Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for the ‘Grünzeug & Wunderblätter’ Category

Wunderblatt 11: Die blühenden Narkosen

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Update zu Angebinde
und Mit Blumen, mit verdorrten:

Ich mag ja immer Pflanzen, die irgendwas können.

Adi Dekel Photography featuring Alexandra, 7. April 2016

——— Georg Rodolf Weckherlin:

Gartenbulschaft oder krantlieb

(25. September 1584 bis 23. Februar 1653):

Ich war in einem schönen garten,
da der Braunellen ich must warten;
alsbald sie kam und sah mich an,
empfanden wir das herzgespan.
„Ach, was empfind ich in dem herzen!“
sprach sie; ich antwort: „laß uns scherzen!
je läng’r je lieber bist du mir,
ja tag und nacht lieb bin ich dir.
laß uns mit maß und ohn maß lieben,
laß uns das nabelkraut verschieben,
das so süß, under deinen schurz.“
„Ja, knabenkraut und ständelwurz„,
sprach sie, „mir allzeit wol zuschlagen:
Liebstöckel mögen wir auch wagen,
dieweil sie gut für die, die bleich,
so steck es tief in das glidweich.
glidkraut mein glid mit lust durchdringet,
wan es kein mutterkraut mir bringet.
auch lieb und süß ist die manstreu,
mit zapfenkraut die freud wird neu,
Dan seine tugend stets passieret.
so bald es kützelnd tief berühret
die zarte nackend huren haut,
so wird es gleichsam seifenkraut.“
„Es ist gnug, laß nun ab zu scherzen,
bis wir einander wider herzen,
vergißmein nicht und bleib doch weis
mein augentrost, mein ehrenpreis.“

——— Ferdinand Hardekopf:

Angebinde

(15. Dezember 1876 bis 26. März 1954):

Ich stell sie dir hin, die blassen Herbstzeitlosen,
Den letzten Schierlingszweig trag ich herbei
Und will, Canaille, wieder mit dir kosen,
Wie im Zigeunerkraut am dritten Mai.

Den Taumel-Lolch, dies nette Giftgetreide,
Den zarten Schwindelhafer rupf ich aus
Und winde dir, infame Augenweide,
Aus Hundstod und aus Wolfsmilch einen Strauß.

Im Fingerhut das reichliche Volumen
Digitalin (mein Herz, du kennst es schon),
Das pflück ich dir und Belladonna-Blumen
Und Bittersüß und dunkelroten Mohn.

Kennst du des Bilsenkrautes böse Gnaden?
Der Beeren Scharlachglanz am Seidelbast?
Und die Betäubung, dreimal fluchbeladen,
Die stachlig die Stramin-Frucht in sich faßt?

So nimm sie hin, die blühenden Narkosen,
Aus Nacht und Haß ein Duft-Arrangement,
Und stell es zwischen deine Puderdosen
Und die Parfumflacons von Houbigant.

Gescheitert bin ich daran, eine „Stramin-Frucht“ oder auch nur eine Pflanze ähnlichen Namens nachzuweisen. Dafür ist es schon der halbe Spaß, zu wissen, dass die pro Gedicht je einmal vorkommende Herbstzeitlose bei Weckherlin „nackend hure“ heißt und im übrigen Volksglauben noch ganz andere Sachen.

Die Wölfin meint: „Ich vermisse Mädesüß und Phallus impudicus.“

„Ich auch“, sag ich, „ich auch.“

Adi Dekel Photography featuring Samantha Evans, 4. April 2015

Bilder:

  1. Adi Dekel Photography featuring Alexandra, 7. April 2016:

    Now I travel alone, I live in woods, alone I have no fear anymore. There’s light at the end, always…

  2. Adi Dekel Photography featuring Samantha Evans, 4. April 2015:

    Her hair reminded me of Ariel from the little mermaid, so I went with it just a bit.“

  3. Ella Ruth Photography: The Botanist, 19. Juni 2016

    A favourite from the day beautiful Anna and I filled the downstairs of my house with plants. I had so much fun creating this set!

Ella Ruth Photography, The Botanist, 19. Juni 2016

Soundtrack: Tom Waits: Little Drop of Poison, aus: Orphans, 2006,
Bilder aus Jean-Luc Godard: Vivre sa vie, 1962:

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Written by Wolf

15. Juni 2018 at 00:01

Wunderblatt 10: Herzensbrand und der eisige Westwind

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Update zu Und Beethoven so: WTF??!!! (Aufmerksam hab‘ ich’s gelesen):

Das letzte Wunderblatt ist ja auch schon gleich ein Jahr her (Wunderblatt 9: Dies ist das Kaktusland), das letzte, für das die Kategorie überhaupt eingerichtet wurde (Wunderblatt 6: Die Reimer und die Dichter), vom November 2014; so weit kann gar kein Mensch im Kopf zurückrechnen.

Das hat den kühlen Grund, dass mir das einst zugerüstete Wunderblatt samt dem zugesellten Brutblatt mit einer Zielstrebigkeit eingegangen ist, die an Trotz grenzt, und wenn mir schon das madegassische Wüstenunkraut unter den Fingern verreckt, trau ich mich nicht mehr.

Kalanchoen, 28. April 2018

——— Hendrik Hölzemann:

Nichts bereuen

2002. Film-Drehbuch nach dem gleichnamigen Buch von Benjamin Quabeck,
Regie: derselbe, Traumsequenz gesprochen von Sebastian Rüger:

Jaja, wir haben’s alle nicht leicht. Den ganzen Tag bist du nur von Abschaum umgeben. Es ist jeden Tag die gleiche Leier: Keiner ist es gewesen, keiner hat es gewollt, und wer ist schuld? Die Eltern, die anderen, der eisige Westwind. Und du bist also am Arsch, ja? Ich sag dir was, Junge: Die ganze Welt besteht nur noch aus Umfallern.

Kalanchoen, 28. April 2018Mythologisch heißt der Westwind Zephyr und steht für frühlingshaft feuchtes, den Saaten zuträgliches Wetter. Das Zitat aus NIchts bereuen wäre demnach mehr der Coolness denn der Mythologie verpflichtet, weil eher der Nordwind Boreas der Eisige von den Brüdern ist — was für so eine surreale Alptraumsequenz in Ordnung geht. In der orientalischen Poesie tritt der Westwind, im Falle des Divan nicht unerheblich, als Liebesbote auf.

Im Laufe der Jahrhunderte hat sich herumgesprochen, dass Goethe weite Teile seines West-östlichen Divan, der ohnehin nie zu seinen Bestsellern zählte, von Marianne von Willemer übernommen hat. Mit dieser schönen Müllerin des Jahrgangs 1784 — das sind 35 Jahre jünger als Herr Geheimrat — verband ihn eine Brieffreundschaft, die nach einem gemeinsam verbrachten Sommer ihre erotische Komponente nicht mehr ganz abschütteln konnte. Der Briefwechsel umfasst auch eine Art Poesie-Ping-Pong, dessen Dialogspiele dem Dichterfürsten vor allem für das Buch Suleika im Divan mit eher vorsichtigen Retuschen recht zupass kamen.

1815 waren noch nicht die Kalanchoen pinnata und daigremontiana die Goethepflanzen, vielmehr verglich Goethe seine Person noch mit dem Ginkgo biloba, siehe sein Gedicht Gingo biloba — am 15. September 1815 eben an Marianne von Willemer gerichtet, von der er nach der Sommerfrische noch kaum getrennt war:

Fühlst du nicht an meinen Liedern,
Daß ich Eins und doppelt bin?

Die lyrischen Spielzüge fielen sehr dicht in diesem September 1815: Mariannes Gedicht an den Ostwind, schon von 23. September, war nicht die erste direkte Antwort darauf, und am 25. d. M. schrieb sie schon ihr Gedicht an den Westwind in erster Fassung.

Das direkte Vorbild dafür war der Vierzeiler Vierzeiler von Hafis, an dessen erste deutsche Übersetzung (Joseph von Hammer, 1813) sie heranzuführen Goethe den Sommer lang sicher ausreichend Zeit gefunden hatte:

Ostwind sag‘, ich bitte dich, ihm ganz heimlich die Kunde
Hundertfache Zung‘ spreche den Herzensbrand aus,
Sprich es nicht traurig, um ihn nicht auch zur Trauer zu stimmen,
Sage zwar das Wort, aber du sag’s mit Bedacht.

Kalanchoen, 28. April 2018Und das ist jetzt interessant, wie ein altarabischer Vierzeiler unter Mariannens Händen zu fünf Schenkenstrophen heranwächst, ohne dass man auf Anhieb zu sagen wüsste, wo genau der Zuwachs an Beduetung liegt — was gar nicht gegen Frau von Willemer spricht, allenfalls für Hafis — abgesehen allein davon, dass sie Hafis‘ Original, das den Ostwind anspricht, an den Westwind umgewidmet hat, wahrscheinlich weil bei ihr der Ostwind ja erst vorgestern dran war.

So historisch jung die Begriffe des Urheber- und Autorenrechts sind, hätte Goethe bei der zielgerichteten Unverfrorenheit, mit der er eine verheiratete Frau unter den Augen ihres Ehemannes und des Neben-Hausfreundes als liebende Suleika gegenüber seiner eigenen Rolle als schmachtender Liebhaber verhaftete, wenigstens als Mitautorin benennen müssen — nicht als Frage eines wie auch immer aufgefassten Anstands, sondern der Pflicht, weil es nicht mehr um eine „Volksliedbearbeitung“ geht wie beim Heideröslein, das er dankbar seinem Freund Herder abgenommen hatte.

Umso mehr, als man nicht damit allein steht, wenn man Goethes Endfassung gelungen finden will: Der treue Eckermann meint 1824 in Beyträge zur Poesie, mit besonderer Hinweisung auf Goethe, Seite 278 f.:

Ist der Geist eines Gedichts frisch wie die anwehende Morgenluft, so ist es auch der Klang der Sprache:

Einer sitzt auch wohl gestängelt
Auf den Ästen der Zypresse,
Wo der laue Wind ihn gängelt
Bis zu Thaues luft’ger Nässe.

Solche Musterstellen geben uns eine Idee, wie der Character des Geistes bis auf Wort und Klang ausgeprägt werden müsse. Aber so etwas muß sich wie von selbst machen, die Leichtigkeit und Natur der Verse muß nicht darunter leiden, das Streben nach solcher Vollkommenheit muß nicht in Künsteley ausarten; vielmehr muß auch hier die Kusnt so erscheinen, daß sie kaum als Kunst bemerkt werde.

Auch bey Goethen finden wir solche Stellen nur selten, er scheint nie danach gestrebt zu haben.

In folgendem schönen Gedicht finden wir den milden Character durch und durch in Bewegung und Worten: […]

Kalanchoen, 28. April 2018Woraufhin Eckermann „Ach! um deine feuchten Schwingen“ Suleika anführt — also das Gedicht der Willemer mit den zarten Retuschen für den Divan: Eckermann, der Goethes Leben und Werk so unmittelbar und tiefgehend kannte wie sonst niemand, hielt diesen milden Character für eine genuine Goethe-Schöpfung. Der Meister selbst kannte die Beyträge zur Poesie von 1824 schon 1823 im Manuskript. Seine Entschuldigung an Frau Willemer lautete — unter der schon wieder genügend unverfrorenen Überschrift Auf ein in Liebe und Dichtung wetteiferndes Paar am 18. Oktober 1823:

Myrt‘ und Lorbeer hatten sich verbunden;
Mögen sie vielleicht getrennt erscheinen,
Wollen sie, gedenkend sel’ger Stunden,
Hoffnungsvoll sich abermals vereinen.

Sein Unrechtsbewusstsein scheint ein zu vernachlässigendes. Brieflich setzt er am 9. Mai 1824 sogar noch einen drauf:

Als ich des guten Eckermanns Büchlein aufschlug, fiel mir S. 279 zuerst in die Augen; wie oft hab ich nicht das Lied singen hören, wie oft dessen Lob vernommen und in der Stille mir lächelnd angeeignet, was denn auch wohl im schönsten Sinne mein eigen genannt werden durfte.

Lassen wir also mit unserem heutigen Wissen die Leistung für das schöne Stück, vor denen der West-östliche Divan, mit Verlaub, nicht gerade überquillt, bei Marianne von Willemer. Was Goethe hinzugefügt hat, ist in der Summe ein verschwindendes Maß: Als tiefsten Eingriff geht es um die Überschrift „Suleika“ — die gleiche wie für die meisten Rollengedichte innerhalb des Suleika Nameh auch.

——— Marianne von Willemer:

Westwind

26. September 1815:

Ach, um deine feuchten Schwingen,
West, wie sehr ich dich beneide,
Denn du kannst ihm Kunde bringen,
Was ich in der Trennung leide.

Die Bewegung deiner Flügel
Weckt im Busen stilles Sehnen,
Blumen, Augen, Wald und Hügel
Stehn bei deinem Hauch in Thränen.

Doch dein mildes, sanftes Wehen
Kühlt die wunden Augenlider;
Ach, für Leid müßt ich vergehen,
Hofft ich nicht zu sehn ihn wieder.

Gehe denn zu meinem Lieben,
Spreche sanft zu seinem Herzen,
Doch vermeid, ihn zu betrüben
Und verschweig ihm meine Schmerzen.

Sag ihm nur, doch sags bescheiden,
Seine Liebe sei mein Leben,
Freudiges Gefühl von beiden
Wird mir seine Nähe geben.

——— Goethe:

Suleika

aus: West-östlicher Divan, ab 1819, Seite 166:

Ach! um deine feuchten Schwingen,
West, wie sehr ich dich beneide:
Denn du kannst ihm Kunde bringen
Was ich in der Trennung leide.

Die Bewegung deiner Flügel
Weckt im Busen stilles Sehnen,
Blumen, Augen, Wald und Hügel
Stehn bey deinem Hauch in Thränen.

Doch dein mildes sanftes Wehen
Kühlt die wunden Augenlider;
Ach, für Leid müßt‘ ich vergehen,
Hofft‘ ich nicht zu sehn ihn wieder.

Eile denn zu meinem Lieben,
Spreche sanft zu seinem Herzen;
Doch vermeid‘ ihn zu betrüben
Und verbirg ihm meine Schmerzen.

Sag‘ ihm, aber sag’s bescheiden:
Seine Liebe sey mein Leben,
Freudiges Gefühl von beyden
Wird mir seine Nähe geben.

Das Bildmaterial dokumentiert meinen zweiten Versuch der Kalanchoenzucht auf dem Stand vom 28. April 2018, bevor mir die Dinger wie 2014 wieder in sich zusammensacken.

Kalanchoen, 28. April 2018

Lied an den Westwind: Claudio Monteverdi: Zefiro torna, 1632,
in der lustigsten Einspielung von F# Portraits, 2013:

Written by Wolf

18. Mai 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Grünzeug & Wunderblätter, Klassik

Wie man sich eine Schrift besieht

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Update zu Ach Himmel, wie sich die Menschen täuschen können!:

——— Goethe:

Über den Granit

Januar 1784, aus dem Nachlass gedruckt 1878 in:
Goethes Werke. Nach den vorzüglichsten Quellen revidierte Ausgabe,
Hempel, Berlin, o. J. (1868–1879), Band 33–36: Zur Naturwissenschaft:

So einsam, sage ich zu mir selber, indem ich diesen ganz nackten Gipfel hinabsehe, und kaum in der Ferne am Fuße ein geringwachsendes Moos erblicke, so einsam, sage ich, wird es dem Menschen zu Mute, der nur den ältesten, ersten, tiefsten Gefühlen der Menschheit seine Seele eröffnen will. Ja, er kann zu sich sagen: Hier auf dem ältesten ewigen Altare, der unmittelbar auf die Tiefe der Schöpfung gebaut ist, bring ich dem Wesen aller Wesen ein Opfer. Ich fühle die ersten, festesten Anfänge unsers Daseins, ich überschaue die Welt, ihre schrofferen und gelinderen Täler und ihre fernen fruchtbaren Weiden, meine Seele wird über sich selbst und über alles erhaben und sehnt sich nach dem nähern Himmel. Aber bald ruft die brennende Sonne Durst und Hunger, seine menschlichen Bedürfnisse, zurück. Er sieht sich nach jenen Tälern um, über die sich sein Geist schon hinausschwang, er beneidet die Bewohner jener fruchtbareren quellreichen Ebnen, die auf dem Schutte und Trümmern von Irrtümern und Meinungen ihre glücklichen Wohnungen aufgeschlagen haben, den Staub ihrer Voreltern aufkratzen und das geringe Bedürfnis ihrer Tage in einem engen Kreise ruhig befriedigen. Vorbereitet durch diese Gedanken, dringt die Seele in die vergangene Jahrhunderte hinauf, sie vergegenwärtigt sich alle Erfahrungen sorgfältiger Beobachter, alle Vermutungen Feuriger Geister. Diese Klippe, sage ich zu mir selber, stand schroffer, zackiger, höher in die Wolken, da dieser Gipfel noch als eine meerumfloßne Insel in den alten Wassern dastand, um sie sauste der Geist, der über den Wogen brütete, und in ihrem weiten Schoße die höheren Berge aus den Trümmern des Urgebirges und aus ihren Trümmern und den Resten der eigenen Bewohner die späteren und ferneren Berge sich bildeten. Schon fängt das Moos zuerst sich zu erzeugen an, schon bewegen sich seltner die schaligen Bewohner des Meeres, es senkt sich das Wasser, die höheren Berge werden grün, es fängt alles an, von Leben zu wimmeln. – –

Green Sarah, Nothing in Nature Blooms All Year, 23. Oktober 2016Moose sind einnehmende Wesen. Sie ernähren sich von praktisch überhaupt nichts — außer ein paar spektakulären Ausbüchsern wie die fleischfressenden Arten namens Colura zoophaga, die maximal Wimperntierchen schafft, und Pleurozia purpurea, die nicht verdaut —, machen nichts kaputt — nein, nicht einmal Ihr Gartenpflaster, und wenn doch, war’s eine Flechte, weil Rhizoide sich nicht wie Wurzeln in Stein festfressen —, haben nichts und niemanden zum Fressfeind außer der Zeit, und dass sie tot sind, merkt man erst an der Änderung ihres Aggregatzustands.

Manche von ihnen leben ihre Sexualität erst dann aus, wenn sie gestorben sind: Einige der bescheidensten Ackermoose setzen ihre Sporen frei, indem sie verwesen. Wer jetzt spontan ins Überlegen kommt, soll sich nicht zu früh freuen: Alle 16000 bekannten Moosarten unterliegen einem Generationswechsel, der nichts einfacher macht. Bei uns selbst wohnten einst zwei genügsame Laubmoose von feuchter Luft und Liebe, weil sie die Menschen verbinden können:

Die Rolle der sexuellen Vermehrung zur Erhöhung der genetischen Vielfalt ist bei den Moosen erheblich eingeschränkt. Rund die Hälfte der Moose ist monözisch und überwiegend selbstbefruchtend (keine Selbstinkompatibilität). Zudem kommen viele diözische Arten nur in rein weiblichen oder rein männlichen Populationen vor und können sich nicht sexuell vermehren.

Verstorben sind sie dann vermutlich nicht an Liebesentzug, sondern am Mangel frischer Waldluft, weil ich dachte, schön grün sind sie ja selber. Na gut, die meisten in Deutschland (eine botanisch interessante, sehr eigenständige Moosfauna hat Amerika entwickelt). Dennoch erscheint einem so eine entspannte Bedürfnislosigkeit, mit der man seit 450 Millionen Jahren i Ruhe gelassen wird, mit fortschreitendem Lebenslauf immer erstrebenswerter.

Green Sarah, Nothing in Nature Blooms All Year, 23. Oktober 2016Ohne genau hinzuschauen, kann einer darauf verfallen, Moos gäbe es eigentlich gar nicht. Die bekannten Isländisch und Eichenmoos sind Flechten (Cetraria islandica und Evernia prunastri):

Wenn, trifft es, Moos und Flechten
Scharf miteinander fechten,
Stets wird die Flechte siegen,
Das Möslein unterliegen.

Karl Friedrich Schimper, 1857, siehe unten.

Spanisches Moos ist sogar eine blühende Ananas — jedenfalls eine Bromeliacea —, das Zeug in den Pflasterritzen sind Kreuzblütler (Sagina) und das an Bäumen und alten Fensterrahmen Grünalgen. Ohne einen Trick, mit dem man einfache und doppelte Chromosomensätze nachzählen kann, ist man bei der Bestimmung aufgeschmissen. Im Felde eine Lupe, zu Hause ein Miskroskop und die wichtigsten Reagenzien aus der Apotheke helfen aber schon weiter.

Zu Ehren dieser stillen Gewächse rette ich (nicht zum ersten Mal) aus dem Netz zwei Gedichte: eins von Karl Friedrich Schimper und eins von Siegfried von Vegesack.

Das Gedicht von Schimper umfasst vermutlich 143 Strophen, wurde nie vollständig gedruckt und existiert nur in teilweisen Abschriften. Prof. Dr. Karl Mägdefrau stellt es am 1. Mai 1968 kurz in seiner Festschrift zu Schimpers 100. Todestag vor. Besonders Vers 30 atmet für 1857 eine eigentümliche Aktualität:

——— Karl Friedrich Schimper:

Mooslob

ungedruckte Auszüge, aus: Auszug, Stücke aus dem noch ungedruckten Mooslob, oder die schönsten Geschichten der Moose, alte und neue, in Versen für eine junge Dame zu einer eleganten Moossammlung von Dr. Karl Friedrich Schimper. Festgabe für Bonn. Mainz, September 1857:

[Vers 30:]

Was hält uns im Geleise?
Was rettet uns vom Eise?
Vor drohender Versteppung
Und Länderstaubverschleppung?
Was wärmt und bringt den Regen?
Was fesselt seinen Segen?
Was spart und nähret Flüsse?
Was sichert uns Genüsse?
Die Kleinsten und der Große,
der Golfstrom und die Moose!

[Vers 125:]

Empfindlich für das Feuchte
Wie für des Ortes Leuchte,
Was Wurz- und Stengel leisten
Gleich siehst Du bei den meisten,
Was Die geheim auch mischen,
Sie können nicht erfrischen,
Die kargen Wasserfasser — :
Moos welkt im Glase Wasser!
Die Blätter sind die Leiter
und außen geht es weiter!

Green Sarah, Nothing in Nature Blooms All Year, 23. Oktober 2016Das Gedicht von Vegesack wird auf Fach- und Besinnungsseiten öfter zitiert, leider grundsätzlich mit den üblichen kleineren Fehlerchen gespickt: Versaufteilung, Großschreibung, Zeichensetzung, Sie kennen dergleichen.

Der Wechsel des Metrums erscheint darin lebhaft genug, dass er als absichtsvoll um der poetischen Wirkung willen durchgehen darf, nicht als Stümperei. Wenn Vegesack nur noch die ständigen bedeutungsvoll raunenden „…“ weglassen wollte, hieße so ein Gewoge in den besten Mephistopheles-Monologen Madrigalvers.

Nachstehend bringe ich eine maßgeblich gemeinte Version, penibel abgetippt und korrigiert. Das Original liegt in der Bibliothek des Botanischen Instituts der Universität München — von mir aus mit Bus 62 und Tram 17 eine halbe Stunde entfernt, mit dem Herzen eine halbe Ewigkeit.

Wenn Ihnen noch übrige Fehler auffallen, müssen Sie Ihren begründeten Verbesserungsvorschlag nicht für sich behalten. Sie sind ja kein Moos.

——— Siegfried von Vegesack:

Moos

in: Simplicissimus, 21. Juni 1936:

Hast du schon jemals Moos gesehen?
Nicht bloß so im Vorübergehen,
so nebenbei von oben her
so ungefähr —
nein, dicht vor Augen, hingekniet,
wie man sich eine Schrift besieht?
O Wunderschrift! O Zauberzeichen!
Da wächst ein Urwald ohnegleichen
Und wuchert wild und wunderbar
im Tannendunkel Jahr für Jahr,
mit krausen Fransen, spitzen Hütchen,
mit silbernen Trompetentütchen,
mit wirren Zweigen, krummen Stöckchen,
mit Sammethärchen, Blütenglöckchen,
und wächst so klein und ungesehen —
ein Hümpel Moos.
Und riesengroß
die Bäume stehen…

Doch manchmal kommt es wohl auch vor,
daß sich ein Reh hierher verlor,
sich unter diese Zweige bückt,
ins Moos die spitzen Füße drückt,
und daß ein Has‘, vom Fuchs gehetzt,
dies Moos mit seinem Blute netzt.
Und schnaufend kriecht vielleicht hier auch
ein sammetweicher Igelbauch,
indes der Ameis‘ Karawanen
sich unentwegt durchs Dickicht bahnen.
Ein Wiesel pfeift — ein Sprung und Stoß —
und kalt und groß
gleitet die Schlange durch das Moos.

Wer weiß, was alles hier geschieht,
was nur das Moos im Dunklen sieht:
Gier, Liebesbrunst und Meuchelmord —
kein Wort
verrät das Moos.
Und riesengroß
die Bäume stehen…

Hast du schon jemals Moos gesehen?

Ansichtskarte Siegfried von Vegesacks Doppelheimat Blumbergshof, lettisch Lohbergi, und in Weißenstein, Niederbayern auf Kohouti kriz, via Seniorentreff

Fachliteratur:

  1. Keiren: Moss Art mit Helen Nodding’s Moss Graffiti Recipe,
  2. Volkmar Wirth, Ruprecht Düll: Farbatlas Flechten und Moose, Verlag Eugen Ulmer, 2000.

Bilder: Green Sarah: Nothing in Nature Blooms All Year, 23. Oktober 2016;
Ansichtskarte von Siegfried von Vegesacks Doppelheimat: auf dem Blumbergshof, heute lettisch Lohbergi, und in Weißenstein/Niederbayern auf Kohouti kriz via Seniorentreff.

Soundtrack: Gunter Gabriel: Ohne Moos nichts los, aus: Damen wollen Kerle, 1978:

Written by Wolf

20. April 2018 at 00:01

Dem Knaben graut im Haidekraut

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Update zu Ho, ho, meine arme Seele!:

Es lässt sich leider nicht in Abrede stellen, dass Forscher, welche sich mit zahlreichen Fragen beschäftigen, die besonders die Hochmoore stellen, schon jetzt im nordwestdeutschen Tieflande, einem der Moorreichsten Länder der Erde, sich vergeblich um deren Lösung bemühen. In wenigen Jahren wird dies überhaupt nicht mehr möglich sein, bei der Hast, mit der man bemüht ist, die letzte Spur der Natur auf diesen interessanten Bildungen der Nützlichkeit zu opfern.

Carl Albert Weber, 1901.

Martin Peterdamm, Lost in the Swamp, 1. April 2017, Brandenburg

Wie versprochen verlautet nachstehend das Gedicht vom Haidemesser, das aller Wahrscheinlichkeit nach die Freiin Annette von Droste-Hülshoff im November 1841 zu ihrem Der Knabe im Moor angeregt hat.

Um bei dieser Gelegenheit der Frage eines nicht gerade minderbemittelten, nur eben mit anderen Sachen beschäftigten Kollegen zu begegnen: Doch, ja, wirklich, solche Interferenzen lassen sich schlüssig begründen und nachweisen; und: nein, nicht mit allerletzter, unwiderlegbarer Sicherheit. Leider zählt die Literaturwissenschaft „nur“ unter die Geisteswissenschaften, die nicht alles durch Empirie beweisen können, aber keineswegs bei beliebig austauschbaren Assoziationen und Vermutungen verweilen. Deshalb bleiben sie weiterhin Wissenschaften, weil sie auf logischen Wegen zu Ergebnissen kommen. Woraus ich betonen möchte: auf logischen Wegen; daran muss man oft auch die Literaturwissenschaftler selbst erinnern. Aber das funktioniert, und es funktioniert wissenschaftlich durch Deduktion und Induktion.

Der schlüssige Nachweis von dem apokryphen Gedicht Der Haidemesser von einem anonym bleibenden „B.H.“ auf Der Knabe im Moor geht so: Der Haidemesser stand am 18. Dezember 1837 im Unterhaltungsblatt des Westfälischen Merkur, den sich die Droste bis auf Schloss Meersburg am Bodensee liefern ließ — weil sie ihr angekauftes Fürstenhäusle krankheitshalber von ihrer Schwester und Schlossherrin verwalten lassen musste. was sie leider nicht mehr überleben sollte.

Nach der anderen Richtung — zurück in die Vergangenheit, auf die Quelle zu — reicht Der Haidemesser inhaltlich an das Gedicht Der Heidemann von Wilhelm Junkmann von 1836. Mit Junkmann war die Droste persönlich bekannt, kurz nach dem Knaben im Moor schrieb sie 1842 ihrerseits eine eigene Version gleichen Namens.

Zu den Handlungsmotiven bei B.H., Junkmann und Droste-Hülshoff: Auch bei der Droste — wie übrigens schon im alles andere als vorbildlosen Erlkönig von Goethe 1782 — flieht ein Knabe vor dem versammelten Volksaberglauben, den die Droste 1845 noch in Gestalten der Sonntagsspinnerin, des diebischen Torfgräbers und des kopflosen Geigers in den Westphälischen Schilderungen ausbreiten sollte. Darüber hinaus sollten dem eingesessenen Westfalen Moorlandschaften geistig sehr viel näher liegen als anderen Ethnien: sind im heutigen Nordrhein-Westfalen doch in Zeiten der Entwässerung bis heute auffallend viele Moore erhalten. Für die Empiriker unter uns sind das Zufälle, deren Logik nicht eindeutig zwingend sein kann, für Literaturwissenschaftler sind es Zufälle, die sich nicht mehr ignorieren lassen.

Martin Peterdamm, Lost in the Swamp, 1. April 2017, Brandenburg

Im Falle der Droste erfährt man diese Herleitung aus ihrer Gesamtausgabe von Bodo Plachta und Winfried Woesler — zwei Bände, Deutscher Klassiker Verlag, als wohlfeilere Hardcovers bei Insel — die ihren Kommentar offenbar sehr direkt aus der großen Gedichtinterpretation von Hermann Kunisch bezieht: In Annette von Droste-Hülshoff: ‚Der Knabe im Moor‘ in: Kleine Schriften. Zweiter Teil: Zur neueren deutschen Literatur, Duncker & Humblot, Berlin 1968, Seite 303 bis 337 steht in allen Wortsinnen erschöpfend alles zusammengetragen, was es zu Geschichte, Deutung und Bedeutung der Drosteschen Ballade zu wissen gibt — diese 35 Seiten der „Kleinen Schrift“ sind das einschlägige Standardwerk. Zur Erschließung der Quellen heißt es dort — wertend genug:

Martin Peterdamm, Lost in the Swamp, 1. April 2017, BrandenburgDie bisherige Beschreibung und Auslegung des ‚Knaben im Moor‘ kann in ihrem Gewicht verstärkt werden, wenn wir neben dieses Gedicht ein im Thema verwandtes eines münsterländischen Heimatpoeten stellen. Julius Schwering hat in seiner für die Klärung der Dichtung Annettes noch immer wichtigen Ausgabe [] ein Gedicht eine unbekannten (B. H. unterzeichnet) mitgeteilt, das im Unterhaltungsblatt des ‚Westfälischen Merkur‘ vom 18. 12. 1837 erschienen ist. Schwering vermutet, daß die Dichterin dieses Machwerk gekannt habe und von ihm zu ihrem angeregt worden sei. Das ist sicher zutreffend. Nur darf man darüber hinaus sagen, daß Widerspruch gegen dieses Erzeugnis, in dem ein großartiger Vorwurf kläglich vertan worden war, sie zu ihrem Gedicht veranlaßt haben kann. Jedenfalls ist das Gedicht aus dem ‚Westfälischen Merkur‘ geeignet, den Rang der Drosteschen Balle in volles Licht zu rücken.

Ein Machwerk also, das einen großartigen Vorwurf kläglich vertut. Die Leistung der Droste wäre demnach, aus Widerspruchsgeist eine regionale Gespenstergeschichte in der Tradition des Erlkönigs verbessert zu haben; die Leistung der heute gut erreichbaren Gesamtausgabe, das „Machwerk“ im Gegensatz zu Hermann Kunisch in originaler Rechtschreibung anzuführen. Die Typographie der Zeileneinrückungen entnehme ich dagegen nur dem Kunisch:

Martin Peterdamm, Lost in the Swamp, 1. April 2017, Brandenburg

——— B. H.:

Der Haidemesser

Unterhaltungsblatt des Westfälischen Merkur, 18. Dezember 1837:

          Der Süd durchfleucht
          Die Haide feucht,
     In himmlischer Ferne
     Erblassen die Sterne,
Es eilet der Knabe: O wär ich zu Haus!
Da ist es warm, da wird mir nicht graus!“

          Dem Knaben graut
          Im Haidekraut,
     Da glühet es helle
     Von Stelle zu Stelle,
Da zittert das kraut, da risselt der Schilf.
Der Knabe rufet: „Mein Vater, o hilf!“

          Der Knabe flieht
          Durch Kraut und Riet,
     Und stürzt in die Hütte
     Mit bebendem Schritte,
Da athmet er frei, da wehet es warm.
„Was bist du so blaß? Komm, ruh‘ mir im Arm!“

          Ach, ach, mir graut‘
          Im Haidekraut,
     Da glüht es so helle
     Von Stelle zu Stelle,
Da zittert das Kraut, da risselt der Schilf.
Ich rief vor Schrecken: „Mein Vater, o hlf!“

          „Mein Kind, das ist
          Der böse Christ,
     Durchwandelt die Haide
     In Trauer und Leide
Mit dürrem Fuße bei nächtlichem Graun.
Und öfter noch wirst du im Sturm ihn schaun.

          Der Mann war schlecht,
          Er maß nicht recht,
     D’rum mißt er die Stätte
     Mit glühender Kette
Von Alters her bis zum Ende der Welt.
Thu‘ immer, mein Söhnchen, was Gott gefällt!“

Martin Peterdamm, Lost in the Swamp, 1. April 2017, Brandenburg

Knäbin im Moor: Martin Peterdamm, Berlin: Lost in the Swamp, 1. April 2017 — vermutlich in einem deutschen, gar brandenburgischen Moor; leider ohne Ortsangabe, aber die Bilddateien tragen Zeitstempel zwischen 18.02 und 18.45 Uhr.

Martin Peterdamm, Lost in the Swamp, 1. April 2017, Brandenburg

Soundtrack: Kate Bush: Wuthering Heights, aus: The Kick Inside, 1978: „Out on the wiley, windy moors, we’d roll and fall in green“, der Jugend zur Warnung:

Bonus Track: das gleiche nochmal von The Ukulele Orchestra of Great Britain, aus: A Fist Full of Ukuleles, 1994, weil Musik ja ruhig auch Spaß machen darf:

Written by Wolf

30. März 2018 at 00:01

Ho, ho, meine arme Seele!

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Update zu Denkst du denn nicht an den Loup Garou?,
Oh my, oh my, oh my, what if it was true? (O wolle nicht ergründen, was einmal unergründlich ist)
und Ach! wie ists erhebend sich zu freuen:

Es ergeht Empfehlung, ausnahmsweise fürs Fernsehen:

Jan Haft hat bis 2015 für Magie der Moore 500 Drehtage auf fünf Jahre und 80 Drehorte verteilt; der technische Aufwand lässt sich natürlich schon in Zahlen ermessen, sagt aber noch lange nichts aus über die Wunder, um nicht zu sagen: das Wunder dieses Dokumentarfilms.

T. Finn, Moor, Germany, 2015Dokumentarfilm. Wie das klingt. Nach Terra X mit Wumpf-Wumpf-Untermalung von lizenzfrei schaffenden Hans-Zimmer-Epigonen — wie sie auch der Trailer noch bringt. Erwarten Sie nichts und erwarten Sie alles. Wenn Sie das Ereignis, wie es leider wahrscheinlich ist, auf Arte verpasst haben, muss eben jetzt die DVD her, aber wahrscheinlich wurde genau dafür die Blu-ray erfunden. Beide werden offenbar extra erschwinglich gehalten, weil sie ausdrücklich als Unterrichtsmaterial ab der 5. Klasse herhalten sollen — Freigabe ohne Altersbeschränkung — und zwar vorzugsweise für Deutsch, Biologie, Erdkunde und Kunst. So geht interdisziplinär. Und: Nein, einfach so auf YouTube steht’s nicht.

Zu Jan Hafts interdisziplinärem Vorgehen gehört es, ausführlich an geeigneten Stellen zum Gestalten seiner Stimmung ein Gedicht heranzuziehen, das wir in unserer leider allzu monofakultären Sichtweise — mit Verlaubnis — nicht mit dem Arsch anschauen würden, weil es zu bekannt und auch ohne uns schon viel zu gut belegt ist: Der Knabe im Moor von der Droste 1842.

In der Verbindung zu Hafts ganz und gar erstaunlichen Bildern, die man so nicht hat kommen sehen, erhellt plötzlich, wie schön das Gedicht eigentlich ist — schauen Sie zum Beispiel mal das durchtriebene Reimschema genau an. Wir müssen deshalb gar nicht so elitär tun, sondern als Erkenntnisgewinn mitnehmen, was sich anbietet: 1. Die Droste hatte für ihre Interpretation einer Moorbegehung ein recht eindeutig fassbares Vorbild: einen nicht näher bezeichneten „B.H.“, der am 18. Dezember 1837 ins Unterhaltungsblatt des Westfälischen Merkur ein Gedicht namens Der Haidemesser setzen ließ, das möglicherweise auf Der Heidemann von Wilhelm Junkmann 1836 zurückgeht, welche beiden im Gegensatz zur Droste praktisch gar nicht belegt werden. Den Apokryphen vom Haidemesser will ich demnächst an dieser Stelle ausbreiten, was ich für diesen Fall ausnahmsweise versprechen kann (und wofür sich Ostern aufdrängt); 2. „Scheide“ bedeutet, liebe pubertäre Unterrichtsteilnehmer ab der 5. Klasse, die Grenze zwischen Moor und festem Boden.

Es folgt die zeichengenaue Fassung nach dem Erstdruck.

T. Finn, Moor, Germany, 2015

——— Annette von Droste-Hülshoff:

Der Knabe im Moor

geschrieben November 1841 im Fürstenhäusle zu Meersburg am Bodensee,
aus: Morgenblatt für gebildete Stände Nr. 40, 16. Februar 1842,
in: Gedichte, 1844, Abschnitt Heidebilder;
Levin Schücking (Hrsg.): Gesammelte Schriften von Annette Freiin von Droste-Hülshoff.
Band 1: Lyrische Gedichte, J. G. Cotta’sche Buchhandlung, Stuttgart 1879, Seite 115–116:

O, schaurig ist’s, übers Moor zu gehn,
Wenn es wimmelt vom Haiderauche,
Sich wie Phantome die Dünste drehn
Und die Ranke häkelt am Strauche,
Unter jedem Tritte ein Quellchen springt,
Wenn aus der Spalte es zischt und singt –
O, schaurig ist’s, übers Moor zu gehn,
Wenn das Röhricht knistert im Hauche!

Deutscher Balladenborn für jung und alt, 1904Fest hält die Fibel das zitternde Kind
Und rennt, als ob man es jage;
Hohl über die Fläche sauset der Wind –
Was raschelt drüben am Hage?
Das ist der gespenstige Gräberknecht,
Der dem Meister die besten Torfe verzecht;
Hu, hu, es bricht wie ein irres Rind!
Hinducket das Knäblein zage.

Vom Ufer starret Gestumpf hervor,
Unheimlich nicket die Föhre,
Der Knabe rennt, gespannt das Ohr,
Durch Riesenhalme wie Speere;
Und wie es rieselt und knittert darin!
Das ist die unselige Spinnerin,
Das ist die gebannte Spinnlenor‘,
Die den Haspel dreht im Geröhre!

Voran, voran, nur immer im Lauf,
Voran, als woll‘ es ihn holen;
Vor seinem Fuße brodelt es auf,
Es pfeift ihm unter den Sohlen
Wie eine gespenstige Melodei;
Das ist der Geigenmann ungetreu,
Das ist der diebische Fiedler Knauf,
Der den Hochzeitheller gestohlen!

Da birst das Moor, ein Seufzer geht
Hervor aus der klaffenden Höhle;
Weh, weh, da ruft die verdammte Margret:
„Ho, ho, meine arme Seele!“
Der Knabe springt wie ein wundes Reh,
Wär‘ nicht Schutzengel in seiner Näh‘,
Seine bleichenden Knöchelchen fände spät
Ein Gräber im Moorgeschwehle.

Da mählich gründet der Boden sich,
Und drüben, neben der Weide,
Die Lampe flimmert so heimathlich,
Der Knabe steht an der Scheide.
Tief athmet er auf, zum Moor zurück
Noch immer wirft er den scheuen Blick:
Ja, im Geröhre war’s fürchterlich,
O, schaurig war’s in der Haide!

Jan Haft könnten wir an dieser Stelle noch öfter gebrauchen. Noch vor seinem — nicht seinem ersten — wundersamen Meisterwerk über Moore 2015 hat er nämlich Das Grüne Wunder – Unser Wald 2012 gedreht, in sechs Jahren an 70 Drehorten, als Unterrichtsmaterial empfohlen für Deutsch, Heimat- und Sachkunde, Erdkunde, Kunst und Werken: noch viel interdisziplinärer, und sobald es um Wälder geht, bestimmt noch viel wundersamer. Auch der steht nicht einfach so auf YouTube, aber die DVD ist lieferbar.

T. Finn, Moor, Germany, 2015

Bilder: Deutscher Balladenborn für jung und alt, 1904,
via Martina „Büchersammler“ Berg, 16. September 2013;
T. Finn: Moor, Germany, 2015, via Low on Clichés:

Torfstich. Torfabbau zu Heizzwecken vor 1900 und nach 1918 bis Ende der 20er Jahre. Geringfügiger Abbau von 1945–1946 (Abstichkante von 1946 nch sichtbar). Stichfläche wird in zunehmendem Maße von Hochmoorpflanzen besiedelt.

T. Finn, Moor, Germany, 2015

Rezitation: Sigrid Carpe Poem aus Regensburg, 4. Januar 2015;
Vertonung: Sturmpercht: Der Knabe im Moor, aus: Geister Im Waldgebirg, 2006,
mit abweichendem Text, aber schmissigem Gitarrenzupf;
Bonus Track: Various Irish Musicians: The Gathering, 1981, opening mit Paul Brady: Heather on the Moor:

Written by Wolf

2. März 2018 at 00:01

Wunderblatt 9: Dies ist das Kaktusland

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Upate zu Die Vegetation ist der negative Lebensprozeß. Vom ursprünglichsten Gegensatz zwischen Pflanze und Tier
und Something greater than me:

Paul Lauenstein, Stillleben mit Kakteen, 1934

Die Hochhaushex schreibt mir:

Total begeistert bin ich von deiner (immer noch?) momentanen Lieblinxsammlung:

cacti / cactuses / cactus in visual art.

Karl Hofer, Mädchen mit Kaktus, ca. 1922Eigentlich bin ich kein exzessiver Kaktusfreak – obwohl ich diverse Stachelgewächse hie und da bei mir rumstehen hab, einige sogar im Treppenflur, bevor sie bald wieder auf den Balkon umziehen dürfen. Ein paar sind geschenkt, einige haben mich wohl leidend irgendwo im Sonderangebot angefleht, sie von dort wegzuschaffen und zu adoptieren. Die Opuntien oder volksmundlichen Elefantenohren mögen mich nicht sonderlich und haben sich schon des öfteren faul und schrumpelig, evtl. auch beleidigt verabschiedet. Aber gerade aus „deiner“ Sammlung strahlt auch etwas, was ich schon immer bei diesen Naturerscheinungen, zumal den altehrwürdigen, gedacht habe, etwas … hmjah, Philosophisches. Ein Hauch von Ewigkeit in diesen spartanisch lebenden, oft fast hässlichen Gewächsen, die, auch bei mir, urplötzlich so wunderschöne Blüten zaubern. Manche haben Gesichter, dochdoch, haben Arme, Hände, allerdings kaum Füße. Und was von denen, also den Füßen jetzt, zu sehen ist, das möchte mit den Jahren manchmal ein knorriger Baum werden, sag ich doch, was beinah Ewiges.

Die Töpfe, in die man sie außerhalb ihrer natürlichen Umgebung pfropft, zerfallen schneller als die Pflanze, und die wiederum dankt dir, wenn der Topf selber schön und angemessen ist, gern auch exotisch. Malen würd ich sowas, glaub ich, nie, schon gar nicht als Stillleben. Andere tun’s ja augenscheinlich schon, mit Ambition und in Vielfalt. Die haben schon was, die Stachelviecher, scheren sich um keine Anweisungen und Erwartungen, wie mein Weihnachtskaktus, der schickt sich auch grad wieder an, nach Weihnachten auch zu Ostern zu blühen.

Etwas skurrile Nebenwirkung: Bei meiner vorübergehenden Lieblings-Crimelady D. L. Sayers spielt in den Flitterwochen von Lord Peter Wimsey ein ehrwürdig imposanter Kaktus eine tragische Rolle – er wird als Mordwerkzeug missbraucht. Was wohl dazu beiträgt, dass in dem Romanwerk, das überall von John-Donne-Zitaten des Lieblings des Lords strotzt, für die Kaktushymne der T. S. Eliot (aus „Die hohlen Männer„) herhalten muss:

Gustaf Carlström, Blühender Kaktus, 1929

——— T. S. Eliot:

Die hohlen Männer

The Hollow Men, 1925. Deutsche Übersetzung: Hans Magnus Enzensberger.
Metatext von Ulrich Bergmann: Denn dein ist das Leben! für Fixpoetry, 2. Oktober 2012:

Mistah Kurtz — he dead.
A penny for the Old Guy

I

Georg Scholz, Kakteen und Semaphore, 1923Wir sind die hohlen Männer
Die Ausgestopften
Aufeinandergestützt
Stroh im Schädel. Ach,
Unsere dürren Stimmen,
Leis und sinnlos
Wispern sie miteinander
Wie Wind im trockenen Gras
Oder Rattenfüße über Scherben
In unserm trockenen Keller

Gestalt formlos, Schatten farblos,
Gelähmte Kraft, reglose Geste;

Die hinüber sind, sehenden Auges,
Ins andere Reich des Todes,
Wenn sie an uns denken, denken sie nicht
An gewalttätige verlorene Seelen,
sondern an hohle Männer,
An Ausgestopfte.

II

Augen, deren Blick ich fürchte,
Die nicht erscheinen
Im Traumreich des Todes:
Dort sind die Augen
Sonnenlicht auf Säulentrümmern
Dort, ein Baum der sich wiegt
Und Stimmen sind
Im Gesang des Winds
Ferner und feierlicher
Als verblassender Stern
So fern will auch ich sein
Im Traumreich des Todes
Ich will auch so
Vorsätzliche Masken wählen
Rattenfell, Krähenhaut, Vogelscheuche
Auf einem Feld,
Die tun, was der Wind will,
So fern —

Nicht die endgültige Begegnung
Im Reich des Zwielichts

III

Dies ist das tote Land
Dies ist das Kaktusland
Hier sind aufgerichtet
Die steinernen Bilder, zu denen
Betet die Hand eines Toten, darüber
Funkelt ein verblassender Stern.

Ob es so ist
In dem anderen Todesreich
Ob Lippen wachen, mit sich allein,
Zur Stunde da wir beben
Vor Zärtlichkeit,
Lippen die küssen möchten
Und beten zu zerbrochenem Stein.

IV

Die Augen sind nicht hier
Hier sind keine Augen mehr
In diesem Tal da Sterne sterben
In diesem Hohlweg
Dem Stück Kinnbacken zu unseren verlorenen Reichen

Auf diesem letzten Sammelplatz
Tasten wir nach dem andern
Sprachlos geschart
Am Ufer des reißenden Stroms
Blind, es erschienen denn
Die Augen wieder
Wie der lebendige Stern
Die vielblättrige Rose
Des zwielichtigen Totenreiches,
Niemandes Hoffnung,
Hoffnung der leeren Männer.

V

Sergius Pauser, Dame in Weiß. Fräulein Sokal, 1927Wir tanzen um den Stachelbaum
Stachelbaum Stachelbaum
Wir tanzen um den Stachelbaum
Um fünf Uhr früh am Morgen.

Zwischen Idee
Und Wirklichkeit
Zwischen Regung
Und Tat
Fällt der Schatten

Denn Dein ist das Reich

Zwischen Empfängnis
Und Geburt
Zwischen Gefühl
Und Erwiderung
Fällt der Schatten

Das Leben ist lang

Zwischen Verlangen
Und Zuckung
Zwischen Vermögen
Und Leibhaftigkeit
Zwischen Wesen
Und Abstieg

Fällt der Schatten

Denn Dein ist das Reich

Denn Dein ist
Das Leben ist
Denn Dein ist das
Auf diese Art geht die Welt zugrund
Auf diese Art geht die Welt zugrund
Auf diese Art geht die Welt zugrund
Nicht mit einem Knall: mit Gewimmer.

Unbekannter Künstler, Prickly Pear, Opuntia spec., Öl auf Leinwand, 63 cm x 76 cm

Der Hochhaushex favorisiertes „Romanwerk, das überall von John-Donne-Zitaten des Lieblings des Lords strotzt“, mit dem handlungstragenden Kaktus ist der elfte und letzte Lord-Peter-Wimsey-Roman der Lady Dorothy L. Sayers: Busman’s Honeymoon, erschienen im Verlag Victor Gollancz Ltd., London 1937; deutsch zuerst als Lord Peters abenteuerliche Hochzeitsfahrt, Tübingen 1954; Neuübersetzung von Otto Bayer als Hochzeit kommt vor dem Fall, Rowohlt Reinbek 1982, erhältlich als Wunderlich Taschenbuch, Rowohlt, Reinbek 2000.

Adolf Gross, Österreich, 1873--1937, Akt mit KaktusWo die freundliche, pflanzenbegabte Hexe irrt: Elefantenohren sind keine Opuntien, sondern Kalanchoe beharensis, ein Dickblattgewächs. Opuntien sind Kakteengewächse, dafür heißen Elefantenohren auch Haemanthus albiflos, ein Amaryllisgewächs, und das Riesenblättrige Pfeilblatt Alocasia macrorrhizos, ein Aronstabgewächs. Eine lässliche Verwechslung: Soll sich einer auskennen.

Eigentlich hätte ich ja die Pommeskuität als Lieblingssammlung vorgestellt, wenn Tatjana Traurig ihre Sammeltätigkeit nicht Ende Mai 2015 eingestellt hätte.

Kaktusbilder:

  1. Paul Lauenstein: Stillleben mit Kakteen, 1934;
  2. Karl Hofer: Mädchen mit Kaktus, ca. 1922;
  3. Gustaf Carlström: Blühender Kaktus, 1929;
  4. Georg Scholz: Kakteen und Semaphore, 1923,
  5. Sergius Pauser: Dame in Weiß (Fräulein Sokal), 1927;
  6. unbekannter Künstler: Prickly Pear (Opuntia spec.), Öl auf Leinwand, 63 cm x 76 cm;
  7. Adolf Gross (Österreich, 1873–1937): Akt mit Kaktus,

alle via cacti / cactuses / cactus in visual art.

To watch the cactus bloom: The Handsome Family: Far from Any Road,
aus: Singing Bones, 2003 (und ab 2014 für True Detective):

From the dusty mesa, her looming shadow grows
Hidden in the branches of the poison creosote
She twines her spines up slowly towards the boiling sun
And when I touched her skin, my fingers ran with blood.

In the hushing dusk, under a swollen silver moon
I came walking with the wind to watch the cactus bloom
A strange hunger haunted me; the looming shadows danced
I fell down to the thorny brush and felt a trembling hand.

When the last light warms the rocks and the rattlesnakes unfold
Mountain cats will come to drag away your bones
And rise with me forever across the silent sand
And the stars will be your eyes and the wind will be my hands.

Als allzu offensichticher Bonus Track ist Comedian Harmonists: Mein kleiner grüner Kaktus, 15. November 1934, zwar etwas wohlfeil und hat womöglich zurecht jahrzehntelang in der Obskurität geruht, hat aber seit 22. September 1975 neue Fans, seit es Otto Waalkes für seine dritte Fernseh-Show ausgegraben hat:

Bonus Bonus Track: Dasselbe nochmal in aller gebotenen Dekadenz
für Joseph Vilsmaier: Comedian Harmonists, 1997:

Written by Wolf

12. Mai 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Grünzeug & Wunderblätter

Quis me amabit? (Wer sol mich minnen?)

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Update zu Mit Blumen, mit verdorrten:

——— Carmina Burana, 149,I–II:

I     Floret silva nobilis

Floret silva nobilis
floribus et foliis.
ubi est antiquus
meus amicus?
hinc equitavit.
eia! quis me amabit?

Floret silva undique,
nâch mîme gesellen ist mir wê!

*

II     Gruonet der walt allenthalben

Gruonet der walt allenthalben.
wâ ist mîn geselle alse lange?
der ist geriten hinnen.
owî, wer sol mich minnen?

——— Carmina Burana, 149,I–II:

I     Der Wald schmückt sich reich

Der Wald schmückt sich reich
mit Blüten und mit Blättern.
Wo ist mein
Freund von einst?
Er ist weggeritten.
Ach, wer wird mich lieben?

Der Wald schmückt sich überall,
nach meinem Liebsten ist mir weh!

*

II     Es grünt der Wald allüberall

Es grünt der Wald allüberall.
Wo bleibt mein Liebster so lange?
Er ist fortgeritten.
O weh, wer wird mich lieben?

The Miss Cullen, make love not war XXXVI, 26. Januar 2014

Ola meint: „Huhuhu, nun ist er davongeritten! Huhuhu, nun stehe ich in dem Walde und werde nie wieder einen Mann treffen! So gehen eure Frühlingslieder? Sag mal, ist das normal bei euch Deutschen?“

BIld: Ola „The Miss Cullen“ Gajdosz: make love not war XXXVI, 26. Januar 2014.

Bonus Track, weil Musik ja auch irgendwie Spaß machen soll:
Zupfgeigenhansel: Deutschland, was im März errungen,
aus: Volkslieder III (Im Krug zum Grünen Kranze), 1978 zur Feier der Märzrevolution 1848:

Written by Wolf

9. März 2017 at 00:01