Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for November 2014

1. Advent: Vom Büblein, das überall mitgenommen hat sein wollen

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Weiteres Update zum unterschätzten Rückert:
Des Frühlings beklommnes Herz (diesmal richtig):

Frohes Weihnachtsfest, Berlin 1934

Zu Weihnachten 1813 schenkte der 25-jährige Friedrich Rückert seiner kleinsten, damals dreijährigen Schwester Maria eine Sammlung aus fünf selbstgemachten Gedichten, die er innerhalb einer einzigen Nacht ausgearbeitet und niedergeschrieben haben wollte, und die heute ein sträflich vernachlässiger Kinderklassiker ist.

Maria starb 1835, als sie ihrerseits 25 war — so wie Rückerts Leben allgemein viel zu voll von Todesfällen viel zu junger Menschen war. Über Mariechen ist wenig überliefert, aber durch diese Sammlung war ihr zerbrechliches Leben nicht ganz umsonst.

Rückerts Familie stammte aus Oberfranken, der Tonfall und manche Wort- und Satzbildungen sind daher unverkennbar fränkisch und eignen sich unschlagbar zum Vorlesen.

Der Erstveröffentlichung in Marias Todesjahr stellte Rückert einen Epitaph als Motto voran:

——— Friedrich Rückert:

Fünf Märlein zum Einschläfern für mein Schwesterlein.

Zum Christtag 1813:

Einst hab‘ ich Märchen zum Einschläfern dir gesungen,
Nun haben dich in Schlaf gesungen Engelzungen.
Um zu erwachen dort, bist du hier eingeschlafen;
Fahr wohl! im Sturme sind wir noch, du bist im Hafen.

Johannis 1835.

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Vom Büblein, das überall mitgenommen hat sein wollen

Bezirkslehrerverein München, Das Kaulbach-Güll Bilderbuch, München 1910, TitelDenk an! das Büblein ist einmal
Spazieren gangen im Wiesental;
Da wurd’s müd‘ gar sehr,
Und sagt: Ich kann nicht mehr;
Wenn nur was käme,
Und mich mitnähme!
Da ist das Bächlein geflossen kommen,
Und hat’s Büblein mitgenommen;
Das Büblein hat sich auf’s Bächlein gesetzt,
Und hat gesagt: So gefällt mir’s jetzt.

Aber was meinst du? das Bächlein war kalt,
Das hat das Büblein gespürt gar bald;
Es hat’s gefroren gar sehr,
Es sagt: Ich kann nicht mehr;
Wenn nur was käme,
Und mich mitnähme!
Da ist das Schifflein geschwommen kommen.
Und hat’s Büblein mitgenommen;
Das Büblein hat sich auf’s Schifflein gesetzt,
Und hat gesagt: Da gefällt mir’s jetzt.

Aber siehst du? das Schifflein war schmal,
Das Büblein denkt: Da fall‘ ich einmal;
Da fürcht‘ es sich gar sehr,
Und sagt: Ich mag nicht mehr;
Wenn nur was käme,
Und mich mitnähme!
Da ist die Schnecke gekrochen gekommen,
Und hat’s Büblein mitgenommen;
Das Büblein hat sich in’s Schneckenhäuslein gesetzt,
Und hat gesagt: da gefällt mir’s jetzt.

Aber denk! die Schnecke war kein Gaul,
Sie war im Kriechen gar zu faul;
Dem Büblein ging’s langsam zu sehr;
Es sagt: Ich mag nicht mehr;
Wenn nur was käme,
Und mich mitnähme!
Da ist der Reiter geritten gekommen,
Der hat’s Büblein mitgenommen;
Das Büblein hat sich hinten auf’s Pferd gesetzt,
Und hat gesagt: So gefällt mir’s jetzt.

Aber gib Acht! das ging wie der Wind,
Es ging dem Büblein gar zu geschwind;
Es hopst d’rauf hin und her,
Und schreit: ich kann nicht mehr;
Wenn nur was käme,
Und mich mitnähme!
Da ist ein Baum ihm in’s Haar gekommen,
Und hat das Büblein mitgenommen;
Er hat’s gehängt an einen Ast gar hoch,
Dort hängt das Büblein und zappelt noch.

Das Kind fragt:

Ist denn das Büblein gestorben?

Antwort:

Nein! es zappelt ja noch!
Morgen gehn wir ’naus und tun’s runter.

Gesegnete Weihnacht, Berlin ca. 1934

Bilder: Frohes Weihnachtsfest! Adressseite: „Meisteraufnahmen“. Echte Photographie.
„Ross“ Verlag, Berlin SW 68. Beschrieben, aber nicht gelaufen. Handschriftlich: 1934;
Bezirkslehrerverein München: Das Kaulbach-Güll Bilderbuch. Auswahl aus Friedrich Gülls Kinderheimat mit Bildern von Hermann Kaulbach, Verlag der Jugendblätter (Carl Schnell) München 1910, Titelillustration: Weihnachten;
Gesegnete Weihnacht. Adressseite: Amag [Albrecht & Meister AG, Berlin-Reinickendorf], gelaufen.
Poststempel unleserlich, ca. 1934,
alle via Goethezeitportal.

Written by Wolf

30. November 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Biedermeier, Vier letzte Dinge: Tod

Letzte Hand

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Update zu Der unverzichtbare Buchstabe e:

Firuz Askin, Ach, ich bin des Treibens müde, Dezember 1969

Der du von dem Himmel bist,
Alles Leid und Schmerzen stillest,
Den, der doppelt elend ist,
Doppelt mit Erquickung füllest
Ach ich bin des Treibens müde!
Was soll all der Schmerz und Lust?
Süßer Friede,
Komm, ach komm in meine Brust!

Goethe, Wandrers Nachtlied, Ausgabe letzter Hand, 1827

Ueber allen Gipfeln
Ist Ruh‘,
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.

Bilder: Firuz Askin, Dezember 1969;
Wandrers Nachtlied/Ein gleiches, Vollständige Ausgabe letzter Hand, Band 01,
Stuttgart, Tübingen: J. G. Cotta 1827–30, Seite 99.

Written by Wolf

26. November 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Land & See

Sternderl schaun

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Mit Haruki Murakami ist es wie mit Naturkatastrophen und Einschnitten in die Historie, die einen direkt betreffen: Man erinnert sich ein Leben lang, wann und wo man ihn zuerst gelesen hat, und was das für ein Sumoringergriff in die Magengrube war. Bei mir war es Anfang Mai unter einem blühenden Kirschbaum in der Fränkischen Schweiz, aber das glaubt mir sowieso keiner, weil ich durch keine große Affinität zu japanischen Belangen auffalle. Der Mann hat aber so ziemlich die ganze amerikanische Kultur alleine nach Japan getragen, indem er mehrere Gesamtwerke amerikanischer Klassiker übersetzt hat, und das außer der Produktion seiner eigenen Romane. Dicke Romane. In seiner Freizeit gibt er sich nicht mit Weicheierkram wie Marathonlauf ab, für ihn muss es Langstrecke sein. Passender als ein blühender Kirschbaum wäre demnach der Grund eines trockenen Brunnens gewesen, da hat man wenigstens Ruhe zum Lesen.

——— Haruki Murakami: Mister Aufziehvogel, 1998:

Kurz nach fünf Uhr morgens war der Himmel schon hell, aber dennoch sah ich oben eine Menge Sterne. Es war genau so, wie Leutnant Mamiya mir erzählt hatte: Vom Grund eines Brunnens kann man am hellichten Tag Sterne sehen. In die vollkommene Halbmondscheibe Himmel waren säuberlich, wie Proben von seltenen Mineralien, schwach glimmende Sterne eingebettet. […] Das waren meine Sterne, für niemanden sichtbar außer mir, hier unten im dunklen Brunnen. Ich nahm sie als mein eigen an, und sie überschütteten mich ihrerseits mit Energie und Wärme.

Carolyn Emily, The Astronomer, 25. Juni 2010Auf Claude Lévi-Strauss stößt man in der Soziologie, wenn es um den/die/das Fremde geht; „Der/die/das Fremde“ hieß sogar mal eins meiner Proseminare, geleitet von einem sonnigen Japaner. Dass ich ein Referat über Christoph Kolumbus halten sollte, merkte ich allen Ernstes erst anhand eines Donald-Duck-Heftchens, weil der paneuropäische Kapitän in meinem abseitigen, etwas nachlässig eingerichteten Suhrkamp-Heftchen immer nur „Cristóbal Colón“ hieß. Es war nicht das von Lévi-Strauss. (Hinterher verstand sowieso kein Mensch ein Wort, weil ich im Sommersemester im Erlanger Schlossgarten zwischen lauter wettergemäß leicht geschürzten, sirenenartig ins Gras gegossenen Soziologiestudentinnen referierte, während nebenan der Rasen mit einem Traktor gemäht wurde.) Man erwartet aber nie, wie seemannsromantisch so eine soziologische Fachliteratur werden kann.

——— Claude Lévi-Strauss: Mythos und Bedeutung, Radiovortrag 1980:

Es schien so, als ob ein bestimmter Stamm den Planeten Venus bei vollem Tageslicht sehen konnte, etwas, das ich für ganz unmöglich und unglaublich hielt. Berufsastronomen, denen ich diese Frage vorlegte, bestätigten mir natürlich, dass wir ihn nicht sehen. Dennoch sei es nicht ausgeschlossen, dass einige Völker, die die vom Planeten tagsüber ausgestrahlte Lichtmenge kennen, ihn sehen können. Später sah ich alte Navigationsbücher durch, die unserer eigenen Zivilisation entstammen, und es scheint, als seien die früheren Seefahrer sehr wohl in der Lage gewesen, den Planeten bei vollem Tageslicht zu erkennen.

Mit Ludwig Hirsch war es wie mit Haruki Murakami: Man erinnert sich ein Leben lang, wann und wo man ihn zuerst gehört hat. Dabei ist das Sternderl schaun noch gar nicht mal sein bestes.

Sterne sehen: Carolyn Emily: The Astronomer, 25. Juni 2010;
Sterne hören: Ludwig Hirsch (28. Februar 1946 bis 24. November 2011),
auf: In meiner Sprache, 1991. Live in: Gottlieb, Wiener Volkstheater 1. Jänner 1993.

Written by Wolf

24. November 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Novecento

Wunderblatt 6: Die Reimer und die Dichter

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Update zum Weekly Wanderer 0017 und allen anderen:

Pinnata bringt Ein gleiches in der Version der Frankfurter Goethe-Ausgabe (da fangen die Verse versal an und sind ein paar Satzzeichen anders als woanders) und Daigremontiana stört rum.

Moritz hilft.

Kalanchoe pinnata & daigremontiana, Wandrers Nachtlied. Ein gleiches, Die Reimer und die Dichter, die ham die dümmsten Gsichter.

Kalanchoe pinnata, Wandrers Nachtlied, Ein gleichesKalanchoe daigremontiana, Deine Mudder

Kalanchoe pinnata & daigremontiana & Moritz

Written by Wolf

21. November 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Grünzeug & Wunderblätter, Klassik

Beiträge zur deutsch-englisch-arabischen Freundschaft

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The Irish and the English,
the African and Turk:
in a world of joy and of harmony,
together we must work.

On the shores of foreign brothers
we’ll lay no robber’s hand,
and all we ask is to toil and live
in our own native land.

For I have seen the highlands,
I have seen the low,
and I will brag of my native land,
wherever I may go.

The McCalmans/Matt McGinn, 1968/1988.

An der Südküste von Irland gedeihen allen Ernstes Palmen. Das kommt, wie alles in Irland, vom Golfstrom.

Der seinerseits aus Mexiko und nicht aus den Golfstaaten kommt. Was man aber glauben könnte: Auf den nur scheinbar so übersichtlichen Britischen Inseln, für die es schon schwer fällt, sich auf eine korrekte Sammelbezeichnung zu einigen, herrscht ein Gewirr, das an die orientalischen Verhältnisse unter den Wüstensöhnen in der Odyssee erinnert, und zwar nicht in der geordneten griechischen von Homer — schriftlich erstmals 8. Jahrhundert vor Christus; zum Vergleich: Das Alte Testament ist von 1400 bis 400 vor Christus — sondern in der überspitzteren von Asterix 1981.

Dafür sind die Kelten alphabetisch durchbuchstabiert und doch wieder nicht, nämlich mit einer verborgenen, tiefen Bedeutung, und dafür reicht schon der Abschnitt P bis Q (die Grenzen eingeschlossen). Ein wiederum sehr deutsches Vorgehen in einem alchimistischen Sinne, also doch wieder einem arabischen. Es fällt überall auf: England und seine mehr oder zugehörigen Nachbarinseln sind das gelungenste germanisch-orientalische Gemeinschaftsunternehmen.

——— Hugh Trevor-Roper: 5. Die Einheit des Königreichs. Krieg und Frieden mit Wales, Schottland und Irland,
in: Robert Blake: Die englische Welt. Geschichte Gesellschaft, Kultur,
i.e. The English World. History, Character and People, Thames and Hudson Ltd., London 1982,
Übs. Christian Spiel, Seite 100:

William Hole für Michael Drayton: Poly-Olbion, 1612Am Anfang steht ein volksmäßiger Unterschied. Die ursprüngliche Einwohnerschaft der Inseln — oder zumindest die Bewohner, die zum erstenmal in schristlichen Zeugnissen erscheinen — bestand aus zwei Zweigen des keltischen Volksstammes: P-Kelten in England und Schottland (Briten und Pikten), Q-Kelten in Irland (Schotten). im 5. und 6. Jahrhundert bekamen die P-Kelten nach dem Abzug der Römer die Folgen zweier Invasionen zu spüren, die dauerhafte Veränderungen brachten. Angelsachsen aus dem heutigen Deutschland ließen sich in England nieder und drängten die P-Kelten (soweit sie sie nicht absorbierten) ins Bergland von Cumbria udn Wales. Beinahe zur gleichen Zeit ließen sich Q-Kelten aus Nordirland, die Schotten, in den westlichen Highlands des heutigen Schottland nieder und zwangen dem größeren Teil des Landes schrittweise ihre Herrscherdynastie, ihren Namen, ihre Sprache und Religion auf. Den ursprüglichen P-Kelten in Schottland, den Pikten, erging es noch schlechter als ihren Brüdern in England, den Briten. Während diese in Wales wenigstens ihre Sprache und Kultur zu bewahren vermochten, wurden Sprache und Kultur der Pikten, wie sie auch beschaffen gwesen sein mögen, ausgelöscht.

So gab es, wenn wir von den vereinzelten skandinavischen Ansiedlungen in Nordschottland, auf den Hebriden und in Irland absehen, zur Zeit der normannischen Eroberung auf den Britischen Inseln drei einheimische Volksstämme: P-Kelten in Wales und Cumbria und vielleicht auch Galloway; und Q-Kelten in Irland und in Schottland nördlich des Firth of Forth und des Firth of Clyde. Eine angelsächsische Dynastie herrschte in England, eine schottische — das heißt, irische — in Schottland, Wales war walisischen Fürsten untertan. In Irland herrschte Anarchie.

Alles verstanden? — Was der germanischen Seite nie beigefallen wäre: England besitzt seit 1612 einen monumentalen Preisgesang auf sich selbst: das Poly-Olbion von Michael Drayton, eine Darstellung der Geschichte, Schönheit und Verdienste der Britischen Inseln in Versform.

Was der orientalischen Seite nie beigefallen wäre: das eigene Land als eine Art Halmabrett; unter Schach hätte das kein arabischer Gelehrter durchgelassen, weder 1250 noch heute. — A.a.O., Seite 32:

Die erste englische Landkarte wurde in der Mitte des 13. Jahrhunderts von Matthew Paris gezeichnet [Abbildung unten]. Ihre Grundlage bildet ein Itinerar, das von Dover bis Newcastle führt, in Form einer senkrechten Reihe von Städten, die knapp unterhalb des Hadrianwalles endet. Im übrigen ist das Land recht summarisch dargestellt, mit groben Entfernungs- und Richtungsangaben, ohne jede geographische Genauigkeit in einem modernen Sinn. Der Süden Englands ist besser zu erkennen als der Norden: links hebt sich Cornwall ab, rechts treten Norfolk und Suffolk hervor. Recht deutlich sind auch links oben Wales, mit der Insel Anglesey darüber, und darunter die Mündung des Severn gezeichnet. Schottland stellte man sich hingegen im wesentlichen als eine Insel vor, die durch eine Brücke in Stirling mit England verbunden war.

Jedenfalls spinnen die alle miteinander.

Matthew Paris, Map of Britain, um 1250, Abbreuiatio chronicorum Epitome of Chronicles

Images: William Hole für Michael Drayton: Poly-Olbion, 1612;
Matthäus Paris: Map of Britain, um 1250,
Abbreuiatio chronicorum (Epitome of Chronicles), BL Cotton MS Claudius D VI, fol. 12v.

Soundtrack: The McCalmans: I Have Seen the Highlands, from: Listen to the Heat, 1988,
written by the late Matt McGinn 1968.

Written by Wolf

14. November 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Hochmittelalter, Land & See

Tumultuantenharanguieren (sed iam satis)

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Update zu Jug:

Ballettfigurant Beske als Schneidergeselle im Ballett von Peter Winter, Die Lustbarkeiten im Wirtsgarten, 1808Vermutlich 1812 zog sich E.T.A. Hoffmann mit einer Runde studentischer Kumpane zu dem zurück, was der Erstdruck von Carl Friedrich Kunz 1839 „ein Glas Punsch“ nennt, in seiner Lieblingskneipe beim Wirt Striegel in Bug bei Bamberg, wo auffallend viele Sachen mit B anfangen. Das tat Hoffmann in seiner Bamberger Zeit zwischen 1808 und 1813 mit Sicherheit öfter, dieses eine Mal aber veranlasste man dort offenbar zur Kurzweil eine Stichwortgeschichte für den Dichterkollegen, „nachdem jeder der anwesenden Freunde und sonstigen Gäste, ihm ein paar Worte gesagt, die der Reihenfolge nach, zu einem Ganzen sich verbindend, wiederkehren mußten“ — und zwar offenbar noch unmittelbar im Kneipengeschehen. Wer einmal live vor einem fränkischen Publikum unter Alkoholeinfluss aufgetreten ist, erahnt die künstlerische Leistung.

Kanonisch wurde der Schwank durch die Gesamtausgabe von Hans von Müller 1915 als I. Anhang zu Hoffmanns Tagebüchern, wo er zugleich vortrefflich analysiert wird. Ich erwarte ihn auch in der heute gültigen Ausgabe im Deutschen Klassiker Verlag, entnehme ihn aber dem 5. Band namens Schriften zur Musik/Nachlese von Friedrich Schnapp bei Winkler 1963, versuche eine sinnvolle Emendation mit seiner online gut erreichbaren Vorlage von Müller 1915 und gebe die Stichworte der Kneipenrunde fett wieder.

Es ist nicht Hoffmanns brillantester Geniewurf, aber man weiß nicht, wieviel Punsch es schon war. Und ich wette, dass er trotz seiner bisherigen vier Abdrucke und 10 bis 30 Weblog-Abrufen pro Tag in der ganzen Literaturgeschichte noch nicht so viele Leser gefunden hat wie hier. — Das Manuskript ist verschollen.

——— E.T.A. Hoffmann: Die Folgen eines Sauschwanzes, um 1812:

An einem schönen Abende gingen wir, uns zu zerstreuen, nach Bug. Kaum hatten wir uns hingesetzt , als ein Mädchen in die Stube trat und nach einem leichten Gruß sich ebenfalls zu uns hinsetzte. Die Züge tiefer Schwermuth lagen auf ihrem Gesichte, — sie weinte, und zog ein Papier hervor, in welchem etwas eingewickelt war, und welches sie inbrünstig an die Brust drückte. Es gelang uns, ihr Vertrauen zu gewinnen, — sie entfaltete das Papier, und siehe da, es war ein kleiner niedlicher Sauschwanz darin enthalten, den ein scheidender Liebhaber, — der rüstigste Fleischerknecht des Städtchens, ihr zum ewigen Andenken gegeben hatte. „O Pankraz! Pankraz!“ rief sie voll wehmüthiger Begeisterung, ergriff eine Flasche Branntwein, lüftete den Pfropf und that einen tüchtigen Schluck.

Rasch sprang sie dann auf den Tisch, drehte sich in den Touren der Anglaise zwischen Krügen und Gläsern, die alle zersprangen, bis auf das theuer erkaufte Wetterglas, das Striegel, der Wirth, durch eine geschickte Wendung, die Mütze vorhaltend, vor den Sprüngen der Bacchantin rettete. Die Gäste brummten und summten wie tausend Maikäfer, — unmuthig schob der Kanonikus Seubert seine in Hühnersauce gefallene Bratwurst fort, und besprühte sehr den Doktor Speyer, der über den Tisch gelehnt mit der Brille gewisse Aussichten suchte, die des Mädchens schneller Tanz darbot. Sie versucht sich durch einen schnellen Sprung über ihn weg zu retten, — sie springt zu Kunz, — trifft ihn, — wirft ihn, — Er — Mädchen, Speyer, Bratwurst liegen am Boden.

„Halt! Halt! wollt Ihr denn in die Ewigkeit hineinplumpen mit gebrochenem Genick und Bein, und höchst einfältig beschmiert mit Hühnersauce und Branntwein?“ erschallt eine Stimme vom Ofen herab, und siehe da, es ist Hoffmann, der sich im Tumult in ein Hutfutteral retirirt hat und nun daraus lustig die Tumultuanten haranguirt.

Mit Hülfe des Doktor Durow kommt alles wieder auf die Beine: „Hätten wir den unseligen Sauschwanz, so wär allen geholfen,“ spricht der Süße, „doch verordne ich dem Mädchen ein aromatisches Klystier, welches mir jedesmal dienlich, so oft ich vom Schiller’schen Trauerspiel zu sehr in Extase gerathen.“ „Ei da habe ich Herrn ScheuringsKlystierspritze noch in der Schublade,“ spricht Striegel, macht sie auf, und bringt ein Futteral hervor, das er vergebens zu öffnen strebt.

Seubert — Sutow — Kunz — drei Canonici — verschiedene Administratoren springen herbei, — man zieht, — immer länger und länger wird das Futteral, — es ist kein Futteral, — es ist ein Tubus aus Rüdinger’s Apparat mit endlosen Zügen, — sie ziehen und ziehen — bis zur Kirchthurmhöhe dehnt sich immer wachsend und wachsend das tolle Instrument; — plötzlich wird der Amtmann Vill durch einen Perpendikelschlag an Striegel’s hölzerner Uhr getroffen, — er stürzt — die Reihe wankt — fällt, — der Tubus fährt in seine alte Form zurück, und wie mit Blumen bestreut Hoffmann vom Ofen herab die wie todt daliegende Gesellschaft mit Papierschnitzeln, welche er in seinem Hutfutterale fand.

Der Professor Klein hatte Schelling’s Weltseele, in der er nach Bug promenirend gelesen, aus der Tasche verloren, das Mädchen den Sauschwanz, — beide griffen darnach, als Epaminondas hereintrat, die Weltseele beschnüffelte, den Sauschwanz aber zwischen die Zähne nahm und davon lief.

Sie kennen doch, meine Herren, den guten deutschen Pudel mit dem griechischen Namen? —

Wie aus einem Traume erwachte das Mädchen, — die Somnambule, nicht mehr affizirt von dem magnetischen Sauschwanz, setzte sich um in eine gewöhnliche Köchin, und indem sie an Seuberts Bratwurst roch, meinte sie, das sey ein ekles Fressen, worauf sie Striegel zur Thür hinauswarf.

Der Administrator Beck ergriff die Lichtscheere, sagte gedankenvoll und ernst: „Was sind wir Menschen!“, putzte das Licht aus, — und gab so dieser höchst tragischen als wahren Erzählung einen angenehmen Schluß. —

Die vortreffliche Analyse Hans von Müllers 1915 besteht vor allem in der Beobachtung, dass sich durch die Einteilung in Absätze, die oben eingehalten ist, aber im Manuskript wahrscheinlich gefehlt hat, „eine unerwartet gute [— immerhin symmetrische —] Gliederung in fünf Teile“ ergibt:

1) Bezauberung des Mädchens durch den sympathetischen Gegenstand und ihre weitere Erregung durch einen Schluck Branntwein;

2) erste Katastrophe, der sich nur Hoffmann entzieht, um dann die Verunglückten zu verhöhnen;

3) vergebliche Vorbereitung zu einer Beruhigung der Somnambulen;

4) zweite Katastrophe, die Hoffmann zu einer neuen Verhöhnung Anlaß gibt;

5) Entzauberung des Mädchens durch Entfernung des Gegenstandes.

Sed iam satis.

August Hoffmann, E.T.A. Hoffmann zeichnet Carl Friedrich Kunz und Dr. med. Christian Pfeufer, Bamberg 1809--1813, Radierung 1839

Bilder: Ballettfigurant Beske als Schneidergeselle im Ballett von Peter Winter:
Die Lustbarkeiten im Wirtsgarten, 1808;
August Hoffmann: E.T.A. Hoffmann zeichnet Carl Friedrich Kunz und Dr. med. Christian Pfeufer,
Bamberg 1809/1813, Radierung 1839;
Hans Liska: E.T.A. Hoffmann vor seinem Wohnhaus am Zinkenwörth in Bamberg, Aquarell 1970:
via Staatsbibliothek Bamberg.

Hans Liska, E.T.A. Hoffmann vor seinem Wohnhaus am Zinkenwörth in Bamberg, Aquarell 1970

Bonus Track von Concerto Bamberg: E.T.A. Hoffmann: Symphonie Es-Dur, leider schon 1806.

Written by Wolf

11. November 2014 at 11:11

Veröffentlicht in Nahrung & Völlerei, Romantik

Wunderblatt 5: Crassulaceae are Saxifragales, too

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Update for Gateway drug:

Kalanchoe pinnata, I feel guilty for existing. Kalanchoe daigremontiana, I don't.

Written by Wolf

7. November 2014 at 00:01