Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for the ‘Land & See’ Category

Einst, wenn dieser Lenz entschwand

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Update zu Siehst du und
Die Lust des Mittelstands:

Thomas Mann ist für alles mögliche bekannt – nur nicht dafür – was auch mir nach Jahrzehnten eifriger Rezeption seit August 2021 neu war –, dass er gar nicht Goethe sein wollte, oder für seine Lyrik.

Kein Schaden, er hat seine bekannten Qualitäten, außerdem rettet ihn von seinen Anfängen an eine gewisse Selbstironie. Um diese Ansicht samt der Ironie zu untermauern, hat er praktischerweise eins seiner frühen Gedichte in der Erzählung Gefallen 1894 gleich selbst interpretiert und qualitativ eingeordnet.

——— Thomas Mann:

Gefallen

in: Die Gesellschaft, Jahrgang 10, Leipzig, Oktober 1894:

Władysław T. Benda, They say she is young, a golden girl, created as if from spring sunlight, Hearst's, 1921, via AbecedarianEinmal, an einem schönen, weichen Abend, als er einsam durch die Straßen wanderte, machte er wieder einmal ein Gedicht, das ihn sehr rührte. Es lautete etwa so:

Wenn rings der Abendschein verglomm,
Der Tag sich still verlor,
Dann falte deine Hände fromm
Und schau zu Gott empor.

Ist’s nicht, als ruh‘ auf unserm Glück
Sein Auge wehmutsvoll,
Als sagte uns sein stiller Blick,
Daß es einst sterben soll?

Daß einst, wenn dieser Lenz entschwand,
Ein öder Winter wird,
Daß an des Lebens harter Hand
Eins von dem andern irrt? —

Nein, lehn dein Haupt, dein süßes Haupt
So angstvoll nicht an meins,
Noch lacht der Frühling unentlaubt
Voll lichten Sonnenscheins!

Nein, weine nicht! Fern schläft das Leid, —
O komm, o komm an mein Herz!
Noch blickt mit jubelnder Dankbarkeit
Die Liebe himmelwärts!

Aber dies Gedicht rühre ihn nicht etwa, weil er sich wirklich und ernsthaft die Eventualität eines Endes vor Augen gestellt hätte. Das wäre ja ein ganz wahnsinniger Gedanke gewesen. Recht von Herzen kamen ihm eigentlich nur die letzten Verse, wo die wehmütige Monotonie des Klangfalls in der freudigen Erregung des gegenwärtigen Glücks von raschen, freien Rhythmen durchbrochen ward. Das übrige war nur so eine musikalische Stimmung, von der er sich vage die Tränen in die Augen streicheln ließ.

Damit nicht genug, hat das namenlose Gedicht innerhalb der Handlung einen so festen Platz, dass es am Schluss sinnhaltig ins Schloss schnappen kann:

Dann saß er an seinem Tisch, still und schwach.

Draußen herrschte in lichter Majestät der liebliche Sommertag.

Und er starrte auf ihr Bild, wie sie noch immer dastand, wie früher, so süß und rein …

Über ihm unter rollenden Klavierpassagen klagte ein Cello so seltsam, und wie die tiefen, weichen Töne sich quellend und hebend um seine Seele legten, stiegen wie ein altes, stilles, längstvergessenes Leid ein paar lose, sanft-wehmütige Rhythmen in ihm auf …

… Daß einst, wenn dieser Lenz entschwand,
Ein öder Winter wird,
Daß an des Lebens harter Hand
Eins von dem andern irrt …

Und das ist noch der versöhnlichste Schluß, den ich machen kann, daß der dumme Bengel da weinen konnte.

Svobodnyi Smekh, 1906, via Abecedarian

Bilder:

  1. Władysław T. Benda:

    They say she is young, a golden girl, created as if from spring sunlight.

    aus: Hearst’s, 1921, via Abecedarian: Restoring the Lost Sense, 22. September 2021;

  2. Svobodnyi Smekh, 1906, via Abecedarian: Restoring the Lost Sense, 18. November 2018.

Unter rollenden Klavierpassagen klagte ein Cello so seltsam:
Ludwig van Beethoven: Cellosonate Nr. 2 g-Moll op. 5,2, 1796,
Mstislav Rostropovich & Sviatoslav Richter am Edinburgh Festival, 30. August 1964:

Written by Wolf

18. März 2022 at 00:01

Veröffentlicht in Expressionismus, Land & See

Und der Tag will sich erweiten, denn die Sonne stehet still

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Update zu Meteorologischer Frühlingsbeginn,
Frühlingsreigen Buranum,
Des Maies Wonneschlingen,
Traume-trunkene feministische Ikonen, der lange Weg zum Eros und ein Stück weiter (oder vierzehn),
Lache, liebez frowelîn,
Rotstrumpf,
Da ist schwäb’scher Dichter Schule, und ihr Meister heißt – Natur!
und Blumenstück 004: Und wohl im armen Herzen auch:

Internetpremiere zum meteorologischen Frühlingsanfang: ein seltenes Frühlingsgedicht von Arnim. Die sieben Zeilen marschieren als eine Art erweiterter Limerick ABABCCX mit wiederholendem X, also der Waise als variiertem Refrain. Aus meiner bibliophilen Sicht ist das ein kostbarer Fund. Das kulturpessimistische Gemoser kommt deshalb, um nicht gleich die Frühlingsstimmung aus dem Dichterstubenfensterchen zu scheuchen, bevor sie aufgekommen ist, ausnahmsweise erst nach dem Primärtext.

Frédéric, 2021

——— Achim von Arnim:

Die schönen Ringelraupen

ca. 1806 oder 1814 bis 1831:

Winterwolken schmelzen nieder,
Aus den Augen, aus dem Sinn,
Lässig strecken alle Glieder
Sich auf grünen Rasen hin,
Zögernd sehn sich um die Zeiten,
Und der Tag will sich erweiten,
Denn die Sonne stehet still.

Süße Frühlingslangeweile
Füllt mit Wollust, füllt mit Scherz;
Langsam, langsam, keine Eile,
Sey doch folgsam liebes Herz!
Langsam wird, was gut auf Erden,
Langsam ziehn die Lämmerheerden,
Und sie stehen alle still.

Nehmt mich auf in eure Weiden
Schäflein bin auch ich wie ihr,
Euer Gras, das will ich meiden
Doch die Blumen schenket mir;
Seht die Blumen auf mich schauen,
Soll sie brechen schönen Frauen,
Und sie halten alle still.

Frauen nehmt mir ab die Blüthen
Bin ein Baum, an Blüthen reich,
Wenn als Früchte sie geriethen,
Bräche mir wohl jeder Zweig;
Kommt ihr schlanken Ringelraupen,
Wollet ihr mich nicht entlauben?
Seht ich halte ja so still.

Frédéric, 2021

Das Gedicht bleibt bei der bestehenden Forschungslage vor allem für interessierte Laien zeitlich schwer einzuordnen, daher mein weit veranschlagter Rahmen vom entweder biographisch plausiblen zirka 1806 oder zwischen 1814, als Arnim nicht aus Gründen der Romantik, sondern der Sparsamkeit das weder ihm noch seiner Frau entsprechende Landleben aufnahm, wenngleich immer noch auf dem Familienschloss, bis zu seinem Tod 1831. Das passt immerhin thematisch; die vorhandenen Werkausgaben, von denen man sich erforschte und begründete Wahrheit erhoffen dürfte, sind schwer zugänglich.

Von Achim von Arnim wird von Verlagen immer nur die Prosa verbreitet, die dann meistens ein Briefwechsel ist, seine Lyrik existiert auf dem Buchmarkt, der dann auch noch der antiquarische ist, hauptsächlich in Mir ist zu licht zum Schlafen. Gedichte, Prosa, Stücke, Briefe. Dabei müssen Tausende von Seiten mit Gedichten existieren, darunter gern auch formlos über sich selbst hinauswuchernde Reimereien. Arnim hat seine eigenen Gedichte nie gesichtet, verbessert oder zu Sammlungen geordnet. Die letzte eingehende Ordnung seines Nachlasses bemängelte deren Umfang bei schwerer Lesbarkeit – und das war noch seitens Rahel Varnhagen († 1833).

Das hat Gerhard Wolf – heute noch danke an den guten Mann! – in der Reihe Märkischer Dichtergarten herausgegeben, 1983 noch in der und für die DDR (Buchmarktsuche: Hardcover 1983; Taschenbuch 1984).

Selbst Gerhard Wolf konnte auf nicht mehr zurückgreifen als auf dier frühestmögliche Materialsicherung:

Arnims Lyrik ist bisher noch nicht entsprechend wissenschaftlich ediert, so daß wir uns vor allem, bei notwendig beschränkter Auswahl, an die Sammlungen gehalten haben, die als Band 22 von „Ludwig Achim von Arnims sämtlichen Werken“, bearbeitet von Varnhagen von Ense, und an den als Band 23 bezeichneten zweiten Teil, nach den Handschriften des Goethe-Schiller-Archivs Weimar, herausgegeben von Herbert R. Liedke uhnd Alfred Anger, erschienen; wir geben die Gedichte, soweit wir sie dort fanden, in der alten Schreibweise dieser Ausgaben.

– und selbst bei diesem zaghaften Wiederanfang musste er um der Vielfalt der Anthologie willen noch 60 Seiten auf Des Knaben Wunderhorn verwenden, an dessen kommentarloser Verbreitung weder 1983 noch 2022 ein Mangel herrscht. Der oben zitierte Nachweis stand in einem Nachwort von 1983 über den „23.“ Band von 1976 innerhalb einer 1856 (!) von Wilhelm Grimm (ja, dem Wilhelm Grimm, † 1859) abgeschlossenen 22-bändigen Werkausgabe, bisher ist meines Wissens nichts weiter passiert. O Freies Deutsches Hochstift, o Hanser!

Frédéric, 2021

Und sie halten alle still: Frédéric:

  1. L’ubac et l’adret II (la fin d’un jour d’hiver), 19. Februar 2021;
  2. La leçon de piano, 6. März 2021;
  3. La fée Clochette en RTT, 5. Mai 2021;
  4. La paysagiste (elle aimait bien Van Gogh et lire du Saint Exupéry), 19. Juni 2021.

Frédéric, 2021

Kommt ihr schlanken Ringelraupen: The Cure: The Caterpillar, aus: The Top, 1984,
im Londoner Syon Park House Estate:

Written by Wolf

4. März 2022 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Romantik, ~~~7-Zeiler~~~

Filetstück 0005: Was erst verdrießlich schien, war schließlich gut für ihn

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Update zu Ach Himmel, wie sich die Menschen täuschen können!,
Andere Leute, die auch Bretter tragen müssen,
Uns eine Drehorgel kaufen und unsere eigene Geschichte auf eine Leinwand malen lassen und ein Lied davon machen und es absingen auf allen Gassen des Vaterlandes! und
Filetstück 0004: Lieber ein bissel zu gut gegessen, als wie zu erbärmlich getrunken (Eduard schnarche nicht so!):

Was bin ich als Kind erschrocken, dass Wilhelm Busch nicht ausschließlich in Reimen reden konnte. Überzeugt war ich erst, als ich die Bilder dazu gesehen hab, die waren eindeutig der Strich aus Max und Moritz und wie sie alle heißen. Außerdem lügt der angeblich vollständige Doppelknuffel nicht, auch wenn er bis heute das Vorwort von Theodor Heuss mit sich herumschleppt. Frühe Auflagen können Sie heute für den Gegenwert von zwei Bier haben, bloß dass sie nicht so schnell abgestanden werden. Also: Klick!

Es war Zeit, dass der Text mit den richtigen Bildern in richtiger Qualität an den richtigen Stellen online steht.

——— Wilhelm Busch:

Der Schmetterling

Bassermann Verlag, München 1895:

Wilhelm Busch, Der Schmetterling, 1895

Kinder, in ihrer Einfalt, fragen immer und immer: Warum? Der Verständige tut das nicht mehr; denn jedes Warum, das weiß er längst, ist nur der Zipfel eines Fadens, der in den dicken Knäuel der Unendlichkeit ausläuft, mit dem keiner recht fertig wird, er mag wickeln und haspeln, so viel er nur will.

Vor Jahren freilich, als ich eben den kleinen Ausflug machte, von dem weiter unten berichtet wird, da dacht ich auch noch oft darüber nach, warum grad mir, einem so netten und vorzüglichen Menschen, das alles passieren mußte. Jetzt sitz ich da in sanfter Gelassenheit und flöte still vor mich hin, indem ich kurzweg annehme: Was im Kongreß aller Dinge beschlossen ist, das wird ja wohl auch zweckgemäß und heilsam sein.

Wilhelm Busch, Der Schmetterling, 1895Mein Name ist Peter. Ich bin geboren anno dazumal, als man die Fräuleins Mamsellchen nannte und die Gänse noch Adelheid hießen, auf einem einsamen Bauerngehöft, gleich links von der Welt und dann rechts um die Ecke, nicht weit von der guten Stadt Geckelbeck, wo sie alles am besten wissen.

Daselbst in der Nähe liegt auch der unergründliche Grummelsee, in dem bekanntlich der Muddebutz, der langgeschwänzte, sein tückisches Wesen treibt. Frau Paddeke, die alte zuverlässige Botenfrau, hat ihn selbst mal gesehn, wie er den Kopf aus dem Wasser steckte; und scharf und listig hat er sie angeschaut, mit der überlegenen Ruhe und Kaltblütigkeit eines vieltausendjährigen Satans.

Meine Mutter starb früh. Der Vater und der brave Knecht Gottlieb bestellten fleißig die Felder. Mein hübsches Bäschen Katharine führte die häusliche Wirtschaft.

Da ich meinerseits, obwohl ich ein stämmiger Schlingel geworden, weder zum Pflügen noch zum Häckerlingschneiden die mindeste Neigung zeigte, schickte mich mein Vater in die Stadt zu Herrn Damisch, dem gelehrten Magister, der mich jedoch bereits nach ein paar Jahren, als nicht ganz zweckentsprechend, bestens dankend zurückgab.

Hierauf, nachdem ich so ein Jährchen verbummelt hatte, kam ich zu dem hochberühmten Schneidermeister Knippipp in die Lehre nebst Kost und Logis.

„Auch ein vornehmes Metier!“ meinte der Vater. „So ein Schneider kann sein Brot im Trocknen verdienen, wie der feinste Schulmeister, ob’s regnet oder schneit.“

Schon nach neun Monaten spülten mich die dünnen Wassersuppen der dicken Frau Meisterin wieder der Heimat zu.

Ich hatte mich feingemacht. Strohhut, himmelblauer Schniepel; stramme gelbe Nankinghose; rotbaumwollenes Sacktuch. Aber diesmal war der Vater wirklich sehr ärgerlich. Er griff zum Ochsenziemer; und er hätte sein böswilliges Vorhaben auch sicherlich ausgeführt, wenn ihn der brave Gottlieb und das gute Kathrinchen, er vorne, sie hinten, nicht entschieden gehemmt hätten.

Den Winter blieb ich zu Haus. Ohne grad viel aufs Essen zu geben, stand ich doch gern hinter dem hübschen Bäschen in der Küche herum. Mitunter nahm ich ihr eine Stecknadel weg und stach sie mir kaltblütig durchs Ohr. Auch tanzte ich zuweilen waghalsig auf dem gefährlichen Brunnenrande, und wenn das Kathrinchen zusah und es grauste ihr tüchtig, das war mir grad recht. Dann wieder konnt ich dastehn in tiefster Versimpelung, wie ein alter Reiher im Karpfenteich. Ein besonders hoher Genuß war mir’s aber, so des Abends auf der Bank hinter dem Ofen zu liegen und zuzusehn, wie das Kathrinchen Bohnen aushülste und der Gottlieb Körbe flocht. Bei dem Anblick dieser kleinen, krausen, krispeligen Tätigkeit überkam mich immer so ein leises, feines, behagliches Gruseln. Oben in den Haarspitzen fing’s an, kribbelte den Rücken hinunter und verbreitete sich über die ganze Haut, während meine Seele gar sanft aus den Augen hinauszog, um ganz bei der Sache zu sein, und mein Körper dalag, wie ein seliger Klotz. Eines Abends stieg ich auch mal heimlich in den Lindenbaum, weil ich gern mal sehen wollte, wie das Kathrinchen zu Bette ging. Sie betete grad ihren Rosenkranz. Als sie aber anfing sich auszuziehn und die Geschichte bedenklich wurde, macht ich Ahem! und Phütt! war die Lampe aus. Am andern Nachmittag wurde an einer grünen Gardine genäht.

Mein Stübchen lag oben im Giebel. In einem dicken Legendenbuche las ich bis spät in die Nacht hinein. Wenn dann der Wind sauste und der Schnee ans Fenster klisperte, fühlt ich mich so recht für mich als ein behaglicher Herr.

Die Hexen hatten ihren Strich da vorbei; sie zügelten zuweilen ihre Besen und lugten durch die Scheiben; meist alte Hutzelgesichter, als wären sie gedörrt worden am höllischen Feuer. Mal aber war’s eine junge hübsche. Sie hatte eine Schnur von Goldmünzen ins Haar geflochten. Sie blinzelte und lachte. Ihre weißen Zähne blitzten, wie ihr das Licht ins Gesicht schien, gegen den dunklen Hintergrund.

Als der Sommer kam, als die Welt eng wurde von Laub und Blüten, macht ich mir ein Netz und jagte nach Schmetterlingen. So herumzustreifen in leichtsinniger Freiheit, oder mich niederzulegen zu beliebiger Ruhe, das war mein Fach; und hupfen, wie der rührigste Heuschreck, das konnt ich auch.

Eines Sonntagsmorgens, während die andern zur Messe waren, macht ich mich hübsch und ging aus der Hintertür, das Netz in der Hand, den Frack voller Pflaumen. Hell schien die Sonne. Vom Garten ins Feld, vom Feld in die Wiesen dämelt ich glücklich dahin. Schmetterlinge flogen in Menge. Von Zeit zu Zeit erhascht ich einen, besah ihn und ließ ihn fliegen, denn von der gewöhnlichen Sorte hatt ich längst alle Kasten voll.

Aber jetzt, in der Ferne, flog einer auf, den kannt ich noch nicht.

Wilhelm Busch, Der Schmetterling, 1895

Ich los hinter ihm her über Hecken und Zäune, wohl zwei, drei Stunden lang in einer Tour, bis mir’s schließlich zu dumm wurde. Unwillig warf ich mich ins Gras. Oben in der Luft schwebte ein Habicht. Vertieft in seine sanften Bogenzüge, war ich bald eingedämmert. Als ich erwachte, wollte die Sonne schon untergehn, und da es die höchste Zeit war, nach Hause zu eilen, kletterte ich auf einen Baum am Rande des Waldes, um zu sehn, wo ich denn eigentlich wäre. Nichts als unbekannte Gegend in der Weite und Breite. Erst verdutzt, dann heiter und gleichgültig, ergab ich mich in mein Schicksal. Ich stieg herab, suchte einen gemütlichen Platz, setzte mich und fing an, Pflaumen zu essen. Plötzlich, mir stockte der Atem vor freudigem Schreck, kam er angeflattert, der reizende Schmetterling, geschmückt mit den schönsten Farben der Welt, und ließ sich frech auf der Spitze meines Fußes nieder. Leise hob ich das Netz; ich zielte bedachtsam. Witsch! dort flog er hin. Aber gut gezielt war’s doch, denn mit dem eisernen Netzbügel hatt ich richtig die kleine Zehe gestreift, genau da, wo sie am allerempfindsamsten war. Ich sprang auf, tanzte auf einem Bein und pfiff dazu.

„Ähä!“ lachte wer hinter mir. „Aufs Auge getroffen!“

Ein hübscher blasser Bursch, gekleidet wie ein Jägersmann, saß unter einer Buche.

„Ich bin der Peter!“ sag ich und setze mich zu ihm.

„Und ich der Nazi!“ sagt er.

Um seinen linken Arm ringelte sich eine silberglänzende Schlange, die auf dem Kopf ein goldenes Krönchen hatte, und auf seinen Knien hielt er ein Vogelnest mit kleinen blaugrünen Eiern darin.

„Ein verdächtiges Vieh!“ sagt ich mißtrauisch. „Es beißt wohl auch?“ „Mich nie. Gelt, Cindili!“ sprach er, indem er ihr ein Ei hinhielt.

Ich trug auf der bloßen Brust ein Medaillon, eine Goldmünze, das Geschenk eines Paten. Die Schlange machte sich lang danach.

„Sie wittert das Gold“, sagte der Jäger.

„Teufel, duck dich!“ rief ich und gab ihr mit dem Stiel meines Netzes einen kurzen Hieb über die Nase.

Zornig zischend fuhr sie zurück, wickelte sich los und schlüpfte raschelnd ins Gebüsch. Der Jäger, nachdem er mir vorher noch schnell einen Stoß auf den Magen versetzt hatte, daß ich die Beine aufkehrte, lief hinter ihr her.

Allmählich wurde es im Walde pechteertonnendunkel. Die Luft war mild. Ich lehnte mich an den Baumstamm und entschlief augenblicklich, ja, ich kann wohl sagen, noch eher.

Überhaupt, schlafen, das konnt ich ohne jede Mühwaltung; und fest schlief ich auch, fast so fest wie die Frau mit dem guten Gewissen, der die Ratten über Nacht die große Zeh abfraßen, ohne daß sie was mer ken tät.

Erst die Mittagssonne des nächsten Tages öffnete mir die Augen. Und wahrhaftig! da saß er schon wieder, drei Schritt weit weg, mein kunterbunter Schmetterling, auf einem violetten Distelkopfe, und fächelte und ließ seine ausgebreiteten Flügel verlockend in der Sonne schimmern. Mit kunstvoller List schlich ich näher. Vergebens. Genau eine Sekunde vorher, eh ich ihn erreichen konnte, flog er ab wie der Blitz, und dann noch einmal und noch einmal, und dann Fiwitz! mit einem eleganten Zickzackschwunge weg war er über eine haushohe Dornenhecke.

„Zu dumm!“ dacht ich laut, denn ich war sehr erhitzt. „So ein klein winziges Luder; will sich nicht kriegen lassen; ist extra zum Wohle des Menschen geschaffen und verwendet doch seine schönen Talente nur für die eigenen selbstsüchtigen Zwecke. Es ist empörend!“

Im Eifer der Verfolgung hatt ich den einen Stiefel im Sumpf stecken lassen, und zwar tief, so daß ich erst eine Zeitlang tasten und grabbeln mußte in der schwarzen Suppe, eh ich ihn wiederfand. Ich schüttete den Froschlaich heraus, wusch mich und ging nun, nachdem ich mich abgekühlt und besänftigt hatte, in gemäßigtem Bummelschritt einem fernen Hügel entgegen, über den sich als heller Streifen die Landstraße hinzog. Hier hofft ich ortskundige Leute zu treffen, die mir sagen konnten, wie ich nach Hause käme.

Auf einem Meilensteine saß ein älterer Mann, der eine ungewöhnlich breitschirmige Mütze trug. Zwischen seinen Knien hielt er einen grauhaarigen Hund.

„Guter Vater!“ sprach ich ihn an. „Ich möchte gern nach der Stadt Geckelbeck.“

„Genehmigt!“ gab er zur Antwort.

„Könnt Ihr mir vielleicht zeigen, wo der Weg dahin geht?“

„Ne! Ich bin rundherum blind.“

„Schon lange?“ fragt ich teilnahmsvoll.

„Fast neunundfünfzig Jahr; nächsten Donnerstag ist mein dreiundfünfzigster Geburtstag.“

„Was? Schon sechs Jahre vor Eurer Geburt?“

„Sogar sieben, richtig gerechnet. Ich wollte schon damals gern in die Welt hinein, tappte im Dunkeln nach der Tür, fiel mit dem Gesicht auf die Hörner des Stiefelknechts, und das Unglück war geschehn.“

„Dann laßt Euch raten, Alter!“ sagt ich. „Und schielt nicht zu viel nach hübschen Mädchen, denn das hat schon manchen Jüngling zu Fall gebracht.“

„Faß!“ schrie der Blinde und ließ den Hund los.

Wilhelm Busch, Der Schmetterling, 1895

Ich aber nahm die Frackschöße unter den Arm, steckte mein Schmetterlingsnetz nach hinten zwischen den Beinen durch, wedelte damit und ging so in gebückter Stellung meines Weges weiter; eine Erscheinung, die dem Köter so neu und unheimlich vorkam, daß er mit eingeklemmtem Schweife sofort wieder umkehrte.

Vor mir her schritt ein Bauer, der weder rechts noch links schaute, und da er einen ernsten, nachdenklichen und vertrauenerweckenden Eindruck machte, beschloß ich, an ihn meine Frage zu richten.

„He!“ rief ich. Er gab nicht acht darauf. „He!“ rief ich lauter. Er ließ sich nicht stören in seinen Betrachtungen. Jetzt, als ich dicht hinter ihm war, klappt ich ihm mein Netz über den Kopf. Oh, wie erschrak er da. Ich hörte deutlich, wie ihm das Herz in die Kniekehle fiel.

„Könnt Ihr mir nicht sagen, guter Freund, wo Geckelbeck liegt?“ fragt ich und hob das Netz.

Er hatte sich umgedreht. Er kniff die Augen zu, riß den Mund auf, so daß seine dicke belegte Zunge zum Vorschein kam, steckte die Daumen in die Ohren, spreizte die Finger aus und schüttelte traurig mit dem Kopfe.

„Döskopp!“ rief ich in meiner ersten Enttäuschung, sah aber dabei ungemein freundlich aus.

Der Taubstumme, der dies wohl für einen verbindlichen Abschiedsgruß hielt, zog ergebenst seine Zipfelkappe, obgleich er eine bedeutende Glatze hatte.

Der Abend kam. Auf einem Acker rupft ich mir ein halb Dutzend Rüben aus, und da ein starker Tau den Boden benetzte, stieg ich in eine Tanne, band mich fest mit den Frackschößen und machte mich sodann über die saftigen Feldfrüchte her, daß es knurschte und knatschte. Von der letzten, bei der ich entschlummert war, hing mir die Hälfte nebst dem Krautbüschel noch lang aus dem Munde heraus, als ich am andern Nachmittag wieder erwachte. Schnell stieg ich herab, erfrischte mich in einer Quelle und kehrte auf die Landstraße zurück. Ich befand mich in der heitersten Laune; ich wußte es, eine innere Stimme sagte es mir: Dir wird heut noch besonders was Gutes passieren.

In diesen angenehmen Vorahnungen störten mich die Klagelaute eines Bettlers, der, den Hut in der Hand, auf mich zukam.

„Junger Herr!“ bat er. „Schenkt mir doch was. Ich habe sieben Frauen – ach ne! sieben Kinder und eine Frau, und meine Eltern sind tot, und meine Großeltern sind tot, und meine Onkels und Tanten sind tot, und ich hab niemanden in dieser weiten, harten, grausamen Welt, an den ich mich wenden könnte, als grad Euch, schöner Herr.“

Bei diesen Worten erwärmte sich meine angeborene Großartigkeit. Ich hatte siebzehn einzelne Kreuzer im Sack. Mit dem Gefühl einer behaglichen Erhabenheit warf ich zehn davon in den Filzhut des Bettlers.

Kaum war dies geschehn, so nahm er einen Kreuzer wieder heraus und legte ihn mir vor die Füße.

„Hier, mein Bester“, sprach er, „schenk ich Euch den zehnten Teil meines Vermögens. Seid dankbar und vergeßt den edlen Geber nicht, der sich bescheiden zurückzieht.“

Nach kurzer Erstarrung lief ich hinter dem Kerl her, um ihm einen Tritt auf die Wind- und Wetterseite zu geben. Aber er hatte die Tasche voller Steine. Er traf so geschickt damit, daß mir, trotzdem ich das Netz vorhielt, schon beim zweiten Wurf ein ganz gesunder Vorderzahn direkt durch den Hals in die Luftröhre flog, worauf ich wohl eine Stunde lang husten mußte, ehe ich ihn wieder herauskriegte.

Ich pflückte mir Felderbsen in mein Netz, ließ die grünen, angenehm kühlen Pillen durch die entzündete Gurgel rollen und füllte mir so zugleich den begehrlichen Leib mit jungem Gemüse. Dann zog ich mich in ein Gehölz zurück und legte mich, das Gesicht nach oben, schlichtweg zur Ruhe nieder.

Den folgenden Tag hätt ich sicher verschnarcht, wär mir nicht gegen Mittag ein Maikäfer in den weitgeöffneten Mund gefallen. In dem Augenblick, als er sich anschickte, in die Tiefe meines Wesens hinunterzukrabbeln, erwacht ich. Der Wind schüttelte die Wipfel.

Übrigens knurrte mein Magen wegen fader Beköstigung, und so macht ich mich denn auf und ruhte nicht eher, bis ich in ein Wirtshaus gelangte, wo ich mir eben für meine letzten Kreuzer etwas Derbes bestellen wollte, als ein wohlgemästeter Bauer, der sehr lustig aussah, in die Stube trat und sich zu mir an den Tisch setzte.

„Euch ist wohl!“ sag ich.

„Mit Recht!“ sagt er. „Hab den Schimmel verkauft auf dem Markt.“

„Brav’s Tier vermutlich.“

„Das grad nicht. Alle Woche mal, oder wenn’s ihm grad einfällt, haut er die Sterne vom Himmel herunter und den Kalk aus der Wand.“

„Da habt Ihr den Käufer jedenfalls gewarnt.“

„Was!“ entgegnete der Bauer und wurde ganz traurig und niedergeschlagen. „Gott erhalte jedem ehrlichen Christenmenschen seinen gesunden Verstand. Seh ich wirklich so dumm aus?“

„Hört mal!“ sag ich. „Dann seid Ihr ja einer der größten Halunken, die auf den Hinterbeinen gehn zwischen Himmel und Hölle.“

„So hör ich’s gern!“ rief der Bauer und sein Gesicht klärte sich auf.

„Gelt ja? Ich bin ein Teufelskerl. – He, Wirt! Gebt diesem netten Herrn ein belegtes Butterbrot und ein Glas Bier auf meine Rechnung.“ Während ich aß, fiel es mir auf, daß der Mann beständig durchs Fenster schielte. Plötzlich schien ihm was einzufallen. Er zahlte und sagte, er müßte notwendig mal eben hinaus, aber käme gleich wieder. Kaum war er fort, so hörte man ein hastiges Pferdegetrappel von der Landstraße her. Ich trat vor die Haustür.

Ein Schimmelreiter ohne Hut war angekommen und fragte ganz außer Pust:

„War kein Bauer hier mit einem dicken Bauch, einem dicken Stock und einer dicken Uhrkette?“

„Das stimmt!“ sag ich. „Er ging nur mal eben zur Hintertür hinaus.“

„So ein Hundsfott!“ schrie der Reiter. „So ein Mistfink! Lobt und preist mir der Kerl den Schimmel an, der den Teufel und seine Großmutter im Leib hat.“

„Ja!“ sag ich gelassen: „Dummheit muß Pein leiden.“

Krebsrot vor Zorn hob der Schimmelreiter die Peitsche. Ich schwenkte mein Schmetterlingsnetz.

Wilhelm Busch, Der Schmetterling, 1895Auf dieses Zeichen schien der Schimmel gewartet zu haben. Er vergrellte die Augen, spitzte die Ohren, ging verquer, ging rückwärts, er drückte ein Fenster ein unter starkem Geklirr, er wieherte hinten und vorn, und dann, mit einem riesigen Potzwundersatze, weg war er über die Planke.

Ich lief, um nachzusehn, vor den Hof. Der Schimmel war nur noch ein undeutlicher Punkt ganz in der Ferne; der Reiter hing deutlich im Pflaumenbaum ganz in der Nähe.

Die folgende Nacht verschlief ich unter einer Wiesenhecke. Eine Grasmücke, das graue Vöglein mit schwarzem Käppchen, weckte mich in der Früh durch seinen lieblichen Gesang. Ich blieb noch liegen und horchte. Durch Zweige und zierliche Doldenpflanzen sah ich in die sonnige Welt. Heuschrecken geigten an ihren Flügeln, indem sie die Hinterbeine als Bogen benutzten. Schwebefliegen blieben stehn in der Luft und starrten mich an aus ihren Glotzaugen. Endlich erhob ich mich und nahm in einem klaren Wassertümpfel mein Morgenbad. Natürlich, grad wie mir’s am wohlsten drin ist, kommt mein ersehnter Schmetterling dahergeflogen und flattert mir neckisch vor der Nase herum. Ich heraus, zieh mich an, eile ihm nach, von Wiese zu Wiese, den ganzen Tag, bis dicht vor ein Städtchen. Hier schwang er sich über die Stadtmauer, hoch in die Lüfte, nach dem Wetterhahn hin auf der Spitze des Kirchturms.

Der Abend dämmerte bereits. Auf dem Walle lief ein Mann hin und her, einsam und unruhig. Er hatte den Zeigefinger an die Stirn gelegt und sagte in einem fort das Abc her, bald vor-, bald rückwärts. Ehe ich ihm ausweichen konnte, stieß er mir mit dem Kopf vor die Brust. Nun riß er die Augen weit auf und schrie mich an:

„Ha! Wie heißt er?“

„Ich heiße Peter!“ sag ich.

„Nein, Er, Er, mit dem ich vor zehn Jahren im Monat Mai drei Wochen lang herumgewandert bin an der polnischen Grenze.“

„Gewiß ein Herzensfreund.“

„Nein, gar nicht.“

„Oder er ist Euch was schuldig.“

„Keinen Heller.“

„Na!“ sag ich. „Dann nennt ihn Hans und laßt ihn laufen, wohin er will.“

„Mensch!“ rief er. „Ich bin Ausrufer in dieser Stadt. Lesen kann ich nicht; meine Frau sagt’s mir vor, bis ich’s auswendig kann; läßt’s Gedächtnis nach, ist der Dienst verloren. Neulich, beim Kaffee, ich stecke die Pfeife an, da, so beiläufig, denk ich: Der, der, wie heißt er nur gleich? Und da hat’s mich gehabt. Und ich sah ihn doch so deutlich vor mir, als wär’s heut oder übermorgen. Er war links und kratzte sich auch so; er zwinkerte immer mit dem linken Auge, und sein linkes Bein war krumm, und im linken Ohrläppchen trug er einen Ring von Messing, und Schneider war er auch. Oh, der Name, der Name!“

Die Beschreibung paßte genau auf meinen früheren Meister.

„Hieß er nicht Knippipp?“ sag ich so hin.

Ein heller Freudenblitz zuckte über sein blasses Angesicht. Mit den Worten: „Knippipp, ich habe dich wieder!“ fiel er mir um den Hals und weinte einen Strom von Freudentränen hinten in meinen Kragen, daß es mir ganz heiß den Rücken hinabrieselte.

In der Fülle der Dankbarkeit ersuchte er mich, ihn nach Hause zu begleiten und bei ihm zu übernachten; und oh! wie freuten sich seine Frau und seine Kinder, als sie sahen, daß sie wieder einen vergnügten und brauchbaren Vater hatten.

Zu Abend gab es Zichorienkaffee mit den üblichen Zutaten. Die Kinder tranken sehr viel, und ich meinte, es sei wohl nicht ratsam, wenn sie kurz vor dem Schlafengehn so viel Dünnes kriegten; aber die Eltern waren der Ansicht, man müsse dem Drange der Natur freien Lauf lassen.

Als wir fertig waren, baten die drei Kleinsten: „Nicht wahr, Papa? Wir schlafen bei dem fremden Onkel!“

So geschah es denn auch. Die Nacht, die ich unter diesem gastlichen Dache zubrachte, war eine der unruhigsten, wärmsten und feuchtesten Sommernächte, die ich jemals erlebt habe.

Bei Anbruch des Tages tranken wir wieder gemeinsam Kaffee und aßen Brot mit Zwetschenmus dazu. Die Kinder waren sehr zutunlich; besonders der Zweitjüngste spielte gar traulich zwischen meinen Frackschößen herum.

Daß meine einfachen Gastgeber, von denen ich einen zärtlichen Abschied nahm, über die Lage von Geckelbeck auch nicht die mindeste Auskunft zu geben vermochten, hatt ich mir gleich gedacht. So beschloß ich denn, eh ich wieder ins Weite zog, mich in der Stadt etwas näher zu erkundigen.

Ohne Erfolg befragt ich einen Lehrjungen, der die Läden aufmachte; einen Betrunkenen, der nach Hause ging; einen Großvater, der die Hand aus dem Fenster hielt, um zuzufühlen, ob’s regnete. Zu guter Letzt wollt ich noch mal eben an eine vertrauenerweckende Haustür klopfen. Im selben Moment wurde sie aufgestoßen, und ein Dienstmädchen goß den Spüleimer aus. Hätt ich nicht flink die Beine ausgespreizt und einen ellenhohen Hupfer getan, so wär mir der vermischte Inhalt direkt auf den Magen geplatscht. Auf meine Anfrage wischte sich das gesunde Mädchen freilich mit seinem roten Arm ein paarmal nachdenklich unter der Nase her; indes von Geckelbeck wußte sie nichts, und einen, sagte sie, der es wüßte, oder einen wüßte, der es wüßte, wüßte sie auch nicht.

Ich schlenderte zum Tor hinaus. Von der Morgensonne beschienen, mitten auf der Chaussee, war eine Gesellschaft von Sperlingen mit der Obsternte beschäftigt. Es waren jene bemerkenswerten Früchte, genannt Roßäpfel, welche Winter und Sommer reifen. Dieser Anblick erinnerte mich lebhaft an meine ländliche Heimat.

Jetzt, dacht ich, sitzen sie wohl da um den Tisch herum und verzehren ihr Morgensüppchen und denken: Wo mag der Peter sein? Und der Vater wischt sich schweigend den Mund ab mit dem Rockschlappen, und der Gottlieb geht hin und mistet den Pferdestall, und mein gutes Kathrinchen füttert die Hühner, und das schwarze mit der Holle frißt ihr das Brot aus der Hand, aber das gelbe ohne Schwanz will nicht mitfressen, sondern steht traurig und aufgeblustert abseits, auf einem Bein, denn es hat noch immer den Pips.

Einige dicke heimwehmütige Tränen, ich muß es gestehn, rannen mir langsam über die Backen herunter. Ich zog das Taschentuch und rieb mir gründlich mein Angesicht. Es wurde mir so sonderbar schwarz vor den Augen, und jetzt merkt ich, was los war. Das kleine liebevolle Söhnchen meines vergeßlichen Gastfreundes hatte dem fremden Onkel, eh er Abschied nahm, noch heimlich in sein rotes baumwollenes Sacktuch einen tüchtigen Klecks Zwetschenmus eingewickelt und mit auf die Reise gegeben. Ich sah mich nach Wasser um. Ei sieh! Am Stamm eines Kastanienbaumes saß mein neckischer Schmetterling.

„Sitz du nur da!“ murmelte ich verächtlich aus dem linken Mundwinkel. „Ich will dich nicht, und ich möchte dich nicht, und wenn du die Prinzessin Triliria selber wärst und brächtest bare fünfhundert Gulden mit in die Aussteuer und keine Schwiegermutter.“

Aber schon war ich in Schleichpositur und gleich drauf in vollem Galopp. Inmitten eines kleinen Teiches endlich ließ sich das bunte Flattertier auf einem Schilfbüschel nieder und klappte seelenruhig die Flügel zusammen.

Wilhelm Busch, Der Schmetterling, 1895Mindestens zwei Stunden lang saß ich am Ufer und wartete. Vergebens macht ich öfters Kischkisch! Und Steine zum Werfen waren nicht da. Endlich zog ich mich aus, nahm das Netz quer in den Mund und schwamm vorsichtig näher.

Unterdes machte ich eine Entdeckung, die mich veranlaßte, in Eile wieder umzukehren. Es war ein Blutegelteich. Bereits waren meine Beine und sonstigen Körperteile gespickt mit begierigen Säuglingen, und wohl mir, daß eine Grube voll Streusand in der Nähe lag, worin ich mich wälzen konnte. Als die Viecher den Sand zwischen die Zähne kriegten, was ja niemand gern hat, ließen sie sofort locker und purzelten rücküber in den Staub, welcher sie dermaßen austrocknete, daß sie bald zehnmal dünner waren als vorher und tot obendrein.

Währenddem saß mein Schmetterling auf seinem Schilfstengel, als wollt er daselbst in aller Ruhe den Rest seiner Tage verleben mit voller Pension.

Schnell zog ich mich an und eilte in den Wald, um mir einen dürren handlichen Ast zu holen. Einer lag da, der war ganz morsch; ein zweiter lag da, der war mir zu zackicht; ein dritter saß noch am Baume fest. Ich hätte übrigens gar nicht so stark dran zu reißen brauchen, denn schon beim ersten Ruck gab er nach, so daß ich mit unerwarteter Geschwindigkeit auf den zweiten zackichten zu sitzen kam, der glücklicherweise ebenso morsch war wie der erste.

In der Hand den erwählten Knittel, lief ich nun unverzüglich an den Teich zurück, um durch einen wohlgezielten Wurf den hinterlistig geruhsamen Schmetterling aus seiner Sicherheit aufzuscheuchen. Sein Platz stand leer. Ich legte mich hin, wo ich stand, und schlief sofort ein, trotz meines Ärgers und des vernehmlichen Gebells meines unbefriedigten Magens.

Ausnahmsweise recht früh, schon im Laufe des Vormittags, erwacht ich. Nachdem ich mir das Zwetschenmus, das inzwischen zu einer harten Kruste erstarrt war, mit Sand aus dem Gesichte gerieben, denn ich zog doch eine Reinigung auf trockenem Wege einer solchen mit dem Wasser des verdächtigen Teiches vor, begab ich mich auf die Suche nach einem Rübenacker, wo ich zu frühstücken gedachte. Ich fand einen Landmann dasitzend, der eben sein Sacktuch aufknüpfte und für den Morgenimbiß ein erhebliches Stück Speck entwickelte. Sofort sammelte sich in meiner Mundhöhle die zur Verdauung so nützliche Feuchtigkeit. Ich bot ihm drei Kreuzer, wenn er mir was abgäbe. Er tat’s umsonst, fügte noch eine knusprige Brotrinde hinzu und wünschte mir gute Verrichtung.

Munter dreinhauend spaziert ich weiter. Den letzten Rest der Mahlzeit, nämlich die treffliche, zähe, salzige Schwarte, schob ich hinter die Backenzähne, so daß ich die Freude hatte, noch eine Zeitlang dran lutschen zu können.

Dicht vor einem Dörflein begegneten mir zwei unbeschäftigte Enten, die lediglich zum Zeichen ihres Vorhandenseins durchdringend trompeteten. Da ich nunmehr die Schwarte bis aufs äußerste ausgebeutet hatte, nach menschlichen Begriffen, warf ich sie hin. Die geistesgegenwärtigste der zwei Schnattertaschen erwischte sie und eilte damit, vermutlich weil sie nichts abgeben wollte, durch das Loch einer Hecke. Die zweite, die wohl auch keinem andern was gönnte, wackelte emsig hinterher. Ich, natürlich, als Naturbeobachter, legte mich auf den Bauch und steckte den wißbegierigen Kopf durch die nämliche Öffnung. Mir gegenüber, an einer gemütlichen Pfütze, sah ich zwei Häuschen stehn, und jedes Häuschen hatte ein Fenster, und hinter jedem Fenster lauerte ein Bub, ein roter und ein schwarzhaariger, und vor jedem Häuschen erhob sich ein beträchtlicher Düngerhaufen, und auf jedem Düngerhaufen stand ein Gockel, ein dicker und ein dünner, inmitten seiner Hühner, die eben ihre Scharrtätigkeit unterbrachen, um gespannt zuzusehn, was die zwei Enten da machten.

Vergebens bemühte sich die erste, durch Druck und Schluck die Schwarte hinter die Binde zu kriegen; sie war grad so um ein Achtelzöllchen zu breit. Hiernach durfte die zweite, die mit neidischer Ungeduld dies Ergebnis erwartet hatte, ans schwierige Werk gehn. Schlau, wie sie war, tauchte sie das widerspenstige Ding zuerst in die Pfütze, um’s glitschig zu machen, und dann streckte sie den Schnabel kerzengrad in die Höhe und ruckte und zuckte; aber es ging halt nicht; und dann kehrten die beiden Enten kurz um und rüttelten verächtlich mit den Schwänzen, als sei ihnen an der ganzen Sach überhaupt nie was gelegen gewesen.

Kaum hatten dies die Hühner erspäht, so rannten sie herbei und versuchten gleichfalls ihr Glück, eins nach dem andern, wohl ihrer zwanzig; indes alle Hiebe und Stöße scheiterten an der zähen Hartnäckigkeit dieser Schwarte. Zuletzt kam ein munteres Schweinchen dahergetrabt und verzehrte sie mit spielender Geläufigkeit; und so blieb sie doch in der Verwandtschaft.

Während dieser Zeit hatten sich die beiderseitigen Gockel unverwandt angeschaut mit teuflischen Blicken; ohne Zweifel, weil sie sich schon lange nicht gut waren von wegen der Damen. Plötzlich krähte der Dicke im Cochinchinabaß:

„Kockerokoh!“

Dieser verhaßte Laut gab dem Dünnen einen furchtbaren Riß. Mit unwiderstehlichem Vorstoß griff er den Dicken so heftig an, daß sich dieser aufs Laufen verlegte um die Pfütze herum. Der Dünne kam nach. Gewiß zehn Minuten lang liefen sie Karussell; bis der Dicke, dem vor Mattigkeit schon längst der Schnabel weit offen stand, unversehens unter Aufwand seiner letzten Kräfte seitab auf das Dach flog, wo er ein mächtiges Kockerokoh! erschallen ließ, damit nur ja keiner glauben sollte, er hätte den kürzeren gezogen.

Sofort schwang sich der Dünne auf den Gipfel des feindlichen Düngerhaufens; jedenfalls mit der Absicht, von dieser Höhe herab durch ein durchdringendes Kickerikih! im Tenor der Welt seinen Sieg zu verkünden.

Ehe er noch damit anfangen konnte, sah er sich veranlaßt, laut krächzend in die Höhe zu fliegen.

Der rothaarige Knabe, heimlich heranschleichend mit der Peitsche, versetzte ihm einen empfindlichen Klaps um die mageren Beine. Aber schon, aus dem Nachbarhaus, war der Schwarzkopf mit einer Haselgerte als Rächer des seinerseitigen Gockels herbeigekommen und erteilte dem Rothaarigen, grad da, wo die Hose am strammsten saß, einen einschneidenden Hieb. Hell pfiffen und klatschten die Waffen. Man wurde intimer; man griff zu Haar und Ohren; man wälzte sich in die Pfütze; aus dem Kampf zu Lande wurde ein Seegefecht. Für mich ein spannendes Schauspiel. Ich war so begeistert, daß ich ermunternd ausrief: „Fest, fest! Nur nicht auslassen!“

Im selben Augenblick ruhte der Streit. Mein Kopf wurde bemerkt; eilig zog ich ihn zurück. Aber sogleich waren die Schlingel hinter mir her. Sie warfen mich mit Erdklößen; ich drehte mich um und ermahnte sie, artig zu sein, sie schimpften mich Stadtfrack! Ich verwies sie ernstlich zur Ruhe, und nun schrien sie Haarbeutel! Haarbeutel! als ob ich betrunken wäre. Schleunige Flucht schien mir ratsam zu sein. Bald war ich weit voraus. Im Gehölz fand ich einen Baum, der von oben her hohl war. Umgehend saß ich drin, wie der Tobak im Pfeifenkopf, nicht zu fest und nicht zu locker.

Zwar die bösen Knaben folgten mir und kicherten und flüsterten sogar noch eine Zeitlang um den Baum herum; aber ich war ihnen zu schlau gewesen, denn ohne mich weiter zu belästigen zogen sie ab. Mein Platz schien mir so recht geeignet zum Übernachten, und eben war ich im Begriff, recht behaglich zu entschlummern, als ich unten was krabbeln fühlte.

„Zapperment!“ dacht ich gleich. „Das sind Ameisen.“

Schleunigst sucht ich mich emporzuarbeiten, um mir eine anderweitige Schlafstelle zu suchen; aber der Frack unterhalb mußte sich festgehakt haben und ließ mich nicht hochkommen, und ausziehn konnt ich ihn auch nicht, denn der Spielraum für die Ellenbogen war zu gering.

Indem, so hört ich Stimmen. Wie ich durch einen Spalt bemerken konnte, waren es zwei Kerle, die einen Esel am Strick hatten. Sie banden ihn an einen Ast dicht vor meiner Nase.

„Haha!“ lachte der eine. „Den hätten wir ihm mal listig wegstibitzt.“

„Wird keine Sünd sein!“ meinte der andere. „Der alte Schlumann hat Geld wie Heu.“

Dann öffneten sie ihren Quersack, setzten sich und fingen an, fröhlich zu Nacht zu essen.

Unterdes hatten die Ameisen ihre Heerscharen vollzählig entwickelt. Sie krabbelten nicht bloß, sie zwickten nicht bloß, nein, sie ätzten mich auch mit ihrer höllischen Säure, und zwar an den empfindlichsten Stellen. Alle sonstigen Besorgnisse beiseite setzend, brüllt ich um Hilfe.

Die Spitzbuben, aufs äußerste erschreckt durch die gräßlichen Laute, um so mehr, als sie kein gutes Gewissen hatten, flohen eilig, ohne den Esel erst loszubinden, in das tiefste Dickicht des Waldes hinein. Ich schrie unaufhörlich, und der Esel fing auch an.

Wilhelm Busch, Der Schmetterling, 1895

In diesem Augenblick kam ein Mann mit einer Laterne. Er streichelte den Esel und beleuchtete ihn von allen Seiten, und dann beleuchtete er auch mich in meiner Bedrängnis.

„Komm hervor aus dem Rohr!“ sprach er ernst.

„Der Frack, der Frack!“ schrie ich. „Der leidt’s halt nicht.“

„Da werden wir mal nachsehn!“ sprach er gelassen. „Ja, dies ist erklärlich; denn hier aus dem Astloch steht er heraus, zu einem Knoten verknüpft, und ein Stäbchen steckt als Riegel dahinter.“

„Das haben die verdammten Bengels getan!“ rief ich entrüstet.

Es war die höchste Zeit, daß ich loskam. Wie ein Pfropfen aus der Flasche flog ich zum Loch heraus, und der alte Schlumann, denn der mußte es sein, brach einen Zweig ab und klopfte mich aus, wie ein Sofakissen, wo die Motten drinsitzen.

Er trug Rohrstiefel, einen Staubmantel von Glanztaffet und einen breitkrempigen Hut. Es war ein ansehnlicher Herr von fünfzig bis sechzig Jahren mit graumeliertem Bart und Augen voll ruhiger Schlauheit. Wohlwollend grüßend, bestieg er seinen Esel, ermunterte ihn mit den Worten: „Hü, Bileam!“ und ritt langsam in der Richtung des Dorfes fort.

Die Diebe hatten unter anderm ein kaltes Hühnchen zurückgelassen. Ich ging damit abseits, verzehrte es, wühlte mich in trockenes Laub, legte mich aufs Gesicht, damit mir nicht wieder was in den Mund fiel, und schlief unverzüglich ein.

Es mochte halbwegs Mittag sein, als ich durch ein empfindliches Schmerzgefühl an beiden Seiten des Kopfes geweckt wurde. Zwei Schweine waren eben dabei, mir die Ohren, die sie vermutlich für Pfifferlinge hielten, vom Kopfe zu fressen, hatten aber erst ganz wenig heruntergeknabbert. Im Kreise um mich her wühlte die übrige Herde.

Der Hirt, ein kleiner alter Mann mit einem dreieckigen Hut, strickte an einem blauen Strumpfe; und bei diesem treuherzigen Naturmenschen beschloß ich mich noch mal ernstlich zu erkundigen, ob er nicht wüßte, wo die Stadt Geckelbeck läge.

Das, sagte er, könnte er mir ganz genau sagen, denn vor dreißig Jahren hätte er dort mal siebzehn Ferkel gekauft, und sie wären auch alle gut eingeschlagen bis auf eins, das hätten die andern immer vom Troge gebissen, und da hätt es vor lauter Hunger am Montag vor Martini einen zinnernen Löffel gefressen und am Dienstag eine Kneipzange und am Mittwoch dem Sepp sein Taschenpistol, den Lauf zuerst, und wie es an dem Zündhütchen geknuspert hätte, wär der Schuß losgegangen, mitten durch die inneren Teile und noch weit hinten hinaus.

„Seht!“ fuhr er fort. „Dort zwischen den Bäumen hindurch, grad wo ich mit diesem Strickstock hinzeige, da liegt Dösingen, und zwei Stunden hinter Dösingen kommt Juxum, und dann kommt sechs Wochen lang nichts, und dann kommt der hohe Dumms, wo’s oben immer so neblig ist, und von da sieht man erst recht nichts, und – –“

„Danke, lieber Mann!“ unterbrach ich ihn. „Und, bitte, haltet Euch bedeckt!“

Hierbei trieb ich ihm mit der flachen Hand seinen dreieckigen Hut über Nase und Ohren, und als er schimpfen wollte, konnte er es nicht, weil ihm die Nase über das Maul gerutscht war.

Als ich den Wald verließ, lag die angenehmste Landschaft vor mir ausgebreitet; Wiesen, von Hecken umgeben; ein See; ein Dorf im Dunst der Ferne. Die Nacht war schwül gewesen; der Tag wurde es noch mehr. Die Schwalben flogen tief; und eine graue Wolke, wie ein Sack voll Bohnen, stand lauernd am Horizont. Die Sonne verfinsterte sich; ein Schatten machte sich über der Gegend breit; die Wolke, nunmehr mit einer langen gelblichen Schleppe geziert, war drohend heraufgestiegen. In ihrem Innern grollte es bereits; ein Wind erhob sich, und dann kam rauschend und prasselnd die ganze Bescherung.

In der Wiese, wo ich mich befand, war Heu gemacht; an der Hecke bemerkt ich eine kleine Hütte von Zweigen; ich schlüpfte spornstreichs hinein.

So geht’s, wenn man nicht erst zusieht! Ich fiel direkt in zwei offene Weiberarme und wurde auch umgehend so heftig gedrückt und abgeküßt, daß ich, der so was nicht gewohnt war, in die peinlichste Angst geriet.

Wilhelm Busch, Der Schmetterling, 1895

„Hö! Hö!“ schrie ich aus Leibeskräften. „Satan, laß los!“

Gleichzeitig schlug ein blendender Blitz in den nächstliegenden Heuhaufen, und ein Donnergepolter folgte nach, als wäre das Weltall von der Treppe gefallen.

Meine zärtliche Unbekannte ließ mich los und sprang vor die Hütte. „Ätsch! Fehlgeschossen! Hier saß ich!“ rief sie spottend in die Wolken hinauf, und dann tanzte sie lachend um den brennenden Heuschober.

Die blitzenden Zähne; das schwarze Haar, durchflochten mit goldenen Münzen; unter dem grauen, flatternden Röcklein die zierlichen Füße; dies alles, kann ich wohl sagen, schien mir äußerst bemerkenswert.

Mit dem letzten Krach war das Wetter vorübergezogen. Vergnüglich und unbefangen, als sei zwischen uns beiden nichts vorgefallen, setzte sich das Mädel wieder zu mir in die Hütte. Sie machte die Schürze auf. Es waren gedörrte Birnen drin, meine Lieblingsfrüchte, und als ich sie essen sah, wollt ich auch zulangen. Aber jedesmal kniff sie die Knie zusammen, zischte mich an und gab mir neckisch einen Knips vor die Nase. Schließlich erwischt ich doch eine beim Stiel. Sofort krümmte sich diese Birne und biß mich in den Finger, daß das Blut herausspritzte. Ich hatte eine Maus beim Schwanze. „Au!“ rief ich und schlenkerte sie weit weg. „Wart, Hex, jetzt krieg ich dich!“

Aber schon war die hübsche Zauberin aufgesprungen und hatte mir sämtliche Birnen vor die Füße geschüttet. Dies Mäusegekrabbel! Die meisten liefen weg; nur eine war mir unter der Hose hinaufgeklettert, das Rückgrat entlang, bis an die Krawatte, wo sie nicht weiter konnte, und nagte hier wie verrückt, um herauszukommen, und bevor ich mich noch ausziehen konnte, hatte sie auch schon, wie sich später zeigte, ein zirkelrundes Loch durch Hemd, Weste und Frack gefressen.

Als ich mich von dieser Aufregung wieder einigermaßen gesammelt hatte, sah ich mich um nach dem Blitzmädel, der Hexe; denn ich hatte Mut gefaßt und wollte ihr mal recht ins Gewissen reden von wegen der Zauberei, und darnach, so nahm ich mir vor, wollte ich ihr zur Strafe für ihre Schändlichkeit einige herzhafte Küsse geben. Ich suchte und suchte, in der Hütte, in der Hecke. Nichts Lebendiges war zu bemerken, außer ein Laubfrosch, ein Zaunigel, viele Maikäfer und der Schwanz einer silbergrauen Schlange, die grad in einem Mausloch verschwand.

Weiterhin schlich der Jägernazi herum, als ob er was verloren hätte. Er sah recht verstört aus und ging an mir vorbei, ohne mich zu beachten.

Auch ich war etwas trübselig geworden; denn nicht nur spukte mir das Mädel im Schädel, sondern als ich Frack, Hemd und Weste ablegte, um den Mäuseschaden zu besichtigen, fehlte mir auch mein goldenes Medaillon, das ich bisher immer so sorgsam bewahrt hatte.

Nach dem Gewitter hatte sich die Luft empfindlich abgekühlt, so daß mir abends die Zähne im Munde klapperten. Daher schien es mir ratsam, mich nach einem Quartier umzusehn, wo ich unter Dach und Fach übernachten konnte. Ich versteckte mein Netz, näherte mich einem einsamen Bauernhofe und besah die Gelegenheit. Aus einer offenen Luke im Giebel hing Stroh heraus; eine Leiter stand davor. Zu Nacht, als alles still geworden, stieg ich hinauf. Es war ein einfacher Bretterboden. Ich machte mich so leicht wie möglich. Kracks! da brach ich schon durch.

Ich fiel weich, auf ein Bett, wie ich merkte! Aha! dacht ich. Das trifft sich gut! Dies ist sicher die Fremdenkammer! und wollte mir’s bequem machen. Aber neben mir rührte sich was.

Wilhelm Busch, Der Schmetterling, 1895

„Kunrad!“ rief eine Weiberstimme. „Kunrad, der Sack ist durch die Decke gefallen.“

„Dummheit! Du träumst! Dreh dich um!“ gab eine schläfrige Männerstimme zur Antwort.

„Kunrad!“ kreischte die Frau. „Der Sack hat Haar auf dem Kopf!!“

„Ich komm schon!“ klangs munter aus dem anderen Bett herüber. Es schien mir nicht ratsam, noch länger zu verweilen. Ich trat klirrend in ein Gefäß voll Flüssigkeit; ich tappte mit den Händen in fünf, sechs offene Mäuler. Die Kinder heulten, die Frau schrie: Ein Dieb! Ein Dieb! und der Bauer fluchte und schwur, daß er ihn schon kriegen und durch und durch stechen wollte, wenn er nur gleich einen Säbel hätte. Zum Glück fand ich eine Tür, die in den Nebenraum führte. Hier kriegt ich den Kopf einer Kuh zwischen die Arme, und als ich das haarige Gesicht und die zwei harten Hörner fühlte, erschrak ich und dachte schon, es sei der kräftige Knecht mit der Heugabel. Das bekannte Hamuh! gab mir die Besonnenheit zurück. Ich sprang aus der Klappe und schlich mich hinter dem Schweinestall herum durch den Gemüsegarten ins Feld. Alles was Stimme hatte, war wach geworden: Hund, Hühner, Schweine, Kühe, Ziegen und Gänse; aber am längsten hört ich noch die leidenschaftlichen Äußerungen der Familie, die aus weitgeöffneten Mäulern und Fenstern hinter mir herschimpfte.

Ohne erst mein Netz zu holen, lief ich und lief die halbe Nacht hindurch, bis ich einen Teich erreichte, in dessen Nähe ein Mühlrad rauschte.

Schön gelb und rund, gleich dem Eierkuchen in der Pfanne, ehe er völlig gereift ist, schwebte der Mond im Himmelsraum. Ich war ungemein wach und warm geworden. So setzt ich mich denn auf das Wehr und hörte zu, was sich die Frösche erzählten, die ihre gesellige Unterhaltung, worin sie durch meine Ankunft gestört waren, alsbald wieder anknüpften.

„Frau Mecke! Frau Mecke!“ fing die eine Fröschin zur andern an.

„Was ba-backt Ihr denn morgen?“ „Krapfen! Krapfen! Frau Knack!“ entgegnete die Frau Mecke.

„Akkurat mein Geschmack!“ quackte die Frau Knack.

Und kaum, daß sie diese Ansicht geäußert hatte, so stimmten sämtliche Frösche ihr bei und erklärten laut und einstimmig, die Frau Knack-ack-ack-ack hätte den wahren Geschmack-ack-ack-ack, und da blieben sie bei und hörten nicht auf, bis ich gegen Morgen einen dicken Stein holte und mitten ins Wasser plumpste.

Inzwischen hatt ich allerlei in Erwägung gezogen. Durch die vorwiegend pflanzliche Nahrung war meine Natur doch sehr merklich ermattet. Auch bedurfte meine Wäsche, die nur aus 1/12 Dutzend Hemden und 1/12 Dutzend Paar Strümpfen bestand, recht dringend der Ergänzung. Daher beschloß ich, mir in der Mühle einen Dienst zu suchen.

Auf meine Anfrage, ob’s nichts zu flicken und zu stopfen gäbe, gab der Müller die freudige Antwort:

„Nur herein, mein Sohn; es ist ein gesegnetes Mäusejahr; kein Sack ohne Löcher!“

Drei Wochen lang hantiert ich emsig mit Nadel und Zwirn; aber die sitzende Lebensweise gab mir auch die beste Gelegenheit, in aller Stille an die reizende Hexe zu denken und allerlei Pläne zu schmieden, wie ich sie wieder erwischen könnte. Unwiderstehlich erwachte die Wanderlust; die Beine fingen an zu zappeln, wie fleißige Weberbeine, und eines schönen Morgens stand ich reisefertig da, mit einem neuen Netz in der Hand, und sprach:

„Meister! Ewig können wir nicht beieinander sein. Gehabt Euch wohl!“

Nachdem ich meinen Lohn erhalten, spaziert ich mit munteren Schritten den Bach entlang. Ich war ordentlich plus und prall geworden. Und pfeifen tat ich, und zwar schöner als je, denn grad durch das ärgerliche Loch, was mir der Strolch in die Zähne geworfen, bracht ich nun die kunstvollsten Töne hervor.

Die Landschaft, in die ich zuerst gelangte, sah sehr einförmig aus. Die Kartoffeln standen gut; indes ungewöhnlich viele Schnecken gab es daselbst, die, wie mir schien, noch viel langsamer krochen als anderswo. Bald erreicht ich ein idyllisches Dörflein. Alle Häuser hingen gemütlich schief auf der Seite; desgleichen die Wetterhähne auf den Dächern. Auf den Türschwellen im warmen Sonnenschein hockten die Mütter und besahen so beiläufig den Kindern die Köpfe, während die Mannsbilder draußen auf der Bank saßen und versuchten, in dieselbe Stelle zu spucken, was, wenn es gelingt, ja den Ehrgeiz befriedigt. Nur einer machte sich etwas Bewegung auf der Gasse. Er ließ seinen Stock fallen. Mühsam und seufzend hob er ihn auf; aber dann ging er auch gleich ins Wirtshaus zu seiner Erholung.

Ein Dickwamps sah schläfrig zum Fenster heraus.

„Ihr da, mit dem Dings da!“ sprach er mich an. „Ihr könntet mir zu etwas behilflich sein.“

Ich trat ins Haus. In langgedehnter, zähflüssiger Rede tat er mir kund, um was es sich handelte: Er hätte eine Kanarienvogelhecke oben unter dem Dach, die möchte er gern, von wegen des lästigen Treppensteigens, nach unten verlegen, aber das Viehzeug, um es einzufangen, sei gar zu flüchtig für ihn, und da wär ich mit meinem Netz grad recht gekommen.

Ich stieg voran die Treppe hinauf. Er ließ sich nachschleppen, indem er meine Frackschöße erfaßte, und es wundert mich nur, daß dieselben bei der Gelegenheit nicht ausgerupft und entwurzelt sind. Trotzdem, als wir die Dachkammer erreichten, mußte ich ihm erst lange den Rücken klopfen, bis er wieder zu Atem kam; so dick war der Kerl.

Mit Leichtigkeit, vermittels meines Netzes, erhascht ich sämtliche Vögel, es mochten ihrer zwanzig bis dreißig sein, und steckte sie in einen Beutel, den ich auf einen Stuhl niederlegte. Nur ein altes schlaues Weibchen konnt ich noch immer nicht kriegen.

Der Dicke, der starr und träge zugesehn, wie ich so herumfuchtelte, mochte davon wohl etwas schwindlig und müde geworden sein. Mit dem Seufzer Achja! ließ er sich in voller Sitzbreite, auf den Stuhl niedersinken, wo der Beutel drauf lag. Keinen Ton gaben sie von sich, die armen Vöglein.

Wilhelm Busch, Der Schmetterling, 1895Er merkte auch nichts, sondern saß friedlich da mit halbgeschlossenen Augen, und als ich ihm ängstlich mitteilte, daß fast sein ganzer Singverein unter ihm läge, sprach er langsam und seelenruhig:

„Dann pfeifen’s nimmer, das weiß ich gewiß!“

„Na!“ rief ich. „So bleibt meinetwegen sitzen bis Ostern übers Jahr. Wünsch angenehme Ruh!“

Das alte Kanarienweibchen hatte sich ihm frech auf den Kopf gesetzt und pickte an dem Quast seiner Zipfelmütze. So verließ ich die zwei.

Am Ende des Orts war ein stattlicher Neubau im Werden. Drei Zementtonnen lagen da; aus zwei derselben schaute je ein Paar Stiefel hervor. Ein einziger Maurer stand auf der Leiter mit dem Lot in der Hand und visierte lange mit großer Genauigkeit. Hierbei entglitt ihm die Schnur. Langsam stieg er herab; langsam wickelte er sie auf; langsam stieg er wieder nach oben. Als er bis zur Mitte der Leiter emporgeklommen, entfiel ihm das Lot zum zweiten Male. Er nahm eine Prise, sah in die Sonne, wartete fünf Minuten vergeblich auf die Wohltat des Niesens, stieg langsam herab, machte Schicht und alsbald schaute auch aus der dritten Tonne ein Paar Stiefel hervor.

Um alles dies mit Muße in Betrachtung zu ziehn, hatt ich auf einem Steinhaufen Platz genommen. Ein Hausierer, der einen Packen mit Wollwaren trug, setzte sich zu mir.

„Merkwürdiger Ort, dies Dösingen!“ fing er an. „Den Flachsbau haben sie längst aufgegeben; war ihnen zu langwierig; flicken die Schweinställe mit den Hecheln, die Zacken nach innen gekehrt; Rüsseltiere wühlten sonst immer die Wände durch; Gänsezucht vorherrschend jetzt, der Bettfedern wegen. Bequeme Leute; wenn sie gähnen, lassen sie meist gleich das Maul offen fürs nächste Mal. Hier verkauf ich die meisten Nachtmützen.“

„Was wird denn das für ein Haus da?“ fragt ich.

„Trottelheim. Der reiche Schröpf läßt’s bau’n, der Klügste im ganzen Dorf, seit er das große Los gewann. Diese wohltätige Anstalt, pflegt er zu sagen, ist nicht bloß für andere, sondern eventuell auch für mich, nach meinem Tode natürlich; denn, sagt er, wenn man auch als gescheiter Kerl stirbt, man weiß nie, ob man nicht als Trottel wieder auflebt.“

Der Hausierer erhob sich. Ich erhob mich gleichfalls und fragte ihn, wie das nächste Dorf hieße.

„Juxum!“ gab er zur Antwort. „Lustiges Nest.“

Schon von weitem konnte man sehn, daß es ein fröhliches Dörfchen war. Die Saaten standen üppig; auf jeder Blume saß ein Schmetterling; in jedem Baum saß ein zwitscherndes Vöglein; rot schimmerten die Dächer und hellgrün die Fensterläden.

Ein munterer Greis gesellte sich zu mir. Auf meine Frage, wie er es angefangen, so alt zu werden, erwiderte er schmunzelnd:

„Regelmäßig weiterleben ist die Hauptsache. Ich esse, trinke, schlafe regelmäßig, und wenn meine Frau stirbt, so heirate ich regelmäßig wieder. Jetzt hab ich die fünfte. Ich bin der Bäcker Pretzel. Dort liegt das Wirtshaus. Gleich komm ich nach.“

Auf Grund meiner Ersparnisse in der Mühle konnt ich mir schon was erlauben. Ich kehrte ein. Da der lange Stammtisch, bis auf den Ehrenplatz, schon besetzt war, drückt ich mich auf die Bank hinter der Tür. „Frau Wirtin!“ sprach ich bescheiden. „Ich hätte gern ein Butterbrot mit Schlackwurst.“

„Schlackwurst? Das glaub ich schon. Schlackwurst ist gut!“ rief laut lachend die dicke Wirtin. „Aber unsere Schlackwurst, mein Schatz, die essen wir selber!“

Dieser Scherz erregte bei der anwesenden Gesellschaft das herzlichste Gelächter. Alle bestätigten es, daß die Schlackwurst sehr schmackhaft, ja, die Königin unter den Würsten sei. Da die Wirtin ferner erklärte, sie habe es sich zur Regel gemacht, auch ihre Butter lediglich selbst zu genießen, so mußt ich mit einem Stück Hausbrot und einem kleinen Schnapse vorliebnehmen.

Die Schwarzwälder Uhr hakte aus, um fünf zu schlagen.

„Gleich wird Bäcker Pretzel kommen!“ bemerkte die Wirtin. „Seit nun bereits fünfzig Jahren, präzis um Schlag fünf, setzt er sich hier auf seinen Platz und trinkt regelmäßig seine fünf Schnäpse.“

„Das ist wie mit den ewigen Naturgesetzen!“ erklärte der schnauzbärtige Förster. „Nicht wahr, Herr Apotheker?“

„Jawohl!“ bestätigte dieser. „Man weiß, wie’s war, also weiß man, wie’s kommt. Was sagt Ihr dazu, Küster?“

„Tja tja tja!“ sprach der bedenkliche Küster. „Ich hoffe, es gibt Ausnahmen von der Regel. Seit fünfzig Jahren hab ich sechzig Taler Gehalt; vielleicht – –“

„Ah drum!“ lachten alle.

Die Uhr schlug fünf. Es faßte wer draußen auf die Türklinke.

„Hurra!“ hieß es. „Da kommt Pretzel. Jetzt wird’s lustig!“

Die Tür ging auf. Ein Bäckerjunge trat ein und teilte mit, daß der alte Pretzel soeben gestorben sei.

Auf einen Augenblick des Schweigens folgte ein allgemeines Gelächter. Man lachte über sich selber, daß man so dumm gewesen war zu glauben, es gäbe was Gewisses in dieser Welt, und am End, meinte man, hätte der Küster doch vielleicht recht gehabt.

Am heftigsten lachte ein grau gekleideter Gast, so heftig, daß er ins Husten kam.

„Na freilich!“ rief man. „Bäcker Prillke kann wohl lachen; jetzt hat er die Kundschaft allein.“

Die Fröhlichkeit steigerte sich noch, als jetzt im Nebensaal ein Klarinettenbläser und eine Harfenistin sich hören ließen. Die Burschen und Dirnen aus der Nachbarschaft drängten herein; bald wogte der Tanz; ich kriegte auch Lust dazu. Besonders eins von den Mädeln konnt ich nicht aus den Augen lassen; denn obgleich sie ein Kopftuch bis fast auf die Nase trug, kam es mir doch so vor, als müßte es die reizende Zauberin sein, die mich letzthin so empfindlich geneckt hatte. Beim nächsten Walzer schwang ich mich mit ihr im Kreise herum.

„Meinst, ich kenn dich nicht?“ sprach ich flüsternd. „Du bist ’ne Hex. Aus Hutzelbirnen kannst Mäuse machen.“

„Haha!“ lachte sie. „Das ist wohl meine Bas aus dem Gebirg. Die kann Künste. Aber gib acht. Lucindili heißt sie, wer kein Geld hat, den beißt sie.“

Mein anmutig schwungvolles Tanzen, mein flatternder Schniepel, das rote Sacktüchel weit hinten hinaus, hatten indes ein freudiges Aufsehen erregt. Der Walzer ging zu Ende. Aufgeregt und übermütig warf ich den Musikanten ein Guldenstück zu, damit sie mir extra eins aufspielten. Aber als ich mich umsah nach dem Blitzmädel, hopste sie bereits dahin, umschlungen von den dürren Armen eines kleinen putzigen Kerlchens mit Buckel hinten und Buckel vorn, die Weste gepflastert mit Silbermünzen, die Finger voll goldener Ringe und puppenlustig die Beine schlenkernd. Das wurmte mich. Ich trank zwei Schnäpse hintereinander und fing Krakeel an. Zwei Minuten später flog ich draußen, zu allgemeinem Vergnügen, sehr rasch die Treppe hinunter.

Anstatt mich nun alsbald so weit wie möglich von diesem lustigen Ort zu entfernen, stellt ich mich hinter den Zaun und paßte auf, bis das Mädel nach Hause ging. Es war schon Abend geworden, als sie kichernd über die Straße eilte, das Buckelmännchen dicht hinter ihr. Gleich darauf machte sie Licht im Haus gegenüber, oben am offenen Fenster. Schmachtend blickt ich hinauf. Sie sah mich stehn, so schien’s, und winkte mir zu.

Schnell nahm ich einen Schubkarren, der dienstwillig dastand, richtete ihn an die Mauer, kletterte hinauf und streckte meine Arme über die Fensterbrüstung, um einzusteigen. Es war eins von jenen niederträchtigen Schubfenstern, die man von oben herunterläßt. Mit Gerassel fiel es zu; die Scheibe, dicht vor meinem Gesicht, sprang klirrend entzwei; ein Pflock wurde vorgeschoben; ich saß mit beiden Armen fest bis über die Ellenbogen.

„Er sitzt in der Klemme! Lauf, Cindili, und sag Bescheid, daß sie kommen!“

Dies rief eine heisere Männerstimme; und wenn meine Lage an sich schon ängstlich genug war, so wurde sie jetzt gradezu peinlich, als ich zu meinem Schrecken bemerkte, daß aus dem Hintergrunde des Zimmers mein bucklichter Nebenbuhler höhnisch grinsend, mit dem Talglicht in der Hand, auf mich zukam.

„Du Leichtfittig!“ rief er und leuchtete mir in die Augen. „Du Mädchenverführer! Was denkst du dir nur, du abscheulicher Racker?“ Unterdes hatte er einen Korkstöpsel in die Flamme gehalten und machte mir damit erst mal einen schwarzen glühendheißen Schnauzbart von einem Ohr bis zum andern, und dann hielt er mir das Licht unter die Nase, daß sie darin lag wie ein Lötkolben, was sehr weh tat.

Wilhelm Busch, Der Schmetterling, 1895Aber das Schlimmste kam erst noch, denn jetzt kriegte er seine große Horndose aus der Tasche und rieb mir zwei tüchtige Portionen Schnupftabak in die Naslöcher, so daß ich fürchterlich niesen mußte, und dabei stieß ich mit meiner armen Nase fortwährend auf den harten Fensterrahmen, bis ich schließlich nicht mehr wußte, ob’s Sonntag oder Montag war.

Inzwischen ging hinter mir auf der Gasse ein Kichern und Gemurmel los, und nicht bloß dies. Ein Klatschhieb nach dem andern fiel tönend auf meine gespannte Rückseite, darunter mancher von bedeutender Kraft; und Kniffe waren auch dabei, vermutlich von Weibern. Und dann hieß es: He, Philipp! He, Christoph! Herbei mit dem Pusterohr!

Ach, wie empfindlich stach das, wenn diese spitzen Geschosse, phütt! phütt! so plötzlich sich einbohrten in meine strammen Gesäßmuskeln, die durch die leichte Bekleidung so gut wie gar nicht geschützt waren. Und jetzt erhob sich ein allgemeines Freudengeschrei: „Apotheker Pillo kommt mit dem Feuerwerk!“

Sie zogen mir den Schubkarren unter den Füßen weg. Bei prachtvoller bengalischer Beleuchtung, bald rot, bald grün, hing ich strampelnd an der Wand herunter.

Erst als das Feuerwerk sich seinem Ende nahte, schob man das Fenster hoch. Ich tat einen harten Fall; ich war geneigt zu harten Worten; aber die Genugtuung, mich ärgerlich zu sehn, wollt ich dem Publikum doch nicht bereiten; daher rappelt ich mich flink auf und verließ sorglos tänzelnd, im lustigsten Hopserschritt, den Schauplatz meiner Qual und Beschämung. Die heiteren Bewohner von Juxum sandten mir ein tausendstimmiges Bravo! nach.

Zur dauernden Erinnerung an dies Erlebnis hab ich die rote geschwollene Kartoffelnase behalten, die verdächtig genug aussieht, obgleich ich seit jenem Tanzvergnügen den Schnapsgenuß immer sorgfältig vermieden habe. Was die anderseitigen Verletzungen anbelangt, so haben sie, so sehr dies zu befürchten stand, doch auf meine spätere Sitzfähigkeit keinen nachteiligen Einfluß ausgeübt.

Nachdem ich in dem nunmehr eifrigen Bestreben, das lustige Juxum baldmöglichst weit hinter mir zu lassen, die ganze Nacht durch auf den Beinen geblieben, gelangt ich bei Sonnenaufgang in ein schattiges Waldgebirge.

Vor einer kleinen Höhle stand ein knorriger Baum. In ziemlicher Höhe, an einem langen Aste desselben, hatte sich einer aufgehängt. Da er das linke Bein noch rührte, kletterte ich mit einiger Mühe und Gefahr nach oben, kriegte mein Messer heraus und schnitt eilig den Strick ab.

Der Unglückliche, der sich durch Verlängerung des Halses sein Leben zu verkürzen gedachte, war noch elastisch und hüpfte daher, als er den Boden berührte, ein paar mal auf und nieder, ehe er umfiel. Bei näherer Besichtigung fand ich, es war der Jägernazi, der Schlangenfreund, der mir ehemals einen so empfindlichen Stoß unter die Rippen versetzte.

Ohne Groll und Zögern jedoch macht ich mich dran, ihn in den verlorenen Zustand eines bewußten Vorhandenseins wieder zurückzubringen. Ich knöpfte ihm die Joppe auf; ich knetete ihm mit Händen und Füßen die Magengegend; ich kitzelte und feilte mit einer stacheligen Brombeerranke seine lange weiße Nase; ich holte groben Kies und eine Handvoll Ginster und schabte ihm Brust, Hals und Angesicht, um die erlahmten Gefühle zu reizen und aufzumuntern. Endlich hatt ich Erfolg. Mit den schmerzlich hingehauchten Worten: Oh, Schlange! riß er die Augen auf, setzte sich, befühlte seine Kehle, nieste, spuckte aus und sah mich lange schief, aber scharf, von der Seite an. Jeden Augenblick erwartete ich einen Ausbruch seiner Dankbarkeit gegen mich, der ihm so mühsam das Leben gerettet. Aber ich irrte sehr.

„Malefiztropf!“ plärrte er mir entgegen. „Nie meiner Lebtag hab ich mich so gut unterhalten, wie diese letzten zehntausend Jahre, als ich nirgends zugegen war; und da geht der Narr her und verleidt und zerschneidt mir mein‘ Freud, und da sitz ich nun wieder in der schlechtesten Gesellschaft, die sich nur denken läßt, in meiner und deiner, du langweiliger Peter, du!“

Allmählich indes fing er an, die Gegenwart dieser Welt wieder erträglich zu finden. Er wurde sogar heiter und mitteilsam.

„Eigentlich sollt ich ein Klosterbruder werden“, hub er an zu erzählen. „Allein die edle Entsagung, die hierzu erforderlich ist, fehlte mir gänzlich. Ich lief weg und ließ mich anwerben bei den Soldaten; aber parieren mocht ich auch nicht gern. Da, wie’s der Zufall so fügte, starb ein alter Vetter, der mir zehntausend Gulden vermacht hatte. Wunderlicher Kauz, das! Hatte fünfhundert Gulden bestimmt für sein Grabmonument. Bildhauer ausdrücklich mit Namen genannt. Verständiger Künstler; ließ mit sich reden; nahm hundert Gulden für nichts; und der tote Herr Vetter wartet noch heut auf sein Denkmal.“ „Das war nicht gut!“ meint ich.

„Wieso?“ fuhr der Nazi fort. „Sind vierhundert Gulden was Schlechts? Kurzum, ich wurde flott. Ich lernte ein Mädel kennen; fein, schlank, wundersam; ein verteufeltes Frauenzimmer. Zog mir spielend die Seel aus dem Leib und das Geld aus der Tasche. Mit dem letzten Dukaten, weg war sie. Ha, du Hex! Ha, du Schlange!“

Schon glaubt ich, er wollte sich zum zweitenmal aufhängen vor Wut und Gram; aber er besann sich, lachte grimmig und lud mich ein, mit in seine Höhle zu gehn, wo er sich häuslich eingerichtet hatte; allerdings nur sehr mangelhaft, denn eine vielversprechende Flasche, die er, ein Auge zugekniffen, gegen das Licht hielt, erwies sich als inhaltlos. In der Ferne fiel ein Schuß.

„Weißt du was, Freund Peter?“ sprach der Nazi etwas hastig. „Am besten ist’s, wir gehn fechten bei den Bauern, damit wir was Warmes kriegen.“

Vorsichtig voranschleichend, führte er mich nach der andern Seite aus dem Walde hinaus, quer durch die Felder, bis wir zum nächsten Dörflein gelangten.

Gleich im ersten Hause fand unser Anliegen eine günstige Aufnahme. „Grad kommt ihr recht, ihr Herrn!“ sagte die gemütliche Bauernfrau. „Heut mittag hat’s Erbsenbrei mit Speck gegeben; der Speck ist alle; aber Brei gibt’s noch in Hülle und Fülle.“

Sie brachte jedem einen aufgehäuften Napf voll, und der hölzerne Löffel stak drin. Freudig setzt ich den letzteren in genußreiche Bewegung. Freund Nazi dagegen, dem die Kost nicht behagte, pustete nur immer, als ob’s ihm zu heiß wäre; und kaum daß die gute Bäuerin den Rücken drehte, um wieder in die Küche zu gehn, so erhob er sich und entleerte seine Schale in das Innere eines grünen baumwollenen Regenschirms, der hinter der Tür stand.

„Danke für gute Verpflegung!“ rief er in die Küche hinein und entfernte sich eilig.

Ein warnendes Vorgefühl überschlich mich. Ich machte, daß ich fertig wurde, und stand grad auf, als der ehrwürdige Hausvater aus der Stube trat. Er langte sich den Schirm, weil es draußen zu regnen begann, und spannte ihn auf. Groß war seine Überraschung, als ihm der zähe Brei über das Haupt und die Schultern rann. Dennoch besaß er so viel Geistesgegenwart, daß er mir, eh ich vorbeischlüpfte, den Schirm ein paarmal um die Ohren schlug, so daß ich auch von diesem Brei noch ziemlich was abkriegte.

Wilhelm Busch, Der Schmetterling, 1895Der Nazi sah es von ferne und wollte sich schief lachen. Ich wär ihm fast bös geworden darum; da er aber fleißig putzen half und trostreiche Worte sprach, ging ich wieder zu Wohlwollen und Heiterkeit über.

Um die Vesperzeit drang mein Freund darauf, daß wir, jedoch am andern Ende des Dorfes, einen zweiten Besuch machten.

Ein kleiner Unglücksfall kam uns zustatten. Ein Knabe von etwa fünf Jahren fiel aus einem Apfelbaum ins weiche Gras. Er war mit einem Anzug bekleidet, den man „Leib und Seel“ benennt; hinten zugeknöpft. Dadurch, daß sich beim Fallen ein Ast in den Schlitz gehakt hatte, war der Verschluß von unten bis oben vollständig gelockert. Die besorgte Mutter trat aus der Haustür. Wir suchten die abgesprungenen Knöpfe auf. Ich zog Nadel und Zwirn aus der Tasche. Der weinende Knabe wurde über den Schoß der Mutter gelegt; der Nazi hielt ihm die Beine, daß er nicht strampeln konnte. Bald waren nach allen Regeln der Kunst die Knöpfe wieder befestigt und „Leib und Seele“ verschließbar, soweit das, nach unten hin, bei diesem Kleidungsstücke der unmündigen Jugend überhaupt ratsam erscheint.

Erstaunt und glücklich über diese rasche und erfolgreiche Kur, lud uns die Mutter zum Vesperbrot ein.

Ein mächtiges Hausbrot, ein Teller mit dunklem Zwetschenmus, eine beträchtliche eben nur angebrochene Butterwälze, eine Schlackwurst von anderthalb Ellen, standen alsbald zu unserer Verfügung. Am schnellsten nahm der Nazi Platz, denn er hatte tagsüber nur rohe Pflaumen gegessen. Er tat einen tüchtigen Hieb in die Butter.

„Die Butter ist schon hier am andern Ende angeschnitten!“ sagte die Frau, die sehr ordnungsliebend zu sein schien.

„Macht nichts!“ erwiderte der Nazi. „Da kommen wir auch noch hin!“

„Hier ist auch schwarze Butter!“ erinnerte die Bäuerin.

„Danke! Die weiße ist gut genug für uns!“ sagte der Nazi und tat einen zweiten und dritten Hieb.

So fuhren wir rührig fort. Die Schlackwurst verkürzte sich zusehends. Die Frau wurde besorgt.

„Man kann auch zu viel essen!“ meinte sie.

„So leicht wohl nicht!“ erwiderte der Nazi.

„Man kann sich auch krank essen!“ sagte sie bald darauf.

„Kommt auch wohl vor!“ gab er zur Antwort.

„Man kann sich auch totessen!“ sprach sie endlich, als die Wurst immer kürzer wurde.

Jetzt legte der Nazi das Messer nieder und sprach im ernsten Ton allertiefster Bedenklichkeit:

„Wenn Ihr das meint, gute Frau, dann will ich sie lieber mitnehmen!“

Flugs erhob er sich, schob die Wurst in die Rocktasche, aus der sie noch ein gutes Stück weit hervorstand, nahm das Brot unter den Arm, drückte der Frau herzlich die Hände, versprach bald wieder zu kommen und empfahl sich mit einem zierlichen Bückling. Tief beschämt über dieses unverschämte Benehmen meines Freundes, drückt ich mich stumm aus der Tür.

Abends kehrten wir in dem Nazi seine Höhle zurück, wo wir uns die Nacht und den folgenden Tag der Ruhe, der stillen Betrachtung und dem Genuß unserer Vorräte widmeten.

Als Brot und Wurst zu Ende waren, suchten wir wiederum eine Stätte auf, die von Wesen bewohnt wurde, welche kochen.

Wir traten durch die Hintertür in eine Küche. Die Köchin war nicht zugegen. Zwei Töpfe dampften auf dem Herde. Der Nazi hob die Deckel auf. In dem einen brodelten Pellkartoffeln, in dem andern, zärtlich zu Pärchen verknüpft, ein Dutzend Paar Bratwürste. Der Nazi, gewandt und kurz entschlossen, gabelte sie auf seinen Stecken. „Besorg du die Kartoffeln! Schnell!“ rief er mir zu und war schon zur Tür hinaus.

Nebenan im Keller hustete wer. Ohne mich lange zu besinnen, ergriff ich mit jeder Hand ein paar der dicksten Kartoffeln und lief gleichfalls hinaus. Sie waren glühend heiß; im Stich lassen wollt ich sie nicht; in meiner Verwirrung und ängstlichen Eile steckt ich sie in die Hosentaschen. Hier war der Teufel los. Ich fing an zu klopfen. Aber jetzt, als die Knollenfrüchte zerplatzten, kam ihre Höllenhitze erst recht zur vollen Entwicklung. Ich lief immer schneller und stieß dabei durchdringende Schmerzenslaute aus. Der Nazi, mit seinem Stecken voller Würste, sah sich nicht um. Schließlich gelangten wir an einen Bach. Ich nahm ein Sitzbad bis unter die Arme; meine Schmerzen und Klagen besänftigten sich. Unterdes ließ sich mein Freund am Ufer nieder und aß recht gemütlich. Er meinte, es machte sich hübsch, wie ich so dasäße, und sei sehr gesund, und ich sollte nur sitzen bleiben, bis er fertig wäre. Dies gab mir Veranlassung, meine Badekur schleunigst zu unterbrechen, und das war gut, denn als ich ans Land stieg, waren nur noch drei Paar Würstel vorhanden, an denen ich mich beteiligen konnte.

Auf unserem Wege zum Walde hin trafen wir eine schlafende Bauernfrau, die vermutlich zu Markte wollte. Leise und geschickt zog ihr der Nazi ein Päckchen Butter aus der Kiepe und legte dafür einen tüchtigen Feldstein von mindestens zwanzig Pfund Gewicht an die Stelle. Als wir uns umsahn gleich nachher, erwachte sie grad und hockte die Kiepe auf mit Seufzen und großer Beschwerde, und unten rann eine gelbe Sauce heraus, und fünf Schritt weiter brach der Boden durch. „Schad um das Rührei!“ meinte der Nazi. „Ich sag’s immer: Wer Steine und Eier verpackt, soll die Steine nach unten legen.“

Mir war nicht ganz wohl bei der Sach; allein der Schlingel machte das alles so lustig und wohlgemut, daß ich schließlich doch lachen mußte.

So lebten wir denn wochenlang tagsüber von unserer Betriebsamkeit in den Dörfern und bei Nacht in unserm traulichen Heim in tiefer Waldeinsamkeit.

An einem regenreichen Spätnachmittage, als wir eben dahin zurückgekehrt waren und der Nazi grad angefangen hatte, eine seiner besten Geschichten zu erzählen, fielen in der Nähe zwei Schüsse. Ein Rehbock lief vorüber; im nächsten Augenblick liefen auch wir, der Nazi voran, in der nämlichen Richtung. Es sei dem Grafen sein Förster, ein guter alter Bekannter, der da geschossen hätte, sagte später der Nazi, als wir uns etwas verschnauften.

Wir waren in die Nähe eines einsam liegenden Wirtshauses gekommen. Es wurde sehr dunkel und regnete so heftig, daß mein Freund behauptete, wir müßten unbedingt ein Quartier nehmen für die Nacht. Ich erwähnte unsere Mittellosigkeit.

„Man muß nur parterre wohnen!“ meinte er sorglos. „Dann macht’s nichts!“

Wir traten ein und setzten uns, und er, mit vornehmer Sicherheit, bestellte einen reichlichen Abendimbiß nebst Bier vom besten. Nachdem er drei Maß mehr getrunken als ich, rief er den Wirt herbei.

„Gebt uns ein gutes Schlafzimmer, aber zu ebener Erde, wenn ich bitten darf, denn aus Dachfenstern zu springen, im Fall daß Feuer ausbricht, und den Hals zu brechen, das tun wir nicht gern.“

Der Wirt steckte einen Talgstummel an und führte uns höflich in die Kammer. Wir entkleideten uns. Der Wirt sah zu.

„Gute Nacht, Herr Wirt!“ sagte der Nazi. „Bemüht Euch nicht länger!“

„Bitte um die Beinbekleidung!“ entgegnete der gefällige Gastgeber.

„Bürsten wir selber aus!“ sagte der Nazi.

„Um die Welt nicht!“ rief der Wirt. „Solch anständige Herrn? Wäre gegen meine Reputation. Werde in der Frühe die Ehre haben, mich persönlich nach dero Befinden zu erkundigen.“

Sorgfältig legte er die beiden Kleidungsstücke über den Arm und entfernte sich, indem er uns wohl zu ruhn und angenehme Träume wünschte.

Der Nazi schnitt mir ein langes Gesicht zu. Ohne viel Worte zu machen, voll mißlicher Ahnungen, kroch ein jeder in sein bescheidenes Lager.

Mein Bett stand an einer Bretterwand. Kurz vor Tage weckte mich ein Lichtschimmer, der durch eine Spalte mir grad übers Gesicht streifte. Verstohlen blickt ich hindurch. Es war ein Stall, neben dem ich schlief.

Ein Esel stand mit der schwänzlichen Seite dicht vor der Spalte. Der alte Schlumann, den ich sofort wiederkannte, näherte sich ihm mit der Laterne, streichelte ihm dreimal den Rücken und sprach dreimal hintereinander die Worte:

„Tata, tata! Mach Pumperlala!“

Damit stellte er ihm seinen Hut unter und ging ruhig beiseit und blätterte bis auf weiteres in seinem geschäftlichen Notizbuche.

Alsbald hob der Esel den Schwanz auf; und nun kam ich dahinter, wo der alte Kerl das viele Geld herkriegte, von dem die Spitzbuben geredet hatten.

Wilhelm Busch, Der Schmetterling, 1895

In ununterbrochener Folge, plink! plink! fielen die blanken Dukaten in den bereitstehenden Hut hinein. Die Versuchung war zu groß für mich. Ich steckte die hohle Hand durch die Spalte und schöpfte dicht an der Quelle.

„Tata, Bileam!“ rief Schlumann, ohne aufzublicken. „Tata, mach Pumperlala!“

Ich zog meine Hand, die aufgehäuft voll war, zurück und entleerte sie auf die Bettdecke. Dann hielt ich sie zum zweitenmal hin. Wieder rief der Alte, dem sogleich die Unterbrechung des Stromes zu Ohren kam: Tata, Bileam! indem er dadurch den Esel zu ermahnen und zu ermuntern suchte, in seiner ersprießlichen und scheinbar unterbrochenen Tätigkeit fortzufahren.

Eben hatte ich die zweite Handvoll in Sicherheit gebracht, als der alte Schlumann nähertrat, um das, was inzwischen ausdrücklich erfolgt war, zu besichtigen und einzuheimsen.

„Weis her, Bileam!“ sprach er. „Was haste gemacht? Wenig haste gemacht! Pfui, schäme dich!“

Nicht ohne ein gelindes Kopfschütteln füllte er den glänzenden Inhalt seines Hutes in die geräumige Geldkatze, sattelte sein wundersam ergiebiges Tierlein, das den Namen des geldgierigen Propheten trug, und führte es zum Stall hinaus in den Hof.

Der Morgen dämmerte durchs Fenster. Ich zählte meine Dukaten, die ich sorgfältig zu verbergen und aufzubewahren gedachte, denn sie schienen mir das einzige Mittel zu sein, jene reizende Hexe zu gewinnen, deren Bildnis mir so lebhaft im Herzen spukte. Mißtrauisch blickt ich nach meinem Kameraden hinüber, ob er auch nicht bemerkte, welch ein wertvolles Geschenk, gewissermaßen warm aus dem Prägstock der Natur, mir ein gütiges Geschick grad eben in die Hand gelegt hatte. Zu meinem Ärger mußt ich sehen, er blinzelte schon.

„Gold!“ rief er plötzlich und sprang vor mein Bett. „Natürlich gestohlen! Halbpart, oder ich sag’s wieder!“

Was sollt ich machen? Ich gab ihm die Hälfte ab und steckte das übrige in mein Beutelchen; und dann erzählt ich ihm wortwörtlich die ganze Geschichte. Ich zeigte ihm auch den alten Schlumann, der auf sei nem Esel eben vom Hofe ritt.

Freund Nazi, im Gefühl seiner Barmittel, wurde jetzt aber laut. Er bollerte mit der Faust und dem Stiefelknecht gegen die Tür und verlangte Bedienung. Der Wirt erschien.

„He, die Hosen! Frühstück! Eier! Schinken! Franzwein! Flink, marsch!“ schrie ihn gebieterisch der Nazi an und kniff dabei einen Dukaten ins linke Auge; ein Anblick, der den zuerst trägen und bedenklichen Herbergsvater gleich dienstbeflissen und munter machte.

Wir aßen gut und ließen uns Zeit dabei, und nachdem sich der Nazi ein Fläschlein extra in die Brusttasche gesteckt hatte, setzten wir einträchtig unsere Wanderschaft fort. Es wunderte mich nur, daß mein Freund, der sonst so gesprächig war, sich heute allmählich in ein völliges Schweigen hüllte. Endlich sprach er wieder:

„Verdammt zähes Zeug in dem Schinken. Klemmt sich immer grad zwischen die hohlen Backenzähne, natürlich! Uh, Teufel, der Schmerz! Bitte, sieh eben mal nach, bester Freund!“

Wir befanden uns weit draußen auf der einsamen Landstraße. Er riß jammernd das Maul auf. Da ich vorn nichts sehen konnte, als zwei Reihen arbeitsfähiger Zähne, nahm ich den Zeigefinger zu Hilfe, um weiter hinten mal nachzufühlen. Sofort, mit furchtbarer Gewalt, wie eine Marderfalle, schnappten die Kiefer zusammen. Meine Besinnung verließ mich. Als ich wieder zu mir kam, war mein Freund Nazi verschwunden; mein Geldbeutel desgleichen. Und so war denn das goldene Gewebe, womit ich die Geliebte zu umstricken gedachte, für immer entzweigeschnitten. Gebeugt und erschüttert durch dieses grausame Ereignis, ohne Freund, ohne Geld, zog ich mich in die tiefsten Schatten des Waldes zurück, wo mich sogleich ein erquickender Schlaf in seine tröstlichen Arme schloß.

Es war eine herrliche Mondnacht, als ich erwachte. Hinter den Felsen, im zitternden Silberlicht, schimmerte ein See. Ich hörte was plätschern. Eine Nixe, so schien es, badete sich. Neugierig schlich ich näher. Auf einem Stein lag ihr graues Gewand, auf dem Gewand ein Haarband von Goldmünzen.

„Aha!“ dacht ich. „Bist du’s? Jetzt sollst du mich schön bitten, bis du’s wiederkriegst.“

Geschwind steckt ich’s hinten in die Fracktasche; daß aber hinter mir, an den Baum gelehnt, ein Reiserbesen stand, hatt ich nicht beachtet.

Wilhelm Busch, Der Schmetterling, 1895Dieser, als säße der Teufel drin, setzte sich plötzlich in Bewegung und machte Sprünge wie ein Böcklein, und stieß nach mir, bald links, bald rechts, bald hinten, bald vorn, und dann nahm er einen Anlauf und fuhr mir zwischen die Beine, und fort ging’s hoch in die Luft und weg über die Wipfel; und ich mußte zuerst ordentlich lachen, als wir so dahintrabten, hopp hopp, unter dem zurückfliehenden Gewimmel der Sterne, und wie im geschüttelten Frackzipfel gar lustig die Münzen klirrten; aber schon nach fünf Minuten hatt ich es satt gekriegt, denn mein Rößlein war ein harter Traber und warf mich auf und nieder auf seinem hölzernen Rücken, daß mir’s war, als würd ich durchgestoßen und aufgespalten bis an den Nabel.

Endlich, nach Verlauf einer Ewigkeit von mindestens zwanzig Minuten, kehrte der verflixte Besengaul den Kopf nach unten und den Schweif nach oben und fuhr senkrecht in den geräumigen Schlot eines Hauses, welches einsam in der Wildnis lag.

Unter großem Gerassel fiel ich auf den Herd zwischen allerlei Küchengeschirr. Der Besen strich mir mit seinem dürren Reiserschweife noch ein paarmal durchs Gesicht, und dann stand er, in der Ecke am Kamin, stocksteif, wie ein gewöhnlicher Schrupper, der nie was von selber tut.

Durch ein Fenster mit runden Scheiben schien der Vollmond herein. Müd und kaputt, besonders inmitten, ließ ich mich in einen hölzernen Lehnstuhl fallen. Ach, wie weh tat das! Aber hinlegen, auf den kalten Fußboden, mocht ich mich auch nicht, weil ich zu erhitzt war; schließlich setzt ich mich auf die offene Seite eines leeren Eimers. Das ging so leidlich, und bald war ich eingenickt.

Schon graute der Morgen, als ich durch das Knarren der Außentür geweckt wurde. Ein krummes steinaltes Mütterchen, in grau vermummt bis unter die Augen, kam hüstelnd in die Küche gewackelt. Sie stieß einen kurzen erschrockenen Quiekser aus, als sie mich sitzen sah; doch ganz gefährlich mußt ich wohl nicht aussehn, denn sie sammelte sich bald und sprach mich an mit gewinnender Freundlichkeit:

„Ei, sieh da, mein Söhnchen! Wo kommst denn du schon her?“

„Ach, Mütterchen!“ klagt ich. „Ich bin geritten die halbe Nacht durch auf einem mageren bockichten Pferdchen, daß ich so steif bin, wie ein hölzerner Sägebock. Habt Ihr nicht zum Einreiben irgendeine geschmeidige Salbe, die wohltut?“

„Na, freilich, mein Kind!“ entgegnete sie dienstbeflissen. „Und was für eine!“

Sie öffnete den Wandschrank, kramte zwischen Gläsern und Töpfen und wählte schließlich eine zinnerne Büchse aus, die sie mir mit den traulichen Worten überreichte:

„Nimm hier, mein Sohn! Und schmier, mein Sohn! Paß auf, es wird schon anders werden!“

Bloß, um die Salbe mal vorläufig zu besichtigen, schrob ich den Deckel auf.

„Hu!“ machte die Alte und hielt sich schamhaft die Augen zu. „Bitte, nicht hier! Wenn ich’s nur denk, werd ich rot!“

Sie drängte mich nebenan in ihr Schlafzimmer, wo ich mich denn auch gleich, sobald ich allein war, gewissenhaft und emsig bemühte, eine baldmöglichste Linderung meiner Leiden herbeizuführen.

Und jetzt passierte mir was, worüber ich nur mit dem höchsten Widerstreben und der tiefsten Beschämung zu berichten vermag.

Kaum hatt ich mit der Salbung begonnen, so ging durch mein ganzes Wesen ein auffälliges, nie empfundenes Drücken, Drängeln und Krabbeln. Die Nase dehnte sich nach vorn, steif richtete sich der Frack nach hinten auf. Schon ging ich auf allen vieren, und als ich zufällig in den Spiegel blickte, der neben dem Bette stand, fing ich ärgerlich zu bellen an, denn ich sah mein nunmehriges Ebenbild vor mir in Gestalt eines Pudels, blau, wie der Schniepel, und mit gelben Hinterbeinen, wie die Nankinghose.

Ich – muß ich mich noch so nennen, nach dem, was vorangegangen? Oder darf ich Er sagen zu mir? Leider nein! so gern ich auch möchte; denn das fühlt ich genau: Die sämtlichen alten Bestandteile meiner Natur hatten sich nur verschoben und etwas anders gelagert als zuvor, und während der untergeordnete Teil meines Verstandes zur Herrschaft gelangte, war mein höheres Denkvermögen gewissermaßen auf die Leibzucht gezogen, ins Hinterstübel, von wo aus es immer noch zusah, wie die neue Wirtschaft sich machte, wenn es auch selbst nichts mehr zu sagen hatte.

Ich machte einige ängstliche Seitensprünge. Dicht hinter mir klirrte es. Es waren die Goldmünzen, die vorher im Frack, aber nunmehr im Schweife steckten. Dies Geräusch regte mich dermaßen auf, daß ich, um es loszuwerden, so lange im Kreise herumlief, bis mir die Zunge aus dem Halse hing. Dann setzte ich mich mitten in die Kammer, hielt die Nase hoch, rundete das Maul ab und stieß die kläglichsten Laute aus.

Die Tür öffnete sich, und wer steckte den Kopf herein? Meine reizende Hexe.

„Bist da, Peterle?“ rief sie lachend. „Hab ich dich erwischt, du Dieb, du Beutelschneider, du pudelnärrisches Hundsvieh, du?“

Es wurde mir wunderlich zu Mut. Mein Gefühl für dies Teufelsmädchen war nicht mehr Liebe, sondern einfach hundsmäßige Unterwürfigkeit. Ich kroch ihr zu Füßen; und wie ich so demütig mit dem Schwanze wedelte, klirrte es wieder drin, als wär es eine Sparbüchse für Kinder.

„Aha! Da sitzt die Musik!“ lachte die Hex. „Nur Geduld! Wenn der nächste Vollmond ist, dann wollen wir schnippschnapp! machen.“

Um ihr eine Aufmerksamkeit zu erweisen, stellt ich mich auf die Hinterbeine und versuchte mit den Vorderfüßen eine bescheidene Umarmung; aber eine wohlgezielte Maulschelle, die mir ein schmerzerfülltes Tjaujau! auspreßte, trieb mich scheu in den Hintergrund.

Zu Nacht wollt ich natürlich gern mit in die Kammer. Man schnappte mir die Tür vor der Nase zu. Mein Scharren und Winseln half mir nichts. Ich mußte einsam heraußen bleiben, rollte mich seufzend zusammen und verfiel endlich in einen unruhigen, oft unterbrochenen Schlummer, denn sämtliche Flöhe des Hauses, so schien es, hatten sich verabredet zu einem Stelldichein und munteren Jagdvergnügen in den dichten Wäldern meines lockichten Pelzes.

Morgens durft ich eintreten und meine Aufwartung machen und der Gnädigen die hübschen Pantöffelchen bringen, und jetzt, dacht ich, dürft ich mir wohl einiges herausnehmen und sprang, während sie sich die Zähne putzte, geräuschlos ins Bett, um mich nach der kühlen Nacht ein wenig zu erwärmen. Behaglich schloß ich die Augen. Doch sogleich wurde ich aufgescheucht mit harten Worten und ausgetrieben mit harten Schlägen vermittels der Pantoffeln, die sehr spitze Absätze hatten, und dann goß sie mir ein Glas eiskaltes Wasser über den Rücken, daß ich bellte vor Schreck und jammernd hinausrannte in den Hof, wo ich mich zitternd auf ein sonniges Plätzchen legte und ärgerlich nach jeder Fliege schnappte, die mich neckisch umschwärmte.

Mein Hunger war groß. Zu fressen kriegte ich nichts. Ich scharrte eine Maus aus dem Loch und verzehrte sie mit vielem Behagen; ich fing Käfer, ja sogar einen Gartenfrosch, und verzehrte sie mit dem äußersten Widerwillen.

Meine Gebieterin lebte sehr mäßig. Am Hause hingen ein paar Nistkästchen, aus denen sie täglich drei Sperlingseier nahm, die sie gar zierlich ausschlürfte, das war alles, und dabei blieb sie gesund und lustig und boshaft dazu.

Eines Abends, als sie strickend am offenen Fenster saß, wurde etwas hereingeworfen, was klingend zu Boden fiel. Es waren Dukaten.

„Je, der Nazi!“ rief sie freudig und lief und riegelte ihm die Haustür auf.

Mein ehemaliger Reisegefährte, bekleidet mit einem neuen Jagdanzuge, trat stolz herein und wurde begrüßt mit stürmischer Zärtlichkeit ihrerseits, aber meinerseits mit gehässigem Knurren.

An seiner Jagdtasche hing eine Reihe toter Rotkehlchen. Sie wurden gerupft und gebraten für ihn; und anmutig sah es aus, wie auch das Hexlein ein ganz klein wenig dran knusperte mit den weißen blitzenden Zähnen. Ich kriegte die Gerippe. Der Nazi legte mir jedes zuerst auf die Nase und ließ mich aufwarten, eh ich es nehmen durfte. Am liebsten wär ich ihm an die Kehle gesprungen; da aber meine Gestrenge bedrohlich den Finger erhob, ließ ich mir’s gefallen, indem ich nur durch ein dumpfes Grollen und grimmiges Augenrollen meinem Unwillen Luft machte.

Diese Herrlichkeit zwischen den beiden mochte wohl so acht Tage gedauert haben, als ein unerwarteter Besuch kam; der alte Schlumann nämlich. In aller Stille hatte er draußen seinen Esel angebunden und trat nun unbefangen in die Küche, wie ein wohlbekannter Hausfreund, mit der Begrüßungsfrage:

„Wie schaut’s, Lucinde?“

„Ah, der Onkel!“ rief sie. „Ah, der Goldonkel! Wie herrlich, daß du kommst. Du bist doch der Beste von allen!“

Er mußte Platz nehmen im Lehnsessel. Sie warf sich ihm auf den Schoß, sie knöpfte ihm den Rock auf, sie schnallte ihm die Geldkatze ab und lief hin und entleerte sie klirrend in ihre Truhe. Er schmunzelte dazu.

Indes hatte der Nazi ein Gesicht gekriegt, blaßgelb, wie Ziegenkäs. Plötzlich sprang er auf und schrie, die Sach wär ihm zu dumm, und er wollt’s nicht leiden, und raus müßt der Kerl, und wenn’s der Teufel wär. Und damit zog er den Hirschfänger und fuchtelte grausam in der Luft herum. Der alte Schlumann rührte sich nicht; aber die Hex, flink wie der Blitz hatte sie zwischen den Knöcheln ihres Mittel- und Zeigefingers dem Nazi seine Nasenspitze eingeklemmt und drehte eine schmerzensreiche Spirale daraus.

Wilhelm Busch, Der Schmetterling, 1895

Der Hirschfänger entfiel seiner Hand. Plärrend, wie ein Kalb, ließ er sich willenlos wegführen. Ich riß ihm noch ein tüchtiges Stück aus seiner neuen Hose; dann wurde die Tür hinter ihm zugeriegelt. Draußen tobte er fürchterlich und drohte, das sollte sich schon zeigen, ob eigentlich das Hexen noch erlaubt sei in einem christlichen Reiche deutscher Nation.

Auf einmal schwieg er still. Der Goldonkel und die Nichte legten sich ins Fenster; ich stellte mich auf die Hinterbeine und sah gleichfalls hinaus.

Was den Nazi so plötzlich zum Schweigen veranlaßt hatte, war der Esel, dem er jetzt näher trat, um ihn zweckentsprechend zu behandeln. Er strich ihm dreimal über den Rücken und wiederholte dreimal die Worte:

„Tata, tata! Mach Pumperlala!“

„Nur gut!“ schmunzelte Schlumann, „daß ich heut den echten zu Hause ließ.“

Der Esel, durch das Streicheln angeregt, hob wirklich den Schwanz auf. Der Nazi hielt den Hut unter; aber es erfolgte nichts Wunderbares, sondern nur das, was in solchen Fällen bei gewöhnlichen Eseln allgemein üblich ist.

„Armer Nazi!“ rief lachend die Hex. „Es ist ja der Rechte nicht! Hehe!“

Wütend schlenkerte der Nazi seinen Hut aus und verschwand im Gebüsch.

Übrigens war dieser Schlumann auch mir recht zu wider; die fortgesetzten Liebkosungen zwischen Onkel und Nichte machten mich eifersüchtig, wie Hunde sind; als daher dieser Verhaßte, bedeckt mit den zärtlichsten Abschiedsküssen, eines schönen Morgens wieder wegritt auf seinem Esel, vollführt ich vor lauter Vergnügen, trotz meiner Magerkeit, ringsum im Hof einen lustigen Dauerlauf.

Ich war allmählich in meinen Manieren ganz Hund geworden. Ich gähnte ganz ungeniert in Gegenwart meiner Herrin, ich kratzte mich, ich wälzte mich schamlos auf dem Rücken, ich drehte mich stets dreimal herum, ehe ich mich niederlegte zum Schlummern, ich bellte, um mich wichtig zu machen, wenn auch nichts los war, und wo ich einen alten Strumpf oder Schuh fand, nagt ich dran herum.

Meine Behandlung, obgleich ich mich der äußersten Demut befliß und meine schöne Tyrannin beständig im Auge hatte, wurde nicht besser. Ich mußte mich damit begnügen, von weitem zu wedeln und hündisch zu lächeln, was ich jedesmal tat, wenn sie zufällig mal hersah. In die Nähe wagt ich mich nicht, denn meine Rippen mußten in beständiger Furcht sein vor den spitzen Absätzen der zierlichen Pantoffeln. Endlich, zur Verzweiflung getrieben vor Hunger und Kummer, brannt ich durch.

Ich lief bis zum nächsten Städtchen, wo mich eine alte Jungfer vermittels Zucker und zärtlichen Zungenschnalzens zu sich hereinlockte. Hier lebt ich in Überfluß. Sie wusch und kämmte mich, sie knüpfte mir ein rosa Bändchen um, sie häkelte mir einen himmelblauen Paletot, sie nannte mich unter tausend Küssen ihren süßen, einzigen Herzensfreund. Den ganzen Tag lag ich auf dem Kanapee, und des Nachts durft ich sogar als Wärmflasche zu ihren jungfräulichen Füßen liegen. Bald war ich so faul und wurde so fett, daß die Verdauung stockte.

Statt froh und dankbar zu sein, zeigt ich mich grämlich und unzufrieden, und kurz und gut, als meine Wohltäterin, deren Zärtlichkeit mir auch nicht recht passen wollte, mal wieder, wie gewöhnlich, zur Frühmesse ging, schlich ich mich fort, immer dicht an den Häusern hin, und drückte mich schließlich in die erste Tür, die ich offen fand. Ich war in die Apotheke geraten.

„Ha!“ rief der Provisor. „Delikat! Das gibt Hundsfett, um die Bauern damit anzuschmieren. Sehr ergiebig für den Handverkauf.“

Er bot mir eine Pille an. Sie roch verdächtig; mein Instinkt warnte mich, sie anzunehmen. Ich fletschte die Zähne, knurrte, machte kehrt und rannte und rannte bis draußen vors Tor; denn mein Fett, so lästig mir’s war, wollte ich doch auf diese Art nicht gern los werden. Nicht weit vor der Stadt fing mich ein Milchmann ein, der grad einen Zughund brauchte. Dies war die richtige Kur für mich; schon nach wenigen Tagen fühlt ich mich leichter. Nur etwas war peinlich dabei. Die fremden Hunde, wenn ich den Karren zog, nachdem sie mich prüfend berochen hatten, bellten mich an und bissen mich fürchterlich; ich biß sie wieder; wodurch denn der Verlauf des Geschäfts allerlei bedenkliche Störungen erlitt. Geistig angeregt durch diese Verdrießlichkeiten, machte mein Herr eine praktische Erfindung. Er brachte unterhalb des Fuhrwerks einen nur nach unten offenen Kasten an, worin ich angespannt wurde und ziehen mußte; er selbst brauchte nur die Deichsel zu regieren.

So war ich allerdings einerseits wohl geschützt gegen alle Versuchungen und Anfechtungen der Außenwelt, indes anderseits, je mehr ich Muße hatte, mich inwendig zu besehn, um so deutlicher trat nun wieder das Bildnis der zuerst verlassenen Herrin, so bös sie auch war, vor die untertänigst ergebene Sklavenseele.

Ich wurde abends im Hof angebunden vor der Hundshütte. Ich käute den Strick entzwei und eilte so rasch wie möglich dem Walde zu, um wieder in der Nähe derjenigen zu sein, die mich so grausam behandelt hatte; ich kratzte an der Tür, und sogleich wurde aufgemacht. Ungewohnt liebenswürdig wurd ich empfangen; ich gabs Pfötchen; sie kraute mir Kopf und Rücken. So selig und zufrieden war ich noch nie.

„Grad kommst recht!“ sagte sie schmeichelnd. „Gleich geht der Vollmond auf. Da wird’s gemütlich!“

Hierauf machte sie ein lustiges Feuer an und schürte es mit der Zange, die sie, wie ich arglos bemerkte, drin liegen ließ; und dann holte sie aus dem Schrank ein gebratenes Vögelchen, das nach meinem damaligen Geschmack grad so recht angenehm anrüchig war, hielt es mir unter die Nase, warf es in die neben dem Herde stehende offene Truhe und forderte mich auf, es zu suchen. Freudig wedelnd mit dem Klapperschwanz, an dessen Geräusch ich mich längst gewöhnt hatte, taucht ich mit Kopf und Vorderbeinen in die Tiefe des Kastens, um mir den leckeren Bissen zu Gemüte zu führen.

Einer der peinlichsten Augenblicke meines Lebens war gekommen.

Wilhelm Busch, Der Schmetterling, 1895

Im Nu schnappte die Hexe den Deckel zu. Und jetzt, plötzlich, ungefähr da, wo einst die Frackschöße ihren gemeinsamen Ursprung nahmen, ein Kniff, ein Schmerz, unsäglich brennend, ein Scharren mit allen vieren, ein gräßlicher Klageton, dumpf widerhallend in der Höhlung des Koffers, ein krampfhaftes Zucken – ich mache mich los, ich erhebe mich. Wahrhaftig, ich stand wieder aufrecht da auf meinen menschlichen Hinterfüßen.

Mein erster Griff war nach hinten; der Frack war zur Jacke geworden. Ein brenzlichter Geruch erfüllte die Küche; die Feuerzange lag noch dampfend am Boden, ein Frackzipfel daneben; den andern hielt die Hex in der Hand und schüttelte lachend ihr goldenes Haarband heraus.

„Hol dich der Satan auf der Ofengabel, verwünschte Zauberin!“ rief ich wütend. „Mich siehst halt nimmer!“

Ich griff nach der Türklinke; aber eh ich noch draußen war, hatte das boshafte Geschöpf schon den Blasbalg vom Herde genommen und blies mir damit eiskalt ins Genick. Von diesem „Hexenschuß“ steht mir noch heute der Kopf so schief, daß Leute, die mich nicht kennen, oft schon gemeint haben, ich müßte ein rechter Scheinheiliger und Heuchler sein.

In hohen Sprüngen, obgleich mir bei jeder Erschütterung ein Stich durchs Genick fuhr, verließ ich den Wald, und erst lange nachher ging ich langsamer und sammelte mich und zupfte die Krawatte zurecht, bei welcher Gelegenheit ich eine überraschende Entdeckung machte. Mein Medaillon war wieder da; bei der aufgeregten Strampelei in der Truhe mußte es sich mir um den Hals geschlungen haben. Sofort fiel mir die Heimat ein; das stille Gehöft, der getreue Vater, das hübsche Kathrinchen, der biedere Gottlieb, an die ich solange nicht gedacht, die ich so leichtfertig verlassen hatte. Was hatt ich gefunden heraußen in dieser verlockenden Welt, als Schmerz und Enttäuschung; wie tief, durch meine unsteten Begierden, war ich gesunken! Ein Streuner war ich geworden, ein Faulenzer, ein Gauner beinah, und schließlich ein Pudel, ein kriechender Hund mit dem Pelz voller Flöhe, der verächtliche Sklav einer geldgierigen, ruchlosen Hexe.

Der Himmel hatte sich in Wolken gehüllt, ich stand ratlos da in völliger Düsterheit. Indem, so fächelte mir was, wie mit unsichtbarem Flügelschlage, um Nase und Ohren herum, und auf einmal fing es an aufzuleuchten. Er war’s. Im eigenen Lichtglanz seines grün juwelenhaft funkelnden Hinterteils schwebte er dicht vor mir her, mein alter Schmetterling, dem ich niemals zugetraut hätte, daß er solch eine schöne Laterne besaß. Die Jagdlust regte sich wieder. Ich zog den Hut, ich haschte vergebens. Immer schneller und schneller mußt ich laufen; ich stolperte über kleine Erhöhungen des Bodens; ich kam zu Fall. Das Licht erlosch.

Als ich mich aufgerappelt hatte, brach grad der Mond durch die Wolken, erhellte flüchtig eine Kirche mit spitzem Turm und versteckte sich wieder. Ich saß auf dem einen Ende eines Grabhügels; mir gegenüber auf dem andern Ende saß ein Geist, nebelhaft weiß, gleichsam nur ein faltiges Bettlaken in menschenähnlicher Gestalt.

Er sah ungemein betrübt aus und sprach hohl und schaurig, indem er rings um sich her blickte:

„Kein Monument! Noch immer kein Monument! Fünfhundert Gulden ausgesetzt, und doch kein Monument! Wann, oh wann krieg ich ein Monument?“

„Aha!“ sag ich. „Ihr seid gewiß dem Nazi sein Vetter! Diesen Nazi kenn ich. Die Sach ist erledigt, das Geld verputzt, und auf Euer Denkmal könnt Ihr gefälligst lauern, bis Ihr schwarz werdet.“

Der Geist, als er dies vernahm, legte sich in tiefe Querfalten und stöhnte fürchterlich.

„Ich muß mich wirklich über Euch wundern!“ fuhr ich fort. „Längst tot und doch noch eitel? Schämt Euch, Alter, und legt Euch ruhig aufs Ohr, wie’s guten Geistern geziemt.“

Mit dieser wohlgemeinten Ermahnung hatt ich, wie man zu sagen pflegt, das Kalb ins Auge geschlagen; nie hätt ich geglaubt, daß ein Geist sich so ärgern könnte.

Wilhelm Busch, Der Schmetterling, 1895Das Gespenst machte sich lang, schwebte eilig herüber zu mir, saß mir am Buckel, nahm mich beim Kragen, schleifte mich dreimal um die Kirche und hob sich dann in die Luft mit mir, so hoch wie die Spitze des Kirchturms.

Baum! Da schlug es eins. Der Geist ließ mich los. Ich fiel und ich fiel – und ich fiel – –.

Schon nach drei Sekunden befand ich mich in einem Zustande der tiefsten Unwissenheit.

Ein närrischer Zustand, das! Wenn’s kein Wieso? mehr gibt und kein Aha! Wenn Gulden und Kreuzer, wenn Vetter und Base, wenn Onkel und Tante, wenn Butter und Käse gleich Wurst und ganz egal und ein und dasselbe sind; wenn’s einem auf ein paar tausend Jahre mehr oder weniger nicht ankommt; wenn – doch genug darüber! Am gescheitesten wird’s sein, man macht es wie die eigentlich Sachverständigen, denen es grad passiert: Sie sitzen, liegen oder hängen da in verständiger Schweigsamkeit. Was ich zunächst nur sagen möchte, obgleich’s auch überflüssig wäre, ist dies: Ich erwachte wieder; ich besann mich wieder auf mein Vorhandensein als lebendiger Teil dieses sogenannten Weltsystems, dessen Übersicht im ganzen ja schwierig ist.

Nachdem ich eine sitzende Stellung angenommen, mir die Augen gerieben und mich behaglich gedehnt und gereckt hatte, als hätt ich nach einer längeren Fußtour einen gesunden erquickenden Schlaf getan, bemerkt ich erst, daß ich mich in einem geräumigen Garten befand, den eine hohe Mauer umgab.

Dicht vor mir lag ein Feld mit Kohl bebaut, lauter Kappisköpfe von beträchtlicher Dicke. Auf den Blättern saßen zahllose Raupen und fraßen und verpuppten sich mit großer Geschwindigkeit, und schon im nächsten Augenblick brachen die Hüllen auf, und ein buntes Gewimmel von Schmetterlingen erfüllte die Luft.

Aber auch ein Baum stand da von erstaunlicher Höhe, ganz dicht besetzt mit Nestern, aus denen unaufhörlich ein Schwarm von Vögeln herausflattert, so schwarz wie Raben und so flink wie Fliegenschnäpper.

Und, was mich am meisten wunderte, der Kohl wuchs zusehends vor meinen Augen, und im Umsehn wurden allerlei Menschen daraus, und jeder Kappismensch hatte ein Netz in der Hand, und die Schmetterlinge flogen über die Mauer und die Vögel und die Menschen hinterher.

Das Feld links neben mir war noch nicht bestellt. Zwei Männer waren beschäftigt, es umzugraben. Sie machten eine Pause, lehnten sich auf ihre Spaten und sahen sich um; und jetzt bemerkt ich erst, daß es gar keine richtigen Mannsbilder waren, sondern zwei riesige Käfer, der eine in einem schwarzgelbbunten Röcklein, ein Totengräber, der andere blauschwarz, von der Sorte, die wir, wenn wir unter uns sind, schlechtweg mit dem Namen Mistkäfer bezeichnen.

Die Sonne senkte sich schon. Trotzdem sagte der Totengräber zu mir:

„Guten Morgen! Grad hatten wir vor, dich unterzugraben!“

„Oho!“ rief ich.

„Na!“ sagte er. „Sieben Jahre gelegen, ist doch wohl lange genug!“

Ich lächelte, wie einer, der Spaß versteht.

„Wir wollen Dumme säen!“ fuhr er fort. „Gleich einen ganzen Acker, damit sie nicht alle werden.“

„Man braucht halt Dünger!“ meinte der Mistkäfer.

Um auf etwas anderes zu kommen, sagt ich:

„Ihr habt hier mehr schwarze Vögel als bunte Schmetterlinge, wie ich sehe.“

„Ganz richtig!“ erwiderte der Mistkäfer. „Erst drüben, jenseits der Mauer, merkt man es recht. Für jede angenehme Erwartung gibt’s mindestens drei unangenehme Möglichkeiten.“

„Also leg dich und halt uns nicht auf!“ mahnte ungeduldig der Totengräber.

„Nur schad um den schönen Bart!“ meinte der andere.

Ich griff ans Kinn. Es war so. Ich hatte einen ellenlangen Bart gekriegt.

Sollte denn wirklich, dacht ich – –. Aber eh ich noch weiterdachte, flatterte aus dem Kohlfelde mein Schmetterling auf, in verjüngter Herrlichkeit, so munter und farbenschön, wie ich ihn noch niemals gesehen hatte.

„Ein Netz!“ schrie ich. „Ich will hinaus!“

„Wer will, der darf!“ brummten die Käfer.

Der eine gab mir ein Netz, der andere einen Schlag mit der flachen Schaufel hinten vor zur Nachhilfe; und dort hupft ich hin, über die Mauer, mit übernatürlicher Leichtigkeit, in hohen Bogensätzen, gleich wieder emporschnellend, sobald ich nur eben mit der Spitze des Fußes den Boden berührte, wie’s zuweilen in unbehinderten Träumen geschieht, wenn die Sohlen so elastisch sind, als säßen Sprungfedern drunter. Auch würd ich den Schmetterling sicher erwischt haben, denn ich war fast noch schneller als er, hätte ihn mir nicht einer von den schwarzen Vögeln grad weggeschnappt, als ich eben den entscheidenden Hieb tun wollte. Ärgerlich warf ich das Netz fort, hupfte gleichgültig weiter und machte erst, als es lange schon Nacht geworden und ich in der Ferne was Helles sah, wieder höhere Sprünge. Alsbald befand ich mich in einem Park, dicht vor den Fenstern eines hell erleuchteten Schlosses, wo es lustig drin zuging bei den Klängen der herrlichsten Blechmusik.

Es war eine vornehme Gesellschaft. In allen Sälen wurde gespielt. Mein erster Blick fiel auf Lucinde, die lachend am Spieltisch saß. Eine fünf Ellen lange silbergestickte Schleppe ringelte sich neben ihr auf dem Teppich, wie eine glitzernde Schlange. Sie hatte einen Haufen Gold vor sich liegen. Ihr Gegenpart war ein jovialer Herr, schon ziemlich bei Jahren, dessen Hände und Gesicht ganz schwarz aussahen. Seine Nägel waren sehr lang, seine Ohren sehr spitz, seine Nase sehr krumm, und auf der Stirn hatte er zwei niedliche vergoldete Bockshörnchen sitzen. Der alte Schlumann war auch da. Er blitzte von Diamanten, spielte aber nicht mit, sondern ging nur schmunzelnd von Tisch zu Tisch. Er schien der Gastgeber zu sein.

Gern hätt ich noch länger zugesehn, wär nicht ein schwarzer Hund mit feurigen Augen um die Ecke gekommen, der fürchterlich bellte, so daß ich mit einem einzigen Satze hinaus vor das Schloßtor hupfte. Hier hielten bereits die Equipagen, um die Herrschaften abzuholen. Die Lakaien, die herumstanden, machten einen soliden, vertrauenerweckenden Eindruck. Sie waren weiß gepudert, glatt rasiert, dick und fett, und jeder trug in großen goldenen Buchstaben einen trefflichen Wahlspruch auf der Livree, der eine „Gut“, der andre „Schön“, der dritte „Wahr“, der vierte „ora“, der fünfte „labora“, und so ging’s weiter.

„Es freut mich“ – sagt ich –, „solch biedere Leute zu sehn!“

„Mit Recht!“ sprach der dickste von allen, dem „Treu und Redlich“ am Buckel stand. „Wir sind die guten Grundsätze.“

Gerührt wollt ich ihm die Hand drücken, aber sie war weicher als Butter, und als ich ihm auf die Schulter klopfte, sackte der Kerl zusammen, wie ein aufgeblasener Schlauch, wobei ihm die ausströmende Luft geräuschvoll durch sämtliche Knopflöcher pfiff.

„Ha, Windbeutel!“ rief ich. „Seid ihr denn alle so?“

Eh ich dies noch genauer untersuchen konnte, kamen Diener mit Fackeln vom Schlosse her.

„Platz für Seine Durchlaucht, den Fürsten dieser Welt!“ hieß es.

„Mach dich fort, du Lump!“

Eilig hupft ich die Chaussee entlang. Eine Karosse, hellglühend wie feuriges Gold, kam hinter mir hergerasselt. Drinnen, in die schwellenden Polster gelehnt, saß traulich schäkernd der schwarze Herr bei der Hexe Lucinde. Hintenauf stand „Treu und Redlich“, der fette Lakai, und wurde gerüttelt, daß ihm alle vier Backen wabbelten; und, was das Drolligste war, zwischen den Schößen seines Bedientenfracks baumelte neckisch ein Kuhschwanz.

Wilhelm Busch, Der Schmetterling, 1895Der Anblick reizte mich. In plötzlichem Übermut, mit raschem Griff, erfaßt ich den Wedel und schwang mich, den rechten Fuß voran, aufs Kutschenbrett. Ebensogut hätt ich auf die Platte des höllischen Bratofens springen können, wenn grad zugekocht wird für Großmutters Geburtstag.

Ein Gelächter von seiten Lucindens, als ob sie gekitzelt würde; ein Schrei meinerseits, als ob ich am Spieße steckte; ein Purzelbaum nach hinten; und unten war ich auf der platten Chaussee, in der unglücklichen Lage eines auf den Rücken gefallenen Maikäfers.

Ächzend kroch ich seitab in den Graben. Der Brandschaden war beträchtlich; doch braucht ich, um ihn näher zu besichtigen, den Stiefel nicht auszuziehn, denn mein rechter Fuß stand frei zutage, in Gestalt einer einzigen Blase. Infolgedessen hegt ich den lebhaften Wunsch, es möchte wer kommen, der mich mitnähme.

Endlich, im Morgennebel, näherte sich langsam rumpelnd ein ländliches Fuhrwerk. Vorn, auf einem Bund Stroh, saß das Bäuerlein und sang bereits in aller Früh gar fröhlich und wohlgemut:

Gretelein hupf in die Höh,
Daß ich deine Strümpfle seh,
Weiß wie der Schnee alle zwee,
Hopsa, huldjeh!

und hinter ihm, als einziges Gepäckstück, stand ein langer schlichter Kasten von Tannenholz.

Kaum bemerkte der gemütvolle Fuhrmann meinen leidenden Zustand, so hielt er still und war mir behilflich, seinen Wagen zu besteigen, wo ich denn auch auf dem Kasten einen recht passenden Sitz fand.

Wir waren noch nicht lange gefahren, als sich mein freundlicher Kutscher zu mir umdrehte und sprach:

„Ihr habt Glück! Grad fahr ich zum Doktor Schnorz in die Stadt. Der versteht’s. Da heißt’s ritschratsch! und damit gut. Ich bringe ihm den da, von Amts wegen.“

Bei den letzten Worten klopfte er mit dem Peitschenstiel auf die Kiste, und weil mir nicht recht klar war, was er meinte, hob ich den Deckel auf.

„Der Nazi!“ schrie ich entsetzt.

„Vielleicht heißt er so!“ meinte das Bäuerlein. „Jedenfalls hat ihn eine Natter gebissen, draußen im Wald, und jetzt muß er zum Doktor, und damit gut!“

„Er ist ja tot!“ rief ich.

„Eben drum! Und um so besser für ihn, und damit gut!“ erwiderte der Wagenlenker.

Er nahm sein munteres Lied wieder auf, aber diesmal ohne Worte, bloß vermittels seines mündlichen Flötenspiels, worin er, wie sich zeigte, eine bedeutende Fertigkeit hatte.

Ich, inzwischen, saß etwas unruhig. Ein gewisses eisiges Mißbehagen, in der Richtung von unten her, lief mir den Rücken hinauf bis unter den Hut, so daß ich froh war, kann ich wohl sagen, als wir endlich, so etwa um elf, vor der Behausung des Doktors hielten.

Nicht ohne ängstliche Vorurteile begab ich mich langsam humpelnd in das Empfangszimmer. Doktor Schnorz war schon in Tätigkeit. Er sah übrigens gar nicht so grausam aus, wie ich mir vorher gedacht hatte. Im Gegenteil. Seine frische Farbe, seine schwellenden Lippen, seine dicken schalkhaften Augen, die aufgekrempelten Hemdsärmel, die Arbeitsschürze über dem rundlichen Bäuchlein, das alles machte durchaus den Eindruck eines sauberen Metzgermeisters, den jedermann gern hat.

Grad war er dabei, einen Landmann auszuforschen, in dessen Zügen sich tiefe Besorgnis malte.

„Wie alt ist denn Euere Frau?“

„Na!“ meinte der Bauer. „So fünfzig bis sechzig.“

„Schlagt das alte Weib tot. Mit der ist nichts mehr zu machen. Adieu!“

Als der Bauer, dessen Züge sich völlig erheitert hatten, an mir vorbeiging, hört ich ihn sagen:

„Das ist noch ein Dokter! Wenn er einsieht, es hilft doch nichts, so erspart er einem die Kosten.“

Jetzt kam eine dicke Madam an die Reih.

„Ach, Herr Doktor!“ fing sie zu klagen an. „Ich weiß nicht, ich bin immer so unruhig. Jede Stund in der Nacht hör ich den Wächter blasen, und ich fürcht mich so vor Mäusen und schlechten Menschen; das macht gewiß die Nervosität.“

„Ein neumodisch Wort!“ sprach der Doktor. „Sonst nannte man’s böses Gewissen. Ganz die Symptome. Halten Sie Ihre Zunge im Zaume, meine Gnädige. Seien Sie freundlich gegen Ihre Dienstboten. Viel Wasser! Wenig Likör! Gute Besserung, Madam!“

Diese Dame, als sie hinaussegelte, schien mir von den heilsamen Ratschlägen des Doktor Schnorz durchaus nicht befriedigt zu sein.

Und jetzt kam ich.

„Ah!“ rief Schnorz mit freudigem Erstaunen. „Seh ich recht? Erlaubt mal eben. Es ist bloß zur Probe.“

Während er diese Äußerungen hinwarf, hatte er mir auch schon die große Zehe abgeschnitten und legte sie unter sein Vergrößerungsglas.

„Hab’s gleich gedacht!“ sprach er befriedigt. „Der richtige Höllenbrand. Kurzab! ist das beste.“

„Ist’s lebensgefährlich?“ fragt ich ängstlich.

„Warum das nicht?“ erwiderte der Doktor. „Aber seid nur getrost; wenn’s schiefgeht, wird die Welt zur Not auch ohne Euch fertig werden. Da seht mich an. Heut wenn ich sterb, ist morgen ein anderer da, und ich freu mich schon drauf, daß die Juden kein Geld kriegen.“

Wilhelm Busch, Der Schmetterling, 1895

Hiermit drückte er mich in einen behaglichen Lehnsessel, schnallte mich fest, ergriff ohne weiteres die Säge und ging eifrig ins Geschirr. Bei jedem Schnitt, den er tat, stieß er ein kurzes ächzendes Ha! aus. Erst ging es gnatsch! gnatsch! dann ging es ratz! ratz! Zuletzt ging es bump!

Da! Mein Fuß war mich losgeworden.

Auch fernerhin verlief die Sach sehr rasch und günstig, so daß der gute Doktor, der mir inzwischen zwei schöne Krücken hatte anfertigen lassen, schon nach vierzehn Tagen sich die Freude machen konnte, mich vor den Spiegel zu führen.

Der, den ich darin erblickte, gefiel mir nicht. Kopf kahl, Nase rot, Hals krumm, Bart struppig; ein halber Frack, ein halbes Bein; summasummarum ein gräßlicher Mensch. Und das war ich.

Aber ehe ich noch Zeit hatte zu weinen, rief der Doktor triumphierend:

„He? Wie? Was sagt Ihr nun? Schmucker Kerl fürwahr! Reiche Frau heiraten. Alles in Ordnung! Gratuliere! Und glückliche Reise!“

Gerührt und dankbar drückt ich dem Doktor, der alles umsonst getan, die fleischige Hand, verließ die Stadt und begab mich auf die Dörfer in der Absicht, mich langsam so weiterzubetteln, bis ich schließlich nach Hause käme.

Letzteres ging schneller, als ich dachte.

Der Spätherbst war gekommen; kalt wehte der Wind; an meinem einst so reizenden Anzuge flatterten die Lappen wie Espenlaub. Als ich daher in Erfahrung brachte, daß in einem Hause jemand das Zeitliche gesegnet hatte, schien mir das eine für meine Bedürfnisse sehr hoffnungsreiche Aussicht zu eröffnen, denn, wie bekannt, lassen gerade die Toten oft ganz brauchbare Kleider zurück, auf die niemand recht Anspruch macht.

Ich hatte mich nicht getäuscht. Der Großvater war gestorben. Die glücklichen Erben, denen der hochbetagte Mann begreiflicherweise schon längst ein wenig im Wege saß und die sich nun in einer sanftheiteren mildtätigen Stimmung befanden, schenkten mir, ohne daß ich lange zu bitten brauchte, sehr gern den drittbesten Anzug, den der Verstorbene bis an sein seliges Ende für gewöhnlich und mit Vorliebe zu tragen pflegte. Um ihn anzulegen, zog ich mich in den Kuhstall zurück. Allerdings, die Hose war bedeutend zu weit und der Flausrock bedeutend zu lang für mich, aber um so besser paßte mir die mollige, wollige, etwas fettige Pelzkappe, die sich tief über die Ohren ziehen ließ, ganz nach Bedarf. Solchermaßen wohlausgerüstet gegen die Unbilden der Witterung, setzte ich humpelnd meine beschwerliche Wanderfahrt fort.

Schon beim nächsten Hause erwischte mich der Bettelvogt und trieb mich mit seinem Spieß vor sich her in das dortige Ortsgefängnis, genannt „Hundeloch“, allwo man, nachdem man mich einem kurzen Verhör unterworfen, den Beschluß faßte, mich umgehend auf den Schub zu bringen.

Mein Schreck war heftig, und doch war’s mein Glück. Es bewährte sich auch an mir das treuherzige Sprichwort:

Was erst verdrießlich schien,
War schließlich gut für ihn.

Da man mich mit Recht in keiner Gemeinde für einen ersprießlichen Mitbürger ansah, beeilte sich jede, mich möglichst prompt über die Grenze zur nächstfolgenden zu schaffen, bis ich endlich von der letzten mit unfehlbarer Sicherheit in aller Stille auf dem mir wohlbekannten Gebiete der Stadt Geckelbeck abgesetzt wurde, indem man hier das Weitere ganz meinem freien Ermessen anheimstellte.

Es war ein lustiges Schneegestöber bei nördlichem Winde, als ich abends mühselig auf zwei Krücken und einem Bein das väterliche Gehöft wieder betrat, das ich einst so leicht auf zwei Beinen verlassen hatte.

Wilhelm Busch, Der Schmetterling, 1895

Ich sah erst mal schüchtern durchs Fenster. Im Sorgenstuhl saß der Gottlieb, der bedeutend behäbiger aussah als sonst, und hatte zwischen seinen Knien einen Knaben von drei, vier Jahren, dem er eine Peitsche zurechtmachte. Neben dem Kachelofen stand eine Wiege. Neben der Wiege saß die Kathrin und nährte einen runden Säugling an ihrer strotzenden Brust. Die Magd deckte den Tisch. Der Vater fehlte.

Mein Atem war bei diesem Anblick etwas ins Stocken geraten. Fast wäre ich wieder umgekehrt; aber das grausame Unwetter veranlaßte mich, einzutreten und um Herberge zu bitten für die Nacht.

Ohne viel Umstände wurde das Gesuch des unbekannten Fremdlings mit dem größten Wohlwollen genehmigt.

„Oder“ – fragte Gottlieb den Knaben – „sollen wir ihn lieber wieder hinausjagen in Wind und Wetter? Was meinst du, Peter?“

„Nein, nein!“ rief der gutherzige Junge. „Armer Mann hier bleiben; viel Wurst essen, daß Bein wieder wächst!“

Die Nacht schlief ich beim Knecht im Pferdestall, und von ihm erfuhr ich die ganze Geschichte.

Nach jahrelangem vergeblichen Warten hatte der Vater, der fest glaubte, mich hätte der Muddebutz hinabgezogen in den Grummelsee, sein Sach dem Gottlieb und der Kathrin verschrieben. Er war stiller und stiller geworden. Eines Morgens fand man ihn tot.

Während dieses Berichtes hatte sich, um es zart auszudrücken, meine Seele umgekrempelt nach innen. Ich wollte arbeiten; ich wollte geduldig ausessen, was ich mir eingebrockt hatte, und nie, mit diesem festen Gelübde schlief ich ein, sollten diese guten Leute, die mich so herzlich aufgenommen, in Erfahrung bringen, wer ich sei.

Früh stand ich auf. Einige schadhafte Kleidungsstücke des kleinen Peter, die auf dem Treppengeländer hingen in Erwartung des Weiteren, gaben meinem Tätigkeitsdrang die nötige Richtung. In der Stube im Tischkasten fand ich Nadel und Zwirn.

Als man sich versammelte, um die Morgensuppe zu essen, war mein Werk schon fix und fertig. Es wurde eingehend besichtigt und fand bei allen denen, die in solchen Dingen ein reiferes Urteil besaßen, den freudigsten Beifall.

Man ersuchte mich dringend, einige Tage noch dazubleiben. Aus Tagen wurden Wochen, aus Wochen sind Jahre geworden. Durch reichhaltige Übung steigerte sich meine Geschicklichkeit nicht bloß in der Wiederherstellung des Alten und Verfallenen, sondern ich schuf auch Neues nach eigener Maßnahme aus dem Vollen und Ganzen heraus. Der Ruf meiner Kunst drang bis nach Geckelbeck, und Frau Knippipp, meine ehemalige Meisterin, die schon seit einiger Zeit Wittib geworden, ließ mir sogar einen ehrsamen Antrag machen, sie zu ehelichen. – Kalt abgeschlagen! –

Auf Gottliebs Befragen hatte ich mich Fritz Fröhlich genannt. Der kleine drollige Peter, mein Liebling, nannte mich „Humpelfritze“; ein passender Name, mit dem ich seitdem allgemein angeredet werde, selbst von Leuten, die nicht die Ehre meiner näheren Bekanntschaft haben.

Und so leb ich denn allhier als ein stilles, geduldiges, nutzbares Haustier. – Schmetterlinge beacht ich nicht mehr. – Oben im alten Giebelstübchen hab ich mir eine gemütliche Werkstatt eingerichtet.

Noch immer reiten die Hexen da vorbei. Neulich, in der Walpurgisnacht, als ich saß und schrieb an dieser Geschichte, spähte Lucinde durchs Fenster herein. Sie lachte wie närrisch; sie war noch grade so hübsch wie ehedem.

Gelassen sah ich sie an, flötete, nahm eine Prise und machte Haptschih!! –

Das Manuskript der obigen Erzählung fand kürzlich ein Sommerfrischler auf dem Taubenschlage neben dem Giebelstübchen jenes nämlichen Gehöftes, wo der Verfasser seine Tage beschloß. Die Nachkommen von Gottlieb und Katharina lebten noch daselbst in gedeihlichen Verhältnissen. Wirklich war die Persönlichkeit des guten Peter erst festgestellt worden, als man nach seinem Ableben das Medaillon bei ihm fand. Sein ungekünstelter harmloser Stil, seine rücksichtslose Mitteilung selbst solcher Erlebnisse, die für ihn äußerst beschämend gewesen, drücken seinem Berichte den Stempel der Wahrheit auf, und nur der Halbgebildete, dem natürlich die neueren Resultate der induktiven Wissenschaft auf dem Gebiete des Wunderbaren nicht bekannt sind, wird Anstoß nehmen an diesem und dem, was man früher unmöglich nannte.

Wilhelm Busch, Der Schmetterling, 1895

Bilder: WIlhelm Busch, a. a. O., 1895.

Soundtrack: Danyel Gérard: Butterlfly, 1971: Eins der allerersten Lieblingslieder in meinem Leben, dem ich mich bis heute nicht entziehen kann. Meine Mutter nannte es den „Schlager von dem mit dem komischen Deckel, der immer so ausländisch singt“, mein Vater meinte nur halb im Scherz, es gehe darin um jemanden, der sich vom Frisör die Haare waschen lässt, weil dann „Bader fleit“. Mir selbst ist bis heute nicht klar, warum ein Lied mit französischem Originaltext, von dem der Künstler selbst Cover-Versionen in ungefähr sieben Sprachen aufgenommen hat, nicht Papillon heißt, was bei gleicher Silbenzahl reibungsfrei auf dieselbe Melodie gepasst hätte. Aber meine Eltern haben wahrscheinlich auch nicht gemerkt, was sie für einen Mumpitz reden:

Written by Wolf

18. Februar 2022 at 00:01

Veröffentlicht in Expressionismus, Land & See

Die Literatur, die humanistische Wissenschaft, das Ideal des freien und schönen Menschen

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Update zu Der Dr.-Faustus-Weg: Polling–Pfeiffering und wieder weg
und Wo mit Mais die Felder prangen:

Wie an geeigneten Stellen breitgetreten, sind wir hier ein Habe-nun-Ach und kein Hätt-ich-Doch. Ad vocem Breittreten bot es sich in unschlagbar günstig fallender Weise an, den Doktor-Faustus-Weg hinter Polling abzuwandern.

Das geht von München aus recht kommod: Die Regionalbahn fährt stündlich – optimistische Reiseplaner errechnen: „ca. 40 Züge am Tag„, zählen allerdings die ICE mit – vom Starnberger Flügelbahnhof Richtung Mittenwald und hält nach etwa 40 Minuten auch richtig in Weilheim in Oberbayern, von wo einen der Bus 9601 nach kurzen Anschlusszeiten nach Polling weiterträgt, was keine Viertelstunde beansprucht. Auf den Bahn- und Busstrecken gilt das Bayernticket, zu zweit kommen Sie also mit 32 Euro hin und zurück (Stand November 2021) zurecht. In Polling ist man ohnehin viel zu schnell mit den fünf Kilometerchen Faustusweg fertig, Sie können sich also noch einiges für den Tag vornehmen (ich empfehle: zurück nach Weilheim, dann mit dem Bus 9652 nach Kloster Wessobrunn, dem gleichnamigen Gebet nachspüren, das dauert auch nicht viel länger. Dort lohnender Abstecher zur Tassilolinde und Einkehrmöglichkeit).

Dr-Faustus-Weg PollingDas zahlreich ausliegende Gratisfaltblatt zum Wanderweg wurde offenbar im März 2021 aktualisiert und lehrt:

Der von der Gemeinde Polling mit mit literarischer Unterstützung von Dr. Fritz Wambsganz und unter kräftiger Mithilfe der Pollinger Weinbruderschaft 2007 errichtete „Doktor-Faustus-Weg“ berührt alle Lokalitäten, die im Roman Erwähnung finden und bietet auf dem landschaftlich reizvollen Rundweg mit seinen 13 Texttafeln sowohl ein Nachempfinden dieses großen deutschen Dichterwerkes als auch unterhaltsame Erholung in einer intakten Kulturlandschaft.

Stimmt alles. Die sechs Seiten Hochformat gefalzt, eigentlich 2 DIN A4, führt man am besten mit sich, dann hat man den nötigen Ausschnitt Wanderkarte und eine geeignete Einführung dabei, um sie nachher 4C auf Weiß nach Hause zu tragen. Selber ausdrucken oder am Bildschirm angucken geht auch. Der touristische Einstieg wird dem interessieren Laien also leicht gemacht.

Was den wenigsten Touristen auf dem Weg zur nächstliegenden Einkehr einfallen wird, ist das Korrekturlesen der dreizehn wichtigsten Touristenziele Pollings: der Stationsschilder des Dr.-Faustus-Weges. Dafür haben sie ja uns.

Das fängt mit der Schreibung des Gesamtunternehmens an — Thomas Manns Roman von 1947, der nähergebracht werden soll, schreibt sich Doktor Faustus, an keiner Stelle (außerhalb Pollings) Dr. Faustus — und hört mit der inkonsequenten Rechtschreibung — die oft von einer Station zur nächsten zwischen alter und neuer wechselt — nicht auf. Da hat der online leider nicht näher zu verortende Dr. Fritz Wambsganz für seine Stationsschilder offenbar Stellen aus verschiedenen Quellen zusammenkopiert, versäumt, sie für sein neu angelegtes Korpus anzugleichen und nur noch selbst Korrektur gelesen, also gar nicht. Was einem Lektorat nicht dauerhaft hätte unterlaufen dürfen, ist die Verwechslung des Vornamens einer Romanfigur: „Gideon“ für Gereon Schweigestill. Da ist Blech wohl nicht ungeduldiger als Papier.

Was nichts am Erlebniswert der viel zu selten umgesetzten Idee ändert, einen tiefernsten, nur ganz verhalten „ironisch“ gefärbten Roman voll der erdenschwersten Betrachtungen mehrerer vergangener Jahrhunderte in die immerneue Gegenwart einer durchaus heiteren, jedwede Seele erhebenden Feld-, Wald- und Dorflandschaft in Beziehung zu setzen. Zu noch weiter führenden Verbindungen siehe laut Kommentar der Großen Kommentierten Frankfurter Ausgabe – hier zur besseren Übersicht absichtsvoll angeglichen und erweitert, also eigentlich unkorrekt zitiert:

Das Modell war der Hof der Familie Schweighart in Polling. Zur Beschreibung der Örtlichkeit und der Personen (des Ehepaars Schweigestill und seiner Kinder) siehe

  • Gunilla Bergsten: Thomas Manns Doktor Faustus. Untersuchungen zu den Quellen und zur Struktur des Romans, Lund 1963, 2., ergänze Auflage Tübingen 1974, Seite 28 bis 30,
  • Lieselotte Voss: Die Entstehung von Thomas Manns Roman „Doktor Faustus“. Dargestellt anhand von unveröffentlichten Vorarbeiten, Studien zur deutschen Literatur, Band 39, Tübingen 1975, Seite 58 bis 60, dort auch Hinweise auf die bezeichnende Abwandlung des Namens [Polling zu „Pfeiffering“], und
  • Marta Vogler: Die Jenseitsvorstellungen vor Dante, Neue Zürcher Zeitung, 1. Dezember 1945, das ist: die Rezension zu August Rüegg: Die Jenseitsvorstellungen vor Dante und die übrigen literarischen Voraussetzungen der Divina Commedia. Ein quellenkritischer Kommentar, 2 Bände, Benzinger, Einsiedeln/Köln 1945.

Am mühevollen Gestücksel all dieser Ausgrabungen und unterschiedlich erfolgreichen Versuche möglichst verlässlicher Belege merke ich als erstes, dass Dr. Wambsganz und die Weinbruderschaft Polling nicht etwa eine schludrige, sondern eben nur nicht die letztendgültige Arbeit geleistet haben. Ich gebe das Vorfindbare wieder – mit speziellem Dank an Frank T. Zumbach, der den Ausflug am 9. November 2021 unterstützt, mitgelatscht und belebt hat.

——— Dr. Fritz Wambsganz/Weinbruderschaft Polling:

Dr.-Faustus-Weg

Polling, ab 2007:

  1. Doktor-Faustus-Weg Polling, Tafel 1

    Tafel 1
    Als sich die Brüder Thomas und Viktor Mann 1947 in Zürich wieder trafen, sagte Thomas zu Viktor: „Du wirst die Schweigharts in meinem >Doktor Faustus< wiederfinden […] Polling hatte Atmosphäre. Weißt du noch: das alte Wohnzimmer?“ [>Wir waren fünf<].

    Nachgewiesene Aufenthalte von Thomas Mann in Polling: 1903 (3 Wochen), 1908 (1 Woche), zwei mal 1920, dazu wohl öfters Besuche bei seiner 1906 – 1923 am Pollinger Kirchplatz 15 wohnenden Mutter Julia.

    Der Held des Dr.-Faustus-Romans, der Komponist Dr. Adrian Leverkühn, lebt in Pfeiffering/Polling von 1912 – 1930.

    Die Zitate auf den Tafeln sind dem 1943 – 1947 in Pazifik-Palisades geschriebenen Dr.-Faustus-Roman entnommen.

    Was ist vor unseren Augen, oder auch nicht just vor unseren Augen, im Namen des „Volkes“ nicht alles geschehen, was im Namen Gottes, oder der Menschheit, oder des Rechtes nicht wohl hätte geschehen können! […] Ich spreche vom Volk, aber die altertümlich-volkstümliche Schicht gibt es in uns allen, und, um ganz zu reden, wie ich denke: Ich halte die Religion nicht für das adäquateste Mittel, sie unter sicherem Verschluss zu halten. Dazu hilft nach meiner Meinung allein die Literatur, die humanistische Wissenschaft, das Ideal des freien und schönen Menschen.

    Wegbeschreibung: Richtung Kirche, dann 150m nach Norden zur Tafel 2

  2. Doktor-Faustus-Weg Polling, Tafel 2

    Tafel 2

    Sie hatten im Wirtshaus am Hauptplatz des Städtchens [Waldshut] zu MIttag gegessen, und da ihnen der Fahrplan mehrere Stunden Zeit ließ, fuhren sie auf der baumbestandenen Landstraße weiter nach Pfeiffering, führten ihre Räder durchs Dorf [,] ließen sich von einem Kinde den Namen des nahen Weihers, des Klammerweihers, sagen, warfen einen Blick auf die baumgekrönte Anhöhe „Rohmbühel“ und baten unter dem Bellen des Kettenhundes, den eine barfüßige Magd mit seinem Namen „Kaschperl“ berief, um ein Glas Limonade unter dem mit einem geistlichen Wappen geschmückten Tor des Gutshauses, – weniger von Durstes wegen, als weil ihnen das massive und charaktervolle Bauernbarock des Gebäudes gleich in die Augen gestochen hatte.

    Sie [Frau Else Schweigestill] kredenzte sie ihnen [Adrian Leverkühn und Rüdiger Schildknapp] in einer fast saalartigen, gewölbten guten Stube links an der Diele, einer Art von Bauernsalon mit gewaltigem Tisch, Fensternischen, die die Dicke der Mauern erkennen ließen, und der geflügelten Nike von Samothrake in Gips obenm auf dem buntbemalten Spind. Auch ein braunes Klavier stand in dem Saal. […] Weiterhin an dieser Seite gebe es noch ein ansehnliches Gelaß, die so genannte Abtsstube, wohl so genannt, weil es dem Vorsteher der Augustiner-Mönche, die hier einst gewirtschaftet, als Studio gedient habe. Dass der Hof ein Klostergut gewesen war, bestätigte sie damit. Seit drei Generationen saßen die Schweigestills darauf.

    Zur Tafel 3: Zurück zum Kirchplatz, über die Bachbrücke und am Weinfass vorbei, ca. 22m

  3. Doktor-Faustus-Weg Polling, Tafel 3

    Tafel 3

    Clarissa empfing die eingeschriebe Sendung in Pfeiffering, wo sie nach Schluss der Pforzheimer Theater-Saison für ein paar Wochen im Häuschen ihrer Mutter, hinter den Kastanien, zu Gast war. Es war früher Nachmittag. Die Senatorin sah ihr Kind im Geschwindschritt von einem Spaziergang zurückkehren, den sie nach Tische auf eigene Hand unternommen. Auf dem kleinen Vorplatz des Hauses eilte Clarissa [Karla Mann] mit einem flüchtig-wirren und blinden Lächeln an ihr vorüber in ihr Zimmer, dessen Schlüssel sich hinter ihr kurz und energisch im Schlosse drehte. In ihrem eigenen Schlafzimmer, nebenan, hörte die alte Dame die Tochter nach einer Weile am Waschtisch mit Wasser gurgeln, – wir wissen heute, dass dies zur Kühlung der Verätzungen geschah, die die furchtbare Säure ihr im Schlunde verursacht. Dann trat Stille ein.

    Hier geht es zu Tafel 4 (20 m)

  4. Doktor-Faustus-Weg Polling, Tafel 4

    Tafel 4

    Die Anziehungskraft dieses bescheiden-stilvollen Winkels auf jederlei distinguierte Resignation oder verwundete Menschlichkeit war merkwürdig: Man musste sie wohl aus dem Charakter der Hofbesitzer, besonders der rüstigen Wirtin, Else Schweigestills, und ihrer Gabe des „Verständnisses“ erklären, die sie denn auch in gelegentlichem Gespräch mit Adrian, als sie ihm nämlich mitteilte, dass die Senatorin [Rodde = Julia Mann] drüben einzuziehen gedenke, in wunderlicher Klarsicht bewährte. „Das ist ganz eimfach (sie assimilierte das n dem f) und verständlich, Herr Leverkühn, ich hab es gleich gesehen. Sie hat g’nua von Stadt und Leut und Gesellschaft, von Herren und Damen, weil das Alter sie g’schamig macht.“

    Adrian, wie gesagt, war wenig berührt von dem Einzug der neuen Mieterin dort drüben, die, als sie zuerst den Hof besucht hatte, sich von der Wirtin zu kurzem Einspruch hatte zuihm führen lassen, dann aber seine Arbeitsruhe schonend, für seine Zurückhaltung die ihre in Tausch gab und ihn nur einmal, gleich anfangs, zum Tee bei sich sah. […]

    Thomas Mann 1875 – 1955

  5. Doktor-Faustus-Weg Polling, Tafel 5

    Tafel 5

    Er [Adrian] fuhr vom Starnberger Bahnhof in einem der Personenzüge, die nicht nur in Waldshut, sondern, zehn Minuten später, auch in Pfeiffering halten, an sein Ziel, indem er zwei Kisten mit Büchern und Utensilien der Fracht überließ […] Er [Gideon Schweigestill] erwartete vor der kleinen Station den Gast auf dem Bock eines Char à bancs, das hoch vom Gestell und hart gefedert war, und ließ, während der Träger die Handkoffer einlud, die Peitschenschnur über den Rücken des Gespanns, zweier muskulöser Braunen, spielen. […] Den Rohmbühel mit seinem Baumkranz, den grauen Spiegel des Klammerweihers [Streicherweiher] hatte Adrian schon vom Zuge aus wiedergesehen. Jetzt ruhte sein Auge von nahebei auf diesen Erscheinungen […] Lieb und beruhigend schien ihm allerdings dabei [Treffen mit Münchner Kunstfreunden] die stehende und allen bekannte Notwendigkeit seines frühzeitigen Aufbruchs, die Gebundenheit an den 11-Uhr-Zug zu sein.

    Thomas Mann 1875 – 1955

  6. Doktor-Faustus-Weg Polling, Tafel 6

    Tafel 6

    „Gern“, sagte sie. „Nur schad‘, dass mein Max“ (das war Herr Schweigestill) „draußen ist auf dem Feld mit Gereon, das ist unser Sohn. Sie wollten eine neue Düngerstreu-Maschine ausprobieren, die der Gereon angeschafft hat. Müssen die Herren halt vorliebnehmen mit mir.“ […]

    Dazu Viktor Mann:

    Die Gegend zwischen Würm- und Ammersee und den Murnauer Vorbergen ist keine großartige, aber eine liebe Landschaft. Die leicht gewellte Ebene beiderseits der ungebärdigen Ammer ist auf drei Seiten von Höhenzügen eingefasst. Über den südlichen schaut die Zugspitze mit der ganzen Kette des Wettersteins […] Die Kunstelevinnen saßen schaund und pinselnd vor der Kirche, im Schweigharthof, an den schilfigen Windungen des Pollinger Baches. Sie malten die alten Bauernhöfe, den langen Rücken des Peißenbergs, die Ammer am wilden Steilhang des „Kühtods“. [>Wir waren fünf<]

    Thomas Mann 1875 – 1955

  7. Doktor-Faustus-Weg Polling, Tafel 7

    Tafel 7

    „Wer kann dich [Serenus Zeitblom] hindern, deine Konjekturen zu machen? Übrigens ist dies enge Gezimmer gar nicht der rechte Schauplatz dafür. Wenn ich nicht irre, war es der Zionsberg daheim, auf dem du mir verwandte Eröfffnungen machtest. Wir hätten auf den Rohmbühel steigen sollen zu unserer Konversation.“ […] „Maitre“, sagte er [Saul Fitelberg], „ich verstehe vollkommen, wie Sie an der stilvollen Abgeschiedenheit hängen müssen, die Sie sich zum Aufenthalt erwählt haben, – o ich habe alles gesehen, den Hügel, den Teich, das Kirchdorf […] Wie lange leben Sie schon hier? Zehn Jahre? Ununterbrochen? Kaum unterbrochen? […] Und dennoch, figurez-vouz, bin ich gekommen, Sie zu entführen, Sie zu vorübergehender Untreue zu verführen, Sie auf meinem Mantel durch die Lüfte zu führen und Ihnen die Reiche dieser Welt [Paris] und ihre Herrlichkeit zu zeigen, mehr noch, sie Ihnen zu Füßen zu legen … Verzeihen Sie mir meine pompöse Ausdrucksweise!“

    Thomas Mann 1875 – 1955

  8. Doktor-Faustus-Weg Polling, Tafel 8

    Tafel 8

    Wir sprachen wenig auf der verbleibenden Strecke des Heimwegs. Ich erinnere mich, dass wir einige Augenblicke an der „Kuhmulde“ haltmachten; wir taten ein paar Schritte seitwärts vom Feldwege und blickten, den Schein der sich schon neigenden Sonne im Gesicht, auf das Wasser. Es war klar; man sah, dass nur in der Nähe des Ufers der Grund flach war. Schnell fiel er schon in geringer Entfernung davon ins Dunkle ab. Bekanntlich war der Weiher in der Mitte sehr tief. „Kalt“. sagte Adrian mit dem Kopfe hindeutend, [„]viel zu kalt jett zum Baden.“ – „Kalt“, wiederholte er einen Augenblick später, diesmal mit merklichem Zusammenschaudern, und wandte sich zum Gehen.

    Eine Stunde später aber, als man ihn schlummernd wähnte, entwich er unversehens aus dem Hause und wurde von Gereon und einem Knecht erst eingeholt, als er am Klammerweiher sich seiner Oberkleider entledigt hatte und schon bis zum Hals in das so rasch sich vertiefende Gewässer hineingegangen war. Er war im Begriffe, darin zu verschwinden, als der Knecht sich ihm nachwarf und ihn ans Ufer brachte. Während man ihn nach dem Hof zurückführte, erging er sich wiederholt über die Kälte des Weihers und fügte hinzu, es sei sehr schwer, sich in einem Wasser zu ertränken, in dem man oft gebadet und geschwommen habe.

    Thomas Mann 1875 – 1955

  9. Doktor-Faustus-Weg Polling, Tafel 9

    Tafel 9

    „Versuche [Adrian zu Rudi Schwerdtfeger] sie [Marie Godeau] sanft und heiter auf deine nette Art, ob sie – nun ja, ob sie mich lieben könnte! Willst du? Du musst mir ihr volles Ja nicht bringen, bewahre. Ein bisschen Hoffnung genügt durchaus zum Abschluss deiner Sendung.“ […] Sie hatten den Rohmbühel zu ihrer Linken gelassen und gingen durch das Fichtenwäldchen, das dahinter liegt, und von dessen Zweigen es tropfte. Dan schlugen sie den Weg am Rande des Dorfes ein, der sie zurückführte.

    Ein und der andere Kätner und Bauer, dem sie begegneten, grüßte den langjährigen Gast der Schweigestills mit Namensnennung. Adrian und ich [Serenus Zeitblom] taten an jenem Nachmittag einen Gang um die Kuhmulde und zum Zionsberg [Hochzeit von Ursula Leverkühn]. Wir hatten zu reden über die Texteinrichtung von >Love’s Labour’s Lost<, die ich übernommen, und über die es schon viel Gespräch und Korrespondenz gegeben hatte.

    Thomas Mann 1875 – 1955

  10. Doktor-Faustus-Weg Polling, Tafel 10

    Tafel 10

    Der Weiher [in Adrians Geburtsort Buchel] hieß „Kuhmulde“, wohl wegen seiner oblongen Gestalt und weil gern die Kühe an sein Ufer zur Tränke schritten, und hatte, ich weiß nicht warum, auffallend kaltes Wasser, so dass wir nur, wenn die Sonne sehr lange darauf gestanden, zu Nachmittagsstunden, darin baden durften. Den Hügel angehend, so war es bis zu ihm schon ein – gern unternommener – Spaziergang von eine halben Stunde. Die Anhöhe hieß, gewiss seit sehr alten Tagen, der „Zionsberg“ und war zur Winterszeit, die mich aber selten dort draußen sah, zum Rodeln gut. Im Sommer bot sie, mit dem Kranze schattender Ahorne auf ihrem Gipfel und der dort auf Gemeindekosten errichteten Ruhebank einen luftigen, übersichtlichen Aufenthalt. […] Der Schauplatz seiner späteren Tage war eine kuriose Nachahmung desjenigen seiner Frühzeit. Nicht genug, daß die Gegend von Pfeiffering […] einen mit einer Gemeindebank geschmückten Hügel aufwies, der allerdings nicht >Zionsberg<, sondern >Rohmbühel< hieß; nicht genug, daß auch, und zwar in zeimlich gleicher Entfernung vom Wirtshofe wie die Kuhmulde, ein Teich vorhanden war, hier der >Klammerweiher< geheißen und ebenfalls sehr kalten Wassers. Nein, auch Haus, Hof und Familienverhältnisse korrespondierten schlagend mit denen von Buchel.

    Thomas Mann 1875 – 1955

  11. Doktor-Faustus-Weg Polling, Tafel 11

    Tafel 11

    Als sie [Else Schweigestill] erfuhr, dass es sich um einen Schriftsteller [Rüdiger] und einen Musiker [Adrian] handelte, hob sie respektvoll die Brauen und meinte, das sei seltener und interessanter. Kunstmaler gebe es wie Gänseblumen. Die Herren seien ihr auch gleich recht ernst vorgekommen, wo doch die Kunstmaler meistens ein lockeresm sorgloses Völkchen seien, ohne viel Sinn für den Ernst des Lebens, – sie meine nicht den praktischen Ernst, das Geldverdienen und diese Dinge, sondern wenn sie Ernst sage, meine sie eher das Schwere des Lebens, seine dunklen Seiten. Übrigens wolle sie der Gattung der Kunstmaler nicht Unrecht tun, denn ihr Mieter von damals zum Beispiel, habe schon eine Ausnahme von der Vergnügtheit gemacht und sei ein stiller, verschlossener Mann gewesen, eher von schwerem Mut, – danach hätten ja auch seine Bilder, die Moorstimmungen und einsamen Waldwiesen im Nebel, ausgesehen.

    Thomas Mann 1875 – 1955

  12. Doktor-Faustus-Weg Polling, Tafel 12

    Tafel 12

    Er [Nepomuk Schneidewein] brachte etwas wie Glückseligkeit, eine beständige und heitere Erwärmung der Herzen, nicht nur auf den Hof, sondern bis in das Dorf und bis nach Stadt Waldshut hinein, – whin immer die Schweigestills, Mutter und Tochter, begierig, sich mit ihm sehen zu lassen, des gleichen Entzückens überall gewärtig, ihn mit sich nahmen, damit er beim Apotheker, beim Krämer, beim Schuhmacher unter zauberhaftem Gestenspiel und mit ausdrucksvollst schleppender Betonung seine Verschen aufsage […] Der Pfarrer von Pfeiffering, vor dem er mit zusammengetanen Händen […] ein Gebet sprach, konnte in seiner Ergriffenheit nur sagen: „Ach, du Gottskindlein, du benedeites!“, streichelte ihm das Haar mit seiner weißen Priesterhand und schenkte ihm gleich ein buntes Bild des Lammes. Dem Lehrer wurde auch, wie er nachher sagte, „ganz anders“ im Gespräch mit ihm.

    Thomas Mann 1875 – 1955

  13. Doktor-Faustus-Weg Polling, Tafel 13

    Tafel 13

    Der dickwandige Folterkeller, zu dem eine nichtswürdige, von Anbeginn dem Nichts verschworene Herrschaft Deutschland gemacht hatte, ist aufgebrochen, und offen liegt unsere Schmach vor den Augen der Welt, der fremden Kommisionen, denen diese unglaublichen Bilder nun allerorts vorgeführt werden, und die zu Hause berichten: Was sie gesehen, übertreffe an Scheußlichkeit alles, was menschliche Vorstellungskraft sich ausmalen könne. Ich sage: unsere Schmach. Denn ist es bloße Hypochondrie, sich zu sagen, dass alles Deutschtum, auch der deutsche Geist, der deutsche Gedanke, das deutsche Wort von dieser entehrenden Bloßstellung mitbetroffen und in tiefe Fragwürdigkeit gestürzt worden ist? […] Wann wird aus letzter Hoffnungslosigkeit, ein Wunder, das über den Glauben geht, das Licht der Hoffnung tragen? Ein einsamer Mann faltet seine Hände und spricht:

    Gott sei eurer armen Seele gnädig, mein Freund, mein Vaterland.

    – Ende –
    Vielen Dank für
    Ihren Besuch!

Bus 9601 zurück nach Weilheim, dort Regionalbahnverkehr Richtung München.

Buidln: Selber gemacht, 9. November 2021.

Soundtrack: Faustus: While Gamekeepers Lie Sleeping, aus: Death and Other Animals, 2016:

Written by Wolf

28. Januar 2022 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Novecento

Frankonachten 4/5: Es ist alles noch in Dir

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Update zu 3. Stattvent: Sie haben kein Geld nicht besessen:

Weihnachten ist ja immer auch was mit Heimat. Bei mir ist das Franken, eine kulturelle und historische Landschaft, die mich nie ganz in Ruhe lassen wird.

In Erlangen zum Beispiel, kreisfreie und Universitätsstadt, einem populären Gerücht zufolge erbaut auf dem Firmenparkplatz von Siemens, hab ich studiert; lange Geschichte. Das Beste, was mir dabei passiert ist, war meine Lieblingsbuchhändlerin Annemarie; lebt auch schon nicht mehr. Die gab mir nicht nur unter der Ladentheke die 40 % Buchhandelsrabatt weiter, soff manche Nacht mit mir durch, und zwar mehr als ich, und machte mir mit ihrer unschlagbaren Logik klar, warum sich richtige Damen, die auf sich halten, die Zehennägel in dem extraschweren Dunkelrot von Margaret Astor lackieren müssen (soll ich’s sagen? –: weil man damit viel ausdrucksvollere Grimassen mit den Füßen schneiden kann. Und jawohl, mein Lieber: auch im Winter. Gerade im Winter, aber „des verstehst du ned“), und warum ich mein Studium sehr wohl noch abschließen würde (soll ich’s sagen? –: „Weil du musst!“), sondern brachte auch einmal einen schmalen, mittig gefalzten Stapel Fotokopien an: Die Harmonie der Welt. Lyrik eines Landstreichers, die sie einem Sandler am Hugo abgekauft haben wollte.

Soviel man über das Geschäftsgebaren des Künstlers weiß, der immer nur „einen Taler vielleicht“ verlangte, „was es dir wert ist“ oder dergleichen, und über den Eigentumsbegriff von Annemarie, die sich mit 31 Jahren an die Welt verschenkt hatte, schätze ich sie auf fünf Mark.

Portrait Uwe SchadeMan weiß nicht viel über den Dichter. Annemarie beschrieb ihn als eine Art Mischung aus Jean Pütz und dem Glücksdrachen Fuchur. Selber gesehen hab ich ihn nur flüchtig, weil er am Hugo seinen Platz auf der anderen Seite einnahm, als auf der ich am Bahnhof zum Gleis 4 musste. Das von Annemarie vermittelte Buch in seiner Gestalt nicht aus einem Verlag, sondern einem Kopierladen hab ich noch.

Geboren wurde er nach manchen Quellen 1931, nach anderen 1923, war Schriftsetzer in der DDR, obdachlos freiwillig, tot aufgefunden wurde er 2009 in Luzern, die wenigen Augenzeugenberichte über ihn finden sich verstreut – Anlaufstellen sind Wilhelm Klingholz und der Zenartblog – und äußern sich durchgehend tief beeindruckt. Beispiele:

Im März 1996 lief ich durch die Fußgängerzone in Mannheim, als ich ihn sitzen sah: einen Landstreicher mit einem Hut vor sich und einem Heft, das er selbst kopiert hatte, darauf stand:
„Die Harmonie der Welt“.
Ich fragte ihn, wieviel das Büchlein kosten würde.
„Soviel es Dir wert ist.“
Im Gegensatz zu den Menschenmassen um mich herum machte dieser Mensch einen sehr ruhigen und zufriedenen Eindruck. Er war einer der wenigen Landstreicher, die ich sah, von dem ich glaubte, daß er seinen Weg selbst gewählt hatte.
Zuhause las ich ein wenig in dem Werk, es erinnerte mich ein wenig an Lao-Tse. Ich zeigte es ein paar Freunden, denen die Texte auch auch gefielen.
Aber noch mehr als seine Lyrik hatte mich die Ausstrahlung des Mannes beeindruckt. Als ich erfuhr, daß er das Honorar seines Werkes für Straßenkinder Nepals spendete, wunderte mich das nicht. Denn mir war von Anfang an klar:
dieser Mensch lebt seine Lyrik!

Amazon Customer: Eine Begegnung, die mich nachdenklich machte,
Kundenrezension auf Amazon.de, 4. Juni 2003.

Vor vielen Jahren hielt ich im Ulmer Buchladen Eichhorn einen Vortrag. Zuvor machte ich einen Stadtbummel und schlenderte am Rand des Münsterplatzes an Geschäften entlang. Plötzlich sah ich einen Rucksack und davor einige Hefte und einen Hut liegen. „Lyrik eines Landstreichers“ las ich auf der Titelseite, hob ein Heft auf und blätterte darin. Da hatte sich ein Obdachloser alles von der Seele geschrieben, intensive persönliche Gedanken und Erfahrungen. Ich legte das Heft zurück und als ich weitergehen wollte, sah mich ein Ehepaar enttäuscht an: „Wir dachten Sie sind der Landstreicher!“ Ich schüttelte den Kopf und ging in Richtung Fußgängerzone. Auf dem Rückweg sah ich, wie ein grauhaariger älterer Mann den Rucksack schultert und in Richtung Münster geht. Ich eile ihm nach, in einer gewissen Neugierde, und spreche ihn an: „Als ich vorhin Ihre Lyrik las, da wurde ich mit Ihnen verwechselt, da dachten andere Menschen, ich sei der Landstreicher.“ Nur kurz dreht er den Kopf und sagt im Laufen. „Das war keine Verwechslung!“ Mir bleibt nur die Verblüffung und ein befreiendes Lachen. […]

Nachtrag:
Monate später sehe ich im Schweizer Fernsehen, daß ein Berner Verlag den Landstreicher sucht, da dieser dessen Lyrik in einem Büchlein verlegt und bereits über sechshundert davon verkauft hat. Ihm stehen die Tantiemen zu. […]

Dieser „Landstreicher“, ein ehemaliger Schriftsetzer aus der DDR, der alles zurückgelassen hat, nur mit Rucksack und Fahrrad durch Europa radelt, ist für mich ein heute lebender Laotse. Denn seine Lyrik geht tief und beschreibt in einfachen Gedanken das unfassbare. […]

P. Burger: Sehr empfehlenswert !!, Kundenrezension auf Amazon.de, 13. September 2014.

Uwe Schade ist mehr als die Hälfte seines Lebens als Landstreicher durch viele Länder der Erde gewandert. Die „Harmonie der Welt“ schrieb er als EIN Gedicht. Es entstand nach eigenen Angaben in wenigen Stunden ohne ein einziges Wort nachtäglicher Korrektur. Es ist sein Vermächtnis. Der Autor ist 2009 verstorben. Seine Lebensweisheiten aus einem langen, unsteten – aber reichen – Leben hat er in diesem Büchlein in knappen Sätzen zusammengefasst.

Verlagstext Schillinger Verlag, Freiburg im Breisgau 2001.

Wann genau er seine einzige bekannt gewordene Gedichtsammlung, die sich als ein einziges Gedicht versteht, „in wenigen Stunden ohne ein einziges Wort nachtäglicher Korrektur“ geschrieben hat, ist nicht zu rekonstruieren – offenbar schon nicht mehr im Status eines Schriftsetzers, aber mit wenigstens einigen Stunden Zugang zu einer mechanischen Schreibmaschine. Wenn er seine Obdachlosigkeit, wie wir anhand seines besonders friedliebenden Charakters annehmen dürfen, nicht als „Republikflüchtling“, sondern ganz ordentlich nach Grenzöffnung der DDR aufgenommen hat, um all die Länder aufzusuchen, die ihm als DDR-Bürger verschlossen waren, mag er sein kurzes, anrührendes Vermächtnis um 1990 niedergeschrieben haben, um es gelegentlich zum Verkauf zu kopieren und unverändert bis zu seinem Tod 2009 zu ihm zu stehen. Mein Exemplar, das im Herbst oder Winter 1992 entstanden sein muss, entstammte demnach einer recht frühen Auflage.

Das muss im schneetreibenden Wintersemester 1992/1993 gewesen sein. Bis heute habe ich Annemarie im Verdacht, Herrn Schade am Heiligabend 1992 bei sich zu Hause im unweit gelegenen (Bus 294) Spardorf beherbergt zu haben, an den wenigen Heiligen Abenden, die wir uns kannten, war sie sowieso nie für mich ansprechbar. Ich selber nutzte die Tage „zwischen den Jahren“, um für den Sprachatlas von Mittelfranken ein paar Ortsbefragungen wegzucodieren – wozu hatte ich wohl sonst die Schlüssel? – und mir hinterher in meiner bevorzugten Erlanger Gastronomie das eine oder andere Bier in den Kopf zu stellen. Wenn ich hinterher zum letzten Zug von Gleis 4 strebte, war der Landstreicher samt seiner Lyrik schon verschwunden, ebenso beim nächsten Tageslicht. Annemarie, befragt, meinte dazu:

„Seh ich aus, als ob ich Männer mit nach Hause nehm?“

„Die Frage ist“, sagte ich, „wie die Männer aussehen.“

Sie lachte ob der rhetorischen Figur und dachte nach, um zu befinden:

„Depp.“

Genauer werden wir es aufgrund des Ablebens aller Beteiligten und komplett fehlender Dokumentationslage nie erfahren. Deshalb dürfen wir davon ausgehen, dass es stimmt. Was auch vollständig in Ordnung ist, denn wohin es führt, wenn Herbergssuchende am Heiligen Abend ständig nur abgewiesen werden, haben wir zur Genüge erlebt. Warum soll da nicht einmal eine mildtätige Maria einem streunenden Josef ein Essen ausgeben?

Was das mit Weihnacht in Franken, Christkindlesmarkt, Zwetschgamännla, Drei in amm Wegglä und besinnlichen Adventsliedern vom Hutzeldorfer Viergsang zu tun hat? Ach Gott, „Einst war in Deinem Fühlen die ganze Welt // Hast Du sie weggeschmissen ?“

——— Uwe Schade:

Die Harmonie der Welt

Lyrik eines Landstreichers

o. J., in wenigen Stunden ohne Korrektur, Schillinger Verlag, Freiburg im Breisgau 2001:

Header Die Harmonie der Welt

01

Cover Die Harmonie der Welt, Lokwort 1999Dein Schicksal überrascht Dich nicht
Denn Du bist Dein Schicksal
Deine Begegnungen wundern Dich nicht
Denn Du bist nicht getrennt von ihnen
Dein Tod schreckt Dich nicht
Denn Du bist tausendmal gestorben .

Deine Bewegungen sind die Bewegungen der Welt
Deine Verwandlungen sind die Verwandlungen der Welt
Dein Stillstehen ist nur ein Schein
Dein Sterben ist nur ein Wort .

Du meinst Du seiest etwas Bestimmtes
Doch Du bist eine Welle im Weltenmeer
Du meinst Du seiest selbstständig
Doch Du bist der Treffpunkt von hunderttausend Kräften
Du meinst Du kannst Dich lenken
Weil Du nicht siehst was Dich zieht und treibt
Du meinst Du müßtest etwas tun
Doch Deine Anstrengung ist nur Widerstand .

~~~\~~~~~~~/~~~

02

Hast Du Schmerzen, lauf nicht davon
Hast Du Hoffnungen, halt sie nicht fest
Suchst Du die Freiheit, bindet Dein Suchen Dich
Ergreifst Du das Gute, ist Dein Greifen das Böse .

Weil Du unglücklich bist, strebst Du
Weil Du Angst hast, denkst Du
Doch Dein Streben wird kein Glück
Dein Denken wird keine Ruhe .

Du suchst eine Zuflucht
Doch es gibt keinen Schutz
Du suchst einen Ausweg
Doch es gibt keine Öffnung .

In Deiner Rede reden tausend Menschen
In deinem Gang gehen Lurche und Pferd
Aus Deinen Augen blicken Vogel und Reh
Deiner Hände Greifen ist das Greifen der Steinzeitmenschen .

~~~\~~~~~~~/~~~

03

Dein Fühlen ist Wahrheit
Dein Vorstellen ist Schein
Du jagst nach dem Schein
Und die Wahrheit verfolgt Dich .

Du hast Schmerz an der Welt
Und suchst Trost im Vergnügen –
Sie schnitten mit Messern durch Deine Seele
Und trösteten Dich mit Süßigkeiten .

Deine Augen machen aus tausend Strahlen eine Farbe
Deine Ohren machen aus tausend Schwingungen einen Ton
Deine Hände fühlen in tausend Bewegungen einen Körper
Dein Denken macht aus tausend Wahrnehmungen eine Idee .

Dein Wahrnehmen ist gefilterte Welt
Dein Denken ist gefilterte Wahrnehmung
Dein Streben ist gefiltertes Denken –
Was ist es, das Du da greifst ?

~~~\~~~~~~~/~~~

04

Des kreisenden Vogels Spähen gilt nur der Beute
Des Rehes Lauschen gilt nur der Gefahr
Des Hundes Schnüffeln gilt nur den Reizen
Deiner Gedanken Umherlaufen gilt nur der Befriedigung .

Du gehst zu den Lustigen
Doch ihr Lachen ist ohne Freude
Du suchst den Reichtum
Doch er lastet auf Deiner Seele
Du suchst den Erfolg
Doch der Glanz blendet Dich
Du gehst zu den Weisen
Doch ihre Weisheiten sind Gefäße ohne Böden
Du rufst Deinen Gott
Und hörst nur Dein Echo
Du fliehst die Stille
Doch Dein Schreien will niemand hören
Du suchst den Tod
Doch Dein Suchen ist das Leben –
Was Du suchst, erreichst Du nicht
Was Du fliehst, verläßt Dich nicht .

~~~\~~~~~~~/~~~

05

Ist jeder Halt zerbrochen
Fällst Du nicht um
Ist jedes Haus zerstört
Fällt Dich nichts an
Ist jeder Wunsch vergiftet
Reißt Dich nichts fort
Ist Alles verloren
Kommt die Welt zu Dir .

Die Welt ist offen
Du suchst zu schließen
Die Welt ist verbunden
Du suchst zu trennen
Die Welt ist Verwandlung
Du versuchst die Form .

In Deiner Mitte fühlst Du die Welt
Mit Deinen Sinnen veränderst Du die Welt
Mit Deinem Denken fliehst Du die Welt
In Deinem Streben zerstörst Du die Welt .

~~~\~~~~~~~/~~~

06

Du zwingst die Stoffe in Deine Form
Doch sie zerfallen
Du zwingst Deine Kinder in Deine Form
Doch sie wenden sich gegen Dich
Du zwingst die Gesellschaft in Deine Form
Doch Menschen werden das nicht
Du zwingst Dich selber in Deine Form
Und sie zerbricht Dich .

Die Strahlen der Welt durchdringen Dich
Die Schwingungen der Welt erschüttern Dich
Die Kräfte der Welt bewegen Dich –
Dein Reden von Freiheit betrügt Dich .

Du redest von Freiheit
Und Dein Motiv ist Zwang
Du redest von Sicherheit
Weil Du sie suchst
Du redest von Unabhängigkeit
Und wartest auf Beifall –

Du kannst nichts Böses tun
Denn Du bist die Konstellation
Von hunderttausend Konstellationen .

~~~\~~~~~~~/~~~

07

Du hast den Mut in den Weltraum zu fliegen
Doch Du zitterst vor Gespenstern
Du beherrschst Atome und Raketen
Doch Dein Denken beherrscht sich nicht
Du ordnest das Leben von Völkern
Doch Deine Gedanken ordnen sich nicht
Du verfügst den Tod anderer Menschen
Und weißt nicht ob Du nicht an Dir selbst zerbrichst .

Die Mechanik Deiner Logik täuscht Dich
Lebendiges bewegt sich nicht gradlinig
Materie bewegt sich nicht beziehungslos
Kannst Du ungradlinige Bewegung verstehen
Kannst Du allseitigen Bezug sehen
Ist die Mechanik Deiner Logik zu Ende .

Du bewahrst Deine Täuschung
Und erlebst Deine Macht
Du bewahrst Illusion –
Und fühlst Deine Ohnmacht .

~~~\~~~~~~~/~~~

08

Du redest von Fortschritt
Und bewegst Dich auf der Stelle
Du machst Revolutionen
Und wiederholst die Unterdrückung
Du glaubst an das Neue
Und Dein Denken orientiert sich beim Alten
Du strebst nach vorn
Und schaust nach hinten .

Dein Lebensbaum erhebt sich aus dem Dunkel der Welt
Du schaust Deine Krone an
Und fühlst Deine Wurzeln
Zwischen beiden spannt sich Dein Leben –
Du hängst an dem einen
Und meidest das andere .

~~~\~~~~~~~/~~~

09

Willst Du in der Welt ruhen
Mußt Du den Geschmack der Welt lieben
Willst Du den Geschmack der Welt lieben
Mußt Du ihn kennenlernen
Willst Du ihn kennenlernen
Mußt Du feinfühlig werden
Willst Du feinfühlig werden
Mußt Du allen Widerstand aufgeben
Willst Du allen Widerstand aufgeben
Mußt Du auf dem Fleck sitzenbleiben
Mußt stehenbleiben, wo Du stehst –
Das Festgehaltene weicht von Dir
Das Unterdrückte gesellt sich zu Dir
Dein Ich stirbt tausend Tode
Die Welt wird in Dir geboren .

In Deinem Widerstehen spannt sich die Welt
In Deinem Streben erhebt sich die Welt
In Deinem Wirken verwandelt sich die Welt
In Deinem Sterben entspannt sich die Welt

In Spannung und Entspannung erklingt
Die Harmonie der Welt .

~~~\~~~~~~~/~~~

10

Du greifst nach Reichtum und verurteilst die Diebe
In beidem wirkt Dein Widerstand
In beidem wirkt die Spannung der Welt
Du baust Atombomben und verfluchst ihre Wirkung
In beidem wirkt Dein Widerstand
In beidem wirkt die Spannung der Welt
Du baust eine Welt und hast Angst vor Zerstörung
In beidem wirkt Dein Widerstand
In beidem wirkt die Spannung der Welt
In Dir erhebt sich ein Ich und sucht sein Heil
In beidem wirkt Widerstand und die Spannung der Welt .

Das Böse ist nur ein Schein
Im Spiegel Deiner Moralen
Zerstörung ist nur ein Schein
Im Spiegel Deines Formens
Verlieren ist nur ein Schein
Im Spiegel Deines Ergreifens
Dein Weilen ist nur ein Schein
Im Fluss der ewigen Begegnung .

~~~\~~~~~~~/~~~

11

Die Arbeit Deiner Sinne ist Ergreifen und Widerstand
Drum entstehen Schönes und Häßliches
Wohlklang und Mißklang, Schmackhaftes und Schmackloses
Die Arbeit Deines Denkens ist Ergreifen und Widerstand
Drum entstehen Verstehen und Nichtverstehen .

Dein Lieben ist Nichtergreifen
Dein Sterben ist Nichtergreifen
Dein Weltoffensein ist Nichtergreifen –
Diesem gilt Deine verborgene Sehnsucht .

Deine Zellen sind permanenter Austausch
Dein Blut ist permanenter Fluss
Dein Hirn ist permanente Reaktion
Deine Idee ist der Versuch, alles anzuhalten .

Die Basis Deines Ideenturmes ist Dein Widerstand
Die Steine Deines Ideenturmes sind Deine Vorstellungen
Der Mörtel ist Dein Ergreifen
Die Spitze ist Dein ICH .

~~~\~~~~~~~/~~~

12

In Deinem Spiel erscheinen Möglichkeiten
Dein Denken erkennt diese Möglichkeiten
Dein Streben ergreift diese Möglichkeiten
Dein Leben wird abhängig von diesen Möglichkeiten .

Deine Gedanken ruhen sich aus
Wenn sie von einem Buch geführt werden
Wenn sie von einem Spiel amüsiert werden
Wenn sie in einer Aufgabe diszipliniert werden
Wenn sie in einen Traum entlassen werden
Deine Gedanken ruhen sich aus
Wenn sie von Dir nicht festgehalten werden .

Wenn das Leben an sich selber leidet
Heilt sich das Leben
Schiebt sich eine Vorstellung dazwischen
Bleibt Dein Leiden steril .

~~~\~~~~~~~/~~~

13

Du willst Deinen Schmerz nicht sehen
Denn Du schaust lieber die Heilmittel an
Du wagst Deine Qual nicht zu bekennen
Denn Du meinst Du müßtest ihr Meister sein
Du wagst nicht, Deinen Gott zu verfluchen
Denn Du denkst er müßte Dein Ebenbild sein
Du willst nicht zur Wurzel gehen
Denn dort bist Du klein .

Du sagst Du magst dieses Essen nicht
Es ist Dein Geschmack den Du nicht magst
Du sagst Du magst dieses Wetter nicht
Es ist Deine Erwartung die Du nicht magst
Du sagst Du magst diese Gesellschaft nicht
Es ist Deine Anschauung die Du nicht magst
Du sagst, wenn Du es wagst, Du magst diese Welt nicht
Es ist der Geschmack von Dir selber, den Du dann wahrnimmst .

Du meinst Du kannst wie ein Kindlein bleiben
Daß Du das denkst, zeigt, daß Du es nicht bist
Du meinst Du kannst ohne Ideen bleiben
Was Du da denkst, ist eine Idee
Du meinst Du kannst ohne Absturz bleiben
Wenn DU das hoffst, ist er Dir nahe .

~~~\~~~~~~~/~~~

14

In Deinem Leib entwickelt das Lebendige Härte
Um, zerbrechend, heimzukehren in die Verwandlung
In Deinen Ideen entwickelt das Lebendige Verirrung
Um, zerbrechend, heimzukehren in die Wahrheit
In der Menschheit entwickelt das Lebendige Brutalität
Um, zerbrechend, heimzukehren in die Schönheit .

Du mußt gewaltig irren
Um die Wahrheit tief zu erfahren
Du mußt gewaltig triumphieren
Um Deine Nichtigkeit zu erfahren –
Glaubst Du, Du kannst eines Menschen Weg abkürzen ?

Du rückst die Stoffe zurecht
Und Deine Mühe nimmt kein Ende
Du rückst die Kreaturen zurecht
Und Dein Töten nimmt kein Ende
Du rückst die Welt zurecht
Und die Zerstörung kommt auf Dich zurück.
Kannst Du ein Spinnennetz nachmachen ?

~~~\~~~~~~~/~~~

15

Cover Die Harmonie der Welt, Schillinger 2001So, wie Du diesen Augenblick erlebst
Will das Lebendige in Dir den Augenblick erleben
So, wie die Menschheit diesen Augenblick erlebt
Will das Lebendige in der Menschheit sich erleben .

Verdammst Du einen Gedanken in Dir
Verdammst Du eine Lebende Zelle
Verfluchst Du ein Gefühl in Dir
Verfluchst Du lebendiges Blut
Verurteilst Du einen Schuldigen
Dann verurteilst Du einen Menschen
In dem Dein Gedanke Fleisch und Dein Gefühl Blut wurden .

Deine Häuser sperren Dich ein
Dein Wissen kettet Dich an
Deine Wünsche zerren Dich umher
Doch Leben ist Bewegung aus sich selbst
Dein Atem wird nicht von Dir gemacht
Dein Feuer wird nicht von Dir entfacht
Dein Wirken wird nicht von Dir verursacht
Denn Leben ist Bewegung aus sich selbst .

~~~\~~~~~~~/~~~

16

Mal zerschlägst Du den Stein
Mal zerschlägt er Dich
Du siehst Deine Farbe aus dem übrigen Grau hervorstechen
Doch unterschiedlos ist der Allzusammenhang .

Wird Lebendiges gereizt
Wächst Widerstand oder Begehren
Werden Menschen gereizt
Wächst das Ich
Ist das Ich stark
Ist die Blindheit groß
Und die Zerstörung nimmt kein Ende.
Drum mußten die, die Menschen verändern wollten
Vor ihnen fliehen
Drum wurden die Worte derer,
Die den Menschen etwas Gutes verhießen
Die Quelle endloser Zerstörung –
Weil das Ich gestärkt wurde .

Hast Du etwas im Auge, sieht Dein Auge nicht klar
Hast Du Dein Denken gebunden, ist es unbeweglich
Ist Dein Ich stark
Ist Deine Orientierung schwach .

~~~\~~~~~~~/~~~

17

Die Gnade Deiner Krankheit ist
Daß sie Dich Dein Kranksein nicht sehen läßt
So bleibt Dir großer Schmerz erspart
Der Fluch Deiner Krankheit ist
Daß sie Dich Dein Kranksein nicht sehen läßt
So bleibt Dein Kranksein bewahrt.
Doch wenn Lebendiges an sich selbst leidet
Geht es aus allem heraus .

Entsteht in Deiner Mitte das Gefühl von Mangel
Bewirkt es an Deinen Rändern Ergreifen
Die Augen suchen reizvolle Bilder
Die Ohren reizvollen Klang
Der Gaumen reizvollen Geschmack
In Deinem Denken entstehen reizvolle Vorstellungen.
Bleibst Du in der Mitte
Erfüllt sie sich selbst .

Binden leibliche Freuden Dich
Wird in leiblichen Freuden Lebendiges sich entspannen
Binden Worte und Bücher Dich
Wird im Gebrauch von Worten Lebendiges sich entspannen
Binden Mystik und Glauben Dich
Wird in Mystik und Glauben Lebendiges sich entspannen
Binden hoch und niedrig Dich
Wird im Höherstreben Lebendiges sich entspannen
Will Dir jemand Deine Fesseln abnehmen
Wirst Du Dich zur Wehr setzen
Niemand ist gern seines Erlösungsmediums beraubt.
Doch will Lebendiges sich befreien
So wird es geschehen –
Du aber kannst das Atmen Deiner Seele nicht verändern .

~~~\~~~~~~~/~~~

18

Es ist so schwer
Aus dem Schein der Macht
Hinabzusteigen in die Wahrheit der Ohnmacht
Du bist süchtig wie ein Moskito
Der für einen Tropfen Blut alles riskiert
Du bist geblendet, weil Du sagen kannst
„Es werde Licht“, wenn Du den Schalter betätigst
Du eroberst die höchsten Gipfel
Doch Deine Triumphe werden durch Deine Finger rinnen
Und das Tal der Schmerzen wartet auf Dich
Denn, schau, leicht ist Dein Nichtsein zu erkennen :

Tag und Nacht
Aufstieg und Abstieg
Wachsen und Zerfallen sind Reaktionen
Hunger Frieren Angst sind Reaktionen
Sehen Fühlen Erkennen sind Reaktionen
Verstehen und Nichtverstehen
Sich Zuwenden und Abwenden
Sich Öffnen und Verschließen sind Reaktionen
Verschlingen und Ausscheiden
Gnade und Fluch
Verfinsterung und Erleuchtung sind Reaktionen

Du aber bist dieses alles .

~~~\~~~~~~~/~~~

19

Lebendiges erlebt den Schein der Form
In wiederkehrender Bewegung
Im Zyklus vollzieht sich Gebären
Im Zyklus vollzieht sich Ernähren
Im Zyklus erlebt es die Seligkeit des In-der-Welt-Seins
Doch nichts wiederholt sich.
Der Zwang zur Wiederkehr ist in allem Deinen Tun –
Und leicht geraten die Kreise steril .

Zu wiederkehrender Bewegung
Organisiert sich die Materie
Um in Spannung zu erleben
Die eigene Bewegungsform
Das eigene Kreisen
Aus mystischer Energie.
Den Rhythmus zu wahren
Ist des Vitalen Interesse
Die Zerstörung des Rhythmus‘
Erlebt es als Tod –

Wenn der Rhythmus Deiner sterilen Kreise gestört wird
Zerbrechen sie
Und Du erfährst die Gnade des Sterbens .

~~~\~~~~~~~/~~~

20

Als Störung wirkt das Neue
In den Kreisen Deiner Gedanken
Als Störung wirkt das Neue
Auf die Richtung Deines Gehens
Als Störung wirkt das Neue
In das Verhängnis Deines Strebens –
Die Welt holt das Verirrende zurück.
Du aber kannst das Tor zur Freiheit nicht sehen .

Einst sahest Du ein Land von namenloser Schönheit
Hast Du das vergessen ?
Einst kam Dein Tun aus der Quelle der Unschuld
Hast Du das vergessen ?
Einst war in Deinem Fühlen die ganze Welt
Hast Du sie weggeschmissen ?

Es ist alles noch in Dir .

Reklame Uwe Schade

Bilder: Wilhelm „Nitya“ Klingholz: Die Harmonie der Welt, 17. September 2015;
Cover Lokwort Buchverlag, Bern 1999,
danach Schillinger Verlag, Freiburg im Breisgau 2001.

Soundtrack: Die schönste von allen bekannten Tausenden Versionen Stille Nacht ist zweifellos eine englische – Silent Night –, nämlich die von die von Tom Waits. Sie ist nie auf einer Original-CD von ihm erschienen, insofern eine Rarität, nur auf SOS United, 1989 – eine Stiftung von Tom Waits für die SOS-Kinderdörfer. Der teilhabende Kinderchor bleibt unbekannt, weil ungenannt.
Im Video: Correggio: Anbetung der Hirten, 1530 (Detail); Tintoretto, 1545 oder 1578; Gerrit van Honthorst, 1622 oder 1646.

Bonus Track: Tom Waits: Innocent When You Dream (Barroom), aus: Franks Wild Years, 1987,
für Paul Auster/Wayne Wang: Smoke, 1995:

Written by Wolf

24. Dezember 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Novecento

Frankonachten 1/5: Du aber Gott

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Update zu Ausblick,
Hören wir das Husten einer Grille im Schnee?
und Dying is the last thing I’ll do:

Weihnachten ist ja immer auch was mit Heimat. Bei mir ist das Franken, eine kulturelle und historische Landschaft, die mich nie ganz in Ruhe lassen wird.

Laufkultur, Von Nürnberg-Zentrum an den Fuß des Moritzbergs, Erlebnislauf, Teil II, 2011

Auf der alten Schnellstraße zwischen
          Diepersdorf und Schwaig haben wir
                    freihändig Rad fahren gelernt:

Fahrrad-Highlight Christian, Alte Diepersdorfer Straße, für komoot, ca. 2019Bestimmt zwanzig Minuten
          geradeaus, so genau hat das
                    nie einer mitgestoppt, weil
          es egal war, der Belag heller als
                    Asphalt, glatter als Kies, auf dem
          die Fahrradreifen schnurrten.

Man konnte nebeneinander
          herfahren, so tun, als ob man
                    sich aus dem Sattel schubste,
          sich laut Geschichten erzählen
                    und verschwitzt nach einer
          sommerlichen Radtour lachen
mit dem Blick auf die schnurgeraden
          Straßenränder, die sich ganz weit weg
                    am Schwaiger Ortsschild trafen.

Praktisch stillgelegt, ohne Autos,
          ohne Häuser, vorbei an einem
                    verschwiegenen, aber immer
                    frisch gestrichenen, eingezäunten
          Umspannwerk, das die Strecke
unterteilte, gleich nach dem Graffiti quer über die Fahrbahn:
                              Hiroshima 6.8.45,

bei Aufnahme der Kilometer
                    mit Blick nach rechts:
der endlose Maschendrahtzaun
          um das waldige Betriebsgelände
des städtischen Arbeitgebers,
                    mit Blick nach links:

alle hundert Meter
          eine einzelne alte Kiefer zwischen
                    struppigen Gräsern, Landnürnberger
          Steppengebiet, bewohnt von
          einer Rotte Saatkrähen, Feuerwanzen,
          grünen und braunen Allerweltskäfern,
          einer Million unterirdisch tätiger Ameisen
          und mindestens drei Arten Grashüpfern;
          wenn die zu laut waren, war es Zeit,
          schneller zu treten fürs Abendessen;
                    dahinter nur noch
          der unermessliche Nürnberg-
          Lorenzer Reichswald, kaum hörte man
                    jenseits die neue Schnellstraße. – – –

Fahrrad-Highlight Tom, Alte Diepersdorfer Straße, für komoot, ca. 2019Einmal, als ich längst freihändig fahren
          konnte, kam ich darauf nachzuschauen,
                    was es zwischen dem Umspannwerk
          und Schwaig im einzigen Kiefernhain
hinter vertrocknenden Himbeersträuchern
          und Brennnesselfeldern, die vor
          buntschillernden Scheißhausfliegen summten,
                    noch so gab; ich schwenkte einfach
                    von dem hellgrauen Straßenbelag
          über einen Streifen überlanger
messerscharfer Grashalme in den
          Löwenzahn, holperte, bremste,
                    lehnte mein grünes Hercules Hobby
          an einen Strauch und trat zwischen
den Kreis wilder Kiefern, die bis
                              hoch in den Himmel
          aus nichts als ihrer dürren Rinde bestanden.
An einer davon hing auf Brusthöhe
          mit einem rosa Reißzwecken befestigt
          ein linierter Zettel in kugelrunder
          Schulmädchen-
                    Schleifchen-
                              Schön-
                                        Schreib-
                                                  Schrift:

Du aber, Gott, siehest mich.

Bildlä: Laufberichte: Von Nürnberg-Zentrum an den Fuß des Moritzbergs. Ein Erlebnislauf, Teil II, 2011:

Die „Alte Schwaiger Straße“ führt 2,5 km schnurgerade Richtung Diepersdorf.

Fahrrad-Highlight von Christian und Tom:
Alte Diepersdorfer Straße, für komoot, ca. 2019.

Soundtrack: Red Hot Chili Peppers: Bicycle Song, aus: By the Way, 2002:

Written by Wolf

3. Dezember 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, ~ Weheklag ~

Schau in den Mond, wie er so glänzend schifft

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Update zu Verreißi zerreißi und
So habt ihr nie den Mond bedacht:

Der Fürst Pückler war noch einer verträglichsten unter den Adligen. Gebürtig 1785, musste der Graf im Großraum Europa ab 1789 ganz und gar nicht bildlich gesprochen um seinen Kopf fürchten, bekam aber auf die eine oder andere Weise einen romanhaft bunten Lebenslauf hin und wurde 1822 gar noch zum Fürsten nobilitiert.

Der Mann hat mehr Nachhaltiges geleistet denn eine Speiseeismischung, an der immer eine von den drei Sorten stört: Sein literarisches Treiben, auf das wir Heutigen mit einigem Suchen noch zugreifen können, wird zu seinem Überleben der Französischen Revolution wohl nicht den letzten Ausschlag gegeben haben, macht ihn aber bis heute höchst lebendig und zugänglich. Seine vier Bände Briefe eines Verstorbenen 1830–1831, ursprünglich privat an seine Frau gerichtet, wurden völlig zurecht Bestseller ihrer Zeit und haben nichts von ihrer Brillanz — Wikipedia beschreibt sie als „scharfäugiger Zugriff auf sprechende Situationen, uneinschüchterbare Scharfzüngigkeit zumal auch seinem eignen Stand gegenüber, fehlende Prüderie, unangestrengte Ironie“ — eingebüßt; seine mindestens sieben Anlagen von Landschaftsgärten sind wegweisend für die Kunst — ja, es ist eine — des Gartenbaus, vorneweg steht sein Fürst-Pückler-Park Bad Muskau im Rang eines UNESCO-Weltkulturerbes.

Hotel Imperial, Anti-Stress-Programm Imperial

Als „Verstorbener“ seiner Reiseschriften gab er sich den Namen Semilasso; siehe u. a. Ferdinand Gustav Kühne: Hermann von Pückler- Muskau, Semilasso, 1843:

Der „Verstorbene“ hat sich in ein neues Reise-Incognito geworfen. Er nennt diesen seinen neuen Milchbruder, dessen Fahrten durch die Welt er beschreibt, Semilasso, und schildert ihn als einen Mann von hoher Statur, bei der Hälfte seiner Lebensjahre angelangt, von schlanker, wohlgeformter Gestalt, die jedoch physisch mehr Zartheit als Stärke, mehr Lebhaftigkeit und Gewandtheit als Festigkeit verräth. Bei näherer Betrachtung zeigt sich an diesem Manne das Cerebralsystem besser ausgebildet, als das Gangliensystem, und einem Phrenologen wird es klar, daß diesem Sterblichen vom Schöpfer etwas mehr Kopf als Herz, mehr Rationalismus als Schwärmerei zugetheilt, und er folglich nicht zum Glück des Lebens vom Schicksale bestimmt worden sein möchte. […]

Mit dem Namen Semilasso treibt der Verfasser in dem Vorworte seine gewohnten Späßchen, womit er den Leser und sich selbst mystificirt. Er weiß selbst nicht recht, was er mit dem Worte Semilasso machen soll. Es scheint ihm ein aus dem Lateinischen germanisirter Name zu sein, wie vor hundert Jahren die Gelehrten ihre Namen latinisirten; „oder,“ sagt er, „vielleicht ist es auch eine Anspielung auf das Wort Lasso, welches in Südamerika die Schlinge bedeutet, mit der man Pferde und Rindvieh, auch Menschen und wilde Thiere zu fangen pflegt.“

Unter „Semilassos“ Reisen in alle Welt findet sich eine ins — was ein weites Feld für sich ist — „bayerische“ Franken. Sie setzt ein im böhmischen Kaiserbad Karlsbad, aus dem unser Bildmaterial stammt. An den englischen Kurgästen übt er seine „uneinschüchterbare Scharfzüngigkeit“ anhand eines Gedichts über den Mond.

Hanyl, Karlsbad, 2017

——— Hermann von Pückler-Muskau:

Semilasso’s vorletzter Weltgang

Zweiter Brief. An den Herrn Grafen von S…….

aus: Fürst Pückler reist in Franken. Vorletzter Weltgang von Semilasso,
Teil 1 Abt. 1: Enthaltend das Tagebuch seiner Reise in Franken aus dem Jahr 1834
Nachdruck der Ausgabe Stuttgart 1835,
in: Hans Baier, Hrsg.: Bibliotheca Franconica. Faksimilenachdrucke seltener fränkischer Bücher und Texte,
Palm & Enke, Erlangen 1982, Seite 39 bis 45:

Den 8ten [Juni 1834]

Harald Bulling, Karlsbad, 10. April 2017[…] Du weißt aber nun schon, daß sich eine wunderschöne Engländerin hier befindet, die eine Spanierin zu seyn scheint, die mit gleicher Geläufigkeitsieben verschiedene Sprachen spricht, die Clavier spielt wie Moscheles, von der Welt Ländern so viel gesehen hat wie Lady Morgan, obgleich sie kaum siebzehn Jahre zählt, dichtet wie Lord Byron, schön ist wie ein Engel, und — ja also mit dieser möchte ich gern auf dem ersten Reunions=Ball tanzen, wenn ich soviel Ehre damit einzulegen hoffen dürfte, als Du. Jetzt muß ich mich schon glücklich schätzen, wenn ich ihr nur einmal in Gesellschaft ihrer Eltern auf der Promenade begegne, oder die liebenswürdige Familie Abends beim Thee zu Hause finde. Diese lebt hier noch ziemlich isolirt, sieht und besucht, einige Königinnen, Souveraine und Prinzessinnen ausgenommen, wenig Leute, was mir um so angenehmer ist, da der kleine Cirkel desto mehr Raum zur Bewunderung der lieblichen Töchter bietet. Auch eine schöne und geistreiche Landsmännin, die sich mit der Familie früher in Italien liirt hat, bringt gewöhnlich mit ihrem kunsterfahrnen Gemahl, einem Sprößling unsres Herrscherhauses, ihre Abende hier zu. Musik spielt meistens die Hauptrolle, denn alle drei junge Damen, so wie Graf J….m sind Virtuosen auf dem Fortepiano, eine wahrhaft seltne Vereinigung in einem so kleinen Cirkel. Heute spielte jedoch der Bräutigam der ältesten Tochter mit dieser Patience, und die Jüngere las uns aus ihren Gedichten vor. Ich schrieb die Uebersetzung des einen, in schlichte Prosa schnell in meine Schreibtafel. Hier ist sie, abermals ins poetische Gewand gehüllt, denn die Gefühle eines so schönen jungen Mädchens sind immer interessant zu verfolgen. Der Gegenstand ist wahrlich oft genug besungen worden, und desto mehr Verdienst liegt darin, ihm eine neue Seite abgewonnen zu haben. — Da aber meine eignen Knittelverse so hölzern sind, daß selbst der ehrliche, gute, leider nun auch selige Neumann sie nicht vertragen konnte, so benutzte ich die Anwesenheit eines berühmten Dichters, um sie mir von ihm machen zu lassen. *)

[Fußnote:] *) Wir bitten daher die Herren Recensenten sehr, gehörigen Respect vor dieser hohen Autorität zu zeigen.

Anmerk. d. geh. Titul. Gesellschaft.

Phantasie an den Mond.

Tschechien Tourismus Portal, Region Karlsbad. Karlovy Vary, Eger und die Burg LoketSchau in den Mond, wie er so glänzend schifft
Im blauen Himmelsmeer, so frisch bethaut ;
O sage mir, erweckt er Dir nicht laut —
Lautredend wie im Traum : vergangner Tage
Holdselig Flüstern und holdsel’ge Klage,
So leise auch sein stilles Licht Dich trifft !
Bringt er Dir zaudernd nicht zurück
Die Geister all‘ der süßen Stunden,
Wo froher Sinn und Jugendglück,
Die Genien, segnend Dich umwunden ;
Wo Dich der treue Freund beglückte,
Dir der Geliebt‘ am Herzen lag,
Wo Freude lächelnd Dir den Tag
Vom Morgen bis zum Abend schmückte —
Ach damals, da auch glänzte Dir
Des Mondes heitres Angesicht,
Doch sein Gestrahl nur that es nicht —
Es war der Abglanz auch von Dir!

Und bringt er Dir, und jetzt zum Glück,
Nicht auch Gedanken klar zurück
Aus Zeiten, die Dir längst verflossen,
Wo Deine Seele — wie ein Sarg —
Ein schwarzer Trauerschleier barg,
Wo heiße Thränen — eine Fluth ! —
Aus Deinen Augen sich ergossen,
Vom lautlos Dir vergangnen Muth
Von der Verzweiflung bittrem Schweigen,
Vom tiefsten Schmerz die tiefsten Zeugen !
Ach, dann, dann schien er Dir ein Freund,
Der treu und redlich mit Dir weint‘
Und mitleidsvoll von Deinem Gram
Auf sich die schwerste Hälfte nahm.
Ja dieses Zaubers Heimlichkeit,
Birgt die Natur, hält ihn bereit :
Den Glücklichen umglänzt sie froh,
Und mit dem Bangen weint sie so!

Whisper of Your Heart, Karlovy Vary, 24. Juli 2017Und ob in Freude nun Dein Herz sich hülle,
Ob sich die Welt für Dich mit Lieden fülle,
So zieht doch die Natur aus Deinen Schranken
Dir immerdar den wechselnden Gedanken
Zu sich empor in ihre höhern Sphären,
Um ihn im reinsten Lichte zu verklären ;
Und bleibt Dir keine Freud‘ auf Erden mehr,
Schau‘ in den Mond ! — Schau‘ in der Sterne Heer !
Sie zieh’n gen Himmel Dich mit Geisterhand
Ins selige, in’s stets Dir offne Land !

Ist es nicht zu bedauern, daß Badebekanntschaften so flüchtig sind! In wenig Tagen geht die holde Dichterin mit den Ihrigen dahin, ich einsamer Wanderer dorthin, und nie vielleicht hören wir wieder von einander. Demohngeachtet werde ich mich dieser interessanten und wahrhaft liebenswürdigen Engländer, (deren Zahl eben nicht allzu reichlich ist,) wahrscheinlich länger erinnern als sie sich meiner.

Kaugummi-Automaten Karlsbad Hauptstraße, 2019

Bilder:

  1. Hotel Imperial: Anti-Stress-Programm Imperial;
  2. Hanyl: Karlsbad, 2017;
  3. Harald Bulling: Karlsbad, 10. April 2017;
  4. Tschechien Tourismus Portal: Region Karlsbad: Karlovy Vary, Eger und die Burg Loket;
  5. Whisper of Your Heart: Karlovy Vary, 24. Juli 2017
  6. und mein Liebling: Kaugummi-Automaten: Karlsbad // Hauptstraße, 2019.

Soundtrack: Audrey Hepburn für Henry Mancini: Moon River,
aus: Breakfast at Tiffany’s, 1961, via Everything Audrey:

Written by Wolf

29. Oktober 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Romantik

Wie Champagnerschaum das wilde Gelächter (deine Erdbeer- und Himbeerdüfte)

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Update zu Und wenn es hundert schönere gibt,
O süßes Lied und
La feuille s’émeut comme l’aile dans les noirs taillis frémissants:

Die Leute wollen neben der Politik und dem Aktuellen etwas haben, was sie ihrer Freundin schenken können. Sie glauben gar nicht, wie das fehlt.

(Riesenschnörkel) Ernst Rowohlt, in: Kurt Tucholsky: Schloss Gripsholm, 1931.

Sehr richtig, Herr Verleger: Die Leute sollten sich gegenseitig viel mehr Gedichte schenken. Daher kommt heute der literaturwissenschaftliche Teil erst hinterher.

Rimbaud schrieb Les réparties de Nina im Alter von 15 Jahren als 9. Gedicht in seinem 1. Cahier de Douai, die erste Veröffentlichung war in Le Reliquaire 1891. Zitiert wird nach: Arthur Rimbaud: Sämtliche Werke. Französisch und deutsch, übertragen von Sigmar Löffler und Dieter Tauchmann. Mit Erläuterungen zum Werk und einer Chronologie zum Leben Arthur Rimbauds, neu durchgesehen von Thomas Keck, Insel-Verlag Anton Kippenberg, Leipzig 1976, Seite 52 bis 61:

——— Arthur Rimbaud:

Ninas Antwort

15. August 1870:

Er:

Deine Hüfte an meiner Hüfte,
     Na, gehen wir mal,
Die Nasenlöcher voller Düfte,
     Beim frischen Strahl

Der blauen Früh, da uns umflutet
     Tagwein ringsum? …
Dann, wenn der Wald erschauernd blutet,
     Vor Liebe stumm,

Aus jedem Ast als grüne Tropfen
     Den Knospenschwarm!
Man fühlt’s aus allen Poren klopfen
     Wie Fleisch so warm:

Den Morgenrock in der Luzerne
     Gehst du dahin,
Daß rosig sich die Augensterne,
     Statt blau, umziehn.

Verliebt ins grüne Gefilde,
     Säst rundhinaus
Du wie Champagnerschaum das wilde
     Gelächter aus:

Lachst über mich, den ganz Bezechten,
     Der roh dich zwingt,
So, siehst du wohl! – die schönen Flechten,
     Oh! – mich, der trinkt

Deine Erdbeer- und Himbeerdüfte,
     O welch Genuß!
Lachst über die diebischen Lüfte
     Und ihren Kuß,

Über die liebe Heckenrose,
     Die Ärger gibt,
Lachst meistens über ihn, du Lose,
     Der dich so liebt! …

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Oh, siebzehn Jahr! Das wird ein Leben!
     Vom Wiesenkranz,
Vom liebestrunknen Land umgeben!
     – Komm! näher! ganz! …

Deine Hüfte an meiner Hüfte,
     Im Zwiegesang
Erreichen wir langsam die Klüfte
     Am Waldeshang! …

Dann, grad als ob du stürbst, du Tolle,
     Vor Herzenspein,
Sagst du, daß ich dich tragen solle,
     Und blinzelst fein …

Ich trag dich – wie dein Herz klopft, Schöne! –
     Auf schmalem Steig;
Der Vogel spinnt Andantetöne:
     Im Haselzweig

Ich sprech in deine Lippen leise
     Ich drück dich gut
Und wieg dich Kind nach Ammenweise,
     Berauscht vom Blut,

Das färbt die weiße Haut der Glieder
     Mit Rosenton,
Und spreche dann ganz freiweg wieder …
     Na, – du weißt schon …

Die Wälder sind vom Safte trunken;
     Der Sonnenschein
Streut in den Purpurtraum wie Funken
     Sein Gold hinein.

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Abends? … Nach Haus die weißen Wege,
     Die schlängelnd gehen
Wie Weisetiere, die sich träge
     Im Kreise drehn.

Die Apfelbäume, Zeil an Zeile,
     Im blauen Gras,
Man riecht sie über eine Meile,
     Wie gut ist das!

Zurück ins Dorf, wo schon die Gasse
     Einschläft; der Duft
Von frischer Milch durchzieht die blasse
     Nächtliche Luft.

Es riecht nach dampfend warmen Haufen
     Des Mists im Stall,
Durch welchen zieht das lange Schnaufen
     Der Leiber all,

Die bleichen im Laternenscheine;
     Und voller Ruh
Bedreckt sich stolz die Hinterbeine
     Die letzte Kuh …

– Großmutters Nase, die andächtig
     Die Brillenlast
Ins Meßbuch tunkt; der Bierkrug, prächtig
     In Blei gefaßt,

Der schäumt, dieweil die Pfeifen rauchen,
     Wenn schmatzend sie
Gräßliche Hängelippen schmauchen,
     Die dennoch nie

Aufhören, Schinken zu verschlingen,
     Mehr! immerzu!
Das Feuer, dessen Lichter springen
     Um Licht und Truh,

Das blanke Hinterteil des Knaben,
     Der rosigrund
Kniet, ’s weiße Mäulchen tief vergraben
     Im Tassengrund,

Indes sich knurrend, stupsend eine
     Schnauze aufreckt
Und liebevoll das dicke, kleine
     Gesicht ableckt …

Die starre Alte auf dem Stuhle,
     Die finster sinnt,
Schwarz vor der Glut, und auf die Spule
     Den Faden spinnt;

Was man alles in solchen Katen
     Zu sehen kriegt,
Wenn auf den grauen Steinquadraten
     Der Herdschein liegt! …

– Dann klein und duftend unsre Bleibe
     In frischer Nacht
Des Flieders: die verhängte Scheibe,
     Die drunter lacht …

Du kommst, du kommst, nicht wahr, wir wandern?
     Ich freu mich so!
Du kommst, mein Lieb? Und was die andern …

Sie:

Und mein Büro?

——— Arthur Rimbaud:

Les réparties de Nina

15 août 1870:

Lui.

Ta poitrine sur ma poitrine,
     Hein ? nous irions,
Ayant de l’air plein la narine,
     Aux frais rayons

Du bon matin bleu, qui vous baigne
     Du vin de jour ?…
Quand tout le bois frissonnant saigne
     Muet d’amour

De chaque branche, gouttes vertes,
     Des bourgeons clairs,
On sent dans les choses ouvertes
     Frémir des chairs :

Tu plongerais dans la luzerne
     Ton blanc peignoir,
Rosant à l’air ce bleu qui cerne
     Ton grand oeil noir,

Amoureuse de la campagne,
     Semant partout,
Comme une mousse de champagne,
     Ton rire fou :

Riant à moi, brutal d’ivresse,
     Qui te prendrais
Comme cela, – la belle tresse,
     Oh ! – qui boirais

Ton goût de framboise et de fraise,
     O chair de fleur !
Riant au vent vif qui te baise
     Comme un voleur,

Au rose églantier qui t’embête
     Aimablement:
Riant surtout, ô folle tête,
     A ton amant !….

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

– Ta poitrine sur ma poitrine,
     Mêlant nos voix
Lents, nous gagnerions la ravine,
     Puis les grands bois !…

Puis, comme une petite morte,
     Le cœur pâmé,
Tu me dirais que je te porte,
     L’œil mi fermé…

Je te porterais, palpitante,
     Dans le sentier :
L’oiseau filerait son andante :
     Au Noisetier

Je te parlerais dans ta bouche:
     J’irais, pressant
Ton corps, comme une enfant qu’on couche,
     Ivre du sang

Qui coule, bleu, sous ta peau blanche
     Aux tons rosés:
Et te parlant la langue franche…
     Tiens !… – que tu sais…

Nos grands bois sentiraient la sève
     Et le soleil
Sablerait d’or fin leur grand rêve
     Vert et vermeil.

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Le soir ?… Nous reprendrons la route
     Blanche qui court
Flânant, comme un troupeau qui broute,
     Tout à l’entour

Les bons vergers à l’herbe bleue
     Aux pommiers tors !
Comme on les sent tout une lieue
     Leurs parfums forts !

Nous regagnerons le village
     Au ciel mi-noir ;
Et ça sentira le laitage
     Dans l’air du soir ;

Ça sentira l’étable, pleine
     De fumiers chauds,
Pleine d’un lent rhythme d’haleine,
     Et de grands dos

Blanchissant sous quelque lumière ;
     Et, tout là-bas,
Une vache fientera, fière,
     À chaque pas…

– Les lunettes de la grand’mère
     Et son nez long
Dans son missel : le pot de bière
     – Cerclé de plomb,

Moussant entre les larges pipes
     Qui, crânement,
Fument: les effroyables lippes
     Qui, tout fumant,

Happent le jambon aux fourchettes
     Tant, tant et plus :
Le feu qui claire les couchettes
     Et les bahuts.

Les fesses luisantes et grasses
     D’un gros enfant
Qui fourre, à genoux, dans les tasses,
     Son museau blanc

Frôlé par un mufle qui gronde
     D’un ton gentil,
Et pourlèche la face ronde
     Du cher petit…..

Que de choses verrons-nous, chère,
     Dans ces taudis,
Quand la flamme illumine, claire
     Les carreaux gris !…

– Puis, petite et toute nichée
     Dans les lilas
Noirs et frais : la vitre cachée,
     Qui rit là-bas….

Tu viendras, tu viendras, je t’aime !
     Ce sera beau.
Tu viendras, n’est-ce pas, et même…

Elle.

Et mon bureau ?

Rimbaud suites, 13. Oktober 2018

Die gedachte Landschaft in Rimbauds, des Ardennensohns, Gedicht dürfen wir uns um Chuffilly-Roche (Stand 2018: 73 Seelen) bei Charleville-Mézières vorstellen: um das Nachfolgeanwesen von Rimbauds Mutter herum — das übrigens 2017 von Patti Smith erworben wurde: als waldiges Mittelgebirge ohne Extreme, aber mit viel Idylle:

Auf Rimbauds Manuskript hieß das Gedicht noch Ce qui retient Nina, das ist: Was Nina zurückhält. Die Insel-Ausgabe von Sigmar Löffler und Dieter Tauchmann 1976 lehrt dazu, Seite 416 f.:

Rimbaud suites, 13. Oktober 2018Aufschlußreich ist das Gedicht in vielerlei Hinsicht: Obwohl das Thema, die Einladung eines Mädchens zum Spaziergang, in der zeitgenössischen Dichtung oft strapaziert war, ist doch die realistische Beschreibung, besonders des Bauernhauses in den Ardennen, poetisch außerordentlich gelungen. Am bedeutsamsten jedoch sind die hier gebrauchten Effekte, das Bemühen nämlich, neue kühne Wortschöpfungen zu finden, wenn z. B. das Gras unter dem Schatten der Bäume blau erscheint. Damit leitet sich eine Entwicklung ein, die im ‚Bateau ivre‚ und in der poetischen Prosa der ‚Illuminations‚ gipfelt.

Und noch etwas ist in diesem Stück bedeutsam! Die am Schluß frappierende Antwort des Mädchens: ‚Et mon bureau?‘ Die herbe Desillusionierung eines schwärmerischen poetischen Aufschwungs des lyrischen Ich durch das profane Nützlichkeitsdenken eines weiblichen Gegenübers erinnert an ähnliche Effekte in Texten Baudelaires (z. B. ‚La Soupe et les nuages‘ aus den ‚Petits Poèmes en Prose‚). In Rimbauds poetischer Terminologie ist ‚Bureau‘ ein symbolkräftiger Schlüsselbegriff für geistige Stupidität. In ‚À la musique‘ charakterisiert er die Bourgeois als ‚gros bureaux bouffis‘, in ‚Les Assis‘ spricht er von ‚fiers bureaux‘.

Images: Rimbaud expliqué, 5. Juni 2021;
Rimbaud suites, 13. Oktober 2018.

Bande sonore: Adaption musicale par Richard Ankri, 2019:

Bonus Track: das vollständige Lied von oben:
Patti Smith: Dancing Barefoot, aus: Wave, 1979:

Written by Wolf

20. August 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Impressionismus, Land & See

Und vierzehn Gräser formen ein Sonett

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Update zu Nachtstück 0026: Heut hat der Sommer Schnaps gesoffen
und Das Beste sind die Kartoffeln:

Das Sonett von Klaus Modick steht erst- und letztmals als „Erstdruck aus einem größeren lyrischen Werk“ in der 1989er Ausgabe in der jährlichen Anthologie Von Büchern & Menschen der Frankfurter Verlagsanstalt; die hat mir mal meine Lieblingsbuchhändlerin geschenkt. Die Fünfheber verleihen ihm eine deutliche Rilke-Note.

——— Klaus Modick:

Sonett

aus: Von Büchern & Menschen, Frankfurter Verlagsanstalt 1989:

Der Sommer gähnt. Die Kronen werden lichter.
Der Wind hat sich zu einem Schlaf gelegt.
Im Gras liegt regungslos ein müder Dichter,
der nichts mehr schreibt und den nichts mehr bewegt.

Der Dichter hat die Worte freigelassen,
als Seifenblasen sind sie fortgeweht.
Er muß sich endlich nicht mehr selber hassen,
Er lächelt, spricht ein sprachloses Gebet.

De Dichter lebt sein Leben vor dem Tode.
Drei Wolken tanzen anmutig Terzett.
Der Himmel ist so blau wie eine Ode.
Und vierzehn Gräser formen ein Sonett.

Käm jetzt kein Wort mehr, würd er das genießen.
Käm doch noch eins, er würde es begrüßen.

Ernst Förster: Jean Paul, 1826, Bleistift

Bild: Ernst Förster: Jean Paul, 1826 — also posthum:

In Gras u. Blumen lieg ich gern

via Jean-Paul-Gesellschaft Bayreuth.

Soundtrack: Fairport Convention: Book Song, aus: What We Did on Our Holidays, 1969:

Written by Wolf

2. Juli 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Novecento

The Widow of the Cross

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Update for Seht, Ehrenbreitstein mit gesprengter Mauer,
Archegonus aus der Unterwelt: Tiefer verankert als derzeit absehbar,
and Filetstück 0001: Vielleicht bis zum Meer:

So forget Isle of the Cross, the „lost“ work that Melville wrote after Pierre (1852). Better yet, consider it found and read it in „Norfolk Isle and the Chola Widow„, the eighth sketch of The Encantadas. Melville’s tale of a grief-struck lady named Hunilla has „Island“ and „Cross“ stamped all over it.

Melvilliana: Dragooned!: Ten Traces of Herman Melville
in „Scenes Beyond the Western Border“ (1851–1853)

The following text first appeared in — and is copyrighted by — the most inspiring Melvilliana site by Stephen Scott Norsworthy. With his explicit and friendly permission, we recovered this utterly enlightening and entertaining piece of science from the Google cache for Moby-Dick™. Now that the Melvilliana site seems defunct, it might not be a fault to save the same text to this supplementary place, this time with decent illsutrations.

Emphases, spellings and (lacking) links appear as given in the primary text.

A German translation will be most welcome!

~~~\~~~~~~~/~~~

——— Stephen Scott Norsworthy:

A Note on „Isle of the Cross“

from: Melvilliana, before 2006:

Alberich Matthews, And at Her Feet She Found a Trampled Rose, July 27th, 2019Following the publication of Pierre in August 1852, Herman Melville worked slavishly on one or more writing projects for the rest of 1852 and the early months of 1853. On 20 April 1853, Melville’s mother Maria alluded to a „new work, now nearly ready for the press“ (Letter to Peter Gansevoort; quoted in Parker, V2.154). Other letters from family members and a late biographical note by his wife describe a period of intense activity ending nearly in mental breakdown. Elizabeth Melville never forgot that the whole family „felt anxious about the strain on his health in Spring of 1853“ (quoted in Parker, V2.161).

Surviving letters from Melville to Hawthorne in 1852 document Melville’s interest in what has come to be known as the „story of Agatha.“ The true tale of a woman deceived and abandoned by her unfaithful sailor-lover came to Melville’s attention in July 1852, while visiting Nantucket. In August 1852, Melville passed the account on to his friend and former neighbor, urging Nathaniel Hawthorne to make a fiction of the dramatic details. Hawthorne demurred, and after a visit to Concord, Melville decided in December 1852 to write the thing himself. The last surviving „Agatha“ letter to Hawthorne, written from Boston between 3 and 13 December, identifies Melville’s working title for the project, „Isle of Shoals,“ a title suggested by Hawthorne (Correspondence, 242).

Hershel Parker discovered references to „Isle of the Cross“ in two 1853 letters from Melville’s cousin Priscilla to his sister Augusta. We do not have Augusta’s letters, but from the replies of Priscilla Melvill it is clear that Augusta informed their cousin of a forthcoming work by Herman called „Isle of the Cross.“ On 22 May 1853, Priscilla wondered: „When will the ‚Isle of the Cross‘ make its appearance? I am constantly looking in the journals & magazines that come in my way, for notices of it.“ In reply, Augusta told Priscilla that Herman had finished „Isle of the Cross“ and that Lizzie had given birth to the couple’s third child (first daughter) on 22 May 1853. Priscilla wrote back on 12 June: „the ‚Isle of the Cross‘ is almost a twin sister of the little one & I think she should be nam’d for the heroine—if there is such a personage—the advent of the two are singularly near together“ (Parker, V2.155).

Parker logically and persuasively connects the working title of the „Agatha“ project in December 1852, „Isle of Shoals,“ with the new title mentioned in Priscilla’s 1853 letters to Augusta, „Isle of the Cross.“ Around the time of the birth of Elizabeth (Bessie) on 22 May 1853, Melville completed work on a tale almost certainly inspired by the account of Agatha Hatch that he first heard about in Nantucket the previous summer.

In the second volume of his masterful biography (and before that, in a 1990 article in American Literature), Parker unhesitatingly equates „Isle of the Cross“ with the unnamed „work“ that Melville brought to New York in June 1853 and was inexplicably „prevented from printing.“ Other distinguished Melville scholars before Parker, notably Harrison Hayford, Merton Sealts, and Walter Bezanson, had likewise suspected that the work Melville tried and failed to publish in 1853 was probably a version of the Agatha story. Parker’s discovery of Priscilla’s references to a completed work entitled „Isle of the Cross“ seemed to clinch the argument, which hangs nonetheless on a tempting yet unproved and rarely examined assumption.

Alberich Matthews, Pyrate Penelope Sometimes Wondered ..., August 19th, 2018The logical flaw behind any unqualified identification of „Isle of the Cross“ with the book Melville „was prevented from printing“ is the ancient one known as post hoc, ergo propter hoc (‚after this, therefore because of this‘). Melville’s New York trip in June chronologically followed his completion of „Isle of the Cross“ in May, but it does not follow necessarily that the publication he meant to „superintend“ was „Isle of the Cross.“

The month of Melville’s trip to New York is confirmed by newspaper reports of 11 June 1853 (in the Springfield Daily Republican) and 14 June (Boston Daily Evening Transcript): „Herman Melville has gone to New York to superintend the issue of a new work.“ The rejection of the work by a New York publisher—a provisional rejection, evidently—is known from Melville’s letter of 24 November 1853 to Harper & Brothers:

In addition to the work which I took to New York last Spring, but which I was prevented from printing at that time; I have now in hand, and pretty well on towards completion, another book—300 pages, say—partly of nautical adventure, and partly—or, rather, chiefly, of Tortoise Hunting Adventure.

(Correspondence 250)

The fact is, Melville does not say the name of the work declined by the Harpers. Nor does he explain why he „was prevented from printing“ the unidentified book „at that time.“ We can be reasonably certain that it was a book-length work, since Melville refers immediately to „another book“ (emphasis mine), and since he would not have made the journey merely to, in the words of the contemporary newspaper reports, „superintend the issue“ of a single magazine piece.

Basem L. Ra’ad has called attention to good textual evidence suggesting that Melville’s reworking of the Agatha story, in some version or other, may eventually have been published as the story of Hunilla in the eighth sketch of „The Encantadas.“ If „Isle of the Cross“ contains Melville’s artistic transformation of the „story of Agatha,“ and the Agatha story became the Hunilla story, then „Isle of the Cross“ is simply an earlier incarnation of the Hunilla story as we have it in „Norfolk Isle and the Chola Widow.“ In the 1960’s, decades before the discovery of Priscilla’s correspondence in which Parker located two „Isle of the Cross“ allusions, Reidar Eknar and Charles N. Watson, Jr. independently adduced textual links between the Hunilla and Agatha stories. Then in 1978, Robert Sattelmeyer and James Barbour identified a newspaper sketch about a „Female Robinson Crusoe“ as another likely source for Melville’s tale of Hunilla. Sattelmeyer and Barbour found two printings of the sketch in November 1853, but it had been around for years. In March 1847, a Boston magazine that Melville knew, and apparently interested himself in during that very month and year (see Sealts 327 in Melville’s Reading), Littell’s Living Age (27 March 1847: 594-595), reprinted the story of „A Female Crusoe“ from the Boston Atlas.

Alberich Matthews, Den lille havfrue, June 21st, 2014The impressive textual parallels between the Agatha and Hunilla stories, independently noticed by careful readers, along with the undeniable influence of the „Female Crusoe“ article on „Norfolk Isle and the Chola Widow,“ allow for a reasonable alternative to the over-easy equation of „Isle of the Cross“ and the „work“ that Melville „was prevented from printing“ in June 1853. The alternative embraces all the evidence, textual as well as archival and biographical, and thus allows for the organic, artistic development of a basic premise or idea during the writing process.

The existence of an earlier printing of the „Female Crusoe“ sketch in March 1847 means that the version of the Agatha story completed in May 1853 under the title „Isle of the Cross“ may already have fused the story of Agatha and that of the female Robinson Crusoe in imaginative and unpredictable ways. Given the numerous and frequently observed parallels between the stories of Agatha and Hunilla, it is very possible that at some point, early or late, Melville dramatically set „Isle of the Cross“ on one of the Galápagos islands, the setting of the Hunilla sketch. Hunilla goes to Norfolk Isle in the first place to hunt tortoises. Further possibilities, suggested by the idea of tortoise hunting on lonely, otherworldly islands, might then have prompted Melville either to make a book of his shorter fiction, or make a different book of the one he had. Melville’s November 1853 letter to the Harpers characterizes the „Tortoise Hunting Adventure“ as „another book“; in other words, not the one he had unsuccessfully tried to publish in June. Perhaps „Isle of the Cross“ did not get published in 1853 because Melville elected to revise and expand it into something like what we find in „The Encantadas,“ serially published in Putnam’s Monthly Magazine in 1854. The simplest and most satisfying reading of all the available evidence is that „Isle of the Cross,“ „Tortoise Hunting Adventure,“ and „The Encantadas“ are creative permutations of one and the same work.

Melville’s probable involvement in the writing or „ghostwriting“ of Scenes and Adventures in the Army supplies a new candidate for the unnamed work that Melville unsuccessfully tried to publish in June 1853. The army memoir of Philip St. George Cooke comprises two different series, published a decade apart (1842-1843; and 1851-1853) in the Southern Literary Messenger. Although the last installment of the second series, „Scenes Beyond the Western Border“ appeared in August 1853, the manuscript of that installment must have been finished by June, or early July at the latest. Everything but the last number was in print by May 1853. The cryptic phrases in Melville’s letter of 24 November 1853, „prevented from printing“ and „at that time,“ are more obviously applicable to the work that became Scenes and Adventures in the Army than to „Isle of the Cross.“

Alberich Matthews, Precision Milling, July 28th, 2014Possibly, then, Melville went to New York in June 1853 with the modest idea of „superintending“ the re-publication of the two Southern Literary Messenger series in one volume. In those days a previously serialized rip-off of somebody else’s narrative might be counted a „new work,“ as 1855 advertisements for Israel Potter as „Melville’s New Work“ demonstrate. Nevertheless, publishers and their lawyers invariably want to settle questions of authorship and copyright. Such vexed questions as „Whose book is this, anyway?“ might have been anticipated as a potential stumbling block, but Melville was not well and financially desperate, by all accounts. Suggestive evidence of a lesson learned the hard way appears in February 1854, when Herman’s brother Allan instructed Augusta (in connection with the planned serialization of „The Encantadas“ in Putnam’s Monthly) to „Say to Herman that he ought to reserve to himself the right to publish his magazine matter in book form. It might be desirable & could probably be secured by agreement made at the beginning“ (quoted in Parker, V2.211).

Perhaps John R. Thompson, editor of the Southern Literary Messenger, intervened to assert a claim of copyright, or perhaps Cooke himself claimed authorship and thereby „prevented“ the Harpers from printing the volume as originally planned. Alternatively, the Harpers may simply have advised Melville in June 1853 not to proceed further without first obtaining written consent from Cooke and the Southern Literary Messenger, or other proofs of legal copyright. At any rate, five months later, Melville plainly believed his unnamed project was only delayed, temporarily („at that time“), rather than crushed, forever.

In May 1854, Cooke or his silent partner finished a major effort of revision, incorporating changes to both the 1842-1843 and 1851-1853 series (Letter dated 11 February 1856 to John Esten Cooke in the Cooke papers, Duke University Rare Book, Manuscript, and Special Collections Library, Durham, North Carolina). In January 1855, Cooke himself was still trying (vainly) to interest New York publishers, including the Harpers, in the proposed volume, then called „Fragments of a Military Life“ (Letter to John Pendleton Kennedy, 14 March 1855; Microfilm of the John Pendleton Kennedy Papers, ed. John B. Boles, Maryland Historical Society, 1972). In time, possibly with the aid of a literary nephew (the prolific Virginia novelist John Esten Cooke, a correspondent of Evert Duyckinck’s before and after the Civil War), the Melvillean memoir of Philip St. George Cooke finally was published by Lindsay & Blakiston as Scenes and Adventures in the Army: Or, Romance of Military Life (Philadelphia, 1857).

~~~\~~~~~~~/~~~

Works Cited

  • Ekner, Reidar. „The Encantadas and Benito Cereno—On Sources and Imagination in Melville.“ Moderna Språk 60 (1966): 258–273.
  • Hayford, Harrison. „The Significance of Melville’s ‚Agatha‘ Letters.“ ELH, A Journal of English Literary History 13 (December 1946): 299–310.
  • Melville, Herman. Correspondence. Ed. Lynn Horth. Evanston and Chicago: Northwestern University Press and The Newberry Library, 1993.
  • Parker, Hershel. Herman Melville’s The Isle of the Cross: A Survey and a Chronology. American Literature 62 (March 1990): 1–16.
  • __________. Herman Melville: A Biography. Volume 2, 1851–1891. Baltimore: Johns Hopkins University Press, 2002.
  • Ra’ad, Basem L. „‚The Encantadas‘ and ‚The Isle of the Cross‘: Melvillean Dubieties, 1853-54.“ American Literature 63 (June 1991): 316–323.
  • Sattelmeyer, Robert, and James Barbour. „The Sources and Genesis of Melville’s ‚Norfolk Isle and the Chola Widow.'“ American Literature 50 (November 1978): 398–417.
  • Sealts, Merton M., Jr. „The Chronology of Melville’s Short Fiction, 1853–1856.“ Harvard Library Bulletin 28 (1980): 391–403. Rpt. Pursuing Melville 1940–1980. Madison: University of Wisconsin Press, 1982, pp. 221–31.
  • __________. Melville’s Reading. Columbia: University of South Carolina Press, 1988.
  • Watson, Charles N., Jr. „Melville’s Agatha and Hunilla: A Literary Reincarnation.“ English Language Notes 6 (December 1968): 114–118.

Alberich Matthews, Salamander's Repose, July 3rd, 2016

Images: all by Alberich Matthews (who used to illuminate
our Laß mich die Aschengruttel sein in deinem Märchen); featuring models:

  1. Miranda: And at Her Feet She Found a Trampled Rose, July 27th, 2019;
  2. Penelope: Pyrate Penelope Sometimes Wondered …, August 19th, 2018;
  3. Den lille havfrue, June 21st, 2014;
  4. Lily: Precision Milling, July 28th, 2014;
  5. 妖怪: Salamander’s Repose, July 3rd, 2016.

Soundtrack: Sierra Ferrell: The Sea: from: Long Time Coming, released on August 20th, 2021:

Bonus Track: same, same, preliminary practice for her debut album 2019:

Written by Wolf

18. Juni 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Romantik

La feuille s’émeut comme l’aile dans les noirs taillis frémissants

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Mise à jour à Paris Faustiens,
Nachtstück 0009: Dieselben Finger,
et Eichendorffs Märchen:

Photograph argentique Jean-Marc utilisait le poème Danger d’aller dans les bois par Victor Hugo même deux fois pour illustrer ses propres photos.

Quand Victor Hugo a écrit ça reste incertain, ses Œuvres complètes n’indiquent que la date de 2 juin sans un an, même pas sur le fac-similé à leur page 521. Le poème inédit se retrouve soudainement dans Toute la lyre, publié à titre posthume en 1888 et suivants. Marva A. Barnett dans Victor Hugo on Things That Matter: A Reader de 2010 le décrit comme ludique. C’est vrai.

Jean-Marc, Ne te figure pas, ma belle, que les bois soient pleins d'innocents, 7. November 2013, Flickr

——— Victor Hugo:

Danger d’aller dans les bois

2 juin, uncertain an:

Ne te figure pas, ma belle,
Que les bois soient pleins d’innocents.
La feuille s’émeut comme l’aile
Dans les noirs taillis frémissants ;

L’innocence que tu supposes
Aux chers petits oiseaux bénis
N’empêche pas les douces choses
Que Dieu veut et que font les nids.

Les imiter serait mon rêve ;
Je baise en songe ton bras blanc ;
Commence ! dit l’Aurore. — Achève !
Dit l’étoile. Et je suis tremblant.

Toutes les mauvaises pensées,
Les oiseaux les ont, je les ai,
Et par les forêts insensées
Notre coeur n’est point apaisé.

Quand je dis mauvaises pensées
Tu souris… – L’ombre est pleine d’yeux,
Vois, les fleurs semblent caressées
Par quelqu’un dans les bois joyeux. –

Viens ! l’heure passe. Aimons-nous vite !
Ton coeur, à qui l’amour fait peur,
Ne sait s’il cherche ou s’il évite
Ce démon dupe, ange trompeur.

En attendant, viens au bois sombre.
Soit. N’accorde aucune faveur.
Derrière toi, marchant dans l’ombre,
Le poëte sera rêveur ;

Et le faune, qui se dérobe,
Regardera du fond des eaux
Quand tu relèveras ta robe
Pour enjamber les clairs ruisseaux.

Jean-Marc, Doriana en La feuille s'émeut comme l'aile dans les noirs taillis frémissants, 26. Oktober 2014, Flickr

Images: Jean-Marc de Nice, par son Hasselblad:
Ne te figure pas, ma belle, que les bois soient pleins d’innocents, Novembre 7ème, 2013;
La feuille s’émeut comme l’aile dans les noirs taillis frémissants, October 26ème, 2014,
de Changing of the Seasons.

Bande sonore: le mème, mise en musique par André, juin 11ème, 2020:

Titre bonus: Bénabar: La forêt, dans: Inspiré de faits réels, 2014:

Written by Wolf

4. Juni 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Romantik

Wo mit Mais die Felder prangen

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Update zu Der Dr.-Faustus-Weg: Polling–Pfeiffering und wieder weg,
Alle wurden bei diesem Anblicke still und atmeten tief über dem Wellenrauschen: Regensburg bis Grein,
Dunkeldeutschland,
Moritz Under Ground,
Gräflein Du bist verrathen und
Zwei Klavier-Trios und zwei Violoncello-Sonaten:

Man soll nicht immerzu fragen, warum. Man verpasst genug im Leben über der Frage, warum nicht.

Zum Beispiel unterhält die Stadt Sulzbach an der Saar einen touristischen Karl-May-Weg mit sechs möglichen Eingängen und immerhin 40 Stationen auf 11,3 Kilometer Länge verteilt, ein Projekt der Zweckverbände Ruhbachtal und Brennender Berg, mit der Begründung laut Eurodistrict SaarMoselle:

Der Karl-May-Weg zeigt die schönsten Seiten der Wandergebiete Ruhbachtal und Brennender Berg und verbindet diese miteinander. Es erwartet Sie eine abwechslungsreiche Waldlandschaft, die sogar Karl May als Grundlage für seine abenteuerlichen „Weltreisen“ hätte dienen können.

Karl May war nie hier. Trotzdem ist ihm dieser Wanderweg gewidmet. Denn ihm war es wie keinem sonst gelungen, die Landschaft vor seiner Haustür so in die Fremde zu übertragen, dass sie als Grundlage für unglaubliche, angeblich selbst erlebte Abenteuer benutzt werden konnte.

Karl-May-Weg Eingang

Die Widmung muss im Konjunktiv stehen, weil ihr Gegenstand nie anwesend war, aber sie stehen dazu. Für ein Projekt aus der berüchtigten Disziplin des Stadt- und Regionalmarketings — Paradebeispiel sei die anliegende Stadt Sulzbach/Saar selbst, die seit 2017 den Claim „Wir sind das Salz“ zu benötigen glaubt — für ein Projekt der regionalen Imagewerbung, sagte ich, überrascht die Darstellung überaus angenehm: Der Geist von Auswahl und Präsentation entspricht sehr viel eher der eigenwilligen Besonnenheit von Arno Schmidt als einer Rabaukenparty auf den Bad Segeberger „Karl-May-Spielen“. Im Juli 1770 war vielmehr Goethe hier, wofür das Regionalmarketing eine angemessen sachliche Gedenktafel übrig hat.

Karl May, Auf fremden Pfaden, Buchcover vintageDie mit aller wünschbaren Belehrtheit recherchierten Stationsbeschreibungen für den Wanderweg stellen unter anderem eine Verbindung zwischen Karl May und Goethe her, noch interessanter und tiefgehender erscheint die Verbindung zwischen Karl May und Schiller an Station 38.

Das Sulzbacher Tourismarketing bezieht sich für seine durchaus luzid aufgefundenen Gemeinsamkeiten zwischen den Herren Carl Friedrich May und Johann Christoph Friedrich Schiller (vollständige Geburtsnamen) auf:

Während seiner Haft auf Schloss Osterstein (1865 – 1868) wird Karl May Betreuer der Anstaltsbibliothek; damit hat er Zugang zu über 4000 Büchern: „Zu den Herz- und Schmerzgeschichten, Ritterromanen und wüsten Räuberpistolen seiner frühen Lektüre in der Wirtshausleihbibliothek gesellt sich nun die Lektüre der deutschen Klassik – Schiller wird ihn lebenslang nicht mehr loslassen, …“

„Schiller war der von May am meisten bewunderte Dramatiker. Das ging so weit, dass er in einem Brief an Emma [Mays erste Ehefrau] ernsthaft behauptete, mit dessen Geist, der ihm gelegentlich auch die Feder führe, in spiritueller Verbindung zu stehen. Lesebiographisch ist interessant, dass bei vielen Karl-May-Begeisterten des zwanzigsten Jahrhunderts, z.B. bei Reich-Ranicki, auf die Winnetou-Euphorie eine nicht minder intensive Schiller-Phase folgte.“

Parallelen zwischen Schiller und Karl May:

  • „Um sich beim Produzieren wach zu halten, sind Schiller wie May maßlose Kaffee-Trinker und Tabak-Freunde. Damit geraten sie in zeitweiliges Trance-Schreiben, und so verwundert es nicht, dass beide manchmal ganz in die Welt ihrer Schöpfungen versanken.“
  • „Er [Schiller] stützte sich übrigens beim Schreiben, genau wie Karl May, fast ausschließlich auf seine Phantasie und Bücher. Schiller war nie in der Schweiz, in Spanien, Russland, Italien, England, Frankreich, obwohl seine Dramen dort spielen.
  • Und auch May reiste bis 1899 nur mit dem Finger auf der Landkarte durchs wilde Kurdistan, die Kordilleren oder den Llano Estacado.“
  • „Schiller und May mischten außerdem genial bereits vorhandene Motive, Gestalten und Themen neu, zitierten hemmungslos und schöpften ohne Bedenken aus zahlreichen Quellen.“
  • “ … an der Wirkung ihrer Werke [war ihnen] alles gelegen []. Also griffen sie tief hinein in die Trickkiste, um die Zuschauer und Leserherzen im Sturm zu nehmen. …“
  • Beide waren Ex-Verbrecher – „Schiller als Deserteur, May als Kleindieb und Trickbetrüger.“

Karl May, Auf fremden Pfaden, Buchcover PostmoderneSoweit das erste Beispiel des Karl May gewidmeten Wanderwegs, der bio-geographisch Schiller näher gelegen hätte. Zum zweiten Beispiel schrieb Schiller seine Nadowessische Totenklage am 3. Juli, obwohl sie keine Ballade ist, im „Balladenjahr“ 1797, folgerichtig für den „Balladenalmanach“ 1798. Abermals dankenswert wird sie vom Sulzbacher Tourismarketing angeführt, ich zitiere die Urfassung nach Wikisource.

Der von Schiller übernommene Stammesname der Nadowessier leitet sich ab vom französischen nadouessioux, einem alten Namen für die Dakota-Sioux. Für unser Bildmaterial ist sein Gedichtanfang „Seht! da sitzt er auf der Matte, aufrecht sitzt er da“ mit dem historischen Auftreten des Inbegrifffs der amerikanischen Ureinwohner in der Person von Sitting Bull zur Steilvorlage geworden. Der Mann mit dem sitzenden — oder, je nach Übersetzung, sich niedersetzenden — Namen war nämlich Stammeshäuptling und Medizinmann bei ebenjenen Hunkpapa-Lakota-Sioux in South Dakota. Eine Steilvorlage, die wir dankbar annehmen. Die restlichen Bilder dienen der Dokumentation der Buchcover-Motive, die seitens des Bamberger Karl-May-Verlags unverständlicher Weise bis heute in Gebrauch gehalten werden, und des Saarländischen Karl-May-Wanderwegs.

——— Friedrich von Schiller:

Nadoweßische Todtenklage 1.

3. Juli 1797, in: Musenalmanach für das Jahr 1798,
Tübingen, in der J. G. Cottaischen Buchhandlung, Seite 237 bis 239:

Orlando Scott Goff, Sitting Bull, 1881Seht! da sitzt er auf der Matte
     Aufrecht sitzt er da,
Mit dem Anstand den er hatte,
     Als er’s Licht noch sah.

Doch wo ist die Kraft der Fäuste,
     Wo des Athems Hauch,
Der noch jüngst zum großen Geiste
     Blies der Pfeife Rauch?

Wo die Augen, Falkenhelle,
     Die des Rennthiers Spur
Zählten auf des Grases Welle,
     Auf dem Thau der Flur.

Diese Schenkel, die behender
     Flohen durch den Schnee,
Als der Hirsch, der Zwanzigender
     Als des Berges Reh.

Diese Arme, die den Bogen
     Spannten streng und straff!
Seht, das Leben ist entflogen,
     Seht, sie hängen schlaff!

Wohl ihm! Er ist hingegangen,
     Wo kein Schnee mehr ist,
Wo mit Mays die Felder prangen
     Der von selber sprießt.

Wo mit Vögeln alle Sträuche,
     Wo der Wald mit Wild,
Wo mit Fischen alle Teiche
     Lustig sind gefüllt.

Mit den Geistern speißt er droben,
     Ließ uns hier allein,
Daß wir seine Thaten loben,
     Und ihn scharren ein.

Bringet her die letzten Gaben,
     Stimmt die Todtenklag‘!
Alles sey mit ihm begraben,
     Was ihn freuen mag.

Legt ihm unters Haupt die Beile
     Die er tapfer schwang,
Auch des Bären fette Keule,
     Denn der Weg ist lang.

Auch das Messer scharf geschliffen,
     Das vom Feindeskopf
Rasch mit drey geschickten Griffen
     Schälte Haut und Schopf.

Farben auch, den Leib zu mahlen
     Steckt ihm in die Hand,
Daß er röthlich möge strahlen
     In der Seelen Land.

SCHILLER

1. Nadoweßsier, ein Völkerstamm in Nordamerika.

Karl-May-Wg mit Sulzbach an der Saar von oben, Google Earth

Bilder: Durch das Leben von Karl May, Forum — Das Wochenmagazin, 23. November 2018;
Auf fremden Pfaden, ab 1913: Tom: Karl-May-Weg (Saarland), GPS Wanderatlas 2009–2021,
„Das aktuelle Titelbild“ Karl-May-Verlag Bamberg, via Karl-May-Wiki;
Seht! da sitzt er auf der Matte, aufrecht sitzt er da: Orlando Scott Goff: Sitting Bull, 1881;
Google Earth via Frank Polotzek: Auf fremden Pfaden/Karl-May-Wanderweg-Sulzbacher Schleife,
15. Juli 2020.

Soundtrack: Son of the Velvet Rat featuring Lucinda Williams: White Patch of Canvas,
aus: Red Chamber Music, 2011:

Written by Wolf

23. April 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Land & See

Zu seiner wahren Gestalt erheben

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Update zur Wanderwoche 03: 2 + 2 – 2 + 2 = 7 (Ist doch bloß ein Märchen):

——— Franz Kafka:

Der plötzliche Spaziergang

aus: Betrachtung, Ernst Rowohlt Verlag, Leipzig, November 1912, ausgewiesen 1913:

Blick vom Prager Hradschin, Akademisches Lektorat via PinterestWenn man sich am Abend endgültig entschlossen zu haben scheint, zu Hause zu bleiben, den Hausrock angezogen hat, nach dem Nachtmahl beim beleuchtetem Tische sitzt und jene Arbeit oder jenes Spiel vorgenommen hat, nach dessen Beendigung man gewohnheitsgemäß schlafen geht, wenn draußen ein unfreundliches Wetter ist, welches das Zuhausebleiben selbstverständlich macht, wenn man jetzt auch schon so lange bei Tisch stillgehalten hat, daß das Weggehen allgemeines Erstaunen hervorrufen müßte, wenn nun auch schon das Treppenhaus dunkel und das Haustor gesperrt ist, und wenn man nun trotz alledem in einem plötzlichen Unbehagen aufsteht, den Rock wechselt, sofort straßenmäßig angezogen erscheint, weggehen zu müssen erklärt, es nach kurzem Abschied auch tut, je nach der Schnelligkeit, mit der man die Wohnungstür zuschlägt, mehr oder weniger Ärger zu hinterlassen glaubt, wenn man sich auf der Gasse wiederfindet, mit Gliedern, die diese schon unerwartete Freiheit, die man ihnen verschafft hat, mit besonderer Beweglichkeit beantworten, wenn man durch diesen einen Entschluß alle Entschlußfähigkeit in sich gesammelt fühlt, wenn man mit größerer als der gewöhnlichen Bedeutung erkennt, daß man ja mehr Kraft als Bedürfnis hat, die schnellste Veränderung leicht zu bewirken und zu ertragen, und wenn man so die langen Gassen hinläuft, — dann ist man für diesen Abend gänzlich aus seiner Familie ausgetreten, die ins Wesenlose abschwenkt, während man selbst, ganz fest, schwarz vor Umrissenheit, hinten die Schenkel schlagend, sich zu seiner wahren Gestalt erhebt.

Verstärkt wird alles noch, wenn man zu dieser späten Abendzeit einen Freund aufsucht, um nachzusehen, wie es ihm geht.

Zur Zeit von Niederschrift und Ersterscheinen von Der plötzliche Spaziergang war Kafka 29 und wohnte im Kreise seiner Ursprungsfamilie Juni 1907 bis November 1913 im neunten und obersten Stockwerk im Prager Haus Zum Schiff, Pařížská 36, damals Niklasstraße 36:

Prague 1913

Das Mietshaus „Zum Schiff“ war damals eines jener modernen Mietshäuser in Prag, die im Zuge der Sanierung des ehemaligen Ghettos hochgezogen wurden. Es gab einen Lift im Haus und die Wohnungen hatten auch ein Bad. Im Juni 1907 zog die Familie in das Haus und wohnte dort bis zum November 1913. Leider ist das Gebäude im Jahre 1945 zerstört worden. An seiner Stelle steht heute das Hotel Praha-Intercontinental.

Wer sich einen Eindruck verschaffen will, wie der Blick aus Kafkas Zimmer gewesen sein mag, kann der Empfehlung des Verlegers und Kafka-Biographen Klaus Wagenbach folgen, in das Restaurant im obersten Stockwerks des Hotels gehen und sich dort einen Fensterplatz suchen. Wem das zu umständlich ist, mag sich mit einer Tagebuchaufzeichnung Kafkas vom 29.09.1911 begnügen:

„Der Anblick von Stiegen ergreift mich heute so. Schon früh und mehrere Male seitdem freute ich mich an dem von meinem Fenster aus sichtbaren dreieckigen Ausschnitt des steinernen Geländers jener Treppe die rechts von Cechbrücke zum Quaiplateau hinunter führt. Sehr geneigt, als gebe sie nur eine rasche Andeutung. Und jetzt sehe ich drüben über dem Fluss eine Leitertreppe auf der Böschung die zum Wasser führt. Sie war seit jeher dort, ist aber nur im Herbst und Winter durch Wegnahme, der sonst vor ihr liegenden Schwimmschule enthüllt und liegt dort im dunklen Gras unter den braunen Bäumen im Spiel der Perspektive.“

[…] Kafka litt sehr unter der ungünstigen Aufteilung der Wohnung. Zwar besaß er ein eigenes Zimmer, das für damalige Verhältnisse eher ungewöhnlich war, dennoch hatte er kaum Rückzugsmöglichkeiten, da es das Durchgangszimmer zwischen Wohn- und Schlafzimmer der Eltern war. In der Erzählung „Grosser Lärm„, das er 1911 in sein Tagebuch schrieb und kaum ein Jahr später in einer Prager Literaturzeitschrift abdrucken ließ, beschrieb er — kaum verhüllt — den typischen Alltag in der Wohnung.

„Verstärkt wird alles noch,“ indem sich der Mann in einem Durchgangszimmer zwischen dem elterlichen Wohn- und Schlafzimmer in einem neunten Stockwerk mit Blick auf den Anlegeplatz für sein Ruderboot außerdem noch Das Urteil (in der Nacht vom 22. auf den 23. September 1912), Die Verwandlung (1912) und Der Verschollene (1911 bis 1914), wie der Textbruch ausgerechnet hat, abringen musste.

Wenn er also wie in seiner halb nur sich hin träumenden Prosaskizze spätabends „in einem plötzlichen Unbehagen“ „straßenmäßig angezogen“ „gänzlich aus seiner Familie ausgetreten“ wäre, so hätte er erst einmal entweder einen vermutlich gründerzeitgemäß rumpelnden Aufzug benutzen oder sich satte neun Stockwerke treppab bis auf Flussuferniveau hinabbegeben müssen. Da sieht die instagrammable Winteridylle am Hradschin natürlich um Klassen stimmungsvoller aus, aber es ist ja nicht gesagt, wo der auszusuchende Freund gewohnt hätte. Irgendwie geht’s.

Hotel InterContinental Praha

Bilder: Blick vom Hradschin, via Akademisches Lektorat, 14. Januar 2021;
Prague 1913, via My Old Days Saigon: Khí hậu ẩm ướt trong thế giới tiểu thuyết Nguyễn Đình Toàn;
Hotel InterContinental, Pařížská 30, via Kafka & Prag: Haus „Zum Schiff“.

Großer Lärm: Matěj Ptaszek und Lubos Bena na Karlově mostě, wo Kafka auf dem Heimweg sowieso vorbeigekommen wäre — wenn er nicht die bei My Old Days Saigon abgebildete Čechův most genommen hätte, die unmittelbar an seiner ungeliebten Pařížská liegt —: Music of the Mississippi River, Sommer 2008:

Written by Wolf

19. März 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Novecento

Seemannsgarn & Wahrheit

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Update zu O Mädchen mein Mädchen und
Keine Geschichte über Blut, Krieg und Verwandlungen:

RetrohoundAlles Gute zum 271., Herr Geheimrat.

Woran erinnern wir uns bei Ihrem Namen? Dass Sie’s sehr mit dem Weybervolck hatten, lieber eine brave Zeitlang weitab und gründlich untergetaucht sind, bevor Sie sich einem Problem stellten, und da am liebsten in die Provinz statt unter zu viele Ihresgleichen, die Ihnen den Rang als einsames Genie streitig machen könnten — damit verbunden Ihre Italienische Reise — ferner an Ihre Erfindung des Bestsellers in Gestalt des Werther und Götz von Berlichingen, an den Faust, der Tragödie ersten und zweyten Theil, Wanderers Nachtlied (das war wirklich gut!), Wilhelm Meister, die Lehr– und Wanderjahre sowie davor die Theatralische Sendung, die erlesenen Ferkeleien in den Venezianischen Epigrammen und Römischen Elegien, das Zurückzucken davor in sotanen Marienbader, die nur von Ihnen Höchstderoselbst allzu überschätzte, dabei ganz drogenfrei wundersam weggedriftete Farbenlehre, ein bisschen Grundschulstoff (Erlkönig, Zauberlehrling), ziemlich viel Dichtung, allerhand Wahrheit — und dann noch der Versuch einer Seemannsgeschichte.

Alles kann man ihm zutrauen, dem Goethe, nur keine Seefahrergeschichten, oder nicht? — Doch, es gibt eine. Reise der Söhne Megaprazons heißt sie, ist Fragment geblieben und spärlich dokumentiert. Die Textmenge, mit Nachweis eines früher entstandenen Kapitelschemas als umfangreicher Roman angelegt, umfasst 4652 Wörter, das entspricht einem neunseitigen Word-Dokument in durchschnittlich hässlicher Arial 12-Punkt, die Frankfurter Goethe-Gesamtausgabe braucht 15½ Druckseiten. In den meisten Gesamtausgaben fehlt sie; mir selbst liegt sie in der praktisch nur für große Bibliotheken erschwinglichen Frankfurter Ausgabe vor, und auch das nur, weil die inzwischen teilweise als Taschenbuch bei Insel gemacht wird: im Band TB 11: Die Leiden des jungen Werthers [beide Fassungen als Paralleldruck!]/Die Wahlverwandtschaften/Novelle/Kleine Prosa/Epen. Herausgegeben von Waltraud Wiethölter in Zusammenarbeit mit Christoph Brecht.

RetrohoundDas ist eine ganze Menge auf den 1245 Seiten, dazu noch wegweisend durchkommentiert. Und im Teil mit der Kleinen Prosa finden sich die Söhne Megaprazons. In der Sophienausgabe, der geradezu sprichwörtlich vollständigsten von allen, sind sie selbstverständlich enthalten; in der meinigen, der Hamburger, sind sie nicht. Online komme ich auf zwei ernstzunehmende Volltexte: im Gutenberg-Projekt und — die beste und handlichste: — im Scan der Sophienausgabe bei der Harvard University — und dann noch einige „mittelzuverlässige“ Scans für Google-Books. Wer weitere Fundstellen ausmacht — ich zähle eventuell auf die Münchner Ausgabe —, kann sie gern in den Kommentaren vermelden.

Goethe selbst hat sich ein einziges Mal zu seinem Seemannsversuch geäußert: in der Kampagne in Frankreich 1792, niedergeschrieben 1819 bis 1822:

Ich hatte seit der Revolution, mich von dem wilden Wesen einigermaßen zu zerstreuen, ein wunderbares Werk begonnen, eine Reise von sieben Brüdern verschiedener Art, jeder nach seiner Weise dem Bunde dienend, durchaus abenteuerlich und märchenhaft, verworren, Aussicht und Absicht verbergend, ein Gleichnis unseres eignen Zustandes. Man verlangte eine Vorlesung, ich ließ mich nicht viel bitten und rückte mit meinen Heften hervor; aber ich bedurfte auch nur wenig Zeit, um zu bemerken, daß niemand davon erbaut sei. Ich ließ daher meine wandernde Familie in irgend einem Hafen und mein weiteres Manuskript auf sich selbst beruhen.

Eine ganz ungewohnt selbstkritische Haltung Goethes: Auf der ersten Lesung hat sein jüngstes geistiges Kind nicht den erhofften Erfolg, und darum lässt er es absichtlich, ohne Not liegen. Die erhaltenen Fragmente von Goethes Manuskript stehen auf dem Papier einer Mühle unweit von Trarbach, wo Goethes Compagnie auf dem Weg in die Champagne durchkam. Demnach schrieb er es wohl im November 1792 — in Zelt- und Zivilstenquartieren auf dem Feldzug des Weimarer Herzogs. Auch im Falle eines privilegierten Weimarer Ministers, sonst nur Seidenkissen gewohnt ist, bleibt verständlich, dass sich unter solcherlei Erlebnissen manches relativiert.

RetrohoundWoher und zu welchem Ende nun eine Goethische Seegeschichte? Lesen wir dazu tiefer in den „dicht[en], bestechend[en] und rücksichtslos formuliert[en]“ (Süddeutsche Zeitung) Kommentar der Frankfurter Ausgabe hinein:

Wie mit zahlreichen anderen Werken der 1790er Jahre bemühte sich Goethe mit der Reise der Söhne Megaprazons um eine literarische Antwort auf die Französische Revolution, wobei sich das Genre des satirischen Reiseromans für ein solches Unternehmen durchaus anbot, hatten sich doch in der Gattungstradition sowohl Verfahren einer grotesken Transformation zeitgenössischer Konstellationen als auch Möglichkeiten einer Distanzierung vom unmittelbar politischen Anlaß herausgebildet. Beides, die Analyse des Geschehens und eine kritische Stellungnahme, ließ sich auf dem Wege allegorischer Verfremdung formulieren. Goethes Referenztext erwies sich als in dieser Hinsicht als besonders einschlägig: François Rabelais‘ (1483—1553) Romanwerk Gargantua et Pantagruel, erschienen in fünf separaten Büchern zwischen 1534 und 1564.

Halten wir fest: Es sollte ein Reiseroman werden — und zwar ein satirischer — und die Satire mit der Absicht, aus sicherer Distanz das Zeitgeschehen aufzuarbeiten. Und sofort sieht es Goethen viel ähnlicher: Das große Vorbild Rabelais war auch 1792 schon lange genug verstorben, um dem gegenwärtigen Universalgenie keinen Abbruch zu tun, und mit zeitkritischen Aussagen will man sicher bei niemandem anecken, solange man bequem bei Herzogs hausen darf.

Goethe kommt spürbar nicht richtig in die Gänge, das Gargantua-Remake kommt reichlich behäbig daher: Die Hauptfiguren heißen allen Ernstes Epistemon, Panurg, Euphemon, Alkides, Alciphron und Eutyches, von deren mythologisch nicht belegtem Vater, der Titetlfigur Megaprazon ganz zu schweigen. Was soll das werden? Ausweichen in eine aufgekochte Kritik an der jahrhundertealten Lutherischen Reformation statt an der brenzligen Franzosenrevolution? Mit Verlaub: Rabelais hätte diesem Breitarsch von Roman eines Feudalistenschätzchens ein ganzes saftstrotzendes Kapitel voller französischer Vokabeln eingeflochten, die bis heute nicht im Micro Robert vorkommen.

Leider sind Goethes satirisch gemeinte Zuweisungen weder dramaturgisch noch sachlich korrekt:

Ist schon die räumliche Koexistenz des reformatorischen mit dem revolutionären Streitfall nicht unbedingt historisch einleuchtend, so zeigt sich im weiteren auf das deutlichste, daß es der Allegorie aus strukturellen Gründen nicht gelingt, den ‚Ort‘ der Revolution im Europa des ausgehenden 18. Jahrhunderts zu bestimmen. Die Insel der Monarchomanen habe sich „auf und davon gemahct“, heißt es. Tatsächlich ist dieses Land im Umsturz seiner alten Ordnung zu einem vagierenden, einem effektiv ortlosen Gebilde zerfallen. Zwar lassen sich, indem das alte Märchenmotiv der schwimmenden Insel allegorisiert wird, an dem dreigeteilten Territorium aktuelle politische Prozesse um den Interventionskrieg illustrieren: Die ’steile Küste‘ — der Adel — nähert sich gleich nach der Katastrophe dem Land der Papimanen, orinetiert sich dann aber doch „etwas mehr Nordwärts“, ohne — in der Orientierung auf Habsburg — „festen Stand gewinnen“ zu können; später zeigt sich noch einmal die ‚Residenz‘ und schließt sich beinahe wieder mit der ’steilen Küste‘ zusammen.

bezeichnend für Goethes Konstruktion ist allerdings, daß die „Ebene“ als der dem dritten Stand zugeordnete Landesteil ganz außer Sicht geraten und anscheinend verschollen ist. Gerade an diesem Bruchstück der alten Ordnung — dem nachrevolutionären Frankreich selbst — wäre jedoch zu studieren, ob es nicht auch ohne ‚Residenz‘ und ’steile Küste‘ geht. Der allegorische Modus der Übersetzung politischer Ereignisse in eine räumliche Topik widerstreitet ganz offensichtlich der politischen Geographie des zeitgenössischen Europa. Durch die Revolution war die staatliche Integrität des französischen Territoriums keineswegs angefochten — das hatte Goethe im Zuge der ‚Campagne in Frankreich‘ ja hinlänglich erfahren. […] Dieser Konsequenz seiner eigenen Konstruktion zu folgen, ist der Autor der Reise offensichtlich nicht bereit. Statt dessen setzt er sich dem Verdacht aus, er wolle den Mythos gottgegebener und zeitloser Herrschaft affirmieren.

RetrohoundWas einen desto wahrscheinlicher ankommt, wenn man weiß, wie dicke sich Goethe nachmals mit Napoleon vertragen sollte. Da unternimmt Kommentatorin Wiethölter einen Versuch, Goethe in Schutz zu nehmen, den ich ihr in seiner engagierten Ausgewogenheit hoch anrechnen möchte:

Es hieße die kargen Fragmente zu einer zweifellos umfänglich konzipierten Erzählung überfordern, wollte man jeden einzelnen Zug er Allegorie auf eine politische Konzeption hin durchleuchten. […] Man würde auch dem Fragment der Einleitung nicht gerecht, in dem dialogisch der Konnex zum Roman Rabelais‘ hergestellt wird. In beiden Textstücken dominiert das komödiantische Spiel mit dem Genre des Seeabenteuers über die satirische Absicht. […] Die Reise der Söhne Megaprazons scheitert vielmehr — auf instruktive Weise — an den strukturellen Prämissen der gewählten Gattung: Der Text ist als ein literarischer Kommentar zum Zeitgeschehen angelegt, aber zugleich ist er gegen diese Aktualität als Versuch einer poetischen ‚Zerstreuung‘ zu lesen. So fehlt dem Kommentar die Entschiedenheit der polemischen Stellungnahme, jene Eindeutigkeit, mit der die auf Rabelais‘ klarer Antithetik beruhende Allegorie politisch zu fundieren wäre. Daß sich Goethe dieser Nötigung entzogen hat, zeigt der Text in Form von Widersprüchen; so ist nur konsequent, daß kein Erzählfluß zustande kommt und das Projekt schließlich abgebrochen wurde.

Ja, eben: Alles kann man ihm zutrauen, dem Goethe: Bestseller, Longseller, Seefahrergeschichten, nur keine Satire. Selbst für seinen Kriegsbericht hat er sich den Kalauer „Campagne in der Champagne“, der sachlich stimmig gewesen wäre, fürnehm verkniffen. Auf gut teutsch: Da hat sich der Dichterfürst an der Satire verhoben.

Für solche philologischen Einsichten, ja: Höhenflüge wie Waltraud Wiethölters Kommentar hab ich die teuren Ausgaben der Dead White Males wirklich lieb und lasse die Kaufhofauswahlen leichten Herzens da, wo sie hingehören: bei den fehlerbehafteten, unmöblierten Plain-Text-Gratisdownloads für alles, was einen Bildschirm zum Wegwischen hat.

Kommt nun nicht der Einwand, Goethe beherrschte die Satire nicht, einem Vorwurf gleich, dass Mutter Theresa keine Pferde malen konnte oder die Usbeken nichts von Käse verstehen? Ein satirischer Seebärenroman, jetzt bitte mal. Ist Goethe vielleicht Melville? Stevenson? Conrad? Oder wenigstens Wilhelm Raabe? — Gut, er hat seinen Mangel eingesehen, das rettet ihn. „Aussicht und Absicht verbergend“, sagt er selbst, und legt den netten Versuch bereitwillig zu den Akten.

Wir, gnadenlos, wie wir sind, tun das nicht. Ungekürzt:

——— Johann Wolfgang vvon Goethe:

Reise der Söhne Megaprazons

Erstes Kapitel

Die Söhne Megaprazons überstehen eine harte Prüfung

RetrohoundDie Reise ging glücklich vonstatten, schon mehrere Tage schwellte ein günstiger Wind die Segel des kleinen wohlausgerüsteten Schiffes, und in der Hoffnung bald Land zu sehen beschäftigten sich die trefflichen Brüder ein jeder nach seiner Art. Die Sonne hatte den größten Teil ihres täglichen Laufes zurückgelegt; Epistemon saß an dem Steuerruder und betrachtete mit Aufmerksamkeit die Windrose und die Karten; Panurg strickte Netze mit denen er schmackhafte Fische aus dem Meere hervorzuziehen hoffte; Euphemon hielt seine Schreibtafel und schrieb, wahrscheinlich eine Rede, die er bei der ersten Landung zu halten gedachte; Alkides lauerte am Vorderteil, mit dem Wurfspieß in der Hand, Delphinen auf, die das Schiff von Zeit zu Zeit begleiteten; Alciphron trocknete Meerpflanzen, und Eutyches, der jüngste, lag auf einer Matte in sanftem Schlafe.

Wecket den Bruder! rief Epistemon, und versammelt euch bei mir; unterbrecht einen Augenblick eure Geschäfte, ich habe euch etwas Wichtiges vorzutragen. Eutyches erwache! Setzt euch nieder! Schließt einen Kreis!

Die Brüder gehorchten dem Worte des Ältesten und schlossen einen Kreis um ihn. Eutyches, der schöne, war schnell auf den Füßen, öffnete seine großen blauen Augen, schüttelte seine blonden Locken und setzte sich mit in die Reihe.

Der Kompaß und die Karte, fuhr Epistemon fort, deuten mir einen wichtigen Punkt unsrer Fahrt an; wir sind auf die Höhe gelangt, die unser Vater beim Abschied anzeichnete, und ich habe nun einen Auftrag auszurichten, den er mir damals anvertraute. – Wir sind neugierig zu hören, sagten die Geschwister untereinander.

Epistemon eröffnete den Busen seines Kleides und brachte ein zusammengefaltetes, buntes, seidnes Tuch hervor. Man konnte bemerken daß etwas darein gewickelt war, an allen Seiten hingen Schnüre und Fransen herunter, künstlich genug in viele Knoten geschlungen, farbig, prächtig und lieblich anzusehen.

Es eröffne jeder seinen Knoten, sagte Epistemon, wie es ihn der Vater gelehrt hat. Und so ließ er das Tuch herumgehen; jeder küßte es, jeder öffnete den Knoten, den er allein zu lösen verstand; der Älteste küßte es zuletzt, zog die letzte Schleife auseinander, entfaltete das Tuch und brachte einen Brief hervor, den er auseinander schlug und las.

RetrohoundMegaprazon an seine Söhne. Glück und Wohlfahrt, guten Mut und frohen Gebrauch eurer Kräfte! Die großen Güter, mit denen mich der Himmel gesegnet hat, würden mir nur eine Last sein, ohne die Kinder, die mich erst zum glücklichen Manne machen. Jeder von euch hat, durch den Einfluß eines eignen günstigen Gestirns, eigne Gaben von der Natur erhalten. Ich habe jeden nach seiner Art von Jugend auf gepflegt, ich habe es euch an nichts fehlen lassen, ich habe den Ältesten zur rechten Zeit eine Frau gegeben, ihr seid wackre und brave Leute geworden. Nun habe ich euch zu einer Wanderschaft ausgerüstet, die euch und eurem Hause Ehre bringen muß. Die merkwürdigen und schönen Inseln und Länder sind berühmt, die mein Urgroßvater Pantagruel teils besucht, teils entdeckt hat, als da ist die Insel der Papimanen, Papefiguen, die Laterneninsel und das Orakel der heiligen Flasche, daß ich von den übrigen Ländern und Völkern schweige. Denn sonderbar ist es: berühmt sind jene Länder, aber unbekannt, und scheinen jeden Tag mehr in Vergessenheit zu geraten. Alle Völker Europens schiffen aus Entdeckungsreisen zu machen, alle Gegenden des Ozeans sind durchsucht, und auf keiner Karte finde ich die Inseln bezeichnet, deren erste Kenntnis wir meinem unermüdlichen Urgroßvater schuldig sind; entweder also gelangten die berühmtesten neuen Seefahrer nicht in jene Gegenden, oder sie haben, uneingedenk jener ersten Entdeckungen, die Küsten mit neuen Namen belegt, die Inseln umgetauft, die Sitten der Völker nur obenhin betrachtet und die Spuren veränderter Zeiten unbemerkt gelassen. Euch ist es vorbehalten, meine Söhne, eine glänzende Nachlese zu halten, die Ehre eures Ältervaters wieder aufzufrischen und euch selbst einen unsterblichen Ruhm zu erwerben. Euer kleines, künstlich gebautes Schiff ist mit allem ausgerüstet, und euch selbst kann es an nichts fehlen: denn vor eurer Abreise gab ich einem jeden zu bedenken, daß man sich auf mancherlei Art in der Fremde angenehm machen, daß man sich die Gunst der Menschen auf verschiedenen Wegen erwerben könne; ich riet euch daher, wohl zu bedenken, womit ihr außer dem Proviant, der Munition, den Schiffsgerätschaften euer Fahrzeug beladen, was für Waren ihr mitnehmen, mit was für Hülfsmitteln ihr euch versehen wolltet. Ihr habt nachgedacht, ihr habt mehr als eine Kiste auf das Schiff getragen, ich habe nicht gefragt was sie enthalten. – Zuletzt verlangtet ihr Geld zur Reise, und ich ließ euch sechs Fäßchen einschiffen, ihr nahmt sie in Verwahrung und fuhrt unter meinen Segenswünschen, unter den Tränen eurer Mutter und eurer Frauen, in Hoffnung glücklicher Rückkehr, mit günstigem Winde davon.

RetrohoundIhr habt, hoffe ich, den langweiligsten Teil eurer Fahrt durch das hohe Meer glücklich zurückgelegt, ihr naht euch den Inseln, auf denen ich euch freundlichen Empfang, wie meinem Urgroßvater, wünsche.

Nun aber verzeiht mir, meine Kinder, wenn ich euch einen Augenblick betrübe – es ist zu eurem Besten.

Epistemon hielt inne, die Brüder horchten auf.

Daß ich euch nicht mit Ungewißheit quäle, so sei es gerade herausgesagt: Es ist kein Geld in den Fäßchen. – Kein Geld! riefen die Brüder wie mit einer Stimme. – Es ist kein Geld in den Fäßchen, wiederholte Epistemon mit halber Stimme und ließ das Blatt sinken. Stillschweigend sahen sie einander an, und jeder wiederholte in seinem eignen Akzente: Kein Geld! kein Geld?

Epistemon nahm das Blatt wieder auf und las weiter: Kein Geld! ruft ihr aus und kaum halten eure Lippen einen harten Tadel eures Vaters zurück. Faßt euch! Geht in euch und ihr werdet die Wohltat preisen die ich euch erzeige. Es steht Geld genug in meinen Gewölben, da mag es stehen, bis ihr zurückkommt und der Welt gezeigt habt, daß ihr der Reichtümer wert seid, die ich euch hinterlasse.

RetrohoundEpistemon las wohl noch eine halbe Stunde, denn der Brief war lang; er enthielt die trefflichsten Gedanken, die richtigsten Bemerkungen, die heilsamsten Ermahnungen, die schönsten Aussichten; aber nichts war im Stande die Aufmerksamkeit der Geschwister an die Worte des Vaters zu fesseln; die schöne Beredsamkeit ging verloren, jeder kehrte in sich selbst zurück, jeder überlegte was er zu tun, was er zu erwarten habe.

Die Vorlesung war noch nicht geendigt, als schon die Absicht des Vaters erfüllt war: jeder hatte schon bei sich die Schätze gemustert, womit ihn die Natur ausgerüstet, jeder fand sich reich genug, einige glaubten sich mit Waren und andern Hülfsmitteln wohl versehen; man bestimmte schon den Gebrauch voraus, und als nun Epistemon den Brief zusammenfaltete, ward das Gespräch laut und allgemein; man teilte einander Plane, Projekte mit, man widersprach, man fand Beifall, man erdachte Märchen, man ersann Gefahren und Verlegenheiten, man schwätzte bis tief in die Nacht, und eh‘ man sich niederlegte mußte man gestehen, daß man sich auf der ganzen Reise noch nicht so gut unterhalten hatte.

Zweites Kapitel

Man entdeckt zwei Inseln;
es entsteht ein Streit, der durch Mehrheit der Stimmen beigelegt wird

RetrohoundDes andern Morgens war Eutyches kaum erwacht und hatte seinen Brüdern einen guten Morgen geboten, als er ausrief: Ich sehe Land! – Wo? riefen die Geschwister. – Dort, sagte er, dort! und deutete mit dem Finger nach Nordosten. Der schöne Knabe war vor seinen Geschwistern, ja vor allen Menschen, mit scharfen Sinnen begabt und so machte er überall wo er war ein Fernrohr entbehrlich. Bruder, versetzte Epistemon, du siehst recht, erzähle uns weiter, was du gewahr wirst. – Ich sehe zwei Inseln, fuhr Eutyches fort, eine rechts, lang, flach, in der Mitte scheint sie gebirgig zu sein; die andre links zeigt sich schmäler und hat höhere Berge. – Richtig! sagte Epistemon und rief die übrigen Brüder an die Karte. Sehet, diese Insel rechter Hand ist die Insel der Papimanen, eines frommen wohltätigen Volkes. Möchten wir bei ihnen eine so gute Aufnahme als unser Altervater Pantagruel erleben. Nach unsers Vaters Befehl landen wir zuerst daselbst, erquicken uns mit frischem Obste, Feigen, Pfirsichen, Trauben, Pomeranzen, die zu jeder Jahrzeit daselbst wachsen; wir genießen des guten frischen Wassers, des köstlichen Weines; wir verbessern unsre Säfte durch schmackhafte Gemüse: Blumenkohl, Brokkoli, Artischocken und Karden; denn ihr müßt wissen, daß durch die Gnade des göttlichen Statthalters auf Erden nicht allein alle gute Frucht von Stunde zu Stunde reift, sondern daß auch Unkraut und Disteln eine zarte und säftige Speise werden. – Glückliches Land! riefen sie aus, wohlversorgtes, wohlbelohntes Volk! Glückliche Reisende die in diesem irdischen Paradiese eine gute Aufnahme finden! – Haben wir uns nun völlig erholt und wiederhergestellt, alsdann besuchen wir im Vorbeigehn die andre leider auf ewig verwünschte und unglückliche Insel der Papefiguen, wo wenig wächst und das wenige noch von bösen Geistern zerstört oder verzehrt wird. Sagt uns nichts von dieser Insel! rief Panurg, nichts von ihren Kohlrüben und Kohlrabis, nichts von ihren Weibern, ihr verderbt uns den Appetit, den ihr uns soeben erregt habt.

Und so lenkte sich das Gespräch wieder auf das selige Wohlleben, das sie auf der Insel der Papimanen zu finden hofften; sie lasen in den Tagebüchern ihres Ältervaters was ihm dort begegnet, wie er fast göttlich verehrt worden war, und schmeichelten sich ähnlicher glücklicher Begebenheiten.

Indessen hatte Eutyches von Zeit zu Zeit nach den Inseln hingeblickt, und als sie nun auch den andern Brüdern sichtbar waren, konnte er schon die Gegenstände genau und immer genauer darauf unterscheiden, je näher man ihnen kam. Nachdem er beide Inseln lange genau betrachtet und miteinander verglichen, rief er aus: Es muß ein Irrtum obwalten, meine Brüder. Die beiden Landstrecken, die ich vor mir sehe, kommen keineswegs mit der Beschreibung überein die Bruder Epistemon davon gemacht hat; vielmehr finde ich gerade das Umgekehrte, und mich dünkt, ich sehe gut.

Wie meinst du das, Bruder? sagte einer und der andere.

Die Insel zur rechten Seite auf die wir zuschiffen, fuhr Eutyches fort, ist ein langes flaches Land mit wenigen Hügeln und scheint mir gar nicht bewohnt; ich sehe weder Wälder auf den Höhen, noch Bäume in den Gründen; keine Dörfer, keine Gärten, keine Saaten, keine Herden an den Hügeln, die doch der Sonne so schön entgegen liegen.

Ich begreife das nicht, sagte Epistemon –

Eutyches fuhr fort: Hier und da seh‘ ich ungeheure Steinmassen, von denen ich mich nicht zu sagen unterfange, ob es Städte oder Felsenwände sind. Es tut mir herzlich leid, daß wir nach einer Küste fahren die so wenig verspricht.

Und jene Insel zur Linken? rief Alkides. – Sie scheint ein kleiner Himmel, ein Elysium, ein Wohnsitz der zierlichsten häuslichsten Götter. Alles ist grün, alles gebaut, jedes Eckchen und Winkelchen genutzt. Ihr solltet die Quellen sehen, die aus den Felsen sprudeln, Mühlen treiben, Wiesen wässern, Teiche bilden. Büsche auf den Felsen, Wälder auf den Bergrücken, Häuser in den Gründen, Gärten, Weinberge, Äcker und Ländereien in der Breite wie ich nur sehen und sehen mag.

Man stutzte, man zerbrach sich den Kopf. Endlich rief Panurg: Wie können sich ein Halbdutzend kluge Leute so lang bei einem Schreibefehler aufhalten! Weiter ist es nichts. Der Copiste hat die Namen der beiden Inseln auf der Karte verwechselt, jenes ist Papimanie, diese da ist Papefigue, und ohne das gute Gesicht unsers Bruders waren wir im Begriff einen schnöden Irrtum zu begehen. Wir verlangen nach der gesegneten Insel und nicht nach der verwünschten; laßt uns also den Lauf dahin richten wo uns Fülle und Fruchtbarkeit zu empfangen verspricht.

RetrohoundEpistemon wollte nicht sogleich seine Karten eines so großen Fehlers beschuldigen lassen, er brachte viel zum Beweise ihrer Genauigkeit vor; die Sache war aber den übrigen zu wichtig, es war die Sache des Gaumens und des Magens, die jeder verteidigte. Man bemerkte, daß man mit dem gegenwärtigen Winde noch bequem nach beiden Inseln kommen könne, daß man aber, wenn er anhielte, nur schwer von der ersten zur zweiten segeln würde. Man bestand darauf, daß man das Sichre für das Unsichre nehmen und nach der fruchtbaren Insel fahren müsse.

Epistemon gab der Mehrheit der Stimmen nach, ein Gesetz, das ihnen der Vater vorgeschrieben hatte.

Ich zweifle gar nicht, sagte Panurg, daß meine Meinung die richtige ist und daß man auf der Karte die Namen verwechselt hat. Laßt uns fröhlich sein! Wir schiffen nach der Insel der Papimanen. Laßt uns vorsichtig sein und die nötigen Anstalten treffen.

Er ging nach einem Kasten, den er öffnete und allerlei Kleidungsstücke daraus hervorholte. Die Brüder sahen ihm mit Verwunderung zu und konnten sich des Lachens nicht erwehren, als er sich auskleidete und, wie es schien, Anstalt zu einer Maskerade machte. Er zog ein Paar violettseidne Strümpfe an, und als er die Schuhe mit großen silbernen Schnallen geziert hatte, kleidete er sich übrigens ganz in schwarze Seide. Ein kleiner Mantel flog um seine Schultern, einen zusammengedrückten Hut mit einem violett- und goldnen Bande nahm er in die Hände, nachdem er seine Haare in runde Locken gekräuselt hatte. Er begrüßte die Gesellschaft ehrbietig, die in lautes Gelächter ausbrach.

Ohne sich aus der Fassung zu geben besuchte er den Kasten zum zweiten Male. Er brachte eine rote Uniform hervor mit weißen Kragen, Aufschlägen und Klappen; ein großes weißes Kreuz sah man auf der linken Brust. Er verlangte, Bruder Alkides solle diese Uniform anziehen, und da sich dieser weigerte, fing er folgendergestalt zu reden an: Ich weiß nicht was ihr übrigen in den Kasten gepackt und verwahrt haltet, die ihr von Hause mitnahmt, als der Vater unsrer Klugheit überließ, womit wir uns den Völkern angenehm machen wollten; so viel kann ich euch gegenwärtig sagen, daß meine Ladung vorzüglich in alten Kleidern besteht, die, hoffe ich, uns nicht geringe Dienste leisten sollen. Ich habe drei bankrotte Schauspielunternehmer, zwei aufgehobne Klöster, sechs Kammerdiener und sieben Trödler aufgekauft, und zwar habe ich mit den letzten nur getauscht und meine Doubletten weggegeben. Ich habe mit der größten Sorgfalt meine Garderobe komplettiert, ausgebessert, gereinigt und geräuchert –

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RetrohoundDie Brüder saßen friedlich beieinander, sie unterhielten sich von den neusten Begebenheiten die sie erlebt, von den neusten Geschichten, die sie erfahren hatten. Das Gespräch wandte sich auf einen seltsamen Krieg der Kraniche mit den Pygmäen; jeder machte eine Anmerkung über die Ursachen dieser Händel, und über die Folgen, welche aus der Hartnäckigkeit der Pygmäen entstehen könnten. Jeder ließ sich von seinem Eifer hinreißen, so daß in kurzer Zeit die Menschen, die wir bisher so einträchtig kannten, sich in zwei Parteien spalteten, die aufs heftigste gegeneinander zu Felde zogen. Alkides, Alciphron, Eutyches behaupteten: die Zwerge seien eben ein so häßliches als unverschämtes Geschöpf; es sei in der Natur doch einmal eins für das andere geschaffen: die Wiese bringe Gras und Kräuter hervor, damit sie der Stier genieße, und der Stier werde wie billig wieder vom edlern Menschen verzehrt. So sei es denn auch ganz wahrscheinlich, daß die Natur den Zwergen das Vermögen zum Heil des Kranichs hervorgebracht habe, welches sich um so weniger leugnen lasse, als der Kranich durch den Genuß des sogenannten eßbaren Goldes um so viel vollkommener werde.

Die andern Brüder dagegen behaupteten, daß solche Beweise, aus der Natur und von ihren Absichten hergenommen, sehr ein geringes Gewicht hätten, und daß deswegen ein Geschöpf nicht geradezu für das andere gemacht sei, weil eines bequem fände sich des andern zu bedienen.

Diese mäßigen Argumente wurden nicht lange gewechselt, als das Gespräch heftig zu werden anfing und man von beiden Seiten mit Scheingründen erst, dann mit anzüglichem bitterm Spott die Meinung zu verteidigen suchte, welcher man zugetan war. Ein wilder Schwindel ergriff die Brüder, von ihrer Sanftmut und Verträglichkeit erschien keine Spur mehr in ihrem Betragen; sie unterbrachen sich, erhuben die Stimmen, schlugen auf den Tisch, die Bitterkeit wuchs, man enthielt sich kaum jählicher Schimpfreden, und in wenigen Augenblicken mußte man fürchten das kleine Schiff als einen Schauplatz trauriger Feindseligkeiten zu erblicken.

Sie hatten in der Lebhaftigkeit ihres Wortwechsels nicht bemerkt, daß ein anderes Schiff, von der Größe des ihrigen, aber von ganz verschiedener Form, sich nahe an sie gelegt hatte; sie erschraken daher nicht wenig, als ihnen, wie mitten aus dem Meere, eine ernsthafte Stimme zurief: Was gibt’s, meine Herren? Wie können Männer, die in einem Schiffe wohnen, sich bis auf diesen Grad entzweien?

Ihre Streitsucht machte einen Augenblick Pause. Allein weder die seltsame Erscheinung noch die ehrwürdige Gestalt dieses Mannes konnte einen neuen Ausbruch verhindern. Man ernannte ihn zum Schiedsrichter, und jede Partei suchte schon eifrig ihn auf ihre Seite zu ziehen, noch ehe sie ihm die Streitsache selbst deutlich gemacht hatten. Er bat sie alsdann lächelnd um einen Augenblick Gehör, und sobald er es erlangt hatte, sagte er zu ihnen: Die Sache ist von der größten Wichtigkeit, und Sie werden mir erlauben, daß ich erst morgen früh meine Meinung darüber eröffne. Trinken Sie mit mir vor Schlafengehn noch eine Flasche Madeira, den ich sehr echt mit mir führe, und der Ihnen gewiß wohl bekommen wird. Die Brüder, ob sie gleich aus einer Familie waren, die den Wein nicht verschmähte, hätten dennoch lieber Wein und Schlaf und alles entbehrt, um die Materie nochmals von vorn durchzusprechen; allein der Fremde wußte ihnen seinen Wein so artig aufzudringen, daß sie sich unmöglich erwehren konnten ihm Bescheid zu tun. Kaum hatten sie die letzten Gläser von den Lippen gesetzt, als sie schon alle ein stilles Vergessen ihrer selbst ergriff, und eine angenehme Hinfälligkeit sie auf die unbereiteten Lager ausstreckte. Sie verschliefen das herrliche Schauspiel der aufgehenden Sonne und wurden endlich durch den Glanz und die Wärme ihrer Strahlen aus dem Schlaf geweckt. Sie sahen ihren Nachbar beschäftigt an seinem Schiffe etwas auszubessern, sie grüßten einander und er erinnerte sie lächelnd an den Streit des vorigen Abends. Sie wußten sich kaum noch darauf zu besinnen und schämten sich, als er in ihrem Gedächtnis die Umstände wie er sie gefunden nach und nach hervorrief. Ich will meiner Arzenei, fuhr er fort, nicht mehr Wert geben als sie hat, die ich Ihnen gestern in der Gestalt einiger Gläser Madeira beibrachte; aber Sie können von Glück sagen, daß Sie so schnell einer Sorge los geworden sind, von der so viele Menschen jetzt heftig, ja bis zum Wahnsinn angegriffen sind.

Sind wir krank gewesen? fragte einer, das ist doch sonderbar. – Ich kann Sie versichern, versetzte der fremde Schiffer, Sie waren vollkommen angesteckt, ich traf Sie in einer heftigen Krisis.

Und was für eine Krankheit wäre es denn gewesen? fragte Alciphron, ich verstehe mich doch auch ein wenig auf die Medizin.

RetrohoundEs ist das Zeitfieber, sagte der Fremde, das einige auch das Fieber der Zeit nennen und glauben sich noch bestimmter auszudrücken; andere nennen es das Zeitungsfieber, denen ich auch nicht entgegen sein will. Es ist eine böse ansteckende Krankheit, die sich sogar durch die Luft mitteilt, ich wollte wetten Sie haben sie gestern abend in der Atmosphäre der schwimmenden Inseln gefangen.

Was sind denn die Symptome dieses Übels? fragte Alciphron.

Sie sind sonderbar und traurig genug, versetzte der Fremde, der Mensch vergißt sogleich seine nächsten Verhältnisse, er mißkennt seine wahrsten, seine klarsten Vorteile, er opfert alles, ja seine Neigungen und Leidenschaften einer Meinung auf, die nun zur größten Leidenschaft wird. Kommt man nicht bald zu Hülfe, so hält es gewöhnlich sehr schwer, so setzt sich die Meinung im Kopfe fest und wird gleichsam die Achse um die sich der blinde Wahnsinn herumdreht. Nun vergißt der Mensch die Geschäfte die sonst den Seinigen und dem Staate nutzen, er sieht Vater und Mutter, Brüder und Schwestern nicht mehr. Ihr, die ihr so friedfertige, vernünftige Menschen schienet, ehe ihr in dem Falle waret – – –

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Der Papimane erzählt, was in ihrer Nachbarschaft vorgegangen

So sehr uns diese Übel quälten, schienen wir sie doch eine Zeitlang über die wunderbaren und schrecklichen Naturbegebenheiten zu vergessen, die sich in unserer Nachbarschaft zutrugen. Ihr habt von der großen und merkwürdigen Insel der Monarchomanen gehört, die eine Tagreise von uns nordwärts gelegen war.

Wir haben nichts davon gehört, sagte Epistemon, und es wundert mich um so mehr, als einer unserer Ahnherrn in diesem Meere auf Entdeckungen ausging. Erzählt uns von dieser Insel, was ihr wißt, damit wir beurteilen ob es der Mühe wert ist selbst hin zu segeln und uns nach ihr und ihrer Verfassung zu erkundigen.

Es wird schwer sein sie zu finden, versetzte der Papimane.

Ist sie versunken? fragte Alciphron.

Sie hat sich auf und davon gemacht, versetzte jener.

Wie ist das zugegangen? fragten die Brüder fast mit einer Stimme.

RetrohoundDie Insel der Monarchomanen, fuhr der Erzähler fort, war eine der schönsten, merkwürdigsten und berühmtesten Inseln unsers Archipelagos; man konnte sie füglich in drei Teile teilen, auch sprach man gewöhnlich nur von der Residenz, der steilen Küste und dem Lande. Die Residenz, ein Wunder der Welt, war auf dem Vorgebirge angelegt, und alle Künste hatten sich vereinigt dieses Gebäude zu verherrlichen. Sahet ihr seine Fundamente, so waret ihr zweifelhaft ob es auf Mauern oder auf Felsen stand: so oft und viel hatten Menschenhände der Natur nachgeholfen. Sahet ihr seine Gebäude, so glaubtet ihr alle Tempel der Götter wären hier symmetrisch zusammengestellt, um alle Völker zu einer Wallfahrt hierher einzuladen. Betrachtetet ihr seine Gipfel und Zinnen, so mußtet ihr denken, die Riesen hätten hier zum zweiten Mal Anstalt gemacht den Himmel zu ersteigen; man konnte es eine Stadt, ja man konnte es ein Reich nennen. Hier thronte der König in seiner Herrlichkeit, und niemand schien ihm auf der ganzen Erde gleich zu sein.

Nicht weit von da fing die steile Küste an sich zu erstrecken; auch hier war die Kunst der Natur mit unendlichen Bemühungen zu Hülfe gekommen, auch hier hatte man Felsen gebauet um Felsen zu verbinden, die ganze Höhe war terrassenweis eingeschnitten, man hatte fruchtbar Erdreich auf Maultieren hingeschafft. Alle Pflanzen, besonders der Wein, Zitronen und Pomeranzen, fanden ein glückliches Gedeihen, denn die Küste lag der Sonne wohl ausgesetzt. Hier wohnten die Vornehmen des Reichs und bauten Paläste; der Schiffer verstummte, der sich der Küste näherte.

Der dritte Teil und der größte war meistenteils Ebene und fruchtbarer Boden, diesen bearbeitete das Landvolk mit vieler Sorgfalt.

Es war ein altes Reichsgesetz, daß der Landmann für seine Mühe einen Teil der erzeugten Früchte wie billig genießen sollte; es war ihm aber bei schwerer Strafe untersagt sich satt zu essen, und so war diese Insel die glücklichste von der Welt. Der Landmann hatte immer Appetit und Lust zur Arbeit. Die Vornehmen, deren Magen sich meist in schlechten Umständen befanden, hatten Mittel genug ihren Gaumen zu reizen, und der König tat oder glaubte wenigstens immer zu tun was er wollte.

Diese paradiesische Glückseligkeit ward auf eine Weise gestört die höchst unerwartet war, ob man sie gleich längst hätte vermuten sollen. Es war den Naturforschern bekannt, daß die Insel vor alten Zeiten durch die Gewalt des unterirdischen Feuers sich aus dem Meer emporgehoben hatte. So viel Jahre auch vorüber sein mochten, fanden sich doch noch häufige Spuren ihres alten Zustandes: Schlacken, Bimsstein, warme Quellen und dergleichen Kennzeichen mehr; auch mußte die Insel von innerlichen Erschütterungen oft vieles leiden. Man sah hier und dort an der Erde bei Tage Dünste schweben, bei Nacht Feuer hüpfen, und der lebhafte Charakter der Einwohner ließ auf die feurigen Eigenschaften des Bodens ganz natürlich schließen.

RetrohoundEs sind nun einige Jahre, daß nach wiederholten Erdbeben an der Mittagsseite des Landes, zwischen der Ebene und der steilen Küste, ein gewaltsamer Vulkan ausbrach, der viele Monate die Nachbarschaft verwüstete, die Insel im Innersten erschütterte und sie ganz mit Asche bedeckte.

Wir konnten von unserm Ufer bei Tag den Rauch, bei Nacht die Flamme gewahr werden. Es war entsetzlich anzusehen, wenn in der Finsternis ein brennender Himmel über ihrem Horizont schwebte; das Meer war in ungewöhnlicher Bewegung und die Stürme sausten mit fürchterlicher Wut.

Ihr könnt euch die Größe unsers Erstaunens denken, als wir eines Morgens, nachdem wir in der Nacht ein entsetzliches Gepraß gehört und Himmel und Meer gleichsam in Feuer gesehen, ein großes Stück Land auf unsere Insel zuschwimmend erblickten. Es war, wie wir uns bald überzeugen konnten, die steile Küste selbst die auf uns zukam. Wir konnten bald ihre Paläste, Mauern und Gärten erkennen, und wir fürchteten daß sie an unsere Küste, die an jener Seite sehr sandig und untief ist, stranden und zu Grunde gehen möchten. Glücklicherweise erhub sich ein Wind und trieb sie etwas mehr nordwärts. Dort läßt sie sich, wie ein Schiffer erzählt, bald da bald dorten sehen, hat aber noch keinen festen Stand gewinnen können.

Wir erfuhren bald, daß in jener schrecklichen Nacht die Insel der Monarchomanen sich in drei Teile gespalten, daß sich diese Teile gewaltsam einander abgestoßen, und daß die beiden andern Teile, die Residenz und das Land, nun gleichfalls auf dem offenen Meere herumschwämmen, und von allen Stürmen wie ein Schiff ohne Steuer hin- und widergetrieben würden. Von dem Lande, wie man es nennt, haben wir nie etwas wieder gesehen; die Residenz aber konnten wir noch vor einigen Tagen im Nordosten sehr deutlich am Horizont erkennen.

RetrohoundEs läßt sich denken daß unsere Reisenden durch diese Erzählung sehr ins Feuer gesetzt wurden. Ein wichtiges Land, das ihr Ahnherr unentdeckt gelassen, ob er gleich so nahe vorbeigekommen, in dem sonderbarsten Zustande von der Welt stückweise aufzusuchen, war ein wichtiges Unternehmen, das ihnen von mehr als einer Seite Nutzen und Ehre versprach. Man zeigte ihnen von weitem die Residenz am Horizont als eine große blaue Masse, und zu ihrer größten Freude ließ sich westwärts in der Entfernung ein hohes Ufer sehen, welches die Papimanen sogleich für die steile Küste erkannten, die mit günstigem Wind, obgleich langsam, gegen die Residenz zu ihre Richtung zu nehmen schien. Man faßte daher den Schluß gleichfalls dahin zu steuern, zu sehen ob man nicht die schöne Küste unterwegs abschneiden und in ihrer Gesellschaft, oder wohl gar in einem der schönen Paläste, den Weg nach der Residenz vollenden könne. Man nahm von den Papimanen Abschied, hinterließ ihnen einige Rosenkränze, Skapuliere und Agnus Dei, die von ihnen, ob sie gleich deren genug hatten, mit großer Ehrfurcht und Dankbarkeit angenommen wurden. –

~~~\~~~~~~~/~~~

Kaum befanden sich unsere Brüder in dem leidlichen Zustande in welchem wir sie gesehen haben, als sie bald empfanden, daß ihnen gerade noch das Beste fehlte um ihren Tag fröhlich hinzubringen und zu enden. Alkides erriet ihre Gesinnungen aus den seinigen und sagte: So wohl es uns auch geht, meine Brüder, besser als Reisende sich nur wünschen dürfen, so können wir doch nicht undankbar gegen das Schicksal und unsern Wirt genannt werden, wenn wir frei gestehen, daß wir in diesem königlichen Schlosse, an dieser üppigen Tafel, einen Mangel fühlen, der desto unleidlicher ist, je mehr uns die übrigen Umstände begünstigt haben. Auf Reisen, im Lager, bei Geschäften und Handelschaften und was sonst den unternehmenden Geist der Männer zu beschäftigen pflegt, vergessen wir eine Zeitlang der liebenswürdigen Gespielinnen unsres Lebens, und wir scheinen die unentbehrliche Gegenwart der Schönen einen Augenblick nicht zu vermissen. Haben wir aber nur wieder Grund und Boden erreicht, bedeckt uns ein Dach, schließt uns ein Saal in seine vier Wände, gleich entdecken wir was uns fehlt: ein freundliches Auge der Gebieterin, eine Hand die sich traulich mit der unsern zusammenschließt.

RetrohoundIch habe, sagte Panurg, den alten Wirt über diesen Punkt erst auf die feinste Weise sondiert, und da er nicht hören wollte, auf die gradeste Weise befragt, und ich habe nichts von ihm erfahren können. Er leugnet daß ein weibliches Geschöpf in dem Palaste sei. Die Geliebte des Königs sei mit ihm, ihre Frauen seien ihr gefolgt und die übrigen ermordet oder entflohen.

Er redet nicht wahr, versetzte Epistemon, die traurigen Reste, die uns den Eingang der Burg verwehrten, waren die Leichname tapfrer Männer, und er sagte ja selbst, daß noch niemand weggeschafft oder begraben sei.

Weit entfernt, sagte Panurg, seinen Worten zu trauen, habe ich das Schloß und seine vielen Flügel betrachtet und im Zusammenhange überlegt. Gegen die rechte Seite, wo die hohen Felsen senkrecht aus dem Meere hervorstehen, liegt ein Gebäude, das mir so prächtig als fest zu sein scheint, es hängt mit der Residenz durch einen Gang zusammen, der auf ungeheuern Bogen steht. Der Alte, der uns alles zu zeigen schien, hat uns immer von dieser Seite weggehalten, und ich wette, dort findet sich die Schatzkammer, an deren Eröffnung uns viel gelegen wäre.

Die Brüder wurden einig daß man den Weg dahin suchen solle. Um kein Aufsehen zu erregen ward Panurg und Alciphron abgesandt, die in weniger als einer Stunde mit glücklichen Nachrichten zurückkamen. Sie hatten nach jener Seite zu geheime Tapetentüren entdeckt, die ohne Schlüssel durch künstlich angewandten Druck sich eröffneten. Sie waren in einige große Vorzimmer gekommen, hatten aber Bedenken getragen weiter zu gehen, und kamen nun den Brüdern, was sie ausgerichtet, anzuzeigen.

Sollte ich’s vergessen haben zu erwähnen? — : Wanderers Nachtlied war dafür wirklich gut.

16 (eigentlich 18) Pin-up-Sailoretten via Retrohound, 1950er bis 1970er Jahre.

Soundtrack: Rose Polenzani with Session Americana: When the River Meets the Sea,
aus: When the River Meets the Sea, 2008:

Written by Wolf

28. August 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Land & See

Eichendorffs Märchen

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Update zu Süßer Freund, das bißchen Totsein hat ja nichts zu bedeuten
und Da ist schwäb’scher Dichter Schule, und ihr Meister heißt – Natur!:

Sosehr man populärer Weise dazu neigen mag, ihn mit der Epoche der deutschen Romantik höchstselbst gleichzusetzen, so wenig ist bekannt, dass der adlige Joseph von Eichendorff zu einer studentischen Künstlerclique gehörte, die ihren Ehrgeiz nicht zuletzt darein setzte, bestehende Kunstwerke „im Volkston“ zu sammeln und sie als Naturerscheinungen zu würdigen: Musäus die Volksmährchen der Deutschen in fünf Bänden 1782 bis 1787; Clemens Brentano und Achim von Arnim Des Knaben Wunderhorn 1805 bis 1808; Eichendorffs Lehrer Joseph Görres Die teutschen Volksbücher 1807; Jacob und Wilhelm Grimm Kinder- und Hausmärchen 1812 bis 1858; Ernst Moritz Arndt und Ludwig Bechstein Märchen in der Nachfolge der Brüder Grimm; die Aufzählung ist bei weitem nicht vollständig.

Eichendorff hat seinen Versuch nach sieben Exemplaren abgebrochen. Sein Enkel und Nachlassverwalter Karl hat die „meist dem Volksmunde abgelauschte[n] Sagen und Märchen aus Oberschlesien“ als Märchen aus dem Nachlasse Joseph Freiherrn von Eichendorff auf 1808 bis 1809 datiert. Der Erstdruck geschah deshalb unter Karls Obhut als: Märchen. Von Joseph Freiherr von Eichendorff. Aus dem Nachlaß erstmals veröffentlicht von Karl Freiherr von Eichendorff, in: Der Wächter. Zeitschrift für alle Zweige der Kultur 8, Köln, erst 1925, Seite 10 bis 20. Offenbar hat der aufzeichnende Großvater Joseph die Märchen, die ihm in einem Dialekt erzählt wurden, der Schlonsakisch oder — wegen der rechten Seite der Oder bei Brieg, heute Brzeg — Wasserpolnisch heißt, gleich im selben Arbeitszug ins Hochdeutsche übersetzt und dabei — so der herausgebende Enkel Karl — „mit einer stellenweise geradezu verblüffenden Sorglosigkeit zu Papier gebracht.“ Das wäre damit von der Arbeitsweise etwa der Brüder Grimm prägnant unterschieden, aber für heutige Belange unerheblich, weil man mit der Sammlung eher die Arbeit Eichendorffs als die wasserpolnische Mythologie dokumentieren will.

Der erste Neudruck stammt von Albrecht Schau: Eichendorffs oberschlesische Märchen- und Sagensammlung, in: Aurora. Jahrbuch der Eichendorffgesellschaft 30/31, 1970/1971, Seite 57 bis 72. Der traditionell schlesische, heute Görlitzer Bergstadtverlag Wilhelm Gottlieb Korn gab 2001 offenbar aus heimatpflegerischen Absichten eine Einzelausgabe als In freudenreichem Schalle: Eine Sammlung oberschlesischer Märchen heraus; offenbar kommentiert, weil das Büchlein immerhin 79 Seiten haben soll.

Unten wird zitiert nach dem heute zugänglichsten Druck in: Joseph von Eichendorff: Ahnung und Gegenwart. Sämtliche Erzählungen I, in: Werke in sechs Bänden, Band 2, herausgegebn von Wolfgang Frühwald und Brigitte Schillbach, Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1985, als Taschenbuch Band 18 bei Suhrkamp 2007. Die Überschriften stammen nicht von Eichendorff, sondern laut dieser Ausgabe erst von Albrecht Schau für seinen Nachdruck 1970.

——— Joseph von Eichendorff:

Märchen

1808 bis 1809:

1. Das Märchen von der schönen Crassna, der wunderbaren Rose und dem Ungeheuer

In einer Stadt wohnte ein reicher Kaufmann. Der hatte ein prächtiges Haus, ein Vorwerk und zwei sehr schöne Töchter. Die älteste war stolz und übermütig, die jüngste aber, die alles an Schönheit übertraf, war gut und hieß Craßna. Eines Tages verlor der Kaufmann sein ganzes Vermögen, denn seine Schiffe waren in einem Sturme auf dem Meere mit allen Waren untergegangen. Da ward er sehr betrübt, stieg auf sein Pferd und wollte in die Welt reisen, um wieder etwas zu gewinnen. Wie er wegritt, sagte die älteste Tochter, er solle ihr ein schönes Kleid, Perlen und Edelgesteine einkaufen, Craßna aber bat, er möge ihr nur eine schöne Rose mitbringen. Als er nun in fremden Landen war, kam er einstmals zu einem großen, schönen Schloß. Er band sein Pferd am Tore an und ging hinein. Aber da war alles still und kein Mensch zeigte sich. Endlich ging er in ein Zimmer, das sehr schön verziert war. Darin standen Stühle, ein Tisch und ein Bett. In einem Augenblick war der Tisch gedeckt und mit Wein und köstlichen Speisen besetzt, ohne daß man jemand sah oder hörte. Er aß und trank und ging darauf im Garten spazieren, der neben dem Schlosse lag und voll der schönsten Blumen stand. Als er eben auch das Abendessen verzehrt hatte, trat plötzlich ein schreckliches Ungeheuer in die Stube, das aber nichts sprach und sogleich wieder verschwand. So lebte der Kaufmann drei Tage lang ganz allein in dem Schlosse, der Tisch deckte sich immer wieder von selbst, das Ungeheuer aber zeigte sich nicht mehr. Den dritten Tag endlich machte er sich wieder auf die Reise. Er war aber noch nicht weit gekommen als ihm einfiel, daß ihn seine Tochter Craßna um eine Rose gebeten wie er sie im Garten bei jenem Schlosse gesehen hatte. Er kehrte also schnell wieder um, stieg ab und ging in den Garten hinein. Als er aber eben die schönste Rose abgebrochen hatte, stand auf einmal das Ungeheuer vor ihm, brüllte fürchterlich und sagte er müsse nunmehr für die Rose seine Tochter Craßna auf das Schloß bringen. Da kam der Kaufmann sehr betrübt wieder nach Hause, gab seiner Tochter die Rose, erzählte wie es ihm ergangen und wie er dem Ungeheuer habe versprechen müssen, sie auf das Schloß zu bringen. Alles war sehr traurig, Craßna aber, welche befürchtete, daß viel Übel daraus entstehen würde, wenn sie nicht gehorchte, willigte ein. Der Vater brachte sie selber auf das Schloß und ließ sie dort mit vielen Tränen allein zurück. Sie fand dort reichlich zu essen und zu trinken und alles was ihr Herz nur wünschte. Das Ungeheuer besuchte sie alle Tage einmal auf kurze Zeit, ohne ein Wort zu sprechen. Nach geraumer Frist kam das Ungeheuer einmal zu ihr, gab ihr einen Ring und sagte: „Meine schöne Craßnal Behalte diesen Ring stets am Finger und wenn du an irgend einen Ort der Welt denkst, wo du gerne sein möchtest, so brauchst du nur den Ring nach jener Gegend hinzuwenden und er wird dich sogleich, samt einem Koffer mit so viel Gold, als du nur wünschest, dorthin versetzen. Aber hüte dich, so lange du an dem betreffenden Orte weilst, in den Koffer hineinzusehen. Auch darfst du niemals über drei Tage ausbleiben, sonst muß ich sterben.“ Craßna war über dies alles sehr vergnügt. Sie wünschte sehnlichst ihren Vater und ihre Schwester wiederzusehen, richtete ihren Ring dorthin und befand sich sogleich inmitten der Ihrigen. Unbeschreiblich war die Freude, die alle hatten, die geliebte Craßna wiederzusehen, zumal als sie den Koffer bemerkten, den sie mitgebracht hatte. Sie konnte sich nicht enthalten letzteren zu öffnen, um zu sehen, was er eigentlich enthielt, kaum aber hatte sie dies getan, so war er mit allen Kostbarkeiten verschwunden. Am Abend des dritten Tages kehrte sie wieder in ihr Schloß zurück. So wiederholte sie ihre Besuche noch sehr oft und da sie jedesmal einen Koffer mit Gold mitbrachte und nicht mehr hineinguckte wie das erstemal, zählte ihr Vater bald wieder zu den Reichsten im Lande. Als sie wieder einmal nach Hause kam, fand sie Vater und Schwester sehr betrübt, weil sie auf immer getrennt von ihr leben mußten. Mit vielem Weinen und Bitten sprachen sie ihr daher, als der dritte Tag seinem Ende entgegenging, zu, nicht mehr aufs Schloß zurückzukehren. Nach vielen Gegenreden ließ sie sich auch erweichen und blieb über Nacht zu Hause. Als aber der Morgen graute, sprang sie sogleich auf, denn sie hatte sich nach und nach so an das Ungeheuer gewöhnt, daß ihr unaussprechlich bange wurde, wenn sie einige Tage von ihm weg war. Ohne Abschied und ohne, daß jemand davon wußte, kehrte sie ihren Ring jener Weltgegend zu und befand sich sogleich wieder im Schlosse. Zu ihrem Entsetzen fand sie dort das Ungeheuer im Garten wie tot ausgestreckt. Es schien sie nicht mehr zu kennen und holte nur noch schwach Atem. Sie stürzte sich auf dasselbe, umarmte und küßte es und klagte und weinte bitterlich. Da schwoll dieses immer mehr und mehr auf bis es endlich zerplatzte und ein Jüngling von blendender Schönheit vor Craßna stand, der ihr um den Hals fiel und sie mit Küssen fast erstickte. Darauf nahm er sie bei der Hand, führte sie im Garten herum und erzählte ihr, daß er ein verwunschener Prinz sei und nur von einer Jungfrau erlöst werden konnte, die ihn trotz seiner erschrecklichen Gestalt so liebte, daß sie ohne ihn nicht zu leben vermochte. „Ihr habt mich,“ so sagte es, „durch Euere große Liebe endlich erlöst und nun ist alles Euer, was Ihr seht.“ In diesem Augenblicke wimmelte der ganze Garten von schön geschmückten Knaben und Frauen, welche den Prinzen und Craßna bedienten. Der Prinz schickte sogleich einen Wagen mit vier schönen Pferden zu Craßnas Vater und seinen Anverwandten und da alles beisammen war, hielt er mit seiner Braut auf dem Schlosse Hochzeit, die drei Wochen lang dauerte.

Frédéric, Flickr

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2. Das Märchen von dem Amulettring und den zwei Königskindern

Es war einmal ein König, der hatte eine sehr schöne Tochter. Eines Tages kam ein fremder reisender Krämer mit allerhand Waren auf das Schloß, der einen Ring bei sich hatte, auf dem ein wunderschöner junger Mann gemalt war. Die Prinzessin kaufte den Ring und war so entzückt über das Bild, daß sie keinen anderen in der Welt heiraten wollte als den auf dem Gemälde dargestellten. So war sie in das Bild verliebt, daß sie alle Freier ausschlug. Endlich kam ein sehr schöner und reicher Prinz in der Absicht, sich um sie zu bewerben. Sie schlug auch diesen aus, der König aber, der nicht länger zu warten beabsichtigte, wollte sie zwingen ihn zu heiraten. Da ging sie am Abend vor dem Hochzeitstage mit ihrem Ring am Meere spazieren und weinte. Am Ufer erblickte sie eine Schifferin in einem Kahne. Diese sprach zu ihr: „Durchlauchtigste Prinzessin, was seid Ihr so traurig?“ „Ach,“ entgegnete die Prinzessin, „fraget nicht erst, Ihr könnt mir doch nicht helfen.“ „Wer weiß!“ sagte die Schifferin, „entdeckt mir nur getrost den Grund Euerer Betrübnis.“ Da erzählte ihr die Prinzessin die ganze Geschichte. Als die Schifferin den Ring erblickte, rief sie sogleich voller Freude: „Ich kann Euch Eueren Geliebten zeigen, der auf diesem Ringe dargestellte Prinz wohnt in dem Lande, dem ich entstamme. Wenn Ihr morgen in aller Frühe wieder hierherkommen wollt, so will ich Euch hinführen; Ihr müßt aber viel Gold und drei Eurer schönsten Kleider mitbringen.“ Die Prinzessin begab sich hierauf nach Hause und konnte die ganze Nacht vor Freude nicht schlafen. Sie sann immerfort darüber nach, wer wohl der Prinz wäre und wo das Land gelegen sei. Ehe noch der Tag angebrochen war, ging sie mit dem Gold und ihren Kleidern ganz allein an den Meeresstrand, wo die Schifferin mit ihrem Kahne schon auf sie wartete. Diese als Mannsbild angekleidet, nahm Gold und Kleider in Verwahrung und so fuhren sie über das Meer bis sie zu einer großen Stadt kamen. Hier begab sich die Schifferin in das königliche Schloß und sagte dem Koche des Prinzen, sie wolle ihm eine recht gute und geschickte Küchenmagd bringen. Dann zog sie der Prinzessin schlechte Kleider an, verdeckte ihr Kopf und Gesicht mit einem weißen Tuche, so daß sie niemand erkennen konnte, und führte sie ins Schloß. Dort verrichtete die Prinzessin still und fromm die niedrigsten Geschäfte in der Küche. Der Prinz aber war immer sehr traurig, denn auch er hatte vor einiger Zeit von einem reisenden Kaufmann einen Ring erhalten, auf dem eine wunderschöne Jungfrau gemalt war. Er wollte keine andere als diese und konnte sie doch nirgends finden. Eines Tages wurde in der Stadt ein großer Ball gegeben. Der Prinz bestellte beim Koch bloß eine Suppe, die er essen wollte ehe er wegging. Die Schifferin begab sich zur Prinzessin und setzte ihr ausführlich auseinander, wie sie sich zu verhalten habe, was sie denn auch treulich ausführte. Als der Bediente die Suppe hinauftragen wollte, nahm sie dieselbe heimlich fort und trug sie selbst zum Prinzen. Dieser, der sich eben den Rock ausbürstete, wurde böse darüber, daß er von einer so schlechten Magd bedient werden sollte, nahm die Bürste und warf sie nach ihr. Sie aber ging, ohne ein Wort zu sagen, aus dem Zimmer. Dann bat sie, wie ihr die Schifferin geraten, den Koch, ihr zu erlauben, heute abend dem Balle zuzusehen. Alsdann verschaffte sie sich einen herrlichen Wagen mit vier Pferden, zog eines von ihren drei schönen Kleidern an und fuhr zum Balle. Alles war über ihre Schönheit und Pracht erstaunt. Der Prinz wurde auf einmal ganz fröhlich, als er bemerkte, daß es sich um dieselbe handelte, die er auf seinem Ringe erblickte. Sie aber hatte ihren Ring nicht angesteckt. Nachdem der Prinz sehr viel mit ihr getanzt hatte, fragte er sie zuletzt, woher sie wäre, worauf sie erwiderte, aus Bürstendorf. Da sann er hin und her, aber er kannte kein Dorf dieses Namens. Als sie nach Hause kam, fragte sie der Koch, was sie gesehen habe und sie erzählte ihm, wie der Prinz lustig gewesen sei und viel getanzt habe. Der Koch wunderte sich hierüber sehr, da der Prinz in seinem Leben noch nicht getanzt hatte. Nach einiger Zeit war wieder ein Ball in der Stadt. Da ihm nun die Prinzessin als Magd wieder die von ihm bestellte Suppe brachte, warf er einen Stiefel hinter ihr her. Sie fuhr nun wieder in ihrem zweiten schönen Kleide hin und als der Prinz sie noch einmal nach dem Namen ihres Heimatortes fragte, nannte sie ihn Stiefeldorf. Schließlich gab der Prinz, der sehr neugierig war, ob die Prinzessin wiederkommen würde, selbst einen Ball. Auch diesmal trug sie ihm vorher wieder seine Suppe herauf. Er war eben im Begriffe, seine goldenen Sporen umzuschnallen und warf, als er sie erblickte, einen derselben nach ihr. Später erschien sie in ihrem dritten prächtigsten Kleide auf dem Balle. Zuletzt fragte der Prinz wieder, woher sie sei und erhielt von ihr zur Antwort aus Sporndorf. Das fiel dem Prinzen endlich auf, denn er hatte schon nach allen Richtungen vergeblich Boten ausgeschickt, um die Lage der erwähnten Dörfer festzustellen. Die Prinzessin begab sich zeitig nach Hause, um ihre Geschäfte in der Küche nicht zu versäumen. Als der Ball beendet war, sandte der Prinz in die Küche, das neue Mensch solle zu ihm hinaufkommen und zog ihr, da sie zu ihm in die Stube trat, schnell das große weiße Tuch vom Kopfe. Da erkannte er sie. „Also du bist es, liebes Kind,“ rief er voller Freuden aus, fiel ihr um den Hals und küßte sie unzähligemale. Nun waren sie alle beide vergnügt, belohnten die Schifferin sehr reichlich und hielten miteinander Hochzeit in freudenreichem Schalle.

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3. Das Märchen von dem Faulpelz, dem wunderbaren Fisch und der Prinzessin

Es war einmal ein Weib, das einen Faulpelz zum Sohne hatte. Der saß das ganze Jahr auf dem Ofen und fraß alle Tage einen Topf mit Krautsuppe auf, der so groß war, daß er ihm bis über die Knien reichte. Als nun der Vater gestorben, sagte die Mutter: „Faulpelz, rühre dich! denn nun mußt du mir helfen Brot verdienen. Spanne gleich die Ochsen an den Wagen und fahre in den Wald um Holz.“ Der Faulpelz stieg vom Ofen herunter, konnte aber die Ochsen nicht einspannen. Da spannte die Mutter selber an und setzte den Faulpelz auf den Wagen. Vor dem Walde befand sich ein großer Teich, durch den ein Damm ging. Als nun der Faulpelz herankam, lag quer über den Damm ein großer Fisch. Er nahm die Peitsche und warf den Fisch in den Teich. Da schnalzte dieser im Wasser mit dem Schwanze und sagte: „Faulpelz, du hast mich wieder ins Wasser gebracht, zum Danke kannst du dir wünschen was du willst, und wenn du sagest: Es geschehe durch den Fisch, so wird es erfüllt werden.“ Da sagte der Faulpelz: „Der Wagen soll durch den Fisch voll Holz sein,“ und sogleich lag eine ganze Fichte auf dem Wagen. Als er nun damit wieder nach Hause fuhr, sah eben die Prinzessin oben im Schlosse zum Fenster heraus. Die lachte laut auf, als sie ihn unten fahren sah, und sagte: „Die Leute sprechen immer, der Faulpelz arbeitet nichts, und da fährt er ja wahrhaftig eine ganze Fichte aus dem Walde.“ Daß er so ausgelacht wurde, ärgerte dem Faulpelz und er sprach: „Ich wünsche, daß die Prinzessin durch den Fisch schwanger wird.“ Von diesem Augenblick an wurde die Prinzessin schwanger und gebar nach 9 Monaten einen jungen Prinzen. Alles war erstaunt, denn niemand kannte den Vater. Als das Kind 5 Jahre alt war, war es wunderschön und spielte immer mit einem goldenen Apfel. Da sagte der König: „Ich will alle meine Untertanen zusammenberufen und wem das Kind den Apfel gibt, der ist der Vater.“ Vornehme und Niedere kamen herbei und mußten sich stellen, aber der kleine Prinz rollte immerfort den goldenen Apfel in der Stube vor sich her und gab auf keinem acht …

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4. Das Märchen von der schönen Sophie und ihren neidischen Schwestern

Ein König hatte drei sehr schöne Töchter, unter denen aber die jüngste, welche Sophie hieß, die beiden anderen an Liebreiz weit übertraf. Die beiden älteren Schwestern waren im Besitz eines Spiegels, den sie immer fragten: „Sag an, du Spiegel an der Wand, welche ist die Schönste in Engelland?“ und jedesmal antwortete ihnen der Spiegel: „Ihr zwei seid schön, die Sophie ist jedoch die Schönste in ganz Engelland.“ Darüber wurden die beiden Prinzessinnen sehr böse und neidisch und suchten auf alle Weise die jüngste Schwester loszuwerden. An einem schönen Sommertage begaben sie sich mit ihr in den Wald, um Heidelbeeren zu klauben. Als sie draußen waren, hingen sie an einem Aste eine Schnur mit einem Stück Holz auf, das vom Winde immer wieder gegen den Baum geworfen wurde. Dann sagten sie ihrer Schwester: „Wir wollen uns nun alle drei im Walde zerstreuen und wenn es Abend wird, hier, wo das Holz im Winde klappert, zusammenkommen.“ Sophie ging darauf in den Wald, wo sie fleißig Beeren klaubte. Die beiden Schwestern aber begaben sich sogleich nach Hause und ließen sie im Walde allein. Bei einbrechender Dunkelheit traf sie aber doch wieder zu dem Holze und kam glücklich nach Hause. Das ärgerte ihre beiden Schwestern gar sehr und sie führten sie daher den anderen Tag wieder in den Wald. Aber auch diesmal fand sie den Weg zurück. Als sie aber am dritten Tage wieder in die Beeren gegangen waren, konnte Sophie am Abend den rechten Weg nicht mehr finden, sie verirrte sich immer tiefer und fing, da es schon ganz finster geworden war, bitterlich an zu weinen. Auf einmal sah sie von ferne ein Licht schimmern. Sie ging darauf zu und kam endlich an ein kleines, niedriges Häuschen. Da sie, durch das Fenster blickend, am Herde ein altes Mütterchen bemerkte, klopfte sie an. Die Alte machte sogleich auf, freute sich ungemein, ein so schönes Mädchen bei sich zu haben, gab ihr zu essen und trinken und beredete sie, bei ihr zu bleiben. Den anderen Morgen ging die Alte in den Wald hinaus und schärfte der Sophie ein, durchaus niemanden ins Haus zu lassen. Die beiden älteren Prinzessinnen freuten sich sehr, daß ihre Schwester nicht wiedergekommen war, da sie aber den Spiegel befragten und dieser wieder wie sonst antwortete: „Ihr beide seid schön, aber die Sophie ist die Schönste in ganz Engelland“ ärgerten sie sich und begaben sich in den Wald, die Sophie aufzusuchen. Endlich kamen sie auch an das Häuschen, klopften an und wollten hinein. Sophie aber erwiderte, daß sie durchaus nicht öffnen dürfe. Darauf sagten sie zu ihr: „Liebste Schwester, du hast gewiß hier in dem schlechten Hause Läuse bekommen, wir wollen dir etwas den Kopf durchsuchen.“ Da Sophie das Fensterchen öffnete und den Kopf herausstreckte, kämmten die Prinzessinnen sie sauber, flochten die Haare, banden die Zöpfe mit einem goldenen Bande zusammen und nahmen alsdann wieder Abschied. Kaum aber hatte Sophie das Fenster geschlossen, so fiel sie wie tot auf den Boden. Gen Abend kam die Alte zurück: „Hui, hui, Sophie“ rief sie „mach auf!“ Da aber drinnen alles stille blieb, stieg sie durch das Fenster hinein und jammerte sehr, als sie Sophie tot da liegen sah. Trotzdem sie Sophie sogleich auszog und ihr den ganzen Leib mit warmen Wasser wusch, war kein Lebenszeichen zu bemerken. Auf einmal erblickte sie das goldene Band im Haar und zog es schnell heraus, worauf Sophie alsbald wieder lebendig wurde. Die beiden Schwestern hatten das Band vergiftet. Den anderen Tag ging die Alte wieder aus und warnte die Sophie, ihren Schwestern, falls sie wiederkommen sollten, nochmals Gehör zu schenken. Da nun die beiden Prinzessinnen zu Hause den Spiegel befragten und wiederum die Antwort erhielten „Die Sophie ist die Schönste in Engelland,“ suchten sie nochmals das Häuschen auf und nahmen ein Körbchen voll Äpfel mit. Als Sophie das Fenster nicht aufmachen wollte, baten sie sehr freundlich, sie möchte doch wenigstens einige von den Äpfeln nehmen und da sie selber anfingen, die Äpfel zu verspeisen, konnte Sophie nicht mehr widerstehen, öffnete das Fenster und aß mit. Die Schwestern suchten ihr noch den schönsten Apfel aus und gingen wieder fort. Der Apfel aber war vergiftet. Wie sie die Hälfte davon abbiß, blieb er ihr im Halse stecken und sie fiel tot um. Gegen Abend kam die Alte zurück: „Hui, hui, Sophie, mach auf.“ Niemand aber rührte sich. Wiederum stieg sie durchs Fenster und sah Sophie auf dem Boden liegen. Trotzdem sie die Tote wieder sehr fleißig wusch und salbte, war sie diesmal nicht wieder zum Leben zu erwecken. Die Alte warf sich über sie, küßte sie und weinte sehr. Dann ließ sie einen gläsernen Sarg anfertigen, putzte die Tote mit den schönsten Kleidern, legte sie hinein und setzte den Sarg auf zwei hohe Linden, die oben mit den Ästen ineinander gewachsen waren. Einen Kranz von Rosmarin hatte sie ihr in die Haare und einen Strauß davon an die Brust gesteckt. Diese blieben immerfort grün und wuchsen im Sarge fort, auch sie selbst blieb so schön und rot, wie sie im Leben gewesen. Alle Tage fragten nun die beiden Prinzessinnen den Spiegel: „Sag an du Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste in Engelland?“ worauf der Spiegel jedesmal antwortete: „Sophie war schön, ihr zwei seid die Schönsten in ganz Engelland.“ Darüber entstand große Freude. Nach einiger Zeit verirrte sich einmal ein junger Prinz auf der Jagd im Walde. Seine Hunde blieben vor dem Lindenbaume stehen, bellten hinauf und wollten von dem Orte nicht fort. Der Prinz bemerkte nun oben den Sarg und war außer sich vor Freude über die Schönheit der Toten. Er ging sofort in das Häuschen und verlangte von der Alten den Sarg. Diese aber weinte entsetzlich und erwiderte es wäre dies ihre einzige Freude auf der Welt und sie würde sterben, wenn man ihr die schöne Sophie wegnähme. Nachdem ihr versprochen worden war, auch sie mitzunehmen, und immer bei dem Sarge zu belassen, willigte sie endlich ein und der Prinz ließ den Sarg herabholen und auf einen Wagen setzen. Als dieser aber über einige Baumwurzeln hinwegrollte, sprang durch die Erschütterung plötzlich der Apfel aus Sophiens Halse, worauf sie tief aufatmete und die Augen aufschlug. Da fiel ihr der Prinz voller Freude um den Hals, setzte sich zu ihr in den Wagen und hielt Hochzeit mit ihr auf seinem Schlosse. Auf die Frage der beiden Schwestern: „Sag an du Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste in Engelland?“ antwortete der Spiegel nun wieder: „Ihr beide seid schön, Sophie jedoch ist die Schönste in ganz Engelland.“ Die Prinzessinnen wurden hierdurch zornig, warfen den Spiegel auf die Erde und zertraten ihn in kleine Stücke.

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5. Das Märchen vom Vogel Venus, dem Pferd Pontifar
und der schönen Amalia aus dem schwarzen Wald

Ein König war so krank, daß ihm kein Arzt im ganzen Königreiche mehr zu helfen wußte. Da träumte ihm einmal, daß er nicht eher gesund werden würde, bis er den Vogel Venus singen höre. Als er aufwachte, erzählte er allen seinen Traum. Aber da war keiner, der den Vogel Venus kannte, oder wußte, wo er zu finden sei. Der König hatte aber drei Söhne. Der älteste von ihnen sagte: „Ich will in die Welt hinaus und den Venusvogel überall suchen“ und trat, nachdem er vom König viel Gold und Silber erhalten hatte, die Reise an. In der nächsten großen Stadt erkundigte er sich nach dem besten Wirtshause und kehrte dort ein. In dem Gasthofe war ein großes Jubeln und Tosen von Spielleuten und schöngeputzten Mädchen, Saufen und Spielen, und da man beim Prinzen viel Geld merkte, hielt man ihn so lange auf, bis er seinen letzten Groschen verspielt hatte. Dann ließ ihn der Wirt, weil er nichts mehr besaß, die Zeche zu bezahlen, in einen tiefen Turm werfen. Da nun der König lange vergebens auf seinen Sohn gewartet hatte und immer kränker wurde, erklärte der zweite Prinz, nun auch auf die Wanderschaft zu gehen und den Vogel Venus aufzusuchen. Auch er erhielt vom Könige Gold in Menge. Er nahm denselben Weg, wie der erste, kehrte ebenfalls in dem Wirtshause ein, verspielte sein ganzes Geld und wurde gleichfalls in einen Turm geworfen. Als auch der zweite nicht wiederkam, machte sich endlich der dritte Prinz auf den Weg. Er kam auch an das Wirtshaus, aber er trank und spielte nicht, achtete auch nicht auf die hübschen Mädchen, sondern sann nur immerfort nach, wohin er sich wenden sollte, um den Vogel zu finden. Vor der Weiterreise sagte ihm der Wirt: „Ihr seid ein recht feiner und kluger junger Herr, daß Ihr Euer Geld so wohl zusammenhaltet, erst unlängst waren zwei eben so junge und reiche Menschen hier, die ich in den Turm geworfen habe, weil sie alles verspielt hatten.“ Da verlangte der Prinz die beiden Gefangenen zu sehen und erkannte seine Brüder. Dem Wirt bezahlte er, was sie schuldig waren, machte ihnen Vorwürfe daß sie so unbedachtsam gelebt und wies den Wirt an, ihnen gutes Quartier, aber täglich nur so viel zu verzehren zu geben, als sie notwendig brauchten und sie so lange zurückzuhalten, bis er selbst sie abhole. Darauf ritt er in Gottes Namen weiter. In der Vorstadt sah er auf offener Straße eine Leiche auf der Bahre stehen. Er erkundigte sich, was dies zu bedeuten habe und als man ihm mitteilte, daß es hier Gebrauch sei, einen Menschen, der Geld schuldig geblieben, unbegraben zu lassen, bezahlte er sogleich die 200 Rthr., die der Verstorbene schuldig war und ließ ihn auf seine Kosten beerdigen. Darauf kam er in einen großen Wald, wo ein Fuchs am Wege saß. „Wo reitest du denn so voller Gedanken hin,“ fragte derselbe den Prinzen. „Ach, mein liebes Füchslein,“ erwiderte der Prinz, „was hülfe es mir, wenn ich’s dir auch sagte, du könntest mir doch nicht raten.“ „Wer weiß,“ sagte der Fuchs, „wenn du erlaubst, will ich dich begleiten.“ Nachdem sie lange so gereist waren, rief der Fuchs: „Hier in der Nähe wohnt ein König, der besitzt den Vogel Venus. Gehe um Mitternacht ganz allein ins Schloß, die Wachen werden alle schlafen. Im innersten Gemache wirst du ringsherum an der Wand eine Menge Vögel in schönen Gebauern finden, in der Mitte aber steht der Vogel Venus, der einen so prächtigen Käfig hat, daß die Stäbe desselben einen glänzenden Schein von sich geben. Begeize dich aber ja nicht auf den Käfig, sondern lasse ihn stehen und begnüge dich damit, den Vogel sachte herauszunehmen, sonst wirst du unglücklich.“ Um Mitternacht ging der Prinz aufs Schloß, während der Fuchs die Pferde bewachte. Als er in das erwähnte Gemach trat, war er von der Schönheit des Käfigs ganz geblendet und dachte bei sich: „Die Wachen schlafen alle, ich werde den Käfig schnell forttragen, so hab‘ ich beides.“ Kaum aber hatte er den Käfig in die Hand genommen, so fing der Vogel an, dermaßen zu kreischen und mit den Flügeln zu schlagen, daß die Wächter erwachten, den Prinzen ergriffen und ins Gefängnis warfen. Am zweiten Tage erschien der Fuchs im Turme und sagte: „Sieh’st du, hab‘ ich nit gesagt, daß es dir schlimm gehen würde, wenn du nicht folgtest. Morgen sollst du gehängt werden, wenn du auf den Richtplatz hinausgeführt wirst, so bitte den Henker, dich noch einmal zum Könige zu führen, da du ihm etwas sehr Wichtiges anzuvertrauen hättest. Nur so kannst du dich noch retten.“ Das tat denn auch der Prinz am anderen Tage. Auf vieles Bitten führte ihn der Henker noch einmal vor den König, dem er, wie ihn der Fuchs gelehrt, versprach, ihm das Pferd Pontifar zu bringen, wenn er ihm das Leben schenke. Der König war ganz außer sich vor Freude, begnadigte den Prinzen und versprach ihm den Vogel Venus samt dem Käfig zum Geschenk zu machen, wenn er ihm das Pferd Pontifar bringe. Als nun der Prinz wieder zum Fuchse in dem Walde kam, fragte er ihn, wo nun aber das Pferd zu finden sei. „Das Pferd Pontifar,“ erwiderte dieser, „befindet sich wieder bei einem anderen Könige in einem prächtigen Stalle. In einem Kreise um das Pferd herum sitzen die Wächter, von denen jeder einen goldenen Zügel in der Hand hält. Du wirst nun wieder um Mitternacht, während die Wächter schlafen, allein hingehen. Hüte dich aber, von dem köstlichen Geschirr des Pferdes etwas mitzunehmen, schirr es vielmehr langsam ab und reite auf dem ledigen Pferde davon, sonst wirst du unglücklich.“ Wie erstaunte aber der Prinz, als er in der Nacht in den Stall kam. Denn war das Pferd schön, so war doch Sattel und Geschirr, aus Gold und Edelsteinen bestehend, noch weit schöner. Er konnte nicht widerstehen, zog die goldenen Zügel langsam aus den Händen der schlafenden Wächter und schwang sich auf das aufgeputzte Pferd. Kaum aber saß er droben, so wieherte und polterte das Roß derart, daß die Wächter erschreckt auffuhren, den Prinzen herabrissen und ins Gefängnis warfen. Am zweiten Tage erschien der Fuchs wieder im Gefängnisse, schalt ihn aus und gab ihm wieder Ratschläge wie das erstemal. Auf inständiges Bitten wurde der Prinz vom Richtplatze noch einmal vor den König geführt, dem er die Prinzessin Amalia aus dem schwarzen Walde zu verschaffen versprach, wenn er ihm das Leben schenke. Da freute sich der König über alle Maßen, er schenkte ihm nicht nur das Leben, sondern stellte ihm auch noch das Pferd Pontifar nebst Sattel und Zeug in Aussicht, wenn er ihm die Prinzessinbringe. „Mein liebes Füchslein,“ sagte der Prinz, als er zurückkam, „wo werden wir nun aber die Prinzessin finden?“ „Die Prinzessin Amalia,“ erwiderte der Fuchs, „wohnt im schwarzen Walde in einem schwarzen Schlosse, bewacht von zwei Wölfen, zwei Bären und zwei Löwen. Du mußt wieder um Mitternacht bis ins innerste Gemach vordringen. Dort wirst du auf einem Tische eine Menge herrlicher brennender Lampen finden. Hüte dich aber, eine der schönen Lampen anzurühren, nimm vielmehr die schlechteste, die in der Mitte steht, und gehe damit hinaus. Du bist verloren, wenn du mir nicht folgst, denn diesmal kann ich dir nicht mehr helfen.“ – Beim Schlosse angekommen, ging der Prinz allein hinein. Wölfe, Bären und Löwen schliefen alle. Im innersten Gemache brannten die Lampen in verschiedenen bunten Farben und Scheinen, so daß der ganze Raum mit Glanz erfüllt war. Keine von ihnen rührte er an, sondern nahm aus der Mitte die schlechte und ging mit ihr hinaus. Am Tore wartete seiner schon die Prinzessin Amalia aus dem schwarzen Walde, die ganz in schwarzem Flor gekleidet war. Ohne ein Wort zu sprechen, führte sie der Prinz, wie ihn der Fuchs befohlen, zu den Pferden und ritt mit ihr zum Schlosse des zweiten Königs zurück. Aus dem Schloßfenster sah ihnen der König schon entgegen und das Pferd Pontifar stand bei ihrer Ankunft bereits aufgeputzt am Tore. Der König war voller Freude, als er die Prinzessin Amalia erblickte und dankte dem Prinzen außerordentlich. Dieser bestieg sein Roß, schwang die Prinzessin, die von ihm nicht lassen wollte, vor sich auf den Sattel und ritt somit ihr über alle Berge. Als er zum Schlosse des ersten Königs kam, stand der Käfig mit dem Vogel Venus bereits auf dem Hofe. Mit tausend Freuden bestieg der König das Pferd Pontifar. Es wollte ihn aber nicht dulden und er vermochte es nicht zu bändigen. Der Prinz erklärte, es im Hofe etwas zureiten zu wollen, bestieg es, die Prinzessin Amalia, die ihn außerordentlich liebte, gleich auch mit ihm, tummelte das Roß nach allen Richtungen, ergriff unversehens den Käfig mit dem Vogel Venus und jagte somit allem davon. Seine im Wirtshaus zurückgebliebenen Brüder wunderten sich, als er dorthin zurückkam, sehr über die mitgebrachten herrlichen Sachen, verabredeten aus Neid, den Bruder zu erschlagen, versenkten ihn in einen Graben, ritten mit den Sachen nach Hause und rühmten sich ihrer Erfolge. Aber die schöne Prinzessin wollte nicht sprechen, das Pferd nicht fressen, der Vogel Venus nicht singen und der alte König blieb daher so krank, wie er gewesen. Unterdessen lief der Fuchs zu dem Graben, wo der Prinz lag, zog ihn heraus, wusch ihn mit seinen Pfoten, erweckte ihn zum Leben und sagte zu ihm: „Ich bin die Seele des Verstorbenen, für den du die Schulden bezahlt hast, meine Schuld habe ich dir nunmehr abgezahlt und bin erlöst. Gehe du nun zu einem Schäfer, ziehe dessen Kleider an, eile so ins Schloß und gib dich für einen Tierarzt aus.“ Bei diesen Worten verschwand der Fuchs, der Prinz aber suchte einen Schäfer auf dem Felde auf, wechselte mit ihm die Kleider und ging alsdann zu seinem Vater. Dort wollte man ihn, weil er so verlumpt aussah, nicht aufnehmen, wurde aber, da er angab, alle Pferde kurieren zu können, in den Stall geführt. Bei seinem Eintritt sah sich das Pferd Pontifar sogleich nach ihm um, wieherte, fraß Hafer aus seinen Händen und wurde ganz munter. Alles war hierüber höchst erstaunt und wollte den Wunderarzt sehen. Als er in die königlichen Gemächer geführt wurde, fiel die stumme Prinzessin Amalia ihm um den Hals, der Vogel Venus begann wunderschön zu singen und der König sprang gesund aus dem Bette. Hierauf zog der Prinz seine schönen Kleider an und erzählte alles. Der alte König war voller Freude und gab eine prächtige Gasterei. Die beiden Brüder, die zur Jagd ausgezogen waren, erstaunten über die Vorkommnisse aufs höchste. Über Tafel fragte sie der König, was wohl jemand verdiene, der seinen Vater belogen und einen Menschen erschlagen habe. Sie antworteten: „Den lichten Galgen.“ Der König wollte sie hierauf aufhängen lassen, da der Bruder aber sehr für sie bat, wurden sie in ein Gewölbe gebracht, wo sie zeitlebens in der dicksten Finsternis sitzen mußten. Der jüngste Prinz aber hielt mit der schönen Prinzessin Amalia aus dem schwarzen Walde eine glänzende Hochzeit.

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6. Die Sage vom häßlichen Schuster, der zwölf Jahre Teufelsbündler war
und ein reicher Mann wurde

Unterdessen hatte auch der König von dem großen Reichtum des Arrendators gehört und fuhr daher hin, um alles selbst in Augenschein zu nehmen. Da führte ihn der Schuster in seinem Hause durch unzählige Keller, die bis zur Decke mit Gold angefüllt waren. Der König war über die Maßen erstaunt, da er sah, daß der Schuster hundertmal reicher war, als er selbst, versprach ihm seine Tochter zur Frau zu geben, ließ ein Bild des Schusters anfertigen und nahm es mit nach Hause. Als er aber der ältesten Tochter mitteilte, was er versprochen und sie auf dem Bilde den gräulichen, über und über beschmutzten Schuster erblickte, lachte sie ihrem Vater ins Gesicht. Darauf wandte sich der König an seine zweite Tochter, aber auch diese wollte durchaus nichts von der Heirat wissen. Die jüngste Prinzessin aber erklärte, den Befehlen ihres Vaters Gehorsam leisten zu wollen. Mittlerweile waren die zwölf Jahre, die der Schuster mit dem Teufel akkordiert hatte, verflossen und er beschloß sich nunmehr um die versprochene Prinzessin zu bewerben. Er ließ sechs prächtige Pferde vor einen goldenen Wagen spannen und fuhr so vor. Als er unterwegs an einem Teiche vorbeifuhr, sprangen plötzlich drei Teufel aus dem Schilfe hervor. „Du Schweinigel,“ riefen sie dem Schuster zu, „ist das eine Art, so mit kotigem Gesicht und mit unausgekämmten Haaren um eine Prinzessin zu freien!“ Damit rissen sie den Schuster aus dem Wagen, warfen ihn ins Wasser und wuschen und striegelten ihn von oben bis unten. Dann zogen sie ihm prächtige Kleider an und setzten ihn wieder in den Wagen. Der Schuster aber sprach für sich: „Man behauptet immer, der Teufel sei dumm, aber wahrhaftig, er ist klüger als ich,“ und war wohl zufrieden. Bei der Ankunft war man über seine Schönheit allgemein erstaunt, denn er war ganz verwandelt. Die jüngste Prinzessin fiel ihm voller Freude um den Hals, die beiden anderen aber erhängten sich aus Neid und Ärgernis. Die Teufel aber verabschiedeten sich für immer von dem Schuster, da sie hier und im Branntweinhause bereits zahlreiche Seelen erobert hatten.

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7. Das Märchen von der in der Wildnis ausgesetzten Königin
und ihren Söhnen Josaphat und Löwiath

Ein römischer Kaiser heiratete einstmals ein sehr schönes, aber ganz armes Fräulein. Darüber wurde seine Mutter, die alte Kaiserin, sehr ergrimmt und suchte daher die junge Frau auf alle Weise anzuschwärzen. Während der Kaiser eben Krieg führte, gebar ihm seine junge Gemahlin zwei Prinzen auf einmal. Die Alte schrieb hierauf ihrem Sohne, daß keine junge Frau, wenn sie züchtig und ehrbar gelebt habe, zum erstenmale Zwillinge gebären könne, er solle sich daher eiligst aufmachen, um die ihm angetane Schande an seiner Frau zu rächen. Der Kaiser kehrte auf diese Nachricht hin schleunigst in seine Residenz zurück, ging sogleich in die Kirche, kniete vor dem Hochaltar nieder und bat Gott für seine Frau. Das ärgerte die alte Kaiserin entsetzlich, sie beredete daher ihren Kammerdiener, sich bis aufs Hemd auszuziehen und so zu der jungen Kaiserin, die eben schlief, ins Bett zu legen. Dann ging sie zu ihrem Sohne in die Kirche und erzählte ihm, wie schändlich sich seine Frau aufführe und zerrte ihn so lange, bis er ihr endlich in das Schlafgemach der jungen Kaiserin folgte, wo er neben seiner schlafenden Frau den Kammerdiener liegen sah. Da zog der Kaiser sein Schwert und durchbohrte den Diener, daß sein Blut der erschrockenen Kaiserin ins Gesicht spritzte. Sie sollte sogleich mit ihren Kindern lebendig verbrannt werden. Auf dem Richtplatze verhielt sich das dort zusammengelaufene Volk still und traurig, weil alle die junge Kaiserin sehr liebten und keiner von den Richtern wollte das Todesurteil verlesen. Die Verurteilte wandte sich hierauf an ihren Gemahl und sprach: „Weil du mich nicht mehr liebst, lege ich keinen Wert darauf, weiter zu leben, aber die beiden armen Кinder erbarmen mich sehr. Schenke mir ihretwegen das Leben und ich will mit ihnen fortziehen, so weit mich meine Füße tragen.“ Der Каiser ließ sie auf ein Pferd setzen und gab ihr einen großen Mantel mit, in den sie die Кinder einwickelte. Nach langem Ritt kam sie in eine große Wildnis. Аuf einer Wiese stieg sie ab, legte die Кinder rechts und links auf dem Мantel in die Sonne und schlief in deren Мitte ein. Вald darauf näherte sich ein Affe, nahm eines der Кinder in seine Аrme und trug es unbemerkt in den Wald. Dort sah eine Räuberbande den Аffen mit dem Кinde, man jagte ihm nach, nahm ihm das Кind fort und trug es in die nächste Stadt. Еinem dort weilenden fremden Каufmann gefiel der schöne Кnabe so, daß er beschloß, ihn seiner Frau mitzubringen. Еr kaufte daher den jungen Prinzen von den Räubern, besorgte ihm eine Amme, setzte diese auf eine Eselin und zog alsdann nach Hause, wo das Kind von seiner Frau sehr gut aufgenommen wurde. Вald darauf schlich sich eine Löwin an die Schlafende heran und raubte ihr das zweite Кind, um es ihren Jungen zum Fraß zu geben. Da sie aber eben im Вegriff war, es fortzutragen, flog der Vogel Greif heran, ergriff die Löwin samt dem Кinde und flog mit seiner Beute weit übers Мееr. Аuf einer wüsten Insel wollte sich der Greif niederlassen. Als sie schon ganz niedrig waren, ließ die Löwin das Кind sachte in den Sand fallen, riß sich, sobald sie den Boden erreichte, schnell los und biß den Vogel tot. Dann scharrte sie dem Кinde ein Bett im Sande, säugte es und nährte sich neun Tage lang von dem Fleische des Vogels. Die Кaiserin jammerte und weinte sehr, als sie den Verlust ihrer Кinder bemerkte und irrte so lange im Walde umher, bis sie endlich an das Мееr kam. Da stand ein Schiff, das eben absegeln wollte. Sie bat die Schiffer, sie mitzunehmen und diese taten es gerne ihrer Schönheit halber. Nach mehrtägiger Fahrt warfen sie an einer wüsten Insel die Аnker aus und gingen ans Land, kehrten aber alsbald wieder zurück, weil sie eine Löwin mit einem Кinde erblickt hatten. Über diese Nachricht war die Mutter voll Freuden, eilte nach dem bezeichneten Оrte hin und erkannte sofort ihr Кind, das die Löwin sich gutwillig nehmen ließ. Аls die Мutter es forttrug, folgte ihr die Löwin wie ein Нund. Die Schiffer fuhren, da sie dieses sahen, aus Furcht, ohne sie schnell ins Мееr hinein, ließen aber einen Каhn zurück, den sie mit der Löwin bestieg. So fuhr sie mit dem Kinde an der Вrust und die Löwin zu ihren Füßen, so lange auf dem Меere herum, bis sie endlich wieder mit dem Schiff zusammentraf und auf vieles Bitten aufgenommen wurde. Еiner von den Seeleuten verliebte sich in sie und schlich in der Nacht in ihre Кammer, um sie zu notzüchtigen, er wurde aber von der Löwin hieran gehindert, die ihn in Stücke zerriß und ins Мееr warf. In einer großen Stadt, wo gelandet wurde, begab sich die Кaiserin mit der Löwin, die sie niemals verließ, in ein Ноspital. Нier erzog sie ihren Sohn, den man nach der Löwin Löwiath nannte, aufs beste. — Unterdessen war ihr zweiter Sohn, der weit entfernt bei dem Кaufmann sich aufhielt und Josaphat genannt wurde, immer mehr herangewachsen. Weil er sehr stark und stammig war, sollte er Fleischhacker werden und sein Pflegevater schickte ihn daher mit zwei Осhsen über Land zu einem Меister. Веi der Ankunft redete er diesen sogleich an: „Guten Мorgen, Каmerad!“ Der Meister aber antwortete zornig: „Du Laffel kommst eben in die Lehre und nennst mich Каmerad,“ wobei er mit der Аxt drohte. Da rief Josaphat: „Rühr mich nicht an, oder ich breche dir das Genick,“ kehrte zornig mit seinen Оchsen nach Hause zurück und wollte von der Profession nichts mehr wissen. Unterwegs begegnete ihm ein Jäger, der einen Falken auf der Hand trug. Der Vogel gefiel ihm außerordentlich. Еr gab dem Jäger seine beiden Оchsen und nahm dafür den Falken mit. Sein Pflegevater, der Кашfmann, war über diesen Наndel sehr erzürnt und wollte ihn abprügeln, aber seine Frau verwendete sich sehr für den jungen Josaphat und sagte, daß er gewiß von adeligem Geschlecht und nicht zu niederem Standegeboren sei. Einige Zeit später sandte der Кашfmann den Josaphat mit dreizehn Pfund Silber in die Münze, wo sein rechter Sohn als Geselle arbeitete. Auf dem Wege dorthin begegnete Josaphat einem Reiter, der ein wildes, prächtiges Pferd tummelte. Ganz entzückt von dem schönen Rosse gab er dem Reiter das Silber und ritt nach Hause. Über diesen Streich ergrimmte der Kaufmann sehr, aber seine Frau bat noch einmal für ihn und meinte, man wisse nicht, was aus dem Knaben noch einmal werden könne.

Inzwischen hatten die Türken dem Könige, in dessen Land der Kaufmann wohnte, den Krieg erklärt und waren bis zu dessen Residenz vorgerückt. Im türkischen Lager befand sich die wunderschöne Tochter des Sultans, welche dieser einem Riesen zur Frau geben wollte, der so stark war, daß er einen gewappneten Ritter samt dem Rosse fortzutragen und vor die Füße der Prinzessin zu werfen vermochte. Von diesem Riesen wurde der König zum Zweikampf herausgefordert. Da war großes Trauern und Wehklagen im ganzen Lande, denn der König war diesem Gegner keineswegs gewachsen. Als Josaphat sah, daß auch sein Pflegevater trauerte, entschloß er sich, selbst hinzugehen und sich für den König zu schlagen. „O du großer Narr,“ sagte ihm der Kaufmann, „woher willst du denn eine Rüstung nehmen?“ Josaphat riß zwei große Platten aus Blech aus dem Ofen und band sich die eine hinten, die andere vorne hin. „Wo hast du denn aber eine Lanze?“ fragte der Kaufmann weiter. Da ging der junge Held in den Hühnerstall und bewaffnete sich mit einer langen Stange. Unter dem Bette zog er ein verrostetes, aber sehr wunderbares und glückseliges Schwert hervor, mit dem schon die Vorfahren des Kaufmannes große Taten verrichtet hatten, schwang sich auf sein schönes Pferd und ritt zur Residenzstadt, wo er mit großen Freuden empfangen wurde. Die ihm vom Könige angebotene prächtige und starke Rüstung verschmähte er und ritt in seinem erstaunlichen Aufzuge auf den Kampfplatz, wo der Riese zu Pferde schon seiner harrte und ihn fragte, ob er der König sei. Josaphat entgegnete ihm: „Hiernach hast du nicht zu fragen, der Schmied hat seine Zange, damit er sich nicht verbrenne und der König seine Ritter.“ Mit diesen Worten warf er dem Riesen seine Stange mit solcher Gewalt an den Kopf, daß er rücklings zu Boden sank. Dann sprang Josaphat schnell zu, hieb dem Riesen das Haupt ab, spießte es auf sein Schwert, sprengte ins türkische Lager vor das Zelt der Prinzessin, legte ihr den Kopf zu Füßen und sagte ihr: „Hier hast du den Kopf deines Liebsten.“ Die Prinzessin war über die Schönheit des fremden Ritters ebenso erstaunt wie er über die ihrige. – Als er eines Tages nach Rückkehr in die Residenz in Gedanken versunken oben auf dem Walle stand, ging jenseits am grünen Flußufer die Prinzessin mit ihren Hofdamen spazieren. „Glaubt ihr,“ sagte sie zu diesen, „daß der junge Ritter dort mir so gewogen ist, daß er gleich zu mir herüberkäme, wenn ich ihm ein Zeichen gäbe.“ Da sie sich aber schämte, dies zu tun, winkte eine der Jungfrauen, worauf Josaphat ungesäumt durch den Fluß zu ihr hinüberschwamm. Hier verlangte sie von ihm, daß er sie während der nächsten Schlacht entführe und versprach ihm, ihm überallhin zu folgen. – Es begann nun ein großes Gemetzel, Josaphat benutzte diesen Umstand, ritt in das türkische Lager, entführte seine Prinzessin, überließ sie aber ihrem Schicksal, als die Christen zu weichen anfingen und stürzte sich in das Kampfgewühl. Trotzdem der römische Kaiser und auch andere Fürsten dem Könige zu Hilfe geeilt waren, trugen die Türken den Sieg davon und der König, der römische Kaiser, Josaphat und alle wurden gefangen genommen.

Die Kunde von diesem Unglück war schnell auch in das Land gedrungen, wo die vertriebene Kaiserin mit ihrem zweiten Sohne lebte. Löwiath begab sich mit einer Anzahl Krieger und seiner Löwin sofort auf den Kriegsschauplatz und ritt direkt ins türkische Lager hinein. Da die Löwin alles wütend zerriß, was ihm und seiner Mannschaft noch Widerstand leistete, so waren bald fast alle Türken getötet und die Gefangenen befreit. Der König zog feierlich in seine Residenz ein und veranstaltete eine große Gasterei. Über Tafel fragte Löwiath den römischen Kaiser, aus welchem Grunde er ohne Söhne, die für ihn fechten könnten, in den Krieg zöge, woaruf dieser voll Traurigkeit erwiderte, daß er in verhängnisvoller Übereilung seine tugendhafte Gemahlin verstoßen und sich seit dieser Zeit nicht wiedervermählt habe. Da erkannte Löwiath in dem Kaiser seinen Vater. Als dieser seine Frage, ob er seine Gemahlin wiedererkennen würde, bejahte, ließ er schnell seine Mutter herbeiholen. Alle waren voller Freude über die Wiedervereinigung und Josaphat hielt glänzende Hochzeit mit der schönen türkischen Prinzessin. Der römische Kaiser verabschiedete sich hierauf mit seiner Frau und seinen Söhnen von dem Könige und zog mit ihnen in die Heimat. Schon unterwegs hörten sie, daß die alte Kaiserin, die alles Übel verursacht, wahnsinning geworden sei und sich erhängt habe.

Frédéric, Flickr

Bilder: Frédéric:

  1. L’après-midi d’un(e) faune, 13. März 2020;
  2. Souffle léger, vapeur éphémère, 30. März 2020;
  3. Au pied de l’arbre, 12. April 2020;
  4. La fille qui murmurait à l’oreille des forêts, 15. April 2020;
  5. Les nuits blanches (et les mots bleus), 29. April 2020;
  6. Sous le soleil (exactement), 30. April 2020;
  7. De la tête au pied, 5. Mai 2020.

In freudenreichem Schalle: Breslau: Volksmusik, 1982 — gleich das ganze Album.
Vocals: die — solche Erwähnung erscheint angebracht — mitnichten „rechte“ Jutta Weinhold:

Written by Wolf

10. Juli 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Romantik, ~~~Olymp~~~

In heiliger Nacht, in Zaubernacht

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Update zu Ach Himmel, wie sich die Menschen täuschen können!,
Wem recht die Brust sich dehnte vom sanften Lau des März (oh yeah!)
und Fruchtstück 0002: Ein Schooß voll den begehr ich nicht:

Die Träger des Namens Johannes, kurz: Hans, gern mit verschiedenen Diminutiva suffigiert, teilen sich in der Volksetymologie des mittelbairischen Sprachraums auf in Hanswurst und Hansdampf. Hanswurste heißen nach dem Apostel Johannes Evangelist und feiern am 27. Dezember Namenstag, Hansdampfe heißen nach Johannes dem Täufer und feiern am Johannistag, dem 24. Juni.

Der Feiertag des Hansdampf steht insofern höher als andere Namenstage, als er mit der Sommersonnenwende zusammenfällt. Das bedeutet: Die Tage werden kürzer, die Nächte zum Ausgleich länger, der Sommeranfang ist deshalb eigentlich ein Winteranfang, mit dem gleichen Argument ist, wie schon einmal dargestellt, Sommeranfang kurz vor Weihnachten.

Dieses Doppelgesicht der Feierlichkeiten zum „Mittsommer“, der eigentlich dessen Anfang ist, zeigt sich auch literaturhistorisch: Fasste Wieland seine Übersetzung von Shakespeare-Dramen — die erste deutsche — noch größtenteils in Prosa, machte er bei deren erstem Ein St. Johannis Nachts-Traum 1762, heute in späterer Übersetzung bekannter als Sommernachtstraum eine Ausnahme; sein Weimaraner Freund, Kollege und Nachbar Herder fasste ungefähr 1772 seine Ode zur Sanct-Johannes-Nacht in ein übliches Odenversmaß des Sturm und Drang: letztendlich in gar keins.

Johannisnacht ist vor dem Johannistag, also die Nacht vom 23. auf 24. Juni.

——— Johann Gottfried Herder:

Sanct-Johannes-Nacht

zwischen 1760 und 1803, vermutlich 1772:

Vivien Leigh, A Midsummer Night's Dream, Titania, 1937Schönste Sommernacht!
Ich schwimm‘ in Rosen und blühenden Bohnen
Und duftenden Hecken und Nachtviolen,
In tausend Düften – o Natur,
Wo kenn‘ ich Deine Kinder alle,
Die Bräute alle,
Die jetzt sich schmücken und lieben und paaren
Und feiern Brautnacht! – Schöne Nacht!
Wie die Schöpfung flammet und wallt!
Als ob der allanflammende Sonnenvater
Mit welcher Jugendinbrunst jetzt
Die Erd‘ umarmt‘! – Und der Himmel brennt:
Dort Abendroth, hier Morgenroth –
Wie kühler, dämmernder Thautag! – Und –
Und hundert Wesen schwirren empor
In Luft und Wasser und See und Sand,
Summen empor! Lieben! – Unendlich, ach,
Unerschöpflich bist Du schön,
Mutter Natur!
Und hundertartige Deiner Kinder
In Leben und Lieben und Sein und Freuden!
Wer kann sie zählen! wer kann sie fühlen! –
Und Du,
In hundert Arten und Sein und Wesen
Und Lieb‘ und Freuden Dich
Allfühlend, o Natur,
Wie nenn‘ ich Dich?

Vivien Leigh, A Midsummer Night's Dream, Titania, 1937Wer bin ich unter den Millionen,
Die jetzt genießen – und wer
Unter den unendlichen Millionen,
Die ich genießen nicht seh‘,
In Blum‘, in Blüth‘, im wehenden Duft
Der Nachtviole!
Wie Tausende sind vielleicht,
Die die Blüthe knospen! die Ros‘ erröthend
Spinnen und färben und dufther schwimmen,
Schwimmen um mich – kühlen mich,
Und ich seh‘ sie nicht!
Da fliegt der leuchtende Funke Gottes,
Der Sommerwurm!
Kleiner Wurm, leuchtender Funke, komm,
Glänze mir!
Wer warst Du, daß die schaffende Hand
Dich also angeglüht?
Mit Sonnenglanz, mit Sonnengluth!
Wer bist Du?
Etwa der Seligen einer? Ein
Verbanneter Unsterblicher,
Aus Raupenstand und Grabegespinnst
Den Wurm zu erlösen.
Und trägst noch Siegel der Unsterblichkeit
Und glühst noch lang‘ im Tode noch fort –
Ziehst Blitzesfunken und duftest Feu’r,
Nicht Strömen erlöschbar, die Gold,
Die Felsen zernagen – Wunderwurm,
Und kriechst im Staub!
Fleuch! ich kenne Dich nicht! Wunderwurm!
Lebe Dein Sommerleben im Flug,
Im Staube! wie’s Der will,
Der Dich gemacht.
Kenn‘ ich mich?
Eben so klein, fliegend und wallend
Und sonnentsprungen – kenn‘ ich mich?
Wer war’s, der Funken dem Staube gab,
Daß er ihm vom Auge leucht‘,
Erflamme vom Herzen,
Oft so matt! und wie lang‘?
Und lodert er fort dann? – Fleuchst,
Funke, Du fort?
Aus Raupenstand, aus Grabesnacht,
Wenn Dein Wurmkörper hier hin ist, noch
Ein Würmchen zum Engel zu lösen? – – –
All‘ meine Sinne sind
Verschlossen! – Um meine Sinn‘
Ist Sommernacht!
Bin nicht zu denken hier! – zu sein! zu hoffen!
Leben und mich zu freun!
Leben – allein?
Nicht ist der leuchtende Wurm,
Wird nicht allein sein!

Vivien Leigh, A Midsummer Night's Dream, Titania, 1937Und allein mich freun?
Niemand zu sagen, wie schön
Im Sommerliebesbrande,
Mutter Natur, Du seist!
Mutter Natur!
Niemand zu haben, der mit
Schwirren die Schöpfung höre, mit
Höre die leisen Räder gehn
Und sehn
Den leuchtenden Engel fliegen
Und denken Unsterblichkeit!
Vereint sie denken, vereint,
Schöne Mutter Natur,
Fühlen an Deiner Brust, uns drücken
An warmes Herz!
Freundschaft, holdester Funke
Der holden Natur!
In heiliger Nacht, in Zaubernacht,
Mutter Natur, bet‘ ich Dich an!
Sei ich’s werth des edelsten Funken,
All Deiner Flammennatur!
Komme, mein leuchtender Engel,
Den Wurm zu beleben!
Zauberlaube, Wo seh‘ ich Dich?
Und um mich gegossen
Mein sanftes Weib!
Zauberlaube,
Wo seh‘ ich Dich?
Rosen und Mondstrahl um Dich schwimmend
Und liebender Wachtelschlag,
Zauberlaub‘, und der Knabe hängt
An Mutterarm! An Mutterbrust
Ihr gleich das sanftere Mädchen!
Und der wilde, trotzige Knabe lernt
Staunen der Sommernacht! hören Gott,
Hören schwirren und liebegirren
Die Schöpfung!
Sanfter bebet alsdann die Mutterbrust,
Sanfter schmieget der Säugling, trinkt
Wollust Gottes, und ich – und ich –
Zauberlaube, wie bin ich allein!

Ihr gleich das sanftere Mädchen: Vivien „Vom Winde verweht“ Leigh als Titania—Queen of the Fairies in A Midsummer Night’s Dream, Bühnenfoto vom Londoner Old Vic Theatre 1937, unter Sir Tyrone Guthrie, ohne Verfilmung:

  1. via Rob Baker: „Consummate Actress, Hampered by Beauty“ –
    Glorious Photos of Vivien Leigh
    , 26. Dezember 2016;
  2. mit Robert Helpmann als Oberon, via Wrath Herself;
  3. im Hofstaat, via Coffin Boffin, 5. Mai 2020.

Soundtrack: Felix Mendelssohn Bartholdy: Schauspielmusik Ein Sommernachtstraum opus 61, die Tyrone Guthrie 1937 am Old Vic benutzte, wegen der angesprochenen Doppelgesichtigkeit im vierhändigen Klavierauszug mit Sivan Silver und Gil Garburg, Konzerthaus Berlin am 12. Januar 2018:

Written by Wolf

26. Juni 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Sturm & Drang

Sylvia Spinster

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Update zu Nachtstück 0024: I wish you were dead, my dear:

One doesn’t become a witch to run around being harmful, or to run around being helpful either, a district visitor on a broomstick. It’s to escape all that ― to have a life of one’s own, not an existence doled out to by others. ―

Sylvia Townsend Warner: Lolly Willowes, 1926.

How dreadful it is that because of our wills we can never love anything without messing it around! We couldn’t even love a tree, a stone even; for sooner or later we should be pruning the tree or chipping a bit off the stone.

Sylvia Townsend Warner: Mr Fortune’s Maggot, 1927.

While I slept we crossed the line
between May and June:
The morning came, gently walking
down from the hill,
And by the time I stirred it was
full day
And she had brought summer with
her into my room.

Valentine Ackland, Juni 1959.

Sylvia Townsend Warner, Mister Fortunes letztes Paradies, Unionsverlang Zürich 1996, CoverDas Buch war ein Fund in unserem Treppenhaus, in der lebhaften Tauschbörse, die auf dem Mauerabsatz über den Briefkästen ganzjährig still vor sich hin stattfindet: Sylvia Townsend Warner (6. Dezember 1893; † 1. Mai 1978): Mister Fortunes letztes Paradies, Unionsverlag, Zürich 1996, deutsche Übersetzung: Helga Weigelt, das ist: Mr Fortune’s Maggot, Chatto & Windus Limited, London 1927. Im deutschen Nachwort von Jacques Roubaud fiel der Satz auf: „Sie wird zeit ihres Lebens eine Vorliebe für jene absonderlichen Lyriker englischer Tradition hegen, die nicht exportierbar, brummig, exzentrisch und erzenglisch sind, die aber nicht eigentlich zu den Besten gehören“ – siehe unten.

Das ist natürlich cool, so eine Vorliebe. Das sollten sie nicht im Nachwort vor der Öffentlichkeit ausschließen, sondern mindestens gefettet in den Klappentext schreiben, dann weiß ein jeder gleich, dass er die Warnersche lesen muss. Das Nachwort selber macht keinen Hehl daraus, dass Mister Fortunes letztes Paradies gar nicht so sehr das spontan begeisterndste von Warners Büchern ist – das wäre Lolly Willowes –, nennt es vielmehr so vorsichtig wie respektvoll das „vielleicht in sich geschlossenste“, dass es auch schon wieder cool ist.

Leider unterschlägt es 1996 noch verschämt, wovon ihre postmillennialen, der politisch korrekten Diversität verpflichteten Lebensbeschreibungen vordergründig handeln: wie stocklesbisch sie war. Der Einfluss ihrer Lebensliebe Valentine Ackland auf ihr belletristisches, biographisches, musikwissenschaftliches, journalistisches und politisches Werk ist zumindest menschlich überhaupt nicht zu überschätzen. Offensichtlich finde ich Leben und Werk der Townsend interessant und mitteilenswürdig genug, um das Nachwort aus ihrem einzigen auf Deutsch erhältlichen Roman — einschließlich der fies zu maskierenden Kapitälchen und einigen Verlinkungen — abzutippen, aber ich empfehle selbstständig weiterzulesen. Online und allem voran ihr Lolly Willowes.

Sylvia Townsend Warner, nach 1930

——— Jacques Roubaud:

Sylvia Townsend Warner

Porträtfragmente

Nachwort zu: Mr Fortune’s Maggot, Chatto & Windus Limited, London 1927,
deutsch: Mister Fortunes letztes Paradies, Unionsverlag, Zürich 1996:

London, 1926:     Sylvia Townsend Warner veröffentlicht ihren ersten Roman, Lolly Willowes. Der Verlag, Chatto & Windus, ist berühmt. Der Roman wird es nur fast. Die Leser werden informiert, daß Miss Warner dreißig Jahre alt sei, bisher einige Gedichte veröffentlicht habe, wie viele andere Autorinnen auch, und dies nun ihr erstes fiktives Werk sei.

Sylvia Townsend WarnerPorträt der Künstlerin, einer intelligenten jungen Frau     David Garnett, der sie damals zum Schreiben ermutigte, hat sie als eine dunkelhaarige Sylvia (mit ständig gerunzelten Brauen) in Erinnerung, schlank (wenn nicht gar brandmager), immer in Hast und mit gewelltem Haar; eine Brille in einem vor Lachen, Ungeduld und Intelligenz sprühenden Gesicht. Wenn er redete, glühte sie vor Ungeduld, ihn zu unterbrechen und seine zögernden, banalen Sätze durch etwas Eigenes, viel Lebendigeres zu ersetzen. „Wenn ich mich mit ihr unterhielt“, schreibt er, „hielt ich manchmal einen Moment inne, um zu überlegen, ob ich auch das richtige Wort traf, und sie nutzte mein Zögern, um sich meines schwebenden, in meinem Mund noch unvollständigen Satzes zu bemächtigen und ihm eine weitaus interessantere Wendung zu geben; ich hatte zusehends das Gefühl, geradezu brillant zu werden.“

Kindheit und Jugend     Sylvia Townsend Warner wurde am 6. Dezember 1893 in der typisch englischen Ortschaft Harrow-on-the-Hill geboren. Ihr Vater war Master an der nahegelegenen, weitherum bekannten Schule von Harrow. Er unterrichtete Geschichte. nach einem kurzen Aufenthalt im Kindergarten, aus dem sie wegen Frühreife und Ungehorsam verwiesen wird, wird sie zu Hause unterrichtet: ihre Mutter unterrichtet sie zwei Stunden am Tag in allen Fächern, außer in Geschichte, die ihr Vater ihr erzählt. Geschwister hat sie keine; sie liest. Mit ihrem Vater verbindet sie eine idyllische Beziehung. Die Mutter ist eine ungeheuer tüchtige, geistreiche, aber auch autoritäre Frau, mit der nicht einfach auszukommen ist. „Solange sie nicht Aktionen befürwortete, die gesetzeswidrig waren oder zu einem öffentlichen Sklandal führten, war mein Vater immer einer Meinung mit ihr.“ Als Mr. Warner stirbt, zeiht Sylvia es vor, nach London zu gehen und dort lieber allein in Armut zu leben, als sich auf einen unvermeidlichen Konflikt einzulassen. „Meine Mutter hatte keinen Sohn, mit dem sie mich hätte vergleichen können, aber das Gefühl tiefster Enttäuschung, zu dem ich ihr Anlaß gab, war sicher verdient. Ich stand morgens um sieben auf, um mich ans Klavier zu setzen, lehnte jegliche Haushaltsarbeit strikte ab, kleidete mich ostentativ in Schwarz, als Vamp mit Hornbrille.“

Musik     Sylvia war in erster Linie Musikerin. Sie wäre gern nach Wien gegangen, um bei Schönberg zu studieren, aber der Erste Weltkrieg dirigierte sie statt dessen in eine Munitionsfabrik. Sie hat sich trotzdem der Musikwissenschaft gewidmet, trug zusammen mit drei anderen Spezialisten – darunter der berühmte Dr. Rambotham – an der Entstehung der monumentalen Ausgabe der Tudor Church Music bei, der Wiederentdeckung der berühmten enlischen Musik des 16. Jahrhunderts. Sie war also eine der ersten, die nach über drei Jahrhunderten die Handschriften von John Taverner, Thomas Tallis, William Byrd und Orlando Gibbons lasen. „Taverners Missa Salve Intemerata stürzte die vier Autoren der Tudor Church Music, zu denen ich gehörte, in sich ständig neu vor uns auftuende Abgründe der Ratlosigkeit. Wir saßen um einen Tisch mit Blick auf die Themse und sagten mal verzweifelt: Wenn aber doch … Dann wieder mit ekstatischer Begeisterung: Ja aber, schließlich … Derweil auf dem Fluß die Schleppdampfer heulten.“ Fast siebzigjährig, am 20. April 1961, schreibt sie: „Ich würde gern eine Sonate für Violine und Klavier komponieren; ein Auftragswerk zum Beispiel (merkwürdig, ich habe immer gern im Auftrag gearbeitet; der Begriff Auftrag hat etwas Geradliniges, Geordnetes an sich, das mich fasziniert – als ob man einen Anzug mit Weste trüge und eine hübsche Perücke dazu).“

Lyrik     Nach ihren musikalischen Anfängen sieht sie sich eher als Dichterin. Sie wird zeit ihres Lebens eine Vorliebe für jene absonderlichen Lyriker englischer Tradition hegen, die nicht exportierbar, brummig, exzentrisch und erzenglisch sind, die aber nicht eigentlich zu den Besten gehören, Hardy oder Crabbe zum Beispiel. „Erinnerst Du Dich“, schreibt sie in einem Brief von 1953, „an den Quacksalber bei Crabbe, der den Protagonisten wegen Syphilis behandelt und ihm zum Trost sagt: Just take the boluses from time to time / and hold but moderate intercourse with crime. [Nehmt von Zeit zu Zeit Eure Arznei und begnügt Euch maßvoll mit unerlaubtem Geschlechtsverkehr.]. Crabbe ist ein Dichter, den ich schlicht wunderbar finde. Kein anderer englischer Dichter hat ein solches Repertoire an Schwulen aufzuweisen. Vor langer Zeit, in meinen ersten Londoner Jahren, als ich jung, ausgehungert und sinnlich war, ging ich eines schönen Sommermorgens Brot kaufen; auf dem Rückweg habe ich zweimal haltgemacht, das erste Mal, um ein Pfund jener winzigen Tomaten zu kaufen, die man von den Stengeln zupft, damit ihre wohlgeratenen Schwestern besser gedeihen können, das zweite Mal wegen eines antiquarischen, viktorianisch gebundenen Buches von Crabbe. Noch heute spüre ich die erfüllende Intensität jenes Morgens. Ich las Crabbe und nochmals Crabbe, ich aß Tomaten und nochmals Tomaten mit Brot, und hatte alles vergessen, alles, was ich hätte tun müssen, und auch alles, was ich nicht hätte tun müssen und nichtsdestotrotz getan hätte. Alles war vergessen. Amnestiert. Ich las Crabbes Gedichte, als hätte ich sie selbst geschrieben.“

Lesen, als hätte man selbst geschrieben. Die Geschichte lesen, als hätte man sie selbst erlebt: Genau so würde sie als Romanschriftstellerin vorgehen. Jede Erzählung, jeder Roman wurde für sie zu einer Übung im Besitzergreifen.

Sylvia Townsend Warner mit Siamkatze in Frome Vauchurch, 1960sPorträt der Künstlerin als Romanschriftstellerin     Das Bild, das sich Sylvia Townsend Warners späte Bewunderer von ihr machen, ist ganz offensichtlich von irem ersten Roman Lolly Willowes beeinflußt. Peter Pears schreibt 1980 in seinem Vorwort zu Twelve Poems: „Ich erinnere mich, daß man mir gesagt hatte, Lolly Willowes sei in gewissem Sinne ein Selbstporträt, und die Autorin wirklich und wahrhaftig eine Hexe. Als ich dann Sylvia in den letzten Jahren ihres langen Lebens kennenlernte, war ich davon überzeugt. Sie ging gebückt, hatte eine krächzende Stimme und ein Nußknackergesicht; es fehlte nur mehr der Besen, um davonfliegen zu können. Ich habe allerdings in der National Portrait Gallery eine Fotografie aus den zwanziger Jahren von ihr gesehen, eine Profilaufnahme: ruhig und selbstsicher, kurzes Haar, elegant, spitz wie eine Nadel, schön und apart.“

Politik     Sylvia Townsend Warner arbeitete in ihrer Eigenschaft als Mitglied der Kommunistische Partei Großbritanniens als Berichterstatterin in Spanien, und zwar auf der republikanischen Seite Spaniens: in Barcelona, Valencia und Madrid. Ihre politische Einstellung ist in ihrem literarischen Werk kaum offen erkennbar. Sie scheint auch in politischer Hinsicht nicht eben konformistisch gewesen zu sein (wie ein Kommentar aus Barcelona aus dem Jahre 1938 beweist, in dem sie offen ihre Sympathie für die Anarchisten zum Ausdruck bringt. Nach dem Zweiten Weltkrieg spricht aus ihren Briefen die gleiche Ironie und Skepsis, die sich im übrigen immer gegen die ein und dieselben richtet.

„21.10.52 [kurz vor der Präsidentschaftswahl 1952 geschrieben, in der Eisenhower über den Demokraten Stevenson siegen sollte]: Ich kann Eisenhower nicht ausstehen. Der Kerl heult ständig, und ich finde das reichlich übertrieben, selbst für einen General. Zu wessen Gunsten die Wahl auch immer ausfällt, ich nehme an, daß er sich an Stevensons Brust ausweinen wird. […] Es ist mir durchaus bewußt, daß ich mich mit solchen Bemerkungen von einem chauvinistischen Vorurteil hinreißen lasse. Von den Männern im öffentlichen Leben unseres Landes erwartet man, daß sie niemals weinen, außer vielleicht beim Cricket.“

1976 hat sie für Mrs. Thatcher herzlich wenig übrig:

„Könntest Du mir vielleicht irgendeine hübsche, skandalträchtige Falschmeldung zuschieben, die man über Mrs. Thatcher in Umlauf bringen könnte? Nicht von der Sorte: Sie unterhält widernatürliche Beziehungen zu Barbara Castle [damals noch Mitglied der Labour Party], sondern eher so etwas wie: Sie ißt Spargel mit dem Messer. Oder auch: Sie setzt ihren Gästen Kartoffelflockenpüree vor.

Ihre politische Haltung stellt tatsächlich einen besonderen Aspekt ihrer allgemeinen Respektlosigkeit dar:

„1.7.60: Ich bin fasziniert von Eckermanns Gesprächen mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. Hast Du jemals dieses kuriose Werk gelesen? Es kommen darin mehr Platitüden pro Seite vor, als man sich überhaupt vorstellen kann. Eckermann ist so voller Bewunderung. So ein Arschkriecher, schlimmer noch als Boswell Dr. Johnson gegenüber. Und Goethe ist so zuckersüß. Das kann einen in der weiblichen Vorstellung doch nur bestärken, daß die Männer, wenn sie unter sich sind, wie ausgestopfte Eulen reden.

Hunde und Enten; Katzen; Katzen (bis); Fuchs, Rosen und Vettern     Brief vom 29.8.1921 (Rückkehr ins Elternhaus): „Worte sind nicht imstande, die pelzige Wonne dieser Chow-Chows zu beschreiben, ebensowenig die verzückte Beharrlichkeit ihrer Begrüßung. Wie Algen winden sie sich um meine Beine, küssen mir mit ihrer kalten, bleiblauen Zungenspitze die Hände. Und erst die Wonne eines ungefähren Dutzends kohlschwarzer Enten mit ihren glatten, reckenden Hälsen, die wie eine Konferenz nonkonformistischer Clergymen in grauen Holzpantinen durch den Garten watscheln. Ich habe jeder einen Namen gegeben: Swedenborg, Mr. Toplady, Joanna Southscott, Wesley und Whitfield, Reverend Chalmers, Frances Tidley Havorgood, Mrs. Guyon und Miss Royden. Doch das ist vergebliche Liebesmüh, da man sie unmöglich voneinander unterscheiden kann.“

Katzen, 1965: „Ich wünschte, Du könntest die zwei Katzen sehen, wie sie Seite an Seite auf der viktorianischen Chaiselongue vor sich hin dösen. Pfoten, Ohren und Schwanz genau aufeinander abgestimmt. Mitunter öffnen sie die blauen Augen, von einem einzigen, gemeinsamen Gedanken bewegt, mit Blinzeln zu verstehen zu geben: Hast du etwa vergessen, daß bald Zeit für den Lunch ist? Sie könnten wahrhaftig von Bach für zwei Flöten komponiert worden sein.“

Katzen, bis: „Ich hatte Grippe, und sie brachten mich schier um den Verstand, weil sie mich mit ihren großen Augen anstarrten und mir bedeuteten: O Sylvia, du bist ja so krank, du wirst bestimmt bald sterben. Und wer soll uns dann füttern? Feed us now. Gib uns vorher zu fressen.<"

Der Fuchs, 4.9.58: „Vorgestern ist mir ein Wunsch in Erfüllung gegangen, der so alt ist wie ich selbst. ich habe einen Fuchswelpen in den Armen gehalten, ein Waisenkind (mit anderen Worten, seine Mutter, die Füchsin, war getötet worden). Ich habe ihn auf den Arm genommen und seinen herben Geraniengeruch eingeatmet, und plötzlich hat er seine spitze Schnauze unter mein Kinn geschmiegt, hat sich in meiner Achselhöhle vergraben und ist im Handumdrehen verzückt eingeschlafen. Seine Pfoten sind unglaublich weich, weich wie Himbeeren. Alles an ihm ist anmutig, ein richtiger Adonis. Er hat ein durch und durch elegantes Profil und ein Gesicht voller reinster Unschuld.“ (Siehe Peter Pears nachstehende Beschreibung.)

Rosen und Erdbeeren, 18.6.61: „Und nun sitze ich hier, mit Erdbeeren und Tugenhaftigkeit bis zum Hals vollgestopft, nachdem ich zig Liter Frischblut in Form von Gießkannen an die Rosen verteilt habe, meine liebevollen Gesprächspartnerinnen.“

Und die Vettern: „Ich habe zwei entfernte, hochbetagte Vettern: Bruder und Schwester, die zusammen wohnen. Sie ist um die Achtzig, er ein ganz klein wenig jünger. Neulich saßen sie beide in ihrem Salon. Er las, sie strickte. Plötzlich stand sie auf, um im anderen Teil des Raumes etwas zu suchen. Sie glitt aus und fiel flach hin, ohne sich jedoch weh zu tun. Sie sagte: Charlie, ich bin hingefallen. Charlie legte sein Buch weg, wandte sich zu ihr um, sah sie an – und schlief ein.“

Sylvia Townsend Warner mit Siamkatze in Frome Vauchurch, 1960sLiterarischer Ruhm     2.5.67: „Habe ich Dir schon erzählt, daß man mir angetragen hat, Mitglied der Royal Society of Literature zu werden? Die gehen zweifellos alphabetisch vor (weshalb sie so lange gebraucht haben, um bis zu mir vorzudringen). Das ist die erste öffentliche Anerkennung, die mir zuteil wird, seit man mich wegen meines ätzenden Einflusses aus dem Kindergarten gewiesen hat.“

Traum einer Zauberin     Januar 1965: „Ich habe geträumt, daß König Arthur und Merlin ihrem Grab entstiegen waren und nun in einer kleinen, sehr männlichen Junggesellenwohnung lebten, mit einem flackernden Feuer und dieser Art von Möbeln, die in den Colleges von Generation zu Generation weitergereicht werden: räudige Sessel, altersschwache Bücherschränke, ein schwarzer Samthandschuh, um die Kohle aufs Feuer zu legen. Arthur schrieb an seiner Geschichte Englands. Und Merlin wärmte sich die Zehen. […] Ich schaute ihnen unsichtbar (wie immer in meinen Träumen) zu und bemerkte, daß Arthur innehielt und sich mit dem Gesichtsausdruck eines, der nicht mehr weiß, wo er ist, am Kopf kratzte. Und Merlin lieferte ihm auf der Stelle die Antwort. Dann wärmte er sich wieder die Zehen. Und König Arthur schrieb weiter an der Geschichte Englands.“

Sylvia Townsend Warner starb 1978 im Alter von fast fünfundachtzig Jahren.

Die Schriften: zahlreiche     Da sind zum einen die – unveröffentlichten – Tagebücher, die Briefe an Valentine Ackland, ebenfalls uveröffentlicht (Privatleben bleibt Privatleben). Dann eine erste Sammlung ihrer Briefe, von William Maxwell in einem Band zusammengestellt, im Freund und Verleger beim New Yorker, dem bevorzugten Blatt vieler angelsächsischer Autoren. Sie war eine leidenschaftliche Briefeschreiberin (wie Henry James, nur in einem ganz anderen Stil), und so stellen ihre Briefe die zweite Etappe ihrer fiktionalen Verarbeitung der Welt dar, der sie sich unaufhörlich widmete.

Um das vorliegende Porträt zusammenzustellen, habe ich aus dem erwähnten Briefband geschöpft.

Ferner sind die Kurzgeschichten zu erwähnen: acht Bände Kurzgeschichten. Einhundertvierundvierzig davon im New Yorker erschienen, was einen Rekord darstellt (und nach dem Zweiten Weltkrieg eine Einnahmequelle). Eine Biographie, und zwar die des Romanschriftstellers T. H. White, Verfasser eines unglaublich erfolgreichen und nicht sehr guten Arthur-Romans: The Once and Future King (eine Auftragsarbeit!). Eine Übersetzung: Contre Sainte-Beuve von Proust.

Und sieben Romane!

Sie schrieb bis zu ihrem Tod. In ihren letzten Lebensjahren begann sie plötzliche eine Reihe von Erzählungen, an die zwanzig, zu schreiben, die sich allesamt um Ereignisse im imaginären Reich der Elfen drehen, jener unsichtbaren, sterblichen, grotesken und ziemlich garstigen Wesen. William Maxwell ist der Ansicht, diese Erzählungen ihrer späten Jahre seien „von großer, geheimnsivoller Schönheit; sie wirken so authentisch, daß sie – wie William Blakes Bericht vom Begräbnis einer Elfe – den Eindruck vermitteln, die Autorin habe Zugang zu Inforamtionen aus erster Hand gehabt.“

T. F. Powys     In seinem Vorwort zu A Moral Ending, einem Band mit drei Kurzgeschichten aus ihren frühen Jahren, schreibt er 1931: „Ihre Prosa setzt sich aus Gegenständen zusammen, aus auserwählten Gegenständen, wie eine Patchworkdecke aus dem Jahre 1746: einem Paar hoher Kerzenleuchter, einem Holzfeuer, einer Flasche altem Wein, einem Garnknäuel mit einer Nadel, und das Ganze mit einem roten Pantoffel geschmückt.“

Oder einem Glaspantoffel.

Die intensive visionäre Kraft der Erzählerin, ihre meisterhafte Beherrschung des Abstrusen, des Vertrauten und desv Verschiedenartigen sind genau das, was dieser Zusammenstellung verloren anmutender Gegenstände Leben verleiht, diesem Augenblick des Da-Seins oder des Abwesend-Seins, die sich nur in der Fiktion finden.

Sylvia Townsend Warner mit Siamkatze in Frome Vauchurch, 1960sEine Kurzgeschichte aus dem Jahre 1938:     Die eingehendere Betrachtung einer wahrscheinlich im Jahre 1938 geschriebenen Kurzgeschichte mit dem Titel Persuasions eignet sich ganz besonders für eine erste Annäherung an Sylvia Townsend Warners fiktionales Vorgehen.

„Es war der 1. Mai. In Europa und in Amerika, in Asien, Australien und Afrika marschierten Menschenmassen hinter roten Fahnen auf. Ein Jahr zuvor war auch Herr Alban hinter einer roten Fahne aufmarschiert.“ Herr Alban ist der Held der Geschichte. Wenn er an diesem 1. Mai nicht defiliert, so deshalb, weil die Parade von „Stalinanhängern“ angeführt wird. Und Herr Alban ist nun mal Trotzkist. Und was tut er?

Eine Schachtel mit vier Krapfen und ein Buch von Jane Austen unter dem Arm, das er sich in der Staddtbücherei ausgeliehen hatte, ging er die Esmond Road, N.W.3, hinunter. […] Eigentlich mißbilligte Herr Alban seine Wahl. Er und Jane Austen hatten nichts miteinander gemeinsam. Er wünschte, er hätte nie ein Wort von dieser Frau gehört. Er verachtete ihre Gestalten, er verachtete ihren Stil. Und erverchtete sich selbst. Aber unvorsichtigerweise hatte er eines Tages dieser Sirene Gehör geschenkt, und nun kam er nicht mehr ohne sie aus. Monatelang konnte er enthaltsam bleiben, und jedesmal packte ihn das Verlangen erneut. Er mochte sich noch so sehr einreden, daß er Jane Austen bloß las, weil sie die bürgerliche Denkweise meisterhaft darstellte. In Wirklichkeit las er Jane Austen, weil er sie liebte.“

Die Erzählung ist ein Meisterwerk vielschichtiger Ironie (Selbstironie mit eingeschlossen, wenn man Miss Warners damalige Standpunkte berücksichtigt, denn Herr Alban ist tatsächlich sehr wohl der „Held“ der Geschichte). In einem köstlichen, sowohl literarischen als auch politischen Streitgespräch über Jane Austen stehen sich der Trotzkist, ein von der Parade heimkehrender kommunistischer Demonstrant, ein Polizist und die Bibliothekarin – bei der Herr Alban das Buch ausgeliehen hat – gegenüber. Was für eine Position die Autorin selbst bezieht, bleibt offen. Doch die Bezugnahme auf auf Jane Austen (einer ihrer Romane stand Pate für den Titel der Kurzgeschichte) ist ein verhülltes literarisches Manifest. Jane Austen ist es, die, unsichtbar und indirekt wie im Traum von Arthur und Merlin (wobei die Sirene an die Stelle des Zauberers tritt), Miss Warners Person verkörpert.

Die vier Romane     Von den Aufzeichnungen zu den Briefen, von den Briefen zu den Kurzgeschichten, von den Kurzgeschichten zu den Romanen gewinnt der Prozeß der magischen Transfiguration immer mehr an Breite und Vielschichtigkeit. Alle Ingredienzien Warnerscher Wesensart finden sich hier zusammen: Exzentrik, Ironie, Respektlosigkeit, Humor in den verschiedensten Spielarten; die Distanz zum Leser, die Ungreifbarkeit, die Art auszuweichen (elusive lautet das englische Adjektiv hiefür); das Antlitz des Unsichtbaren in Form des Sichtbaren: Hexen, Dämonen, Magier, Elfen, Sirenen; das Absurde, Geheimnisvolle, Unheimliche (das englische uncanny); jedes Fragment der natürlichen Welt mit Entsprechungen belegt(die Himbeerpfote des jungen Fuchses) und gesehen, als ob es tatsächlich sei.

Von den sieben Romanen ragen vier (mit The True Heart vielleicht fünf) hervor.

Nach Lolly Willowes ist es Mr. Fortune’s Maggot (1927), dann Summer Will Show (1936) und The Corner That Held Them (1948).

Die beiden letzteren sind „historische Romane“. In Summer Will Show steht die Revolution von 1848 im Mittelpunkt der Handlung. Der Roman, der zum Zeitpunkt von Hitlers Machtergreifung und dem Beginn der Judenverfolgung fertig geschrieben worden ist, enthält eine Pogromszene aus Rußland, die man nicht so leicht vergißt.

In The Corner That Held Them wird man mitten in ein englisches Nonnenkloster des 14. Jahrhunderts versetzt und bleibt dreißig Jahre lang dort.

Von Mr. Fortune’s Maggot und Summer Will Show gibt es je ein Entstehungsprotokoll, die auffallende Ähnlichkeiten ausweisen: In beiden Fällen ist eine Kulisse vorhanden, die aus mehr oder weniger großer Entfernung im Traum betrachtet wird und die eine andere Kulisse in sich birgt.

Mr. Fortune     a) Paddington Public Library 1918: Die als Buch veröffentlichten Briefe einer Missionarin in Polynesien. Sie beschreibt ein Erdbeben. „Sie schrieb, die Erde habe gebebt wie der Deckel eines brodelnden Teekessels.“

b) Einige Zeit später träumte sie in den frühen Morgenstunden: „Ein Mann stand am Ufer eines Ozeans und rang verzweifelt die Hände; ich wußte, daß es ein Missionar war. Er befand sich auf einer Insel, wo ihm nur eine einzige Bekehrung gelungen war, und in dem Augenblick, als ich ihn im Traum sah, war er sich soeben darüber klargeworden, daß auch diese Bekehrung in Wirklichkeit keine war.“

Summer Will Show     a) 1290, eine junge Dame zur Zeit der ersten Regierungsjahre von Königin Victoria. Sie hat eine heimliche Leidenschaft: den Boxsport. Sie heißt Sophia Wiloughby.

b) Ein Jahr später, die Traumvision einer Protagonistin namens Minna, die in einem Pariser Salon das Judenpogrom schildert; Lamartine hört gegen die Tür gelehnt zu.

c) 1932, Rue Mouffetard, aus einem Lebensmittelladen tretend: Es wird ein Roman über die Revolution von 1848.

Brief an David Garnett vom 11.11.25     „Alle sagen mir, mein Roman (Lolly Willowes) sei charmant, sei ausgezeichnet, und meine Mutter behauptet, er sei fast so gut wie ein Roman von Galsworthy. Ich verzweifle je länger, je mehr.“

Kindheitserinnerung     Die Neunjährige bei der Lektüre eines Buches, eines Kapitels über Hexerei. Sie setzt sich auf eine Treppenstufe und wiederholt der Katze die Beschwörungsformeln, die den Teufel herbeirufen sollen.

Sylvia Townsend Warner mit Siamkatze in Frome Vauchurch, 1960s

Man könnte     Man könnte (und es wurde getan) Lolly Willowes im Licht von Sylvia Townsend Warners Leben lesen – oder auch umgekehrt. Alles Wesentliche kommt darin vor: in den Briefen, Erinnerungen, Blicken, Begebenheiten. Einige habe ich hier zusammengetragen. Es wird nicht mehr lange dauern, und es wird sich bestimmt eine „Biographie“ dieser Aufgabe nach angelsächsischer Manier eingehender annehmen. Vor allem dann, wenn Miss Sylvia Townsend Warner, was durchaus der Fall sein könnte, als eine der großen englischen Autorinnen dieses Jahrhunderts anerkannt werden sollte.

Dieser Roman, der sagt – und deutlich zum Ausdruck bringt –, was er meint, scheint mir bei näherer Betrachtung auf zwei Bildern aufgebaut zu sein, die ich in umgekehrter Reihenfolge anführen möchte:

a) die ungewöhnliche Schlußvision: der Teufel, das Unsichtbare und die Traumvision vom Bett aus Blättern;

b) das Buchenblatt im kleinen Laden, wo Laura (Lolly) plötzlich wußte, was sie wissen wollte, und nun weiß, was sie tun wird. „Laura“, ein Name, der seinen Ursprung in der Wald- und Pflanzenwelt hat wie „Sylvia“ (Lorbeer und Weide, „willow“);

Ein Vorgehen übrigens, das die Autorin im Fall von Mr. Fortune und Summer Will Show beschrieben hat.

Mr. Fortune’s Maggot, der zweite von Sylvia Townsend Warners drei großen frühen Romanen, vor The True Heart und nach Lolly Willowes erschienen, ist der vielleicht in sich geschlossenste.

Philosphisches Märchen, theologisches Paradoxon und Abenteuerroman unter den Wilden der Südsee, tritt Mr. Fortune’s Maggot gleichzeitig in die Fußstapfen von Diderots Nachtrag zu Bougainvilles Reise und Melvilles Omoo. Die reine anglikanische Seele des Helden Timothy Forune, dessen Name allein schon die Essenz viktorianischer Missionsberufung in sich vereint (spätviktorianische allerdings, da die Geschichte sich in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg abspielt), diese Seele begegnet also – genau wie Laura Willowes – dem Teufel. Doch es ist nicht der souveräne, gefühllose Teufel der englischen Wälder, sondern ein vespielter, ironischer Teufel, unsichtbar und unberechenbar, der sich auf der winzigen Insel, wo Mr. Fortune ihm erfolglos entgegenzutreten versucht, unter dem sogenannten „Naturzustand“ der Anthropologen verbirgt.

Unendlich amüsant und herrlich pathetisch, gilt Mr. Fortune’s Maggot als eines der Meisterwerke englischer Prosa unseres Jahrhunderts.

Sylvia Townsend Warner, Unterschrift

Bilder: Buchcover 1996; Sylvia Nora Townsend Warner in Fembio; Howard Coster, 1934;
Valentine Ackland in Frome Vauchurch, Dorset, nach 1960.

Tudor Church Music: John Taverner: Mater Christi sanctissima von Sansara, 2018:

Written by Wolf

1. Mai 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Novecento, ~~~Olymp~~~

Wem recht die Brust sich dehnte vom sanften Lau des März (oh yeah!)

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Update zu Und Beethoven so: WTF??!!! (Aufmerksam hab‘ ich’s gelesen)
und Da unten in jenem Thale (da geht ein Kollergang):

Tina Sosna, Ricarda, Silja, Julia. Lacustrine, 2017

Gustav Seibt sagt es so — ausnahmsweise nicht in der Süddeutschen Zeitung, sondern auf Facebook am 20. September 2019:

Oh, yeah!

Von Eckhard Henscheids Eichendorff-Büchlein „Aus der Heimat hinter den Blitzen rot“ kann man wohl kaum mehr als fünf Seiten am Stück lesen, schon weil man unentwegt unterbricht, um die anzitierten Vertonungen nachzuhören. Aber vor allem weil Henscheid sich immer wieder in ein Delirium redet und schreibt, und zwar ein gleichermaßen verquasseltes wie poetisch verdicktes, eine Suada des Enthusiasmus über Dichtung und Musik — im Grund ist es fast egal, wo genau man in diesen Stream einsteigt und reinhört, die Bilder, Metaphern, preziösen Fremdwörter, verbalen Ausbrüche und Rücknahmen steigern sich immer wieder zu einem erhöhten Sprachzustand, dem oft nur der Abbruch mitten mit im Satz beikommt — hier eine Soundprobe zu „künftigem großen Glück“ und „Mondesglanz“: Wer danach nicht zu Robert Schumann und Felix Mendelssohn eilt, hat ein Herz aus Stein.

Mit der Soundprobe meint er:

——— Eckhard Henscheid:

Aus der Heimat hinter den Blitzen rot:
Gedichte von Joseph von Eichendorff.
Ein Lesebuch von Eckhard Henscheid

Hanser Verlag, 1999:

Tina Sosna, Ricarda, Silja, Julia. Lacustrine, 2017Der „Frühlingsnacht“ wie des Schwesterwerks künftiges großes Glück: ganz auszuloten ist das Gemeinte nicht. Es hat zu tun mit einer spezifischen Gestimmtheit, mit einer Idee, die als sinnlich überaus scheinende bei vielen der ebendeshalb allerschönsten Eichendorffstrophen und -zeilen aufgeht; sonst zuweilen eben auch von mancherlei Schumann-Musik; aber vor allem wiederum doch der Mendelssohns, dem Beginn des Violinkonzerts in e-moll etwa, oder dem Elfenchor des „Sommernachtstraum“, beidemale vernehmlich in Sonderheit im bangfrohen Pochen der Pauken: als tippten sie wie ein erwartungsvolles Kätzchen mit der sanften Pfote auf unsere dämmrige Stirn, uns zum Aufbruche zu mahnen, ins künftige große Glück, gleichwie zu pochen und zu tippen an des Zukunftsschicksals ja schon halboffene Pforte —

— was aber dieses künftige große Glück denn nun wirklich ganz genau sei, das läßt sich trotzdem nicht sagen, höchstens allzu geschwollen. Das im Sinne der ganz besonderen und unwiederbringlichen, allerdings offenbar im Gedicht doch revozierbaren Eichendorff-Heidelbergischen Romantik aufgebrochene und entfesselte Menschheitsgefühl selber wird es wohl sein, kulminierend und symbolisch gekrönt in dem werweiß deutschesten aller Wörter, dem „Mondesglanz“ als der damit schon erfüllten Vorahnung des großen Glücks, als der fast militanten Lichtfanfare der Idee Romantik, einer speziell deutschen Romantik zugleich — vorzüglich dann, wenn dieser Eichendorff-Schumannsche „Mondesglanz“ diesmal weniger von Hermann Prey, sondern einer so spezifischen Deutschen wie der bekannten Jessye Norman ausgestoßen wird: es ist das dann schon wie ein hinreißend-hingerissener Trumpfdreisilber mitten im schäumenden Triumphgefühl, oh yeah.

Tina Sosna, Ricarda, Silja, Julia. Lacustrine, 2017

Das fasst schon auf der kurzen Strecke zusammen, warum ich Henscheid unter den verdienstvollen Recken der Neuen Frankfurter Schule immer am wenigsten mochte — was mein Problem ist, nicht seins: „spezifische Gestimmtheit“, „das im Sinne der ganz besonderen und unwiederbringlichen, allerdings offenbar im Gedicht doch revozierbaren Eichendorff-Heidelbergischen Romantik aufgebrochene und entfesselte Menschheitsgefühl“, und „beidemale vernehmlich in Sonderheit im bangfrohen Pochen der Pauken“, also bitte mal; ich hoffe inständig, aus alter Befangenheit nur blind für Henscheids Selbstironie zu sein.

Dabei ist gerade er mit seinen Feldzügen gegen das Dummdeutsche, die das „publizistische Scharmützel“ (Wolfgang Heubisch, FDP, 2009) nicht scheuen, einer der verdienstvollsten Neuen Frankfurter, dazu — siehe oben — mit hoher Affinität zur deutschen Romantik, und als gebürtigem Amberger sollte ich ihm eigentlich persönlich nahe stehen. Eigentlich. Aber noch eigentlicher kommt man — siehe noch weiter oben — eben nicht um ihn herum. Jedenfalls hat er die richtigen Fans: Ebenjenem Gustav Seibt, von dem ich nicht wenig halte – endlich mal ein Journalist, der sich im richtigen Thema richtig auskennt —, gilt Henscheids „unvergleichliche Leistung des Humors“ geradezu als „Henscheidsche Wende in der deutschen Nachkriegsliteratur“. Alle Achtung. Sag ich ja, dass es mein Problem ist, nicht seins.

Außerdem hat Gustav Seibt seinerseits Facebook-Follower, die sich zu etwas gehaltvolleren Kommentaren herbeilassen als „lol“, „ggg“ oder „This.“ Zu seiner Auslassung über Aus der Heimat hinter den Blitzen rot unter anderem:

Tina Sosna, Ricarda, Silja, Julia. Lacustrine, 2017Niemand deliriert schöner als Jean Paul und sein Erbe Henscheid.

Die einen sagen so, die andern so. Siehe oben.

Schön auch Henscheids Wandergedicht im postromantischen Eichendorff-Sound samt Heine’scher Brechungen!

Danach Henscheids Wandergedicht als Telephonphotographie. Siehe unten (das Gedicht, nicht das Handyfoto).

Vielleicht könnte der Verlag ja einfach den Soundtrack als CD (oder als Playlistlink, für die jüngeren unter uns) beilegen?

Auch gute Idee. Der Soundtrack zu einem Buch als Spotify-Playlist wäre nicht das Dümmste, was ich je angelegt hätte.

Fangen wir an mit den Textbelegen: Soll Henscheid meist verdeckt Literatur- und Opernzitate in seine Texte einmontieren, ist das „künftige große Glück“ in der Vorlage Eichendorff recht eindeutig zuzuordnen:

——— Joseph von Eichendorff:

Schöne Fremde.

1837:

Es rauschen die Wipfel und schauern,
Als machten zu dieser Stund‘
Um die halbversunkenen Mauern
Die alten Götter die Rund‘.

Hier hinter den Myrthenbäumen
In heimlich dämmernder Pracht,
Was sprichst du wirr wie in Träumen
Zu mir, phantastische Nacht?

Es funkeln auf mich alle Sterne
Mit glühendem Liebesblick,
Es redet trunken die Ferne
Wie von künftigem großen Glück! —

Tina Sosna, Ricarda, Silja, Julia. Lacustrine, 2017

Die gleiche Lage besteht beim „Mondesglanz“:

——— Joseph von Eichendorff:

Frühlingsnacht

1837:

Übern Garten durch die Lüfte
Hört ich Wandervögel ziehn,
Das bedeutet Frühlingsdüfte,
Unten fängts schon an zu blühn.

Jauchzen möcht ich, möchte weinen,
Ist mirs doch, als könnts nicht sein!
Alte Wunder wieder scheinen
Mit dem Mondesglanz herein.

Und der Mond, die Sterne sagens,
Und in Träumen rauschts der Hain,
Und die Nachtigallen schlagens:
Sie ist Deine, sie ist dein!

Tina Sosna, Ricarda, Silja, Julia. Lacustrine, 2017

Ein gedeihlicher Fund war mir Henscheids Wandergedicht. Das lässt einen fast schon mit allen Ressentiments brechen, schon gar mit den hässlich grundlosen wie denen gegenüber dem Oberpfälzer Nachkriegsliteraturüberwinder und -wender Henscheid:

——— Eckhard Henscheid:

Vorfrühling im Sulzbacher Land

vor 2008:

Tina Sosna, Ricarda, Silja, Julia. Lacustrine, 2017Wer auf den Wogen schritte
von lindem frischem Grün;
wer über Hügel glitte,
wo Anemonen glühn;

Wem recht die Brust sich dehnte
vom sanften Lau des März;
wer in den Hain sich sehnte:
dem blümt jetrzt Aug‘ und Herz.

Rings sich die Wiesen weiten,
und blau am Firmament
Düfte in Schaum sich kleiden
von Wolken – und man wähnt

Heut‘ schon Karfreitag gekommen,
diesig unde bräsig – das Warten
auf Ostern, freudvoll beklommen:
des Schmauses im Prohofer Garten.

Zwei Herren streichen für sich hin
– es lümmelt ein Lufthauch, ein warmer – :
der eine im Polohemd, Krauskopf, Bluejean,
der and’re sieht aus wie ein sehr kleiner Farmer.

Löwenzahn knistert, Schwalbe girrt;
Buschwind fährt sachte durchs Röschen;
voll in die Landschaft ist integriert
des Farmers grasgrünes Höschen.

Igelchen raschelt im laubigen Blatt,
froh des erwachten Gewandels –
fern dröhnt das Lärmen der staubigen Stadt,
Zentrum des Teppichhandels.

Zwei Herren dackeln übers Land
in trautem Plausch – zwei Bekannte –,
und zwischen ihnen pendelt gewandt,
Wenzi, die Hundetante.

Tina Sosna, Ricarda, Silja, Julia. Lacustrine, 2017

Eine Herausforderung ist der Soundtrack als Playlist in einer Aufzählung, die sogar die Einspielungen unterscheidet. Der Bestand aus Seibts Ausschnitt heißt uns für den Anfang zu Robert Schumann und Felix Mendelssohn eilen:

  1. Felix Mendelssohn Bartholdy: Violinkonzert e-Moll, opus 64, 1844,
    live mit Hilary Hahn:

  2. Felix Mendelssohn Bartholdy: Ein Sommernachtstraum, opus 61, 1842, Elfenreigen,
    live auf dem Münchner Odeonsplatz:

  3. Robert Schumann: Schöne Fremde, aus: Liederkreis, opus 39, 1840/1842,
    Probenmitschnitt einer Meisterklasse unter Dietrich Fischer-Dieskau:

  4. Robert Schumann: Frühlingsnacht, aus: Liederkreis, opus 39,
    wie von Henscheid empfohlen von Jessye Norman:

Das war aus einer einzigen Druckseite, auf der ein musikalisch beschlagener Satiriker Vertonungen mit Eichendorff-Bezügen anzitiert, die ein bedeutender Feuilletonist mit Henscheid-Bezügen anzitiert. Nicht auszudenken, was auf den restlichen 175 Seiten der Heimat hinter den Blitzen rot noch alles gespielt wird.

Tina Sosna, Ricarda, Silja, Julia. Lacustrine, 2017

Vorfrühlingsbilder: Tina Sosna: Ricarda, Silja, Julia. La(u)custrine, 2017.

Bonus Track: My Bubba & Mi: Through & Through, aus: Wild & You, 2011:

Written by Wolf

13. März 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Romantik

Blumenstück 004: Und wohl im armen Herzen auch

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Update zu Meteorologischer Frühlingsbeginn,
Frühlingsreigen Buranum und
Wer fühlt den Krampf der Freuden und der Schmerzen nicht:

Jana Martish, Freedom, 29. Juni 2012

Zum meteorologischen Frühlingsanfang bietet sich die Gelegenheit, auf den Facebook-Ableger von DFWuH hinzuweisen. Nicht dass jemand außer dem bekannten Herrn Zuckerberg etwas davon hätte, aber bei 39 Gruppenmitgliedern komme ich voraussichtlich ohne weiteres mit ein paar zusätzlichen Likes klar. Besonderer Dank geht in diesem Sinne nach annähernd einem Jahr endlich an Thomas Faulhaber, der mir am 17. März 2019 auf demselben Facebook-Ableger ein Schmuckstück für unsere Sammlung siebenzeiliger Strophen nahegelegt hat: eins vom virtuosen, leider — irgendwas ist ja immer — naziverdächtigen Josef Weinheber, * 9. März 1892, † 8. April 1945. Sagen wir, ich bin bemüht um die zuverlässigste Leistung, nicht um die schnellste Lieferung. Hat mir meine Frau beigebracht.

Ein Schmuck- ist das Stück besonders wegen der sechsten Zeile, die weder inhaltlich noch formal notwendig, um nicht zu sagen: verlustfrei entbehrlich gewesen wäre. Durch ihre schiere Anwesenheit macht sie das Gedicht zu dem, was es ist: eins mit dem seltenen siebenzeiligen Reimschema ABACBAC und mit einer allegorischen Ebene. Die Idee wirkt wie nebenbei hingeworfen, wird aber durch den Vers 6 von 7 zu einem unscheinbaren Kristall. Wow.

Jana Martish, Spring, 17. April 2014

——— Josef Weinheber:

Vorfrühling

aus: Von beiden Ufern, Burgverlag, Wien 1923:

Die Hänge streift ein goldner Hauch.
Und in die süße Stille
blüht feierlich ein Schlehdornstrauch.
Am Waldrand äst ein Reh.
In Spalt und Ackerrille,
und wohl im armen Herzen auch,
liegt noch ein wenig Schnee.

Jana Martish, Comeback, 1. April 2017

Bilder: Jana Martish:

  1. Freedom, 29. Juni 2012;
  2. Spring, 17. April 2014;
  3. Comeback, 1. April 2017,

aus: .identity, Sammlung ab 5. April 2009.

Soundtrack: Bedouine: Solitary Daughter, aus: Bedouine, 2017:

Written by Wolf

6. März 2020 at 00:01

Filetstück 0002: Eisbruch

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Update zu Hochwaldklangwolke: Die einzelnen Minuten, wie sie in den Ozean der Ewigkeit hinuntertropfen
und Wenn–dann (weiß ich auch nicht):

Da mag einer von Adalbert Stifter (* 23. Oktober 1805; † 28. Jänner 1868), vor allem vom späten, so wenig und so viel Abfälliges halten wie er will, aber sein Perfektionismus ging weit genug, um Die Mappe meines Urgroßvaters gleich viermal zu schreiben — bei weitem nicht seine einzige Arbeit, die er mehrmals von Grund auf neu schrieb.

Ein erstes Kapitel Die Geschichte zweier Bettler, noch ohne Plan zum Einbau in einen größeren Rahmen, stammt von 1839, die kürzeste „Urmappe“ oder „Journalfassung“ in der Wiener Zeitschrift für Kunst, Literatur, Theater und Mode von 1841/1842, die erweiterte und in der Kapitelstruktur umgebaute „Studienfassung“ im dritten Band der Studien von 1847, eine unvollendet liegen gelassene und weitgehend folgenlos gebliebene „Romanfassung“ von 1864, die „letzte Mappe“ mit 164 Manuskriptseiten noch aus Stifters Todesjahr 1868 — ebenfalls fragmentarisch und mit dem seither grundsätzlich übernommenen Zusatz vom Nachlassverwalter und posthumen Herausgeber Johann Aprent: „Hier ist der Dichter gestorben.“

Das macht Stifters erklärten eigenen Lieblingsstoff zu einem ähnlichen Lebenswerk wie den Faust für Goethe — nur in allen Fassungen schlüssiger als Goethes nach lebenslanger Umarbeitung endlich freigegebenes Stückwerk. Die Fassungen der Mappe sind erst seit 1999 im 6. Band der historisch-kritischen Gesamtausgabe grundlegend erschlossen.

Der Abschnitt, der als „Eisbruch“ kursiert, war in der ersten Fassung noch nicht, in der dritten nicht mehr enthalten; allein in der Studienfassung steht er unscheinbar ins Kapitel Margarita eingearbeitet. Dabei gehört der zum Besten, was Stifter je geschrieben hat: Man friert mit.

Hinter dem Mond, Terebilovski Blues. Westsibirischer Dorfpunk auf dem Weg zum Weltruhm, 2010 bis 2018

——— Adalbert Stifter:

4. Margarita

aus: Die Mappe meines Urgroßvaters, „Studienfassung“ 1841 f., in: Studien, Band III, 1847:

Hinter dem Mond, Terebilovski Blues. Westsibirischer Dorfpunk auf dem Weg zum Weltruhm, 2010 bis 2018Wir mußten einen schweren Winter überstehen. So weit die ältesten Menschen zurück denken, war nicht so viel Schnee. Vier Wochen waren wir einmal ganz eingehüllt in ein fortdauerndes graues Gestöber, das oft Wind hatte, oft ein ruhiges, aber dichtes Niederschütten von Flocken war. Die ganze Zeit sahen wir nicht aus. Wenn ich in meinem Zimmer saß und die Kerzen brannten, hörte ich das unablässige Rieseln an den Fenstern, und wenn es licht wurde und die Tageshelle eintrat, sah ich durch meine Fenster nicht auf den Wald hin, der hinter der Hütte stand, die ich hatte abbrechen lassen, sondern es hing die graue, lichte, aber undurchdringliche Schleierwand herab; in meinem Hofe und in der Nähe des Hauses sah ich nur auf die unmittelbarsten Dinge hinab, wenn etwa ein Balken empor stand, der eine Schneehaube hatte und unendlich kurz geworden war, oder wenn ein langer, weißer, wolliger Wall anzeigte, wo meine im Sommer ausgehauenen Bäume lagen, die ich zum weitern Baue verwenden wollte. Als alles vorüber war und wieder der blaue und klare Winterhimmel über der Menge von Weiß stand, hörten wir oft in der Totenstille, die jetzt eintrat, wenn wir an den Hängen hinunter fuhren, in dem Hochwalde oben ein Krachen, wie die Bäume unter ihrer Last zerbrachen und umstürzten. Leute, welche von dem jenseitigen Lande über die Schneide herüber kamen, sagten, daß in den Berggründen, wo sonst die kleinen, klaren Wässer gehen, so viel Schnee liege, daß die Tanne in von fünfzig Ellen und darüber nur mit den Wipfeln heraus schauen. Wir konnten nur den leichteren Schlitten brauchen – ich hatte nämlich noch einen machen lassen –, der etwas länger, aber schmäler war als der andere. Er fiel wohl öfter um, aber konnte auch leichter durch die Schlachten, welche die Schneewehen bildeten, durchdringen. Ich konnte jetzt nicht mehr allein zur Besorgung meiner Geschäfte herum fahren, weil ich mir mit allen meinen Kräften in vielen Fällen allein nicht helfen konnte. Und es waren mehr Kranke, als es in allen sonstigen Zeiten gegeben hatte. Deswegen fuhr jetzt der Thomas immer mit mir, daß wir uns gegenseitig beistünden, wenn der Weg nicht mehr zu finden war, wenn wir den Fuchs aus dem Schnee, in den er sich verfiel, austreten mußten, oder wenn einer, da es irgendwo ganz unmöglich war durch zu dringen, bei dem Pferde bleiben und der andere zurück gehen und Leute holen mußte, damit sie uns helfen. Es wurde nach dem großen Schneefalle auch so kalt, wie man es je kaum erlebt hatte. Auf einer Seite war es gut; denn der tiefe Schnee fror so fest, daß man über Stellen und über Schlünde gehen konnte, wo es sonst unmöglich gewesen wäre; aber auf der andern Seite war es auch schlimm; denn die Menschen, welche viel gingen, ermüdet wurden und unwissend waren, setzten sich nieder, gaben der süßen Ruhe nach, und wurden dann erfroren gefunden, wie sie noch saßen, wie sie sich nieder gesetzt hatten. Vögel fielen von den Bäumen, und wenn man es sah und sogleich einen in die Hand nahm, war er fest wie eine Kugel, die man werfen konnte. Wenn meine jungen Rappen ausgeführt wurden und von einem Baume oder sonst wo eine Schneeflocke auf ihren Rücken fiel, so schmolz dieselbe nicht, wenn sie nach Hause kamen, wie lebendig und tüchtig und voll von Feuer die Tiere auch waren. Erst im Stalle verlor sich das Weiß und Grau von dem Rücken. Wenn sie ausgeführt wurden, sah ich manchmal den jungen Gottlieb mit gehen und hinter den Tieren her bleiben, wenn sie auf verschiedenen Wegen herum geführt wurden, aber es tut nichts, die Kälte wird ihm nichts anhaben, und er ist ja in den guten Pelz gehüllt, den ich ihm aus meinem alten habe machen lassen. Ich ging oft in die Zimmer der Meinigen hinab, und sah, ob alles in der Ordnung sei, ob sie gehörig Holz zum Heizen haben, ob die Wohnung überall gut geborgen sei, daß nicht auf einen, wenn er vielleicht im Bette sei, der Strom einer kalten Luft gehe und er erkranke; ich sah auch nach der Speise; denn bei solcher Kälte ist es nicht einerlei, ob man das oder jenes esse. Dem Gottlieb, der nur mit Spänen heizte, ließ Ich von den dichten Buchenstöcken hinüber legen. Im Eichenhage oben soll ein Knall geschehen sein, der seines Gleichen gar nicht hat. Der Knecht des Beringer sagte, daß einer der schönsten Stämme durch die Kälte von unten bis oben gespalten worden sei, er habe ihn selber gesehen. Der Thomas und ich waren in Pelze und Dinge eingehüllt, daß wir zwei Bündeln, kaum aber Menschen gleich sahen. Dieser Winter, von dem wir dachten, daß er uns viel Wasser bringen würde, endigte endlich mit einer Begebenheit, die wunderbar war, und uns leicht die äußerste Gefahr hätte bringen können; wenn sie nicht eben gerade so abgelaufen wäre, wie sie ablief. Nach dem vielen Schneefalle und während der Kälte war es immer schön, es war immer blauer Himmel, morgens rauchte es beim Sonnenaufgange von Glanz und Schnee, und nachts war der Himmel dunkel wie sonst nie, und es standen viel mehr Sterne in ihm als zu allen Zeiten. Dies dauerte lange – aber einmal fiel gegen Mittag die Kälte so schnell ab, daß man die Luft bald warm nennen konnte, die reine Bläue des Himmels trübte sich, von der Mittagseite des Waldes kamen an dem Himmel Wolkenballen, gedunsen und fahlblau, in einem milchigen Nebel schwimmend, wie im Sommer, wenn ein Gewitter kommen soll – ein leichtes Windigen hatte sich schon früher gehoben, daß die Fichten seufzten und Ströme Wassers von ihren Ästen niederlassen. Gegen Abend standen die Wälder, die bisher immer bereift und wie in Zucker eingemacht gewesen waren, bereits ganz schwarz in den Mengen des bleichen und wässerigen Schnees da. Wir hatten bange Gefühle, und ich sagte dem Thomas, daß sie abwechselnd nachschauen, daß sie die hinteren Tore im Augenmerk halten sollen, und daß er mich wecke, wenn das Wasser zu viel werden sollte. Ich wurde nicht geweckt, und als ich des Morgens die Augen öffnete, war alles anders, als ich es erwartet hatte. Das Windchen hatte aufgehört, es war so stille, daß sich von der Tanne, die ich keine Büchsenschußlänge von meinem Fenster an meinem Sommerbänkchen stehen sah, keine einzige Nadel rührte; die blauen und mitunter bleifarbigen Wolkenballen waren nicht mehr an dem Himmel, der dafür in einem stillen Grau unbeweglich stand, welches Grau an keinem Teile der großen Wölbung mehr oder weniger grau war, und an der dunkeln Öffnung der offen stehenden Tür des Heubodens bemerkte ich, daß feiner, aber dichter Regen niederfalle; allein wie ich auf allen Gegenständen das schillerige Glänzen sah, war es nicht das Lockern oder Sickern des Schnees, der in dem Regen zerfällt, sondern das blasse Glänzen eines Überzuges, der sich über alle die Hügel des Schnees gelegt hatte. Als ich mich angekleidet und meine Suppe gegessen hatte, ging ich in den Hof hinab, wo der Thomas den Schlitten zurecht richtete. Da bemerkte ich, daß bei uns herunten an der Oberfläche des Schnees während der Nacht wieder Kälte eingefallen sei, während es oben in den höheren Teilen des Himmels warm geblieben war; denn der Regen floß fein und dicht hernieder, aber nicht in der Gestalt von Eiskörnern, sondern als reines, fließendes Wasser, das erst an der Oberfläche der Erde gefror und die Dinge mit einem dünnen Schmelze überzog, derlei man in das Innere der Geschirre zu tun pflegt, damit sich die Flüssigkeiten nicht in den Ton ziehen können. Im Hofe zerbrach der Überzug bei den Tritten noch in die feinsten Scherben, es mußte also erst vor Anbruch des Tages zu regnen angefangen haben. Ich tat die Dinge, die ich mitnehmen wollte, in ihre Fächer, die in dem Schlitten angebracht waren, und sagte dem Thomas, er solle doch, ehe wir zum Fortfahren kämen, noch den Fuchs zu dem untern Schmied hinüber führen und nachschauen lassen, ob er scharf genug sei, weil wir heute im Eise fahren müßten. Es war uns so recht, wie es war, und viel lieber, als wenn der unermeßliche Schnee schnell und plötzlich in Wasser verwandelt worden wäre. Dann ging ich wieder in die Stube hinauf, die sie mir viel zu viel geheizt hatten, schrieb einiges auf, und dachte nach, wie ich mir heute die Ordnung einzurichten hätte. Da sah ich auch, wie der Thomas den Fuchs zum untern Schmied hinüber führte. Nach einer Weile, da wir fertig waren, richteten wir uns zum Fortfahren. Ich tat den Regenmantel um und setzte meine breite Filzkappe auf, davon der Regen abrinnen konnte. So machte ich mich in dem Schlitten zurechte und zog das Leder sehr weit herauf. Der Thomas hatte seinen gelben Mantel um die Schultern und saß vor mir in dem Schlitten. Wir fuhren zuerst durch den Thaugrund, und es war an dem Himmel und auf der Erde so stille und einfach grau, wie des Morgens, so daß wir, als wir einmal stille hielten, den Regen durch die Nadeln fallen hören konnten. Der Fuchs hatte die Schellen an dem Schlittengeschirre nicht recht ertragen können und sich öfter daran geschreckt, deshalb tat ich sie schon, als ich nur ein paar Male mit ihm gefahren war, weg. Sie sind auch ein närrisches Klingeln, und mir war es viel lieber, wenn ich so fuhr, manchen Schrei eines Vogels, manchen Waldton zu hören, oder mich meinen Gedanken zu überlassen, als daß ich immer das Tönen in den Ohren hatte, das für die Kinder ist. Heute war es freilich nicht so ruhig, wie manchmal das stumme Fahren des Schlittens im feinen Schnee war, wie im Sande, wo auch die Hufe des Pferdes nicht wahrgenommen werden konnten; denn das Zerbrechen des zarten Eises, wenn das Tier darauf trat, machte ein immerwährendes Geräusch, daher aber das Schweigen, als wir halten mußten, weil der Thomas in dem Riemzeug etwas zurecht zu richten hatte, desto auffallender war. Und der Regen, dessen Rieseln durch die Nadeln man hören konnte, störte die Stille kaum, ja er vermehrte sie. Noch etwas anderes hörten wir später, da wir wieder hielten, was fast lieblich für die Ohren war. Die kleinen Stücke Eises, die sich an die dünnsten Zweige und an das langhaarige Moos der Bäume angehängt hatten, brachen herab, und wir gewahrten hinter uns in dem Walde an verschiedenen Stellen, die bald dort und bald da waren, das zarte Klingen und ein zitterndes Brechen, das gleich wieder stille war. Dann kamen wir aus dem Walde hinaus und fuhren durch die Gegend hin, in der die Felder liegen. Der gelbe Mantel des Thomas glänzte, als wenn er mit Öl übertüncht worden wäre; von der rauhen Decke des Pferdes hingen Silberfranzen hernieder; wie ich zufällig einmal nach meiner Filzkappe griff, weil ich sie unbequem auf dem Haupte empfand, war sie fest, und ich hatte sie wie eine Kriegshaube auf; und der Boden des Weges, der hier breiter und, weil mehr gefahren wurde, fester war, war schon so mit Eise belegt, weil das gestrige Wasser, das in den Gleisen gestanden war, auch gefroren war, daß die Hufe des Fuchses die Decke nicht mehr durchschlagen konnten, und wir unter hallenden Schlägen der Hufeisen und unter Schleudern unseres kleinen Schlittens, wenn die Fläche des Weges ein wenig schief war, fortfahren mußten.

Hinter dem Mond, Terebilovski Blues. Westsibirischer Dorfpunk auf dem Weg zum Weltruhm, 2010 bis 2018Wir kamen zuerst zu dem Karbauer, der ein krankes Kind hatte. Von dem Hausdache hing ringsum, gleichsam ein Orgelwerk bildend, die Verzierung starrender Zapfen, die lang waren, teils herabbrachen, teils an der Spitze ein Wassertröpfchen hielten, das sie wieder länger und wieder zum Herabbrechen geneigter machte. Als ich ausstieg, bemerkte ich, daß das Überdach meines Regenmantels, das ich gewöhnlich so über mich und den Schlitten breite, daß ich mich und die Arme darunter rühren könne, in der Tat ein Dach geworden war, das fest um mich stand und beim Aussteigen ein Klingelwerk fallender Zapfen in allen Teilen des Schlittens verursachte. Der Hut des Thomas war fest, sein Mantel krachte, da er abstieg, auseinander, und jede Stange, jedes Holz, jede Schnalle, jedes Teilchen des ganzen Schlittens, wie wir ihn jetzt so ansahen, war in Eis, wie in durchsichtigen, flüssigen Zucker, gehüllt, selbst in den Mähnen, wie tausend bleiche Perlen, hingen die gefrornen Tropfen des Wassers, und zuletzt war es um die Hufhaare des Fuchses wie silberne Borden geheftet.

Ich ging in das Haus. Der Mantel wurde auf den Schragen gehängt, und wie ich die Filzkappe auf den Tisch des Vorhauses legte, war sie wie ein schimmerndes Becken anzuschauen.

Als wir wieder fortfahren wollten, zerschlugen wir das Eis auf unsern Hüten, auf unsern Kleidern, an dem Leder und den Teilen des Schlittens, an dem Riemzeug des Geschirres, und zerrieben es an den Haaren der Mähne und der Hufe des Fuchses. Die Leute des Karbauers halfen uns hiebei. Das Kind war schon schier ganz gesund. Unter dem Obstbaumwalde des Karhauses, den der Bauer sehr liebt und schätzt, und der hinter dem Hause anhebt, lagen unzählige kleine schwarze Zweige auf dem weißen Schnee, und jeder schwarze Zweig war mit einer durchsichtigen Rinde von Eis umhüllt und zeigte neben dem Glanze des Eises die kleine frischgelbe Wunde des Herabbruchs. Die braunen Knösplein der Zweige, die im künftigen Frühlinge Blüten- und Blätterbüschlein werden sollten, blickten durch das Eis hindurch. Wir setzten uns in den Schlitten. Der Regen, die graue Stille und die Einöde des Himmels dauerten fort.

Da wir in der Dubs hinüber fuhren, an der oberen Stelle, wo links das Gehänge ist und an der Schneide der lange Wald hin geht, sahen wir den Wald nicht mehr schwarz, sondern er war gleichsam bereift, wie im Winter, wenn der Schnee in die Nadeln gestreut ist und lange Kälte herrscht; aber der Reif war heute nicht so weiß wie Zucker, dergleichen er sonst ähnlich zu sein pflegt, sondern es war das dumpfe Glänzen und das gleichmäßige Schimmern an allen Orten, wenn es bei trübem Himmel überall naß ist; aber heute war es nicht von der Nässe, sondern von dem unendlichen Eise, das in den Ästen hing. Wir konnten, wenn wir etwas Aufwärts und daher langsamer fuhren, das Knistern der brechenden Zweige sogar bis zu uns herab hören, und der Wald erschien, als sei er lebendig geworden. Das blasse Leuchten des Eises auf allen Hügeln des Schnees war rings um uns herum, das Grau des Himmels war beinahe sehr licht, und der Regen dauerte stille fort, gleichmäßig fein und gleichmäßig dicht.

Hinter dem Mond, Terebilovski Blues. Westsibirischer Dorfpunk auf dem Weg zum Weltruhm, 2010 bis 2018Wir hatten in den letzten Häusern der Dubs etwas zu tun, ich machte die Gange, da die Orte nicht weit auseinander lagen, zu Fuße, und der Fuchs wurde in den Stall getan, nachdem er wieder von dem Eise, das an ihm rasselte, befreit worden war. Der Schlitten und die Kleider des Thomas mußten ebenfalls ausgelöset werden; die meinigen aber, nämlich der Mantel und die Filzkappe, wurden nur von dem, was bei oberflächlichem Klopfen und Rütteln herabging, erleichtert, das andere aber daran gelassen, da ich doch wieder damit in dem Regen herum gehen mußte und neue Lasten auf mich lud. Ich hatte mehr Kranke, als sie sonst in dieser Jahreszeit zu sein pflegen. Sie waren aber alle ziemlich in der Nähe beisammen, und ich ging von dem einen zu dem andern. An den Zäunen, an den Strunken von Obstbäumen und an den Rändern der Dächer hing unsägliches Eis. An mehreren Planken waren die Zwischenräume verquollen, als wäre das Ganze in eine Menge eines zähen Stoffes eingehüllt worden, der dann erstarrte. Mancher Busch sah aus wie viele in einander gewundene Kerzen, oder wie lichte, wässerig glänzende Korallen.

Ich hatte dieses Ding nie so gesehen wie heute.

Die Leute schlugen manche der bis ins Unglaubliche herabgewachsenen Zapfen von den Dächern, weil sie sonst, wenn sie gar groß geworden waren, im Herabbrechen Stücke der Schindeln oder Rinnen mit sich auf die Erde nahmen. Da ich in der Dubs herum ging, wo mehrere Häuser um den schönen Platz herum stehen, den sie bilden, sah ich, wie zwei Mägde das Wasser, welches im Tragen hin und her geschwemmt haben würde, in einem Schlitten nach Hause zogen. Zu dem Brunnen, der in der Mitte des Platzes steht, und um dessen Holzgeschlacht herum schon im Winter der Schnee einen Berg gebildet hatte, mußten sie sich mit der Axt Stufen hinein hauen. Sonst gingen die Leute gar nicht aus den Häusern, und wo man doch einen sah, duckte er oben mit dem Haupte vor dem Regen in sein Gewand, und unten griff er mit den Füßen vorsichtig vorwärts, um in der unsäglichen Glätte nicht zu fallen.

Wir mußten wieder fort. Wir fuhren mit dem Fuchs, den wir wieder hatten scharf machen lassen, durch die ebenen Felder hinüber gegen das Eckstück, welches die Siller am höher stehenden Walde einfaßt, und wo mehrere Holzhäuser stehen. Wir hörten, da wir über die Felder fuhren, einen dumpfen Fall; wußten aber nicht recht, was es war. Auf dem Raine sahen wir einen Weidenbaum gleißend stehen, und seine zähen, silbernen Äste hingen herab, wie mit einem Kamme nieder gekämmt. Den Waldring, dem wir entgegen fuhren, sahen wir bereift, aber er warf glänzende Funken und stand wie geglättete Metallstellen von dem lichten, ruhigen, matten Grau des Himmels ab.

Hinter dem Mond, Terebilovski Blues. Westsibirischer Dorfpunk auf dem Weg zum Weltruhm, 2010 bis 2018Von den Holzhausern mußten wir wieder zurück über die Felder, aber schief auf dem Wege gegen das Eidun. Die Hufe unseres Pferdes hallten auf der Decke, wie starke Steine, die gegen Metallschilde geworfen werden. Wir aßen bei dem Wirte etwas, weil wir zu spät nach Hause gekommen sein würden, dann, nachdem wir den Schlitten, das Pferd und unsere Kleider wieder frei gemacht hatten, fuhren wir wieder ab, auf dem Wege, der nach meinem Hause führte. Ich hatte nur noch in den letzteren Eidunhäusern etwas zu tun, und dann konnten wir auf dem Wege hinüber fahren, wo im Sommer die Eidunwiesen sind, im Winter aber alle die fahren und gehen, die im Waldhange und oberen Hage Geschäfte haben. Von da konnten wir gegen den Fahrweg einlenken, der durch den Thaugrund und nach Hause führt. Da wir uns auf den Wiesen befanden, über deren Ebene wir jetzt freilich klafterhoch erhoben fuhren, hörten wir wieder denselben dumpfen Fall, wie heute schon einmal, aber wir erkannten ihn wieder nicht, und wußten auch nicht einmal ganz genau, woher wir ihn gehört hatten. Wir waren sehr froh, einmal nach Hause zu kommen; denn der Regen und das Feuchte, das in unserm ganzen Körper steckte, tat uns recht unwohl, auch war die Glätte unangenehm, die allenthalben unnatürlich über Flur und Feld gebreitet war und den Fuß, wenn man ausstieg, zwang, recht vorsichtig auf die Erde zu greifen, woher man, wenn man auch nicht gar viel und gar weit ging, unglaublich ermüdet wurde.

Da wir endlich gegen den Thaugrund kamen und der Wald, der von der Höhe herüber zieht, anfing, gegen unsern Weg herüber zu langen, hörten wir plötzlich in dem Schwarzholze, das auf dem schön emporragenden Felsen steht, ein Geräusch, das sehr seltsam war, und das keiner von uns je vernommen hatte – es war, als ob viele Tausende oder gar Millionen von Glasstangen durcheinander rasselten und in diesem Gewirre fort in die Entfernung zögen. Das Schwarzholz war doch zu weit zu unserer Rechten entfernt, als daß wir den Schall recht klar hätten erkennen können, und in der Stille, die in dem Himmel und auf der Gegend war, ist er uns recht sonderbar erschienen. Wir fuhren noch eine Strecke fort, ehe wir den Fuchs aufhalten konnten, der im Nachhauserennen begriffen war und auch schon trachten mochte, aus diesem Tage in den Stall zu kommen. Wir hielten endlich und hörten in den Lüften gleichsam ein unbestimmtes Rauschen, sonst aber nichts. Das Rauschen hatte jedoch keine Ähnlichkeit mit dem fernen Getöse, das wir eben durch die Hufschläge unsers Pferdes hindurch gehört hatten. Wir fuhren wieder fort und näherten uns dem Walde des Thaugrundes immer mehr, und sahen endlich schon die dunkle Öffnung, wo der Weg in das Gehölze hinein geht. Wenn es auch noch früh am Nachmittage war, wenn auch der graue Himmel so licht schien, daß es war, als müßte man den Schimmer der Sonne durchsinken sehen, so war es doch ein Winternachmittag, und es war so trübe, daß sich schon die weißen Gefilde vor uns zu entfärben begannen und in dem Holze Dämmerung zu herrschen schien. Es mußte aber doch nur scheinbar sein, indem der Glanz des Schnees gegen das Dunkel der hinter einander stehenden Stämme abstach.

Hinter dem Mond, Terebilovski Blues. Westsibirischer Dorfpunk auf dem Weg zum Weltruhm, 2010 bis 2018Als wir an die Stelle kamen, wo wir unter die Wölbung des Waldes hinein fahren sollten, blieb der Thomas stehen. Wir sahen vor uns eine sehr schlanke Fichte zu einem Reife gekrümmt stehen und einen Bogen über unsere Straße bildend, wie man sie einziehenden Kaisern zu machen pflegt. Es war unsäglich, welche Pracht und Last des Eises von den Bäumen hing. Wie Leuchter, von denen unzählige umgekehrte Kerzen in unerhörten Größen ragten, standen die Nadelbäume. Die Kerzen schimmerten alle von Silber, die Leuchter waren selber silbern, und standen nicht überall gerade, sondern manche waren nach verschiedenen Richtungen geneigt. Das Rauschen, welches wir früher in den Lüften gehört hatten, war uns jetzt bekannt; es war nicht in den Lüften; jetzt war es bei uns. In der ganzen Tiefe des Waldes herrschte es ununterbrochen fort, wie die Zweige und Äste krachten und auf die Erde fielen. Es war um so fürchterlicher, da alles unbeweglich stand; von dem ganzen Geglitzer und Geglänze rührte sich kein Zweig und keine Nadel, außer wenn man nach einer Weile wieder auf einen gebogenen Baum sah, daß er von den ziehenden Zapfen niederer stand. Wir harreten und schauten hin – man weiß nicht, war es Bewunderung oder war es Furcht, in das Ding hinein zu fahren. Unser Pferd mochte die Empfindungen in einer Ähnlichkeit teilen, denn das arme Tier schob, die Füße sachte anziehend, den Schlitten in mehreren Rucken etwas zurück.

Wie wir noch da standen und schauten – wir hatten noch kein Wort geredet – hörten wir wieder den Fall, den wir heute schon zweimal vernommen hatten. Jetzt war er uns aber völlig bekannt. Ein helles Krachen, gleichsam wie ein Schrei, ging vorher, dann folgte ein kurzes Wehen, Sausen oder Streifen, und dann der dumpfe, dröhnende Fall, mit dem ein mächtiger Stamm auf der Erde lag. Der Knall ging wie ein Brausen durch den Wald und durch die Dichte der dämpfenden Zweige; es war auch noch ein Klingeln und Geschimmer, als ob unendliches Glas durcheinander geschoben und gerüttelt würde – dann war es wieder wie vorher, die Stämme standen und ragten durch einander, nichts regte sich, und das still stehende Rauschen dauerte fort. Es war merkwürdig, wenn ganz in unserer Nähe ein Ast oder Zweig oder ein Stück Eis fiel; man sah nicht, woher es kam, man sah nur schnell das Herniederblitzen, hörte etwa das Aufschlagen, hatte nicht das Emporschnellen des verlassenen und erleichterten Zweiges gesehen, und das Starren, wie früher, dauerte fort.

Hinter dem Mond, Terebilovski Blues. Westsibirischer Dorfpunk auf dem Weg zum Weltruhm, 2010 bis 2018Es wurde uns begreiflich, daß wir in den Wald nicht hineinfahren konnten. Es mochte irgendwo schon über den Weg ein Baum mit all seinem Geäste liegen, über den er nicht hinüber könnten, und der nicht zu umgehen war, weil die Bäume dicht stehen, ihre Nadeln vermischen und der Schnee bis in das Geäste und Geflechte des Niedersatzes ragte. Wenn wir dann umkehrten und auf dem Wege, auf dem wir gekommen waren, zurück wollten, und da sich etwa auch unterdessen ein Baum herüber legt hätte, so wären wir mitten darinnen gewesen. Der Regen dauerte unablässig fort, wir selber waren schon wieder eingehüllt, daß wir uns nicht regen konnten, ohne die Decke zu zerbrechen, der Schlitten war schwerfällig und verglaste, und der Fuchs trug seine Lasten – wenn nirgends etwas in den Bäumen um eine Unze an Gewicht gewann, so mochte es fallen, ja die Stämme selber mochten brechen, die Spitzen der Zapfen, wie Keile, mochten nieder fahren, wir sahen ohnedem auf unserm Wege, der vor uns lag, viele zerstreut, und während wir standen, waren in der Ferne wieder dampfe Schläge zu vernehmen gewesen. Wie wir umschauten, woher wir gekommen, war auf den ganzen Feldern und in der Gegend kein Mensch und kein lebendiges Wesen zu sehen. Nur ich mit dem Thomas und mit dem Fuchse waren allein in der freien Natur.

Ich sagte dem Thomas, daß wir umkehren müßten. Wir stiegen aus, schüttelten unsere Kleider ab, so gut es möglich war, und befreiten die Haare des Fuchses von dem anhangenden Eise, von dem es uns vorkam, als wachse es jetzt viel schneller an als am Vormittage, war es nun, daß wir damals die Erscheinung beobachteten und im Hinschauen darauf ihr Fortgang uns langsamer vorkam, als Nachmittag, wo wir andere Dinge zu tun hatten und nach einer Weile erst sahen, wie das Eis sich wieder gehäuft hatte – oder war es kälter und der Regen dichter geworden. Wir wußten es nicht. Der Fuchs und der Schlitten wurde sodann von dem Thomas umgekehrt, und wir fuhren, so schnell wir konnten, gegen die uns zunächst gerichteten Eidunhäuser zurück. Es war damals am oberen Ende, wo der Bühl sacht beginnt, noch das Wirtshaus – der Burmann hat es heuer gekauft und treibt bloß Feldwirtschaft – dorthin fuhren wir über den Schnee, der jetzt trug, ohne Weg, in der geradesten Richtung, die wir einschlagen konnten. Ich bat den Wirt, daß er mir eine Stelle in seinem Stalle für meinen Fuchs zurecht räumen möchte. Er tat es, obwohl er ein Rind hinüber auf einen Platz seines Stalles hängen mußte, wo sonst nur Stroh und einstweil Futter lag, das man an dem Tage gebrauchen wollte. Den Schlitten taten wir in die Wagenlaube. Als wir das untergebracht und uns wieder von der angewachsenen Last befreit hatten, nahm ich einiges aus dem Schlitten, was ich brauchte, und sagte, ich werde nun zu Fuße den Weg nach Hause antreten; denn ich müsse in der Nacht in meinem Hause sein, weil manches zu bereiten ist, das ich morgen bedürfe, und weil ich morgen einen andern Weg einzuschlagen hätte, da ich die Kranken in dem oberen Lande besuchen müßte, die mich heute nicht gesehen hatten. – Den Thaugrund könne ich umgehen, ich wolle durch das Gebühl, dann durch die Wiesen des Meierbacher links hinauf, sodann durch die kleinen Erlenbüsche, die gefahrlos sind, hinüber gegen die Hagweiden und von dort gegen mein Haus hinunter, das in dem Tale steht.

Als ich das so gesagt hatte, wollte mein Knecht Thomas nicht zugeben, daß ich allein gehe; denn der Weg, den ich beschrieben hatte, wäre hüglig und ging an Höhen von Wiesen hinauf, wo gewiß überhängende Schneelehnen sind, und wo in dem glatten Eise das Klimmen und Steigen von großer Gefahr sein möchte. Er sagte, er wolle mit mir gehen, daß wir einander an den Meierbacher Wiesen emporhelfen, daß wir einander beistehen und uns durch das Geerle hinüberreichen möchten. Unsere Fahrangelegenheit konnten wir bei dem Wirte da lassen, er würde ihm schon sagen, wie der Fuchs zu füttern und zu pflegen sei. Morgen, wenn sich das Wetter geändert hätte, würde er um den Fuchs herüber gehen, und zu meiner Fahrt, wenn ich zeitlich fort wollte, könnte ich die Pferde des Rothbergerwirtes nehmen, um die ich den Gottlieb oder jemanden hinab schicken möge, wenn ja sonst Gott einen Tag sende, an dem ein Mensch unter den freien Himmel heraus zu gehen sich wage.

Ich sah das alles ein, was mein Knecht Thomas sagte, und da ich mich auch nicht ganz genau erinnerte – man schaut das nicht so genau an – ob denn wirklich überall da, wo ich zu gehen vor hatte, keine Bäume stünden, oder ob ich nicht einen viel weiteren Umweg zu machen oder gar wieder zurück zu gehen hätte, wenn ich nicht vordringen könnte; so gestattete ich ihm, daß er mit gehe, damit wir unser zwei sind und die Sache mit mehr Kräften beherrschten.

Ich habe in meinem Schlitten immer Steigeisen eingepackt, weil ich oft aussteigen und über manche Hügel hinauf, die in unserem Lande sind und steile Hänge haben, zu Kranken gehen muß, wo ich, wenn Glatteis herrscht, gar nicht oder mit Gefahr und Mühe auf den Wegen, die niemand pflegt, oder die verschneit und vereiset sind, hinauf kommen könnte. Weil es aber auch leicht möglich ist, daß etwas bricht, so führe ich immer zwei Paare mit, daß ich in keine Ungelegenheit komme. Heute hatte ich sie nicht gebraucht, weil ich immer an ebenen Stellen zu gehen hatte, und weil ich die Füße nicht an immer dauernde Unterstützung gewöhnen will. Ich suchte die Steigeisen aus dem Schlitten heraus und gab dem Thomas ein Paar. Dann steckte ich aus den Fächern des Schlittens die Dinge und Herrichtungen zu mir, die ich morgen brauchen sollte. An dem Gestelle des Schlittens oberhalb der Kufe dem Korbe entlang sind Bergstöcke angeschnallt, die eine sehr starke Eisenspitze haben und weiter Aufwärts einen eisernen Haken, um sich damit einzuhaken und anzuhängen. Am obersten Ende des Holzes sind sie mit einem Knaufe versehen, daß sie nicht so leicht durch die Hand gleiten. Weil ich aus Vorsicht auch immer zwei solche Stöcke bei mir habe, so gab ich dem Thomas einen, nachdem er sie abgeschnallt hatte, und einen behielt ich mir. So gingen wir dann, ohne uns noch aufzuhalten, sogleich fort, weil an solchen Wintertagen die Nacht schnell einbricht und dann sehr finster ist. Der Thomas hatte darum auch die Blendlaterne aus dem Schlitten genommen und hatte sich mit Feuerzeug versehen.

Hinter dem Mond, Terebilovski Blues. Westsibirischer Dorfpunk auf dem Weg zum Weltruhm, 2010 bis 2018Auf dem offenen Felde, ehe wir wieder in die Nähe des Thaugrundes kamen, gingen wir ohne Steigeisen bloß mit Hülfe der Stöcke fort, was sehr beschwerlich war. Als wir in die Nähe des Waldes kamen und uns das fürchterliche Rauschen wieder empfing, beugten wir links ab gegen die Wiesen des Meierbacher hin, die eine Lichtung durch den Wald bilden, und die uns den Weg darstellen sollten, auf dem wir nach Hause gelangen könnten. Wir erreichten die Wiesen, das will sagen, wir erkannten, daß wir uns auf dem Schnee über ihrer Grenze befanden, weil die Rinde nun sanft abwärts zu gehen begann, wo unten der Bach sein sollte, über dem aber zwei Klafter hoher Schnee, oder noch höherer, stand. Wir wagten, da der Grund nicht zerrissen ist und die Decke mit ihrem Glänzen ein gleichmäßiges Abgehen zeigte, das Hinabfahren mit unseren Bergstöcken. Es gelang gut. Wir hätten wohl mittelst der Steigeisen lange gebraucht hinabzukommen, aber so gelangten wir in einem Augenblicke hinunter, daß die Luft an unseren Angesichtern und durch unsere Haare sauste. Wirklich glaubten wir, da wir wieder aufgestanden waren, es habe sich ein kleines Windchen gehoben, aber es war nur unsere Bewegung gewesen, und ringsum war es so ruhig, wie den ganzen Tag. Wir legten nun in dem Grunde unsere Steigeisen an, um über die Höhe und den bedeutenden Bühel empor zu kommen, in denen sich die Wiese hinüber gegen die Erlengebüsche legt, auf die wir hinaus gelangen wollten. Es ist gut, daß ich aus Vorsicht die Spitzen der Steigeisen immer zuschleifen und schärfen lasse; denn wir gingen über den Bühel, der wie eine ungeheure gläserne Spiegelwalze vor uns lag, so gerade hinauf, als würden wir mit jedem Tritte an die Glätte angeheftet. Als wir oben waren und an dem Rande des Geerles standen, wo man ziemlich weit herum sieht, meinten wir, es dämmere bereits; denn der Eisglanz hatte da hinab, wo wir herauf gekommen waren, eine Farbe wie Zinn, und wo die Schneewehen sich überwölbten und Rinnen und Löcher bildeten, saß es wie grauliche Schatten darinnen; aber die Ursache, daß wir so trüb sahen, mußte der Tag sein, der durch die weißliche, feste Decke des Himmels dieses seltsame, dämmerige Licht warf. Wir sahen auf mehrere Wälder, die jenseits dieser Höhe herum ziehen: sie waren grau und schwarz gegen den Himmel und den Schnee, und die Lebendigkeit in ihnen, das gedämpfte Rauschen, war fast hörbar – aber deutlich zu vernehmen war mancher Fall, und dann das Brausen, das darauf durch die Glieder der Bergzüge ging.

Wir hielten uns nicht lange an diesem Platze auf, sondern suchten in die Büsche der Erlen einzudringen und durch sie hindurch zu kommen. Die Steigeisen hatten wir weggetan und trugen sie über unsern Rücken herab hängend. Es war schwer, durch die Zweige, die dicht aus dem Schnee nach allen Richtungen ragten, zu kommen. Sie hielten uns die starren Ausläufe wie unzählige stählerne Stangen und Spieße entgegen, die in unsere Gewänder und Füße bohrten und uns verletzt haben würden. Aber wir gebrauchten unsere Bergstöcke dazu, daß wir mit ihnen vor uns in das Gezweige schlugen und Eis und Holz so weit zerschlugen und weich machten, daß wir mit Arbeit und gegenseitiger Hülfe durch gelangen konnten. Es dauerte aber lange.

Da wir endlich heraus waren und an den Hagweiden standen, wo wir hinunter in das Tal sahen, in dem mein Haus ist, dämmerte es wirklich, aber wir waren schon nahe genug, und besorgten nichts mehr. Durch die allgemeine dicke, weißgraue Luft sahen wir mein Haus, und ein gerader bläulicher Rauch stieg aus demselben empor, wahrscheinlich von dem Feuer kommend, an dem Maria, die Haushälterin, unser Mahl in Bereitschaft richtete. Wir legten hier wieder die Steigeisen an und gingen langsam hinunter, bis wir auf ebenem Boden waren, wo wir sie wieder weg taten.

Vor den Türen der Häuser, die in der Nähe des meinigen sind, standen Gruppen von Menschen und schauten den Himmel an.

„Ach, Herr Doktor,“ riefen sie, „ach, Herr Doktor, wo kommt Ihr denn an diesem fürchterlichen Tage her?“

„Ich komme von der Dubs und von den Eidunhäusern,“ sagte ich, „mein Pferd und den Schlitten ließ ich zurück, und bin über die Meierbacher Wiesen und die Hagweiden gekommen, weil ich nicht mehr durch den Wald konnte.“

Ich blieb ein wenig bei den Leuten stehen. Wirklich war der Tag ein furchtbarer. Das Rauschen der Wälder war von ringsum bereits bis hierher zu hören, dazwischen tönte der Fall von Bäumen, und folgte immer dichter auf einander; ja sogar von dem hohen obern Walde her, wo man gar nicht wegen der Dicke des Nebels hin sehen konnte, konnte man das Krachen und Stürzen vernehmen.

Der Himmel war immer weißlich, wie den ganzen Tag, ja sein Schimmer schien jetzt gegen Abend noch lichter zu werden; die Luft stand gänzlich unbewegt, und der feine Regen fiel gerade herunter.

„Gott genade dem Menschen, der jetzt im Freien ist, oder gar im Walde“, sagte einer aus den Umstehenden.

„Er wird sich wohl gerettet haben“, sagte ein anderer; „denn heute bleibt niemand auf einem Wege.“

Hinter dem Mond, Terebilovski Blues. Westsibirischer Dorfpunk auf dem Weg zum Weltruhm, 2010 bis 2018Ich und der Thomas trugen starke Lasten, die schier nicht mehr zu erhalten waren, deswegen nahmen wir Abschied von den Leuten und gingen unserm Hause zu. Jeder Baum hatte einen schwarzen Fleck um sich, weil eine Menge Zweige herab gerissen war, als hätte sie ein starker Hagelschlag getroffen. Mein hölzernes Gitter, mit dem ich den Hof von dem Garten, der noch nicht fertig war, abschließe, stand silbern da, wie vor dem Altare einer Kirche; ein Pflaumenbaum daneben, der noch von dem alten Allerb herrührte, war geknickt. Die Fichte, bei welcher mein Sommerbänklein steht, hatten sie dadurch vor Schaden zu verwahren gesucht, daß sie mit Stangen, so weit sie reichen konnten, das Eis herabschlugen – und wie der Wipfel sich gar schier zu neigen schien, ist der andere Knecht, Kajetan, hinauf gestiegen, hat vorsichtig oberhalb sich herab geschlagen und hat dann an die obersten Äste zwei Wiesbaumseile gebunden, die er herab hängen ließ, und an denen er von Zeit zu Zeit rüttelte. Sie wußten, daß mir der Baum lieb war, und er ist auch sehr schön, und mit seinen grünen Zweigen so bebuscht, daß sich eine ungeheure Last von Eis daran gehängt und ihn zerspellt oder seine Äste zerrissen hätte. Ich ging in meine Stube, die gut gewärmt war, legte alle Dinge, die ich aus dem Schlitten zu mir gesteckt hatte, auf den Tisch, und tat dann die Kleider weg, von denen sie unten das Eis herab schlugen und sie dann in die Küchenstube aufhängen mußten; denn sie waren sehr feucht. Als ich mich anders angekleidet hatte, erfuhr ich, daß der Gottlieb zu dem Walde des Thaugrundes hinab gegangen und noch immer nicht zurückgekehrt sei, weil er wisse, daß ich durch den Thaugrund mit meinem Schlitten daher kommen müsse. Ich sagte dem Kajetan, daß er ihn holen solle, daß er sich noch jemand mitnehme, wenn er einen finden könne, der ihn begleite, daß sie eine Laterne und Eisen an die Füße und Stöcke in die Hand nehmen sollen. Sie brachten ihn später daher, und er war schier mit Panzerringen versehen, weil er nicht überall das Eis von sich hatte abwehren können.

Ich aß ein weniges von meinem aufgehobenen Mahle. Die Dämmerung war schon weit vorgerückt und die Nacht bereits herein gebrochen. Ich konnte jetzt das verworrene Getöse sogar in meine Stube her ein hören, und meine Leute gingen voll Angst unten in dem Hause herum.

Nach einer Weile kam der Thomas, der ebenfalls gegessen und andere Kleider angetan hatte, zu mir herein und sagte, daß sich die Leute der Nachbarhäuser versammeln und in großer Bestürzung seien. Ich tat einen starken Rock um und ging mittelst eines Stockes über das Eis zu den Häusern hinüber. Es war bereits ganz finster geworden, nur das Eis auf der Erde gab einen zweifelhaften Schein und ein Schneelicht von sich. Den Regen konnte man an dem Angesichte spüren, um das es feucht war, und ich spürte ihn auch an der Hand, mit welcher ich den Bergstock einsetzte. Das Getöse hatte sich in der Finsternis vermehrt, es war rings herum an Orten, wo jetzt kein Auge hindringen konnte, wie das Rauschen entfernter Wasserfälle, – das Brechen wurde auch immer deutlicher, als ob ein starkes Heer oder eine geschreilose Schlacht im Anzuge wäre. Ich sah die Leute, als ich näher gegen die Häuser kam, stehen, aber ich sah die schwarzen Gruppen derselben von den Häusern entfernt mitten im Schnee, nicht etwa vor den Türen oder an der Wand.

„Ach Doktor helft, ach Doktor helft“, riefen einige, da sie mich kommen sahen und mich an meinem Gang erkannten.

„Ich kann euch nicht helfen, Gott ist überall groß und wunderbar, er wird helfen und retten“, sagte ich, indem ich zu ihnen hinzu trat.

Hinter dem Mond, Terebilovski Blues. Westsibirischer Dorfpunk auf dem Weg zum Weltruhm, 2010 bis 2018Wir standen eine Weile bei einander und horchten auf die Töne. Später vernahm ich aus ihren Gesprächen, daß sie sich fürchteten, daß bei der Nacht die Häuser eingedrückt werden könnten. Ich sagte ihnen, daß sich in den Bäumen, insbesondere bei uns, wo die Nadelbäume so vorherrschend sind, in jedem Zweige, zwischen den kleinsten Reisern und Nadeln das unsäglich herunter rinnende Wasser sammle, in dem seltsamen Froste, der herrsche, gefriere und durch stetes nachhallendes Wachsen an den Ästen ziehe, Nadeln, Reiser, Zweige, Äste mit herab nehme, und endlich Bäume biege und breche; aber von dem Dache, auf welchem die glatte Schneedecke liege, rinne das Wasser fast alles ab, um so mehr, da die Rinde des Eises glatt sei und das Rinnen befördere. Sie möchten nur durch Haken Stücke des Eises herab reißen, und da würden sie sehen, zu welch geringer Dicke die Rinde auf der schiefen Fläche anzuwachsen im Stande gewesen sei. An den Bäumen ziehen unendlich viele Hände gleichsam bei unendlich vielen Haaren und Armen hernieder; bei den Häusern schiebe alles gegen den Rand, wo es in Zapfen niederhänge, die ohnmächtig sind, oder losbrechen, oder herab geschlagen werden können. Ich tröstete sie hiedurch, und sie begriffen die Sache, die sie nur verwirrt hatte, weil nie der gleichen oder nicht in solcher Gewalt und Stärke erlebt worden war.

Ich ging dann wieder nach Hause. Ich selber war nicht so ruhig, ich zitterte innerlich; denn was sollte das werden, wenn der Regen noch immer so fort dauerte und das Donnern der armen Gewächse in so rascher Folge zunahm, wie es jetzt, wo schier alles am Äußersten war, geschah. Die Lasten hatten sich zusammengelegt; ein Lot, ein Quentchen, ein Tropfen konnte den hundertjährigen Baum stürzen. Ich zündete in meiner Stube Lichter an, und wollte nicht schlafen. Der Bube Gottlieb hatte durch das lange Stehen und Warten an dem Thaugrunde ein leichtes Fieber bekommen. Ich hatte ihn untersucht, und schickte ihm etwas hinunter.

Nach einer Stunde kam der Thomas und sagte, daß die Leute zusammen gekommen seien und beten; das Getöse sei furchtbar. Ich erwiderte ihm, es müsse sich bald ändern, und er entfernte sich wieder.

Ich ging in dem Zimmer, in das der Lärmen, wie tosende Meereswogen, drang, auf und nieder, und da ich mich später auf das lederne Sitzbette, das da stand, ein wenig niedergelegt hatte, schlief ich aus Müdigkeit doch ein.

Hinter dem Mond, Terebilovski Blues. Westsibirischer Dorfpunk auf dem Weg zum Weltruhm, 2010 bis 2018Als ich wieder erwachte, hörte ich ein Sausen oberhalb meinem Dache, das ich mir nicht gleich zu erklären vermochte. Als ich aber aufstand, mich ermannte, an das Fenster trat und einen Flügel öffnete, erkannte ich, daß es Wind sei, ja, daß ein Sturm durch die Lüfte dahin gehe. Ich wollte mich überzeugen, ob es noch regne, und ob der Wind ein kalter oder warmer sei. Ich nahm einen Mantel um, und da ich durch das vordere Zimmer ging, sah ich seitwärts Licht durch die Tür des Gemaches herausfallen, in welchem Thomas schläft. Er ist nämlich in meiner Nähe, damit ich ihn mit der Glocke rufen könne, wenn ich etwas brauche, oder falls mir etwas zustieße. Ich ging in das Gemach hinein und sah, daß er an dem Tische sitze. Er hatte sich gar nicht nieder gelegt, weil er sich, wie er mir gestand, zu sehr fürchtete. Ich sagte ihm, daß ich hinunter gehe, um das Wetter zu prüfen. Er stand gleich auf, nahm seine Lampe, und ging hinter mir die Treppe hinab. Als wir unten im Vorhause angekommen waren, stellte ich mein Licht in die Nische der Stiege und er seine Lampe dazu. Dann sperrte ich die Tür auf, die in den Hof hinaus führt, und als wir aus den kalten Gängen hinaus traten, schlug uns draußen eine warme, weiche Luft entgegen. Der ungewöhnliche Stand der Dinge, der den ganzen Tag gedauert hatte, hatte sich gelöset. Die Wärme, welche von der Mittagseite her kam und bis jetzt nur in den oberen Teilen geherrscht hatte, war nun auch, wie es meist geschieht, in die untern herab gesunken, und der Luftzug, der gewiß oben schon gewesen war, hatte sich herabgedrückt und war in völligen Sturm Übergegangen. Auch am Himmel war es, so viel ich sehen konnte, anders geworden. Die einzelne graue Farbe war unterbrochen; denn ich sah dunkle und schwarze Stücke hie und da zerstreut. Der Regen war nicht mehr so dicht, schlug aber in weiter zerstreuten und stärkeren Tropfen an unser Gesicht. Als ich so stand, näherten sich mir einige Menschen, die in der Nähe meines Hauses gewesen sein mußten. Mein Hof ist nämlich nicht so, wie es gewöhnlich zu sein pflegt, und damals war er noch weniger verwahrt als jetzt. Das Mauerwerk meines Hauses ist nämlich von zwei Seiten ins Rechteck gestellt, und das sind die zwei Seiten des Hofes. Die dritte war damals mit einer Planke versehen, hinter der der Garten werden sollte, in den man durch ein hölzernes Gitter hinein ging. Die vierte war die Einfahrt, damals auch Planke, nicht einmal gut gefügt, und mit einem hölzernen Gittertore versehen, das meistens offen stand. In der Mitte des Hofes sollte ein Brunnen werden, der aber damals noch gar nicht angefangen war. Es kam daher leicht an, daß Menschen zu mir in meinem Hofe herzu treten konnten. Sie waren im Freien gestanden und hatten in großer Angst den Zustand der Dinge betrachten wollen. Als sie das Licht in den Fenstern meiner Stube verschwinden sahen und gleich darauf bemerkten, daß es an den Fenstern des Stiegenhauses herunter gehe, dachten sie, daß ich in den Hof kommen würde, und gingen näher herzu. Sie fürchteten erst rechte Verheerungen und unbekannte Schrecken, da nun der Sturm auch noch dazu gekommen sei. Ich sagte ihnen aber, daß dies gut ist, und daß nun das Ärgste bereits hinter uns liege. Es war zu erwarten, daß die Kälte, die nur unten, nicht aber oben war, bald verschwinden würde. Es könne nun, da der Wind so warm sei, kein neues Eis mehr entstehen, ja das alte müsse weniger werden. Der Wind, wie sie meinten und fürchteten, könne auch nicht mehr Bäume stürzen, als in der Windstille gefallen sind; denn als er sich hob, sei er gewiß nicht so stark gewesen, daß er zu der Wucht, mit der mancher Stamm schon beladen gewesen war, so viel hinzu gegeben hätte, daß der Stamm gebrochen wäre, wohl aber sei er gewiß schon stark genug gewesen, um das Wasser, das locker in den Nadeln geschwebt hatte, und die Eisstücke, die nur mit einem schwachen Halt befestigt gewesen waren, herab zu schütteln. Der nächste, stärkere Stoß habe schon einen erleichterten Baum gefunden und habe ihn noch mehr erleichtert. So sei die Windstille, in der sich alles heimlich sammeln und aufladen konnte, das Furchtbare, und der Sturm, der das Zusammengeladene erschütterte, die Erlösung gewesen. Und wenn auch mancher Baum durch den Wind zum Falle gebracht wurde, so wurden doch gewiß weit mehrere durch ihn gerettet, und der schon im Äußersten stehende Stamm wäre auch in der Windstille, nur um eine kleine Zeit später, gefallen. Und nicht bloß herab geschüttelt habe der Wind das Eis, sondern er habe es auch durch seinen warmen Hauch zuerst in den zarteren Geweben, dann in den stärkeren zerfressen, und habe das dadurch entstandene und auch das vom Himmel gefallene Wasser nicht in den Zweigen gelassen, wie es eine bloß warme, aber stille Luft getan hätte. Und in der Tat, obwohl wir durch das Sausen des Sturmes hindurch das frühere Rauschen der Wälder nicht hören konnten, so waren doch die dumpfen Fälle, die wir allerdings noch vernahmen, viel seltener geworden.

Nach einer Weile, in welcher der Wind immer heftiger und, wie wir meinten, auch immer wärmer geworden war, wünschten wir uns eine gute Nacht, und gingen nach Hause. Ich begab mich auf meine Stube, entkleidete mich, legte mich in das Bett, und schlief recht fest bis an den Morgen, da schon der helle Tag an dem Himmel stand.

Als ich erwacht war, stand ich auf, legte die Kleider an, die ich am Morgen gerne habe, und ging an die Fenster. Der Sturm hatte sich noch gesteigert. Ein weißer Schaum jagte an dem Himmel dahin. Der blaue Rauch, der aus der Hütte des Klum herausging, zerflatterte, wie ein zerrissener Schleier. Wo sich ein Stück einer schwarzen Wolke hinter einem Walde hervorragend sehen ließ, wälzte es sich am Himmel hin, und war gleich wieder nicht sichtbar. Es schien, als sollte jeder Dunst verjagt werden und sogleich das reine Blau zum Vorschein kommen; allein es quoll der weiße Qualm immer wieder heraus, als würde er in der Tiefe des Himmels erzeugt; und braunliche und graue und rötliche Stücke jagten in ihm dahin. Die Dächer der Nachbarhütten schimmerten naß; in den Mulden des Eises, das über dem Schnee lag, stand Wasser, und wurde gekräuselt und in feinen Tropfen in die Lüfte zerspritzt; das andere nasse Eis glänzte schimmernd, als wäre die Weiße des Himmels darauf geworfen, die Wälder ragten finsterer und die schwarze Farbe des Sturmes gewinnend gegen den Himmel, und wo ein näherer Baum seine Äste im Winde wiegte, stand oft augenblicklich ein langer Blitz da und verschwand, und selbst über die ferneren Wände der Wälder lief es noch zu Zeiten wie verlorenes Geschimmer und Geglänze. In meinem Hofe war es naß, und die einzelnen, aber großen Tropfen schlugen gegen die andere Wand meines Hauses und gegen ihre Fenster; denn die meinigen waren dem Winde nicht zugekehrt und schauten gegen Sonnenaufgang. Bei der Fichte, an der mein Sommerbänklein steht, das aber jetzt wegen der großen Überhüllung des Schnees nicht zu erblicken war, sah ich, wie sie Leitern anlegten und der Kajetan hinauf kletterte, um die zwei Wiesbaumseile los zu lösen.

Die Gefahr, in welcher wir schwebten, war nun eine andere und größere als gestern, wo nur für die Wälder und Gärten ein großer Schaden zu fürchten gewesen war. Wenn das Wasser von dem außerordentlich vielen Schnee, der in dem Winter gefallen war, auf einmal los gebunden wird, so kann es unsere Felder, unsere Wiesen und unsere Häuser zerstören. Der Wind war noch wärmer, als in der vergangenen Nacht; denn ich öffnete die Fenster des Ganges, um ihn zu empfinden. Wenn einmal die dichte Eisdecke, die sich gestern wie zum Schutze auf die Erde gelegt hatte, durchfressen ist, dann wird der Schnee, das lockere Gewirre von lauter dünnen Eisnadeln, schnell in Tropfen zerfallen, die wilden Ungeheuer der Waldbäche werden aus den Tälern herausstürzen und donnernd die Felder, die Wiesen, die Flächen mit Wasser füllen; von allen Bergen werden schäumende Bänder niedergehen; das beweglich gewordene Wasser wird, wo Felsen und jähe Abhänge empor ragen, die Lawinen, welche Steine, Schnee und Bäume ballen, die Bäche dämmen und vor sich ein Meer von Wasser erzeugen.

Ich legte meine Kleider an, aß schnell mein Frühmahl und bereitete mich zu dem heutigen Tagewerke. Ich ging zu dem Knaben Gottlieb hinab, um nachzuschauen; aber er war ganz gesund und sah sehr gut aus. Ich sendete zu dem Vetter Martin, dem Wirt am Rothberge, hinunter, daß er mir heute ein Fuhrwerk leihe, denn durch den Thaugrund war der Weg durch gestürzte Bäume verlegt und konnte so bald nicht befreit werden, obwohl nun keine Gefahr mehr unter den Bäumen herrschte. Von dem Rothberge herauf war aber alles frei geblieben; denn die Buchen mit ihren zähen Ästen hatten die belasteten Zweige zwar bis auf die Erde hängen lassen, waren aber doch dem Zerbrechen widerstanden. Auf dem Wege, auf welchem wir gestern gekommen waren, konnte der Thomas nicht in das Eidun und zu dem Fuchse hinüber gelangen, weil das Eis nicht mehr trug; und ein tiefes, gefährliches Versinken in den wässerigen Schnee hätte erfolgen müssen. Er sagte, er wolle es gegen Mittag versuchen, bei den gestürzten Bäumen vorbei zu klettern und so in das Eidun zu kommen. Von den Rothberghäusern war zeitlich früh schon ein Bote herauf gekommen, der mir Nachricht von einem Kranken zu bringen hatte, und dieser hatte mir auch gesagt, daß es durch den Haidgraben und an dem Buchengehäng von dem Rothberge herauf frei geblieben war.

Während ich auf den Knecht wartete, den mir der Wirt am Rothberge mit einem Fuhrwerke senden sollte, untersuchte ich die Eisrinde des Schnees. Sie war noch nicht zerstört, aber an vielen Stellen in der Nähe meines Hauses so dünn, daß ich sie mit meiner Hand zerbrechen konnte. In muldenförmigen Gräben rann das Wasser auf der glatten Unterlage bereits sehr emsig dahin. Der Regen hatte ganz aufgehört, höchstens daß noch mancher einzelne Tropfen von dem Winde geschleudert wurde. Der Wind aber dauerte fort, er glättete das Eis, auf dem er das dünne Wasser dahin jagte, zu dem feinsten Schliffe, und lösete durch seine Weichheit unablässig alles Starre und Wassergebende auf.

Der Knecht des Wirtes am Rothberge kam, ich nahm mein Gewand gegen den Wind zusammen und setzte mich in den Schlitten. Ich habe an diesem Tage viele Dinge gesehen. Statt daß es gestern auf den Höhen und in den Wäldern gerauscht hatte, rauschte es heute in allen Tälern, statt daß es gestern an den Haaren des Fuchses nieder gezogen hatte, flatterten sie an dem heutigen Pferde in allen Winden. Wenn wir um eine Schneewehe herum biegen wollten, sprang uns aus ihr ein Guß Wasser entgegen, es raschelte in allen Gräben, und in den kleinsten, unbedeutendsten Rinnen rieselte und brodelte es. Die Siller, sonst das schöne, freundliche Wasser, brauste aus dem Walde heraus, hatte die fremdartig milchig schäumenden Wogen des Schneewassers, und stach gegen die dunkle Höhle des Waldes ab, aus der sie hervor kam, und in der noch die gestürzten Bäume über einander und über das Wasser lagen, wie sie gestern von dem Eise gefällt worden waren. Wir konnten nicht durch den Wald fahren, und mußten durch die Hagweiden den Feldweg einschlagen, der heuer zufällig befahren war, weil die Bewohner von Haslung ihr Holz von dem Sillerbruche wegen des vielen Schnees nicht durch den Wald, sondern auf diesem Umwege nach Hause bringen mußten. Wir fuhren durch den geweichten Schnee, wir fuhren durch Wasser, daß der Schlitten beinahe schwamm, und einmal mußte das Tier von dem Knechte mit größter Vorsicht geführt werden, und ich mußte bis auf die Brust durch das Schneewasser gehen.

Gegen Abend wurde es kühler, und der Wind hatte sich beinahe gelegt.

Als ich mich zu Hause in andere Kleider gehüllt hatte und um den Thomas fragte, kam er herauf zu mir und sagte, daß er mit dem Fuchse noch glücklich nach Hause gekommen sei. Er habe die gestürzten Bäume überklettert, man sei mit Sägen mit ihm gegangen, um wenigstens die größeren Stücke von dem Wege zu bringen, und da er zurück gekommen war, sei es schon ziemlich frei gewesen. Über die kleineren Stämme und über die Äste habe er den Schlitten hinüber geleitet. Aber der Bach, der im Thaugrunde fließt, hätte ihm bald Hindernisse gemacht. Es ist zwar nicht der Bach da, aber an der Stelle, wo unter dem Schnee der Bach fließen sollte, oder eigentlich gefroren sein mag, rann vieles Wasser in einer breiten Rinne hin. Als er den Fuchs hineinleitete, wäre derselbe im Schnee versunken, der in dem Grunde des Wassers ist, daher er ihn wieder zurück zog und selber durch Hineinwaten so lange versuchte, bis er den festen Boden des heurigen Schlittenweges fand, auf welchem er dann den Fuchs und den Schlitten durchgeführt habe. Später wäre es nicht mehr möglich gewesen; denn jetzt stehe ein ganzer See von Wasser in den Niederungen des Thaugrundes.

Ähnliche Nachrichten kamen aus verschiedenen Teilen meiner Nachbarschaft; von der Ferne konnte ich keine bekommen, weil sich niemand getraute, unter diesen Umständen einen weiteren Weg zu gehen. Selbst zwei Boten, die mir von entfernten Kranken Nachricht bringen sollten, sind ausgeblieben.

So brach die Nacht herein und hüllte uns die Kenntnis aller Dinge zu, außer dem Winde, den wir über die weiße, wassergetränkte, gefahrdrohende Gegend hinsausen hörten.

Am andern Tage war blauer Himmel, nur daß einzelne Wölklein nicht schnelle, sondern gemach durch das gereinigte Blau dahin segelten. Der Wind hatte fast gänzlich aufgehört, und zog auch nicht mehr aus Mittag, sondern ganz schwach aus Untergang Auch war es kälter geworden, zwar nicht so kalt, daß es gefroren hätte, doch so, daß sich kein neues Wasser mehr erzeugte. Ich konnte auf meinen Wegen fast überall durchdringen, außer an zwei Stellen, wo das Wasser in einer solchen Tiefe von aufgelösetem und durchweichtem Schnee dahin rollte, daß es nicht möglich war, durch zu gehen oder zu fahren. An einem andern Platze, wo es zwar ruhig, aber breit und tief in der Absenkung des Tales stand, banden sie Bäume zusammen und zogen mich gleichsam auf einem Floße zu einem gefährlichen Kranken hinüber. Ich hätte die andern zwar auch gerne gesehen, aber es war doch nicht so notwendig, und morgen hoffte ich schon zu ihnen gelangen zu können.

Am nächsten Tage war es wieder schön. Es war in der Nacht so kalt gewesen, daß sich die stehenden Wässer mit einer Eisdecke überzogen hatten. Diese schmolz am Tage nicht weg, wohl aber zerbrach sie, indem die Wässer in die unterhalb befindliche Grundlage des Schnees schnell einsanken und versiegender wurden. Es war doch gestern gut gewesen, daß ich zu dem Kumberger Franz auf dem Floße hinüber gefahren bin, denn das Mittel, welches ich ihm da gelassen hatte, hatte so gut gewirkt, daß er heute viel besser war und fast die Gefahr schon überstanden hatte. Auch zu den andern zweien konnte ich schon gelangen. Man konnte zwar nicht fahren, weil es unter dem Wasser zu ungleich war, aber mit einer Stange und meinem Bergstocke, den ich daran band, konnte ich durchgehen. Die nassen Kleider wurden, nachdem ich die zweiten, die ich mit führte, im Gollwirtshause angelegt hatte, in den Schlitten gepackt.

Am nächsten Tage konnte ich auch schon wieder durch den Thaugrund in das Eidun und in die Dubs hinüber gelangen.

Es kamen nun lauter schöne Tage. Eine stetige, schwache Luft ging aus Sonnenaufgang. Nachts fror es immer, und bei Tage tauete es wieder. Die Wässer, welche sich in jenem Sturme gesammelt hatten, waren nach und nach so versiegt und versunken, daß man keine Spur von ihnen entdecken konnte, und daß man auf allen Wegen, die sonst im Winter gangbar sind, wieder zu gehen und anfangs mit Schlitten und später mit Wägen zu fahren vermochte. Eben so hatte sich die unermeßliche Menge Schnee, die wir so gefürchtet hatten, so allmählig verloren, daß wir nicht wußten, wo er hingekommen ist, als hie und da offene Stellen zum Vorscheine kamen, und endlich nur mehr in Tiefen und Schluchten und in den höheren Wäldern die weißen Flecke lagen.

In den ersten Tagen nach jenem Ereignisse mit dem Eise, als die Leute sich allgemach wieder auf entferntere Wege wagten, konnte man die Zerstörungen erst recht ermessen. An manchen Orten, wo die Bäume dicht standen und wegen Mangel an Luftzug und Licht die Stämme dünner, schlanker und schwächer waren, dann an Gebirgshängen, wo sie mageren Boden hatten, oder durch Einwirkung herrschender Winde schon früher schief standen, war die Verwüstung furchtbar. Oft lagen die Stämme wie gemähte Halme durcheinander, und von denen, die stehen geblieben waren, hatten die fallenden Äste herab geschlagen, sie gespalten oder die Rinde von ihnen gestreift und geschunden. Am meisten hatte das Nadelholz gelitten, weil es zuerst schon, namentlich, wo es dicht steht, schlankere, zerbrechlichere Schafte hat, dann weil die Zweige auch im Winter dicht bebuscht sind und dem Eise um viel mehr Anhaltsstellen gewähren, als die der anderen Bäume. Am wenigsten wurde die Buche mitgenommen, dann die Weide und Birke. Die letztere hatte nur die feinsten herabhängenden Zweige verloren, die wie Streu herum lagen; – wo ein Stamm dünne genug war, hatte er sich zu einem Reife gebogen, derlei Reifen man dann im Frühlinge viele herum stehen sehen konnte; ja noch im Sommer und selbst nach mehreren Jahren waren manche zu sehen. Allein, wie groß auch die Zerstörung war, wie bedeutend auch der Schaden war, der in den Wäldern angerichtet wurde, so war dieses in unserer Gegend weniger empfindlich, als es in andern gewesen wäre; denn da wir Holz genug hatten, ja, da eher ein Überfluß als ein Mangel daran herrschte, so konnten wir das, was wirklich zu Grunde gegangen war, leicht verschmerzen, auch mochten wir zu dem nächsten Bedürfnisse nehmen, was gefallen war, wenn man nämlich dazu gelangen konnte, und es nicht in Schlachten lag oder an unzugänglichen Felsen hing. Größer aber und eindringlicher noch mochte der Schaden an Obstbäumen sein, wo die Äste von ihnen gebrochen waren, und wo sie selber gespalten und geknickt wurden; denn Obstbäume sind ohnedem in der Gegend seltener als sonst wo, und sie brauchen auch mehr Pflege und Sorgfalt, und gedeihen langsamer, als es selbst nur wenige Stunden von uns der Fall ist, in der ebeneren Lage draußen, in Tunberg, in Rohren, in Gurfeld, und selbst in Pirling, das näher an uns ist und an unseren Waldverhältnissen schon Teil nimmt.

Von den Gruppen von Bäumen, die in meiner Wiese und in der Nachbarschaft herum stehen, und die ich so liebe, haben mehrere gelitten. Einige sind geknickt, haben ihre Äste verloren, und drei Eschen sind ganz und gar umgeworfen worden.

Im Thurwalde, der vielleicht der höchste ist, den man vom Hage und vom Hange sehen kann, ist eine Lawine herabgegangen und hat das Holz genommen, daß man jetzt noch den Streifen mit freiem Auge erblicken kann.

Hinter dem Mond, Terebilovski Blues. Westsibirischer Dorfpunk auf dem Weg zum Weltruhm, 2010 bis 2018Als einige Zeit vergangen war und die Wege an den Orten wieder frei wurden, hörte man auch von den Unglücksfällen, die sich ereignet hatten, und von wunderbaren Rettungen, die vorgekommen waren. Ein Jäger auf der jenseitigen Linie, der sich nicht hatte abhalten lassen, an dem Tage des Eises in sein Revier hinauf zu gehen, wurde von einer Menge stürzender Zapfen erschlagen, die sich am oberen Rande einer Felswand losgelöst und die weiter unten befindlichen mitgenommen hatten. Man fand ihn mitten unter diesen Eissäulen liegen, da man sich am andern Tag trotz des Sturmes und der Schneeweiche den Weg hinauf zu ihm gebahnt hatte; denn der Jägerjung wußte, wohin sein Herr gegangen war, er nahm die Hunde mit, und diese zeigten durch ihr Anschlagen die Stelle, wo er lag. Zwei Bauern, welche von dem Rothberge, wo sie übernachtet hatten, durch die Waldhäuser in die Rid hinübergehen wollten, wurden von fallenden Bäumen erschlagen. Im untern Astung ertrank ein Knabe, der nur zum Nachbar gehen wollte. Er versank in dem weichen Schnee, welcher in der Höhlung des Grundes stand, und konnte nicht mehr herauskommen. Wahrscheinlich wollte er, wie man erzählte, nur ein klein wenig von dem Wege abweichen, weil derselbe schief und mit glattem Eise belegt war, und geriet dadurch in den Schnee, der über einer weiten Grube lag, und unter den am ganzen Tage das Wasser hinein gerieselt war und ihn trügerisch unterhöhlt hatte. Ein Knecht aus den Waldhäusern des Rothbergerhanges, der im Walde war und das beginnende Rauschen und Niederfallen der Zweige nicht beachtet hatte, konnte sich, als er nicht mehr zu entrinnen wußte, nur dadurch retten, daß er sich in die Höhlung, welche zwei im Kreuze aufeinander gestürzte Bäume unter sich machten, hinein legte, wodurch er vor weiteren auf die Stelle stürzenden Bäumen gesichert war und von fallendem Eise nichts zu fürchten hatte, da es auf dem Rund der großen Stämme zerschellte oder abgeschleudert wurde. Allein das wußte er nicht, wenn ein neuer, starker Stamm auf die zwei schon daliegenden fiele, ob sie nicht aus ihrer ersten Lage weichen, tiefer nieder sinken und ihn dann zerdrücken würden. In dieser Lage brachte er einen halben Tag und die ganze Nacht zu, indem er nasse Kleider und nichts bei sich hatte, womit er sich erquicken und den Hunger stillen konnte. Erst mit Anbruch des Tages, wo der Wind sauste und er von fallendem Eise und Holze nichts mehr vernehmen konnte, wagte er sich hervor und ging, teilweise die Eisrinde schon durchbrechend und tief in den Schnee einsinkend, zum nächsten Wege, von dem er nicht weit ab war, und gelangte auf demselben nach Hause.

Auch den Josikrämer hielt man für verunglückt. Er war im Haslung am Morgen des Eistages fortgegangen, um durch den Dusterwald in die Klaus hinüber zu gehen. Allein in der Klaus ist er nicht angekommen, auch ist er in keinem der umliegenden Orte, nachdem er vom Haslung bereits drei Tage weg war, erschienen. Man meinte, in dem hohen Dusterwalde, dessen Gangweg ohnedem sehr gefährlich ist, wird er um das Leben gekommen sein. Er war aber von den letzten Höhen, die von Haslung aus noch sichtbar sind, hinabgegangen, wo das Tal gegen die wilden Wände und die vielen Felsen des Dusterwaldes hinüber läuft und sich dort an der Wildnis empor zieht, dann ist er schräg gegen die Wand gestiegen, die mit dem vielen Gesteine und den dünne stehenden Bäumen gegen Mittag schaut, und wo unten im Sommer der Bach rauscht, der aber jetzt überfroren und mit einer unergründlichen Menge von Schnee bedeckt war. Weil der Weg längs des Hanges immer fort geht und über ihn von der Höhe bald Steine rollen, bald Schnee in die Tiefe abgleitet, so hatte der Krämer seine Steigeisen angelegt; denn wenn sich auch auf der Steile nicht viel Schnee halten kann, vor dem Versinken also keine große Gefahr war, so kannte er doch den Regen, der da nieder fiel und gefror, sehr gut, und fürchtete, an mancher Schiefe des Weges auszugleiten und in den Abgrund zu fallen. Da er, ehe es Mittag wurde, bei dem Kreuzbilde vorbei ging, das vor Zeiten der fromme Söllibauer aus dem Gehänge hatte setzen lassen, hörte er bereits das Rasseln und das immer stärkere Fallen des Eises. Da er weiter ging, die Sache immer ärger wurde und zuletzt Bedenklichkeit gewann, kroch er in eine trockene Steinhöhle, die nicht weit von dem Wege war, die er wußte, und in der er sich schon manchmal vor einem Regen verborgen hatte, um auch heute das Gefahrdrohendste vorübergehen zu lassen. Weil er solche eisbildende Regen kannte, daß ihnen gewöhnlich weiches Wetter zu folgen pflegt, und weil er mit Brod und anderen Lebensmitteln versehen war, indem er gar oft sein Mittagsmahl in irgendeinem Walde hielt, so machte er sich aus dem Dinge nicht viel daraus. Als er am andern Morgen erwachte, ging ein Wasserfall über seine Steinhöhle. Der Wind, welcher von Mittag kam, hatte sich an der Wand, die ihm entgegen schaute, recht fangen können, und da die Bäume wegen dem Gefelse dünner standen, so konnte er sich auch recht auf den Schnee hinein legen und ihn mit seinem Hauche schnell und fürchterlich auflösen. Der Krämer sah, wenn er seitwärts seines Wassers am Eingange der Höhle hinüber blickte, daß allenthalben an den Gehängen weiße, schäumende, springende Bänder nieder flatterten. Hören konnte er nichts wegen dem Tosen des eigenen Wassers, das alles übertäubte. Auch sah er unten manchen Schneestaub aufschlagen von den unaufhörlich an allen Orten niedergehenden Lawinen; denn am oberen Rande der Wand geht schief eine Mulde empor, in welcher im Winter ein unendlicher Schnee zu liegen pflegt, der erstens aus dem Himmel selbst darauf fällt und dann von der noch höher liegenden schiefen, glatten Wand darauf herab rollt. Aus diesem Schnee entwickelte sich nun unsägliches Wasser, das alles über den Hang, an dem der Weg des Krämers dahin ging, nieder rann und zu der Tiefe zielte, in der sonst der Wildbach fließt, jetzt aber ein unbekannt tiefes Gebräu von Schnee und Wasser stand. An den Bäumen zerstäubte manches Stück Schnee, das oben auf dem nassen Boden sachte vorgerückt war und sich los gelöst hatte. Der Krämer blieb außer dem ersten Tage noch die zwei folgenden in der Höhle. Er hatte, um sich gegen die Kälte wehren zu können, die ihn bei seiner langen Ruhe überfiel, aus seinem Packe ein Stück grobes Tuch heraus suchen und sich daraus ein Lager und eine Decke machen müssen. In der Klaus ist er aber dann auch nicht angekommen, sondern man sah ihn am vierten Tage nach dem Eissturze nachmittags mit seinem Packe an dem Hage vorüber gehen. Er ging nach Gurfeld hinaus, um sich sein Tuch, das er gebraucht hatte, wieder zurichten zu lassen.

Spät im Sommer fand ich einmal auch die zusammengedorrten Überreste eines Rehes, das von einem Baume erschlagen worden war.

Ich werde die Herrlichkeit und Größe jenes Schauspieles niemals vergessen. Ich konnte es vielleicht nur allein ganz ermessen, weil ich immer im Freien war und es sah, während die andern in den Häusern waren und, wenn sie auch durch einen Zufall hinein gerieten, sich bloß davor fürchteten.

Ich werde es auch schon darum nicht vergessen, weil sich im Frühlinge darauf etwas angefangen hat, was mir auf ewig in dem Herzen bleiben wird. – – Ach du guter, du heiliger Gott! das werde ich gewiß nie, nie, nie vergessen können!

Es verging der Schnee so gemach, daß alles offen und grüner wurde als sonst, und daß in den tiefsten Tiefen schon die Bäche zu einer Zeit wieder rauschten, wo wir sonst noch manche weiße Inseln auf den Feldern sahen. Es wurde bald warm, und die Wässer des Schnees, die wir so gefürchtet hatten, waren nicht vorhanden. Sie waren entweder in die Erde eingesickert, oder rannen jetzt in den schönen, plätschernden Bächen durch alle Täler dahin. Die Bäume belaubten sich sehr bald, und wunderbar war es, daß es schien, als hätte ihnen die Verwundung des Winters eher Nutzen als Schaden gebracht. Sie trieben fröhliche junge Schossen, und wo einer recht verletzt war und seine Äste gebrochen ragten, und wo mehrere beisammen standen, die sehr kahl geschlagen waren, kam eine Menge feiner Zweige, und es verdichtete sich immer mehr das grüne Netz, aus dem die besten, fettesten Blätter hervor sproßten. Auch die Obstbäume blieben nicht zurück. Aus den stehen gebliebenen Zweigen kamen die dichten Büschel großer Blüten hervor; ja wo die feineren Zweige fehlten, saßen in den Augen der dicken, selbst der Stämme, Büschel von Blüten, waren sehr groß und hielten sich fest, da sie doch sonst in anderen Jahren, wenn sie auch kamen, klein blieben und wieder abfielen.

Hinter dem Mond, Terebilovski Blues. Westsibirischer Dorfpunk auf dem Weg zum Weltruhm, 2010 bis 2018Als der erste Schnee weg ging und der spätere, den mancher Apriltag noch nieder werfen wollte, sich nicht mehr halten konnte, als die Erde schon gelockert und gegraben werden konnte, kam der Obrist in unsere Gegend. Er hatte sich schier das ganze obere Hag eigentümlich gekauft, und begann an dem Eichenhage die Grundfesten eines Hauses aufwerfen zu lassen. Es war beinahe genau die Stelle, von der ich schon früher zuweilen gedacht hatte, daß hier eine Wohnung sehr gut stehen und recht lieblich auf die Wälder herum blicken könnte. Ich kannte den Obrist nicht. Ich wußte nur – und ich hatte es bei dem Wirte im Rothberge gehört, – daß ein fremder, reicher Mann in Unterhandlung um das obere Hag sei, und daß er sich ansässig machen wolle. Später sagte man, daß der Handel geschlossen sei, und man nannte auch die Summe. Ich hielt nicht viel darauf, weil ich solche Gerüchte kannte, daß sie bei wahren Veranlassungen gewöhnlich sehr gerne über die Wahrheit hinaus gehen, und ich hatte auch keine Zeit, mich an der wahren Stelle um den Sachverhalt zu erkundigen, weil jener Winter gerade viel mehr Kranke brachte als jeder andere. Im Frühlinge hieß es, daß schon gebaut werde, daß Wägen mit Steinen fahren, daß man im Sillerwalde das Bauholz behaue, welches der Zimmermann in Sillerau schon am vorigen Herbste hatte fällen lassen, und daß man bereits die Grundfesten grabe. Ich ging eines Nachmittages, da ich Zeit hatte, hinauf, weil es von meinem Hause nicht weit ist, und weil ich ohnedem gerne dort hinübergehe, wenn ich zum Spazieren eine kleine Zeit habe. Es war wahr, ich fand eine Menge Menschen mit Ausgrabungen an dem Platze beschäftigt, wo man das Haus bauen wollte. Die meisten kannten mich und lüfteten den Hut oder grüßten auf andere Weise. Viele von ihnen hatten bei mir gearbeitet, als ich in dem nämlichen Zustande mit meinem neuen Hause war. Hier aber wurde mit viel mehr Händen und mit viel mehr Mitteln zugleich angefangen, als wollte man in sehr kurzer Zeit fertig werden. Ich sah auch schon eine Menge Baustoff herbei geschafft, und in einer hölzernen Hütte wurde vielfach an den künftigen Tür- und Fensterstöcken gemeißelt. Sogar der Garten, der neben dem künftigen Hause sein sollte, wurde schon seitwärts des Eichenhages abgesteckt. Ich sah den Baueigentümer nirgends, und als ich fragte, antwortete man mir, er sei jetzt selten gegenwärtig, er sei nur einmal gekommen, habe alles besichtigt, und habe dann den weitern Verlauf des Werkes dem Baumeister aufgetragen. Wenn es aber wärmer werde, dann werde er ganz hieher kommen, werde in einem hölzernen Hause wohnen, das er sich neben dem Eichenhage errichten lasse, und werde im Herbste schon ein paar Stoben des neuen Hauses beziehen, die zuerst fertig sein und bis dahin gehörig austrocknen werden.

Ich sah mir die Sache, wie sie hier begonnen wurde, sorgfältig an, und der Plan, wie ihn mir der Werkführer auseinandersetzte, gefiel mir sehr wohl.

Ich fragte gelegentlich auch um den Bauherrn und erfuhr, daß es ein alter Obrist sei. Weiter wußten die Leute selber nichts von ihm.

Dann ging ich wieder in meine Wohnung hinunter.

Hinter dem Mond, Terebilovski Blues. Westsibirischer Dorfpunk auf dem Weg zum Weltruhm, 2010 bis 2018

Bilder: Hinter dem Mond, Terebilovski Blues.
Westsibirischer Dorfpunk auf dem Weg zum Weltruhm, 2010 bis 2018.

Soundtrack: Ringsgwandl: Winter, aus: Staffabruck, 1993:

Bonus Track: Die nicht warm genug zu empfehlenden My Bubba, von denen wir noch hören werden,
featuring Elsa Håkansson: Visa i Molom, live vermutlich im Winter 2016/2017:

Written by Wolf

31. Januar 2020 at 00:01

Andere Leute, die auch Bretter tragen müssen

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Update zu Der den Wasserkothurn zu beseelen weiß
und Sie sollen und müssen gerettet sein!:

Wie ernst Wilhelm Busch (* 15. April 1832; † 9. Januar 1908) im eigenen Lande genommen wird, zeigt sich daran, dass seine verbreitetste Ausgabe immer noch die Sämtliche[n] Werke und eine Auswahl der Skizzen und Gemälde in zwei Bänden sind, mit den Namen Und die Moral von der Geschicht und Was beliebt ist auch erlaubt. Die sind nach überhaupt nichts geordnet, geschweige dass sie zwischen Textgattungen, Textsorten oder auch nur grob eingeteilten Schaffensperioden wie Früh-, Reife- und Spätwerk unterscheiden wollten, aber ungebrochen lieferbar, seit die Bundesrepublik Deutschland, damals noch in anderen Grenzen, existiert — nur eben ohne ausgewiesenes Erscheinungsjahr, das jedenfalls lange vor dem üblicherweise angegebenen 1982 liegen muss: herausgegeben von Rolf Hochhuth, bis heute verlagsfrisch mit dem Vorwort von Theodor Heuss ausgeliefert. Antiquariate schätzen die Ausgabe auf 1959.

Seit 2002 gibt es eine historisch-kritische Gesamtausgabe der Bildergeschichten, mit 99,99 Euro sogar recht erschwinglich — aber erstens weiß ich das aus geradezu versehentlicher persönlicher Anschauung in der Münchner Germanistik-Bibliothek, zweitens aus einem Hannoveraner Verlag, der Schlütersche Verlag und Druckerei heißt, drittens hat die kein Mensch, und viertens heißt „Bildergeschichten“: ohne die Gedichte, Gemälde und besonders schade: ohne die unterschätzte Prosa (siehe vor allem Eduards Traum, 1891; Der Schmetterling, 1895).

Fünftens, könnte man vorbringen, ist das auch schon egal, weil Wilhelm Busch für nicht mehr viel anderes bekannt ist, als dass er lustig gemeinte Paarreime erstellen konnte, die gerade noch von demnächst aussterbenden Teilnehmern auf Familienfeiern zitiert werden. — Sechstens rede ich dagegen: Das meiste davon trifft ähnlich auf Friedrich Schiller zu, mit dem Hauptunterschied: Der hat keine Bildergeschichten.

Eine Preziose wie Der harte Winter lässt sich bei sotaner Materialienlage kaum noch einordnen — egal in was; ich finde nicht, dass man für dieses Bedürfnis gleich Literaturwissenschaft praktizieren muss. Für die überhaupt irgendwie aufzutreibenden Informationen sind wir dem literarischen Befremdenführer (sic) Der rasende Leichnam, herausgegeben von Frank T. Zumbach bei Sachon, Mindelheim 1986 verpflichtet (oder auf die Biographie von Michaela Diers 2008 natürlich), mit 175 Seiten aus einem Kleinverlag der 1980er Jahre leider auch nicht geradewegs das Vademecum der letzten überlebenden Leseratten. Also: Wilhelm Busch war ab 1859 Freelancer, nein: freischaffend tätig für den Münchener Bilderbogen und die Fliegenden Blätter, ebenfalls zu München. Der harte Winter war sein erster Beitrag für „die Fliegenden“ und lässt sich — für mich, kein Literaturwissenschaftler — nicht auf den Tag genau datieren. Und wir reden vom Erscheinungstag einer gut dokumentierten Wochenzeitschrift. Schon tragisch, sowas.

Korrigiert nach der Erstveröffentlichung in den Fliegenden Blättern:

——— Wilhelm Busch:

Der harte Winter

Fliegende Blätter, Nr. 707, Seite 22, München 1859:

Es war einmal ein unvernünftig kalter Winter; da gingen zwei gute Kameraden mit einander auf das Eis zum Schlittschuhlaufen. Nun waren aber hin und wieder Löcher in das Eis geschlagen, der Fische wegen; und als die beiden Schlittschuhläufer nun im vollen Zuge waren, sintemalen der Wind auch heftig blies, versah’s der Eine, rutschte in ein Loch und traf so gewaltsam mit dem Halse vor die scharfe Eiskante, daß der Kopf auf das Eis dahinglitschte und der Rumpf in’s Wasser fiel. Der Andere, schnell entschlossen, wollte seinen Kameraden nicht im Stich lassen, zog ihn heraus, holte den Kopf und setzte ihn wieder gehörig auf, und weil es eine so barbarische Kälte in dem Winter war, so fror der Kopf auch gleich wieder fest. Da freute sich der, dem das geschah, daß die Sache noch so günstig für ihn abgelaufen war. Seine Kleider waren aber alle ganz naß geworden; darum ging er mit seinem Kameraden in ein Wirthshaus, setzte sich neben den warmen Ofen, seine Kleider zu trocknen, und ließ sich von dem Wirthe einen Bittern geben. „Prosit, Kamerad!“ sprach er und trank dem Andern zu; „auf den Schrecken können wir wohl Einen nehmen.“

Nun hatte er sich durch das kalte Bad aber doch einen starken Schnupfen geholt, daß ihm die Nase lief. Da er sie nun zwischen die Finger klemmte, sich zu schnäuzen, behielt er seinen Kopf in der Hand, denn der war in der warmen Stube wieder losgethaut.

Das war nun freilich für den armen Menschen recht fatal, und er meinte schon, daß er nun in der Welt nichts Rechtes mehr beginnen könnte; aber er wußte doch Rath zu schaffen, ging hin zu einem Bauherrn und ließ sich anstellen als Dielenträger, und war das eine gar schöne passende Arbeit für ihn, weil ihm dabei der Kopf niemals im Wege saß, wie vielen andern Leuten, die auch Bretter tragen müssen.

Wilhelm Busch, der harte Winter, Fliegende Blätter 707, München 1859, Seite 22

Soundtrack: Johnny Horton: North to Alaska, abgespeckte Frühversion 1959:

Written by Wolf

10. Januar 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Biedermeier, Land & See

Nachtstück 0025: Die Thurmuhr brummte Zwölf

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Update zu Ausblick und
Ist das wieder ein Silvester!:

Carl Christian Kehrer: Anna Louisa Karsch, 1791, Gleimhaus HalberstadtDie Muse will, daß ich mit einer Dichterin beschließen soll, die sich oft, und manchmal am unrechten Ort den Namen Sappho giebt. Ich würde diesen Frauenzimmereinfall nicht zur männlichen Wahrheit machen: wenn nicht die Bestimmtheit, mit der sie auf sich zeigt, es verriethe; einige ihrer Verehrer haben vielleicht ihre Bescheidenheit in diesen süßen Traum gewieget.

Wenn man die Gedichte der Mad. Karschin auch nur als Gemählde der Einbildungskraft betrachtet: so haben sie wegen ihrer vielen originalen Züge mehr Verdienst um die Erweckung Deutscher Genies, als viele Oden nach regelmäßigem Schnitt; ich will ihr auch so gar mehr einräumen, als ihr die Literaturbriefe gestatten; dem ohngeachtet aber kann ich doch fragen: ist sie Sappho?

Johann Gottfried Herder: Sappho und Karschin, aus: Ueber die neuere deutsche Litteratur: Zwote Sammlung von Fragmenten.
Beilage zu den Briefen, die neueste Litteratur betreffend, 1767.

Nowazembla ist die nordwestrussische Nowaja Semlja über der Oblast Archangelsk im Nördlichen Eismeer; die Fußnote zu Kocyt und Acheron geht:

Kocytos, der Fluß des Wehklagens, mit dem Acheron Flüsse der Unterwelt.

Flüsse des Wehklagens. Wir sehen uns am anderen Ufer.

——— Anna Louisa Karsch, „A. L. Karschin, geb. Dürbach“:

Das Abentheuer einer Winternacht.

vor 1792, in: Karl Heinrich Jördens, Hrsg.: Denkwürdigkeiten, Charakterzüge und Anekdoten aus dem Leben der vorzüglichsten deutschen Dichter und Prosaisten, Erster Band, bei Paul Gotthelf Kummer, Leipzig 1812:

Anna Louisa Karsch, Das Abentheuer einer Winternacht

Anna Louisa Karsch, Das Abentheuer einer Winternacht

Anna Louisa Karsch, Das Abentheuer einer Winternacht

Bild: Carl Christian Kehrer: Anna Louisa Karsch, 1791, Gleimhaus Halberstadt.

Soundtrack: The McCalmans: New Year’s Eve Song, aus: Honest Poverty, 1993,
Text zum Mitschmettern auf Ein neues Stiefelpaar for what you really are:

Written by Wolf

31. Dezember 2019 at 00:01

Nachtstück 0022: Zu schweigen beginnen

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Update zu Break in college sick bay und
Es endet ohne Schlusspunkt.:

Du kannst thun was du willst: aber du kannst, in jedem gegebenen Augenblick deines Lebens, nur ein Bestimmtes wollen und schlechterdings nicht Anderes, als dieses Eine.

Arthur Schopenhauer: Die beiden Grundprobleme der Ethik:
Ueber die Freiheit des menschlichen Willens, Ueber das Fundament der Moral, 1841.

——— Erich Fried:

Meer

aus: Warngedichte, Abschnitt 4 Kampf ohne Engel, Hanser, München 1964:

Wenn man ans Meer kommt
soll man zu schweigen beginnen
bei den letzten Grashalmen
soll man den Faden verlieren

und den Salzschaum
und das scharfe Zischen des Windes
einatmen
und ausatmen
und wieder einatmen

Wenn man den Sand sägen hört
und das Schlurfen der kleinen Steine
in langen Wellen
soll man aufhören zu sollen
und nichts mehr wollen wollen
nur Meer

Nur Meer

Jörg Oestreich, After the Storm, 17. Juli 2019

Bild: Jörg Oestreich: After the Storm, 17. Juli 2019.

Soundtrack: Die Moulinettes: Immer nie am Meer, 2001, in: Immer nie am Meer, 2007:

Written by Wolf

20. September 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Novecento

Die unnachsichtige Logik, zu der ich mich erzogen hatte

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Update zu Irgendwelche Lümmel oder Gesellschaften von zechenden Strolchen
und And all I got’s a pocketful of flowers on my grave:

Hermann Wögel, MS. Found in a Bottle, 1884, via Old Book IllustrationsAm spukhaftesten wirkt immer Pseudo-Nonfiction: die erfundenen Geschichten, die mit allen dramaturgischen Mitteln und unter Aufbietung aller Beweismittel so tun, als sie einer äußeren Wirklichkeit entsprächen, bis man nicht einmal mehr künstlich seine Ungläubigkeit aussetzen muss. Im Kino musste ich mal den größten Teil vom Blair Witch Project ernsthaft Händchen halten, was ich normalerweise missbillige — wie meine üblichen Kinobegleitungen vorher wissen. Schade ums Eintrittsgeld, und das nicht wegen des außergewöhnlich nervigen Filmpersonals, aber die Realität war wirklich raffiniert mit monatelangem Vorlauf als, nun ja: Realität konstruiert. Geht mir heute noch nach.

Eine frühe Spielart solcher Mockumentary bringt Edgar Allan Poe in Manuskriptfund in einer Flasche, im Original MS. Found in a Bottle, 1833: Solange er nicht auf filmische Mittel zurückgreifen konnte — und man darf annehmen, dass er es jederzeit getan hätte — versah Poe seinen phantastischen Reisebericht mit dem dokumentarischen Rahmen eines Vor- und Nachworts unter seinem Autorennamen. Aus eigener Erfahrung kann ich nur sagen, dass man angesichts dieses durchschaubaren, weil eben nicht filmisch umgesetzten Kunstgriffs durchaus kurz ins Grübeln gerät, ob nicht doch alles wahr ist.

Die Handlung besteht aus dem angeblich vollständigen, allerdings stark punktuell verkürzten Tagebuch eines eher unsympathisch gezeichneten Dandys, der auf einer Weltreise … Nein, das Werk ist zu kurz, um es auch noch zu spoilern — aber es wird ähnlich wie der viel ausführlichere Arthur Gordon Pym 1838 aufgelöst.

Die im folgenden Auszug erwähnten „deutschen Moralisten“ bezeichnen dem versammelten deutschen Idealismus zwischen Kant und Schelling. Folgt man Poes sonstigen Figuren bis zur Morella aus der gleichnamigen Kurzgeschichte von 1835, studiert die natürlich überaus schöne und vor allem ehrfurchtgebietend gelehrte Freundin des umnachteten Ich-Erzählers genau in diese Richtung. Ganz beiläufig ist Morella aus Preßburg gebürtig und damit aus Poes amerikanischer Sicht eine der sprichwörtlich schönen und gelehrten Frauengestalten aus dem Kulturkreis des „alten Europa“. Die Herkunft aus dem heutigen Bratislava verweist zusätzlich, von Poe beabsichtigt oder nicht, auf Böhmen am Meer aus Shakespeares Wintermärchen.

Ich bringe zwei berückende Absätze aus dem MS. Found in a Bottle — einen von gegen Anfang und einen von gegen Schluss:

——— Edgar Allan Poe:

Manuskriptfund in einer Flasche

1833, übs. Arno Schmidt 1970:

Vor allen Dingen bereitete mir die Beschäftigung mit den deutschen Moralisten das hellste Entzücken; nicht etwa aus irgendeiner übelberatenen Bewunderung ihrer zungenfertigen Wahn=Witze, sondern der Leichtigkeit wegen, mit der die unnachsichtige Logik, zu der ich mich erzogen hatte, mich in den Stand setzte, ihre Falschheit zu entdecken. Man hat mich ob dieser unfruchtbaren Trockenheit meines Geistes oft getadelt; mir einen Mangel an Einbildungskraft schier wie ein Verbrechen unterstellt; und der Pyrrhonismus meiner Ansichten hat mich allzeits in Verruf gebracht./p>

[…]

Sich von Grauenhaften meiner Gefühlslage einen Begriff zu machen, wird, wie ich annehme, völlig unmöglich sein; trotzdem überwiegt eine gewisse Neubegier, die Geheimnisse dieser schrecklich hehren Regionen zu ergründen, selbst meine Verzweiflung noch; und versöhnt mich gleichsam wieder mit dem Aspekt auch des scheußlichsten Todes. Liegt es doch auf der Hand, daß wir vorwärts stürmen, irgendeiner erregendsten Erkenntnis zu — einem niemals bekanntzumachenden Geheimnis, dessen Erreichung gleichbedeutend ist mit Zerstörung.

——— Edgar Allan Poe:

MS. Found in a Bottle

1833:

Beyond all things, the works of the German moralists gave me great delight; not from any ill-advised admiration of their eloquent madness, but from the ease with which my habits of rigid thought enabled me to detect their falsities. I have often been reproached with the aridity of my genius; a deficiency of imagination has been imputed to me as a crime; and the Pyrrhonism of my opinions has at all times rendered me notorious.

[…]

To conceive the horror of my sensations is, I presume, utterly impossible; yet a curiosity to penetrate the mysteries of these awful regions, predominates even over my despair, and will reconcile me to the most hideous aspect of death. It it evident that we are hurrying onwards to some exciting knowledge—some never-to-be-imparted secret, whose attainment is destruction.

Harry Clarke, MS. Found in a Bottle, 1833, MONTE DE LEITURAS. Blog do Alfredo Monte, 6. März 2013

Bilder: Hermann Wögel: MS. Found in a Bottle, Albert Quantin, Paris 1884;
Harry Clarke, 1833, via Para seguidores e neófitos de Poe: Os arabescos de CONTOS DE IMAGINAÇÃO E MISTÉRIO, MONTE DE LEITURAS: blog do Alfredo Monte, 6. März 2013.

Die ganze Kurzgeschichte als Kurzfilm: Florian Grolig
in der Animationsklasse Kassel, 2010, Prädikat: Besonders wertvoll:

Soundtrack: Zaz: Port coton, aus: Zaz, 2010:

Boire pour la soif
Je ne sais pas ce qui de nous deux restera
Tu dis mais je ne regarde pas
Je n’ai jamais vu la mer
Mais j’en ai vu des noyés
Comment fais-tu pour oublier
pour oublier

Et la pluie qui revient
dans nos voix
Pas une chanson où je ne pense à toi
Dans ce monde inhabitable
Il vaut mieux danser sur les tables
A port coton qu’on se revoit
qu’on se revoit

Written by Wolf

9. August 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Romantik

Filetstück 0001: Vielleicht bis zum Meer

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Update zu Happy 189th, Herman:

Herman Melville, * 1. August 1819; † 28. September 1891;
Fanny Morweiser, * 11. März 1940; † 18. August 2014.

Am Sonntag, den 1. August 1819, eine halbe Stunde vor Mitternacht, wird Herman Melville in New York City geboren. Er ist das dritte von bald acht Kindern der Eheleute Allan und Maria Gansevoort Melvill [sic]. Die Geburt findet unter ärztlicher Aufsicht zu Hause statt, in der Pearl Street Nr. 6, nur wenige Steinwürfe von der Battery an der Südspitze Manhattans entfernt. Am nächsten Morgen berichtet der stolze Vater seinem Schwager Peter Gansevoort von der Ankunft seines zweiten Sohnes: „unsere liebe Maria bewies ihre bekannte Tapferkeit in der Stunde der Gefahr, & es geht ihr so gut wie es die Umstände & die starke Hitze erlauben – und der kleine Fremdling hat gute Lungen, schläft gut & trinkt mit Maßen, er ist wirklich ein prächtiger Knabe.“

Daniel Göske: Herman Melville. Ein Leben,
Kapitel I: Harte Zeiten. Kindheit, Jugend, frühe Reisen (1819–1844), 1. Absatz.

Fanny Morweiser, O Rosa, Diogenes Verlag 1983, Cover via Leipziger AntiquariatO Rosa war mir vom ersten Satz an ein Lieblingsbuch. Meistens mit Erscheinungsdatum 1985 ausgewiesen, steht in meiner Ausgabe, vom Verlag gedruckt: 1983, und das kommt, wenn ich meine Biografie nach Büchern sortiere, viel eher hin: Das hatte meine zuständige Stadtbibliothek schon, als ich in der Neunten war. Und Fanny Morweiser klingt nach den Krimi-Ladies des frühen Diogenes-Verlags, als er noch hautpsächlich schwarz-gelb, meistens mit einer Tuschevignette von Paul Flora, Edward Gorey oder, ganz wichtig: Tomi Ungerer aufgemacht war und was getaugt hat: Patricia Highsmith, Margaret Millar, Dorothy L. Sayers, Muriel Spark oder wie die rechtschaffen zerlesenen, doch etliche Jahrzehnte überdauernden Haushaltsreste im „Zu verschenken !!!!“-Karton alle heißen. Eine Fanny Morweiser hätte genau in die Reihe gepasst, stammt aber tief aus Rheinland-Pfalz; viel deutscher geht’s nicht. O Rosa ist wie ihr restliches Werk ein nicht übersetztes, weil deutsches Original.

Die titelstiftende Rosa ist ein so goldiger, umfassend missmutiger Teenager mit Hang zum Punk und Gothic und so lebensnah gezeichnet, dass man den Fratzen ständig an die Wand klatschen will. Das geschieht aus einer mütterlich erwachsenen Sicht, dass man an ein reales Vorbild glauben möchte, eine nicht sehr zuträgliche Vorliebe für diesen einnehmend abstoßenden Menschenschlag ist mir leider bis heute geblieben. Der Stil gibt sich möglicherweise absichtlich etwas hausbacken harmlos, ist aber zu lakonisch, um als liebloses Lesefutter für unterforderte Hausfrauen durchzugehen. Die Kapitel funktionieren als eigenständige Kurzgeschichten, bilden aber den Handlungsbogen für einen Roman — nicht mit Pulp-Fiction-Loop, aber in dieser Raffinesse mit verloren gehenden und wiederkehrenden, handlungsübergreifenden Figuren hat das erst wieder Daniel Kehlmann in Ruhm 2009 gebracht — wobei ich die Morweiser in ihrem verinnerlichten Understatement sogar brillanter finde.

Ideal für den 200. Geburtstag von Herman Melville, fast gleichzeitig mit dem fünften Todestag von Fanny Morweiser, ist das vorletzte Kapitel:

——— Fanny Morweiser:

Der Badewannenwal

aus: O Rosa. Ein melancholischer Roman, Diogenes Verlag, Zürich 1983, Seite 129 bis 135:

Herbert nahm seinen Urlaub jedes Jahr zur gleichen Zeit. Meistens blieb er zu Hause. Wie seine Mutter, wie Busses, als sie noch lebten, wie Waenbeins und Illichs, die fanden, daß es nirgendwo schöner war. Nur Halil fuhr mit seiner ganzen Familie in die Türkei, um mit schrecklich kitschigen Andenken wiederzukommen.

Blieb Herbert aber zu Hause, hieß das noch lange nicht, daß er so weiterlebte wie sonst, außer daß er nicht zur Abriet ging, natürlich. Er verwandelte sich jedes Jahr für drei Wochen in eine Figur aus einem seiner Bücher. Seine Mutter spielte mit, soweit es ging. Ihr machte das nichts aus, im Gegenteil, der Sommer, in dem er Kipling liebte und Mahbub Ali war, hatte sie auf viele neue Ideen für exotisch gewürzte Gerichte gebracht; in seiner Zeit als Oblomow hatte sie kaum Wäsche, weil er den ganzen Tag in einem alten Schlafrock auf der Couch lag; am liebsten aber war ihr die Dickenszeit gewesen, da war er Mr. Pickwick mit einem Sofakissen unter der Weste, und sie hatten fast jeden Tag etwas unternommen, Ausflüge und Picknicks, sogar Kahnfahrten auf dem Neckar. Daß sie dabei die Rolle irgendeiner unsympathischen Frau, die ihr weiter kein Begriff war, hatte übernehmen müssen, war ihr egal gewesen. Schließlich hatte das keine anderen Folgen für sie gehabt, als daß Herbert ab und zu die Hände über die Augen gelegt und „… ach Mrs. Bardell“ geseufzt hatte.

So erwartete sie einigermaßen gespannt den ersten freien Morgen Herberts, an dem er als die Figur zum Frühstück erscheinen würde, die er dann drei Wochen blieb. Während sie zwei Weißbrotscheiben in den Toaster schob, überlegte sie, welches Buch sie in letzter Zeit in Herberts Zimmer hatte liegen sehen. Als sie ein Plätschern aus der Badewanne hörte, fiel es ihr ein. Moby Dick. Sie stellte Butter und Marmelade auf den Tisch und packte die fertigen Toastscheiben in ein Körbchen.

„Herbert“, rief sie, „das Frühstück ist fertig.“

Aus dem Bad kam keine Antwort, nur das Plätschern schien ihr lauter zu werden. Also ging sie ihn holen. Als sie die Badezimmertür öffnete, sah sie ihn splitternackt in der Wanne liegen, sogar die Brille hatte er abgenommen.

Via MOBY-DICK or, THE WHALE – I, Theia Komodia, 7. Dezember 2007„Ich bin Moby Dick“, sagte er.

„Gut“, erwiderte sie sanft, „du bist Moby Dick. Aber wenn du nicht bald kommst, ist dein Kaffee kalt.“

„Ein paar Algen und etwas Tang wären mir lieber“, er spielte mit den Zehen, tauchte und kam prustend wieder hoch, „aber das wird sich wohl nicht machen lassen. Bring ihn also her.“

„Den Kaffee?“

„Und mein Frühstück.“ Er blinzelte sie aus rotumränderten Augen an. „Sonst stör mich bitte nicht mehr. Das ist hinderlich für die … die …“, er stotterte, „… Mutation.“

„Mutation“, murmelte sie vor sich hin, während sie in die Küche ging, seinen Wunsch zu erfüllen.

Diesmal fand sie Herberts Idee nicht die Spur lustig. Er blieb Tag und Nacht in der Badewanne und stieg nur heraus, wenn er aufs Klo mußte. Seine Haut begann aufzuquellen und einen kränklichen weißen Ton anzunehmen. Sie holte sich das Buch aus seinem Zimmer und las es an drei Nachmittagen durch.

„Du bist der erste Wal, der in eine Badewanne paßt“, erklärte sie nach beendigter Lektüre, als sie ihm das Abendessen brachte.

„Wie groß ist dann dein Kapitän Ahab? Soll ich dir eine von deinen Zinnfiguren bringen?“

Aber Herbert war für Scherze nicht zu haben.

„Laß mich“, sagte er, „laß mich doch. Wie sollst du das auch begreifen. Ich bin frei … ich bin groß … mir gehört das Meer. Nirgendwo stoß ich auf Grenzen.“

„Und ob du auf Grenzen stößt“, erklärte sie wild, „du bist so auseinandergegangen, daß die Wanne bald zu eng für dich sein wird.“

Unglücklich ließ sie ihn allein, um bei den Brüdern Meier Rat zu holen. Meier zwei öffnete ihr und führte sie auf die Loggia, wo sich Meier eins, unsichtbar für seine Umwelt, in einem Liegestuhl sonnte. Taktvoll schlang er sich ein Handtuch um den Bauch und rückte ihr einen Korbstuhl zurecht. Sein Bruder brachte eine Erfrischung in Form eines riesigen Glaskruges, gefüllt mit geeistem Weißwein, in dem Melonenstückchen schwammen. Irma trank ihr Glas mit geschlossenen Augen in langen dankbaren Schlucken auf einmal leer und entließ dann einen tiefen Seufzer.

„Seit vierzehn Tagen“, sagte sie, „freß ich’s in mich rein. Aber jetzt muß ich einfach mit jemandem reden.“

„Nur zu“, sagte Meier eins und füllte nach.

„Er spinnt“, sagte Irma anklagend und wies mit dem Zeigefinger nach oben. „Diesmal spinnt er wirklich. Er liegt Tag und Nacht in der Badewanne und denkt, er sei ein Fisch.“

„Ein Fisch?“

„Ein Wal. Ein weißer Wal.“

„Aha“, sagte Meier zwei und blickte seinen Bruder ratlos an.

„Er macht Tauchübungen“, fuhr Irma fort, „die letzte Woche wollte er nur noch Fisch und Grünzeug. Und gestern verlangte er einen Tintenfisch.“

„Wozu?“

„Um ihn zu essen“, jammerte sie.

„Die schmecken nicht schlecht“, meinte Meier eins, „paniert oder mit einer guten Sauce.“

„Er wollte ihn roh“, sagte Irma düster.

„Und hat er?“

„Er hat“, sagte sie und schüttelte sich.

„Dann werden wir ihn uns einmal ansehen“, erklärte Meier zwei entschieden. „Zieh dir was über, Bruder.“

Via Prikolniye Kartinki, 9. Oktober 2009Irma fischte die Melonenstückchen aus ihrem Glas, während Meier eins in die Wohnung ging, um sich fertigzumachen. Zu dritt, die schon leicht schwankende Irma zwischen sich, stiegen sie einen Stock höher. Die Wohnungstür war nur angelehnt, aus dem Badezimmer kam das Irma inzwischen nur zu gut vertraute Geplätscher. Sie übernahm die Führung und stieß die Tür zum Bad auf. Herbert blickte nicht einmal hoch, als sie zu dritt vor der Wanne standen. Er holte tief Luft, tauchte unter und blieb leise blubbernd, eine Ewigkeit, wie es ihnen schien, unter Wasser. Die Brüder betrachteten ihn nachdenklich. „Er ist dicker geworden“, sagte der eine.

„Kaum noch Hals“, der andere.

„Seine Augen sind ganz klein.“

„Und fast keine Ohren mehr.“

„Und die Füße. Siehst du die Füße?“ Interessiert beugten sie sich vor.

Irma setzte sich auf den plüschbezogenen Schemel, der neben dem Waschbecken stand, und begann zu weinen.

„Nicht doch, nicht doch“, sagte Meier eins, „in acht Tagen ist sein Urlaub vorbei. Dann muß er wieder in die Fabrik. Dann ist er wieder genau wie früher.“

„Ich glaub’s nicht. Ich glaub’s einfach nicht“, sagte Irma, schüttelte den Kopf und schnaubte in ein Handtuch, das gerade da hing.

~~~\~~~~~~~/~~~

Sie sollte recht behalten. In der dritten Woche sprach Herbert nicht einmal mehr mit ihr. Wenn sie ihm das Essen brachte, tauchte er auf und sah sie aus seinen winzigen Augen an, als erkenne er sie nicht. Und dann, in der Nacht, bevor er wieder zur Arbeit mußte, hörte sie ihn schwerfällig aus der Wanne steigen und mit feuchtem Tapp, Tapp durch die Wohnung wandern. Erst tat ihr Herz einen Sprung, weil sie einen Augenblick die Hoffnung hatte, er würde in sein Bett gehen, aber dann hörte sie die Flurtür, und es wurde schwer wie Blei. Langsam schob sie sich aus dem Bett und suchte ihre Pantoffeln. Sie machte Licht im Treppenhaus und ging der nassen Spur hinterher bis zu Meiers Tür. Dort schellte sie – ein paarmal –, bis ihr geöffnet wurde. An den erschrockenen Brüdern vorbei ging sie ins Wohnzimmer und trat ans Fenster.

„Da!“ sagte sie.

Unten ging Herbert über die schlüpfrige Wiese auf den Neckar zu. Aber eigentlich ging er nicht, er schob sich mehr, von einer Seite zur anderen schwankend, als wäre mit seinen Beinen etwas nicht in Ordnung. Als er im Nebel verschwunden war, legte Meier eins Irma tröstend den Arm um die Schulter. „Er war schon immer zu Größerem bestimmt“, sagte er.

Und Meier zwei, die Augen weit aufgerissen, um sich Herberts letzte Spuren für immer einzuprägen, flüsterte: „Wenn er so sehr geübt hat … so geübt … dann schafft er es vielleicht bis zum Meer.“

Skelett vom Wal, Meyers Konversationslexikon 1888

Bilder: Cover via Leipziger Antiquariat, 12. Juli 2019;
zweimal unsicheres Copyright, vermutlich gemeinfrei;
Skelett vom Wal, Meyers Konversationslexikon 1888.

Soundtrack: The Tellers: Second Category aus: Hands Full of Ink, 2007, video artwork by Deflower Prod.:

This ain’t Hollywood, life is never that good.
She won’t come back with love in her sack,
not a single picture of you in her wallet,
the letters you wrote aren’t pinned up her bed.

Written by Wolf

2. August 2019 at 00:01

Nachtstück 0020: Im rauschenden Wellenschaumkleide (In dem düstern Poetenstübchen)

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Update zu Süßer Freund, das bißchen Totsein hat ja nichts zu bedeuten:

Wir fahren fort in unserer Sammlung von Gedichten mit siebenzeiligen Strophen. Heinrich Heine, der es sich gar zu oft mit Assonanzen statt Reimen gar zu leicht macht — aber selbstverständlich anders gelagerte Qualitäten im Übermaß hat — liefert ein besonders geschickt gereimtes Exemplar im Schema ABABCCB. Als eine Art erweiterter Limerick, sechs Strophen lang variantenreich durchgehalten, ist das höchste Schule. Es folgt die Fassung aus dem Buch der Lieder 1827 in originaler Orthographie:

——— Heinrich Heine:

Prolog

zu: Lyrisches Intermezzo, 1822–1823:
aus: Tragödien, nebst einem Lyrischen Intermezzo, Ferdinand Dümmler, Berlin 1823,
in: Buch der Lieder, Hoffmann und Campe, Hamburg 1827:

Es war mal ein Ritter, trübselig und stumm,
Mit hohlen, schneeweißen Wangen;
Er schwankte und schlenderte schlotternd herum,
In dumpfen Träumen befangen.
Er war so hölzern, so täppisch, so links,
Die Blümlein und Mägdlein, die kicherten rings,
Wenn er stolpernd vorbeigegangen.

Oft saß er im finstersten Winkel zu Haus;
Er hatt‘ sich vor Menschen verkrochen.
Da streckte er sehnend die Arme aus,
Doch hat er kein Wörtlein gesprochen.
Kam aber die Mitternachtstunde heran,
Ein seltsames Singen und Klingen begann.
An die Thüre da hört er es pochen.

Vigne nostre Seigneur, France c. 1450-1470. Bodleian Library, MS. Douce 134, fol. 42v, via Diacarding ImagesDa kommt seine Liebste geschlichen herein,
Im rauschenden Wellenschaumkleide.
Sie blüht und glüht, wie ein Röselein,
Ihr Schleier ist eitel Geschmeide.
Goldlocken umspielen die schlanke Gestalt,
Die Aeugelein grüßen mit süßer Gewalt –
In die Arme sinken sich beide.

Der Ritter umschlingt sie mit Liebesmacht,
Der Hölzerne steht jetzt in Feuer,
Der Blasse erröthet, der Träumer erwacht,
Der Blöde wird freier und freier.
Sie aber, sie hat ihn gar schalkhaft geneckt,
Sie hat ihm ganz leise den Kopf bedeckt
Mit dem weißen, demantenen Schleier.

In einen kristallenen Wasserpalast
Ist plötzlich gezaubert der Ritter.
Er staunt, und die Augen erblinden ihm fast,
Vor alle dem Glanz und Geflitter.
Doch hält ihn die Nixe umarmet gar traut,
Der Ritter ist Bräut’gam, die Nixe ist Braut,
Ihre Jungfraun spielen die Zither.

Sie spielen und singen; es tanzen herein
Viel winzige Mädchen und Bübchen.
Der Ritter, der will sich zu Tode freu’n,
Und fester umschlingt er sein Liebchen –
Da löschen auf einmal die Lichter aus,
Der Ritter sitzt wieder ganz einsam zu Haus,
In dem dustern Poetenstübchen.

Stundenbuch der Yolande von Flandern, Paris ca. 1353-1363. BL, Yates Thompson 27, fol. 52v, via Discarding Images

Miniaturen: Stundenbuch der Jolante von Flandern, Paris ca. 1353–1363.
BL, Yates Thompson 27, fol. 52v,
via Discarding Images;
Livre de la Vigne nostre Seigneur, ca. 1450–1470. Bodleian Library, MS. Douce 134, fol. 42v,
via Discarding Images.

Soundtrack: Lucinda Williams Bonnie Portmore,
aus: Rogue’s Gallery: Pirate Ballads, Sea Songs, and Chanteys, Anti- Records 2006:

Written by Wolf

12. April 2019 at 00:01

Was ich habe, wo ich bin

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Update zu Was zusamengehört,
Imbolc Blessings: My heart is as black as the blackness of the sloe
und Da entkomm ich aller Not, die mich noch auf der Welt gebunden:

Um den feierwürdigsten Feiertag des Jahres zu begehen – Unser Lieben Frauen Lichtweihe, vulgo Mariä Lichtmess, Purificatio Mariae (Mariä Reinigung), Praesentatio Jesu in Templo (Jesu Opferung im Tempel), Darstellung des Herrn, Imbolc (Imbolg), Samhain oder Groundhog Day, was sonst? –, bietet sich an, ein siebenzeiliges Gedicht in die Sammlung zu holen.

Das Reimschema ist diesmal besonders schlicht, nämlich sechsmal trivial mit einer Waise — was aber nichts ausmacht, weil das merklich so beabsichtigt ist. Ohne literaturwissenschaftliches Studium kann ich Gründe anführen, warum es freie Rhythmen sind, und auch fürs Gegenteil.

——— Thomas Brasch:

Lied

aus: Kargo. 32. Versuch auf einem untergehenden Schiff
aus der eigenen Haut zu kommen, Suhrkamp 1977:

Was ich habe, will ich nicht verlieren, aber
wo ich bin, will ich nicht bleiben, aber
die ich liebe, will ich nicht verlassen, aber
die ich kenne, will ich nicht mehr sehen, aber
wo ich lebe, da will ich nicht sterben, aber
wo ich sterbe, da will ich nicht hin:
Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin.

Tayla and Lena, the world spins madly on, 31. Januar 2010

Bild: Tayla and Lena: the world spins madly on, 31. Januar 2010:

Everything that I said I’d do
Like make the world brand new
And take the time for you
I just got lost and slept right through the dawn
And the world spins madly on

Soundtrack: The Weepies: World Spins Madly On, aus: Say I Am You, 2006:

Written by Wolf

2. Februar 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Novecento, ~~~7-Zeiler~~~

Da unten in jenem Thale (da geht ein Kollergang)

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Update zu Willkomm und dervoo und
Herrjeh, schweigt mir vom Tegernsee!:

Das muss ich erzählen. Wie ich mal auf einer Autorenlesung von Peter Rühmkorf war.

Ein andermal, das wird zu lang. 2019 wäre Peter Rühmkorf 90 geworden, wenn er nicht 2008 den Griffel auf ewig niedergelegt hätte. Der 25. Oktober ist 2019 ein Freitag, da kann man gut feiern gehen; das haben Rühmkorfs Eltern anno 1929 geschickt eingerichtet. Und das zweite Fontane-Jahr in Folge ist sowieso schon ausgereizt.

——— Arnim & Brentano:

Müllers Abschied

Mündlich.

aus: Des Knaben Wunderhorn,
Band 1, 1805:

Da droben auf jenem Berge,
Da steht ein goldnes Haus,
Da schauen wohl alle Frühmorgen
Drey schöne Jungfrauen heraus;
Die eine, die heißt Elisabeth.
Die andre Bernharda mein,
Die dritte, die will ich nicht nennen,
Die sollt mein eigen seyn.

Da unten in jenem Thale,
Da treibt das Wasser ein Rad,
Das treibet nichts als Liebe,
Vom Abend bis wieder an Tag;
Das Rad das ist gebrochen,
Die Liebe, die hat ein End,
Und wenn zwey Liebende scheiden,
Sie reichen einander die Händ.

Ach Scheiden, ach, ach!
Wer hat doch das Scheiden erdacht,
Das hat mein jung frisch Herzelein
So frühzeitig traurig gemacht.
Dies Liedlein, ach, ach!
Hat wohl ein Müller erdacht;
Den hat des Ritters Töchterlein
Vom Lieben zum Scheiden gebracht.

——— Joseph von Eichendorff
als Florens:

Lied.

1810, Erstdruck in: Deutscher Dichterwald, 1813, Seite 40,
spätere Fassungen:
Das zerbrochene Ringlein:

In einem kühlen Grunde,
Da geht ein Mühlenrad,
Meine Liebste ist verschwunden,
Die dort gewohnet hat.

Sie hat mir Treu versprochen,
Gab mir ein’n Ring dabei,
Sie hat die Treu gebrochen,
Mein Ringlein sprang entzwei.

Ich möcht‘ als Spielmann reisen
Weit in die Welt hinaus,
Und singen meine Weisen
Und gehn von Haus zu Haus.

Ich möcht‘ als Reiter fliegen
Wohl in die blut’ge Schlacht,
Um stille Feuer liegen
Im Feld bei dunkler Nacht.

Hör‘ ich das Mühlrad gehen,
Ich weiß nicht, was ich will,
Ich möcht‘ am liebsten sterben,
Da wär’s auf einmal still.

——— Peter Rühmkorf:

Auf eine Weise des Joseph Freiherrn von Eichendorff

von Rühmkorf im Oktober 1960
auf der Tagung der Gruppe 47
in Aschaffenburg vorgetragen:

In meinem Knochenkopfe
da geht ein Kollergang,
der mahlet meine Gedanken
ganz außer Zusammenhang.

Mein Kopf ist voller Romantik,
meine Liebste nicht treu —
Ich treib in den Himmelsatlantik
und lasse Stirnenspreu.

Ach, wär ich der stolze Effendi,
der Gei- und Tiger hetzt,
wenn der Mond, in statu nascendi,
seine Klinge am Himmel wetzt! —

Ein Jahoo, möcht ich lallen
lieber als intro-vertiert
mit meinen Sütterlin-Krallen
im Kopf herumgerührt.

Ich möcht am liebsten sterben
im Schimmelmonat August —
Was klirren so muntere Scherben
in meiner Bessemer-Brust?!

Postkarte In einem kühlen Grunde, 1963, Goethezeitportal

Postkarte: L. v. Senger: In einem kühlen Grunde, Verlag Hermann A. Wiechmann, München, Seriennummer [unleserlich]. Verzeichnisse von Büchern, Bildern und Kunstpostkarten umsonst und postfrei, 1963, handschriftlich fortgesetzt:

wollen wir uns gerne einmal ausruhen, es kann auch warm sein nach dem kalten Winter 1962 schaffen wir es nicht. Seit Weihnachten haben wir es vor, Richtung Hamburg u. Silvester Geschirr abliefern anschließend Ferien. Es wird immer wieder hinausgeschoben, darum freuen wir uns über Ihren Besuch. Nach der hübschen blühenden Tochter [?] zu urteilen muß es Ihnen großartig gehen.

via Jutta Assel/Georg Jäger: Eichendorff-Motive auf Postkarten. Eine Dokumentation. Das zerbrochene Ringlein. In einem kühlen Grunde …, Goethezeitportal, Oktober 2011.

Soundtrack: Friedrich Glück, 1814: In einem kühlen Grunde, Gerhart-Hauptmann-Chor Herbst 1968,
in: Bunt sind schon die Wälder, anlässlich der Einführung des Farbfernsehens, DDR 1969:

Und dasselbe nochmal in Genießbar: von Hannes Wader — mit der üblichen Textabweichung „mein Liebchen“ statt von Eichendorff von letzter Hand autorisiert „mein‘ Liebste“:

Written by Wolf

4. Januar 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Romantik

You never no

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Update for Break in college sick bay and
Die deutsche Sirene vom Zwirbel im Rhein in die Bronx:

——— Josephine H.:

The city

in: Facebook, December 6th, 2018:

as you walk insid. so much
peopel. So much sowns. cars
driving along. fast or slo.
you never no. so much houses.
hi and lo.

The city, a poem by Josie. you never no, indeed, Constanze Cohu H., Facebook, December 6th, 2018

Image: Mama, December 6th, 2018.

Soundtrack: The Distillers: City of Angels, from: Sing Sing Death House, 2002:

Written by Wolf

6. Dezember 2018 at 02:34

Veröffentlicht in Land & See, Postironismus

Wie Hippo und ich uns einmal Siegfried Lenz geschenkt haben (Träum die nächsten hundert Jahre)

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Update zu And all I got’s a pocketful of flowers on my grave
und Rotkäppchen und der Penishase:

Vor Zeiten hatte ich eine Brieffreundin. Sie hieß — nicht standesamtlich, nur im richtigen Leben — Hippo und war die Herbergstochter des Hauses Evangelische Jugend-, Freizeit- und Bildungsstätte Koppelsberg in Plön. Zu der war ich durch die Vermittlung eines Baums gekommen, namentlich der Bräutigamseiche im Dodauer Forst, der sich bei Eutin unweit von Plön erstreckt.

Hippo von hinten, ca. Juni 1994

Hippo und ich hatten viel Freude miteinander. Um 1990 war es niemandes Vorsatz, je zu heiraten, obwohl Hippo mich aus dem Astloch einer Bräutigamseiche gefischt hatte, aber sie war meine längste Brieffreundschaft — und ich hatte viele, um unter dem Vorwand des Schreibens an einsamen Samstagabenden die Nürnberger Kneipen leerzusaufen und vollzuqualmen, was seinerzeit eine erschwingliche und gesellschaftlich voll akzeptierte Beschäftigung für einen Studenten war.

Ein Wochenende lang war ich sogar zu Gast in Hippos Jugend-, Freizeit- und Bildungsstätte Koppelsberg. Dort wurde ich als Umzugshilfe und zum Pastinakenschälen eingespannt und zu Yogi-Tee, dem Bio-Bier einer norddeutschen Kleinbrauerei, das heute als Hipsterbrühe durchginge, und zum spätherbstlichen Barfußlaufen am nächtlichen, windgepeitschten, grobkieseligen Ostseestand eingeladen und war noch wochenlang illuminiert von der Freundlichkeit und dem schönen, ungetrübten Deutsch der Menschen.

Hippo machte „was mit Jugendlichen“, ich studierte irgendwas mit Lesen und Schreiben ohne jegliche Aussicht auf eine bezahlte Anschlussverwendung. Von ihr gab es zu lernen, dass man für soziale Berufe nicht allein ein Praktikum, sondern gar ein Vorpraktikum braucht, gegen eine Bezahlung, die an offene Verhöhnung arbeitender Menschen grenzt; von mir, wie viel Bier in einen schlaksigen Studenten von 1,96 Metern lichter Höhe passt. Sie war zuverlässig jeden neuen Monat in einen anderen jungen Mann aus ihrem ehemaligen schulischen oder ihrem jetzigen sozialen Umfeld verliebt, und ich versuchte immer noch zum ersten Mal, mit meinem Liebesleben abzuschließen. Ihr verwies ich, allzuoft zu behaupten, ihr sei langweilig, weil mir das Hinfortwünschen von Zeit blasphemisch und somit einer Geistlichentochter unwürdig vorkommt, und sie mir, ständig mehrere A4-Seiten lang über Bücher zu quatschen, denn ich hatte mir eine portofreundlich kleine Handschrift antrainiert, die ich bis in hohe Promillebereiche gestochen leserlich halten konnte, und Weblogs waren Science-Fiction.

Cover Siegfried Lenz, So zärtlich war Suleyken, 1955, Auflage 1986„Ich mag Lakritze“, schrieb sie einmal, „magst du auch Lakritze?“

„Das heißt Bärendreck“, schrieb ich zurück, „und ist aus ‚So zärtlich war Suleyken‚.“

„Nein, es heißt: ‚Willst noch Lakritz?'“, schrieb sie wieder, „hab ich in der Sendung mit der Maus gesehen. Ha! Und deine ewigen Bücher kenn ich nicht.“

„Sehr richtig“, schrieb ich, und es sagt der Joseph Waldemar Gritzan am Schluss von ‚Die achtzehnte der Masurischen Geschichten: Eine Liebesgeschichte‘. Und ob das ein ewiges Buch ist, das uns alle überleben wird. Und wenn du’s nicht kennst, siehe das beiliegende Angebinde.“

Das ließ ich mir nie nehmen, ihr gelegentlich ein Buch zu schenken, wenn sie wieder von meinem Auslassungen darüber besonders genervt war. Ich hatte nämlich bis kurz zuvor eine Buchhändlerin gekannt, die mir am Rande der Legalität ihren Buchhandelsrabatt weiterreichte, und rechnete aus Gewohnheit immer noch die verbleibenden 60 Prozent meiner Erwerbungen, die in den jeweils folgenden Wochen fällig wurden, in meine Kneipenzechen mit ein. Ein verlagsfrisches So zärtlich war Suleyken war damals für 6,80 D-Mark zu haben. Das sind, liebe Kinder, ungefähr 3,48 Euro, weniger als heute ein Bier in München, und was das abzüglich 40 Prozent für den Buchhandel macht, könnt ihr millennialen Bologna-Opfer gefälligst selber im Kopf, und Briefe waren eine Art Low-time-Chat, der einem Zeit ließ, bis zur nächsten Antwort ein ganzes Buch zu kaufen. Bis zum nächsten Werktag waren die auch vor dem Internet schon im zuständigen Buchladen, wie sie das auch immer gemacht haben.

„Du mit deinen ewigen Büchern“, schrieb sie gegen Ende der nächsten Woche, „jetzt hab ich dir auch eins geschickt.“

„Was sagt dir,“ fragte ich brieflich an, als ich am selben Tag, da Hippo ihre Büchersendung mit dem Suleyken im Briefkasten finden musste, eine Büchersendung von Hippo mit einer älteren Ausgabe davon in meinem Briefkasten fand, „was“, schrieb ich, „sagt dir, dass ich das noch nicht hab, wenn ich sogar weiß, wer ‚Willst noch Lakritz?‘ sagt?“

„Weil du sowas halt weißt“, schrieb Hippo, „und weil die Sendung mit der Maus nicht lügt. Außerdem war klar, dass du mir sofort eins schickst, und ich nicht zulassen kann, dass du keins mehr hast.“

So war Hippo: klein, knuffig und klug und eine große Barfußmädchenseele (Ringelnatz, 1929).

A, B, C. Annika, Beate, Claudia, ca. 1991

Dieser Tage ist mir ein alles Lesezeichen in die Finger gefallen: eine Karte von der grundguten Hippo aus Plön, deren Wege und Tage der evangelische und der katholische und der weltgeistliche Herr schirmen mögen. Offenbar hatten wir’s wieder mal über Gedichte und Märchen und ihre Liebesgeschichten gehabt, und sie verwendete eigene Fotoabzüge als Ansichtskarten.

Das Gedicht, das Hippo im April 1995 aus dem Gedächtnis zitierte, habe ich lange nicht nachverfolgt: Ich kannte es von Hippo und fertig. Erst jetzt, wo ich es verbloggen will, erhellt, was für eine Rarität das ist. Der Dichter Josef Wittmann ist allem Anschein nach derselbe, der unter einer österreichischen Domain im bayerischen Tittmoning an der Salzach, also Österreich gegenüber wohnt — das ist ganz gegen Hippos sonstige nordische Art und Gewohnheiten.

Es war auch nicht einfach, den korrekten Text herbeizuschaffen: Das von Hippo erwähnte Daumesbreit („oder so ähnlich“) ist nicht nachweisbar, schon gar nichts, worüber man absichtslos im internetfreien Finnland des späten 20. Jahrhunderts gestolpert wäre. Eine Version davon steht in der dänischen Bearbeitung eines schwedischen Lesebuchs für Deutschlernende, das bairische Original dieses Originals nur in einem — mit Verlaub — nicht gerade maßgebenden Weblog. Hippo macht ja — so jedenfalls mein letzter Stand über ihre Lebenswege — „was mit Jugendlichen“ und würde verstehen oder wenigstens hinnehmen, dass ich in ihre extemporierte Ansichtskarte unbefugt zwei annäherungsweise korrigierte Gedichttexte einflicke.

——— Hippo, Anfang April 1995:

Kartentext von Hippo, April 1995

Du siehst, Wolfgang, ich muß dich enttäuschen, das Gedicht ist nicht von mir — aber immerhin kann ich Dir die Ergänzung (fehlende Fototeile) anbieten. Ich habe es in Finnland im Buch „DAUMESBREIT“ (oder so ähnlich) gefunden + es hat mich — PENG — total angesprochen. Komischer Weise: Als ich aus dem Urlaub wiederkam, war’s aus mit Florian — ich habe ihm dann das Gedicht (auf Post-It-Zettel notiert) zu lesen gegeben. Er: „Ja.“ Alles ziemlich komplex. Fortsetzung folgt, irgendwann.

——— Josef Wittmann:

Dornröschen

aus: Grimms Märchen — modern,
Philipp Reclam Jun., 1979,
cit. nach: Karen Dollerup, Lotte Nielsen (Hrsg.): Alles klappt! im neuen Jahrtausend. Tekstbog 3, 1991; Dansk udgave: Gyldendalske Boghandel, Nordisk forlag A/S, Kopenhagen 1994,
2. udgave, 4. oplag 2010:

Schlaf weiter:

Ich bin kein Prinz,
ich hab kein Schwert
und keine Zeit
zum Heckenschneiden
Mauerkraxeln
Küsschengeben
und Heiraten …

Morgen früh
muss ich zur Arbeit gehen
(sonst flieg ich raus)

Ich muss zum Träumen
auf den Sonntag warten

und zum Denken auf den Urlaub

Schlaf weiter
und träum die nächsten hundert Jahre
vom Richtigen …

——— Josef Wittmann:

dornresal

möglicherweise aus:
Hansl, Grädl & Co.
Märchen in bairischer Mundart,
Friedl Brehm Verlag, Feldafing 1977,
cit. nach: Ironical Life:
Ein neues Gedicht :-),
19. August 2007:

schlaf zua:

i bin koa brinz
i hob koa schweat
& hob koa zeid
zum heggnschneidn
mauergraxln
busslgeem
& heiradn …..

i muas moang fruah
in d arward geh
(sunsd fliage naus)

i muas zum dramma
aufn sonndog wartn
& zum denga aufn urlaub

schlaf zua
& draam de näxdn
hundad johr
vom richdign

P.S.: Bist Du jeden Samstag im Bela Lugosi? Wer ist dieser Kneipenstammtisch?

P.P.S.: Habe gerade Antwortkarte an Florian geschrieben — ich glaube ich liebe Karsten.

(JANOSCH:)
— „Stellt der erste Flaum sich ein,
— Soll der Bauer ein Mädel frein.“

Titelbild: Barfuß-Ex-Claudi

Schöne Grüße,
HIPPO

Claudi, Plön, April 1995

Im übrigen würde Hippo sich kaputtlachen, dass sie einst von einem bairischen — das ist doch in Süddeutschland! — Gedicht so weggeweht wurde. Und nein, Bärendreck ist nicht so meins, ich war nicht jeden Samstag im Bela Lugosi, weil ich manchmal auch die Weißgerbergasse abklappern musste (alle Unternehmen erloschen), Bestandteil eines Stammtisches war ich nie. Und nach einer Barfuß-Ex-Claudi zu googeln, fang ich vorsichtshalber gar nicht erst an.

Brieffreundschaften sind nie fürs ganze Leben, im Idealfall sind sie eine bereichernde Lebensabschnittsbegleitung. Irgendwann hören sie auf, und niemand weiß mehr zu sagen, wer als erstes nicht mehr zurückgeschrieben hat. Von Hippo aus dem Astloch gefischt zu werden, war ein großer Zufall, ein Segen und ein Privileg. Wer auch mal sowas will: An die Postadresse

Bräutigamseiche
Dodauer Forst
23701 Eutin

wird ungebrochen Montag mit Samstag ausgeliefert.

Hippo kopfüber, Juni 1994

Bilder: Hippo, Juni 1994 bis April 1995, featuring ABC (Annika, Beate, Claudia) ca. 1991. Meine damalige Adresse ist nicht missbrauchbar: Das ist die vom Bahnhof Röthenbach an der Pegnitz, in dem schon lange keiner mehr drin wohnt;
Siegfried Lenz: So zärtlich war Suleyken, 1955, Auflage 1986 (meine), via Tauschgnom, 25. Juli 2017.

Soundtracks:

  1. Eins, das ich von Hippo gelernt hab. Das ist bei meinem einzigen Besuch bei ihr auf dem Weg zum Ostseestrand in ihrem Auto auf Kassette gelaufen:
    They Might Be Giants: I Hope That I Get Old Before I Die,
    aus: They Might Be Giants, The Pink Album, 1986:

  2. Eins, das Hippo von mir gelernt hat. Das müsste immer noch ein Lieblingslied von ihr sein,
    sowas geht nicht weg:
    Marius Müller-Westernhagen: Wir waren noch Kinder, aus: Das erste Mal, 1975:

Written by Wolf

16. November 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Novecento

Wenn–dann (weiß ich auch nicht)

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Update zu Des Frühlings beklommnes Herz und
Süßer Freund, das bißchen Totsein hat ja nichts zu bedeuten:

Adalbert Stifter ist der Wald. Es lassen sich sogar trefflich Kränze aus seinen verschiedenen Gewächsen winden:

——— Adalbert Stifter:

Der Nachsommer

3. Band, 4. Der Rückblick, 1857:

Sie fragte mich, ob ich denn nicht gerne in die Stadt gehe.

Ich sagte, daß ich nicht gerne gehe, daß es hier gar so schön sei, und daß es mir vorkomme, in der Stadt werde alles anders werden.

‚Es ist wirklich sehr schön‘, antwortete sie, ‚hier sind wir alle viel mehr beisammen, in der Stadt kommen Fremde dazwischen, man wird getrennt, und es ist, als wäre man in eine andere Ortschaft gereist. Es ist doch das größte Glück, jemanden recht zu lieben.‘ […]

Es begann nun eine merkwürdige Zeit. In meinem und Mathildens Leben war ein Wendepunkt eingetreten. Wir hatten uns nicht verabredet, daß wir unsere Gefühle geheim halten wollen; dennoch hielten wir sie geheim, wir hielten sie geheim vor dem Vater, vor der Mutter, vor Alfred und vor allen Menschen. Nur in Zeichen, die sich von selber gaben, und in Worten, die nur uns verständlich waren, und die wie von selber auf die Lippen kamen, machten wir sie uns gegenseitig kund. Tausend Fäden fanden sich, an denen unsere Seelen zu einander hin und her gehen konnten, und wenn wir in dem Besitze von diesen tausend Fäden waren, so fanden sich wieder tausend, und mehrten sich immer. Die Lüfte, die Gräser, die späten Blumen der Herbstwiese, die Früchte, der Ruf der Vögel, die Worte eines Buches, der Klang der Saiten, selbst das Schweigen waren unsere Boten. Und je tiefer sich das Gefühl verbergen mußte, desto gewaltiger war es, desto drängender loderte es in dem Innern. Auf Spaziergänge gingen wir drei, Mathilde, Alfred und ich, jetzt weniger als sonst, es war, als scheuten wir uns vor der Anregung. Die Mutter reichte oft den Sommerhut und munterte auf. Das war dann ein großes, ein namenloses Glück. Die ganze Welt schwamm vor den Blicken, wir gingen Seite an Seite, unsere Seelen waren verbunden, der Himmel, die Wolken, die Berge lächelten uns an, unsere Worte konnten wir hören, und wenn wir nicht sprachen, so konnten wir unsere Tritte vernehmen, und wenn auch das nicht war, oder wenn wir stille standen, so wußten wir, daß wir uns besaßen, der Besitz war ein unermeßlicher, und wenn wir nach Hause kamen, war es, als sei er noch um ein Unsägliches vermehrt worden. Wenn wir in dem Hause waren, so wurde ein Buch gereicht, in dem unsere Gefühle standen, und das andere erkannte die Gefühle, oder es wurden sprechende Musiktöne hervorgesucht, oder es wurden Blumen in den Fenstern zusammengestellt, welche von unserer Vergangenheit redeten, die so kurz und doch so lang war. Wenn wir durch den Garten gingen, wenn Alfred um einen Busch bog, wenn er in dem Gange des Weinlaubes vor uns lief, wenn er früher aus dem Haselgebüsche war als wir, wenn er uns in dem Innern des Gartenhauses allein ließ, konnten wir uns mit den Fingern berühren, konnten uns die Hand reichen, oder konnten gar Herz an Herz fliegen, uns einen Augenblick halten, die heißen Lippen an einander drücken und die Worte stammeln: ‚Mathilde, dein auf immer und auf ewig, nur dein allein, und nur dein, nur dein allein!‘ ‚O ewig dein, ewig, ewig, Gustav, dein, nur dein, und nur dein allein.‘ Diese Augenblicke waren die allerglückseligsten.

Adalbert Stifter, Blick auf die Falkenmauer aus der Gegend von Kremsmünster, ca. 1825

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Witiko

1. Band, 1: Es klang fast wie Gesang von Lerchen, 1865:

Sogleich trat das Mädchen, welches keine Rosen hatte, in den Wald zurück, das andere blieb stehen. Der Reiter ging zu demselben hin. Da er bei ihm angekommen war, sagte er: „Was stehst du mit deinen Rosen hier da?“

„Ich stehe hier in meiner Heimat da“, antwortete das Mädchen; „stehst du auch in derselben, daß du frägst, oder kamst du wo anders her?“

„Ich komme anders wo her“, sagte der Reiter.

„Wie kannst du dann fragen?“ entgegnete das Mädchen.

„Weil ich es wissen möchte“, antwortete der Reiter.

„Und wenn ich wissen möchte, was du willst“, sagte das Mädchen.

„So würde ich es dir vielleicht sagen“, antwortete der Reiter.

„Und ich würde dir vielleicht sagen, warum ich mit den Rosen hier stehe“, entgegnete das Mädchen.

„Nun, warum stehst du da?“ fragte der Reiter.

„Sage zuerst, was du willst“, erwiderte das Mädchen.

„Ich weiß nicht, warum ich es nicht sagen sollte“, erwiderte der Reiter, „ich suche mein Glück.“

„Dein Glück? hast du das verloren?“ sagte das Mädchen, „oder suchst du ein anderes Glück, als man zu Hause hat?“

„Ja“, antwortete der Reiter, „ich gehe nach einem großen Schicksale, das dem rechten Manne ziemt.“

„Kennst du dieses Schicksal schon, und weißt du, wo es liegt?“ fragte das Mädchen.

„Nein“, sagte der Reiter, „das wäre ja nichts Rechtes, wenn man schon wüßte, wo das Glück liegt, und nur hingehen dürfte, es aufzuheben. Ich werde mir mein Geschick erst machen.“

„Und bist du der rechte Mann, wie du sagst?“ fragte das Mädchen.

„Ob ich der rechte Mann bin“, antwortete der Reiter, „siehe, das weiß ich noch nicht; aber ich will in der Welt das Ganze tun, was ich nur immer tun kann.“

„Dann bist du vielleicht der Rechte“, erwiderte das Mädchen, „bei uns, sagt der Vater, tun sie immer weniger, als sie können. Du mußt aber ausführen, was du sagst, nicht bloß es sagen. Dann weiß ich aber doch noch nicht, ob du ein Schicksal machen kannst. Ich weiß auch nicht, ob du ein Schicksal machst, wenn du in unserem Walde auf der Wiese stehst.“

Bayerwaldgipfelstürmer, Wegweiser Dreisessel, 3. Mai 2011„Ich darf da stehen“, sagte der Reiter, „denn heute ist Sonntag, der Ruhetag für Menschen und Tiere, wenn es nicht eine Not und Notwendigkeit anders heischt. Mein Pferd habe ich eingestellt. Ich bin in den Wald herauf gegangen, zu beten. Und für den übrigen Tag will ich versuchen, ob ich nicht zu dem Steine der drei Sessel hinauf gelangen kann.“

„Das kannst du“, sagte das Mädchen, „es geht ein Pfad hinauf, den du immer wieder leicht findest, wenn du ihn einmal verlierst. Weil aber der Stein von dem Grunde, der um ihn herum ist, wie eine gerade Mauer aufsteigt, so haben sie Stämme zusammen gezimmert, haben dieselben an ihn gelehnt, und durch Hölzer eine Treppe gemacht, daß man auf seine Höhe gelangen kann. Du mußt aber oben sorgsam sein, daß dein Haupt nicht irre wird; denn du stehst in der Luft allein über allen Wipfeln.“

„Bist du schon oben gestanden?“ fragte der Reiter.

„Ich werde doch, da ich so nahe bin“, antwortete das Mädchen.

„Nun“, sagte der Reiter, „wenn du schon oben gestanden bist, so werde auch ich oben stehen.“

„Und wenn du heute von den drei Sesseln herunter kommst“, sagte das Mädchen, „dann reitest du morgen nach deinem Geschicke weiter?“

„Ich werde weiter reiten“, sagte er; „warum hast du die Rosen?“

„Muß ich antworten, wenn ich gefragt werde?“ sagte das Mädchen.

Wenn die Eltern fragen, mußt du antworten“, entgegnete der Reiter, „wenn jemand anderer artig fragt, sollst du, und wenn du es versprochen hast, mußt du antworten.“

„So will ich dir so viel sagen, als du gesagt hast“, antwortete das Mädchen, „ich trage die Rosen, weil ich will.“

„Und warum willst du denn?“ fragte der Reiter.

„Für den Willen gibt es keine Ursache“, sagte das Mädchen.

Wenn man vernünftig ist, gibt es für den Willen immer eine Ursache“, erwiderte der Reiter.

„Das ist nicht wahr“, sagte das Mädchen, „denn es gibt auch Eingebungen.“

„Trägst du die Rosen aus Eingebung?“ fragte der Reiter.

„Das weiß ich nicht“, entgegnete das Mädchen, „aber wenn du mir mehr von dir sagst, so sage ich dir auch mehr.“

„Ich kann dir nicht viel sagen“, antwortete der Reiter, „ich habe eine Mutter, die in Baiern wohnt, mein Vater ist gestorben, und ich reite jetzt in die Welt, um meine Lebenslaufbahn zu beginnen.“

„So will ich dir auch etwas sagen“, erwiderte das Mädchen. „Meine Eltern haben von hier weiter oben ein Haus. Wir würden es erreichen, wenn wir hier in den Wald gingen, wo ich mit meiner Gespanin herausgetreten bin, wenn wir in dem Walde nach aufwärts gingen, bis wir ein Wasser rauschen hörten, und wenn wir dann zu dem Wasser gingen, und demselben immer entgegen, dann würden endlich Wiesen und Felder kommen, und in ihnen das Haus. An dem Hause ist ein Garten, wo die Sonnenseite ist, und in dem Garten stehen viele Blumen. Und an der Hinterseite des Hauses geht ein Riegel gegen die Tannen, auf welchem viele Waldrosen stehen, und diese nehme ich oft.“

„Hast du die Rosen heute aus Eingebung genommen? Sie sind mir ein Zeichen, daß meine Fahrt gelingen wird“, sagte der Reiter.

„Ich habe einen Metallring, in welchen die Rosenstiele passen“, sagte das Mädchen, „habe heute Rosen genommen, habe sie in den Ring gesteckt, und den Ring auf das Haupt getan.“

„Weil wir noch mehr sprechen werden“, sagte der Reiter, „so gehen wir ein wenig an dem Waldsaume hin, woher du mich kommen gesehen hast. Da werden wir Steine finden, welche zu Sitzen taugen. Auf dieselben können wir uns setzen, und dort sprechen.“

„Ich weiß es nicht, ob ich noch mehreres mit dir sprechen werde“, antwortete das Mädchen, „aber ich gehe mit dir zu den Steinen, und setze mich ein wenig zu dir. Ich kenne die Steine, ich selber habe die Sitze machen lassen. Im Sommer ist es am Vormittage dort sehr heiß, am Nachmittage aber schattig. Im Herbste ist es vormittags lieblich und mild.“

Sie wandelten nun in der Richtung an dem Saume des Waldes hin, in welcher der Reiter zu den Mädchen hergekommen war. Sie hatten bald jene Steine erreicht, an denen der Reiter versucht hatte, ob sie zu Sitzen tauglich wären. Er blieb stehen, und harrte, bis das Mädchen sich gesetzt hatte. Es setzte sich auf einen glatten Stein. Der Reiter setzte sich zu ihrer Linken auf einen, der etwas niederer war, so daß nun sein Angesicht mit dem ihrigen fast in gleicher Höhe war. Das Schwert ragte zu seiner Linken in die niederen Steine hinab. Sie sprachen nun nichts.

Nach einer Weile sagte der Reiter: „So rede etwas.“

„So rede du etwas“, antwortete sie, „du hast gesagt, daß du mit mir noch sprechen willst.“

„Ich weiß jetzt nicht mehr, was ich sagen wollte“, entgegnete er.

„Nun, ich auch nicht“, sagte sie.

Da Knaus der Woche. Magischer Sonnenuntergang am Dreisessel mit Bischof-Neumann-Kapelle, da Hogn, 23. Februar 2015

~~~\~~~~~~~/~~~

Aus dem Bayrischen Walde

November 1867, Erstdruck posthum in: Die Katholische Welt, Aachen, April 1868, Seite 122 ff.,
gesammelt in: Prager Ausgabe, Band XV, Reichenberg 1935,
das Letzte, was Stifter je zur Veröffentlichung freigegeben hat:

Als wir die Häuser um die Kirche hinter uns hatten, war wieder die weiße Wildnis vor uns, und das Grau des Schneefalles um und über uns, sonst nichts. Die Bahn war hoch oben, zu beiden Seiten war der tiefe lockere Schnee, und sie hatte nur die Breite eines Schlittens.

„Martin“, sagte ich, „wenn uns ein Schlitten begegnet.“

„Es begegnet uns keiner“, sagte er.

Wenn uns aber doch einer begegnet“, sagte ich wieder.

„Es begegnet uns keiner“, sagte er.

Wenn uns aber doch einer begegnet“, beharrte ich.

Dann weiß ich es nicht“, sagte er.

Es begegnete uns aber keiner.

Ferdinand Stiller aus Schwarzenberg fürs Wirtshaus Rosenberger Gut, Geschichte. Adalbert Stifter zu Gast im Rosenberger Gut

Die Wölfin meint: „Die Gegend kenn ich. Die sind da wirklich so.“

Bilder: Adalbert Stifter: Blick auf die Falkenmauer aus der Gegend von Kremsmünster, ca. 1825,
via Silvae: Adalbert Stifter, 23. Oktober 2010;
Bayerwaldgipfelstürmer: Dreisessel (1333m) — Bay. Plöckenstein (1365m), 3. Mai 2011;
Georg Knaus aus Freyung, Sägewerksmeister in Vilshofen: Da Knaus der Woche: Magischer Sonnenuntergang am Dreisessel, 23. Februar 2015 mit der Bischof-Neumann-Kapelle für da Hog’n. Onlinemagazin ausm Woid;
Ferdinand Stiller aus Schwarzenberg fürs Wirtshaus Rosenberger Gut.

Soundtrack: Georg Ringsgwandl: Oberpfalz, aus: Woanders, 2016:

Written by Wolf

31. August 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Biedermeier, Land & See

Sich für Fluss entscheiden für ein Stück von dem Fluss

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Update zu Nachtstück 0009: Dieselben Finger:

Kathrin Bach, 24. September 2011Newsflash: Kathrin Bach, Buchhändlerin bei Buchhandlung Anakoluth Berlin, mit dem Gedicht der Woche im Signaturen-Magazin, Forum für Autonome Poesie, 5. Juli 2018, ist für den Lyrikpreis München 2018 nominiert und liest für die 1. Entscheidungsvorrunde am 20. Juli um 19.30 Uhr im Münchner Literaturbüro, München-Haidhausen, Milchstraße 4.

Weitere Nominierte — und deshalb dort Lesende! — alphabetisch:

2. Vorrunde: 28. September 2018 (Einreichfrist: 15. August 2018), Finale: im Oktober.

Man sieht sich doch?

——— Kathrin Bach:

Rinnsale

aus: Schwämme. Gedichte, parasitenpresse Band 037, Köln 2017; 14 Seiten. 6,00 Euro:

Kathrin Bach, Für den gefrorenen Frappé in uns. Schönen Sonntag., 8. Juli 2018Die Entscheidung nach rechts oder links zu schauen
sich für Schwäne entscheiden oder Häuschen Häuser Leerstand
ein See und wie viel Prozent von diesem See
die Bilder im Kopf vorbeiziehen sehen dein halber Kopf
sich für Wand entscheiden oder Fenster für Gardine auf oder zu
der Zug der die Landschaft teilt die Äcker von hier aus
sich links neben dich stellen
sich für deine linke Hand entscheiden
ein halbes Paket Mehl das sich in meiner Hand löst
sich in dieses Bett denken in deinen Kopf
mit deiner halben Zunge sprechen ihr Schlingern
dein halber Kopf dein eines Bein dein Arm
eine Linie die sich zu krümmen beginnt
sich für Fluss entscheiden für ein Stück von dem Fluss
für eine still gelegte Fläche die ich von allen Seiten betrachte
deine zwei Hälften unter der Decke
und der Punkt an dem sie zusammenführen

Bilder: Kathrin Bach: 24. September 2011;
Für den gefrorenen Frappé in uns. Schönen Sonntag., 8. Juli 2018.

Bach in München: Das Münchener Bach-Orchester unter Karl Richter
mit allen sechs Brandenburgischen Konzerten, vermutlich 1967:

Written by Wolf

9. Juli 2018 at 01:15

Veröffentlicht in Land & See, Postironismus

Bokeh

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Update zu O süßes Lied:

Ein weibliches Personenmotiv,
das horizontal durch den Mittelgrund schreitet,
vom Ausschnittrand links, winkelschief,
dass sich von selbst die Blende weitet,

stürzt in derselben Hundertfünfundzwanzigstel,
da es Motiv ist, ein Landschaftsbild
in ein Portrait um, solang sich schnell
das Querformat mit seinem Schatten füllt.

Davon kippt die Belichtung der Häuserzeile,
verschwimmen Statisten im Straßencafé,
dann stellt sich der Fokus auf Vordergrund ein,

und der Laternenmast setzt noch eine steile
Linie, das Model vollführt einen Dreh
und hört außerhalb seiner selbst auf, zu sein.

„Als ob es tausend Stäbe gäbe“, meint die Wölfin, „ist da wieder mit jemandem der innere Rilke durchgegangen?“

Rwarrrrr!“, sag ich.

Bild: Purple Grape Zeus;
Soundtrack: Ideal: Berlin, aus: Ideal, 1980:

Written by Wolf

8. Juni 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, ~ Weheklag ~

Pfingsten, das liebliche Fest

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Update zu Nicht so übel scheint die Sonne:

——— N. N.:

Pfingstwonne

1905:

Verlag: M S. i B, Verlags-Nr. 60, Schweiz 1905, Ephemera-Sammlung MTP via Michael Studt, 5. Oktober 2017Prinz Lenz ist eingezogen,
Fandst Du nicht seine Spur?
In duft’gen Blumenwogen
Naht er der Erdenflur,
Gott selbst gab ihm die höchste Macht,
Sein ist die Welt in Maienpracht
Trat er herein nach Wintersnacht,
Was führt er mit hernieder?
Ohn‘ Gaben kam er nicht,
Nein, Pfingsten bracht‘ er wieder,
Nun singet Jubellieder,
Euch grüsst das Pfingstfest licht.

Bild & Text: Verlag: M S. i B, Verlags-Nr. 60, Schweiz 1905, Ephemera-Sammlung MTP
via Michael Studt, 5. Oktober 2017.

Soundtrack: Reinhard Mey: Es gibt keine Maikäfer mehr, aus: Wie vor Jahr und Tag, 1974, live 1973:

Written by Wolf

20. Mai 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Realismus

Hochwaldklangwolke: Die einzelnen Minuten, wie sie in den Ozean der Ewigkeit hinuntertropfen

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Update zu Zeichenstifter und
Ach Himmel, wie sich die Menschen täuschen können!:

Es ist einmal gegen mich bemerkt worden, daß ich nur das Kleine bilde, und daß meine Menschen stets gewöhnliche Menschen seien.

A. S.: Bunte Steine, Vorrede, 1853.

Um Gottes willen, ich muss aufhören, Adalbert Stifter zu lesen. Ich geliere ja schon.

Adalbert Stifter, Die Ruine Wittinghausen, um 1833--1835

Es ist in jeder Hinsicht beruhigend, wenn Adalbert Stifter zu einem kommt. Da hat man richtig lange was zu lesen und muss sich nicht aufregen. Der Mann ist einer der verrufensten Großlangweiler der deutschen, wenn nicht gar der Weltliteratur, man liest ihn nicht atemlos. Er ist langatmig, weil er einen langen Atem hat. Deshalb braucht man einen langen Atem, um auch nur eine Geschichte von ihm, die natürlich als Erzählungen firmieren, bis zu Ende zu lesen. Man soll ihm sehr lange sehr genau zuhören, denn er will ausreden. Deshalb hat er seine meisten Erzählungen und Romane mindestens zweimal, gern auch gleich sechsmal, von Grund auf neu geschrieben.

Die gar nicht überschätzbare politische Dimension von Stifters dröhnender Stille hat Heribert Prantl erfasst: Was man vom langweiligsten aller langweiligen Dichter lernen kann, Prantls Blick vom 21. Januar 2018. Weil Prantl bei der Süddeutschen Zeitung eben nicht fürs Feuilleton, sondern ressortleitend fürs Innenpolitische zuständig ist, hat er weniger eigene Erkenntnisse gefunden, als er Autoritäten zitiert, denen er zu glauben geneigt ist: Christian Begemann mit:

„Im Zeitalter einer rasanten Beschleunigung aller Lebensvollzüge kann man den Nachsommer genießen als eine Art therapeutischen Entschleuniger, man kann ihn lesen als … den ersten ökologischen Roman.“ Das Vorbildhafte der kleinen Stifterwelt zeige sich nicht in bedeutenden Ereignissen und umfassenden Plänen, sondern gerade im schlichten, aber völlig durchgearbeiteten Alltäglichen; für Stifter sei es immer das Kleine, in dem sich das Richtige realisiert.

Karl Kraus

verbeugte sich tief vor Adalbert Stifter — hielt dagegen die meisten Schreiber seiner Zeit für völlig bedeutungslos; er forderte sie auf, (sofern sie noch „ein Quäntchen Menschenwürde und Ehrgefühl“ besäßen) vor das Grab Adalbert Stifters zu ziehen. Sie sollten dort „das stumme Andenken dieses Heiligen für ihr lautes Dasein um Verzeihung bitten und hierauf einen solidarischen leiblichen Selbstmord auf dem angezündeten Stoß ihrer schmutzigen Papiere und Federstiele unternehmen“.

Simon Strauß meine:

[b]ei Stifter sei nichts zu klein, um von ihm nicht groß beschrieben zu werden. Bei Stifter lernt man, was Stille ist: Es gibt eine Stille, in der man meint, „man müsse die einzelnen Minuten hören, wie sie in den Ozean der Ewigkeit hinuntertropfen“. Man fände diese Stille gern in unseren lauten Tagen.

und Prantls alter Lehrer, „über den wir Schüler auch deswegen gefeixt haben, weil er bei jeder Gelegenheit Stifter zitierte; am liebsten einen Satz aus dem Beginn der Erzählung ‚Hochwald‘.“

Autoritäten zu zitieren ist etwas Zulässiges und Glaubwürdiges; ich unternehme wenig anderes. Prantl hat es anlässlich Stifters 150. Todestag am 28. Januar 2018 getan. Typisch, dass daran ein 64-jähriger Fusselbart in seiner regelmäßig vom Lektorat durchgewinkten Nebenkolumne erinnern muss und sich der deutschsprachige Kulturbetrieb (dich schau ich an, Buchhandel!) dazu verhalten hat wie „tiefschwarz, überragt von der Stirne und Braue der Felsen, gesäumt von der Wimper dunkler Tannen, drin das Wasser regungslos wie eine versteinerte Träne“ (Stifter, Hochwald, 1842).

Adalbert Stifter, St. Thoma Wittinghausen, um 1839

Das wichtigste Handlungselement, zugleich turbulenteste Ereignis, ist so ziemlich jedes Mal, wie grün der Wald ist. Meistens ist es der Böhmerwald, und davon der südliche Teil, im heutigen Länderdreieck Bayern-Böhmen-Oberösterreich, wo sie Mühlviertel dazu sagen. Die Eichendorff-Novellen sind Tarantino-Blockbuster dagegen.

Arno Schmidt hatte also recht wie immer, indem er Stifter ausführlicher, tiefgreifender und detaillierter, also schon nicht mehr lässlicher Plagiate bei James Fenimore Cooper überführt hat, und begründet fundiert, welche von Stifters Leistungen überleben werden und welche seiner Belanglosigkeiten lieber in der Literaturgeschichte verstauben dürfen. Stifters Wald aber schafft das Grünsein im Buch so gut wie im Film, und das ist durchaus eine Qualität. Gerade über die Studien-Sammlung, worin der Hochwald vorkommt, redet Meister Arno recht lobend; zu meiden wäre das Großwerk Witiko.

Adalbert Stifter, Zerfallene Hütte im Wald, 1840 oder 1846

So respektlos das alles klingt, fühlt man sich nach einigem Vertiefen in Stifteriana richtig ausgeruht. Deshalb hab ich lang und breit nachgegoogelt, wo Stifters Handlungen sich überhaupt ereignen. Nicht dass es besonders schwer herauszufinden wäre, aber man verweilt dann doch gar zu gern.

Es ist alles ums Dreiländereck Böhmen-Österreich-Bayern voll der fleischfressenden, weil deutsch und tschechisch vorhandenen Ortsnamen und viel Vollprovinz zum Kennenlernen, Einordnen und geistigen Rumhängen. In meiner Kindheit war unter den Eisenbahnerkollegen meines Vaters das anliegende Steinerne Meer bekannt — und beliebt, um zollfrei Schnaps und Zigaretten anzukaufen. Die Gesamtgegend heißt Mühlviertel — ja, sag das doch gleich, das kennt man dem Namen nach auch weiter nördlich, als Ausdruck für beschaulichen Urwald mit nicht minder uriger Bevölkerung — also weniger als Kulturgegend, in der man der von Fenimore „Lederstrumpf“ Cooper … nun ja: entlehnten Weltliteratur hinterherspüren könnte.

Als Stichwortgeber und Ausgangspunkt für Intenet-Reisen empfiehlt sich das Böhmerwälder Adalbert-Stifter-Denkmal, von dort geht’s weiter in die ganze Gegend mit Plöckensteiner See und smetanabekannter Moldauquelle.

Es herrscht ein naturgemäß sehr ruhiger, dafür umso länger andauernder Gelehrtenstreit darüber, welche Fassungen aus Stifters Werk vorzuziehen seien: Die Frühfassungen gelten als unmittelbar und frisch, aber unausgegoren, die Spätfassungen als ausgereift, aber breitärschig. In neueren Stifter-Ausgaben stelle ich eine Tendenz zu den Frühfassungen fest und bin recht glücklich mit meinen angemessen durchgegilbten Studien „nach dem Text der Erstdrucke oder der Ausgabe letzter Hand“ aus der fünfbändigen Winkler-Gesamtausgabe, die meines Wissens seit 1949 unverändert aufgelegt wird. Für meine eigenen privaten Studienpläne möchte ich festhalten, dass bis jetzt gelesen sind: Der Condor, Die Mappe meines Urgroßvaters, Brigitta, Der Waldsteig und sowieso Der Hochwald; Der Nachsommer ist anstehend, aber vorsichtshalber nicht zu bald, Witiko wird weiträumig umfahren und um zu wissen, wie überstrapaziert der Bergkristall ist, muss man nicht mal die 2004er Vilsmaier-Verfilmung mit Katja Riemann kennen.

Adalbert Stifter, Die Gutwasserkapelle bei Oberplan, 1845

Am besten und am nachhaltigsten wirksam war mir der Hochwald. Kann sein, weil ich von Anfang an immer die Stimmung aus dem Klangwolken-Trailer mithören konnte und ja mit Sommerregen, tiefem grünem Wald, Moos und barfüßigen Dryaden im Elfenkleide etwas anfangen kann.

Klangwolke? — Klangwolke. Offenbar brauchten engagierte Kulturschaffende in Österreich keinen 150. Todestag, denen genügte der 210. Geburtstag:

——— lawine torrèn:

HOCHWALD

Trailer für Linzer Klangwolke, 2015:

adalbert stifters erzählung HOCHWALD als stadtergreifendes naturtheater vom paradies und seinem verlust

ein vater aus dem böhmerwald fürchtet während eines krieges um die sicherheit seiner beiden töchter und bringt sie deshalb in ein verstecktes waldhaus. dieses haus befindet sich im unberührten wald. dennoch wird das versteck von einem jungen mann entdeckt, der eines der mädchen liebt.

vor dem hintergrund dieser erzählung über den wald, die unschuld und das streben nach sicherheit, geht es um die zukunft der natur. „während wir uns über die entwicklung der städte im 21. jahrhundert gedanken machen, fehlt ein gestalterischer plan dafür, wie sich jene naturlandschaft entwickeln sollte, die längst nicht mehr unabhängig vom menschen dahinwächst. aller wald in europa ist von menschenhand gemacht. wie also stellen wir in hinkunft die natur her, sodass es sich lohnt in ihr zu wohnen?“ so regisseur hubert lepka. anders gesagt: der böhmerwald ist heute bedeckt von wirtschaftswald. wahre baumriesen und gestaltete natur finden wir hingegen in den städtischen parks und den englischen gärten.

der wald kommt in die stadt

die textfassung von joey wimplinger übersetzt die romantische erzählung stifters von 1842 in das urbane landschafts- und stadtbild von linz an der donau. da weder die donau noch die bauten der stadt in den wald kommen, kommt der wald in die stadt. bagger, stapler, laster und schiffe bringen mehrere dutzend bäume — einen veritablen nadelwald — samt waldhaus in einer überdimensionalen choreographie zum tanzen. die donaulände und der gesamte sichtbare stadtraum werden als bewegte naturlandschaft begreifbar, über der zart an einem abrissbagger ein beflügeltes wesen schwebt.

feuer

vieles von dem, wie stadt aussieht (die mittelalterliche stadt genauso wie die moderne), hat mit dem feuer zu tun. brände machten bauordnungen nötig. brandrodungen gestalteten wald und wiese. vom brennmaterial holz wurden ganze landschaften geprägt. feuer und seine abwehr bestimmen immer noch unser wohnen. auch in dieser klangwolke kommt also dem feuerwerk und der feuerwehr eine entsprechende rolle zu.

klangwolke unplugged

adalbert stifters HOCHWALD spielt im 30-jahrigen krieg, jenem umbruch in europa, der die religion, die geographie der herrschaft, die musik, die kunst ebenso zerstörte wie neu entstehen ließ. das im klingenden spiel marschierende heer (jenes der bauern wie jenes der fürsten) lebt heute noch in der tradition der blasmusik fort. HOCHWALD bringt marschmusik und die hochentwickelte polyphonie der spätrenaissance in den kontext zeitgenössischer elektronik. und zwar als musikdramatik im sinne von erzählender, emotionalisierender filmmusik.

pavillon

ein haus fährt auf dem treppelweg, ein offener pavillon auf rädern, dessen innenwände aus großen videowalls bestehen. unmittelbar vor den augen der zuschauer gleiten darin wichtige szenen von HOCHWALD vorbei.

die idee dieser mobilen immobilie weist vielleicht einen architektonischen weg, wie wir bei schonendem verbrauch der grundstoffe, wie etwa landschaft, baumaterial und energie, unsere lebenswelt so gestalten konnten, dass es sich auch in hinkunft lohnt, darin zu wohnen.

HOCHWALD
tanz der bäume im donaupark
5. september 2015 | 19.30 Uhr
linz | donaupark | klangwolke

Für ein „stadtergreifendes Naturtheater“, das man offenbar wenn schon nicht gesehen, so anscheinend doch einmal gemacht haben muss, geht so ein Projekt schon klar. Österreicher dürfen sowieso alles, und Österreicherinnen erst.

Das Theater ist nicht vollständig im Bild überliefert, im Trailer 2 beobachten wir eine barfüßige Österreicherin und dürfen fachmännisch rätseln, ob die Schauspielerin in den tschechischen Reiterstiebeln dieselbe wie die Barfüßerin war, und wenn ja, ob sie zuerst die gestiefelten Szenen drehen durfte oder gleich zu Drehbeginn barfuß durch den Wald sprinten musste. Passend ist das insofern, als auch im Stifterschen Hochwald zwei einander ähnelnde, weil schwesterliche Jungmaiden vorkommen, die noch tiefer in den Wald verschickt werden, als sie zu Anfang schon waren, und barfüßicht vorzustellen sind. Die Nahaufnahme der Waldfeenflossen ab Minute 1:35 im Trailer vermittelt wohl die archaische Naturnähe.

Im Trailer 3 verwendet die österreichische lawine für ihre Aspekte des Balletts allerschwerstes land- und forstwirtschaftliches Gerät, ja gar Hubschrauber. Wenn das Herr Stifter noch hätte erleben müssen, wäre er schon gar nicht mehr mit 62 so ausgesprochen unglücklich beim Rasieren mit dem Messer ausgerutscht, indem ihn umgehend der Schlag getroffen hätte, weil es seiner umfassenden Ruhe des sanften Gesetzes widerspricht — es kann aber ein Ballett schon wieder auf spektakuläre Weise cool machen:

Ich muss aufhören, Adalbert Stifter zu lesen. Vielleicht versuch ich doch mal Wilhelm Raabe.

Adalbert Stifter, Waldhang, 2. Oktober 1865

Bilder: Adalbert Stifter: Das malerische Werk:

  1. Die Ruine Wittinghausen, um 1833–1835, Öl auf Leinwand, 905 cm × 14,2 cm (sic, laut Zeno.org);
  2. St. Thoma Wittinghausen, um 1839, Öl auf Holz, 9,5 cm × 14,2 cm, Adalbert-Stifter-Institut des Landes Österreich;
  3. Zerfallene Hütte im Wald, 1840 oder 1846, Bleistift auf Papier, 19 cm × 26,5 cm;
  4. Die Gutwasserkapelle bei Oberplan, 1845, Bleistift auf Papier, 24,4 cm × 29,6 cm;
  5. Waldhang, 2. Oktober 1865, Bleistift auf Papier, Adalbert-Stifter-Institut des Landes Österreich;
  6. Christoph K.: Böhmerwald — Blick ins Landesinnere von Tschechien, 10. Oktober 2011:

    Blick vom Plöckenstein (am Adalbert-Stifter-Denkmal) in Richtung Landesinneres der Tschechischen Republik. In der Bildmitte am Horizont ist das Kernkraftwerk Temelín erkennbar.

Christoph K.: Böhmerwald -- Blick ins Landesinnere von Tschechien, 10. Oktober 2011

Soundtrack: Andreas Hartauer aus Goldbrunn/Zlatá Studna, um 1870: Tief drin im Böhmerwald, mit Bildmaterial aus Stifter-Hochwald-City Böhmisch Krumau an der Moldau, das ist: Krumlov. Aufnahme von Oliver Nowak an Mandoline und Gitarre in Limerick, County Limerick, Irland, 2016:

Written by Wolf

13. April 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Biedermeier, Land & See, ~~~Olymp~~~

4. Stattvent: Aber nun sangen die Gäste „Stille Nacht, Heilige Nacht“

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Wer an dieser Stelle ernstzunehmende Adventsinhalte wünscht, sei innerhalb des Weblogs freundlich auf die Sammlung über Weihnachtsengel (Dezember 2013), die Einschläferungsgedichte von Friedrich Rückert (Dezember 2014), das künstlerische Schaffen über Katzen (Dezember 2015) sowie das künstlerische Schaffen von Katzen (Dezember 2016) verwiesen.

Mein Haus-, Hof-, Leib- und Magenheiliger Joachim Ringelnatz, der alte Seebär, tat ja immer sowas von unsentimental. Walter Giller, mit dem mich nicht viel außer den Initialen verbindet, hat diese Ballade, gegen die sich die gleichnamige Kategorie von Goethe & Schiller wie eine Sammlung Büttenreden ausnimmt, mal im Fernsehen vorgetragen. Das war in den Siebzigern, als es noch große Fernsehmomente zu erleben gab — und den Rekonstruktionen nach am 15. November 1975 in der Mainzer Rheingoldhalle. Man mag jene Zeiten bedauern und belächeln, in denen unter Fernsehunterhaltung verstanden wurde, dass ein Anzugträger ein Gedicht aufsagt — Herrn Gillers leicht kratziger Bierbass aber war hier genau richtig. Hinterher war wieder Fernsehballett.

Halleluja mitsammen.

Soundtrack 1 für den Seebärenteil:
Rio Reiser: Übers Meer, aus: Blinder Passagier, 1987:

——— Joachim Ringelnatz:

Die Weihnachtsfeier des Seemanns Kuttel Daddeldu

aus: Kuttel-Daddeldu, Kurt Wolff Verlag, München 1924:

Die Springburn hatte festgemacht
Am Petersenkai.
Kuttel Daddeldu jumpte an Land,
Durch den Freihafen und die stille heilige Nacht
Und an dem Zollwächter vorbei.
Er schwenkte einen Bananensack in der Hand.
Damit wollte er dem Zollmann den Schädel spalten.
Wenn er es wagte, ihn anzuhalten.
Da flohen die zwei voreinander mit drohenden Reden.
Aber auf einmal trafen sich wieder beide im König von Schweden.

Daddeldus Braut liebte die Männer vom Meere,
Denn sie stammte aus Bayern.
Und jetzt war sie bei einer Abortfrau in der Lehre,
Und bei ihr wollte Kuttel Daddeldu Weihnachten feiern.

Im König von Schweden war Kuttel bekannt als Krakehler.
Deswegen begrüßte der Wirt ihn freundlich: „Hallo old sailer!“
Daddeldu liebte solch freie, herzhafte Reden,
Deswegen beschenkte er gleich den König von Schweden.
Er schenkte ihm Feigen und sechs Stück Kolibri
Und sagte: „Da nimm, du Affe!“
Daddeldu sagte nie „Sie“.
Er hatte auch Wanzen und eine Masse
Chinesischer Tassen für seine Braut mitgebracht.

Aber nun sangen die Gäste „Stille Nacht, Heilige Nacht“,
Und da schenkte er jedem Gast eine Tasse
Und behielt für die Braut nur noch drei.
Aber als er sich später mal darauf setzte,
Gingen auch diese versehentlich noch entzwei,
Ohne daß sich Daddeldu selber verletzte.

Und ein Mädchen nannte ihn Trunkenbold
Und schrie: er habe sie an die Beine geneckt.
Aber Daddeldu zahlte alles in englischen Pfund in Gold.
Und das Mädchen steckte ihm Christbaumkonfekt
Still in die Taschen und lächelte hold
Und goß noch Genever zu dem Gilka mit Rum in den Sekt.
Daddeldu dacht an die wartende Braut.
Aber es hatte nicht sein gesollt,
Denn nun sangen sie wieder so schön und so laut.
Und Daddeldu hatte die Wanzen noch nicht verzollt,
Deshalb zahlte er alles in englischen Pfund in Gold.

Und das war alles wie Traum.
Plötzlich brannte der Weihnachtsbaum.
Plötzlich brannte das Sofa und die Tapete,
Kam eine Marmorplatte geschwirrt,
Rannte der große Spiegel gegen den kleinen Wirt.
Und die See ging hoch und der Wind wehte.

Daddeldu wankte mit einer blutigen Nase
(Nicht mit seiner eigenen) hinaus auf die Straße.
Und eine höhnische Stimme hinter ihm schrie:
„Sie Daddel Sie!“
Und links und rechts schwirrten die Kolibri.

Die Weihnachtskerzen im Pavillon an der Mattentwiete erloschen.
Die alte Abortfrau begab sich zur Ruh.
Draußen stand Daddeldu
Und suchte für alle Fälle nach einem Groschen.
Da trat aus der Tür seine Braut
Und weinte laut:
Warum er so spät aus Honolulu käme?
Ob er sich gar nicht mehr schäme?
Und klappte die Tür wieder zu.
An der Tür stand: „Für Damen“.

Es dämmerte langsam. Die ersten Kunden kamen,
Und stolperten über den schlafenden Daddeldu.

Daniela Paszportowa Paß, Kwal, der, 19. Oktober 2006

Soundtrack 2 für den Weihnachtsteil:
Kris Kristofferson: Jesus Was A Capricorn, 1972:

Jesus was a Capricorn
He ate organic food
He believed in love and peace
And never wore no shoes

Long hair, beard and sandals
And a funky bunch of friends
Reckon we’d just nail him up
If he came down again.

Er habe sie an die Beine geneckt: Daniela „Paszportowa“ Paß, Berlin,
mit nackigen knackigen drei’n’dreißich für Moby-Dick™:
Kwal, der: Daniela tanzt auf einem Walbein, 19. Oktober 2006.

Written by Wolf

22. Dezember 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Novecento

Herrjeh, schweigt mir vom Tegernsee!

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Update zu Peregrini Bavarici,
Ein ewig Weißwurschten,
Dieses unnötige, ja sinnlose Hin und Her
und Einigen wir uns auf Unentschieden:

Die professionelle „Altherrengermanistik“ indes dürfte vor Schreck in die dritte Lautverschiebung fallen, wenn sie gewahrt, was da mit ihrem „mikrophilologisch“ gehegten Minnesänger angestellt wird.

Rühmkorf erzählt das unordentliche Leben des Herrn Walther, das „der deutschnationale Ideologie-Unterricht des 19. Jahrhunderts zu einer rosenseligen Cavalierstour umlügen mußte“, als Tournee der Eitelkeiten, auf der „der Lohn die Musik“ machte.

Jürgen Kolbe: Graziös in Gefahr, in: Der Spiegel, 5. Januar 1976
über Peter Rühmkorf, * 25. Oktober 1929, † 8. Juni 2008.

Jost Amann für Philipp Apian, Kloster Tegernsee, erste bekannte Abbildung um 1560, Landtafeln. Sixtus Lampl, Die Klosterkirche Tegernsee, Oberbayerisches Archiv, Band 100, München, 1975, Band 2, Abbildung 1

Ist eigentlich Wallstein die Lindt-Schokolade unter den Verlagen oder Lindt der Wallstein Verlag unter den Chocolatiers? Egal, wenn mich schon mal eine Buchneuerscheinung interessiert – sagen wir zum Beispiel: Stephan Opitz, Christoph Hilse (Hrsg.): Peter Rühmkorf, Peter Wapneski: Des Reiches genialste Schandschnauze: Texte und Briefe zu Walther von der Vogelweide, Wallstein Verlag, Göttingen, Februar 2017 –, wird sie unfehlbar von Hans Mentz in seiner TitanicHumorkritik besprochen. Auf den Mann ist Verlass.

Abb. 3 Kupferstich aus P. Karl Stengel, Monasteriologia I, 1619

——— Hans Mentz:

Reanimierter Walther

aus: Humorkritik, in: Titanic, September 2017, Seite 48 f.:

Wenn ein gewitzter und temperamentvoller Dichter wie Peter Rühmkorf und ein kunstsinniger Mediävist wie Peter Wapnewski einen Briefwechsel über Walther von der Vogelweide führen, dann können auch Dritte davon profitieren – wir Leser, denen diese Korrespondenz jetzt in einer von Stephan Opitz und Christoph Hilse edierten Buchfassung vorliegt, vermehrt um thematisch verwandte Aufsätze, Rühmkorfs neuhochdeutsche Übertragungen der Gedichte Walthers und ein ausführliches Nachwort („Des Reiches genialste Schandschnauze. Texte und Briefe zu Walther von der Vogelweide“, Wallstein Verlag). Aus humorkritischer Perspektive sind jene Briefe am ergiebigsten, die Rühmkorf angetrunken verfaßt zu haben scheint; da verliert er mitunter die Contenance und rüffelt Wapnewski für dessen Einwände gegen die mitunter sehr freien Übertragungen (aus einem Brief vom 27. Juli 1975): „Aber PPPPP! WWWWW!: Du kannst doch nicht eine wahrhaftige Erfindung: ‚Man schenkte Sprudel / und begossen wie ein Pudel‘ für ‚ich nahm dâ wazzer / alsô nazzer‘ (ein Problem, an dem die gesamte Philologie nun schon über hundert Jahre lang ergebnislos herumrätselt) als Fehler ankreiden! Einen Jahrhundertfund, der wirklich nur mittels Poesie lösbar scheint, bekrak-mäkeln!“

Ein sehr amüsantes Buch; es gibt nichts daran zu bekrak-mäkeln.

Stahlstich für Eduard Duller, Die Donau, Kapitel 5. Von Regensburg bis Deggendorf, 1840

Das interessiert uns natürlich näher. Rühmkorfs großer Aufsatz und den von der Vogelweide, seine Übersetzung von 36 seiner Gedichte und die Korrespondenz mit Wapnewski müssen 1975 entstanden sein, weil die Grundlage für den 2017er Sammelband von Opitz und Hilse, Walther von der Vogelweide, Klopstock und ich, ein liebenswertes schmales Rowohlt von Anfang 1976 war — Das neue Buch 65 — und außerdem von Hans Mentz oben eingeordnet wird. In beiden Sammlungen finden wir Rühmkorfs Ausgangstext und endgültiges Ergebnis. Es ist Walthers „Tegernseespruch“, Lachmann 104,23–32 aus dem Kloster Tegernsee, ca. 1212.

Man seit mir ie von Tegersê,
wie wol daz hûs mit êren stê,
dar kêrte ich mêr dan eine mîle von der strâze.
ich bin ein wunderlîcher man,
daz ich mich selben niht enkan
entstân und mich sô vil an frömede liute lâze.
     ich schilte sîn niht, wan got genâde uns beiden:
     ich nam dâ wazzer!
     alsô nazzer
     muost ich von des münches tische scheiden.

Herrjeh, schweigt mir vom Tegernsee!
Wie weit das Tor dort offensteh —
Ich machte mir den Umweg — über eine Meile.
Man ist schon ein verrücktes Haus;
da denkt man sich, man kennt sich aus
und teilt nur andrer Leute Vorurteile.
Ich will nicht lästern; Gott vergelt es beiden:
Man schenkte Sprudel
und begossen wie ein Pudel
mußt ich vom Tische dieses Mönches scheiden.

Was ist los am Tegernsee, Herbst, ca. 2016

In Tegernsee, da war ich schon mal. Muss man nicht hin. Der See kann nichts dafür, aber ich empfinde den Ort als hässliches Drachenauge eines sich selbst verleugnenden, eben dadurch umso gnadenloseren Kapitalismus inmitten einer gottgesegneten Landschaft. Allerdings hab ich da nicht das Kloster Tegernsee besucht, gegen dessen Brauerei nichts vorliegt — und die um 1212, als der von der Vogelweide zu Besuch kam, längst bestand. Das Kloster selbst ist frühmittelalterliches Urgestein seit anno 746.

Nun ist man zur Rekonstruktion von Walthers Biographie, der sich als bettelarmer, landstreichender Minnesänger darstellt, rein auf Andeutungen aus seinem eigenen Werk angewiesen. Aus den Angaben im Tegernseespruch wurde schon versucht, Walthers Herkunft aus Südtirol herzuleiten, was nach aktuellem wissenschaftlichen Stand nicht stimmt. Wohl besaß Kloster Tegernsee, traditionell eine bayerntypisch reiche Benediktinerabtei von europaweitem Einfluss, Weingärten bei Bozen, aber seit 1050 auch die heute noch bestehende, ja zunehmend hippe Brauerei. Für wahrscheinlich halte ich daher, dass Walther sich nur halb im Spaß nicht darüber beschwert, keinen — vorzugsweise Südtiroler — Wein erwischt zu haben, sondern: kein Bier. Das liegt schon deshalb näher, weil man von dem ultramontanen Weinanbau erst einmal theoretisch unterrichtet sein musste, eine Gegend, in der eine Brauerei wirkt, dagegen bis tief ins 20. Jahrhundert hinein höchst unmittelbar und charakteristisch nach gärender Maische stank; ich selbst habe das noch sinnlich erlebt.

Besonders schandbar ist es von einem Orden wie den der Benediktiner, in deren Statuten die Gastfreundschaft eine hohe Priorität einnimmt, den fahrenden Sänger gerade einmal die Hände waschen zu lassen und nüchtern von der Schwelle zu weisen. Das hat sich stark geändert: Heute kann man sich in Tegernsee gar nicht mehr retten vor der ganzen Gastlichkeit. Mit der abermaligen Einschränkung: Ich bin dort nicht unangemeldet als sangesfreudiger Penner aufgetreten.

Was ist los am Tegernsee, Trachten, ca. 2016

Nach Peter Rühmkorf hat der gleichnamige Briefpartner, Kollege und führende Mediävist und Herausgeber Wapnewski seinerseits einen Übersetzungsvorschlag für den Tegernseespruch vorgelegt — in Walther von der Vogelweide: Gedichte: Mittelhochdeutscher Text und Übertragung, Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt am Main 1982:

Man erzählt mir dauernd von Tegernsee,
wie sehr das Haus auf Gastfreundschaft bedacht sei.
Dorthin wandte ich mich mit einem Umweg von mehr als einer Meile.
Ich bin doch ein seltsamer Mensch,
daß ich mich selbst nicht zu verstehn vermag
und mich so viel mit anderen Leuten einlasse.
Ich schelte die Tegernseer nicht, aber Gott sei uns beiden gnädig:
Man gab mir dort Wasser,
und solchermaßen
mußte ich von des Mönches Tisch scheiden.

Über Rühmkorfs Reaktion darauf finde ich bislang nichts. „Man gab mir dort Wasser, / und solchermaßen“, keinerlei Ansatz zum Übernehmen der Endreime. Naja. Meine laienhafte Bekrak-Mäkelei: Nach der kollegialen Vorlage sieben Jahre zuvor ist das auch nicht zündender als die Lösung „Man schenkte Sprudel / und begossen wie ein Pudel“.

Bilder: chronologisch:

  1. Jost Amann für Philipp Apian: Kloster Tegernsee, erste bekannte Abbildung — geschlagene 814 Jahre nach Klostergründung — um 1560, Holzschnitt in den Landtafeln des Philipp Apian. Sixtus Lampl: Die Klosterkirche Tegernsee, Oberbayerisches Archiv, Band 100, München, 1975, Band 2, Abbildung 1;
  2. P. Karl Stengel: Kupferstich aus Monasteriologia I, Abb. 3, 1619;
  3. Stahlstich für Eduard Duller: Die Donau, Kapitel 5: Von Regensburg bis Deggendorf, 1840;
  4. und zwei aus Was ist los am Tegernsee?, Gesellschafts- und Kulturwebseite, ca. 2016.

Soundtrack: Ilse Neubauer und die Fischbachauer Sängerinnen für Walther von der Vogelweide: Tandaradei unter Wolf Euba: Die Fernsehtruhe, Bayerischer Rundfunk 1968:

Bonus Track: die erste LP von Ougenweide: Ougenweide, 1973:

Written by Wolf

20. Oktober 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Hochmittelalter, Land & See

Nur ein einziges Mal

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Update zu Und wenn es hundert schönere gibt:

Auch mir wurde im Kindergarten das Gedicht mit dem Refrain „Ach, wer das doch könnte“ beigebracht, ohne groß des Dichters Victor Blüthgen zu erwähnen. Ältere Druckfassungen haben dagegen „Ach, wer doch das könnte“ und vierhebige Verse statt der heute üblicheren, auf zwei Hebungen aufgeteilte. Ich zitiere deshalb nach H. G. Fiedler (Hrsg.): Das Oxforder Buch Deutscher Dichtung vom 12ten bis zum 20sten Jahrhundert (mit einem Geleitworte von Gerhart Hauptmann, Ehrendoktor der Universitäten Leipzig und Oxford), zweite und vemehrte Auflage, Oxford Universitäts-Verlag 1911:

Follow for Feet, 7. Oktober 2017

——— Victor Blüthgen:

Ach, wer doch das könnte!

ca. 1870, gesammelt in: Im Kinderparadiese — Kinder-Lieder und Reime, Perthes, Gotha 1905:

Gemäht sind die Felder, der Stoppelwind weht,
Hoch droben in Lüften mein Drache nun steht,
Die Rippen von Holze, der Leib von Papier ;
Zwei Ohren, ein Schwänzlein sind all seine Zier.
Und ich denk‘: so drauf liegen im sonnigen Strahl —
Ach, wer das doch könnte nur ein einziges Mal !

Da guckt‘ ich dem Storch in das Sommernest dort :
Guten Morgen, Frau Störchin, geht die Reise bald fort ?
Ich blickt‘ in die Häuser zum Schornstein hinein :
Papache, Mamachen, wie seid ihr so klein !
Tief unter mir säh‘ ich Fluß, Hügel und Tal —
Ach, wer das doch könnte nur ein einziges Mal !

Und droben, gehoben auf schwindelnder Bahn,
Da faßt‘ ich die Wolken, die segelnden, an ;
Ich ließ‘ mich besuchen von Schwalben und Krähn
Und könnte die Lerchen, die singenden, sehn ;
Die Englein belauscht‘ ich im himmlischen Saal —
Ach, wer das doch könnte nur ein einziges Mal !

An Vertonungen sind belegt:

  1. Franz Wilhelm Abt (1819–1885): Ach, wer doch das könnte!, op. 584 Nr. 5, aus: Neun Kinderlieder für 1 Stimme mit leichter Pianofortebegleitung, no. 5., ca. 1870;
  2. Wilhelm Reinhard Berger (1861–1911): Ach, wer das doch könnte, op. 30 (Acht Lieder und Gesänge für 1 Singstimme mit Pianoforte) Nr. 7, Raabe & Plothow, Berlin 1888;
  3. Paul Frommer: Ach, wer das doch könnte, aus: Fünf Lieder für 1 hohe Singstimme mit Pianofortebegleitung, Nr. 4, Schuberth & Co., Leipzig 1890;
  4. Othmar Schoeck (1886–1957): Kinderliedchen, WoO. 6, 1902,

keine davon als Video greifbar.

Carl Spitzweg, Drachensteigen, 1880--1885

BIlder: Follow for Feet: Only Once, 7. Oktober 2017;
Carl Spitzweg: Drachensteigen, Sonderformat 38 cm × 12 cm,
Öl auf Karton, 1880 bis 1885, Alte Nationalgalerie Berlin.

Drachensteigen: Puhdys: Geh zu ihr, aus: Die Legende von Paul und Paula, 1973:

Written by Wolf

13. Oktober 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Realismus

Nachtstück 0010: Dieses Zucken im Zwerchfell

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——— Juli Zeh:

Griffe und Schritte

in: Adler und Engel, 2001:

Auf der Autobahn dreht sie das Radio an und wippt den Kopf im Takt. Im Dunkeln sehe ich, dass sie lächelt.

Das Leben ist merkwürdig, flüstert sie, es besteht eigentlich nur aus Griffen und Schritten. Ein paar wenige davon und schon ist alles anders.

Ich spüre es wieder, dieses Zucken im Zwerchfell.

Juli Zeh, Griffe und Schritte, Adler und Engel, 2001

Soundtrack: The Byrds: Wasn’t Born to Follow, aus: The Notorious Byrd Brothers, 1968:

Written by Wolf

1. September 2017 at 00:01

Verreißi zerreißi

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Update zu Seht, Ehrenbreitstein mit gesprengter Mauer
und Hipsteros:

Ringelnatz war mein erster Herzensdichter als Welpe. Alles, was man von dem hörte, war so eingängig und genial vielsagend, dass man darauf kommen musste: Wow, von dem will ich alles wissen. Die Gesamtausgabe war die erste, die ich mir vom Taschengeld absparte und zu Weihnachten und Geburtstagen zusammenwünschte; sieben Bände plus einer mit Briefen, jeder zwischen 55 und 75 D-Mark (28,12 und 38,35 Euro) war doch irgendwie Geld für einen 14-Jährigen. Heute gibt es nicht einmal mehr den Originalverlag Henssel, die Ausgabe ist seit dessen Konkurs bei Diogenes und schon seit Jahren auf dem Ramsch angekommen.

Fast das ganze Jahr 1932 tingelte Ringelnatz samt einer siebenköpfigen Schauspielertruppe mit seinem siebten, aber einzigen erhaltenen und noch posthum inszenierten Theaterstück Die Flasche. Eine Seemannsballade durch Deutschland. Das Tourneematerial, bestehend aus Tagebuch und Briefen an seine Frau, erschien ebenfalls schon 1932 als Mit der „Flasche“ auf Reisen im Sammelband Die Flasche und mit ihr auf Reisen.

Das Hotel Riesen-Fürstenhof an den Koblenzer Rheinanlagen wurde im Zweiten Weltkrieg zerbombt. Joachim Ringelnatz, den ein mittelgnädiges Schicksal schon 1934 ins Grab senkte, hat noch darin übernachtet. Und sich gelegentlich aufgeführt wie … nun ja: wie ein Hotelgast.

Hotel Riesen-Fürstenhof Koblenz, Postkarte ca. 1924, mit Dampferanlegestelle

——— Joachim Ringelnatz:

Koblenz und Abstecher

aus: Die Flasche und mit ihr auf Reisen, Rowohlt, Berlin 1932:

Riesenfürsten entdeckte ich nicht in meinem Hotel, aber einmal saß, nach Aussage des Besitzers, Reichskanzler Brüning dort in meiner Nähe.

Eine Dame, die sich auf ihrer Visitenkarte „wissenschaftliche Astrologin und Schauspielerin“ nannte, schickte mir einen Band ihrer ersten lyrischen Gedichte. Ich überflog diese ernste Poesie und muß gestehen, daß ich dann den Band in der Mitte einriß und ihn unter den Schminktisch warf. Sitty zog ihn wieder hervor. Er fand, daß die Gedichte sehr unterhaltend wären, zumal, wenn man das eingerissene Heft wie ein Vexierbuch handhabte und die eine halbe Seite des einen Gedichtes über die entsprechende Hälfte des nächsten deckte. So gelesen ergab sich in diesem „Blühen und Verwelken“ betitelten Buch z. B. folgendes Poem:

Mein Junge

Ich döste in leeren Straßen
Und du begegnetest mir.
Fasziniert über alle Maßen,
Lockte ich dich wie ein Tier.
Du bist ein Junge wie andre auch
Mit blonden Locken und trotziger Stirne;
Nur hast du schon ein klein wenig Bauch
Und – es ist möglich – eine weiche Birne.
Blüten bring ich dir von rotem Mohn.
Rot wie Mohn soll deine Neigung brennen.
Alles Gefühl wird Dein Atem mir nennen.
Du: – von plötzlicher Glut beglückt:
Ein japanischer Dolch auf deinen Leib gezückt,
Mach ich mit diri Harakiri.
O verführi, verführi, verführi!

Herausfinden lässt sich: Die Dame, Astrologin und Schauspielerin hieß Ingrid Svanström; ihr Lyrikband Blühen und Verwelken war bei Bachmair in München-Pasing 1931 erschienen und umfasste 30 Seiten, mithin sollte er sich mühelos zerreißen lassen. Wiedergegeben und geradezu exklusiv für die Nachwelt gerettet hat Ringelnatz den Anfang des Gedichts Mein Junge auf Seite 7 und — oben ab Vers 9 — den Schluss des Gedichtes Spiel auf Seite 9. Herausgeber Walter Pape meint dazu in der großen Ringelnatz-Gesamtausgabe, Band 5: Vermischte Schriften, 1983, in seinen Anmerkungen:

Es ist unklar, ob die Verse von Ingrid Svanström ernst gemeint oder parodistisch sind.

Mit Verlaub, das ist nicht unklar. Beim schallend lächerlichen letzten Vers mag ein Interpret noch unterstellen, dass mit der Dichterin da eine poetische oder sonstige Leidenschaft durchgegangen sei, aber so offensichtliche Fehlbildungen wie „mit diri Harakiri“ unterlaufen niemandem, der gut genug Deutsch kann, dass etwas ihn zum Verfertigen von Gedichten nötigt, die immerhin saubere Reime und Rhythmus aufweisen, aus Versehen. Wir reden hier nicht über den Schlesischen Schwan Friederike Kempner, deren Gesamtwerk schon bedeutend mehrdeutiger schillert. Und inhaltlich wollen wir nicht unterschätzen, was für eine gesellschaftliche und kulturelle Neuheit das war, dass eine Frau sich bekennend begehrlich und offensiv verführerisch an eine Mannsperson wendet.

Mich hätte interessiert, worauf sich „Blüten bring ich dir von rotem Mohn“ auf der Seite 9 reimt, wenn man sie nicht gerade als Vexierbild nutzt. Und einen anvertrauten Gedichtband durch Zerreißen verreißen, das gehört sich schon mal überhaupt nicht.

Hotel Riesen-Fürstenhof Koblenz, 1920, Hotels am Rheinufer, Bilderbuch Koblenz, Straßenansicht

Bilder: Kunstanstalt Kornsand & Co., Frankfurt am Main: Ansichtskarte/Postkarte ungelaufen, sehr guter Zustand, bei akpool 7,20 Euro:

Hotel Riesen-Fürstenhof, Koblenz a. Rhein. H. Kämpfer-Hansen. — Telephon 57, 58, 162. Telegramm-Adresse: Riesen-Koblenz. Große Garage. Neue Marmorhalle. Tägl. Konzert. Große Rheinterrassen.

Bilderbuch Koblenz: Hotel Riesen-Fürstenhof, 1920, Hotels am Rheinufer:

von rechts: Hotel Riesen-Fürstenhof, Hotel Traube, Hotel Koblenzer Hof mit dem charakteristischen Dreieckgiebel. Die Türme am Ende der Häuserreihe gehören zum ehemaligen Amtssitz der preußischen Bezirksregierung.

Soundtrack: Nicki Minaj: Anaconda, aus: The Pinkprint, 2014 in der grundrenovierten, revolutionär neu-alt interpretierten Version der warm empfohlenen Scott Bradlee’s Postmodern Jukebox,
aus: Selfies on Kodachrome, 2014; Gesang: die bezaubernde Robyn Adele Anderson:

I’m high as hell, I only took a half a pill,
I’m on some dumb shit, by the way, what he say?
He can tell I ain’t missing no meals,
Come through and fuck him in my automobile.

Written by Wolf

28. Juli 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Novecento

Dunkeldeutschland

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Update zu Polizistenschatten im Laternenschein,
Von den beiden Mädchen auf dem Felde
und Der Arzt von Münster in Salzkotten:

Wikimedia Commons

Mein Vater, ohne schlecht über ihn zu reden, hat kein Abitur. Mein Vater ist stolz darauf, wie er es nennt, mit „bloß Volksschul'“ ausgekommen zu sein und noch nie im Leben „so ein Kombuderdings“ angefasst zu haben. Wenn jemand englisch redet oder gar singt oder sonst auf eine Weise insinuiert, mein Vater könnte eine andere Sprache als sein abgelegtes Leipziger Sächsisch und in der Folge nicht ganz lückenlos angenommenes Landnürnberger Fränkisch verstehen, wird er ernstlich unwillig. Ganz schlimm sind Fremdwörter, weil man alles „aa-r-af Deidsch soong“ kann.

Mit dieser Einstellung konnte man tatsächlich einst ein Arbeits- und ein Pensionistenleben bestreiten, es war eine schöne Zeit. Mein Vater hat es in der mittleren Beamtenlaufbahn meines Wissens bis zu A 9 gebracht, dabei war er noch einer im Publikumsverkehr: erst Fahrtdienstleitung, danach telephonische Zugauskunft. Andere haben das durch bloßes Ausharren mit regelmäßiger Anwesenheit in einer unkündbaren Beamtenposition geschafft, aber das will weder er noch die anderen hören. Damit konnte man eine Familie — Frau, mehrere Kinder, Automobil, Eigenheim — ernähren und musste dabei keinen Tag „seine Frau auf den Strich schicken“ (Vater über doppelverdienende Ehepaare). Mein Vater hatte nie ein Automobil oder ein Eigenheim, er müsste also heute über ein angenehmes „Pölsterchen“ (abermals Vater) verfügen.

Nur kein Neid, liebe Kinder, ich bin selber nicht besser: War mein Vater noch ein Weißer Jahrgang, der weder von der Wehrmacht zu einem Weltkrieg noch von der Bundeswehr zum Schlammrobben herangezogen wurde, bin ich 15 Monate meiner Wehrpflicht als Urlaubssachbearbeiter bei den Kötztinger Fernmeldern nachgekommen, nur um die sonst fälligen 18 Monate Zivildienst zu vermeiden. Wenn heute meine Frau gegen Geld arbeiten muss, hat das weder mit dem Strich noch mit ihrer Selbstverwirklichung zu tun, sondern mit bitterer Not, weil ich weder mit Volksschule noch Abitur noch einem Studium Frau, Kinder, Automobile und Eigenheime erschwingen kann.

akpool.de

Was ich von der Lebensart meines Vaters behalten habe, waren bis zum unwiderruflichen Ende meiner Ausbildung die Freifahrscheine fürs Schienennetz der Deutschen Bahn. Damit konnte ich zwischen meinem Abitur und der bitteren Not, gegen Geld zu arbeiten, eine Zeitlang reisen wie Joachim Ringelnatz:

Aussteigen plötzlich, besonders noch spät,
Das kann ich jedem empfehlen.

Ein paarmal hab ich das gemacht. Ich erinnere mich an Bahnhöfe wie aus einer Kurzgeschichte von Heinrich Böll, Kneipenwirte, die eigens wegen des unerwarteten Gastes von hinter den sieben Bergen bis in die frühen Morgenstunden den Laden geöffnet hielten und ihr Geschäft des Jahres machten, plötzlich aufblühende Omas, die ihr Fremdenzimmer mit Frühstück eigentlich „neulich“ vor zehn Jahren aufgegeben hatten, und dass es in Norddeutschland mehr Spaß macht als im Süden. In Stade könnte ich zum Beispiel ein einwandfreies hausgemachtes Labskaus empfehlen, wenn ich noch wüsste, wo mich die Bedienung damit gemästet hat.

Reichenbach im Vogtland war, wie von Ringelnatz ausdrücklich geraten, nicht dabei: Das war zuerst DDR, für die man gesonderte Freifahrscheine Monate vor Fahrtantritt beantragen musste, und später immer noch ein Minenfeld, auf dem rudelweise väterlicherseitige Verwandtschaft hauste, da wollte ich trotz Ringelnatznähe schon gleich dreimal nicht hin. Normalerweise ging ich als unfertig studierter Linguist nach Schönheit der Stationsnamen, was leicht schiefgehen konnte. Nach einer durchfluchten Herbstnacht in Grüner Hirsch hab ich mir’s abgewöhnt.

Dr. Margarete Meggle-Freund

Bahnhof Reichenbach (Vogtl) ob Bf liegt als Trennungsbahnhof zu zwei inzwischen stillgelegten Nebenbahnen linear an der Bahnstrecke Leipzig–Hof, ein Knotenpunkt ist es nicht. Von 1895 bis 1974 bestand zusätzlich ein Bahnhof Reichenbach (Vogtl) unt Bf an der Bahnstrecke Reichenbach–Göltzschtalbrücke, die allerdings eine Nebenbahn ist, an keinen Fernverkehr angebunden und für derlei Abenteuer in der Fremde ungeeignet. Setzen wir also voraus, dass Ringelnatz 1925 oder nicht lange zuvor nicht an diesem idyllischen Unteren, sondern am Oberen Bahnhof ausgestiegen ist.

Auch kann auf Ringelnatz Reichenbach im Vogtland nicht allzu exotisch gewirkt haben, jedenfalls lag es auch 1925 schon in seinem heimatlichen Sachsen. Da zählte der Mann 42 Jahre und blickte auf eine sehr viel bewegtere Biographie im Krieg, zur See, als Hausdichter und als Tabakladenbesitzer zurück denn ich Studentenbürschchen, das ich zu meinen Reisezeiten war. Wo er eingekehrt ist, überliefert Ringelnatz nicht, außerdem weiß ich aus Erfahrung, dass dergleichen spontane Nachtausflüge nie sehr detailliert im Gedächtnis haften, und bezweifle, dass in der fraglichen Gaststätte, sollte sie noch existieren, Ringelnatzens gedacht wird. Eindeutig festnageln lässt sich sein nächtliches Stammlokal für Honoratioren wohl nie mehr.

Halbwegs in Bahnhofsnähe und Richtung Stadtzentrum, wohin sich ein ortsfremder, absichtsvoll planloser Stadttourist begeben würde, bestehen heute laut dem Örtlichen Branchenbuch: das Hotel Adler Vogtland in der Bahnhofstraße 101, das Killarny-Pub in der Bahnhofstraße 108 A und das Restaurant mit Pension und Biergarten Kyffhäuser in der Albertistraße 30, alle in 08468 Reichenbach/Vogtland.

Das Gedicht ist keiner von Ringelnatz‘ Smash-Hits und erscheint nicht viel in Anthologien, enthält aber als ersten und letzten Satz gleich zwei meiner Lieblingsstellen: Das Lied, das sich selber singt, ist eine angenehm surreale Vorstellung, die man gar nicht bildlich hinkriegt, und der weitgereiste Anklang an seine Seemannszeit um des lieben Reimes willen, wie es einem an solchen Nicht-Zielen idealerweise unterlaufen sollte, so schön angesäuselt.

Heinsdorfergrund im Vogtland

——— Joachim Ringelnatz:

Reisebrief eines Artisten

Abstecher: Reichenbach im Vogtlande

Version der Erstveröffentlichung in: Simplicissimus, Jahrgang 30, Heft 33, 16. November 1925, Seite 474,
gesammelt in: Reisebriefe eines Artisten, 1927, Seite 122 f.:

Scan SimplicissimusEs sang sich ein Lied in der Nacht.
Da wurden zwei Bürger in Reichenbach
Im Vogtlande wach.

Was wollte ich sonst in dieser Stadt
Als nur meine Fahrt unterbrechen;
Frug: ob sich hier ein Wirtshaus hat,
Wo Leute um die Zeit noch zechen.

Am Himmel standen Zeichen.
Warum – so hatte ich mir gedacht –
Soll Reichenbach in dieser Nacht
Nicht Guatemala gleichen?

Was geht mich Guatemala an,
Wenn ich daselbst nicht bin. –
Stieg aus. Bereute das. Doch ach:
Da flog mein Zug schon weiter hin.
Und ich stand nachts in Reichenbach.

Vielleicht erlebe ich Rübezahl,
Den Ollen!?
Doch sicher bin ich heute einmal
Für jedermann verschollen.

Aussteigen plötzlich, besonders noch spät,
Das kann ich jedem empfehlen.
Er braucht ja, wie sein Leben vergeht,
Gerade nicht Reichenbach wählen. –

Es klang ein Gesang wie Männerverein
Und brachte Dachrinnen zum Schmelzen
Und roch so nach Wein. Da trat ich hinein
Und kam mir dort vor wie Lord Nelson.

Im Seichtlärm eines Stammlokals
Der Honoratioren
Im Stile anno dazumals
Beneugiert und verloren – – –

Gott segne die Azoren!

Mapio.net

Bilder: Ansichten von Reichenbach im Vogtland:

  1. Verlag Automat AG, Dresden: Blick über Reichenbach im Vogtland und die Firma Georg Schleber AG im Vordergrund, historische Ansichtskarte, postalisch gelaufen am 19. Juli 1899;
  2. Ottmar Zieher Kunstanstalt, München: Ansichtskarte / Postkarte Reichenbach im Vogtland: Postamt, Albert Denkmal, Stadtpark, Moltke Denkmal, Bahnhof, ungelaufen, Ecken bestoßen, sonst guter Zustand, 6,00 Euro bei akpool;
  3. Dr. Margarete Meggle-Freund: Abb. 4: Bahnhof Reichenbach: eine Stadt im Umbau, aus: Vorstellung der Dissertation: Zwischen Altbau und Platte. Erfahrungsgeschichte(n) vom Wohnen. Alltagskonstruktion in der Spätzeit der DDR am Beispiel der Sächsischen Kleinstadt Reichenbach im Vogtland. Gastvortrag in der Wohn-Vorlesung von Prof. Dr. Christel Köhle-Hezinger in der FSU Jena am 14. Juli 2005;
  4. Die Rollbocklokomotive am Reichenbacher Annenplatz, aus: Die Geschichte der Rollbockbahn Reichenbach–Oberheinsdorf, nach 1897;
  5. Reinhard Klenke: Bahnhof Reichenbach (Vogtland) — gut 20 Minuten Zeit bis zum Zug gen Plauen, aus: Bahnhofstraße Reichenbach im Vogtland, ca. 2009;
  6. MBC (Moderator): Ein Jahr später, am 20.Juli 2002, ist der südliche Bahnhofsteil endgültig verwaist und wird bald darauf weichen.

+ Scan aus dem Simplicissimus, Jahrgang 30, Heft 33, 16. November 1925, Seite 474 mit der Erstveröffentlichung.

Eisenbahnforum Vogtland

Soundtrack: Joy Unlimited: Go Easy Go Bahn, 1973, DB-Werbung:

Die Single hat mein Vater noch in der Sammlung. Meine Mutter hat mir mal eine gelangt, weil ich fünfjährig einen Klecks Blaubeerjoghurt auf dem Cover hinterlassen hab, der sich noch nachweisen lassen sollte.

Darum als Bonus Track noch eins mit dem Zeug zum Lieblingslied: Elizabeth Cotten: Freight Train. Das Video ist nicht etwa spiegelverkehrt, sondern Frau Cotten spielt ungelogen linkshändig auf einer für Rechtshänder bespannten Gitarre; hier in einer Filmaufnahme von 1985, etwa 92-jährig. Ihren Freight Train will sie ungefähr zwölfjährig geschrieben haben, also gegen 1905. Auf Schallplatte debütierte sie 1957, ungefähr 65-jährig. Ihre autodidaktisch erfundene und zur Perfektion getriebene Zupftechnik hat sie 1987 mit ins Grab genommen.

Ich selbst bin nie weit auf Güterzügen gereist, hab aber beim Zugfahren von jeher Ohrwurm von Freight Train.

Written by Wolf

9. Juni 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Novecento

Nicht so übel scheint die Sonne

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Die Welt wird schöner mit jedem Tag,
Man weiß nicht, was noch werden mag,
Das Blühen will nicht enden.
Es blüht das fernste, tiefste Tal:
Nun, armes Herz, vergiß der Qual!
Nun muß sich alles, alles wenden.

Ludwig Uhland: Frühlingsglaube, 1812.

Bach-Kantate zum 1. Pfingsttag: Erschallet, ihr Lieder, erklinget, ihr Saiten!, BWV 172, Pfingstsonntag, 20. Mai 1714, Schlosskapelle Weimar:

——— Ludwig Uhland:

8. Frühlingslied des Rezensenten

aus: Ausgabe letzter Hand: Gedichte. Wohlfeile Ausgabe, 8. Auflage, Cotta, Stuttgart 1861,
i. e. 42. Gesamtauflage der erstmals 1815 erschienenen Sammlung, Frühlingslieder:

Frühling ist’s, ich laß es gelten,
Und mich freut’s, ich muß gestehen,
Daß man kann spazieren gehen,
Ohne just sich zu erkälten.

Störche kommen an und Schwalben,
Nicht zu frühe, nicht zu frühe!
Blühe nur, mein Bäumchen, blühe!
Meinethalben, meinethalben!

Ja! ich fühl ein wenig Wonne,
Denn die Lerche singt erträglich,
Philomele nicht alltäglich,
Nicht so übel scheint die Sonne.

Daß es keinen überrasche,
Mich im grünen Feld zu sehen!
Nicht verschmäh ich auszugehen,
Kleistens Frühling in der Tasche.

Pentecost, Jean II Restout, 1732

Bild: Jean Restout II der Jüngere: Pfingsten, 1732, Öl af Leinwand, 465 x 778 cm, Louvre, Paris.

Bonus Track: Mayer Hawthorne: Your Easy Lovin‘ Ain’t Pleasin‘ Nothin‘ aus: A Strange Arrangement, 2009. Das ohne hohen Anspruch, aber mit guter Laune komponierte Unterhaltungsstück leichter Machart vermittelt ein angemessen pfingstliches, neudeutsch gesagt, Bacardi-Feeling. Zugegeben erscheint die Vollbildfunktion bei dem Videoclip in One-Shot-Technik besonders lohnenswertd:

Written by Wolf

2. Juni 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Land & See

Vnd ist auff eim vnfruchtpern vnnd sandigen erdpoden erpawen

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Update zu Damit du siehst, wie leicht sich’s leben läßt:

Wer im Landkreis Nürnberger Land oder sonst im Mittelfränkischen aufgewachsen ist, kommt spätestens in der Grundschule nicht um Hans Sachs, Veit Stoß, Peter Henlein, Martin Behaim, Willibald Pirckheimer, gleich zwei Peter Vischers, das kleine Einmaleins der Lebküchnerei und schon gar nicht um die Schedelsche Weltchronik drumrum.

Dennoch war mir bis ins hohe Alter vor einem Jahr, als ich literarisch konnotierte Kneipen zusammengesucht hab, nicht bewusst, wie nah ich der Schedelschen Weltchronik eine ganze Kindheit lang war. Es ist kein Schulstoff, es ist in der Faksimile-Ausgabe im Taschen Verlag von 2001 dem Herausgeber Stephan Füssel keine Anmerkung wert, es ist keine zehn Meter Luftlinie daneben beim Mais kein Wirtshausgespräch. Da muss erst wieder ich kommen.

Herrensitze, Renzenhof 1894„Der Mais“ ist, solange ich denken kann und noch länger, die Gaststätte Zum Jägerheim in Renzenhof, Altdorfer Straße 1, Ecke Hartmann-Schedel-Straße. Das war die Stammkneipe meiner Kindheit: Dahin haben, solange ich mich nicht wehren konnte, meine Eltern mich mit Vorliebe an Sonntagen verschleppt, um Schäufele für drei Personen („Für mich auch eins!“) zu verdrücken. Mittwochs war Schlachtschüssel, die 2010 eingestellt wurde, deren Metzelsuppe aber seitdem jährlich nur noch legendärer wird. Bedient wurde vom Wirt Willy Mais persönlich und seinem Bruder „Doc“, der zwischendurch gern Zaubertricks mit Zwei-Mark-Stücken vorführte, für die man junge Mädchen begrabbeln darf. Ansonsten brachte er durch nicht ganz geistlose Ruppigkeiten den so genannten fränkischen Charme in den Betriebsablauf: „Tut mir an G’falln und sauft net so schnell“ oder „I bin net der Chef, i mach des bloß unter Protest.“ Aus dem gleichen Geiste heraus haben sich die Wirtsleute Mais anno 1995 in schlecht verhohlener Trägheit erdreistet, meiner Mutter keinen Tisch für sechs Personen für ihren 50. Geburtstag zu reservieren, obwohl wir ihnen seit Jahren am Rande der Legalität als Endverteiler das Mineralwasser vom Bundesbahn-Sozialwerk für den Gastbetrieb verkauft haben. Seitdem gehen meine Eltern da nicht mehr hin, und ich komm auch nicht grade jeden Tag dran vorbei. Dabei ist die Familie Mais immerhin bis heute entweder so traditionell oder schon wieder so avantgardistisch eingestellt, um auf eine eigene Internetpräsenz zu verzichten, und das selbst nach Geschäftsübernahme durch das Enkelchen des Hauses — Kerstin, mit der mich in der Schule außer der Teilnahme an einigen Nebenfächern in der Kollegstufe leider nicht viel verband — und die 2010 unter Drangabe der Schlachtschüssel ein Minimum an abendländischen Umgangsformen (und Getränkepreisen) ins Haus getragen haben soll.

Renzenhof selbst, für das „der Mais“ im Volksmund pars pro toto steht, „wurde erstmals 1362 in den Engelthaler Klosterurkunden als Siedlung erwähnt und bereits 1425 im Waldbuch Paul Stromers als Forsthube geführt. […] Am 1. Juli 1972 wurde der Ort mit der Gemeinde Haimendorf und ihren anderen Ortsteilen Rockenbrunn, Grüne Au und Moritzberg in die Stadt Röthenbach an der Pegnitz eingegliedert“ — soweit Wikipedia. Die lebhaften Eigentümerwechsel insbesondere des Herrenhauses gegenüber vom Mais sind für den interessierten Heimatkundler unter Herrensitze dokumentiert; die heutige zu erhaltende Substanz stammt in der Hauptsache aus der Renaissance, also um die Zeit der Schedel-Familie und der Fürer von Haimendorf.

Derzno, Ortseingang Renzenhof, 2012

Was nun weder meinen Eltern noch mir noch mit größter anzunehmender Wahrscheinlichkeit den Wirtsleuten bewusst war: dass vor 1493 im Nachbarhaus der Nürnberger Arzt, Humanist und Historiker Hartmann Schedel vermutlich große Teile seiner gleichnamigen Weltchronik geschrieben hat. Obwohl vereinzelt gestreut zu erfahren ist, dass „dort […] Hartmann Schedel seine Schedelsche Weltchronik geschrieben haben“ soll und der asphaltierte Feldweg zwischen dem Gasthof und dem Herrenhaus vielsagend Hartmann-Schedel-Straße heißt, ist das Herrenhaus im heutigen kollektiven Gedächtnis als „der spinnerte Renzenhofer Turm mit der Sonnenuhr“ verankert und wird seit etwa 1847 privat bewohnt.

Derzno, Renzenhof, Herrensitz, 2012Die aktuelle Entwicklung ist, dass seit 2015 die Frau Diplompsychologin Julia Knoke in dem Herrensitz eine Praxis für Psychotherapie betreibt. Das ist gut: Jetzt gibt es auf einmal nicht nur eine Kneipe, in der ich vorsprechen muss, sondern sogar eine Fachkraft für Depressionen, Angststörungen, Beratung, Coaching und sogar die unter Röthenbachern zweifellos bitter nachgefragte Traumatherpie, mit der ich was zu bequatschen hätte, zum Beispiel: Machen Bausubstanzen aus dem Mittelalter unter mutmaßlichem Denkmalschutz viel Ärger, so als gewerblich genutztes Wohneigentum? Und: Erfährt man wenigstens dann etwas von einer Schedelschen Schreibstube, wenn man das Objekt kauft? Und werden darin jetzt Traumata aufgearbeitet oder Reste der reichhaltigen Mahlzeiten vom Mais aufgewärmt?

Und auch sonst: Schedel hat nachweislich aus einer umfangreichen Bibliothek geschöpft, die sich nachmals auf die Stadtbibliothek Nürnberg und die Staatsbibliothek München aufgeteilt hat. Dazu zählen ältere, handschriftliche Chroniken, Flugblätter, medizinische bis kosmologische Fachliteratur, Boccaccio und Petrarca, Ptolemäus, Strabon, Pomponius Mela, der zeitgenössische Schatzbehalter seines geistlichen Kollegen Stephan Fridolin beim nachbarlichen Verlag Anton Koberger, die Peregrinatio in terram sanctam, der Fasciculus temporum und, erstaunlich genug: das Supplementum chronicarum, das erst 1492 zu Venedig erschienen war; der Produktionsvertrag der Illustratoren Wolgemut und Pleydenwurff mit den Verlegern Sebald Schreyer und Sebastian Kammermeister stammt erst vom 29. Dezember 1491, und in dem wurde Hartmann Schedel noch nicht einmal als Texter erwähnt.

Die Fragen sind also: Wie kam der Nürnberger Patrizier und Stadtphysicus ohne buchhändlerisches Liefersystem und Amazon Prime so schnell zu einem derart aktuellen Werk und konnte es neben so vielen anderen in einem solchen Tempo ohne Übersetzung lesen, verstehen und ausschöpfen? Wie kommen die Nürnberger Stadtbibse und die Münchner Stabi zu der Sammlung? Wer war wann warum und von wem befugt, mit einem Pferdewagen in Renzenhof anzurollen und Schedels Bibliothek aufzulösen? Was hat Schedel in seinen Arbeitspausen gemacht — konnte er schon schnell mal über die Straße „zum Mais“, der im übrigen erschütternd nachlässig dokumentiert ist, und was haben die damals für eine Brauerei geführt (Simon gibt’s erst seit 1875)? Musste er regelmäßig bei seinem Verleger — im Falle der Chronica nur Auftragsdrucker — Koberger in der Nürnberger Gasse unter der Veste 3, der heutigen Burgstraße, zu Guidance-Meetings vorsprechen, um wieder ein paar Milestones zu killen, seinerzeit in einfacher Richtung ungefähr eine Tagesreise? Konnte er von seinem dritten Stock aus bei klarem Wetter über den Nürnberger Reichswald hinweg die Nürnberger Burg anschauen oder hat er im Erdgeschoss geschrieben? Kamen die Grafikkollegen Wolgemut und Pleydenwurff oft zu Besuch, um am Layout zu arbeiten? Und ging es schon damit los, dass er seinen Text einkürzen musste, „weil die Leute Bilder sehen wollen“?

Frau Knoke wird also von Vorliegendem erfahren müssen. Wie günstig, dass sie als Freiberuflerin ja immer und überall ansprechbar sein sollte. Für alle, die zufällig nicht Julia Knoke heißen, sei nachfolgend die auf Frau Knokes Frühstücksplatz entstandene Schedelsche Weltchronik als das gewürdigt, was sie ist: die Mutter aller Nachschlagewerke, mit dem versammelten Weltwissen aller Orte und Zeiten einschließlich der Zukunft bis zum JJüngsten Gericht, deren Kunde 1493 bis in die Weltstadt Nürnberg gedrungen war — die Großmutter mithin, wenn schon nicht von Wikipedia, weil nicht jeder, der sie lesen konnte, automatisch daran mitschreiben durfte, so doch vom Brockhaus — und als vogelwilde Achterbahn aus Halbwissen und Aberglauben, bei der man abwechselnd von einem Erstaunen ins nächste fällt, wie viel und wie wenig sich sich seit 1493 geändert hat. Bei weitem nicht der erste noch der einzige Versuch einer Weltchronik seit der mittelhochdeutschen Zeit, aber einzigartig als Versuch, in humanistischer Weise Naturerkenntnis, christliche Religion und Philosophie zu vermitteln — und wertvoll für ihre umfassenden, detailgenauen Abbildungen von Städten, die allerdings keinem modernen Verständnis von Realitätsnähe entsprechen.

Zur zeitlichen Einordnung regierte um die erste urkundliche Erwähnung des Renzenhofer Herrensitzes gerade der 2016er Jubilar Karl IV. seit 1355 als Kaiser. Die Jahreszahl der Chronica 1493 bedeutet auch: gegen Ende der ersten Reise von Kolumbus — also genau an der Zeitenwende zur Neuzeit, als die Erde aus direkter Anschauung und Erfahrung eine Kugel geworden war — siehe auch: Martin Behaims Erdapfel, Nürnberg 1492 — und sich die Ausläufer des Spätmittelalters nach jeder möglichen Definition in einer Vor-Zeit verloren.

Da sieht man wieder, wovon Kultur abhängt. Wenigstens sind die Knokes gewohnt, Verrückte ins Haus zu lassen.

Praxis für Psychotherapie, Dipl. Psych. Julia Knoke, Psychologische Psychotherapeutin, Psychoanalytikerin, 2015

Ich bringe daher nachfolgend ungekürzt die Urgroßmutter aller Lexikoneinträge über Nürnberg. Die Taschen-Ausgabe liegt mir vor: Über Renzenhof, soweit ich sie überblicke, schweigt sich die Chronik aus.

Von der Nürnberger Chronik, internationaler Nuremberg Chronicle, wie sie überall außer in Deutschland gängiger heißt, wurde eine deutsche Ausgabe für den heimischen und eine lateinische für den gesamteuropäischen Markt gefertigt. Die Versionen sind nicht deckungsgleich übersetzt, die Artikel über Nürnberg bringen wegen der unmittelbaren Ortsnähe der Gestalter aber jeweils das gesamte Wissen, das nur aufzutreiben war. Dazu wurde es nicht zwingend aus der vorfindbaren Wirklichkeit oder von zuverlässigen Autoritäten übernommen, sondern stellenweise frei erfunden: Etwa die Etymologie des Ortsnamens aus „Neroberg“ kann nur dem Nachweis des ehrwürdigen Alters der Stadt aus römischer Zeit (erste urkundliche Erwähnung: A.D. 1050) und damit ihrem Prestige dienen: ein frühes Beispiel für Stadtmarketing. Dafür ist die bildliche Nürnberger Darstellung von Michael Wolgemut auf einer ganzen Doppelseite vermutlich nach dem Augenschein gefertigt, also die verlässlichste Abbildung einer Stadt aus dem ganzen Zeitraum (heute wird sie nur für die richtig teuren Gold-Elisen-Lebkuchendosen verwendet). Der Text nimmt die ganze folgende Doppelseite ein, womit Nürnberg am ausführlichsten in der ganzen Chronica behandelt wird.

——— Hartmann Schedel:

Register Des buchs der Croniken und geschichten –
mit figuren und pildnüssen
von anbeginn der welt bis auf dise unnsere Zeit

Das sechst alter der werlt

Verlag Anton Koberger, Nürnberg 1493, Blat C verso, Blat CI recto:

Schedelsche Weltchronik, Nvremberga, 1493

Nurmberg ist in gantzem teütschen land vnd auch bey eüßern völckern ein fastnamhaftige vnd weyt besuchte stat. Ein berümbts gewerbhaws teüscher land. vnd mit schönen gemaynen vnd sundern gepewen gezieret. Ein konigliche fast alte burg fürscheint ob eim berg vber die statt auff. daruon ist ein gesichte in die statt vnd darauß. Ettlich maynen das der statt ir namen von derselben burg entsprungen sey. So sprechen ettlich. das sie von Tiberio nerone dem kayser nach Resgenspurg gepawet. oder von Druso nerone seinem bruder (der die teütschen bestritten hat) Neroberg genant worden sey. dann Tiberius der keyser zohe sein vaterlichs geslecht von Tiberio nerone. Derselb het (als Swetonius tranquillus schreibt) Liuiam Drusillam also schwangere. vnd doch auch dauor bey ime eins suns genesen. dem Octauiano auff sein begeren ergeben. vnd starb vnlang darnach. vnd ließ hinder ime die zwen sün Tiberium vnd Drusum nach ime Nerones zugenambt. dann Nero bedeüt nach sabinischen gezüng souil als starck oder gestreng. Nachfolgend hat der Tiberius Burgundien vnd Franckreich. die von einlawffung des barbarischen volcks. vnd auß zwittracht der fürsten vnruoesam waren geregiert. vnd darnach die krieg amm öberen kies. amm Lechfeld. an der Thonaw vnd in theütschen landen nacheindander gefürt. vnd in den selben kriegen die Algewer vnd auch die Dalmacier ernidergelegt vnd sunderlich in dem teuetschen krieg bey xlm. ergebener menschen in Galliam gefuert vnd sie bey dem gestadt des Rheins in wonung vnd bleibung nidergesetzt. darumb zohe er mit zierlichen sygzaichen nach Römischem sytten geschmücket frölich gein Rome. Aber sein glori vnd machtigkeit wardt darnach mer vnd mer erweytert. da er dz gantz kriechenland das innerhalb welschs lands vnd dem Norkewischen [?] reich vnd traciam vnd Macedoniam vnd zwischen der Thonaw vnd dem Adriatischen meer ligt zu gehorsam vnnd ergebung gebracht het. Diser Claudius tiberius nero (als Eutropius setzt) was ein kluog man in den wafen vnd glückhaftig genuog vor seiner angenomner herrschung. vnd schaffet das die stett mit seinem namen genent werden solten. Aber die allereltisten bücher der geschihtbeschreiber haißen dise burg ein norckewisch geschloß. dann auff das die Römer den feynden die sich nach dem gepirg enthielten ir vberziehung weeren möchten so paweten sie an den bergen des Norckaws vnd in vil gegenten teützsch lannds bürg vnd geschlösser. also hat auch dise statt ein einige höh darauff dise alte burg zu huot der statt gepawen ist. Vnd wiewol (als der hohberümbt babst Pius der ander von diser statt schreibt) ein zweifel ist ob sie des Frenckischen oder Bayrischen lands sey. so zaigt doch ir namen an das sie zum Bayer land gehöre. so sie doch Nörmberg. gleich als Norckaws berg geheißen wirdt. dann die art oder gegent zwischen der Thonaw vnnd Nörmberg gelegen heißt das Norckaw. Dise statt ligt aber in dem Bambergischen bisthumb das zu Francken gehört. doch wöllen die Nürmberger weder Bayern noch Francken aber ein drittes besunders geslecht sein. Dise statt wirdt durch ein fliessends wasser die Pegnitz genannt enmitten getaylt in zwu stett. so kombt man von einer in die andern auff vil schönen staynin prugken vber dasselb wasser auffgerichtet. vnd ist auff eim vnfruchtpern vnnd sandigen erdpoden erpawen. vnd auß diser vrsach alda ein arbeitsams emsigs volck. dann alle die. des gemaynen volcks sind entweders fastsinnreich wercklewt. erfinder vnd maister mancherlay wunderwirdiger subtiler arbait vnd kunst zum geprauch menschlicher notdurft vnd zierde dienstlich. oder aber gar anschlagig kaflewt vnnd gewerb treyber. Vnd wiewol auch dise statt von ettlichen für new geachtet wirdt darumb das in den schrifften der alten wenig dauon geschriben gefunden werde. vnnd auch keynerlay fuoßstapffen oder anzaigung des alters darin erscheynen dann allain die vorbemelt alte burg vnd ettliche hewser. des sich doch nymant verwundern soll. denn auch von vil andern treffenlichen stetten nit allain teütscher sunder Auch Welscher vnd andrer land. vnnd sunderlich von der in aller werlt berümbtisten statt Rom irs vrsprungs. alters vnd stiffters mancherlay zweifellicher wone vnd vermuotung vnder den geschihtschreibern erscheinen. yedoch so ist wissentlich das dise statt zu der zeit des großen kayser Karls in plüendem wesen gestanden ist. dann nach dem derselb Karolus ein konig zu Franckreich die kyrchen vnd auch das römisch reich auffen vnd meren wolt vnd die Sachsen gezamet vnd die Britannier vnd Gallier zu ime in pündnus gebracht. vnd auch mit Tassilone dem hertzogen zu Bayern auß volg babst Adriani friden auffgenomen het. vnd aber derselb Tassilo nach beschehner fordrung weder selbs komen noch auch die außgeding versprochen layst bürgen schicken wolt. do name Karolus wider denselben Tassilonem einen krieg für. vnd füret die heer in Bayern taylende das volck auff drey ort vnd verordnet die österreicher thüring vnnd sachssen sich bey der Thonaw zelegeren. so blib Pipinus sein sun mit dem welschen heer zu Trient. Aber karolus hielte sein wartt mit dem dritten teil des heers zu Nürmberg vnd in den nahenden enden daselbst vmb vnd pawet in form vnd gestalt seins gezeltes bey Nürmberg ein kirchlein das nachfolgend durch babst Leo den dritten. der dem benannten Karolo gein Padeporren in Sachssen nach zohe. auff dem widerweg gein Rom in sannt Katherinen der iunckfrawen vnd martrerin ere geweiht worden ist vnd yetzo zu dem alten fürt genant wirdt. Ettlich sagen das dise statt ettwen vnder des edeln herren Albrechts grafen zu Francken gewalt gewesen vnd nach absterben desselben grafen (der auß veruntreüung hattonis des bischoffs zu Maintz von kayser Ludwigen vmbracht wardt) an das Römisch reich gelangt sey. Nach dem aber dise statt an das Römisch reich komen ist so ist sie seydher mit hoher trew vnd bestendigkeit dem Römischen reich vnuerwenckt angehangen. vnd hat den römischen konigen alweg hohbestendigen glawben vnnd trew gelaystet. vnd darumb auch in zwitrachtigkeit der Römischen kayser schwere bedrangknus vnd schaden erlidden. vnd sunderlich dieweil keyser heinrich der vierd regiret. vnnd ine konig heinrich sein sun auß götlicher rachsale (als man maynet) mit krieg verfolget. Als nw die Nürmberger ir trew an seinem vater hielten do wardt die statt Nürmberg durch den sun mit hilff der seinen belegert vnd gewunnen. als dann die glawbwirdigen geschihtbeschreiber Otto frisingensis vnd Gotfridus viterbiensis beschreiben Derselb konig Heinrich zohe gein Wurtzburg vnd setzet bischoff Erlongum ab vnd Robertum ein. darnach ließe er die Sachsen haym ziehen vnd eroberte mit den Bayern das Norckawisch schloss zu Nuemberg. als er das zwen monat oder mer belegeret het do zohe er gein Regenspurg in die hawbtstat des Norckawischen hertzogthumbs den volget der vater alßpald nach. vertribe den bischoff Robertum vnd setzet Erlongum wider ein. do zohe er fürter vnnd veriaget mit hilff der von Regenspurg den sun auß der statt vnd setzet daselbst bischoff Ulrichen ein. vnd zerstöret durch die Beheim die Marckh Theobaldi. Konig Conrad der Schwab. der nach absterben Lotharij zu römischem konig erclert wardt. vnd auß rat sant Bernharts einen heerzug wider die vnglawbigen fürname hat dise statt wider auffgerichtet vnd ein löblich closter vnd abtey sant Benedicten ordens zu sant Egidien genant an eim gelegnern enden der statt gestiftet. vnd ist auch die statt durch nachfolgend hilff stewr vnnd begnadung desselben konig Conrats vnd anderer römischen kaiser vnd konig zu auffung komen. Aber nit ist zeglawben das sie vomm anfang irer widerauffrichtung solcher zierde vnnd weyte gewesen sey. sunder sie ist zu den zeitten Karls des vierden römischen keysers vnd konigs zu Beheym mit weiterm vmbkrais eingefangen vnd mit newen zinnen vnd mit eim weytten vnd tieffen gerigs vmb die stat gefürten graben. vnd mit iijc. lxv. thürnen. ergkern vnd vorwern an den zwayen innern mawrn gemeret vnd mit fast weiten vnd festen inwonungen gezieret vnd schier in den mittel teütschs lands gelegen. vnd die burgere daselbst haben auß vnderrichtung keiserlicher gesetze eins ratspflegnus vnd burgermaisterliche ordnung von der gemaynd vnderschiden. dann die burgere des herkomens von alten erbern geslechten daselbst pflegen gemayner statt sachen. so wartet die gemaind irer henndel. In diser statt sind vil weyte vnd wolgezierde gotzhewßer. auch zwu pfarr. sant Sebalds vnd sand Laurentzen kirchen. vnd der petlörden vier wolerpawte clöster die die burger in mancherlay zeiten aufgerichtet haben. Die geistlichen iunckfrawen haben daselbst zway clöster Eins zu sant Katherein. das ander zu sant Clara genant. So haben die teütschen herren ein große weitte der statt innen. Da ist auch ein Cartheüser closter an großtatigkeit des gepews fast weit vnd schön. Auch ein konigclicher wolgezierter sal der allerhailigsten iunckfrawen Marie amm marck mitsambt einem aller schönsten prunnen. Dise statt frewet sich nicht wenig irs konigclichen patrons sant Sebalds der in seinem leben vnd mit wunderwerken also erleüchtet gewest ist das er auch dise statt erleüchtet hat. Sie frewet sich auch der keyserlichen zaichen. als des mantels. schwerter. scepters. der öpffel vnd kron des großen keyser Karls die die zu nümberg bey ine haben. vnd die in der krönung eins römischen konigs von der heiligkeit vnnd alters wegen einen glawben geben. so wirdt auch dise statt sunderlich hohgezieret mit dem vnerschetzlichen vnd götlichsten sper. das die seyten Jhesu cristi am creütz geoffent hat. Auch mit einem mercklichen stuck des creützs vnd anderen in der gantzen werlt zewirdigen heilthumen. die ierlich zu österlicher zeit offentlich daselbst mit großer solennitet vnd zierlichkeit gezaigt werden.

Der heilligen streyttenden kirchen grundfestungen darauff sich das gantz zimmer diss gepews vertrawenlich steüert sind die heiligen apostel. dann got hat dieselben als erste opffer zu hail aller völcker erwelet. Dise sind die grundseüln oder pfeyler der kirchen auff der grundfeste (on die nymant einiche andere grundfest setzen mag) die do ist Cristus Jhesus mit dem höhsten egkstayn befestigt. das die warheit die vormals in dem preyse des gesetzs vnd der propheten schwebet. durch die apostolischen pusawmen zu hail aller werlt außgienge. dann es ist geschriben. In alles ertrich ist außgegangen ir stymm. wann von inen ist die kierch entsprossen vnnd bis zum ende der werlt mit dem wort der verkündung außgestreckt. Sie haben dise kirchen mit lere. mit wunderzaichen. mit ebenpilden vnd mit pluotuergissen gepflantzt. darumb werden sie billich veter. stifter. pawere ordner. hirten. bischoff vnd wegmacher der gemaynen kirchen genant. Aber das sacrament diser gabe hat der herr also zu dem ambt aller apostel wöllen gehören. das er es in dem seligsten Petro aller apostel dem höhsten setzet. das er von ime als einen hawbt mit seiner gabe als in allen leib ergüsse. das sich der. der götlichen heymlichen verborgenheit entsetzet verstünde der von der festigkeit Petri abweichen getörste. dann der herr hatt ine in die mit verwandtschaft der vnteylpern einigkeit also genomen. das er ine das. das er selbs was nennet sprechende. Du bist Petrus vnd auff disen felsen wirdt ich pawen mein kirchen. das der paw des ewigen tempels in wunderperlicher begabung mit der gnaden gottes auff der festigkeit Petri stünde. vnd er hat dise kirchen mit seiner bekreftigung also gestercket das menschliche vermessenheit vnd frefel sie nit erraichen noch auch die hellischen pforten wider sie gesygen möchten.

Pilter: G. v. Volckamer: Das Herrenhaus und die Ökonomiegebäude von Südosten, um 1894
via Burgen und Herrensitze in der Nürnberger Landschaft;
Derzno: Renzenhof, Herrensitz, 28. Juli 2012;
Derzno: Renzenhof, Ortseingang, 28. Juli 2012. Zur linken hinter dem Baum in sommerlicher Pracht der besagte Herrensitz, rechts daneben über die Hartmann-Schedel-Straße der zugeparkte und gut besuchte Biergarten Zum Jägerheim, weil der 28. Juli 2012 ein Samstag war;
Praxis für Psychotherapie Julia Knoke, ca. 2015;
Michael Wolgemut und Wilhelm Pleydenwurff für Hartmann Schedel: Register Des buchs der Croniken und geschichten – mit figuren und pildnüssen von anbeginn der welt bis auf dise unnsere Zeit. Das sechst alter der werlt, Verlag Anton Koberger, Nürnberg 1493, Blat 99 verso und 100 recto.

Röthenbach-Feature: Manfred Eder: Röthenbach an der Pegnitz, 17. Februar 2016:

Bonus Track aus Nvremberg zur Erholung:
Carson Sage and the Black Riders (erloschen, neuerdings Secret Song Service):
Garten Mother’s Lullabye, aus: Final Kitchen Blowout, 1993:

Written by Wolf

16. Februar 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Renaissance

Schnabel–Tieck–Schmidt: Reise in die Wirklichkeit: Im vorliegenden Fall ist es um 1 entscheidende Spur unheimlicher

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Update zu Hastig die ärmlichen Verse
und Der Fluch des Albatros:

Tristan da Cunha, NASA Karte der Insel Felsenburg

Ohne Arno Schmidt wäre die Insel Felsenburg von Johann Gottfried Schnabel 1731 ein obskurer Abenteuerroman geblieben. Was Insel Felsenburg statt dessen mit Arno Schmidt ist? Weiterhin ein obskurer Abenteuerroman — aber außer einer in die Relevanz erhobenen Utopie auch noch ein unerklärlich genaues Abbild der äußeren Wirklichkeit.

Die äußere Wirklichkeit besteht in einem ihrer unzugänglichsten, abgelegensten Ausschnitte: Tristan da Cunha. Das erfahren wir aus Schmidts dialogförmigem Radio-Essay Herrn Schnabels Spur. Vom Gesetz der Tristaniten, gesendet am 14. Dezember 1956, zuerst gedruckt 1958, heute am besten erreichbar in der Bargfelder Ausgabe, Werkgruppe II, Band 1 auf Seite 235 bis 264.

Tristan da Cunha, Kirchturmspitze mit Wetterwal

Wie tief Schmidt dort bohrt, dass einen nach den bisherigen sechzig Jahren noch wundern muss, wie da eine literaturhistorische und gleichzeitig geographische Revolution ausbleiben konnte, das kriegen wir noch, versprochen. Vorerst schauen wir nach, wie Schnabels Insel Felsenburg auf uns gekommen ist.

Die kurze Reihe geht über Ludwig Tieck, einen der ganz wenigen erklärten Hauptlieblinge von Arno Schmidt. Tieck hat den Roman nämlich einmal neu herausgegeben, woruch er Schmidt auffallen konnte. Zu seiner Zeit war Insel Felsenburg offenbar einer der paar Bestseller, die wegen großer Frömmigkeit und leicht verdaulicher Handlung in besonders vielen deutschen Haushalten das einzige Buch neben der Bibel sein durften. Vergessen wurde es wahrscheinlich wegen seines enormen Umfangs — die ungekürzte Neuausgabe von 1997 zählt in Neusatz 2686 Seiten — und seiner sperrigen Überschrift, die sich kaum süffig abkürzen lässt („Wunderliche Fata einiger See-Fahrer“?):

Tristan da Cunha, Hinterglasbild MadonnaWunderliche Fata einiger See-Fahrer, absonderlich Alberti Julii, eines gebohrnen Sachsens, Welcher in seinem 18den Jahre zu Schiffe gegangen, durch Schiff-Bruch selb 4te an eine grausame Klippe geworffen worden, nach deren Übersteigung das schönste Land entdeckt, sich daselbst mit seiner Gefährtin verheyrathet, aus solcher Ehe eine Familie mit mehr als 300 Seelen erzeuget, das Land vortrefflich angebauet, durch besondere Zufälle erstaunens-würdige Schätze gesammlet, seine in Teutschland ausgekundschafften Freunde glücklich gemacht, am Ende des 1728sten Jahres, als in seinem Hunderten Jahre, annoch frisch und gesund gelebt, und vermuthlich noch zu dato lebt, entworffen Von dessen Bruders-Sohnes-Sohnes-Sohne, Mons. Eberhard Julio, Curieusen Lesern aber zum vermuthlichen Gemüths-Vergnügen ausgefertiget, auch par Commission dem Drucke übergeben Von Gisandern. Nordhausen. Bey Johann Heinrich Groß, Buchhändlern. Anno 1731.

Ludwig Tieck, der nicht nur vom Erdichten eigener Fiktionen lebte, sondern auch vom Übersetzen und Verlegen, richtete den verblassenden Kometen vor dem Verschwinden noch einmal neu ein. Nach Arno Schmidt ist ihm das ungewohnt schlecht gelungen:

Bestenfalls taucht, wie schon gesagt, antiquarisch, und auch das schon sehr selten, noch eine von Ludwig Tieck bevorwortete Redaktion auf, die auf 2.000 Kleinoktavseiten etwa Dreiviertel des Originals bietet. Allerdings hat Tieck, was bei seinem sonst superfeinen Gefühl für Stil und Sprache merkwürdigst überrascht, damit leider eine den Ton und Geist der Urschrift böse verwischende Überarbeitung eines Ungenannten nicht nur passieren lassen, sondern sanktioniert — zur Strafe werden wir sie im Folgenden die ‚Tieck’sche Redaktion‘ nennen !

Tristan da Cunha, Kirchenraum

Das konnte geschehen, weil Tieck, wie schon Schnabel im ganzen zweiten bis vierten Theil der uferlosen Vorlage, „nur wegen des Honorars“ so eine lieb- und verständnislose Redaktion daraus gemacht hat. Zum Kauf und Studium empfohlen wird deshalb ausnahmsweise nichts, was der verlässliche Tieck angefertigt hat, schon gar nicht, wenn es „nur“ oder — immerhin — drei Viertel eines epischen Monstrums bietet, auch nicht das heute am besten erreichbare Reclam-„Heft“ in der Redaktion von Volker Meid und Ingeborg Springer-Strand mit etwa 40 % des Gesamttextes auf 607 Seiten, sondern das verlegerische Husarenstück von Zweitausendeins 1996 in seiner Reihe „Haidnische Alterthümer. Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts“: Der Text ist in zwei knuffigen Kleinoktavbänden zu 100 % vorhanden, ein dritter Band bietet Anmerkungen, Forschungsberichte, Konkordanzen, Emendationen und was einer sich nur wünschen mag; das Nachwort ist ein ausgewachsener Bücherkrimi.

Es fehlen eigentlich nur der Radiodialog von Arno Schmidt, für den man sich an die zweite Bargfelder Kassette wenden mag, die in jeden Haushalt gehört, und das dort erwähnte Vorwort von Ludwig Tieck, das wiederum in der Reclam-Augabe steht. Und hier unten.

Das Bildmaterial stammt aus den National Archives UK 1927, weil Tristan da Cunha heute „der englischen Krone“ untersteht, und vom Inselreisenden Brian Gratwicke März 2012, um noch einmal auf den Punkt zu bringen, was selbst der unbestechliche Schreibtischentdecker Schmidt an mehr als nur ausreichenden Fakten nachgewiesen, aber kaum angemessen herausgestellt hat („Im vorliegenden Fall ist es um 1 entscheidende Spur unheimlicher !“):

Was Johann Gottfried Schnabel da 1731 veröffentlicht hat, ist kein vorgeblicher Einbruch der Realität in die Fiktion, wie ihn jeder begabtere Krimiheftchenschreiber beherrscht, es ist der Einbruch der Fiktion in die Realität. In diesem Ausmaß auf ein ganzes Staatswesen ist das ein einzigartiger Vorgang. Das hätte nie passieren dürfen, weil es — eigentlich — nicht passieren kann.

Tristan da Cunha, Albatross Bar

——— Ludwig Tieck:

XII. Kritik und deutsches Bücherwesen. Ein Gespräch
(Einleitung zu: „Die Insel Felsenburg etc.“)

in: Kritische Schriften, Band 2, Seite 133 bis 170, 1828:

Tristan da Cunha, Prince Philip Hall

Ein Freund, mit dem ich in den wichtigsten Sachen einig bin, und eben deshalb oft von seiner Meinung dennoch abweiche, trat herein und rief, indem er die Ueberschrift sah: Wie? auch dieses alte Buch „die Insel Felsenburg“ soll neu gedruckt werden? ist denn noch nicht der schlechten Leserei sogenannter Romane genug? Diese alte Robinsonade, diese weitläusige, umständliche Geschichte, die schon bei unsern Eltern sprichwörtlich ein schlechtes Buch bedeutete, soll wieder in einem neuen Gewande, welches das Flickwerk nur schlecht verbergen wird, auftreten? Und Sie haben nichts Besseres zu thun, als zu einer so vergessenen oder berüchtigten Waare eine Vorrede und Einleitung zu schreiben?

Ich habe es dem Verleger, meinem Freunde, versprochen, der mich darum ersuchte; antwortete ich, ohne jene Verlegenheit in der Miene, die der zürnende Freund wahrscheinlich erwartete.

Tristan da Cunha, The National Archives UKUnd doch, fuhr jener fort, sind wir Beide längst darüber einig und haben es oft gemeinsam beklagt, daß diese Flut unnützer Bücher immer mehr anschwillt, daß auch die geringere Menschenklasse, Dienstboten und Bauern in so vielen Gegenden, Kinder und Unmündige, Mädchen und Weiber, immer mehr und mehr in diesen verschlingenden Wirbel hineingezogen werden: daß das Bedürfniß, die Zeit auf diese Weise zu verderben, immer mächtiger wird, und daß auf diesem Wege Charakter, Gesinnung, Empsindung und Verstand, die besten Kräfte des Menschen, vorzüglich aber jene Frische der Unschuld, ohne welche der Begabte selbst nur ohnmächtig erscheint, nothwendig zu Grunde gehen müssen. — Oder halten Sie denn etwa diese weitschichtige Felsenburgische Chronik für so vortrefflich, daß ihre Erneuung nothwendig und ein literarisches Verdienst wird? Ihre Vorliebe für das Alterthümliche und Unreife ist mir zwar bekannt, aber diese Bücher, in die ich nur flüchtige Blicke geworfen habe, werden Sie doch gewiß nicht jenen Heldenliedern, oder Liebesdichtern des Mittelalters, oder den wenigen originellen Ersindungen beizählen wollen, die unsere Vorfahren, mit weniger Zärtlichkeit begabt, als die frühere Zeit, so hoch hielten?

Der Fragen, sagte ich, sind zu viele, um sie schnell zu beantworten, da überdies in jeder dieser Fragen wieder andere neue enthalten sind.

Freund. Erörtern Sie, welche Sie wollen, wenn Sie mir die Antwort nur nicht überall schuldig bleiben. Ist wol jemals so viel gelesen worden, als heutzutage? Ist je so viel Unnützes, Geschmackloses geschrieben?

Kann sein.

Fr. Soll dies nicht die Menschen von besserer Beschäftigung abhalten?

Möglich; haben Sie doch auch manches unnütze Buch gelesen, von mir zu schweigen, der ich weniger gewissenhaft bin, als Sie.

Fr. Eifern Sie nicht aber selbst genug gegen das Schlechte und Mittelmäßige?

Vielleicht zu viel, weil es unnütz ist, immer den höchsten Maßstab anzulegen. Wer seine Familie heutzutage nur von einem Titian will malen lassen, wird sein Geld in der Tasche und seine Leinwand ungefärbt behalten.

Fr. Sie sind heute wieder vom Geist des Widerspruchs beseelt, und freilich, wenn man durchaus Recht behalten will, so kann einem dies Vergnügen nicht entgehen.

Aber warum so ungeduldig? Ist es denn Unrecht, selbst wenn ich mit Ihnen in der Hauptsache einverstanden wäre, auch von andern Seiten den Gegenstand zu betrachten? Wie in einem Prozesse auch die Umstände hervorzuheben, welche die Anklage mildern, den angeklagten Theil wenn auch nicht rechtfertigen, oder frei sprechen, doch entschuldigen könnten? Mich dünkt, dann erst wären wir ganz und unparteiisch des Gegenstandes Meister.

Fr. Ist das auch bei einer Sache nothig, die längst abgeurtheilt, wo die Akten schon seit Iahren geschlossen sind?

Zuweilen hat sich auch in entschiedenen Prozessen ein Jrrthum versteckt, der den Forschenden wol schon sonst veranlaßt hat, die längst ausgemachte Sache vor ein neues Urtheil und eine neue Untersuchung zu citiren.

Fr. Meinethalben. So will ich Ihnen auch glauben, daß Griechen und Römer, so wie die kräftigen Menschen des Mittelalters, so viel gelesen haben, als wir, ob sie gleich die Presse noch nicht erfunden hatten; so will ich ebenfalls zugestehen, daß es nicht möglich sei, daß ein Volk durch diesen lesenden Müssiggang sich schwächen und am Ende ganz verderben könne; ich will glauben, daß das Lesen unbedingt etwas Heilsames und diese Romanliteratur vortrefflich sei, und ich beklage nur, daß ich meinen Irrthum und Widerwillen größtentheils aus Ihren Gesprächen geschöpft habe.

Warum so heftig? Können Sie sich denn mit der Meinung vertragen, daß irgend etwas Großes in der Geschichte aus einer einzigen Ursach hervorgegangen sei? Ist eben nicht das nur eine wahre Begebenheit, ein wirkliches Schicksal, was an tausend sichtbaren und unsichtbaren Fäden hängt und Vorzeit und Gegenwart verknüpft? Waren Gelehrsamkeit, Bildung und Theologie, bei den spätern Byzantinern mit der traurigsten Scholastik, Disputirsucht und der schlechtesten Sophistik vermählt, auch bis zum Abgeschmackten und Nichtigen herabgesunken: so hat doch diese Entartung der geistigen Kräfte gewiß nicht das Kaiserthum gestürzt. Grund und Boden muß schon längst untergraben sein, wenn das Vaterland, so wie damals, verloren gehen kann, und jene geistlose Gelehrsamkeit kann alsdann wol als ein Symptom der Krankheit, nicht aber für die Krankheit selber gelten. Sollte Athen wol an seinen Komödien oder dem Ueberflusse seiner Bildsäulen sich vernicktet haben? Eben so wenig als eine Anzahl von Schriftstellern die französische Revolution hervorbringen konnte. Wie Ursach und Wirkung sich gegenseitig bedingen und im Verlauf der Begebenheit ihre Stelle wechseln, wie ein Ding des andern Spiegel wird, und der Weise oder Geschichtforscher mit Kennerblick auch im Fuß die Figur der Pallas erräth und entziffert, ist freilich eine andere Frage und Untersuchung.

Fr. Um uns nicht zu weit von unsern Romanen zu verschlagen, — ist es denn nicht eine Seelenkrankheit, die unser Zeitalter charakterisirt, eine Art von Blödsinn oder Geistesschwäche, ein Bedürfniß in sich zu erzeugen und zu nähren, das die Menge zu Büchern und Zeitschriften treibt, die so unverhohlen schlecht sind, daß viele der Genießer ihre Erbärmlichkeit kennen, und so im Zusammenstoß der Naivetät mit der Naivetät der Beschauer draußen ein fast rührendes Schauspiel genießen kann, wenn er sich nicht daran ärgern will?

Manchmal sich ärgern, zuweilen gerührt sein, dann wieder lachen, und es größtentheils ganz vergessen und selber nicht mitlesen, ist wol das Beste. — Uebrigens meine ich doch, die Zeiten sind mehr in Rücksicht der Bedürfnisse der Menschen, als in Ansehung der Menschen selbst wesentlich verschieden, und wenn nur die großen Verhältnisse der Regierung und Verfassung dem Richtigen nahe bleiben, so gleichen sich, nach längeren oder kürzeren Schwankungen, die geringeren von selbst wieder aus, und man darf von diesen weder zu viel Heil, noch zu schädliches Unheil erwarten. Gelesen ward immer, Gutes und Schlechtes. Und welches von beiden sollen wir schlecht oder gut nennen? Erleben wir nicht oft, daß das beste Buch unter den Augen des Lesenden ein schlechtes wird, weil es dessen körperlichen Augen an den geistigen fehlt? Ganze Zeitalter und Nationen dürften nur aufrichtig sein, um den Homer und Sophokles den elendesten Scribenten beizugesellen. Es ist auch mehr oder minder schon öffentlich geschehen. Gibt es nicht noch Menschen, die sich Geist zuschreiben, welche die Nibelungen nicht begreifen und verwerfen? Wie lange blieb Hamann unverstanden? Ist nicht zu unseren Zeiten Calderon gewissermaßen wie eine verlorene Insel neu entdeckt worden? Und haben Sie es nicht erlebt, daß in der Einsamkeit des Landes, oder auf der Reise, im Gebirge, Ihnen ein zufällig gefundenes Buch, selbst wenn es nicht zu den besseren gehörte, ungemein tröstlich und lehrreich werden konnte? Eben so in verwirrten, zu lebendigen Gesellschaften, wo, wenn alles geistreich, scharfsinnig, vielseitig, höchst gebildet, durch und aneinander rennt, und unbeantwortete Fragen sich kreuzen, und Urtheile sich übereilen, und neue Ansichten hundert verwirrende Perspective bilden: wie gern nimmt man auch dort den trivialen Mann in ein ruhigeres Fenster, und erbaut sich an seinen mäßigen Gedanken wie an tiefer Weisheit! Dürfte man irgend ein Buch in diesem Chaos aufschlagen und lesen, so würde uns fast jedes ein Sirach dünken.

Fr. Ietzt sind wir in das Gebiet der Sophismen gerathen. Denn so gibt es freilich weder gute noch schlechte Bücher, und die Auslegung ist älter wie der Text.

Wie immer; und wie kann es anders sein, da jeder Text nur die Bestätigung einer früheren Auslegung wird? Woher käme er sonst? Erst, wenn er anfängt mißverstanden zu werden, kommt ihm eine spätere Ausdeutung zu Hülfe.

Fr. In dieser scheinbaren Antwort liegen mehr Fragen, als in meinen ersten, mit welchen ich Sie bestürmte. Lassen wir dergleichen Räthselspiele und bleiben wir bei unserer eigentlichen Aufgabe stehen, die, beim besten Willen, vielleicht keinen sonderlichen Tiefsinn zulassen dürfte.

Sprechen wir also mit Leichtsinn. Wenn wir den rechten antreffen, dürfte er von seinem ernstblickenden Bruder nicht so gar weit entfernt wohnen.

Fr. Sie äußerten, es wäre immer viel gelesen worden. Auch zu jenen Zeiten, als die süßen Legenden von Tristan, die heitern von Gawain und Iwain, oder die tiefsinnigen von Titurel die damals gebildete Welt bewegten und entzückten?

Wenn das Volk selbst, so wie der Bauer und die Knechte, nicht gerade viel lasen, so hörten sie doch oft die großen Sagen von Siegfried und Dietrich, von Bänkelsängern auf Iahrmärkten und Kirmsen, in den Winterstuben und bei ihren fröhlichen Gelagen absingen. Zum Lesen, auch wenn sie die Buchstaben gekannt hätten, hatten sie freilich die Zeit nicht. Denn jedem Iahrhunderte und Menschenalter ist seine Zeit auf eine, ihm eigenthümliche Weise zugemessen, und wenn jene früheren Menschen also nicht ihre Zeit im Sinn der gegenwärtigen verdarben, so möchte ich ihnen das nicht zum Verdienst anrechnen.

Fr. Und warum nicht? Und warum fehlte ihnen Zeit zum Lesen, selbst wenn es so viele gekonnt hätten, wie in unserm Iahrhundert?

Weil sie zum Leben selbst mehr brauchten. Und so wie es Zeiten gab, wo man sich ohne Geld behalf, waren Buch und Lesen damals nicht so, wie jetzt, ein Zeichen für das Leben, eine Quelle des Unterrichts, eine Anregung aller Kräfte, der religiösen so gut wie der heiteren, wie in unsern Tagen. In einer belagerten Stadt, wo man jede Minute Sturm und Eroberung fürchtet; am Tage eines glänzenden Festes, wo die Menge sich drängt, den Einzug eines geliebten Fürsten zu sehen; auf Iahrmärkten, wo jeder sieht, kauft und genießt, werden auch jetzt nicht viele Bücher aufgeschlagen. Eben das Leben nahm damals die Zeit, auch des Geringsten, ganz anders in Anspruch. Die Kirchenfeste, die Prozessionen, die Turniere, die Aufzüge der Ritter und Gilden, das Schönbartlaufen, das Scheibenschießen, Waffenübungen, die ländlichen Belustigungen, die Reisen der Dienstleute und Lehnsmänner, die Religion und ihr Kultus: nicht zu vergessen, daß Ersindungen und Maschinen damals bei vielen Arbeiten und Gewerken, nicht wie bei uns, viele Zeit ersparten, und daß der Mensch bis zum Niedrigsten hinab mehr öffentlich und im Staate, auf dem Markt und in den Versammlungen oder Schenkhäusern lebte, von einem nahe liegenden wichtigen Interesse durchdrungen, daß er auf tausend Fragen Rede und Antwort geben mußte, und also unmöglich — den Klosterbruder abgerechnet — darauf fallen konnte, seine Zeit so einzutheilen, wie heute, wo man ihm alles dergleichen erspart, ihm aber zugleich alle jene Ergötzlichkeiten oder Erholungen genommen hat. Es ist ganz natürlich, daß der Mensch sich auf das Hausleben, auf Genuß an sich selbst zurückzieht, und daß er sich in seinen müßigen Stunden von seinen Romanziers ergötzen läßt, so wie auch damals jede Zunge die Helden nannte, welche die Dichter verherrlicht hatten.

Fr. Sie mögen Recht haben; aber alles dies berührt meine erste Frage und Anklage immer noch nicht.

Und gab es denn damals nicht auch viele unnütze und anstößige Lieder? so viele Frechheiten, wie die neuere Zeit sie nur irgend ausgeboren hat, um sich selbst zu beschämen? Und von denen in jener frühen Zeit, die auch dergleichen nicht auswendig lernten und sangen, werden nicht dennoch viele von diesen ganz Unwissenden in der Rohheit selbst und in wüsten Gelagen, in schlechtem Wandel und Verruchtheit untergegangen sein?

Fr. Sie weichen mir immer mehr aus. Es ist hier nicht vom Unabänderlichen die Rede, sondern von dem, was sein soll, was frommt, sich geziemt und nützt.

Ich wollte nur andeuten, daß ich mich nicht davon überzeugen kann, daß unsere Zeit schlimmer sei, als eine frühere: am wenigsten durch Bücher. Denn als sich früher die Welt in Krieg und Frieden auch schon zu beschränkteren Ansichten wandte, und damit zugleich der höhere Glanz der Poesie erlosch, — damals, als jene Unzahl der prosaischen Ritterromane entstand, jene Folianten, die von den Gebildeten so fleißig gelesen und wieder gelesen und in alle Sprachen übersetzt wurden, — diese Dichtungen können uns so wenig ergötzen, daß wir im Gegentheil nicht begreifen, wie sich unsere Vorfahren mit ihnen die Zeit vertreiben konnten.

Fr. Sind sie denn eben schlechter, oder auch nur langweiliger, wie Tausende von neueren Büchern?

Gewiß nicht, und es wird sich nur die obige Bemerkung bestätigen, daß die meisten Schriften nur ein Bedürfniß der Zeit befriedigen, was aber doch, wenn es ein wahres Bedürfniß ist, befriedigt werden muß, mag eine spätere Kritik auch dagegen einzuwenden haben, was sie will, so wie die Aerzte ehemals und jetzt gegen Gewürze und Wein vergeblich geeifert haben.

Fr. Bedürfniß! Ist es denn nicht Pflicht, auch dieses zu bewachen und zu Zeiten einzuschränken? Mag man über Wein und Gewürze hin und her streiten, könnte man aber dem unglücklichen Volke den vergiftenden, zu wohlfeilen Branntwein durch Gesetze nehmen, so würde ohne Zweifel unsere Zeit einen wesentlichen Vortheil erringen, und dadurch mehr thun, als hundert moralische Bücher und Anstalten.

Ganz gewiß, und die Gesetzgebung wäre dazu verpflichtet, wenn sie nur zugleich das alte, gesunde Bier zu wohlfeilen ehemaligen Preisen, so wie die früheren ermäßigten Abgaben herstellen konnte. Dann würde jene Vergiftung von selbst wegfallen, — und wie viele schlechte Leserei, könnten wir das gesündere, fröhlichere Leben der Vorzeit wieder in unsere Städte hineinführen.

Fr. Und hiemit wäre denn unser Gespräch eigentlich zu Ende?

Warum? Wir können unsern Streit, der eigentlich keiner ist, vielleicht noch inniger ausgleichen. — Sie werden mit mir überzeugt sein, daß jedes Zeitalter nur wenige ächte Dichterwerke hervorbringen kann. Ist zugleich eine ächte Schule, wie bei den Griechen, begründet, so werden sich mehr große Meister zeigen, und sehr vieles, was man nicht dem Höchsten und Vollendeten beigesellen darf, wird doch den Stempel einer Großheit tragen, der es wieder unablöslich als Anhang, Erklärung und’Verherrlichung des Besten dem Zeitalter sowol als der Nachwelt nothwendig macht. — In den späteren Iahrhunderten und bei den neueren Völkern hat eine unbestimmte Sehnsucht, aus welcher ein wechselndes Bedürfniß und vielfach wandelnde Stimmung entstanden sind, die Schule ersetzen müssen; und daraus erklärt sich die Erscheinung von selbst, daß uns nicht nur das langweilt, was vor hundert oder zweihundert Iahren die Welt entzückte und begeisterte, sondern wir nehmen auch wahr, daß oft kaum dreißig, dann zwanzig und zehn, und neuerdings wol nur fünf Iahre und noch weniger dazu gehören, um unbegreiflich zu sinden, wie ein Buch, welches allgemein gefallen hat, nur irgend interessiren konnte.

Fr. Man will ja bemerken, daß dies mit vielen schon von Messe zu Messe eintreten soll. Dann aber, dächte ich, verlohnte es sich gar nicht mehr der Mühe, über diesen Gegenstand zu sprechen.

Ueber Bücher, die blos Mode sind, und weiter nichts als Mode, gewiß nicht. Lehrreich aber möchte es sein, jenen Wechsel von Stimmungen und sich verändernden geistigen Bedürfnissen von einem höhern Standpunkte aus zu betrachten; geschichtlich diesen Wandel und seine innere Nothwendigkeit zu erforschen, um zu erfahren, was der Geist gemeint oder gesucht habe, um auf diesem Wege die ächte Geschichte des Menschen und der Staaten, so gut wie die der Poesie zu vergegenwärtigen: statt daß wir seit langer Zeit Alles haben liegen lassen, was uns nicht unmittelbar interessirt oder beim ersten Anblick verständlich ist, und so selbst wieder in der Geschichtsansicht einem kleinlichen Zeitgeist, einer vorübergehenden Stimmung, einem wechselnden Bedürfniß, ja einer nichtigen Mode dienstbar sind, ohne diese traurige Knechtschaft in unserem Hochmuth auch nur im mindesten zu ahnen.

Fr. Deutet Voltaire nicht einmal eine ähnliche Forderung für die Geschichte an?

Seine eigenen Mode- und Galanteriewaaren hat er uns allerdings, als Patentarbeiten für die Ewigkeit, mit ähnlich lautenden Worten einschwärzen wollen.

Tristan da Cunha, The National Archives UKFr. Freilich also sinken dann Bücher, Gedichte, Romane zu Fabrikaten herab, und müssen ganz aus diesem Gesichtspunkte betrachtet werden.

Warum sinken? Soll es denn etwas Geringeres sein, ein gutes Buch — wenn es auch nicht Iahrhunderte überdauert — seinen Zeitgenossen in die Hände zu geben, als gesundes Getreide zu erzeugen, Wolle und Tuch hervorzubringen und zu fabriciren, das Erz aus den Bergen zu graben, oder Kinder zu Soldaten und Staatsbeamten zu erziehen? Gehen Sie nur zum berühmten Walter Scott in die Lehre, und nehmen Sie von jenem merkwürdigen Selbstgeständniß in seiner Vorrede Unterricht. — Und trifft denn diese Ansicht etwa nur diese Seite der Literatur? Von der Geschichte habe ich Ihnen schon vorher meine Meinung merken lassen; diese lag wol mehr im Argen als die Romane. Wenden wir uns aber zu jener Zeit, als bald nach Ersindung der Druckerkunst eine hochwichtige Angelegenheit zuerst Deutschland und bald darauf ganz Europa in heftige Bewegung setzte. Wem könnte es einfallen, von dieser ebenso großen als nothwendigen Umwandlung, oder von der Andacht selbst und der Anschauung des Göttlichen auf geringe Weise sprechen, oder gar, wie es wol auch einmal Mode mar, darüber scherzen und spotten zu wollen? Mir am wenigsten; und die neueste Mode verbietet es auch der Menge und den Tagesschriftstellern. Doch schlagen Sie einmal in den Bibliotheken die unzähligen Bücher jener Tage auf, in denen — die trefflichen natürlich abgerechnet — die widrigste Polemik schreit und tobt, die widerwärtigste Erniedrigung vor dem Schöpfer ekelhaft kriecht, winselnde Demuth Unsinn ächzt, und gottlose Knechtschaft und Thierheit sich für Andacht und Gottseligkeit ausgibt. Verzweifelnd wendet man sich von der Menschheit ab, wenn man bedenkt, daß Tausende viele Iahre hindurch nur in diesem Wuste und in dieser sinstern Verwirrung ihren Trost und ihr Heil suchten und fanden. Und ist es nachher, ist es in unfern Tagen nicht in vieler Hinsicht eben so geblieben? Wie vielen Aberwitz, wie viel Unchristliches, Gottloses und die Menschheit Erniedrigendes kann der Forscher, der sich diesem Geschäft hingeben mag, auftreiben? Ia, so vieles, was recht sichtbar und mit Anmaßung auf der Oberfläche schwimmt, was Ieder kennt, was Viele begeistert, und welches Mancher der Gemäßigten mit einer Art von furchtsamer Achtung doch halb gelten läßt, wenn er es auch nicht billigen kann, gehört diesen Regionen der sinstersten Finsterniß an. Können Sie mir nun viele Romane nennen, — die ganz vergifteten ausgenommen — die schlimmer, abgeschmackter oder schädlicher wären, als diese angedeuteten Erzeugnisse, die sich eine so vornehme Miene geben? , Fr. Somit käme freilich alles auf eine Linie zu stehen. Mit Nichten; ich mache Sie nur darauf aufmerksam, wie jedes Bedürfniß seine Befriedigung sucht. Auch der Trieb, die Wahrheit zu erkennen, nach dem heitern Licht, nach dem Tiefsinn, oder dem rein Menschlichen und Guten, offenbart sich oft in den schwachen Productionen harmloser Menschen, und diese haben gerade Kraft genug, auch andere zu befeuern, die ebenfalls nicht mit mehr Stärke ausgerüstet sind.

Fr. Wenn man die Sachen so geschichtlich betrachtet, so geht freilich die eigentliche Kritik unter.

Doch nicht; sie muß nur nicht zu früh anfangen wollen. Ein wahres Buch bezieht sich auch doppelt, zunächst auf sich selbst, dann aber auch auf seine Zeit, und beides muß sich innigst durchdringen. Ist aber unser Urtheil selbst nur aus der Zeit erwachsen, so verstehen wir das Werk des Genius niemals, welches eine neue Zeit, und natürlich auch eine andere Mode, durch seine Großartigkeit erschafft. Und so sind es auf der andern Seite oft die dunkeln, verhüllten Ahndungen, unausgesprochene quälende Stimmungen, Gesühle und Anschauungen die der Worte ermangeln, und die der große Autor ihrer Qual entbindet, indem er ihnen für Jahrhunderte die Zunge löst; ein ganz nahe liegendes Verstandniß, welches keiner sinden konnte, macht der Genius zum innigsten Bedürfniß seiner Welt, und gibt so dem Worte seine Schöpferkraft wieder, die es noch nie verloren hat.

Fr. So könnte man vieles Dichten wie ein Erlösen von dunkeln Gefühlen, anderes wie ein Erobern heiterer Lebenselemente ansehen, Manches wie ein Schaffen von neuen Geräthen und Genüssen, die der Mensch um sich stellt, um an Glanz und Freude sein trübes Leben zu erheitern, und so möchte man z. B. den Cervantes als einen Helden ansehen, der sich um die Menschheit Lorber und Bürgerkrone verdiente, indem er sie von der Langenweile und der falschen Poesie der Ritter- und Liebesfolianten auf immer befreite.

Hat er sie wirklich davon befreit? Sehen wir nicht, daß dieselbe Muse, selbst ganz kürzlich, nur in Octav und bessern Druck hineingeschlüpft ist? Und glauben Sie nicht, daß der Ueberdruß zur Zeit des Cervantes schon da war, und das Bewußtsein sich in den Bessern regte?

Fr. Kann wohl sein, indessen sagt man doch allgemein, daß wir diesem Widerwillen, der sich kund geben wollte, dieses herrliche Buch zu danken haben.

Ich glaube, daß der edle poetische Cervantes selbst lange Zeit ein Liebhaber dieser Ritterbücher war, und auch in seinem Alter, als er seinen Manchaner beschrieb, seine Vorliebe noch nicht ganz hatte aufgeben können. Was er im ersten Theile des Don Quixote dem Kanonikus in den Mund legt, ist wol ganz seine eigene Meinung, und das Gelüst, selbst eine solche Rittergeschichte zu dichten, sieht ihm ganz ähnlich. Wie viel kommt doch auf die Zeit an, in welcher ein großer Dichter lebt! Der ächte alte Rittergesang war längst abgeblüht, diese Ritterromane waren nur ein todter Niederschlag jener früheren wundervollen bunten Dichtung, willkürlich und fast ohne Bedeutung war Zauber und übernatürliche Kraft hier aufgenommen und schlecht mit den Begebenheiten verbunden; die Liebe klang noch wie ein Echo edeln Gesanges in die verwirrte Masse hinein. Die Beschreibung der Kämpfe und Schlachten ist auch viel ermüdender und lebloser, als in den alten Liedern, weil die Verfasser der wirklichen Anschauung schon ermangelten. Kannte Cervantes die alten, schönen Gesänge, und hätte eine ähnliche Dichtung seiner Zeit und seinem Lande irgend angeeignet werden können, — wer kann bestimmen oder ausmessen, wie viel ein Genius, wie dieser, in jener epischen Poesie hätte ausführen können.

Fr. Ein großer Mann — so habe ich öfter gehört — hat den Ausspruch gethan, Don Quixote habe darum seine Zeit so gewaltig bewegt und allgemeines Glück gemacht, weil er den Enthusiasmus so witzig verspotte und eine ältere, schönere Zeit und deren poetische Kräfte verhöhne.

Auch ich habe diesen Ausspruch vernommen und, ehrlich gesagt, nicht verstanden, oder Don Quirote und Cervantes selbst erscheinen mir in einem falschen Lichte. Das eigentliche Ritterthum war schon lange vor Cervantes untergegangen. Welche trübselige Zeit erschlaffte Deutschland schon vor Maximilian; in Frankreich hatten die Bürgerkriege Rohheit und Grausamkeit zu alltäglichen Erscheinungen gemacht; Italien, in welchem mit einigen edeln Geschlechtern die Künste zugleich blühten, hatte von je diese Poesie des früheren Iahrhunderts weniger ergriffen, und Ariost spottete schon auf seine Weise über das Ritterthum; in Spanien selbst war am meisten noch jene ältere Begeisterung zu sinden, die sich aber nach völliger Bezwingung der Mauren mehr in Zügen und Reisen nach der neu entdeckten Welt erschöpfte. Iene Tage, in welchen Lichtenstein und Eschilbach, Gottfried und Hartmann von der Aue so ritterlich von Liebe, Frühling und Wundern, ihrer Gegenwart allgemein verständlich, singen durften, waren längst vergessen; jene Gebilde, Sitten und Gesinnungen waren schon seit vielen Iahren in Unglück, Bürgerkriegen und nüchterner Rohheit, die schon in demselben Iahrhundert, als jene glänzenden Gebilde entstanden, diese verschlangen, zur erblaßten Lüge geworden, und die lallende Ersindung gerieth eben deshalb in das Ungeheure, Maßlose und Thörichte, weil sie in der Gegenwart nirgend mehr die belebende Wahrheit antraf. Außerdem bezweifle ich aber auch, ob etwas anderes als Enthusiasmus selbst einen so allgemeinen und dauernden Enthusiasmus hervorbringen könne, als dieses große Werk des Cervantes damals erregte, so wie es noch immer mit derselben ungeschwächten Kraft wirkt. Auch ist es das Wundersame dieses einzigen Buches, daß man die Hauptperson eben so sehr verehren wie belachen muß, und daß beides fast immer zusammenfällt, so daß er in unserer Imagination, so sehr er auch Parodie ist, doch zum wirklichen Helden wird. Zugleich spricht sich in diesem Werke eine so ächte Begeisterung für Vaterland, Heldenthum, den Soldatenstand, das Ritterwesen, Karl den Fünften, Geschichte, Liebe und Poesie aus, daß viele Erkaltete sich wol eher an diesem Enthusiasmus erwärmen, als die Glühenden daran erkalten könnten.

Fr. Die außerordentliche Wirkung dieses ächten Gedichtes ist auch wol daraus abzuleiten, daß es endlich einmal, nach vielen Iahren, Wirklichkeit, das Alltägliche, Gegenwärtige, unverkünstelt hinstellte, ohne falschen Schmuck, und daß dieses doch zugleich das Wunderbare und die Poesie war.

Die Erscheinung ist um so auffallender, weil man in Spanien noch fortfuhr, jene falsche Poesie, jenes unächte Wunderbare zu lieben, welches Cervantes ja so wenig hat verdrängen können, daß der herrliche Calderon noch diese Farben in seinen frischen Märchengemälden hat anwenden können. Die unsinnigste Ersindung, das Schloß der Cindabridis, hat er zur Dichtung brauchen können, in welcher man aber sieht, daß die Bekanntschaft mit dem tollen Roman vorausgesetzt wird. Sehen wir auf Frankreich, so lebten und entzückten ja noch lange jene weitausgesponnenen Romane, die zwar nicht immer Ritter und ihre Zweikämpfe und befreundeten Zauberer schilderten, wol aber in mehr oder minder kennbaren Verkleidungen die Intriguen des Hofes Ludwigs des Dreizehnten und Vierzehnten, die kleinen Eitelkeiten der Damen, süßliche Sentimentalität, schmachtende Liebhaber, und eine weitschichtige redselige Politik und galante langweilige Moral vortrugen, die wahrlich, wenn man die Summe zieht, noch armseligere Bücher dick angeschwellt haben, als nur jemals der Inhalt jener verbrannten Romane in der Bibliothek des Manchaners war. Und dieselben Hofleute, Gelehrte und gebildeten Damen, die geistreich mit dem edeln Cervantes über die Belianis, Esplandians und Tirantes lachten, erbauten sich an den Astreas, den Cassandern, und wie sie alle heißen mögen, jene Werke der Scudery, d’Urft’s, und so vieler Scribenten jener Tage, gegen welche die frühere Arkadia des Sidney, und noch mehr die Diana des Montemayor, ja selbst die geschmähete Fortsetzung derselben, für Meisterwerke gelten können.

Fr. Diese getadelten und in der That höchst langweiligen Bücher der Franzosen konnten doch wol nur gefallen, weil sie so ganz ihre Gegenwart, wenigstens den vornehmen Schein derselben darstellen.

Gewiß, wir sehen eben, wie man das Wahre, Große erkennen kann, freilich nur scheinbar, wie die damaligen Leser den Don Quixote, und doch zugleich in dem Unü’ch- ten und völlig Nichtigen untergehen, indem man in diesem eine höhere Bildung sucht. Eine Erscheinung, die sich in allen Zeiten immer von neuem wiederholt.

Fr. Eben so konnte auch damals eine so nüchterne Parodie, wie die des Scarron, Glück machen, und freilich, wenn ich mir diese Zeit vergegenwärtige, in welcher Moliere, Corneille, Racine, Boileau, Cervantes, Scarron, viele Spanier, und viele schwächere, jetzt vergessene, französische Autoren, nebst jenen bändereichen politischen Romanen bewundert wurden, so tritt mir eine so chaotische Verwirrung entgegen, daß ich an eine ächte Kritik jener Tage nicht glauben kann.

Kritik! — Wol nur bei den Griechen war sie wirklich da, und außerdem ein Versuch, eine Annäherung an sie bei uns Deutschen in den neuesten Tagen.

Fr. Doch bei den Griechen wol auch mehr als Schule, so wie in ihrer Bildhauerkunst, die sich Iahrhunderte hindurch, selbst bei den Römern, großartig erhielt und als Schule noch spät Meisterwerke lieferte. In der Poesie erlosch diese Schule freilich viel früher. Die neuere Zeit hat sich, seit sechzig oder siebenzig Iahren etwa, bemüht, die Kritik zu einer eigenen, selbstständigen Wissenschaft zu erheben. Diese Bestrebungen sind vorzüglich in Deutschland mit Glück und Anstrengung von den begabtesten.Männern in vielseitiger Richtung zu einer außerordentlichen Höhe geführt worden, von welcher derjenige, der ihnen folgen kann, immer mehr und mehr mit Sicherheit das ganze Gebiet der Kunst und Schönheit überschauen mag. Neben andern ausgezeichneten Namen glänzen hier vorzüglich die von Lessing, Schiller, Wilhelm und Friedrich Schlegel, so wie Solger, dem es in seinem Erwin wol zuerst gelungen ist, über das Schöne und die Grundsätze der Kunst genügend zu sprechen. — Wir haben uns aber jetzt ziemlich weit von unserm ersten Gegenstande entfernt. Mir schien es, als wenn Sie meinen Eifer gegen die Unzahl der schlechten Romane und das unmäßige Lesen derselben so wenig begriffen, daß Sie diese ganze zeitverderbende Anstalt für völlig unschädlich, wo nicht gar selber für nützlich zu erklären im Begriffe waren.

Wie man es nimmt; wenn wir nämlich nicht über Worte streiten wollen. Daß das Bedürfniß des Lesens in Deutschland ziemlich allgemein geworden ist, und sich mit jedem Iahre wol noch weiter ausbreiten wird, ist nicht abzuleugnen. Wenn das größere öffentliche Leben untergegangen ist, und ebenfalls jenes dürftige, wo der Bürger und Kaufmann sich nicht mehr in den öffentlichen Trinkstuben unterhalten und belehren will, indessen Weiber und Töchter in den langweiligsten Besuchen mit albernen Klätschereien und elender Verleumdung ihre Zeit tödten, so ist diese Lesesucht, die doch auch zuweilen auf das Gute fällt, wol immer eine Erhebung zu nennen, da die Zustände jener traurigen Iahre, die Geselligkeit des Volks, der Umfang der Kenntnisse und die Gesinnungen von damals wol nicht empfehlungswerth — will man anders die Toleranz nicht zu weit treiben — zu nennen sind. Dieser zu kleinstädtische Umfang der engsten und trübseligsten Stubenwände hat sich denn doch vergrößert und erheitert, das, was diese Gemüther bedürfen, wird ihnen doch meistentheils in einer ziemlich gebildeten Sprache gereicht, diese Bedürfnisse selbst wechseln und streben sich oft zu verklären, Verstand, Kenntnisse, zuweilen eine edle Ansicht des Lebens reihen sich an die mehr oder minder wunderbaren Ersindungen, und wenn dieser oder jener Autor ein aufgeregtes Gemüth irre führt, so hat dieselbe Büchersammlung auch das Gegenmittel gegen die doch nur schwächliche Vergiftung, und die Mode der geistigen Putzwerke wechselt eben so wohlbehaglich, wie mit den baumwollenen und seidenen Kleidern und ihren vielfach geänderten Mustern.

Fr. Sie mögen nicht ganz Unrecht haben. Diese Art Schriften verräth dem schärferen Auge oft mehr vom Geiste der Zeit, als die moralischen oder historischen Autoren je von ihm gesehen haben. Zur selben Zeit, als man in Frankreich sich an jenen langweiligen feierlichen Romanen ergötzte, schilderte uns der deutsche Simplicissimus die Greuel des dreißigjährigen Krieges. Der Verfasser selbst, noch mehr aber seine Nachahmer, verstiegen sich sogleich in eine so ungemeine Gemeinheit, in so widerwärtige Schilderungen, die aber fast immer mit Geist entworfen sind, daß ihre Abschculichkeit bei weitem den spanischen Gusman von Alfarache und ähnliche Bücher übertrifft, und sich die Phantasie mit Ekel von ihnen wendet.

Da berühren Sie den Punkt, der die Barbarei der Deutschen jener Tage, gegen die der anderen Nationen gehalten, charakterisirt. Wie die Franzosen schon früh das Unzüchtige und Anstößige liebten und ausbildeten, so fand der Deutsche schon lange am Ekelhaften und Gemeinen ein verdächtiges Vergnügen. In der Geschichte wie in der Literatur sehen wir dies Volk schon seit den Hussitenkriegen und noch früher, wie verbauert. Die große Angelegenheit der Reformation und die aus dieser erwachsenen Bürgerkriege, in welchen die Völker immer am meisten verwildern, rückte ihnen die Schönheit und das Bedürfniß nach achter Poesie auf lange aus den Augen. Und kehrt nicht dieser Zustand einer gewissen Verwilderung immerdar und bei allen Gelegenheiten zu uns zurück? Als unsere neuere Literatur schon durch Lessing und Goethe schön begründet war, als Schiller schon Freunde gewonnen hatte, ergriff bei den Nachrichten von der Französischen Revolution einen großen Theil unseres Volkes ein solcher Schwindel, daß die begeisterte Thorheit auf lange Kunst und Wissenschaft vergaß, die Unterdrückung der menschlichen und edeln Gefühle zum Heroismus stempelte, in grausamer Schadenfreude schwelgte, und den Verzückten die milde Schönheit als Kindertand und die Spiele der Phantasie als des Mannes unwürdig erschienen.

Tristan da Cunha, The National Archives UKFr. Sein wir billig. Die Poeten selbst nährten diesen Taumel, der im Anfang wol eben so natürlich, als nicht unlöblich war. Und wie viele Kräfte wurden neu aufgeregt, wie manche Talente entwickelten sich in jenen inhaltschweren Tagen. Wie die Deutschen auf das große Schauspiel ein aufmerksames Auge wandten, und an ihm ihren eigenen Zustand messend, gewissermaßen aus Betäubung und Schlaf erwachten, so kehrten sie auch besonnener zu ihrer Literatur zurück, und prüften sie mit neugeschärften Blicken. Von dieser Zeit an wenigstens schreibt sich die höhere Anerkennung ihres Goethe, dessen Werke nach einem kurzen Rausche früher Begeisterung schon vernachlässigt und ungefähr doch den übrigen gleichgestellt wurden. Damals also, als man so scharf König, Adel und Geistlichkeit recensirte, und die Ne- censenten bald nichts mehr als sich selbst zu lesen hatten, erwachte doch auch, seit Lessing schwieg, die bessere Kritik wieder, und suchte Poesie und Kunst inniger und tiefer zu ergreifen. Es war auch wol natürlich, daß das größte Ereigniß der neuesten Iahrhunderte den Deutschen in mehr als einer Hinsicht zur Besinnung brachte, und dies bessere Erkennen seines größten und mildesten Dichters sänftigte auf lange jenen unnatürlichen Kosmopolitismus, und weckte zugleich bei Wielen das Studium der Dichtkunst und Philosophie. Aber auch in allen guten Bestrebungen artet der Deutsche so leicht, mit falscher Heftigkeit und ungebildeter Glut, in Einseitigkeit und Barbarei aus. Welchen Fanatismus, immer nur die Methode, niemals die rohe Anmaßung wechselnd, haben wir in den vielfältigen Schulen unserer Philosophie erlebt! Wie treuherzig gutmeinend und zugleich wie komisch steht der Deutsche da, indem er in den oft geänderten Erziehungskünsten das Heil seiner Nation und der Welt sucht, und mit verfolgendem Eifer das Glück aufbauen will, indeß der Stein immer wieder herabfällt, und der Arbeiter doch nicht müde wird, ihn in anderer Manier wieder hinauf zu wälzen. Selbst die Regierungen bieten sich diesen wilden Träumen, die niemals von Erfahrung und wahrer Erkenntniß ausgehen können, und noch weniger jemals etwas Gutes bewirken werden. So gewaltig und roh diese Erzieher verfolgen und vernichten, was ihren Kram stört., so weichlich und unmännlich ist die Erziehung selber, in der Familie sowohl, wie in den öffentlichen Anstalten, geworden, und aus dieser Entwöhnung alles Gehorsams und aller Zucht sind uns auch schon traurige Früchte hervorgewachsen. Am meisten zerstörend und barbarisch hat sich wohl jene falsche Aufklärung bewiesen, die, so weit sie nur reichen konnte, das Christenthum und alles religiöse Gefühl zu vernichten strebte, die echte Philosophie verachten wollte, den Tiefsinn verhöhnte, Natur und Kunst auf ihre klägliche Weise umzudeuten suchte und die Poesie nur zum Träger armseliger Kunststücke erniedrigte. Vaterlandsliebe konnte dem, der diese Ueberzeugungen theilte, auch nicht mehr ehrwürdig bleiben. Das Fremde, Ferne, ward sophistisch und gewaltthätig herbeigezogen, um Götzendienst mit ihm zu treiben. Deutsches Alterthum ward nicht nur verkannt, sondern verfolgt, und Gebäude, Gemälde, Bildsäulen, so wie Sitten und Feste der früheren Iahrhunderte vernichtet. Wie sollten Stiftungen, Vermächtnisse, Eigenthum nun noch geschont werden? Nun konnte, in einer bessern Zeit, unsere Vorwelt fast wie ein verloren gegangenes Land wieder neu entdeckt werden. Die Freude über diesen Fund verwandelte sich aber bald wieder in rohe Einseitigkeit. Mit kleinstädtischer Vorliebe ward das Fremde nun eben so eigensinnig geschmäht und verachtet, man war nur Patriot, indem man das Ausländische, und folglich auch das Vaterland, verkannte. In Kunst, Poesie und Geschichte wollte man mit Willkühr alte Zeiten wiederholen, und ein Mittelalter, wie es nie war, wurde geschildert und als Muster empfohlen, Ritterromane, kindischer als jene veralteten, drängten sich mit treuherziger Eilfertigkeit hervor, predigten süßlich ein falsch-poetisches Christenthum, und lehrten mit dem steifsten Ernst eine Rittertugend und Vasallenpflicht, Ergebenheit unter Herrschern und Herzogen, Minne und Treue; in Ton und Gesinnung so über allen Spaß des Don Quixote hinaus, daß Scherz und Satire eben deshalb keine Handhabe an diesen Dingen fanden, um sie von den Tischen der Modegöttin herabzuwerfen. Die alte, erst verkannte und geschmähte Kunst galt nun für die einzige, das Zufällige und Ungeschickte an ihr für die höchste Vollendung. Die erneute religiöse Gesinnung artete bald in Sectengeist und Verfolgung aus, und selbst Lehrer der Wissenschaft glaubten nur fromm sein zu können, wenn sie die Wissenschaft zu vernichten suchten, so wie sich Künstler fanden, die nur begeistert zu sein vermochten, wenn sie sich von der Schönheit und den Göttergebilden der Griechen mit einem heiligen Grauen abwendeten. So wenig ist es in unserer Deutschen Natur, das Neue und Wahre mit Milde aufzunehmen, von dem Wein, der uns von der Göttertafel wohlwollend herabgesendet wird, mit weiser Mäßigung zu schlürfen, um uns nicht im wilden Rausch in Satyre und Faunen oder Bacchanten zu verwandeln, die in ihrer Verzückung alles eher, als Spaß verstehen, und von jener holdseligen, echt menschlichen Stimmung, die auch das Verschiedenartige im edlen Genuß verknüpft, durch eine Unendlichkeit von Verblendung und Irrthum getrennt sind.

Fr. Genug der Klagen. Diese unschuldigen Romane, um auf diese zurückzukommen, sind es denn doch auch wieder, die alle diese Irrsale bestätigen, und sich recht eigen ein Geschäft daraus machen, die Verwirrung zu einer allgemeinen zu erhöhen.

Vielleicht nicht so durchaus. Unsere leidenschaftliche Nation, die den Ernst fast immer zu ernsthaft nimmt, würde in allem Anlauf zu einer neuen Heilsordnung vielleicht noch höher springen und noch müder zurückfallen, wenn nicht gerade eben so viele unserer Romanziers, als die neueste Mode bestätigen wollen, mit der Strömung des Zeitgeistes im Widerspruch segelten, sehr oft — muß ich zugeben — ohne daß sie recht begreifen, wovon die Rede sei: aber dennoch, sie witzeln, satirisiren, machen lächerlich, und wenn bessere Köpfe mitsprechen, dringen sie oft mit ihrem Veto früh genug durch. Auf allen Fall aber sind es doch diese allgelesenen Schriften, die so häusig schon ein Gegengewicht, wenn auch anfangs nur Grane, in die andere Wagschale gelegt haben, und so durch die Vermittelung der Töchter, Frauen, Geliebten dem eifernden Enthusiasten nach und nach eine mildere Gesinnung in Gesprächen und Scherzen eingeflößt haben, die sie selbst erst aus Poesie und Langeweile schöpfen mußten. Fr. Wenn unser Gespräch für den Gegenstand oft zu ernst scheint und die Sache zu schwer anfaßt, so haben Sie jetzt den Knoten wieder auf eine zu leichtsinnige Art zerhauen. Möchte ich Ihnen auch nicht durchaus widersprechen, so können Sie doch nimmermehr leugnen, daß zu Zeiten diese Romanenleserei auf die schlimmste Art gewirkt hat, daß weichliche Bücher oft allen Sinn für Wahrheit und Ernst, so wie allen Trieb zur Arbeit in unzähligen jungen Leuten aufgelöst und zerstört haben, daß falsche Sentimentalität und nüchtern schwärmende Liebe, oft lüsterne Sinnlichkeit, die Gemüther verdorben, daß eben so oft ein Freiheitstaumel und Haß gegen Obrigkeit der unreifen Iugend beigebracht, und zu andern Zeiten durch ein sophistisches Geschwätz der Glaube an Moral, oder mit süßlicher Mystik, mit Freigeisterei wechselnd, Vernunft und Religion, bis zu den niedrigsten und dienenden Ständen hinab, ist erschüttert worden. Ja, es ist wol ausgemacht, daß durch diese Lesewuth selbst Bücher großer Autoren, ächte Kunstwerke, indem sie in unrechte Hände gerathen, gefährlich werden können. Wollen Sie mir diese Wahrheiten wieder wegstreiten, oder denken Sie darüber so leicht hin, daß Ihnen eine solche Ueberzeugung gleichgültig ist? Nein, ich denke nur von der menschlichen Natur anders als Sie, und meine, daß die Geschichte, die im steten Wechsel begriffen ist und sein muß, bald diesen bald jenen Stand mehr zur Thätigkeit oder zum Leiden ergreift und auffordert, daß es keine Geschichte gäbe, wenn die Gemüther der Menschen nicht auf mannichfaltige Weise, durch vielerlei Triebe und Bedürfnisse aufgereizt würden, und aus dem Gemüthe wieder äußerliche Begebenheiten erwüchsen. Die Zeichen, an denen diese Strömung zu erkennen ist, wechseln nach den verschiedenen Iahrhunderten, und in unfern Tagen gehört für den Beobachter diese von Ihnen verschmähte Gattung von Büchern eben auch zu jenen Zeichen, um sich zu erkennen und zurecht zu sinden. So wie diese Schriften manchen schadenden Stoff ableiten und mildern, so erregen und verbreiten sie auch wieder Krankheit oder Gesundheit, wie wir es nennen wollen, die sich aber immer wieder gelind zu Boden setzen und in der Masse unschädlich werden; dies aber, ist ein Volk erst fanatisirt und der verständigen Negierung Ordnung und Zügel aus den Händen gerissen, kann man von Libellen, politischen Flugschriften, Tageblättern oder religiösen Schwärmerbüchern gewiß nicht behaupten.

Fr. Wenn ich Sie verstehe, so meinen Sie, daß diese Erfindungen, indem sie sich einerseits an das Leben innigst anschmiegen, doch wieder dadurch, daß sie sich eben nur für Ersindung geben, und nicht absolute Wahrheit darstellen wollen, sich selbst wieder durch diese mannichfaltig gestellten Bedingungen sZnftigen. Wie sie aus Leichtsinn hervorgehen, so werden sie auch dem Leichtsinne wieder preisgegeben. Aber, ist dies wol derselbe Fall mit den Gedichten, in welchen die Leidenschaft der Liebe erregt und gelehrt wird, die das Herz zerreißen, indem sie es erheben wollen, und das empörte Gemüth bis zum Wahnsinn steigern können, um, wie es so oft heißt, die Seele zu malen und die Natur zu ergründen? Die schlimmen Einflüsse sind zu oft schon da gewesen, kehren nur allzuhäusig wieder, um vor dergleichen wild und zugleich allzu weichlich aufregenden Büchern unverschanzte Gemüther nicht warnen und bewahren zu müssen. — Sie schweigen?

Können wir diese Periode, welche Sie jetzt bezeichnen wollen, nicht die allerneueste nennen? Fängt sie nicht eigentlich mit dem Werther an?

Fr. Allerdings: wenn wir nicht Rousseau’s Neue Heloise voranstellen, die mir ebenfalls so merkwürdig und originell erscheint, daß ich immer geglaubt habe, der Werther hätte nicht entstehen können, wenn dieses wunderbare Buch nicht schon das neue Land aus der Ferne gesehen hätte.

Wenn Sie recht haben, so haben Sie auch schon Ihre Frage selbst, und zwar in meinem milderen Sinne beantwortet und anders gestellt.

Fr. Wie das?

Diese großen Erscheinungen sind dann eben nur merkwürdige und tiefsinnige Andeutungen der Geschichte und Anzeigen mächtiger und umgreifender Revolutionen in Verhältnissen des Lebens, Denkens und Empsindens. Und in wiefern diese Veränderungen des Innern, die anfangs oft dem blöden Auge noch unsichtbar bleiben, auch auf die äußere Geschichte und den großen Gang der Weltbegebenheiten, den Fortschritt und Rückschritt der Menschheit, die Bildung und den Charakter der Nationen wirken, bleibe dem ächten Geschichtschreiber zu bemerken und zu würdigen überlassen.

Fr. Sollte in der wahren Darstellung der Geschichte nicht beides zusammenfallen müssen? Nur möchte freilich die Ausführung von der höchsten Schwierigkeit sein.

Tristan da Cunha, The National Archives UKOhne Zweifel, im höchsten Sinne vielleicht unmöglich. — Darum eben ist der ächte Dichter so groß und lehrreich, für Gegenwart und Zukunft. Auf jener Schaukel, die sich erhebt und senkt, und auf welcher er, die Laute spielend, hin und wieder schwankt, erschaut er, wenn ihn die Begeisterung hoch hinauf wirft, neben der Muse sitzend, von oben viele Wunder und ihre Erklärung, die der Philosoph und der Wissenschaftkundige nicht sieht oder nicht versteht. Mit den ausgeströmten Liedern spielt dann die Menge, und Knaben und Thörichte ahmen sie nach, und dasjenige, was als ein Orakel aus geweihtem Munde erklang, wird oftmals bald Narrentheiding der schwatzenden Menge. Seit Rousseau, und noch mehr seit Werther, ist die Wunde des Lebens, die Krankheit der Liebe, weil sie schon vorher mit allen Schmerzen da war, auch der Menge durch geweihte Priester fühlbar und bekannt geworden. Wie oft war seit dem grauesten Alterthum in allen Zungen schon von der Liebe gesprochen worden; auch das Unglück dieser Leidenschaft und ihre tragischen Folgen waren schon, wie oft, bis zum Entsetzlichen gesungen; aber dennoch war allen Fühlenden, als sie den Werther lasen, als hätte noch niemand je das vernommen, als sei eine neue Sprache entdeckt. Wie lallte und stotterte alles in dieser Manier, und wie schwach süßlich klang der Mißverstand aus dem Siegwart und ähnlichen Büchern. Schon damals glaubten viele Deutsche, die Nation verdürbe an diesem Schmerz und dieser Weichlichkeit, und gutgemeinte Mittel aller Art, der Parodie und des seichtesten Spaßes wurden versucht, um nur wieder Gesundheit hervorzubringen. Und doch ist es gewiß, daß auch das blöde Auge die Natur seitdem anders betrachtet, daß selbst dem Kältesten Gefühle wunderbarer Natur dadurch näher getreten sind. Diese Auflösung des Lebens, diese Entfaltung des Geheimnißreichen unserer Brust, diese Angst und Freude klingt seitdem immerfort, am tiefsten schneidend und am zerstörendsten wol in dem Meisterwerke desselben großen Dichters, den Wahlverwandtschaften. Seit das Wort gefunden und ausgesprochen ist, läßt sich das Dasein dieser Krankheit weder mehr leugnen noch ignoriren, und wie sie schmerzend um sich greift, welche Kuren oder Palliative Religion und Staat oder Philosophie, mit Glück oder Unglück versuchen werden, muß die Folgezeit lehren; was wir in unsern Tagen haben beobachten können, was die Revolution unternahm, was in süßlichen oder aufgeklärt moralischen Büchern geschehen ist, war ungeziemend oder unbedeutend. Die laueste und ohnmächtigste Hülfe ist jenes Maskenspiel häuslichen Glücks, dessen kraftlose Heuchelei in so vielen gut gemeinten Büchern und langweiligen Familien seitdem herrscht. Wie mächtig tönt die Verzweiflung aus dem Faust? Und hat der Dichter beruhigende Töne aufgefunden? Kann er sie wol sinden? Ganz anders als im Hamlet erhebt sich die Angst der Seele und der Zwiespalt des Daseins. Der größte, der heilendste Trost ist immer der, daß das tödtendste Uebel dadurch schon gemildert wird, wenn der große Dichter nur das Wort gefunden und es ausgesprochen hat.

Fr. Und früher wäre diese Krankheit, wie Sie es nennen, noch niemals von der Poesie berührt oder angedeutet worden?

Die Ausgleichung des Lebens, die Enthüllung seiner Näthsel haben die Alten wenigstens in einem ganz andern Sinne versucht; und was sie in ihrer Tragödie Schicksal nannten, das Unbegreifliche, Unabwendbare, und wo Religion, Versöhnung, und der Schmerz den Schmerz selbst besiegte, alles dies Irrsal, das Ungeheure und Furchtbare, das immerdar das Menschengeschlecht mit ahndungsvollem Grauen umgibt, bedeutete ihnen ganz etwas anderes, löste sich milder oder großartiger, wenn gleich im Innersten selbst der Widerspruch und die Verzweiflung blieb. Aber sie deckten die Wurzel des Lebens nicht so vorwitzig auf, wie wir es gethan haben, die wir nur zu oft durch Anatomiren Kunde vom Geist und den Empsindungen zu erhalten streben.

Fr. So angesehen, muß Ihnen freilich alles, was damals in Deutschland gegen die sogenannte Empsindsamkeit geschah, nur in einem komischen Lichte erscheinen.

Um so mehr, da alles der Art, was die Kritik mit Recht tadelt, immer wieder von einer andern Seite hereinbricht, und als unverdächtig eingelassen wird. Ueber Siegwart glauben sie hinweg zu sein, viele Vernünftige tadeln ihn wol noch jetzt, und bewundern in dem herrlichsten Humoristen, Iean Paul, eine noch schlimmere Weichlichkeit, die, wenn sie jemals ein zartes Wesen ganz ergreifen sollte, es nothwendig völlig aushöhlen, und ihm auf eine Zeit lang allen Sinn für Wahrheit und Natur rauben müßte. Wer zuckt nicht über den verschollenen Cramer und seine rohen Ritterromane jetzt die Achseln? Selbst der Gemeinheit ist er zu gemein geworden, und doch schreit den feinsten Lesern aus manchem neuen gefeierten Autor das Aehnliche entgegen, ohne daß sie es im Enthusiasmus bemerken: manche Kapitel des weltberühmten Walter Scott erinnern mich an jene herabgesetzten Bücher, ohne daß ich darum das große Talent und die Ersindungsgabe dieses Autors zu verkennen brauche. England und Deutschland nennt jetzt manches im Tom Iones unsittlich, Iungfrauen wollen das Buch nicht mehr lesen oder gelesen haben, und erfreuen sich doch laut eines Clauren und ähnlicher Schriftsteller, gegen deren unsittliche Lüsternheit der Menschenkenner Fielding wahrhaft unschuldig ist. Ia, es gibt eine Darstellung der Keuschheit und Unschuld, im wirklichen Leben wie in so vielen gepriesenen Büchern, die einem freien Sinne und reinen Herzen höchst anstößig ist, und deren zu schamhafter Schamhaftigkeit man sich selber schämt, weil man hinter der moralischen Maske die verderbte Phantasie nur zu deutlich wahrnimmt. Auch die Engländer predigen in ihrem puritanischen Eifer zu oft diese falsche Sittlichkeit, sie lassen sich aber wenigstens die groben Widersprüche der Deutschen nicht zu Schulden kommen: der Muthwille ihres Sterne ist ihnen jetzt anstößig, aber in ihrer Prüderie verstehen sie auch unseres Goethe Wilhelm Meister nicht.

Fr. Vieles also, was die Welt Fortschritt des Zeitalters, Verbesserung der Sitten und Tugend, höheren moralischen Sinn, feineres und edleres Gefühl nennt, taufen Sie nach Ihren freigeistigen Ansichten nur als Mode?

Vieles, wie Sie sagen: das Rechte zu sinden, ist eben schwer und gelingt selbst den Besten nicht immer. Weiß ich doch, daß ich mit manchem verehrten Freunde wegen mancher jener edelmännischen Dichtungen in Streit gerieth, denen ich, wenn ich sie nicht komisch nahm, gar keine Seite des Verständnisses abgewinnen konnte. Ietzt hat freilich die Mode selbst längst wieder eingerissen, was sie aufbaute, und man ist nun schon gegen das Talent dieses Autors eben so unbillig, wie man es früher zu hoch erhob.

Tristan da Cunha, CaféFr. Ich hoffe, daß Sie diese Gedanken und Ueberzeugungen, die ich jetzt so zufällig von Ihnen vernehme, einmal gründlicher und umständlicher darlegen. Wie Sie in der neuesten Zeit eine Auflösung des Lebens sehen, des häuslichen, der Ehe und der Verhältnisse der Liebe, der Zufriedenheit, der Sicherheit und so weiter, so trat freilich um dieselbe Zeit auch ein Mißbehagen gegen den Staat und die öffentlichen großen Verhältnisse sichtbar hervor. Auch hier geschah das, was geschah, in einem andern, viel zerstörenderen Sinn, als in früheren Zeiten. Die Kraft der Zerstörung ist noch fühlbar, und das meiste, was zur Wiederherstellung versucht ist, scheint mir unverständig und ohnmächtig.

Eben, weil man nur wieder herstellen will, und mancher sogar denselben Thurm mit denselben Bausteinen, die zerschmettert vor seinen Füßen liegen. Neu sein, und doch alt, fortgehen in der Zeit, und doch nicht der Sklave jeder Thorheit werden, die Weisheit des Bestehenden, Festen, mit dem spielenden Witz des Wandelbaren verknüpfen, diese Widersprüche zu lösen, war die große Aufgabe aller Zeiten, wenn nicht das Starre bald welken und abbrechen, oder der flatternde Schmetterling der Tagesneuigkeit für Kraft und Schönheit gelten soll. Freilich mag es in unserm Iahrhundert schwieriger sein, als ehemals, weil alles verwickelter, künstlicher gestaltet ist, und die Revolution zu schmerzhaft und abschreckend gelehrt hat, daß das Durchhauen wol nur einem Alexander, und auch nur bei einem geflochtenen Knoten zu verzeihen ist.

Fr. Und wo bleiben die Romane? oder gar unsere Insel Felsenburg, von welcher wir anhoben? Ist es nicht dennoch verdächtig, ein Buch wieder auftreten zu lassen, dessen barbarische Schreibart uns empsindlich daran erinnert, wie zu derselben Zeit Richardson und Fielding, vieler anderer zu geschweigen, den Engländern ihre gebildeten Werke gaben? So wie Frankreich schon damals seine berühmtesten Autoren besaß.

Die Deutschen erwachten eben später, weil sie in dem ungeheuern Bürgerkriege zu ohnmächtig geworden waren. Wo alles verloren gegangen war, konnte sich die Literatur nicht retten. Seit dem großen Umschwung aller Verhältnisse durch die Reformation war der Kampf gegen das Papstthum, das an die Stelle der Hierarchie getreten war, eingeleitet, mit ihm der Streit gegen den Ueberrest des Kaiserthums, dessen hohe Würde im fünften Karl noch einmal und zum letztenmal hell aufgeleuchtet hatte. Alles, was fest bestanden, was die Welt regieret und geordnet hatte, versank, und es schien kaum möglich, bei der allgemeinen Zertrümmerung noch neue Stützen aufzusinden. Ein kläglicher Friede, der aus der allgemeinen Ohnmacht hervorging, schläferte endlich die letzten Kräfte betäubend ein. Hundert Iahr später erhob sich der Streit wieder, nicht mehr gegen Kirche und Papst, sondern gegen das Christenthum selbst, gegen die Religion ohne Weiteres, und in diesem Gelüst nach Auflösung, in welchem zugleich ein Krieg gegen Stände und Verfassung, gegen Geistlichkeit und Adel, gegen König und Gesetz hervorbrach, zeigte sich auch endlich jenes Streben, welches wir vorher bezeichneten, Ehe, Liebe, Treue, Häuslichkeit, Verstand und Vernunft durch eben so phantastische Sehnsucht als tiefsinnige Melancholie aufzulösen, und alles einem verzweifelnden Lebensüberdruß preiszugeben. Wie hat man nun auch hier den Grund und Boden wiedersinden wollen! Möchte derjenige, dem Frömmigkeit und Wahrheit ein Bedürfniß ist, nicht fast jene alte verrufene Aufklärung wieder zurückwünschen, die doch wenigstens redlich war, und doch etwa nur Christenthum, und was sie Schwärmerei nannte (freilich auch unendlich viel), verfolgte? da die neue Religiosität ihren Eifer darin zeigt, alles, was noch irgend Wahrheit und Schönheit bietet, Kunst, Poesie, Philosophie und Wissenschaft, bilderstürmerisch zu vernichten, und sich selbst zugleich? Mit dem Fanatismus, das ewig Wahre in jeder Verirrung zu tödten?

Fr. In dem Einschlag der vielfarbigen Lebenstapete werden aber, so hoffe ich, von dem Webemeister schon muntere und helle Fäden eingelegt sein, die auch wol schon in Bewegung sind, um das Gemälde mit Lichtern zu erfreuen.

Sie rührte wol sonst — weder Zeichnung noch Ausführung — von keinem weisen Meister her. — Von diesem Standpunkte aus, wo wir über so vieles Wichtige zu klagen Ursach fänden, möchten wir aber die Romane, die doch fast alle ziemlich unschuldig sind, nur unten in der Menge ungestört umlaufen lassen, bald dieses, bald jenes Bedürfniß befriedigend, vermittelnd, die Trauer und den Schmerz des Lebens sänftigend, sich an die Poesie lehnend, und vieles Wahre und Unwahre verspottend. Denn noch schlimmer wäre es, wenn der Mensch nicht seinem Treiben und so oft falschem Eifer wieder selbst hemmende Kräfte einschöbe, um sich das, was er das Gute und Rechte nennt, zu erschweren und zu verzögern. Verfährt die sogenannte Natur doch eben auch nicht anders.

Fr. In diesem Sinne könnte aber eine nicht uninteressante Geschichte der Nomanenlecture geschrieben werden. Wir haben in unserer Literatur viel mit den Worten „Naiv“ und „Sentimental“ gespielt: mir scheint, als könne man dergleichen Benennungen, wenn man sich erst über die Bedeutung der Zeichen verstanden hat, auch auf Zeitalter übertragen. In diesem Sinne möchte man die Iahre seit Rousseau, im Gegensatz der früheren, sentimental nennen, und jene früheren, da sie alle die Bedürfnisse, die sich seitdem ausgesprochen haben, noch nicht kannten, mit naiv bezeichnen.

Am meisten aber die Versuche jener Schriftsteller, die noch ohne Kunst und Bildung, ohne eigentliches Studium, aber auch ohne alle Kränklichkeit und süße Verweichlichung, wie ohne falsches Bewußtsein und literarischen Hochmuth, nur ihrer Phantasie und den Eingebungen ihrer Laune so bescheiden und redlich folgten, und eben deshalb so vieles in einem richtigen Verhältnis?, ja mit einem großartigen Verstande darstellen konnten, was bei anscheinend größern Mitteln so vielen ihrer Nachfolger, die so oft das Verzerrte für das Geniale nahmen, nicht gelingen wollte. Und so wären wir denn doch wieder zu unserer Insel Felsenburg gelangt. Ich weiß wohl, daß lange Zeit dieser Name bloß galt, um etwas ganz Verächtliches zu bezeichnen. Auel, damals noch, als der Rivaldo Rinaldini (das trockenste, was je diese Art Literatur hervorgebracht hat) viele Editionen und selbst eine Prachtausgabe erlebte. Aber eben, weil jene treuherzige Chronik der Insel, und das Leben des Altvaters, so wie die Erzählungen der Bewohner und Ankömmlinge, aus jener naiven Zeit herrühren, sind sie in unserer verwirrten und verstimmten Zeit von neuem, und mehr wie so vieles andere, ergötzlich und lehrreich, ja sie können für Manchen, der vor Allwissen nicht aus und ein weiß, wahrhaft erbaulich werden. Dieser Autor, welcher in jenen Iahren viele Bücher geschrieben hat, zeigt eine vielseitige Kenntniß seines Zeitalters und des damaligen Wissens, auch Chemie, Astrologie und die Goldmacherkunst sind ihm nicht fremd, er hat die Menschen mit scharfem und sicherem Auge beobachtet. Vorzüglich interessant sind die mannichfaltigen Lebensbeschreibungen der Colonisten, von denen fast alle den ächten Beruf eines Schriftstellers beurkunden. Wenn also der neue Bearbeiter nur den Canzleisiyl jener Tage mildert und verbessert, vorzüglich aber manche Stellen des Buches abkürzt, am meisten die Beschreibungen des Gottesdienstes, welche zu oft wiederkehren und für einen Roman mit zu großer Vorliebe ausgemalt sind, kurz, wenn er, ohne das Gute zu verkennen, nur das ausläßt oder neu darstellt, was als bloße Zufälligkeit jener Tage sich dem Buche einmischte, so hat er der Lesewelt ohne Zweifel ein lobenswerthes Werk wieder in die Hände gegeben, die ihm für seine Bemühung danken muß.

Fr. Ein berühmter dänischer Dichter, Oehlenschläger, hat mit dem deutschen Bearbeiter zugleich dies Buch angekündigt.

Ein Zeichen, wie sehr man etwas Besseres und Veraltetes in unserer neuen Zeit wieder bedarf.

Fr. Nur nicht wörtlich, wie Sie bemerken.

So wenig als die Vorzeit im Staat, welche Anmerkung wir auch schon gemacht haben.

Fr. Und Ihre versprochene Vorrede?

Unser Gespräch kann diese vielleicht vertreten.

Internet Café

Bilder: NASA Terra ASTER image of Tristan da Cunha Island, South Atlantic Ocean, 25. Oktober 2006;
Karte der Insel Felsenburg für den Roman;
The National Archives UK: Tristan da Cunha, 1927;
Brian Gratwicke: Tristan da Cunha, Urlaubsfotos März 2012.

Belohnungslied nach 71 kB Nettobuchstaben: Marius Müller-Westernhagen: Auf ’ner einsamen Insel,
aus: Ja Ja, 1992 — sein letztes richtig gutes Lied:

Written by Wolf

4. November 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Aufklärung, Land & See, ~~~Olymp~~~

Der Goethe wor fei aa do (It’s a nice-a place)

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Update zu Wanderwochen 01: Goethe guckt in die Ferne:

Der Leser möge sich des weitern
An Goethes Texten selbst erheitern,
Denn trieb ich fort so, breit im Strom,
So kämen wir ja nie bis Rom,

Geschweige bis Sizilien gar.
Wie fein heraus der Goethe war,
Der an den Stätten, die ihm lieb,
Rund anderthalb Jahre blieb.

Das konnt er als Minister halt,
Bei weiterlaufendem Gehalt.
Und dann noch ein besonderes Glück:
Als Klassiker kam er zurück!

Eugen Roth.

Heute vor 230 Jahren, am 6. September 1786, verbrachte Goethe seine erste, letzte und einzige Nacht in München.

Das spricht nicht gegen München: Goethe mochte allgemein keine Großstädte, mit oder ohne Herz. Ausgewiesene Goethehäuser stehen heute in Artern an der Unstrut, Bensberg, Gabelbach, Holzappel, Ilmenau, Stützerbach und Volpertshausen, in Tübingen und auf dem Kickelhahn je ein Goethehäuschen, in Weimar waren mehrere Gedenkstätten wirklich nicht zu unterbinden, und in Frankfurt ist er geboren. Die Dependenzen in Rom und gar New York erinnern an Goethes Geist, nicht aber an seine Anwesenheit. Im Mittenwalder, unmittelbar verwandt mit München und der Italienische Reise, ist eine Apotheke drin. Kein Goethehaus steht zum Beispiel in Berlin, Hamburg, Köln oder eben München.

Warum so kurz in München? — Weil er auf der Durchreise war, und das noch in Eile. Auf dem Weg von Weimar über Karlsbad nach Italien muss man früher oder später die Isar überqueren, das ist eine geographische Gegebenheit, gegen die auch kein Bestsellerautor auf dem Weg zum Dichterfürsten in der Midlife-Crisis ankommt. Goethe nahm die seinige kurz nach seinem 37. Geburtstag und stahl sich, man kann es nicht viel schmeichelhafter sagen, über Nacht aus seinen Weimaraner Amtsgeschäften und schriftstellerischen Projekten davon. „Bei weiterlaufendem Gehalt“ (Eugen Roth) von seinem persönlichen Saufkumpan Karl August kann sich das einer wenn schon nicht moralisch, so doch wenigstens finanziell leisten.

Und wo war er da überhaupt, in München? — Schauen wir nach in seinem Tagebuch, gestaltet als Brief an Charlotte von Stein und zum Mitlesen freigegeben in seiner Italienischen Reise, Abschnitt Carlsbad auf den Brenner in Tyrol:

Gasthof zum Schwarzen Adler, Kaufingerstraße 23, Stadtmuseum München

Abends um sechse. nun ist mein Münchner Pensum auch absolvirt, diese Nacht will ich hier schlafen und Morgen früh weiter. Du siehst ich richte mich eilig ein, und will und muß nun einmal diese Manier versuchen, um von der alten hockenden und schleichenden ganz abzukommen.

Ich habe die Bildergallerie gesehn und mein Auge wieder an Gemälde gewöhnt. Es sind treffliche Sachen da. Die Scizzen von Rubens zu der Luxenburger Gallerie sind herrlich. Das vornehme Spielwerck, die Colonna trajana im Modell, die Figuren verguldet Silber auf Lapis lazuli, |: ich glaube Archenholz spricht davon :| steht auch da. Es ist immer ein schön Stück Arbeit.

Im Antiquario, oder AntikenCabinet, hab ich recht gesehen daß meine Augen auf diese Gegenstände nicht geübt sind, und ich wollte auch nicht verweilen und Zeit verderben. Vieles will mir gar nicht ein.

Ein Drusus hat mich frappirt, die zwey Antoninen gefielen mir und so noch einiges. Sie stehen auch unglücklich, ob man gleich recht mit ihnen aufputzen wollen, und als Ganzes der Saal, oder vielmehr das Gewölbe, ein gutes Ansehn hätte, wenn es nur reinlicher und besser unterhalten wäre.

Im Naturalienkabinet fand ich schöne Sachen aus Tyrol, die ich aber durch Knebeln schon kannte. Apropos von Knebeln! Ihm gefiel im Antikensaal ein Julius Cäsar so wohl, der, |: ich müßte mich entsetzlich betrügen :| gar nichts taugt, allein ich finde eine frappante Ähnlichkeit der Büste mit Knebeln selbst. Die Übereinstimmung des Charackters hat also den Mangel der Kunst ersetzt.

Ich wohne auch hier in Knebels Wirthshaus, mag aber nicht nach ihm fragen, aus Furcht Verdacht zu erwecken oder dem Verdacht fortzuhelfen. Niemand hat mich erkannt und ich freue mich so unter ihnen herum zu gehen. Bey Kobelln war ich, fand ihn aber nicht zu Hause. Sonst hatt ich den Spas einige die ich dem Nahmen nach kannte, und ihr Betragen zu sehen.

Überhaupt da ich nun weis wie es allen Ständen zu Muthe ist und niemand seinen Stand verbergen kann und will; so hab ich schon, das phisiognomische abgerechnet, einen grosen Vorsprung, und es ist unglaublich wie sich alles auszeichnet.

Herder hat wohl recht zu sagen: daß ich ein groses Kind bin und bleibe, und ietzt ist mir es so wohl daß ich ohngestraft meinem kindischen Wesen folgen kann.

Morgen geht es grad nach Inspruck!

Ja, das ist die vollständige Coverage aus erster Hand zu Goethes Münchenaufenthalt, mehr haben wir nicht. Keine werkbeeinflussenden Funde und Begegnungen, kein spektakuläres Besäufnis, keine Weibergeschichten. Am selben Morgen war er aus Richtung Haimhausen durchs Schwabinger Tor gekommen, eilte durch die Sehenswürdigkeiten wie ein japanischer Tourist, schrieb um 18 Uhr sein Tagebuch und saß am nächsten Morgen um 5 Uhr schon wieder in der Postkutsche Richtung Isartal, Wolfratshausen, Benediktbeuern, Mittenwald, Innsbruck und Brenner.

Mit Knebel ist Karl Ludwig von Knebel gemeint, und mit dessen Wirtshaus der damalige Schwarze Adler, Kaufingerstraße (nicht „Kaufinger Straße“) 23 — damals wie heute in Rufweite westlich des Marienplatzes, der sich gern für eine Art dritten magnetischen Pol hält. Noch zentraler in München kann man nicht wohnen. Heute ist die Kaufinger- mit ihrer westlichen Verlängerung Neuhauser Straße eine touristische Rennmeile voller H&M-Filialen wie jede andere Fußgängerzone in jeder Stadt über 100.000 Einwohner der Welt auch, zu Goethes Zeit war sie eine regelrechte Ballung gehobener Gasthäuser mit Unterkunft. Goethe — in seinem midlife-kritischen Unterfangen der nächste moralisch fragwürdige Zug — quartierte sich dort unter dem falschen Namen „Johann Philipp Möller, Kaufmann aus Leipzig“ ein und bezog eins der 38 Zimmer zum Preis von 24 Kreuzern für die Übernachtung.

Anstehender Forschungsgegenstand: War das mit oder ohne Frühstück? — Ich behaupte: ohne — weil ich kein Münchner Servicepersonal so einschätze, dass es sich nachts um viere, halber fünfe aus den Federn quält, bloß weil der Möllers-Philipp aus Sachsen meint, er könnt für seine Handvoll Kreuzerl alles anschaffen, weil er selber sich um fünfe weiterschleicht und wahrscheinlich eh nie mehr wiederkommt.

Gegenwärtig bestehen im Münchner Stadtgebiet noch drei Gaststätten, die Schwarzer Adler heißen: in der Amalienstraße 26 inmitten des Univiertels, in der Landsberger Straße 456 in Obermenzing und in der Plinganser Straße 63 unweit des Harras. Goethes oder genauer: Knebels Schwarzer Adler bestand unter dieser Wirtschaft seit 1755 und noch bis 1790.

Seit 1918 ist unter der Adresse des Schwarzen Adlers: Kaufingerstraße 23–26 die Firma Breiter Hut und Mode belegt, gegründet 1863 und auf dorthin zum heutigen größten „Huthaus“ Europas expandierend.

Wo einst Goethe übernachtete, werden Hüte verkauft. Das betreffende Stammhaus hat drei Stockwerke — bei seither weitgehend unverändertem Schnitt der denkmalgeschützten Immobilie müsste eins davon durchaus Möller-Goethes Fremdenzimmer abdecken. Das muss man erst einmal auf sich wirken lassen, aber nicht zwingend schlimm finden.

Breiter Hut und Mode, Stammhaus Marienplatz, Kaufingerstraße 23--26, München

Letztes Glied in unserer Assoziationskette: Wer an Goethe in Verbindung mit Hüten denkt, sieht unfehlbar vor seinem geistigen Auge das ikonische Bild Goethe in der Campagna von Tischbein, 1787. Und siehe da: Schon auf der Skizze, die in der Weimarpedia gezeigt wird, trägt Goethe souverän auf den Steinhaufen hingegossen seine zwei linken Schuhe, die es bis ins Original geschafft haben.

Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, Goethe in der Campagna, 1787, Skizze via Weimarpedia

Die eigentliche Frage ist also: Warum war Goethe überhaupt in München? Es wurde offenbar wirklich Zeit, dass er sein Leben in Weimar fürs erste hinter sich ließ, um sich von Sturm und Drang zu befreien und in knapp zwei Jahren Italien (insgesamt waren es genau 1 Jahr, 9 Monate und 15 Tage) zum Klassiker zu reifen. Besonders in seiner aktuellen seelischen Verfassung hätte diesem krisengeschüttelten Sozialphobiker, der unbedingt „ohngestraft [seinem] kindischen Wesen folgen“ musste, eine Übernachtung in Freising oder Wolfratshausen bei weitem ähnlicher gesehen.

Buidln: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek: Gasthof Schwarzer Adler, 1786,
in: In Knebels Wirtshaus. Johann Wolfgang von Goethe über München;
Breiter Hut & Mode, Stammhaus Marienplatz;
Johann Heinrich Wilhelm Tischbein: Goethe in der Campagna, 1787, Skizze via Weimarpedia.
Abgesehen wurde von Prof. Henner Herrmanns: Zeichnen in der Glyptothek, der am 6. September 2012 unter anderem die dortige Diana höchst lebendig zeichnete.

Soundtrack: Joe Dolce (man beachte den Hut): Shaddap You Face, aus: Ain’t in No Hurry, 1980. Das bedeutet erstens den putzigsten — und übrigens siebenzeiligen — Ohrwurmalarm, den die Hitparade der 80er je ausgelöst hat, und zweitens, wenn man’s mal genau durchdenkt, erstaunlich viele Bezüge zu Goethes erster Italienreise — und deswegen, damit drittens die Jungfröschlein unter uns nicht tagelang immer nur das finale „Hey!“ mitsingen müssen:

What’s-a matter you? (Hey!)
Gotta no respect? (Hey!)
What-a you think you do? (Hey!)
Why you look-a so sad? (Hey!)
It’s-a not so bad (Hey!)
It’s a nice-a place (Hey!) —
Ah, shaddap-a you face.

Written by Wolf

6. September 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Land & See

Doktor Faustus goes Science Fiction

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Update zu Moby Dünn:

Auf den Schultern von Riesen stehen nicht immer nur Zwerge, und Zwerge stellen sich nicht immer auf die Schultern von Riesen. Auf den Schultern von Naturwissenschaftlern stehen oft Geisteswissenschaftler, umgekehrt ist es zwar nicht seltener, es fällt nur nicht so auf.

Science and Mechanics, SCIENCE NEWS of the MONTH, Februar 1936 via Modern Mechanix. Yesterday's tomorrow, todayEs wird noch verwirrender. Thomas Mann zum Beispiel. Bekannt und zu Recht sehr gelobt für seine entwaffnend genaue Beobachtungsgabe, aber nicht gerade für komplexe Handlungsverläufe, wollte Thomas Mann nicht schwul sein, sondern vielmehr Goethe. Schwul hätte man ihm seinerzeit niemals verziehen, aber wenigstens geglaubt, dagegen kann sich niemand auf egal wessen Schultern stellen und behaupten, er sei Goethe. Das Thema, welches davon Thomas Manns größeres Lebensdrama war, ist zur Bearbeitung freigegeben.

Wir dürfen uns jedoch darauf einigen, dass Thomas Mann nicht auf der Brennsuppe dahergeschwommen ist, sondern natürlich aus Quellen schöpfen und sich auf die Schultern großer und kleiner Vorgänger stellen musste, um immerhin Thomas Mann zu werden. Am klarsten sind die Quellen bei offenen Umdeutungen und Fortführungen klassischer Stoffe wie in den Joseph-Romanen, Lotte in Weimar — und Doktor Faustus.

Die in aller Klarheit sprudelnde Quelle für den letzteren ist die komplette Faust-Mythologie, an deren Ende er steht, vorneweg das Volksbuch Historia von D. Johann Fausten von Johann Spies 1587, gar nicht so sehr Goethes zweiteilige Tragödie: Wahrscheinlich war sich Thomas Mann selbst Goethes genug — ein weiteres Thema, das zur Bearbeitung freigegeben bleibt.

Weil in einem selbstverfassten, populär gemeinten Volksbuch eines Akzidenzendruckers von 1587 nicht die Weisheit und Technologie des frühen 20. Jahrhunderts versammelt sein kann, musste Thomas Mann richtig recherchieren. Die musikwissenschaftlichen Teile ließ er sich von Adorno schreiben — ein Thema, das schon ausreichend zur Bearbeitung und Häme freigegeben war — und nur die naturwissenschaftlichen musste er aus der Zeitung beziehen. In Kapitel XXVII von Doktor Faustus unternimmt der „Faustus“ Adrian Leverkühn unter fachkundiger Führung des Gelehrten Capercailzie eine Tiefseefahrt in einer Tauchkugel und eine Weltraumfahrt — vielleicht. Er erzählt nämlich nur von seinen unwahrscheinlichen Abenteuerfahrten, aber eben so genau, dass er einfach vor Ort gewesen sein muss. Die Romantatsachen bleiben offen, unbekannt für den Erzähler Leverkühn, dessen Erzähler Serenus Zeitblom und wahrscheinlich auch wiederum dessen Erzähler Thomas Mann.

Thomas Manns Informationsquellen über Tiefsee und Weltall werden in der Großen Kommentierten Frankfurter Ausgabe genannt; die Zeitungsausschnitte existieren im Nachlass. Der amerikanische übers Weltall — siehe unten — existiert sogar frei zugänglich in Google News, und zwar ohne Bezug auf irgendwelche deutsche Nachkriegsliteratur, was seine Glaubwürdigkeit sogar noch erhöht. Es folgen Thomas Manns Quellen für seine Retro-Science-Fiction-Passagen im Wortlaut, garniert mit möglichst themennahen zeitgenössischen Bildern (und den paar wenigen relevanten Weltraumliedern, die es überhaupt gibt).

UNDER-SEA TRACTOR-SPHERE ROAMS OCEAN FLOOR, Modern Mechanix, January 1935

——— Anonymer Artikel:

Die Wunder der Meerestiefe

Ein neuer Tiefenrekord — 830 Meter unter der Seeoberfläche.

in: Prager Presse, 14. August 1934, Seite 4:

Hamilton (Bermuda-Inseln), 13. Aug. Die amerikanischen Forscher Dr. William Beebe und Otis Barton stellten in ihrer kugelförmigen „Bathysphere„, 8 Seemeilen östlich von St. Georg, einen neuen Tiefenrekord auf. Sie erreichten eine Tiefe von 765 Metern unter der Meeresoberfläche. Die Forscher verblieben drei Stunden unter Wasser und machten in großer Tiefe Kino-Aufnahmen durch Quarzfenster mittels Starkstrom-Scheinwerfern. Sie gaben telephonisch fortlaufend eine Beschreibung ihrer Erlebnisse und berichteten, daß das Tageslicht bis in eine Tiefe von 57 m dringe und daß in größerer Tiefe die Tier- und Pflanzenwelt unvorstellbare Formen an Zahl und Schönheit aufweise.

UNDER-SEA TRACTOR-SPHERE ROAMS OCEAN FLOOR, Modern Mechanix, January 1935Die „Bathysphere“ hat 2 m Durchmesser, ist 2 Tonnen schwer und ähnlich ausgerüstet wie ein Stratosphärenballon.

INS. Hamilton (Bermuda-Inseln), 13. August. Der amerikanische Tiefseeforscher Dr. William Beebe will seinen Verusuch bereits in den nächsten Tagen wiederholen und möglichst auf 1000 m gehen. Der Tauchapparat Bartons besteht aus einer völlig wasserdicht verschließbaren Kugel von einem Innendurchmesser von nur 1,20 Meter, so daß die beiden Insassen die 3 Stunden u. 5 Minuten, während der sie sich unter Wasser befanden, in denkbar unbequemer Stellung verbringen mußten.

Ueber die Fülle der sich ihren Augen enthüllenden Wunder der Tiefsee gab Dr. Beebe folgende begeisterte Schilderung:

„Die menschliche Sprache ist zu arm, um die Herrlichkeit und Pracht der Natur zu schildern, die uns die Tiefe bisher verborgen hat. Wir bestiegen um 9 Uhr morgens unsere Tauchergondel, die 400 Pfund schwere Panzertür wurde hinter uns versperrt und wir wurden langsam durch den Kran des Begleitschiffes ins Wasser gelassen. Anfangs umfing uns das kristallklare von der Sonne durchleuchtete Wasser, allmählich nahm das Wasser eine graue Farbe an, die dann in ein undefinierbares Blau überging. Bei 2500 Fuß, der größten von uns erreichten Tiefe, war das Wasser schließlich ganz schwarz. In dieser Tiefe war unser Tauchapparat dem enormen Druck von 500.000 Tonnen ausgesetzt. Die Temperatur in der Gondel betrug 6 Grad Celsius. Wir wußten nicht, ob unsere Kugel bei einem noch größeren Druck weiter dicht halten würde, außerdem ging unser Sauerstoffvorrat zu Ende, so daß wir uns nach halbstündigem Aufenthalt und einer Gesamttauchzeit von 3 Stunden 5 Minuten entschließen mußten, das Signal zum Hochziehen zu geben. Vor unseren begeisterten Augen zog das leben der Tiefsee in seinen hundertfältigen unbeschreiblichen Formen vorüber. Mit Hilfe unseres starken Scheinwerfers erleuchteten wir das uns umgebende Wasser, in das noch nie ein Sonnenstrahl gedrungen war. Fische von phantastischen, beinahe unvorstellbaren Formen huschten an dem Fenster der Gondel vorbei. Wir haben viele Arten gesehen, von denen die Wissenschaft sich noch nichts träumen ließ. Erstaunt war ich über die Größe der in dieser Tiefe noch lebenden Fische, von denen einige eine Länge von 2 m erreichten. Wenn wir das Licht unseres Scheinwerfers in der dunklen Wassertiefe verlöschten, enthüllte sich uns ein weiteres Wunder. Das Meer irrlichterte weithin von den Bewohnern der Tiefsee, von denen jeder ein einzigartig phosphoreszierendes Licht ausstrahlte, das vielleicht ebenso zur Beleuchtung als auch zum Anlocken von Beute dienen soll.

Mancher Fisch strahlt ein so helles Licht aus, daß unsere Augen beinahe geblendet wurden, wenn das Tier in die Nähe unseres Fensters kam. Einige größere Fische stießen mit unserer Gondel zusammen und wir sahen, wie sie in Stücke zerplatzten. Am schönsten war ein Fisch, den wir in 800 Meter Tiefe sahen. Er erschien uns fleischfarben und war ebenfalls mit einem starken Licht ausgestattet. Es ist schade, daß wir die Tiere nicht mit an die Oberfläche bringen konnten, um sie hier einer wissenschaftlichen Untersuchung zugänglich zu machen. Der Erfinder unseres Tauchapparates will eine besondere Vorrichtung herstellen, mit deren Hilfe wir die Bewohner der Tiefsee einfangen und sie mit gleichbleibenden Druck mit an die Oberfläche nehmen können. Nach einem weiteren Tauchversuch, bei dem wir, wie gesagt, 3000 Fuß tief gehen wollen, werde ich meine Tiefenforschung vielleicht auch in europäischen Gewässern fortsetzen. Ich nehme jedoch an, daß das Leben der Tiefsee über all gleich ist und daß wir dort keine anderen Abarten von Lebewesen entdecken werden, als bei der Bermuda-Inseln.“

UNDER-SEA TRACTOR-SPHERE ROAMS OCEAN FLOOR, Modern Mechanix, January 1935

Der Astronom ist gewohnt, mit ungeheuren Zahlen und hohen Geschwindigkeiten zu rechnen.

Kapitel XVII, a. a. O.

——— Robert D. Potter, Science Editor:

We Live INSIDE a Globe, Too

Our Earth’s Just a Speck in a Flat Galaxy Which, Science Now Finds, Is Enveloped by a Spherical Star Mantle

in: The American Weekly. Greatest Circulation in the World. „The Nation’s Reading Habit“ Magazine Section—Milwaukee Sentinel, Copyright. 1944, by American Weekly, Inc. All Rights Reserved,
aus: The Milwaukee Sentinel. Dedicated to Truth, Justice and Public Service. One of the Oldest Business Institutions in Milwaukee—Founded June 27, 1837, 3 Cent in Milwaukee County, Elsewhere 5 Cent, Volume CVII, no. 28,
an den meisten Orten ausgewiesen für 18. März 1944, laut Original-Scan „Week of March 19, 1944“, Seite 4:

Modern Mechanix. Yesterday's tomorrow, todayPrimitive man believed that he lived on a flat earth under a round sky, ruled by the sun by day, and the stars at night.

Early astronomers dissipated half this illusion when they demonstrated that the world is round and revolves around the sun.

Later students of the stars have spent much research and thought on the shape of the sky — or, rather, as we now understand things, the shape of the physical universe of which our world is an infinitesimal part.

Their first conclusion was that the universe — or at least the galaxy in which the earth is situated — is, in general terms, flat. Our galaxy has been pictured as a great pinwheel of stars, shaped like a watch — round and wide two ways like a plate, but relatively thin in the third dimension.

But, curiously, quite recent discovieries at Harvard College Observatory point toward the possibility that primitive man was right in conjecturing that the firmament is round.

While our galaxy may be watch-shaped, it now appears that it is surrounded by a haze of other stars so distributed as to make the entire structure spherical.

As pictured by Dr. Harlow Shapley, Director of Harvard College Observatory, our galaxy, in its external structure, is shaped like a huge orange. Most of it is empty space, of course, but there is a concentration of stars in the central plane of this ball, the flat plane theat would appear if you cut the orange through the middle.

On each side of this great stellar belt, however, is the misty haze of stars — the mantle of heavens — which has now been discovered.

Stellar distances are so great astronomers do not talk about any little unit of length such as a mile; rather they speak in terms of „light-years,“ which is not a unit of time but is a unit of distance. A light-year is the distance lightr would travel in a year at its fantastic speed of 186,000 miles a second. If you have a pencil and enough paper you can figure out that a light-year is nearly equivalent to 6 trillion miles.

Astronomers used to say that the flat, pinwheel-shaped galaxy, shaped like a watch, was 100,000 light-years across and only 30,000 light-years thick.

Our sun, only one of millions of stars in the galaxy, was located about 30,000 light-years off the center.

The new astronomical discoveries have not changed the location of the sun, and, of course, our earth, in this great belt of stars.

The new discoveries show, however, that the mantle of stellar haze extends outward from the central plane for a distance of 10,000 light-years.

Modern Mechanix. Yesterday's tomorrow, todayThe drawing of the new ball-shaped galaxy on this page shows the sun and planets magnified nearly 6,500 times. This means if the globular galaxy were drawn to the same scale it would have to be nearly seven miles in diameter. Finding the solar system in it would be like trying to find a silver dollar on Manhattan Island in New York City.

Astronomy got its yardstick of heavenly distances by the variable stars. If astronomers looked at some distant nebula and found a puslating variable star in it, they could work out its true bightness. And, when they knew this, they could see how much its original light was dimmed on its way to man’s telescopes on earth.

When they learned that, they knew in turn how far away the stars was.

That’s how Harvard’s Dr. Shapley and his colleagues worked out the new dimensions and shape of our star galaxy.

Trying to find out where he lived in relation to other worlds and stars has been one of man’s most disillusioning discoveries.

Being a very conceited individual, man first pictured his home, the earth, as the center of the entire universe. Planets, the sun, and the stars, all revolved around him — or so he thought.

Then, with Copernicus, came the discovery that the earth was not the center of all things. Rather the earth was only one of several planets which were satellites of our sun. This was a great comedown for man’s vanity, for he finally realized that his home was just a tiny speck of matter in space.

But even this picture was pretty flattering. If the earth wasn’t the center of the universe, then at least it was attached to the sun, which was

But this was not the end of the unhappy process of pricking the bubble of man’s vanity. It was discovered that our sun was just one star amongst countless billions of stars.

This larger grouping of stars was called a galaxy.

But even that was not the end. Our galaxy was important, all right., but it was only one family of stars amongst countless others in space.

In a scientific sense man gradually grew up as he increased his knowledge. At first he was a little child who thinks he is the center of all things. The he discovered he was just a satellite of his parents. Next he discovered his parents were only individual persons among millions.

Finally he discovered that these people lived on a tiny speck of matter called the earth, which was very insignificant in space.

All of these discoveries, of which Harvard adds the newest facts, explain why astronomers seldom have a swelled head. They above all people know how small man’s home is in the scheme of greater things.

Modern Mechanix. Yesterday's tomorrow, today

Was mich alles daran erinnert, wie begierig und akkurat einst Carl Barks den National Geographic für seine Entenhausener Berichte verfolgte — dass man anhand der dortigen Veröffentlichungen schon mal raten konnte, welche neuen Erkenntnisse und Erfindungen im nächsten Donald Duck vorkommen müssten. Ein Thema, das ich mitnichten zur Bearbeitung freigebe, das will ich nämlich selber.

Bilder: Modern Mechanix: UNDER-SEA TRACTOR-SPHERE ROAMS OCEAN FLOOR, Januar 1935;
Science and Mechanics: SCIENCE NEWS of the MONTH, Februar 1936;
Popular Science: Static from the Stars, Januar 1948,
alle via Modern Mechanix. Yesterday’s tomorrow, today.

Soundtracks chronologisch:

Written by Wolf

19. August 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Novecento

Alle wurden bei diesem Anblicke still und atmeten tief über dem Wellenrauschen: Regensburg bis Grein

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Update zu Die deutsche Sirene vom Zwirbel im Rhein in die Bronx:

Ich komm ja nicht viel raus. In Regensburg war ich in den letzten Jahrzehnten ein paarmal, weil mir da ein einziger freier Tag und ein Bayern-Ticket für momentan 23, zu zweit 28 Steinchen reichen. Außerdem ist da das Stammhaus vom Bücher Pustet, der seinerzeit die Bücher aus dem Winkler-Verlag hergestellt hat. Heute ist das ein ehrbarer, seiner Geschichte und Heimat bewusster Glückwunschkarten-Outlet mit Bestseller-Ecke wie die Buchhandlungen in allen anderen Innenstädten auch, aber man interessiert sich halt.

Empfohlen wird das Café Prock in der zentral gelegenen Blaue-Lilien-Gasse 3, vor allem der Innenhof, in dem man nicht viel hört außer die Donau plätschern. Die hat nämlich keine 100 Meter Luftlinie entfernt ihren Regensburger Strudel, zu dem wir gleich kommen. Das Café Prock indessen hat Obstkuchen, neben den sie nicht extra hinschreiben müssen, was es mal für Obst war, beispielhaft saftigen Mohnkuchen, einen alle Beschwerden lindernden Eiskaffee, Bayern 3 auf dem Klo, mindestens eine hübsche Bedienung, ein freundliches Interview in deren anheimelndem Oberpfälzer Zungenschlag, wie’s im Dom war, und sympathischerweise keine Website. Jedenfalls war das zuletzt 2014 so.

Weil ich meistens, wenn überhaupt, nur samstags raus kann, muss ich schreibtischreisen, was in Zeiten von Google Earth schon in Ordnung geht, außer es zieht mich nach Nordgrönland. Regensburg ist dagegen digital recht ordentlich erschlossen. Zu unterscheiden gilt es — gerade auch literaturhistorisch mit Hilfe der Bayerischen Staatsbibliothek — den Regensburger Strudel und die Donauwelle.

Beide klingen wie Kuchen aus dem Café Prock, sind aber Bestandteile der ungezähmten Donau. Im literarischen Teil kommt uns die Bayerische Staatsbibliothek, die offenbar den Tourismus unterstützt, mit Eichendorff:

Bernhard M. Baron, Regensburg II. Joseph von Eichendorff, Oberpfälzer Litera-Tour, Literaturportal Bayern

——— Bernhard M. Baron:

Oberpfälzer Litera-Tour. Regensburg II

Bayerische Staatsbibliothek fürs Literaturportal Bayern:

Am 12. Mai 1807 besuchte der oberschlesische Dichter der deutschen Hoch-Romantik, Joseph Freiherr von Eichendorff (1788-1857) – von Passau kommend – die Donaustadt Regensburg auf seiner Reise zur Universität Heidelberg. Eichendorff schreibt in sein Tagebuch : „Es ist herzergreifend, wie diese alte berühmte Stadt jetzt durch die Auflösung des Reichstages öde und leer ist; nur die Kirchen schauen erhaben über die kleinlichen Jahre, einsam aus den alten kräftigen Zeiten der Herrlichkeit herüber.“

Und am 14. Mai 1807 heißt es:

Früh fort. […] Schöne Aussicht auf Regensburg, das in dem fernen Tale mit seinen alten Türmen wie eine ungeheure Ruine daliegt.

Exakt ein Jahr später, am 13. Mai 1808, reist Joseph Freiherr von Eichendorff wieder von Heidelberg zurück ins heimatliche Schloß Lubowitz (Oberschlesien), ab Regensburg aus finanziellen Gründen mit einem Postschiff donauabwärts. Die Beschreibung der Donaufahrt im 1. Kapitel seines Jugendromans Ahnung und Gegenwart (1815 gedruckt) gibt die Stimmung dieser romantisch (idealisierten) Schiffsreise wieder:

Die Sonne war eben prächtig aufgegangen, da fuhr ein Schiff zwischen den grünen Bergen und Wäldern auf der Donau herunter. […] Wer von Regensburg her auf der Donau hinab gefahren ist, der kennt die herrliche Stelle, welche der Wirbel genannt wird. […] Sie fuhren soeben an einer kleinen Stadt vorüber. Hart am Ufer war eine Promenade mit Alleen. Herren und Damen gingen im Sonntagsputze spazieren, führten einander, lachten, grüßten und verbeugten sich…

Der Mensch geht gänzlich im Bildhaften auf, in der wunderbaren Farbenpracht der Natur. Seine Seele ist eins mit der vom göttlichen Geist durchwehten Natur. Für die Quellen Eichendorffs Dichtung werden Naturerlebnis und Geschichtserlebnis ein Leben lang Gültigkeit haben.

Im ungezähmten Donauteil kommt uns Wikipedia mit der Donauwelle:

Dieser ehemals sehr starke Strudel unterhalb von Grein in Oberösterreich auf der Nordseite der Insel Wörth hat seit 1866 durch Sprengungen seine Gefährlichkeit für die Schifffahrt verloren. Flussaufwärts liegt in Regensburg der Regensburger Strudel unterhalb der Steinernen Brücke. Er resultiert aus den engen Brückendurchlässen.

Etwas passt also nicht zusammen. Fragen wir gleich die Staatsbibliothek persönlich, was mehr Erfolg verspricht als persönliche Fragen an WIkipedia. Ich so am 12. März 2016 (hier zweckmäßig korrigiert):

Ist denn am Anfang von „Ahnung und Gegenwart“ tatsächlich von Regensburg die Rede? Ich würde es immer gern glauben, dass der Roman dort spielt, es heißt aber, wie richtig angeführt: „Wer von Regensburg her auf der Donau hinab gefahren ist, der kennt die herrliche Stelle, welche der Wirbel genannt wird.“

Nun kam Eichendorff ja bis Wien, das geht von Regensburg noch weit flussabwärts. Und der Wirbel an der Steinernen Brücke heißt ortsüblich, im Tourismus und der Zeitgeschichte nicht „Wirbel“, sondern „Strudel“. Ein Wirbel, der „Wirbel“ oder geläufiger „Donauwelle“ heißt, kommt erst an der Grenze zwischen Ober- und Niederösterreich bei Neustadtl an der Donau, unweit einer Burg Hausstein, die 1854 gesprengt wurde — die mithin Eichendorff noch gesehen haben kann.

In dieser ober-/niederösterreichischen Variante wäre in „Sie fuhren soeben an einer kleinen Stadt vorüber“ die kleine Stadt wohl Grein, weil man — der Landkarte nach zu schließen, ohne je die Örtlichkeit besucht zu haben — Neustadtl nicht vom Donauufer aus sehen kann.

Die Frage, die Regensburg aus dem litera-touristischen Rennen werfen kann, ist: wo denn in der Regensburger Variante der „seltsam geformt[e] Fels, von dem ein hohes Kreuz trost- und friedenreich in den Sturz und Streit der empörten Wogen hinabschaut“, stehen soll. Das soll doch nicht der Dom sein, für den Eichendorff ehrfürchtigere Worte gefunden hätte.

Es ist ein schöner Gedanke, die Orte der Handlung noch besuchen zu können. Gibt es denn eindeutige Belege für die Möglichkeiten Regensburg oder Grein?

Mir liegt nichts daran, dem Literaturportal Bayern, das sich eigens auf die erste Hand der Bayerischen Staatsbibliothek verlässt, das touristische Geschäft zu verhageln; immerhin will jemand in Regensburg Strudelrundfahrten für 8,90 Euro pro Person verkaufen. Im Gegenteil, ich finde solche Erschließungen und Zusammenarbeiten löblich und fahr gern selber mal überall hin. Da will ich gar kein Spielverderber sein. Bloß ein Besserwisser.

Rettung und Erleuchtung bringt einmal mehr eine der gewissenhaft durchkommentierten Gesamtausgaben der Bibliothek Deutscher Klassiker — im Band Eichendorff: Ahnung und Gegenwart, Sämtliche Erzählungen I. Die Kommentare sind von Wolfgang Frühwald und Brigitte Schillbach und verraten:

Nach [Eichendorffs historisch-kritischer Gesamtausgabe] 3 (1913), S. 452 paßt die Beschreibung „auf den Donauwirbel bei Grein, wie er in einer gleichzeitigen Reisebeschreibung Bertuchs dargestellt wird. (Bemerkungen auf einer Reise von Thüringen nach Wien im Winter 1805 bis 1806. Weimar [im Verlage des Landes-Industrie-Comptoirs] 1808, I 49.) Der Felsen mit dem Kreuz wäre der heute gesprengte Felsen Hausstein.“

Sag ich doch: Es gibt eindeutige Belege für die Möglichkeiten Regensburg oder Grein. Ist das jetzt arg nickelig von mir aufzuwerfen, dass der angeführte Artikel Regensburg II streng gerechnet aus einem Literaturportal Bayern entfernt werden müsste? Fordern mag ich das nicht; ein Literaturportal Niederösterreich, wo er hingehört, wäre ohnehin erst noch zu gründen.

Mist, für Österreich reicht mir das Bayern-Ticket nicht. Dafür haben sie in Grein bestimmt noch besseren Eiskaffee. Krieg ich für meine Entdeckung von jemandem einen Reisegutschein oder so was? Ist bestimmt schön da.

Zur Feier der Schönheit folgt der Eichendorff-Ausschnitt im ununterbrochenen Zusammenhang — aus einer gewissen diebischen Entdeckerfreude heraus extra garniert mit Bildern aus Grein:

——— Joseph von Eichendorff:

Ahnung und Gegenwart

Erstes Kapitel, 1812, gedruckt bei Johann Leonhard Schrag, Nürnberg 1815:

Tourismusamt Grein[…] Wer von Regensburg her auf der Donau hinabgefahren ist, der kennt die herrliche Stelle, welche der Wirbel genannt wird. Hohe Bergschluften umgeben den wunderbaren Ort. In der Mitte des Stromes steht ein seltsam geformter Fels, von dem ein hohes Kreuz trost- und friedenreich in den Sturz und Streit der empörten Wogen hinabschaut. Kein Mensch ist hier zu sehen, kein Vogel singt, nur der Wald von den Bergen und der furchtbare Kreis, der alles Leben in seinen unergründlichen Schlund hinabzieht, rauschen hier seit Jahrhunderten gleichförmig fort. Der Mund des Wirbels öffnet sich von Zeit zu Zeit dunkelblickend, wie das Auge des Todes. Der Mensch fühlt sich auf einmal verlassen in der Gewalt des feindseligen, unbekannten Elements, und das Kreuz auf dem Felsen tritt hier in seiner heiligsten und größten Bedeutung hervor. Alle wurden bei diesem Anblicke still und atmeten tief über dem Wellenrauschen. Hier bog plötzlich ein anderes fremdes Schiff, das sie lange in weiter Entfernung verfolgt hatte, hinter ihnen um die Felsenecke. Eine hohe, junge, weibliche Gestalt stand ganz vorn auf dem Verdecke und sah unverwandt in den Wirbel hinab. Die Studenten waren von der plötzlichen Erscheinung in dieser dunkelgrünen Öde überrascht und brachen einmütig in ein freudiges Hurra aus, daß es weit an den Bergen hinunterschallte. Da sah das Mädchen auf einmal auf, und ihre Augen begegneten Friedrichs Blicken. Er fuhr innerlichst zusammen. Denn es war, als deckten ihre Blicke plötzlich eine neue Welt von blühender Wunderpracht, uralten Erinnerungen und nie gekannten Wünschen in seinem Herzen auf. Er stand lange in ihrem Anblick versunken, und bemerkte kaum, wie indes der Strom nun wieder ruhiger geworden war und zu beiden Seiten schöne Schlösser, Dörfer und Wiesen vorüberflogen, aus denen der Wind das Geläute weidender Herden herüberwehte.

Sie fuhren soeben an einer kleinen Stadt vorüber. Hart am Ufer war eine Promenade mit Alleen. Herren und Damen gingen im Sonntagsputze spazieren, führten einander, lachten, grüßten und verbeugten sich hin und wieder, und eine lustige Musik schallte aus dem bunten, fröhlichen Schwalle. Das Schiff, worauf die schöne Unbekannte stand, folgte unsern Reisenden immerfort in einiger Entfernung nach. Der Strom war hier so breit und spiegelglatt wie ein See. Da ergriff einer von den Studenten seine Gitarre, und sang der Schönen auf dem andern Schiffe drüben lustig zu:

Die Jäger ziehn in‘ grünen Wald
Und Reiter blitzend übers Feld,
Studenten durch die ganze Welt,
So weit der blaue Himmel wallt.

Der Frühling ist der Freudensaal,
Viel tausend Vöglein spielen auf,
Da schallt’s im Wald bergab, bergauf:
Grüß dich, mein Schatz, vieltausendmal!

Tourismusamt GreinSie bemerkten wohl, daß die Schöne allezeit zu ihnen herübersah, und alle Herzen und Augen waren wie frische junge Segel nach ihr gerichtet. Das Schiff näherte sich ihnen hier ganz dicht. Wahrhaftig, ein schönes Mädchen! riefen einige, und der Student sang weiter:

Viel rüst’ge Burschen ritterlich,
Die fahren hier in Stromes Mitt‘,
Wie wilde sie auch stellen sich,
Trau mir, mein Kind, und fürcht dich nit!

Querüber übers Wasser glatt
Laß werben deine Äugelein,
Und der dir wohlgefallen hat,
Der soll dein lieber Buhle sein.

Hier näherten sich wieder die Schiffe einander. Die Schöne saß vorn, wagte es aber in dieser Nähe nicht, aufzublicken. Sie hatte das Gesicht auf die andere Seite gewendet, und zeichnete mit ihrem Finger auf dem Boden. Der Wind wehte die Töne zu ihr herüber, und sie verstand wohl alles, als der Student wieder weiter sang:

Durch Nacht und Nebel schleich ich sacht,
Kein Lichtlein brennt, kalt weht der Wind,
Riegl‘ auf, riegl‘ auf bei stiller Nacht,
Weil wir so jung beisammen sind!

Ade nun, Kind, und nicht geweint!
Schon gehen Stimmen da und dort,
Hoch überm Wald Aurora scheint,
Und die Studenten reisen fort.

Tourismusamt GreinSo war es endlich Abend geworden, und die Schiffer lenkten ans Ufer. Alles stieg aus, und begab sich in ein Wirtshaus, das auf einer Anhöhe an der Donau stand. Diesen Ort hatten die Studenten zum Ziele ihrer Begleitung bestimmt. Hier wollten sie morgen früh den Grafen verlassen und wieder zurückreisen. Sie nahmen sogleich Beschlag von einem geräumigen Zimmer, dessen Fenster auf die Donau hinausgingen. Friedrich folgte ihnen erst etwas später von den Schiffen nach. Als er die Stiege hinauf ging, öffnete sich seitwärts eine Türe und die unbekannte Schöne, die auch hier eingekehrt war, trat eben aus dem erleuchteten Zimmer. Beide schienen übereinander erschrocken. Friedrich grüßte sie, sie schlug die Augen nieder und kehrte schnell wieder in das Zimmer zurück.

Unterdes hatten sich die lustigen Gesellen in ihrer Stube schon ausgebreitet. Da lagen Jacken, Hüte, Federbüsche, Tabakspfeifen und blanke Schwerter in der buntesten Verwirrung umher, und die Aufwärterin trat mit heimlicher Furcht unter die wilden Gäste, die halbentkleidet auf Betten, Tischen und Stühlen, wie Soldaten nach einer blutigen Schlacht, gelagert waren. So wurde bald Wein angeschafft, man setzte sich in die Runde, sang und trank des Grafen Gesundheit. Friedrich war heute dabei sonderbar zumute. Er war seit mehreren Jahren diese Lebensweise gewohnt, und das Herz war ihm jedesmal aufgegangen, wie diese freie Jugend ihm so keck und mutig ins Gesicht sah. Nun, da er von dem allem auf immer Abschied nehmen sollte, war ihm wie einem, der von einem lustigen Maskenballe auf die Gasse hinaustritt, wo sich alles nüchtern fortbewegt wie vorher. Er schlich sich unbemerkt aus dem Zimmer und trat hinaus auf den Balkon, der von dem Mittelgange des Hauses über die Donau hinausging. Der Gesang der Studenten, zuweilen aus dem Geklirre der Hieber unterbrochen, schallte aus den Fenstern, die einen langen Schein in das Tal hinaus warfen. Die Nacht war sehr finster. Als er sich über das Geländer hinauslehnte, glaubte er neben sich atmen zu hören. Er langte nach der Seite hin und ergriff eine kleine zarte Hand. Er zog den weichen Arm näher an sich, da funkelten ihn zwei Augen durch die Nacht an. Er erkannte an der hohen Gestalt sogleich das schöne Mädchen von dem andern Schiff. Er stand so dicht vor ihr, daß ihn ihr Atem berührte. Sie litt es gern, daß er sie noch näher an sich zog, und ihre Lippen kamen zusammen. Wie heißen Sie? fragte Friedrich endlich. Rosa, sagte sie leise und bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen. In diesem Augenblicke ging die Stubentür auf, ein verworrener Schwall von Licht, Tabaksdampf und verschiedenen tosenden Stimmen quoll heraus, und das Mädchen war verschwunden, ohne daß Friedrich sie halten konnte.

Tourismusamt Grein

Bilder: Library of Congress, Prints and Photographs Division: Steinerne Brücke Regensburg um 1900 mit Regensburger Strudel flussab der Brückenpfeiler, Photochrom-Print zwischen 1890 und 1905;
Tourismusamt Grein; ebenso der Soundtrack: Austria24TV One Run — Greinstadtgeflüster, der in One-Shot-Technik — eine hohe Schule — ungefähr den Blick eines Greiners zurück auf Eichendorff 2012 nachstellen müsste:

Bonus Track: Zur Versöhnung mit dem Literaturportal Bayern die Regensburger Domspatzen: Als wir jüngst in Regensburg waren, sind wir über den Strudel gefahren, aus: Rex Gildo & Gäste: Gestatten Sie, Herbst 1981:

Written by Wolf

10. Juni 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Romantik

Keine Geschichte über Blut, Krieg und Verwandlungen

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Update zu Schicksal des Menschen, wie gleichst du dem Wind
und dem eigentlichen Weekly Wanderer 0018 Es endet ohne Schlusspunkt.,
zugleich eigentlicher Non-Weekly Wanderer 0019:

Als erstes muss ich, obgleich ungern, von der Verfilmung abraten, obwohl sie vom sonst sehr achtbaren Detlev Buck stammt, aber leider bei allem spektakulären Aufwand in 3D zu flach geraten ist.

Überhaupt soll man ja immer vorsichtig umgehen mit seiner Lebenszeit, um sie nicht an zu viele Bücher des 21. Jahrhunderts zu verschwenden. Bei der Vermessung der Welt hat sich’s gelohnt: Die atmet einen angenehm zurückhaltenden Humor.

Das mit der fingierten Doppelbiographie — Kehlmann handelt über Gauß und Humboldt — in exotischem und historischem Ambiente hat 1982 T.C. Boyle in seinem Erstling Wassermusik schon ähnlich gemacht, sich aber sehr viel mehr Zeit und Raum gelassen, um zwei Figuren gegenläufig zueinander zu entwickeln. Kehlmanns Trick, die Figuren selbst die Handlung durch Dialoge tragen zu lassen, ohne auf den ganzen 300 Seiten eine einzige wörtliche Rede zu verwenden, vielmehr alles in indirekter Rede wiederzugeben, hält den Ton durchweg knochentrocken und verleiht dem Buch nicht nur die wahrscheinlich höchste Konjunktivdichte der Literaturgeschichte, sondern auch den verschmitzten Tonfall eines allwissenden Märchenonkels, der anscheinend bei allem dabei gewesen ist, aber allein durch das Berichten alle schuldhafte Beteiligung von sich weist. In dem recht lesenwerten Interview mit FAZ hat Kehlmann selbst seine ständige Indirektheit so erklärt:

Wenn man zum ersten Mal darüber nachdenkt, einen historischen Roman zu schreiben, ist man zunächst eingeschüchtert von all den Trivial-Fallen, die da lauern. […] Ich denke, dieser Trivialitätspunkt, wo es sehr leicht ins Zurechtgemachte, Unglaubhafte und irgendwie Problematische kippt, ist die direkte Rede: „Hah“, sagte Napoleon, „wir greifen im Morgengrauen an.“ Sofort hat man ein ungutes Gefühl. […] Und dann habe ich mich gefragt: Wie machen Historiker das? Wieso wirken historische Romane trivial, aber wieso wirkt nicht trivial, was etwa Eric Hobsbawm schreibt? Es liegt daran, daß die erzählerische Distanz eine andere ist. Ein Fachhistoriker geht nicht zu nah ran an die Figuren, an das, was er berichtet, und — und das ist der entscheidende Punkt — er würde nicht behaupten zu wissen, was wörtlich gesagt wurde. Er würde keine wörtliche Rede verwenden, es sei denn, er hat Dokumente und Briefe, aus denen er zitiert. Ansonsten würde er berichten, was inhaltlich ungefähr so gesagt worden sein müßte, sein könnte. Er würde also die indirekte Rede verwenden. Und da dachte ich, das Experiment müßte eben darin liegen, ein Buch zu schreiben, das beginnt wie ein Sachbuch. Deshalb gibt es auch in der ersten Zeile des Romans eine Jahreszahl — und dann nie wieder. Es beginnt zwar wie ein historisches Sachbuch, bis es dann plötzlich kippt, weil natürlich Dinge berichtet werden, die überhaupt nicht mehr sachbuchhaft, sondern romanhaft und frei erfunden sind. Es sollte so klingen, wie ein seriöser Historiker es schreiben würde, wenn er plötzlich verrückt geworden wäre.

Sparsame, auf Wesentliche reduzierte Prosa jedenfalls, die das Adjektiv meidet, kaum etwas ausschmückt und nichts zu Tode erklärt. Dass die ganze Handlung historisch hanebüchen ist, war nie anders vereinbart und vorher klar. Es ist alles sehr vergnüglich.

Das große Thema des reisenden Froschens gegenüber der heimischen Geistesarbeit hätte schon in meinen ersten Weblog-Versuch gepasst, aber siehe da: An gleicher Stelle stuft Kehlmann zumindest die Hälfte seiner Doppelbiographie — natürlich nicht ausdrücklich — als der hiesigen Form der „Angewandten Poesie“ zugehörig ein:

Ich habe in ihm [i. e. Humboldt] dann, bei aller Größe, sehr schnell eine komische Figur gesehen und war ganz überrascht, daß nie jemandem aufgefallen ist, wie sehr Humboldts Reisewerk von speziell deutschen, sehr komischen Situationen und Mißverständnissen strotzt. […] Diese ungewollte Komik ist aber keineswegs die Komik eines Kauzes. Es geht darum, daß solche Begebenheiten sehr viel darüber aussagen, was es heißt, deutsch zu sein. Wir haben es hier zu tun mit einem Weimarer Klassiker, der das ganz andere der Weimarer Klassik vertreten hat, der einzige Weimarer Klassiker, der wirklich ausgesandt wurde, die Weimarer Klassik hinauszutragen, und der mit diesem Weltbild Macondo bereist hat. Ich war zudem sehr beeindruckt von der südamerikanischen Literatur, und hatte gleichzeitig das Gefühl, daß mir als deutschem Autor vieles von dem, was diese Autoren an emotionalen und künstlerischen Möglichkeiten haben, nicht zu Gebote steht. Ich kann nicht wie Garcia Marquez eine schöne Frau beim Wäscheaufhängen davonfliegen lassen. […] Man merkt dann doch, daß man aus einer anderen Kultur kommt, daß einem zwar die Möglichkeit gegeben ist, mit diesen Dingen zu spielen, aber auf andere Art. Und da hatte ich plötzlich das Gefühl, Humboldt ist mein Schlüssel, denn er hat diese Welt betreten, aber er hat sie als Deutscher betreten. Das ist etwas, was ich erzählen kann, womit ich künstlerisch etwas anfangen kann, weil da beide Seiten etwas mit mir zu tun haben. Dann habe ich immer mehr über Humboldt gelesen und zufällig herausgefunden, daß Gauß 1828 bei einem Wissenschaftlerkongreß in Berlin bei Humboldt gewohnt hat. Und plötzlich sah ich diese Szene: die beiden alten Männer, der eine, der überall war, der andere, der nirgends war; der eine, der immer Deutschland mit sich getragen hat, der andere, der wirkliche geistige Freiheit verkörpert, ohne je irgendwohin gegangen zu sein. […] Eine satirische, spielerische Auseinandersetzung mit dem, was es heißt, deutsch zu sein — auch natürlich mit dem, was man, ganz unironisch, die große deutsche Kultur nennen kann. Für mich ist das eines der Hauptthemen des Romans, wie Andreas Maier so schön im Booklet des Hörbuchs geschrieben hat, „die große deutsche Geistesgeschichte, eine einzige Lebensuntauglichkeit“. In der breiten Rezeption ist dieses Thema dann merkwürdigerweise vernachlässigt worden.

Hartmut Wewetzer im Tagesspiegel hingegen hält denselben Humboldt begründet für überschätzt und rechnet ihn nicht als Weimarer Klassiker, sondern „Romantiker der Goethezeit“, aber der musste ihn nicht als Romanfigur einsetzen zum Nachweis, was Deutschsein bedeutet. Eine der wenigen Stellen in der Vermessung mit Goethe — wieder indirekt, zum Selberdenken, ohne ihn beim Namen zu rufen — hat mir ein spontanes Prusten abverlangt.

Alexander von Humboldt und Aimé Bonpland in der Urwaldhütte am Orinoco, Humboldt-Exponate der Staatsbibliothek Berlin

——— Daniel Kehlmann:

Der Fluß

aus: Die Vermessung der Welt, 2005;
Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, 6. Auflage November 2008, Seite 127 f.:

Mario bat Humboldt, auch einmal etwas zu erzählen.

Geschichten wisse er keine, sagte Humboldt und schob seinen Hut zurecht, den der Affe umgedreht hatte. Auch möge er das Erzählen nicht. Aber er könne das schönste deutsche Gedicht vortragen, frei ins Spanische übersetzt. Oberhalb aller Bergspitzen sei es still, in den Bäumen kein Wind zu fühlen, auch die Vögel seien ruhig, und bald werde man tot sein.

Alle sahen ihn an.

Fertig, sagte Humboldt.

Ja wie, fragte Bonpland.

Humboldt griff nach dem Sextanten.

Entschuldigung, sagte Julio. Das könne doch nicht alles gewesen sein.

Es sei natürlich keine Geschichte über Blut, Krieg und Verwandlungen, sagte Humboldt gereizt. Es komme keine Zauberei darin vor, niemand werde zu einer Pflanze, keiner könne fliegen oder esse einen anderen auf. Mit einer schnellen Bewegung packte er den Affen, der gerade versucht hatte, ihm die Schuhe zu öffnen, und steckte ihn in den Käfig. Der Kleine schrie, schnappte nach ihm, streckte die Zunge heraus, machte große Ohren und zeigte ihm sein Hinterteil. Und wenn er sich nicht irrte, sagte Humboldt, habe jeder auf diesem Boot Arbeit genug!

Bei San Carlos überquerten sie den magnetischen Äquator. Humboldt betrachtete die Instrumente mit andächtiger Miene. Von diesem Ort hatte er als Kind geträumt.

Postkarte Goethe als Greis auf dem Kickelhahn bei Ilmenau

Was mich noch als Kuriosität interessiert hat: Wie würde wohl Ein Gleiches „frei ins Spanische übersetzt“ klingen, wenn es nicht gerade ein fiktiver, im menschlichen Umgang unbeholfener Humboldt unter sozialem Druck ins Reine spricht?

Im spanischen Kulturerleben scheinen Goethegdichte nicht besonders präsent, nicht einmal das schönste von allen. Fündig wird man — was wohl meine erahnte Kuriosität darstellt — im Internetauftritt der Stadt Ilmenau: Die bringt das Ding gleich in 52 Sprachen (huch, so viele gibt’s …?) von Afrikaans bis Vietnamesisch, und zwar

mit freundlicher Unterstützung der Klassik Stiftung Weimar, der Goethe-Gesellschaft und des Goethe-Instituts zusammengetragen. […]

Am 21. August 1999 folgten die ausländischen Gäste einer Einladung nach Ilmenau und zum Kickelhahn, wo sie in den Nachmittagsstunden an historischer Stätte vor dem Goethehäuschen „Wandrers Nachtlied“, eine der schönsten lyrischen Schöpfungen des Dichters, in 21 Landessprachen vortrugen. 10 Neu- und Erstübersetzungen davon waren erst im Ergebnis der Konferenz entstanden.

Es entstand die Idee, eine Auswahl der zahlreichen Übersetzungen der Öffentlichkeit im Goethehäuschen selbst vorzustellen. Am Samstag, dem 29.4.2000 wurden außer dem Gedicht in Deutsch 15 der Fremdsprachentexte, niedergeschrieben auf 3 Glastafeln, im Obergeschoss des Goethehäuschens für Besucher zugänglich gemacht. […]

Sapere aude — ein weiterer Grund, mal den Kickelhahn zu bereisen. Die spanische Übersetzung lag im Goethejahr 1999 schon vor, die ist in der Ilmenauer Aktion ausgewiesen von Rafael Cansinos Assens, erschienen vermutlich 1944 in dessen Übersetzung von Goethes Obras Literarias oder 1950 in den Obras completas:

En todas las cumbres
la paz reina;
por ninguna parte
apenas si un soplo
de vida se otea;
en el bosque en calma
nu un ave gorjea.
Aguarda que, pronto,
cesarán tus penas.

Bilder: Alexander von Humboldt und Aimé Bonpland in der Urwaldhütte am Orinoco, via Staatsbibliothek Berlin, Künstler und Jahr nicht nachgewiesen:

Bonpland schreibt in einem Brief kurz vor Antritt der Reise:

Während einer einmonatigen Reise, die wir ins Innere der Provinz Neu-Andalusien gemacht haben, waren wir ständig mit Indianern zusammen und ihre Gesellschaft erschien uns so gut, dass wir uns aufmachen die zu besuchen, die noch nicht zivilisiert sind; …

Postkarte Goethe als Greis auf dem Kickelhahn bei Ilmenau. Mit Text in deutscher Schrift. Verso: Heliocolorkarte von Ottmar Zieher, München. Datiert und Poststempel 1913, via Goethezeitportal, Januar 2015.

Soundtrack: Colum Sands & Scarlett O‘: Goethe’s Song, aus: All My Winding Journeys, 1996:

An English translation and setting to music of Goethe’s „Naehe des Geliebten“ that I attempted around 1996. Scarlett O‘ from Berlin sings the original German words. I’ve added photos taken on travels through Ireland and Germany.

Written by Wolf

27. Mai 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Land & See

Du bist’s (Er ist’s)

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Update zu Das Leben ist kein [Zutreffendes streichen]:

Ich weiß, wie lange man an einen Comic hinzeichnet: Den ganzen Comic-Bloggern, die ihren Alltag darstellen, kann nichts anderes übrig bleiben als Metakram. Gut, dass Sarah Burrini wenigstens noch mit einem Elefanten, einem Pony, einem Fliegenpilz und so einem Dings zusammenlebt.

——— Eduard Mörike:

Er Ist’s.

aus: Maler Nolten. Novelle in zwei Teilen. 2. Teil, 1829, G. J. Göschen’sche Verlagshandlung, Stuttgart 1832:

Sarah Burrini, Das Leben ist kein Ponyhof, Frühüling, 9. Mai 2016

Frühling läßt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte;
Süße, wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land.

Veilchen träumen schon,
Wollen balde kommen.
– Horch, von fern ein leiser Harfenton!
     Frühling, ja du bist’s,
     Frühling, ja du bist’s!

Dich hab’ ich vernommen!

Der vorletzte Vers ist übrigens ab dem Erstdruck im Maler Nolten verdoppelt: „Frühling, ja du bist’s! / Frühling, ja du bist’s!“ Das gibt noch viel Emendationsarbeit, ab wann das nur noch einfach ausgerufen wird; spätestens in den Gesammelten Schriften 1878 jedenfalls. In drei Strophen aufgeteilt wie in der Gedichtsammlung 1838 find ich’s am schönsten.

Außerdem erfreut es immer das Herz, zu beobachten, wie die alten Meister (*1804) jungen Menschen (*1979) im Bewusstsein geblieben sind, die ich mal als Letzter vor Verleihung des PENG!-Preises (2011) sprechen durfte.

Eduard Mörike, Er ist's, 1832

Bilder: Frühüling, 9. Mai 2016; G. J. Göschen’sche Verlagshandlung 1829/1878;
leiser Harfenton ohne falsche Scheu vor der Singenden Säge: Tom Waits: You Can Never Hold Back Spring, aus: Orphans: Brawlers, Bawlers & Bastards, 2006.

Written by Wolf

10. Mai 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Biedermeier, Land & See

Und aber nach fünfhundert Jahren (Das eine wächst, wenn das andre dorrt)

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Update zu Das kannst du, Knabe, nicht fassen
und Des Frühlings beklommnes Herz:

Frederic Leighton, Light of the Harem, ca. 1880Unter den Rückert-Gedichten ist das noch ein bekannnteres. Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert erschien es gern in Anthologien; die zugehörige, vielleicht auch gerade gegenläufige Stimmung dazu hieß Fin de Siècle. Arno Schmidt — wer sonst — zitiert es 1979 noch einmal ganz selbstverständlich in Julia, oder die Gemälde, die erste ergiebige Beobachtung danach stammt erst wieder vom 6. Februar 2013: Da rückt Dieter Wallentin vom keinVerlag in Zeit und Raum. 2500 Jahre in Friedrich Rückerts „Chidher“ den mythologischen al-Chidr in die Nähe von Peter Ustinov und hat gar nicht so schlechte Gründe dafür.

Das Gedicht ist von 1837. Bei dem grundgelehrten Rückert (übrigens studiert an meiner eigenen Alma mater zu Erlangen-Nürnberg) ist anzunehmen, dass er den Divan von Goethe — ab 1819 — kannte, der al-Chidrs Namensform Chiser verwendet. — Was tut Rückert damit? Er entfernt aus der immer mehr oder weniger verhohlen antisemitischen Figur des Ahasver den Fremdenhass und etabliert die aus dem „al-Khidr, The Green Man“ gestaltete Figur des Chidher Grün — eine jüdisch anmutende Namensbildung für eine islamisch verwurzelte Art von Schutzheiligem. Das ist eine humanistisch zeitlose Leistung, spätestens seit Freitag, dem 13. November 2015 ist es sogar tagesaktuell.

Ist es zulässig, gegenüber einem verbreiteten Eichendorff-epigonalen Gesäusel, das sich bis heute als „romantisch“ durchgesetzt hat, diesen durchsichtigen, höchst eingängigen Tonfall schnauzig cool zu finden?

——— Friedrich Rückert:

Chidher

aus: Sieben Bücher Morgenländischer Sagen und Geschichten. Band 1,
Samuel Gottlieb Liesching, Stuttgart 1837:

Chidher, der ewig junge, sprach:
     Ich fuhr an einer Stadt vorbei,
     Ein Mann im Garten Früchte brach;
     Ich fragte, seit wann die Stadt hier sei?
     Er sprach, und pflückte die Früchte fort:
     Die Stadt steht ewig an diesem Ort,
     Und wird so stehen ewig fort.
            Und aber nach fünfhundert Jahren
            Kam ich desselbigen Wegs gefahren.

Frederic Leighton, Light of the Harem, ca. 1880Da fand ich keine Spur der Stadt;
     Ein einsamer Schäfer blies die Schalmei,
     Die Herde weidete Laub und Blatt;
     Ich fragte: wie lang ist die Stadt vorbei?
     Er sprach, und blies auf dem Rohre fort:
     Das eine wächst, wenn das andre dorrt;
     Das ist mein ewiger Weideort.
            Und aber nach fünfhundert Jahren
            Kam ich desselbigen Wegs gefahren.

Da fand ich ein Meer, das Wellen schlug,
     Ein Schiffer warf die Netze frei,
     Und als er ruhte vom schweren Zug,
     Fragt ich, seit wann das Meer hier sei?
     Er sprach, und lachte meinem Wort:
     Solang als schäumen die Wellen dort,
     Fischt man und fischt man in diesem Port.
            Und aber nach fünfhundert Jahren
            Kam ich desselbigen Wegs gefahren.

Da fand ich einen waldigen Raum,
     Und einen Mann in der Siedelei,
     Er fällte mit der Axt den Baum;
     Ich fragte, wie alt der Wald hier sei?
     Er sprach: der Wald ist ein ewiger Hort;
     Schon ewig wohn ich an diesem Ort,
     Und ewig wachsen die Bäum hier fort.
            Und aber nach fünfhundert Jahren
            Kam ich desselbigen Wegs gefahren.

Da fand ich eine Stadt, und laut
     Erschallte der Markt vom Volksgeschrei.
     Ich fragte: seit wann ist die Stadt erbaut?
     Wohin ist Wald und Meer und Schalmei?
     Sie schrien, und hörten nicht mein Wort:
     So ging es ewig an diesem Ort,
     Und wird so gehen ewig fort.
            Und aber nach fünfhundert Jahren
            Will ich desselbigen Weges fahren.

Frederic Leighton, Light of the Harem, ca. 1880

Bilder: Frederic Leighton: Light of the Harem, dreiteiliges Detail in Details nach Détails, 2014.

Soundtrack: Белое Злато: Течет ручей, 1995, Video: 22. August 2021:

Written by Wolf

1. Januar 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Romantik

Und wenn es hundert schönere gibt

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——— François Villon:

Ich hab mich in dein rotes Haar verliebt

ca. 1460, in: Die lasterhaften Balladen und Lieder des François Villon.
Nachdichtung [nicht „Übersetzung“]: Paul Zech, 1946, gesammelt 1962:

Im Sommer war das Gras so tief,
daß jeder Wind daran vorüberlief.
Ich habe da dein Blut gespürt
und wie es heiß zu mir herüberrann.
Du hast nur meine Stirn berührt,
da schmolz er auch schon hin, der harte Mann,
weils solche Liebe nicht tagtäglich gibt …
Ich hab mich in dein rotes Haar verliebt.

Im Feld den ganzen Sommer war
der Mond so rot nicht wie dein Haar.
Jetzt wird es abgemäht, das Gras,
die bunten Blumen welken auch dahin.
Und wenn der rote Mond so blaß
geworden ist, dann hat es keinen Sinn,
daß es noch weiße Wolken gibt …
Ich hab mich in dein rotes Haar verliebt.

Du sagst, daß es bald Kinder gibt,
wenn man sich in dein rotes Haar verliebt,
so rot wie Mohn, so weiß wie Schnee.
Im Herbst, mein Lieb, da kehren viele Kinder ein,
warum solls auch bei uns nicht sein?
Du bleibst im Winter auch mein rotes Reh
und wenn es hundert schönere gibt …
Ich hab mich in dein rotes Haar verliebt.

Reaus v.d. O, Me, July 8, 2008

Bild: Reaus v.d. O: Me, 8. Juli 2008.

Written by Wolf

21. Oktober 2015 at 16:03

Veröffentlicht in Land & See, Renaissance

Die deutsche Sirene vom Zwirbel im Rhein in die Bronx

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Update zu Seegespenst Loreley (Doktor, sind Sie des Teufels?):

Eins meiner Lieblingslieder. Erinnert mich an meine Jugendfreundin. Meine Mama hat mal die Statue der Lorelei auf ihrem Felsen im Rhein besucht.

Sie sagt, sie wäre leicht pornografisch. Andererseits glaube ich nicht, dass einer sein Schiff für ein nettes Mädchen in vernünftigem Schuhwerk drangeben würde.

[Original-Kommentar:] One of my favourite songs. Reminds me of a girlfriend when I was young. My mum went to see the statue of the Lorelei on her rock in the Rhine.

She said it’s a bit pornographic. Then again, I don’t suppose you would crash your ship for a nice girl in sensible shoes.

Tommy Tipitcup ü