Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Fruchtstück 0004: Der heil’ge Rhythmus in Verselein und Rimelein

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Update zu Der unverzichtbare Buchstabe e
und The Metrum is the Message:

Über Sinn oder Unsinn der Poesie, Literatur und/oder gar Kunst lässt sich in den Zeiten des gerade erst zu seinen optimierten Vernichtungsschlägen ausholenden Neoliberalismus nicht mehr sinnvoll diskutieren. Über den Sinn von Formgebung in der Lyrik offenbar schon.

——— August von Platen:
1825:

Was stets und aller Orten
Sich ewig jung erweist,
Ist in gebundnen Worten
Ein ungebundner Geist
.

I

Entled’ge dich von jenen Ketten allen,
Die gutgemutet du bisher getragen,
Und wolle nicht, mit kindischem Verzagen,
Der schnöden Mittelmäßigkeit gefallen!

Und mag die Bosheit auch die Fäuste ballen,
Noch atmen Seelen, welche keck es wagen,
Lebendig, wie die deinige, zu schlagen,
Drum laß die frischen Lieder nur erschallen!

Geschwätz’gen Krittlern gönne du die Kleinheit,
Bald dies und das zu tadeln und zu loben,
Und nie zu fassen eines Geistes Einheit.

Ihr kurzer Groll wird allgemach vertoben,
Du aber schüttelst ab des Tags Gemeinheit,
Wenn dich der heil’ge Rhythmus trägt nach oben.

Abbie Cornish mit Topper, Bright Star, 2009

——— Thomas Mann:

Der Erwählte

1951, 1. Kapitel: Wer läutet?, Schluss,
Rolle Mönch Clemens der Ire, vormals Morhold, im Kloster Sankt Gallen als Der Geist der Erzählung:

Eines ist gewiß, nämlich, daß ich Prosa schreibe und nicht Verselein, für die ich im ganzen keine übertriebene Achtung hege. Vielmehr stehe ich diesbezüglich in der Überlieferung Kaisers Caroli, der nicht nur ein großer Gesetzgeber und Richter der Völker, sondern auch der Schutzherr der Grammatik und der beflissene Gönner richtiger und reiner Prosa war. Ich höre zwar sagen, daß erst Metrum und Reim eine strenge Form abgeben, aber ich möchte wohl wissen, warum das Gehüpf auf drei, vier jambischen Füßen, wobei es obendrein alle Augenblicke zu allerlei daktylischem und anapästischem Gestolper kommt, und ein bißchen spaßige Assonanz der Endwörter die strengere Form darstellen sollten gegen eine wohlgefügte Prosa mit ihren so viel feineren und geheimeren rhythmischen Verpflichtungen, und wenn ich anheben wollte:

Es war ein Fürst, nommé Grimald,
Der Tannewetzel macht‘ ihn kalt.
Der ließ zurück zween Kinder klar,
Ahî, war das ein Sünderpaar!

oder in dieser Art, – ob das eine strengere Form wäre als die grammatisch gediegene Prosa, in der ich jetzt sogleich meine Gnadenmär vortragen und sie so musterhaft ausgestalten und gültig darstellen werde, daß viele Spätere noch, Franzosen, Angeln und Deutsche, daraus schöpfen und ihre Rimelein darauf machen mögen.

Abbie Cornish mit Topper, Bright Star, 2009

——— König Friedrich Wilhelm III:
September 1811, zu August Neidhardt von Gneisenaus Hinweis auf die „tapferen österreichischen Milizen im letzten Kriege, die, fest zusammengeschlossen, dem Anfall der französischen Reiterei muthvoll widerstanden“:

Als Poesie gut.

——— August Neidhardt von Gneisenau:
September 1811:

Ew. Majestät werden mir, indem ich dieses sage, abermals Poesie Schuld geben, und ich will mich gern hiezu bekennen. Religion, Gebet, Liebe zum Regenten, zum Vaterland sind nichts anderes als Poesie, keine Herzenserhebung ohne poetischen Schwung. Wer nur nach kalter Berechnung handelt, wird ein starrer Egoist. Auf Poesie ist die Sicherheit der Throne gegründet. Wie so mancher von uns, die wir mit Bekümmernis auf den wankenden Thron blicken, würde eine ruhige, glückliche Lage in stiller Eingezogenheit finden können, wie mancher selbst eine glänzende erwarten dürfen, wenn er statt zu fühlen nur berechnen wollte. Jeder Herrscher ist ihm dann gleichgültig. Aber die Bande der Geburt, der Zuneigung, der Dankbarkeit, des Hasses gegen die Fremdlinge fesseln ihn an seinen alten Herrn, mit ihm will er leben und fallen, für ihn entsagt er den Familienfreuden, für ihn gibt er Leben und Gut ungewisser Zukunft preis. Dies ist Poesie, und zwar der edelsten Art. An ihr will ich mich aufrichten mein lebelang, und zur Ehre will ich mir es rechnen, der Schar jener Begeisterten anzugehören, die alles daran setzen, um Ew. Majestät alles zu retten, denn wahrlich, zu einem solchen Entschluss gehört Begeisterung, die jede selbstsüchtige Berechnung verschmäht. Viel sind der Männer, die so denken, und weit siehe ich ihnen an Adel der Gesinnungen nach, aber ich will mich bestreben, ihnen ähnlich zu werden.

Abbie Cornish mit Topper, Bright Star, 2009

——— Joseph von Eichendorff:

Ahnung und Gegenwart

1815, Zweites Buch, Sechszehntes Kapitel:

„Warum fürchten Sie sich?“ sagte Friedrich hastig, denn ihm war, als sähe ihn das stille, weiße Bild wie in der Kirche wieder an, „wenn Sie den Mut hatten, das hinzuschreiben, warum erschrecken Sie, wenn es auf einmal Ernst wird und die Worte sich rühren und lebendig werden? Ich möchte nicht dichten, wenn es nur Spaß wäre, denn wo dürfen wir jetzt noch redlich und wahrhaft sein, wenn es nicht im Gedichte ist? Haben Sie den rechten Mut, besser zu werden, so geh’n Sie in die Kirche und bitten Sie Gott inbrünstig um seine Kraft und Gnade. Ist aber das Beten und alle unsere schönen Gedanken um des Reimes willen auf dem Papiere, so hol‘ der Teufel auf ewig den Reim samt den Gedanken!“ –

Hier fiel der Prinz Friedrich’n ungestüm um den Hals.

Abbie Cornish mit Topper, Bright Star, 2009

Bilder: Abbie Cornish featuring Topper, in: Bright Star, 2009.

Soundtrack von hohem metrischen Gestaltungswillen in the merry month of June mit dem luziden Kommentar des YouTübners smokelet’sgo von 2017:

Shane sings 503 words in this song in 2 miutes 13 seconds (lyrics start at 1:00 in the song). 226 words per minute, 3.77 words per second. All from a man who abused his body beyond the comprehension of most human beings, basically he shouldn’t be alive today. Simply amazing.

The Pogues: Rocky Road to Dublin:

Written by Wolf

11. Juni 2021 um 00:01

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