Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for the ‘Das Tier & wir’ Category

Rotkäppchen und der Penishase

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Update zu Schwatzen nach der Welt Gebrauch
und Schlachtens:

Jetzt ist bei weitem nicht mehr das, was es in seiner Form von 2012 mal war. Zuallererst war es bis Januar 2016 jetzt.de, gewann 2002 und 2006 je einen Grimme Online Award und trieb zahlreiche junge bis mitteljunge Menschen unter lauter lustigen Nutzernamen zu künstlerischer Hochform und in zwischenmenschliches Unheil. Lange Geschichte.

Bekannte Geschichte, im Aarne-Thompson-Index als eigener Typ ATU 333; der Volltext wird als bekannt vorausgesetzt:

——— Schokobohne & Prinzessin Lilli:

Rotkäppchen

aus: jetzt.de, 13. Mai 2012:

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Nachspann Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

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Making of Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Making of Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Making of Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Making of Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Making of Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Making of Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Making of Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Nachspann 2 Schokobohne, PrinzessinLilli, Rotkäppchen, 13. Mai 2012

Soundtrack: Amanda Seyfried: Little Red Riding Hood, für: Red Riding Hood – Unter dem Wolfsmond, 2011:

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Written by Wolf

25. Mai 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Das Tier & wir, Romantik

Kater Murr und der dramatisierte Magnetismus

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Update zu Der vortreffliche Kater Murr (Gekatzbuckel!)
und Was ich gebar in Stunden der Begeisterung:

Glücklicherweise ist die Forschung nicht erst seit 2018 weit genug zu erkennen, dass E.T.A. Hoffmann: Lebens-Ansichten des Katers Murr eins der besten, jedenfalls unverzichtbaren Bücher überhaupt ist, ohne das nicht allein die deutsche, sondern die Weltliteratur ein ganzes Stück ärmer wäre, da können Sie gern die Herrschaften Poe, Dostojewski, Thomas Mann, Christa Wolf, Franz Fühmann und ein ganzes Heer von Illustratoren fragen.

Daniel Nilsson, Homeless in Rain, 25. Juli 2016Das war nicht gleich bei Ersterscheinen so: Hans von Müller sorgt sich noch 1903 in seinem Kreislerbuch um das „gefährliche, selbstmörderische Spiel mit der Form„, Hartmut Steinicke wiegelt 1992 in seiner großen Murr-Ausgabe schon ab (Seite 923):

Die Angriffspunkte der früheren Kritik wurden in diesen [von Steinicke besprochenen] neuen Deutungen entweder ausgeklammert oder mir der allgemeinen Verwirrung der ästhetischen Begriffe in der Spätzeit der Romantik entschuldigt.

Danke dafür — von Müller für seinen mehr besorgten denn angriffslustigen Tonfall, Steinicke für seine schlichtende Ehrenrettung — ich wäre nämlich gern auf der Seite von Ludwig Börne.

Ludwig Börne teilt sich mit mir den Geburtstag, hat ein beeindruckend durchdachtes Verhältnis zu Goethe, das man ambivalent oder oder objektiv finden mag, hat den heute oft blindlings verehrten Heine jahrelang zur Ordnung gepfiffen, was man ambivalent oder zickig finden mag, gelangt dabei über der einen oder anderen brillanten Formulierung zu ebensolchen Gedankengängen und wird von nur noch wenigen, aber den richtigen Leuten gemocht. Und dann — nach einer Einleitung voll der geballten Verumglimpfung des gesamten Katzentums — das: „Kater Murr und die ihm vorhergegangenen Werke seines Verfassers sind Nachtstücke, nie von sanftem Mondscheine, nur von Irrwischen, fallenden Sternen und Feuersbrünsten beleuchtet.“

Ja, stimmt schon. Das sagt der, als ob es was Schlechtes wäre (in seiner eigenen Zeitschrift Die Wage, 1820). Gut, Börne mag keine Katzenbücher (und offenbar nicht einmal Katzen) mit einem Humor, der heute als gallig durchginge; ein inhaltliches und formales Feuerwerk wie den Murr deswegen als krankhaft und seines Da-Seins unberechtigt hinzustellen finde ich aus dem Wissensschatz des 20. Jahrhunderts heraus, den Börne zwangsläufig nicht erringen konnte, gelinde gesagt bedenklich. Nebenbei bemerkt war Börne, geborener Juda Löb Baruch im Frankfurter Schtetl, bis zu seiner Taufe (am 5. Juni 1818, also 32-jährig) — wenngleich nur sehr gelegentlich praktizierender — Jude, falls das etwas zur Sache aussagt.

Vielleicht passiert das, wenn Journalisten gleichzeitig Literaturkritiker sind. Um Börne mit seiner eigenen Argumentation zu retten: „Ein Streben, das keinen Dank verdient“ — aber eben: „Es muß auch solche Käuze geben.“

——— Ludwig Börne:

Humoralpathologie

in: Die Wage 1820, nach: Sämtliche Schriften, Band 2, Düsseldorf 1964, S. 450 bis 457:

Die Katze gehört zum edlen Geschlechte des Löwen; aber nur der Abschaum königlichen Blutes fließt in ihren Adern. Sie ist ohne Mut, und darum ohne Großmut; ohne Kraft, und darum falsch; ohne Freundlichkeit, und darum schmeichelnd. Der Tag blendet sie, am schärfsten sieht sie im Dunkeln. Sie liebt die Höhen nicht, sie liebt nur das Steigen; sie hat einen Klettersinn und klettert hinauf, um wieder herabzuklettern. Minder widerlich ist selbst ihr tückisches Knurren als ihr zärtliches Miauen. Nicht dem Menschen, der sie wartet, nur dem Hause, worin sie gefüttert worden, bleibt sie treu. Eine entartete Mutter, frißt sie ihre eigenen Jungen. So ist die Katze! So ist auch der Katzenhumor, der in Hoffmanns Kater Murr spinnt. Ich gestehe es offen, daß dieses Werk mir in der innersten Seele zuwider ist, mag man es auch eben so kindisch finden, ein Buch zu hassen, das einem wehe tat, als es kindisch ist, einen Tisch zu schlagen, woran man sich gestoßen. Aber nicht über die genannte Schrift insbesondere, sondern über die darin fortgespielte mißtönende Weise, die auch in allen übrigen Werken des Verfassers uns beleidigend entgegenklingt, über die beständig darüber herziehende, naßkalte, nebelgraue, düstere und anschauernde Witterung will ich einige Worte sagen. Die Überschrift, welche diese Betrachtung führt, ein Wort, dessen Bedeutung die neuere Arzneikunst verwirft, wurde darum gewählt, weil gezeigt werden soll, daß der Humor in den Schriften des Verfassers der Phantasiestücke ein kranker ist. Der gesunde und lebensfrische Humor atmet frei und stöhnt nicht mit enger Brust. Er kennt die Trauer, aber nur über fremde Schmerzen, nicht über eigene. Er berührt die Wunde nicht, die er nicht heilen kann, und reizt sie nie vergebens. Er sieht von der Höhe auf alle Menschen herab, nicht aus Hochmut, sondern um alle seine Kinder mit einem Blicke zu übersehen. Was sich liebt, trennt er, um die Neigung zu verstärken; was sich haßt, vereinigt er, nicht um den Hader, um die Versöhnung herbeizuführen. Er entlarvt den Heuchler und verzeiht die Heuchelei; denn auch die Maske hat ein Menschenantlitz, und in der häßlichen Puppe ist ein schönerer Schmetterling verborgen. Er findet nichts verächtlich als die Verachtung und achtet nichts, weil er nichts verachtet. Nichts ist ihm heilig, weil ihm alles heilig erscheint; die ganze Welt ist ihm ein Gotteshaus, jedes Menschenwort ein Gebet, jede Kinderlust ein Opfer auf dem Altare der Natur. Er zieht den Himmel erdwärts, nicht um ihn zu beschmutzen, sondern um die Erde zu verklären. Er kennt nichts Häßliches, doch verschönt er es, um es gefälliger zu machen. Er liebt das Gute und beklagt die Schlechten; denn das Laster ist ihm auch eine Krankheit und der Tod durch des Henkers Schwert nur eine andere Art zu sterben. Er zürnt mit seinem eignen Zorne, denn nur das Überraschende entrüstet, und nur der Schlafende wird überrascht. Er verspottet seine eigne Empfindung, denn jeder Regung geht Gleichgültigkeit vorher, und jede Vorliebe ist eine Ungerechtigkeit. Er erhebt das Niedrige und erniedrigt das Hohe, nicht aus Trotz, oder um zu demütigen, sondern um beides gleich zu setzen, weil nur Liebe ist, wo Gleichheit. Er tröstet nicht, er unterdrückt das Bedürfnis des Trostes. Stets rettend, lindernd, heilend, verletzt er sich selbst mit scharfem Dolche, um dem Verwundeten mit Lächeln zu zeigen, daß solche Verletzungen nicht tödlich seien. Seine Sorgfalt endet nicht, wenn die Wunde sich geschlossen; Narben sind auch Wunden, die Erinnerung ist auch ein Schmerz; er glättet jene und vernichtet diese. Der Geist der Liebe haucht fort und fort aus ihm, alles befördernd; er treibt das Schiff, wenn es die Gefahren des Meeres, und führt es zurück, wenn es den Hafen sucht – er rechtet nicht mit den Begehrungen der Menschen, denn Suchen beglückt mehr als Finden.

Der gute Geist der Liebe, der versöhnt und bindet und die im Prisma des Lebens entzweiten Farben in den Schoß der Muttersonne zurückführt, jener Geist – er kommt nie ungerufen – beseelt die Werke des Verfassers der Phantasiestücke nicht mit dem leisesten Hauche. Das neckende Gespenst des Widerspruchs, das jede Freude verdirbt und jeden Schmerz verhöhnt, steigt dort, von grauser Mitternacht umgeben, aus dem Grabe aller Empfindungen herauf. Er führt uns auf die höchsten Gipfel, um uns tiefer herabzustürzen, und selbst sein Himmel ist ein unterirdischer. Er dringt in die Tiefe aller Dinge, um ihren geheimnisvollen Wechselhaß, nicht um ihre verschwiegene Liebe zu verraten. Kreisler ist der Unglücklichste aller Verdammten. Er ist ein gestürzter Engel. Die Brücke, welche der gute Humor über alle Spalten und Spaltungen des Lebens führt, reißt der entartete nieder; die Harrenden auf beiden Seiten strecken sich sehnsuchtsvoll die Arme entgegen und verzweifeln um so mehr, je näher die Ufer sind. Selbst die Musik, diese Himmelskönigin, die er liebend verehrt, steht in unerreichbarer Ferne von ihm; sie hört seine Gebete nicht, und nie gab es eine mißtönendere Seele als die jenes Kreisler, der rastlos den Wohllaut sucht und niemals findet, weil der Widerklang im eignen Herzen fehlt.

Empfindsamkeit und Spott sind die beiden Pole, jene der anziehende, dieser der abstoßende des Humors. Aber nur in der Mitte ist der Indifferenzpunkt der Liebe. Wo sie versöhnt zusammentreffen, da schmilzt die eine den Frost des anderen, oder der Spott kühlt säuselnd die Sonnenglut der Empfindung ab. Wenn sie aber auseinander stehen, ist die Empfindsamkeit nur eine gefährliche Abneigung, eine launische Wahlverwandtschaft, die uns mit einem Stoffe verbindet und von tausenden trennt, – und der Spott wird zum Hasse. So in seine Bestandteile gespalten, erscheint der Humor in den genannten Werken, und ganz so, wie er dem Meister Abraham tadelnd zugeschrieben wird, nicht „als jene seltene wunderbare Stimmung des Gemüts, die aus der tiefern Anschauung des Lebens in all seinen Bedingnissen, aus dem Kampf der feindlichsten Prinzipe sich erzeugt, sondern nur durch das entschiedene Gefühl des Ungehörigen, gepaart mit dem Talent, es ins Leben zu schaffen, und der Notwendigkeit der eignen bizarren Erscheinung. Dieses war die Grundlage des verhöhnenden Spottes, den Liscov überall ausströmen ließ, der Schadenfreude, mit der er alles als ungehörig erkannte, rastlos verfolgte, bis in die geheimsten Winkel.“ Kreisler hat sich selbst das Urteil gesprochen: nicht anders ist sein eigner Humor. Ein zerrissenes Gemüt, ein alles zerreißender Spott. Seine Gefühle sind nur Verzerrungen, nicht rührender als das Zucken des Froschschenkels an der galvanischen Säule, und der Friede seines Gemüts zeigt nur die Ruhe einer Maske. Was die Natur am innigsten verwebte, zieht er in die Fäden der Kette und des Einschlags auseinander, um hohnlächelnd ihre feindlichen Richtungen zu zeigen. Daher auch seine harten Schmähungen, mit welchen er diejenigen verfolgt, die an musikalischen Spielen ihre Lust finden und welchen die Kraft oder Neigung fehlt, die Kunst als heiligen Ernst zu fassen und auszuüben. Kreisler fordert unduldsam, seine Göttin solle, gleich dem grausamen Gotte der Juden, dem auserwählten kleinen Volke der Künstler ausschließlich zugehören. Noch nie haben Priester den Tempel, den sie bewahren, Gläubigen verschließen wollen! Musik ist Gebet; ob nun das Kind es herstammele, ob der rohe Mensch in roher Sprache es halte, ob der Gebildete in sinnigen geistvollen Worten – der Himmel hört sie mit gleicher Liebe an und gibt jedem den Widerklang seiner Empfindung als Trost zurück. Das Gassenlied, das den rohen Gesellen hinauftreibt, ist so ehrwürdig als die erhabenste Dichtung Mozarts, die ein empfängliches Ohr begeistert. Und welche Musik ist beglückender, die berauschende des wahnsinnigen Kapellmeisters, die als Bacchantin und Furie das Herz durch alle Wonnen, durch alle Qualen peitscht, oder die sanft erwärmende, die still erfreut und täglich und häuslich genossen werden kann? Darf man eine Freude zerstören, weil man sie verwirft und nicht teilen mag? Warum gegen die musikalischen Tändeleien eifern, da durch sie allein die ernste Kunst fortgepflanzt wird, weil jede Größe in Kunst und Wissenschaft nur die zusammengezogene Zahl vorhergehender kleinerer Zahlen ist, und da kein Gut an die Stelle des Genusses käme, wenn nicht seines Wertes unkundige Fuhrleute, sich mit dem Ertrage des Gewichtes begnügend, es weiter brächten?

Kater Murr und die ihm vorhergegangenen Werke seines Verfassers sind Nachtstücke, nie von sanftem Mondscheine, nur von Irrwischen, fallenden Sternen und Feuersbrünsten beleuchtet. Alle seine Menschen stehen auf der faulen wankenden Brücke, die von dem Glauben zum Wissen führt; unter ihnen droht der Abgrund, und die erschrockenen Wanderer wagen weder vorwärts zu schreiten noch zurück und harren unentschlossen, bis die Pfeiler einstürzen. Das ist seine Stärke, seine Wissenschaft und seine Kunst, – die Geisterwelt aufzuschließen, zu verraten das Leben der leblosen Dinge, an den Tag zu bringen die verborgenen Fäden, womit der Mensch, und der glückliche, ahndungslos gegängelt wird; jede Blume als ein lauerndes Gespensterauge, jeden freundlich sich herüberneigenden Zweig als den ausgestreckten Arm einer zerstörenden dunklen Macht erscheinen zu lassen. Es ist der dramatisierte Magnetismus, und wenn das Konversationslexikon von jenem Schriftsteller bemerkt: daß er durch die grellsten Dissonanzen zur harmonischen Auflösung durchdringe, so ist ja eben in dieser Auflösung das Anschauernde, Unheimliche, Verletzende.

Eine unerklärliche schreckliche Erscheinung wird dem Erzähler nicht geglaubt und mag als Werk der Einbildungskraft erheitern; aber sobald er sie natürlich erklärt und so den Glauben erzwingt, weckt er den Menschen aus seiner fröhlichen Sorglosigkeit, zieht ihn von den freundlich lichten Höhen in den dunklen Abgrund hinab, wo die zerstörende Natur unter Scherben und Leichen sitzt. Ein Streben, das keinen Dank verdient:

Es freue sich,
Wer da atmet im rosigen Licht;
Da unten aber ist’s fürchterlich!
Und der Mensch versuche die Götter nicht,
Und begehre nimmer und nimmer zu schauen,
Was sie gnädig bedecken mit Nacht und Grauen.

Nur allein die Liebe, die ihm mangelt, kann dem Verfasser des Kater Murr Verzeihung gewähren selbst für diesen Mangel, und wir endigen besänftigt und besänftigend mit den Worten, die Faust seiner den Unhold ahnenden Margaretha sagt:

Es muß auch solche Käuze geben.

Daniel Nilsson, Homeless in Rain, 25. Juli 2016

BIlder: Daniel Nilsson: Kitten Discover Water from Sky und Homeless in Rain, 25. Juli 2016:

We met a new friend in the rain in a jungle village at the Azores. We found this little fellow with a plate with white bread and no mum in sight! Probably she needs a proper home. Sadly we could not help this little one. :(

Es war gar nicht so einfach, Bilder von kranken Katzen mit einem gewissen ästhetischen Anspruch aufzutreiben, die weder einem medizinischen Zweck noch einem niederen Voyeurismus folgen. Die obigen finde ich immer noch grenzwertig genug. Nennen wir sie dokumentarisch.

Katzenjammer: My Dear, aus: Rockland, 2015:

When my white face withers
When my skin turns gray
When the drama’s over
Then will you still stay?

Written by Wolf

19. Januar 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Das Tier & wir, Junges Deutschland

5. und letzter Katzvent 2016: Mačka se vratila

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Update zum 4. Katzvent: Was ich gebar in Stunden der Begeisterung:

Jetzt, wo Weihnachten vorbei ist und die bekannten Verkaufs- und Tauschplattformen — und vergesst mir ja die Antiquariate nicht! — vor gebrauchten Büchern platzen müssten, ergeht die wärmste Empfehlung für Clemens Brentano.

Francesco Bacchiacca, Portrait of a young lady holding a cat, ca. 1525--1530Jetzt, wo Weihnachten vorbei ist, kann Brentanos namenloser kroatischer Edelmann aus Die mehreren Wehmüller und ungarischen Nationalgesichter die Katzengeschichte erzählen, die ihm in der Heiligen Nacht widerfahren ist.

Sie ist nicht sehr präsent. Weder in Anthologien für Weihnachts- noch für Katzengeschichten erscheint sie oft gesammelt, weil sie — ohne zu spoilern — für die Katze — hier: den Kater — nicht zum besten ausgeht und allgemein etwas ruppig und nicht ganz so besinnlich daherkommt, wie es die anzunehmende Zielgruppe für Weihnachts- und Katzenanthologien wünscht. Ich finde sie der Erzählerstimme nur angemessen und insgesamt raffiniert erfunden — und das vor allem in ihrer Funktion als Binnengeschichte für die mehreren Wehmüller: Sie vollführt nämlich später im Text — ohne zu spoilern — einen geradezu postmodernen Schlenker auf die Ebene der Rahmenerzählung zurück und kann daher gar nicht anders verlaufen. Viel raffinierter als Brentano in den Wehmüllern kann man kaum erzählen.

Und jetzt, wo Weihnachten vorbei ist, erscheint der feline Teil der mehreren Wehmüller quasi als Bonus-Katzvent Nummer 5, weil es glaubwürdiger ist, wenn der edle Kroate erst nach dem Advent vom Heiligabend berichtet. Sein Kater Mores passt als künstlerisch tätige Katze in die Reihe: Er versteht sich, wie erstaunlich viele Katzen der Kunstgeschichte, aufs Dudelsackblasen.

——— Clemens Brentano:

Das Pickenick des Katers Mores

Erzählung des kroatischen Edelmanns

in: Die mehreren Wehmüller und ungarischen Nationalgesichter, 1817:

Cat playing the bagpipes, Morgan Library, MS 282Mein Freihof liegt einsam, eine halbe Stunde von der türkischen Grenze, in einem sumpfichten Wald, wo alles im herrlichsten und fatalsten Überfluß ist, zum Beispiel die Nachtigallen, die einen immer vor Tag aus dem Schlafe wecken, und im letzten Sommer pfiffen die Bestien so unverschämt nah und in solcher Menge vor meinem Fenster, daß ich einmal im größten Zorne den Nachttopf nach ihnen warf. Aber ich kriegte bald einen Hausgenossen, der ihnen auf den Dienst paßte und mich von dem Ungeziefer befreite. Heut sind es drei Jahre, als ich morgens auf meinen Finkenherd ging, mit einem Pallasch, einer guten Doppelbüchse und einem Paar doppelten Pistolen versehen, denn ich hatte einen türkischen Wildpretdieb und Händler auf dem Korn, der mir seit einiger Zeit großen Wildschaden angetan und mir, da ich ihn gewarnt hatte, trotzig hatte sagen lassen, er störe sich nicht an mir und wolle unter meinen Augen in meinem Wald jagen. Als ich nach dem Finkenherd kam, fand ich alle meine ausgestellten Dohnen und Schlingen ausgeleert und merkte, daß der Spitzbube mußte da gewesen sein. Erbittert stellte ich meinen Fang wieder auf, da strich ein großer schwarzer Kater aus dem Gesträuch murrend zu mir her und machte sich so zutulich, daß ich seinen Pelz mit Wohlgefallen ansah und ihn liebkoste mit der Hoffnung, ihn an mich zu gewöhnen und mir etwa aus seinen Winterhaaren eine Mütze zu machen. Ich habe immer so eine lebendige Wintergarderobe im Sommer in meinem Revier, ich brauche darum kein Geld zum Kürschner zu tragen, es kommen mir auch keine Motten in mein Pelzwerk. Vier Paar tüchtige lederne Hosen laufen immer als lebendige Böcke auf meinem Hofe, und mitten unter ihnen ein herrlicher Dudelsack, der sich jetzt als lebendiger Bock schon so musikalisch zeigt, daß die zu einzelnen Hosenbeinen bestimmten Kandidaten, sobald er meckernd unter sie tritt, zu tanzen und gegeneinander zu stutzen anfangen, als fühlten sie jetzt schon ihre Bestimmung, einst mit meinen Beinen nach diesem Dudelsack ungarisch zu tanzen. So habe ich auch einen neuen Reisekoffer als Wildsau in meinem Forste herumlaufen, ein prächtiger Wolfspelz hat mir im letzten Winter in der Gestalt von sechs tüchtigen Wölfen schon auf den Leib gewollt; die Bestien hatten mit ein tüchtiges Loch in die Kammertüre genagt, da fuhr ich einem nach dem andern durch ein Loch über der Türe mit einem Pinsel voll Ölfarbe über den Rücken und erwarte sie nächstens wieder, um ihnen das Fell über die Ohren zu ziehen.

Book of Hours, Lyon, ca. 1505–1510, LyonAus solchen Gesichtspunkten sah ich auch den schwarzen Kater an und gab ihm, teils weil er schwarz wie ein Mohr war, teils weil er gar vortreffliche Mores oder Sitten hatte, den Namen Mores. Der Kater folgte mir nach Hause und wußte sich so vortrefflich durch Mäusefangen und Verträglichkeit mit meinen Hunden auszuzeichnen, daß ich den Gedanken, ihn aus seinem Pelz zu vertreiben, bald aufgegeben hatte. Mores war mein steter Begleiter, und nachts schlief er auf einem ledernen Stuhl neben meinem Bette. Merkwürdig war es mir besonders an dem Tiere, daß es, als ich ihm scherzhaft bei Tage einigemal Wein aus meinem Glase zu trinken anbot, sich gewaltig dagegen sträubte und ich es doch einst im Keller erwischte, wie es den Schwanz ins Spundloch hängte und dann mit dem größten Appetit ableckte. Auch zeichnete sich Mores vor allen Katzen durch seine Neigung, sich zu waschen, aus, da doch sonst sein Geschlecht eine Feindschaft gegen das Wasser hat. Alle diese Absonderlichkeiten hatten den Mores in meiner Nachbarschaft sehr berühmt gemacht, und ich ließ ihn ruhig bei mir aus und ein gehen, er jagte auf seine eigne Hand und kostete mich nichts als Kaffee, den er über die Maßen gern soff. So hatte ich meinen Gesellen bis gegen Weihnachten immer als Schlafkameraden gehabt, als ich ihn die zwei letzten Tage und Nächte vor dem Christtag ausbleiben sah. Ich war schon an den Gedanken gewöhnt, daß ihn irgendein Wildschütze, vielleicht gar mein türkischer Grenznachbar, möge weggeschossen oder gefangen haben, und sendete deswegen einen Knecht hinüber zu dem Wildhändler, um etwas von dem Mores auszukundschaften. Aber der Knecht kam mit der Nachricht zurück, daß der Wildhändler von meinem Kater nichts wisse, daß er eben von einer Reise von Stambul zurückgekommen sei und seiner Frau eine Menge schöner Katzen mitgebracht habe; übrigens sei es ihm lieb, daß er von meinem trefflichen Kater gehört, und wolle er auf alle Weise suchen, ihn in seine Gewalt zu bringen, da ihm ein tüchtiger Bassa für sein Serail fehle. Diese Nachricht erhielt ich mit Verdruß am Weihnachtsabend und sehnte mich um so mehr nach meinem Mores, weil ich ihn dem türkischen Schelm nicht gönnte. Ich legte mich an diesem Abend früh zu Bette, weil ich in der Mitternacht eine Stunde Weges nach der Kirche in die Metten gehen wollte. Mein Knecht weckte mich zur gehörigen Zeit; ich legte meine Waffen an und hängte meine Doppelbüchse, mit dem gröbsten Schrote geladen, um. So machte ich mich auf den Weg, in der kältesten Winternacht, die ich je erlebt; ich war eingehüllt wie ein Pelznickel, die brennende Tabakspfeife fror mir einigemal ein, der Pelz um meinen Hals starrte von meinem gefrornen Hauch wie ein Stachelschwein, der feste Schnee knarrte unter meinen Stiefeln, die Wölfe heulten rings um meinen Hof, und ich befahl meinen Knechten, Jagd auf sie zu machen.

LeValeur, Spielkatze mit Dudelsack, 2013So war ich bei sternheller Nacht auf das freie Feld hinaus gekommen und sah schon in der Ferne eine Eiche, die auf einer kleinen Insel mitten in einem zugefrornen Teiche stand und etwa die Hälfte des Weges bezeichnete, den ich zum Kirchdorf hatte. Da hörte ich eine wunderbare Musik und glaubte anfangs, es sei etwa ein Zug Bauern, der mit einem Dudelsack sich den Weg zur Kirche verkürzte, und so schritt ich derber zu, um mich an diese Leute anzuschließen. Aber je näher ich kam, je toller war die kuriose Musik, sie löste sich in ein Gewimmer auf, und, schon dem Baume nah, hörte ich, daß die Musik von demselben herunter schallte. Ich nahm mein Gewehr in die Hand, spannte den Hahn und schlich über den festen Teich auf die Eiche los; was sah ich, was hörte ich? Das Haar stand mir zu Berge; der ganze Baum saß voll schrecklich heulender Katzen, und in der Krone thronte mein Herr Mores mit krummem Buckel und blies ganz erbärmlich auf einem Dudelsack, wozu die Katzen unter gewaltigem Geschrei um ihn her durch die Zweige tanzten. Ich war anfangs vor Entsetzen wie versteinert, bald aber zwickte mich der Klang des Dudelsacks so sonderbar in den Beinen, daß ich selbst anfing zu tanzen und beinahe in eine von Fischern gehauene Eisöffnung fiel; da tönte aber die Mettenglocke durch die helle Nacht, ich kam zu Sinnen und schoß die volle Schrotladung meiner Doppelbüchse in den vermaledeiten Tanzchor hinein, und in demselben Augenblick fegte die ganze Tanzgesellschaft wie ein Hagelwetter von der Eiche herunter und wie ein Bienenschwarm über mich weg, so daß ich auf dem Eise ausglitt und platt niederstürzte. Als ich mich aufraffte, war das Feld leer, und ich wunderte mich, daß ich auch keine einzige von den Katzen getroffen unter dem Baume fand. Der ganze Handel hatte mich so erschreckt und so wunderlich gemacht, daß ich es aufgab, nach der Kirche zu gehen; ich eilte nach meinem Hofe zurück und schoß meine Pistolen mehrere Male ab, um meine Knechte herbeizurufen. Sie nahten mir bald auf dieses verabredete Zeichen; ich erzählte ihnen mein Abenteuer, und der eine, ein alter, erfahrener Kerl, sagte: „Sei’n Ihr Gnaden nur ruhig, wir werden die Katzen bald finden, die Ihr Gnaden geschossen haben.“ Ich machte mir allerlei Gedanken und legte mich zu Hause, nachdem ich auf den Schreck einen warmen Wein getrunken hatte, zu Bett.

Medieval Beasts and Bestiary TilesAls ich gegen Morgen ein Geräusch vernahm, erwachte ich aus dem unruhigen Schlaf, und sieh da: mein vermaledeiter Mores lag – mit versengtem Pelz – wie gewöhnlich neben mir auf dem Lederstuhl. Es lief mir ein grimmiger Zorn durch alle Glieder; „Passaveanelkiteremtete!“ schrie ich, „vermaledeite Zauberkanaille! bist du wieder da?“ und griff nach einer neuen Mistgabel, die neben meinem Bette stand; aber die Bestie stürzte mir an die Kehle und würgte mich; ich schrie Zetermordio. Meine Knechte eilten herbei mit gezogenen Säbeln und fegten nicht schlecht über meinen Mores her, der an allen Wänden hinauf fuhr, endlich das Fenster zerstieß und dem Walde zustürzte, wo es vergebens war, das Untier zu verfolgen; doch waren wir gewiß, daß Herr Mores seinen Teil Säbelhiebe weghabe, um nie wieder auf dem Dudelsack zu blasen. Ich war schändlich zerkratzt, und der Hals und das Gesicht schwoll mir gräßlich an. Ich ließ nach einer slavonischen Viehmagd rufen, die bei mir diente, um mir einen Umschlag von ihr kochen zu lassen, aber sie war nirgends zu finden, und ich mußte nach dem Kirchdorf fahren, wo ein Feldscheer wohnte. Als wir an die Eiche kamen, wo das nächtliche Konzert gewesen war, sahen wir einen Menschen darauf sitzen, der uns erbärmlich um Hülfe anflehte. Ich erkannte bald Mladka, die slavonische Magd; sie hing halb erfroren mit den Röcken in den Baumästen verwickelt, und das Blut rann von ihr nieder in den Schnee; auch sahen wir blutige Spuren von da her, wo mich die Katzen über den Haufen geworfen, nach dem Walde zu. Ich wußte nun, wie es mit der Slavonierin beschaffen war, ließ sie schwebend, daß sie die Erde nicht berührte, auf den Wurstwagen tragen und festbinden und fuhr eilend mit der Hexe nach dem Dorfe. Als ich bei dem Chirurg ankam, wurde gleich der Vizegespan und der Pfarrer des Orts gerufen, alles zu Protokoll genommen, und die Magd Mladka ward ins Gefängnis geworfen; sie ist zu ihrem Glück an dem Schuß, den sie im Leibe hatte, gestorben, sonst wäre sie gewiß auf den Scheiterhaufen gekommen. Sie war ein wunderschönes Weibsbild, und ihr Skelett ist nach Pest ins Naturalienkabinett als ein Muster schönen Wachstums gekommen; sie hat sich auch herzlich bekehrt und ist unter vielen Tränen gestorben. Auf ihre Aussagen sollten verschiedene andere Weibspersonen in der Gegend gefangengenommen werden, aber man fand zwei tot in ihren Betten, die anderen waren entflohen.

Robin Milner, A Cat Came FiddlingAls ich wiederhergestellt war, mußte ich mit einer Kreiskommission über die türkische Grenze reisen; wir meldeten uns bei der Obrigkeit mit unserer Anzeige gegen den Wildhändler, aber da kamen wir schier in eine noch schlimmere Suppe; es wurde uns erklärt, daß der Wildhändler nebst seiner Frau und mehreren türkischen, serbischen und slavonischen Mägden und Sklavinnen von Schrotschüssen und Säbelhieben verwundet zu Hause angekommen, und daß der Wildhändler gestorben sei mit der Angabe: er sei, von einer Hochzeit kommend, auf der Grenze von mir überfallen und so zugerichtet worden. Während dies angezeigt wurde, versammelte sich eine Menge Volks, und die Frau des Wildhändlers mit mehreren Weibern und Mägden, verbunden und bepflastert, erhoben ein mörderliches Geschrei gegen uns. Der Richter sagte: er könne uns nicht schützen, wir möchten sehen, daß wir fortkämen; da eilten wir nach dem Hof, sprangen zu Pferde, nahmen den Kreiskommissär in die Mitte, ich setzte mich an die Spitze der sechs Szekler-Husaren, die uns begleitet hatten, und so sprengten wir, Säbel und Pistole in der Hand, früh genug zum Orte hinaus, um nicht mehr zu erleiden als einige Steinwürfe und blinde Schüsse, eine Menge türkischer Flüche mit eingerechnet. Die Türken verfolgten uns bis über die Grenze, wurden aber von den Szeklern, die sich im Walde setzten, so zugerichtet, daß wenigstens ein paar von ihnen dem Wildhändler in Mahomeds Paradies Nachricht von dem Erfolg werden gegeben haben. Als ich nach Haus kam, war das erste, daß ich meinen Dudelsack visitierte, den ich auch mit drei Schroten durchlöchert hinter meinem Bette liegen fand. Mores hatte also auf meinem eigenen Dudelsack geblasen und war von ihm gegen meinen Schuß gedeckt worden. Ich hatte mit der unseligen Geschichte noch viele Schererei, ich wurde weitläufig zu Protokoll vernommen, es kam eine Kommission nach der andern auf meinen Hof und ließ sich tüchtig aufwarten; die Türken klagten wegen Grenzverletzung, und ich mußte es mir am Ende noch mehrere Stücke Wild und ein ziemliches Geld kosten lassen, daß die Gerichtsplackerei endlich einschlief, nachdem ich und meine Knechte vereidigt worden waren. Trotzdem wurde ich mehrmals vom Kreisphysikus untersucht, ob ich auch völlig bei Verstand sei, und dieser kam nicht eher zur völligen Gewißheit darüber, bis ich ihm ein Paar doppelte Pistolen und seiner Frau eine Verbrämung von schwarzem Fuchspelz und mehrere tüchtige Wildbraten zugeschickt hatte. So wurde die Sache endlich stille; um aber in etwas auf meine Kosten zu kommen, legte ich eine Schenke unter der Eiche auf der Insel in dem Teiche an, wo seither die Bauern und Grenznachbarn aus der Gegend sich sonntags im Sommer viel einstellen und den ledernen Stuhl, worauf Mores geschlafen, und an den ich ein Stück seines Schweifs, das ihm die Knechte in der Nacht abgehauen, genagelt habe, besehen; den Dudelsack habe ich flicken lassen, und mein Knecht, der den Wirt dort macht, pflegt oben in der Eiche, wo Mores gesessen, darauf den Gästen, die um den Baum tanzen, vorzuspielen. Ich habe schon ein schönes Geld da eingenommen, und wenn mich die Herrschaften einmal dort besuchen wollen, so sollen sie gewiß gut bedient werden.

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Jan van Bijlert, Young Woman Playing with a Cat, 1630--1635Diese Erzählung, welche der Kroat mit dem ganzen Ausdruck der Wahrheit vorgebracht hatte, wirkte auf die verschiedenste Weise in der Gesellschaft. Der Vizegespan, der Tiroler und die Wirtin hatten keinen Zweifel, und der Savoyarde zeigte seine Freude, daß man noch kein Beispiel gehabt habe: ein Murmeltier sei eine Hexe gewesen. Lindpeindler äußerte: es möge an der Geschichte wahr sein, was da wolle, so habe sie doch eine höhere poetische Wahrheit; sie sei in jedem Falle wahr, insofern sie den Charakter der Einsamkeit, Wildnis und der türkischen Barbarei ausdrücke; sie sei durchaus für den Ort, auf welchem sie spiele, scharf bezeichnend und mythisch und darum dort wahrer als irgendeine Lafontainesche Familiengeschichte. Aber es verstand keiner der Anwesenden, was Lindpeindler sagen wollte, und Devillier leugnete ihm grade ins Gesicht, daß Lafontaine irgendeine seiner Fabeln jemals für eine wahre Familiengeschichte ausgegeben habe; Lindpeindler schwieg und wurde verkannt.

Girl with a Cat, 1545, Jan Cornelisz VermeyenNun aber wendete sich der Franzose zu der Kammerjungfer, welche sich mit stillem Schauer in einen Winkel gedrückt hatte, sprechend: „Und Sie, schöne Nanny, sind ja so stille, als fühlten Sie sich bei der Geschichte getroffen.“ – „Wieso getroffen?“ fragte Nanny. „Nun, ich meine,“ erwiderte Devillier lächelnd, „von einem Schrote des kroatischen Herrn. Sollte das artigste Kammerkätzchen der Gegend nicht zu dem Teedansant eingeladen gewesen sein? – Das wäre ein Fehler des Herrn Mores gegen die Galanterie, wegen welchem er die Rache seines Herrn allein schon verdient hätte.“ Alle lachten, Nanny aber gab dem Franzosen eine ziemliche Ohrfeige und erwiderte: „Sie sind der Mann dazu, einen in den Ruf zu bringen, daß man geschossen sei, denn Sie haben selbst einen Schuß!“ und dabei zeigte sie ihm von neuem die fünf Finger; worauf Devillier sagte: „Erhebt das nicht den Verdacht, sind das nicht Katzenmanieren? Sie waren gewiß dabei! Frau Tschermack, die Wirtin, wird es uns sagen können, denn die hat gewiß nicht gefehlt; ich glaube, daß sie die Blessur in der Hüfte eher bei solcher Gelegenheit als bei den Wurmserschen Husaren erhalten.“ Alles lachte von neuem, und der Zigeuner sagte: „Ich will sie fragen.“

Ex Libris Marthe Hassler, August 2012Der Kroate fand sich über die Ungläubigkeit Devilliers gekränkt und fing an, seine Geschichte nochmals zu beteuern, indem er seine pferdehaarne steife Halsbinde ablöste, um die Narben von den Klauen des Mores zu zeigen. Nanny drückte die Augen zu, und indessen brachte der Zigeuner die Nachricht: Frau Tschermack meine, Mores müsse es selbst am besten wissen. Er setzte mit diesen Worten die große schwarze Katze der Wirtin, welche er vor der Türe gefangen hatte, der Kammerjungfer in den Schoß, welche mit einem heftigen Schrei des Entsetzens auffuhr. – „Eingestanden!“ rief Devillier; aber der Spaß war dumm, denn Nanny kam einer Ohnmacht nah, die Katze sprang auf den Tisch, warf das Licht um und fuhr dem armen Wehmüller über seine nassen Farben; der Vizegespan riß das Fenster auf und entließ die Katze, aber alles war rebellisch geworden; die Büffelkühe im Hintergrund der Stube an den Ketten, und jeder drängte nach der Türe. Wehmüller und Lindpeindler sprangen auf den Tisch und stießen mit dem Tiroler zusammen, der es auch in demselben Augenblick tat und mit seinen nägelbeschlagenen Schuhen mehr Knopflöcher in das Porträt des Vizegespans trat, als Knöpfe darauf waren. Devillier trug Nanny hinaus; der Kroate schrie immer: „Da haben wir es, das kömmt vom Unglauben!“ Frau Tschermack aber, welche mit einem vollen Weinkrug in die Verstörung trat, fluchte stark und beruhigte die Kühe; der Zigeuner griff wie ein zweiter Orpheus nach seiner Violine, und als Monsieur Devillier mit Nanny, die er am Brunnen erfrischt hatte, wieder hereintrat, kniete der kecke Bursche vor ihr nieder und sang und spielte eine so rührende Weise auf seinem Instrument, daß niemand widerstehen konnte und bald alles stille ward. Es war dies ein altes zigeunerisches Schlachtlied, wobei der Zigeuner endlich in Tränen zerfloß, und Nanny konnte ihm nicht widerstehen, sie weinte auch und reichte ihm die Hand; Lindpeindler aber sprang auf den Sänger zu und umarmte ihn mit den Worten: „O, das ist groß, das ist ursprünglich! Bester Michaly, wollen Sie mir Ihr Lied wohl in die Feder diktieren?“ – „Nimmermehr!“ sagte der Zigeuner, „so was diktiert sich nicht, ich wüßte es auch jetzt nicht mehr, und wenn Sie mir den Hals abschnitten; wenn ich einmal wieder eine schöne Jungfer betrübt habe, wird es mir auch wieder einfallen.“

Tina Sosna, Her voice was a tiny bird flying in the cold winter sky, analogue photography, January 18th, 2016Da lachte die ganze Gesellschaft, und Michaly begann so tolle Melodieen aus seiner Geige herauszulocken, daß die Fröhlichkeit bald wieder hergestellt wurde und Devillier den Kroaten fragte, ob Mores nicht diesen Tanz aufgespielt hätte; Herr Lindpeindler notierte sich wenigstens den Inhalt des extemporierten Liedes; es war die Wehklage über den Tod von tausend Zigeunern. Im Jahr 1537 wurde in den Zapolischen Unruhen das Kastell Nagy-Jda in der Abanywarer Gespanschaft mit Belagerung von kaiserlichen Truppen bedroht. Franz von Perecey, der das Kastell verteidigte, stutzte, aus Truppenmangel, tausend Zigeuner in der Eile zu Soldaten und legte sie unter reichen Versprechungen von Geld und Freiheiten auf Kindeskinder, wenn sie sich wacker hielten, gegen den ersten Anlauf in die äußeren Schanzen. Auf diese vertrauend hielten sich diese Helden auch ganz vortrefflich, sie empfingen die Belagerer mit einem heftigen Feuer, so daß sie umwendeten. Aber nun krochen die Helden übermütig aus ihren Löchern und schrien den Fliehenden nach: „Geht zum Henker, ihr Lumpen, hätten wir noch Pulver und Blei, so wollten wir euch anders zwiebeln.“ Da sahen sich die Abziehenden um, und als sie statt regulierter Truppen einen frechen Zigeunerschwarm auf den Wällen merkten, ergriff sie der Zorn, sie drangen in die Schanze und säbelten die armen Helden bis auf den letzten Mann nieder. Diese Niederlage, eine der traurigsten Erinnerungen der Zigeuner in jener Gegend, hatte Michaly in der Klage einer Mutter um ihren Sohn und einer Braut um ihren gefallenen Geliebten besungen.

Dorota Sroka, Exercice de Style. Cabinet de curiosites, 18. Juni 2016

Katzenbilder:

  1. mit Frauen:

    1. Portrait of a young lady holding a cat, ca. 1525–1530;
    2. Junge Frau, mit einer Katze spielend, 1630–1635;
    3. Jan Cornelisz Vermeyen: Mädchen mit Katze, 1545;
    4. A. Collot: Ex libris Marthe Hassler, August 2012;
    5. Tina Sosna: Her voice was a tiny bird flying in the cold winter sky,
      analoge Photographie für Worte in Bildern, 18. Januar 2016
      mit Muse Anna Mai in handmade lingery von Franziska Zuber,
  2. und mit Dudelsäcken:

    1. Cat playing a bagpipe, Book of Hours, Paris ca. 1460.
      Morgan Library & Museum New York, MS M.282, fol. 133v;
    2. Book of Hours, Lyon, ca. 1505–1510, Lyon, Bibliothèque municipale, Ms 6881, fol. 63v;
    3. LeValeur: Spielkatze mit Dudelsack, 2013;
    4. Medieval Beasts and Bestiary Tiles;
    5. Robin Milner: A Cat Came Fiddling,
  3. und noch eins von Dorota Sroka in Exercice de Style. Cabinet de curiosites, 18. Juni 2016.

Soundtrack: Harry S. Miller: The Cat Came Back, 1893 in der Version der allezeit herzwärmenden (und bekennend lesbischen) Anna Roberts-Gevalt und Joe DeJarnette live zu Hause in Baltimore, 2010:

Bonus Track: Das gleiche nochmal mit Text: Rowlf für The Muppets Show, Folge 523, 26. Oktober 1980:

Written by Wolf

6. Januar 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Das Tier & wir, Romantik

4. Katzvent: Was ich gebar in Stunden der Begeisterung

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Der Advent 2016 führt uns nicht mehr einfach das künstlerische Schaffen über Katzen vor,
sondern das von Katzen.

Das lyrische Gesamtwerk des Katers Murr

Weltweit zum ersten Mal gesammelt folgen die Gedichte des vortrefflichen Katers Murr, die der Étudiant en belles lettres und Homme de lettres très renommé sich selbst zuschreibt — also nicht, was im Dritten Abschnitt: Die Lehrmonate. Launisches Spiel des Zufalls der Katerchor singt und von Murr aus dem Gedächtnis zitiert wird, und nicht der Ausschnitt aus dem Orlando furioso aus dem Vierten Abschnitt: Erspriessliche Folgen höherer Kultur. Die reiferen Monate des Mannes.

Die Bilder sind die beiden bildnerischen Werke, die uns durch den Ziehvater des historischen Katers Murr überliefert wurden, welch letzterer am 1. Dezember 1821 entschlief, „um zu einem beßern Dasein zu erwachen“: durch den getreuen, noch bis 25. Juni 1822 überlebenden Kammergerichtsrat E.T.A. Hoffmann, und bilden somit ebenfalls ein Gesamtkorpus.

Kater Murr, Skizze 1

——— Kater Murr:

Was ich gebar in Stunden der Begeisterung

Ausschnitte aus: E.T.A. Hoffmann: Lebens-Ansichten des Katers Murr nebst fragmentarischer Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern, Ferdinand Dümmlersche Verlagsbuchhandlung, Berlin, 1819 und 1821:

„Leugnet es nur nicht,“ fuhr der Professor fort, „leugnet es nur nicht, an dem Kleinen dort in der Kammer habt Ihr jene abstrakte Erziehungsmethode versucht, Ihr habt ihn lesen, schreiben gelehrt, Ihr habt ihm die Wissenschaften beigebracht, so daß er sich schon jetzt unterfängt, den Autor zu spielen, ja sogar Verse zu machen.“

„Nun,“ sprach der Meister, „das ist doch in der Tat das Tollste, was mir jemals vorgekommen! – Ich meinen Kater erziehen, ich ihm die Wissenschaften beibringen! – Sagt, was für Träume rumoren in Eurem Sinn, Professor? – Ich versichere Euch, daß ich von meines Katers Bildung nicht das mindeste weiß, die selbe auch für ganz unmöglich halte.“

„So?“ fragte der Professor mit gedehntem Ton, zog ein Heft aus der Tasche, das ich augenblicklich für das mir von dem jungen Ponto geraubte Manuskript erkannte, und las:

„Sehnsucht nach dem Höheren

Ha, welch Gefühl, das meine Brust beweget?
Was sagt dies unruh- – ahnungsvolle Beben,
Will sich zum kühnen Sprung der Geist erheben,
Vom Sporn des mächt’gen Genius erreget?

Was ist es, was der Sinn im Sinne träget,
Was will dem liebesdrangerfüllten Leben
Dies rastlos brennend feurig-süße Streben,
Was ist es, das im bangen Herzen schläget?

Entrückt werd‘ ich nach fernen Zauberlanden,
Kein Wort, kein Laut, die Zunge ist gebunden,
Ein sehnlich Hoffen weht mit Frühlingsfrische,

Befreit mich bald von drückend schweren Banden.
Erträumt, erspürt, im grünsten Laub gefunden!
Hinauf mein Herz! beim Fittich ihn erwische!“

Ich hoffe, daß jeder meiner gütigen Leser die Musterhaftigkeit dieses herrlichen Sonetts, das aus der tiefsten Tiefe meines Gemüts hervorfloß, einsehen und mich um so mehr bewundern wird, wenn ich versichere, daß es zu den ersten gehört, die ich überhaupt verfertigt habe.

„Hoho,“ rief der Meister, „wahrhaftig, das Sonett ist eines Katers vollkommen würdig, aber noch immer verstehe ich nicht Euern Spaß, Professor, sagt mir nur lieber geradezu, wo Ihr hinauswollt.“

Der Professor, ohne dem Meister zu antworten, blätterte im Manuskript und las weiter:

„Glosse

Liebe schwärmt auf allen Wegen,
Freundschaft bleibt für sich allein,
Liebe kommt uns rasch entgegen,
Aufgesucht will Freundschaft sein.

Schmachtend wehe, bange Klagen
Hör‘ ich überall ertönen,
Ob den Sinn zum Schmerz gewöhnen,
Ob zur Lust, ich kann’s nicht sagen,
Möchte oft mich selber fragen,
Ob ich träume, ob ich wache.
Diesem Fühlen, diesem Regen,
Leih ihm, Herz, die rechte Sprache;
Ja, im Keller, auf dem Dache,
Liebe schwärmt auf allen Wegen!

Doch es heilen alle Wunden,
Die der Liebesschmerz geschlagen,
Und in einsam stillen Tagen
Mag, von aller Qual entbunden,
Geist und Herz wohl bald gesunden;
Art’ger Kätzchen los Gehudel,
Darf es auf die Dauer sein?
Nein! – fort aus dem bösen Strudel,
Unterm Ofen mit dem Pudel,
Freundschaft bleibt für sich allein!

Wohl, ich weiß es, widerstehen
Mag man nicht dem süßen Kosen,
Wenn aus Büschen duft’ger Rosen
Süße Liebeslaute wehen.
Will das trunkne Aug‘ dann sehen,
Wie die Holde kommt gesprungen,
Die da lauscht an Blumenwegen,
Kaum ist Sehnsuchts-Ruf erklungen,
Hat sich schnell hinangeschwungen.
Liebe kommt uns rasch entgegen.

Dieses Sehnen, dieses Schmachten
Kann wohl oft den Sinn berücken,
Doch wie lange kann’s beglücken,
Dieses Springen, Rennen, Trachten!
Holder Freundschaft Trieb‘ erwachten,
Strahlten auf bei Hespers Scheine.
Und den Edlen brav und rein,
Ihn zu finden, den ich meine,
Klettr‘ ich über Maur und Zäune,
Aufgesucht will Freundschaft sein.“

In dem Augenblick entstand ein fürchterlicher Lärm. Die Menschen liefen durcheinander, schrien: „Feuer! – Feuer!“ Reuter sprengten durch die Straßen – Wagen rasselten. – Aus den Fenstern eines Hauses, unfern uns, strömten Rauchwolken und Flammen. – Ponto sprang schnell vorwärts, ich aber in der Angst kletterte eine hohe Leiter hinauf, die an ein Haus gelehnt, und befand mich bald auf dem Dache in voller Sicherheit. Plötzlich kam mir – alles so bekannt, so heimisch vor, ein süßes Aroma, selbst wußt‘ ich nicht, von welchen vortrefflichen Braten, wallte in bläulichen Wolken über die Dächer daher, und wie aus weiter – weiter Ferne, im Säuseln des Abendwindes, lispelten holde Stimmen: „Murr, mein Geliebter, wo weiltest du so lange?“ –

„Was ist’s, das die beengte Brust
Mit Wonneschauer so durchbebt,
Den Geist zum Himmel hoch erhebt,
Ist’s Ahnung hoher Götterlust?
Ja – springe auf, du armes Herz,
Ermut’ge dich zu kühnen Taten,
Umwandelt ist in Lust und Scherz
Der trostlos bittre Todesschmerz,
Die Hoffnung lebt – ich rieche Braten!“

So sang ich und verlor mich, des entsetzlichen Feuerlärms nicht achtend, in die angenehmsten Träume! Doch auch hier auf dem Dache sollten mich noch die schreckhaften Erscheinungen des grotesken Weltlebens, in das ich hineingesprungen, verfolgen. Denn ehe ich mir’s versah, stieg aus dem Rauchfange eines jener seltsamen Ungetüme empor, die die Menschen Schornsteinfeger nennen. Kaum mich gewahrend, rief der schwarze Schlingel: „Husch Katz!“ und warf den Besen nach mir.

„Ha,“ rief ich, „zu ihr hinauf aufs Dach! – Ha, ich werde sie wiederfinden, die süße Huldin, da, wo ich sie zum erstenmal erblickte, aber singen soll sie, ja singen, und bringt sie nur eine einzige falsche Note heraus, dann ist’s vorbei, dann bin ich geheilt, gerettet.“ Der Himmel war heiter, und der Mond, bei dem ich der holden Miesmies Liebe zugeschworen, schien wirklich, als ich auf das Dach stieg, um sie zu erlauern. Lange gewahrte ich sie nicht, und meine Seufzer wurden laute Liebesklagen.

Ich stimmte endlich ein Liedlein an im wehmütigsten Ton, ungefähr folgendermaßen:

„Rauschende Wälder, flüsternde Quellen,
Strömender Ahnung spielende Wellen,
Mit mir o klaget!
Saget, o saget!
Miesmies, die Holde, wo ist sie gegangen,
Jüngling in Liebe, Jüngling, wo hat er
Miesmies, die süße Huldin, umfangen?
Tröstet den Bangen.
Tröstet den gramverwilderten Kater!
Mondschein, o Mondschein,
Sag‘ mir, wo thront mein
Artiges Kindlein, liebliches Wesen!
Wütender Schmerz kann niemals genesen!
Trostloser Liebender kluger Berater,
Eil‘ ihn zu retten
Von Liebesketten,
Hilf ihm, o hilf dem verzweifelnden Kater.“

Seht ein, geliebter Leser, daß ein wackerer Dichter weder sich im rauschenden Walde befinden, noch an einer flüsternden Quelle sitzen darf, ihm strömen der Ahnung spielende Wellen doch zu, und in diesen Wellen erschaut er doch alles, was er will, und kann davon singen, wie er will.

Hier sind die Verse, die meinen Zustand, sowie den Übergang von Leid zur Freude mit poetischer Kraft und Wahrheit schildern.

„Was wandelt, horch! durch finstre Räume,
In öder Keller Einsamkeit?
Was ruft mir zu: ‚Nicht länger säume!‘
Wes Stimme klagt ein herbes Leid?
Dort liegt der treue Freund begraben,
Nach mir verlangt sein irrer Geist.
Mein Trost soll ihn im Tode laben,
Ich bin’s, der Leben ihm verheißt!

Doch nein! – das ist kein flücht’ger Schatten,
Der solche Töne von sich gibt!
Sie seufzen nach dem treuen Gatten,
Nach ihm, der noch so heiß geliebt!
In alte Liebesketten fallen,
Rinaldo will’s, er kehrt zurück,
Doch wie! – schau‘ ich nicht spitze Krallen?
Nicht eifersücht’gen Zornes Blick?

Sie ist’s – die Frau! – wohin entfliehen! –
Ha! welch Gefühl bestürmt die Brust.
Im keuschen Schnee der Jugend blühen
Seh‘ ich des Lebens höchste Lust.
Sie springt, sie naht, und immer heller
Wird’s um mich Hochbeglückten her.
Ein süßer Duft durchweht den Keller,
Die Brust wird leicht, das Herz wird schwer.

Der Freund gestorben – sie gefunden –
Entzücken! – Wonne! – bittrer Schmerz!
Die Gattin – Tochter – neue Wunden! –
Ha! – sollst du brechen, armes Herz?
Doch kann den Sinn wohl so betören
Ein Trauermahl, ein lust’ger Tanz?
Nein – diesem Treiben muß ich wehren,
Mich blendet nur ein falscher Glanz.

Hinweg, ihr eitlen Truggebilde,
Gebt höherm Streben willig Raum!
Gar manches führt die Katz im Schilde,
Sie liebt, sie haßt und weiß es kaum.
Kein Ton, kein Blick, senkt eure Augen,
O Mina, Miesmies, falsch Geschlecht!
Verderblich Gift, nicht will ich’s saugen,
Ich flieh‘, und Muzius sei gerächt.

Verklärter! – ja, bei jedem Braten,
Bei jedem Fisch gedenk‘ ich dein!
Denk‘ deiner Weisheit, deiner Taten,
Denk‘ Kater ganz wie du zu sein.
Gelang es hünd’schem Frevelwitze
Dich zu verderben, edler Freund,
So trifft die Schmach blutgier’ge Spitze,
Es rächet dich, der um dich weint.

So flau, so jammervoll im Busen
War mir’s, ich wußte gar nicht wie,
Doch hoher Dank den holden Musen,
Dem kühnen Flug der Phantasie.
Mir ist jetzt wieder leidlich besser,
Spür‘ gar nicht g’ringen Appetit,
Bin Muzius gleich ein wackrer Esser
Und ganz in Poesie erglüht.

Ja Kunst! du Kind aus hohen Sphären,
Du Trösterin im tiefsten Leid,
O! – Verslein laß mich stets gebären
Mit genialer Leichtigkeit.
Und: ‚Murr‘, so sprechen edle Frauen,
Hochherz’ge Jünglinge, ‚o Murr;
Du Dichterherz, ein zart Vertrauen
Weckt in der Brust dein süß Gemurr!'“

Die Wirkung des Versleinmachens war zu wohltätig, ich konnte mich nicht mit diesem Gedicht begnügen, sondern machte mehre hintereinander mit gleicher Leichtigkeit, mit gleichem Glück. Die gelungensten würd‘ ich hier dem geneigten Leser mitteilen, hätte ich nicht im Sinn, dieselben nebst mehreren Witzwörtern und Impromptus, die ich in müßigen Stunden angefertigt, und über die ich schon beinahe vor Lachen bersten mögen, unter dem allgemeinen Titel: „Was ich gebar in Stunden der Begeisterung“ herauszugeben.

Da schwankte die Glaskugel hin und her, und ein melodischer Ton ließ sich vernehmen, wie wenn Windeshauch leise hinstreift über die Saiten der Harfe. Aber bald wurde der Ton zu Worten:

„Noch ist Leben nicht dahin,
Trost und Hoffnung nicht verschwunden,
Was vermag der frömmste Sinn,
Hält ihn schwerer Eid gebunden?
Meister! Mut! – du wirst gesunden,
Blick‘ auf zu der Dulderin,
Die da heilt die tiefsten Wunden,
Bittrer Schmerz bringt dir Gewinn.“

„O du barmherziger Himmel,“ lispelte der Alte mit bebenden Lippen, „sie ist es selbst, die zu mir spricht von dem hohen Himmel herab; sie wandelt nicht mehr unter den Lebendigen!“ – Da ließ sich jener melodische Ton abermals vernehmen, und noch leiser, noch entfernter erklangen die Worte:

„Nicht erfaßt der bleiche Tod,
Die im Herzen Liebe tragen;
Dem glänzt noch das Abendrot,
Der am Morgen wollt‘ verzagen.
Bald kann dir die Stunde schlagen,
Die entreißt dich aller Not;
Zu vollbringen magst du wagen,
Was die ew’ge Macht gebot.“

Stärker anschwellend und wieder verhallend, lockten die süßen Töne den Schlaf herbei, der den Alten einhüllte in seinen schwarzen Fittich. Aber in dem Dunkel ging strahlend wie ein schöner Stern der Traum vergangenen Glücks auf, und Chiara lag wieder an des Meisters Brust, und beide waren wieder jung und selig, und kein finstrer Geist vermochte den Himmel ihrer Liebe zu trüben. –

– Hier hat, wie der Herausgeber es dem geneigten Leser bemerklich machen muß, der Kater wieder ein paar Makulaturblätter ganz weggerissen, wodurch in dieser Geschichte voller Lücken wiederum eine Lücke entstanden. Nach der Seitenzahl fehlen aber nur acht Kolumnen, die eben nichts besonders Wichtiges enthalten zu haben scheinen, da das Folgende sich im ganzen noch so ziemlich an das Vorhergegangene reiht.

Kater Murr, Skizze 2

Soundtrack: Katzenjammer featuring Ben Caplan und The Trondheim Soloists mit der Mutter all derer Weihnachtslieder, die man ganzjährig singen darf: dem Pogues-Klopfer Fairytale of New York aus If I Should Fall from Grace with God, 1987, 2012:

Written by Wolf

23. Dezember 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Das Tier & wir, Romantik

3. Katzvent: Die Katze als Subjekt der bildenden Kunst

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Der Advent 2016 führt uns nicht mehr einfach das künstlerische Schaffen über Katzen vor,
sondern das von Katzen.

Update zu The Watercolors of the Astrokater und
zum 3. Katzvent 2015: Und ich singe was ich fühle:

  1. ——— Michael Mathias Prechtl:

    Astrokater Schrodinger

    aus der Galerie berühmter Katzen aus Literatur und Malerei, 1997, in: E.T.A. Hoffmann: Lebensansichten des Katers Murr Nebst fragmentarischer Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern, Büchergilde Gutenberg, Frankfurt am Main 1997:

    Michael Mathias Prechtl, Astrokater Schrodinger aus der Galerie berühmter Katzen aus Literatur und Malerei, 1997, in E.T.A. Hoffmann, Lebensansichten des Katers Murr Nebst fragmentarischer Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern, Büchergilde Gutenberg, Frankfurt am Main 1997

    Die beste amerikanische Astronautin, Amanda Jaworski, anerkannte Physikerin, Expertin in Atomphysik, Strahlenkunde, Astronomie, Geologie und Photometrie hat ihren Kater Schrodinger benannt, nach dem Physiker und Philosophen Erwin Schrödinger, der mit seinem theoretischen Experiment der “Katze im Kasten” berühmt wurde. Amerikaner leugnen die Notwendigkeit von Pünktchen auf dem o und anderswo, so daß sich der arme Schrödinger unnötig schnöde verödet vokalisiert vorkommen muß. Kater Schrodinger verschluckt zwei vom Subpartikel Tachyon verlorene Evolutionsmoleküle, fängt an zu zeichnen (ausschließlich Amandas Füße) und wird von den blauen Robotern zum Planeten Epsilon Erdani entführt, vierzig Millionen Lichtjahre von der Erde entfernt. Amanda, die mit ihrem Raumschiff zum Mars fliegen soll, ändert ihren Kurs dahin, um ihren geliebten Kater zu retten.

    Wem dies alles wie Science ichweißnichtwas vorkommt, der liegt richtig, aber um die wunderbare Story zu durchschauen, muß er unbedingt Carol Hills dickes Buch lesen, mindestens zweimal.

    Ein Kater in einem dicken, physikbeschwipsten Roman von einer Frau über eine Frau für Frauen, der malen kann. Prechtl stellt ihn in einem klassischen Motivdreieck dar, als deren wichtigste Ecke die links untere mit dem Frauenportrait erscheint: Die Frau schaut versonnen zu, wie ihr geliebter und liebender Kater ihren Fuß abbildet — den Teil an ihr, den er als Fußbodenbewohner am häufigsten zu Gesicht bekommt. Dabei sieht sie so glücklich aus, wie man sich Frauen wünscht, mit denen man zusammenlebt: Sie fühlt sich durch Kater Schrodingers Blick gewertschätzt und wertschätzt zurück. Ob auch in einer Astronautin noch das alte, anerkennungsbedürftige kleine Mädchen steckt?

    Prechtl und der Kater zeigen uns in einer Allegorie einen glückhaften Vorgang. Empfohlen sei an dieser Stelle überhaupt auch uns, die wir mit weniger als vier Beinen auskommen müssen, unserem Lieblingsmenschen in allen Wortsinnen die Füße zu malen. Ihm die Zehennägel zu lackieren, um seine Schönheit zu erhöhen, ist ein im besten Sinne intimer, verbindender Moment; mit Bleistift und anderen Zeichen- oder Maltechniken ein getreues Abbild seiner Füße zu schaffen, hilft ihn verstehen. Die oben wiedergegebene „Amanda Jaworski“ zum Beispiel verfügt über griechische Zehen wie die Göttinnen der griechischen Mythologie und damit offenbar über besondere Stärke, Intelligenz und erotische Anziehungskraft. Der Kater weiß das.

  2. Der Abessinierkater Rusty aus Edinburgh malt gern im Stil des unfigurativen Impressionismus.

    Der Abessinierkater Rusty aus Edinburgh malt gern im Stil des unfigurativen Impressionismus, Kater Paul, 31. Dezember 2010

  3. Diese Zeichnung von Mike Twohy aus dem New Yorker dokumentiert dagegen die skulpturelle Betätigung einer Wohnungskatze mit einem vorhandenen Gegenstand. Sein Werk ist einer Kunstrichtung zuzuordnen, die man artifizielle Metamorphose nennen könnte.

    Diese Zeichnung von Mike Twohy aus dem New Yorker dokumentiert dagegen die skulpturelle Betätigung einer Wohnungskatze mit einem vorhandenen Gegenstand. Sein Werk ist einer Kunstrichtung zuzuordnen, die man artifizielle Metamorphose nennen könnte, Kater Paul, 31. Dezember 2010

  4. Ich selbst (im Bildhintergrund) arbeite schon seit langem unter dem Arbeitstitel Miezkunstwerk an der kompletten künstlerischen Umgestaltung unserer Mietwohnung.

    Ich selbst im Bildhintergrund arbeite schon seit langem unter dem Arbeitstitel Miezkunstwerk an der kompletten künstlerischen Umgestaltung unserer Mietwohnung, Kater Paul, 31. Dezember 2010

    Die Bilder 2 bis 4 wurden zuerst dokumentiert vom Kater Paul in: Katzen sind Künstler, 31. Dezember 2010. Das fünfte auch. Immer wieder danke für die stete Anregungen, o kluger Miez!

  5. ——— Robert Gernhardt:

    Es ist ein Maus entsprungen:

    aus: Hier spricht der Dichter. 120 Bildgedichte, Haffmans Verlag, Zürich 1985:

    Die Katze träumt vom Weihnachtsfest,
    wogegen sich nichts sagen läßt,
    enthielte nicht ihr Weihnachtstraum
    auch diesen Katzenweihnachtsbaum:

    Robert Gernhardt, Es ist ein Maus entsprungen

Soundtrack: Welpen als Subjekte der Klangkunst:
G. Berthold, i. e. Robert Lucas Pearsall:
Duetto buffo di due gatti, 1825,
Kompilation aus Gioacchino Rossini: Otello, 1816,
in einer, weil man sich diskutierende Katzen spontan eher jungisch vorstellt, angemessen verspielten Version von ungenannten Solisten des Coro del Liceo Franco Mexicano im Palacio de Bellas Artes, 2010:

Written by Wolf

16. Dezember 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Das Tier & wir, Romantik

2. Katzvent: „Ich mag euch nicht“, wird die Katze denken

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Der Advent 2016 führt uns nicht mehr einfach das künstlerische Schaffen über Katzen vor,
sondern das von Katzen.

„Auf die Idee der sprechenden Katze war Liam Gillick nach monatelangen Vorbereitungen in seiner eigenen Küche gekommen, wo er von der Katze seines Sohnes umschlichen und bei der Arbeit gestört wurde“, berichtet Kater Paul. Gut, auf die Idee kann man draufkommen, so als Katze.

Leider überliefern weder ihr Mitarbeiter Herr Gillick noch „die Küchenkatze“ selbst den Namen der Künstlerin. Ihre eigentliche Kunst bestand wohl hauptsächlich darin, mit dem mit Zeitungspapier gestopften Maul zu sprechen. Entfernen, was sie unter normalen Umständen als erstes getan hätte, konnte sie ihre Maulsperre nicht, weil sie leider schon ausgestopft war.

Eine süße Miezekatze, die sprechen kann, oben auf dem Küchenschrank mit einem süßen roten Halsband, und dann noch als Installation von einem süßen Engländer, der als erster nicht-deutscher Muttersprachler den Deutschen Pavillon eröffnen darf! Und dann lassen sie die Leute ratlos in ihren aseptischen Spanplattenreihen herumtapsen und machen nichts aus ihrer selbst gebauten Steilvorlage des Cat Contents.

Das war nicht auf britische Weise schwarzhumorig. Das war morbid. Bei Ikea ist’s lustiger. Schade, da wäre mehr drin gewesen.

Liam Gillick’s How Are You Going To Behave. A Kitchen Cat Speaks for the German Pavillion, Giardini, Venice Biennale, 2009, via Your Studio, Modern Treasures from the Venice Biennale, June 9th, 2009

——— Liam Gillick:

Wie würden Sie sich verhalten? Eine Küchenkatze spricht

How are you going to behave? A kitchen cat speaks,
Installation im Deutschen Pavillon der Biennale di Venezia 53, Internazionale d’Art, Venedig, 2009,
Übersetzung via Deutscher Pavillon, 10. Oktober 2009 bis 10. Januar 2010:

Es wird eine sprechende Katze geben. Alle Menschen des Ortes werden sehr stolz auf ihre sprechende Katze sein.

Die Menschen werden täglich kommen um zu hören, was sie zu sagen hat.

Sie wird sehr zynisch sein, aber nicht bösartig.

Sie wird alles sehen und alles verstehen.

Nach einer Weile werden die Leute nur am Wochenende kommen oder auf dem Heimweg von der Arbeit oder der Schule vorbeischauen.

In ruhigen Zeiten werden sie kommen und der Katze aus der Zeitung vorlesen oder im Internet surfen und gute Geschichten über das Weltgeschehen, die von Interesse sein könnten, auftreiben.

Eines Morgens wird es regnen.

Die Dinge in der Welt werden sehr ruhig gewesen sein und die Katze wird nichts zu sagen haben. Man könnte sogar denken, sie sei leicht depressiv.

Ein kleiner Junge und ein kleines Mädchen werden kommen, um die Katze auf ihrem Weg zur Schule zu besuchen. Diese Art von Dingen wird die Katze nervös machen.

Sie wird raffiniert sein, aber ihre Gefühle durch Bewegungen ihres Schwanzes verraten. Die Katze wird ein gewisses Maß an ordnung verlangen. Sie wird das als „natürliche Ordnung“ bezeichnen – etwas, das davon ausgeht, dass man den Menschen vertrauen kann, dass sie das Richtige tun.

Und die Katze auf dem Weg zur Schule zu besuchen wird nicht immer das Richtige sein, denn es wird bedeuten, dass die Kinder zu spät kommen werden.

Wie wir jedoch herausfinden werden, wird die Katze leicht depressiv sein, da sie unter Langeweile leidet und auch unter ihrer Rolle als einzig sprechender Katze auf der ganzen Welt.

Die Katze wird wissen wollen, was los ist.

Nur durch das Füttern mit Information wird sie weise, interessant oder sogar witzig sein. Aber an diesem Tage wird sie keine neuen Geschichten parat haben.

Sie wird hoffen, dass die Kinder Google News oder sogar Le Monde Diplomatique lesen und ihr überraschend agiles Gehirn füttern.

Aber die Kinder werden nur im Gang herumstehen. Sie werden ein wenig Angst vor der sprechenden Katze haben.

Irgendetwas an ihr wird sie nervös machen.

Irgendetwas tief in ihrer Psyche wird wissen, dass da etwas Böses in dem Gebäude ist.

Aber sie werden es mögen, wenn die Katze hustet.

Sie werden es süß finden, wenn die Katze lacht.

Aber wenn sie weint, werden sie tagelang Albträume haben – schlimme Albträume, die sie nicht werden kontrollieren können und die zu den schlimmsten Zeitpunkten auftreten.

Albträume, die sie aufwecken werden und sie an Maschinen in der Wüste denken lassen, die schreckliche Dinge tun.

Daher werden die Kinder nur im Gang herumstehen.

Unbeweglich.

Und die Katze wird oben auf den Küchenschränken sitzen bleiben.

Die Katze wird nicht sprechen.

Die Kinder werden nicht sprechen.

Die Katze wird in der Küche sein und die Kinder werden in der Küche sein.

Um aus dieser Sackgasse herauszukommen, wird die Katze husten und ihren Kopf bewegen.

Sie wird sprechen, aber anders als andere Katzen wird sie nicht mehr lächeln.

„Na, was macht ihr da?“

Wird die Katze sagen.

Sie wird ein paar Tage lang nicht gesprochen haben, und wann immer das passiert, wird sie ihren Akzent und ihre Klarheit verloren haben, und sie wird beginnen, mit einem Katzenakzent zu sprechen.

Die Kinder werden so etwas hören wie

„Naaa, waaas maaacht eeeer daaar?“

Sie werden näher herankommen. In der Hoffnung, klarer zu verstehen.

„Was hat sie gesagt?“ Wird das Mädchen zu dem Jungen sagen.

„Etwas von Wasser und Gefahr“, wird der Junge sagen.

„Ich glaube nicht.“ Wird das Mädchen sagen.

Die Katze wird versuchen zu lächeln, aber sie wird das Gesicht nur zu einer hässlichen Grimasse verziehen.

„Ich mag sie nicht“, wird der Junge sagen.

„Ich mag sie nicht“, wird das Mädchen sagen.

„Ich mag euch nicht“, wird die Katze denken.

„Bitte kommt und erzählt mir was“, wird die Katze sagen.

Der Junge und das Mädchen werden noch näher kommen.

Sie werden neugierig sein, wie sich das Fell der Katze anfühlt und herausfinden wollen, ob sie gerne gestreichelt wird. Wenn sie einmal anfängt zu sprechen, werden die Leute sie eher respektieren als lieben.

Aber sie werden auch aufhören, die Katze anzufassen.

Es wird einen Zeitpunkt gegeben haben, als die Leute sie anfassten, liebten und mit ihr spielten.

Aber jetzt wollen alle ihre Meinung hören zur Geschichte totalitärer Architektur oder zur Kreditrestriktion im Zusammenhang gescheiterter Modelle von Globalisierung.

An diesem Morgen, nach all dem Regen und der leichten Depression wird die Katze spüren, wie ihr Katzensein zurückkehrt.

Sie wird jemanden haben wollen, der ihr vorliest, aber mehr noch, sie wird wollen, dass diese beiden Kinder mit ihr spielen.

Der Junge wird dem Mädchen seine Hand reichen.

Sie wird seine Hand in ihre nehmen.

Sie werden ganz langsam auf die Katze zulaufen.

„Guten Morgen, sprechende Katze“, wird das Mädchen sagen, denn es ist sehr mutig in komplizerten sozialen Situationen.

„Morgen“, wird die Katze sagen und sich bemühen, ihre Stimme zurückzugewinnen und so deutlich wie ein Mensch zu sprechen.

„Wenn es euch nicht zu viel ausmacht“, wird die Katze sagen, „könntet ihr mich über das Weltgeschehen auf dem Laufenden halten. Ich würde mich freuen, wenn ihr ein paar News Aggregatoren für mich im Internet durchseht.“

Die Kinder werden verwirrt aussehen. Sie werden nicht wissen, was ein News Aggregator ist.

Diese Katze wird mit der Zeit ein wenig prätentiös geworden sein.

„Wir hatten gehofft, du würdest uns was erzählen“, wird der Junge sagen.

„Wir haben heute schulfrei“, wird das Mädchen lügen.

Der Junge wird nervös schauen.

Die Katze wird klug sein und die Schulzeiten kennen.

Die Katze wird wissen, dass die Schule in fünf Minuten anfängt und die Kinder auf jeden Fall zu spät kommen werden.

Aber ausgerechnet heute wird es ihr nichts ausmachen.

Es wird sie nicht kümmern, dass die Kinder ihren Unterricht oder ihre große Pause verpassen.

Es wird sie nicht kümmern, dass sie das Mittagessen oder die freie Zeit in der Bücherei verpassen.

Alles, was ihr wichtig ist, ist, dass jemand hier ist an einem dunklen Tag in einem dunklen Gebäude.

Sie wird schniefen.

Der Atem der Kinder wird nahe sein.

Sie wird gelernt haben, dass die Menschen wissen, dass Katzen ihren Atem stehlen.

Die Katze wird gelernt haben, dass das Blödsinn ist.

Es sind Gebäude wie dieses, die den Menschen den Atem stehlen.

Wie auch immer. Was ist schon dabei, sich für eine Weile den Atmen eines Kindes auszuleihen?

Alles, was Katzen wissen, ist, dass er süß riecht und voller Intelligenz ist, Güte und Spaß.

Sie wird einen tiefen verstohlenen Zug aus dem Atem der Kinder nehmen und während sie taumeln und in Ohnmacht fallen, davonschweben und träumen, wird sie beginnen, ihnen eine wahre Geschichte über die Weisheit einer Küchenkatze zu erzählen…

Liam Gillick's Wie würden Sie sich verhalten. Eine Küchenkatze spricht. How are you going to behave. A kitchen cat speaks, 2009. Installation view in the German Pavilion at La Biennale di Venezia 53, Internazionale d'Art, Venice, 2009. Photo courtesy the artist, via Walker Art Center, 9 Artists. Bartholomew Ryan on Liam Gillick, Walker Art Center, 24. Juni 2014

Fachliteratur: Liam Gillick: Der Katalog bei Sternberg Press, einsehbar bei les presses du réel, 2009;
Simon Bond: Was tun mit toten Katzen?, Rowohlt, 1982.

Bilder: Liam Gillick’s ‚How Are You Going To Behave? A Kitchen Cat Speaks‘ for the German Pavillion, Giardini, Venice Biennale, 2009, via Your Studio: Modern Treasures from the Venice Biennale, 9. Juni 2009;
Liam Gillick’s Wie würden Sie sich verhalten? Eine Küchenkatze spricht (How are you going to behave? A kitchen cat speaks) 2009. Installation view in the German Pavilion at La Biennale di Venezia 53, Internazionale d’Art, Venice, 2009. Photo courtesy the artist, via Walker Art Center: 9 Artists: Bartholomew Ryan on Liam Gillick, 24. Juni 2014.

Als Bonus Track eins von den kinderfreundlichen Liedern, die bei Neunziger-Retrospektiven dauernd übergangen werden, aber das musikvisuelle Schaffen der Neunziger recht gut zusammenfassen: Ugly Kid Joe: Cat’s in the Cradle aus: America’s Least Wanted, 1992:

Written by Wolf

9. Dezember 2016 at 00:01

1. Katzvent: Im Bewusstsein seines Wertes sitzt der Kater auf dem Dach

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Update zum 2. Katzvent: Confundatus cattus. Schande über den Kater:

Der Advent 2016 führt uns nicht mehr einfach das künstlerische Schaffen über Katzen vor,
sondern das von Katzen.

Als reales Vorbild für den Kater Hiddigeigei gilt der schwarze Kater, möglicherweise gleichen Namens, des Bruchsaler Hofgerichtsrats Albert Preuschen, der unter dem Pseudonym Gerhard Helfrich Gedichte in Zeitschriften und Anthologien zum Drucke gab. — Der Hofgerichtsrat, nicht der Kater.

Hiddigeigei ist keineswegs der erste bekannt gewordene Kater, der mit eigenen Werken hervortrat, wahrscheinlich aber der erste, der aus Ungarn stammt, in Paris kein Auskommen fand, sondern erst in Säckingen, obwohl es seinerzeit noch nicht einmal Kurort war. Beschrieben wird er als grünäugig, mit schwarzem Samtfell, mächtigem Schweif und einem „zuweilen hochmütigen Dulderantlitz“ — kurz: ganz ähnlich wie unser Kater Merlin, der literarisch noch nicht weiter belegt ist. Bad Säckingen erinnert sich an Hiddigeigei:

Sein Glaube an das Gute ist zerbrochen; aus enttäuschter Liebe „lernt er die Welt verachten“. Der arme Kater fürchtet sich vor dem Alter und beschreibt den Niedergang der Menschen und der Dichtung.

Lesen, schreiben und singen konnte nach dem hofgerichtsrätlichen Kater erst diese literarische Ausgestaltung aus Victor von Scheffels (das ist der Schwabe, der die Hymne der Franken geschrieben hat) Best- und Longseller Der Trompeter von Säckingen, 1854. Das ist eine Art Romeo-und-Julia-Geschichte mit Erwachsenen, und eigentlich inzwischen, wie im Untertitel ausgewiesen, nicht mehr ein Sang vom Oberrhein, weil Bad Säckingen, das überhaupt erst seit 1978 „Bad“ heißt, im weiteren Verlauf des 19. Jahrhundetrs geologisch dem Hochrhein zugerechnet wurde — was sich allerdings literarisch nicht merklich auswirkt.

Das Bildmaterial bringt einige auffallende Highlights aus der Darstellungsgeschichte schwarzer Kater, weil unter „Kater Hiddigeigei“ meist nur die gleichnamige, mittlerweile erloschene Gaststätte auf Capri, wo Scheffel den Trompeter schrieb, oder die noch florierende in Bad Säckingen, wo er offiziell fortlebt und weiterhin Trompete bläst, verstanden wird.

Werbung Vornehmer Tafellikör Hiddigeigei, Heidelberger historische Bestände – digital

——— Victor von Scheffel:

Die Lieder des Katers Hiddigeigei

aus: Der Trompeter von Säckingen. Ein Sang vom Oberrhein;
Vierzehntes Stück. Das Büchlein der Lieder. II.,
Verlag der J. B. Metzlerschen Buchhandlung, Stuttgart 1854:

I.

Arthur Rackham illustration, Jorinda and Joringel from Grimm’s Fairy Tales, 1909Eigner Sang erfreut den Biedern,
Denn die Kunst ging längst ins Breite,
Seinen Hausbedarf an Liedern
Schafft ein jeder selbst sich heute.

Drum der Dichtung leichte Schwingen
Strebt‘ auch ich mir anzueignen;
Wer wagt’s, den Beruf zum Singen
Einem Kater abzuleugnen?

Und es kommt nicht minder teuer,
Als zur Buchhandlung zu laufen
Und der andern matt‘ Geleierv
Fein in Goldschnitt einzukaufen.

II.

Wenn im Tal und auf den Bergen
Mitternächtig heult der Sturm,
Klettert über First und Schornstein
Hiddigeigei auf zum Turm.

Einem Geist gleich steht er oben,
Schöner, als er jemals war.
Feuer sprühen seine Augen,
Feuer sein gesträubtes Haar.

Und er singt in wilden Weisen,
Singt ein altes Katerschlachtlied,
Das wie fern Gewitterrollen
Durch die sturmdurchbrauste Nacht zieht.

Nimmer hören ihn die Menschen,
Jeder schläft in seinem Haus,
Aber tief im Kellerloche
Hört erblassend ihn die Maus.

Und sie kennt des Alten Stimme,
Und sie zittert, und sie weiß:
Fürchterlich in seinem Grimme
Ist der Katerheldengreis.

III.

Hans Thoma, The CatVon des Turmes höchster Spitze
Schau‘ ich in die Welt herein,
Schaue auf erhab’nem Sitze
In das Treiben der Partein.

Und die Katzenaugen sehen,
Und die Katzenseele lacht,
Wie das Völklein der Pygmäen
Unten dumme Sachen macht.

Doch was nützt’s? ich kann den Haufen
Nicht auf meinen Standpunkt ziehn,
Und so laß ich ihn denn laufen,
’s ist wahrhaft nicht schad‘ um ihn.

Menschentun ist ein Verkehrtes,
Menschentun ist Ach und Krach;
Im Bewußtsein seines Wertes
Sitzt der Kater auf dem Dach! —

IV.

O die Menschen tun uns unrecht,
Und den Dank such‘ ich vergebens,
Sie verkennen ganz die feinern
Saiten unsers Katzenlebens.

Und wenn einer schwer und schwankend
Niederfällt in seiner Kammer,
Und ihn morgens Kopfweh quälet,
Nennt er’s einen Katzenjammer.

Katzenjammer, o Injurie!
Wir miauen zart im stillen,
Nur die Menschen hör‘ ich oftmals
Graunhaft durch die Straßen brüllen.

Ja, sie tun uns bitter unrecht,
Und was weiß ihr rohes Herze
Von dem wahren, tiefen, schweren,
Ungeheuren Katzenschmerze?

V.

Irina Savateeva, Hi, September 2016Auch Hiddigeigei hat einstmals geschwärmt
Für das Wahre und Gute und Schöne.
Auch Hiddigeigei hat einst sich gehärmt
Und geweint manch sehnsüchtige Träne.

Auch Hiddigeigei ist einstmals erglüht
Für die schönste der Katzenfrauen,
Es klang wie des Troubadours Minnelied
Begeistert sein nächtlich Miauen.

Auch Hiddigeigei hat mutige Streich‘
Vollführt einst, wie Roland im Rasen,
Es schlugen die Menschen das Fell ihm weich,
Sie träuften ihm Pech auf die Nasen.

Auch Hiddigeigei hat spät erst erkannt,
Daß die Liebste ihn schändlich betrogen,
Daß mit einem ganz erbärmlichen Fant
Sie verbotenen Umgang gepflogen.

Da ward Hiddigeigei entsetzlich belehrt,
Da ließ er das Schwärmen und Schmachten,
Da ward er trotzig in sich gekehrt,
Da lernt‘ er die Welt verachten.

VI.

Schöner Monat Mai, wie gräßlich
Sind dem Kater deine Stunden,
Des Gesanges Höllenqualen
Hab‘ ich nie so tief empfunden.

Aus den Zweigen, aus den Büschen
Tönt der Vögel Tirilieren,
Weit und breit hör‘ ich die Menschheit
Wie im Taglohn musizieren.

In der Küche singt die Köchin,
Ist auch sie von Lieb‘ betöret?
Und sie singet aus der Fistel,
Daß sie Seele sich empöret.

Weiter aufwärts will ich flüchten,
Auf zum luftigen Balkone,
Wehe! – aus dem Garten schallt der
Blonden Nachbarin Kanzone.

Unterm Dache selber find‘ ich
Die gestörte Ruh‘ nicht wieder,
Nebenan wohnt ein Poet, er
Trillert seine eignen Lieder.

Und verzweifelt will ich jetzo
In des Kellers Tiefen steigen,
Ach! – da tanzt man in der Hausflur,
Tanzt zu Dudelsack und Geigen.

Harmlos Volk! In Selbstbetäubung
Werdet ihr noch lyrisch tollen,
Wenn vernichtend schon des Ostens
Tragisch dumpfe Donner rollen!

VII.

Godmachine, Noichitat, Dark WaterMai ist’s jetzo. Für den Denker,
Der die Gründe der Erscheinung
Kennt, ist dieses nicht befremdlich.
In dem Mittelpunkt der Dinge
Stehn zwei alte weiße Katzen,
Diese drehn der Erde Achse,
Dieser Drehung Folge ist dann
Das System der Jahreszeiten.
Doch warum im Monat Maie
Ist das Aug‘ mir so beweglich,
Ist das Herz mir so erreglich?
Und warum wie festgenagelt
Muß im Tag ich sechzehn Stunden
Zum Balkon hinüberschielen,
Nach der blonden Mullimulli,
Nach der schwarzen Stibizzina?

VIII.

In den Stürmen der Versuchung
Hab‘ ich lang schon Ruh‘ gefunden,
Doch dem Tugenhaftsten selber
Kommen unbewachte Stunden!

Heißer als in heißer Jugend
Überschleicht der alte Traum mich,
Und beflügelt schwingt des Katers
Sehnen über Zeit und Raum sich.

O Neapel, Land der Wonne,
Unversiegter Nektarbecher!
Nach Sorrent möcht‘ ich mich schwingen,
Nach Sorrent, aufs Dach der Dächer.

Der Vesuvius grüßt, es grüßt vom
Dunkeln Meer das weiße Segel,
Im Olivenwald ertönt ein
Süß Konzert der Frühlingsvögel.

Zu der Loggia schleicht Carmela,
Sie, die schönste aller Katzen,
Und sie streichelt mir den Schnauzbart,
Und sie drückt mir leis die Tatzen,

Und sie schaut mich an süß schmachtend —
Aber horch, es tönt ein Knurren.
Ist’s vom Golf der Wellen Rauschen?
Ist es des Vesuvius Murren?

’s ist nicht des Vesuvius Murren,
Der hält jetzo Feierstunde,
— In dem Hof, Verderben sinnend,
Bellt der schlechtste aller Hunde.

Bellt der schechtste aller Hunde,
Bellt Krakehlo, der Verräter,
Und mein Katertraum zerrinnet
Luftig in den blauen Äther.

IX.

Michael Creese, Night ProwlerHiddigeigei hält durch strengen
Wandel rein sich das Gewissen,
Doch er drückt ein Auge zu, wenn
Sich die Nebenkatzen küssen.

Hiddigeigei lebt mit Eifer
Dem Beruf der Mäusetötung,
Doch er zürnt nicht, wenn ein andrer
Sich vergnügt an Sang und Flötung.

Hiddigeigei spricht, der Alte:
Pflück‘ die Früchte, eh‘ sie platzen;
Wenn die magern Jahre kommen,
Saug an der Erinn’rung Tatzen!

X.

Auch ein ernstes gottesfürchtig
Leben nicht vor Alter schützet,
Mit Entrüstung seh‘ ich, wie schon
Graues Haar im Pelz mir sitzet.

Ja die Zeit tilgt unbarmherzig,
Was der einzle keck geschaffen —
Gegen diesen scharfgezahnten
Feind gebricht es uns an Waffen.

Und wir fallen ihm zum Opfer,
Unbewundert und vergessen;
— O ich möchte wütend an der
Turmuhr beide Zeiger fressen!

XI.

Felix Vallotton, Femme accroupie offrant du lait a un chat, 1919Vorbei ist die Zeit, wo der Mensch noch nicht
Den Erdball unsicher machte,
Wo der Urwald unter dem Vollgewicht
Des Mammutfußtritts erkrachte.

Vergeblich spähst du in unserm Revier
Nach dem Löwen, dem Wüstensohne;
Es ist zu bedenken: wir leben allhier
In sehr gemäßigter Zone.

In Leben und Dichtung gehört das Feld
Nicht dem Großen und Ungemeinen;
Und immer schwächlicher wird die Welt,
Noch kommen die Kleinsten der Kleinen.

Sind wir Katzen verstummt, so singt die Maus,
Dann schnürt auch die ihren Bündel;
Zuletzt jubiliert noch in Saus und Braus
Das Infusorien-Gesindel.

XII.

An dem Ende seiner Tage
Steht der Kater Hiddigeigei,
Und er denkt mit leiser Klage,
Wie sein Dasein bald vorbei sei.

Möchte gerne aus dem Schatze
Reicher Weisheit Lehren geben,
Dran in Zukunft manche Katze
Haltpunkt fänd‘ im schwanken Leben.

Ach, der Lebenspfad ist holpernd,
— Liegen dort so manche Steine,
Dran wir Alte, schmählich stolpernd,
Oftmals uns verrenkt die Beine.

Ach, das Leben birgt viel Hader
Und schlägt viel unnütze Wunden,
Mancher tapfre schwarze Kater
Hat umsonst den Tod gefunden.

Doch wozu der alte Kummer,
Und ich hör‘ die Jungen lachen,
Und sie treiben’s noch viel dummer,
Schaden erst wird klug sie machen.

Fruchtlos stets ist die Geschichte;
Mögen sehn sie, wie sie’s treiben!
— Hiddigeigeis Lehrgedichte
Werden ungesungen bleiben.

XIII.

Reading Naked, October 30th, 2016Arm wird matter, Stirn wird bleicher,
Balde reißt des Lebens Faden,
Grabt ein Grab mir auf dem Speicher,
Auf der Walstatt meiner Taten!

Fester Kämpe, trug die ganze
Wucht ich hitzigen Gefechtes:
Senkt mich ein mit Schild und Lanze
Als den Letzten des Geschlechtes.

Als den letzten, — o die Enkel,
Nimmer gleichen sie den Vätern,
Kennen nicht des Geists Geplänkel,
Ehrbar sind sie, steif und ledern.

Ledern sind sie und langweilig,
Kurz und dünn ist ihr Gedächtnis;
Nur sehr wen’ge halten heilig
Ihrer Ahnherrn fromm Vermächtnis.

Aber einst, in fernen Tagen,
Wenn ich längst hinabgesargt bin,
Zieht ein nächtlich Katerklagen
Zürnend über euren Markt hin.

Zürnend klingt euch in die Ohren
Hiddigeigeis Geisterwarnung:
„Rettet euch, unsel’ge Toren,
Vor der Nüchternheit Umgarnung!“

Giorgio Sommer, Napoli, Zum Kater Hiddigeigei, Capri 1886 via Galerie Bassenge, Wikimedia Commons

Katzenbilder:

  1. Vornehmer Tafellikör Hiddigeigei: Magazin Jugend, 1921 via Heidelberger historische Bestände digital;
  2. Arthur Rackham: Jorinda and Joringel from Grimm’s Fairy Tales, 1909 via The Cinder Fields;
  3. Hans Thoma: Die Katze via The Macabre & The Bold;
  4. Irina Savateeva: Hi, September 2016 via Haunted by Storytelling;
  5. Godmachine: Dark Water via Noichitat;
  6. Michael Creese: Night Prowler, nach 2009;
  7. Felix Vallotton: Femme accroupie offrant du lait a un chat, 1919;
  8. Reading Naked, 30. Oktober 2016;
  9. Giorgio Sommer, Napoli: Zum Kater Hiddigeigei, Capri 1886 via Galerie Bassenge.

Soundtrack: Die sangesbegabten Katerbuben Al & The Black Cats:
The Light Hit Her Eyes, aus: Givin‘ Um Something to Rock’n’Roll About, 2008:

Written by Wolf

2. Dezember 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Biedermeier, Das Tier & wir