Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for Dezember 2016

Historische Post vom Verleger

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Update zu Deine so oft entweihte Frühlingsfeier:
und Der den Wasserkothurn zu beseelen weiß:

Sehr geehrter Herr Klopstock!

Wo bleibt der Messias?

Ihr
Hermann Hemmerde.

~~~\~~~~~~~/~~~

——— Arno Schmidt:

S. H. Herrn
F.G. Klopstock, Superintendent.
Schul-Pforta
bei Naumburg/Saale.

Sehr geehrter Herr!

Anbei den Messias zurück.

Ihr
Arno Schmidt.

Soundtrack: Georg Friedrich Händel: Messiah, 1741, unter Stephen Cleobury, King’s College Cambridge, 1993:

Bild: Arno Schmidt lacht, Bargfeld, nach 1972,
vermutlich von Alice Schmidt und Copyright Arno Schmidt Stiftung, Bargfeld, via Arnoschmidt.

Written by Wolf

30. Dezember 2016 at 00:01

Die Litaneien des Körpers

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Zeit für uns.

Faces of Bliss, 2016

——— Anna Real:

Das tristere Tier

Erstveröffentlichung in: Steffen Jacobs (Hg.): Liederlich! Die lüsterne Lyrik der Deutschen,
Eichborn Berlin, 2008:

Die Erde stellt sich ein bißchen schräger.
Die Sonne scheint auf mein Bett.
Die ganze Nacht war es waagrecht, integer.
Wir haben’s versaut. Wir waren nicht nett.
Was haben wir ihm in die Kissen gestöhnt,
vereint uns, entzweit und gleich wieder versöhnt,
gesuhlt uns, geaalt und herumtrompetet,
was weich ist, immer noch weicher geknetet,
die Litaneien des Körpers rauf und runter gesungen,
was hart bleiben soll ohne Stahlbad gestählt.
Die siebenbürgische Arbeitsteilung:
gebissen hab ich
und du hast
gepfählt.

Das Bett wär‘ am liebsten schamrot lackiert.
Für das Tier mit zwei Rücken sei es nicht konstruiert.
Dabei kommt’s aus Schweden, heißt wie eine Schäre,
hat den Elchtest bestanden und die ungefähre
Tragkraft von plusminus von dir und mir.
Die Laken verzwirbelt, anstatt glatt gebügelt,
und auch die Kissen getalt und gehügelt,
eine Winzigkeit übers Parkett verschoben,
durch unser kleines, gepflegtes Toben.
Tief drinnen noch warm und feucht in den Falten,
hängt’s jetzt halt ein bisserl durch.
Muss erkalten.
Wie wir.

Für V. mit den schamrot lackierten Low-Highlights.

Faces of Bliss, 2016

Bilder: Faces of Bliss, 2016;
Soundtrack: immer wieder Placebo: Every You Every Me aus: Without You I’m Nothing, 1999:

Written by Wolf

26. Dezember 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Postironismus

Trost der Welt, du stille Nacht

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Update zu Wölfchen Wulffs Weihnachten, Naseweise Weihnachten, Das Gezänk der Weisen und Weihnachten Fibels:

Wir warten aufs Christkind und horchen ein bissel Eichendorff dabei.

Doch, den kann man hören. Allein der nicht gerade endlos lange Einsiedler wurde mindestens 31-mal vertont. Eichendorff bildete dieses Abendlied eines einsamen Menschen, der nach einigen Andeutungen einst zur See gefahren sein mag, dem Lied des Einsiedels in Grimmelshausens Simplicissimus von 1669 nach, der zum Grundwissen des Romantikers gehörte. 1805 konnte er in Des Knaben Wunderhorn die erste Bearbeitung vorfinden. Seine Kenntnis davon ist dadurch belegt, dass Clemens Brentano ihm im Februar 1810 persönlich ein Exemplar geschenkt hat, damit ihm und uns auch ja nichts entgeht.

Das Weihnachtliche an Eichendorffs Version ist, dass nicht mehr eine Nachtigall zum Trost kommen möge, sondern eine stille Nacht — die Eichendorff 1835 schon als Weihnachtslied — von 1818 — bekannt sein mochte.

Schweifreime klingen immer besonders souverän, weil der letzte, der vollständig machende Reim erst im jeweils sechsten Vers ziemlich spät ins Schloss schnappt. Allein oder in Gesellschaft: Fröhliche Weihnachten.

Friedrich Bodenstedt, Initial Der Einsiedler, Album deutscher Kunst und Dichtung, 1877

——— Joseph von Eichendorff:

Der Einsiedler

aus: Geistliche Lieder, 1835, Deutscher Musenalmanach 1837:

Caspar Scheuren, Der Einsiedler, Album deutscher Kunst und Dichtung, 1877Komm, Trost der Welt, du stille Nacht!
Wie steigst du von den Bergen sacht,
Die Lüfte alle schlafen,
Ein Schiffer nur noch, wandermüd‘,
Singt übers Meer sein Abendlied
Zu Gottes Lob im Hafen.

Die Jahre wie die Wolken gehn
Und lassen mich hier einsam stehn,
Die Welt hat mich vergessen,
Da tratst du wunderbar zu mir,
Wenn ich beim Waldesrauschen hier
Gedankenvoll gesessen.

O Trost der Welt, du stille Nacht!
Der Tag hat mich so müd‘ gemacht,
Das weite Meer schon dunkelt,
Laß ausruhn mich von Lust und Not,
Bis daß das ew’ge Morgenrot
Den stillen Wald durchfunkelt.

Bilder:

  1. Friedrich Bodenstedt: Initial aus: Der Einsiedler in: Album deutscher Kunst und Dichtung. Auswahl aus einem Prachtwerk der Gründerzeit, 1877;
  2. Caspar Scheuren: Der Einsiedler in: Friedrich Bodenstedt (Hg.): Album deutscher Kunst und Dichtung, mit Holzschnitten, nach Zeichnungen der Künstler, ausgeführt von R. Brend’amour und Anderen. Vierte, umgearbeitete Auflage. Berlin, Verlag der G. Grote’schen Verlagsbuchhandlung, 1877, Seite 33;
  3. Ludwig Richter: Einsiedels Abendlied mit Text aus: Die guten Meister des deutschen Hauses, Gelber Verlag in Dachau, 1921, Seite 49.

Ludwig Richter, Einsiedels Abendlied, Die guten Meister des deutschen Hauses, 1921

Von Eichendorffs Gedicht zählt The LiederNet Archive 31 Vertonungen auf, von denen fünf tatsächlich auffindbar sind. Am bekanntesten ist Opus 83 Nummer 3 von Robert Schumann, zu Studium und Erbauung wird die längste empfohlen: Der Einsiedler von Max Reger, Opus 144a von 1915. — Chronologisch:

Robert Schumann aus: Drei Gesänge für Singstimme und Klavier, opus 83 Nr. 3, 1850:

Hugo Wolf: Resignation aus: Sechs geistliche Lieder nach Gedichten von Eichendorff, Nr. 3, 1881:

Mex Reger, opus 144a, 1915:

Christian Lahusen:

Felix Wolfes, 1953:

Bonus Track: Tom Waits: Silent Night, aus: SOS United, 1989 – nur als Stiftung für die SOS-Kinderdörfer.

Written by Wolf

24. Dezember 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Glaube & Eifer, Romantik

4. Katzvent: Was ich gebar in Stunden der Begeisterung

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Der Advent 2016 führt uns nicht mehr einfach das künstlerische Schaffen über Katzen vor,
sondern das von Katzen.

Das lyrische Gesamtwerk des Katers Murr

Weltweit zum ersten Mal gesammelt folgen die Gedichte des vortrefflichen Katers Murr, die der Étudiant en belles lettres und Homme de lettres très renommé sich selbst zuschreibt — also nicht, was im Dritten Abschnitt: Die Lehrmonate. Launisches Spiel des Zufalls der Katerchor singt und von Murr aus dem Gedächtnis zitiert wird, und nicht der Ausschnitt aus dem Orlando furioso aus dem Vierten Abschnitt: Erspriessliche Folgen höherer Kultur. Die reiferen Monate des Mannes.

Die Bilder sind die beiden bildnerischen Werke, die uns durch den Ziehvater des historischen Katers Murr überliefert wurden, welch letzterer am 1. Dezember 1821 entschlief, „um zu einem beßern Dasein zu erwachen“: durch den getreuen, noch bis 25. Juni 1822 überlebenden Kammergerichtsrat E.T.A. Hoffmann, und bilden somit ebenfalls ein Gesamtkorpus.

Kater Murr, Skizze 1

——— Kater Murr:

Was ich gebar in Stunden der Begeisterung

Ausschnitte aus: E.T.A. Hoffmann: Lebens-Ansichten des Katers Murr nebst fragmentarischer Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern, Ferdinand Dümmlersche Verlagsbuchhandlung, Berlin, 1819 und 1821:

„Leugnet es nur nicht,“ fuhr der Professor fort, „leugnet es nur nicht, an dem Kleinen dort in der Kammer habt Ihr jene abstrakte Erziehungsmethode versucht, Ihr habt ihn lesen, schreiben gelehrt, Ihr habt ihm die Wissenschaften beigebracht, so daß er sich schon jetzt unterfängt, den Autor zu spielen, ja sogar Verse zu machen.“

„Nun,“ sprach der Meister, „das ist doch in der Tat das Tollste, was mir jemals vorgekommen! – Ich meinen Kater erziehen, ich ihm die Wissenschaften beibringen! – Sagt, was für Träume rumoren in Eurem Sinn, Professor? – Ich versichere Euch, daß ich von meines Katers Bildung nicht das mindeste weiß, die selbe auch für ganz unmöglich halte.“

„So?“ fragte der Professor mit gedehntem Ton, zog ein Heft aus der Tasche, das ich augenblicklich für das mir von dem jungen Ponto geraubte Manuskript erkannte, und las:

„Sehnsucht nach dem Höheren

Ha, welch Gefühl, das meine Brust beweget?
Was sagt dies unruh- – ahnungsvolle Beben,
Will sich zum kühnen Sprung der Geist erheben,
Vom Sporn des mächt’gen Genius erreget?

Was ist es, was der Sinn im Sinne träget,
Was will dem liebesdrangerfüllten Leben
Dies rastlos brennend feurig-süße Streben,
Was ist es, das im bangen Herzen schläget?

Entrückt werd‘ ich nach fernen Zauberlanden,
Kein Wort, kein Laut, die Zunge ist gebunden,
Ein sehnlich Hoffen weht mit Frühlingsfrische,

Befreit mich bald von drückend schweren Banden.
Erträumt, erspürt, im grünsten Laub gefunden!
Hinauf mein Herz! beim Fittich ihn erwische!“

Ich hoffe, daß jeder meiner gütigen Leser die Musterhaftigkeit dieses herrlichen Sonetts, das aus der tiefsten Tiefe meines Gemüts hervorfloß, einsehen und mich um so mehr bewundern wird, wenn ich versichere, daß es zu den ersten gehört, die ich überhaupt verfertigt habe.

„Hoho,“ rief der Meister, „wahrhaftig, das Sonett ist eines Katers vollkommen würdig, aber noch immer verstehe ich nicht Euern Spaß, Professor, sagt mir nur lieber geradezu, wo Ihr hinauswollt.“

Der Professor, ohne dem Meister zu antworten, blätterte im Manuskript und las weiter:

„Glosse

Liebe schwärmt auf allen Wegen,
Freundschaft bleibt für sich allein,
Liebe kommt uns rasch entgegen,
Aufgesucht will Freundschaft sein.

Schmachtend wehe, bange Klagen
Hör‘ ich überall ertönen,
Ob den Sinn zum Schmerz gewöhnen,
Ob zur Lust, ich kann’s nicht sagen,
Möchte oft mich selber fragen,
Ob ich träume, ob ich wache.
Diesem Fühlen, diesem Regen,
Leih ihm, Herz, die rechte Sprache;
Ja, im Keller, auf dem Dache,
Liebe schwärmt auf allen Wegen!

Doch es heilen alle Wunden,
Die der Liebesschmerz geschlagen,
Und in einsam stillen Tagen
Mag, von aller Qual entbunden,
Geist und Herz wohl bald gesunden;
Art’ger Kätzchen los Gehudel,
Darf es auf die Dauer sein?
Nein! – fort aus dem bösen Strudel,
Unterm Ofen mit dem Pudel,
Freundschaft bleibt für sich allein!

Wohl, ich weiß es, widerstehen
Mag man nicht dem süßen Kosen,
Wenn aus Büschen duft’ger Rosen
Süße Liebeslaute wehen.
Will das trunkne Aug‘ dann sehen,
Wie die Holde kommt gesprungen,
Die da lauscht an Blumenwegen,
Kaum ist Sehnsuchts-Ruf erklungen,
Hat sich schnell hinangeschwungen.
Liebe kommt uns rasch entgegen.

Dieses Sehnen, dieses Schmachten
Kann wohl oft den Sinn berücken,
Doch wie lange kann’s beglücken,
Dieses Springen, Rennen, Trachten!
Holder Freundschaft Trieb‘ erwachten,
Strahlten auf bei Hespers Scheine.
Und den Edlen brav und rein,
Ihn zu finden, den ich meine,
Klettr‘ ich über Maur und Zäune,
Aufgesucht will Freundschaft sein.“

In dem Augenblick entstand ein fürchterlicher Lärm. Die Menschen liefen durcheinander, schrien: „Feuer! – Feuer!“ Reuter sprengten durch die Straßen – Wagen rasselten. – Aus den Fenstern eines Hauses, unfern uns, strömten Rauchwolken und Flammen. – Ponto sprang schnell vorwärts, ich aber in der Angst kletterte eine hohe Leiter hinauf, die an ein Haus gelehnt, und befand mich bald auf dem Dache in voller Sicherheit. Plötzlich kam mir – alles so bekannt, so heimisch vor, ein süßes Aroma, selbst wußt‘ ich nicht, von welchen vortrefflichen Braten, wallte in bläulichen Wolken über die Dächer daher, und wie aus weiter – weiter Ferne, im Säuseln des Abendwindes, lispelten holde Stimmen: „Murr, mein Geliebter, wo weiltest du so lange?“ –

„Was ist’s, das die beengte Brust
Mit Wonneschauer so durchbebt,
Den Geist zum Himmel hoch erhebt,
Ist’s Ahnung hoher Götterlust?
Ja – springe auf, du armes Herz,
Ermut’ge dich zu kühnen Taten,
Umwandelt ist in Lust und Scherz
Der trostlos bittre Todesschmerz,
Die Hoffnung lebt – ich rieche Braten!“

So sang ich und verlor mich, des entsetzlichen Feuerlärms nicht achtend, in die angenehmsten Träume! Doch auch hier auf dem Dache sollten mich noch die schreckhaften Erscheinungen des grotesken Weltlebens, in das ich hineingesprungen, verfolgen. Denn ehe ich mir’s versah, stieg aus dem Rauchfange eines jener seltsamen Ungetüme empor, die die Menschen Schornsteinfeger nennen. Kaum mich gewahrend, rief der schwarze Schlingel: „Husch Katz!“ und warf den Besen nach mir.

„Ha,“ rief ich, „zu ihr hinauf aufs Dach! – Ha, ich werde sie wiederfinden, die süße Huldin, da, wo ich sie zum erstenmal erblickte, aber singen soll sie, ja singen, und bringt sie nur eine einzige falsche Note heraus, dann ist’s vorbei, dann bin ich geheilt, gerettet.“ Der Himmel war heiter, und der Mond, bei dem ich der holden Miesmies Liebe zugeschworen, schien wirklich, als ich auf das Dach stieg, um sie zu erlauern. Lange gewahrte ich sie nicht, und meine Seufzer wurden laute Liebesklagen.

Ich stimmte endlich ein Liedlein an im wehmütigsten Ton, ungefähr folgendermaßen:

„Rauschende Wälder, flüsternde Quellen,
Strömender Ahnung spielende Wellen,
Mit mir o klaget!
Saget, o saget!
Miesmies, die Holde, wo ist sie gegangen,
Jüngling in Liebe, Jüngling, wo hat er
Miesmies, die süße Huldin, umfangen?
Tröstet den Bangen.
Tröstet den gramverwilderten Kater!
Mondschein, o Mondschein,
Sag‘ mir, wo thront mein
Artiges Kindlein, liebliches Wesen!
Wütender Schmerz kann niemals genesen!
Trostloser Liebender kluger Berater,
Eil‘ ihn zu retten
Von Liebesketten,
Hilf ihm, o hilf dem verzweifelnden Kater.“

Seht ein, geliebter Leser, daß ein wackerer Dichter weder sich im rauschenden Walde befinden, noch an einer flüsternden Quelle sitzen darf, ihm strömen der Ahnung spielende Wellen doch zu, und in diesen Wellen erschaut er doch alles, was er will, und kann davon singen, wie er will.

Hier sind die Verse, die meinen Zustand, sowie den Übergang von Leid zur Freude mit poetischer Kraft und Wahrheit schildern.

„Was wandelt, horch! durch finstre Räume,
In öder Keller Einsamkeit?
Was ruft mir zu: ‚Nicht länger säume!‘
Wes Stimme klagt ein herbes Leid?
Dort liegt der treue Freund begraben,
Nach mir verlangt sein irrer Geist.
Mein Trost soll ihn im Tode laben,
Ich bin’s, der Leben ihm verheißt!

Doch nein! – das ist kein flücht’ger Schatten,
Der solche Töne von sich gibt!
Sie seufzen nach dem treuen Gatten,
Nach ihm, der noch so heiß geliebt!
In alte Liebesketten fallen,
Rinaldo will’s, er kehrt zurück,
Doch wie! – schau‘ ich nicht spitze Krallen?
Nicht eifersücht’gen Zornes Blick?

Sie ist’s – die Frau! – wohin entfliehen! –
Ha! welch Gefühl bestürmt die Brust.
Im keuschen Schnee der Jugend blühen
Seh‘ ich des Lebens höchste Lust.
Sie springt, sie naht, und immer heller
Wird’s um mich Hochbeglückten her.
Ein süßer Duft durchweht den Keller,
Die Brust wird leicht, das Herz wird schwer.

Der Freund gestorben – sie gefunden –
Entzücken! – Wonne! – bittrer Schmerz!
Die Gattin – Tochter – neue Wunden! –
Ha! – sollst du brechen, armes Herz?
Doch kann den Sinn wohl so betören
Ein Trauermahl, ein lust’ger Tanz?
Nein – diesem Treiben muß ich wehren,
Mich blendet nur ein falscher Glanz.

Hinweg, ihr eitlen Truggebilde,
Gebt höherm Streben willig Raum!
Gar manches führt die Katz im Schilde,
Sie liebt, sie haßt und weiß es kaum.
Kein Ton, kein Blick, senkt eure Augen,
O Mina, Miesmies, falsch Geschlecht!
Verderblich Gift, nicht will ich’s saugen,
Ich flieh‘, und Muzius sei gerächt.

Verklärter! – ja, bei jedem Braten,
Bei jedem Fisch gedenk‘ ich dein!
Denk‘ deiner Weisheit, deiner Taten,
Denk‘ Kater ganz wie du zu sein.
Gelang es hünd’schem Frevelwitze
Dich zu verderben, edler Freund,
So trifft die Schmach blutgier’ge Spitze,
Es rächet dich, der um dich weint.

So flau, so jammervoll im Busen
War mir’s, ich wußte gar nicht wie,
Doch hoher Dank den holden Musen,
Dem kühnen Flug der Phantasie.
Mir ist jetzt wieder leidlich besser,
Spür‘ gar nicht g’ringen Appetit,
Bin Muzius gleich ein wackrer Esser
Und ganz in Poesie erglüht.

Ja Kunst! du Kind aus hohen Sphären,
Du Trösterin im tiefsten Leid,
O! – Verslein laß mich stets gebären
Mit genialer Leichtigkeit.
Und: ‚Murr‘, so sprechen edle Frauen,
Hochherz’ge Jünglinge, ‚o Murr;
Du Dichterherz, ein zart Vertrauen
Weckt in der Brust dein süß Gemurr!'“

Die Wirkung des Versleinmachens war zu wohltätig, ich konnte mich nicht mit diesem Gedicht begnügen, sondern machte mehre hintereinander mit gleicher Leichtigkeit, mit gleichem Glück. Die gelungensten würd‘ ich hier dem geneigten Leser mitteilen, hätte ich nicht im Sinn, dieselben nebst mehreren Witzwörtern und Impromptus, die ich in müßigen Stunden angefertigt, und über die ich schon beinahe vor Lachen bersten mögen, unter dem allgemeinen Titel: „Was ich gebar in Stunden der Begeisterung“ herauszugeben.

Da schwankte die Glaskugel hin und her, und ein melodischer Ton ließ sich vernehmen, wie wenn Windeshauch leise hinstreift über die Saiten der Harfe. Aber bald wurde der Ton zu Worten:

„Noch ist Leben nicht dahin,
Trost und Hoffnung nicht verschwunden,
Was vermag der frömmste Sinn,
Hält ihn schwerer Eid gebunden?
Meister! Mut! – du wirst gesunden,
Blick‘ auf zu der Dulderin,
Die da heilt die tiefsten Wunden,
Bittrer Schmerz bringt dir Gewinn.“

„O du barmherziger Himmel,“ lispelte der Alte mit bebenden Lippen, „sie ist es selbst, die zu mir spricht von dem hohen Himmel herab; sie wandelt nicht mehr unter den Lebendigen!“ – Da ließ sich jener melodische Ton abermals vernehmen, und noch leiser, noch entfernter erklangen die Worte:

„Nicht erfaßt der bleiche Tod,
Die im Herzen Liebe tragen;
Dem glänzt noch das Abendrot,
Der am Morgen wollt‘ verzagen.
Bald kann dir die Stunde schlagen,
Die entreißt dich aller Not;
Zu vollbringen magst du wagen,
Was die ew’ge Macht gebot.“

Stärker anschwellend und wieder verhallend, lockten die süßen Töne den Schlaf herbei, der den Alten einhüllte in seinen schwarzen Fittich. Aber in dem Dunkel ging strahlend wie ein schöner Stern der Traum vergangenen Glücks auf, und Chiara lag wieder an des Meisters Brust, und beide waren wieder jung und selig, und kein finstrer Geist vermochte den Himmel ihrer Liebe zu trüben. –

– Hier hat, wie der Herausgeber es dem geneigten Leser bemerklich machen muß, der Kater wieder ein paar Makulaturblätter ganz weggerissen, wodurch in dieser Geschichte voller Lücken wiederum eine Lücke entstanden. Nach der Seitenzahl fehlen aber nur acht Kolumnen, die eben nichts besonders Wichtiges enthalten zu haben scheinen, da das Folgende sich im ganzen noch so ziemlich an das Vorhergegangene reiht.

Kater Murr, Skizze 2

Soundtrack: Katzenjammer featuring Ben Caplan und The Trondheim Soloists mit der Mutter all derer Weihnachtslieder, die man ganzjährig singen darf: dem Pogues-Klopfer Fairytale of New York aus If I Should Fall from Grace with God, 1987, 2012:

Written by Wolf

23. Dezember 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Das Tier & wir, Romantik

3. Katzvent: Die Katze als Subjekt der bildenden Kunst

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Der Advent 2016 führt uns nicht mehr einfach das künstlerische Schaffen über Katzen vor,
sondern das von Katzen.

Update zu The Watercolors of the Astrokater und
zum 3. Katzvent 2015: Und ich singe was ich fühle:

  1. ——— Michael Mathias Prechtl:

    Astrokater Schrodinger

    aus der Galerie berühmter Katzen aus Literatur und Malerei, 1997, in: E.T.A. Hoffmann: Lebensansichten des Katers Murr Nebst fragmentarischer Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern, Büchergilde Gutenberg, Frankfurt am Main 1997:

    Michael Mathias Prechtl, Astrokater Schrodinger aus der Galerie berühmter Katzen aus Literatur und Malerei, 1997, in E.T.A. Hoffmann, Lebensansichten des Katers Murr Nebst fragmentarischer Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern, Büchergilde Gutenberg, Frankfurt am Main 1997

    Die beste amerikanische Astronautin, Amanda Jaworksi, anerkannte Physikerin, Expertin in Atomphysik, Strahlenkunde, Astronomie, Geologie und Photometrie hat ihren Kater Schrodinger benannt, nach dem Physiker und Philosophen Erwin Schrödinger, der mit seinem theoretischen Experiment der “Katze im Kasten” berühmt wurde. Amerikaner leugnen die Notwendigkeit von Pünktchen auf dem o und anderswo, so daß sich der arme Schrödinger unnötig schnöde verödet vokalisiert vorkommen muß. Kater Schrodinger verschluckt zwei vom Subpartikel Tachyon verlorene Evolutionsmoleküle, fängt an zu zeichnen (ausschließlich Amandas Füße) und wird von den blauen Robotern zum Planeten Epsilon Erdani entführt, vierzig Millionen Lichtjahre von der Erde entfernt. Amanda, die mit ihrem Raumschiff zum Mars fliegen soll, ändert ihren Kurs dahin, um ihren geliebten Kater zu retten.

    Wem dies alles wie Science ichweißnichtwas vorkommt, der liegt richtig, aber um die wunderbare Story zu durchschauen, muß er unbedingt Carol Hills dickes Buch lesen, mindestens zweimal.

    Ein Kater in einem dicken, physikbeschwipsten Roman von einer Frau über eine Frau für Frauen, der malen kann. Prechtl stellt ihn in einem klassischen Motivdreieck dar, als deren wichtigste Ecke die links untere mit dem Frauenportrait erscheint: Die Frau schaut versonnen zu, wie ihr geliebter und liebender Kater ihren Fuß abbildet — den Teil an ihr, den er als Fußbodenbewohner am häufigsten zu Gesicht bekommt. Dabei sieht sie so glücklich aus, wie man sich Frauen wünscht, mit denen man zusammenlebt: Sie fühlt sich durch Kater Schrodingers Blick gewertschätzt und wertschätzt zurück. Ob auch in einer Astronautin noch das alte, anerkennungsbedürftige kleine Mädchen steckt?

    Prechtl und der Kater zeigen uns in einer Allegorie einen glückhaften Vorgang. Empfohlen sei an dieser Stelle überhaupt auch uns, die wir mit weniger als vier Beinen auskommen müssen, unserem Lieblingsmenschen in allen Wortsinnen die Füße zu malen. Ihm die Zehennägel zu lackieren, um seine Schönheit zu erhöhen, ist ein im besten Sinne intimer, verbindender Moment; mit Bleistift und anderen Zeichen- oder Maltechniken ein getreues Abbild seiner Füße zu schaffen, hilft ihn verstehen. Die oben wiedergegebene „Amanda Jaworksi“ zum Beispiel verfügt über griechische Zehen wie die Göttinnen der griechischen Mythologie und damit offenbar über besondere Stärke, Intelligenz und erotische Anziehungskraft. Der Kater weiß das.

  2. Der Abessinierkater Rusty aus Edinburgh malt gern im Stil des unfigurativen Impressionismus.

    Der Abessinierkater Rusty aus Edinburgh malt gern im Stil des unfigurativen Impressionismus, Kater Paul, 31. Dezember 2010

  3. Diese Zeichnung von Mike Twohy aus dem New Yorker dokumentiert dagegen die skulpturelle Betätigung einer Wohnungskatze mit einem vorhandenen Gegenstand. Sein Werk ist einer Kunstrichtung zuzuordnen, die man artifizielle Metamorphose nennen könnte.

    Diese Zeichnung von Mike Twohy aus dem New Yorker dokumentiert dagegen die skulpturelle Betätigung einer Wohnungskatze mit einem vorhandenen Gegenstand. Sein Werk ist einer Kunstrichtung zuzuordnen, die man artifizielle Metamorphose nennen könnte, Kater Paul, 31. Dezember 2010

  4. Ich selbst (im Bildhintergrund) arbeite schon seit langem unter dem Arbeitstitel Miezkunstwerk an der kompletten künstlerischen Umgestaltung unserer Mietwohnung.

    Ich selbst im Bildhintergrund arbeite schon seit langem unter dem Arbeitstitel Miezkunstwerk an der kompletten künstlerischen Umgestaltung unserer Mietwohnung, Kater Paul, 31. Dezember 2010

    Die Bilder 2 bis 4 wurden zuerst dokumentiert vom Kater Paul in: Katzen sind Künstler, 31. Dezember 2010. Das fünfte auch. Immer wieder danke für die stete Anregungen, o kluger Miez!

  5. ——— Robert Gernhardt:

    Es ist ein Maus entsprungen:

    aus: Hier spricht der Dichter. 120 Bildgedichte, Haffmans Verlag, Zürich 1985:

    Die Katze träumt vom Weihnachtsfest,
    wogegen sich nichts sagen läßt,
    enthielte nicht ihr Weihnachtstraum
    auch diesen Katzenweihnachtsbaum:

    Robert Gernhardt, Es ist ein Maus entsprungen

Soundtrack: Welpen als Subjekte der Klangkunst:
G. Berthold, i. e. Robert Lucas Pearsall:
Duetto buffo di due gatti, 1825,
Kompilation aus Gioacchino Rossini: Otello, 1816,
in einer, weil man sich diskutierende Katzen spontan eher jungisch vorstellt, angemessen verspielten Version von ungenannten Solisten des Coro del Liceo Franco Mexicano im Palacio de Bellas Artes, 2010:

Written by Wolf

16. Dezember 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Das Tier & wir, Romantik

Die gereiheten Gäste des Sängers (I’ll know my song well before I start singin‘)

with one comment

Update zu Grillen mit Homer,
Nur die Wurst hat zwei
und Homerische Dark Fantasy:

Wahrlich es füllt mit Wonne das Herz, dem Gesange zu horchen,
Wenn ein Sänger, wie dieser, die Töne der Himmlischen nachahmt.
Denn ich kenne gewiss kein angenehmeres Leben,
Als wenn ein ganzes Volk ein Fest der Freude begehet,
Und in den Häusern umher die gereiheten Gäste des Sängers
Melodieen horchen, und alle Tische bedeckt sind
Mit Gebacknem und Fleisch, und der Schenke den Wein aus dem Kelche
Fleißig schöpft, und ringsum die vollen Becher verteilet.

Odyssee IX, 3–8, Voß-Übersetzung, 1781.

And I’ll tell it and think it and speak it and breathe it,
And reflect it from the mountain so all souls can see it,
Then I’ll stand on the ocean until I start sinkin‘,
But I’ll know my song well before I start singin‘,
And it’s a hard, it’s a hard, it’s a hard, it’s a hard,
It’s a hard rain’s a-gonna fall.

A Hard Rain’s A-Gonna Fall, aus: The Freewheelin‘ Bob Dylan, 1962, letzte Strophe.

Die Poesie des Versagens sucht sich vielleicht doch ihre Fürsprecher selbst. Manchmal hat sie Glück. Ich halt dann mal den Mund, ja?

——— Willi Winkler:

Über alle hinaus

in: Süddeutsche Zeitung, 12. Dezember 2016:

Mehr Dichtung hat die Schwedische Akademie in Jahrzehnten nicht gesehen: Der Preisträger Bob Dylan fehlt, sein größter Fan Patti Smith singt ein Lied von ihm und patzt. Aber beide retten in Stockholm die Kunst vor dem Nobelpreis.

Bitte nicht noch einmal die läppische Diskussion, ob ein Pop-Musiker, der alle möglichen kommerziellen Preise bekommen hat und in Venedig zwischen den gefiederten Models der besonders nuttigen Dessous-Marke Victoria’s Secret herumgestanden ist, der außerdem und nicht zuletzt wegen solcher Werbeauftritte vielfacher Millionär ist, den Nobelpreis ausgerechnet für Literatur verdient habe. Nein, hat er nicht.

Bob Dylan hat es nicht verdient, in Gesellschaft weiterer Greise als Statist in einem monarchistischen Staatsschauspiel aufzutreten, ohne, wie es John Lennon einst tat, die Herrschaften auf den besseren Plätzen aufzufordern, statt zu klatschen, mit ihrem Geschmeide zu rasseln.

Pascal Le Segretain, Getty Images, Niemand weiß, warum Bob Dylan an jenem Samstag nicht selbst nach Stockholm reisen konnte. Aber die Musikerin Patti Smith war da. Sang. Versagte. Und sang weiter. Und so gab es doch noch einen großen Moment, Willi Winkler, Über alle hinaus, Süddeutsche Zeitung, 10., 12. Dezember 2016Da die Welt aber schlecht ist und der Erlösung von allem möglichen Übel dringend bedürftig, ereignete sich am späten Samstagnachmittag im Konserthuset in Stockholm eine Sternstunde, von der die Menschheit, soweit sie ein fühlend Herz besitzt, noch lange leben wird.

Es begab sich, dass der fahrende Sänger Bob Dylan keine Lust hatte, an diesem Wochenende in die hochgebaute Stadt Stockholm zu fahren, sondern sich lieber in der weiten Welt, oder vielmehr in den Weiten Amerikas versteckte, und zwar höchstwahrscheinlich irgendwo im „heartland“, im tiefsten amerikanischen Landesinnern, wo sich die Leute nichts Besseres wussten, als für diesen Donald Trump zu stimmen, zu dessen Abwehr in vorletzter Minute der Schwedischen Akademie im Oktober nur mehr die Verleihung ihrer angesehensten Auszeichnung an ebendiesen unhöflichen und (wurde es nicht von allen Spatzen, Tauben, Geiern und allen anderen Unglücksraben von sämtlichen gebildeten Dächern gepfiffen, gekreischt, geklagt, gejammert?) unwürdigen Preisträger eingefallen war.

Denn „unhöflich“ schimpften sie ihn, weil er nicht sofort Purzelbäume vor Begeisterung über die Ehrung schlug, keine Pressekonferenz gab, sich nicht einmal ein dünnlippiges „Thank you“ abringen mochte, sondern in seinem Tagwerk fortfuhr, das an jenem 13. Oktober darin bestand, im legendären Musensitz Las Vegas einen Saal mit 3200 Leuten zu unterhalten. Ganz, ganz schlechte Kinderstube, nicht wahr?

Diese Dichtung, so der Laudator, verbinde die Alltagssprache mit der der Bibel

Nach Wochen erst war der Erwählte zu erreichen, grummelte dann etwas Pflichtschuldiges von „Ehre und so“ und ließ im Übrigen darauf verweisen, dass gerade eine Ausstellung mit seinen neuesten Bildern eröffnet werde, in London, geht hin, und seht selber! Wenn es sich einrichten ließe, verkündete Dylan, dann käme er nach Stockholm, ja, auch das.

Aber er kam nicht, damals nicht und bis jetzt auch nicht. Er hatte, wie er kund- und zu wissen gab, „anderweitige Verpflichtungen“, die allerdings, wie man in Stockholm mit wachsendem Grimm rasch recherchiert hatte, nicht in einem weiteren Konzert auf seiner Never Ending Tour bestanden. Was sollten das für Verpflichtungen sein, wichtiger als der weltberühmte Nobelpreis? Residenzpflicht als Nikolaus vor einem New Yorker Kaufhaus? Vielleicht verbietet ihm sein neuerdings wieder strenger befolgter Glaube, am Sabbat das Haus zu verlassen. Kann aber auch sein, dass er an diesem Samstag mit seinen Hunden in die Hundeschule musste – wer weiß.

Jedenfalls entschuldigte sich der bepreiste Autor und schickte als bekennender Feminist seinen mutmaßlich größten Fan, nämlich die Musikerin Patti Smith. Der schwedische Literaturwissenschaftler und Juror Horace Engdahl verlas mit strenger Miene eine Laudatio, die noch einmal rechtfertigen sollte, warum Bob Dylan der Preis zuerkannt worden war. Noch einmal verwies Engdahl darauf, dass das Wort „Lyrik“ von der Lyra herstamme, und beschwor dann viele Namen, vom Fabeldichter LaFontaine bis Hans Christian Andersen, von Chamfort bis zum „Fliegenden Holländer“, von Woody Guthrie bis Shakespeare.

Dylan habe sich aber nicht auf die provençalischen Troubadours und die Griechen bezogen, sondern sei mit beiden Beinen im 20. Jahrhundert gestanden und habe die Alltagssprache mit der der Bibel verbunden. „Und plötzlich“, so der Exeget, „wirkte ein großer Teil der gelehrten Dichtung unserer Welt blutleer, und die Fließbandtexte, die seine Kollegen weiter produzierten, wirkten so altmodisch wie Schießpulver nach der Erfindung des Dynamits.“ Als wäre es mit dieser hübschen Verbeugung vor dem Erfinder des Dynamits, der in seiner Reue über das von ihm angerichtete Unheil dann den nach ihm benannten Preis stiftete, nicht genug, kam Engdahl noch auf einen weiteren Vergleich, um Dylans Wirkung zu beschreiben, es war, „als würde das Orakel von Delphi die Abendnachrichten verlesen“. Nicht schlecht, doch.

Beim abschließenden Bankett im Rathaus von Stockholm las nicht das Orakel von Delphi, sondern die amerikanische Botschafterin vor den fünfzehnhundert Frack- und Kleidergästen sowie der versammelten königlichen Familie eine Botschaft des abwesenden Preisträgers vor, die sich niemand hätte dürftiger ausdenken können. Große Ehre, danke, hätte er sich nie träumen lassen, und überhaupt habe er schon in der Schule seine Nobel-Vorderen Rudyard Kipling und George Bernard Shaw, Pearl S. Buck, Thomas Mann und Ernest Hemingway gelesen. Die den Preis nicht bekommen haben und denen er doch viel mehr verdankt – Jack Kerouac, Allen Ginsberg, Bert Brecht, James Joyce, Franz Kafka –, erwähnte er nicht, aber für die hatte das Nobelkomitee schon seinerzeit keinen Preis übrig.

Da patzte Patti Smith. Blieb hängen am „Zweig, von dem das Blut tropfte“. Und setzte neu an

Davor wurde von putzig gekleideten Aufträgern (die Nobel Media war so freundlich, die Speisekarte ins Internet zu stellen) gegrillter Hummer an eingelegten Winteräpfeln gereicht, die Wunderkerzen blitzen bei der Nachspeise besser als bei jedem Betriebsfest, der Wein war auch nicht schlecht – Piccini Poccio Teo Chianti Classico vom Jahrgang 2010; und die Gäste schmausten mit einem dem Ereignis angemessenen Behagen.

So hätte alles seinen gemütlichen Gang gehen können, wäre da nicht Patti Smith gewesen. Beim Bankett saß sie in ihrem schwarz-weißen Outfit nicht königlich, aber mindestens priesterlich zwischen Parfumwolken, Ordensbrüsten und schier unbezahlbaren Taftquadratmetern in Grün, Blau und Rot, als wäre zuvor nichts geschehen. Aber sie hatte gesungen.

Sie hatte „A Hard Rain’s a-Gonna Fall“ von Bob Dylan gesungen. Dylan hatte das Lied 1962 geschrieben, nach dem Ende der Kubakrise, in der die Welt am Rande der atomaren Vernichtung stand. Es ist Anklage, Kirchenlied, Choral und vor allem ein großer Gesang, wie es nur Dylan kann. Aber dann patzte seine Schülerin. Sie stockte in der zweiten Strophe, sie blieb hängen an dem „Zweig, von dem das Blut tropfte“. Patti Smith entschuldigte sich – „ich bin so nervös“ – und setzte neu an. Immer besser, immer fester wurde ihre Stimme, als sie Dylans apokalyptische Weltuntergangsversion weit, weit über alle Preise und Feiern und Hummer hinaustrug. Es war fast unerträglich gewalttätig, es war mehr Dichtung, als in Stockholm in Jahrzehnten zu hören war.

„Ja, das ist wahrlich schön, einen solchen Sänger zu hören, wie dieser ist, den Göttern an Stimme vergleichbar“, erklärt der vielgeprüfte, der listenreiche Odysseus seinem Retter Alkinoos, als er sich zu erkennen gibt, als er verrät, dass das Lied des Sängers von ihm handelt, vom listenreichen Odysseus.

Wahrlich ist es schön, Bob Dylan zu hören, doch schöner ist’s, dabei zu sein, wenn eine Göttin das Hohelied anstimmt und auf so erhabene Weise versagt. Bob Dylan und Patti Smith haben mit ihrem Fehlen die Kunst vor dem Nobelpreis gerettet. Und die Welt, sagt der Dichter, hebt an zu singen.

Bild: Pascal Le Segretain/Getty Images:

Niemand weiß, warum Bob Dylan an jenem Samstag nicht selbst nach Stockholm reisen konnte. Aber die Musikerin Patti Smith war da. Sang. Versagte. Und sang weiter. Und so gab es doch noch einen großen Moment.

10. Dezember 2016 für Willi Winkler: Über alle hinaus, Süddeutsche Zeitung, 12. Dezember 2016.

Written by Wolf

13. Dezember 2016 at 03:11

Veröffentlicht in Griechische Antike, Schall & Getöse

Und wenn’s im Rücken mal weh tut, wird jede Bewegung zur Qual

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Update zu Welcome, proud Mary:

William Edward Frank Britten, Mariana, 1899Wer je von dem typischen Leiden aller Hochgewachsenen, Sportabstinenten und erblich Vorbelasteten befallen war, der Lumbago – also so ziemlich jeder –, wird das vorliegende ausgeklügelte Flechtwerk von Bild, Text, Musik, Reflexion und Verlinkungen verstehen.

Ausgenommen den Teil von Ernst Fuhrmann, und hiervon wiederum ausgenommen den zweiten zitierten Absatz. Und dass man in den Quellennachweisen des mehr als zurechnungsfähigen Raben — hier: des Zwanziger-Jahre-Raben von anno 1983 — die Impfgegnerschaft noch in aller Unschuld als „aufregende denkerische Entdeckung“ bestaunen konnte. Danach greift wieder der zweite Absatz. Oder aus dem ersten Absatz das ganz und gar nicht rhetorische: „Was aber ist die Wahrheit?“

Wenn man das wüsste. Bei Kreuzweh darf man sich ja nicht mal zum Nachdenken hinlegen, dafür ist es seinerseits eine sehr unmittelbar, ja geradezu intravenös einleuchtende Kur für Impfgegner.

She only said, „My life is dreary,
       He cometh not,“ she said;
She said, „I am aweary, aweary,“
       I would that I were dead!“

Alfred Lord Tennyson: Mariana, 1830
für John Everett Millais: Mariana, 1851.

Mariana in: Measure for Measure, 1604,
Act IV, Scene 1, verse 1801 ff.: The moated grange at St. Luke’s:

Break off thy song, and haste thee quick away:
Here comes a man of comfort, whose advice
Hath often still’d my brawling discontent.
[Exit Boy]
[Enter Duke Vicentio disguised as before]
I cry you mercy, sir; and well could wish
You had not found me here so musical:
Let me excuse me, and believe me so,
My mirth it much displeased, but pleased my woe.

——— Ernst Fuhrmann:

Zweifel

Das zweite Heft

aus: Zeitschrift Zweifel, 1. Jahrgang, Nr. 1, 1. März 1926, erstmal wieder wieder nachgedruckt in: Der Rabe. Magazin für jede Art von Literatur 2, einzige Auflage, Haffmans Verlag, Zürich, März 1983, Seite 12, „wobei sich der Untertitel dem Anlaß entsprechend angepaßt hat. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags Wilhelm Arnoldt, Allhornstieg, 200 Hamburg 67 — dort lieferbar von Fuhrmann: 9 von 10 geplanten Bänden Neue Wege, eine aufregende denkerische Entdeckung.

Alles weitere über den Zweifel in: Schuldt, Zweifel. Köln: DuMont 1967.“

John Everett Millais, Mariana, 1851Eine Reihe großer Denker fand die Bakterien und nach und nach die sämtlichen Gegenmittel der Impfung. Dummheit ist die Erbsünde, und man kann durchaus annehmen, daß diese Denker im besten Glauben gehandelt haben. So sicher, daß darauf chemische Industrien aufgebaut werden konnten. Man bedenke alles, was die Impfgegner und anderen Lager gegen die künftigen Zwangsimpfungen mit Salvarsan usw. schreiben, sie haben in mancher Hinsicht Recht, aber mit großen Argumenten kommt keiner. Was aber ist die Wahrheit? Man hat keine Ahnung, wie weit die Einflüsse der Menschen aufeinander durch körperliche Annäherung und Berührung gehen. Man propagiert dauernd die Notwendigkeit, daß sich die Völker und Menschen, die verschiedene Entwicklung gehabt haben, kennen lernen, daß eine große Vermischung entsteht und aus dieser für jeden ein Gewinn an Fähigkeiten, an Verfeinerung der Gefühle, der Wahrnehmungen usw. Dieser Autausch ist im Gange und niemand wird ihn aufhalten. Jeder reagiert auf das Fremde in seiner Weise. Ja, es gibt auch langwierige körperliche Reaktionen, durch die der Körper erst verändert wird, denn mit einem unveränderten Körper kann niemand anders denken. Und nun, da die Folgen verschiedener Berührungen sich zeigen, will man sie wegimpfen.

Ich zweifle nicht, daß man alles, was jetzt in unserem Lande geschieht, schon nach zwanzig Jahren wie die merkwürdigsten Verirrungen irgndwelcher Eingeborenen verstehen, aber auch verspotten darf; aber ich möchte versuchen, bevor ich größere Ergebnisse von Forschungen vorlegen kann, doch schon hier und da auszuplaudern, wie weit Zweifel führen können.

Falsche Haltung bei Rückenschmerzen: W. E. F. Britten (1848 oder 1857–1916): Illustration für Tennysons Mariana, 1899, aus: John Churton Colling (Hg.): The Early Poems of Alfred Lord Tennyson, Edited with a Critical Introduction, Commentaries and Notes, together with the Various Readings, a Transcript of the Poems Temporarily and Finally Suppressed and a Bibliography by John Churton Collins. With ten illustrations in Photogravure by W. E. F. Britten. Methuen & Co. 36 Essex Street W. C. London, 1901;
Suchbild: Wo ist die Maus?: John Everett Millais: Mariana, 1851, Öl auf Mahagoniholz, 59,7 cm × 49,5 cm, Tate Gallery, London.

Wenn’s im Rücken mal weh tut: Element of Crime: Ein Hotdog unten am Hafen,
aus: Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe, 2008:

Written by Wolf

11. Dezember 2016 at 00:01