Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for the ‘Glaube & Eifer’ Category

Sonntag 7 von 7: Wo bleibt der Tröster?

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Update zu Denkst du denn nicht an den Loup Garou?,
Ach! wie ists erhebend sich zu freuen,
Pfingsten, das liebliche Fest und
Sonntag 1 von 7: Denn „sieben, sieben“, flüstert es stets, und „sieben Wochen“ ihm in das Ohr:

Um unsere eigene Leitkultur auszukosten, feiern wir einmal alle sieben Sonntage der Osterzeit durch. Am sinnvollsten geschieht das anhand siebenzeiliger Strophen.

William-Adolphe Bouguereau, Rêve de printemps, 1901Zu solchen Sonntagen nach Ostern zählt Pfingsten nach der Liturgie des römisch-katholischen Kirchenjahres nicht mehr — aber ein Organ, das zu wiederholten Malen fünf Adventssonntage, um nicht zu sagen: -freitage, gefeiert hat, darf unter seine Feier siebenzeiliger Strophen jederzeit einen siebenten Sonntag reihen, der gemäß jeder Liturgie nach Ostern liegt.

Damit entfallen leider die schönen Lesungen und Psalmen für die Sonntage der Osterzeit. Damit die Serie dennoch dort wieder aufhört, wo sie angefangen hat, weil die Leser, wie Max Goldt einst wusste, auf zyklische Aufbauten total stehen, und um uns aus diesem Jammertal zu retten, legt die Droste in ihrem Zyklus des geistlichen Jahres nach ihrer vertrauten — der katholischen — Liturgie als Epistel die Apostelgeschichte 2,1–11 fest. Knappe Lesungen beschränken sich auf Kapitel 2,1–4, wir erweitern, weil wir die Leute gern ausreden lassen, auf 2,1–13 — nach der Vulgata und nach Luther letzter Hand 1545:

Et cum complerentur dies Pentecostes, erant omnes pariter in eodem loco : et factus est repente de cælo sonus, tamquam advenientis spiritus vehementis, et replevit totam domum ubi erant sedentes. Et apparuerunt illis dispertitæ linguæ tamquam ignis, seditque supra singulos eorum : et repleti sunt omnes Spiritu Sancto, et cœperunt loqui variis linguis, prout Spiritus Sanctus dabat eloqui illis.

Erant autem in Jerusalem habitantes Judæi, viri religiosi ex omni natione, quæ sub cælo est. Facta autem hac voce, convenit multitudo, et mente confusa est, quoniam audiebat unusquisque lingua sua illos loquentes. Stupebant autem omnes, et mirabantur, dicentes : Nonne ecce omnes isti, qui loquuntur, Galilæi sunt, et quomodo nos audivimus unusquisque linguam nostram, in qua nati sumus ? Parthi, et Medi, et Ælamitæ, et qui habitant Mespotamiam, Judæam, et Cappadociam, Pontum, et Asiam, Phrygiam, et Pamphyliam, Ægyptum, et partes Libyæ, quæ est circa Cyrenen, et advenæ Romani, Judæi quoque, et Proselyti, Cretes, et Arabes : audivimus eos loquentes nostris linguis magnalia Dei. Stupebant autem omnes, et mirabantur ad invicem, dicentes : Quidnam vult hoc esse ? Alii autem irridentes dicebant : Quia musto pleni sunt isti.

William-Adolphe Bouguereau, La brise du printemps, 1895VND als der tag der Pfingsten erfüllet war /waren sie alle einmütig bey einander. Vnd es geschach schnelle ein Brausen vom Himel / als eines gewaltigen Windes / vnd erfüllet das gantze Haus / da sie sassen. 3Vnd man sahe an jnen die Zungen zerteilet / als weren sie fewrig / Vnd er satzte sich auff einen jglichen vnter jnen / vnd wurden alle vol des heiligen Geists / Vnd fiengen an zu predigen mit andern Zungen / nach dem der Geist jnen gab aus zusprechen.

ES waren aber Jüden zu Jerusalem wonend / die waren gottfürchtige Menner / aus allerley Volck / das vnter dem Himel ist. Da nu diese stimme geschach /kam die Menge zusamen / vnd wurden verstörtzt /Denn es höret ein jglicher / das sie mit seiner Sprache redten. Sie entsatzten sich aber alle / verwunderten sich / vnd sprachen vnternander / Sihe / sind nicht diese alle / die da reden / aus Galilea? Wie hören wir denn / ein jglicher seine Sprache / darinnen wir geboren sind? Parther vnd Meder / vnd Elamiter / vnd die wir wonen in Mesopotamia / vnd in Judea / vnd Cappadocia / Ponto vnd Asia / Phrygia vnd Pamphylia / Egypten / vnd an den enden der Lybien bey Kyrenen / vnd Auslender von Rom / Jüden vnd Jüdege nossen / Kreter vnd Araber / Wir hören sie mit vnsern Zungen / die grossen Thaten Gottes reden. Sie entsatzten sich alle / vnd wurden jrre / vnd sprachen einer zu dem andern / Was wil das werden? Die andern aber hattens jren spot / vnd sprachen / Sie sind vol süsses Weins.

Eine Art Regiefehler ist der Dichterin des Pfingstsonntages bei der Zählung der „vierzig Tag | Und Nächte“ unterlaufen: Am Pfingstsonntag sind seit Christi Himmelfahrt zehn, seit Ostern fünfzig Tage vergangen.

——— Annette von Droste-Hülshoff:

Am Pfingstsonntage

ab 1819, vorläufiger Abschluss 1839, posthum veröffentlicht
als: Das geistliche Jahr in Liedern auf alle Sonn- und Festtage,
hg. Christof Bernhard Schlüter, Stuttgart 1851:

William-Adolphe Bouguereau, Chansons de printemps, 1889Still war der Tag, die Sonne stand
So klar an unbefleckten Tempelhallen;
Die Luft in Orientes Brand
Wie ausgedorrt, ließ matt die Flügel fallen.
Ein Häuflein sieh, so Mann als Greis,
Auch Frauen, knieend; keine Worte hallen,
Sie bethen leis.

Wo bleibt der Tröster, treuer Hort,
Den scheidend doch verheißen du den Deinen?
Nicht zagen sie, fest steht dein Wort,
Doch bang und trübe muß die Zeit wohl scheinen.
Die Stunde schleicht; schon vierzig Tag
Und Nächte harrten wir in stillem Weinen
Und sahn dir nach.

Wo bleibt er? wo nur? Stund an Stund,
Minute will sich reihen an Minuten.
Wo bleibt er denn? — und schweigt der Mund:
Die Seele spricht es unter leisem Bluten.

Der Wirbel stäubt, der Tieger ächzt
Und wälzt sich keuchend durch die sandgen Fluthen,
Sein Rachen lechzt.

William-Adolphe Bouguereau, Le printemps, 1886Da, horch, ein Säuseln hebt sich leicht!
Es schwillt und schwillt, und steigt wie Sturmes Rauschen.
Die Gräser stehen ungebeugt;
Die Palme starr und staunend scheint zu lauschen.
Was zittert durch die fromme Schaar,
Was läßt sie bang und glühe Blicke tauschen?
Schaut auf! nehmt wahr!

Er ists, er ists; die Flamme zuckt
Ob jedem Haupt; welch wunderbares Kreisen,
Was durch die Adern quillt und ruckt!
Die Zukunft bricht; es öffnen sich die Schleusen,
Und unaufhaltsam strömt das Wort,
Bald Heroldsruf und bald im flehend leisen
Geflüster fort.

O Licht o Tröster, bist du, ach!
Nur jener Zeit, nur jener Schaar verkündet?
Nicht uns, nicht überall, wo wach
Und trostesbaar sich eine Seele findet?
Ich schmachte in der schwülen Nacht;
O leuchte, eh das Auge ganz erblindet!
Es weint und wacht.

William-Adolphe Bouguereau, Le printemps, 1858

Peintures: die Frühlingsallegorien von William-Adolphe Bouguereau in umgekehrt chronologischer Reihenfolge, weil nur das früheste ein Querformat ist:

  1. Rêve de printemps, 1901;
  2. La brise du printemps, 1895;:
  3. Chansons de printemps, 1889;
  4. Le printemps, 1886;
  5. Le printemps, 1858,

via Wikimedia Commons und Bareviewed.

Minute will sich reihen an Minuten: Kroke: Time, aus: The Sounds of the Vanishing World, 1999:

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Written by Wolf

7. Juni 2019 at 00:01

Sonntag 4 von 7: Das wir getrost vnd al ynn eyn / mit lust vnd liebe syngen

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Update zu Weihnachten Fibels und
Weil er bei den Mahlzeiten so entsetzlich isset:

Um unsere eigene Leitkultur auszukosten, feiern wir einmal alle sieben Sonntage der Osterzeit durch. Am sinnvollsten geschieht das anhand siebenzeiliger Strophen.

4. Sonntag nach Ostern: Kantate

Cantate Domino canticum novum.

SJnget dem HERRN ein newes Lied / Denn er thut Wunder.
ER sieget mit seiner Rechten / vnd mit seinem heiligen Arm.

Psalm 98,1.

Ego sum Papa, Holzschnitt um 1500Über dem Sammeln siebenzeiliger Strophen aller Variationen verliert sich irgendwann die grundlegende Erkenntnis, dass dieses Quantum — denn auf nichts anderes als die absichtsvoll verwendete Quantität der Verse richtet sich mein Sammelehrgeiz — zuallererst auf die Form der Lutherstrophe festgelegt ist.

Martin Luther hielt auf eigenen Wunsch seine Primiz – das ist: seine erste Messe – 23-jährig am Sonntag Kantate 1507, der auf den 2. Mai fiel. Der Konvent des Augustinerklosters Erfurt stimmte dem Termin zu, nachdem Luther brieflich Wert auf die Anwesenheit seines Vaters Hans Luther gelegt hatte, und erst nachdem feststand, dass derselbe aus Mansfeld nach Erfurt anreisen konnte.

Erhalten ist hierzu Luthers erster mit Sicherheit belegter Brief, geschrieben zu Erfurt am 22. April 1507 an seinen väterlichen Freund, Lehrer und Stiftsvikar, in Luthers Worten „Vater, Herr und Bruder“ Johann(es) Braun– zitiert nach Günther Wartenbergs verdienstreicher Auswahl der Lutherbriefe für die DDR, Insel Verlag Leipzig 1983 (in meiner Originalausgabe steht der Verlagspreis von 1983 gedruckt: 15,– M. Das war richtig teuer für den bildungshungrigen Arbeiter und Bauern):

Philipp Melanchthon, Bapstesel, 1523Da nun der ruhmreiche und und in allen seinen Werken heilige Gott mich elenden und sogar in jeder Weise unwürdigen Sünder für wert befunden hat, so herrlich zu erhöhen und in seinen erhabenen Dienst zu berufen, allein aus seinem überreichen Erbarmen, so muß ich das mir anvertraute Amt ganz erfüllen, damit ich mich für eine so große Hochherzigkeit der göttlichen Güte (so wenig der Staub das auch vermag) dankbar erweise. Deshalb ist auf Beschluß meiner Patres festgelegt worden, daß ich dieses Amt am künftigen vierten Sonntag nach Ostern, den wir Kantate nennen, unter dem Schutz göttlicher Gnade zum ersten Mal ausübe. Denn dieser Tag ist für unsere Gott zu weihenden Erstlingsgaben bestimmt worden, weil er meinem Vater günstig liegt.

Martin Luther, dessen Melodien zu Kirchenliedern oft der siebenzeiligen Form im Reimschema ABABCCB gehorchen, gern auch mit verwaistem letztem Vers, setzt seinen Wunschtermin für die Antrittsmesse auf den Sonntag Kantate und stiftet nach seiner eigenen nachmaligen Reformation das Wochenlied für ebendiesen Sonntag: Nun freut euch, lieben Christen g’mein, heute Nummer 341 im Evangelischen Gesangbuch, 1715 von Bach als BWV 734 umkomponiert: Die Bestandteile greifen selten so reibungslos ineinander. Sogar das Bildmaterial stammt plus-minus ein Jahrzehnt aus der Produktionszeit.

——— Martin Luther:

Nu frewt euch lieben Christen gmeyn

Folget eyn hubsch Euangelisch gesang yn melodey Frewt euch yhr frawen vnd yhr man / das Christ ist aufferstanden / so man auffs Osterfest zusyngen pflegt / die noten aber darzu synd vber das Lied / Es yst das heyl vns komen / angezeigt

Musik und Text nach dem Paulusbrief an die Römer 1,16+17, Nürnberg 1523, aus:

Eyn Enchiridion oder Handbuchlein/
eynem yetzlichen Christen fast nutzlich bey sich zuhaben/ zur stetter vbung vnnd trachtung geystlicher gesenge/ vnd Psalmen/ Rechtschaffen vnnd kunstlich vertheutscht,

M. CCCCC. XXiiij

Am ende dises Büchleins wirst du fynden eyn Register / yn wilchem klerlich angetzeigt ist / was vnd wie vill Gesenge hierynn begryffen synd.

Mit dysen vnd der gleichen Gesenge soltt man byllich die yungen yugendt auffertzihen

Allen Christen sey Gnad vnd frid von Gott vnserm herrn alletzeyt / Amen.

Erfurt 1524:

Nv frewt euch lieben Christen gmeyn /
vnd last vns frölich spryngen.
Das wir getrost vnd al ynn eyn /
mit lust vnd liebe syngen.
Was Got an vns gewendet hat
vnd seyne susse wunder that.
Gar theur hat ers erworben.

Lucas Cranach d. Ä., Die Vermessung des Tempels, Septembertestament 1522Dem teuffel ich gefangen lag /
ym tod war ich verloren.
Mein sund mich qwellet nacht vnd tag /
arynn ich war geboren.
Ich fyel auch ymmer tieffer dreyn.
Es war keyn guts am leben meyn.
Die sund hat mich besessen.

Mein gute werck die golten nicht /
es war mit yhn verdorbenn.
Der frey will hasset Gotts gericht /
er war zum gut erstorben.
Die angst mich zu verzweifeln treib /
das nichts dan sterben bey mir bleyb.
Zur hellen must ich syncken.

Da yamert Gott yn ewigkeyt /
mein elend vbermassen.
Er dacht an seyn barmhertzigkeit.
Er wolt mir helffen lassen.
Er wand zu mir das vater hertz.
Es war bey yhm furwar keyn schertz.
Er ließ syn bestes kosten.

Er sprach zu seynem lieben son /
die zeyt yst hie zurbarmen.
Farhyn meyns hertzen werde kron /
vnnd sey das heyl der armen.
Vnd hylff yhm aus der sunden nott.
Erwurg fur yhn den bittern todt.
Vnd laß yhn mit dir leben.

Der son dem vater gehorsam ward /
er kam zu mir auff erden.
Von eyner yungfraw reyn vnnd tzart /
er solt mein bruder werden.
Gar heymlich furtt er seyn gewalt.
Er gieng ynn meyner armen gestalt.
Den teuffel wolt er fangen.

Erhard Schön, Teufelsdudelsack, Teufel mit Luther als Sackpfeife, um 1535Er sprach zu mir halt dich an mich.
Es solt dir ytzt gelingen.
Ich geb mich selber gantz fur dich.
Da will ich fur dich ryngen.
Denn ich byn deyn vnd du byst meyn.
Vnd wo ich bleib da soltu seyn.
Vnns soll der feind nicht scheyden.

Vergiessen wirt er mir meyn blut /
dazu mein leben rawben /
das leyde ich dir alles zu gutt /
das halt mit festem glauben /
den todt verschlingt das leben mein.
Meyn vnschult tregt die sunden deyn.
Da bistu selig worden.

Gen hymmel zu dem vatter meyn.
Far ich von dysem leben /
da will ich seyn der meyster deyn /
den geyst will ich dir geben /
der dich yn trubniß trösten soll.
Vnd lernen mich erkennen wol.
Vnd yn der warheit leitten.

Was ich gethan hab vnd geleert
das solt du thun vnnd leeren /
damit das reich Gotts werd gemehrt.
Zu lob vnd seynen ehren.
Vnd hut dich fur der menschen satz /
dauon verdirbt der edle schatz.
Das laß ich dir zur letze.

Die Kutte macht nicht den Mönch, 16. Jahrhundert

Bilder: Ego sum Papa: Karikatur auf Papst Alexander VI. als Teufel,
aufklappbares Flugblatt, Holzschnitt um 1500;
Bapstesel: Deutung der grewlichen Figurn Bapstesels / zu Rom funden.
Durch Herrn Philippum Melanchthon, 1523;
Lucas Cranach der Ältere: Die Vermessung des Tempels,
die beiden Zeugen und das Untier aus dem Abgrund mit Papstkrone,
in: Martin Luther: Das Neue Testament deutsch, Wittenberg:
Melchior Lotter der Jüngere, 1522 (September-Testament);
Erhard Schön: Teufelsdudelsack: Teufel mit Luther als Sackpfeife, um 1535;
Die Kutte macht nicht den Mönch, 16. Jahrhundert,
aus: Eduard Fuchs: Die Karikatur der europäischen Völker, Lange, München,
Teil 1: Vom Altertum bis zum Jahre 1848,
4., vermehrte Auflage 1921, 480 Seiten, Ill. Seite 67:
via Alois Payer: Antiklerikale Karikaturen und Satiren XVII: Reformation und Gegenreformation, Religionskritik.

Soundtracks: die Bach-Kantaten zu Kantate:
Es ist euch gut, daß ich hingehe, BWV 108, 1725;
Wo gehest du hin?, BWV 166, 1724:


Written by Wolf

17. Mai 2019 at 00:01

Moritz Under Ground

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Update zu Morgenschillern oder Warum die Freiheit des Menschen in Deutschland wohnt,
Der Goethe wor fei aa do (It’s a nice-a place)
und Herrjeh, schweigt mir vom Tegernsee!:

Es ist nicht ganz klar, wo sich Karl Philipp Moritz am Allerseelentag 1786 aufgehalten hat. Das lässt die meisten von uns ruhig schlafen, und wen nicht, dem genügt die Ortsangabe „Rom“.

Und sie genügt sogar der einen, verbreiteteren Moritz-Gesamtausgabe — der bei Insel von 1981, die seit kurzem bei mir wohnt. Da ist, wie sich das gehört, der vollständige Bericht Reisen eines Deutschen in Italien in den Jahren 1786 bis 1788 abgedruckt und kommentiert. Zu dem Teil, der unten folgt und einiger touristischer Erklärungen bedarf, schweigt sie sich aus.

Fresko San Clemente, RomDas wollen wir natürlich wie immer genauer wissen. In Frage kommen daher noch die andere, entschieden teurere Moritz-Gesamtausgabe, die beim Deutschen Klassiker Verlag 1997, und die bunte, so reich wie modern illustrierte Einzelausgabe bei der Anderen Bibliothek 2013.

Von der bunten muss trotz Erscheinen in der Anderen Bibliothek ausnahmsweise abgeraten werden: Die erschöpft sich in typographischer Selbstverwirklichung, bringt aber keinen Mehrwert. Die Idee, den vorklassischen Text der postmodernen Großstadtphotographie gegenüberzustellen, war richtig gut, bleibt aber so nichtssagend wie das Nachwort und so protzig wie das glitschige Volumenpapier. Nichts, wofür man 40 Euro ausgeben möchte, solange der Volltext gratis online steht. Die Hoffnung, dass sie wenigstens ein paar erhellende Anmerkungen zu den Örtlichkeiten „damals und jetzt“ dazugestellt haben, wird deshalb obsolet, sobald das einzige Exemplar der Stadtbibliothek auf Wochen bis nach einem Veröffentlichungstermin (hier: Allerseelen) ausgeliehen ist.

Von der Gesamtausgabe des Deutschen Klassiker Verlags ist leider nur der erste Band jemals ins Taschenbuch übergegangen, weil der darin enthaltene Anton Reiser noch halbwegs verkäuflich klingt, der zweite Band kostet einzeln 92 Euro. Tipp für Sparfüchse: Der Doppelpack kostet nicht zweimal 92, sondern gerade mal 98 Euro, das ist weniger Aufpreis, als wenn man das Taschenbuch dazukauft. Immerhin ist das eine Anschaffung, für die man sich nicht vor sich selber genieren muss — aber nicht, wenn man vor keinem Vierteljahr die Insel-Ausgabe gekauft hat.

Also weiter: Die Stadtbibliothek führt den zweiten Band nicht einmal als Magazinbestellung. In der Bibliothek des Münchner Instituts für Germanistik kommt Karl Philipp Moritz nicht, schandbar genug, im Alphabet vor, die wirklich freundliche studentische Hilfskraft an der Aufsicht (blond) liest unverhohlen Sebastian Fitzek und unterstützt meinen eigenen Vorshchlag, dass ich dann doch „rüber in die Stabi“ muss. Die Bayerische Staatsbibliothek zu München führt Karl Philipp Moritz. Ich hab auf einer richtigen Uni studiert, mir aber trotzdem mal einen Bibliotheksausweis ausstellen lassen: Besser man hat ihn und braucht ihn nicht, als man braucht ihn und hat ihn nicht. Der Band ist entleihbar, aber „nur in den Allgemeinen Lesesaal“ — was klar geht, weil ich ja nur eine einzige Anmerkung auf einer der 1333 Seiten nachlesen will. Klick: Das Buch wird für mich „voraussichtlich“ in einer Woche an der Ausleihe im Allgemeinen Lesesaal bereitgestellt. Was die Stadtbücherei für innerhalb 30 Minuten verspricht und meistens in zehn schafft, eine Magazinbestellung, dauert in der Stabi eine Woche, und die Leute wundern sich, dass die Gymnasiallehrer nicht lesen und schreiben können.

Egal was ich bei wem ausleihen kann, wird, falls überhaupt, nach Allerseelen aufzutreiben sein, und das nur, weil in einem dieser erschütternd mies erreichbaren Bücher eventuell eine mindere Anmerkung stehen könnte, die ich für einen nichtkommerziellen Weblog brauche, dessen Leser mir persönlich bekannt sind — zu deutsch: Vergiss es. Bis ich — Lieferung in jede Buchhandlung zum nächsten Werktag — 98 Euro zum Verfeuern hab, erscheint an dieser Stelle Bildmaterial zu der Kirche, die der von Moritz bechriebenen am nächsten kommt: der dominikanischen Basilica minor San Clemente al Laterano.

In Rom soll sie stehen, nicht allzuweit vom Tiber-Ufer, und jedenfalls auf dem Stand von 1786 einen lebhaften Spendeneinnahmebetrieb aufweisen, und zwar, das ist der Trick: unterirdisch. Zu googeln, wie dieser Kirchenkeller anlässlich der novemberlichen Totenfeiertage — siehe unten — geschmückt gewesen sein mochte, bleibt aussichtslos; die typischen Suchergebnisse führen zuverlässig in die römischen Katakomben. Eine mindestens teilweise unterirdische „Kirche, die von den Todten, denen sie geweiht ist, ihren Nahmen führt“, kann ich auf der vorliegenden Basis nicht zuverlässig dingfest machen.

Allein die San Clemente besteht aus einem Fundament römischer Gebäudereste des 1. bis 3. Jahrhunderts mit einem Mithräum von etwa anno 240, darüber einer „Unterkirche“, die mich hoffen heißt: Immer noch unterirdisch liegen dort antike Räume als frühchristliche Basilika namens Titulus Clementis um 384, wiederum darüber der sichtbaren „Oberkirche“ ab 1108. Den Bildern aus dem Titulus Clementis nach wäre dort immerhin theoretisch Platz für drei dicke Priester, die an Tischen die reichlich hereinströmenden Spendengelder zählen.

Kirche goes Underground. Halloween, gedacht als Vorabend zu Allerheiligen, ist nichts als das neue Allerseelen.

——— Karl Philipp Moritz:

Rom, den 5. November.

aus: Reisen eines Deutschen in Italien in den Jahren 1786 bis 1788. In Briefen von Karl Philipp Moritz,
Erster Theil, Friedrich Maurer, Berlin 1792:

In den ersten Tagen meiner Ankunft in Rom, zu Ende des vorigen Monaths, war der Himmel heiter, und die Luft ziemlich kalt und schneidend, so daß die Leute selbst im Gehen auf den Straßen sich schon an Kohlentöpfen wärmten, welches um so mehr auffält, je sanfter und milder man das italiänische Klima sich gedacht hat.

Mit dem Feste aller Seelen aber, im Anfange dieses Monathes, trat wieder wieder laues, trübes und regnigtes Wetter ein, und das Traurige und Grauenvolle bei der Feier jenes melancholischen Festes, bekam nun noch ein desto düsterers Ansehen.

Fresko San Clemente, RomDie Kirchen waren inwendig und zum Theil auch auswendig schwarz bekleidete, und mit den Abbildungen von Schädeln und Todtenbeinen ausgeschmückt. Und allenthalben ertönte auf den Straßen das Geschrei der Kläglichbittenden um ein Allmosen zu einer Todtenmesse für die armen Seelen im Reinigungsfeuer, (per le povere anime del purgatorio!)

Am grauenvollsten war der Anblick einer unterirrdischen den Todten geweihten Kirche, am Ufer der Tiber, die ich in der Dämmerung des Abends auf einer meiner ersten Wanderungen in Rom besuchte.

Auf dem Wege dahin begegnete mit zum erstenmal eine Prozession von Kindern, welche in weisse Tracht gehüllt, mit Wachslichtern in den Händen, paarweise einem offnen Sarge folgten, worin man einen ihrer Gespielen zu Grabe trug; ein Anblick der äußerst überraschend und rührend für mich war!

Ich kam nun in die Kirche, die von den Todten, denen sie geweiht ist, ihren Nahmen führt, und wo von einer Todtenbrüderschaft für die Armen, welche auf dem Felde gestorben (per gli poveri morti in campagna) zu Todtenmessen gesammlet ward.

Ich stieg nun einige Stufen hinab, und gleich am Eingange an einem Tische saßen drei schwarzgekleidete Männer, wie Höllenrichter, wovon zwei die Summe des eingenommenen Todtenlösegeldes in große Bücher verzeichneten, und einer mit dem dumpftönenden Ausruf: i poveri morti in campagna! eine große eherne Büchse, in welcher die Allmosen gesammlet wurden, gegen die Ankommenden schüttelte.

Und welch ein Anblick erfolgte nun beim Eintritt in diese unterirrdische Kapelle, deren Wände von oben bis unten mit würklichen Todtenschädeln und Todtenbeinen, die äußerst zierlich übereinandergelegt waren, ausgeschmückt, gleichsam mit dem ganzen verborgenen Schatze der grauenvollen Zerstörung prangten.

Und, was noch dieß alles übertraf, so waren große Nischen in den Wänden, worin die zusammengetrockneten Körper einiger unter freiem Himmel gestorbenen Armen, leibhaftig, und sogar noch mit ihren Lumpen bedeckt, und Stäbe in den knöchernen haltend, aufgestellt, ein fürchterliches Schreckbild waren.

Dazwischen war hin und wieder an den Wänden eine transparente Inschrift in Versen angebracht, wo die Jugend und die Schönheit an ihr Ende, die Pracht an ihre Vergänglichkeit, und der Stolz an seine Thorheit, mit Flammenschrift erinnert wurde, welche zugleich die einzige Erleuchtung dieses dunkeln Behältnisses war.

Zur Rechten stieg man wieder einige Stufen hinaus, und hier war eine Art von theatralischer Dekoration, wie eine waldigte Gegend, wo, nach einer Erzählung im alten Testamente, ein Esel und ein Löwe bei einem menschlichen Leichnam sich zusammen finden; welches also auch Beziehung auf den Endzweck hat, wozu diese ganze fürchterliche Scene veranstaltet wird; um nehmlich durch den sinnlichen Eindruck das Mitleid für die Todten zu erwecken, welches sich in milden Almosen äußert, wovon sich die Lebenden gütlich thun.

Fresko San Clemente, RomWenn irgend etwas in die Idee der Alten eingreift, daß die Seelen der Todten, deren Körper unbegraben liegen bleiben, von dem rauhen Fährmann zurückgewiesen, nicht an das jenseitige Ufer des Styx gelangen können, sondern vergebens dahin ihre Arme ausstrecken; so ist es diese Allmosensammlung und Fürbitte für die Seelen derer, die verlassen von aller menschlichen Hülfe und Beistand, auf den Feldern gestorben sind, und niemanden haben, der für den armen gequälten Schatten ein Todtenopfer darbringt.

Zugleich aber dringt sich einem auch die Vorstellung von dem fürchterlichen Elende auf, welches hier so manchen hülfloß unter freiem Himmel verschmachten läßt, der demohngeachtet selbst durch dieses unbeschreibliche Elend, nach seinem Tode noch wie ein Scheusal ausgestellt, der allesverschlingenden Priesterschaft, die für die Ruhe der Seelen Gebete murmelt, Allmosen und reichen Gewinn verschaft.

Auf einigen Stufen stieg man nun zu der ordentlichen Kirche hinauf, die über dieser Gruft erbaut, und mit unzählichen Wachskerzen erleuchtet, aber ebenfalls mit schwarzem Tuch run umher ausgeschlagen war.

Hier kniete eine Menge von Menschen, die kaum nebeneinander Platz hatten, und in ihrer Mitte stand ein Ordensgeistlicher mit vollem Gesicht und blühenden Wangen, der die Qualen des Fegefeuers mit den lebhaftesten Farben schilderte, und seinen Zuhörern zu erwägen gab, wie viele Lindrung sie dem gequälten Geiste schon für einen einzigen Paul (eine Summe ohngefähr von vier Groschen) wofür sie eine Todtenmesse lesen ließen, verschaffen könnten.

Diese Kirche erweckt wieder die Idee von dem mundus patens der Alten; ein düsteres Fest, wo man sich die Schlünde der Unterwelt, auf eine zeitlang eröfnet, und die Scheidewand zwischen den Lebenden und Todten hinweggerückt dachte, und durch eine kurze Hemmung der Geschäfte und Gewerbe des Lebens den unterirrdischen Mächten gleichsam ein Opfer brachte, und den ihnen schuldigen Tribut bezahlte.

Alles bekömmt auch hier in diesen Tagen ein melancholisches Ansehen. — Ich besuchte auf einer meiner Wanderungen das alte römische Forum, das von prächtigen Ruinen auf allen Seiten eingeschlossen, jetzt ein einsamer Spaziergang ist, wo eine kleine Allee zur stillen Betrachtung, und zum ruhigen Nachdenken den staunenden Fremdling einladet.

Fresko San Clemente, Rom

Bilder: Basilica San Clemente al Laterano: Fresken 6. bis 11. Jahrhundert:
Soundtrack: Emilie Autumn: Arcangelo Corelli: La Folia, aus: Laced/Unlaced, 2007:

Written by Wolf

2. November 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Glaube & Eifer, Sturm & Drang

Lessing Luther Lemnius

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Update zu Ein arger Gast in Trutz und Poch
und Ein holprichtes Lied mit tiefer und rauher Stimme:

Du hast vns zu kot vnd vnflat gemacht vnter den Völckern.

Klagelieder Jeremias 3,45.

Faden 1: Wie man aus einem Brief von Melanchthon weiß (an Veit Dietrich L., 22. Juli 1538), lag Martin Luther im Juli 1538 an der Dissenterie erkrankt darnieder. Dissenterie ist graeco-lateinisch und heißt Ruhr, Diarrhö oder Dünnschiss:

Lutherus dysenteria laborat iam dies sedecim Medici iubent nos bene sperare. Et nos uota facere, ut Deus ei uitam proroget, aequum est.

Faden 2: Über Simon Lemnius ist heute nicht viel mehr bekannt, als was Lessing 1753 in der ersten seiner fünf Rettungen ehrend verbreitet hat — und weil es eine Ehrenrettung war, richtete sie sich an jemanden, der dem Lemnio als einem historisch bekannten Ketzer abhold war, in Briefform.

Lessings Sammlung Briefe von 1753 ist eine Aufbereitung philosophisch-kritischer Arbeiten für seine erste eigene Werkausgabe und richtet sich an fiktive Korrespondenten, in unserem Fall an einen „Herrn P.“, deren Antworten deswegen jeweils verschwiegen, nur implizit vorausgesetzt werden, und ist nicht zu verwechseln mit der Sammlung Briefe, die neueste Litteratur betreffend von 1759–1765.

M.A.K.photo, Wittenberg Impressions, 12.Oktober 2010

Zweiter Brief

An ebendenselben

Wahrhaftig, ich bewundre Sie! Ein Beiwort, an dessen Nachdruck ich nicht einmal gedacht hatte, legen Sie mir in allem Ernste zur Last? Ich fürchte, ich fürchte, wir werden über den armen Simon Lemnius in einen kleinen Zank geraten. Und da sehen Sie es, daß ich das Herz habe, ihn noch einmal so zu nennen, ob Sie ihn gleich den verleumderischen, den boshaften, den meineidigen, den unzüchtigen heißen. Aber sagen Sie mir doch, geben Sie ihm diese Benennungen, weil Sie seine Aufführung untersucht haben, oder weil sie ihm von andern gegeben werden? Ich befürchte das letztere, und muß also den armen Lemnius doppelt beklagen. War es nicht genug, daß ihn Luther verfolgte, und muß sein Andenken auch noch von der Nachwelt befeindet werden? Aber Sie erstaunen; Luther und verfolgen, scheinen Ihnen zwei Begriffe zu sein, die sich widersprechen. Geduld! Wann Sie wollen, so will ich Ihnen alles erzählen; und alsdann urteilen Sie. Vorher aber muß ich Sie um alles was heilig ist bitten, mich nicht für einen elenden Feind eines der größten Männer, die jemals die Welt gesehen hat, zu halten. Luther stehet bei mir in einer solchen Verehrung, daß es mir, alles wohl überlegt, recht lieb ist, einige kleine Mängel an ihm entdeckt zu haben, weil ich in der Tat der Gefahr sonst nahe war, ihn zu vergöttern. Die Spuren der Menschheit, die ich an ihm finde, sind mir so kostbar, als die blendendste seiner Vollkommenheiten. Sie sind so gar für mich lehrreicher, als alle diese zusammen genommen; und ich werde mir ein Verdienst daraus machen, sie Ihnen zu zeigen.1 – – Zur Sache also! Lemnius, oder wie er auf Deutsch heißt, Lemichen, lag den Wissenschaften in Wittenberg ob, eben als das Werk der Reformation am feurigsten getrieben ward. Sein Genie trieb ihn zur römischen Dichtkunst, und mit einer ziemlich beträchtlichen Stärke darinne verband er eine gute Kenntnis der griechischen Sprache, welches damals noch etwas seltnes war. Sein muntrer Kopf und seine Wissenschaften erwarben ihm die Freundschaft des Melanchthons, welcher ihn mit Wohltaten überhäufte. Sabinus, der Schwiegersohn des Melanchthons, befand sich damals auch in Wittenberg. Zwei gleiche Köpfe auf einer hohen Schule werden sich leicht finden, und Freunde werden. Sabinus und Lemnius wurden es auf die ausnehmendste Weise, und ich finde, daß auch die darauf folgenden Händel ihre Freundschaft nicht geendet haben. Im Jahre 1538 kam es dem Lemnius ein, zwei Bücher lateinischer Sinnschriften drucken zu lassen. Er ließ sie also unter sei nem Namen drucken; er ließ sie in Wittenberg drucken, und brachte sie vorher, wie ich es höchst wahrscheinlich zeigen kann, dem Melanchthon zur Beurteilung. Diese drei Umstände, mein Herr, erwägen Sie wohl; sie beweisen schon so viel, daß Lemnius ein gut Gewissen muß gehabt haben. Melanchthon fand nichts anstößiges darinne, wie es Sabinus dem Drucker versicherte. Nunmehr wurden sie bekannt gemacht; aber kaum waren sie einige Tage in den Händen der Leser gewesen, als Luther auf einmal ein entsetzliches Ungewitter wider sie, und ihren Verfasser erregte. Und warum? Fand er etwa jene lascivam verborum licentiam darinne? Diese wäre vielleicht zu entschuldigen gewesen, weil sie der Meister in dieser Art des Witzes, Martial, Epigrammaton linguam nennt. Oder fand er, daß sie giftige Verleumdungen enthielten, die Ehre eines unschuldigen Nächsten zu brandmalen? oder fand er gar seine eigene Person darinne beleidigt? Nein; alles das, weswegen Sinnschriften mißfallen können, mißfiel Luthern nicht, weil es nicht darinne anzutreffen war; sondern das mißfiel ihm, was wahrhaftig an den Sinnschriften das anstößige sonst nicht ist: einige Lobeserhebungen. Unter den damaligen Beförderern der Gelehrsamkeit war der Kurfürst von Mainz Albrecht einer der vornehmsten. Lemnius hatte Wohltaten von ihm empfangen, und mit was kann sich ein Dichter sonst erkenntlich erzeigen, als mit seinen Versen? Er machte also deren eine ziemliche Menge zu seinem Ruhme; er lobte ihn als einen gelehrten Prinzen, und als einen guten Regenten. Er nahm sich aber wohl in Acht, es nicht auf Luthers Unkosten zu tun, welcher an dem Albrecht einen Gegner hatte. Er gedachte seines Eifers für die Religion nicht mit einem Worte, und begnügte sich, seine Dankbarkeit mit ganz allgemeinen, ob gleich hin und wieder übertriebenen Schmeicheleien an den Tag zu legen. Gleichwohl verdroß es Luthern; und einen katholischen Prinzen, in Wittenberg, vor seinem Angesichte zu loben, schien ihm ein unvergebliches Verbrechen. 2 Ich dichte diesem großen Manne hierdurch nichts an, und berufe mich deswegen auf sein eigen Programma, welches er gegen den Dichter anschlagen ließ, und das Sie, mein Herr, in dem 6ten Tome seiner Schriften, Altenburgischer Ausgabe, nachlesen können. Hier werden Sie seine Gesinnungen in den trockensten Worten finden; Gesinnungen, welche man noch bis auf den heutigen Tag auf dieser hohen Schule beizubehalten scheinet. Luther donnerte also mündlich und schriftlich wider den unbehutsamen Epigrammatisten, und brachte es in der ersten Hitze so gleich dahin, daß ihm Stubenarrest angekündigt ward. Ich habe immer gehört, daß ein Poet eine furchtsame Kreatur ist; und hier sehe ich es auch. Lemnius erschrak desto heftiger, je unvermuteter dieser Streich auf ihn fiel; er hörte, daß man allerhand falsche Beschuldigungen wider ihn schmiedete, und daß Luther die ganze Akademie mit seinem Eifer ansteckte; seine Freunde machten ihm Angst, und prophezeiten ihm lauter Unglück, anstatt ihm Mut einzusprechen; seine Gönner waren erkaltet; seine Richter waren eingenommen. Sich einer nahen Beschimpfung, einer unverdienten Beschimpfung zu entziehen, was sollte er tun? Man riet ihm zur Flucht; und die Furcht ließ ihm nicht Zeit zu überlegen, daß die Flucht seiner guten Sache nachteilig sein werde. Er floh; er ward zitiert; er erschien nicht; 3 er ward verdammet; er ward erbittert; er fing an seine Verdammung zu verdienen, und tat, was er noch nicht getan hatte; er verteidigte sich, so bald er sich in Sicherheit sahe; er schimpfte; er schmähte; er lästerte. – – Soll ich in meinen künftigen Briefen fortfahren, Ihnen mehr davon zu sagen? Ich bin etc.

[Fußnoten:]

1 So muß der sprechen, der aus Überzeugung und nicht aus Heuchelei lobt. Aus dieser letztern Quelle sind, leider ein großer Teil der uneingeschränkten Lobsprüche geflossen, die Luthern von unsern Theologen beigelegt werden. Denn loben ihn nicht auch diejenigen, deren ganzen, losem Geize und Ehrgeize man es nur allzuwohl anmerkt, daß sie im Grunde ihres Herzens, nichts weniger als mit Luthern zufrieden sind? die ihn heimlich verwünschen, daß er sich auf Unkosten seiner Amtsbrüder groß gemacht, daß er die Gewalt und den Reichtum der Kirche den Regenten in die Hände gespielt, und den geistlichen Stand dem weltlichen Preis gegeben, da doch dieser so manche Jahrhunderte jenes Sklave gewesen?

2 Es war den ersten Reformatoren sehr schwer, dem Geiste des Pabsttums gänzlich zu entsagen. Die Lehre von der Toleranz, welche doch eine wesentliche Lehre der christlichen Religion ist, war ihnen weder recht bekannt, noch recht behäglich. Und gleichwohl ist jede Religion und Sekte, die von keiner Toleranz wissen will, ein Pabsttum.

3 Lemnius hätte, wie Alkibiades, den die Athenienser zurückberiefen, um sich gegen seine Ankläger zu verteidigen, antworten können:

Ευνϑες, τον εχοντα δικην ζητειν αποφυγειν, ενον φυγειν.

Und als man den Alkibiades fragte, ob er seinem Vaterlande (τη πατριδι) nicht zutraue, daß es gerecht sein werde, antwortete er: auch meinem Mutterlande nicht (τη μητριδι). Wie leicht kann es nicht aus Irrtum oder Unwissenheit ein schwarzes Steinchen für ein weißes greifen.

Zu der Nachricht, daß ihn seine Landesleute zu Tode verurteilt, sprach er: wir wollen ihnen zeigen, daß wir noch leben. Er ging zu den Lacedemoniern und erregte den Atheniensern den dekelikischen Krieg. Aelian. XIII. c. 38.

David Clonel, Panorama of the center of Lutherstadt Wittenberg, 30. April 2016

Mit Lemnius beschäftigt Lessing sich acht seiner Briefe lang – wie gesagt: ehrend und rettend, doch ohne darüber als guter Protestant unter Beobachtung einer gestrengen Zensur Luther zu verunglimpfen; ungekürzt stehe hier nur der erste davon. Anschließend wird es unübersichtlich politisch. Aus dem Dritten Brief fällt allerdings schlagend die Stelle auf:

Ich will mich dieses zu widerlegen nicht dabei aufhalten, was ich von den Grenzen einer erlaubten Satyre hernehmen könnte; sondern ich will mich gleich zu dem Zeugnisse selbst wenden, auf welches Sie sich berufen. Lassen Sie uns also die Stelle aus des Matthesius Predigten über das Leben unsers Luthers näher betrachten. Hier ist sie: „Im 38. Jar thet sich herfür ein Poetaster, Simon Lemchen genant: der fing an, viel guter Leut mit schendlichen und lesterlichen Versen zu schmehen, und die grossen Verfolger des Evangelii mit seiner Poeterey zu preisen, auch unsern Doctor in seiner Krankheit zu verhöhnen, dazu ihm grosser Leut Verwandten halffen, daß soche Schmehschriften gedruckt, und heimlich ausgestreuet wurden, wie auch dieser Lemnius hernach eine Rifianische und greuliche Lesterschrift, die er den Hurenkrieg nennet, dem heiligen Ehestand und der Kirchendiener Ehe, und viel erbaren Frauen zu Unehren ließ ausgehen etc.“ Als Prediger, bin ich hier mit dem guten Matthesius recht wohl zufrieden, aber als Geschichtschreiber gar nicht. Eine einzige Anmerkung wird seine Glaubwürdigkeit verdächtig machen. Er sagt, Lemnius habe Luthern in seiner Krankheit verhöhnt. Wo finden Sie in den ersten zwei Büchern die geringste Spur davon? Suchen Sie, so viel Sie wollen! Matthesius begeht hier ein Hysteronproteron, welches gar nicht fein ist. Lemnius hat Luthers eher mit keinem Worte im Bösen gedacht, als bis er es an Ihm erholte. Das Sinngedichte, auf welches Matthesius hier zielt, stehet in dem dritten Buche, in welchem freilich sehr viel nichtswürdige Sachen stehen, die aber durchaus nicht zur Ursache seiner Verdammung können gemacht werden, weil er sie erst nach derselben den beiden ersten Büchern beifügte. Es ist zwar so schmutzig und so niederträchtig, daß ich mich mehr als die beiden ersten Zeilen, welches folgende sind:

In M. Lutherum

Ipse dysenteriam pateris clamasque cacando
Quamque aliis optas evenit illa tibi etc.

anzuführen scheue: wann es aber auch noch schmutziger, noch niederträchtiger wäre, so würde es dennoch dem Matthesius sehr übel zu nehmen sein, daß er den Lemnius verhaßt zu machen, zu Falschheiten seine Zuflucht nimmt, und dasjenige zum Hauptverbrechen macht, was nichts als die Wirkung eines verbitterten Gemüts war.

Wer bis hierher durchgehalten hat, darf sich jetzt die Belohnung abholen in Form zweier, nun ja: Scheißgedichte – nämlich jenes schmutzigen und niederträchtigen Gedichts samt Luthers Retourkutsche.

——— Simon Lemnius:

In M. Lutherum

aus: M. Simonis Lemnii Epigrammaton Libri III, 1538:

Ipse dysenteriam pateris clamasque cacando,
    Quamque aliis optas euenit illa tibi.
Dumque cacatores clamas, tu nenpe cacator
    Factus es, et merda diues es ipse tua.
Ante tibi rabies distorta resoluerat ora,
    Et soluit culus iam tibi uentris onus.
Noluit haec tantum rabies e faucibus ire,
    Nunc etiam natibus perfluit illa tuis.
Non poterat fundi pestis tibi tanta labellis,
    Vnde tamen rumpat repperit illa uiam.
Sed puto rumpetur citius tibi uenter et exta,
    Exeat e culo quam tibi tanta lues.

Simon Lemnis, Ipse dysenteriam pateris clamasque cacando, VolltextÜbersetzt lautet das ungefähr:

Du leidest an der Ruhr und du schreist beim Scheißen, und was du erst anderen wünschtest, befällt jetzt dich. Du nanntest andere Scheißer, jetzt bist du ein Scheißer geworden und reichlich mit Scheiße gesegnet. Vergangener Zorn hat dein schiefes Maul geöffnet, jetzt entlädt sich dein Mageninhalt durch den Arsch. Dein Zorn kam nicht nur druch dein Maul — er fließt jetzt rückwärtig aus dir. So eine Pest konntest du nicht allein durch die Lippen ausstoßen, und doch hat sie einen Weg des Ausbruchs gefunden. Aber ich glaube, dein Magen und deine Eingeweide werden bersten, bevor so eine Pestilenz dein Arschloch verlässt.

Wer sich durchaus zu dergleichen berufen fühlt, kann das gerne in seiner Freizeit in korrekte Verse setzen, die an dieser Stelle zu veröffentlichen ich nicht anstehen werde. Martin Luther, der schon zu Lebzeiten einen Ruf zu verlieren hatte, beherrschte nicht allein das lateinische Vokabular, um das zu verstehen, er konnte sogar eine gleichwertige Antwort im selben Versmaß liefern, formal einwandfrei und inhaltlich in nichts zurückstehend:

——— Martin Luther:

Dysenteria Lutheri in Merdipoetam Lemchen

30. September 1538:

Quam bene conveniunt tibi res et carmina, Lemchen!
    Merda tibi res est, carmina merda tibi.
Dignus erat Lemchen merdosus carmine merdae,
    Nam vatem merdae nil nisi merda decet.
Infelix princeps, quem laudas carmine merdae!
    Merdosum merda quem facis ipse tua.
Ventre urges merdam vellesque cacare libenter
    Ingentem, facis at, merdipoeta, nihil.
At meritis si digna tuis te poena sequatur,
    Tu miserum corvis merda cadaver eris.

Die fertige Übersetzung davon steht in D. Martin Luthers Dichtungen in gebundener Rede mit den nötigen Anmerkungen als eine Festgabe zum 31. Oktober 1892 für alle Lutherfreunde herausgegeben von Georg Schleusner, Archidiakonus zu Wittenberg, P. Wunschmanns Verlag, Wittenberg 1892:

Luthers Ruhr an den Kotdichter Lemchen

Wie schön stimmen bei dir, o Lemchen, Sache und Dichtung,
Kot ist’s, drum du dich mühst, deine Gedichte sind Kot.
Würdig war der kotige Lemchen kotiger Dichtung,
Denn dem Sänger des Kots Kot nur zum Danke geziemt.
Unglückseliger Fürst, den du lobst mit kotiger Dichtung,
Den mit dem Kote von dir selber voll Kotes du machst.
Drängest im Leibe den Kot und möchtest so gern dich entleeren
Massenhaft. Aber du bringst. Dichter des Kots, nichts heraus.
Doch wenn dich nach Verdienst einst trifft gebührende Strafe,
Dann wirst ein jämmerlich Aas, Kot, für die Raben du sein.

Stadt und Land, Schlosskirche zu Wittenberg, 25. September 2017

Dieser handlich fassbare Dichterwettstreit hat im englischsprachigen Teil der deutschen Literaturwissenschaft im Internet eine gewisse stille Berühmtheit erlangt – besonders denke ich da an Michael Gilleland: Two Crappy Poems, in: Laudator Temporis Acti, 27. Juni 2017 –, weil man anhand solcher Saft- und Kraftausdrücken mit Vorliebe seine Fremdsprachenkenntnisse schult.

Eigentlich feiern wir gerade Luther und nicht seine unverschuldeten Intimfeinde, immerhin beschert uns der Mann nach einem halben Jahrtausend einen zusätzlichen Feiertag außer der Reihe – der auch heuer weder Halloween noch Weltspartag heißt. Das widerfährt uns erst wieder in weiteren fünfhundert Jahren. Entwarnung für Brückentagjäger: Der 31. Oktober 2517 fällt auf einen Sonntag.

Fast schade, dass 1892 „merda“ nur „Kot“ heißen durfte. Schon hundert Jahre später wäre das eine recht erfrischende Entladung geworden. Also eine verbale jetzt.

Bilder: Simon Lemnius: Epigrammaton libri III. Adiecta Est Qvoque eiusdem Querela ad Principem,
Seite 131 via Uni Mannheim in Bild und Volltext, und
Wittenberg:

  1. M.A.K.photo: Wittenberg Impressions, 12.Oktober 2010;
  2. David Clonel, 30. April 2016:

    Panorama of the center of Lutherstadt Wittenberg. It’s a small city, which is currently preparing for the big anniversary next year: 31. Oct 1517 Martin Luther nails his 95 Theses at the door of the church, which is the starting point of Protestant Reformation.

    On the right side of the market you can see a monument of Luther.

    The restauration of the „Castle Church“ / Schloßkirche with the theses door is finished soon (I hate construction hoarding in a picture), then I will show some more pictures!

  3. Stadt + Land: Schlosskirche zu Wittenberg, 25. September 2017.

Soundtrack: Kerstin Ott: Scheißmelodie, aus: Herzbewohner, August 2016:

Written by Wolf

27. Oktober 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Glaube & Eifer, Renaissance

Trost der Welt, du stille Nacht

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Update zu Wölfchen Wulffs Weihnachten, Naseweise Weihnachten, Das Gezänk der Weisen und Weihnachten Fibels:

Wir warten aufs Christkind und horchen ein bissel Eichendorff dabei.

Doch, den kann man hören. Allein der nicht gerade endlos lange Einsiedler wurde mindestens 31-mal vertont. Eichendorff bildete dieses Abendlied eines einsamen Menschen, der nach einigen Andeutungen einst zur See gefahren sein mag, dem Lied des Einsiedels in Grimmelshausens Simplicissimus von 1669 nach, der zum Grundwissen des Romantikers gehörte. 1805 konnte er in Des Knaben Wunderhorn die erste Bearbeitung vorfinden. Seine Kenntnis davon ist dadurch belegt, dass Clemens Brentano ihm im Februar 1810 persönlich ein Exemplar geschenkt hat, damit ihm und uns auch ja nichts entgeht.

Das Weihnachtliche an Eichendorffs Version ist, dass nicht mehr eine Nachtigall zum Trost kommen möge, sondern eine stille Nacht — die Eichendorff 1835 schon als Weihnachtslied — von 1818 — bekannt sein mochte.

Schweifreime klingen immer besonders souverän, weil der letzte, der vollständig machende Reim erst im jeweils sechsten Vers ziemlich spät ins Schloss schnappt. Allein oder in Gesellschaft: Fröhliche Weihnachten.

Friedrich Bodenstedt, Initial Der Einsiedler, Album deutscher Kunst und Dichtung, 1877

——— Joseph von Eichendorff:

Der Einsiedler

aus: Geistliche Lieder, 1835, Deutscher Musenalmanach 1837:

Caspar Scheuren, Der Einsiedler, Album deutscher Kunst und Dichtung, 1877Komm, Trost der Welt, du stille Nacht!
Wie steigst du von den Bergen sacht,
Die Lüfte alle schlafen,
Ein Schiffer nur noch, wandermüd‘,
Singt übers Meer sein Abendlied
Zu Gottes Lob im Hafen.

Die Jahre wie die Wolken gehn
Und lassen mich hier einsam stehn,
Die Welt hat mich vergessen,
Da tratst du wunderbar zu mir,
Wenn ich beim Waldesrauschen hier
Gedankenvoll gesessen.

O Trost der Welt, du stille Nacht!
Der Tag hat mich so müd‘ gemacht,
Das weite Meer schon dunkelt,
Laß ausruhn mich von Lust und Not,
Bis daß das ew’ge Morgenrot
Den stillen Wald durchfunkelt.

Bilder:

  1. Friedrich Bodenstedt: Initial aus: Der Einsiedler in: Album deutscher Kunst und Dichtung. Auswahl aus einem Prachtwerk der Gründerzeit, 1877;
  2. Caspar Scheuren: Der Einsiedler in: Friedrich Bodenstedt (Hg.): Album deutscher Kunst und Dichtung, mit Holzschnitten, nach Zeichnungen der Künstler, ausgeführt von R. Brend’amour und Anderen. Vierte, umgearbeitete Auflage. Berlin, Verlag der G. Grote’schen Verlagsbuchhandlung, 1877, Seite 33;
  3. Ludwig Richter: Einsiedels Abendlied mit Text aus: Die guten Meister des deutschen Hauses, Gelber Verlag in Dachau, 1921, Seite 49.

Ludwig Richter, Einsiedels Abendlied, Die guten Meister des deutschen Hauses, 1921

Von Eichendorffs Gedicht zählt The LiederNet Archive 31 Vertonungen auf, von denen fünf tatsächlich auffindbar sind. Am bekanntesten ist Opus 83 Nummer 3 von Robert Schumann, zu Studium und Erbauung wird die längste empfohlen: Der Einsiedler von Max Reger, Opus 144a von 1915. — Chronologisch:

Robert Schumann aus: Drei Gesänge für Singstimme und Klavier, opus 83 Nr. 3, 1850:

Hugo Wolf: Resignation aus: Sechs geistliche Lieder nach Gedichten von Eichendorff, Nr. 3, 1881:

Mex Reger, opus 144a, 1915:

Christian Lahusen:

Felix Wolfes, 1953:

Bonus Track: Tom Waits: Silent Night, aus: SOS United, 1989 – nur als Stiftung für die SOS-Kinderdörfer.

Written by Wolf

24. Dezember 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Glaube & Eifer, Romantik

Dieses unnötige, ja sinnlose Hin und Her

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Update zu Wenn es Ihnen versagt würde to translate,
Nous sommes Voltaire, Muhammad et Charlie und
Und aber nach fünfhundert Jahren (Das eine wächst, wenn das andre dorrt):

Also ich wollte sagen, dass etwa zu dieser Zeit die Verwirrung durch die, ähm … und die Verwirrung wird all jene verwirren, die nicht wissen, und niemand wird wirklich genau wissen, wo diese kleinen Dinge zu finden sind, die verknüpft sind mit einer Art von Handarbeitszeug, das durch die Verknüpfung verknüpft ist. Und zu der Zeit soll ein Freund seines Freundes Hammer verlieren und die Jungen sollen nicht wissen, wo die Dinge, die jene Väter erst um acht Uhr am vorhergehenden Abend dorthin gelegt hatten, kurz vor Glockenschlag. Dies steht geschrieben im Buch von Sel.

Monty Python: Das Leben des Brian, 1979.

Yvonne De Carlo, wahrscheinlich 1956 als Zipporah, Moses' Frau in Die Zehn GeboteJeder, dem das Denken und Fühlen noch nicht vollends ausgetrieben ist, hätte lieber einen Orient wie aus Tausendundeiner Nacht, wie aus dem West-östlichen Divan, wie bei Friedrich Rückert oder wenigstens wie aus den Almanachen von Wilhelm Hauff. Einen voller üppig gesponnener Märchen, unerschütterlich weltoffener Weisheit, phantasievoller Sachen zum Rauchen und einer Friedfertigkeit, von der sich jeder abendländische Giaur noch was abschneiden kann. Schön wär’s, wirklich wahr.

Fast noch schöner wäre ein Orient voll trotteliger Besatzer, lebensmutiger Ex-Leprakranker und Heilsversprechen an allen Ecken und Enden, die auch nicht surrealer sind als die ohnehin vorgefundene Lebenswirklichkeit. Und wenn man es mal so herzählt, muss einem ein Klamaukfilm wie Das Leben des Brian erschütternd lebensnah vorkommen, auch wenn er 600 Jahre vor der Erfindung des Islams spielt.

Nun ist der islamische Humor leider sehr körperbetont, also meist auf Schadenfreude ausgerichtet. In seinen gesprochenen Manifestationen darf und sollte er geistreich sein, aber keine Unwahrheit aussprechen — was alle Formen der Ironie gesetzlich ausschließt. Natürlich macht ihn das zu einem reinen, nun ja: Minenfeld.

Es scheint, der stets wahrhaftige Hans Mentz von der Titanic ist 2015 auf etwas gestoßen, worauf sich die virulentesten Weltreligionen einigen könnten. Mir war nicht klar, dass der Mann so wichtig ist.

——— Hans Mentz:

Slapstick am Sinai

aus: Humorkritik in: Titanic, September 2015, Seite 49:

Daß es gar nicht so leicht ist, mit Heilsgestalten Komik zu erzeugen, haben auch die Spitzenkräfte von Monty Python erfahren: Wenn jemand ein „gutes Leben“ vorlebt, dann riskieren die, die sich drüber lustigmachen, als inhuman zu gelten. Nicht von ungefähr heißt der Held aus „Life of Brian“ auch Brian und nicht Jesus. Was aber, wenn im heiligsten aller Bücher selbst drollige Sachen passieren? Vor über zwanzig Jahren schrieb Hans Schmoldt seine im Reclam-Verlag erschienene Einführung in das Alte Testament und faßt dort vorbildlich-sachlich zusammen, was sich laut der Überlieferung des Pentateuch am Sinai zugetragen haben soll: „Am Sinai wird Moses mehrfach auf den Berg hinaufkommandiert und steigt mehrfach wieder herab: Er steigt zu Gott hinauf (2. Mose 19,3); in 19,7–8a wird vorausgesetzt, daß er herabgestiegen ist; er steigt vom Berg herab (19,14); er steigt auf den Berg hinauf (19,20); er steigt herab (19,27 [womit 19,24–25 gemeint sein muss]); jetzt (!) verkündet Gott die zehn Gebote (20,1–17); Moses nähert sich Gott, steigt also hinauf (20,21); er soll zu Jahwe hinaufsteigen (24,1); er steigt auf den Berg hinauf (24,13b); er steigt auf den Berg hinauf (24,15a).“ Lakonisch folgert Schmoldt: „Dieses unnötige, ja sinnlose Hin und Her zwingt zu der Annahme, daß hier mehrere Bearbeiter, Ergänzer am Werk waren“. Gut möglich. Mich aber erfreut vielmehr meine eigene Exegese: daß der Jahwist schlicht Gefallen hatte an der Vorstellung, ein wie Charlton Heston aussehender Moses steige wie toll immer wieder auf einen Berg, auf dem er schon längst droben ist, und kriegt die Gesetzestafeln just dann in die Hand gedrückt, wenn er sich eigentlich gerade unten aufhält. Wenn ich, in meinem gleichfalls annähernd biblischen Alter, noch einen Pfarrer empfehlen soll, dann den gelehrten Hans Schmoldt mit seinem makellosen Timing.

Pietro Perugino, Viaggio di Mosè e circoncisione del suo secondo figlio, 1481--1483Das interessiert mich jetzt, wie sich diese neun Stellen — wenn wir die eigentlichen zehn Gebote ausnehmen — geballt anhören. Die Luther-Übersetzung 1545 letzter eigener Hand, der ich fast soviel glaube wie der monatlichen Humorkritik von Hans Mentz, sagt:

——— Exodus 19,3:

Vnd Mose steig hin auff zu Gott. VND der HERR rieff jm vom Berge / vnd sprach / So soltu sagen zu dem hause Jacob / vnd verkündigen den kindern Jsrael.

——— Exodus 19,7–8a:

MOse kam / vnd foddert die Eltesten im volck / vnd legt jnen alle diese wort fur / die der HERR geboten hatte. Vnd alles volck antwortet zu gleich / vnd sprachen / Alles was der HERR geredt hat / wöllen wir thun / Vnd Mose sagt die rede des Volcks dem HERRN wider.

——— Exodus 19,14:

Mose steig vom Berge zum Volck / vnd heiliget sie / vnd sie wusschen jre Kleider.

——— Exodus 19,20:

ALS nu der HERR ernider komen war auff den berg Sinai / oben auff seine spitzen / foddert er Mose / oben auff die spitze des Bergs / Vnd Mose steig hin auff.

——— Exodus 19,24–25:

Vnd der HERR sprach zu jm / Gehe hin / steige hinab / Du vnd Aaron mit dir / solt herauff steigen / Aber die Priester vnd das Volck sollen nicht her zu brechen / das sie hinauff steigen zu dem HERRN / das er sie nicht zuschmettere. Vnd Mose steig hervnter zum Volck / vnd sagts jnen.

——— Exodus 20,21:

Also trat das volck von ferne / Aber Mose macht sich hinzu ins tunckel / da Gott innen war.

——— Exodus 24,1:

VND zu Mose sprach er / Steig erauff zum HERRN / du vnd Aaron / Nadab vnd Abihu / vnd die siebenzig Eltesten Jsrael / vnd betet an von ferne /

——— Exodus 24,13b:

Da macht sich Mose auff / vnd sein diener Josua / vnd steig auff den berg Gottes / vnd sprach zu den Eltesten / Bleibt hie / bis wir wider zu euch komen / Sihe / Aaron vnd Hur sind bey euch / Hat jemand eine Sache der kome fur die selben.

——— Exodus 24,15a:

DA nu Mose auff den Berg kam / bedeckt eine wolcke den berg / Vnd die Herligckeit des HERRN wonete auff dem berge Sinai / vnd decket jn mit der wolcken sechs tage / vnd rieff Mose am siebenden tage aus der wolcken.

Körpernaher Slapstick, dem man je nach Neigung schadenfroh begegnen kann, dabei nicht geistlos. Da lacht der Großstadthipster mit dem Barte des Propheten um die Wette. Gott ist groß.

Bilder: Yvonne De Carlo, wahrscheinlich 1956 als Zipporah, Moses‘ Frau in Die Zehn Gebote via Evie, 2012;
Pietro Perugino: Zipporah (3. v. l. in Blau) als Detail in Viaggio di Mosè e circoncisione del suo secondo figlio, zwischen 1481 und 1483 (circoncisione heißt Beschneidung).
Filmbeleg: The Ten Commandments movie in 20 minutes: „The original Ten Commandments movie is 221 minutes, so I wanted to make it a bit shorter.“ Mit „Lily Dracula-Munster“ als Moses‘ Frau Zippora.

Written by Wolf

22. Juli 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Ägyptische Antike, Glaube & Eifer

Imbolc Blessings: My heart is as black as the blackness of the sloe

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Update zu Nunc dimittis mit Fried und Freud
und Break in college sick bay:

Lichtmess ist der liebenswerteste Feiertag im ganzen Jahreskreis. Lichtmess bedeutet, dass die Tage schon messbar länger und heller werden. Lichtmess handelt von hoffnungsfrohem Erwachen und Zuversicht. Außerdem ist es nicht so überladen mit Feier- und Geschenkverpflichtungen: Lichtmess feiert nur, wem es am Herzen liegt.

Vor allem feiern es die heutigen Wicca- und paganischen Religionen, die ihm gern eine schwärzere Seite verleihen; bei ihnen heißt es Imbolc und gilt der Göttin Brigid — „a woman of poetry, and poets worshipped her, for her sway was very great and very noble. And she was a woman of healing along with that, and a woman of smith’s work, and it was she first made the whistle for calling one to another through the night.“

Eine heidnische, aber durchaus christlich vertretbaren Werten verpflichtete Heilige also, nicht weniger liebenswert als ihr Feiertag, der 2. Februar, im Christlichen: Lichtmess, das Fest der Darstellung des Herrn. So wird sie von der ungemein verdienstreichen Lady Augusta Gregory 1904 in Gods and Fighting Men beschrieben.

Die unmittelbare Literatur über diese woman of poetry stammt aus einer selbst schon sagenumwobenen Zeit: dem alten Irland vor der Christianisierung — und der Heilige Patrick hat die heidnische Insel schon im 5. Jahrhundert katholisch gemacht. Selbst fürs ach so christliche Abendland, in dem die meisten Völker noch mit der Völkerwanderung beschäftigt waren, um einen warmen Platz für ihre Hintern zu suchen, und noch keineswegs mit der Übernahme einer noch kürzlich unter Todesstrafe stehenden Religion aus der orientalischen Provinz, die gerade seit anno Domini 380 plötzlich die vom allgemeinen Hunneneinfall überschattete Staatsreligion war, ist das für eine erfolgreiche Missionierung recht frühzeitig. Also: alt.

Gedichte über Brigid aus der Zeit, als sie noch kanonisch verehrt wurde, sind dafür, dass sie überhaupt erhalten sind, historisch nicht genug zu würdigen, geben aber für heutige Begriffe künstlerisch nicht viel her. Lady Gregory hat aber bei ihren umfassenden folkloristischen Forschungen ein altirisches Gedicht aus dem 8. Jahrhundert ausgegraben, das einen, in eine vorsichtig modernisierte Form gebracht, heute noch umhauen kann.

Kurzzeitig bekannt wurde Lady Gregorys sehr freie Übersetzung in cinephilen Kreisen anlässlich Die Toten von John Huston, 1987. Für diese Literaturverfilmung, die mit allen Längen und Ausschmückungen ohnehin nur auf 87 Minuten kommt, wurde eigens die neue Figur des Mr. Grace eingeführt, die das Gedicht vorlesen kann; Sean McClory spielt und rezitiert.

So frei ist Lady Gregorys Übersetzung, dass sie die vorhandenen 14 irischen Strophen in neun englischen untergebracht hat. Eine weitere soll vor der Strophe „When I go by myself to the Well of Loneliness“ ausgeschieden sein, das wäre die fünfte und somit zentrale. Ich füge sie hier als Internet-Premiere an der vorgesehenen Stelle ein. — Eine deutsche Übersetzung ist mir nicht bekannt, für die Interpretation empfehle ich wärmstens die tiefgehende Folge von Carol Rumens: Poem of the week: Donal Og by Lady Augusta Gregory in The Guardian, 19. April 2010.

Das Gedicht feiert weder Lichtmess noch Imbolc ausdrücklich, Die Toten spielt bei John Huston wie bei James Joyce an Epiphanias, das ist der Dreikönigstag am 6. Januar — als formal verbindendes Element am Ende eines winterlichen Jahresabschnitts. Sein Geist passt unschlagbar auf die schwärzere Seite einer woman of poetry.

——— Lady Augusta Gregory:

Donal Og

Translated from an anonymous eighth-century Irish poem:

It is late last night the dog was speaking of you;
the snipe was speaking of you in her deep marsh.
It is you are the lonely bird through the woods;
and that you may be without a mate until you find me.

You promised me, and you said a lie to me,
that you would be before me where the sheep are flocked;
I gave a whistle and three hundred cries to you,
and I found nothing there but a bleating lamb.

You promised me a thing that was hard for you,
a ship of gold under a silver mast;
twelve towns with a market in all of them,
and a fine white court by the side of the sea.

You promised me a thing that is not possible,
that you would give me gloves of the skin of a fish;
that you would give me shoes of the skin of a bird;
and a suit of the dearest silk in Ireland.

It is early in the morning that I saw him coming,
going along the road on the back of a horse;
he did not come to me; he made nothing of me;
and it is on my way home that I cried my fill.

When I go by myself to the Well of Loneliness,
I sit down and I go through my trouble;
when I see the world and do not see my boy,
he that has an amber shade in his hair.

It was on that Sunday I gave my love to you;
the Sunday that is last before Easter Sunday
and myself on my knees reading the Passion;
and my two eyes giving love to you for ever.

My mother has said to me not to be talking with you today,
or tomorrow, or on the Sunday;
it was a bad time she took for telling me that;
it was shutting the door after the house was robbed.

My heart is as black as the blackness of the sloe,
or as the black coal that is on the smith’s forge;
or as the sole of a shoe left in white halls;
it was you put that darkness over my life.

You have taken the east from me, you have taken the west from me;
you have taken what is before me and what is behind me;
you have taken the moon, you have taken the sun from me;
and my fear is great that you have taken God from me!

Branna Laurelin, Forest Harp Fairy, 2013

Bilder: Flora Lion: Isabella Augusta (née Persse), Lady Gregory, Lithographie 1913, 356 mm x 260 mm, National Portrait Gallery, London;
Mary Cicely Barker: The Snowdrop Fairy, aus: Flower Fairies of the Spring, 1923
via Tinkerbell: Blessed Imbolc, 1. Februar 2011:

May Brighid’s fire light your path and her blessings be upon your home & hearth!

Branna Laurelin: Forest Harp Fariy, 2013.

Soundtrack: Booker Bird 66, March 17th, 2013: The Pogues: The Sickbed of Cuchulainn, from Rum Sodomy & the Lash, Stiff, MCA, 1985 — „featuring the great Irish American Buster Keaton. Buster was buried with a rosary in one pocket and a deck of cards in the other. I do not own the right to the music and is not for profit fan video.“ — Bitte laut!

Written by Wolf

2. Februar 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Glaube & Eifer, Novecento