Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for the ‘Symbolismus’ Category

Jedoch die schlimmste Lüge war: Auf Wiedersehn

leave a comment »

Update zu Siehst du und
Einst, wenn dieser Lenz entschwand:

Bis jetzt fällt hoffentlich nicht allzu penetrant auf, dass ich meinen Laden schon mal fit mache für 2025, wenn Thomas Mann seit 70 Jahren tot sein und sein Copyright in die Public Domain übergehen wird. Ich hätte dem Manne selbstverständlich ein noch längeres als sein 80-jähriges Leben gewünscht, aber dann hagelt’s Ausschnitte aus seinem Doktor Faustus. Vorausgesetzt, dass ich dann noch will.

Nun war Thomas Mann, sollte ich’s noch nie in meiner verachtenswürdigen Häme erwähnt haben, kein großer Lyriker vor dem Herrn – was angesichts seiner sonstigen Verdienste ganz in Ordnung geht. Mit 14 Jahren sah man ihn jedenfalls noch Briefe mit „Thomas Mann. Lyrisch-dramatischer Dichter“ unterschreiben, und im Mai 1893, gerade noch 17-jährig, gab er in seiner zuständigen, dazu Deutschlands erster Schülerzeitung Der Frühlingssturm am Katharineum zu Lübeck – als Mitherausgeber noch unter seinem Jugendpseudonym Paul Thomas – das Gedicht Zweimaliger Abschied ans Licht, im Oktober desselben Jahres brachte er, 18 geworden und mit Aussicht auf sein Pendant zur Mittleren Reife in Obersekunda, immerhin den Mut auf, dasselbe Gedicht noch einmal in der Literaturzeitschrift Die Gesellschaft zu verwenden. Diese Zweitverwertung geschah schon unter seinem bürgerlichen Namen. Ob daher das Gedicht Zweimaliger Abschied von 1893 oder erst die Erzählung Gefallen von 1894 als sein literarisches Debüt gelten darf, kann man gerne noch weiter diskutieren. Eins von den zweien halt.

Ich zitiere als Internetpremeiere nach der zweiten Veröffentlichung korrigiert, weil sie erstens überhaupt erhalten und zweitens digitalisiert zugänglich ist.

——— Thomas Mann:

Zweimaliger Abschied

in: Schülerzeitung Frühlingssturm, Mai 1893,
und Literaturzeitschrift Die Gesellschaft, Oktober 1893, Seite 1247 f.:

Thomas Mann, Zweimaliger Abschied, Die Gesellschaft, Oktober 1893, Seite 1247 und 1248, VolltextDer letzte Abend war’s. Wir wanderten
am Strand des Meers, das still und schwarz und schweigend
im Unbegrenzten sich verlor. Kein Stern erglänzte
vom trüben, unbestimmten Grau des Himmels,
kein Stern der Hoffnung auf ein Wiedersehn . . .
Nur durch den feuchten Nebel sickerte
vom fernen Leuchtturm müdes rotes Licht, –
Das Abendglühen eines kurzen Tags,
an dem das Glück uns in den Armen hielt . . .
Und niemals wieder, niemals wieder . . .?
Wir wanderten und schwiegen mit dem Meer.
Dein liebes Blondhaupt lag an meiner Schulter,
und Deines feuchten Haares leiser Duft
umschmeichelte bestrickend meine Nerven . . .
Die Zeit verrann in seligem Vergessen,
und endlich kam er unerbittlich doch,
der Augenblick des letzten Lebewohls . . .
Wir standen still und sahn uns an – so an
zum letzten, letzten Mal . . . Kein Laut ringsum.
Ein tiefes, dunkles Schweigen um uns her.
Und Deine kalte Hand fand sich mit meiner,
und Thränen tiefen Leids umschleierten
das Meeresblaugrün Deiner Augen . . .
Und nur ein Wort ging durch die tiefe Stille,
sprachst Du es aus? War ich’s? Ich weiß nicht.
Es irrte durch die feuchte Sommernacht,
ganz leise, traum- und leidverlor’nen Klangs . . .
„Nie – niemals wieder . . .“

*               *
*

Und dann der Morgen. –
               Unaufhörlich ging
ein feiner Regen nieder. In dem kleinen Bahnhof
stand schnaubend längst der Zug. – Ein Lärmen, Hasten,
ein feuchtes, schmutziggraues Durcheinander
von Koffern – Menschen – Dampf –
Ich sah auf ein Bouquet – ich trug es selbst –
Und Deine Eltern sah ich – sah auch Dich –
Dann ein paar Worte – welche schöne Blumen! –
Sehr schlechtes Reisewetter – in der That –
Dann hielt ich Deine Fingerspitzen eben –
Adieu, adieu – und leben Sie recht wohl –
Auf Wiedersehn. – Jawohl, auf Wiedersehn! –
Ein letztes Winken noch; dann war es aus . . .
Wir logen beide. –
Jedoch die schlimmste Lüge war: „Auf Wiedersehn.“
Wir wußten’s beide, was das Meer gehört
an jenem feuchten, dunklen Sommerabend . . .
„Nie, – niemals wieder“ . . . .

Lübeck.               Thomas Mann.

Fast noch kompetenter als Arthur Eloessers derzeit gültige Thomas-Mann-Biographie von 2013 kommentiert Lutz Hesse:

[…] Prosalyrik war 1893 nahezu Avantgarde, die schwülstige Atmosphäre des Textes, seine Romantik ist auf dem Höhepunkt seiner Zeit. Die Geschichte, die Mann hier poetisch verdichtet erzählt, erfasst der Leser sofort. Im Tod in Venedig kommt uns das „Blondhaupt“ in Gestalt des Tadzio entgegen, ergänzt mit slawischen Wangenknochen. Im Zauberberg schildert Mann das sublime erotische Verhältnis von Hans Castorp zu seinem Mitschüler Pribislav Hippe. Auch Hippe wird blondlockig und slawisch abgebildet.

Thomas Manns Verse vom ZWEIMALIGEN ABSCHIED geben also Auskunft über erotische Vorlieben, unabhängig vom Geschlecht, die ihn in früher Jugend prägten und ein Leben lang begleiten sollten. Sicher lassen sich noch mehr Figuren Manns in seinem Werk finden, wo er versteckt oder direkt auf das Gedicht zurückkommt. […]

Das Schöne am neuen Zeitalter der Interpretationen ist ja auch, dass man als Literaturwissenschaftler oder interessierter Laie nicht mehr mit dem ständigen Beweis beschäftigt sein muss, dass Thomas Mann auch ja nicht schwul war. Man muss seine homophile Vorliebe für Knaben, die vielleicht eine unausgelebte Pädophilie war, nicht werten, darf sie heute aber voraussetzen.

Bild: Scan Thomas Mann: Zweimaliger Abschied, aus:
Die Gesellschaft, Oktober 1893, Seite 1247 bis 1248

Soundtrack: Ultra Orange & Emmanuelle: Don’t Kiss me Goodbye, aus: Ultra Orange & Emmanuelle, 2007:

Written by Wolf

28. Oktober 2022 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Symbolismus

Einst, wenn dieser Lenz entschwand

leave a comment »

Update zu Siehst du und
Die Lust des Mittelstands:

Thomas Mann ist für alles mögliche bekannt – nur nicht dafür – was auch mir nach Jahrzehnten eifriger Rezeption seit August 2021 neu war –, dass er gar nicht Goethe sein wollte, oder für seine Lyrik.

Kein Schaden, er hat seine bekannten Qualitäten, außerdem rettet ihn von seinen Anfängen an eine gewisse Selbstironie. Um diese Ansicht samt der Ironie zu untermauern, hat er praktischerweise eins seiner frühen Gedichte in der Erzählung Gefallen 1894 gleich selbst interpretiert und qualitativ eingeordnet.

——— Thomas Mann:

Gefallen

in: Die Gesellschaft, Jahrgang 10, Leipzig, Oktober 1894:

Władysław T. Benda, They say she is young, a golden girl, created as if from spring sunlight, Hearst's, 1921, via AbecedarianEinmal, an einem schönen, weichen Abend, als er einsam durch die Straßen wanderte, machte er wieder einmal ein Gedicht, das ihn sehr rührte. Es lautete etwa so:

Wenn rings der Abendschein verglomm,
Der Tag sich still verlor,
Dann falte deine Hände fromm
Und schau zu Gott empor.

Ist’s nicht, als ruh‘ auf unserm Glück
Sein Auge wehmutsvoll,
Als sagte uns sein stiller Blick,
Daß es einst sterben soll?

Daß einst, wenn dieser Lenz entschwand,
Ein öder Winter wird,
Daß an des Lebens harter Hand
Eins von dem andern irrt? —

Nein, lehn dein Haupt, dein süßes Haupt
So angstvoll nicht an meins,
Noch lacht der Frühling unentlaubt
Voll lichten Sonnenscheins!

Nein, weine nicht! Fern schläft das Leid, —
O komm, o komm an mein Herz!
Noch blickt mit jubelnder Dankbarkeit
Die Liebe himmelwärts!

Aber dies Gedicht rühre ihn nicht etwa, weil er sich wirklich und ernsthaft die Eventualität eines Endes vor Augen gestellt hätte. Das wäre ja ein ganz wahnsinniger Gedanke gewesen. Recht von Herzen kamen ihm eigentlich nur die letzten Verse, wo die wehmütige Monotonie des Klangfalls in der freudigen Erregung des gegenwärtigen Glücks von raschen, freien Rhythmen durchbrochen ward. Das übrige war nur so eine musikalische Stimmung, von der er sich vage die Tränen in die Augen streicheln ließ.

Damit nicht genug, hat das namenlose Gedicht innerhalb der Handlung einen so festen Platz, dass es am Schluss sinnhaltig ins Schloss schnappen kann:

Dann saß er an seinem Tisch, still und schwach.

Draußen herrschte in lichter Majestät der liebliche Sommertag.

Und er starrte auf ihr Bild, wie sie noch immer dastand, wie früher, so süß und rein …

Über ihm unter rollenden Klavierpassagen klagte ein Cello so seltsam, und wie die tiefen, weichen Töne sich quellend und hebend um seine Seele legten, stiegen wie ein altes, stilles, längstvergessenes Leid ein paar lose, sanft-wehmütige Rhythmen in ihm auf …

… Daß einst, wenn dieser Lenz entschwand,
Ein öder Winter wird,
Daß an des Lebens harter Hand
Eins von dem andern irrt …

Und das ist noch der versöhnlichste Schluß, den ich machen kann, daß der dumme Bengel da weinen konnte.

Svobodnyi Smekh, 1906, via Abecedarian

Bilder:

  1. Władysław T. Benda:

    They say she is young, a golden girl, created as if from spring sunlight.

    aus: Hearst’s, 1921, via Abecedarian: Restoring the Lost Sense, 22. September 2021;

  2. Svobodnyi Smekh, 1906, via Abecedarian: Restoring the Lost Sense, 18. November 2018.

Unter rollenden Klavierpassagen klagte ein Cello so seltsam:
Ludwig van Beethoven: Cellosonate Nr. 2 g-Moll op. 5,2, 1796,
Mstislav Rostropovich & Sviatoslav Richter am Edinburgh Festival, 30. August 1964:

Written by Wolf

18. März 2022 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Symbolismus

O süßes Lied

leave a comment »

Die Leute wollen neben der Politik und dem Aktuellen etwas haben, was sie ihrer Freundin schenken können. Sie glauben gar nicht, wie das fehlt.

(Riesenschnörkel) Ernst Rowohlt, in: Kurt Tucholsky: Schloss Gripsholm, 1931.

——— Rainer Maria Rilke:

Liebes-Lied

aus: Neue Gedichte, 1907:

Russian Academy of Painting, Repin & Surikov. PortraitsWie soll ich meine Seele halten, daß
sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie
hinheben über dich zu andern Dingen?
Ach gerne möcht ich sie bei irgendwas
Verlorenem im Dunkel unterbringen
an einer fremden stillen Stelle, die
nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen.
Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,
der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.
Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Geiger hat uns in der Hand?
O süßes Lied.

~~~\~~~~~~~/~~~

Und welche Geigerin: Repin & Surikov
via Russian Academy of Painting.

O süßes Lied: Anna Roberts-Gevalt, friends & family
auf Full Moon Jam, daheim in Eggleston, Virginia:
The Ballad of Sally Ann, September 2010:

Written by Wolf

5. Mai 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Symbolismus

Doktor Faustus goes Science Fiction

leave a comment »

Update zu Moby Dünn:

Auf den Schultern von Riesen stehen nicht immer nur Zwerge, und Zwerge stellen sich nicht immer auf die Schultern von Riesen. Auf den Schultern von Naturwissenschaftlern stehen oft Geisteswissenschaftler, umgekehrt ist es zwar nicht seltener, es fällt nur nicht so auf.

Science and Mechanics, SCIENCE NEWS of the MONTH, Februar 1936 via Modern Mechanix. Yesterday's tomorrow, todayEs wird noch verwirrender. Thomas Mann zum Beispiel. Bekannt und zu Recht sehr gelobt für seine entwaffnend genaue Beobachtungsgabe, aber nicht gerade für komplexe Handlungsverläufe, wollte Thomas Mann nicht schwul sein, sondern vielmehr Goethe. Schwul hätte man ihm seinerzeit niemals verziehen, aber wenigstens geglaubt, dagegen kann sich niemand auf egal wessen Schultern stellen und behaupten, er sei Goethe. Das Thema, welches davon Thomas Manns größeres Lebensdrama war, ist zur Bearbeitung freigegeben.

Wir dürfen uns jedoch darauf einigen, dass Thomas Mann nicht auf der Brennsuppe dahergeschwommen ist, sondern natürlich aus Quellen schöpfen und sich auf die Schultern großer und kleiner Vorgänger stellen musste, um immerhin Thomas Mann zu werden. Am klarsten sind die Quellen bei offenen Umdeutungen und Fortführungen klassischer Stoffe wie in den Joseph-Romanen, Lotte in Weimar — und Doktor Faustus.

Die in aller Klarheit sprudelnde Quelle für den letzteren ist die komplette Faust-Mythologie, an deren Ende er steht, vorneweg das Volksbuch Historia von D. Johann Fausten von Johann Spies 1587, gar nicht so sehr Goethes zweiteilige Tragödie: Wahrscheinlich war sich Thomas Mann selbst Goethes genug — ein weiteres Thema, das zur Bearbeitung freigegeben bleibt.

Weil in einem selbstverfassten, populär gemeinten Volksbuch eines Akzidenzendruckers von 1587 nicht die Weisheit und Technologie des frühen 20. Jahrhunderts versammelt sein kann, musste Thomas Mann richtig recherchieren. Die musikwissenschaftlichen Teile ließ er sich von Adorno schreiben — ein Thema, das schon ausreichend zur Bearbeitung und Häme freigegeben war — und nur die naturwissenschaftlichen musste er aus der Zeitung beziehen. In Kapitel XXVII von Doktor Faustus unternimmt der „Faustus“ Adrian Leverkühn unter fachkundiger Führung des Gelehrten Capercailzie eine Tiefseefahrt in einer Tauchkugel und eine Weltraumfahrt — vielleicht. Er erzählt nämlich nur von seinen unwahrscheinlichen Abenteuerfahrten, aber eben so genau, dass er einfach vor Ort gewesen sein muss. Die Romantatsachen bleiben offen, unbekannt für den Erzähler Leverkühn, dessen Erzähler Serenus Zeitblom und wahrscheinlich auch wiederum dessen Erzähler Thomas Mann.

Thomas Manns Informationsquellen über Tiefsee und Weltall werden in der Großen Kommentierten Frankfurter Ausgabe genannt; die Zeitungsausschnitte existieren im Nachlass. Der amerikanische übers Weltall — siehe unten — existiert sogar frei zugänglich in Google News, und zwar ohne Bezug auf irgendwelche deutsche Nachkriegsliteratur, was seine Glaubwürdigkeit sogar noch erhöht. Es folgen Thomas Manns Quellen für seine Retro-Science-Fiction-Passagen im Wortlaut, garniert mit möglichst themennahen zeitgenössischen Bildern (und den paar wenigen relevanten Weltraumliedern, die es überhaupt gibt).

UNDER-SEA TRACTOR-SPHERE ROAMS OCEAN FLOOR, Modern Mechanix, January 1935

——— Anonymer Artikel:

Die Wunder der Meerestiefe

Ein neuer Tiefenrekord — 830 Meter unter der Seeoberfläche.

in: Prager Presse, 14. August 1934, Seite 4:

Hamilton (Bermuda-Inseln), 13. Aug. Die amerikanischen Forscher Dr. William Beebe und Otis Barton stellten in ihrer kugelförmigen „Bathysphere„, 8 Seemeilen östlich von St. Georg, einen neuen Tiefenrekord auf. Sie erreichten eine Tiefe von 765 Metern unter der Meeresoberfläche. Die Forscher verblieben drei Stunden unter Wasser und machten in großer Tiefe Kino-Aufnahmen durch Quarzfenster mittels Starkstrom-Scheinwerfern. Sie gaben telephonisch fortlaufend eine Beschreibung ihrer Erlebnisse und berichteten, daß das Tageslicht bis in eine Tiefe von 57 m dringe und daß in größerer Tiefe die Tier- und Pflanzenwelt unvorstellbare Formen an Zahl und Schönheit aufweise.

UNDER-SEA TRACTOR-SPHERE ROAMS OCEAN FLOOR, Modern Mechanix, January 1935Die „Bathysphere“ hat 2 m Durchmesser, ist 2 Tonnen schwer und ähnlich ausgerüstet wie ein Stratosphärenballon.

INS. Hamilton (Bermuda-Inseln), 13. August. Der amerikanische Tiefseeforscher Dr. William Beebe will seinen Verusuch bereits in den nächsten Tagen wiederholen und möglichst auf 1000 m gehen. Der Tauchapparat Bartons besteht aus einer völlig wasserdicht verschließbaren Kugel von einem Innendurchmesser von nur 1,20 Meter, so daß die beiden Insassen die 3 Stunden u. 5 Minuten, während der sie sich unter Wasser befanden, in denkbar unbequemer Stellung verbringen mußten.

Ueber die Fülle der sich ihren Augen enthüllenden Wunder der Tiefsee gab Dr. Beebe folgende begeisterte Schilderung:

„Die menschliche Sprache ist zu arm, um die Herrlichkeit und Pracht der Natur zu schildern, die uns die Tiefe bisher verborgen hat. Wir bestiegen um 9 Uhr morgens unsere Tauchergondel, die 400 Pfund schwere Panzertür wurde hinter uns versperrt und wir wurden langsam durch den Kran des Begleitschiffes ins Wasser gelassen. Anfangs umfing uns das kristallklare von der Sonne durchleuchtete Wasser, allmählich nahm das Wasser eine graue Farbe an, die dann in ein undefinierbares Blau überging. Bei 2500 Fuß, der größten von uns erreichten Tiefe, war das Wasser schließlich ganz schwarz. In dieser Tiefe war unser Tauchapparat dem enormen Druck von 500.000 Tonnen ausgesetzt. Die Temperatur in der Gondel betrug 6 Grad Celsius. Wir wußten nicht, ob unsere Kugel bei einem noch größeren Druck weiter dicht halten würde, außerdem ging unser Sauerstoffvorrat zu Ende, so daß wir uns nach halbstündigem Aufenthalt und einer Gesamttauchzeit von 3 Stunden 5 Minuten entschließen mußten, das Signal zum Hochziehen zu geben. Vor unseren begeisterten Augen zog das leben der Tiefsee in seinen hundertfältigen unbeschreiblichen Formen vorüber. Mit Hilfe unseres starken Scheinwerfers erleuchteten wir das uns umgebende Wasser, in das noch nie ein Sonnenstrahl gedrungen war. Fische von phantastischen, beinahe unvorstellbaren Formen huschten an dem Fenster der Gondel vorbei. Wir haben viele Arten gesehen, von denen die Wissenschaft sich noch nichts träumen ließ. Erstaunt war ich über die Größe der in dieser Tiefe noch lebenden Fische, von denen einige eine Länge von 2 m erreichten. Wenn wir das Licht unseres Scheinwerfers in der dunklen Wassertiefe verlöschten, enthüllte sich uns ein weiteres Wunder. Das Meer irrlichterte weithin von den Bewohnern der Tiefsee, von denen jeder ein einzigartig phosphoreszierendes Licht ausstrahlte, das vielleicht ebenso zur Beleuchtung als auch zum Anlocken von Beute dienen soll.

Mancher Fisch strahlt ein so helles Licht aus, daß unsere Augen beinahe geblendet wurden, wenn das Tier in die Nähe unseres Fensters kam. Einige größere Fische stießen mit unserer Gondel zusammen und wir sahen, wie sie in Stücke zerplatzten. Am schönsten war ein Fisch, den wir in 800 Meter Tiefe sahen. Er erschien uns fleischfarben und war ebenfalls mit einem starken Licht ausgestattet. Es ist schade, daß wir die Tiere nicht mit an die Oberfläche bringen konnten, um sie hier einer wissenschaftlichen Untersuchung zugänglich zu machen. Der Erfinder unseres Tauchapparates will eine besondere Vorrichtung herstellen, mit deren Hilfe wir die Bewohner der Tiefsee einfangen und sie mit gleichbleibenden Druck mit an die Oberfläche nehmen können. Nach einem weiteren Tauchversuch, bei dem wir, wie gesagt, 3000 Fuß tief gehen wollen, werde ich meine Tiefenforschung vielleicht auch in europäischen Gewässern fortsetzen. Ich nehme jedoch an, daß das Leben der Tiefsee über all gleich ist und daß wir dort keine anderen Abarten von Lebewesen entdecken werden, als bei der Bermuda-Inseln.“

UNDER-SEA TRACTOR-SPHERE ROAMS OCEAN FLOOR, Modern Mechanix, January 1935

Der Astronom ist gewohnt, mit ungeheuren Zahlen und hohen Geschwindigkeiten zu rechnen.

Kapitel XVII, a. a. O.

——— Robert D. Potter, Science Editor:

We Live INSIDE a Globe, Too

Our Earth’s Just a Speck in a Flat Galaxy Which, Science Now Finds, Is Enveloped by a Spherical Star Mantle

in: The American Weekly. Greatest Circulation in the World. „The Nation’s Reading Habit“ Magazine Section—Milwaukee Sentinel, Copyright. 1944, by American Weekly, Inc. All Rights Reserved,
aus: The Milwaukee Sentinel. Dedicated to Truth, Justice and Public Service. One of the Oldest Business Institutions in Milwaukee—Founded June 27, 1837, 3 Cent in Milwaukee County, Elsewhere 5 Cent, Volume CVII, no. 28,
an den meisten Orten ausgewiesen für 18. März 1944, laut Original-Scan „Week of March 19, 1944“, Seite 4:

Modern Mechanix. Yesterday's tomorrow, todayPrimitive man believed that he lived on a flat earth under a round sky, ruled by the sun by day, and the stars at night.

Early astronomers dissipated half this illusion when they demonstrated that the world is round and revolves around the sun.

Later students of the stars have spent much research and thought on the shape of the sky — or, rather, as we now understand things, the shape of the physical universe of which our world is an infinitesimal part.

Their first conclusion was that the universe — or at least the galaxy in which the earth is situated — is, in general terms, flat. Our galaxy has been pictured as a great pinwheel of stars, shaped like a watch — round and wide two ways like a plate, but relatively thin in the third dimension.

But, curiously, quite recent discovieries at Harvard College Observatory point toward the possibility that primitive man was right in conjecturing that the firmament is round.

While our galaxy may be watch-shaped, it now appears that it is surrounded by a haze of other stars so distributed as to make the entire structure spherical.

As pictured by Dr. Harlow Shapley, Director of Harvard College Observatory, our galaxy, in its external structure, is shaped like a huge orange. Most of it is empty space, of course, but there is a concentration of stars in the central plane of this ball, the flat plane theat would appear if you cut the orange through the middle.

On each side of this great stellar belt, however, is the misty haze of stars — the mantle of heavens — which has now been discovered.

Stellar distances are so great astronomers do not talk about any little unit of length such as a mile; rather they speak in terms of „light-years,“ which is not a unit of time but is a unit of distance. A light-year is the distance lightr would travel in a year at its fantastic speed of 186,000 miles a second. If you have a pencil and enough paper you can figure out that a light-year is nearly equivalent to 6 trillion miles.

Astronomers used to say that the flat, pinwheel-shaped galaxy, shaped like a watch, was 100,000 light-years across and only 30,000 light-years thick.

Our sun, only one of millions of stars in the galaxy, was located about 30,000 light-years off the center.

The new astronomical discoveries have not changed the location of the sun, and, of course, our earth, in this great belt of stars.

The new discoveries show, however, that the mantle of stellar haze extends outward from the central plane for a distance of 10,000 light-years.

Modern Mechanix. Yesterday's tomorrow, todayThe drawing of the new ball-shaped galaxy on this page shows the sun and planets magnified nearly 6,500 times. This means if the globular galaxy were drawn to the same scale it would have to be nearly seven miles in diameter. Finding the solar system in it would be like trying to find a silver dollar on Manhattan Island in New York City.

Astronomy got its yardstick of heavenly distances by the variable stars. If astronomers looked at some distant nebula and found a puslating variable star in it, they could work out its true bightness. And, when they knew this, they could see how much its original light was dimmed on its way to man’s telescopes on earth.

When they learned that, they knew in turn how far away the stars was.

That’s how Harvard’s Dr. Shapley and his colleagues worked out the new dimensions and shape of our star galaxy.

Trying to find out where he lived in relation to other worlds and stars has been one of man’s most disillusioning discoveries.

Being a very conceited individual, man first pictured his home, the earth, as the center of the entire universe. Planets, the sun, and the stars, all revolved around him — or so he thought.

Then, with Copernicus, came the discovery that the earth was not the center of all things. Rather the earth was only one of several planets which were satellites of our sun. This was a great comedown for man’s vanity, for he finally realized that his home was just a tiny speck of matter in space.

But even this picture was pretty flattering. If the earth wasn’t the center of the universe, then at least it was attached to the sun, which was

But this was not the end of the unhappy process of pricking the bubble of man’s vanity. It was discovered that our sun was just one star amongst countless billions of stars.

This larger grouping of stars was called a galaxy.

But even that was not the end. Our galaxy was important, all right., but it was only one family of stars amongst countless others in space.

In a scientific sense man gradually grew up as he increased his knowledge. At first he was a little child who thinks he is the center of all things. The he discovered he was just a satellite of his parents. Next he discovered his parents were only individual persons among millions.

Finally he discovered that these people lived on a tiny speck of matter called the earth, which was very insignificant in space.

All of these discoveries, of which Harvard adds the newest facts, explain why astronomers seldom have a swelled head. They above all people know how small man’s home is in the scheme of greater things.

Modern Mechanix. Yesterday's tomorrow, today

Was mich alles daran erinnert, wie begierig und akkurat einst Carl Barks den National Geographic für seine Entenhausener Berichte verfolgte — dass man anhand der dortigen Veröffentlichungen schon mal raten konnte, welche neuen Erkenntnisse und Erfindungen im nächsten Donald Duck vorkommen müssten. Ein Thema, das ich mitnichten zur Bearbeitung freigebe, das will ich nämlich selber.

Bilder: Modern Mechanix: UNDER-SEA TRACTOR-SPHERE ROAMS OCEAN FLOOR, Januar 1935;
Science and Mechanics: SCIENCE NEWS of the MONTH, Februar 1936;
Popular Science: Static from the Stars, Januar 1948,
alle via Modern Mechanix. Yesterday’s tomorrow, today.

Soundtracks chronologisch:

Written by Wolf

19. August 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Symbolismus

Siehst du

leave a comment »

Update zu Warum wir trotz allem Thomas Mann lieb haben:

Death in Venice, 1971, via Moments of Being

Thomas Mann als Lyriker.

Death in Venice, 1971, via Moments of Being

——— Thomas Mann:

Siehst du, Kind, ich liebe dich

in: Die Gesellschaft, Jahrgang 11, Band 1, Leipzig, Januar 1895;
in Buchform: Thomas Mann: Die Erzählungen, Stockholmer Gesamtausgabe;
wiederabgedruckt in: Gesammelte Werke VIII, 1105;
cit. Große Kommentierte Frankfurter Ausgabe, Band Fiorenza/Gedichte/Filmentwürfe, 2014:

Siehst du, Kind, ich liebe dich,
Da ist nichts zu machen;
Wollen halt ein Weilchen noch
Beide drüber lachen.

Aber einmal, unverhofft,
Kommen ernste Sachen, —
Siehst du, Kind, ich liebe dich,
Da ist nichts zu machen!

Thomas Mann.

Death in Venice, 1971, via Moments of Being

Bilder: Dirk Bogarde als Gustav von Aschenbach, Björn Andrésen als Tadzio und ein venezianischer Papagallo als venezianischer Papagallo in Luchino Visconti: Tod in Venedig, 1971,
via Moments of Being, 13. September 2015.

Death in Venice, 1971, via Moments of Being

Soundtrack: Gustav Mahler: 5. Symphonie, III. Abteilung: Adagietto, ebenda.

Fachliteratur: Silvae: Fickfackerei, 25. April 2015.

Death in Venice, 1971, via Moments of Being

Bonus Track: The Proclaimers, nicht schwul, sondern Zwillinge: I’m Gonna Be (500 Miles), nicht aus How I Met Your Mother, 2005 ff. und nicht einmal aus Benny & Joon, 1993, sondern: Sunshine on Leith, nicht genuschelt, sondern schottisch, 1988.

Written by Wolf

24. Juni 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Symbolismus

Wenn es Ihnen versagt würde to translate

leave a comment »

Update zu And Rilke says to this guy:

Bei dem Thema von Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt, falls es eins hat, kommt selten ein direkter Kontakt mit den zitierten Schreibern zustande, weil kaum einer seit weniger als hundert Jahren tot ist. Anders verhält es sich mit Christian Meurer, der gesund ist und im März 2005 für die Titanic einen dermaßen dankenswert aufschlussreichen Artikel geschrieben hat, dass er einfach hier unterkommen musste — übrigens mit ausdrücklich eingeholtem Einverständnis der Titanic. Der Titanic etwas recht machen, das kriegt nicht gleich jeder hin.

Das freut sogar Herrn Meurer selbst. Dieser Tage, etwa eineinhalb Jahre, nachdem ich seinen Artikel fürs Internet gerettet habe, hat er erfreut kommentiert (hier gekürzt und angeglichen):

Das freut mich ja sehr, dass mein alter Artikel zumindest im Netz noch weiterlebt. Eine sehr interessante Tatsache war mir damals noch nicht bekannt, darum sei sie hier nachgetragen: Lady Gaga ist ebenfalls ein Kappus-Fan, wie vielen Artikeln über sie im Netz zu entnehmen ist, hat sie sich ein Zitat aus den Rilke-Briefen an ihn auf deutsch auf den linken Arm tätowieren lassen […].

Besten Gruß,

Christian Meurer

Da hat der Experte natürlich recht. Tatsächlich trägt die New Yorker Unterhalterin Stefani Joanne Angelina Germanotta, die leider seit längerem unverhältnismäßig prominent als „Lady Gaga“ auftritt, seit 6. August 2009 eine kalligraphierte Tätowierung auf der Innenseite ihres linken Unterarms.

Lady Gaga zeigt ihr Rilke-Tattoo

Links, das musste sein, weil sie allein ihre linke Körperseite, die sie deswegen ihre „Iggy-Pop-Seite“ nennt, für Tätowierungen vorgesehen hat. Ihre rechte Körperseite, die deswegen „Marilyn-Monroe-Seite“ heißt, gestaltet sie ihrem Vater zu Gefallen nur mit abwaschbaren Mitteln und Weißraum.

Inhalt der Kalligraphie ist eine Stelle aus dem ersten der Briefe an einen jungen Dichter vom 17. Februar 1903 — und zwar für eine Amerikanerin, die sich bei Three Tides Tattoo im japanischen Osaka tätowieren lässt, erstaunlich genug im deutschen Original (Zeilenumbrüche wie in der Tätowierung):

Prüfen Sie, ob er in der tiefsten Stelle Ihres
Herzens seine Wurzeln ausstreckt, gestehen
Sie sich ein, ob Sie sterben müßten, wenn es Ihnen
versagt würde zu schreiben. Muss ich schreiben?

Lady Gagas Rilke-Tattoo

Frau „Gaga“ erklärt — möglicherweise auf dem oberen Bild — den Sinn ihrer Körperzier damit, dass Rainer Maria Rilke ihr „Lieblingsphilosph“ (favourite philosopher) sei und dessen „Lebensanschauung der Einsamkeit“ (philosophy of solitude) in besonderem Maße zu ihr spreche. Jedenfalls ist es eine Stelle, auf die eine junge Amerikanierin innerhalb der Populärkultur in Sister Act (1992) stoßen kann, wie von Christian Meurer dargestellt.

Zwischen den Text gepresst steht noch auf Frau „Gaga“: „12/18/1974“ — ein Datum, das zwölf Jahre vor ihrer Geburt liegt und von der ergiebigsten Informationsquelle in diesem Belang — Gagapedia — bisher unerläutert bleibt: Was geschah am 18. Dezember 1974, das Lady Gaga für so bedeutsam für ihr Leben hält, dass sie sich eine stete Erinnerung daran eintätowieren ließ?

Laut der zweitsprudelndsten Quelle How to Tattoo ist es das Todesdatum ihrer Tante Joanne, für deren Wiedergeburt die junge Stefani Joanne Angelina sich zumindest im August 2009 hielt. In Gagapedia aber, was schwerer wiegt und weiter führt, wird Rilke mit dem Wortlaut übersetzt:

In the deepest hour of the night, confess to yourself that you would die if you were forbidden to write. And look deep into your heart where it spreads its roots, the answer, and ask yourself, must I write?

Rilkes Text von Lady Gagas Tattoo

Welcher Übersetzer „in der tiefsten Stelle Ihres Herzens“ mit „in the deepest hour of the night“ wiedergibt, will ich dann schon gar nicht mehr wissen. Das ist nur das erste Beispiel aus der Errata-Liste für zwei nicht sehr verwickelte Sätze, auf die übrigen kommt man schon mit gängigem Schulenglisch. Wenn englische Rilke-Übersetzungen diese Qualität durchhalten, wundert mich auch der Welterfolg einer „Lady Gaga“ nicht — die wenigstens schlau genug war, sich bei Three Tides Tattoo den deutschen Originaltext stechen zu lassen.

Dafür und dass sie so brav auf ihren Herrn Daddy hört, verdient sie Respekt. — And thanks to Christian Meurer for caring and sharing!

Bilder: Tattoo Donkey;
How to Tattoo: Lady Gaga’s New Tattoo:

5) The Rilke Tattoo
Written in German, is a quote from “Letters to a Young Poet” by Rainer Maria Rilke, Gaga’s favorite philosopher, along with the death-date of Gaga’s aunt, Joanne, 12/18/1974, whom Gaga thinks she is a reincarnation of.

Als Bonus-Track diene uns ein Lied aus Lady Gagas erster Schallplatte, nachdem sie ihre Tätowierung mitgebracht hatte: Born This Way, 2011. Es bezeugt, was genau die „Künstlerin“ (Selbstauskunft) mit der deutschen Sprache verbindet. Außer Rilke natürlich.

Written by Wolf

3. Dezember 2014 at 15:25

Veröffentlicht in Schall & Getöse, Symbolismus

Auf der Suche nach den aufgegebenen Blogs

leave a comment »

Varvara Lozenko, Aspiration, 15. Juni 2011——— Jochen Schmidt: 18. Fr, 4.8., Odessa, Uspanskaja 13; In Swanns Welt, Seite 355–376,
in: Schmidt liest Proust. Quadratur der Krise, Voland & Quist, Dresden und Leipzig 2008, Seite 50:

Was hilft es Swann, wenn Odette sich gemein verhält und die erste Frische ihrer Jugend bereits eingebüßt hat?

Ja genau: Was frommt’s? Ihm wahrscheinlich nichts, ihr schon eher.

Wenn vor zehn Jahren jemand Marcel Proust gelesen hat, musste er unweigerlich gleich darüber bloggen. Mir fallen ungestützt vier Weblogs zu dem Thema ein aus der Zeit, als das Internet nicht aus Apps bestand und seine Nutzer weiter als 140 Zeichen dachten, bei Jochen Schmidt aus dem Land der Literaturverächter und Langweiler ist sogar ein kostenpflichtiges P-Book draus geworden. Inzwischen wäre Gelegenheit nachzuschauen, ob einer von denen jusqu’au fin durchgehalten hat:

Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Sääle? Eigentlich kann er gleich Proust lesen.

Im Schatten junger Mädchenblüte: Varvara Lozenko: Aspiration, 15. Juni 2011.

Written by Wolf

30. Mai 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Symbolismus

And Rilke says to this guy

with 11 comments

Update zu Schlachtens:

——— Franz Xaver Kappus: Sonett,
cit. nach Meurer, s.u.:

Durch mein Leben zittert ohne Klage
Ohne Seufzer ein tiefdunkles Weh.
Meiner Träume reiner Blütenschnee
Ist die Weihe meiner stillsten Tage.

Öfter aber kreuzt die große Frage
Meinen Pfad. Ich werde klein und geh
Kalt vorüber wie an einem See
Dessen Flut ich nicht zu messen wage.

Und dann sinkt ein Leid auf mich, so trübe
Wie das Grau glanzarmer Sommernächte,
die ein Stern durchflimmert — dann und wann

Meine Hände tasten dann nach Liebe,
weil ich gerne Laute beten möchte,
die mein heißer Mund nicht finden kann.

Die Titanic war schon immer die eine Zeitung, der ich jedes Wort glaube. Gelohnt hat sich mein Kinderglaube im März 2005, als Christian Meurer einen der gerade mal zwei Zeitungsartikel veröffentlichte, die ich als meine bedeutenden Einflüsse einstufe.

Wie alles wahnsinnig Tolle war die Titanic „früher auch schon besser“, jedenfalls könnten sie sich manche Furz- und Pimmelwitzchen und vielerlei gewollt wirkende Häme sparen. Dafür findet sich in den meisten Ausgaben bis heute ein redaktionsintern so genannter „Boehlich“: ein besonders tief recherchierter Beitrag, der dann meistens das ganze Heft wert ist — benannt nach Walter Boehlich, der bis kurz vor seinem allerletzten Federstrich 2006 seinen Blödelheftchenkollegen Monat für Monat vormachte, wie’s geht. Die fulminantesten Stücke — finde ich — liefert seither Christian Meurer, dem allein für seine Themenfindungen jeder Journalistenpreis gehört.

Sein Artikel über den jungen Dichter, an den Rainer Maria Rilke seine gleichnamigen Briefe schrieb, ist ein Parforceritt durch Literatur und Militärwesen des jungen 20. Jahrhhunderts in Deutschland und Österreich-Ungarn, und Hollywood, ein Weihnachtsgassenhauer und ein Happen Zeitgeschichte kommen auch vor. Für einen Weblog-Artikel braucht das einen vergleichsweise langen Atem, langatmig ist es nicht, versprochen.

Der Text ist abgetippt, nicht eingescannt; ich bitte deshalb wie immer meine aufmerksamen Leser, mich auf Tippfehler aufmerksam zu machen, das prodest jedem et delectat alle.

——— Christian Meurer:

Gesetz der Tiefe, Sauerkohl.
Aus dem Leben von Franz Xaver Kappus, dem Mann, der Rilkes „junger Dichter“ war

in: Titanic, März 2005, Seite 54 bis 62:

Cover Titanic März 2005Dresdens „gläserne Manufaktur“, monströser Schneewittchensarg für die VW-Totgeburt Phaeton, sah ihre Transparenz unlängst zur Transzendenz erweitert: Im Schlepptau von weiland Lothar-Günther Buchheims bärbeißigem „Boots“-Kaleu Jürgen Prochnow enterte Nina Hoger samt zwei lyrischen Leichtmatrosen: „Sonnenallee“-Jüngling Robert Stadlober und dem drallen Jodel-Wunder „Zabine“ die Planken des dort seit der Hochwasserkatastrophe installierten Podiums, um zur Kaperfahrt durch Rilkes „Weltinnenraum“ aufzubrechen: „Zwischen Tag und Traum“, so der vor futuristischer Fertigungskulisse angepeilte Navigationskurs. Dieweil die Phaeton-Nachtschicht auf allen Etagen die Schweißfunken stieben ließ, setzten multimedial auf Stoffbahnen projizierte Rilkezitate an Hitler-, Bush- und Mao-Portraits dem „Rilke-Projekt“ die kontrasthellen Positionslaternen.

Die Szene ertrank in Seichtigkeit bzw. Hintergrundgeplätscher des Komponisten-Duos Schönherz/Fleer. das den deutschen CD-Markt schon seit Jahren mit Promi-Breitseiten Rilke bestreicht. Insgesamt 25 Tourneestationen von Kiel bis München lief das trunkne Lyrik-Schiff an, regelmäßig ging Rilkes Silberfracht dabei in Ovationen unter; in denen verrauschte, daß bei den vier von VW gesponserten Schlingerfahrten auch ein blinder Passagier der Literaturgeschichte an Bord war: Franz Xaver Kappus, Adressat von Rilkes „Briefen an einen jungen Dichter“. Im miederartigen Knüllgewand erwies ihm Nina Hoger die Reverenz und rezitierte aus dem Schreiben vom 12. August 1904: Wäre es uns möglich, weiter zu sehen, als unser Wissen reicht, und noch ein wenig über die Vorwerke unseres Ahnens hinaus, vielleicht würden wir unsere Traurigkeiten mit größerem Vertrauen ertragen als unsere Freuden. Denn sie sind die Augenblicke, da etwas Neues in uns eingetreten ist, etwas unbekanntes, unsere Gefühle verstummen in scheuer Befangenheit, alles in uns tritt zurück, es entsteht eine Stille, und das Neue, das niemand kennt, steht mitten darin und schweigt.

Cover Rainer Maria Rilke, Briefe an einen jungen Dichter, Insel-Bücherei Nr. 406Habent sua fata libelli: Während der kleine Insel-Pappband in Deutschland zumeist hinterm Glasschliff knarzender Bücherschranktüren verdämmert, hält sich seine Auflage im angelsächsischen Sprachraum konstant in Millionenhöhe. Lange vor der Dresdener Kitsch-Havarie hatte diese Popularität Odysseen in eigenartigste Zusammenhänge gezeitigt: So verschlägt es in der TV-Horror/Fantasy-Serie „The Beauty and the Beast“ die Staatsanwältin Catherine Chandler („Terminator“-Lady Linda Hamilton) in die Katakomben von New York, wo sie der monströse Löwenmensch und Rilkefreund Vincent (Ron Perlman) fortan beschützt und angelegentlich aus dem achten Brief an den jungen Dichter vom 12.8.1904 zitiert: Vielleicht sind alle Drachen unseres Lebens Prinzessinnen, die nur darauf warten, uns einmal schön und mutig zu sehen. Vielleicht ist alles Schreckliche im tiefsten Grunde das Hilflose, das von uns Hilfe will. Als Teilzeit-Nonne Lenoris zieht auch Whoopi Goldberg in „Sister Act II“ praktische Nutzanwendung aus den „Letters to a Young Poet“: Sie schenkt ein entsprechendes Paperback einer jungen Gospelsängerin, die mit sich hadert, ob sie professionell ins Show-Metier einsteigen soll oder das der Mama zuliebe bleiben läßt, wofür Rilke im ersten Brief diesen Rat hatte: Erforschen Sie den Grund, der Sie schreiben heißt, prüfen Sie, ob er in der tiefsten Stelle Ihres Herzens seine Wurzeln ausstreckt, gestehen Sie sich ein, ob Sie sterben müßten, wenn es Ihnen versagt würde zu schreiben. Dieses vor allem fragen Sie sich in der tiefsten Stunde Ihrer Nacht: muß ich schreiben?

Notorischster Rilke-Fan und „Junger-Dichter“-Enthusiast bleibt allerdings Dustin Hoffman. Schon bei der Verleihung der „Goldenen Kamera“ 2003 hatte er vor versammelter Mannschaft von Loriot bis Bild-Klatschtante Christiane Hoffmann zwei Zettel aus der Tasche gekramt, um aus dem dritten Brief vom 23. April 1903 vorzutragen: Kunstwerke sind von einer unendlichen Einsamkeit und mit nichts so wenig erreichbar als wie mit Kritik. Nur Liebe kann sie erfassen und halten und kann gerecht sein gegen sie. Hoffman vorab zu Journalisin Nina Rehfeld über die „letters“: „It’s my bible. Someone gave it to me when I started acting. I read it over and over again.“

All diese Allotria hätte sich der k.u.k. Militärzögling Franz Xaver Kappus im Herbst 1902 schwerlich träumen lassen, als er auf Parkbänken der Militäranstalt in Wiener Neustadt zu Gedichten Rilkes mißmutig sein Pausenbrot zerkaute. Als ihm der aufsichtführende Geistliche dabei einmal die Lektüre abknöpfte, staunte der nicht schlecht: 15 Jahre zuvor hatte er den jungen René Rilke in der Militär-Unterrealschule St. Pölten ebenfalls unter seinem Traktament gehabt. Die Schicksalsparallele ermutigte Kappus, Rilke einen Brief zu schreiben, in dem er sich so rückhaltlos offenbarte, wie nie zuvor und niemals nachher einem zweiten Menschen. Selbstgefertigte Verse legte er zur Begutachtung bei.

Im Februar 1903 erreichte den Kadetten dann ein dicker Umschlag aus Paris. In einer ausführlichen Replik riet Rilke zu apodiktischer Unbedingtheit: Jeder äußere Einfluß, jede Einflußnahme durch andere sei streng zu meiden, statt dessen vollständige Konzentration auf die Frage geboten, ob Schreiben eine unveräußerliche Existenznotwendigkeit sei. Der verdatterte Kappus antwortete postwendend, und so entspann sich über zwei Jahre ein kleiner Briefwechsel, in dem der unstet aus Rom, Worpswede, Viareggio und Borgeby/Schweden auf seinen angehenden Adepten einschwadronierende Rilke diesen in seraphischen Appellen beschwor, sich zu seiner Lebensproblematik eine neue Perspektive zuzulegen: Sie sind so jung, so vor allem Anfang, und ich möchte Sie, so gut ich es kann, bitten, lieber Herr, Geduld zu haben gegen alles ungelöste in Ihrem Herzen und zu versuchen, die Fragen selbst lieb zu haben, wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind. Hinter diesen Fragen eröffne sich ein Weltgetriebe, das sich jeden Daseinszusammenhang unterordne, um so unaufhörlich sein innewohnendes Grundprinzip zu verdeutlichen: In einem Schöpfergedanken leben tausend vergessene Liebesnächte auf und erfüllen ihn mit Hoheit und Höhe. Und die in den Nächten zusammenkommen und verflochten sind in wiegender Wollust, tun eine ernste Arbeit und sammeln Süßigkeiten an. Tiefe und Kraft für das Leid irgendeines kommenden Dichters, der aufstehen wird, um unsägliche Wonnen zu sagen. Und rufen die Zukunft herbei, und wenn Sie auch irren und sich blindlings umfassen, die Zukunft kommt doch, ein neuer Mensch erhebt sich, und aus dem Grunde des Zufalls, der hier vollzogen scheint, erwacht das Gesetz, mit dem ein widerstandsfähiger, kräftiger Samen sich durchdrängt zu der Eizelle, die ihm offen entgegensieht. Lassen Sie sich nicht beirren durch Oberflächen, in der Tiefe wird alles Gesetz. Speziell als junger Dichter habe man sich diesem Totalzusammenhang schutzlos auszuliefern, für seine Anrufungen die Einsamkeit in sich groß werden zu lassen und die eigene Biographie zum schlackenlosen Ornament gelebten Kunstwillens zu präparieren.

Vier Jahre später, um Neujahr 1909, erreichte den inzwischen auf einem Bergfort irgendwo in der kakanischen Levante diensttuenden Kappus ein letzter Brief. Rilkes Valet: Mit der Abgeschiedenheit seines Schützlings sei er sehr zufrieden, so sei er, Kappus, nicht in einen jener halbartistischen Berufe hineingeraten, die die Kunst praktisch leugnen, wie etwa der ganze Journalismus es tut und fast alle Kritik und dreiviertel dessen, was Literatur heißt. Er freue sich, daß Kappus die Gefahr, da hineinzugeraen, überstanden habe und irgendwo in einer rauhen Realität einsam und mutig sei.

Die 1929, drei Jahre nach Rilkes Tod, von Kappus veröffentlichten Briefe avancierten in ihrer wunderlichen Klitterung von Andacht, Gedankenflucht und typisch rilkeschen Einsamkeitsräuschen alsbald zum probaten Seelentonikum für Heranwachsende in der späten Weimarer Republik; als eiserne Ration galten sie später auch unter inneren Emigranten in Nazijahren und Nachkriegszeit. Für den Herausgeber ein beachtlicher Erfolg; der bohrenden Frage, die schließlich C-Autorin und Nichtdichterin Rebecca Casati via „SZ“ zu stellen sich angelegen sein ließ, hat sich die Öffentlichkeit trotzdem bislang verweigert: „Was eigentlich wurde aus Franz Xaver Kappus, der sich den Rat vor 100 Jahren sehr zu Herzen genommen hat? Wer liest heute seine Bücher? Hat er überhaupt welche geschrieben?“

Ein umfängliches Werk hat Kappus zwar hinterlassen; durch das Rilkescher Geist aber nur sehr lau weht. Schon im Vorwort zu den „Briefen“ deutet Kappus an, daß ihn das Leben auf Gebiete abtrieb, vor denen des Dichters warme zarte und rührende Sorge mich eben hatte bewahren wollen. So erhielt sich von seinem lyrischen Schaffen nur ein einziges „Sonett“ (siehe Kasten), das Rilke ihm eigenhändig abgeschrieben zurückschickte. Ansonsten trug Kappus am schweren Rucksack Rilkescher Ambitionsanregungen nicht sonderlich lange: Schon 1903, im Jahr des Briefwechsels, veröffentlichte er unter dem Titel „Im mohrengrauen Rock“ einen Sammelband „Militär-Humoresken“. (Das an Rilke abgegangene Belegexemplar verschlampte die italienische Post.)

Vom Prinzip Kraut und Rüben, das hier, zwischen Jardin des Plantes und Kasernenhof, erstmals aufschien, ließ sich Kappus auch fortan leiten, wie ein „Im Spiegel“ überschriebenes Selbstportrait belegt, das die „Berliner Morgenpost“ im Erscheinungsjahr der „Briefe“ 1929 samt Autor vorstellte. Der Korrespondenz mit dem Großdichter tat der dort keinerlei Erwähnung, statt dessen erfuhr man, daß die Hauptursache seiner Drangsale auf der Milität-Akademie in Wiener Neustadt eine Chordame des Stadttheaters gewesen. Die Abschlußprüfung in den Fächern Geodäsie und Festungskrieg habe er dieser Passion wegen zwar versiebt, sich dafür aber nachhaltig der Poesie verpflichtet (Ihr verdankte der „Mürzzuschlager Bote“ mein tiefempfundenes Gedicht „An Maltschi“, das mit den Worten begann: „Oh du, die du…“). Auch seinem späteren Regiment wollte der nach Wien kommandierte Leutnant nicht zur Zierde gereicht haben: Regelmä0ig patzte die Wache unter seinem Kommando beim Aufmarsch an der Burg, zum Tee der Regimentskommandeuse fehlte er unentschuldigt. Dazu hatte ich zwei Hunde, eine Schreibmaschine, drei Verhältnisse und Schulden. Solcherart belastet, stand ich vor der Wahl, entweder die Kriegsschule zu versuchen oder zu heiraten, ich entschied mich für das zweite. Leider brannte mir meine Braut mit ihrem vorletzten Liebhaber durch und hinterließ mir nichts als einen Topf und die Partitur von „Lohengrin“. Ein Fiasko, das Kappus immerhin mit einer nützlichen Neurasthenie zurückließ, wertvollste Mitgift im militärischen Friedensleben: Meine gesteigerten „Patellarreflexe“, mein „Lidflattern“ und meine Reizbarkeit machten jahrelang die Regimentsärzte beider Reichshälften erbleichen.

Von Intermezzi wie dem auf der Bergfestung bei Erhalt des letzten Briefs von Rilke abgesehen, lag der wg. Lidflatterns dispensierte Leutnant dem Donau-Doppeladler also nutzlos auf der Tasche. Seine Freizeit gehörte weiter literarischer Betätigung, teils weil mein Genius mich dazu drängte, teils um meine Vorgesetzten zu ärgern. So entstanden Gedichte, die niemand drucken wollte, und Militärhumoresken, die wie warme Semmeln abgingen. Kapitelweise in Angriff nahm er dazu den Polizeihund-Roman „Der Weg ins Tal“, den das k.-u.-k. Kriminal-Organ „Der Gendarm“ in Fortsetzungen druckte. Von Bergfestung und Bellestristik erlöste ihn ab 1909 ein Druckposten: Kriegsminister Auffenberg, der Freund der schönen Künste, protegierte ihn als Oberleutnant ins „literarische Bureau“ in der Wiener Stiftskaserne. Dort dichtete er Verse auf patriotische Ansichtskarten; verfaßte den Erlaß über die „Konservierung des Mündungsdeckels Muster 1909/10“ und kutschierte im übrigen seine Mizzis in Automobilen aus dem Fuhrpark seiner Dienststelle herum. Als es Auffenberg 1912 aus dem Ministerfauteuil hob, war es mit der Praterherrlichkeit vorbei: Kappus mußte den Regimentsärzten abermals sein verschlissenes Nervenkostüm präsentieren, um den alt-österreichischen Garnisons-Tran schwänzen zu können. Wasserdichte Atteste in der Tasche, tummelte er sich in der Zeit bis zum Weltkrieg dann in den Metropolen der Mittelmächte: Die folgenden Jahre wohnte ich teils im Café Dobner in Wien, teils im Berliner Café des Westens, nährte mich von Sketches, die ich für das Varieté schrieb, und fiel mit einer Komödie und einer neuen Heiratschance durch. Sein Auskommen dankte der Militär-Bohemien Kalender- und Postkartenverlagen, die er termingerecht mit patriotischen Stanzen versorgte, die der 1916 erschienene Gedichtband „Blut und Eisen“ dann versammelte.

Plakat Der rote Reiter, 1935Im Oktober 1914 rückte Hauptmann Kappus, ein Bataillon hinter sich, vor das estnische Iwangorod, von wo ihn ein Lungenschuß in die Etappe zum k.u.k. Kriegspressequartier beförderte. Dort war er dabei, wie Weltgeschichte in amtlichen Kommuniqués abdestilliert wurde, und war es selbst, der die Feldherren in klirrenden Versen verherrlichte. Daß es zwei Erzherzöge gab, die beide Josef hießen, erleichterte mir die Aufgabe wesentlich. Im Pressequartier lernte ich auch eine Reihe bedeutender Männer kennen: Sven Hedin, Oskar Kokoschka, Franz Molnar, Ludwig Ganghofer und dergleichen. Dafür mußte ich die Bekanntschaft der Generale Böhm-Ermolli, Stöger-Steiner, Pflanzer-Baltin und anderer Doppelfeldherrn mit in Kauf nehmen. — Ich rächte mich, indem ich auf Vortragsreisen des Witzblattes „Die Muskete“ ihren Ruhm über Berge und Täler trug und noch an sie glauben machte, als alles schon verloren war. Um dieselbe Zeit schrieb ich, um meinen Ärger abzureagieren, den Roman „Die lebende Vierzehn“, in dem die ganze Welt unterging. Schauplatz für Österreich-Ungarns Zusammenbruch war für Kappus Belgrad. Persönliche Kriegsbeute: ein Fliegerpfeil, sechs Liter Sliwowitz und zwei Liebesbriefe in kyrillischer Schrift. Mit all dem entkam er nach Wien, wo er die satirische Wochenzeitung „Der Esel“ gründete, von deren Defizit mehrere Offiziere lebten. Die Gerichtsvollzieher umging er via Budapest, wo Bela Khuns Räte-Regiment ihm aber außer Sauerkohl und Hafergrütze nichts zu bieten hatte. Bis zur 23er Inflation überwinterte der gebürtige Rumäniendeutsche in seiner Heimat, dann siedelte er endgültig nach Berlin über. Zu seinen „Blut und Eisen“-Versen und den 1911 und 1914 unter den Titeln „Ha, welche Lust!“ und „Durch’s Monokel“ erschienenen Militärschwänken kam bald eine stattliche Reihe selbstproduzierter Schmöker auf Bücherbord: Sukzessive mutierte der einstige Weltuntergangsromancier und zeitweilige Witzblatt-Redakteur zum Routinier für Unterhaltungsreißer, größtenteils in Illustrierten und Zeitungen vorabgedruckter Romane wie „Der rote Reiter“, „Der Mann mit den zwei Seelen“, „Der Milliardencaesar“. „Das vertauschte Gesicht“, „Ball im Netz“, „Jacht ‚Estrella‘ verschollen!“, „Martina und der Tänzer“, „Eine Nacht vor vielen Jahren“, „Menschen vom Abseits“, „Die Tochter des Fliegers“, „Brautfahrt um Lena“, „Wettlauf ums Leben“, „Sie sind Viotta!“ oder „Die Verzauberung des Lothar Bruck“. Hinzu kamen Krimis wie „Was ist mit Quidam?“ und „Eine Jacht ist gesunken“ sowie das Südseeabenteuer „Flammende Schatten“: Saisonware für die Pressetrusts Scherl und Ullstein. Der „Rote Reiter“ kam im Februar 1935 sogar als „Tobis-Klangfilm“ heraus.

Im übrigen hielt den Fließbandromancier Kappus sein Unterhaltungsgewerbe aus der Nazi-Zeit jedoch so weit heraus, daß ihm die liberale Friedrich-Naumann-Stiftung bis heute ein ehrendes Andenken bewahrt. Wie dort gelagerte Archivalien belegen, trafen sich am 16. Juni 1945 in Berlin auf Geheiß der Sowjetischen Militäradministration beim Schwiegersohn des ehemaligen Weimarer Reichsjustizministers Schiffer ein paar Herren, um die „Liberaldemokratische Partei Deutschlands“ (später DDR-Blockpartei) aus der Taufe zu heben: u.a. der frühere Reichsinnenminister Külz, der alte Reichswehrminister Noske (SPD) — und Franz Xaver Kappus, der sich unverzüglich in den Vorstand wählen ließ. Aber schon ein Vierteljahr später vermerkt das Sitzungsprotokoll des Dichters Ausscheiden aus dem Leitungsgremium „wegen seines Wechsels in die Redaktion der Ullstein-Zeitung“. Kappus schrieb noch einen Roman mit dem Titel „Flucht in die Liebe“, für ein endgültig auskömmliches Dasein aber sorgte eine Vorkriegs-Stippvisite in noch einem Genre: In Zusammenarbeit mit dem Komponisten Oskar Schima hatte er einst auch ein paar Schlagertexte fabriziert, wobei der einzige echte Evergreen Kappus‘ zustande gekommen war: „Mamatschi„. Die Tantiemen der millionenfach abgesetzten Schnulze vom kleinen Jungen und seinen heiß ersehnten Pferdchen versüßten Kappus zusammen mit den Einnahmen aus den „Briefen“ nicht nur den Lebensabend, sie sorgen auch für eine letzte alljährliche Ehrung: Kappus starb zwar 83jährig im Oktober 1966, seine langlebige Witwe blieb den führenden Männern der Berufsgenossenschaft der deutschen Schlagertexter in der Gema, des Deutschen Textdichterverbands, so eng verbunden, daß sie der Zunft die „Mamatschi“-Einnahmen vermachte; die gerade ausreichen, ein alljährliches Sommerfest auszurichten. Als kleine Huldigung ist dabei seit gut zwanzig Jahren Brauch, daß die Schlager-People zum Schluß den „Witwe-Kappus-Song“ anstimmen, ein auf die Melodie von „Mamatschi“ umgedichtetes Danklied. Der Refrain: „Wir danken der Witwe Kappus/ frohen Herzens, tief bewegt/ wir danken ihr für das Pferdchen/ das uns gold’ne Äpfel legt!“ stammt noch von Hans Bradtke, Autor von Klassikern wie „Pack die Badehose ein“, „Pigalle“ oder „Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett“.

Ein nicht unbeträchtlicher Teil der verfeierten Tantiemen dürfte sich seit 1993 Steven Spielberg verdanken, der „Mamatschi“ in den Soundtrack von „Schindlers Liste“ aufnahm und am Drehort Prag sogar einen Eilkurier zum Berliner Vinylisten- und Schellack-Dorado „Platten-Pedro“ in Bewegung setzte, um die Originalpressung der Erstversion mit der Sängerin Mimi Thoma zu beschaffen. Im Film wird die Platte von einem SS-Mann aufgelegt, um sie über sämtliche Lautsprecher durchs Krakauer KZ schallen zu lassen. Mütter und Kinder des Lagers werden auf einem Platz zusammengetrieben, um mit Lastwagen angeblich „verlegt“ zu werden. Zunächst marschieren die Kinder heran, die fröhlich „Mamatschi“ mitsingen und auf die Ladeflächen klettern. Die Mütter hält man im letzten Moment zurück. Als die Lastwagen anfahren, scheppert zur einsetzenden Massenpanik weiterhin „Mamatschi“ aus den Lautsprechern, auch als die Kamera eines der Kinder verfolgt, das verzweifelt ein Versteck sucht: Unter Krematoriumsöfen, Dachsparren und Barackendielen ist schon besetzt, so daß der Junge endlich in eine randvoll mit Fäkalien gefüllte Latrine springt. Wie hatte Kappus doch am 4. Februar 1910 seinem Regimentskameraden, dem Buchgraphiker Rudolf Heßhaimer, ins Stammbuch geschrieben: Dem Leben nachspüren, seine tiefen Zusammenhänge nicht deuten wollen, sondern sie gestalten, so gut er’s vermag: das ist Ziel und Schicksal des Künstlers.

Bilder: Heftcover via Titanic;
Buchcover via Bookstation;
Donauschwaben Banat Biographies: William Totok: From Expressionism to Entertainment, 14. November 2006;
Film: Heintje – Ein Herz geht auf Reisen, 1969.

Written by Wolf

1. April 2013 at 00:01