Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

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Kater Murr und der dramatisierte Magnetismus

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Update zu Der vortreffliche Kater Murr (Gekatzbuckel!)
und Was ich gebar in Stunden der Begeisterung:

Glücklicherweise ist die Forschung nicht erst seit 2018 weit genug zu erkennen, dass E.T.A. Hoffmann: Lebens-Ansichten des Katers Murr eins der besten, jedenfalls unverzichtbaren Bücher überhaupt ist, ohne das nicht allein die deutsche, sondern die Weltliteratur ein ganzes Stück ärmer wäre, da können Sie gern die Herrschaften Poe, Dostojewski, Thomas Mann, Christa Wolf, Franz Fühmann und ein ganzes Heer von Illustratoren fragen.

Daniel Nilsson, Homeless in Rain, 25. Juli 2016Das war nicht gleich bei Ersterscheinen so: Hans von Müller sorgt sich noch 1903 in seinem Kreislerbuch um das „gefährliche, selbstmörderische Spiel mit der Form„, Hartmut Steinicke wiegelt 1992 in seiner großen Murr-Ausgabe schon ab (Seite 923):

Die Angriffspunkte der früheren Kritik wurden in diesen [von Steinicke besprochenen] neuen Deutungen entweder ausgeklammert oder mir der allgemeinen Verwirrung der ästhetischen Begriffe in der Spätzeit der Romantik entschuldigt.

Danke dafür — von Müller für seinen mehr besorgten denn angriffslustigen Tonfall, Steinicke für seine schlichtende Ehrenrettung — ich wäre nämlich gern auf der Seite von Ludwig Börne.

Ludwig Börne teilt sich mit mir den Geburtstag, hat ein beeindruckend durchdachtes Verhältnis zu Goethe, das man ambivalent oder oder objektiv finden mag, hat den heute oft blindlings verehrten Heine jahrelang zur Ordnung gepfiffen, was man ambivalent oder zickig finden mag, gelangt dabei über der einen oder anderen brillanten Formulierung zu ebensolchen Gedankengängen und wird von nur noch wenigen, aber den richtigen Leuten gemocht. Und dann — nach einer Einleitung voll der geballten Verumglimpfung des gesamten Katzentums — das: „Kater Murr und die ihm vorhergegangenen Werke seines Verfassers sind Nachtstücke, nie von sanftem Mondscheine, nur von Irrwischen, fallenden Sternen und Feuersbrünsten beleuchtet.“

Ja, stimmt schon. Das sagt der, als ob es was Schlechtes wäre (in seiner eigenen Zeitschrift Die Wage, 1820). Gut, Börne mag keine Katzenbücher (und offenbar nicht einmal Katzen) mit einem Humor, der heute als gallig durchginge; ein inhaltliches und formales Feuerwerk wie den Murr deswegen als krankhaft und seines Da-Seins unberechtigt hinzustellen finde ich aus dem Wissensschatz des 20. Jahrhunderts heraus, den Börne zwangsläufig nicht erringen konnte, gelinde gesagt bedenklich. Nebenbei bemerkt war Börne, geborener Juda Löb Baruch im Frankfurter Schtetl, bis zu seiner Taufe (am 5. Juni 1818, also 32-jährig) — wenngleich nur sehr gelegentlich praktizierender — Jude, falls das etwas zur Sache aussagt.

Vielleicht passiert das, wenn Journalisten gleichzeitig Literaturkritiker sind. Um Börne mit seiner eigenen Argumentation zu retten: „Ein Streben, das keinen Dank verdient“ — aber eben: „Es muß auch solche Käuze geben.“

——— Ludwig Börne:

Humoralpathologie

in: Die Wage 1820, nach: Sämtliche Schriften, Band 2, Düsseldorf 1964, S. 450 bis 457:

Die Katze gehört zum edlen Geschlechte des Löwen; aber nur der Abschaum königlichen Blutes fließt in ihren Adern. Sie ist ohne Mut, und darum ohne Großmut; ohne Kraft, und darum falsch; ohne Freundlichkeit, und darum schmeichelnd. Der Tag blendet sie, am schärfsten sieht sie im Dunkeln. Sie liebt die Höhen nicht, sie liebt nur das Steigen; sie hat einen Klettersinn und klettert hinauf, um wieder herabzuklettern. Minder widerlich ist selbst ihr tückisches Knurren als ihr zärtliches Miauen. Nicht dem Menschen, der sie wartet, nur dem Hause, worin sie gefüttert worden, bleibt sie treu. Eine entartete Mutter, frißt sie ihre eigenen Jungen. So ist die Katze! So ist auch der Katzenhumor, der in Hoffmanns Kater Murr spinnt. Ich gestehe es offen, daß dieses Werk mir in der innersten Seele zuwider ist, mag man es auch eben so kindisch finden, ein Buch zu hassen, das einem wehe tat, als es kindisch ist, einen Tisch zu schlagen, woran man sich gestoßen. Aber nicht über die genannte Schrift insbesondere, sondern über die darin fortgespielte mißtönende Weise, die auch in allen übrigen Werken des Verfassers uns beleidigend entgegenklingt, über die beständig darüber herziehende, naßkalte, nebelgraue, düstere und anschauernde Witterung will ich einige Worte sagen. Die Überschrift, welche diese Betrachtung führt, ein Wort, dessen Bedeutung die neuere Arzneikunst verwirft, wurde darum gewählt, weil gezeigt werden soll, daß der Humor in den Schriften des Verfassers der Phantasiestücke ein kranker ist. Der gesunde und lebensfrische Humor atmet frei und stöhnt nicht mit enger Brust. Er kennt die Trauer, aber nur über fremde Schmerzen, nicht über eigene. Er berührt die Wunde nicht, die er nicht heilen kann, und reizt sie nie vergebens. Er sieht von der Höhe auf alle Menschen herab, nicht aus Hochmut, sondern um alle seine Kinder mit einem Blicke zu übersehen. Was sich liebt, trennt er, um die Neigung zu verstärken; was sich haßt, vereinigt er, nicht um den Hader, um die Versöhnung herbeizuführen. Er entlarvt den Heuchler und verzeiht die Heuchelei; denn auch die Maske hat ein Menschenantlitz, und in der häßlichen Puppe ist ein schönerer Schmetterling verborgen. Er findet nichts verächtlich als die Verachtung und achtet nichts, weil er nichts verachtet. Nichts ist ihm heilig, weil ihm alles heilig erscheint; die ganze Welt ist ihm ein Gotteshaus, jedes Menschenwort ein Gebet, jede Kinderlust ein Opfer auf dem Altare der Natur. Er zieht den Himmel erdwärts, nicht um ihn zu beschmutzen, sondern um die Erde zu verklären. Er kennt nichts Häßliches, doch verschönt er es, um es gefälliger zu machen. Er liebt das Gute und beklagt die Schlechten; denn das Laster ist ihm auch eine Krankheit und der Tod durch des Henkers Schwert nur eine andere Art zu sterben. Er zürnt mit seinem eignen Zorne, denn nur das Überraschende entrüstet, und nur der Schlafende wird überrascht. Er verspottet seine eigne Empfindung, denn jeder Regung geht Gleichgültigkeit vorher, und jede Vorliebe ist eine Ungerechtigkeit. Er erhebt das Niedrige und erniedrigt das Hohe, nicht aus Trotz, oder um zu demütigen, sondern um beides gleich zu setzen, weil nur Liebe ist, wo Gleichheit. Er tröstet nicht, er unterdrückt das Bedürfnis des Trostes. Stets rettend, lindernd, heilend, verletzt er sich selbst mit scharfem Dolche, um dem Verwundeten mit Lächeln zu zeigen, daß solche Verletzungen nicht tödlich seien. Seine Sorgfalt endet nicht, wenn die Wunde sich geschlossen; Narben sind auch Wunden, die Erinnerung ist auch ein Schmerz; er glättet jene und vernichtet diese. Der Geist der Liebe haucht fort und fort aus ihm, alles befördernd; er treibt das Schiff, wenn es die Gefahren des Meeres, und führt es zurück, wenn es den Hafen sucht – er rechtet nicht mit den Begehrungen der Menschen, denn Suchen beglückt mehr als Finden.

Der gute Geist der Liebe, der versöhnt und bindet und die im Prisma des Lebens entzweiten Farben in den Schoß der Muttersonne zurückführt, jener Geist – er kommt nie ungerufen – beseelt die Werke des Verfassers der Phantasiestücke nicht mit dem leisesten Hauche. Das neckende Gespenst des Widerspruchs, das jede Freude verdirbt und jeden Schmerz verhöhnt, steigt dort, von grauser Mitternacht umgeben, aus dem Grabe aller Empfindungen herauf. Er führt uns auf die höchsten Gipfel, um uns tiefer herabzustürzen, und selbst sein Himmel ist ein unterirdischer. Er dringt in die Tiefe aller Dinge, um ihren geheimnisvollen Wechselhaß, nicht um ihre verschwiegene Liebe zu verraten. Kreisler ist der Unglücklichste aller Verdammten. Er ist ein gestürzter Engel. Die Brücke, welche der gute Humor über alle Spalten und Spaltungen des Lebens führt, reißt der entartete nieder; die Harrenden auf beiden Seiten strecken sich sehnsuchtsvoll die Arme entgegen und verzweifeln um so mehr, je näher die Ufer sind. Selbst die Musik, diese Himmelskönigin, die er liebend verehrt, steht in unerreichbarer Ferne von ihm; sie hört seine Gebete nicht, und nie gab es eine mißtönendere Seele als die jenes Kreisler, der rastlos den Wohllaut sucht und niemals findet, weil der Widerklang im eignen Herzen fehlt.

Empfindsamkeit und Spott sind die beiden Pole, jene der anziehende, dieser der abstoßende des Humors. Aber nur in der Mitte ist der Indifferenzpunkt der Liebe. Wo sie versöhnt zusammentreffen, da schmilzt die eine den Frost des anderen, oder der Spott kühlt säuselnd die Sonnenglut der Empfindung ab. Wenn sie aber auseinander stehen, ist die Empfindsamkeit nur eine gefährliche Abneigung, eine launische Wahlverwandtschaft, die uns mit einem Stoffe verbindet und von tausenden trennt, – und der Spott wird zum Hasse. So in seine Bestandteile gespalten, erscheint der Humor in den genannten Werken, und ganz so, wie er dem Meister Abraham tadelnd zugeschrieben wird, nicht „als jene seltene wunderbare Stimmung des Gemüts, die aus der tiefern Anschauung des Lebens in all seinen Bedingnissen, aus dem Kampf der feindlichsten Prinzipe sich erzeugt, sondern nur durch das entschiedene Gefühl des Ungehörigen, gepaart mit dem Talent, es ins Leben zu schaffen, und der Notwendigkeit der eignen bizarren Erscheinung. Dieses war die Grundlage des verhöhnenden Spottes, den Liscov überall ausströmen ließ, der Schadenfreude, mit der er alles als ungehörig erkannte, rastlos verfolgte, bis in die geheimsten Winkel.“ Kreisler hat sich selbst das Urteil gesprochen: nicht anders ist sein eigner Humor. Ein zerrissenes Gemüt, ein alles zerreißender Spott. Seine Gefühle sind nur Verzerrungen, nicht rührender als das Zucken des Froschschenkels an der galvanischen Säule, und der Friede seines Gemüts zeigt nur die Ruhe einer Maske. Was die Natur am innigsten verwebte, zieht er in die Fäden der Kette und des Einschlags auseinander, um hohnlächelnd ihre feindlichen Richtungen zu zeigen. Daher auch seine harten Schmähungen, mit welchen er diejenigen verfolgt, die an musikalischen Spielen ihre Lust finden und welchen die Kraft oder Neigung fehlt, die Kunst als heiligen Ernst zu fassen und auszuüben. Kreisler fordert unduldsam, seine Göttin solle, gleich dem grausamen Gotte der Juden, dem auserwählten kleinen Volke der Künstler ausschließlich zugehören. Noch nie haben Priester den Tempel, den sie bewahren, Gläubigen verschließen wollen! Musik ist Gebet; ob nun das Kind es herstammele, ob der rohe Mensch in roher Sprache es halte, ob der Gebildete in sinnigen geistvollen Worten – der Himmel hört sie mit gleicher Liebe an und gibt jedem den Widerklang seiner Empfindung als Trost zurück. Das Gassenlied, das den rohen Gesellen hinauftreibt, ist so ehrwürdig als die erhabenste Dichtung Mozarts, die ein empfängliches Ohr begeistert. Und welche Musik ist beglückender, die berauschende des wahnsinnigen Kapellmeisters, die als Bacchantin und Furie das Herz durch alle Wonnen, durch alle Qualen peitscht, oder die sanft erwärmende, die still erfreut und täglich und häuslich genossen werden kann? Darf man eine Freude zerstören, weil man sie verwirft und nicht teilen mag? Warum gegen die musikalischen Tändeleien eifern, da durch sie allein die ernste Kunst fortgepflanzt wird, weil jede Größe in Kunst und Wissenschaft nur die zusammengezogene Zahl vorhergehender kleinerer Zahlen ist, und da kein Gut an die Stelle des Genusses käme, wenn nicht seines Wertes unkundige Fuhrleute, sich mit dem Ertrage des Gewichtes begnügend, es weiter brächten?

Kater Murr und die ihm vorhergegangenen Werke seines Verfassers sind Nachtstücke, nie von sanftem Mondscheine, nur von Irrwischen, fallenden Sternen und Feuersbrünsten beleuchtet. Alle seine Menschen stehen auf der faulen wankenden Brücke, die von dem Glauben zum Wissen führt; unter ihnen droht der Abgrund, und die erschrockenen Wanderer wagen weder vorwärts zu schreiten noch zurück und harren unentschlossen, bis die Pfeiler einstürzen. Das ist seine Stärke, seine Wissenschaft und seine Kunst, – die Geisterwelt aufzuschließen, zu verraten das Leben der leblosen Dinge, an den Tag zu bringen die verborgenen Fäden, womit der Mensch, und der glückliche, ahndungslos gegängelt wird; jede Blume als ein lauerndes Gespensterauge, jeden freundlich sich herüberneigenden Zweig als den ausgestreckten Arm einer zerstörenden dunklen Macht erscheinen zu lassen. Es ist der dramatisierte Magnetismus, und wenn das Konversationslexikon von jenem Schriftsteller bemerkt: daß er durch die grellsten Dissonanzen zur harmonischen Auflösung durchdringe, so ist ja eben in dieser Auflösung das Anschauernde, Unheimliche, Verletzende.

Eine unerklärliche schreckliche Erscheinung wird dem Erzähler nicht geglaubt und mag als Werk der Einbildungskraft erheitern; aber sobald er sie natürlich erklärt und so den Glauben erzwingt, weckt er den Menschen aus seiner fröhlichen Sorglosigkeit, zieht ihn von den freundlich lichten Höhen in den dunklen Abgrund hinab, wo die zerstörende Natur unter Scherben und Leichen sitzt. Ein Streben, das keinen Dank verdient:

Es freue sich,
Wer da atmet im rosigen Licht;
Da unten aber ist’s fürchterlich!
Und der Mensch versuche die Götter nicht,
Und begehre nimmer und nimmer zu schauen,
Was sie gnädig bedecken mit Nacht und Grauen.

Nur allein die Liebe, die ihm mangelt, kann dem Verfasser des Kater Murr Verzeihung gewähren selbst für diesen Mangel, und wir endigen besänftigt und besänftigend mit den Worten, die Faust seiner den Unhold ahnenden Margaretha sagt:

Es muß auch solche Käuze geben.

Daniel Nilsson, Homeless in Rain, 25. Juli 2016

BIlder: Daniel Nilsson: Kitten Discover Water from Sky und Homeless in Rain, 25. Juli 2016:

We met a new friend in the rain in a jungle village at the Azores. We found this little fellow with a plate with white bread and no mum in sight! Probably she needs a proper home. Sadly we could not help this little one. :(

Es war gar nicht so einfach, Bilder von kranken Katzen mit einem gewissen ästhetischen Anspruch aufzutreiben, die weder einem medizinischen Zweck noch einem niederen Voyeurismus folgen. Die obigen finde ich immer noch grenzwertig genug. Nennen wir sie dokumentarisch.

Katzenjammer: My Dear, aus: Rockland, 2015:

When my white face withers
When my skin turns gray
When the drama’s over
Then will you still stay?

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Written by Wolf

19. Januar 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Das Tier & wir, Junges Deutschland

Süßer Freund, das bißchen Totsein hat ja nichts zu bedeuten

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Update zu And all I got’s a pocketful of flowers on my grave:

Internet-Premiere: Heine in der Werkstatt beim Skizzieren und Auspinseln seiner Reisebilder. Diese Versuche stehen in der historisch-kritischen Düsseldorfer und der zugänglicheren Hanser-Ausgabe und dann noch in einem Google-Book in Fraktur und verheerendem Zustand. Dazu erklärt Günter Häntzschel bei Hanser 1976:

Aus einer Handschrift Heines der „Reise von München nach Genua“ […] veröffentlichte Adolf Strodtmann in dem Supplementband zu seiner Heine-Ausgabe: Letzte Gedichte und Gedanken. Hamburg 1869, S. 273–305 diese Zusätze als „Nachträge zu den ‚Reisebildern'“. Die Skizzen wurden von Heine für die Druckvorlage der „Reise von München nach Genua“ ausgeschieden und sind teilweise später in veränderter Gestalt in „Die Bäder von Lucca“ und in „Die Stadt Lucca“ eingegangen. Strodtmann hat diese Zusätze den thematisch entsprechenden Stellen in den italienischen „Reisebildern“ zugeordnet; an diese Einordnung lehnen sich auch die Elstersche und die Walzelsche Ausgabe an. Die endgültigen Handschriftenverhältnisse dieser Stücke wird erst die historisch-kritische Ausgabe klären können.

Deswegen bestehe ich immer auf die großen, anständig kommentierten und möblierten Ausgaben. Durch die tastenden Wiederholungen innerhalb einer Traumsequenz gewinnt Heines Prosa etwas Lyrisches. Die freigegebene Endfassung der Reisebilder atmet nirgends mehr diesen Charme des Unfertigen.

——— Heinrich Heine:

Skizzen zu „Reise von München nach Genua“

zu: Reisebilder. Dritter Theil. Italien. 1828, Reise von München nach Genua, 1830,
in: Klaus Briegleb, Hrsg.: Heinrich Heine. Sämtliche Schriften,
Zweiter Band, herausgegeben von Günter Häntzschel, Carl Hanser Verlag, München 1976,
Nachlese, Seite 615 bis 620, hier ungekürzt:

Ich liebe keine Republiken — (ich habe einige Zeit in Hamburg, Bremen und Frankfurt gelebt) — ich liebe das Königtum — (ich habe Ludwig von Baiern gesehen) — außerdem werde ich als Poet eher bestochen von Taten der Treue, als von Taten der Freiheit, die minder Poetisch sind, da jene im dämmernden Gemüte, diese im mathematisch lichten Gedanken ihre Wurzel haben. Dennoch liebe ich die Schweizer mehr, als die Tiroler. Jene fühlen mehr die Würde der Persönlichkeit.

*

Albrecht Dürer, Das Schloss von Trient, 1495

Du willst wissen, lieber Leser, was diese närrischen Gedanken zu bedeuten haben, und ich muß Dir bei Deinem Eintritt in das sommerliche Italien noch nachträglich eine deutsche Geschichte erzählen, die an einem kalten Winterabende passiert ist, bei scharfem Nordwind und Schneegestöber. Aber das Gemach, worin sie passierte und worin ich mich mit Marien allein befand, war traulich und dämmernd, und der Kamin knisterte und flüsterte so voller Behagen. Sie saß am Flügel und spielte eine alte italienische Melodie. Ihr Haupt war niedergebeugt, und das Licht, das vor ihr stand, warf eine gar süßen auf ihre kleine Hand, jedes Grübchen, jedes Geäder der Hand, und unterdessen zogen die Töne so rührend und innig in mein Herz, und ich stand und träumte einen Traumvon unaussprechlicher Seligkeit. Und die Töne wurden immer siegend gewaltiger, dann wieder hinabschmelzend in besiegter Hingebung, ich starb, ich lebte, und starb wieder, Ewigkeiten rauschten an mir vorüber, und wie ich erwachte, stand sie milde vor mir und bat mich mit schaudernder Stimme, daß ich ihr die Ringe, die sie wegen des Klavierspiels abgelegt hatte, wieder an die Finger stecken möchte, und ich tat es und drückte ihre Hand an meine Lippen und …… warum, sprach ich, haben Sie mich gestern so hart behandelt? und sie antwortete: „Verzeihen Sie mir, ich war sehr unartig.“

Was ich Dir, lieber Leser, hier erzählt, das ist kein Ereignis von gestern und vorgestern, es ist eine uralte Geschichte, und Jahrtausende, viele Jahrtausende werden dahinrollen, ehe sie ihren Schluß erhält, einen guten Schluß. Wisse, die Zeit ist unendlich, aber die Dinge in dieser Zeit sind endlich; sie können zwar in die kleinsten Teilchen zerstieben, doch diese Teilchen, die Atome, haben ihre bestimmte Zahl, und bestimmt ist auch die Zahl der Gestalten, die sich, Gott selbst, aus ihnen hervorbilden; und wenn auch noch so lange Zeit darüber hingeht, so müssen, nach den ewigen Kombinationsgesetzen dieses ewigen Wiederholungsspieles, alle Gestalten, die auf dieser Erde schon gewesen, wieder zum Vorschein klmmen, sich wieder begegnen, anziehen, abstoßen, küssen verderben, vor wie nach. — Und so wird es einst geschehen, daß wieder ein Mann geborenwird, ganz wie ich, und ein Weib geboren wird, ganz wie Maria, nur daß hoffentlich der Kopf des Mannes etwas weniger Torheit, als jetzt der meinige, und das Herz des Weibes etwas mehr Liebe, als das ihrige enthalten mag, und in einem besseren Lande werden sich beide begegnen und lange betrachten, und das Weib wird endlich dem Manne die Hand reichen und mit weicher Stimme sprechen: „Verzeihen Sie mir, ich war sehr unartig.“

*

Albrecht Dürer, Trintperg. Der Dosso von Trient, 1495

Die Kleine mochte wohl bemerkt haben, daß ich, während sie sang und spielte, mehrmals nach ihrer Rose hingesehen, und sie lächelte mit schlauem Blick, als ich hernach ein nicht allzu kleines Geldstück auf den zinnernen Teller warf, womit sie ihr Honorar einsammelte.

Die Nacht war unterdessen hereingebrochen, und das Dunkel brachte Einheit in meine Gefühle. Die Straße wurde leer, und der Himmel füllte sich mit Sternen. Diese blickten herab so durftig, so keusch, so rein, daß mir selbst zu Mute wurde wie einem reinen Stern. Da nahte sich mir unversehens die kleine Harfenistin, und halb schüchtern, halb keck frug sie: ob ich ihre Rose haben wolle.

Ich war gestimmt wie ein reiner Stern, und ich antwortete Nein. Die Rose aber wurde bleich, das Mädchen errötete, aus der Harfe erklang ein leiser, ein einzelner Ton, so schmerzlich wie aus der Tiefe einer todwunden Seele — und ich hatte schon einmal diesen Ton gehört, eben so vorwurfsvoll. Eine traurige Erinnerung überschauerte mich plötzlich. Es war wieder die dämmernd braune Stube, die Lampe flimmerte wieder so ängstlich, ich hob die blau gesteifte Gardine von dem stillen Bette, küßte die Lippen der toten Maria, und aus ihrem Winkel ertönte von selber die verlassene Harfe, und es war derselbe Ton —

Erschrocken sprach ich zu der kleinen Harfenistin: Na, na! liebes Kind, gib mir deine Rose. Wenn sie auch schon zur Welklichkeit übergegangen und nicht mehr ganz so frisch duftet, und wenn auch eine Rose ohne Duft einem Weibe ohne Keuschheit zu vergleichen ist, so hat das doch nichts zu sagen bei einem Manne, der schon seit Jahren den Stockschnupfen hat.

Da lachte die Kleine und gab mir ihre Rose, und das geschah auf der Straße zu Trient, vor der Botega, der Albergo della Grande Europa gegenüber, im Angesicht von vielen tausend entdeckten und noch mehreren unentdeckten Sternen, die mir alle bezeugen müssen, daß die Geschichte nicht auf meinem Zimmer passiert und keine Allegorie ist.

Ja, denk dir nichts Böses, teurer Leser — die Sterne sahen so hell und keusch vom Himmel herab, und schienen mir so tief ins Herz. Im Herzen selbst aber zitterte die Erinnerung an die tote Maria. Ich hatte lange nicht an sie gedacht, und jetzt in Trient, wo ich eben den Fuß auf italienischen Boden gesetzt, tauchte ihr Bild, mit wundersamem Schauer, in meiner Seele wieder hervor, und es war mir, als als träte sie leibhaftig vor mich hin und spräche: „Warum haben Sie mich nicht mitgenommen nach Italien, wie Sie mir einst versprachen?“ — Liebes Kind, Sie sind ja tot, sprach ich träumend. — „Süßer Freund, das bißchen Totsein hat ja nichts zu bedeuten.“ — Aber wie kommen Sie hierher? Ich glaubte erst nach vielem Millionen Jahren das Vegnügen zu haben, Sie wieder zu sehen. Oder sind diese vielen Jahre schon verflossen? Gott, wie vergeht die Zeit! —

Ach nein, lieber Leser, es war nicht Maria selber, die im Dome gebeichtet; ich bin nicht so abergläubisch, als daß ich glauben könnte, die Toten stiegen aus den Gräbern, um die letzten geringen Liebessünden, die sie nicht einmal selbst verschuldet, abzubeichten. Auf jeden Fall aber ist es sonderbar, daß deutsche Liebe selbst dem vernünftigsten Menschen bis in Italien nachspukt, und daß ich eben, lieber Leser, gleich bei meiner Ankunft im warmen, blühenden Italien dir eine Geschichte erzählen muß, die an einem deutschen Winterabend passiert, wo kalter Nordwind im Schornstein pfiff und Schneegestöber an die Fenster schlug. Aber das Gemach, worin die Geschichte passiert und worin ich mich allein mit Maria befand, ach! da war es duftig warm, der Kamin flackerte traulich, dämmernde Blumenköpfe ragten aus blanken Vasen, nickende Heiligenbilder bedeckten die Wände, Maria aber saß am Flügel und spielte eine altitalienische Melodie. Ihr Haupt war niedergebeugt, das Licht, das vor ihr stand, warf einen gar süßen Schein auf ihre kleine Hand, und ich stand ihr gegenüber, betrachtete die bewegte Hand, jedes Grübhcne, jedes Geäder der Hand — Unterdessen zogen die Töne so warm und innig in mein Herz, ich stand und träumte einen Traum von unaussprech.icher Seligkeit, die Töne wurden immer siegend gewaltiger, dann und wann wieder hinab schmelzend in besiegter Hingebung, ich starb, ich lebte und starb wieder, Ewigkeiten rauschten vorüber, und als ich erwachte, stand sie milde vor mir und bat mich mit schaudernder Stimme, daß ich ihr die Ringe, die sie wegen des Klavierspielens abgelegt hatte, wieder an die Finger stecken möchte. Ich tat es, und sagte ihr ein Denkwort bei jedem Ring. Bei dem Rubinring sagte ich: Lieben Sie mich nur unbedingt; bei dem Saphir sagte ich: Sein Sie mir nur immer treu; bei dem Diamanten sagte ich: Sein Sie mir nur immer rein wie jetzt, und endlich drückte ich die ganze Hand an meine Lippen und sprach: Maria, warum sind Sie mir gestern im Konzerte beständig ausgewichen, und haben nie nach mir hingesehen? Und sie antwortete mit weicher Stimme: „Laßt uns gute Freunde sein.“

Was ich dir aber, lieber Leser, hier erzählt, das ist kein Ereignis von gestern und vorgestern, und Jahrtausende, viele tausend Jahrtausende werden dahin rollen, ehe sie ihren Schluß erhalten, einen gewiß guten Schluß! Denn wisse, die Zeit ist unendlich, aber die Dinge in dieser Zeit, die faßlichen Körper, sind endlich; sie können zwar in die kleinsten Teilchen zerstieben, doch diese Teilchen, die Atome, haben ihre bestimmte Zahl, und bestimmt ist auch die Zahl der Gestaltungen, die sich gottselbst aus ihnen hervor bilden; und wenn auch noch so lange Zeit darüber hingeht, so müssen doch, nach den ewigen Kombinationsgesetzen dieses ewigen Wiederholungsspiels, alle Gestaltungen, die auf dieser Erde schon gewesen sind, sich wieder begegnen, anziehen, abstoßen, küssen, verderben, vor wie nach. — Und so wird es einst geschehen, daß wieder ein Mann geboren wird, ganz wie ich, und ein Weib geboren wird, ganz wie Maria, nur daß hoffentlich der Kopf des Mannes etwas weniger Torheit enthalten mag, und in einem besseren Lande werden sie sich Beide begegnen, und sich lang betrachten, und das Weib wird endlich dem Manne die Hand reichen und mit weicher Stimme sprechen: „Laßt uns gute Freunde sein.“

Aber ach! es geht doch dabei viel Zeit verloren, dacht ich schon damals, als ich vor dem Bette stand, worauf die tote Maria lag, der schöne, blasse Leib, die sanften, stillen Lippen. Ich bat die alte Frau, die bei der Leiche wachen sollte, sich im Nebenzimmer schlafen zu legen, und mir unterdessen ihr Amt zu überlassen; denn es war schon über Mitternacht, und so eine alte Frau mit roten Augenlidern bedarf der Ruhe. Ich weiß nicht, was der Seitenblick bedeutete, den sie mir zuwarf, als sie zur Tür hinaus ging; aber ich erschrak darob im tiefsten Herzen. Die kleine Flamme der Lampe zitterte, die Nachtviolen, die auf dem Tische im Glase standen, dufteten immer ängstlicher —

Ich muß mich heut durchaus dazu bequemen, ein Materialist zu sein; denn sollte ich anfangen zu denken, daß die Toten nicht so viel Millionen Jahre nötig haben, ehe sie wieder kommen können, und daß sie uns schon in diesem Leben nachreisen, und daß es wirklich die tote Maria war, die im Dome zu Trient die letzte Sünde gebeichtet — Genug davon! ich will ein neu Kapitel anfangen und dir erzählen, was ich noch außerdem in Trient geträumt habe.

*

Albrecht Dürer, Ansicht von Trient vom Norden, 1495

Bilder: Albrecht Dürer: Erste Italienreise gen Venedig: seine drei überlieferten Ansichten vom Ort der Handlung Trient, 1495:

  1. Das Schloß von Trient, British Museum, London;
  2. Trintperg (Der Doss Triento bei Trient), Museum für Kunst und Landesgeschichte Hannover;
  3. Ansicht von Trient vom Norden, Kunsthalle Bremen, seit 1945 verschollen.

Soundtrack: Heilige Messe in der Cattedrale di San Vigilio zu Trient, 4. November 2012:

Bonus Track: Shakespears Sister: Hello (Turn Your Radio On), aus: Hormonally Yours, 1992. Das ist weder besonders südtirolerisch noch sonst gebirgig, noch heißt eine der Schwestern Maria — es lohnt sich aber, nach all den Jahren einmal dezidiert der Klavierstimme zuzuhören, und natürlich wie schon all die Jahre, der blasseren Schwester beim Bildschirmputzen zuzuschauen. Also bitte volle Lautstärke und wegen der üppigen Videodetails Vollbild:

And if I taste the honey, is it really sweet,
And do I eat it with my hands or with my feet?
Does anybody really listen when I speak,
Or will I have to say it all again next week?

Written by Wolf

1. November 2017 at 00:01

Romantische Bieronie (Dei Ironiezeigl konnst sejwa saffa)

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Update zu Isarathen ist die nördlichste Stadt Italiens und
Große Zusammenkünfte, die mehr einer Feierlichkeit als einem geselligen Vergnügen gleichen:

Zur Eröffnung des Oktoberfestes 2017 kann man sich nur mehr ironisch im nicht-aristotelischen Sinne äußern. Der letzte Teil ab „und ein mitleidig ledernes Lächeln“ erscheint nur im Manuskript und einigen Drucken in Heines Werkausgaben, von Heine autorisierter Text ist er nicht.

——— Heinrich Heine:

Reise von München nach Genua

Kapitel III, aus: Reisebilder. Dritter Teil, 1830:

Daß man aber die ganze Stadt ein neues Athen nennt, ist, unter uns gesagt, etwas ridikül, und es kostet mich viele Mühe, wenn ich sie in solcher Qualität vertreten soll. Dieses empfand ich aufs tiefste in dem Zweigespräch mit dem Berliner Philister, der, obgleich er schon eine Weile mit mir gesprochen hatte, unhöflich genug war, alles attische Salz im neuen Athen zu vermissen.

„Des“, rief er ziemlich laut, „gibt es nur in Berlin. Da nur ist Witz und Ironie. Hier gibt es gutes Weißbier, aber wahrhaftig keine Ironie.“

„Ironie haben wir nicht“, rief Nannerl, die schlanke Kellnerin, die in diesem Augenblick vorbeisprang, „aber jedes andre Bier können Sie doch haben.“

Marie-Geneviève Bouliar, Selbstportrait als Aspasia, 1794Daß Nannerl die Ironie für eine Sorte Bier gehalten, vielleicht für das beste Stettiner, war mir sehr leid, und damit sie sich in der Folge wenigstens keine solche Blöße mehr gebe, begann ich folgendermaßen zu dozieren: „Schönes Nannerl, die Ironie is ka Bier, sondern eine Erfindung der Berliner, der klügsten Leute von der Welt, die sich sehr ärgerten, daß sie zu spät auf die Welt gekommen sind, um das Pulver erfinden zu können, und die deshalb eine Erfindung zu machen suchten, die ebenso wichtig und eben denjenigen, die das Pulver nicht erfunden haben, sehr nützlich ist. Ehemals, liebes Kind, wenn jemand eine Dummheit beging, was war da zu tun? Das Geschehene konnte nicht ungeschehen gemacht werden, und die Leute sagten: ‚Der Kerl war ein Rindvieh.‘ Das war unangenehm. In Berlin, wo man am klügsten ist und die meisten Dummheiten begeht, fühlte man am tiefsten diese Unannehmlichkeit. Das Ministerium suchte dagegen ernsthafte Maßregeln zu ergreifen: bloß die größeren Dummheiten durften noch gedruckt werden, die kleineren erlaubte man nur in Gesprächen, solche Erlaubnis erstreckte sich nur auf Professoren und hohe Staatsbeamte, geringere Leute durften ihre Dummheiten bloß im verborgenen laut werden lassen; – aber alle diese Vorkehrungen halfen nichts, die unterdrückten Dummheiten traten bei außerordentlichen Anlässen desto gewaltiger hervor, sie wurden sogar heimlich von oben herab protegiert, sie stiegen öffentlich von unten hinauf, die Not war groß, bis endlich ein rückwirkendes Mittel erfunden ward, wodurch man jede Dummheit gleichsam ungeschehen machen und sogar in Weisheit umgestalten kann. Dieses Mittel ist ganz einfach und besteht darin, daß man erklärt, man habe jene Dummheit bloß aus Ironie begangen oder gesprochen. So, liebes Kind, avanciert alles in dieser Welt, die Dummheit wird Ironie, verfehlte Speichelleckerei wird Satire, natürliche Plumpheit wird kunstreiche Persiflage, wirklicher Wahnsinn wird Humor, Unwissenheit wird brillanter Witz, und du wirst am Ende noch die Aspasia des neuen Athens.“

Ich hätte noch mehr gesagt, aber das schöne Nannerl, das ich unterdessen am Schürzenzipfel festhielt, riß sich gewaltsam los, als man von allen Seiten „A Bier! A Bier!“ gar zu stürmisch forderte. Der Berliner aber sah aus wie die Ironie selbst, als er bemerkte, mit welchem Enthusiasmus die hohen schäumenden Gläser in Empfang genommen wurden; und indem er auf eine Gruppe Biertrinker hindeutete, die sich den Hopfennektar von Herzen schmecken ließen und über dessen Vortrefflichkeit disputierten, sprach er lächelnd: „Das wollen Athenienser sind?“ und ein mitleidig ledernes Lächeln zog sich um die hölzernen Lippen des Mannes, als er auf eine Gruppe Biertrinker hinzeigte, die sich das holde Getränk von Herzen schmecken ließen, und über die Vorzüglichkeit des diesjährigen Bockes disputierten. „Das wollen Athenienser sind? — — —“

Zeit und Ort der Handlung sind die Bockbierzeit 1830, das ist etwa ein Vierteljahr vor dem 20. Oktoberfest, und wie man erst im darauffolgen Kapitel IV und über das Literaturportal Bayern erfährt, weitab vom Oktoberfestgelände der Ludwigsvorstädter Theresienwiese, in Bogenhausen:

das längst verschwundene Schlößchen des Grafen von Törring-Jettenbach am Hochufer der Isar gegenüber dem St. Georgs-Kirchlein von Johann Michael Fischer; die Neuberghauserstraße erinnert seit 1897 daran. In diesem Edelsitz wohnte kurzfristig der bayerische Finanzminister Johann Wilhelm von Hompesch bis zu seinem Tod 1809. Mit dem „Montgelasgarten“ des nahe gelegenen Edelsitzes Stepperg des Freiherrn von Montgelas hat Neuberghausen allerdings nichts zu tun. In dem einstigen Schlösschen wurde stattdessen Anfang 1828 eine Ausflugsgaststätte eröffnet, die bald gut florierte. Hier saß Heinrich Heine als einer der ersten Gäste und hatte noch den freien Blick auf die Alpenkette, und eben hier wurde ihm ein besonders schönes Denkmal gesetzt, das alle Widrigkeiten der Zeit überdauert hat.

Und eben nicht der unsäglich nichtssagende Gusseisenkäfig von 1962 im Dichtergarten, mit dem die Stadt München wehrlose, weil verstorbene Schreibarbeiter verunglimpfen zu müssen glaubt und der — typisch für München — ein abgelegener Teil des Finanzgartens ist. Übrigens, Kapitel IV, a. a. O.:

Das Bier ist an besagtem Orte wirklich sehr gut, selbst im Prytaneum, vulgo Bockkeller, ist es nicht besser, es schmeckt ganz vortrefflich, besonders auf jener Treppenterrasse, wo man die Tiroler Alpen vor Augen hat. Ich saß dort oft vorigen Winter und betrachtete die schneebedeckten Berge, die, glänzend in der Sonnenbeleuchtung, aus eitel Silber gegossen zu sein schienen.

Und unsereins soll auf einem „Volksfest“ 2017 für rund 0,8 Liter Bier knapp elf Euro zahlen und bloß nicht glauben, die Bedienung gäbe sich übertrieben lange mit dem Kramen nach Wechselgeld ab, wenn sie erst einen Zwanziger in der Hand hat. Das ist nicht-aristotelische Ironie.

Neuberghausen, Lithorgraphie 1830 via Literaturportal Bayern

Buidln: Marie-Geneviève Bouliar: Selbstportrait als Aspasia, 1794,
Öl auf Leinwand, 123 cm auf 127 cm, Musée des beaux-arts d’Arras;
„Neuberghausen“, Lithographie mit Tondruck, ca. 1830. „Im Hintergrund das ehem. Törring- und nachher Hompesch-Schlößchen, spätere Gasthaus Neuberghausen. Dasselbe bildete Mitte des vorigen Jahrhunderts Winter wie Sommer einen Vereinigungspunkt der vornehmen Welt zu den Kaffee-Nachmittagsstunden; große Tanzunterhaltungen zeichneten sich durch einen sehr heiteren Ton aus.“ Abb. 233 in: Alt-Münchner Bilderbuch. Ansichten aus dem alten München aus der Monacensia-Sammlung Zettler. München 1918. Legende ebd., S. 26,
via Dr. Dirk Heißerer: Ironie haben wir nicht. München, Bogenhausen: Neuberghauserstraße,
Literaturportal Bayern.

Soundtrack: LaBrassBanda featuring Stephan Remmler: Keine Sterne in Athen,
aus: Kiah Royal, unplugged im Kuhstall, Höllthal bei Seeon 2014:

Written by Wolf

15. September 2017 at 00:01

Leider mit Vergeßlichkeit angefüllt ist dein Gehirne

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Weheklagen mag niemand, schon gar nicht, wenn der Klagende „Lamentationen“ dazu sagt. Außer sie sind so brillant wie die von Heine oder gar wirklich von Heine.

Die Gedichtnummern 19 bis 28 aus dem dritten Teil der Nachgelassenen Gedichte 1845–1856 namens Lamentationen richten sich nachweislich an Heines Frau Augustine Crescence, vulgo Mathilde. Das Paar hielt sich gegenseitig für nicht besonders helle: Sie verstand weder, was ihr Heinrich andauernd zu schreiben hatte, wofür ihm gar noch jemand Geld zahlen sollte, noch konnte oder wollte sie kochen und haushalten, dafür verbreitete sie: „Henri, c’est un très bon garcon, très bon enfant, mais quant à l’esprit, il n’en a pas beaucoup!“

Heines resignierte Anti-Liebesgedichte gehören zum Schönsten, was sich ihm entrungen hat. Vom höchsten bleibenden Gebrauchswert finde ich die Nummern 20, 21 und 24. Man sollte wählerisch sein, wem man sie zitiert.

Die Reihenfolge, die von einer Sammlung zur anderen umsortiert wird, weil sie vom todkranken Heine nicht mehr als Zyklus festgelegt wurde, richtet sich nach der Hanser-Gesamtausgabe von Klaus Briegleb. „Celimene“ bezieht sich auf die kokette Célimène aus Molière: Le Misanthrope. Das 1486 bis 1993 chronologisch geordnete Bildmaterial illustriert das mittelalterliche Märe Aristoteles und Phyllis. Ein zeitloses Thema.

——— Heinrich Heine:

Lamentationen

aus: Nachgelesene Gedichte 1845–1856, Auszüge Nr. 19 bis 28:

19

Aristoteles und PhyllisHab eine Jungfrau nie verführet
Mit Liebeswort, mit Schmeichelei;
Ich hab auch nie ein Weib berühret,
Wußt ich, daß sie vermählet sei.

Wahrhaftig, wenn es anders wäre,
Mein Name, er verdiente nicht
Zu strahlen in dem Buch der Ehre;
Man dürft mir spucken ins Gesicht.

20

Celimene

Glaube nicht, daß ich aus Dummheit
Dulde deine Teufeleien;
Glaub auch nicht, ich sei ein Herrgott,
Der gewohnt ist zu verzeihen.

Deine Nücken, deine Tücken
Hab ich freilich still ertragen.
Andre Leut an meinem Platze
Hätten längst dich tot geschlagen.

Schweres Kreuz! Gleichviel, ich schlepp es!
Wirst mich stets geduldig finden —
Wisse, Weib, daß ich dich liebe,
Um zu büßen meine Sünden.

Ja, du bist mein Fegefeuer,
Doch aus deinen schlimmen Armen
Wird geläutert mich erlösen
Gottes Gnade und Erbarmen.

21

Aristoteles und PhyllisEs geht am End, es ist kein Zweifel,
Der Liebe Glut, sie geht zum Teufel.
Sind wir einmal von ihr befreit,
Beginnt für uns die beßre Zeit,
Das Glück der kühlen Häuslichkeit.

Der Mensch genießet dann die Welt,
Die immer lacht fürs liebe Geld.
Er speist vergnügt sein Leibgericht,
Und in den Nächten wälzt er nicht
Schlaflos sein Haupt, er ruhet warm
In seiner treuen Gattin Arm.

22

Die Liebesgluten, die so lodernd flammten,
Wo gehn sie hin, wenn unser Herz verglommen?
Sie gehn dahin, woher sie einst gekommen,
Zur Hölle, wo sie braten, die Verdammten.

23

Aristoteles und PhyllisGeleert hab ich nach Herzenswunsch
Der Liebe Kelch, ganz ausgeleert;
Das ist ein Trank, der uns verzehrt
Wie flammenheißer Kognakpunsch.

Da lob ich mir die laue Wärme
Der Freundschaft; jedes Seelenweh
Stillt sie, erquickend die Gedärme
Wie eine fromme Tasse Tee.

24

Lebewohl

Hatte wie ein Pelikan
Dich mit eignem Blut getränket,
Und du hast mir jetzt zum Dank
Gall und Wermut eingeschenket.

Böse war es nicht gemeint,
Und so heiter blieb die Stirne;
Leider mit Vergeßlichkeit
Angefüllt ist dein Gehirne.

Nun leb wohl — du merkst es kaum,
Daß ich weinend von dir scheide.
Gott erhalte, Törin, dir
Flattersinn und Lebensfreude!

25

Aristoteles und PhyllisIch war, o Lamm, als Hirt bestellt,
Zu hüten dich auf dieser Welt;
Hab dich mit meinem Brot geätzt,
Mit Wasser aus dem Born geletzt.
Wenn kalt der Wintersturm gelärmt,
Hab ich dich an der Brust erwärmt.
Hier hielt ich fest dich angeschlossen,
Wenn Regengüsse sich ergossen
Und Wolf und Waldbach um die Wette
Geheult im dunkeln Felsenbette.
Du bangtest nicht, hast nicht gezittert.
Selbst wenn den höchsten Tann zersplittert
Der Wetterstrahl – in meinem Schoß
Du schliefest still und sorgenlos.

Mein Arm wird schwach, es schleicht herbei
Der blasse Tod! Die Schäferei,
Das Hirtenspiel, es hat ein Ende.
O Gott, ich leg in deine Hände
Zurück den Stab. — Behüte du
Mein armes Lamm, wenn ich zur Ruh
Bestattet bin — und dulde nicht,
Daß irgendwo ein Dorn sie sticht —
O schütz ihr Vlies vor Dornenhecken
Und auch vor Sümpfen, die beflecken;
Laß überall zu ihren Füßen
Das allerbeste Futter sprießen;
Und laß sie schlafen, sorgenlos,
Wie einst sie schlief in meinem Schoß.

26

Aristoteles und PhyllisIch seh im Stundenglase schon
Den kargen Sand zerrinnen.
Mein Weib, du engelsüße Person!
Mich reißt der Tod von hinnen.

Er reißt mich aus deinem Arm, mein Weib,
Da hilft kein Widerstehen,
Er reißt die Seele aus dem Leib —
Sie will vor Angst vergehen.

Er jagt sie aus dem alten Haus,
Wo sie so gerne bliebe.
Sie zittert und flattert — Wo soll ich hinaus?
Ihr ist wie dem Floh im Siebe.

Das kann ich nicht ändern, wie sehr ich mich sträub,
Wie sehr ich mich winde und wende;
Der Mann und das Weib, die Seel und der Leib,
Sie müssen sich trennen am Ende.

27

Aristoteles und PhyllisDen Strauß, den mir Mathilde band
Und lächelnd brachte, mit bittender Hand
Weis ich ihn ab — Nicht ohne Grauen
Kann ich die blühenden Blumen schauen.

Sie sagen mir, daß ich nicht mehr
Dem schönen Leben angehör,
Daß ich verfallen dem Totenreiche,
Ich arme unbegrabene Leiche.

Wenn ich die Blumen rieche, befällt
Mich heftiges Weinen — Von dieser Welt
Voll Schönheit und Sonne, voll Lust und Lieben,
Sind mir die Tränen nur geblieben.

Wie glücklich war ich, wenn ich sah
Den Tanz der Ratten der Opera —
Jetzt hör ich schon das fatale Geschlürfe
Der Kirchhofratten und Grab-Maulwürfe.

O Blumendüfte, ihr ruft empor
Ein ganzes Ballett, ein ganzes Chor
Von parfümierten Erinnerungen —
Das kommt auf einmal herangesprungen,

Mit Kastagnetten und Zimbelklang,
In flittrigen Röckchen, die nicht zu lang;
Doch all ihr Tändeln und Kichern und Lachen,
Es kann mich nur noch verdrießlicher machen!

Fort mit den Blumen! Ich kann nicht ertragen
Die Düfte, die von alten Tagen
Mir boshaft erzählt viel holde Schwänke —
Ich weine, wenn ich ihrer gedenke. —

28

Aristoteles und PhyllisEs kommt der Tod — jetzt will ich sagen,
Was zu verschweigen ewiglich
Mein Stolz gebot: für dich, für dich,
Es hat mein Herz für dich geschlagen!

Der Sarg ist fertig, sie versenken
Mich in die Gruft. Da hab ich Ruh.
Doch du, doch du, Maria, du
Wirst weinen oft und mein gedenken.

Du ringst sogar die schönen Hände –
O tröste dich — Das ist das Los,
Das Menschenlos: — was gut und groß
Und schön, das nimmt ein schlechtes Ende.

Soundtrack: Wolfgang Ambros: Denk ned noch (des geht vurbei) aus: Live … auf ana langen finstern Stross’n, 1979, nach Bob Dylan: Don’t Think Twice, It’s All Right, 1963.

Written by Wolf

27. Januar 2017 at 00:01

3. Katzvent: Und ich singe was ich fühle

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Wo doch Heine heuer am dritten Advent Geburtstag hat, da kriegt er einen ausführlichen Musikteil.

Und die geschändeten und geschmähten Katzen werden über die fashionablen Kater herfallen und werden ihnen eine Katzenmusik bringen, daß ihnen alle Katerlust vergehen soll, und die Katzen werden miauen: „Jetzt regieren wir!“

Georg Weerth: Skizzen aus dem sozialen und politischen Leben der Briten, 1849.

——— Heinrich Heine (*13. Dezember 1797, Düsseldorf; † 17. Februar 1856, Paris):

14. Mimi

aus: Gedichte 1853 und 1854:

Katzenmusik, Fliegende Blätter, 1852Bin kein sittsam Bürgerkätzchen,
Nicht im frommen Stübchen spinn ich.
Auf dem Dach, in freier Luft,
Eine freie Katze bin ich.

Wenn ich sommernächtlich schwärme,
Auf dem Dache, in der Kühle,
Schnurrt und knurrt in mir Musik,
Und ich singe was ich fühle.

Also spricht sie. Aus dem Busen
Wilde Brautgesänge quellen,
Und der Wohllaut lockt herbei
Alle Katerjunggesellen.

Alle Katerjunggesellen,
Schnurrend, knurrend, alle kommen,
Mit Mimi zu musizieren,
Liebelechzend, lustentglommen.

Das sind keine Virtuosen,
Die entweiht jemals für Lohngunst
Die Musik, sie blieben stets
Die Apostel heilger Tonkunst.

Brauchen keine Instrumente,
Sie sind selber Bratsch und Flöte;
Eine Pauke ist ihr Bauch,
Ihre Nasen sind Trompeten.

Katzenrassen. Die Gartenlaube nach einer Originalzeichnung von J. Bungartz, Leipzig 1897. 1. Cyperkatze. 2. Karthäuserkatze. 3. Angorakatze. 4. Khorassankatze. 5. Chinesische Katze. 6. Siamesische KatzeSie erheben ihre Stimmen
Zum Konzert gemeinsam jetzo;
Das sind Fugen, wie von Bach
Oder Guido von Arezzo.

Das sind tolle Symphonien,
Wie Capricen von Beethoven
Oder Berlioz, der wird
Schnurrend, knurrend übertroffen.

Wunderbare Macht der Töne!
Zauberklänge sondergleichen!
Sie erschüttern selbst den Himmel,
Und die Sterne dort erbleichen.

Wenn sie hört die Zauberklänge,
Wenn sie hört die Wundertöne,
So verhüllt ihr Angesicht
Mit dem Wolkenflor Selene.

Nur das Lästermaul, die alte
Prima-Donna Philomele
Rümpft die Nase, schnupft und schmäht
Mimis Singen — kalte Seele!

Doch gleichviel! Das musizieret,
Trotz dem Neide der Signora,
Bis am Horizont erscheint
Rosig lächelnd Fee Aurora.

Grandville, Eine Katzenmusik, La Caricature, Paris 1. September 1831

Katzenbilder: Fliegende Blätter, 16.1852 (Nr. 361-384), Bild 2, 1852;
Katzenrassen: Die Gartenlaube nach J. Bungartz, Ernst Keil’s Nachfolger, Leipzig 1897:

  1. Cyperkatze
  2. Karthäuserkatze
  3. Angorakatze
  4. Khorassankatze
  5. Chinesische Katze
  6. Siamesische Katze

Grandville: Eine Katzenmusik (Charivari) in La Caricature, Paris, 1. September 1831.

Katzenmusikteil:

Fuge (wie) von Bach: Die Katze lässt das Mausen nicht, aus:
Schweigt stille, plaudert nicht (Kaffeekantate, BWV 211), ca. 1734.

Bonus Tracks:

Katzenjammer, Ben Caplan and The Trondheim Soloists: Fairytale Of New York aus The Pogues: If I Should Fall from Grace with God, 1987, in: Vi tenner våre lykter, 2011;

Aristocats: Do Mi Fa Mi, Walt Disney et al., 1970;

Coda:

Ebenda: Everybody Wants to Be a Cat (dt.: Katzen brauchen furchtbar viel Musik).

Written by Wolf

11. Dezember 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Junges Deutschland, Schall & Getöse

Geibels Wesen und Beruf

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Update zu Moral, das ist wenn man moralisch ist, versteht Er. (Kartoffeln schmälzen):

Wo Geibel und Heyse herrschen, bleibt Georg Büchner draußen vor der Tür.

Robert Minder.

Der Geibelplatz muss weg. Damit ist eigentlich alles gesagt.

Buddenbrookhaus Lübeck zum Geibel-Jahr 2015.

Lorenz Clasen: Germania auf der Wacht am Rhein, 1860Wenn man es denn bemerkt, was man aber kaum schafft, kann man es auch begehen, was man aber nicht muss: Emanuel Geibel ist gerade 200 geworden. In Lübeck, wo nicht einmal der zuständige Stadtrat sagen kann, ob sie dort einen Geibelplatz haben oder nicht, bekommt der Mann deshalb von einem engen Kreis Berufener ein ganzes Geibel-Jahr gewidmet: Das Buddenbrookhaus feiert schon das ganze Jahr lang den großen Dichter des Blutes und des Eisens und findet gar kein Ende mit seinen Veranstaltungen. Unverdächtig oder wenigstens nicht eindeutig überführbar bleibt Herr Geibel wohl deswegen, weil sich jemand, der Emanuel heißt, was Antisemitismus angeht, schon nicht unbotmäßig weit aus dem Fenster gelehnt haben wird. Die Welt vom Samstag, den 17. Oktober 2015 frühstückt das recht passend mit einer einzelnen Notiz als „Zahl des Tages“ im Feuilleton ab, sinnigerweise rechts unten.

——— Emanuel Geibel:

O hätt‘ ich Drachenzähne statt der Lieder

1846:

O hätt‘ ich Drachenzähne statt der Lieder,
Daß, sät‘ ich sie auf diese dürre Küste,
Draus ein Geschlecht von Kriegern wachsen müßte,
Im Waffentanz zu rühren Eisenglieder.

Sie alle sollten Deutschlands Heerschild wieder
Erhöhn, unnahbar jedem Raubgelüste,
Und nimmer fragen nach des Kampfes Rüste,
Bis Hauch des Siegs umspielt‘ ihr Helmgefieder.

Nun hab‘ ich Worte nur, allein wie Saaten
Will ich sie streun in deutsche Seelen wacker,
Ob hier und dort mag eine Frucht geraten.

Doch soll draus aufgehn nicht ein Zorngeflacker,
Nein, ruhig ernst ein Mut zu großen Taten.
Du aber, Herr, bereite selbst den Acker!

Ausgefeilter kann man kaum „Jeder wie er kann“ sagen. Er kann auch eine Frühform von „Deutschland, erwache!“ in Bezug zum antiken Griechenland setzen:

Deutschland, bist du so tief vom Schlaf gebunden

1846:

Deutschland, bist du so tief vom Schlaf gebunden,
Daß diese fremden Zwerge sich getrauen,
Mit frechem Beil in deinen Leib zu hauen,
Als könntest du nicht spüren Streich und Wunden?

Ist deine Ehre so dahingeschwunden
Im Mund der Völker, daß sie keck drauf bauen,
Mit teilnahmloser Ruhe würden schauen
Die Schmach des kranken Gliedes die gesunden?

Erwach‘ und steig empor in Zornes Lohen!
Laß aus der Brust, die nicht umsonst sich brüstet,
Die Riesendonner deiner Stimme drohen!

Da werden, die nach deinem Raub gelüstet,
Entsetzt zerstäuben, wie die Troer flohen
Beim Ruf Achills, noch eh‘ er sich gerüstet.

Formal bleibt gerade in seinen Sonetten kein Wunsch offen, und Geibel hat viele davon. Einwandfreies Reimschema, Versmaß Ehrensache, die Quartette sind thematisch von den Terzetten unterschieden, und beide Teile fließen mühelos in ein Ganzes — nichts dagegen zu sagen. Seine bevorzugten Inhalte allerdings breitet er auch in formal weniger festgezurrten Epigrammen aus und konnte mit einem Fazit davon leider in den deutschen Sprichwortschatz eingehen:

Deutschlands Beruf

1861:

Philipp Veit, Allegorie der Germania, 1834--1836, Wandbild Altes Städelsches Institut Frankfurt am MainSoll’s denn ewig von Gewittern
Am umwölkten Himmel braun?
Soll denn stets der Boden zittern,
Drauf wir unsre Hütten baun?
Oder wollt ihr mit den Waffen
Endlich Rast und Frieden schaffen?

Daß die Welt nicht mehr, in Sorgen
Um ihr leichterschüttert Glück,
Täglich bebe vor dem Morgen,
Gebt ihr ihren Kern zurück!
Macht Europas Herz gesunden,
Und das Heil ist euch gefunden.

Einen Hort geht aufzurichten,
Einen Hort im deutschen Land!
Sucht zum Lenken und zum Schlichten
Eine schwerterprobte Hand,
Die den güldnen Apfel halte
Und des Reichs in Treuen walte.

Sein gefürstet Banner trage
Jeder Stamm, wie er’s erkor,
Aber über alle rage
Stolzentfaltet eins empor,
Hoch, im Schmuck der Eichenreiser
Wall‘ es vor dem deutschen Kaiser.

Wenn die heil’ge Krone wieder
Eine hohe Scheitel schmückt,
Auf dem Haupt durch alle Glieder
Stark ein ein’ger Wille zückt,
Wird im Völkerrat vor allen
Deutscher Spruch aufs neu‘ erschallen.

Dann nicht mehr zum Weltgesetze
Wird die Laun‘ am Seinestrom,
Dann vergeblich seine Netze
Wirft der Fischer aus in Rom,
Länger nicht mit seinen Horden
Schreckt uns der Koloß im Norden.

Macht und Freiheit, Recht und Sitte,
Klarer Geist und scharfer Hieb
Zügeln dann aus starker Mitte
Jeder Selbstsucht wilden Trieb,
Und es mag am deutschen Wesen
Einmal noch die Welt genesen.

Na gut, „Kaiser“ auf Eichenreiser“, darauf muss man kommen, und das ist nicht ganz ohne Charme. 2014, als das Jubiläum noch ohne Geibel-Jahr abging, hat der nicht genug zu lobende Silvae eine Ehrenrettung Geibels zum 130. Todestag versucht — und sogar geschafft, ihm eine nicht ganz so bluttriefende, eisenrasselnde Seite abzugewinnen, mit der Zusammenfassung:

Wenn man die Gedichte liest, die sich hier im Goethezeitportal finden, dann lernt man einen anderen Geibel kennen. Auf jeden Fall einen ohne Drachenzähne.

Nicht einmal übliche Verdächtige werden sich heute mehr als Geibel-Fans outen (im Gegenteil: die wahrscheinlich als letzte), da wird man den Mann wohl noch rehabilitieren dürfen. Wenn Herr Silvae sich am runden Todestag so wohlwollend gezeigt hat, wollen wir am noch runderen Geburtstag erst recht mal nicht so sein, und so „wird im Völkerrat vor allen deutscher Spruch aufs neu‘ erschallen“. Gereimt sind sie ja wirklich gut.

Christian Köhler, Erwachende Germania, 1849

Deutsche Wesen: Lorenz Clasen: Germania auf der Wacht am Rhein, Düsseldorfer Malerschule, 1860
via Die holde Germania wacht jetzt in Leipzig, Westdeutsche Zeitung, 8. August 2013;
Philipp Veit: Allegorische Figur der Germania, 1834–1836, Wandbild aus dem alten Städelschen Institut, rechtes Seitenbild: Die mit Eichenlaub bekrönte Germania ist umgeben von mehreren Symbolen, die in der Romantik mit Deutschland verbunden waren (Reichskrone, Wappen des Heiligen Römischen Reichs, die Wappen der Kurfürsten, Reichsschwert und die Rheinlandschaft);
Christian Köhler: Erwachende Germania, 1849,
Öl auf Leinwand, 220 cm × 280 cm, New York Historical Society:
Vor Germania erscheint der Genius der Freiheit, während Knechtschaft und Zwietracht in den Abgrund stürzen.

Soundtrack: Emanuel Geibels unverfänglicher Smash-Hit Der Mai ist gekommen 1841, geschrieben im Biergarten des Lübecker Gasthofs, der später dem YouTuber gehörte, der die Rezitation von Frank Arnold veröffentlichen sollte.

Written by Wolf

23. Oktober 2015 at 00:01

Die Tage wurden trüber (wie von grober Mettwurst geschmiert)

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Das muss man sich auch einmal klar gemacht haben: Sommersonnenwende bedeutet, dass die Tage seit 21. Juni kürzer und im Ausgleich dazu die Nächte länger werden. Rechnerisch ist Sommeranfang schon Winteranfang. Die gute Nachricht ist: Mit dem gleichen Argument ist Sommeranfang kurz vor Weihnachten.

Das Lästige zum sommerlichen wie zum winterlichen Anlass sind die Literatur-Specials der Zeitungen, einmal für die „Strandlektüre“, einmal für die „Geschenkideen“ – beides so nützlich und zeitgemäß wie Käse- und Mettigel.

Aber gut, in der Welt stehen sie wenigstens dazu, dem Buchhandel – florieren soll er! – scheint es nicht zu schaden, und solange einer von 16 Redakteuren Heine empfiehlt, dürfen sie auch so tun, als ob sie jemals ein Reclam-Heft von Giacomo Leopardi gelesen hätten.

Ich bringe diese 2 relevanten von 16 Empfehlungen im Volltext und lasse den bezahlten Journalisten ihre Rechtschreibung; dafür darf jetzt ich eigenmächtig die Zitate hervorheben.

——— Frédéric Schwilden:

Frédéric Schwilden friert mit Heinrich Heine

aus:

Wir packen unsere Koffer und nehmen mit …

Pauschalreisen für unter zehn Euro? Gibt’s nur in der Literatur. Wir empfehlen für diesen Lesesommer: Kreuzfahrten über das Gleismeer, Paddeltouren durch die Pools der Nachbarn, Hiking im Haulewald oder eine Kutschfahrt nach Hagen. Reisen Sie! Lesen Sie! Buchen Sie!

in: Die Welt, Samstag/Sonntag, 27./28. Juni 2015, Literarische Welt, Seite 2:

George Clark Stanton, Death and the MaidenDass Heines „Wintermärchen“ (Insel, 6,50 €) nichts als die Wahrheit ist, zeigt der Zusatz „Märchen“ und die Tatsache, dass es damals als satirisches Gedicht herausgegeben wird. 1844 ist das. Auf Heines in Versform gestalteter Reise (literarische Kutschfahrt) von Frankreich über Köln, Hagen (Hagen?!), Paderborn, Minden bis nach Hamburg, gleitet der junge Autor wie von grober Mettwurst geschmiert durch ein Deutschland der Restaurationszeit. Das Irre daran ist, es scheint, als habe sich nichts verändert. Denken wir an Europa, an Deutschland heute und lesen Heine:

Die Jungfer Europa ist verlobt
Mit dem schönen Geniusse
Der Freiheit, sie liegen einander im Arm,
Sie schwelgen im ersten Kusse.

Deswegen, fahren Sie nach Ischia, gehen Sie ins Hotel „Miramar“ und bestellen Sie die große Leberwurststulle. Es wird ein merkelhafter Urlaub.

——— Dirk Schümer:

Dirk Schümer kühlt sich mit Giacomo Leopardi

a.a.O.:

Henri Lévy, Death and the Maiden, detail, 1900Warum zur Sommerzeit nicht mit dem größten Dichter des Nichts in den Süden reisen? Giacomo Leopardi stammt aus dem langweilig-schönen Recanati im Hinterland der Adria. Hier stopfte sich der Kranke – ein von Knochentuberkulose zerfressener Gnom mit zwei Buckeln – mit Europas Bücherwissen voll. Ein Vierteljahrhundert lang erstickte er an Lieblosigkeit, Isolation, Schmerzen und unerfüllter Sehnsucht. Dann ein paar Reisen quer durch Italien; schließlich 1837 mit noch nicht mal Vierzig der Tod in Neapel. In seinem Leiden dichtete Leopardi erbarmungslose „Gesänge und Fragmente“ (Reclam, 7,80 €) über die insektenhafte Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz:

Und so ertrinkt in Unermesslichkeit mein Geist. Und Scheitern ist mir süß in diesem Meer.

Mit diesem Bad im Wörtersee wird selbst der allerheißeste Mittelmeersommer wieder kühl.

Bilder: George Clark Stanton: Death and the Maiden;
Henri Lévy: Death and the Maiden, Detail, 1900.

Written by Wolf

2. Juli 2015 at 00:01