelne Rückfälle, z.B. Mufasa in König der Löwen, 1994). Dieser, sofern es einer ist, Aberglaube stammt aus dem antiken Griechenland, wo der Albatros Poseidons Lieblingsvogel war.

Im deutschen Comic wird sichtbar, daß die Ballade aus dem Buch Seegedichte stammt, nach allem vernünftigen Dafürhalten ein fiktives Buch. Zumindest die letzte, geflügelte Strophe „Weh mir Frevler, dass ich schoss den Schicksalsvogel Albatros! Dreimal wehe, dass ich traf! Dafür trifft mich des Schicksals Straf‘!“ stammt eindeutig von der Hauptübersetzerin Dr. Erika Fuchs, der Rest ist wahrscheinlich ein Stück alte, anonyme Fan Fiction avant la lettre. Der Einfluss von Coleridge auf Barks ist heute als Parodie anerkannt: Die angeführte Strophe übersetzte Frau Fuchs aus dem Original bei Coleridge/Barks:

„God save thee, ancyent Marinere!
„From the fiends that plague thee thus—
Why look’st thou so ?’—With my cross-bow
I shot the Albatross.

Im Volltext nach der offiziellen Homepage der D.O.N.A.L.D.:

Der Fluch des Albatros

Gustave Doré, Ancient Mariner. I shot the albatrossSchaumgekrönte Wellen branden
gegen Kap Kanaster an.
Bald werd‘ ich dort wieder landen,
wo dereinst mein Weg begann.

Wind frischt auf, und mit dem Brausen
fliegt mein Schiff in Richtung Watt.
Schon gewahr‘ ich Entenhausen:
Heißgeliebte Heimatstadt!

Lichtbestreuter Hafen — endlich
fährt mein Kurs mich an den Kai.
Vor mir wird die Skyline kenntlich
— da erklingt von Luv ein Schrei.

Gellend klingt er, so als ginge
grad ein Topgast über Bord.
Mit dem nächsten Rettungsringe
eile ich zum Unfallort.

Doch das Meer liegt bleigegossen,
niemand aus der Mannschaft fehlt.
Über meinen Schreck verdrossen,
hab‘ ich es dem Maat erzählt.

„Was Euch eben so verdroß,
das war der Ruf des Albatros.
Wehe dem, der ihn vernimmt:
Sein Schicksal ist vorausbestimmt.“

Kaum gehört, ist’s schon geschehen,
und das Unglück zieht herauf.
Vor mir türmen sich die Seen
bis auf Leuchtturmhöhe auf.

Wie ein Jux der Elemente
tanzt im Sund mein stolzes Schiff.
Backbord drohen Felsenwände,
steuerbord das Teufelsriff.

Da, die Durchfahrt! Und es schießt rein;
Gott hat uns den Weg gesucht.
Vor uns muß die Insel Kniest sein,
wir sind in der Gumpenbucht.

Still verdümpeln kleine Wellen,
denn der Sturm zog hier vorbei.
Doch wie tausende Tschinellen
hämmert wieder dieser Schrei.

Wer verdenkt mir meine Rage,
als ich seinen Ursprung such‘?
Auf der höchsten Takelage
sitzt der Vogel wie ein Fluch.

The Not-So-Ancient Mariner, 1966, 1st pageUnd der Maat brüllt ängstlich: „Boss,
er ist zurück, der Albatros!
Zweimal wehe, wer ihn schaut.
Sein Leben ist auf Sand gebaut.“

Ich vergesse Ruh‘ und Sitte
— dieser Vogel macht mich krank —
und betrete die Kajüte
mit des Käpt’ns Waffenschrank.

Knarrend öffnet sich die Türe
und ermöglicht mir die Wahl
aus dem glitzernden Spaliere
voller kaltem blauen Stahl.

Das Kaliber sei ein solches,
daß vom Opfer nichts mehr bleibt,
das die Federn dieses Strolches
bis zum Erdtrabanten treibt.

Gut gezielt: Ich expediere
durch der Waffe langen Lauf
diesem großen Unglückstiere
eine Ladung Blei hinauf.

Doch die brav getroffne Leiche
stürzt herab wie ein Geschoß.
Fragt mich nicht warum, ich weiche
ihm nicht aus, dem Albatros.

Weh mir Frevler, daß ich schoß
den Schicksalsvogel Albatros!
Dreimal wehe, daß ich traf!
Dafür trifft mich des Schicksals Straf‘!

Bilder: BarksBase; Gustave Doré, 1876; I.N.D.U.C.K.S., 1966.

Written by Wolf

15. September 2014 at 13:29

Veröffentlicht in Das Tier & wir, Romantik

Diese seltsame Katzenandacht (Dieses scharf riechende Thier)

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Vorspann: ——— Goethe an Johann Gottfried Herder. Rom, 13. Januar 1787:

In meiner Stube hab ich schon die schönste Jupiter Büste, eine kolossale Juno über allen Ausdruck groß und herrlich, eine andre kleiner und geringer, das Haupt des Apoll von Belvedere und in Tischbeins Studio steht auch manches dessen Werth mir aufgeht. Nun rücke ich zu den Gemmen, und alle Wege bahnen sich vor mir, weil ich in der Demuth wandle.

——— Goethe: Rom, den 25. December 1786,
in: Italienische Reise, Von Ferrara bis Rom:

Letizia Mancino, Die Katze in Goethes Bett. Goethes schwierigste Liebesbeziehung in Rom, AIG I. Hilbinger Verlagsgesellschaft, 2009Ich fange nun schon an die besten Sachen zum zweitenmal zu sehen, wo denn das erste Staunen sich in ein Mitleben und reineres Gefühl des Werthes der Sache auflös’t. Um den höchsten Begriff dessen was die Menschen geleistet haben, in sich aufzunehmen, muß die Seele erst zur vollkommenen Freiheit gelangen.

Der Marmor ist ein seltsames Material, deßwegen ist Apoll von Belvedere im Urbilde so gränzenlos erfreulich, denn der höchste Hauch des lebendigen, jünglingsfreien, ewig jungen Wesens verschwindet gleich im besten Gyps-Abguß.

Gegen uns über im Palast Rondanini steht eine Medusenmaske, wo, in einer hohen und schönen Gesichtsform, über Lebensgröße, das ängstliche Starren des Todes unsäglich trefflich ausgedrückt ist. Ich besitze schon einen guten Abguß, aber der Zauber des Marmors ist nicht übrig geblieben. Das edle Halbdurchsichtige des gelblichen, der Fleischfarbe sich nähernden Steins ist verschwunden. Der Gyps sieht immer dagegen kreidenhaft und todt.

Und doch, was für eine Freude bringt es, zu einem Gypsgießer hineinzutreten, wo man die herrlichen Glieder der Statuen einzeln aus der Form hervorgehen sieht, und dadurch ganz neue Ansichten der Gestalten gewinnt. Alsdann erblickt man neben einander, was sich in Rom zerstreut befindet, welches zur Vergleichung unschätzbar dienlich ist. Ich habe mich nicht enthalten können, den kolossalen Kopf eines Jupiters anzuschaffen. Er steht meinem Bette gegenüber, wohl beleuchtet, damit ich sogleich meine Morgenandacht an ihn richten kann, und der uns, bei aller seiner Großheit und Würde, das lustigste Geschichtchen veranlaßt hat.

Unserer alten Wirtin schleicht gewöhnlich, wenn sie das Bett zu machen hereinkommt, ihre vertraute Katze nach. Ich saß im großen Saale und hörte die Frau drinne ihr Geschäft treiben. Auf einmal, sehr eilig und heftig gegen ihre Gewohnheit, öffnet sie die Thüre, und ruft mich eilig zu kommen, und ein Wunder zu sehen. Auf meine Frage: was es sey, erwiederte sie, die Katze bete Gott Vater an. Sie habe diesem Thiere wohl längst angemerkt, daß es Verstand habe wie ein Christ, dieses aber sey doch ein großes Wunder. Ich eilte mit eigenen Augen zu sehen, und es war wirklich wunderbar genug. Die Büste steht auf einem hohen Fuße, und der Körper ist weit unter der Brust abgeschnitten, so daß also der Kopf in die Höhe ragt. Nun war die Katze auf den Tisch gesprungen, hatte ihre Pfoten dem Gott auf die Brust gelegt, und reichte mit ihrer Schnauze, indem sie die Glieder möglichst ausdehnte, gerade bis an den heiligen Bart, den sie mit der größten Zierlichkeit beleckte und sich weder durch die Interjection der Wirthin, noch durch meine Dazwischenkunft im mindesten stören ließ. Der guten Frau ließ ich ihre Verwundrung, erklärte mir aber diese seltsame Katzenandacht dadurch, daß dieses scharf riechende Thier wohl das Fett möchte gespürt haben, das sich aus der Form in die Vertiefungen des Bartes gesenkt und dort verhalten hatte.

Johann Heinrich Wilhelm Tischbein: Goethe in seiner römischen Wohnung, Federzeichnung 1787, rechts außen die Juno Ludovisi

Cover nach Tischbein: Letizia Mancino: Die Katze in Goethes Bett:
Goethes schwierigste Liebesbeziehung in Rom
, AIG I. Hilbinger Verlagsgesellschaft, 2009;
Das verfluchte zweite Küßen: Johann Heinrich Wilhelm Tischbein: Goethe in seiner römischen Wohnung, Federzeichnung 1787. Rechts außen die Juno Ludovisi.

Written by Wolf

14. September 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Das Tier & wir, Sturm & Drang

Hunderttausende erlebten Goethe, Schiller und Herrndorf! Schon beim Saisonauftakt waren alle tot. Dass Schiller nicht Wolfgang hieß, verblüffte alle.

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Update zu Mein Lied ertönt der unbekannten Menge und
So schreitet in dem engen Bretterhaus den ganzen Kreis der Schöpfung aus:

Das aktuelle Ranking der drei beliebtesten deutschen Theaterstücke des Deutschen Bühnenvereins:

Die Realität ist für diejenigen, die ihre Träume nicht aushalten, Faust am Residenztheater München, Juni 2014In der Theatersaison 2012/2013 gab es in Deutschland 43 Inszenierungen von Goethe: Faust. Insgesamt erlebten sie 380 Aufführungen; das ist etwas mehr als eine pro Tag.

Im gleichen Zeitraum im gleichen Erhebungsgebiet gab es 29 Inszenierungen von Wolfgang Herrndorf: Tschick. Insgesamt erlebten sie 764 Aufführungen; das sind etwas mehr als zwei pro Tag. Sie erreichten knapp 99.000 Zuschauer — nach verkauften Theaterkarten, nicht nach „Klicks“ auf halblegale Handy-Mitschnitte auf YouTube.

Im gleichen Zeitraum im gleichen Erhebungsgebiet gab es 24 Inszenierungen von Schiller: Kabale und Liebe. Sie erreichten 122.000 Zuschauer.

Tschick hat damit erstmals in der Theatergeschichte mit einem Aufführungsrekord Goethe und Schiller überholt.

Herrndorf wird wegen seines überschaubaren und jedem Casting-Event die Bude einrennenden Personals — zwei renitente Berliner Jungs — mit Vorliebe an eher familiär geführten Studiobühnen gespielt, Kabale und Liebe wird ungebrochen als Anschauungsmaterial für Schulstoff gebraucht, Faust hatte erst im Juni 2014 seinen eigenen Monat im Münchner Residenztheater.

Dreisatzaufgabe: a) Wie viele Zuschauer erreichte Faust in der bundesdeutschen Theatersaison 2012/2013 in seinen 1,04 täglichen Aufführungen? b) Wie oft musste Kabale und Liebe für seine 334-einviertel täglichen Zuschauer aufgeführt werden?

Fachfrage: a) Wie viele Leute laufen in diesem Moment in Deutschland herum, die den Faust auswendig können? b) Wie viele können wenigstens eine Sprechrolle aus dem ersten Teil?

Transferaufgabe: Ist es zum Erzielen eines Theatererfolgs sinnvoller, a) Wolfgang zu heißen oder b) zu sterben?

Diese Fragen dürfen Sie als rhetorisch betrachten oder beantworten. Genugsame Brillanz bei letzterem belohne ich mit Buchgeschenken. Mach ich einfach.

Die Realität ist für diejenigen, die ihre Träume nicht aushalten:
Residenztheater München, Juni 2014.

Written by Wolf

12. September 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Sturm & Drang

Schön siebenzeilig Lurley

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Update zu Und traurig in der Mitten die schöne Lore Lay (das la Wokalek so wunderschön vorträgt):

Man muss zwischendurch daran erinnern: Ich sammle Gedichte mit siebenzeiligen Strophen. Wenn jemand welche kennt? Ein Prachtexemplar ist ja:

——— Friedrich Förster: Lurley
in: Morgenblatt für gebildete Leser, 1838:

Albert Arthur Allen, Risque Beauty, 1920sIn dunkler Felsenbucht am Rhein,
Da pflegt schön Lurley zu hausen,
Es blüht keine Rebe, es grünet kein Wein,
Keine Blume, kein Halm auf dem öden Gestein,
Kein Schiffer legt dort den Nachen an,
Kein Waidmann suchet die steile Bahn,
Sie ziehen und fliehen vorüber.

Und kommt nun der Mond bei nächtlicher Zeit
Herauf an dem Himmel gezogen,
Da zeigt sich im Wasser ein schimmerndes Kleid,
Mit blendenden Armen die schönste Maid;
Sie jammert, sie ruft mit bangem Ton:
O rettet! o helft! ich versinke schon,
O rettet, sonst bin ich verloren.

Der Wandrer erblickt die holde Gestalt,
Es dringt ihm der Ruf an die Seele,
Da wirft er sich kühn in des Stromes Gewalt,
In die Flut, die am Felsen widerhallt.
Schön-Lurley ergreift ihn, sie hält ihn umfaßt:
„Nun bleibst du hier unten mein trautester Gast
Und kehrst zu der Heimath nicht wieder.“

Siehe auch Ernst Ferdinand Kossmann: Die siebenzeilige Strophe in der deutschen Litteratur, Haag, Nijhoff 1923;
Sagenland der Loreley: Geschichten und Bilder rund um die Loreley.

Die schönste Jungfrau sitzet: Albert Arthur Allen: Risque Beauty, 1920s.

Written by Wolf

5. September 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Romantik

Wanderwochen 03: 2 + 2 – 2 + 2 = 7 (Ist doch bloß ein Märchen)

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Update zur Matratzengruft und zum Schlachtens:

„Der Wolf wieder“, sagt die Wölfin, „mit seinen Kinder- und Hausmärchen. Was hast’n wieder für einen Schauerkram aufgetrieben?“

„Und was für einen“, sag ich, Die beiden Wanderer. Das willst du gar nicht kennen.“

Das sicherste Mittel. „Lies mir vor“, sagt die Wölfin.

Die beiden Wanderer nach der siebten Auflage letzter Hand 1857. Den Anfang lass ich mal weg.

Johann Gottfried Seume, Spaziergang nach Syrakus. Titelblatt der Erstausgabe, gezeichnet von Johann Christian Reinhart, 1803Als sie eine Zeitlang gewandert waren, kamen sie an einen großen Wald, durch welchen der Weg nach der Königsstadt gieng. Es führten aber zwei Fußsteige hindurch, davon war der eine sieben Tage lang, der andere nur zwei Tage, aber niemand von ihnen wußte, welcher der kürzere Weg war. Die zwei Wanderer setzten sich unter einen Eichenbaum und rathschlagten wie sie sich vorsehen und für wie viel Tage sie Brot mitnehmen wollten. Der Schuster sagte „man muß weiter denken als man geht, ich will für sieben Tage Brot mit nehmen.“ „Was,“ sagte der Schneider, „für sieben Tage Brot auf dem Rücken schleppen wie ein Lastthier und sich nicht umschauen? ich halte mich an Gott und kehre mich an nichts. Das Geld, das ich in der Tasche habe, das ist im Sommer so gut als im Winter, aber das Brot wird in der heißen Zeit trocken und obendrein schimmelig. Mein Rock geht auch nicht länger als auf die Knöchel. Warum sollen wir den richtigen Weg nicht finden? Für zwei Tage Brot und damit gut.“ Es kaufte sich also ein jeder sein Brot, und dann giengen sie auf gut Glück in den Wald hinein.

In dem Wald war es so still wie in einer Kirche. Kein Wind wehte, kein Bach rauschte, kein Vogel sang, und durch die dichtbelaubten Äste drang kein Sonnenstrahl. Der Schuster sprach kein Wort, ihn drückte das schwere Brot auf dem Rücken, daß ihm der Schweiß über sein verdrießliches und finsteres Gesicht herabfloß. Der Schneider aber war ganz munter, sprang daher, pfiff auf einem Blatt oder sang ein Liedchen, und dachte „Gott im Himmel muß sich freuen daß ich so lustig bin.“ Zwei Tage gieng das so fort, aber als am dritten Tag der Wald kein Ende nehmen wollte, und der Schneider sein Brot aufgegessen hatte, so fiel ihm das Herz doch eine Elle tiefer herab: indessen verlor er nicht den Muth, sondern verließ sich auf Gott und auf sein Glück. Den dritten Tag legte er sich Abends hungrig unter einen Baum und stieg den andern Morgen hungrig wieder auf. So gieng es auch den vierten Tag, und wenn der Schuster sich auf einen umgestürzten Baum setzte, und seine Mahlzeit verzehrte, so blieb dem Schneider nichts als das Zusehen. Bat er um ein Stückchen Brot, so lachte der andere höhnisch und sagte „du bist immer so lustig gewesen, da kannst du auch einmal versuchen wies thut wenn man unlustig ist: die Vögel, die Morgens zu früh singen, die stößt Abends der Habicht,“ kurz, er war ohne Barmherzigkeit. Aber am fünften Morgen konnte der arme Schneider nicht mehr aufstehen und vor Mattigkeit kaum ein Wort herausbringen; die Backen waren ihm weiß und die Augen roth. Da sagte der Schuster zu ihm „ich will dir heute ein Stück Brot geben, aber dafür will ich dir dein rechtes Auge ausstechen.“ Der unglückliche Schneider, der doch gerne sein Leben erhalten wollte, konnte sich nicht anders helfen: er weinte noch einmal mit beiden Augen und hielt sie dann hin, und der Schuster, der ein Herz von Stein hatte, stach ihm mit einem scharfen Messer das rechte Auge aus. Dem Schneider kam in den Sinn was ihm sonst seine Mutter gesagt hatte, wenn er in der Speisekammer genascht hatte „essen so viel man mag, und leiden was man muß.“ Als er sein theuer bezahltes Brot verzehrt hatte, machte er sich wieder auf die Beine, vergaß sein Unglück und tröstete sich damit daß er mit einem Auge noch immer genug sehen könnte. Aber am sechsten Tag meldete sich der Hunger aufs neue und zehrte ihm fast das Herz auf. Er fiel Abends bei einem Baum nieder, und am siebenten Morgen konnte er sich vor Mattigkeit nicht erheben, und der Tod saß ihm im Nacken. Da sagte der Schuster „ich will Barmherzigkeit ausüben und dir nochmals Brot geben; umsonst bekommst du es nicht, ich steche dir dafür das andere Auge noch aus.“ Da erkannte der Schneider sein leichtsinniges Leben, bat den lieben Gott um Verzeihung und sprach „thue was du mußt, ich will leiden was ich muß; aber bedenke daß unser Herrgott nicht jeden Augenblick richtet und daß eine andere Stunde kommt, wo die böse That vergolten wird, die du an mir verübst und die ich nicht an dir verdient habe. Ich habe in guten Tagen mit dir getheilt was ich hatte. Mein Handwerk ist der Art daß Stich muß Stich vertreiben. Wenn ich keine Augen mehr habe, und nicht mehr nähen kann, so muß ich betteln gehen. Laß mich nur, wenn ich blind bin, hier nicht allein liegen, sonst muß ich verschmachten.“ Der Schuster aber, der Gott aus seinem Herzen vertrieben hatte, nahm das Messer und stach ihm noch das linke Auge aus. Dann gab er ihm ein Stück Brot zu essen, reichte ihm einen Stock und führte ihn hinter sich her.

Noch weiter?“

„Wolf!“ gruselt sich die Wölfin, „das ist ja fürchterlich!“

„Gelle? Hätte heut nicht mal eine Jugendfreigabe.“

„Aber echt mal. Wieso hat nicht jeder einfach für vier Tage Brot gekauft?“

„Wieso jetzt für vier?“

„Weil du genausowenig rechnen kannst wie dein tapferes Schneiderlein.“

„??“

„Na, denk doch mal nach. Sie haben zwei Möglichkeiten. Eine davon ist möglicherweise falsch. Und wann finden sie heraus, ob sie falsch war?“

„Du meinst …“

„Nach zwei Tagen, genau. Und was unternehmen sie dann?“

„Besser machen?“

„Kluger Wolf. Und dazu müssen sie die gleichen zwei Tage wieder zurück. Macht vier. Wenn sie wieder da sind?“

„Kaufen sie Brot für sieben Tage?“

„Quatsch, du BWL-Genie! Sie kaufen nochmal Brot für zwei Tage und nehmen den anderen Weg.“

„Ah, logisch.“

„Die Chance, dass sie falsch laufen, beträgt grade mal fünfzig Prozent. Ganz gut für eine Lebensentscheidung, find ich. Und selbst wenn sie ihren zweiten Versuch nutzen müssen, brauchen sie insgesamt immer noch Brot für sechs Tage, nicht für sieben.“

„Genial.“

„Märchenhaft genial. Wie geht deine Schauergeschichte überhaupt weiter?“

„Moment, da haben wir die Anmerkungen der Brüder Grimm selber, in der dritten Auflage 1856. Die stehen im dritten Band der großen Reclam-Ausgabe:

Georg Friedrich Kersting, Caspar David Friedrich auf der Wanderung ins Riesengebirge, 18. Juli 1810Nach einer Erzählung aus dem Holsteinischen, die besser und vollständiger ist als die in den früheren Ausgaben unter dem Titel die Krähen sich befindet und einer Überlieferung aus dem Meklenburgischen folgte. Bei Pauli in Schimpf und Ernst Cap. 464 eine einfache Darstellung. Ein Diener wird von seinem Herrn an einen Baum gebunden: böse Geister, die sich Nachts da versammeln, sprechen daß ein Kraut welches unter dem Baum wächst, das Gesicht wieder gebe. Nachdem er sich geheilt hat, macht er damit eines reichen Mannes Tochter wieder sehend und erhält sie mit großen Gütern zur Ehe. Sein voriger Herr will sich auch solchen Reichthum verschaffen, geht zum Baum, wo ihm des Nachts die Geister die Augen ausstechen. In der Braunschweiger Sammlung (S. 168–180) mit dem unsrigen übereinstimmender, aber schlecht erneuert. Krähen die, auf dem Baume sitzend, von Augen aushacken sprechen, auch in Helwigs jüdischen Legenden Nr. 23, hier, indem sie dem Blinden sagen was er thun soll, gleichen sie den Vögeln die dem Sigurd guten Rath geben (s. Fafnismâl und Anmerk. zu Str. 32). Der frischgefallene Thau der das Gesicht wieder gibt, ist das Reine, das alles heilt, der Speichel, womit der Herr dem Blinden das Gesicht wieder gibt, und das unschuldige Kinder- oder Jungfrauenblut, wodurch die Miselsüchtigen genesen; vergl. Altd. Wälder 2, 208 und armer Heinrich S. 175 ff. In der Braunschweiger Sammlung kommt das Märchen S. 168–180 vor, in dem Büchlein für die Jugend S. 252–263. Bei Pröhle Märchen für die Jugend Nr. 1. Dänisch bei Molbech Nr. 6 mit eigenthümlichen und guten Abweichungen. Norwegisch bei Asbjörnsen Bd. 2. Böhmisch bei Gerle Bd. 1, Nr. 7 St. Walburgis Nachttraum oder die drei Gesellen. Ungarisch bei Gaal (Nr. 8) die dankbaren Thiere, bei Mailath die Brüder (Nr. 8), bei Stier die drei Thiere S. 65. Serbisch mit einer eigenthümlichen Einleitung bei Wuk Nr. 16. Im Heftpeiger des persischen Dichters Nisami kommt eine offenbar verwandte Erzählung vor, welche Hammer in der Geschichte der schönen Redekünste Persiens (Wien 1818) S. 116. 117 aus der Handschrift bekannt gemacht hat. Chair wird von einem treulosen Reisegefährten Scheer, den er für seinen Freund hält, erst seines Vorraths an Wasser, dann auch seiner Augen beraubt und mishandelt. So bleibt er liegen, bis ein schönes kurdisches Mädchen ihn findet, verpflegt und heilt. Der Jüngling heilt die Tochter des Wesirs und Sultans und läßt sichs wohlgehen, bis er eines Tages seinem alten Gefährten begegnet, dem er verzeiht, der aber von einem Kurden getödtet wird.

Der Schneider bleibt auf einem Galgenberg unter zwei Gehängten liegen. Die unterhalten sich, und er kriegt mit, dass er sich mit dem Tau, der von ihnen ins Gras tropft, die Augenhöhlen waschen muss, damit er wieder sieht. Das macht er, freut sich und kämpft sich zur Königsstadt durch, hilft unterwegs ein paar Tieren, kriegt von jedem einen Wunsch frei und wird am gleichen Tag Hofschneider wie der Schuster, der nicht mehr sein Kumpel ist …“

„… denk ich mir …“

„… Hofschuster wird. Unterwegs hat er übrigens vier Tieren geholfen, nicht wie üblich dreien.“

„Kommt da die Vierzahl rein, die sie bei ihrer Lebensmittelplanung vernachlässigt haben?“

„Glaub ich jetzt nicht. So buchhalterisch geht’s nicht. Ist doch bloß ein Märchen.“

„Eben, mein Lieber, eben. In denen geht’s normalerweise gerecht zu. Dass der Schneider mit Hilfe seiner dankbaren Tiere alles schafft und die Königstochter und das halbe Reich kriegt, setz ich voraus. Was wird aus dem Schuster, dem Kameradenschwein?“

„Der

Moritz von Schwind, Abschied im Morgengrauen, 1859mußte die Schuhe machen, in welchen das Schneiderlein auf dem Hochzeitfest tanzte, hernach ward ihm befohlen die Stadt auf immer zu verlassen. Der Weg nach dem Wald führte ihn zu dem Galgen. Von Zorn, Wuth und der Hitze des Tages ermüdet, warf er sich nieder. Als er die Augen zumachte und schlafen wollte, stürzten die beiden Krähen von den Köpfen der Gehenkten mit lautem Geschrei herab und hackten ihm die Augen aus. Unsinnig rannte er in den Wald und muß darin verschmachtet sein, denn es hat ihn niemand wieder gesehen oder etwas von ihm gehört.

Glücklich damit?“

„Joh, das geht okay. Ist ein langes Märchen, oder?“

„Ziemlich, und richtig detailverliebt ausgeschrieben – also schon aus der Werkstatt von Wilhelm, nicht Jacob Grimm. Da braucht’s Brot für sieben Tage.“

„Für vier bitte. ‚Das Brot wird in der heißen Zeit trocken und obendrein schimmelig.‘ Und Zwiebeln fehlen.“

„Ist doch bloß ein Märchen.“

„Eben, mein Lieber, eben.“

„Geh ja schon.“

Bilder: Johann Christian Reinhart: Titelblatt der Erstausgabe Johann Gottfried Seume: Spaziergang nach Syrakus, 1803;
Georg Friedrich Kersting: Caspar David Friedrich auf der Wanderung ins Riesengebirge, 18. Juli 1810;
Moritz von Schwind: Abschied im Morgengrauen, 1859.

Danke an Federica für die Hilfe mit den Bildern!

Written by Wolf

1. September 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Romantik