Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for the ‘Expressionismus’ Category

Und überall die Bitternis in jedem Kerne

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Update zu Die Mondfrau sang im Boote:

Mit Theben meinte Else Lasker-Schüler nicht die „siebentorige“ Stadt in Böotien, die heute Thiva heißt, sondern die „hunderttorige“ in Oberägypten, die es überhaupt nicht mehr gibt; ihr alter ego ist der dortige Prinz — keine Prinzessin — Jussuf. Ihr gleichnamiges Buch ist 2002 neu aufgelegt. Aus der Druckauflage von 250 Stück hat die Lasker 50 Stück wertsteigernd handkoloriert und nummeriert, wobei das Exemplar 6 als „farbig besonders liebevoll gestaltet und gut erhalten“ der Herausgeberin Ricarda Dick für den Berliner Jüdischen Verlag zur Vorlage diente. Ernsthaft erschwinglich war das farbige Faksimile — 124 Euro für 64 Seiten — von Anfang an nicht, dafür schön luxuriös, transkribiert und mit Nachwort.

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923Wir tun mal wieder, was wir können, indem wir das Exemplar 58 — also schon keins der kolorierten Unikate mehr — aus einer Wiedergabe lange vor der dankenswerten Neuausgabe von 2002 zugänglich machen. Die Transkriptionen sind übliche Fassungen, nicht zeichengenau die Fassung aus dem neuem, faszinierenden Ganzen, den der Text-Bild-Zyklus Theben bilden soll — aber sie helfen die eher geringfügigen Unterschiede entziffern.

Lasker-Schülers Originalzeichnungen und -handschriften sind auf gelblichem Telegrammpapier verfertigt, das man seinerzeit bei der Post gratis mitnehmen konnte. Es rückt meine Fotos also umso näher an die ursprüngliche Anmutung, wenn meine Vorlage von 1966 ihrerseits in Ehren vergilbt ist.

Danke an Hank Nagler für die Bereitstellung!

(Übrigens suche ich immer noch, wie Sie aus den Fotos schließen können, ein Hand-Model. Vorzugsweise weiblich, mindestens 18 — damit sich irgendwelche Zustimmungen von Erziehungsberechigten erübrigen — bis um die 40 Jahre, Raum München, und nicht, was Sie jetzt denken. Können auch mal andere Körperteile sein, aber keine, die Sie nicht freiwillig Ihrer Großmutter zeigen würden. Von mir aus kann Ihr „Freund“ oder Ihre Anstandsdame zuschauen oder am besten meine Frau, die war sogar mal in einem Fotografieseminar. Es winken belustigende kontaktarme Zusammentreffen mit schönen Büchern und meiner möglichst wenig herumstörenden Person sowie haufenweise lobende Erswähnungen. Als Model-Honorar geht vielleicht sogar mal ein Seidel Bier auf mich.)

——— Else Lasker-Schüler:

Theben

Gedichte und Lithographien

Querschnitt-Verlag, Frankfurt am Main/Berlin 1923, als 24. Flechtheim-Druck in einer Auflage von 250 Exemplaren,
cit nach: Friedhelm Kemp, Hrsg.: Else Lasker-Schüler: Sämtliche Gedichte.
Einmalige Sonderausgabe: Band 134 der Reihe Die Bücher der Neunzehn, Februar 1966, Kösel-Verlag München,
Seite 263 bis 288:

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923

Gebet

Ich suche allerlanden eine Stadt,
Die einen Engel vor der Pforte hat.
Ich trage seinen grossen Flügel
Gebrochen schwer am Schulterblatt
Und in der Stirne seinen Stern als Siegel.

Und wandle immer in die Nacht …
Ich habe Liebe in die Welt gebracht –
Dass blau zu blühen jedes Herz vermag,
Und hab ein Leben müde mich gewacht,
In Gott gehüllt den dunklen Atemschlag.

O Gott, schliess um mich deinen Mantel fest;
Ich weiss, ich bin im Kugelglas der Rest,
Und wenn der letzte Mensch die Welt vergießt,
Du mich nicht wieder aus der Allmacht läßt
Und sich ein neuer Erdball um mich schließt.

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923

Meine Mutter

War sie der große Engel,
Der neben mir ging?

Oder liegt meine Mutter begraben
Unter dem Himmel von Rauch –
Nie blüht es blau über ihrem Tode.

Wenn meine Augen doch hell schienen
Und ihr Licht brächten.

Wäre mein Lächeln nicht versunken im Antlitz,
Ich würde es über ihr Grab hängen.

Aber ich weiß einen Stern,
Auf dem immer Tag ist;
Den will ich über ihre Erde tragen.

Ich werde jetzt immer ganz allein sein
Wie der große Engel,
Der neben mir ging.

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923

Versöhnung

Es wird ein großer Stern in meinen Schoß fallen …
Wir wollen wachen die Nacht,

In den Sprachen beten,
Die wie Harfen eingeschnitten sind.

Wir wollen uns versöhnen die Nacht –
So viel Gott strömt über.

Kinder sind unsere Herzen,
Die möchten ruhen müdesüß.

Und unsere Lippen wollen sich küssen,
Was zagst du?

Grenzt nicht mein Herz an deins –
Immer färbt dein Blut meine Wangen rot.

Wir wollen uns versöhnen die Nacht,
Wenn wir uns herzen, sterben wir nicht.

Es wird ein großer Stern in meinen Schoß fallen.

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923

Mein Volk

Der Fels wird morsch,
Dem ich entspringe
Und meine Gotteslieder singe…
Jäh stürz ich vom Weg
Und riesele ganz in mir
Fernab, allein über Klagegestein
Dem Meer zu.

Hab mich so abgeströmt
Von meines Blutes
Mostvergorenheit.
Und immer, immer noch der Widerhall
In mir,
Wenn schauerlich gen Ost
Das morsche Felsgebein,
Mein Volk,
Zu Gott schreit!

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923

Senna Hoy
(Sascha)

Seit du begraben liegst auf dem Hügel
Ist die Erde süß.

Wo ich hingehe nun auf Zehen,
Wandele ich über reine Wege.

O, deines Blutes Rosen
Durchtränken sanft den Tod.

Ich habe keine Furcht mehr
Vor dem Sterben.

Auf deinem Hügel blühe ich schon
Mit den Blumen der Schlingpflanzen.

Deine Lippen haben mich immer gerufen,
Nun weiß mein Name nicht mehr zurück.

Jede Schaufel Erde, die dich barg,
Verschüttete auch mich.

Darum ist immer Nacht an mir
Und Sterne schon in der Dämmerung.

Und ich bin unbegreiflich unseren Freunden
Und ganz fremd geworden.

Aber du stehst am Tor der stillsten Stadt
Und wartest auf mich, du Großengel.

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923

Marie von Nazareth

Träume, säume, Marienmädchen –
Überall löscht der Rosenwind
Die schwarzen Sterne aus.
Wiege im Arme dein Seelchen.

Alle Kinder kommen auf Lämmern
Zottehotte geritten
Gottlingchen sehen

Und die vielen Schimmerblumen
An den Hecken
Und den großen Himmel da
Im kurzen Blaukleide!

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923

Ein alter Tibetteppich

Deine Seele, die die meine liebet,
Ist verwirkt mit ihr im Teppichtibet.

Strahl in Strahl, verliebte Farben,
Sterne, die sich himmellang umwarben.

Unsere Füße ruhen auf der Kostbarkeit,
Maschentausendabertausendweit.

Süßer Lamasohn auf Moschuspflanzenthron,
Wie lange küßt dein Mund den meinen wohl
Und Wang die Wange buntgeknüpfte Zeiten schon?

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923

Ein Lied

Hinter meinen Augen stehen Wasser,
Die muß ich alle weinen.

Immer möcht ich auffliegen,
Mit den Zugvögeln fort;

Buntatmen mit den Winden
In der großen Luft.

O ich bin so traurig – – – –
Das Gesicht im Mond weiß es.

Drum ist viel sammtne Andacht
Und nahender Frühmorgen um mich.

Als an deinem steinernen Herzen
Meine Flügel brachen,

Fielen die Amseln wie Trauerrosen
Hoch vom blauen Gebüsch.

Alles verhaltene Gezwitscher
Will wieder jubeln

Und ich möchte auffliegen
Mit den Zugvögeln fort.

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923

Joseph wird verkauft

Die Winde spielten müde mit den Palmen noch
So dunkel war es schon um Mittag in der Wüste,
Und Joseph sah den Engel nicht, der ihn vom Himmel grüßte
Und weinte, da er für des Vaters Liebe büßte
Und suchte nach dem Cocos seines schattigen Herzens doch.

Der bunte Brüderschwarm zog wieder nach Gottosten
Und er bereute seine schwere Untat schon
Und auf den Sandweg fiel der schnöde Silberlohn.
Die fremden Männer aber ketteten des Jakobs Sohn
Bis ihm die Häute drohten mit dem Eisen zu verrosten.

So oft sprach Jakob inbrünstig zu seinem Herrn,
Sie trugen gleiche Bärte, Schaum von einer Eselin gemolken
Und Joseph glaubte jedesmal sein Vater blicke aus den Wolken
Und eilte über heilige Bergeshöhn, ihm nachzufolgen
Bis er dann ratlos einschlief unter einem Stern.

Die Käufer lauschten dem entrückten Knaben,
Des Vaters Andacht atmete aus seinem Haare;
Und sie entfesselten die edelblütige Ware
Und drängten sich zu tragen, Canaans Prophet in einer Bahre,
Wie die bebürdeten Kameele durch den Sand zu traben.

Egypten glänzte feierlich in goldenen Mantelfarben
Da dieses Jahr die Ernte auf den Salbtag fiel.
Die kleine Karawane, endlich nahte sie dem Ziel.
Sie trugen Joseph in das Haus des Potiphars am Nil.
An seinem Traume hingen aller Deutung Garben.

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923

Gott hör ….

Um meine Augen zieht die Nacht sich
Wie ein Ring zusammen.
Mein Puls verwandelte das Blut in Flammen
Und doch war alles grau und kalt um mich.

O Gott und bei lebendigem Tage,
Träum ich vom Tod.
Im Wasser trink ich ihn und würge ihn im Brot.
Für meine Traurigkeit gibt es kein Maß auf deiner Waage.

Gott hör … In deiner blauen Lieblingsfarbe
Sang ich das Lied von deines Himmels Dach –
Und weckte doch in deinem ewigen Hauche nicht den Tag.
Mein Herz schämt sich vor dir fast seiner tauben Narbe.

Wo ende ich? – 0 Gott!! Denn in die Sterne,
Auch in den Mond sah ich, in alle deiner Früchte Tal.
Der rote Wein wird schon in seiner Beere schal …
Und überall – die Bitternis – in jedem Kerne.

Else Lasker-Schüler, Theben, 1923

Ich schrieb die Verse dieses Buches und zeichnete die Bilder dazu auf den Stein bei A. Ruckenbrod in Berlin, der das Buch in 250 Exemplaren für die Querschnitt-Verlags Aktiengesellschaft in Frankfurt am Main druckte. Die Zeichnungen der ersten 50 Bücher colorierte ich mit der Hand. Das Buch erscheint als 24. Flechtheim Druck.

Dieses Buch trägt die Nummer
58

Else Lasker-Schüler

Soundtrack: 17 Hippies: Frau von Ungefähr, aus: Ifni, 2004:

Written by Wolf

30. Juli 2021 at 00:01

And to watch it dwindle gave him Kugelkopfschwindel

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Update zu Der Fluch des Albatros und
You’ll learn to sprechen Deutsch mein kind, ash fast ash you tesire:

Damit Hans Wollschläger vor einer Übersetzung zurückschreckt, musste wohl einiges kommen: Der Mann hat eine der wenigen legendär gewordenen Großübersetzungen des 20. Jahrhunderts — dem Ulysses von James Joyce für Suhrkamp 1975 — geliefert, und dann erscheint in derselben Reihe der Gesammelten Gedichte samt Anna Livia Plurabelle 1981 in der Nachbemerkung durch die Joyce-Koryphäen „K. R., F. S.“, was wir sinnvoll als Klaus Reichert und Fritz Senn auflösen dürfen:

Der vorliegende Band bringt fast sämtliche Gedichte von James Joyce, also sowohl die von ihm selbst publizierten wie die zu Lebzeiten nichtpublizierten. Ganz wenige, unerhebliche Stücke sind weggelassen. Bedauerlich ist höchstens das Fehlen eines Gedichts – ‚A Portrait of the Artist as an Ancient Mariner‘ (1932). Dieses fast unverständliche Gedicht hat zum Thema einige Tücken der Ulysses-Publikation wie etwa die Piratendrucke; es hat als formales Gerüst Coleridges ‚Rime of the Ancient Mariner‚. Bis ins kleinste entwirren ließ das Gedicht sich nicht, und die formale Strukturierung wäre für deutsche Leser ohnehin nicht erkennbar. Der Arbeitsaufwand hätte in gar keinem Verhältnis gestanden zu einem irgendwie akzeptablen Resultat.

Den Scan eines Schreibmaschinendurchschlags mit — die Älteren entsinnen sich — Kohlepapier liefert uns heute im Gegensatz zu 1981 die National Library of Ireland, die James Joyce Collection der University at Buffalo merkt zusätzlich an:

Joyce gave this manuscript to Sylvia Beach (see Buffalo MS X.C.244; Joyce to Beach; 30 October 1932; JJSB, p. 185). There is carbon copy of this typescript, without corrections, and two further, different typescript copies in the Zurich James Joyce Foundation as part of the Jahnke Bequest.

There is a note with the manuscript in Sylvia Beach’s hand in blue ink that reads: „referring to the Albatross Press | edition of Ulysses“. The manuscript was folded twice horizontally and once vertically.

Indem wir weit von allen Situationen entfernt sind, in denen wir uns mit Hans Wollschläger messen können, die Suhrkamp-Ausgabe aber zweisprachig ist, tun wir das Unsrige zur Vollständigkeit und machen immerhin Joyces Original zugänglich, das nach den herausgeberischen Drohungen überraschend viel unbefangenen Spaß macht. Korrigiert nach der besagten carbon copy:

——— James Joyce:

A Portrait of the Artist an an Ancient Mariner

Oktober 1932:

James Joyce, A Portrait of the Artist an an Ancient Mariner, 1932, via James Joyce Gazette, 19. April 2020

1) I met with an ancient scribelleer
    As I scoured the pirates‘ sea
    His sailes were alullt at nought coma null
    Not raise the wind could be.

2) The bann of Bull, the sign of Sam
    Burned crimson of his brow.
    And I rocked at the rig of his bricabrac brig
    With K.O. 11 on his prow.

3) Shakesfears & Coy danced poor old joy
    And some of their steps were corkers
    As they shook the last shekels like phantom freckels
    His pearls that had poisom porkers.

4) The gnome Norbert read rich bills of fare
    The ghosts of his deep debauches
    But there was no bibber to slip that scribber
    The price of a box of matches

5) For all cried, Schuft ! He has lost the Luft
    That made his U boat go
    And what a weird leer wore that scribeleer
    As his wan eye winked with woe.

6) He dreamed of the goldest sands uprolled
    By the silviest Beach of Beaches
    And to watch it dwindle gave him Kugelkopfschwindel
    Till his eyeboules bust their stitches.

7) His hold shipped seas with a drunkard’s ease
    And its deadweight grew and grew
    While the witless wag still waved his flag
    Jemmyrend’s white and partir’s blue.

8) His tongue stuck out with a dragon’s drouth
    For a sluice of schweppes and brandy
    And but for the glows on his roseate nose
    You’d have staked your goat he was Gandhi.

9) For the Yanks and Japs had made off with his traps
    So that stripped to the stern he clung
    While increase of a cross, an Albatross
    Abaft his nape was hung.

Die Nachbemerkung von Reichert und Senn fährt an der angegebenen Stelle fort:

Das gleiche gilt leider auch für das Pamphlet ‚From a Banned Writer to a Banned Singer‘: die zahllosen notwendigen Annotationen zu einer völlig ephemeren Geschichte und deren Verarbeitung in den Text hätten kaum die Doppelanstrengung des Übersetzens und des Lesens gerechtfertigt.

Wir müssen also später nochmal dran.

Ottocaro Weiss, James Joyce, Zürich 1915

Bilder: James Joyces Typed carbon copy, via James Joyce Gazette, 19. April 2020;
Ottocaro Weiss: James Joyce in Zürich, 1915,
via Frank Delaney: Seeing Joyce, Public Domain Review, 12. Juni 2012.

Soundtrack: Fran O’Rourke & John Feeley: The Long Farewell,
auf Joyces frisch restaurierter Gitarre, Joyce’s Tower in Sandycove, Dublin, Juni 2013:

Bonus Tracks: BBC Radio 4: James Joyce’s Playlist, Juni 2012:

Written by Wolf

21. Mai 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Expressionismus, Handel & Wandel

Flintenwerfen

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Update zu O selige Epoche:

Da kann sich einer Christian Morgenstern aufgrund physischen Geburtstags und psychischen Alberfaktors persönlich so verbunden fühlen, wie er will, da können die lizenzfrei orientierten „Klassiker“-Verlage auf ihre Morgensterne Alle Galgenlieder draufschreiben, bis den Druckereien in Shenzhen die Schwärze ausgeht — die echten Geschichten über Morgenstern-Gedichte findet man nur in der halbwegs wissenschaftlichen Ausgabe. Wie bei allen Schreibern; bei Morgenstern ist das die Stuttgarter Ausgabe bei Urachhaus, und was bei den Kaufhof-Ausgaben — übrigens nichts gegen die gleichnamige, dokumentarisch bedeutsame Sammlung von Diogenes 1981 — Alle Galgenlieder heißt, ist darin der Band 3: Humoristische Lyrik von 1990.

In den Kommentar hat der Herausgeber Maurice Cureau die frühe Version eines gängigen Gedichts über Morgensterns kauziges Alter Ego Palmström versteckt: Die weggeworfene Flinte hieß in einer früheren Bearbeitung Palmström der Patriot. Wiederzuerkennen nur noch am Thema, gewiss nicht mehr an der Form, sind die Unterschiede zwischen den Fassungen groß genug, um sie mit Gewinn gegenüberzustellen. Angeblich wegen mangelnder Begeisterung beim Lesen der fertigen Korrekturbogen überarbeitete Morgenstern das Gedicht „poetischer, romantischer“ von Grund auf.

Es kann an mir liegen, aber in der allseits autorisierten Druckfassung vermisse ich die Reime. Und schon besitzen wir ein vertieftes, wenn nicht gar ein ganz neues Palmström-Gedicht.

Lera Vradiy, Field Stories, 21. Juli 2017

——— Christian Morgenstern:

Palmström der Patriot

frühe Version, brieflich an Verleger Bruno Cassirer am 19. Februar 1910:

Palmström, auf dem Lande hinten,
untersucht das Korn nach Flinten,
die das Volk, wie er v. Korfen
sagt, daselbst hineingeworfen.
Und fürwahr, er findet deren!
Eine Unzahl von Gewehren,
geht (beglaubigt von den Bauern,
welche auf Belohnung lauern,
und plombiert von den gesamten
diesbezüglichen Beamten)
noch im Herbst nebst Memorando
ab ans Generalkommando.

Die weggeworfene Flinte

Druckversion 22. Februar 1910, „Meiner lieben Margareta“:

Palmström findet eines Abends,
als er zwischen hohem Korn
singend schweift,
eine Flinte.

Trauernd bricht er seinen Hymnus
ab und setzt sich in den Mohn,
seinen Fund
zu betrachten.

Innig stellt er den Verzagten,
der ins Korn sie warf, sich vor
und beklagt
ihn vorn Herzen.

Mohn und Ähren und Cyanen
windet seine Hand derweil
still um Lauf,
Hahn und Kolben …

Und er lehnt den so bekränzten
Stutzen an den Kreuzwegstein,
hoffend zart,
daß der Zage,

noch einmal des Weges kommend,
ihn erblicken möge — und —
(… Seht den Mond
groß im Osten …)

Martin Bartholmy, Wo die Flinte im Korn liegt. Cropped Crop, 15. Juli 2018

Bilder: Lera Vradiy: Field Stories, 21. Juli 2017;
Martin Bartholmy: Wo die Flinte im Korn liegt / Cropped Crop, 15. Juli 2018.

Soundtrack: Emily Barker & The Red Clay Halo with Frank Turner: Fields of June, 2012:

Written by Wolf

21. Februar 2020 at 00:01

You’ll learn to sprechen Deutsch mein kind, ash fast ash you tesire

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Update zu Die deutsche Sirene vom Zwirbel im Rhein in die Bronx,
Wein-Lese und
Was zusammengehört:

Charles Godfrey Leland wird von Wikipedia als Abenteurer, Künstler, Dichter, Kritiker, Folklorist, Mythenforscher, Philologe, Archäologe, Journalist, Humorist, Kolumnist, Soldat, Herausgeber, Reformer und Erzieher geführt, alles davon mit guter Begründung. Halten wir als seine wichtigsten Leistungen fest: Gründung der Zeitschrift The Continental Monthly und Weiterführung des Graham’s Magazine als Graham’s Illustrated Magazine samt dessen Terminierung; Entdeckung und Erstbeschreibung einer ausgestorbenen und einer rezenten keltischen Sprache namens Ogham und Shelta unter wissenschaftlicher Anerkennung der durchweg seriösen Forschung, nicht aber der Sprachen selbst; vollständige Übersetzung der Werke Heinrich Heines ins Englische; Veröffentlichung von über fünfzig Büchern, die meisten davon über europäische Zigeuner-Folklore, Wicca-Religion und Neopaganismus, darunter am bekanntesten Aradia, or the Gospel of the Witches, deutsch: Aradia oder das Evangelium der Hexen, 1899.

The Thinker's Garden, ODD TRUTHS. THE ADVENTURES OF CHARLES GODFREY LELAND, 14. Oktober 2016Über dieser Fülle von Kuriosa, auf einem einzigen, im Laufe der Zeit apokryph gewordenen Manne vereinigt, vergisst sich leicht der Zyklus seiner Hans Breitmann’s Ballads ab 1856, die seinen Ruhm zu Lebzeiten begründeten, aber inzwischen von seinen immer noch gültigen Leistungen auf dem Studiengebiet des vor allem italienischen Hexenzaubers überdeckt werden. Im Gegensatz zu Mark Twains bis heute verbreiteten und recht präsenten, allerdings punktuell entstandenen Essay The Awful German Language, deutsch: Die schreckliche deutsche Sprache 1880 wendet Leland in dem mehrere Jahrzehnte lang angewachsenen Zyklus eine eigens erfundene Mischung aus Englisch und Deutsch an, die eben kein Pennsylvaniadeutsch ist, sondern ein durchaus tragfähiges Makkaronisch.

Als anschaulichstes Beispiel für Lelands so durchschaubare Kunstsprache, dass sie für deutsche Leser nicht übersetzt werden muss, diene uns die Breitmann Ballad namens To a Friend Studying German von 1869, nachmals gewidmet an seinen Freund Johann Nicolaus, Nikolaus oder Nicholas Trübner — einen Buchhändler, Verleger, Linguisten und geborenen Heidelberger, daher deutschen Muttersprachler, der auf einem sich weltweit, vor allem nach Nordamerika ausbreitenden Buchmarkt zurechtkommen musste — als sozial interagierendes Individuum nicht zuletzt durch Fremdsprachenerwerb.

——— Charles Godfrey Leland:

To a Friend Studying German

1869 bis 1889, in: The Breitmann Ballads, by Charles G. Leland.
1889, to the memory of the late Nicholas Trübner.
This Work is Dedicated by Charles G. Leland, London, 1871.
A New Editon, Kegan Paul, Trench, Trübner & Co., London 1895:

Si liceret te amare
Ad Suevorum magnum mare
Sponsam te perducerem

—Tristicia Amorosa.
Frau Aventiure,
von J. V. Scheffel.

The Thinker's Garden, ODD TRUTHS. THE ADVENTURES OF CHARLES GODFREY LELAND, 14. Oktober 2016VILL’ST dou learn die Deutsche Sprache?
Denn set it on your card,
Dat all the nouns have shenders,
Und de shenders all are hard.
Dere ish also dings called pronoms,
Vitch id’s shoost ash vell to know;
Boot ach! de verbs or time-words—
Dey’ll work you bitter woe.

Will’st dou learn de Deutsche Sprche?
Den you allatag moost go
To sinfonies, sonatas,
Or an oratorio.
Vhen you dinks you knows ‚pout musik,
More ash any other man,
Be sure de soul of Deutschland
Into your soul ish ran.

Will’st dou learn de Deutsche Sprache?
Dou moost eat apout a peck
A week of stinging sauerkraut,
Und sefen pfoundts of speck.
Mit Gott knows vot in vinegar,
Und deuce knows vot in rum:
Dis ish de only cerdain vay
To make de accents coom.

Will’st dou learn de Deutsche Sprache?
Brepare dein soul to shtand
Soosh sendences ash ne’er vas heardt
In any oder land.
Till dou canst make parentheses
Intwisted-ohne zahl—
Dann wirst du erst Deutschfertig seyn,
For a languashe ideál.

The Thinker's Garden, ODD TRUTHS. THE ADVENTURES OF CHARLES GODFREY LELAND, 14. Oktober 2016Will’st dou learn de Deutsche Sprache?
Du must mitout an fear
Trink afery tay an gallon dry,
Of foamin Sherman bier.
Und de more you trinks, pe certain,
More Deutsch you’ll surely pe;
For Gambrinus ish de Emperor
Of de whole of Germany.

Will’st dou learn de Deutsche Sprache?
Be sholly, brav, und treu,
For dat veller ish kein Deutscher
Who ish not a sholly poy.
Find out vot means Gemütlichkeit,
Und do it mitout fail,
In Sang und Klang dein Lebenlang,
A brick-ganz kreuzfidél.

Willst dou learn de Deutsche Sprache?
If a shendleman dou art,
Denn shtrike right indo Deutschland,
Und get a schveetes heart.
From Schwabenland or Sachsen
Vhere now dis writer pees;
Und de bretty girls all wachsen
Shoost like aepples on de drees.

Boot if dou bee’st a laty,
Denn on de oder hand,
Take a blonde moustachioed lofer
In de vine green Sherman land.
Und if you shoost kit married
(Vood mit vood soon makes a vire),
You’ll learn to sprechen Deutsch mein kind,
Ash fast ash you tesire.

Dresden, January 1870.

Builders: via The Thinker’s Garden: Odd Truths: The Adventures of Charles Godfrey Leland, 14. Oktober 2016.

Tonspur: Mouth & MacNeal: How Do You Do?, aus: How Do You Do?, 1972,
natürlich zweisprachig. In einer nach der anderen:

Written by Wolf

11. Oktober 2019 at 00:01

Du Uhu du

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Update zu Wölfchen Wulffs Weihnachten,
Des Maies Wonneschlingen,
Schön siebenzeilig Lurley,
Wie der Schnee so weiß, aber kalt wie Eis ist das Liebchen, das du dir erwählt
und Am selben Tag, da ich erfuhr, man habe mich entmündigt:

Dass ich mich nicht ernst genommen fühle, ist Default-Einstellung und wird seine Gründe haben. Deshalb muss ich in den verschiedensten Bewusstseinszuständen — damit mir geglaubt wird — wiederholen:

Ich sammle Gedichte mit siebenzeiligen Strophen. Wenn jemandem eins auffällt, mag er es mir um Himmels willen nicht verschweigen.

Die schiere Anzahl der Verse legt noch keine definierte Strophenform fest, und genau das ist das Schöne: Siebenzeilige Formen bleiben immer auf die eine oder Weise schwebend offen, ähnlich wie Melodien, die bezeichnenderweise mit einem Septakkord enden. Es ist nichts ausgesagt über das Reimschema: Da ist von AAAAAAA über erweiterte Limericks bis zum Klangreim alles drin.

Einige der besten und süffigsten Gedichte aller Epochen sind siebenzeilig: Erinnern wir uns an die Gemeinsamkeiten so unterschiedlicher Gedichte wie des überraschend raffinierten Frühlingsliedes Swie diu zît sich wil verkêren Sêren des Minnesängers Walther von Klingen, des übermütig makabren Gothic-Spaßes der Braut von Korinth von Goethe, der Bürgschaft von Schiller, der 1838er Version der Loreley von Friedrich Förster oder des ergreifenden Meisterstücks vom Mädchen mit dem Muttermal von Ringelnatz: Sie bestehen aus Strophen von je sieben Versen.

Den Liliencron kenne ich aus meinem Schullesebuch der 6. Klasse. Das Reimschema ist AAABAAB — in seiner strophenweisen Gleichförmigkeit schon fast meditativ und damit gerade passend für eine Schnurre über energische, lebenshungrige alte Männer.

——— Detlev von Liliencron.

Ballade in U-Dur

aus: Bunte Beute, Schuster & Loeffler, Berlin und Leipzig 1903:

Es lebte Herr Kunz von Karfunkel
mit seiner verrunzelten Kunkel
auf seinem Schlosse Punkpunkel
in Stille und Sturm.
Seine Lebensgeschichte war dunkel,
es murmelte manch Gemunkel
um seinen Turm.

Täglich ließ er sich sehen
beim Auf- und Niedergehen
in den herrlichen Ulmenalleen
seines adlichen Guts.
Zuweilen blieb er stehen
und ließ die Federn wehen
seines Freiherrnhuts.

Er war just hundert Jahre,
hatte schneeschlohweiße Haare
und kam mit sich ins klare:
Ich sterbe nicht.
Weg mit der verfluchten Bahre
und ähnlicher Leichenware!
Hol‘ sie die Gicht!

Werd‘ ich, neugiertrunken
ins Gartengras hingesunken,
entdeckt von dem alten Halunken,
dann grunzt er plump:
Töw Sumpfhuhn, ick wil di glieks tunken
in den Uhlenpfuhl zu den Unken,
du schrumpliger Lump!

Einst lag ich im Verstecke
im Park an der Rosenhecke,
da kam auf der Ulmenstrecke
etwas angemufft.
Ich bebe, ich erschrecke:
Ohne Sense kommt mit Geblecke
der Tod, der Schuft.

Und von der andern Seite,
mit dem Krückstock als Geleite,
in knurrigem Geschreite,
kommt auch einer her.
Der sieht nicht in die Weite,
der sieht nicht in die Breite,
geht gedankenschwer.

Hallo, du kleine Mücke,
meckert der Tod voll Tücke,
hier ist eine Gräberlücke,
hinunter ins Loch!
Erlaube, daß ich dich pflücke,
sonst hau‘ ich dir auf die Perücke,
oller Knasterknoch.

Der alte Herr, mit Grimassen,
tut seinen Krückstock festfassen:
Was hast du hier aufzupassen,
du Uhu du!
Weg da aus meinen Gassen,
sonst will ich dich abschrammen lassen
zur Uriansruh‘!

Sein Krückstock saust behende
auf die dürren, gierigen Hände,
die Knöchel- und Knochenverbände:
Knicksknucksknacks.
Freund Hein schreit: Au, mach ein Ende!
Au, au, ich lauf ins Gelände
nach Haus schnurstracks.

Noch heut lebt Herr Kunz von Karfunkel
mit seiner verrunzelten Kunkel
auf seinem Schlosse Punkpunkel
in Stille und Sturm.
Seine Lebensgeschichte ist dunkel,
es murmelt und raunt manch Gemunkel
um seinen Turm.

Mit seiner verrunzelten Kunkel: The Consecrated Eminence. The Archives & Special Collections at Amherst College: Bloom Ephemera: Backcover Artwork in Real Free Press Illustratie Nr. 1, Antwerpen, undatiert,
2. Mai 2014, via Chris Goes Rock’s Music Site: Dancing Hippies, 30. Mai 2013.

Soundtrack: Gogolala Jubilee Jugband: Ich bin mein Opa,
aus: The Muppet Show, Staffel 1, Folge 113, 6. Dezember 1976:

Bonus Tracks: Jerome Potma: The Muppet Show Song Compilation, Staffeln 1 bis 5:

Written by Wolf

13. Juli 2018 at 00:01

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Varvara Lozenko, Aspiration, 15. Juni 2011——— Jochen Schmidt: 18. Fr, 4.8., Odessa, Uspanskaja 13; In Swanns Welt, Seite 355–376,
in: Schmidt liest Proust. Quadratur der Krise, Voland & Quist, Dresden und Leipzig 2008, Seite 50:

Was hilft es Swann, wenn Odette sich gemein verhält und die erste Frische ihrer Jugend bereits eingebüßt hat?

Ja genau: Was frommt’s? Ihm wahrscheinlich nichts, ihr schon eher.

Wenn vor zehn Jahren jemand Marcel Proust gelesen hat, musste er unweigerlich gleich darüber bloggen. Mir fallen ungestützt vier Weblogs zu dem Thema ein aus der Zeit, als das Internet nicht aus Apps bestand und seine Nutzer weiter als 140 Zeichen dachten, bei Jochen Schmidt aus dem Land der Literaturverächter und Langweiler ist sogar ein kostenpflichtiges P-Book draus geworden. Inzwischen wäre Gelegenheit nachzuschauen, ob einer von denen jusqu’au fin durchgehalten hat:

Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Sääle? Eigentlich kann er gleich Proust lesen.

Im Schatten junger Mädchenblüte: Varvara Lozenko: Aspiration, 15. Juni 2011.

Written by Wolf

30. Mai 2014 at 00:01

O selige Epoche

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Umschlag Christian Morgenstern, Galgenlieder, 1905, 3. Auflage 1908, Karl Walser via Digitales Christian-Morgenstern-ArchivChristian Morgenstern hab ich von Anfang an gemocht. Diese, obwohl sie’s andauernd mit Galgen, Sterben und Verwesen hat, um rein gar nichts bekümmerte Mischung aus Dada, Surrealismus, Im- und Expressionismus ging schon klar — das muss wohl so kommen, wenn einer Morgenstern heißt. Umso mehr, als ich gemerkt hab, dass der Mann am gleichen Tag wie ich Geburtstag hat. Seine Bücher werden meistens viel zu leichtfertig verlegt: Er wird gerade mal als Lieferant einiger „komischer“ Klassiker ernst genug genommen, die im kollektiven Bewusstsein spuken; die Stuttgarter Ausgabe erscheint bei Urachhaus seit 1987 und wurde nicht einmal zum 100. Todestag fertig, nur eine Jubiläumsausgabe der Lyrik. Wird schon noch.

„Es lenzet auch auf unserm Spahn, o selige Epoche“ fällt mir unweigerlich ein, wenn schönes Wetter ist.

——— Christian Morgenstern: Galgenbruders Frühlingslied
in: Galgenlieder, Verlag Bruno Cassirer, Berlin 1905:

Es lenzet auch auf unserm Spahn,
o selige Epoche!
Ein Hälmlein will zum Lichte nahn
aus einem Astwurmloche.

Es schaukelt bald im Winde hin
und schaukelt bald drin her.
Mir ist beinah, ich wäre wer,
der ich doch nicht mehr bin …

2. Vers, bessere Version: [1921]

Es strecket sich schon kecklings auf,
das wilde Galgengräslein.
Vergebens spähn nach ihm hinauf
hungrige Osterhäslein.

Für mein Verständnis leider zu tranig bekümmerte Vertonung:
Hanns Eisler, 1917, Mezzosopran Roswitha Trexler;
Umschlagbild von Karl Walser zur 3. veränderten und durch den Gingganz und anderes ums doppelte vermehrten Auflage, 1908 via DCMA.

Written by Wolf

31. März 2014 at 00:01