Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for the ‘Grünzeug & Wunderblätter’ Category

Quis me amabit? (Wer sol mich minnen?)

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Update zu Mit Blumen, mit verdorrten:

——— Carmina Burana, 149,I–II:

I     Floret silva nobilis

Floret silva nobilis
floribus et foliis.
ubi est antiquus
meus amicus?
hinc equitavit.
eia! quis me amabit?

Floret silva undique,
nâch mîme gesellen ist mir wê!

*

II     Gruonet der walt allenthalben

Gruonet der walt allenthalben.
wâ ist mîn geselle alse lange?
der ist geriten hinnen.
owî, wer sol mich minnen?

——— Carmina Burana, 149,I–II:

I     Der Wald schmückt sich reich

Der Wald schmückt sich reich
mit Blüten und mit Blättern.
Wo ist mein
Freund von einst?
Er ist weggeritten.
Ach, wer wird mich lieben?

Der Wald schmückt sich überall,
nach meinem Liebsten ist mir weh!

*

II     Es grünt der Wald allüberall

Es grünt der Wald allüberall.
Wo bleibt mein Liebster so lange?
Er ist fortgeritten.
O weh, wer wird mich lieben?

The Miss Cullen, make love not war XXXVI, 26. Januar 2014

Ola meint: „Huhuhu, nun ist er davongeritten! Huhuhu, nun stehe ich in dem Walde und werde nie wieder einen Mann treffen! So gehen eure Frühlingslieder? Sag mal, ist das normal bei euch Deutschen?“

BIld: Ola „The Miss Cullen“ Gajdosz: make love not war XXXVI, 26. Januar 2014.

Bonus Track, weil Musik ja auch irgendwie Spaß machen soll:
Zupfgeigenhansel: Deutschland, was im März errungen,
aus: Volkslieder III (Im Krug zum Grünen Kranze), 1978 zur Feier der Märzrevolution 1848:

Written by Wolf

9. März 2017 at 00:01

Geheimrat Goethes geheimer Garten

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Update zum 266. Geburtstag:
Der sehr junge Goethe und sein Vorhangstoff:

Ist Dichtung und Wahrheit eigentlich verfilmt? Meines Wissens nicht, außer man zählt die 2010er Klamotte Goethe! mit Alexander Fehling mit.

Julian Mandel, Noyer StudiosVom geheimen Garten zählt man mindestens neun Verfilmungen, die erste von 1919 davon verschollen, dafür zusätzlich Theaterfassungen, ein Musical und eine Oper — was nichts über die Qualität aussagen muss. Über die Quantität schon. Zum Beispiel hat Goethe schon als Kind in gewohnter Frühreife und Klarsicht den Stoff von Frances Hodgson Burnett vorweggenommen.

Als Kindheitswerk, als das Goethe es 60-jährig ausgibt, ist Der neue Paris nicht authentisch. Es wäre auch zu schön: all die Beschlagenheit in der griechischen Mythologie des zehnjährigen „Hätschelhans“ (cit. Mutter Goethe), die er in Vorahnungen zu seinem sehr viel späteren Wilhelm Meister umzusetzen versteht, dazu die Farbensymbolik aus seinem noch späteren eigenen Lieblingswerk der Farbenlehre — als ob ihm das jemals jemand geglaubt hätte. Nicht einmal sein ungefährer Zeitgenosse Klein-Mozart hat als Wunderkind auf dem Schulweg Frühversionen der Komtur-Arien vor sich hingepfiffen, das behaupte ich jetzt einfach.

Beweise? –: Zur biographischen Einordnung hilft ausnahmsweise nicht die frischeste (abgeschlossen 1999, äußert sich eher zu psychologischen Aspekten) und dazu am ausführlichsten kommentierte der Goethe-Gesamtausgaben, die Frankfurter, weiter, sondern die schon etwas ältliche liebe Tante namens Hamburger Ausgabe, die nicht auf alles eine Antwort weiß, aber immer da ist und so ziemlich über alles gewinnbringend mit sich quatschen lässt:

Julian Mandel, Noyer StudiosTagebuch, 3. Juli 1811: Der neue Paris, Knabenmärchen, diktiert. Ein Kunstmärchen, geschrieben im Alter; aber es besteht kein Grund, zu bezweifeln, daß Motive jugendlicher Phantasie darin nachwirken. Was im 2. Buch nicht als Bericht gesagt wird, ist hier im Symbol gesagt. Es hat Verwandtschaft mit dem Märchen in den Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten […]: die klare Bildhaftigkeit; das Handlen nach Bedingungen; Gegestände, die in das Geschehen gehören und zugleich Symbole sind wie die Brücke. Auch zu dem dritten Märchen, der Neuen Melusine […], hat es Beziehungen: beide sind Kontrafaktur, dort wird das Melusinen- bzw. Raimond-Motiv, hier das Paris-Motiv neu gestaltet; beide sind in breite Prosawerke eingeflochten, ohne daß der tiefere Zusammenhang unmittelbar ausgesprochen wird. Die Überleitung hat leichten Klang […] und läßt das Bedeutende nur kurz einfließen. Der fast 62jährige hatte die Welt als Künstler und als LIebender erlebt und deutete aus solcher Erfahrung die Jugend. Das Märchen zeigt des Knaben Phantasiewelt und Formkraft, seine Überlegenheit dadurch gegenüber anderen Kindern, seine unbewußte Richtung im Künstlerischen und Erotischen. Beide Bereiche tauchen zugleich auf, eng verknüpft. Kein Wort über symbolische Bedeutung oder Folge. — [Für die Ausgabe benutzte Fachliteratur:] Curt Habicht, Findlinge zum Thema Goethe und die bildende Kunst. I. Der neue Paris. Monatshefte f. Kunstwiss. 11, 1918, S. 233–238. — Beutler in der Artemis-Gedenk-Ausgabe, Bd. 10, S. 905 ff. — Beutler-Rumpf, Text zu Abb. 21. — W. Schadewaldt, Goethestudien. 1963. S. 262–282.

Heute würden wir sagen, Goethes Kunstmärchen — Typus Erlösungsmärchen — sei ein Fake aus der Sicht eines entschieden zu verwöhnten, selbstzufriedenen und siebengescheiten Fratzen, und ein englisches Kinderbuch samt seiner neun, darunter drei relevanten Verfilmungen zeige pro Druckseite und Filmminute mehr Einfühlung in eine Kinderseele als Goethe in seinem ganzen Lebenswerk, aber „heute“ sind wir auch nicht Erich Trunz, der 1955 die Hamburger Ausgabe kommentiert (5. Auflage 1964, textkritisch durchgesehen von Lieselotte Blumenthal). — Zwei Interpretationen nach Trunz führt dann doch wieder die Frankfurter Ausgabe an:

Karl-Heinz Kausen, Goethes ‚Knabenmärchen‘ ‚Der neue Paris‘ — oder ‚Biographica und Ästhetica‘, in: Jb. d. dt. Schiller-Gesellschaft 24 [1980], S. 102–122; Ingrid Kreutzer, Strukturprinzipien in Goethes Märchen, in: Jb. d. dt. Schiller-Gesellschaft 21 [1977], S. 216–246.

Eine ähnlich inspirierte mythologische Neufassung nach Der neue Paris kam von Goethe erst wieder in Gestalt der neuen Melusine im dritten Buch der Wanderjahre zwischen 1821 und 1829, also im Alterswerk. „Paris“ meint deshalb den auf der vorderen Silbe betonten altgriechischen Sohn von Hektor und Kassandra, der vor lauter Diplomatie und Verliebtheit den Trojanischen Krieg ausgelöst hat, nicht das hässliche überteuerte Häusermeer fünf Stunden hinter Freiburg im Breisgau.

Rosengarten München, I thanked and she never knew what for, September 2015

——— Goethe:

Der neue Paris

in: Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit, 1808 bis 1831, Zweites Buch, cit. Hamburger Ausgabe:

Julian Mandel, Noyer StudiosDiesen so wie andre Wohlwollende konnte ich sehr glücklich machen, wenn ich ihnen Märchen erzählte, und besonders liebten sie, wenn ich in eigner Person sprach, und hatten eine große Freude, daß mir als ihrem Gespielen so wunderliche Dinge könnten begegnet sein, und dabei gar kein Arges, wie ich Zeit und Raum zu solchen Abenteuern finden können, da sie doch ziemlich wußten, wie ich beschäftigt war und wo ich aus und ein ging. Nicht weniger waren zu solchen Begebenheiten Lokalitäten, wo nicht aus einer andern Welt, doch gewiß aus einer andern Gegend nötig, und alles war doch erst heut oder gestern geschehen, sie mußten sich daher mehr selbst betrügen, als ich sie zum besten haben konnte. Und wenn ich nicht nach und nach, meinem Naturell gemäß, diese Luftgestalten und Windbeuteleien zu kunstmäßigen Darstellungen hätte verarbeiten lernen, so wären solche aufschneiderische Anfänge gewiß nicht ohne schlimme Folgen für mich geblieben.

Betrachtet man diesen Trieb recht genau, so möchte man in ihm diejenige Anmaßung erkennen, womit der Dichter selbst das Unwahrscheinlichste gebieterisch ausspricht, und von einem jeden fordert, er solle dasjenige für wirklich erkennen, was ihm, dem Erfinder, auf irgend eine Weise als wahr erscheinen konnte.

Was jedoch hier nur im allgemeinen und betrachtungsweise vorgetragen worden, wird vielleicht durch ein Beispiel, durch ein Musterstück angenehmer und anschaulicher werden. Ich füge daher ein solches Märchen bei, welches mir, da ich es meinen Gespielen oft wiederholen mußte, noch ganz wohl vor der Einbildungskraft und im Gedächtnis schwebt.

Der neue Paris,

Knabenmärchen

Julian Mandel, Noyer Studio series 370 via Grandma DidMir träumte neulich in der Nacht vor Pfingstsonntag, als stünde ich vor einem Spiegel und beschäftigte mich mit den neuen Sommerkleidern, welche mir die lieben Eltern auf das Fest hatten machen lassen. Der Anzug bestand, wie ihr wißt, in Schuhen von sauberem Leder, mit großen silbernen Schnallen, feinen baumwollenen Strümpfen, schwarzen Unterkleidern von Sarsche, und einem Rock von grünem Berkan mit goldnen Balletten. Die Weste dazu, von Goldstoff, war aus meines Vaters Bräutigamsweste geschnitten. Ich war frisiert und gepudert, die Locken standen mir wie Flügelchen vom Kopfe; aber ich konnte mit dem Anziehen nicht fertig werden, weil ich immer die Kleidungsstücke verwechselte, und weil mir immer das erste vom Leibe fiel, wenn ich das zweite umzunehmen gedachte. In dieser großen Verlegenheit trat ein junger schöner Mann zu mir und begrüßte mich aufs freundlichste. „Ei, seid mir willkommen!“ sagte ich, „es ist mir ja gar lieb, daß ich Euch hier sehe.“ – „Kennt Ihr mich denn?“ versetzte jener lächelnd. – „Warum nicht?“ war meine gleichfalls lächelnde Antwort. „Ihr seid Merkur, und ich habe Euch oft genug abgebildet gesehen.“ – „Das bin ich“, sagte jener, „und von den Göttern mit einem wichtigen Auftrag an dich gesandt. Siehst du diese drei Äpfel?“ – Er reichte seine Hand her und zeigte mir drei Äpfel, die sie kaum fassen konnte, und die ebenso wundersam schön als groß waren, und zwar der eine von roter, der andere von gelber, der dritte von grüner Farbe. Man mußte sie für Edelsteine halten, denen man die Form von Früchten gegeben. Ich wollte darnach greifen; er aber zog zurück und sagte: „Du mußt erst wissen, daß sie nicht für dich sind. Du sollst sie den drei schönsten jungen Leuten von der Stadt geben, welche sodann, jeder nach seinem Lose, Gattinnen finden sollen, wie sie solche nur wünschen können. Nimm, und mach deine Sachen gut!“ sagte er scheidend, und gab mir die Äpfel in meine offnen Hände; sie schienen mir noch größer geworden zu sein. Ich hielt sie darauf in die Höhe, gegen das Licht, und fand sie ganz durchsichtig; aber gar bald zogen sie sich aufwärts in die Länge und wurden zu drei schönen, schönen Frauenzimmerchen in mäßiger Puppengröße, deren Kleider von der Farbe der vorherigen Äpfel waren. So gleiteten sie sacht an meinen Fingern hinauf, und als ich nach ihnen haschen wollte um wenigstens eine festzuhalten, schwebten sie schon weit in der Höhe und Ferne, daß ich nichts als das Nachsehen hatte. Ich stand ganz verwundert und versteinert da, hatte die Hände noch in der Höhe und beguckte meine Finger, als wäre daran etwas zu sehen gewesen. Aber mit einmal erblickte ich auf meinen Fingerspitzen ein allerliebstes Mädchen herumtanzen, kleiner als jene, aber gar niedlich und munter; und weil sie nicht wie die andern fortflog, sondern verweilte, und bald auf diese bald auf jene Fingerspitze tanzend hin und her trat, so sah ich ihr eine Zeitlang verwundert zu. Da sie mir aber gar so wohl gefiel, glaubte ich sie endlich haschen zu können und dachte geschickt genug zuzugreifen; allein in dem Augenblick fühlte ich einen Schlag an den Kopf, so daß ich ganz betäubt niederfiel, und aus dieser Betäubung nicht eher erwachte, als bis es Zeit war mich anzuziehen und in die Kirche zu gehen.

Unter dem Gottesdienst wiederholte ich mir jene Bilder oft genug; auch am großelterlichen Tische, wo ich zu Mittag speiste. Nachmittags wollte ich einige Freunde besuchen, sowohl um mich in meiner neuen Kleidung, den Hut unter dem Arm und den Degen an der Seite, sehen zu lassen, als auch weil ich ihnen Besuche schuldig war. Ich fand niemanden zu Hause, und da ich hörte, daß sie in die Gärten gegangen, so gedachte ich ihnen zu folgen und den Abend vergnügt zuzubringen. Mein Weg führte mich den Zwinger hin, und ich kam in die Gegend, welche mit Recht den Namen „schlimme Mauer“ führt: denn es ist dort niemals ganz geheuer. Ich ging nur langsam und dachte an meine drei Göttinnen, besonders aber an die kleine Nymphe, und hielt meine Finger manchmal in die Höhe, in Hoffnung, sie würde so artig sein, wieder darauf zu balancieren. In diesen Gedanken vorwärts gehend erblickte ich, linker Hand, in der Mauer ein Pförtchen, das ich mich nicht erinnerte je gesehen zu haben. Es schien niedrig, aber der Spitzbogen drüber hätte den größten Mann hindurch gelassen. Bogen und Gewände waren aufs zierlichste vom Steinmetz und Bildhauer ausgemeißelt, die Türe selbst aber zog erst recht meine Aufmerksamkeit an sich. Braunes uraltes Holz, nur wenig verziert, war mit breiten, sowohl erhaben als vertieft gearbeiteten Bändern von Erz beschlagen, deren Laubwerk, worin die natürlichsten Vögel saßen, ich nicht genug bewundern konnte. Doch was mir das Merkwürdigste schien, kein Schlüsselloch war zu sehen, keine Klinke, kein Klopfer, und ich vermutete daraus, daß diese Türe nur von innen aufgemacht werde. Ich hatte mich nicht geirrt: denn als ich ihr näher trat, um die Zieraten zu befühlen, tat sie sich hineinwärts auf, und es erschien ein Mann, dessen Kleidung etwas Langes, Weites und Sonderbares hatte. Auch ein ehrwürdiger Bart umwölkte sein Kinn; daher ich ihn für einen Juden zu halten geneigt war. Er aber, eben als wenn er meine Gedanken erraten hätte, machte das Zeichen des heiligen Kreuzes, wodurch er mir zu erkennen gab, daß er ein guter katholischer Christ sei. – „Junger Herr, wie kommt Ihr hierher, und was macht Ihr da?“ sagte er mit freundlicher Stimme und Gebärde. – „Ich bewundre“, versetzte ich, „die Arbeit dieser Pforte: denn ich habe dergleichen noch niemals gesehen; es müßte denn sein auf kleinen Stücken in den Kunstsammlungen der Liebhaber.“ – „Es freut mich“, versetzte er darauf, „daß Ihr solche Arbeit liebt. Inwendig ist die Pforte noch viel schöner: tretet herein, wenn es Euch gefällt.“ Mir war bei der Sache nicht ganz wohl zu Mute. Die wunderliche Kleidung des Pförtners, die Abgelegenheit und ein sonst ich weiß nicht was, das in der Luft zu liegen schien, beklemmte mich. Ich verweilte daher, unter dem Vorwande, die Außenseite noch länger zu betrachten, und blickte dabei verstohlen in den Garten: denn ein Garten war es, der sich vor mir eröffnet hatte. Gleich hinter der Pforte sah ich einen großen beschatteten Platz; alte Linden, regelmäßig von einander abstehend, bedeckten ihn völlig mit ihren dicht in einander greifenden Ästen, so daß die zahlreichsten Gesellschaften in der größten Tageshitze sich darunter hätten erquicken können. Schon war ich auf die Schwelle getreten, und der Alte wußte mich immer um einen Schritt weiter zu locken. Ich widerstand auch eigentlich nicht: denn ich hatte jederzeit gehört, daß ein Prinz oder Sultan in solchem Falle niemals fragen müsse, ob Gefahr vorhanden sei. Hatte ich doch auch meinen Degen an der Seite; und sollte ich mit dem Alten nicht fertig werden, wenn er sich feindlich erweisen wollte? Ich trat also ganz gesichert hinein; der Pförtner drückte die Türe zu, die so leise einschnappte, daß ich es kaum spürte. Nun zeigte er mir die inwendig angebrachte, wirklich noch viel kunstreichere Arbeit, legte sie mir aus, und bewies mir dabei ein besonderes Wohlwollen. Hiedurch nun völlig beruhigt, ließ ich mich in dem belaubten Raume an der Mauer, die sich ins Runde zog, weiter führen, und fand manches an ihr zu bewundern. Nischen, mit Muscheln, Korallen und Metallstufen künstlich ausgeziert, gaben aus Tritonenmäulern reichliches Wasser in marmorne Becken; dazwischen waren Vogelhäuser angebracht und andre Vergitterungen, worin Eichhörnchen herumhüpften, Meerschweinchen hin und wider liefen, und was man nur sonst von artigen Geschöpfen wünschen kann. Die Vögel riefen und sangen uns an, wie wir vorschritten; die Stare besonders schwätzten das närrischste Zeug; der eine rief immer: „Paris, Paris“, und der andre: „Narziß, Narziß“, so deutlich, als es ein Schulknabe nur aussprechen kann. Der Alte schien mich immer ernsthaft anzusehen, indem die Vögel dieses riefen; ich tat aber nicht, als wenn ich’s merkte, und hatte auch wirklich nicht Zeit, auf ihn Acht zu geben: denn ich konnte wohl gewahr werden, daß wir in die Runde gingen, und daß dieser beschattete Raum eigentlich ein großer Kreis sei, der einen andern viel bedeutendern umschließe. Wir waren auch wirklich wieder bis ans Pförtchen gelangt, und es schien, als wenn der Alte mich hinauslassen wolle; allein meine Augen blieben auf ein goldnes Gitter gerichtet, welches die Mitte dieses wunderbaren Gartens zu umzäunen schien, und das ich auf unserm Gange hinlänglich zu beobachten Gelegenheit fand, ob mich der Alte gleich immer an der Mauer und also ziemlich entfernt von der Mitte zu halten wußte. Als er nun eben auf das Pförtchen losging, sagte ich zu ihm, mit einer Verbeugung: „Ihr seid so äußerst gefällig gegen mich gewesen, daß ich wohl noch eine Bitte wagen möchte, ehe ich von Euch scheide. Dürfte ich nicht jenes goldne Gitter näher besehen, das in einem sehr weiten Kreise das Innere des Gartens einzuschließen scheint?“ – „Recht gern“, versetzte jener; „aber sodann müßt Ihr Euch einigen Bedingungen unterwerfen.“ – „Worin bestehen sie?“ fragte ich hastig. – „Ihr müßt Euren Hut und Degen hier zurücklassen, und dürft mir nicht von der Hand, indem ich Euch begleite.“ – „Herzlich gern!“ erwiderte ich, und legte Hut und Degen auf die erste beste steinerne Bank. Sogleich ergriff er mit seiner Rechten meine Linke, hielt sie fest, und führte mich mit einiger Gewalt gerade vorwärts. Als wir ans Gitter kamen, verwandelte sich meine Verwunderung in Erstaunen: so etwas hatte ich nie gesehen. Auf einem hohen Sockel von Marmor standen unzählige Spieße und Partisanen neben einander gereiht, die durch ihre seltsam verzierten oberen Enden zusammenhingen und einen ganzen Kreis bildeten. Ich schaute durch die Zwischenräume, und sah gleich dahinter ein sanft fließendes Wasser, auf beiden Seiten mit Marmor eingefaßt, das in seinen klaren Tiefen eine große Anzahl von Gold- und Silberfischen sehen ließ, die sich bald sachte bald geschwind, bald einzeln bald zugweise hin und her bewegten. Nun hätte ich aber auch gern über den Kanal gesehen, um zu erfahren, wie es in dem Herzen des Gartens beschaffen sei; allein da fand ich zu meiner großen Betrübnis, daß an der Gegenseite das Wasser mit einem gleichen Gitter eingefaßt war, und zwar so künstlicher Weise, daß auf einen Zwischenraum diesseits gerade ein Spieß oder eine Partisane jenseits paßte, und man also, die übrigen Zieraten mitgerechnet, nicht hindurchsehen konnte, man mochte sich stellen, wie man wollte. Überdies hinderte mich der Alte, der mich noch immer festhielt, daß ich mich nicht frei bewegen konnte. Meine Neugier wuchs indes, nach allem, was ich gesehen, immer mehr, und ich nahm mir ein Herz, den Alten zu fragen, ob man nicht auch hinüber kommen könne. – „Warum nicht?“ versetzte jener; „aber auf neue Bedingungen.“ – Als ich nach diesen fragte, gab er mir zu erkennen, daß ich mich umkleiden müsse. Ich war es sehr zufrieden; er führte mich zurück nach der Mauer in einen kleinen reinlichen Saal, an dessen Wänden mancherlei Kleidungen hingen, die sich sämtlich dem orientalischen Kostüm zu nähern schienen. Ich war geschwind umgekleidet; er streifte meine gepuderten Haare unter ein buntes Netz, nachdem er sie zu meinem Entsetzen gewaltig ausgestäubt hatte. Nun fand ich mich vor einem großen Spiegel in meiner Vermummung gar hübsch, und gefiel mir besser als in meinem steifen Sonntagskleide. Ich machte einige Gebärden und Sprünge, wie ich sie von den Tänzern auf dem Meßtheater gesehen hatte. Unter diesem sah ich in den Spiegel und erblickte zufällig das Bild einer hinter mir befindlichen Nische. Auf ihrem weißen Grunde hingen drei grüne Strickchen, jedes in sich auf eine Weise verschlungen, die mir in der Ferne nicht deutlich werden wollte. Ich kehrte mich daher etwas hastig um, und fragte den Alten nach der Nische so wie nach den Strickchen. Er, ganz gefällig, holte eins herunter und zeigte es mir. Es war eine grünseidene Schnur von mäßiger Stärke, deren beide Enden, durch ein zwiefach durchschnittenes grünes Leder geschlungen, ihr das Ansehn gaben, als sei es ein Werkzeug zu einem eben nicht sehr erwünschten Gebrauch. Die Sache schien mir bedenklich, und ich fragte den Alten nach der Bedeutung. Er antwortete mir ganz gelassen und gütig: es sei dieses für diejenigen, welche das Vertrauen mißbrauchten, das man ihnen hier zu schenken bereit sei. Er hing die Schnur wieder an ihre Stelle und verlangte sogleich, daß ich ihm folgen solle: denn diesmal faßte er mich nicht an, und so ging ich frei neben ihm her.

Julian Mandel, Noyer Studio series 370 via Grandma DidMeine größte Neugier war nunmehr, wo die Türe, wo die Brücke sein möchte, um durch das Gitter, um über den Kanal zu kommen: denn ich hatte dergleichen bis jetzt noch nicht ausfindig machen können. Ich betrachtete daher die goldene Umzäunung sehr genau, als wir darauf zueilten; allein augenblicklich verging mir das Gesicht: denn unerwartet begannen Spieße, Speere, Hellebarden, Partisanen sich zu rütteln und zu schütteln, und diese seltsame Bewegung endigte damit, daß die sämtlichen Spitzen sich gegen einander senkten, eben als wenn zwei altertümliche, mit Piken bewaffnete Heerhaufen gegen einander losgehen wollten. Die Verwirrung fürs Auge, das Geklirr für die Ohren war kaum zu ertragen, aber unendlich überraschend der Anblick, als sie völlig niedergelassen den Kreis des Kanals bedeckten und die herrlichste Brücke bildeten, die man sich denken kann: denn nun lag das bunteste Gartenparterre vor meinem Blick. Es war in verschlungene Beete geteilt, welche zusammen betrachtet ein Labyrinth von Zieraten bildeten; alle mit grünen Einfassungen von einer niedrigen, wollig wachsenden Pflanze, die ich nie gesehen; alle mit Blumen, jede Abteilung von verschiedener Farbe, die, ebenfalls niedrig und am Boden, den vorgezeichneten Grundriß leicht verfolgen ließen. Dieser köstliche Anblick, den ich in vollem Sonnenschein genoß, fesselte ganz meine Augen; aber ich wußte fast nicht, wo ich den Fuß hinsetzen sollte: denn die schlängelnden Wege waren aufs reinlichste von blauem Sande gezogen, der einen dunklern Himmel, oder einen Himmel im Wasser, an der Erde zu bilden schien; und so ging ich, die Augen auf den Boden gerichtet, eine Zeitlang neben meinem Führer, bis ich zuletzt gewahr ward, daß in der Mitte von diesem Beeten- und Blumenrund ein großer Kreis von Zypressen oder pappelartigen Bäumen stand, durch den man nicht hindurchsehen konnte, weil die untersten Zweige aus der Erde hervorzutreiben schienen. Mein Führer, ohne mich gerade auf den nächsten Weg zu drängen, leitete mich doch unmittelbar nach jener Mitte, und wie war ich überrascht, als ich, in den Kreis der hohen Bäume tretend, die Säulenhalle eines köstlichen Gartengebäudes vor mir sah, das nach den übrigen Seiten hin ähnliche Ansichten und Eingänge zu haben schien. Noch mehr aber als dieses Muster der Baukunst entzückte mich eine himmlische Musik, die aus dem Gebäude hervordrang. Bald glaubte ich eine Laute, bald eine Harfe, bald eine Zither zu hören, und bald noch etwas Klimperndes, das keinem von diesen drei Instrumenten gemäß war. Die Pforte, auf die wir zugingen, eröffnete sich bald nach einer leisen Berührung des Alten; aber wie erstaunt war ich, als die heraustretende Pförtnerin ganz vollkommen dem niedlichen Mädchen glich, das mir im Traume auf den Fingern getanzt hatte. Sie grüßte mich auch auf eine Weise, als wenn wir schon bekannt wären, und bat mich hereinzutreten. Der Alte blieb zurück, und ich ging mit ihr durch einen gewölbten und schön verzierten kurzen Gang nach dem Mittelsaal, dessen herrliche domartige Höhe beim Eintritt meinen Blick auf sich zog und mich in Verwunderung setzte. Doch konnte mein Auge nicht lange dort verweilen, denn es ward durch ein reizenderes Schauspiel herabgelockt. Auf einem Teppich, gerade unter der Mitte der Kuppel, saßen drei Frauenzimmer im Dreieck, in drei verschiedene Farben gekleidet, die eine rot, die andre gelb, die dritte grün; die Sessel waren vergoldet, und der Teppich ein vollkommenes Blumenbeet. In ihren Armen lagen die drei Instrumente, die ich draußen hatte unterscheiden können: denn durch meine Ankunft gestört, hatten sie mit Spielen inne gehalten. – „Seid uns willkommen!“ sagte die mittlere, die nämlich, welche mit dem Gesicht nach der Türe saß, im roten Kleide und mit der Harfe. „Setzt Euch zu Alerten und hört zu, wenn Ihr Liebhaber von der Musik seid.“ Nun sah ich erst, daß unten quervor ein ziemlich langes Bänkchen stand, worauf eine Mandoline lag. Das artige Mädchen nahm sie auf, setzte sich und zog mich an ihre Seite. Jetzt betrachtete ich auch die zweite Dame zu meiner Rechten; sie hatte das gelbe Kleid an, und eine Zither in der Hand; und wenn jene Harfenspielerin ansehnlich von Gestalt, groß von Gesichtszügen, und in ihrem Betragen majestätisch war, so konnte man der Zitherspielerin ein leicht anmutiges heitres Wesen anmerken. Sie war eine schlanke Blondine, da jene dunkelbraunes Haar schmückte. Die Mannigfaltigkeit und Übereinstimmung ihrer Musik konnte mich nicht abhalten, nun auch die dritte Schönheit im grünen Gewande zu betrachten, deren Lautenspiel etwas Rührendes und zugleich Auffallendes für mich hatte. Sie war diejenige, die am meisten auf mich Acht zu geben und ihr Spiel an mich zu richten schien; nur konnte ich aus ihr nicht klug werden: denn sie kam mir bald zärtlich, bald wunderlich, bald offen, bald eigensinnig vor, je nachdem sie die Mienen und ihr Spiel veränderte. Bald schien sie mich rühren, bald mich necken zu wollen. Doch mochte sie sich stellen wie sie wollte, so gewann sie mir wenig ab: denn meine kleine Nachbarin, mit der ich Ellbogen an Ellbogen saß, hatte mich ganz für sich eingenommen; und wenn ich in jenen drei Damen ganz deutlich die Sylphiden meines Traums und die Farben der Äpfel erblickte, so begriff ich wohl, daß ich keine Ursache hätte, sie festzuhalten. Die artige Kleine hätte ich lieber angepackt, wenn mir nur nicht der Schlag, den sie mir im Traume versetzt hatte, gar zu erinnerlich gewesen wäre. Sie hielt sich bisher mit ihrer Mandoline ganz ruhig; als aber ihre Gebieterinnen aufgehört hatten, so befahlen sie ihr, einige lustige Stückchen zum besten zu geben. Kaum hatte sie einige Tanzmelodien gar aufregend abgeklimpert, so sprang sie in die Höhe; ich tat das gleiche. Sie spielte und tanzte; ich ward hingerissen, ihre Schritte zu begleiten, und wir führten eine Art von kleinem Ballett auf, womit die Damen zufrieden zu sein schienen: denn sobald wir geendigt, befahlen sie der Kleinen, mich derweil mit etwas Gutem zu erquicken, bis das Nachtessen herankäme. Ich hatte freilich vergessen, daß außer diesem Paradiese noch etwas anderes in der Welt wäre. Alerte führte mich sogleich in den Gang zurück, durch den ich hereingekommen war. An der Seite hatte sie zwei wohleingerichtete Zimmer; in dem einen, wo sie wohnte, setzte sie mir Orangen, Feigen, Pfirschen und Trauben vor, und ich genoß sowohl die Früchte fremder Länder, als auch die der erst kommenden Monate mit großem Appetit. Zuckerwerk war im Überfluß; auch füllte sie einen Pokal von geschliffnem Kristall mit schäumendem Wein: doch zu trinken bedurfte ich nicht, denn ich hatte mich an den Früchten hinreichend gelabt. – „Nun wollen wir spielen“, sagte sie und führte mich in das andere Zimmer. Hier sah es nun aus wie auf einem Christmarkt; aber so kostbare und feine Sachen hat man niemals in einer Weihnachtsbude gesehen. Da waren alle Arten von Puppen, Puppenkleidern und Puppengerätschaften; Küchen, Wohnstuben und Läden; und einzelne Spielsachen in Unzahl. Sie führte mich an allen Glasschränken herum: denn in solchen waren diese künstlichen Arbeiten aufbewahrt. Die ersten Schränke verschloß sie aber bald wieder und sagte: „Das ist nichts für Euch, ich weiß es wohl. Hier aber“, sagte sie, „könnten wir Baumaterialien finden, Mauern und Türme, Häuser, Paläste, Kirchen, um eine große Stadt zusammenzustellen. Das unterhält mich aber nicht; wir wollen zu etwas anderem greifen, das für Euch und mich gleich vergnüglich ist.“ – Sie brachte darauf einige Kasten hervor, in denen ich kleines Kriegsvolk über einander geschichtet erblickte, von dem ich sogleich bekennen mußte, daß ich niemals so etwas Schönes gesehen hätte. Sie ließ mir die Zeit nicht, das einzelne näher zu betrachten, sondern nahm den einen Kasten unter den Arm, und ich packte den andern auf. „Wir wollen auf die goldne Brücke gehen“, sagte sie; „dort spielt sich’s am besten mit Soldaten: die Spieße geben gleich die Richtung, wie man die Armeen gegen einander zu stellen hat.“ Nun waren wir auf dem goldnen schwankenden Boden angelangt; unter mir hörte ich das Wasser rieseln und die Fische plätschern, indem ich niederkniete, meine Linien aufzustellen. Es war alles Reiterei, wie ich nunmehr sah. Sie rühmte sich, die Königin der Amazonen zum Führer ihres weiblichen Heeres zu besitzen; ich dagegen fand den Achill und eine sehr stattliche griechische Reiterei. Die Heere standen gegen einander, und man konnte nichts Schöneres sehen. Es waren nicht etwa flache bleierne Reiter, wie die unsrigen, sondern Mann und Pferd rund und körperlich, und auf das feinste gearbeitet; auch konnte man kaum begreifen, wie sie sich im Gleichgewicht hielten: denn sie standen für sich, ohne ein Fußbrettchen zu haben.

Wir hatten nun jedes mit großer Selbstzufriedenheit unsere Heerhaufen beschaut, als sie mir den Angriff verkündigte. Wir hatten auch Geschütz in unsern Kästen gefunden; es waren nämlich Schachteln voll kleiner wohlpolierter Achatkugeln. Mit diesen sollten wir aus einer gewissen Entfernung gegen einander kämpfen, wobei jedoch ausdrücklich bedungen war, daß nicht stärker geworfen werde, als nötig sei, die Figuren umzustürzen: denn beschädigt sollte keine werden. Wechselseitig ging nun die Kanonade los, und im Anfang wirkte sie zu unser beider Zufriedenheit. Allein als meine Gegnerin bemerkte, daß ich doch besser zielte als sie, und zuletzt den Sieg, der von der Überzahl der Stehngebliebenen abhing, gewinnen möchte, trat sie näher, und ihr mädchenhaftes Werfen hatte denn auch den erwünschten Erfolg. Sie streckte mir eine Menge meiner besten Truppen nieder, und je mehr ich protestierte, desto eifriger warf sie. Dies verdroß mich zuletzt, und ich erklärte, daß ich ein gleiches tun würde. Ich trat auch wirklich nicht allein näher heran, sondern warf im Unmut viel heftiger, da es denn nicht lange währte, als ein paar ihrer kleinen Zentaurinnen in Stücke sprangen. In ihrem Eifer bemerkte sie es nicht gleich; aber ich stand versteinert, als die zerbrochnen Figürchen sich von selbst wieder zusammenfügten, Amazone und Pferd wieder ein Ganzes, auch zugleich völlig lebendig wurden, im Galopp von der goldnen Brücke unter die Linden setzten, und, in Karriere hin und wider rennend, sich endlich gegen die Mauer, ich weiß nicht wie, verloren. Meine schöne Gegnerin war das kaum gewahr worden, als sie in ein lautes Weinen und Jammern ausbrach und rief: daß ich ihr einen unersetzlichen Verlust zugefügt, der weit größer sei, als es sich aussprechen lasse. Ich aber, der ich schon erbost war, freute mich ihr etwas zu Leide zu tun, und warf noch ein paar mir übrig gebliebene Achatkugeln blindlings mit Gewalt unter ihren Heerhaufen. Unglücklicherweise traf ich die Königin, die bisher bei unserm regelmäßigen Spiel ausgenommen gewesen. Sie sprang in Stücken, und ihre nächsten Adjutanten wurden auch zerschmettert; aber schnell stellten sie sich wieder her und nahmen Reißaus wie die ersten, galoppierten sehr lustig unter den Linden herum und verloren sich gegen die Mauer.

Julian Mandel, Noyer Studio series 370 via Grandma DidMeine Gegnerin schalt und schimpfte; ich aber, nun einmal im Gange, bückte mich, einige Achatkugeln aufzuheben, welche an den goldnen Spießen herumrollten. Mein ergrimmter Wunsch war, ihr ganzes Heer zu vernichten; sie dagegen, nicht faul, sprang auf mich los und gab mir eine Ohrfeige, daß der Kopf summte. Ich, der ich immer gehört hatte, auf die Ohrfeige eines Mädchens gehöre ein derber Kuß, faßte sie bei den Ohren und küßte sie zu wiederholten Malen. Sie aber tat einen solchen durchdringenden Schrei, der mich selbst erschreckte; ich ließ sie fahren, und das war mein Glück: denn in dem Augenblick wußte ich nicht, wie mir geschah. Der Boden unter mir fing an zu beben und zu rasseln; ich merkte geschwind, daß sich die Gitter wieder in Bewegung setzten: allein ich hatte nicht Zeit zu überlegen, noch konnte ich Fuß fassen, um zu fliehen. Ich fürchtete jeden Augenblick gespießt zu werden: denn die Partisanen und Lanzen, die sich aufrichteten, zerschlitzten mir schon die Kleider; genug, ich weiß nicht, wie mir geschah, mir verging Hören und Sehen, und ich erholte mich aus meiner Betäubung, von meinem Schrecken am Fuß einer Linde, wider den mich das aufschnellende Gitter geworfen hatte. Mit dem Erwachen erwachte auch meine Bosheit, die sich noch heftig vermehrte, als ich von drüben die Spottworte und das Gelächter meiner Gegnerin vernahm, die an der andern Seite, etwas gelinder als ich, mochte zur Erde gekommen sein. Daher sprang ich auf, und als ich rings um mich das kleine Heer nebst seinem Anführer Achill, welche das auffahrende Gitter mit mir herüber geschnellt hatte, zerstreut sah, ergriff ich den Helden zuerst und warf ihn wider einen Baum. Seine Wiederherstellung und seine Flucht gefielen mir nun doppelt, weil sich die Schadenfreude zu dem artigsten Anblick von der Welt gesellte, und ich war im Begriff, die sämtlichen Griechen ihm nachzuschicken, als auf einmal zischende Wasser von allen Seiten her, aus Steinen und Mauern, aus Boden und Zweigen hervorsprühten, und, wo ich mich hinwendete, kreuzweise auf mich lospeitschten. Mein leichtes Gewand war in kurzer Zeit völlig durchnäßt; zerschlitzt war es schon, und ich säumte nicht, es mir ganz vom Leibe zu reißen. Die Pantoffeln warf ich von mir, und so eine Hülle nach der andern; ja ich fand es endlich bei dem warmen Tage sehr angenehm, ein solches Strahlbad über mich ergehen zu lassen. Ganz nackt schritt ich nun gravitätisch zwischen diesen willkommnen Gewässern einher, und dachte, mich lange so wohl befinden zu können. Mein Zorn verkühlte sich, und ich wünschte nichts mehr als eine Versöhnung mit meiner kleinen Gegnerin. Doch in einem Nu schnappten die Wasser ab, und ich stand nun feucht auf einem durchnäßten Boden. Die Gegenwart des alten Mannes, der unvermutet vor mich trat, war mir keineswegs willkommen; ich hätte gewünscht, mich, wo nicht verbergen, doch wenigstens verhüllen zu können. Die Beschämung, der Frostschauer, das Bestreben, mich einigermaßen zu bedecken, ließen mich eine höchst erbärmliche Figur spielen; der Alte benutzte den Augenblick, um mir die größesten Vorwürfe zu machen. „Was hindert mich“, rief er aus, „daß ich nicht eine der grünen Schnuren ergreife und sie, wo nicht Eurem Hals, doch Eurem Rücken anmesse!“ Diese Drohung nahm ich höchst übel. „Hütet Euch“, rief ich aus, „vor solchen Worten, ja nur vor solchen Gedanken: denn sonst seid Ihr und Eure Gebieterinnen verloren!“ – „Wer bist denn du“, fragte er trutzig, „daß du so reden darfst?“ – „Ein Liebling der Götter“, sagte ich, „von dem es abhängt, ob jene Frauenzimmer würdige Gatten finden und ein glückliches Leben führen sollen, oder ob er sie will in ihrem Zauberkloster verschmachten und veralten lassen.“ – Der Alte trat einige Schritte zurück. „Wer hat dir das offenbart?“ fragte er erstaunt und bedenklich. – „Drei Äpfel“, sagte ich, „drei Juwelen.“ – „Und was verlangst du zum Lohn?“ rief er aus. – „Vor allen Dingen das kleine Geschöpf“, versetzte ich, „die mich in diesen verwünschten Zustand gebracht hat.“ – Der Alte warf sich vor mir nieder, ohne sich vor der noch feuchten und schlammigen Erde zu scheuen; dann stand er auf, ohne benetzt zu sein, nahm mich freundlich bei der Hand, führte mich in jenen Saal, kleidete mich behend wieder an, und bald war ich wieder sonntägig geputzt und frisiert wie vorher. Der Pförtner sprach kein Wort weiter aber ehe er mich über die Schwelle ließ, hielt er mich an, und deutete mir auf einige Gegenstände an der Mauer drüben über den Weg, indem er zugleich rückwärts auf das Pförtchen zeigte. Ich verstand ihn wohl, er wollte nämlich, daß ich mir die Gegenstände einprägen möchte, um das Pförtchen desto gewisser wieder zu finden, welches sich unversehens hinter mir zuschloß. Ich merkte mir nun wohl, was mir gegenüber stand. Über eine hohe Mauer ragten die Äste uralter Nußbäume herüber, und bedeckten zum Teil das Gesims, womit sie endigte. Die Zweige reichten bis an eine steinerne Tafel, deren verzierte Einfassung ich wohl erkennen, deren Inschrift ich aber nicht lesen konnte. Sie ruhte auf dem Kragstein einer Nische, in welcher ein künstlich gearbeiteter Brunnen, von Schale zu Schale, Wasser in ein großes Becken goß, das wie einen kleinen Teich bildete und sich in die Erde verlor. Brunnen, Inschrift, Nußbäume alles stand senkrecht über einander; ich wollte es malen, wie ich es gesehn habe.

Nun läßt sich wohl denken, wie ich diesen Abend und manchen folgenden Tag zubrachte, und wie oft ich mir diese Geschichten, die ich kaum selbst glauben konnte, wiederholte. Sobald mir’s nur irgend möglich war, ging ich wieder zur „schlimmen Mauer“, um wenigstens jene Merkzeichen im Gedächtnis anzufrischen und das köstliche Pförtchen zu beschauen. Allein zu meinem größten Erstaunen fand ich alles verändert. Nußbäume ragten wohl über die Mauer, aber sie standen nicht unmittelbar neben einander. Eine Tafel war auch eingemauert, aber von den Bäumen weit rechts, ohne Verzierung, und mit einer leserlichen Inschrift. Eine Nische mit einem Brunnen findet sich weit links, der aber jenem, den ich gesehen, durchaus nicht zu vergleichen ist; so daß ich beinahe glauben muß, das zweite Abenteuer sei so gut als das erste ein Traum gewesen: denn von dem Pförtchen findet sich überhaupt gar keine Spur. Das einzige, was mich tröstet, ist die Bemerkung, daß jene drei Gegenstände stets den Ort zu verändern scheinen: denn bei wiederholtem Besuch jener Gegend glaube ich bemerkt zu haben, daß die Nußbäume etwas zusammenrücken, und daß Tafel und Brunnen sich ebenfalls zu nähern scheinen. Wahrscheinlich, wenn alles wieder zusammentrifft, wird auch die Pforte von neuem sichtbar sein, und ich werde mein mögliches tun, das Abenteuer wieder anzuknüpfen. Ob ich euch erzählen kann, was weiter begegnet, oder ob es mir ausdrücklich verboten wird, weiß ich nicht zu sagen.

~~~\~~~~~~~/~~~

Modeling skills were not a requirement for the job, Grandma DidDieses Märchen, von dessen Wahrheit meine Gespielen sich leidenschaftlich zu überzeugen trachteten, erhielt großen Beifall. Sie besuchten, jeder allein, ohne es mir oder den andern zu vertrauen, den angedeuteten Ort, fanden die Nußbäume, die Tafel und den Brunnen, aber immer entfernt von einander: wie sie zuletzt bekannten, weil man in jenen Jahren nicht gern ein Geheimnis verschweigen mag. Hier ging aber der Streit erst an. Der eine versicherte: die Gegenstände rückten nicht vom Flecke und blieben immer in gleicher Entfernung unter einander. Der zweite behauptete: sie bewegten sich, aber sie entfernten sich von einander. Mit diesem war der dritte über den ersten Punkt der Bewegung einstimmig, doch schienen ihm Nußbäume, Tafel und Brunnen sich vielmehr zu nähern. Der vierte wollte noch was Merkwürdigeres gesehen haben: die Nußbäume nämlich in der Mitte, die Tafel aber und den Brunnen auf den entgegengesetzten Seiten, als ich angegeben. In Absicht auf die Spur des Pförtchens variierten sie auch. Und so gaben sie mir ein frühes Beispiel, wie die Menschen von einer ganz einfachen und leicht zu erörternden Sache die widersprechendsten Ansichten haben und behaupten können. Als ich die Fortsetzung meines Märchens hartnäckig verweigerte, ward dieser erste Teil öfters wieder begehrt. Ich hütete mich, an den Umständen viel zu verändern, und durch die Gleichförmigkeit meiner Erzählung verwandelte ich in den Gemütern meiner Zuhörer die Fabel in Wahrheit.

Rosengarten München, I thanked her and she never knew what for, September 2015

Geheime Gartenbilder: Julian Mandel: Noyer Studio series 370 via Grandma Did;
Julian Mandel: andere Serien aus den Noyer Studios via Grandma Did;
Rosengarten München: I thanked her and she never knew what for, Ende September 2015 —
und eins meiner allerliebsten Bilder überhaupt:
Modeling skills were not a requirement for the job via Grandma Did.

Soundtrack: Linda Ronstadt: Winter Light, aus: Winter Light, 1993 — das Nachspannlied aus der Verfilmung von The Secret Garden von 1993. Das hätte sich der Herr Geheimrat auch nicht träumen lassen, dass er zum 267. Geburtstag mal ein Ständchen von einer inzwischen 70-jährigen arizonischen Country-Rockerin mit elf Grammys und einem Emmy (und Parkinson) kriegt.

Bonus Track: Die Vollversion The Secret Garden von 1987, weil ich Gennie James so galoppierend putzig finde. 100 Minuten; Herr Geheimrat dürfen sich liebend gern dazugesellen, und die Geburtstagsfeier ist gerettet.

Alles Gute zum 267., Exzellenz.

Written by Wolf

26. August 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Grünzeug & Wunderblätter, Klassik

Wunderblatt 8: Something greater than me

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Update for Wunderblatt 7: Die Vegetation ist der negative Lebensprozeß. Vom ursprünglichsten Gegensatz zwischen Pflanze und Tier — und Emily und Emily
and Schmerz, Tod und Graus gar spaßig zu erfassen:

——— John Urso:

Comment

March 2016, on Tom Waits: Take One Last Look,
live on the second last Late Show With David Letterman, May 14th, 2015:

If there is some esoteric poet girl out there who needs an imperfect friend… let me know. I have never found the person who gets the religious experience that Tom and similar artists bring. Today in the woods… I found a mason jar, with the lid off. Inside it was plants, worms, and other stuff that is over my head. A whole world was living in that half ass terrarium provided by a something greater than me… I cant get it out of my head.

Send me adrift, Caliginous Hearts, December 3rd, 2012, Flickr

Image: of esoteric poet girl with half ass terrarium:
Sophia „Send me adrift.“: Caliginous Hearts, Connecticut, December 3rd, 2012: „7:00 am, top of the hill at the park, humid and foggy, cold. I’m proud of this. I really am.“

Written by Wolf

12. Juli 2016 at 01:45

Wunderblatt 7: Die Vegetation ist der negative Lebensprozeß. Vom ursprünglichsten Gegensatz zwischen Pflanze und Tier — und Emily und Emily

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Update zu Tumultuantenharanguieren (sed iam satis), diesmal ernster gemeint:

In Zeiten der Globalität, wesentlicher Meinungsverschiedenheiten unter ganzen Kulturen und umwälzender weltweiter Migrationsbewegungen ist die Frage, ob verschiedene Ethnien besondere Volksseelen haben, das weitreichendste Politikum.

Die Kulturwissenschaften, die mit anderen, gewiss nicht weniger wichtigen Fragen befasst sind, schweigen dazu weitgehend seit der Zeit der deutschen Romantik, abgesehen von immer wieder auftretenden Außenseitern — wohl nicht zuletzt, weil das Themengebiet heillos vermint ist. Ab der Frühromantik, als kein Gedanke ohne den Hintergrund der Französischen Revolution zu fassen war, wurde dagegen sogar das Konzept einer umfassenden Weltseele diskutiert.

Und ab dem Punkt, an dem mit einer Weltseele zu rechnen ist, steht nicht nur das Zusammenleben von Menschen untereinander, sondern der Umgang mit der gesamten Schöpfung in Frage, der ethisch verantwortungsvolle und wünschbare gegenüber dem überhaupt noch menschenmöglichen und abermals: dem wünschbaren. Genau das aber ist sehr wohl Gegenstand aktueller Diskussionen, nur eben allermeistens aus anthropozentrischer bis volkswirtschaftlicher Sicht. Eine Zeitlang kann das noch tragen, aber nicht auf Dauer ohne das Fundament der Grundlagenforschung.

Bezeichnenderweise ist der Gründer der Naturphilosophie Schelling als Namenspatron einer ins Postkonsumkapitalistische verkommenden Ausgehstraße im Münchner Univiertel im Gedächtnis geblieben. Er müsste jeden Moment wieder virulent werden.

Emily Dozois, Don't Fight the Tides, They Rise, 22. Oktober 2014

——— Friedrich Wilhelm Joseph Schelling:

Von der Weltseele.

Eine Hypothese der höheren Physik zur Erklärung des allgemeinen Organismus.
Nebst einer Abhandlung über das Verhältnis des Realen und Idealen in der Natur
oder Entwicklung der ersten Grundsätze der Naturphilosophie an den Prinzipien der Schwere und des Lichts.
Über den Ursprung des allgemeinen Organismus
I. Vom ursprünglichsten Gegensatz zwischen Pflanze und Tier, 1798:

Man hat neuerlich oft gesagt, Vegetation und Leben seien als chemische Prozesse anzusehen; mit welchem Recht, werde ich späterhin untersuchen. Es ist auffallend übrigens, daß man diesen Gedanken nicht benutzt hat, um aus ihm den ursprünglichsten Unterschied des vegetativen und animalischen Lebens abzuleiten.

Vorerst kennen wir zwei Hauptprozesse, von welchen die meisten Veränderungen der Körper in der anorgischen Natur abhängig sind, Prozesse, die auf jenen durch die ganze Natur herrschenden Gegensatz zwischen dem positiven und negativen Prinzip des Verbrennens sich beziehen. Die Natur, welche sich in Mischungen gefällt, und ohne Zweifel in einer allgemeinen Neutralisation enden würde, wenn sie nicht durch den steten Einfluß fremder Prinzipien ihr eigen Werk hemmte, erhält sich selbst im ewigen Kreislauf, da sie auf der einen Seite trennt, was sie auf der andern verbindet, und hier verbindet, was sie dort getrennt hat.

So ist ein großer Teil ihrer Prozesse dephlogistisierend, diesen aber halten beständige phlogistisierende Prozesse das Gleichgewicht, so daß niemals eine allgemeine Uniformität entstehen kann.

Wir werden daher vorerst zwei Hauptklassen von Organisationen annehmen, davon die erste in einem von der Natur unterhaltenen Desoxydationsprozeß, die andere in einem kontinuierlichen Oxydationsprozeß Ursprung und Fortdauer findet.

Wir haben schon oben erinnert, daß oxydieren und dephlogistisieren, phlogistisieren und desoxydieren Wechselbegriffe sind, die in bezug aufeinander wechselseitig positiv und negativ sein können, wovon aber keiner etwas anderes als ein bestimmtes Verhältnis ausdrückt.

So wird also, wo die Natur einen Reduktions- oder Desoxydationsprozeß unterhält, kontinuierlich phlogistische Materie erzeugt, was bei den Pflanzen unleugbar ist; denn diese, dem Licht, d.h. dem allgemeinen Mittel der Reduktion, entzogen, werden bleich und farbelos; sobald sie dem Licht ausgesetzt werden, gewinnen sie Farbe, der offenbarste Beweis, daß phlogistischer Stoff in ihnen bereitet wird. Dieser (als das negative Prinzip) tritt hervor, sowie das positive verschwindet, und umgekehrt; und so existiert in der ganzen Natur keines dieser Prinzipien an sich, oder außerhalb des Wechselverhältnisses mit seinem entgegengesetzten.

So wie die Vegetation in einer steten Desoxydation besteht, wird umgekehrt der Lebensprozeß in einer kontinuierlichen Oxydation bestehen; wobei man nicht vergessen darf, daß Vegetation und Leben nur im Prozesse selbst bestehen, daher es Gegenstand einer besonderen Untersuchung ist, durch welche Mittel die Natur dem Prozeß Permanenz gebe, durch welche Mittel sie verhindere, daß es z.B. im tierischen Körper, solange er lebt, nie zum endlichen Produkt komme; denn es ist offenbar genug, daß das Leben in einem steten Werden besteht, und daß jedes Produkt, eben deswegen weil es dies ist, tot ist; daher das Schwanken der Natur zwischen entgegengesetzten Zwecken, das Gleichgewicht konträrer Prinzipien zu erreichen, und doch den Dualismus (in welchem allein sie selbst fortdauert) zu erhalten, in welchem Schwanken der Natur (wobei es nie zum Produkt kommt) eigentlich jedes belebte Wesen seine Fortdauer findet.

Zusatz

Seitdem man entdeckt hat, daß die Pflanzen dem Licht ausgesetzt Lebensluft aushauchen, und daß dagegen die Tiere beim Atmen Lebensluft zersetzen und eine irrespirable Luftart aushauchen, hat man, bei dieser ursprünglich-inneren Verschiedenheit beider Organisationen, nicht mehr nötig, äußere Unterscheidungsmerkmale aufzusuchen, z.B. (nach Hedwig), daß die Pflanzen nach der Befruchtung ihre Zeugungsteile verlieren; um so mehr, da alle diese Merkmale, wie die Unwillkürlichkeit der Pflanzenbewegungen (z.B. bei Aufnahme der Nahrung, da nach Boerhaves sinnreichem Ausdruck die Pflanze den Magen in der Wurzel, das Tier die Wurzel im Magen hat), oder die Nervenlosigkeit der Pflanzen – alle zusammen aus jenem ursprünglichen Gegensatz erst abgeleitet werden müssen, wie ich im folgenden zeigen werde.

Es erhellet nämlich zum voraus, daß, wenn die Pflanze das Lebensprinzip aushaucht, das Tier es zurückhält, im letztern bei weitem mehr Schein der Spontaneität und Fähigkeit seinen Zustand zu verändern sein muß als im erstern. Ferner, daß das Tier, da es das Lebensprinzip (durch Luftzersetzung) in sich selbst erzeugt, von Jahreszeit, Klima usw. bei weitem unabhängiger sein muß als die Pflanze, in welcher das Lebensprinzip nur durch den Einfluß des Lichts (aus dem Nahrungswasser) entwickelt und durch denselben Mechanismus, durch welchen es entwickelt wird, auch kontinuierlich ausgeführt wird.

Die Vegetation ist der negative Lebensprozeß. Die Pflanze selbst hat kein Leben, sie entsteht nur durch Entwicklung des Lebensprinzips, und hat nur den Schein des Lebens im Moment dieses negativen Prozesses. In der Pflanze trennt die Natur, was sie im Tier vereinigt. Das Tier hat Leben in sich selbst, denn es erzeugt selbst unaufhörlich das belebende Prinzip, das der Pflanze durch fremden Einfluß entzogen wird.

Wenn übrigens die Vegetation der umgekehrte Prozeß des Lebens ist, so wird man uns verstatten, im folgenden unsere Aufmerksamkeit hauptsächlich auf den positiven Prozeß zu richten, um so mehr, da unsere Pflanzenphysiologie noch höchst mangelhaft, und da es natürlicher ist, das Negative durch das Positive, als das Positive durch das Negative zu bestimmen.

So weit fürs erste die Ansicht Schellings. Dass Pflanzen kein eigenes Leben in sich tragen, ja dem Prinzip des Lebens geradezu als Negativum entgegenstehen, wird spätestens fragwürdig, wenn wir uns zu den Ansichten von Johann Gottlieb Fichte und vor allem Gustav Theodor Fechner vorarbeiten. — Das Erfreuliche zum Schluss:

Emily Dozois, The Peacekeeper. Untitled Series II, 30. November 2014

Für anstehende Illustrationen von Büchern und hübschen Mädchen, zweien der Kernthemen von DFWuH, konnte Emily Dozois aus Ottawa in Kanada gewonnen werden. Aus logistischen Gründen wird sie nicht das ganze nötige Material beisteuern können, ist aber bücher- und auch sonst freundlich und hübsch genug, ihr Bestes zu geben. Ihr Großvater stammt aus Ostermünchen zwischen München und Rosenheim, blättert seit kurzem begeistert in meinen Exemplaren der Schedelschen Weltchronik und Don Quixote und lässt seine alte deutsche Heimat recht schön grüßen.

Um Emily vorzustellen, war ich so frei, für dieses Wunderblatt zwei ihrer Selbstportraits zu verwenden, die sie nicht eigens dafür angefertigt hat. Wir werden noch viel von Emily hören.

Weltseele auf zwei Beinen: Emily Dozois: Don’t Fight the Tides, They Rise, 22. Oktober 2014;
The Peacekeeper (Untitled Series II), 30. November 2014:

Day 353. The second photo in my yet-to-be-named exploration of myself. (Suggestions are more than welcome!) Yasmin helped me plant the flowers here and then acted as human tripod! (thank you!)

Noch eine Emily aus Kanada zwischen vegetativem und animalischem Leben:
Emily Loizeau: L’autre bout du monde, de L’Autre Bout du monde, 2006.

Written by Wolf

23. Januar 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Grünzeug & Wunderblätter, Romantik

3. Advent: Vom Bäumlein, das spazieren ging

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Update zum Bäumlein, das andere Blätter hat gewollt:

Zu Weihnachten 1813 schenkte der 25-jährige Friedrich Rückert seiner kleinsten, damals dreijährigen Schwester Maria eine Sammlung aus fünf selbstgemachten Gedichten, die er innerhalb einer einzigen Nacht ausgearbeitet und niedergeschrieben hatte. Maria starb 1835, als sie ihrerseits 25 war.

——— Friedrich Rückert:

Fünf Märlein zum Einschläfern für mein Schwesterlein.

Zum Christtag 1813:

3 von 5

Vom Bäumlein, das spazieren ging

Daniel Chodowiecki in Hg. Olga Amberger, Zeitgenossen Chodowieckis. Lose Blätter schweizerischer Buchkunst, Rhein-Verlag, Basel 1921, Seite 45Das Bäumlein stand im Wald
In gutem Aufenthalt;
Da standen Busch und Strauch
Und andre Bäumlein auch;
Die standen dicht und enge,
Es war ein recht’s Gedränge;
Das Bäumlein mußt‘ sich bücken
Und sich zusammen drücken;
Da hat das Bäumlein gedacht
Und mit sich ausgemacht:
„Hier mag ich nicht mehr stehn,
Ich will wo anders gehn
Und mir ein Örtlein suchen,
Wo weder Birk‘ noch Buchen,
Wo weder Tann‘ noch Eichen
Und gar nichts desgleichen;
Da will ich allein mich pflanzen
Und tanzen.“

Das Bäumlein das geht nun fort
Und kommt an einen Ort,
In ein Wiesenland,
Wo nie ein Bäumlein stand,
Da hat sich’s hingepflanzt
Und hat getanzt.

Dem Bäumlein hat’s vor allen
An dem Örtlein gefallen;
Ein gar schöner Bronnen
Kam zum Bäumlein geronnen;
War’s dem Bäumlein zu heiß,
Kühlt’s Brünnlein seinen Schweiß.
Schönes Sonnenlicht
War ihm auch zugericht‘;
War’s dem Bäumlein zu kalt,
Wärmt‘ die Sonn‘ es bald.
Auch ein guter Wind
War ihm hold gesinnt,
Der half mit seinem Blasen
Ihm tanzen auf dem Rasen.

Das Bäumlein tanzt‘ und sprang
Den ganzen Sommer lang;
Bis es vor lauter Tanz
Hat verloren den Kranz.
Der Kranz mit den Blättlein allen
Ist ihm vom Kopf gefallen;
Die Blättlein lagen umher,
Das Bäumlein hat keines mehr;
Die einen lagen im Bronnen,
Die andern in der Sonnen,
Die andern Blättlein geschwind
Flogen umher im Wind.

Wie’s Herbst nun war und kalt,
Da fror’s das Bäumlein bald;
Es rief zum Brunnen nieder:
„Gib meine Blättlein mir wieder,
Damit ich doch ein Kleid
Habe zur Winterszeit.“
Das Brünnlein sprach: „Ich kann eben
Die Blättlein dir nicht geben;
Ich habe sie alle getrunken,
Sie sind in mich versunken.“

Da kehrte von dem Bronnen
Das Bäumlein sich zur Sonnen:
„Gib mir die Blättlein wieder,
Es friert mich an die Glieder.“
Die Sonne sprach: „Nun eben
Kann ich sie dir nicht geben;
Die Blättlein sind längst verbrannt
In meiner heißen Hand.“

Da sprach das Bäumlein geschwind
Zum Wind:
„Gib mir die Blättlein wieder,
Sonst fall‘ ich tot darnieder.“
Der Wind sprach: „Ich eben
Kann dir die Blättlein nicht geben;
Ich hab‘ sie über die Hügel
Geweht mit meinem Flügel.“
Da sprach das Bäumlein ganz still:
„Nun weiß ich, was ich will;
Da haußen ist mir’s zu kalt,
Ich geh‘ in meinen Wald,
Da will ich unter die Hecken
Und Bäume mich verstecken.“

Da macht sich’s Bäumlein auf
Und kommt im vollen Lauf
Zum Wald zurück gelaufen,
Und will sich stell’n in den Haufen.
’s fragt gleich beim ersten Baum:
„Hast du keinen Raum?“
Der sagt: „Ich habe keinen!“
Da fragt das Bäumlein noch einen,
Der hat wieder keinen;
Da fragt das Bäumlein noch einen:
Es fragt von Baum zu Baum,
Aber kein einz’ger hat Raum.
Sie standen schon im Sommer
Eng in ihrer Kammer;
Jetzt im kalten Winter
Stehn sie noch enger dahinter.
Dem Bäumchen kann nichts frommen,
Es kann nicht unterkommen.

Da geht es traurig weiter
Und friert, denn es hat keine Kleider;
Da kommt mittlerweile
Ein Mann mit einem Beile,
Der reibt die Hände sehr,
Tut auch, als ob’s ihn frör‘.
Da denkt das Bäumlein wacker:
„Das ist ein Holzhacker;
Der kann den besten Trost
Mir geben für meinen Frost.“

Das Bäumlein spricht schnell
Zum Holzhacker: „Gesell,
Dich friert’s so sehr wie mich
Und mich so sehr wie dich.
Vielleicht kannst du mir
Helfen und ich dir.
Komm, hau‘ mich um
Und trag‘ mich in deine Stub’n,
Schür‘ ein Feuer an,
Und leg‘ mich dran;
So wärmst du mich
Und ich dich.“

Das deucht dem Holzhacker nicht schlecht,
Er nimmt sein Beil zurecht;
Haut’s Bäumlein in die Wurzel,
Umfällt’s mit Gepurzel;
Nun hackt er’s klein und kraus
Und trägt das Holz nach Haus
Und legt von Zeit zu Zeit
In den Ofen ein Scheit.

Das größte Scheit von allen
Ist uns fürs Haus gefallen;
Das soll die Magd uns holen,
So legen wir’s auf die Kohlen;
Das soll die ganze Wochen
Uns unsre Suppen kochen.
Oder willst du lieber Brei?

Das Kind sagt:

Das ist mir einerlei.

btrachtn

Bilder: Daniel Chodowiecki in Olga Amberger (Hg.):
Zeitgenossen Chodowieckis. Lose Blätter schweizerischer Buchkunst; Rhein-Verlag, Basel 1921, Seite 45;
Btrachtn.

Written by Wolf

14. Dezember 2014 at 00:01

2. Advent: Vom Bäumlein, das andere Blätter hat gewollt

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Update zum Büblein, das überall mitgenommen hat sein wollen:

Zu Weihnachten 1813 schenkte der 25-jährige Friedrich Rückert seiner kleinsten, damals dreijährigen Schwester Maria eine Sammlung aus fünf selbstgemachten Gedichten, die er innerhalb einer einzigen Nacht ausgearbeitet und niedergeschrieben hatte. Maria starb 1835, als sie ihrerseits 25 war.

Marlene Depetri, Autorretrato, September 20th, 2014

——— Friedrich Rückert:

Fünf Märlein zum Einschläfern für mein Schwesterlein.

Zum Christtag 1813:

2 von 5

Vom Bäumlein, das andere Blätter hat gewollt

Es ist ein Bäumlein gestanden im Wald
In gutem und schlechtem Wetter;
Das hat von unten bis oben
Nur Nadeln gehabt statt Blätter;
Die Nadeln, die haben gestochen,
Das Bäumlein, das hat gesprochen:

„Alle meine Kameraden
Haben schöne Blätter an,
Und ich habe nur Nadeln,
Niemand rührt mich an;
Dürft‘ ich wünschen, wie ich wollt‘,
Wünscht‘ ich mir Blätter von lauter Gold.“

Wie’s Nacht ist, schläft das Bäumlein ein,
Und früh ist’s aufgewacht;
Da hatt‘ es goldene Blätter fein,
Das war eine Pracht!
Das Bäumlein spricht: „Nun bin ich stolz;
Goldene Blätter hat kein Baum im Holz.“

Aber wie es Abend ward,
Ging der Jude durch den Wald
Mit großem Sack und großem Bart,
Der sieht die goldnen Blätter bald;
Er steckt sie ein, geht eilends fort
Und läßt das leere Bäumlein dort.

Das Bäumlein spricht mit Grämen:
„Die goldnen Blättlein dauern mich,
Ich muß vor den andern mich schämen,
Sie tragen so schönes Laub an sich.
Dürft‘ ich mir wünschen noch etwas,
So wünscht‘ ich mir Blätter von hellem Glas.“

Da schlief das Bäumlein wieder ein,
Und früh ist’s wieder aufgewacht;
Da hatt‘ es glasene Blätter fein,
Das war eine Pracht!
Das Bäumchen sprach: „Nun bin ich froh;
Kein Baum im Walde glitzert so.“

Da kam ein großer Wirbelwind
Mit einem argen Wetter,
Der fährt durch alle Bäume geschwind
Und kommt an die gläsernen Blätter;
Da lagen die Blätter von Glase
Zerbrochen in dem Grase.

Das Bäumlein spricht mit Trauern:
„Mein Glas liegt in dem Staub;
Die anderen Bäume dauern
Mit ihrem grünen Laub.
Wenn ich mir noch was wünschen soll,
Wünsch‘ ich mir grüne Blätter wohl.“

Da schlief das Bäumlein wieder ein,
Und wieder früh ist’s aufgewacht;
Da hatt‘ es grüne Blätter fein.
Das Bäumlein lacht
Und spricht: „Nun hab‘ ich doch Blätter auch,
Daß ich mich nicht zu schämen brauch‘.“

Da kommt mit vollem Euter
Die alte Geiß gesprungen;
Sie sucht sich Gras und Kräuter
Für ihre Jungen;
Sie sieht das Laub und fragt nicht viel,
Sie frißt es ab mit Stumpf und Stiel.

Da war das Bäumchen wieder leer,
Es sprach nun zu sich selber:
„Ich begehre nun keine Blätter mehr,
Weder grüner, noch roter, noch gelber!
Hätt‘ ich nur meine Nadeln,
Ich wollte sie nicht tadeln.“

Und traurig schlief das Bäumlein ein,
Und traurig ist es aufgewacht;
Da besieht es sich im Sonnenschein
Und lacht und lacht!
Alle Bäume lachen’s aus;
Das Bäumlein macht sich aber nichts daraus.

Warum hat’s Bäumlein denn gelacht,
Und warum denn seine Kameraden?
Es hat bekommen in der Nacht
Wieder alle seine Nadeln,
Daß jedermann es sehen kann.
Geh‘ ’naus, sieh’s selbst, doch rühr’s nicht an!

Das Kind fragt:

Warum denn nicht?

Antwort:

Weil’s sticht.

Marlene Depetri, Ser, October 18th, 2014

Bilder von Baum und Busch: Marlene Depetri:
Autorretrato, 20. September 2014; Ser, 18. Oktober 2014.

Written by Wolf

7. Dezember 2014 at 00:01

Wunderblatt 6: Die Reimer und die Dichter

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Update zum Weekly Wanderer 0017 und allen anderen:

Pinnata bringt Ein gleiches in der Version der Frankfurter Goethe-Ausgabe (da fangen die Verse versal an und sind ein paar Satzzeichen anders als woanders) und Daigremontiana stört rum.

Moritz hilft.

Kalanchoe pinnata & daigremontiana, Wandrers Nachtlied. Ein gleiches, Die Reimer und die Dichter, die ham die dümmsten Gsichter.

Kalanchoe pinnata, Wandrers Nachtlied, Ein gleichesKalanchoe daigremontiana, Deine Mudder

Kalanchoe pinnata & daigremontiana & Moritz

Written by Wolf

21. November 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Grünzeug & Wunderblätter, Klassik