Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for the ‘Das Tier & wir’ Category

Der brennende Schmerz schwand und die Wunde ward heil

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Update zu Das Beste sind die Kartoffeln:

Die „wohl bedeutendste Privatsammlung zu Jean Paul“ ist laut Eigenauskunft das Jean-Paul-Museum der Stadt Bayreuth, eröffnet 1980, erweitert 1994 und vollständig neu gestaltet anlässlich des 250. Geburtstags 2013. Mein Exemplar des Katalogs der dortigen ständigen Ausstellung stammt von 2000, lange vor der Wiedereröffnung — was nützlicher ist gar kein Exemplar, weil das Bayreuther Museum im Gegensatz zum kleineren in Joditz — laut Eigenauskunft „das ‚jeanpaulste‘ aller Museen für den Dichter“ — keine eigene Webpräsenz als eine Unterseite innerhalb bayreuth-tourismus.de hat. Dafür bringt Joditz das entschieden bessere Bildmaterial, das deshalb etwas unpassender Weise hier verwendet wird.

Eberhard Schmidt, Jean-Paul Museum Joditz, Impressionen

Anno 2000 führt besagter Katalog ohne Abbildung das Exponat eines Buches von Justus Friedrich Zehelein: Vermischte Gedichte, 1789. Seite 21 unten, über den Museumssaal 4: Die Reise nach Weimar. 1796. Die Titaniden.:

Der Justizamtmann aus Neustadt am Kulm hat seine Gedichte „in Commission“ erscheinen lassen. Das Gedicht „Bienenstich“ hieraus hat sich der oft in Bayreuth bei seinen Nichten und Jean Paul weilende Karl Ludwig von Knebel abgeschrieben und in Weimar Goethe gezeigt. Durch dessen Abschrift ist es schließlich moduliert in die Nachgelassenen Gedichte der „Sophien-Ausgabe“ geraten.

Kindlich enttäuscht war ich bei der Recherche allein darüber, dass ein Gedicht namens „Bienenstich“ tatsächlich von einem wörtlich verstandenen Insektenstich und nicht von Kuchen handelte. Wie zum Trost steht es in beiden Versionen im Versmaß des Distichons, was es umso erstaunlicher macht, dass es metrisch als Lied funktioniert.

Eberhard Schmidt, Jean-Paul Museum Joditz, Impressionen

——— Justus Friedrich Zehelein:

Der Bienenstich.

in: Vermischte Gedichte von Just. Friedrich Zehelein,
Baireuth, im Verlag der Zeitungsdrukerei und in Kommission bei J. A. Lübecks Erben, 1789, Seite 226:

Als ich, Sami! mit Dir Blumen jüngst brach in dem Garten
Da verwundete heiß, mir ein Bienchen die Hand,

Und Du riethest mir weise, mit Erde zu kühlen die Wunde
Und der brennende Schmerz schwand und die Wunde ward heil.

Sami! wird auch die Wunde, die in dem Herzen mir blutet,
Dann erst gekühlet und heil, wenn sie die Erde bedekt?

Eberhard Schmidt, Jean-Paul Museum Joditz, Impressionen

Die in dem Katalog erwähnten Modulationen seitens Knebel — oder, später in Weimar, Goethe — betreffen die Überschrift und die Umstellung von der Ich-Form auf die 3. Person:

——— Johann Wolfgang Goethe:

An Sami

Indisches Gedicht

in: Sophienausgabe, Erste Abtheilung, Band 5, Hermann Böhlau, Weimar 1893, Seite 49:

Als er, Sami, mit dir jüngst Blumen brach in dem Garten,
Stach ihn ein Bienchen, und heiß schmerzte die blutende Hand.
Weise rietest du ihm mit Erde zu kühlen die Wunde,
Und der brennende Schmerz schwand, und die Wunde ward heil.
Sami, wird auch die Wunde, die in dem Herzen ihm blutet,
Dann erst gekühlet und heil, wenn sie die Erde bedeckt?

Eberhard Schmidt, Jean-Paul Museum Joditz, Impressionen

An Vertonungen sind bekannt: eine von Johann Xaver Sterkel, eine von Carl Blum, 1818
und eine von Carl Loewe, aus: 3 Gedichte, opus 104 Nr. 2, 1844,
samt deren Einspielung mit Elisabeth Schwarzkopf, Klavier Michael Raucheisen, ca. 1941–1943:

Bilder: Jean-Paul Museum Joditz: Impressionen:

Eberhard Schmidt, Bilder wurden teilweise von Besuchern zur Verfügung gestellt. Vielen Dank!

Eberhard Schmidt, Jean-Paul Museum Joditz, Impressionen

Bonus Track: David Olney & Anana Kaye: My Favorite Goodbye, aus: Whispers and Sighs, 2021:

Written by Wolf

24. September 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Das Tier & wir, Klassik

Ich lese jedes Wort von Dir. Die Andern liefern nur Geschmier. (Also sprach der kleine Mops)

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Update zu Charakter ist nur Eigensinn. Es lebe die Zigeunerin!:

Zum 105. Todestag von Paul Scheerbart (* 8. Januar 1863 in Danzig; † 15. Oktober 1915 in Berlin) bringe ich seinen zweiten Band Gedichte, der stark nach geistigem Getränke duftet und deshalb oft mit dem ersten, der Katerpoesie, zusammengefasst wird. Offensichtlich wurde der Band posthum veröffentlicht und ist seinerseits einhundertjährig.

Hei, wer besoffen so schön herumspinnen könnte. Das Getränk ist noch frisch, die Gedichte höchst genießbar, ja: süffig.

——— Paul Scheerbart:

Die Mopsiade

Alfred Richard Meyer, Berlin-Wilmersdorf 1920:

Von dieser ersten Auflage, Herbst 1920 erschienen, wurden 20 Exemplare auf echt China-Papier abgezogen und von RUDOLF WEIDNER, NAUMBURG a. S., in Buntpapier gebunden. — Das Titelblatt zeichnete der Dichter.

Paul-Scheerbart-Vignette

Mopsiade

Paul Scheerbart, Die Mopsiade, 1920, CoverFür den ersten Welterlöser
Muss ich mich natürlich halten.
Also sprach der kleine Mops,
Der zu Hause lebt von Klops.

Paul-Scheerbart-Vignette

Das quiekende Ei

Und wärmer wird’s im Frühlingswald.
Die alte Sonne scheint nicht kalt,
Sie scheint wie tausend Öfen.
Im Wasser lag das weisse Ei.
Es quiekte auf dem Schreibtisch
Eine schöne Dichterei.

Paul-Scheerbart-Vignette

Masslied

Liebe, labe, lobe mich!
Aber nicht so fürchterlich!
Denn die grossen Freuden
Sind mir viel zu viel …
Lebe, liebe dich nur aus –!
Doch mit Laben, Loben halte Haus!

Paul-Scheerbart-Vignette

Schlingwahn!

„Alte Jacken!“ „Alte Jacken!“
Ruft das alte Weib.
Und es bläst in ihren Nacken
Der Hansnarr zum Zeitvertreib.

„Lasst ihn blasen!“ „Lasst ihn blasen!“
Schreit das alte Weib.
Und sie setzt sich auf den Rasen
Mit dem alten Leib.

„Grüss den Springhahn!“ „Grüss den Springhahn!“
Krächzt das alte Weib.
Und sie singt von einer Hinkbahn,
Sagt zum Narren: „Bleib!“

„Auf zur Hinkbahn!“ „Auf zur Hinkbahn!“
Blärrt das alte Weib.
Doch der Narr sagt: „Nur der Schlingwahn
Ist ein dummer Zeitvertreib.“

„Alte Jacken!“ „Alte Jacken!“
Preist das alte Weib.
Doch der Narr sagt: „Lass die Schnaken!
Denn die füllen keinen Leib.“

Paul-Scheerbart-Vignette

Noch ein Mal!

Lass dich noch ein Mal
im tollsten Rausche
Verzückt umfangen –

Lass dir noch ein Mal
So selig küssen
Auf Hals und Wangen –

Lass mich noch ein Mal,
Ach nur noch ein Mal
Zu dir gelangen –

Hurrah!

4. Dezember 95.

Paul-Scheerbart-Vignette

Was ist ein Original?

Was ist ein Original?
Ein Ei ohne Schal‘. –
Zum Fressen für die Helläugigen …
Wie lebt ein Original?
In Angst und Qual. –
Schliesslich, schliesslich wird’s nur
Gefressen von den Helläugigen …
Wer sieht dann das Original?
Was weiss ich?
Fürchterlich – fürchterlich –
Ein Ei ohne Schal‘.
Ich weiss – ich weiss:
Nur eine Rettung gibt’s –
Kocht hart, kocht hart
Das Ei ohne Schal‘!
Lass dich vom rauhen Leben
Hart kneten, du Original!
Dann liegst du den Helläugigen
Recht schwer im Magen –
Sie können dich dann nicht vertragen.

Paul-Scheerbart-Vignette

Der grosse Mann und der Schlaukopp
oder
Der gegenseitige Kultus

Paul Scheerbart, Die Mopsiade, 1920, Titelzeichnung„Mein Freund, Du bist der grösste Mann!
Es zweifelt keine Seele dran!
Ich lese jedes Wort von Dir.
Die Andern liefern nur Geschmier.
Du bist der Einz’ge, der was kann!
O glaub’s, Du bist der grösste Mann!
Was Andre reden, ist nur Quatsch.
Drum reich mir freundlich Deine Patsch!
Wir gründen einen Männerbund
Und hauen los auf jeden Schund!
Damit man endlich doch mal seh,
Worin die wahre Kunst besteh!
Und will einmal ein Schweinehund
Verhöhnen unsern Männerbund,
So kommen wir mit Knüppeln an
Und zeigen, was ein Mann noch kann.
Vor uns muss Jeder tief sich bücken
Und dabei weg sein vor Entzücken!“
So sang voll Hohn ein Bösewicht
Dem Freunde Süsses ins Gesicht.
Und dieser Gute merkte nicht,
Wie leicht das Süsse an Gewicht.
„Der grösste Mann“, rief er voll Stolz,
„Der sei jetzt länger nicht von Holz!“
Und er begann vergnügt zu zechen
Und musste schrecklich dabei blechen.
Der Bösewicht, der freut sich drob,
Er wird beim zwölften Glase grob.
Jedoch der grösste Mann vergisst,
Dass ihm sein Freund oft lästig ist.
Er freut sich seines grossen Ruhms,
Gedenkt nicht seines Eigentums.
Bald ist sein Hab und Gut verschwendet.
Der Bösewicht sich von ihm wendet.
Denn grosse Männer ohne Geld
Sind doch das Schlimmste in der Welt.
So geht’s dem Dummen, der gemütlich
Des Freundes Lob hält für sehr gütlich!
Der Schmeichler ist ein Bösewicht –
Oh, kluger Mensch, vergiss das nicht!
Auch arme Menschen sollen lächeln,
Wenn sie ein Schmeichler will umfächeln.
Verrate deine Grösse nie!
Sei nur ein heimliches Genie!

Paul-Scheerbart-Vignette

Die Galle

Ein Tafelgedicht

Mit Euch an einem Tisch zu sitzen
Macht mir den grössten Höllenspass.
Ich träume schon von Euren Witzen.
Wohl dem, der mit Euch Austern ass.

Denn was Ihr trinkt
Ist pure Galle.
Und was Ihr esst
Ein alter Quark.

Recht grob möcht ich Euch Allen sagen,
Dass Ihr mir nie mehr könnt behagen.
Ihr seid das Luderpack der Welt
Und habt mir manchen Tag vergällt!

Paul-Scheerbart-Vignette

Sommernacht

     Nun lasst uns wieder preisen
Die grosse prächtige Sommernacht!
     Nun lasst uns wieder trinken
Den schweren Feuertrank!
     Nun lasst uns wieder jubeln!
Wir sind ja gar nicht müd und krank.
Nun lasst uns wieder dichten
Den wildesten tollsten Bacchantengesang!
     Nun lasst uns lustig selig sein!
Wein! Wein in die alte Laube hinein!

     Schon funkeln die Sterne da oben.
Hei! Stürmisch das Glas erhoben!
     Sommernacht, sei gepriesen!
Die bunten Lampen bringt auch herbei!
     Und auch die besten Zigarren!
In einer prächtigen Sommernacht
     Soll man prassen, schlemmen und schwelgen!

Paul-Scheerbart-Vignette

Manches Gedicht

Manches Gedicht mit viel Genie
Ist nur Verhöhnung der Poesie.

Paul-Scheerbart-Vignette

Der springende Ton

Der springende Ton,
Der springende Ton,
Der ist mein Sohn!
Und ich bin seine Mutter.
Die backt mit guter Butter
Für ihren Sohn,
Den springenden Ton
Kuchen! – Kuchen!
Dass er sich freuen kann. –
Er wird ein grosser Mann –
Mein lieber Sohn,
Der springende Ton!
Der braucht ein gutes Futter!
Das backt ihm seine Mutter!
Schweige du Hohn!
Es lebe mein Sohn!

Paul-Scheerbart-Vignette

Die letzten Trümpfe

Überwinden, überwinden
Wollen wir die letzten Trümpfe.
Und wenn wir das Letzte finden,
Machen wir uns auf die Strümpfe.

Paul-Scheerbart-Vignette

Die Reifen

Diese Welt besteht aus Reifen,
Die voll Ärger immer pfeifen,
Dass sie Garnichts mehr begreifen!
Sollen sie sich weiter schleifen,
Dürfen sie sich nicht versteifen
Auf das ewig dumme Keifen!
Lasst sie täglich anders pfeifen –
Sonst gehören diese Reifen,
Die uns immer wieder kneifen,
Nicht zu jenen guten Pfeifen,
Deren Wohlklang wir begreifen.

Paul-Scheerbart-Vignette

Kein Gedicht

Ich möchte so gern wie ein Vogel
Durch die Lüfte fliegen.
Ich möchte so gern wie ein Löwe
In der Wüste liegen.
Ich möchte so gern wie ein König
die lange Weile besiegen.
Doch der Glanz der ewigen Sonnen
Begeistert mich heute nicht.
Ich habe Vieles begonnen.
Doch das macht noch kein Gedicht.

25. Juli 1894.

Paul-Scheerbart-Vignette

Das Festland

Tief unten, wo die Zwerge
Hämmern und feilen,
Muss man eilen.

Hoch oben, wo die Adler
Jagen und morden,
Muss man auch eilen –

Nur auf dem Festlande
Kann man ruhig sitzen,
Ohne zu schwitzen –

Man kann da auch liegen.
Ja, ein Festland ist das feste Land!
Wüsst ich nur, wo das Festland liegt!

Paul-Scheerbart-Vignette

???

Und lasst Ihr mich allein,
So will ich mich nicht haben!
Ich werde mein Pein
Schon selber mal begraben.

Paul-Scheerbart-Vignette

Frühling

(Parodie auf die Belebung der Blasierten)

Das soll mein feinster Frühling sein!
Es leuchten tausend Sonnen,
Und hinter den Bergen
Wogen die Meere des ewigen Sommers.
Ich komme noch hin.
Ich komme mit Welten
Und lache gewaltig.
Die Berge sind hoch,
Aber rüber komm ich doch.
Tausend Sonnen beleuchten
Den wilden höckrigen Pfad.
Das soll mein feinster Frühling sein.
Das Sonnenlicht macht Alles rein.
Alte, alte Wunderwelt!

Paul-Scheerbart-Vignette

Nun geh zur Ruh

Oskar Kokoschka, Paul ScheerbartNun geh zur Ruh!
Es ist schon spät,
Nun träume deinen Traum,
Die Welt ist gut,
Die Nacht ist kurz.
Nun träume deinen Traum
Von Liebeslust
Und Seligkeit
Und freundlichen guten Augen
Träume! Träume
Von allen denen,
Die du liebst,
Damit sie dich
Auch lieben –

Paul-Scheerbart-Vignette

Ein Abschiedsvers

Weit in die Welt
Spring nur hinein
Mit wildem Geschrei!
Liebst du die Welt?
Spring nur hinein!
Das Leben lacht!
Grüsse die Welt!
Fall nur hinein!
Mein Leben lacht nicht!
Das wird ein Gedicht
Und muss ernster sein.
Weit in die Welt
Spring nur hinein!
Ich bleibe zurück
Und wünsche dir Glück!

Bilder: Erstauflage: „Das Titelblatt zeichnete der Dichter“, 1920;
Portrait & Vignette: Otto Kokoschka, ohne Jahr.

Soundtrack: Marius Müller-Westernhagen: Es geht mir wie dir, aus: Das erste Mal, 1975:

Ich sehe meine Hände an,
denke mir: Warum sind die dran?
Glaube mir:
Es geht mir wie dir.
Jeden Tag betrunken sein,
ich zahle für den Sonnenschein.
Komm,
mach die Augen zu

Written by Wolf

16. Oktober 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Das Tier & wir, Novecento

Unvernünftige Rede übers unwiederbringlich Verlorene

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Update zu Dieses treffliche Märchen vom Schmidt
und Адвент 1: Über Nacht bin ich tot:

Unter den rhetorischen Strategemen, um eine Diskussion zu gewinnen, ist die Zustimmung, die sogleich den gegenteiligen Schluss aus dem Argument des Diskussionsgegners zieht, das vornehmste. Im Märchen beherrschen sogar Tiere diesen Salto — mit der Extradrehung, dem gegnerischen Argument zuvorzukommen. Jedenfalls im ukrainischen Märchen (empfohlene Quelle: Ukrajinska Prawda). Und wer mir glaubwürdig sagen kann, wie dieser spezielle argumentative Kunstgriff beim Fachausdruck heißt, gewinnt ein Buch von mir. Ein schönes.

Irmhild und Hilmar Proft, Die Nachtigall, Mimi Barillot, Hrsg., Die Sonnenrose. Ukrainische Märchen, 1966Mir fällt immer schwer, Märchen aus eigenem fachlichen Ermessen nach dem Aarne-Thompson-Uther-Index einzuteilen, vor allem wenn Tiere (ATU 1–299), übernatürliches Können oder Wissen (650–699), schwankhafte Geschehnisse (ATU 1200–1963), ein überraschender Zugewinn an Weisheit, der auch ein Übertölpeln des vermeintlich Stärkeren sein könnte, und bestimmt noch einiges, das sich allzu leicht übersieht, auf so engem Raum zusammenkommen. Die Nachtigall aus dem gleichnamigen Märchen kann jedenfalls alles davon.

Gegen die dahingegangene DDR ist mancherlei vorzubringen, aber die Märchenbücher dieses Landes, denen gleich mehrere volkseigene Betriebe des Buchgewerbes und nicht wenige international wirksame Erzähler, Übersetzer und Illustratoren oblagen, sind bis heute unübertroffen schön. Soviel weiß man.

Die Sonnenrose mit den ukrainischen Märchen, aus der ich unten zitiere, war nie in meinem Besitz. Im Gegenteil musste ich letzthin einen ganzen Stoß solcher großformatigen Märchenziegel aus meiner Kindheit, die mir meine Verwandtschaft „von drüben“ einstmals im Austausch gegen Bohnenkaffee, Bananen und Strumpfhosen geschenkt hat, in gute Hände weiterreichen, solange die Leute noch ein Regalmeterchen für dergleichen übrig haben. Die russischen hab ich behalten. Die Sonnenrose, lauten meine Einkaufspläne, darf ich erst anschaffen, wenn noch ein Buch nicht unter DIN A4 aussortiert ist. Es eilt also mit dem Fachausdruck für den argumentativen Kunstgriff.

——— Mimi Barillot, Hrsg.:

Die Nachtigall

aus: Die Sonnenrose. Ukrainische Märchen. Mit Illustrationen von Irmhild und Hilmar Proft,
Verlag Kultur und Fortschritt Berlin, 1966 u. ö.,
aus dem Ukrainischen von Lieselotte Remané, Seite 108:

Irmhild und Hilmar Proft, Die Nachtigall, Mimi Barillot, Hrsg., Die Sonnenrose. Ukrainische Märchen, 1966

Ein Pan fing eine Nachtigall, die wollte er in einen Käfig sperren.

„Wenn du mich freiläßt“, sagte da die Nachtigall, „will ich dir zwei gute Ratschläge geben, vielleicht können sie dir nützen.<"

Der Pan versprach, sie freizulassen.

Ihr erster Rat lautete: Trauere niemals dem unwiederbringlich Verlorenen nach!

Und der zweite war: Glaube keiner unvernünftigen Rede!

Als der Pan diese Ratschläge vernommen hatte, ließ er die Nachtigall frei. Sie flog auf und sagte: „Schlecht hast du daran getan, mich freizulassen. Wenn du wüßtest, welch einen Schatz ich besitze! Eine herrliche riesengroße Perle trage ich in mir. Hättest du die erworben, so wärst du noch reicher geworden.“

Das hörte der Pan und trauerte dem unwiederbringlich Verlorenen nach. Er hüpfte in die Höhe, um die Nachtigall zu fangen.

Da sprach sie: „Jetzt weiß ich, Pan, du bist ebenso habgierig wie dumm: Dem unwiederbringlich Verlorenen trauerst du nach und glaubtest meiner unvernünftigen Rede! Sieh doch, wie klein ich bin. Wie sollte denn eine riesengroße Perle in mir Platz finden!“

Sprach’s und flog davon.

Irmhild und Hilmar Proft, Die Nachtigall, Mimi Barillot, Hrsg., Die Sonnenrose. Ukrainische Märchen, 1966

Bilder: Irmhild und Hilmar Proft, aus: Mimi Barillot, Hrsg.: Die Sonnenrose. Ukrainische Märchen,
Verlag Kultur und Fortschritt, Ost-Berlin 1966 u. ö.; verwendete antiquarische Angebote:

  1. liberantiquus, 25. März 2020;
  2. kulpet, 15. November 2019;
  3. piemonteser, 1. Januar 2020.

Soundtrack: Тік: Люби ти Україну!, 2013:

Written by Wolf

4. September 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Das Tier & wir, Romantik

Ein ganz anderer Kerl als der Fuchs oder Wolf (so, gerade so bist du)

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Update zu Sollen denn aber bloß diese Kasus in der neu aufblühenden Kunstschule gebildet werden
(wenn wir bei deutscher Mundart bleiben)?
:

Die Stelle mit dem Kater wird dessen Halter besonders gerne dann vor Augen gestellt, wenn er zweie davon hat. Hab ich gehört.

Ansonsten werde ich nicht ruhen, Ludwig Tieck als so relevant (nicht „aktuell“) darzustellen, wie er ist, bis wenigstens der Deutsche Klassiker Verlag sich herbeilässt, seine liegen gelassene Gesamtausgabe von fünf Bänden — davon die ersten schon wieder vergriffen — auf die vorgesehenen zwölf aufzustocken.

Aus dem formatierten Volltext in die originale Rechtschreibung zurückkorrigiert:

Nova Sophia, 25, 12. Oktober 2017

——— Ludwig Tieck:

Die Gesellschaft auf dem Lande

Berlinischer Taschenkalender, 1825:

„Man wird mit dem Pferde eins“, sagte Römer, „Mensch und Thier lassen sich gar nicht mehr trennen.“

William-Adolphe Bouguereau, Innocence, 1873„Da sprecht Ihr ein gescheutes Wort“, rief Binder, „darin liegt das Geheimniß und auch der Schlüssel zu tausend Dingen, die man ohne ihn niemals begreifen würde. Es ist unglaublich, was die Thiere durch uns empfangen, indem wir sie zähmen und zu Hausthieren machen: alle die Anlagen, die die gütige Natur ihnen mitgetheilt hat, werden nur erst dadurch, daß ein Theil des Menschengeistes in sie übergeht, etwas Lebendiges und Geistiges. Die Zähmbarkeit ist ihr Genie, und durch Regel, Ordnung und Vernunft, die das wunderbare Wesen nun beherrscht und sich ihm mittheilt, erwachsen die Erscheinungen und Künste, die wir am Pferde und Hunde bewundern müssen. Dadurch, daß der Hund gezähmt werden kann und sich zum Menschen sehnt, diesen auch weit mehr liebt, als sein eigenes Geschlecht, ist er eben ein ganz anderer Kerl als der Fuchs oder Wolf, mit denen er doch in so naher Familienverbindung steht. Aber eben so wie die Thiere gewinnen, und etwas in ihrer Natur auch verlieren, so geht es ebenfalls dem Menschen, wenn er in diese Allianz tritt. Er entwickelt unbewußt thierische Anlagen, die vorher schlummerten. Der Jäger, der sich täglich und nächtlich mit seinem Hunde umtreibt, oder der Liebhaber, der mit seinem Pudel stündlich spielt, fängt allgemach an, die Dinge so zu sehen, wie das Thier. Er bekommt einen ähnlichen Neid, sowie eine Verwandtschaft in Blick, Geberde und Gang, er kann auch schon keinen Stock liegen sehn, ohne die Lust, apportiren zu lassen, und so wie ihm der Hund nur winkt, so thut er ihm auch den Gefallen, den Span aufzunehmen, und mit dem Liebling das langweilige Spiel zu treiben. Wie das Pferd den Reiter versteht, wie der Sinn und die Art des Rosses in den Mann übergeht, wie beide sich wechselsweis errathen, wie ihr Instinkt in der Gefahr ein und derselbe wird, darüber ließe sich vielerlei sagen, obgleich die Liebe des Gauls zum Menschen eine ganz andere, als die knechtische des Hundes ist. Ein Hund kann eigentlich nicht gekränkt werden, ein Pferd wohl, und je edler es ist, so leichter. Welcher Rinderhirt hält den Kopf nicht eben so, wie sein Vieh. Man erzeigt mir die Ehre, meine Schaafzucht für die beste in der Provinz zu halten, da kommen denn die Leute, und wollen sich bei mir Raths erholen. Was ein anderer mir so sagen kann über dergleichen, das ist niemals das beste. Andere lachen über meine Anstalten, verwundern sich aber doch, daß alles so gedeiht. Im Winter tragen einige meiner Schaafe Kappen, diese sind an den Köpfen empfindlich, etlichen habe ich Jacken angezogen, manchen eine Art von Schuh gemacht. Die Garde geht auch anders, als die Füseliere, Dragoner sind von den schweren Kürassieren unterschieden. Alles hat seine Vernunft und seinen guten Grund. Woher ich nun alles habe, was ich bei meiner Schäferei, und mit so gutem Erfolge, anwende? Denken? Beobachten? Erfahrungen anderer benutzen? O ja, das ist auch alles ganz gut und nicht zu verachten, – aber die Hauptsache ist doch, daß ich zu Zeiten in meinen Schaafstall gehe, nun drängt und wälzt sich alles das Wollenvieh zu mir heran. ‚Schäfer‘, sag‘ ich, ‚laßt mich ein Weilchen allein‘. Nun mach‘ ich die Augen zu, taste mit beiden Händen um mich her, fasse bald den Kopf, bald den Rücken dieses und jenes Hammels, versenke mich ganz in das Gefühl und die Anschauung, werde mit einem Wort, ganz und gar und völlig zum Schaaf. In diesem Schaafthum, in diesem wachen Schlummerzustande kommen mir denn die allerbesten Erfindungen und Verbesserungen, und in diesen Stunden der Weihe empfange ich durch Instinkt oder Inspiration alles, was ich abändern, was ich anwenden muß. Wem kann ich aber diese Gabe wohl mittheilen, der nicht schon selbst auf guten Wegen geht? Und nun, meine Herren, beobachten Sie einmal meinen Gang, ich will ein paarmal auf und nieder wandeln, – he, ist es nun nicht ganz der Gang eines Hammels? Aufrichtig gesprochen, ja! Sehen Sie meine Physiognomie unbefangen an. Sie verändert sich von Jahr zu Jahr: immer mehr wächst mir der Hammelausdruck in Stirn und Nase hinein. Ich niese auch schon wie die Schaafe, und wenn ich einmal viel spreche, wie jetzt eben, so gibt es wahrlich schon unter meinen Redetönen so viele Blökelaute, die knarrenden lang gezogenen Määähredensarten der Mutterschaafe, daß ich mich vor Worten, wie: ‚Wehe! sähe, geschähe‘ u. dgl. einigermaßen hüten muß.“

Sheepy Hollows, 8. Februar 2017Gotthold ergötzte sich heimlich an diesen Bekenntnissen, der Obrist nahm eine Prise nach der andern, um nur das Lachen zu unterdrücken, Römer sah gen Himmel, und erinnerte sich wohl einiger Lebensgefahren seiner Jugend, um eine ehrbare Miene zu behalten; aber der alte Baron brach, nach nicht sonderlich langem Kampfe, mit einem ungemäßigten, lauten und anhaltenden Lachen hervor. „Nun wahrlich“, sagte er endlich, sich noch immer die ermüdeten Seiten haltend, „das ist ein Selbstlob von ganz eigener, so wie völlig neuer Art! Das ist eine Einbürgerung in einen Stand und die Urbarmachung einer Geniegegend, von denen unsere Vorfahren nichts wußten. Du könntest eine ganz neue erklärende Ausgabe der ovidischen Metamorphosen veranstalten, wenn ein einfaches Entgegenkommen, nach deiner Meinung, das Wunder überflüssig macht.“

„Aber was ist denn da zu lachen?“ sagte Binder plötzlich mit dem heftigsten Zorne. „Lachen, wenn ein denkender Mann etwas Tiefes und Gründliches spricht? Bloß, weil es der alten Basenweisheit vielleicht ein wenig sonderbar vorkommt? Auch an dir bewährt sich meine Beobachtung. Du liegst hier seit Jahren still und träge, und spielst unermüdet mit deinen großen und kleinen Katzen. Wie nun ein alter Kater wohl zwölf Stunden ruhig mit zugekniffenen Augen unter dem Ofen liegt, indes umher Spiel und Tanz, Zwist und Versöhnung, Musik und Gespräch, oder selbst wichtige Begebenheiten vorfallen, er aber nichts weiß und erfährt, und endlich langsam, langsam hervorkriecht, die Vorderbeine weit ausstreckt, sich dehnt, sie zurückzieht, und, mit den vier Beinen eng aneinander, den hohen Buckel hinaufrollt, wie es ihm keine andere Creatur nachmachen kann, so daß er wie ein griechisches Omega dasteht: so, gerade so bist du, der auch zu allem Neuen, zu allen Fortschritten, zum Anwachs der Vernunft und Kenntnisse, wie beim Abschnitte der Wissenschaften und Zöpfe mit deinem langgedehnten ‚Oooo!‘ verwundernd dastehst, und die Augen dann erstaunend aufmachst, daß es noch andere Wesen, als Kater in der Welt geben soll.

„Jetzt bei deinem O!“ sagte der Baron, „fand ich deine vorige Behauptung, die mir als unglaublich auffiel, bestätigt.“

Jean-François Millet, Orsay 1863

Schaafsbilder:

  1. Nova Sophia: 25, aus: Sunshine Unedited, 12. Oktober 2017;
  2. William-Adolphe Bouguereau: Innocence, 1873;
  3. Sheepy Hollows, 8. Februar 2017;
  4. Jean-François Millet: Le Retour du Troupeau, La Grande Bergère, Orsay 1863.

Soundtrack: Pink Floyd: Sheep, aus: Animals, 1977:

Written by Wolf

14. Februar 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Das Tier & wir, Romantik

Nicht immer klagen die Nachtigallen

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Update zu den Wanderwochen 02: Das kannst du, Knabe, nicht fassen:

Ja, es gilt jetzt stark genug zu sein, sein Weltbild umzubauen, aber der nachfolgende Dichter namens Ludwig Bechstein ist tatsächlich der Märchen-Bechstein, der oft genug in den gängigen Märchenanthologien vorkommt, dass man ins Grübeln gerät, wodurch sich seine Sammeltätigkeit eigentlich von derjenigen der Brüder Grimm unterschied, bis man zu dem Ergebnis kommt: nicht allzuviel.

Ludwig Bechstein, der letztlich doch vollends unverächtliche Weimaraner Sammler und Herausgeber von Märchen und Sagen aus ganz Deutschland, war unter vielem anderen der Neffe des Naturforschers Johann Matthäus Bechstein, der 1795 eine Naturgeschichte der Stubenvögel herausgab — 1797 gefolgt von der sehr viel folgenreicheren Naturgeschichte der Stubenthiere — herausgab. Die ornithologische Seite animierte den poetischeren (wenngleich gelernten Apotheker) Neffen Ludwig 1846 zu einer Neuen Naturgeschichte der Stubenvögel, diesmal in gereimter Form, aber nicht ohne didaktischen Anspruch, wie man allein dem für einen Gedichtband geradezu epischen Umfang von 369 Seiten anmerkt.

Ausgegraben haben dieses Kleinod die Herausgeber Robert Gernhardt und Klaus Cäsar Zehrer für Hell und Schnell 2004, worin die unten wiedergegebene Nr. 5. eins von 555 komischen Gedichte aus 5 Jahrhunderten ist — auf Seite 475 im Abschnitt Sechster Raum: Die Wunderkammer. Wunderliche und wunderbare Fundstücke aus deutschen Dichterstuben. Deshalb und auch sonst ergeht dringende Kaufempfehlung.

Der Nachweis außerhalb dieses rundum liebenswerten und aufschlussreichen Hausbuchs ergibt: Bechsteins Gedicht heißt Noch ein Nachtigallenlied, weil es nicht nur eins, sondern gar noch zwei davon gibt. Von Gernhardt und Zehrer wird das mittlere davon angeführt; hätten sie das erste genommen, hätten sie Bechsteins Fußnote dazu mitnehmen können, die mein nie ganz abwelkender innerer Linguist der besonderen allgemeinen Aufmerksamkeit übergibt: Ach ja, es ist schon ein altes Kreuz mit der schriftlichen Wiedergabe von Lautäußerungen. Das geht nicht einmal 1:1, wenn man phonetisch geschulten Ohres , ly und li unterscheidet, da kann man seine Lieder den begabten Tonsetzen überlassen, was man will.

Das soll mir mal jemand vortragen — mit Gefühl, wenn ich bitten darf. Penibel aus dem Original abgetippt:

——— Ludwig Bechstein:

4.
Ein Nachtigallenlied. *)

aus: Neue Naturgeschichte der Stubenvögel. Ein Lehrgedicht von Bechstein dem Jüngern.
Hannover. In der Hahn’schen Hofbuchhandlung. 1846. Seite 258 bis 262:

Nachtigall, Luscinia megarhynchos, Farbdruck 1958, via PicclickEs duften die Nachtviolen,
Es glüht der Sterne Pracht;
Es zucken blitzende Flammen
Durch das Fächeln der Frühlingsnacht.

Tio — tio — tio — tio — tio —
Quitio quitio quitio quio qui.

Die Nachtigall seufzet und jauchzet,
Quorror diu dlo — dlo — dlo — dlo !
Sie träumt den Traum der Liebe
In ahnenden Herzen froh.

Tzü — tzü — tzützützü — tzü zi zi
Quorr zio zio zio pi!

O tiefes unendliches Sehnen,
Du bist ein seliger Schmerz.
Du sprichst von dem Herzen Gottes
Lebendig ans Menschenherz.

Ha gürr gürr gürr quio quipio qui
Qui qui gui gigigi diodzi,

Du rufst aus Nachtigall=Liedern
Gott ist die Liebe! uns zu.
O flöte, Nachtigall, flöte
In himmelseliger Ruh!

Goll, goll, goll, goll — hi hadadoi
Higai gai gaigai gaigi./p>

*) Es ist einleuchtend, daß der Nachtigallenschlag sich mit unsern wenigen Lautzeichen nicht ausdrücken läßt, und daß jeder derartige Versuch nur entfernte Bedeutung sein kann. Aber was die Sprache der Rede nicht vermag, vermag die Sprache des Gesanges, daher seien diese Nachtigallenlieder begabten Tonsetzern empfohlen. D.V.

~~~\~~~~~~~/~~~

5.
Noch ein Nachtigallenlied.

The Nightingale Practises His Scales, from St. Nicholas Magazine, March 1917, via AbecedarianHorch wie wonneflötend in des Fliederbaumes
Mondbeglänzten Zweigen singt die Nachtigall !
Rings das heil’ge Schweigen eines Lenzentraumes
Der Natur — und einzig dieser süße Hall.

Einzig dieser Töne reiche Zauberfülle,
Die das Herz uns fesselt, die kein Wort umfaßt.
Seufzerlaut und Jubel durch die Abendstille,
Liedeswell‘ auf Welle — Ausstrom sonder Rast.

„Tiuu — tiuu — tiuui — weilst du meine Traute —
Tio — tio — tio — tio ti — küssest Rosen noch
Fern am Phrat? tio — tio — lausche meinem Laute,
Tzü — tzü — tzü — tzü — tzü züo zi: Buhle, komme doch !“

Sängerherz voll Sehnsucht steht in Glückesblüthe ;
Sehnsucht ist der Himmel, Sehnsucht nur ist Glück.
Jede Wunscherfüllung, höchste Liebesgüte
Giebt das Glück der Sehnsucht nicht der Brust zurück.

„Tsisisi — tzisisisissi — komme doch geflogen !
Wo die Liebe liebet blüht das Paradies.
Dlo — dlo — dlo — dlo — meine Braut ! Durch der Lüfte Wogen
Schwimme näher ! Quio lilüli ! Hoffnung ist so süß !“

Ja so süß ist Hoffnung auf das Glück der Liebe,
Daß das Glück der Liebe kaum der Hoffnung gleicht.
Himmelsahnungswonnen läutern unsre Triebe,
Bis des trunknen Herzens heißer Wunsch erreicht.

„Gollgollgollgollgia — hadadoi ! O weile
Freundin nun nicht länger, nahe, nahe mir !
Quigi horr ha diadiadsi ! Nahe mir, ich theile
Wonnen oder Wehe, Freundin, treu mit dir !“

Alle Wipfel schweigen, alle Blüthen Träumen,
Sanft zum Niedergange neigt der Abendstern.
Thaugefunkel regnet von den Blüthenbäumen,
Leise schütternd, segnend, haucht der Gesit des Herrn.

Lülülülü lüli — guia guia guia
Guia guia guia io io ioioioio qui —
Higaigaigaigaigaigaigai gia —
Gaigaigaigai quior ziozio pi ! —

~~~\~~~~~~~/~~~

6.
Noch ein Nachtigallenlied.

W. Heath Robinson, Wily Willy passes the night in securing a record of the song of Tetrazzini's rival, the nightingale, from The Sketch, 1908, via AbecedarianNicht immer klagen die Nachtigallen,
Nicht immer seufzet ihr Fötenton.
Lautjubelnd schmettert oft Philomele
Des Glücks Triumphlied, der Liebe Lohn !
Lü ly li la la lo didl io quia pi.

Nicht immer klagen, nicht immer trauern,
Nicht immer Thränen, nicht immer Schmerz.
Was ist die Krone der ganzen Schöpfung,
Nach Gottes Willen ? Ein frohes Herz !
Lü lü lülü ly lyly ly lilili !

Mensch, wann im Lenze Natur sich jünget,
Wann Frühlingszauber die Flur bekränzt,
Laß deine Trauer sich mild verklären,
Sei gleich der Blume, die Thau beglänzt.
Qui qui qui gü gy quü quy qui.

Wir hoffen sehnend, wir werden glücklich,
Des Glückes Blume streut goldnen Staub.
Die Monden wandeln — die Zeiten wechseln —
Oft wird die Blume der Zeiten Raub.
Tio — tio — tio — tio diodio — zozozozo zirrhahi.

Wird frühgebrochen, eh‘ wir’s erwarten ;
Ach, wann erwarten wir tiefsten Gram ?
Des Menschen Seele ist Braut des Himmels,
Oft zögert lange der Bräutigam.
Tza tza tza tza tza tza tza za za zi.

Nicht immer klagen die Nachtigallen,
Gott schuf auch Freuden der Kreatur.
Ihr Lied verschönt uns den Tarum des Lenzes,
Süß und zum Herzen spricht die Natur.
Quia quia quia quia quia quia quia gi.

Die Liebe Gottes giebt sich in Wonnen,
Giebt sich in Leiden der Menschheit kund,
Und stets erneut sie im Ring der Zeiten
So mit der Menschheit den ew’gen Bund.
Higaigaigaia gaigaigai gorr diadi.

Bilder: Nachtigall (Luscinia megarhynchos), Farbdruck 1958, via Picclick;
The Nightingale Practises His Scales, aus: St. Nicholas Magazine, März 1917,
via Abecedarian, 1. Oktober 2020 (sic);
W. Heath Robinson: Wily Willy passes the night in securing a record of the song of Tetrazzini’s rival, the nightingale, aus: The Sketch, 1908, via Abecedarian, 28. September 2017.

Heimische Singvögel: Alain Morisod & Sweet People: Et Les Oiseaux Chantaient, aus: Percé, 1979:

Written by Wolf

16. August 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Das Tier & wir, Romantik

Wölfe haben scharfe Zähne

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Update zu Rotkäppchen und der Penishase:

See! sweet and sound she sleeps in granny’s bed, between the paws of the tender wolf.

Angela Carter: The Company of Wolves, Victor Gollancz Ltd, London 1979, Schluss.

Wahrscheinlich ist es gar kein Naturgesetz, dass Spielfilme über die Mythologie von Wölfen der hinterletzte Schrott sein müssen, es scheint nur ein ehernes Gestaltungsgesetz.

Poster The Company of Wolves, 1984Bezugsgrößen seien die bekanntesten: American Werewolf, 1981, Wolfen, ebenfalls 1981, Die Zeit der Wölfe, 1984, und der vielleicht hanebüchenste von allen: Pakt der Wölfe, 2001. Ihren größten Ehrgeiz setzen solche Filme darein, dass sich ein böser — oder unschuldig dem Bösen anheim gefallener — Mensch in wild durcheinander geschnittenen, detaillierten Close-ups in einen Werwolf verwandelt, indem sich seine Glieder schmerzhaft verkrümmen und zusehends behaaren, ihm Ohren und eine Schnauze voller Reißzähne wachsen, während insinuiert wird, dass ich mich davor jetzt bitteschön „gruseln“ solle.

Als entfernten Namensvettern der Wölfe hat mich das von jeher betrübt. Das Beste an dem ganzen Genre ist der Belgische Schäferhundmischling, der den echten Wolf gibt: immer der beste Darsteller und schön flauschig. In diesem Sinne, habe ich immer gehofft, sollte es gemeint sein, wenn mich die mir nahestehenden Mädchen in halb romantischer, halb neckischer Weise mit Werwölfen verglichen; die lykanthropische Leistungsschau der Maskenbildner war es ja wohl nicht im Ernst.

Auffallend oft verwendeten meiner ungestützten Erinnerung nach drei Mädchen in ihrer romantischen Post an mich eine (jedenfalls ohne internetbasierte Möglichkeiten zur Recherche) obskure Stelle, die offensichtlich etwas mit Rotkäppchen zu tun hatte, aber auch in der erweiterten Version der Brüder Grimm, mehrere Auflagen seit 1812, nicht vorkam. Zur Erinnerung: Nachdem der Jäger dem Wolf den Pelz abgezogen hat, kommt ein alternatives Ende:

Es wird auch erzählt, dass einmal, als Rotkäppchen der alten Großmutter wieder Gebackenes brachte, ein anderer Wolf es angesprochen und vom Wege habe ableiten wollen. Rotkäppchen aber hütete sich und ging geradefort seines Wegs und sagte der Großmutter, dass es dem Wolf begegnet wäre, der ihm guten Tag gewünscht, aber so bös aus den Augen geguckt hätte: „Wenn’s nicht auf offener Straße gewesen wäre, er hätte mich gefressen.“ […]

Wie zu erwarten, stammt das folgende Gedicht, das mir wiederholt gewidmet wurde, weder aus Grimm noch sonst einer besonders verbreiteten Version von Rotkäppchen, die man von Kind auf lernt, ohne sie aktiv aufzusuchen. Dazu noch gereimt in einer Qualität, die gerade mal so volljährige Mädchen wahrscheinlich nicht ohne weiteres aus dem Ärmel schütteln:

——— Die Zeit der Wölfe, 1984,
Drehbuch: Neil Jordan und die Autorin der literarischen Vorlage, Angela Carter:

Und die Moral von der Geschicht‘:
Mädchen, weich vom Wege nicht!
Bleib allein und halt nicht an,
Traue keinem fremden Mann!
Geh‘ nie bis zum bitt’ren Ende,
Gib Dich nicht in fremde Hände!

Deine Schönheit zieht sie an
Und ein Wolf ist jeder Mann!
Merk Dir eines: In der Nacht
Ist schon mancher Wolf erwacht!
Weine um sie keine Träne!
Wölfe haben scharfe Zähne!

Solche Widmungen schmeicheln einem gerade mal so volljährigen Jungen natürlich bis in fortgeschrittene Lebensjahrzehnte. Sobald er Zugang zum Internet hat, beginnt er sich dafür zu interessieren, wo seine Verflossenen unabhängig voneinander das Zeug hergenommen haben, und sobald er heraus hat, dass man eine DVD mit der Leertaste pausieren kann, erfährt er ganz am Ende des Nachspanns von Die Zeit der Wölfe, einem leider heillos überschätzten und mit Filmpreisen fehlausgezeichneten Sammelsurium beliebig zusammengeklebter Episoden, die irgendwie von Wölfen handeln, um sich als geschlossene Filmhandlung auszugeben:

Es sind die letzten Worte in Die Zeit der Wölfe in der deutschen Synchroniation der englischen Übersetzung des französischen Originals von Charles Perrault, welch letzteres die Vorlage für die Brüder Grimm bildete. Gesprochen werden sie aus dem Off von Angela „Mord ist ihr Hobby“ Lansbury, die darin so lange die Großmutter gespielt hat, bis sie stirbt, indem ihr Kopf malerisch in ein Rauchwölkchen aufgeht, aber sonst eine höchst verdiente Schauspielfachkraft ist. — Das Original aus dem Film wird im Nachspann nachgewiesen als:

Quotation from ‚Petit Chaperon Rouge‘
by Charles Perrault
translated from the original
by S. R. Littlewood (1912)

——— The Company of Wolves, 1984:

Little girls, this seems to say
Never stop upon your way,
Never trust a stranger friend,
No-one knows how it will end,
As you’re pretty, so be wise,
Wolves may lurk in every guise.
Now, as then, ‚tis simple truth:
Sweetest tongue has sharpest tooth.

In der deutschen Version gegenüber der englischen stimmen also weder Form noch Inhalt überein, die Off-Stimme muss sich nicht einmal in der Verszahl ans Timing des parallel ablaufenden Filmgeschehens halten. Was man als Original vermuten möchte, weil es als Übersetzung von Charles Perrault ausgewiesen erscheint, ist dieselbe Stelle in der französischen Synchronfassung:

——— La Compagnie des loups, 1984:

Petite fille jamais en chemin ne vous arrêté,
jamais ne faites confiance à l’étranger
car nul ne sait comment cela peut se terminer.
Plus vous êtes jolies, plus il vous faut être avisée,
car l’homme le plus séduisant peut être un loup déguisé.
Aujourd’hui comme demain, resté donc sur vos gardes.
Car les paroles les plus belles se cachent les dents cruelles.

Das ist wesentlich näher am englischen Original-Drehbuch, nicht aber an Perrault. In dessen Histoires ou contes du temps passé, avec des moralités. Les Contes de ma mère l’Oye — übrigens gerade schmale acht an der Zahl — heißt es nämlich anno 1697 als abschließende Moral seines Ur-Rotkäppchens, in vergleichbarer dramaturgischer Funktion wie in Die Zeit der Wölfe, hier in der Rechtschreibung von 1697:

——— Charles Perrault: Le Petit Chaperon rouge, 1697:

Moralité

On voit icy que de jeunes enfans,
Sur tout de jeunes filles,
Belles, bien faites et gentilles,
Font tres-mal d’écouter toute sorte de gens,
Et que ce n’est pas chose étrange
S’il en est tant que le loup mange.
Je dis le loup, car tous les loups
Ne sont pas de la mesme sorte :
Il en est d’une humeur accorte,
Sans bruit, sans fiel et sans couroux,
Qui, privez, complaisans et doux,
Suivent les jeunes demoiselles
Jusque dans les maisons, jusque dans les ruelles.
Mais, hélas ! qui ne sçait que ces loups doucereux
De tous les loups sont les plus dangereux !

Und schließlich diese Stelle in der Übersetzung von Ulrich Friedrich Müller, 1962 im zweisprachigen Paralleldruck Contes de Fées/Märchen bei dtv:

——— Charles Perrault: Rotkäppchen, 1697:

Moral

Hier sieht man, dass ein jedes Kind
und dass die kleinen Mädchen (die schon gar,
so hübsch und fein, so wunderbar!)
sehr übel tun, wenn sie vertrauensselig sind,
und dass es nicht erstaunlich ist,
wenn dann ein Wolf so viele frisst.
Ich sag ein Wolf, denn alle Wölfe haben
beileibe nicht die gleiche Art:
Da gibt es welche, die ganz zart,
ganz freundlich leise, ohne Böses je zu sagen,
gefällig, mild, mit artigem Betragen
die jungen Damen scharf ins Auge fassen
und ihnen folgen in die Häuser, durch die Gassen.
Doch ach, ein jeder weiß, gerade sie, die zärtlich werben,
gerade diese Wölfe locken ins Verderben.

Es war also ein langer Weg seit 1697, bis freundliche Mädchen mir gegen 1986 kokette Wolfsgedichte widmen konnten. Bildmaterial im Übermaß erspare ich deswegen taktvoll uns allen.

Charles Perrault, Le petit chaperon rouge, 1695

Bilder/images/images: The Company of Wolves, 1984;
Charles Perrault: Contes de ma Mère l’Oye, [eigenes] manuscrit de 1695 (pièce ou n° 3 / 6),
The Pierpont Morgan Library, New York, MA1505, via Utpictura. Die bildliche Vorstellung, wie der Wolf die Großmutter im Bett überfällt, war also schon zwei Jahre vor Ur-Rotkäppchens Veröffentlichung ausgeprägt.

Soundtrack: First Aid Kit: Wolf, aus: The Lion’s Roar, 2012:

Written by Wolf

8. März 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Barock, Das Tier & wir

Katerladen

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Update zu Was ich gebar in Stunden der Begeisterung und
„du schaffst es“, sagte ich, „du bist ein Guter …“:

Zu den ikonischen bildlichen Vorstellungen in der Katzenliteratur gehört E.T.A. Hoffmanns historischer Berliner Kater Murr, wie er in des Dichters Schreibtischschublade ruht, die er sich selbst aufgepfotet hat, und der Tätigkeit des Wohnens nachgeht.

Zu den bildlichen Vorstellungen — nicht zum überlieferten Bildmaterial. Eine völlig unrepräsentative Umfrage unter einer literarisch so mittel beschlagenen Zielgruppe der Stärke 2 ergab zu 100 % ein großes Erstaunen darüber, dass man den Kater Murr („Er ist auf dem Umschlage dieses Buchs frappant getroffen“) tatsächlich noch nie in seiner Schublade erblickt hat. Die ganze Überlieferung des Bildes besteht nämlich in einem beiläufigen Nebensatz aus Hoffmanns erster Biographie E.T.A. Hoffmann’s Leben und Nachlaß, die ein Jahr nach seinem zeitigen Ableben durch seinen persönlichen Freund Hitzig geschah.

Offenbar besteht eine kurze und lockere, aber eindeutige Tradition unter Schreibern darin, wo der geeignete Wohnort für den Kater des Hauses einzurichten ist.

Look at This Funky Lil Long Boy, 2018

——— Julius Eduard Hitzig:

E.T.A. Hoffmann’s Leben und Nachlaß

Zehnter Abschnitt: Berlin 1814–1822, bei Ferdinand Dümmler, Berlin 1823:

Tygrrbomg, I Shall Try. The I Shall Wait All Day, 27. Oktober 2017Endlich erschien 1820 noch der erste Band der Lebensansichten des Kater Murr, dem 1822 der zweite folgte und der, mit dem dritten, leider auf dem Papier nicht angefangenen, aber im Kopfe schon ganz vollendeten, schließen sollte. Zu der äußern Form dieses Buches war Hoffmann durch einen ausgezeichnet schönen Kater veranlaßt worden, den er auferzogen hatte, und der ihm wirklich mehr als gewöhnlichen Thierverstand zu haben schien; wenigstens war er unerschöpflich in Erzählungen von den Klugheiten, welche von diesem Liebling, der in der Regel in dem Schubkasten des Schreibtisches seines Herrn, den er sich mit den Pfoten selbst aufzog, und auf dessen Papieren, ruhte, ausgegangen seyn sollten. Der Held der Dichtung, Johannes Kreisler, schon aus den Fantasiestücken der lesenden Welt bekannt und werth geworden, war aber eine Personificirung seines humoristischen Ich’s, weshalb auch in keinem seiner Werke so viel, auf Wahrheit gegründete, Beziehungen auf sein eigenes Leben, zu finden sind, als in diesem. Der dritte Band sollte Kreislern bis zu der Periode führen, wo ihn die erfahrnen Täuschungen wahnsinnig gemacht, und, unmittelbar an diesen Band sich die, schon mehrmals erwähnten, lichten Stunden eines wahnsinnigen Musikers anschließen.

Auf den Kater Murr legte Hoffmann, fast unter allen seinen Werken, den höchsten Werth, und in dem letzten Theile desselben glaubte er zu leisten, was er früher noch nicht vermocht.

Bei der ungestützten Überlegung, worin Gemeinsamkeiten zwischen E.T.A. Hoffmann und Charles Bukowski liegen könnten, fällt einem als erstes ein: 1.: Schriftsteller, 2.: schwere Alkoholiker — und neuerdings 3.: wohnen mit einem schreibenden Kater in der Schreibtischschublade zusammen:

——— Charles Bukowski:

mein Kater, der Schriftsteller

aus: Abel Debritto, Hrsg.: Charles Bukowski: Katzen, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2018:

Why you should always check before trying to close drawers, 2018ich sitze hier vor der
Maschine
hinter mir mein Kater
Ting
auf der Sessellehne.

jetzt
wo ich das schreibe, steigt
er in eine offene
Schublade
und weiter über diesen
Schreibtisch.

jetzt
ist seine Nase über
diesem Blatt Papier
und er sieht zu, wie ich
tippe.

dann
verdrückt er sich
und steckt die Nase in
eine
Kaffeetasse.

jetzt
ist er zurück
sein Kopf vor dem
Papier und
er
pfötelt nach dem
Farbband.

ich
drücke eine Taste
er
springt weg.

jetzt
sitzt er da und sieht mir zu beim
Tippen.
mein Weinglas und
die Flasche stelle ich
auf die andere Seite
der Maschine.

im Radio läuft schlechte
Klavier-
musik.

Ting sitzt bloß da und
beäugt
die Schreibmaschine.

glaubt ihr, er wäre gern
ein
Schriftsteller?
ode war mal einer,
früher?

ich
mag keine niedlichen Katzen-
gedichte
habe aber trotzdem eins
geschrieben.

jetzt
ist hier drin eine
Fliege
und Ting lässt sie nicht aus den
Augen.

es ist 23.45 Uhr und
ich bin
besoffen …

hey, bleibt locker, ihr habt
schlechtere
Gedichte gelesen als
das hier …

und ich hab sie
geschrieben.

They Fell Asleep in the Cat-Drawer, 2018

Bilder: Look at This Funky Lil Long Boy, 2018;
I Shall Try. The I Shall Wait All Day, 27. Oktober 2017;
Why you should always check before trying to close drawers, 2018;
They Fell Asleep in the Cat-Drawer, 2018.

Schlechte Klaviermusik war nicht aufzutreiben, daher auf der Cigar Box Guitar unter den Orgeln: Barbora Cejpová spielt Bach auf einer aufblasbaren Baumorgel von Ludvik Cejp (Baumstamm, Luftballon und 37 Pfeifen, Manual aus Ästen, Blasebalg aus Wachstuchtischdecke): Englische Suite II a-Moll BWV 807 („und andere Opusse für die, welche mit Bach Nichts anfangen können“), 2011. Vollbild lohnt sich:

Written by Wolf

1. Februar 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Das Tier & wir, Romantik

3. Katzvent: „du schaffst es“, sagte ich, „du bist ein Guter …“

with one comment

Update zu Her Father Didn’t Like Me Anyway (Das Liebesleben der Hyäne):

Im heurigen Katzvent befassen wir uns nach Inhalten über Katzen 2015 und Inhalten von Katzen 2016 mit Inhalten über tote Katzen.

Das ist erfreulicher, als man spontan glaubt — Kunststück. Wer die Morbidität nicht aushält, darf sich damit trösten, dass Katzen sieben Leben haben, in angelsächsischen Kulturen sogar neun.

——— Charles Bukowski:

Manx

ca. 1981,
aus: Abel Debritto, Hrsg.: Charles Bukowski: Katzen, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2018;
Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch: Jan Schönherr:

Cover Abel Debritto, Hrsg., Charles Bukowski. Katzen, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2018das ist nur ein langer Ruf
aus kurzem Raum.
es erfordert keinerlei
besondere Brillanz
zu wissen, dass
wir wieder mal auf Abwege geraten.
wir lachen immer weniger,
werden vernünftiger.
Wünschen uns nichts als
die Abwesenheit anderer.
sogar die klassische Musik
wurde zu oft gehört,
die guten Bücher sind
gelesen.
wieder kommt uns der Verdacht
wie schon am Anfang
wir seien
sonderbar, abartig, passten
hier nirgendwo hin …
während wir das schreiben
ein hässliches Brummen, etwas
landet in unserem
Haar
verheddert sich.
wir fassen hin
zupfen es frei
und es sticht uns in den Finger.
was hat dieses dahergeflogene
Nichts
denn hier zu suchen, mitten
in der Nacht?
es ist fort …

dort ist eine Schiebe-
tür aus Glas
und draußen
sitzt ein weißer Manx
mit einem schiefen Auge.
die Zunge hängt ihm seitlich
aus dem Maul.
wir schieben die Tür auf
und er huscht herein
die Vorderbeine wollen
in die eine Richtung
die Hinterbeine
in die andere.
jämmerlich gekrümmt
kommt er auf uns zu
flitzt uns die Beine rauf
und auf die Brust
legt uns die Vorderbeine
wie Arme
an die Schultern
streckt die Schnauze
dicht an unsere Nase
und blickt uns an
so gut er kann;
ebenso verdattert
blicken wir zurück.

eines Abends,
alter Junge,
irgendwann,
irgendwie.
zusammen
stecken wir hier fest.

wir lächeln wieder
so wie früher.
plötzlich springt der Manx
mit einem Satz davon und
wuselt seitwärts über den
Teppich, auf der
Jagd nach irgendwas
das keiner von uns sieht.

~~~\~~~~~~~/~~~

Charles und Linda Bukowski mit Non-Manx-Kater

Ein internationaler Dieb hat am Montag meinen LIeblingskater überfahren (den Manx). Das Vorderrad ist komplett über ihn drüber. Jetzt ist er in der Klinik. Der Arzt meint, er kann vielleicht nie wieder gehen. Lässt sich noch nicht sagen. Auf dem Röntgenbild sieht man, das Rückgrat ist im Arsch. Eine tolle Katze. Richtig Charakter. Vielleicht kann man operieren, oder ihm Räder anbauen. Auf dem Röntgenbild sieht man auch, dass irgendwer irgendwann auf ihn geschossen hat. Er hatte es nicht leicht.

~~~\~~~~~~~/~~~

Charles Bukowski mit Non-Manx-KaterDer Manx geht wieder, wenn auch etwas schief. 7 Tage war er in der Klinik. Ein Wunder, meint der Arzt, dass der Manx wieder geht. Außerdem ist er kein Manx, den Schwanz hat ihm einer abgeschnitten. Siam ist dadrin. Verdammt eigenartiges Tier, höllisch clever. Der Typ, der ihn überfahren hat, kam gestern Abend vorbei, der Manx hat ihn gesehen und flitzte sofort die Treppe rauf und oben hinter die Klotür. Er wusste, wer da am Steuer gesessen hatte.

~~~\~~~~~~~/~~~

Das ist mal ein schöner Kater. Zunge hängt raus, er schielt. Der Schwanz ist gekappt. Schön ist er, hat was im Kopf. Wir brachten ihn zum Tierarzt, zum Röntgen — ein Auto hatte ihn erwischt. Der Arzt meinte: „Diesen Kater hat man zweimal überfahren, angeschossen, ihm den Schwanz abgeschnitten.“ Ich sagte: „Dieser Kater bin ich.“ Fast totgehungert stand er vor meiner Tür. Wusste genau, wohin er muss. Wie sind beide Straßenpenner.

~~~\~~~~~~~/~~~

Der Manx stand eines Tages halbtot vor der Tür. Wir nahmen ihn auf, fütterten ihn fett, dann kam ein besoffener Freund vorbei und überfuhr ihn mit dem Auto. Ich hab’s gesehen. Der Kater sah mir dabei direkt in die Augen. Wir brachten ihn zum Tierarzt. Röntgen. In Wahrheit ist er gar kein Manx. Jemand hat ihm den Schwanz abgeschnitten, meint der Arzt. Geschossen hat man auch auf ihn, das Schrot steckt noch im Fleisch, und er kam nicht zum ersten Mal unter die Räder — verheilte Stelle am Rückgrat auf dem Röntgenbild. Ein schiefes Auge hat er auch. Wahrscheinlich wird er nie mehr laufen können, hieß es. Jetzt rennt er umher, schielend, raushängende Zunge. Ein zäher Spinner.

~~~\~~~~~~~/~~~

Der schwanzlose, schielende Kater stand eines Tages vor der Tür, und wir ließen ihn rein. Alte rosa Augen. Was für ein Kerl. Tiere ind inspirierend. Sie können nicht lügen. Sind Naturgewalten. Vom Fernsehen werde ich nach fünf Minuten krank, ein Tier kann ich stundenlang betrachten und sehe nichts als Pracht und Anmut, das Leben, wie es sein sollte.

~~~\~~~~~~~/~~~

geschichte eines zähen Motherfuckers

eines Abends stand er vor der Tür, nass, dürr,
geprügelt und
verängstigt.
ein weißer, schiefäugiger Kater ohne Schwanz
ich ließ ihn rein, gab ihm zu fressen und er blieb,
fasste Vertrauen, bis ein Freund in die Einfahrt
bog und ihn überfuhr.
was übrig blieb, trug ich zum Tierarzt, und der
meinte: „sieht nicht gut aus … Vielleicht mit
diesen Pillen … das Rückgrat ist gebrochen,
nicht zum ersten Mal, aber damals irgendwie
geheilt, wenn er überlebt, kann er nie wieder
laufen, hier, die Röntgenbilder, jemand hat auf ihn
geschossen, das Schrot steckt noch im Fleisch …
und er hatte einen Schwanz, den hat ihm einer
abgeschnitten …“

ich brachte ihn nach Hause, es war ein heißer
Sommer, einer der heißesten seit Jahrzehnten,
ich setzte ihn im Badezimmer ab, gab ihm
Wasser und die Pillen, er wollte nicht fressen
und ließ auch das Wasser stehen, ich tauchte
den Finger ein und benetzte ihm das Maul
und sprach mit ihm, ich ging nicht aus dem
Haus, blieb viel im Badezimmer und redete ihm
zu, streichelte ihn, und er sah mich bloß mit
diesen blassen blauen schiefen Augen an, und
nach einigen Tagen rührte er sich zum ersten Mal
zog sich mit den Vorderbeinen vorwärts
(die Hinterbeine wollten einfach nicht)
er schaffte es zum Katzenklo
kletterte über den Rand hinein,
das war, als schallten die
Fanfaren möglichen Triumphs
vom Badezimmer
durch die Stadt, ich fühlte mit ihm — auch ich
war übel dran gewesen, nicht ganz so übel, aber
schlimm genug …

eines Morgens stand er auf, blieb stehen, fiel
wieder hin und
sah mich an.

„du schaffst es“, sagte ich, „du bist ein Guter …“

er versuchte es immer wieder, stand auf, fiel hin,
bis er endlich ein paar Schritte ging, torkelnd,
wie betrunken, die Hinterbeine wollten einfach
nicht, er fiel, ruhte kurz aus und rappelte sich
wieder hoch …

ihr kennt den Rest: Jetzt geht’s ihm besser
denn je, schielend, fast keine Zähne, die Anmut
ist zurück, und dieses Etwas in den Augen war
nie weg …

Charles Bukowski mit Non-Manx-Katermanchmal interviewt man mich, fragt mich
nach Leben und Literatur, und ich besaufe mich
und halte meinen schielenden angeschossenen
überfahrenen entschwanzten Kater hoch und sage
„schaut, schaut euch das an.“

aber sie verstehen nicht, sagen Dinge wie „sie
sind also beeinflusst von Céline …“

„nein.“ ich halte die Katze hoch. „von dem,
was passiert, von
so was wie dem hier, dem hier, dem hier! …“

ich schwenke den Kater hin und her, halte ihn ins
verrauchte, betrunkene Licht; er nimmt’s locker, er
kennt sich aus …

ungefähr da ist’s mit den meisten Interviews vorbei.
allerdings bin ich manchmal ganz schön stolz,
wenn ich sie später gedruckt sehe, und da bin ich
und da ist der Kater, wir beide, zusammen auf dem
Foto …

was das für Bullshit ist, das weiß er auch, aber
es bringt Futter in den Napf,
stimmt’s?

~~~\~~~~~~~/~~~

Charles Bukowski mit Non-Manx-Kater

eins für den alten Knaben

er war bloß ein
Kater
schielend
schmutzig weiß
mit blassen blauen Augen

ich erspare euch seine
Geschichte
nur so viel:
er hatte jede Menge Pech
und war ein guter
Kerl
und er ist gestorben
wie Menschen sterben
Elefanten sterben
Ratten sterben
Blumen sterben
wie Wasser verdunstet
und der Wind sich legt

letzten Montag hat
die Lunge schlappgemacht.

jetzt liegt er im Rosen-
garten
und in mir wurde
ein anrührender
Marsch für ihn gespielt
was sicher nicht viele
aber bestimmt manche
von euch
interessiert.

das
war’s.

Charles Bukowski mit Non-Manx-Kater

Bilder: Cover Abel Debritto, Hrsg.: Charles Bukowski: Katzen, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2018;
Charles und Linda Bukowski: ca. Juni 1981, via Elena Kuzmina: Charles Bukowski — On Cats, 20. April 2016
und Guillermo Galvan’s Reviews: On Cats, 18. Januar 2017.

Anrührender Marsch: 2. Satz: Marcia funebre — das bedeutet: Begräbnismarsch — (Adagio assai) aus: Beethoven: 3. Sinfonie „Eroica“, Es-Dur, opus 55, 1803,
Wiener Philharmoniker unter Leonard Bernstein im Musikverein Wien, 1978:

nichts gegen
Beethoven:

für einen Mensch
war der
nicht übel

trotzdem möchte ich
ihn
nicht auf dem Teppich haben
ein Bein über
dem Kopf und
die Zunge an
den Eiern.

Charles Bukowski: eine Katze ist eine Katze ist eine Katze ist eine Katze, a. a. O., Seite 99.

~~~\~~~~~~~/~~~

Bonus-Gedicht: Charles Bukowski: Cats and You and Me:

~~~\~~~~~~~/~~~

And all I got’s a pocketful of flowers on my grave: Tom Waits: Back In The Good Old World (Gypsy),
aus: Night on Earth, 1991 f.:

Written by Wolf

14. Dezember 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Das Tier & wir, Novecento

Kater Murr und der dramatisierte Magnetismus

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Update zu Der vortreffliche Kater Murr (Gekatzbuckel!)
und Was ich gebar in Stunden der Begeisterung:

Glücklicherweise ist die Forschung nicht erst seit 2018 weit genug zu erkennen, dass E.T.A. Hoffmann: Lebens-Ansichten des Katers Murr eins der besten, jedenfalls unverzichtbaren Bücher überhaupt ist, ohne das nicht allein die deutsche, sondern die Weltliteratur ein ganzes Stück ärmer wäre, da können Sie gern die Herrschaften Poe, Dostojewski, Thomas Mann, Christa Wolf, Franz Fühmann und ein ganzes Heer von Illustratoren fragen.

Daniel Nilsson, Homeless in Rain, 25. Juli 2016Das war nicht gleich bei Ersterscheinen so: Hans von Müller sorgt sich noch 1903 in seinem Kreislerbuch um das „gefährliche, selbstmörderische Spiel mit der Form„, Hartmut Steinicke wiegelt 1992 in seiner großen Murr-Ausgabe schon ab (Seite 923):

Die Angriffspunkte der früheren Kritik wurden in diesen [von Steinicke besprochenen] neuen Deutungen entweder ausgeklammert oder mit der allgemeinen Verwirrung der ästhetischen Begriffe in der Spätzeit der Romantik entschuldigt.

Danke dafür — von Müller für seinen mehr besorgten denn angriffslustigen Tonfall, Steinicke für seine schlichtende Ehrenrettung — ich wäre nämlich gern auf der Seite von Ludwig Börne.

Ludwig Börne teilt sich mit mir den Geburtstag, hat ein beeindruckend durchdachtes Verhältnis zu Goethe, das man ambivalent oder oder objektiv finden mag, hat den heute oft blindlings verehrten Heine jahrelang zur Ordnung gepfiffen, was man ambivalent oder zickig finden mag, gelangt dabei über der einen oder anderen brillanten Formulierung zu ebensolchen Gedankengängen und wird von nur noch wenigen, aber den richtigen Leuten gemocht. Und dann — nach einer Einleitung voll der geballten Verumglimpfung des gesamten Katzentums — das: „Kater Murr und die ihm vorhergegangenen Werke seines Verfassers sind Nachtstücke, nie von sanftem Mondscheine, nur von Irrwischen, fallenden Sternen und Feuersbrünsten beleuchtet.“

Ja, stimmt schon. Das sagt der, als ob es was Schlechtes wäre (in seiner eigenen Zeitschrift Die Wage, 1820). Gut, Börne mag keine Katzenbücher (und offenbar nicht einmal Katzen) mit einem Humor, der heute als gallig durchginge; ein inhaltliches und formales Feuerwerk wie den Murr deswegen als krankhaft und seines Da-Seins unberechtigt hinzustellen finde ich aus dem Wissensschatz des 20. Jahrhunderts heraus, den Börne zwangsläufig nicht erringen konnte, gelinde gesagt bedenklich. Nebenbei bemerkt war Börne, geborener Juda Löb Baruch im Frankfurter Schtetl, bis zu seiner Taufe (am 5. Juni 1818, also 32-jährig) — wenngleich nur sehr gelegentlich praktizierender — Jude, falls das etwas zur Sache aussagt.

Vielleicht passiert das, wenn Journalisten gleichzeitig Literaturkritiker sind. Um Börne mit seiner eigenen Argumentation zu retten: „Ein Streben, das keinen Dank verdient“ — aber eben: „Es muß auch solche Käuze geben.“

——— Ludwig Börne:

Humoralpathologie

in: Die Wage 1820, nach: Sämtliche Schriften, Band 2, Düsseldorf 1964, S. 450 bis 457:

Die Katze gehört zum edlen Geschlechte des Löwen; aber nur der Abschaum königlichen Blutes fließt in ihren Adern. Sie ist ohne Mut, und darum ohne Großmut; ohne Kraft, und darum falsch; ohne Freundlichkeit, und darum schmeichelnd. Der Tag blendet sie, am schärfsten sieht sie im Dunkeln. Sie liebt die Höhen nicht, sie liebt nur das Steigen; sie hat einen Klettersinn und klettert hinauf, um wieder herabzuklettern. Minder widerlich ist selbst ihr tückisches Knurren als ihr zärtliches Miauen. Nicht dem Menschen, der sie wartet, nur dem Hause, worin sie gefüttert worden, bleibt sie treu. Eine entartete Mutter, frißt sie ihre eigenen Jungen. So ist die Katze! So ist auch der Katzenhumor, der in Hoffmanns Kater Murr spinnt. Ich gestehe es offen, daß dieses Werk mir in der innersten Seele zuwider ist, mag man es auch eben so kindisch finden, ein Buch zu hassen, das einem wehe tat, als es kindisch ist, einen Tisch zu schlagen, woran man sich gestoßen. Aber nicht über die genannte Schrift insbesondere, sondern über die darin fortgespielte mißtönende Weise, die auch in allen übrigen Werken des Verfassers uns beleidigend entgegenklingt, über die beständig darüber herziehende, naßkalte, nebelgraue, düstere und anschauernde Witterung will ich einige Worte sagen. Die Überschrift, welche diese Betrachtung führt, ein Wort, dessen Bedeutung die neuere Arzneikunst verwirft, wurde darum gewählt, weil gezeigt werden soll, daß der Humor in den Schriften des Verfassers der Phantasiestücke ein kranker ist. Der gesunde und lebensfrische Humor atmet frei und stöhnt nicht mit enger Brust. Er kennt die Trauer, aber nur über fremde Schmerzen, nicht über eigene. Er berührt die Wunde nicht, die er nicht heilen kann, und reizt sie nie vergebens. Er sieht von der Höhe auf alle Menschen herab, nicht aus Hochmut, sondern um alle seine Kinder mit einem Blicke zu übersehen. Was sich liebt, trennt er, um die Neigung zu verstärken; was sich haßt, vereinigt er, nicht um den Hader, um die Versöhnung herbeizuführen. Er entlarvt den Heuchler und verzeiht die Heuchelei; denn auch die Maske hat ein Menschenantlitz, und in der häßlichen Puppe ist ein schönerer Schmetterling verborgen. Er findet nichts verächtlich als die Verachtung und achtet nichts, weil er nichts verachtet. Nichts ist ihm heilig, weil ihm alles heilig erscheint; die ganze Welt ist ihm ein Gotteshaus, jedes Menschenwort ein Gebet, jede Kinderlust ein Opfer auf dem Altare der Natur. Er zieht den Himmel erdwärts, nicht um ihn zu beschmutzen, sondern um die Erde zu verklären. Er kennt nichts Häßliches, doch verschönt er es, um es gefälliger zu machen. Er liebt das Gute und beklagt die Schlechten; denn das Laster ist ihm auch eine Krankheit und der Tod durch des Henkers Schwert nur eine andere Art zu sterben. Er zürnt mit seinem eignen Zorne, denn nur das Überraschende entrüstet, und nur der Schlafende wird überrascht. Er verspottet seine eigne Empfindung, denn jeder Regung geht Gleichgültigkeit vorher, und jede Vorliebe ist eine Ungerechtigkeit. Er erhebt das Niedrige und erniedrigt das Hohe, nicht aus Trotz, oder um zu demütigen, sondern um beides gleich zu setzen, weil nur Liebe ist, wo Gleichheit. Er tröstet nicht, er unterdrückt das Bedürfnis des Trostes. Stets rettend, lindernd, heilend, verletzt er sich selbst mit scharfem Dolche, um dem Verwundeten mit Lächeln zu zeigen, daß solche Verletzungen nicht tödlich seien. Seine Sorgfalt endet nicht, wenn die Wunde sich geschlossen; Narben sind auch Wunden, die Erinnerung ist auch ein Schmerz; er glättet jene und vernichtet diese. Der Geist der Liebe haucht fort und fort aus ihm, alles befördernd; er treibt das Schiff, wenn es die Gefahren des Meeres, und führt es zurück, wenn es den Hafen sucht – er rechtet nicht mit den Begehrungen der Menschen, denn Suchen beglückt mehr als Finden.

Der gute Geist der Liebe, der versöhnt und bindet und die im Prisma des Lebens entzweiten Farben in den Schoß der Muttersonne zurückführt, jener Geist – er kommt nie ungerufen – beseelt die Werke des Verfassers der Phantasiestücke nicht mit dem leisesten Hauche. Das neckende Gespenst des Widerspruchs, das jede Freude verdirbt und jeden Schmerz verhöhnt, steigt dort, von grauser Mitternacht umgeben, aus dem Grabe aller Empfindungen herauf. Er führt uns auf die höchsten Gipfel, um uns tiefer herabzustürzen, und selbst sein Himmel ist ein unterirdischer. Er dringt in die Tiefe aller Dinge, um ihren geheimnisvollen Wechselhaß, nicht um ihre verschwiegene Liebe zu verraten. Kreisler ist der Unglücklichste aller Verdammten. Er ist ein gestürzter Engel. Die Brücke, welche der gute Humor über alle Spalten und Spaltungen des Lebens führt, reißt der entartete nieder; die Harrenden auf beiden Seiten strecken sich sehnsuchtsvoll die Arme entgegen und verzweifeln um so mehr, je näher die Ufer sind. Selbst die Musik, diese Himmelskönigin, die er liebend verehrt, steht in unerreichbarer Ferne von ihm; sie hört seine Gebete nicht, und nie gab es eine mißtönendere Seele als die jenes Kreisler, der rastlos den Wohllaut sucht und niemals findet, weil der Widerklang im eignen Herzen fehlt.

Empfindsamkeit und Spott sind die beiden Pole, jene der anziehende, dieser der abstoßende des Humors. Aber nur in der Mitte ist der Indifferenzpunkt der Liebe. Wo sie versöhnt zusammentreffen, da schmilzt die eine den Frost des anderen, oder der Spott kühlt säuselnd die Sonnenglut der Empfindung ab. Wenn sie aber auseinander stehen, ist die Empfindsamkeit nur eine gefährliche Abneigung, eine launische Wahlverwandtschaft, die uns mit einem Stoffe verbindet und von tausenden trennt, – und der Spott wird zum Hasse. So in seine Bestandteile gespalten, erscheint der Humor in den genannten Werken, und ganz so, wie er dem Meister Abraham tadelnd zugeschrieben wird, nicht „als jene seltene wunderbare Stimmung des Gemüts, die aus der tiefern Anschauung des Lebens in all seinen Bedingnissen, aus dem Kampf der feindlichsten Prinzipe sich erzeugt, sondern nur durch das entschiedene Gefühl des Ungehörigen, gepaart mit dem Talent, es ins Leben zu schaffen, und der Notwendigkeit der eignen bizarren Erscheinung. Dieses war die Grundlage des verhöhnenden Spottes, den Liscov überall ausströmen ließ, der Schadenfreude, mit der er alles als ungehörig erkannte, rastlos verfolgte, bis in die geheimsten Winkel.“ Kreisler hat sich selbst das Urteil gesprochen: nicht anders ist sein eigner Humor. Ein zerrissenes Gemüt, ein alles zerreißender Spott. Seine Gefühle sind nur Verzerrungen, nicht rührender als das Zucken des Froschschenkels an der galvanischen Säule, und der Friede seines Gemüts zeigt nur die Ruhe einer Maske. Was die Natur am innigsten verwebte, zieht er in die Fäden der Kette und des Einschlags auseinander, um hohnlächelnd ihre feindlichen Richtungen zu zeigen. Daher auch seine harten Schmähungen, mit welchen er diejenigen verfolgt, die an musikalischen Spielen ihre Lust finden und welchen die Kraft oder Neigung fehlt, die Kunst als heiligen Ernst zu fassen und auszuüben. Kreisler fordert unduldsam, seine Göttin solle, gleich dem grausamen Gotte der Juden, dem auserwählten kleinen Volke der Künstler ausschließlich zugehören. Noch nie haben Priester den Tempel, den sie bewahren, Gläubigen verschließen wollen! Musik ist Gebet; ob nun das Kind es herstammele, ob der rohe Mensch in roher Sprache es halte, ob der Gebildete in sinnigen geistvollen Worten – der Himmel hört sie mit gleicher Liebe an und gibt jedem den Widerklang seiner Empfindung als Trost zurück. Das Gassenlied, das den rohen Gesellen hinauftreibt, ist so ehrwürdig als die erhabenste Dichtung Mozarts, die ein empfängliches Ohr begeistert. Und welche Musik ist beglückender, die berauschende des wahnsinnigen Kapellmeisters, die als Bacchantin und Furie das Herz durch alle Wonnen, durch alle Qualen peitscht, oder die sanft erwärmende, die still erfreut und täglich und häuslich genossen werden kann? Darf man eine Freude zerstören, weil man sie verwirft und nicht teilen mag? Warum gegen die musikalischen Tändeleien eifern, da durch sie allein die ernste Kunst fortgepflanzt wird, weil jede Größe in Kunst und Wissenschaft nur die zusammengezogene Zahl vorhergehender kleinerer Zahlen ist, und da kein Gut an die Stelle des Genusses käme, wenn nicht seines Wertes unkundige Fuhrleute, sich mit dem Ertrage des Gewichtes begnügend, es weiter brächten?

Kater Murr und die ihm vorhergegangenen Werke seines Verfassers sind Nachtstücke, nie von sanftem Mondscheine, nur von Irrwischen, fallenden Sternen und Feuersbrünsten beleuchtet. Alle seine Menschen stehen auf der faulen wankenden Brücke, die von dem Glauben zum Wissen führt; unter ihnen droht der Abgrund, und die erschrockenen Wanderer wagen weder vorwärts zu schreiten noch zurück und harren unentschlossen, bis die Pfeiler einstürzen. Das ist seine Stärke, seine Wissenschaft und seine Kunst, – die Geisterwelt aufzuschließen, zu verraten das Leben der leblosen Dinge, an den Tag zu bringen die verborgenen Fäden, womit der Mensch, und der glückliche, ahndungslos gegängelt wird; jede Blume als ein lauerndes Gespensterauge, jeden freundlich sich herüberneigenden Zweig als den ausgestreckten Arm einer zerstörenden dunklen Macht erscheinen zu lassen. Es ist der dramatisierte Magnetismus, und wenn das Konversationslexikon von jenem Schriftsteller bemerkt: daß er durch die grellsten Dissonanzen zur harmonischen Auflösung durchdringe, so ist ja eben in dieser Auflösung das Anschauernde, Unheimliche, Verletzende.

Eine unerklärliche schreckliche Erscheinung wird dem Erzähler nicht geglaubt und mag als Werk der Einbildungskraft erheitern; aber sobald er sie natürlich erklärt und so den Glauben erzwingt, weckt er den Menschen aus seiner fröhlichen Sorglosigkeit, zieht ihn von den freundlich lichten Höhen in den dunklen Abgrund hinab, wo die zerstörende Natur unter Scherben und Leichen sitzt. Ein Streben, das keinen Dank verdient:

Es freue sich,
Wer da atmet im rosigen Licht;
Da unten aber ist’s fürchterlich!
Und der Mensch versuche die Götter nicht,
Und begehre nimmer und nimmer zu schauen,
Was sie gnädig bedecken mit Nacht und Grauen.

Nur allein die Liebe, die ihm mangelt, kann dem Verfasser des Kater Murr Verzeihung gewähren selbst für diesen Mangel, und wir endigen besänftigt und besänftigend mit den Worten, die Faust seiner den Unhold ahnenden Margaretha sagt:

Es muß auch solche Käuze geben.

Daniel Nilsson, Homeless in Rain, 25. Juli 2016

BIlder: Daniel Nilsson: Kitten Discover Water from Sky und Homeless in Rain, 25. Juli 2016:

We met a new friend in the rain in a jungle village at the Azores. We found this little fellow with a plate with white bread and no mum in sight! Probably she needs a proper home. Sadly we could not help this little one. :(

Es war gar nicht so einfach, Bilder von kranken Katzen mit einem gewissen ästhetischen Anspruch aufzutreiben, die weder einem medizinischen Zweck noch einem niederen Voyeurismus folgen. Die obigen finde ich immer noch grenzwertig genug. Nennen wir sie dokumentarisch.

Katzenjammer: My Dear, aus: Rockland, 2015:

When my white face withers
When my skin turns gray
When the drama’s over
Then will you still stay?

Written by Wolf

19. Januar 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Das Tier & wir, Junges Deutschland

5. und letzter Katzvent 2016: Mačka se vratila

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Update zum 4. Katzvent: Was ich gebar in Stunden der Begeisterung:

Jetzt, wo Weihnachten vorbei ist und die bekannten Verkaufs- und Tauschplattformen — und vergesst mir ja die Antiquariate nicht! — vor gebrauchten Büchern platzen müssten, ergeht die wärmste Empfehlung für Clemens Brentano.

Francesco Bacchiacca, Portrait of a young lady holding a cat, ca. 1525--1530Jetzt, wo Weihnachten vorbei ist, kann Brentanos namenloser kroatischer Edelmann aus Die mehreren Wehmüller und ungarischen Nationalgesichter die Katzengeschichte erzählen, die ihm in der Heiligen Nacht widerfahren ist.

Sie ist nicht sehr präsent. Weder in Anthologien für Weihnachts- noch für Katzengeschichten erscheint sie oft gesammelt, weil sie — ohne zu spoilern — für die Katze — hier: den Kater — nicht zum besten ausgeht und allgemein etwas ruppig und nicht ganz so besinnlich daherkommt, wie es die anzunehmende Zielgruppe für Weihnachts- und Katzenanthologien wünscht. Ich finde sie der Erzählerstimme nur angemessen und insgesamt raffiniert erfunden — und das vor allem in ihrer Funktion als Binnengeschichte für die mehreren Wehmüller: Sie vollführt nämlich später im Text — ohne zu spoilern — einen geradezu postmodernen Schlenker auf die Ebene der Rahmenerzählung zurück und kann daher gar nicht anders verlaufen. Viel raffinierter als Brentano in den Wehmüllern kann man kaum erzählen.

Und jetzt, wo Weihnachten vorbei ist, erscheint der feline Teil der mehreren Wehmüller quasi als Bonus-Katzvent Nummer 5, weil es glaubwürdiger ist, wenn der edle Kroate erst nach dem Advent vom Heiligabend berichtet. Sein Kater Mores passt als künstlerisch tätige Katze in die Reihe: Er versteht sich, wie erstaunlich viele Katzen der Kunstgeschichte, aufs Dudelsackblasen.

——— Clemens Brentano:

Das Pickenick des Katers Mores

Erzählung des kroatischen Edelmanns

in: Die mehreren Wehmüller und ungarischen Nationalgesichter, 1817:

Cat playing the bagpipes, Morgan Library, MS 282Mein Freihof liegt einsam, eine halbe Stunde von der türkischen Grenze, in einem sumpfichten Wald, wo alles im herrlichsten und fatalsten Überfluß ist, zum Beispiel die Nachtigallen, die einen immer vor Tag aus dem Schlafe wecken, und im letzten Sommer pfiffen die Bestien so unverschämt nah und in solcher Menge vor meinem Fenster, daß ich einmal im größten Zorne den Nachttopf nach ihnen warf. Aber ich kriegte bald einen Hausgenossen, der ihnen auf den Dienst paßte und mich von dem Ungeziefer befreite. Heut sind es drei Jahre, als ich morgens auf meinen Finkenherd ging, mit einem Pallasch, einer guten Doppelbüchse und einem Paar doppelten Pistolen versehen, denn ich hatte einen türkischen Wildpretdieb und Händler auf dem Korn, der mir seit einiger Zeit großen Wildschaden angetan und mir, da ich ihn gewarnt hatte, trotzig hatte sagen lassen, er störe sich nicht an mir und wolle unter meinen Augen in meinem Wald jagen. Als ich nach dem Finkenherd kam, fand ich alle meine ausgestellten Dohnen und Schlingen ausgeleert und merkte, daß der Spitzbube mußte da gewesen sein. Erbittert stellte ich meinen Fang wieder auf, da strich ein großer schwarzer Kater aus dem Gesträuch murrend zu mir her und machte sich so zutulich, daß ich seinen Pelz mit Wohlgefallen ansah und ihn liebkoste mit der Hoffnung, ihn an mich zu gewöhnen und mir etwa aus seinen Winterhaaren eine Mütze zu machen. Ich habe immer so eine lebendige Wintergarderobe im Sommer in meinem Revier, ich brauche darum kein Geld zum Kürschner zu tragen, es kommen mir auch keine Motten in mein Pelzwerk. Vier Paar tüchtige lederne Hosen laufen immer als lebendige Böcke auf meinem Hofe, und mitten unter ihnen ein herrlicher Dudelsack, der sich jetzt als lebendiger Bock schon so musikalisch zeigt, daß die zu einzelnen Hosenbeinen bestimmten Kandidaten, sobald er meckernd unter sie tritt, zu tanzen und gegeneinander zu stutzen anfangen, als fühlten sie jetzt schon ihre Bestimmung, einst mit meinen Beinen nach diesem Dudelsack ungarisch zu tanzen. So habe ich auch einen neuen Reisekoffer als Wildsau in meinem Forste herumlaufen, ein prächtiger Wolfspelz hat mir im letzten Winter in der Gestalt von sechs tüchtigen Wölfen schon auf den Leib gewollt; die Bestien hatten mit ein tüchtiges Loch in die Kammertüre genagt, da fuhr ich einem nach dem andern durch ein Loch über der Türe mit einem Pinsel voll Ölfarbe über den Rücken und erwarte sie nächstens wieder, um ihnen das Fell über die Ohren zu ziehen.

Book of Hours, Lyon, ca. 1505–1510, LyonAus solchen Gesichtspunkten sah ich auch den schwarzen Kater an und gab ihm, teils weil er schwarz wie ein Mohr war, teils weil er gar vortreffliche Mores oder Sitten hatte, den Namen Mores. Der Kater folgte mir nach Hause und wußte sich so vortrefflich durch Mäusefangen und Verträglichkeit mit meinen Hunden auszuzeichnen, daß ich den Gedanken, ihn aus seinem Pelz zu vertreiben, bald aufgegeben hatte. Mores war mein steter Begleiter, und nachts schlief er auf einem ledernen Stuhl neben meinem Bette. Merkwürdig war es mir besonders an dem Tiere, daß es, als ich ihm scherzhaft bei Tage einigemal Wein aus meinem Glase zu trinken anbot, sich gewaltig dagegen sträubte und ich es doch einst im Keller erwischte, wie es den Schwanz ins Spundloch hängte und dann mit dem größten Appetit ableckte. Auch zeichnete sich Mores vor allen Katzen durch seine Neigung, sich zu waschen, aus, da doch sonst sein Geschlecht eine Feindschaft gegen das Wasser hat. Alle diese Absonderlichkeiten hatten den Mores in meiner Nachbarschaft sehr berühmt gemacht, und ich ließ ihn ruhig bei mir aus und ein gehen, er jagte auf seine eigne Hand und kostete mich nichts als Kaffee, den er über die Maßen gern soff. So hatte ich meinen Gesellen bis gegen Weihnachten immer als Schlafkameraden gehabt, als ich ihn die zwei letzten Tage und Nächte vor dem Christtag ausbleiben sah. Ich war schon an den Gedanken gewöhnt, daß ihn irgendein Wildschütze, vielleicht gar mein türkischer Grenznachbar, möge weggeschossen oder gefangen haben, und sendete deswegen einen Knecht hinüber zu dem Wildhändler, um etwas von dem Mores auszukundschaften. Aber der Knecht kam mit der Nachricht zurück, daß der Wildhändler von meinem Kater nichts wisse, daß er eben von einer Reise von Stambul zurückgekommen sei und seiner Frau eine Menge schöner Katzen mitgebracht habe; übrigens sei es ihm lieb, daß er von meinem trefflichen Kater gehört, und wolle er auf alle Weise suchen, ihn in seine Gewalt zu bringen, da ihm ein tüchtiger Bassa für sein Serail fehle. Diese Nachricht erhielt ich mit Verdruß am Weihnachtsabend und sehnte mich um so mehr nach meinem Mores, weil ich ihn dem türkischen Schelm nicht gönnte. Ich legte mich an diesem Abend früh zu Bette, weil ich in der Mitternacht eine Stunde Weges nach der Kirche in die Metten gehen wollte. Mein Knecht weckte mich zur gehörigen Zeit; ich legte meine Waffen an und hängte meine Doppelbüchse, mit dem gröbsten Schrote geladen, um. So machte ich mich auf den Weg, in der kältesten Winternacht, die ich je erlebt; ich war eingehüllt wie ein Pelznickel, die brennende Tabakspfeife fror mir einigemal ein, der Pelz um meinen Hals starrte von meinem gefrornen Hauch wie ein Stachelschwein, der feste Schnee knarrte unter meinen Stiefeln, die Wölfe heulten rings um meinen Hof, und ich befahl meinen Knechten, Jagd auf sie zu machen.

LeValeur, Spielkatze mit Dudelsack, 2013So war ich bei sternheller Nacht auf das freie Feld hinaus gekommen und sah schon in der Ferne eine Eiche, die auf einer kleinen Insel mitten in einem zugefrornen Teiche stand und etwa die Hälfte des Weges bezeichnete, den ich zum Kirchdorf hatte. Da hörte ich eine wunderbare Musik und glaubte anfangs, es sei etwa ein Zug Bauern, der mit einem Dudelsack sich den Weg zur Kirche verkürzte, und so schritt ich derber zu, um mich an diese Leute anzuschließen. Aber je näher ich kam, je toller war die kuriose Musik, sie löste sich in ein Gewimmer auf, und, schon dem Baume nah, hörte ich, daß die Musik von demselben herunter schallte. Ich nahm mein Gewehr in die Hand, spannte den Hahn und schlich über den festen Teich auf die Eiche los; was sah ich, was hörte ich? Das Haar stand mir zu Berge; der ganze Baum saß voll schrecklich heulender Katzen, und in der Krone thronte mein Herr Mores mit krummem Buckel und blies ganz erbärmlich auf einem Dudelsack, wozu die Katzen unter gewaltigem Geschrei um ihn her durch die Zweige tanzten. Ich war anfangs vor Entsetzen wie versteinert, bald aber zwickte mich der Klang des Dudelsacks so sonderbar in den Beinen, daß ich selbst anfing zu tanzen und beinahe in eine von Fischern gehauene Eisöffnung fiel; da tönte aber die Mettenglocke durch die helle Nacht, ich kam zu Sinnen und schoß die volle Schrotladung meiner Doppelbüchse in den vermaledeiten Tanzchor hinein, und in demselben Augenblick fegte die ganze Tanzgesellschaft wie ein Hagelwetter von der Eiche herunter und wie ein Bienenschwarm über mich weg, so daß ich auf dem Eise ausglitt und platt niederstürzte. Als ich mich aufraffte, war das Feld leer, und ich wunderte mich, daß ich auch keine einzige von den Katzen getroffen unter dem Baume fand. Der ganze Handel hatte mich so erschreckt und so wunderlich gemacht, daß ich es aufgab, nach der Kirche zu gehen; ich eilte nach meinem Hofe zurück und schoß meine Pistolen mehrere Male ab, um meine Knechte herbeizurufen. Sie nahten mir bald auf dieses verabredete Zeichen; ich erzählte ihnen mein Abenteuer, und der eine, ein alter, erfahrener Kerl, sagte: „Sei’n Ihr Gnaden nur ruhig, wir werden die Katzen bald finden, die Ihr Gnaden geschossen haben.“ Ich machte mir allerlei Gedanken und legte mich zu Hause, nachdem ich auf den Schreck einen warmen Wein getrunken hatte, zu Bett.

Medieval Beasts and Bestiary TilesAls ich gegen Morgen ein Geräusch vernahm, erwachte ich aus dem unruhigen Schlaf, und sieh da: mein vermaledeiter Mores lag – mit versengtem Pelz – wie gewöhnlich neben mir auf dem Lederstuhl. Es lief mir ein grimmiger Zorn durch alle Glieder; „Passaveanelkiteremtete!“ schrie ich, „vermaledeite Zauberkanaille! bist du wieder da?“ und griff nach einer neuen Mistgabel, die neben meinem Bette stand; aber die Bestie stürzte mir an die Kehle und würgte mich; ich schrie Zetermordio. Meine Knechte eilten herbei mit gezogenen Säbeln und fegten nicht schlecht über meinen Mores her, der an allen Wänden hinauf fuhr, endlich das Fenster zerstieß und dem Walde zustürzte, wo es vergebens war, das Untier zu verfolgen; doch waren wir gewiß, daß Herr Mores seinen Teil Säbelhiebe weghabe, um nie wieder auf dem Dudelsack zu blasen. Ich war schändlich zerkratzt, und der Hals und das Gesicht schwoll mir gräßlich an. Ich ließ nach einer slavonischen Viehmagd rufen, die bei mir diente, um mir einen Umschlag von ihr kochen zu lassen, aber sie war nirgends zu finden, und ich mußte nach dem Kirchdorf fahren, wo ein Feldscheer wohnte. Als wir an die Eiche kamen, wo das nächtliche Konzert gewesen war, sahen wir einen Menschen darauf sitzen, der uns erbärmlich um Hülfe anflehte. Ich erkannte bald Mladka, die slavonische Magd; sie hing halb erfroren mit den Röcken in den Baumästen verwickelt, und das Blut rann von ihr nieder in den Schnee; auch sahen wir blutige Spuren von da her, wo mich die Katzen über den Haufen geworfen, nach dem Walde zu. Ich wußte nun, wie es mit der Slavonierin beschaffen war, ließ sie schwebend, daß sie die Erde nicht berührte, auf den Wurstwagen tragen und festbinden und fuhr eilend mit der Hexe nach dem Dorfe. Als ich bei dem Chirurg ankam, wurde gleich der Vizegespan und der Pfarrer des Orts gerufen, alles zu Protokoll genommen, und die Magd Mladka ward ins Gefängnis geworfen; sie ist zu ihrem Glück an dem Schuß, den sie im Leibe hatte, gestorben, sonst wäre sie gewiß auf den Scheiterhaufen gekommen. Sie war ein wunderschönes Weibsbild, und ihr Skelett ist nach Pest ins Naturalienkabinett als ein Muster schönen Wachstums gekommen; sie hat sich auch herzlich bekehrt und ist unter vielen Tränen gestorben. Auf ihre Aussagen sollten verschiedene andere Weibspersonen in der Gegend gefangengenommen werden, aber man fand zwei tot in ihren Betten, die anderen waren entflohen.

Robin Milner, A Cat Came FiddlingAls ich wiederhergestellt war, mußte ich mit einer Kreiskommission über die türkische Grenze reisen; wir meldeten uns bei der Obrigkeit mit unserer Anzeige gegen den Wildhändler, aber da kamen wir schier in eine noch schlimmere Suppe; es wurde uns erklärt, daß der Wildhändler nebst seiner Frau und mehreren türkischen, serbischen und slavonischen Mägden und Sklavinnen von Schrotschüssen und Säbelhieben verwundet zu Hause angekommen, und daß der Wildhändler gestorben sei mit der Angabe: er sei, von einer Hochzeit kommend, auf der Grenze von mir überfallen und so zugerichtet worden. Während dies angezeigt wurde, versammelte sich eine Menge Volks, und die Frau des Wildhändlers mit mehreren Weibern und Mägden, verbunden und bepflastert, erhoben ein mörderliches Geschrei gegen uns. Der Richter sagte: er könne uns nicht schützen, wir möchten sehen, daß wir fortkämen; da eilten wir nach dem Hof, sprangen zu Pferde, nahmen den Kreiskommissär in die Mitte, ich setzte mich an die Spitze der sechs Szekler-Husaren, die uns begleitet hatten, und so sprengten wir, Säbel und Pistole in der Hand, früh genug zum Orte hinaus, um nicht mehr zu erleiden als einige Steinwürfe und blinde Schüsse, eine Menge türkischer Flüche mit eingerechnet. Die Türken verfolgten uns bis über die Grenze, wurden aber von den Szeklern, die sich im Walde setzten, so zugerichtet, daß wenigstens ein paar von ihnen dem Wildhändler in Mahomeds Paradies Nachricht von dem Erfolg werden gegeben haben. Als ich nach Haus kam, war das erste, daß ich meinen Dudelsack visitierte, den ich auch mit drei Schroten durchlöchert hinter meinem Bette liegen fand. Mores hatte also auf meinem eigenen Dudelsack geblasen und war von ihm gegen meinen Schuß gedeckt worden. Ich hatte mit der unseligen Geschichte noch viele Schererei, ich wurde weitläufig zu Protokoll vernommen, es kam eine Kommission nach der andern auf meinen Hof und ließ sich tüchtig aufwarten; die Türken klagten wegen Grenzverletzung, und ich mußte es mir am Ende noch mehrere Stücke Wild und ein ziemliches Geld kosten lassen, daß die Gerichtsplackerei endlich einschlief, nachdem ich und meine Knechte vereidigt worden waren. Trotzdem wurde ich mehrmals vom Kreisphysikus untersucht, ob ich auch völlig bei Verstand sei, und dieser kam nicht eher zur völligen Gewißheit darüber, bis ich ihm ein Paar doppelte Pistolen und seiner Frau eine Verbrämung von schwarzem Fuchspelz und mehrere tüchtige Wildbraten zugeschickt hatte. So wurde die Sache endlich stille; um aber in etwas auf meine Kosten zu kommen, legte ich eine Schenke unter der Eiche auf der Insel in dem Teiche an, wo seither die Bauern und Grenznachbarn aus der Gegend sich sonntags im Sommer viel einstellen und den ledernen Stuhl, worauf Mores geschlafen, und an den ich ein Stück seines Schweifs, das ihm die Knechte in der Nacht abgehauen, genagelt habe, besehen; den Dudelsack habe ich flicken lassen, und mein Knecht, der den Wirt dort macht, pflegt oben in der Eiche, wo Mores gesessen, darauf den Gästen, die um den Baum tanzen, vorzuspielen. Ich habe schon ein schönes Geld da eingenommen, und wenn mich die Herrschaften einmal dort besuchen wollen, so sollen sie gewiß gut bedient werden.

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Jan van Bijlert, Young Woman Playing with a Cat, 1630--1635Diese Erzählung, welche der Kroat mit dem ganzen Ausdruck der Wahrheit vorgebracht hatte, wirkte auf die verschiedenste Weise in der Gesellschaft. Der Vizegespan, der Tiroler und die Wirtin hatten keinen Zweifel, und der Savoyarde zeigte seine Freude, daß man noch kein Beispiel gehabt habe: ein Murmeltier sei eine Hexe gewesen. Lindpeindler äußerte: es möge an der Geschichte wahr sein, was da wolle, so habe sie doch eine höhere poetische Wahrheit; sie sei in jedem Falle wahr, insofern sie den Charakter der Einsamkeit, Wildnis und der türkischen Barbarei ausdrücke; sie sei durchaus für den Ort, auf welchem sie spiele, scharf bezeichnend und mythisch und darum dort wahrer als irgendeine Lafontainesche Familiengeschichte. Aber es verstand keiner der Anwesenden, was Lindpeindler sagen wollte, und Devillier leugnete ihm grade ins Gesicht, daß Lafontaine irgendeine seiner Fabeln jemals für eine wahre Familiengeschichte ausgegeben habe; Lindpeindler schwieg und wurde verkannt.

Girl with a Cat, 1545, Jan Cornelisz VermeyenNun aber wendete sich der Franzose zu der Kammerjungfer, welche sich mit stillem Schauer in einen Winkel gedrückt hatte, sprechend: „Und Sie, schöne Nanny, sind ja so stille, als fühlten Sie sich bei der Geschichte getroffen.“ – „Wieso getroffen?“ fragte Nanny. „Nun, ich meine,“ erwiderte Devillier lächelnd, „von einem Schrote des kroatischen Herrn. Sollte das artigste Kammerkätzchen der Gegend nicht zu dem Teedansant eingeladen gewesen sein? – Das wäre ein Fehler des Herrn Mores gegen die Galanterie, wegen welchem er die Rache seines Herrn allein schon verdient hätte.“ Alle lachten, Nanny aber gab dem Franzosen eine ziemliche Ohrfeige und erwiderte: „Sie sind der Mann dazu, einen in den Ruf zu bringen, daß man geschossen sei, denn Sie haben selbst einen Schuß!“ und dabei zeigte sie ihm von neuem die fünf Finger; worauf Devillier sagte: „Erhebt das nicht den Verdacht, sind das nicht Katzenmanieren? Sie waren gewiß dabei! Frau Tschermack, die Wirtin, wird es uns sagen können, denn die hat gewiß nicht gefehlt; ich glaube, daß sie die Blessur in der Hüfte eher bei solcher Gelegenheit als bei den Wurmserschen Husaren erhalten.“ Alles lachte von neuem, und der Zigeuner sagte: „Ich will sie fragen.“

Ex Libris Marthe Hassler, August 2012Der Kroate fand sich über die Ungläubigkeit Devilliers gekränkt und fing an, seine Geschichte nochmals zu beteuern, indem er seine pferdehaarne steife Halsbinde ablöste, um die Narben von den Klauen des Mores zu zeigen. Nanny drückte die Augen zu, und indessen brachte der Zigeuner die Nachricht: Frau Tschermack meine, Mores müsse es selbst am besten wissen. Er setzte mit diesen Worten die große schwarze Katze der Wirtin, welche er vor der Türe gefangen hatte, der Kammerjungfer in den Schoß, welche mit einem heftigen Schrei des Entsetzens auffuhr. – „Eingestanden!“ rief Devillier; aber der Spaß war dumm, denn Nanny kam einer Ohnmacht nah, die Katze sprang auf den Tisch, warf das Licht um und fuhr dem armen Wehmüller über seine nassen Farben; der Vizegespan riß das Fenster auf und entließ die Katze, aber alles war rebellisch geworden; die Büffelkühe im Hintergrund der Stube an den Ketten, und jeder drängte nach der Türe. Wehmüller und Lindpeindler sprangen auf den Tisch und stießen mit dem Tiroler zusammen, der es auch in demselben Augenblick tat und mit seinen nägelbeschlagenen Schuhen mehr Knopflöcher in das Porträt des Vizegespans trat, als Knöpfe darauf waren. Devillier trug Nanny hinaus; der Kroate schrie immer: „Da haben wir es, das kömmt vom Unglauben!“ Frau Tschermack aber, welche mit einem vollen Weinkrug in die Verstörung trat, fluchte stark und beruhigte die Kühe; der Zigeuner griff wie ein zweiter Orpheus nach seiner Violine, und als Monsieur Devillier mit Nanny, die er am Brunnen erfrischt hatte, wieder hereintrat, kniete der kecke Bursche vor ihr nieder und sang und spielte eine so rührende Weise auf seinem Instrument, daß niemand widerstehen konnte und bald alles stille ward. Es war dies ein altes zigeunerisches Schlachtlied, wobei der Zigeuner endlich in Tränen zerfloß, und Nanny konnte ihm nicht widerstehen, sie weinte auch und reichte ihm die Hand; Lindpeindler aber sprang auf den Sänger zu und umarmte ihn mit den Worten: „O, das ist groß, das ist ursprünglich! Bester Michaly, wollen Sie mir Ihr Lied wohl in die Feder diktieren?“ – „Nimmermehr!“ sagte der Zigeuner, „so was diktiert sich nicht, ich wüßte es auch jetzt nicht mehr, und wenn Sie mir den Hals abschnitten; wenn ich einmal wieder eine schöne Jungfer betrübt habe, wird es mir auch wieder einfallen.“

Tina Sosna, Her voice was a tiny bird flying in the cold winter sky, analogue photography, January 18th, 2016Da lachte die ganze Gesellschaft, und Michaly begann so tolle Melodieen aus seiner Geige herauszulocken, daß die Fröhlichkeit bald wieder hergestellt wurde und Devillier den Kroaten fragte, ob Mores nicht diesen Tanz aufgespielt hätte; Herr Lindpeindler notierte sich wenigstens den Inhalt des extemporierten Liedes; es war die Wehklage über den Tod von tausend Zigeunern. Im Jahr 1537 wurde in den Zapolischen Unruhen das Kastell Nagy-Jda in der Abanywarer Gespanschaft mit Belagerung von kaiserlichen Truppen bedroht. Franz von Perecey, der das Kastell verteidigte, stutzte, aus Truppenmangel, tausend Zigeuner in der Eile zu Soldaten und legte sie unter reichen Versprechungen von Geld und Freiheiten auf Kindeskinder, wenn sie sich wacker hielten, gegen den ersten Anlauf in die äußeren Schanzen. Auf diese vertrauend hielten sich diese Helden auch ganz vortrefflich, sie empfingen die Belagerer mit einem heftigen Feuer, so daß sie umwendeten. Aber nun krochen die Helden übermütig aus ihren Löchern und schrien den Fliehenden nach: „Geht zum Henker, ihr Lumpen, hätten wir noch Pulver und Blei, so wollten wir euch anders zwiebeln.“ Da sahen sich die Abziehenden um, und als sie statt regulierter Truppen einen frechen Zigeunerschwarm auf den Wällen merkten, ergriff sie der Zorn, sie drangen in die Schanze und säbelten die armen Helden bis auf den letzten Mann nieder. Diese Niederlage, eine der traurigsten Erinnerungen der Zigeuner in jener Gegend, hatte Michaly in der Klage einer Mutter um ihren Sohn und einer Braut um ihren gefallenen Geliebten besungen.

Dorota Sroka, Exercice de Style. Cabinet de curiosites, 18. Juni 2016

Katzenbilder:

  1. mit Frauen:

    1. Portrait of a young lady holding a cat, ca. 1525–1530;
    2. Junge Frau, mit einer Katze spielend, 1630–1635;
    3. Jan Cornelisz Vermeyen: Mädchen mit Katze, 1545;
    4. A. Collot: Ex libris Marthe Hassler, August 2012;
    5. Tina Sosna: Her voice was a tiny bird flying in the cold winter sky,
      analoge Photographie für Worte in Bildern, 18. Januar 2016
      mit Muse Anna Mai in handmade lingery von Franziska Zuber,
  2. und mit Dudelsäcken:

    1. Cat playing a bagpipe, Book of Hours, Paris ca. 1460.
      Morgan Library & Museum New York, MS M.282, fol. 133v;
    2. Book of Hours, Lyon, ca. 1505–1510, Lyon, Bibliothèque municipale, Ms 6881, fol. 63v;
    3. LeValeur: Spielkatze mit Dudelsack, 2013;
    4. Medieval Beasts and Bestiary Tiles;
    5. Robin Milner: A Cat Came Fiddling,
  3. und noch eins von Dorota Sroka in Exercice de Style. Cabinet de curiosites, 18. Juni 2016.

Soundtrack: Harry S. Miller: The Cat Came Back, 1893 in der Version der allezeit herzwärmenden (und bekennend lesbischen) Anna Roberts-Gevalt und Joe DeJarnette live zu Hause in Baltimore, 2010:

Bonus Track: Das gleiche nochmal mit Text: Rowlf für The Muppets Show, Folge 523, 26. Oktober 1980:

Written by Wolf

6. Januar 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Das Tier & wir, Romantik

4. Katzvent: Was ich gebar in Stunden der Begeisterung

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Der Advent 2016 führt uns nicht mehr einfach das künstlerische Schaffen über Katzen vor,
sondern das von Katzen.

Das lyrische Gesamtwerk des Katers Murr

Weltweit zum ersten Mal gesammelt folgen die Gedichte des vortrefflichen Katers Murr, die der Étudiant en belles lettres und Homme de lettres très renommé sich selbst zuschreibt — also nicht, was im Dritten Abschnitt: Die Lehrmonate. Launisches Spiel des Zufalls der Katerchor singt und von Murr aus dem Gedächtnis zitiert wird, und nicht der Ausschnitt aus dem Orlando furioso aus dem Vierten Abschnitt: Erspriessliche Folgen höherer Kultur. Die reiferen Monate des Mannes.

Die Bilder sind die beiden bildnerischen Werke, die uns durch den Ziehvater des historischen Katers Murr überliefert wurden, welch letzterer am 1. Dezember 1821 entschlief, „um zu einem beßern Dasein zu erwachen“: durch den getreuen, noch bis 25. Juni 1822 überlebenden Kammergerichtsrat E.T.A. Hoffmann, und bilden somit ebenfalls ein Gesamtkorpus.

Kater Murr, Skizze 1

——— Kater Murr:

Was ich gebar in Stunden der Begeisterung

Ausschnitte aus: E.T.A. Hoffmann: Lebens-Ansichten des Katers Murr nebst fragmentarischer Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern, Ferdinand Dümmlersche Verlagsbuchhandlung, Berlin, 1819 und 1821:

„Leugnet es nur nicht,“ fuhr der Professor fort, „leugnet es nur nicht, an dem Kleinen dort in der Kammer habt Ihr jene abstrakte Erziehungsmethode versucht, Ihr habt ihn lesen, schreiben gelehrt, Ihr habt ihm die Wissenschaften beigebracht, so daß er sich schon jetzt unterfängt, den Autor zu spielen, ja sogar Verse zu machen.“

„Nun,“ sprach der Meister, „das ist doch in der Tat das Tollste, was mir jemals vorgekommen! – Ich meinen Kater erziehen, ich ihm die Wissenschaften beibringen! – Sagt, was für Träume rumoren in Eurem Sinn, Professor? – Ich versichere Euch, daß ich von meines Katers Bildung nicht das mindeste weiß, die selbe auch für ganz unmöglich halte.“

„So?“ fragte der Professor mit gedehntem Ton, zog ein Heft aus der Tasche, das ich augenblicklich für das mir von dem jungen Ponto geraubte Manuskript erkannte, und las:

„Sehnsucht nach dem Höheren

Ha, welch Gefühl, das meine Brust beweget?
Was sagt dies unruh- – ahnungsvolle Beben,
Will sich zum kühnen Sprung der Geist erheben,
Vom Sporn des mächt’gen Genius erreget?

Was ist es, was der Sinn im Sinne träget,
Was will dem liebesdrangerfüllten Leben
Dies rastlos brennend feurig-süße Streben,
Was ist es, das im bangen Herzen schläget?

Entrückt werd‘ ich nach fernen Zauberlanden,
Kein Wort, kein Laut, die Zunge ist gebunden,
Ein sehnlich Hoffen weht mit Frühlingsfrische,

Befreit mich bald von drückend schweren Banden.
Erträumt, erspürt, im grünsten Laub gefunden!
Hinauf mein Herz! beim Fittich ihn erwische!“

Ich hoffe, daß jeder meiner gütigen Leser die Musterhaftigkeit dieses herrlichen Sonetts, das aus der tiefsten Tiefe meines Gemüts hervorfloß, einsehen und mich um so mehr bewundern wird, wenn ich versichere, daß es zu den ersten gehört, die ich überhaupt verfertigt habe.

„Hoho,“ rief der Meister, „wahrhaftig, das Sonett ist eines Katers vollkommen würdig, aber noch immer verstehe ich nicht Euern Spaß, Professor, sagt mir nur lieber geradezu, wo Ihr hinauswollt.“

Der Professor, ohne dem Meister zu antworten, blätterte im Manuskript und las weiter:

„Glosse

Liebe schwärmt auf allen Wegen,
Freundschaft bleibt für sich allein,
Liebe kommt uns rasch entgegen,
Aufgesucht will Freundschaft sein.

Schmachtend wehe, bange Klagen
Hör‘ ich überall ertönen,
Ob den Sinn zum Schmerz gewöhnen,
Ob zur Lust, ich kann’s nicht sagen,
Möchte oft mich selber fragen,
Ob ich träume, ob ich wache.
Diesem Fühlen, diesem Regen,
Leih ihm, Herz, die rechte Sprache;
Ja, im Keller, auf dem Dache,
Liebe schwärmt auf allen Wegen!

Doch es heilen alle Wunden,
Die der Liebesschmerz geschlagen,
Und in einsam stillen Tagen
Mag, von aller Qual entbunden,
Geist und Herz wohl bald gesunden;
Art’ger Kätzchen los Gehudel,
Darf es auf die Dauer sein?
Nein! – fort aus dem bösen Strudel,
Unterm Ofen mit dem Pudel,
Freundschaft bleibt für sich allein!

Wohl, ich weiß es, widerstehen
Mag man nicht dem süßen Kosen,
Wenn aus Büschen duft’ger Rosen
Süße Liebeslaute wehen.
Will das trunkne Aug‘ dann sehen,
Wie die Holde kommt gesprungen,
Die da lauscht an Blumenwegen,
Kaum ist Sehnsuchts-Ruf erklungen,
Hat sich schnell hinangeschwungen.
Liebe kommt uns rasch entgegen.

Dieses Sehnen, dieses Schmachten
Kann wohl oft den Sinn berücken,
Doch wie lange kann’s beglücken,
Dieses Springen, Rennen, Trachten!
Holder Freundschaft Trieb‘ erwachten,
Strahlten auf bei Hespers Scheine.
Und den Edlen brav und rein,
Ihn zu finden, den ich meine,
Klettr‘ ich über Maur und Zäune,
Aufgesucht will Freundschaft sein.“

In dem Augenblick entstand ein fürchterlicher Lärm. Die Menschen liefen durcheinander, schrien: „Feuer! – Feuer!“ Reuter sprengten durch die Straßen – Wagen rasselten. – Aus den Fenstern eines Hauses, unfern uns, strömten Rauchwolken und Flammen. – Ponto sprang schnell vorwärts, ich aber in der Angst kletterte eine hohe Leiter hinauf, die an ein Haus gelehnt, und befand mich bald auf dem Dache in voller Sicherheit. Plötzlich kam mir – alles so bekannt, so heimisch vor, ein süßes Aroma, selbst wußt‘ ich nicht, von welchen vortrefflichen Braten, wallte in bläulichen Wolken über die Dächer daher, und wie aus weiter – weiter Ferne, im Säuseln des Abendwindes, lispelten holde Stimmen: „Murr, mein Geliebter, wo weiltest du so lange?“ –

„Was ist’s, das die beengte Brust
Mit Wonneschauer so durchbebt,
Den Geist zum Himmel hoch erhebt,
Ist’s Ahnung hoher Götterlust?
Ja – springe auf, du armes Herz,
Ermut’ge dich zu kühnen Taten,
Umwandelt ist in Lust und Scherz
Der trostlos bittre Todesschmerz,
Die Hoffnung lebt – ich rieche Braten!“

So sang ich und verlor mich, des entsetzlichen Feuerlärms nicht achtend, in die angenehmsten Träume! Doch auch hier auf dem Dache sollten mich noch die schreckhaften Erscheinungen des grotesken Weltlebens, in das ich hineingesprungen, verfolgen. Denn ehe ich mir’s versah, stieg aus dem Rauchfange eines jener seltsamen Ungetüme empor, die die Menschen Schornsteinfeger nennen. Kaum mich gewahrend, rief der schwarze Schlingel: „Husch Katz!“ und warf den Besen nach mir.

„Ha,“ rief ich, „zu ihr hinauf aufs Dach! – Ha, ich werde sie wiederfinden, die süße Huldin, da, wo ich sie zum erstenmal erblickte, aber singen soll sie, ja singen, und bringt sie nur eine einzige falsche Note heraus, dann ist’s vorbei, dann bin ich geheilt, gerettet.“ Der Himmel war heiter, und der Mond, bei dem ich der holden Miesmies Liebe zugeschworen, schien wirklich, als ich auf das Dach stieg, um sie zu erlauern. Lange gewahrte ich sie nicht, und meine Seufzer wurden laute Liebesklagen.

Ich stimmte endlich ein Liedlein an im wehmütigsten Ton, ungefähr folgendermaßen:

„Rauschende Wälder, flüsternde Quellen,
Strömender Ahnung spielende Wellen,
Mit mir o klaget!
Saget, o saget!
Miesmies, die Holde, wo ist sie gegangen,
Jüngling in Liebe, Jüngling, wo hat er
Miesmies, die süße Huldin, umfangen?
Tröstet den Bangen.
Tröstet den gramverwilderten Kater!
Mondschein, o Mondschein,
Sag‘ mir, wo thront mein
Artiges Kindlein, liebliches Wesen!
Wütender Schmerz kann niemals genesen!
Trostloser Liebender kluger Berater,
Eil‘ ihn zu retten
Von Liebesketten,
Hilf ihm, o hilf dem verzweifelnden Kater.“

Seht ein, geliebter Leser, daß ein wackerer Dichter weder sich im rauschenden Walde befinden, noch an einer flüsternden Quelle sitzen darf, ihm strömen der Ahnung spielende Wellen doch zu, und in diesen Wellen erschaut er doch alles, was er will, und kann davon singen, wie er will.

Hier sind die Verse, die meinen Zustand, sowie den Übergang von Leid zur Freude mit poetischer Kraft und Wahrheit schildern.

„Was wandelt, horch! durch finstre Räume,
In öder Keller Einsamkeit?
Was ruft mir zu: ‚Nicht länger säume!‘
Wes Stimme klagt ein herbes Leid?
Dort liegt der treue Freund begraben,
Nach mir verlangt sein irrer Geist.
Mein Trost soll ihn im Tode laben,
Ich bin’s, der Leben ihm verheißt!

Doch nein! – das ist kein flücht’ger Schatten,
Der solche Töne von sich gibt!
Sie seufzen nach dem treuen Gatten,
Nach ihm, der noch so heiß geliebt!
In alte Liebesketten fallen,
Rinaldo will’s, er kehrt zurück,
Doch wie! – schau‘ ich nicht spitze Krallen?
Nicht eifersücht’gen Zornes Blick?

Sie ist’s – die Frau! – wohin entfliehen! –
Ha! welch Gefühl bestürmt die Brust.
Im keuschen Schnee der Jugend blühen
Seh‘ ich des Lebens höchste Lust.
Sie springt, sie naht, und immer heller
Wird’s um mich Hochbeglückten her.
Ein süßer Duft durchweht den Keller,
Die Brust wird leicht, das Herz wird schwer.

Der Freund gestorben – sie gefunden –
Entzücken! – Wonne! – bittrer Schmerz!
Die Gattin – Tochter – neue Wunden! –
Ha! – sollst du brechen, armes Herz?
Doch kann den Sinn wohl so betören
Ein Trauermahl, ein lust’ger Tanz?
Nein – diesem Treiben muß ich wehren,
Mich blendet nur ein falscher Glanz.

Hinweg, ihr eitlen Truggebilde,
Gebt höherm Streben willig Raum!
Gar manches führt die Katz im Schilde,
Sie liebt, sie haßt und weiß es kaum.
Kein Ton, kein Blick, senkt eure Augen,
O Mina, Miesmies, falsch Geschlecht!
Verderblich Gift, nicht will ich’s saugen,
Ich flieh‘, und Muzius sei gerächt.

Verklärter! – ja, bei jedem Braten,
Bei jedem Fisch gedenk‘ ich dein!
Denk‘ deiner Weisheit, deiner Taten,
Denk‘ Kater ganz wie du zu sein.
Gelang es hünd’schem Frevelwitze
Dich zu verderben, edler Freund,
So trifft die Schmach blutgier’ge Spitze,
Es rächet dich, der um dich weint.

So flau, so jammervoll im Busen
War mir’s, ich wußte gar nicht wie,
Doch hoher Dank den holden Musen,
Dem kühnen Flug der Phantasie.
Mir ist jetzt wieder leidlich besser,
Spür‘ gar nicht g’ringen Appetit,
Bin Muzius gleich ein wackrer Esser
Und ganz in Poesie erglüht.

Ja Kunst! du Kind aus hohen Sphären,
Du Trösterin im tiefsten Leid,
O! – Verslein laß mich stets gebären
Mit genialer Leichtigkeit.
Und: ‚Murr‘, so sprechen edle Frauen,
Hochherz’ge Jünglinge, ‚o Murr;
Du Dichterherz, ein zart Vertrauen
Weckt in der Brust dein süß Gemurr!'“

Die Wirkung des Versleinmachens war zu wohltätig, ich konnte mich nicht mit diesem Gedicht begnügen, sondern machte mehre hintereinander mit gleicher Leichtigkeit, mit gleichem Glück. Die gelungensten würd‘ ich hier dem geneigten Leser mitteilen, hätte ich nicht im Sinn, dieselben nebst mehreren Witzwörtern und Impromptus, die ich in müßigen Stunden angefertigt, und über die ich schon beinahe vor Lachen bersten mögen, unter dem allgemeinen Titel: „Was ich gebar in Stunden der Begeisterung“ herauszugeben.

Da schwankte die Glaskugel hin und her, und ein melodischer Ton ließ sich vernehmen, wie wenn Windeshauch leise hinstreift über die Saiten der Harfe. Aber bald wurde der Ton zu Worten:

„Noch ist Leben nicht dahin,
Trost und Hoffnung nicht verschwunden,
Was vermag der frömmste Sinn,
Hält ihn schwerer Eid gebunden?
Meister! Mut! – du wirst gesunden,
Blick‘ auf zu der Dulderin,
Die da heilt die tiefsten Wunden,
Bittrer Schmerz bringt dir Gewinn.“

„O du barmherziger Himmel,“ lispelte der Alte mit bebenden Lippen, „sie ist es selbst, die zu mir spricht von dem hohen Himmel herab; sie wandelt nicht mehr unter den Lebendigen!“ – Da ließ sich jener melodische Ton abermals vernehmen, und noch leiser, noch entfernter erklangen die Worte:

„Nicht erfaßt der bleiche Tod,
Die im Herzen Liebe tragen;
Dem glänzt noch das Abendrot,
Der am Morgen wollt‘ verzagen.
Bald kann dir die Stunde schlagen,
Die entreißt dich aller Not;
Zu vollbringen magst du wagen,
Was die ew’ge Macht gebot.“

Stärker anschwellend und wieder verhallend, lockten die süßen Töne den Schlaf herbei, der den Alten einhüllte in seinen schwarzen Fittich. Aber in dem Dunkel ging strahlend wie ein schöner Stern der Traum vergangenen Glücks auf, und Chiara lag wieder an des Meisters Brust, und beide waren wieder jung und selig, und kein finstrer Geist vermochte den Himmel ihrer Liebe zu trüben. –

– Hier hat, wie der Herausgeber es dem geneigten Leser bemerklich machen muß, der Kater wieder ein paar Makulaturblätter ganz weggerissen, wodurch in dieser Geschichte voller Lücken wiederum eine Lücke entstanden. Nach der Seitenzahl fehlen aber nur acht Kolumnen, die eben nichts besonders Wichtiges enthalten zu haben scheinen, da das Folgende sich im ganzen noch so ziemlich an das Vorhergegangene reiht.

Kater Murr, Skizze 2

Soundtrack: Katzenjammer featuring Ben Caplan und The Trondheim Soloists mit der Mutter all derer Weihnachtslieder, die man ganzjährig singen darf: dem Pogues-Klopfer Fairytale of New York aus If I Should Fall from Grace with God, 1987, 2012:

Written by Wolf

23. Dezember 2016 at 00:01

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3. Katzvent: Die Katze als Subjekt der bildenden Kunst

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Der Advent 2016 führt uns nicht mehr einfach das künstlerische Schaffen über Katzen vor,
sondern das von Katzen.

Update zu The Watercolors of the Astrokater und
zum 3. Katzvent 2015: Und ich singe was ich fühle:

  1. ——— Michael Mathias Prechtl:

    Astrokater Schrodinger

    aus der Galerie berühmter Katzen aus Literatur und Malerei, 1997, in: E.T.A. Hoffmann: Lebensansichten des Katers Murr Nebst fragmentarischer Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern, Büchergilde Gutenberg, Frankfurt am Main 1997:

    Michael Mathias Prechtl, Astrokater Schrodinger aus der Galerie berühmter Katzen aus Literatur und Malerei, 1997, in E.T.A. Hoffmann, Lebensansichten des Katers Murr Nebst fragmentarischer Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern, Büchergilde Gutenberg, Frankfurt am Main 1997

    Die beste amerikanische Astronautin, Amanda Jaworski, anerkannte Physikerin, Expertin in Atomphysik, Strahlenkunde, Astronomie, Geologie und Photometrie hat ihren Kater Schrodinger benannt, nach dem Physiker und Philosophen Erwin Schrödinger, der mit seinem theoretischen Experiment der “Katze im Kasten” berühmt wurde. Amerikaner leugnen die Notwendigkeit von Pünktchen auf dem o und anderswo, so daß sich der arme Schrödinger unnötig schnöde verödet vokalisiert vorkommen muß. Kater Schrodinger verschluckt zwei vom Subpartikel Tachyon verlorene Evolutionsmoleküle, fängt an zu zeichnen (ausschließlich Amandas Füße) und wird von den blauen Robotern zum Planeten Epsilon Erdani entführt, vierzig Millionen Lichtjahre von der Erde entfernt. Amanda, die mit ihrem Raumschiff zum Mars fliegen soll, ändert ihren Kurs dahin, um ihren geliebten Kater zu retten.

    Wem dies alles wie Science ichweißnichtwas vorkommt, der liegt richtig, aber um die wunderbare Story zu durchschauen, muß er unbedingt Carol Hills dickes Buch lesen, mindestens zweimal.

    Ein Kater in einem dicken, physikbeschwipsten Roman von einer Frau über eine Frau für Frauen, der malen kann. Prechtl stellt ihn in einem klassischen Motivdreieck dar, als deren wichtigste Ecke die links untere mit dem Frauenportrait erscheint: Die Frau schaut versonnen zu, wie ihr geliebter und liebender Kater ihren Fuß abbildet — den Teil an ihr, den er als Fußbodenbewohner am häufigsten zu Gesicht bekommt. Dabei sieht sie so glücklich aus, wie man sich Frauen wünscht, mit denen man zusammenlebt: Sie fühlt sich durch Kater Schrodingers Blick gewertschätzt und wertschätzt zurück. Ob auch in einer Astronautin noch das alte, anerkennungsbedürftige kleine Mädchen steckt?

    Prechtl und der Kater zeigen uns in einer Allegorie einen glückhaften Vorgang. Empfohlen sei an dieser Stelle überhaupt auch uns, die wir mit weniger als vier Beinen auskommen müssen, unserem Lieblingsmenschen in allen Wortsinnen die Füße zu malen. Ihm die Zehennägel zu lackieren, um seine Schönheit zu erhöhen, ist ein im besten Sinne intimer, verbindender Moment; mit Bleistift und anderen Zeichen- oder Maltechniken ein getreues Abbild seiner Füße zu schaffen, hilft ihn verstehen. Die oben wiedergegebene „Amanda Jaworski“ zum Beispiel verfügt über griechische Zehen wie die Göttinnen der griechischen Mythologie und damit offenbar über besondere Stärke, Intelligenz und erotische Anziehungskraft. Der Kater weiß das.

  2. Der Abessinierkater Rusty aus Edinburgh malt gern im Stil des unfigurativen Impressionismus.

    Der Abessinierkater Rusty aus Edinburgh malt gern im Stil des unfigurativen Impressionismus, Kater Paul, 31. Dezember 2010

  3. Diese Zeichnung von Mike Twohy aus dem New Yorker dokumentiert dagegen die skulpturelle Betätigung einer Wohnungskatze mit einem vorhandenen Gegenstand. Sein Werk ist einer Kunstrichtung zuzuordnen, die man artifizielle Metamorphose nennen könnte.

    Diese Zeichnung von Mike Twohy aus dem New Yorker dokumentiert dagegen die skulpturelle Betätigung einer Wohnungskatze mit einem vorhandenen Gegenstand. Sein Werk ist einer Kunstrichtung zuzuordnen, die man artifizielle Metamorphose nennen könnte, Kater Paul, 31. Dezember 2010

  4. Ich selbst (im Bildhintergrund) arbeite schon seit langem unter dem Arbeitstitel Miezkunstwerk an der kompletten künstlerischen Umgestaltung unserer Mietwohnung.

    Ich selbst im Bildhintergrund arbeite schon seit langem unter dem Arbeitstitel Miezkunstwerk an der kompletten künstlerischen Umgestaltung unserer Mietwohnung, Kater Paul, 31. Dezember 2010

    Die Bilder 2 bis 4 wurden zuerst dokumentiert vom Kater Paul in: Katzen sind Künstler, 31. Dezember 2010. Das fünfte auch. Immer wieder danke für die stete Anregungen, o kluger Miez!

  5. ——— Robert Gernhardt:

    Es ist ein Maus entsprungen:

    aus: Hier spricht der Dichter. 120 Bildgedichte, Haffmans Verlag, Zürich 1985:

    Die Katze träumt vom Weihnachtsfest,
    wogegen sich nichts sagen läßt,
    enthielte nicht ihr Weihnachtstraum
    auch diesen Katzenweihnachtsbaum:

    Robert Gernhardt, Es ist ein Maus entsprungen

Soundtrack: Welpen als Subjekte der Klangkunst:
G. Berthold, i. e. Robert Lucas Pearsall:
Duetto buffo di due gatti, 1825,
Kompilation aus Gioacchino Rossini: Otello, 1816,
in einer, weil man sich diskutierende Katzen spontan eher jungisch vorstellt, angemessen verspielten Version von ungenannten Solisten des Coro del Liceo Franco Mexicano im Palacio de Bellas Artes, 2010:

Written by Wolf

16. Dezember 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Das Tier & wir, Romantik

1. Katzvent: Im Bewusstsein seines Wertes sitzt der Kater auf dem Dach

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Update zum 2. Katzvent: Confundatus cattus. Schande über den Kater:

Der Advent 2016 führt uns nicht mehr einfach das künstlerische Schaffen über Katzen vor,
sondern das von Katzen.

Als reales Vorbild für den Kater Hiddigeigei gilt der schwarze Kater, möglicherweise gleichen Namens, des Bruchsaler Hofgerichtsrats Albert Preuschen, der unter dem Pseudonym Gerhard Helfrich Gedichte in Zeitschriften und Anthologien zum Drucke gab. — Der Hofgerichtsrat, nicht der Kater.

Hiddigeigei ist keineswegs der erste bekannt gewordene Kater, der mit eigenen Werken hervortrat, wahrscheinlich aber der erste, der aus Ungarn stammt, in Paris kein Auskommen fand, sondern erst in Säckingen, obwohl es seinerzeit noch nicht einmal Kurort war. Beschrieben wird er als grünäugig, mit schwarzem Samtfell, mächtigem Schweif und einem „zuweilen hochmütigen Dulderantlitz“ — kurz: ganz ähnlich wie unser Kater Merlin, der literarisch noch nicht weiter belegt ist. Bad Säckingen erinnert sich an Hiddigeigei:

Sein Glaube an das Gute ist zerbrochen; aus enttäuschter Liebe „lernt er die Welt verachten“. Der arme Kater fürchtet sich vor dem Alter und beschreibt den Niedergang der Menschen und der Dichtung.

Lesen, schreiben und singen konnte nach dem hofgerichtsrätlichen Kater erst diese literarische Ausgestaltung aus Victor von Scheffels (das ist der Schwabe, der die Hymne der Franken geschrieben hat) Best- und Longseller Der Trompeter von Säckingen, 1854. Das ist eine Art Romeo-und-Julia-Geschichte mit Erwachsenen, und eigentlich inzwischen, wie im Untertitel ausgewiesen, nicht mehr ein Sang vom Oberrhein, weil Bad Säckingen, das überhaupt erst seit 1978 „Bad“ heißt, im weiteren Verlauf des 19. Jahrhundetrs geologisch dem Hochrhein zugerechnet wurde — was sich allerdings literarisch nicht merklich auswirkt.

Das Bildmaterial bringt einige auffallende Highlights aus der Darstellungsgeschichte schwarzer Kater, weil unter „Kater Hiddigeigei“ meist nur die gleichnamige, mittlerweile erloschene Gaststätte auf Capri, wo Scheffel den Trompeter schrieb, oder die noch florierende in Bad Säckingen, wo er offiziell fortlebt und weiterhin Trompete bläst, verstanden wird.

Werbung Vornehmer Tafellikör Hiddigeigei, Heidelberger historische Bestände – digital

——— Victor von Scheffel:

Die Lieder des Katers Hiddigeigei

aus: Der Trompeter von Säckingen. Ein Sang vom Oberrhein;
Vierzehntes Stück. Das Büchlein der Lieder. II.,
Verlag der J. B. Metzlerschen Buchhandlung, Stuttgart 1854:

I.

Arthur Rackham illustration, Jorinda and Joringel from Grimm’s Fairy Tales, 1909Eigner Sang erfreut den Biedern,
Denn die Kunst ging längst ins Breite,
Seinen Hausbedarf an Liedern
Schafft ein jeder selbst sich heute.

Drum der Dichtung leichte Schwingen
Strebt‘ auch ich mir anzueignen;
Wer wagt’s, den Beruf zum Singen
Einem Kater abzuleugnen?

Und es kommt nicht minder teuer,
Als zur Buchhandlung zu laufen
Und der andern matt‘ Geleierv
Fein in Goldschnitt einzukaufen.

II.

Wenn im Tal und auf den Bergen
Mitternächtig heult der Sturm,
Klettert über First und Schornstein
Hiddigeigei auf zum Turm.

Einem Geist gleich steht er oben,
Schöner, als er jemals war.
Feuer sprühen seine Augen,
Feuer sein gesträubtes Haar.

Und er singt in wilden Weisen,
Singt ein altes Katerschlachtlied,
Das wie fern Gewitterrollen
Durch die sturmdurchbrauste Nacht zieht.

Nimmer hören ihn die Menschen,
Jeder schläft in seinem Haus,
Aber tief im Kellerloche
Hört erblassend ihn die Maus.

Und sie kennt des Alten Stimme,
Und sie zittert, und sie weiß:
Fürchterlich in seinem Grimme
Ist der Katerheldengreis.

III.

Hans Thoma, The CatVon des Turmes höchster Spitze
Schau‘ ich in die Welt herein,
Schaue auf erhab’nem Sitze
In das Treiben der Partein.

Und die Katzenaugen sehen,
Und die Katzenseele lacht,
Wie das Völklein der Pygmäen
Unten dumme Sachen macht.

Doch was nützt’s? ich kann den Haufen
Nicht auf meinen Standpunkt ziehn,
Und so laß ich ihn denn laufen,
’s ist wahrhaft nicht schad‘ um ihn.

Menschentun ist ein Verkehrtes,
Menschentun ist Ach und Krach;
Im Bewußtsein seines Wertes
Sitzt der Kater auf dem Dach! —

IV.

O die Menschen tun uns unrecht,
Und den Dank such‘ ich vergebens,
Sie verkennen ganz die feinern
Saiten unsers Katzenlebens.

Und wenn einer schwer und schwankend
Niederfällt in seiner Kammer,
Und ihn morgens Kopfweh quälet,
Nennt er’s einen Katzenjammer.

Katzenjammer, o Injurie!
Wir miauen zart im stillen,
Nur die Menschen hör‘ ich oftmals
Graunhaft durch die Straßen brüllen.

Ja, sie tun uns bitter unrecht,
Und was weiß ihr rohes Herze
Von dem wahren, tiefen, schweren,
Ungeheuren Katzenschmerze?

V.

Irina Savateeva, Hi, September 2016Auch Hiddigeigei hat einstmals geschwärmt
Für das Wahre und Gute und Schöne.
Auch Hiddigeigei hat einst sich gehärmt
Und geweint manch sehnsüchtige Träne.

Auch Hiddigeigei ist einstmals erglüht
Für die schönste der Katzenfrauen,
Es klang wie des Troubadours Minnelied
Begeistert sein nächtlich Miauen.

Auch Hiddigeigei hat mutige Streich‘
Vollführt einst, wie Roland im Rasen,
Es schlugen die Menschen das Fell ihm weich,
Sie träuften ihm Pech auf die Nasen.

Auch Hiddigeigei hat spät erst erkannt,
Daß die Liebste ihn schändlich betrogen,
Daß mit einem ganz erbärmlichen Fant
Sie verbotenen Umgang gepflogen.

Da ward Hiddigeigei entsetzlich belehrt,
Da ließ er das Schwärmen und Schmachten,
Da ward er trotzig in sich gekehrt,
Da lernt‘ er die Welt verachten.

VI.

Schöner Monat Mai, wie gräßlich
Sind dem Kater deine Stunden,
Des Gesanges Höllenqualen
Hab‘ ich nie so tief empfunden.

Aus den Zweigen, aus den Büschen
Tönt der Vögel Tirilieren,
Weit und breit hör‘ ich die Menschheit
Wie im Taglohn musizieren.

In der Küche singt die Köchin,
Ist auch sie von Lieb‘ betöret?
Und sie singet aus der Fistel,
Daß sie Seele sich empöret.

Weiter aufwärts will ich flüchten,
Auf zum luftigen Balkone,
Wehe! – aus dem Garten schallt der
Blonden Nachbarin Kanzone.

Unterm Dache selber find‘ ich
Die gestörte Ruh‘ nicht wieder,
Nebenan wohnt ein Poet, er
Trillert seine eignen Lieder.

Und verzweifelt will ich jetzo
In des Kellers Tiefen steigen,
Ach! – da tanzt man in der Hausflur,
Tanzt zu Dudelsack und Geigen.

Harmlos Volk! In Selbstbetäubung
Werdet ihr noch lyrisch tollen,
Wenn vernichtend schon des Ostens
Tragisch dumpfe Donner rollen!

VII.

Godmachine, Noichitat, Dark WaterMai ist’s jetzo. Für den Denker,
Der die Gründe der Erscheinung
Kennt, ist dieses nicht befremdlich.
In dem Mittelpunkt der Dinge
Stehn zwei alte weiße Katzen,
Diese drehn der Erde Achse,
Dieser Drehung Folge ist dann
Das System der Jahreszeiten.
Doch warum im Monat Maie
Ist das Aug‘ mir so beweglich,
Ist das Herz mir so erreglich?
Und warum wie festgenagelt
Muß im Tag ich sechzehn Stunden
Zum Balkon hinüberschielen,
Nach der blonden Mullimulli,
Nach der schwarzen Stibizzina?

VIII.

In den Stürmen der Versuchung
Hab‘ ich lang schon Ruh‘ gefunden,
Doch dem Tugenhaftsten selber
Kommen unbewachte Stunden!

Heißer als in heißer Jugend
Überschleicht der alte Traum mich,
Und beflügelt schwingt des Katers
Sehnen über Zeit und Raum sich.

O Neapel, Land der Wonne,
Unversiegter Nektarbecher!
Nach Sorrent möcht‘ ich mich schwingen,
Nach Sorrent, aufs Dach der Dächer.

Der Vesuvius grüßt, es grüßt vom
Dunkeln Meer das weiße Segel,
Im Olivenwald ertönt ein
Süß Konzert der Frühlingsvögel.

Zu der Loggia schleicht Carmela,
Sie, die schönste aller Katzen,
Und sie streichelt mir den Schnauzbart,
Und sie drückt mir leis die Tatzen,

Und sie schaut mich an süß schmachtend —
Aber horch, es tönt ein Knurren.
Ist’s vom Golf der Wellen Rauschen?
Ist es des Vesuvius Murren?

’s ist nicht des Vesuvius Murren,
Der hält jetzo Feierstunde,
— In dem Hof, Verderben sinnend,
Bellt der schlechtste aller Hunde.

Bellt der schechtste aller Hunde,
Bellt Krakehlo, der Verräter,
Und mein Katertraum zerrinnet
Luftig in den blauen Äther.

IX.

Michael Creese, Night ProwlerHiddigeigei hält durch strengen
Wandel rein sich das Gewissen,
Doch er drückt ein Auge zu, wenn
Sich die Nebenkatzen küssen.

Hiddigeigei lebt mit Eifer
Dem Beruf der Mäusetötung,
Doch er zürnt nicht, wenn ein andrer
Sich vergnügt an Sang und Flötung.

Hiddigeigei spricht, der Alte:
Pflück‘ die Früchte, eh‘ sie platzen;
Wenn die magern Jahre kommen,
Saug an der Erinn’rung Tatzen!

X.

Auch ein ernstes gottesfürchtig
Leben nicht vor Alter schützet,
Mit Entrüstung seh‘ ich, wie schon
Graues Haar im Pelz mir sitzet.

Ja die Zeit tilgt unbarmherzig,
Was der einzle keck geschaffen —
Gegen diesen scharfgezahnten
Feind gebricht es uns an Waffen.

Und wir fallen ihm zum Opfer,
Unbewundert und vergessen;
— O ich möchte wütend an der
Turmuhr beide Zeiger fressen!

XI.

Felix Vallotton, Femme accroupie offrant du lait a un chat, 1919Vorbei ist die Zeit, wo der Mensch noch nicht
Den Erdball unsicher machte,
Wo der Urwald unter dem Vollgewicht
Des Mammutfußtritts erkrachte.

Vergeblich spähst du in unserm Revier
Nach dem Löwen, dem Wüstensohne;
Es ist zu bedenken: wir leben allhier
In sehr gemäßigter Zone.

In Leben und Dichtung gehört das Feld
Nicht dem Großen und Ungemeinen;
Und immer schwächlicher wird die Welt,
Noch kommen die Kleinsten der Kleinen.

Sind wir Katzen verstummt, so singt die Maus,
Dann schnürt auch die ihren Bündel;
Zuletzt jubiliert noch in Saus und Braus
Das Infusorien-Gesindel.

XII.

An dem Ende seiner Tage
Steht der Kater Hiddigeigei,
Und er denkt mit leiser Klage,
Wie sein Dasein bald vorbei sei.

Möchte gerne aus dem Schatze
Reicher Weisheit Lehren geben,
Dran in Zukunft manche Katze
Haltpunkt fänd‘ im schwanken Leben.

Ach, der Lebenspfad ist holpernd,
— Liegen dort so manche Steine,
Dran wir Alte, schmählich stolpernd,
Oftmals uns verrenkt die Beine.

Ach, das Leben birgt viel Hader
Und schlägt viel unnütze Wunden,
Mancher tapfre schwarze Kater
Hat umsonst den Tod gefunden.

Doch wozu der alte Kummer,
Und ich hör‘ die Jungen lachen,
Und sie treiben’s noch viel dummer,
Schaden erst wird klug sie machen.

Fruchtlos stets ist die Geschichte;
Mögen sehn sie, wie sie’s treiben!
— Hiddigeigeis Lehrgedichte
Werden ungesungen bleiben.

XIII.

Reading Naked, October 30th, 2016Arm wird matter, Stirn wird bleicher,
Balde reißt des Lebens Faden,
Grabt ein Grab mir auf dem Speicher,
Auf der Walstatt meiner Taten!

Fester Kämpe, trug die ganze
Wucht ich hitzigen Gefechtes:
Senkt mich ein mit Schild und Lanze
Als den Letzten des Geschlechtes.

Als den letzten, — o die Enkel,
Nimmer gleichen sie den Vätern,
Kennen nicht des Geists Geplänkel,
Ehrbar sind sie, steif und ledern.

Ledern sind sie und langweilig,
Kurz und dünn ist ihr Gedächtnis;
Nur sehr wen’ge halten heilig
Ihrer Ahnherrn fromm Vermächtnis.

Aber einst, in fernen Tagen,
Wenn ich längst hinabgesargt bin,
Zieht ein nächtlich Katerklagen
Zürnend über euren Markt hin.

Zürnend klingt euch in die Ohren
Hiddigeigeis Geisterwarnung:
„Rettet euch, unsel’ge Toren,
Vor der Nüchternheit Umgarnung!“

Giorgio Sommer, Napoli, Zum Kater Hiddigeigei, Capri 1886 via Galerie Bassenge, Wikimedia Commons

Katzenbilder:

  1. Vornehmer Tafellikör Hiddigeigei: Magazin Jugend, 1921 via Heidelberger historische Bestände digital;
  2. Arthur Rackham: Jorinda and Joringel from Grimm’s Fairy Tales, 1909 via The Cinder Fields;
  3. Hans Thoma: Die Katze via The Macabre & The Bold;
  4. Irina Savateeva: Hi, September 2016 via Haunted by Storytelling;
  5. Godmachine: Dark Water via Noichitat;
  6. Michael Creese: Night Prowler, nach 2009;
  7. Felix Vallotton: Femme accroupie offrant du lait a un chat, 1919;
  8. Reading Naked, 30. Oktober 2016;
  9. Giorgio Sommer, Napoli: Zum Kater Hiddigeigei, Capri 1886 via Galerie Bassenge.

Soundtrack: Die sangesbegabten Katerbuben Al & The Black Cats:
The Light Hit Her Eyes, aus: Givin‘ Um Something to Rock’n’Roll About, 2008:

Written by Wolf

2. Dezember 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Biedermeier, Das Tier & wir

2. Katzvent: Confundatus cattus. Schande über den Kater.

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——— Kölner Mönch, 1418:

Hic non defectus est, sed cattus minxit desuper nocte quadam. Confundatus cattus. Confundatur pessimus cattus qui minxit super librum in nocte Daventrie, et similiter omnes alii propter illum; et cavendum, ne permittantur libri aperti per noctem, ubi catti venire possunt.

Übersetzung in Wolfgang Herborn: Hund und Katze im städtischen und ländlichen Leben im Raum um Köln während des ausgehenden Mittelalters und der frühen Neuzeit, in: G. Hirschfelder, D. Schell, A. Schrutka-Rechtenstamm (Hrsg.): Kulturen — Sprachen — Übergänge. Festschrift für H. L. Cox zum 65. Geburtstag, Böhlau Verlag, Köln/Weimar/Wien 2000, Seite 397–413:

Hier fehlt nichts, sondern der Kater hat eines Nachts darüber gepinkelt. Schande über den Kater. Schande über den schlimmen Kater, der gepisst hat über dieses Buch nachts in Deventer, und ebenso über alle übrigen Kater um seinetwillen; und man hüte sich sehr, Bücher während der Nacht offen liegen zu lassen, wo Kater hinkommen können.

Cats -- walking all over your stuff since the 15th century. 500 years ago a cat walked on a manuscript leaving some inky paw prints, Reddit 2014

Bild: Cats — walking all over your stuff since the 15th century: 500 years ago a cat walked on a manuscript leaving some inky paw prints, 2014.

Sainsbury’s official Christmas Advert 2015: Mog’s Christmas Calamity.

Written by Wolf

4. Dezember 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Das Tier & wir, Spätmittelalter

1. Katzvent: I should be stronger than weeping alone (und mit pragmatischen Messingdrähten zum Skelett zusammengeworfelt)

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Das Jahr hat sehr von Katzen gehandelt: Eine ist gegangen, zwei sind gekommen und sollen lange bleiben.

Anais the Strange, A-catholic Cemetery in Rome, 9. Mai 2008Im Advent machen wir heuer, wie sich das im Internet gehört, Katzencontent mit erlesener Katzenmusik. Mein Adventskalender hat leider nur vier — für jede Woche ein — Türchen, weil ich mich nicht zerreißen kann und Advent ja irgendwie auch eine Zeit der Besinnung sein soll, aber wer meint, das reiche nicht, hat noch nie erlebt, wie weit eine Katze mit einer einzigen Katzenklappe kommt.

Die erste Katzenklappe führt in einige Düsternis: auf geradem Wege von einem lustig gemeinten Goethe-Gedicht zur verzweifeltsten Version von Stille Nacht, die sich ausdenken lässt — weil November ist und die Zeiten sowieso mehr nach gothic Patschuli als nach weihnachtlichem Zimtgebäck riechen; ab der zweiten wird’s dann fröhlicher, versprochen.

Goethe entwirft in seinem Tagebuch am 18. April 1810 ein „Kleines Gedicht: Jäger und Koch“ und probiert dafür die Überschriften „Newton als Physiker“, darüber „Mathematiker und Physiker“ aus — also vermutlich die erstere als zweiten und verbesserten Versuch. Beide wurden zugunsten der zwei deutenden Vorspruch-Strophen verworfen.

Das verwendete Bild wird von Goethe schon im März 1806 bei Riemer in einer „Anekdote von der Katzenpastete, die man für eine Hasenpastete gefressen, auf die Newtonische Farbenlehre bezogen“ überliefert. Zwei Tage nach Entwurf, am 20. April 1810, schickt Goethe das Gedicht an Sartorius, voller Freude, seine eigene Farbenlehre anzukündigen — werde er doch

mit Vergnügen in Betracht ziehen, wie sich die Newtonianer gebärden, nachdem ich ihnen die Knöchelchen dieser alten Katzenpastete wohl gebleicht und mit pragmatischen Messingdrähten zum Skelett zusammengeworfelt vorgestellt. Der Streit wird hierdurch, wie Sie sehen, in die komparierte Anatomie gespielt, und ich meine, die Herren werden ihrer hundertjährigen Manier versichern: das sei eben der rechte Hase, der sechs scharfe Schneidezähne und ein paar tüchtige Eckzähne von der Natur erhalten habe. Worauf ich dann freilich nichts zu antworten weiß.

Man sieht, dass Goethe den vor über 80 Jahren zuvor verstorbenen Newton nicht mochte, weil er seine eigene Farbenlehre, nicht etwa den Faust, als sein Hauptwerk ansah — die heute eher als Schrulle eines alternden Multitalents gilt. Dass er mit seinem Gedicht nicht gerade in Frieden kommt, merkt man der energisch vorantreibenden, etwas schnauzigen Chevy-Chase-Strophe an. Dabei hätte er es bei einiger Selbstkritik ahnen können: Das mit den „zwei Gewerben“ sagt er ja selber.

——— Goethe:

Katzen-Pastete

18. April 1810, aus: Parabolisch, Sammlung von 1815, gedruckt bei Cotta, Mai 1816:

Anais the Strange, A-catholic Cemetery in Rome, 9. Mai 2008Bewährt den Forscher der Natur
Ein frei und ruhig Schauen,
So folge Meßkunst seiner Spur
Mit Vorsicht und Vertrauen.

Zwar mag in Einem Menschenkind
Sich beides auch vereinen:
Doch daß es zwei Gewerbe sind,
Das läßt sich nicht verneinen.

            ———

Es war einmal ein braver Koch,
Geschickt im Appretiren;
Dem fiel es ein, er wollte doch
Als Jäger sich geriren.

Er zog bewehrt zu grünem Wald,
Wo manches Wildbret haus’te,
Und einen Kater schoß er bald,
Der junge Vögel schmaus’te.

Sah ihn für einen Hasen an
Und ließ sich nicht bedeuten,
Pastetete viel Würze dran
Und setzt‘ ihn vor den Leuten.

Doch manche Gäste das verdroß,
Gewisse feine Nasen:
Die Katze, die der Jäger schoß,
Macht nie der Koch zum Hasen.

Lisa Hannigan: Silent Night, der zweite von zwei Hidden Tracks auf Damien Rice: O, 2002;
Bonus Track: Bluer Face: Experimental Lisa Hannigen cover: Silent Night, 24. Dezember 2008.

Silent night, broken night
All is fallen when you take your flight
I found some hate for you
Just for show
You found some love for me
Thinking I’d go
Don’t keep me from crying to sleep
Sleep in heavenly peace

Silent night, moonlit night
Nothing’s changed
Nothing is right
I should be stronger than weeping alone
You should be weaker than sending me home
I can’t stop you fighting to sleep
Sleep in heavenly peace

Katzenbilder: Anais the Strange: A-catholic Cemetery in Rome, 9. Mai 2008.

Written by Wolf

27. November 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Das Tier & wir, Klassik

Das Gezänk der Weisen

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Update zu Wölfchen Wulffs Weihnachten und Naseweise Weihnachten:

But in a last word to the wise of these days let it be said that of all who give gifts these two were the wisest. Of all who give and receive gifts, such as they are wisest. Everywhere they are wisest. They are the magi.

O. Henry: The Gift of the Magi, 1906.

Die schönste von allen bekannten Tausenden Versionen Stille Nacht ist zweifellos eine englische – Silent Night –, nämlich die von die von Tom Waits. Sie ist nie auf einer Original-CD von ihm erschienen, insofern eine Rarität, nur auf SOS United, 1989 – eine Stiftung von Tom Waits für die SOS-Kinderdörfer. Der teilhabende Kinderchor bleibt unbekannt, weil ungenannt.
Im Video: Correggio: Anbetung der Hirten, 1530 (Detail); Tintoretto, 1545 oder 1578; Gerrit van Honthorst, 1622 oder 1646.

Heuer schenken wir uns nichts. Uns schenkt auch keiner was, und wer hat schon was zu verschenken. Heuer schmeißen wir lieber mal Sachen raus, die uns vom Wesentlichen abhalten. Als erstes sparen wir uns das Merchandising zum Thema Lebensvereinfachung, zumal ich den Thoreau vor Jahren für eine Mark (und nicht etwa einen Euro) auf dem Ramsch erwischt hab, von dem haben noch unsere Enkel was.

Leonardo da Vinci, Studienblatt mit Katzen und Drachen, 1513--1515Gewinner der Weihnacht 2014 ist wie immer Moritz: Ich werde ihm endlich die Ecke freiräumen, die er für seine Janosch-Decke braucht und die bislang von meinem Plattenspieler belegt wird. „Auf modern machen und dann mit LPs hantieren“, mault Moritz, „ist auf deinen Youtube-Kapellen jetzt auch schon Abspielschutz drauf?“

„Katzen sind ja so gemütlich und romantisch“, maule ich zurück.

„Deine passiv-aggressive Argumentationsweise kannst du dir für deine Frau aufheben“, schließt Moritz ab und bestellt noch Brathendl mit Reis an Sahnesauce.

Dass ich anno 1990 der letzte Mensch in Nordbayern war, der von LP auf CD umgestellt hat, zählt heute nicht mehr als Romantik und Loyalität zur wichtigen Musik, sondern als Rückständigkeit in selbstverletzerischem Ausmaß. Dabei hab ich es in all den Jahren nie geschafft, auch nur die Skirl o’Carson von meinen alten Nürnberger Lieblingsiren Carson Sage aufzutreiben: 1991 bei den Fürther Musical Tragedies in einmaliger Auflage von tausend Stück gepresst, nie als CD erschienen, schon auf den ersten paar Konzerten rettungslos vergriffen, während ich für die Uni gelernt hab. Das Leben besteht aus verpassten Gelegenheiten. Doch, meins schon.

In der Nacht vor Heiligabend lagere ich meinen Technics-Turm an einem stillen Waldstück zwischen, an dem es nicht so drauf ankommt. Mir blutete das Herz, wenn nicht so ein schneidendes Sauwetter wäre.

Leonardo da Vinci, Studie zu einer Madonna mit Katze, 1481--1483Am Heiligabend selbst sorge ich für die nötige Weihnachtsstimmung, indem ich ein paar Youtube-Videos mit Weihnachtsliedern bookmarke, damit ich sie nacheinander aufrufen kann. Schon praktisch: Die Spieldauer hält viel länger vor als eine LP, wenn man sie alle drei Minuten anklickt, die Sounddateien knacksen nicht und wiegen keine fünf Tonnen, die man vor und nach jedem Anhören abstauben muss. Wenn es kein DSL gäbe, die Hardcore-Romantiker unter uns müssten es erfinden. Moritzens neuer Schlafplatz mit seiner Janosch-Decke erstrahlt nicht gerade in weihnachtlichem Glanze, aber immerhin abgestaubt; Weihnachten ist ja die wenigste Zeit des Jahres.

Als Moritz die Zeit für die Weihnachtsbescherung geeignet hält, springt er mir mit allen vier Pfoten auf den Bauch und schiebt sich vors Buch. „Hier wird nicht auf urbane Konsumverweigerung gemacht“, schnarrt er, „es ist der Heilige Abend, die Nacht, in der Tiere Musik verstehen.“

„Sie verstehen Musik? Und das ist jedes Jahr?“

„Meister, man könnte glauben, es ist dein erstes Weihnachten.“

„Nein, aber Musikverständnis ist mir bisher noch selten bei anderen Viechern außer mir aufgefallen.“

Moritz, unwillig zu wohlfeilen Sophistereyen, lotst mich ins Bescherungszimmer. Dass er eigenmächtig Türen öffnen kann, hinter die er nicht soll, wusste ich. Auf meinem abgestaubten Janosch-Deckenplatz prangt groß und bunt: die Skirl o’Carson.

Leonardo da Vinci, Studie zu einer Madonna mit Katze, 1481--1483„Moritz, mein Moritz“, sag ich, „das ist der Platz für deine Decke!“

„Die Janosch-Decke? Vergiss die. Hab ich für deine Carson-Platte eingetauscht. Ein Blogkumpel war so freundlich, der hat die seit 1992 nie angehört und ist inzwischen sowieso eher im Alter für Jazz.“

„Du hast … deine Janosch-Decke hergegeben?“

„Für dich, o mein Meister der Dosenöffner.“

„Und dich gar nicht gewundert, wo mein Plattenspieler hin ist?“

„Doch, schon irgendwie. Und was mich deine Renovierungsanfälle interessieren, ist dir bekannt.“

„Stellen wir die Platte halt jetzt schön vor die anderen. Ist ja ein schönes Bild drauf. Das können die wenigsten Youtubes ersetzen.“

„Und ich schlaf jetzt immer bei dir im Bett.“

„Halleluja.“

„Frohe Weihnachten, Meister.“

Es gab dann noch Brathendl mit Reis an Sahnesauce.

~~~\~~~~~~~/~~~

An dem alten Tränendrüsentorpedo (sprechen Sie das mal auf Fränkisch aus …) „Das Geschenk der Weisen“ hat mich dramaturgisch immer gestört, dass Della sich die Haare ohne weiteren Aufwand wieder wachsen lassen kann („Es wird wieder wachsen — du nimmst es nicht tragisch, nicht wahr? Ich musste es einfach tun. Mein Haar wächst unheimlich schnell.„), aber Jim seine goldene Uhr nicht.

Für mich bitte nichts Selbstgemachtes und keine Aktien. Am sichersten sind Überweisungen. Unter meiner bekannten Münchner Adresse werden Geschenkgutscheine und Bargeld entgegengenommen. Am besten in großen Scheinen, das spart Porto.

xkcd, Theft of the Magi, December 2008

Bilder: Leonardo da Vinci: Studienblatt mit Katzen und Drachen, 1513–1515;
Studien zu einer Madonna mit Katze, 1481–1483;
Randall Munroe: Theft of the Magi, Dezember 2008.

Written by Wolf

24. Dezember 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Das Tier & wir, ~ Weheklag ~

Diese seltsame Katzenandacht (Dieses scharf riechende Thier)

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Vorspann: ——— Goethe an Johann Gottfried Herder. Rom, 13. Januar 1787:

In meiner Stube hab ich schon die schönste Jupiter Büste, eine kolossale Juno über allen Ausdruck groß und herrlich, eine andre kleiner und geringer, das Haupt des Apoll von Belvedere und in Tischbeins Studio steht auch manches dessen Werth mir aufgeht. Nun rücke ich zu den Gemmen, und alle Wege bahnen sich vor mir, weil ich in der Demuth wandle.

——— Goethe: Rom, den 25. December 1786,
in: Italienische Reise, Von Ferrara bis Rom:

Letizia Mancino, Die Katze in Goethes Bett. Goethes schwierigste Liebesbeziehung in Rom, AIG I. Hilbinger Verlagsgesellschaft, 2009Ich fange nun schon an die besten Sachen zum zweitenmal zu sehen, wo denn das erste Staunen sich in ein Mitleben und reineres Gefühl des Werthes der Sache auflös’t. Um den höchsten Begriff dessen was die Menschen geleistet haben, in sich aufzunehmen, muß die Seele erst zur vollkommenen Freiheit gelangen.

Der Marmor ist ein seltsames Material, deßwegen ist Apoll von Belvedere im Urbilde so gränzenlos erfreulich, denn der höchste Hauch des lebendigen, jünglingsfreien, ewig jungen Wesens verschwindet gleich im besten Gyps-Abguß.

Gegen uns über im Palast Rondanini steht eine Medusenmaske, wo, in einer hohen und schönen Gesichtsform, über Lebensgröße, das ängstliche Starren des Todes unsäglich trefflich ausgedrückt ist. Ich besitze schon einen guten Abguß, aber der Zauber des Marmors ist nicht übrig geblieben. Das edle Halbdurchsichtige des gelblichen, der Fleischfarbe sich nähernden Steins ist verschwunden. Der Gyps sieht immer dagegen kreidenhaft und todt.

Und doch, was für eine Freude bringt es, zu einem Gypsgießer hineinzutreten, wo man die herrlichen Glieder der Statuen einzeln aus der Form hervorgehen sieht, und dadurch ganz neue Ansichten der Gestalten gewinnt. Alsdann erblickt man neben einander, was sich in Rom zerstreut befindet, welches zur Vergleichung unschätzbar dienlich ist. Ich habe mich nicht enthalten können, den kolossalen Kopf eines Jupiters anzuschaffen. Er steht meinem Bette gegenüber, wohl beleuchtet, damit ich sogleich meine Morgenandacht an ihn richten kann, und der uns, bei aller seiner Großheit und Würde, das lustigste Geschichtchen veranlaßt hat.

Unserer alten Wirtin schleicht gewöhnlich, wenn sie das Bett zu machen hereinkommt, ihre vertraute Katze nach. Ich saß im großen Saale und hörte die Frau drinne ihr Geschäft treiben. Auf einmal, sehr eilig und heftig gegen ihre Gewohnheit, öffnet sie die Thüre, und ruft mich eilig zu kommen, und ein Wunder zu sehen. Auf meine Frage: was es sey, erwiederte sie, die Katze bete Gott Vater an. Sie habe diesem Thiere wohl längst angemerkt, daß es Verstand habe wie ein Christ, dieses aber sey doch ein großes Wunder. Ich eilte mit eigenen Augen zu sehen, und es war wirklich wunderbar genug. Die Büste steht auf einem hohen Fuße, und der Körper ist weit unter der Brust abgeschnitten, so daß also der Kopf in die Höhe ragt. Nun war die Katze auf den Tisch gesprungen, hatte ihre Pfoten dem Gott auf die Brust gelegt, und reichte mit ihrer Schnauze, indem sie die Glieder möglichst ausdehnte, gerade bis an den heiligen Bart, den sie mit der größten Zierlichkeit beleckte und sich weder durch die Interjection der Wirthin, noch durch meine Dazwischenkunft im mindesten stören ließ. Der guten Frau ließ ich ihre Verwundrung, erklärte mir aber diese seltsame Katzenandacht dadurch, daß dieses scharf riechende Thier wohl das Fett möchte gespürt haben, das sich aus der Form in die Vertiefungen des Bartes gesenkt und dort verhalten hatte.

Johann Heinrich Wilhelm Tischbein: Goethe in seiner römischen Wohnung, Federzeichnung 1787, rechts außen die Juno Ludovisi

Cover nach Tischbein: Letizia Mancino: Die Katze in Goethes Bett:
Goethes schwierigste Liebesbeziehung in Rom
, AIG I. Hilbinger Verlagsgesellschaft, 2009;
Das verfluchte zweite Küßen: Johann Heinrich Wilhelm Tischbein: Goethe in seiner römischen Wohnung, Federzeichnung 1787. Rechts außen die Juno Ludovisi.

Written by Wolf

14. September 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Das Tier & wir, Sturm & Drang

Der vortreffliche Kater Murr (Gekatzbuckel!)

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Update zu Kätzische Beiträge zur Konstitution einer Angewandten Poesie:

Moritz-PortraitE.T.A. Hoffmanns „Herausgeber“, an den sich sein unten ausschnittsweise zitierter Offener Brief richtet, ist Johann Daniel Symanski, der seit Januar 1819 in Berlin Der Freimüthige oder Unterhaltungsblatt für gebildete, unbefangene Leser verlegte, der ab Mai 1820 verboten wurde. Als Nachfolgeprojekt gründete Symanski ab 1821 Der Zuschauer bei Traugott Trautwein, wieder in Berlin.

Als zu der Zeit schwermoderner Erfolgsschreiber — und ebenfalls aus Königsberg stammender Berliner — war Hoffmann einer der ersten, den Symanski um Mitarbeit anging. Um sich den zusätzlichen Schreibauftrag leicht zu machen, gestaltete Hoffmann den Offenen Brief, in dem er in ungewöhnlich tiefen Details seine aktuelle Arbeit am Kater Murr offenlegte, und dem er außerdem ein Billet des reisenden Enthusiasten anhängte — einer seiner Standardfiguren noch aus den Fantasiestücken in Callots Manier, die er hier zum letzten Mal bemüht.

Murr, der einst vierpfötig auf Erden wandelnde Kater, scheint viel Zeit aufs Brüten und Spinnen verwendet zu haben: Das Schreiben an den Herausgeber ist vermutlich im Oktober oder November 1820 entstanden (weil die darin behandelte Gemäldeausstellung „in den Sälen des Akademie-Gebäudes auf der Neustadt“ Ende September bis Anfang November 1820 dauerte); wie darin angekündigt am zweiten Teil des Kater Murr weitergearbeitet hat Hoffmann wahrscheinlich erst ab Mitte 1821.

Jeder, der mit kunstsinnigen Katzen zusammenlebt, kann das verstehen.

——— E.T.A. Hoffmann: Schreiben an der Herausgeber
in: Der Zuschauer. Zeitblatt für Belehrung und Aufheiterung, Nr. 1, Berlin, 2. Januar 1821, Seite 2 bis 4,
zitiert aus dem abgebildeten Band (bei 92 Euro ein leider auch materieller Schatz, der vom Verlag nicht als Taschenbuch vorgesehen, aber jeden Cent wert ist — daher nur geliehen):

Ich bin nämlich eben jetzt darüber, die Papiere des Katers Murr in Ordnung zu bringen, um den zweiten und dritten Teil seiner merkwürdigen Lebensansichten herausgeben zu können. Der Gute schreibt zwar eine passable Pfote, indessen kann er von gewissen Gewohnheiten nicht ablassen, die auf manche Stelle in seinen Manuskripten ein schwer zu durchdringendes Dunkel werfen. So wie mancher eitle, stolze Dichter sich, scheint ihm eine Stelle, die er eben gedichtet, über die Maßen vortrefflich, im Hochgefühl seiner Größe von seinem Sessel erheben und Aug‘ und Nase gen Himmel kehren mag, so pflegt sich Murr, übermannt ihn beim Schreiben das Gefühl seiner Vortrefflichkeit, sich schnurrend in der Stellung aufzurichten, die man im gewöhnlichen Leben „Katzenbuckel“ nennt. Bei dieser Gelegenheit fährt der Teure mit seinem Schweife vergnüglich hin und her, und oft eben über die Stelle weg, die ihn entzückt hat, so daß sie an Deutlichkeit merklich verliert. – Sie werden die Ideenverbindung natürlich finden, die mich antreibt, stoße ich in irgend einem neuen Dichterwerk auf glänzenden Galimathias, der ganz gewiß den Schöpfer in Erstaunen über sich selbst gesetzt hat, unwillkürlich rufe: Gekatzbuckel! –

Doch, – ich bemerke, daß ich ohne es zu wollen, Ihnen verrate wie sich der vortreffliche Kater Murr eben bei mir befindet. – Es ist dem so; eben sitzt er am Ofen mit dicht zugekniffenen Augen und spinnt. – Gott weiß über welchem neuen Werk er brütet. –

Ich bitte, Verehrtester! sagen Sie von Murr’s gegenwärtigem Aufenthalt nichts weiter. Literatoren, Ästhetiker und auch wohl Naturhistoriker könnten auf die Bekanntschaft des lieben Vieh’s begierig werden und würden es nur in seinen tiefsinnigen Meditationen stören.

Lebens-Ansichten des Katers Murr, 27. Februar 2013

Besonderes Augenmerk bitte ich in diesen Zusammenhängen auf die Ausführungen des Katers Paul zu richten, der vom 13. bis 18. Januar 2011 das vielschichtige Verhältnis zwischen dem Kater Murr und seinem E.T.A. Hoffmann eingehend recherchiert dargestellt hat:

Bilder: Moritz, vom Gefühl seiner Vortrefflichkeit übermannt, 1. Quartal 2013. Wir nennen es lesen.

Soundtrack: Katzenjammer, damals noch zu dritt:
Demon Kitty Rag (I’ll be your nightmarre mirror“) aus: Le Pop, 2008.

Written by Wolf

19. April 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Das Tier & wir, Romantik

Ein paar Stunden später stößt die Katze schreckliche Schreie aus.

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Was ich von Hélène Grimaud halten soll, muss ich noch ein paar ihrer CDs und YouTube-Mitschnitte lang überlegen.

Robert Schultze, Mat Hennek, Hélène GrimaudWirklich lieb haben muss man ihre ansteckende Emotion, mit der sie pianiert und als öffentliche Person auftritt — da finden sich schnell weit weniger einnehmende Künstlerpersonen. Und überhaupt, wenn einer schon nix von klassischer Musik weiß noch wissen will, sieht sie immer noch dermaßen verdammt gut aus, dass hier und jetzt der aufstehen soll, der ihr nicht wenigstens versuchsweise zuhören möchte: Solche Hände hatte der Schöpfer vor Augen, als er die Prototypen für Frauenhände schnitzen wollte — und hey: Musikerin! Dazu noch so eine esoterische Mondin und praktizierende Wolfsfrau: Wird bestimmt von Anfang bis Ende höllisch laut im Bett, natürlich mit einem Steinway-Flügel im Schlafzimmer und bei offenem Fenster. — Schon jemand aufgestanden? Niemand? Sag ich doch. Französin.

Auf der anderen Seite leuchten mir ihre CD-Zusammenstellungen nicht recht ein: Warum ausgerechnet diese paar Nummern von Bach, dazu noch nur manche gedoppelt in Bearbeitungen von Busoni — weil gerade die Notenbücher rumlagen? Warum ausgerechnet diese Auswahl von Mozart — weil sie so populär oder weil sie so selten gespielt ist? Und ist dieser Arvo Pärt, den sie mir fortgesetzt andienen will, ihr Lehrer, ihr Schüler oder ihr Schwager? Möglicherweise haben sie und ihr Label Gründe, aber wo darf ich die erfahren?

Auf Amazon.de gehen die Besprechungen ihrer CDs in eine dankenswerte Tiefe, und zwar die mit einem wie die mit fünf Sternchen. Da passt den einen nicht, dass sie zum hunderteinundelfzigsten Mal Rachmaninow einklimpert, den anderen, dass man ihre fremdartige Setlist ja gar nicht kennt. Ja, was wollen wir Meckerfritzen denn eigentlich? Schon klar, dass beides wert sein kann, es zu spielen und anzuhören — man mag sich nur etwas allein gelassen fühlen, bevor man der Dame Geld und Lebenszeit zu widmen gedenkt.

Canailleblog, le blog des Lesloups, Hélène Grimaud avec un de ses loupsBei Hille Perl, Professorin auf der Viola da gamba, ist das sonderbarerweise anders: Deren Auswahlen könnten abseitiger und wundersamer nicht sein, und doch spricht jede CD, jedes Tourprogramm sofort für sich aus, dass man das sofort anzuhören, sich anzueignen und fortan im Herzen zu tragen hat. Vielleicht wirkt Frau Grimaud einfach nicht gelehrt genug dazu, dass man ihr sofort alle Kompetenz der Musikwelt zuschriebe („Hör das mal an, ich weiß schon, warum ich dir das vorspiele“), und nicht feenhaft genug, dass man ihr unbesehen in die Hände fiele („Hör das mal an, es ist gut für dich“).

Das kann sogar ein Vorteil sein: Eine frühe Einspielung von ihr, die Kreisleriana von Robert Schumann (1989, da war sie 20), nehme ich ihr ohne weiteres ab, was erstens stark mit E.T.A. Hoffmann zu tun hat und zweitens genau das bekiffte Zeug ist, das eine hochgebildete Halbelbin wie la Grimaud spielen sollte. Immerhin verfällt sie weder in Anne-Sophie Mutter noch in Björk. Ist doch gut.

Nachdem Sie mir jetzt ein paar Takte lang verweisen dürfen, mit welchen Mitteln und welchem Recht ich mir das bilde, was ich als Meinung missbrauche, darf wieder ich darüber weitermeckern, mit welchem Recht egal wer mit 34 Jahren seine Autobiographie fertig haben sollte. Wahrscheinlich ist es das Engagement für Musik, die nicht gleich jedem Björk-Fan (bestimmt gibt es welche) einleuchten muss, und das Engagement zur gleichen Zeit und mit gleicher Energie für Wölfe. So handelt ihre Autiobio ganz selbstverständlich an herausragenden Stellen auch von der Klasse der spirituell begabten Wirbeltiere:

——— Hélène Grimaud: Wolfssonate, i.e. Variations sauvages, Editions Robert Laffont, Paris 2003,
übs. Michael von Killisch-Horn, Blanvalet, München 2005, Kapitel 2, Seite 58 ff.
(die Zeichensetzung aus dem kostenpflichtigen P-Book wurde belassen):

Man interessiert sich mehr und mehr für die übersinnlichen Fähigkeiten, über die manche Menschen verfügen. Dieser sechste Sinn, diese Intuition, die es manchen erlauben, die Zukunft vorherzusagen, die Gedanken anderer zu erraten und die geheimen Verbindungen zwischen Leben und Tod zu erkennen. Liegt das daran, dass ihr Charakter duch nichts verdorben worden ist? Viele Tiere haben die gleichen Fähigkeiten bewiesen. Und die Geschichte ist voll von solchen Fällen.

Cover Hélène Grimaud, Variations sauvages, 2003So hatte Ludwig XI. den Esel Brunot seinem Herrn abgekauft, der das Wetter vorhersagen konnte.

Die Goldfische des japanischen Kaisers machten ihn 1923 durch ihr aufgescheuchtes Verhalten, das so weit ging, dass sie sich aus ihrem Glas stürzten, auf ein drohendes Erdbeben aufmerksam.

Sämtliche Hunde von Hiroshima heulten schaurig ein paar Stunden, bevor die Bombenflugzeuge die Stadt erreichten.

In Freiburg begann am 27. November 1944 eine Ente, die die Wärter wegen der Eigenartigkeit ihres warnenden Verhaltens überwachten, wütend zu schnattern und versuchte mit allen Mitteln auszubrechen. Alarmiert, begann ein großer Teil der Bevölkerung zusammen mit ihr in aller Eile die Stadt zu verlassen. Dreißig Minuten nach ihrem Aufbruch vernichtete ein Bombenhagel um die dreitausend Bewohner und die Altstadt.

In Spanien weigert sich ein Pferd trotz der Peitschenhiebe des Kutschers, in einen Bergtunnel hineinzugehen. Die Autofahrer hinter dem Gespann hupen wütend. Vergeblich. Obwohl einige Fahrer ihre Autos verlassen haben, um das störrische Tier mit Hü-Rufen an den Straßenrand zu ziehen, rührt sich das Pferd nicht von der Stelle. Und zu Recht: Ein paar Augenblicke später stürzt der Tunnel ein.

Sechs Monate vor dem Umzug der Pariser Markthallen aus dem Zentrum der Hauptstadt machen sich zwei Millionen Ratten, auf unerklärliche Weise informiert, auf den Weg nach Rungis, dem neuen Standort des Bauchs von Paris.

Wochenlang verlässt die Katze von Winston Churchill nicht das Bett, in dem ihr kranker Herr auf die Besserung wartet, die die Ärzte ihm vorhergesagt haben. Die Genesung soll unmittelbar bevorstehen. Ein paar Stunden später stößt die Katze schreckliche Schreie aus, springt mit einem Satz vom Bett und flieht aus dem Zimmer. Am folgenden Tag stirbt Churchill.

Verärgert über das ständige Winseln seines Pudels Baron, schenkt Victor Hugo ihn seinem Freund, dem Marquis de Faletans, der als Diplomat nach Moskau geht. Dieser adoptiert den Hund und schreibt dem Dichter regelmäßig, wie es ihm geht. Bis zu dem Tag, an dem Baron verschwindet. Trotz der Suchanzeigen und der ausgesetzten Belohnung wird er nicht wiedergefunden. Ein paar Monate später kratzt Baron abgemagert und mit blutigen Pfoten an der Tür von Victor Hugos Wohnsitz. Er hatte viertausend Kilometer zurückgelegt, um sein Herrchen wiederzufinden …

Und was soll man von Mohilov sagen, dem Hund des Herzogs von Enghien, den man mit Gewalt von seinem Herrchen wegziehen muss, der zu den Gräbern von Vincennes gebracht wird, um dort hingerichtet zu werden. Sobald er wieder freigelassen wird, rennt der Hund wie verrückt los, findet ganz allein den Weg zum Friedhof und legt sich winselnd auf das Grab seines Herrn. Vermutlich wäre er dort gestorben, wenn der Herzog nicht testamentarisch bestimmt hätte, dass aufs Beste für seinen treuen, seinen treuesten Begleiter gesorgt werden soll …

Bilder: Robert Schultze/Mat Hennek: IMG Artists;
Canailleblog, le blog des Lesloups: Hélène Grimaud avec un de ses loups;
Variations sauvages: Librairie dialogues.
Dokumentation Vollversion 95 Minuten: Classical TV: Hélène Grimaud: Living With Wolves, 2. April 2011.

Bonus Track: Beethoven: die vorletzte Klaviersonate 31 As-Dur, op. 110
im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie, 2001.

Written by Wolf

1. Dezember 2012 at 00:01

Veröffentlicht in Das Tier & wir, Romantik

Kätzische Beiträge zur Konstitution einer Angewandten Poesie

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——— E.T.A. Hoffmann: Lebensansichten des Katers Murr: Vorwort des Herausgebers, 1819:

Keinem Buche ist ein Vorwort nötiger, als gegenwärtigem, da es, wird nicht erklärt, auf welche wunderliche Weise es sich zusammengefügt hat, als ein zusammengewürfeltes Durcheinander erscheinen dürfte.

——— Ebenda: Vorwort. Unterdrücktes des Autors:

Mit der Sicherheit und Ruhe, die dem wahren Genie angeboren, übergebe ich der Welt meine Biographie, damit sie lerne, wie man sich zum großen Kater bildet, meine Vortrefflichkeit im ganzen Umfange erkenne, mich liebe, schätze, ehre, bewundere und ein wenig anbete.

Sollte jemand verwegen genug sein, gegen den gediegenen Wert des außerordentlichen Buchs einige Zweifel erheben zu wollen, so mag er bedenken, daß er es mit einem Kater zu tun hat, der Geist, Verstand besitzt und scharfe Krallen.

Kater Murr. Handzeichnung von König Ferdinand von Portugal, 1859„Murr“, sagt Moritz.

„Was ist dir, o beste aller Katzen?“ frage ich.

„Langweilig ist mir, o bester aller Dosenöffner.“

„Als ob das was Neues wäre, o …“

„Ist gut, sprich ruhig bequem. Im Gegensatz zu dir jedenfalls, stimmt’s?“

„Wenn ich über irgendwas nicht klagen kann, dann ja wohl über Langeweile.“

„Hab schon gesehen. Du hast schon wieder einen neuen Weblog eröffnet.“

„Was heißt ’schon wieder‘. Das ist mein erster eigener.“

„Also dein Dings mit den Fischen und den Schiffen hat mir besser gefallen.“

Moby-Dick™? Das ist ein Gemeinschaftsprojekt. Und von dem musst du gar nicht in der Vergangenheit reden.“

„Und Wale sind keine Fische, wolltest du sagen.“

„Ich vergaß.“

„Aber du brauchst unbedingt was Eigenes, ja?“

„Ei freilich. Dabei müsstest du als Miez das gerade gut verstehen. Du hast es doch mit Revieren.“

„Und Bibliotheken. Und gelahrten Späßen.“

„Siehst du?“

„Kommt drauf an, was du damit vor hast.“

„Steht doch groß und breit auf der Pforte.“

„Da kannst du viel draufschreiben. Und dann wird’s doch wieder ein nach nix und wieder nix geordnetes Nachschlagewerk mit Ausreden für Bildchen von leicht geschürzten Mädchen.“

„Klingt doch gar nicht so schlecht.“

„Meister, Meister, Meister ….“

„Die Beschwerden über mein Verhalten häufen sich.“

„Dann erklär Er sich.“

„Ach, was wird‘ denn schon werden, wenn’s an Goethes Geburtstag losgeht, und zwei Beispiele stehen auch schon drin. Da, schau, unter dir.“

„Erwartest du, dass jemand im Internet etwas liest, das älter als einen Tag ist? Alter, wo lebst du denn? Im Web 2.0?“

„Genau das erwarte ich. Aufmerksamkeitsspanne ist das nächste große Ding.“

„O ja. Und holpernde Sonette von obskuren Viktorianerinnen, die 1840 die Restauflage ihres ersten Gedichtbändchens selbst vom Verleger aufkaufen mussten, die seitdem in einer ostdeutschen Universitätsbibliothek darauf warten, dass …“

„Wenn dir sowas auffällt, lass es mich bitte, bitte um Gottes willen sofort wissen!“

„Versprochen, Meister.“

„In dem Regal, in das du deine Mäuse zu scheuchen pflegst, müsste schon einiges davon rumgilben.“

„Die armen Mäuse.“

„Richtig. Und selber gedenke ich auch einiges in diesem Geiste beizutragen.“

„Au weh. Wünschst du darauf eine Antwort?“

„Geschenkt. Woran ich mich halten werde, steht oben.“

„Weheklagen und zur Hölle fahren?!“

„Nein. Angewandte Poesie.“

„Da bin ich mal neugierig, worauf du die anwenden willst.“

„Gelle?“

„Sag schon.“

„Schau, Katze. Jeder Mensch trägt ab einem gewissen Alter einen ganzen Dachboden voller Gerümpel in seinem Hirn spazieren.“

„Von einer so trüben Funzel erhellt, dass man gerade mal so erkennt, was für ein Durcheinander herrscht und dass man mit Sicherheit nichts finden wird, was man sucht.“

„Spotte nur. Wenn du mal so alt bist wie ich, wirst du das verstehen.“

„Ich versteh schon. Du kannst dein ganzes zusammengelesenes Kreuzworträtselwissen nicht wegschmeißen, darum willst du es für irgendwas verwenden.“

„Höre ich da eine gewisse leise Geringschätzung heraus?“

„Kommt aber schon hin, hm?“

„Doch, schon.“

„Ihr Senkrechtgeher seid so durchschaubar. Wie lange kennen wir uns jetzt?“

„Länger als du dich erinnern kannst, nicht so lange wie ich den Kater Murr kenne.“

„Der kommt auch vor??“

„Versprochen, Katze, versprochen.“

„Vielleicht wird dein Weblog doch noch zu was gut.“

„Angewandte Poesie!“

„Weck mich, wenn ich was beitragen kann“, sagt Moritz, knetet sich mit den Vorderproten mein Kopfkissen zurecht, rollt sich umständlich ein und pooft innerhalb fünf Atemzügen weg.

Über seine Loyalität und vor allem seine Arbeitsmoral kann man diskutieren, aber er ist das flauschigste Mädchen der Welt.

Moritz am Fenster

Bilder: König Ferdinand von Portugal: Kater Murr, Handzeichnung 1859;
Moritz von hinten, 5. Januar 2012.

Written by Wolf

30. August 2012 at 13:42

Veröffentlicht in Das Tier & wir, ~ Weheklag ~