Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for August 2017

Your open hand but shows our loss

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Update zu Zwetschgenzeit (Du bist gemeint):

Unterschied zwischen einem Terroristen und einem Controller? — Der Terrorist hat Sympathisanten.

Rwxrwxrwx, Hugh Lane Gallery, Parnell Square, Dublin, 8. Juni 2015, Wikimedia Commons

Ein zeitloses Thema. — Die Dublin City Gallery The Hugh Lane zum Beispiel, 1908 eine der weltweit ersten öffentlichen Galerien für moderne Kunst, scheint allen verfügbaren Bildern nach ein kleines, auf einnehmende Weise familiär geführtes Haus, das seinen bemessenen Raum sorgfältig nutzen muss. Mit dem Geld ist es so eine Sache:

Der Eintritt in die Galerie und die Ausstellungen ist kostenlos, es werden jedoch Spenden von mindestens 2 Euro erbeten.

Das schreiben sie 2017 auf ihrem digitalen Auftritt. Dieses Hin oder Her ist mindestens seit 1912 unklar.

——— William Butler Yeats:

To a Wealthy Man who promised a second Subscription to the Dublin Municipal Gallery if it were proved the People wanted Pictures.

December 1912 as The Gift in: The Irish Times, January 11th, 1913,
collected in: Responsbilities, 1914:

You gave but will not give again
Until enough of Paudeen’s pence
By Biddy’s halfpennies have lain
To be ’some sort of evidence,‘
Before you’ll put your guineas down,
That things it were a pride to give
Are what the blind and ignorant town
Imagines best to make it thrive.
What cared Duke Ercole, that bid
His mummers to the market place,
What th‘ onion-sellers thought or did
So that his Plautus set the pace
For the Italian comedies?
And Guidobaldo, when he made
That grammar school of courtesies
Where wit and beauty learned their trade
Upon Urbino’s windy hill,
Had sent no runners to and fro
That he might learn the shepherds‘ will.
And when they drove out Cosimo,
Indifferent how the rancour ran,
He gave the hours they had set free
To Michelozzo’s latest plan
For the San Marco Library,
Whence turbulent Italy should draw
Delight in Art whose end is peace,
In logic and in natural law
By sucking at the dugs of Greece.

Your open hand but shows our loss,
For he knew better how to live.
Let Paudeens play at pitch and toss,
Look up in the sun’s eye and give
What the exultant heart calls good
That some new day may breed the best
Because you gave, not what they would
But the right twigs for an eagle’s nest!

——— William Butler Yeats:

An einen wohlhabenden Mann, der Dublins Städtischer Galerie eine zweite Spende versprach, sofern bewiesen würde, daß die Leute Bilder wollten

deutsch von Norbert Hummelt in: William Butler Yeats: Die Gedichte, Luchterhand Literaturverlag, München 2005: Verantwortungen, Seite 121 f.:

Du spendetest, doch legst nicht nach,
Eh Paddy nicht das Seine gab
Und bis Biddys Kleinzuwendung
Dir den „Beweis geliefert“ hat,
Bevor du mehr Guineen butterst,
Daß deine ehrenwerte Gabe
Just das ist, was die dumpfe Stadt
Am allermeisten nötig hat.
Was schert‘ es Herzog Ercole,
Als er sich Pantomimen lud,
Ob auf dem Markt ein Zwiebelhändler
Nun seinen Plautus wirklich gut
Und vorbildlich für die Komödie fand?
Auch Guidobaldo, als er einst
Die hohe Schule des Benimms,
Wo Geist und Schönheit gleich geschult,
Im windigen Urbino schuf,
Da schickt‘ er keine Boten aus,
Um Schäfermeinung zu erfragen.
Und als man Cosimo vertrieb,
Da war sein Groll ihm nicht im Weg,
Er widmete die freie Zeit
Ganz Michelozzos neustem Plan
Für die San Marco-Bücherei,
Auf daß Italiens Ungestüm
Zum Frieden fände in der Kunst,
Die Logik und Naturgesetz
Ganz frisch aus Hellas‘ Zitzen saugt.

So wie du gibst, hat’s wenig Wert,
Doch jener wußte, wie man lebt.
Laß Paddy sich beim Sport vergnügen,
Schau hoch zur Sonne, und dann gib,
Was dein Herz als recht empfindet,
Auf daß die Zukunft einst die Besten brütet,
Denn du gabst nicht, was sie wollten,
Sondern die Zweige für ein Adlernest.

Hugh Lane Gallery, Francis Bacon's studio, Michael Parsons, Life's Work. Adelle Hughes, head of the art department, Whyte’s, Dublin, The Irish Times, 20. August 2016

Leider nicht nachweisen (und deshalb nicht verlinken) konnte ich eine bestimmte „grammar school of courtesies“ in Urbino, die um 1500 von Guidobaldo da Montefeltro gegründet sein sollte. Gefunden habe ich im Kommentar zu Yeats‘ Early Essays allgemeiner:

Duke Frederigo [sic] da Montefeltro (1422–82) ruled the Renaissance city-state of Urbino from 1444 onward. A famous patron of the arts, he turned Urbino into a leading center of art and humanism and accumulated a famous library. He was succeeded by his physically feebler son Guidobaldo (1472–1508), who continued his patronage and was praised by Castiglione in The Book of the Courtier [1528]. Yeats invoked Guidobaldo in „To a Wealthy Man“ (P, 106–7).

Der deutsche Übersetzer Norbert Hummelt scheint A. Norman Jeffares: A Commentary on the Collected Poems of W. B. Yeats von 1968 benutzt zu haben, um auf seine zwangsläufig ebenfalls allgemein gehaltene Lösung „die hohe Schule des Benimms“ zu verfallen:

That grammar school : he [i. e. Guidobaldo da Montefeltro] was highly praised in The Courtier. Talents, learning, grave deportment and fluency of speech were required of his courtiers, and the culture and refined manners of his court were renowned. Yeats sees it as a place where youth ‚for certain brief years imposed upon drowsy learning the discipline of its joy‘ (A 545).

Das letztere Yeats-Zitat könnte noch in ein Kapitel für sich ausufern; erstaunt war ich vor allem über den laxen Gebrauch des Oxford-Kommas in einem literaturwissenschaftlichen Standardwerk 1968. Aber wer erfragt schon meine Schäfermeinung.

Dublin City Gallery, The Hugh Lane, Self Portrait by Frank O'Meara with Lucia Fabbro and Jessica O'Donnell, Conservation of Self Portrait by Frank O'Meara. As part of our theme Artist as Witness. Migrations for 2017, 19. Dezember 2016

Bilder:

  1. Rwxrwxrwx: Hugh Lane Gallery, Parnell Square, Dublin, 8. Juni 2015;
  2. Hugh Lane Gallery: Francis Bacon’s studio in Dublin City Gallery, The Hugh Lane: „A national treasure and an excellent example of public sector collaboration with an artist’s estate“, via Michael Parsons: Life’s Work: Adelle Hughes, head of the art department, Whyte’s, Dublin, The Irish Times, 20. August 2016;
  3. Dublin City Gallery, The Hugh Lane: Self Portrait by Frank O’Meara with Lucia Fabbro and Jessica O’Donnell, 19. Dezember 2016, in: Conservation of Self Portrait by Frank O’Meara. As part of our theme ‚Artist as Witness: Migrations‘ for 2017.

Soundtracks: Toby Darling: To A Wealthy Man, Februar 2017, in YouTube mit Gitarrengriffen;
Flogging Molly: Selfish Man, aus: Alive Behind the Green Door, 1997,
als Ando Reann, aka Dreanna: Life and Times of Scrooge McDuck Tribute, 2008
mit Dagobert-Duck-Material von Don Rosa:

Written by Wolf

18. August 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Impressionismus

Weinfassreiten an der Küste der Nacht (oder geschah es bei Tage)

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Update zu Ich trinke ein Glas Burgunder!
und Wein-Lese:

Ich hab‘ ihn selbst hinaus zur Kellerthüre –
Auf einem Fasse reiten sehn – –
Es liegt mir bleyschwer in den Füßen.

Sich nach dem Tische wendend.

Mein! Sollte wohl der Wein noch fließen?

Altmayer in Auerbachs Keller, Vers 2329 ff.

Angelika Fischer, Berlin, in Bamberg für Tilman Spreckelsen, Der goldene Kopf. Wer auf den Spuren E. T. A. Hoffmanns durch Bamberg geht, reist in die Ferne des frühen 19. Jahrhunderts, in Frankfurter Allgemeine Zeitung, Freitag, 21. April 2017, aus Jürgen Hultenreich, Text, und Angelika Fischer, Fotos, Das Bamberg des E. T. A. Hoffmann. Wegmarken. Lebenswege und geistige Landschaften, Edition A. B. Fischer, Berlin 2016

Dem rezenten Literatur- und Weinverbraucher auf nimmermüder Suche nach seinen Konsumgütern muss nicht automatisch klar sein, was dieser viel und gerne besungene Burgunder genau ist, und ob es überhaupt noch welchen gibt, und wenn ja, welchen davon E. T. A. Hoffmann sich in den Gastwirtschaften seines Vertrauens an (und unter) den Tisch reichen ließ — was nicht einmal zwingend der Einfalt besagten Verbrauchers geschuldet sein muss: Hoffmanns Bamberger Stammkneipe ist ohne Google Maps kaum zu eruieren, und für seine favorisierte Burgundersorte muss man ganz schön in obskuren Insel-Taschenbüchern gründeln. Die Bamberger Altstadt ist seit 1993 UNESCO-Weltkulturerbe; was also gedenkt das dasige Tourismus-Marketing, das schon zugelassen hat, dass jemand oder etwas in eine einwandfreie Kneipe ein Steak- und Fischrestaurant am Rande der Eventgastronomie hineinstellen darf, gegen sotane Missstände zu unternehmen?

Natürlich so wenig wie möglich; den Leuten, die für einen „Fischteller Hoffmanns“ aus verschiedenen Fischfilets, Garnele (im Singular), Ratatouille und Kartoffeln 19 Euro blättern (Stand Ende Juli 2017), taugt’s. Wir müssen also wieder alleine schauen, wo wir bleiben, und finden in der FAZ, was sie offenbar aus einem knapp zehnminütigen Youtübchen von „Kulturkäffchen“ recherchiert hat:

Angelika Fischer, Berlin, in Bamberg für Tilman Spreckelsen, Der goldene Kopf. Wer auf den Spuren E. T. A. Hoffmanns durch Bamberg geht, reist in die Ferne des frühen 19. Jahrhunderts, in Frankfurter Allgemeine Zeitung, Freitag, 21. April 2017, aus Jürgen Hultenreich, Text, und Angelika Fischer, Fotos, Das Bamberg des E. T. A. Hoffmann. Wegmarken. Lebenswege und geistige Landschaften, Edition A. B. Fischer, Berlin 2016

——— Tilman Spreckelsen:

Der goldene Kopf.
Wer auf den Spuren E. T. A. Hoffmanns durch Bamberg geht,
reist in die Ferne des frühen 19. Jahrhunderts

aus: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Freitag, 21. April 2017:

Der Weinhändler Kunz berichtet von Besuchen seines Freundes im Gewölbekeller seines Hauses am Grünen Markt im Zentrum der Stadt. Das prächtige Gebäude steht noch, der Keller, heute wie leergefegt, ist auch noch da, und dort, schreibt Kunz, hätten die Freunde regelmäßig einen bestimmten Burgunder aus dem Anbaugebiet Côte de Nuits getrunken – und zwar so, „dass wir beide unsern Platz auf dem Fasse selbst nahmen und auf den entgegengesetzten Enden desselben, Gesicht gegen Gesicht gekehrt, triumphierend ritten. Jeder hielt das gefüllte Glas in der Hand, der offene Spund blieb in der Mitte“.

Den ganzen FAZ-Artikel wert ist allerdings das verwendete Bildmaterial, das er sinnigerweise von der Berliner Fotografin Andrea Fischer bezieht und das ich hier dankbar weiterverwende. Schwarzweiß mit durchgehender Tiefenschärfe, das ist sowieso die Feenkönigin unter den Fototechniken.

So dünn der Artikel auch sonst daherkommt — mit wie viel dickeren Brettern könnten wir denn mehr anfangen? Ein ganz und gar erfreulicher und tragfähiger Lerninhalt ist doch die genaue Weinsorte, die Hoffmann in einer wichtigen Lebensphase bevorzugte — und dass es die sogar noch zu kaufen gibt, woran wir Postmodernen ja in den Fällen des Burgunders im allgemeinen und Karl Simrocks Menzenberger Eckenblut im besonderen schnell scheitern. „Das Stöffchen, das einst E.T.A. Hoffmann befeuert hat, aber nicht namentlich überliefert ist“, das ich noch in der Weinlesezeit 2016 in Wein-Lese vorschnell der Verschollenheit überantworten musste, ist damit als Côte de Nuits benannt.

Nicht nachzuweisen war dagegen der Weinhändler Cagiorgi, den seinerseits der Bamberger Weinhändler Kunz eingangs erwähnt, den wir wiederum in dem oben erwähnten obskuren Insel-Taschenbuch vernehmen: Julius Eduard Hitzig: E. T. A. Hoffmanns Leben und Nachlaß, zuerst erschienen 1823. Des Händlers Erinnerung ist darin als Fußnote versteckt. Noch genauer kriegen wir’s in diesem Leben nicht mehr:

Angelika Fischer, Berlin, in Bamberg für Tilman Spreckelsen, Der goldene Kopf. Wer auf den Spuren E. T. A. Hoffmanns durch Bamberg geht, reist in die Ferne des frühen 19. Jahrhunderts, in Frankfurter Allgemeine Zeitung, Freitag, 21. April 2017, aus Jürgen Hultenreich, Text, und Angelika Fischer, Fotos, Das Bamberg des E. T. A. Hoffmann. Wegmarken. Lebenswege und geistige Landschaften, Edition A. B. Fischer, Berlin 2016

——— Carl Friedrich Kunz:

Hoffmann bezog, seinem Verlangen gemäß, von dem Weinhändler Cagiorgi, gegen eine von mir ausgestellte Anweisung, auf meine Rechnung 24 Bouteillen Burgunder. Der genannte Nuits ist bekanntlich eine vorzügliche Gattung dieses Weines, den Hoffmann während seines Bamberger Aufenthaltes besonders verehrte und sich mit mir in meinem Keller trefflich schmecken ließ. Was werden aber die profanen Leute und Philister dazu sagen, wenn ich versichere, daß dieser Nuits aus Ehrfurcht vor seiner geheimnißvollen Kraft und seinem gewürzreichen Bouquet nur in seinem Elemente, der Nacht, oder geschah es bei Tage, doch nur in der zauberisch dunkeln Umhüllung des Kellers von uns genossen ward?! Zuweilen pflegte es sogar zu geschehen, daß wir beide unsern Platz auf dem Fasse selbst (einer sogenannten Piece) nahmen, und auf den entgegengesetzten Enden desselben, Gesicht gegen Gesicht gekehrt, triumphirend ritten. Jeder hielt das gefüllte Glas in der Hand, der offene Spund blieb in der Mitte, in welchem die blecherne Pumpe, als stets bereitwillige Hebe, bis die Gläser geleert waren, nachlässig ruhte. — Daß aber hier nicht auf gemeine Weise gezecht, sondern auf die geistreichste und gemüthlichste Art sich des heitern Lebens gefreut warb, darf ich ebenfalls versichern. — Die allerdings höchst komische Attitude gab Hoffmann Veranlassung zu einer trefflich kolorirten Zeichnung, die ich leider, wie so viele, ungestümen Bitten nachgebend, nicht mehr besitze. — Dies ächt Tenier’sche Genrebild bezeichnete den Moment, wo, als wir eben beide ganz gemüthlich auf dem Fasse gegenüber sitzen, und im Begriffe stehen, unsere Gläser an einander zu klingen, ein mit einem heftigem Donnerschlage verbundener Blitz durch die Kelleröffnungen zuckt, und unsere von Schrecken grimassirten Gesichter hell erleuchtet darstellt. — Das Bild war kein Phantasiestück, sondern einer wirklich erlebten Scene entnommen, Honny soit qui mal y pense!

Mit dem Weinhändler höchstselbst Saufspiele veranstalten. Will man wirklich wissen, unter Einsatz welcher inneren Organe ein Mensch es so weit im Leben bringt? Und ist das wirklich wahr, dass ich gerade den Job der Bamberger Tourist-Information verrichte?

Angelika Fischer, Berlin, in Bamberg für Tilman Spreckelsen, Der goldene Kopf. Wer auf den Spuren E. T. A. Hoffmanns durch Bamberg geht, reist in die Ferne des frühen 19. Jahrhunderts, in Frankfurter Allgemeine Zeitung, Freitag, 21. April 2017, aus Jürgen Hultenreich, Text, und Angelika Fischer, Fotos, Das Bamberg des E. T. A. Hoffmann. Wegmarken. Lebenswege und geistige Landschaften, Edition A. B. Fischer, Berlin 2016

Bilder: Angelika Fischer, Berlin, in Bamberg für Tilman Spreckelsen: Der goldene Kopf. Wer auf den Spuren E. T. A. Hoffmanns durch Bamberg geht, reist in die Ferne des frühen 19. Jahrhunderts, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Freitag, 21. April 2017, aus: Jürgen Hultenreich (Text) und Angelika Fischer (Fotos): Das Bamberg des E. T. A. Hoffmann (Wegmarken. Lebenswege und geistige Landschaften), Edition A. B. Fischer, Berlin 2016:

  1. „Am 1. September 1808 kam das Ehepaar Ernst Theodor Amadeus und Marianna, genannt Mischa, in Bamberg an – allein, die gemeinsame Tochter Cäcilia war kurz zuvor zweijährig verstorben. Der zweiunddreißigjährige Hoffmann, der Jura studiert hatte und mit dem Zusammenbruch Preußens arbeitslos geworden war, hatte nun eine Stelle als Musikdirektor am Bamberger Theater bekommen. Das Ehepaar wohnte anfangs in einem Haus direkt am Regnitzkanal. Allerdings gab es von Anfang an Ärger mit der Vermieterin, die dem Musiker das Klavierspielen verbieten wollte. Die Hoffmanns zogen ein paar Häuser weiter.“;
  2. „In dem schmalen Wohnhaus in der Bildmitte bewohnte das Ehepaar Hoffmann die beiden obersten Etagen.“;
  3. „Blick auf die Stephanskirche“;
  4. „Im Weinkeller seines Freundes Kunz am Grünen Markt pflegte Hoffmann auf einem Fass zu reiten.“

Soundtrack zum Getränkemissbrauch: die angenehm durchgeschmorte Feenkönigin
Camille: Fontaine de lait, aus: OUÏ, 2017:

Written by Wolf

11. August 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Nahrung & Völlerei, Romantik

Am selben Tag, da ich erfuhr, man habe mich entmündigt

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Update zu den beiden Mädchen auf dem Felde:

Erstens feiern wir am 7. August 2017 den 134. Geburtstag von Joachim Ringelnatz. Das ist am Montag, der sich zum Feiern etwas ungünstig ausnimmt, daher schon heute.

Zweitens sammle ich, wie wiederholt ausgerufen, Gedichte mit siebenzeiligen Strophen. Wenn jemandem in der Richtung was Schönes auffällt: Die Kommentarfunktion ist offen.

Die Idee kam mir drittens dermaleinst angesichts von Das Mädchen mit dem Muttermal, Ringelnatz 1928. Das ist für Ringelnatzische Verhältnisse schon verstörend streng komponiert — am Reimschema erkennbar in Lutherstophe — und herzanrührend schön. Außerdem das einzige Gedicht, das ich mal auf einer besoffenen Geburtstagsfeier (weder Ringelnatz‘ noch meiner eigenen) auswendig hersagen konnte, ohne mich zu blamieren oder Dritte zu langweilen, ich sollte ihm also dankbar sein.

Viertens war es Zeit, das Gedicht angemessen zu illustrieren. Bis 2013 hat es gedauert, dass die seinerzeit noch studierende Hamburger Illustratorin Katarina Kühl mit der Arbeitskraft eines ganzen Semesters eine Broschüre mit zwei Gedichten von Joachim Ringelnatz: Ein Liebesbrief & Das Mädchen mit dem Muttermal durchgestaltete. Das betreffende Mädchen hab ich mir sogar immer in diesem schwarzhaarlackierten Garçonne-Stil vorgestellt.

——— Joachim Ringelnatz:

Das Mädchen mit dem Muttermal

Chanson

aus: Allerdings, Ernst Rowohlt Verlag, Berlin 1928:

Woher sie kam, wohin sie ging,
Das hab‘ ich nie erfahren.
Sie war ein namenloses Ding
Von etwa achtzehn Jahren.
Sie küßte selten ungestüm.
Dann duftete es wie Parfüm
Aus ihren keuschen Haaren.

Wir spielten nur, wir scherzten nur;
Wir haben nie gesündigt.
Sie leistete mir jeden Schwur
Und floh dann ungekündigt,
Entfloh mit meiner goldnen Uhr
Am selben Tag, da ich erfuhr,
Man habe mich entmündigt.

Verschwunden war mein Siegelring
Beim Spielen oder Scherzen.
Sie war ein zarter Schmetterling.
Ich werde nie verschmerzen,
Wie vieles Goldene sie stahl,
Das Mädchen mit dem Muttermal
Zwei Handbreit unterm Herzen.

Katarina Kühl, Joachim Ringelnatz, Das Mädchen mit dem Muttermal, 1932, 2013

Katarina Kühl, Joachim Ringelnatz, Das Mädchen mit dem Muttermal, 1932, 2013

Katarina Kühl, Joachim Ringelnatz, Das Mädchen mit dem Muttermal, 1932, 2013

Katarina Kühl, Joachim Ringelnatz, Das Mädchen mit dem Muttermal, 1932, 2013

Den Liebesbrief von Katarina Kühl 2013 kriegen wir fünftens später, wie das sechstens so ist mit Liebesbriefen.

Siebtens endlich: Alles Gute, Ringel.

Katarina Kühl, Joachim Ringelnatz, Das Mädchen mit dem Muttermal, 1932, 2013

Bilder: Katarina Kühl: Ein Liebesbrief & Das Mädchen mit dem Muttermal, 25. September 2013.

Eine sehr würdevolle Vertonung, die Ringelnatz einschließlich seiner hinterkünftig verhuschten Pointe verstanden hat (nur leider nicht die sehr wohl sangbare Lutherstrophe), stammt ebenfalls 2013 von Notenix, nachdem seit 1928 der Untertitel notorisch vernachlässigt wurde: Chanson:

Chanson bonus: Carla Bruni: Quelqu’un m’a dit, aus: Quelqu’un m’a dit, 2002:

Mais qui est-ce qui m’a dit que toujours tu m’aimais?
Je ne me souviens plus, c’était tard dans la nuit.
J’entends encore la voix, mais je ne vois plus les traits:
„Il vous aime, c’est secret. Lui dites pas que je vous l’ai dit.“

Written by Wolf

4. August 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Novecento

Nachtstück 0009: Dieselben Finger

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Update zu Japanischer Frühling (Hammer):

Nach keiner Idee von Kathrin Bach von Anakoluth:

——— 谷川俊太郎:

ポルノ・バッハ

1996:

ついさっきまでバッハを弾いていた指と
これはほんとに同じ指かい
ぼくのこいつはのびたりちぢんだり
ピアノとは似ても似つかぬ
こっけいな道具と言うしかなくて
こんなありきたりなものと
あの偉大なバッハがきみの柔い指先で
どんなふうにむすびつくのか
ぼくにはさっぱり解せないんだ
でもきみのものもぼくのものも
いまはむき出しの心臓のいろ
そのあたたかくなめらかな感触に
死ぬようにきりもなく甘えてゆくと
いつか血の透けて見える暗闇で
ぼくもひょっこりバッハに会えるのかな

——— Shuntaro Tanikawa:

Porno-Bach

nach Bach in Arts — Hommage a Bach, 1996:

Sind das wirklich dieselben Finger
die bis vor kurzem noch Bach vorspielten?
Dies mein Ding wird mal größer mal kleiner
gleicht dem Klavier nicht im geringsten
komisches Werkzeug muss man wohl sagen
Wie sich ein solches Allerweltsding
unter Deinen weichen Fingerbeeren
mit dem erhabenen Bach verträgt
ist mir völlig schleierhaft
Aber jetzt liegen Deines und Meines
offen entblößt in Herzens Farbe
Wenn ich mich der zart-warmen Berührung
sterbend endlos ganz überlasse
steh ich im Dunkel durchschimmernden Blutes
vielleicht auch plötzlich Bach gegenüber

David Ramirer, Collage 107, 2004

Bild:David Ramirer: Collage #107, 2004;
Wohltemperiertes Clavier, Buch 1: HJ Lim, 22. September 2014:

Written by Wolf

1. August 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Novecento, Schall & Getöse