Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for the ‘Land & See’ Category

Herrjeh, schweigt mir vom Tegernsee!

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Update zu Peregrini Bavarici,
Ein ewig Weißwurschten,
Dieses unnötige, ja sinnlose Hin und Her
und Einigen wir uns auf Unentschieden:

Die professionelle „Altherrengermanistik“ indes dürfte vor Schreck in die dritte Lautverschiebung fallen, wenn sie gewahrt, was da mit ihrem „mikrophilologisch“ gehegten Minnesänger angestellt wird.

Rühmkorf erzählt das unordentliche Leben des Herrn Walther, das „der deutschnationale Ideologie-Unterricht des 19. Jahrhunderts zu einer rosenseligen Cavalierstour umlügen mußte“, als Tournee der Eitelkeiten, auf der „der Lohn die Musik“ machte.

Jürgen Kolbe: Graziös in Gefahr, in: Der Spiegel, 5. Januar 1976
über Peter Rühmkorf, * 25. Oktober 1929, † 8. Juni 2008.

Jost Amann für Philipp Apian, Kloster Tegernsee, erste bekannte Abbildung um 1560, Landtafeln. Sixtus Lampl, Die Klosterkirche Tegernsee, Oberbayerisches Archiv, Band 100, München, 1975, Band 2, Abbildung 1

Ist eigentlich Wallstein die Lindt-Schokolade unter den Verlagen oder Lindt der Wallstein Verlag unter den Chocolatiers? Egal, wenn mich schon mal eine Buchneuerscheinung interessiert – sagen wir zum Beispiel: Stephan Opitz, Christoph Hilse (Hrsg.): Peter Rühmkorf, Peter Wapneski: Des Reiches genialste Schandschnauze: Texte und Briefe zu Walther von der Vogelweide, Wallstein Verlag, Göttingen, Februar 2017 –, wird sie unfehlbar von Hans Mentz in seiner TitanicHumorkritik besprochen. Auf den Mann ist Verlass.

Abb. 3 Kupferstich aus P. Karl Stengel, Monasteriologia I, 1619

——— Hans Mentz:

Reanimierter Walther

aus: Humorkritik, in: Titanic, September 2017, Seite 48 f.:

Wenn ein gewitzter und temperamentvoller Dichter wie Peter Rühmkorf und ein kunstsinniger Mediävist wie Peter Wapnewski einen Briefwechsel über Walther von der Vogelweide führen, dann können auch Dritte davon profitieren – wir Leser, denen diese Korrespondenz jetzt in einer von Stephan Opitz und Christoph Hilse edierten Buchfassung vorliegt, vermehrt um thematisch verwandte Aufsätze, Rühmkorfs neuhochdeutsche Übertragungen der Gedichte Walthers und ein ausführliches Nachwort („Des Reiches genialste Schandschnauze. Texte und Briefe zu Walther von der Vogelweide“, Wallstein Verlag). Aus humorkritischer Perspektive sind jene Briefe am ergiebigsten, die Rühmkorf angetrunken verfaßt zu haben scheint; da verliert er mitunter die Contenance und rüffelt Wapnewski für dessen Einwände gegen die mitunter sehr freien Übertragungen (aus einem Brief vom 27. Juli 1975): „Aber PPPPP! WWWWW!: Du kannst doch nicht eine wahrhaftige Erfindung: ‚Man schenkte Sprudel / und begossen wie ein Pudel‘ für ‚ich nahm dâ wazzer / alsô nazzer‘ (ein Problem, an dem die gesamte Philologie nun schon über hundert Jahre lang ergebnislos herumrätselt) als Fehler ankreiden! Einen Jahrhundertfund, der wirklich nur mittels Poesie lösbar scheint, bekrak-mäkeln!“

Ein sehr amüsantes Buch; es gibt nichts daran zu bekrak-mäkeln.

Stahlstich für Eduard Duller, Die Donau, Kapitel 5. Von Regensburg bis Deggendorf, 1840

Das interessiert uns natürlich näher. Rühmkorfs großer Aufsatz und den von der Vogelweide, seine Übersetzung von 36 seiner Gedichte und die Korrespondenz mit Wapnewski müssen 1975 entstanden sein, weil die Grundlage für den 2017er Sammelband von Opitz und Hilse, Walther von der Vogelweide, Klopstock und ich, ein liebenswertes schmales Rowohlt von Anfang 1976 war — Das neue Buch 65 — und außerdem von Hans Mentz oben eingeordnet wird. In beiden Sammlungen finden wir Rühmkorfs Ausgangstext und endgültiges Ergebnis. Es ist Walthers „Tegernseespruch“, Lachmann 104,23–32 aus dem Kloster Tegernsee, ca. 1212.

Man seit mir ie von Tegersê,
wie wol daz hûs mit êren stê,
dar kêrte ich mêr dan eine mîle von der strâze.
ich bin ein wunderlîcher man,
daz ich mich selben niht enkan
entstân und mich sô vil an frömede liute lâze.
     ich schilte sîn niht, wan got genâde uns beiden:
     ich nam dâ wazzer!
     alsô nazzer
     muost ich von des münches tische scheiden.

Herrjeh, schweigt mir vom Tegernsee!
Wie weit das Tor dort offensteh —
Ich machte mir den Umweg — über eine Meile.
Man ist schon ein verrücktes Haus;
da denkt man sich, man kennt sich aus
und teilt nur andrer Leute Vorurteile.
Ich will nicht lästern; Gott vergelt es beiden:
Man schenkte Sprudel
und begossen wie ein Pudel
mußt ich vom Tische dieses Mönches scheiden.

Was ist los am Tegernsee, Herbst, ca. 2016

In Tegernsee, da war ich schon mal. Muss man nicht hin. Der See kann nichts dafür, aber ich empfinde den Ort als hässliches Drachenauge eines sich selbst verleugnenden, eben dadurch umso gnadenloseren Kapitalismus inmitten einer gottgesegneten Landschaft. Allerdings hab ich da nicht das Kloster Tegernsee besucht, gegen dessen Brauerei nichts vorliegt — und die um 1212, als der von der Vogelweide zu Besuch kam, längst bestand. Das Kloster selbst ist frühmittelalterliches Urgestein seit anno 746.

Nun ist man zur Rekonstruktion von Walthers Biographie, der sich als bettelarmer, landstreichender Minnesänger darstellt, rein auf Andeutungen aus seinem eigenen Werk angewiesen. Aus den Angaben im Tegernseespruch wurde schon versucht, Walthers Herkunft aus Südtirol herzuleiten, was nach aktuellem wissenschaftlichen Stand nicht stimmt. Wohl besaß Kloster Tegernsee, traditionell eine bayerntypisch reiche Benediktinerabtei von europaweitem Einfluss, Weingärten bei Bozen, aber seit 1050 auch die heute noch bestehende, ja zunehmend hippe Brauerei. Für wahrscheinlich halte ich daher, dass Walther sich nur halb im Spaß nicht darüber beschwert, keinen — vorzugsweise Südtiroler — Wein erwischt zu haben, sondern: kein Bier. Das liegt schon deshalb näher, weil man von dem ultramontanen Weinanbau erst einmal theoretisch unterrichtet sein musste, eine Gegend, in der eine Brauerei wirkt, dagegen bis tief ins 20. Jahrhundert hinein höchst unmittelbar und charakteristisch nach gärender Maische stank; ich selbst habe das noch sinnlich erlebt.

Besonders schandbar ist es von einem Orden wie den der Benediktiner, in deren Statuten die Gastfreundschaft eine hohe Priorität einnimmt, den fahrenden Sänger gerade einmal die Hände waschen zu lassen und nüchtern von der Schwelle zu weisen. Das hat sich stark geändert: Heute kann man sich in Tegernsee gar nicht mehr retten vor der ganzen Gastlichkeit. Mit der abermaligen Einschränkung: Ich bin dort nicht unangemeldet als sangesfreudiger Penner aufgetreten.

Was ist los am Tegernsee, Trachten, ca. 2016

Nach Peter Rühmkorf hat der gleichnamige Briefpartner, Kollege und führende Mediävist und Herausgeber Wapnewski seinerseits einen Übersetzungsvorschlag für den Tegernseespruch vorgelegt — in Walther von der Vogelweide: Gedichte: Mittelhochdeutscher Text und Übertragung, Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt am Main 1982:

Man erzählt mir dauernd von Tegernsee,
wie sehr das Haus auf Gastfreundschaft bedacht sei.
Dorthin wandte ich mich mit einem Umweg von mehr als einer Meile.
Ich bin doch ein seltsamer Mensch,
daß ich mich selbst nicht zu verstehn vermag
und mich so viel mit anderen Leuten einlasse.
Ich schelte die Tegernseer nicht, aber Gott sei uns beiden gnädig:
Man gab mir dort Wasser,
und solchermaßen
mußte ich von des Mönches Tisch scheiden.

Über Rühmkorfs Reaktion darauf finde ich bislang nichts. „Man gab mir dort Wasser, / und solchermaßen“, keinerlei Ansatz zum Übernehmen der Endreime. Naja. Meine laienhafte Bekrak-Mäkelei: Nach der kollegialen Vorlage sieben Jahre zuvor ist das auch nicht zündender als die Lösung „Man schenkte Sprudel / und begossen wie ein Pudel“.

Bilder: chronologisch:

  1. Jost Amann für Philipp Apian: Kloster Tegernsee, erste bekannte Abbildung — geschlagene 814 Jahre nach Klostergründung — um 1560, Holzschnitt in den Landtafeln des Philipp Apian. Sixtus Lampl: Die Klosterkirche Tegernsee, Oberbayerisches Archiv, Band 100, München, 1975, Band 2, Abbildung 1;
  2. P. Karl Stengel: Kupferstich aus Monasteriologia I, Abb. 3, 1619;
  3. Stahlstich für Eduard Duller: Die Donau, Kapitel 5: Von Regensburg bis Deggendorf, 1840;
  4. und zwei aus Was ist los am Tegernsee?, Gesellschafts- und Kulturwebseite, ca. 2016.

Soundtrack: Ilse Neubauer und die Fischbachauer Sängerinnen für Walther von der Vogelweide: Tandaradei unter Wolf Euba: Die Fernsehtruhe, Bayerischer Rundfunk 1968:

Bonus Track: die erste LP von Ougenweide: Ougenweide, 1973:

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Written by Wolf

20. Oktober 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Hochmittelalter, Land & See

Nur ein einziges Mal

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Update zu Und wenn es hundert schönere gibt:

Auch mir wurde im Kindergarten das Gedicht mit dem Refrain „Ach, wer das doch könnte“ beigebracht, ohne groß des Dichters Victor Blüthgen zu erwähnen. Ältere Druckfassungen haben dagegen „Ach, wer doch das könnte“ und vierhebige Verse statt der heute üblicheren, auf zwei Hebungen aufgeteilte. Ich zitiere deshalb nach H. G. Fiedler (Hrsg.): Das Oxforder Buch Deutscher Dichtung vom 12ten bis zum 20sten Jahrhundert (mit einem Geleitworte von Gerhart Hauptmann, Ehrendoktor der Universitäten Leipzig und Oxford), zweite und vemehrte Auflage, Oxford Universitäts-Verlag 1911:

Follow for Feet, 7. Oktober 2017

——— Victor Blüthgen:

Ach, wer doch das könnte!

ca. 1870, gesammelt in: Im Kinderparadiese — Kinder-Lieder und Reime, Perthes, Gotha 1905:

Gemäht sind die Felder, der Stoppelwind weht,
Hoch droben in Lüften mein Drache nun steht,
Die Rippen von Holze, der Leib von Papier ;
Zwei Ohren, ein Schwänzlein sind all seine Zier.
Und ich denk‘: so drauf liegen im sonnigen Strahl —
Ach, wer das doch könnte nur ein einziges Mal !

Da guckt‘ ich dem Storch in das Sommernest dort :
Guten Morgen, Frau Störchin, geht die Reise bald fort ?
Ich blickt‘ in die Häuser zum Schornstein hinein :
Papache, Mamachen, wie seid ihr so klein !
Tief unter mir säh‘ ich Fluß, Hügel und Tal —
Ach, wer das doch könnte nur ein einziges Mal !

Und droben, gehoben auf schwindelnder Bahn,
Da faßt‘ ich die Wolken, die segelnden, an ;
Ich ließ‘ mich besuchen von Schwalben und Krähn
Und könnte die Lerchen, die singenden, sehn ;
Die Englein belauscht‘ ich im himmlischen Saal —
Ach, wer das doch könnte nur ein einziges Mal !

An Vertonungen sind belegt:

  1. Franz Wilhelm Abt (1819–1885): Ach, wer doch das könnte!, op. 584 Nr. 5, aus: Neun Kinderlieder für 1 Stimme mit leichter Pianofortebegleitung, no. 5., ca. 1870;
  2. Wilhelm Reinhard Berger (1861–1911): Ach, wer das doch könnte, op. 30 (Acht Lieder und Gesänge für 1 Singstimme mit Pianoforte) Nr. 7, Raabe & Plothow, Berlin 1888;
  3. Paul Frommer: Ach, wer das doch könnte, aus: Fünf Lieder für 1 hohe Singstimme mit Pianofortebegleitung, Nr. 4, Schuberth & Co., Leipzig 1890;
  4. Othmar Schoeck (1886–1957): Kinderliedchen, WoO. 6, 1902,

keine davon als Video greifbar.

Carl Spitzweg, Drachensteigen, 1880--1885

BIlder: Follow for Feet: Only Once, 7. Oktober 2017;
Carl Spitzweg: Drachensteigen, Sonderformat 38 cm × 12 cm,
Öl auf Karton, 1880 bis 1885, Alte Nationalgalerie Berlin.

Drachensteigen: Puhdys: Geh zu ihr, aus: Die Legende von Paul und Paula, 1973:

Written by Wolf

13. Oktober 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Realismus

Nachtstück 0010: Dieses Zucken im Zwerchfell

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——— Juli Zeh:

Griffe und Schritte

in: Adler und Engel, 2001:

Auf der Autobahn dreht sie das Radio an und wippt den Kopf im Takt. Im Dunkeln sehe ich, dass sie lächelt.

Das Leben ist merkwürdig, flüstert sie, es besteht eigentlich nur aus Griffen und Schritten. Ein paar wenige davon und schon ist alles anders.

Ich spüre es wieder, dieses Zucken im Zwerchfell.

Juli Zeh, Griffe und Schritte, Adler und Engel, 2001

Soundtrack: The Byrds: Wasn’t Born to Follow, aus: The Notorious Byrd Brothers, 1968:

Written by Wolf

1. September 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Postironismus

Verreißi zerreißi

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Update zu Seht, Ehrenbreitstein mit gesprengter Mauer
und Hipsteros:

Ringelnatz war mein erster Herzensdichter als Welpe. Alles, was man von dem hörte, war so eingängig und genial vielsagend, dass man darauf kommen musste: Wow, von dem will ich alles wissen. Die Gesamtausgabe war die erste, die ich mir vom Taschengeld absparte und zu Weihnachten und Geburtstagen zusammenwünschte; sieben Bände plus einer mit Briefen, jeder zwischen 55 und 75 D-Mark (28,12 und 38,35 Euro) war doch irgendwie Geld für einen 14-Jährigen. Heute gibt es nicht einmal mehr den Originalverlag Henssel, die Ausgabe ist seit dessen Konkurs bei Diogenes und schon seit Jahren auf dem Ramsch angekommen.

Fast das ganze Jahr 1932 tingelte Ringelnatz samt einer siebenköpfigen Schauspielertruppe mit seinem siebten, aber einzigen erhaltenen und noch posthum inszenierten Theaterstück Die Flasche. Eine Seemannsballade durch Deutschland. Das Tourneematerial, bestehend aus Tagebuch und Briefen an seine Frau, erschien ebenfalls schon 1932 als Mit der „Flasche“ auf Reisen im Sammelband Die Flasche und mit ihr auf Reisen.

Das Hotel Riesen-Fürstenhof an den Koblenzer Rheinanlagen wurde im Zweiten Weltkrieg zerbombt. Joachim Ringelnatz, den ein mittelgnädiges Schicksal schon 1934 ins Grab senkte, hat noch darin übernachtet. Und sich gelegentlich aufgeführt wie … nun ja: wie ein Hotelgast.

Hotel Riesen-Fürstenhof Koblenz, Postkarte ca. 1924, mit Dampferanlegestelle

——— Joachim Ringelnatz:

Koblenz und Abstecher

aus: Die Flasche und mit ihr auf Reisen, Rowohlt, Berlin 1932:

Riesenfürsten entdeckte ich nicht in meinem Hotel, aber einmal saß, nach Aussage des Besitzers, Reichskanzler Brüning dort in meiner Nähe.

Eine Dame, die sich auf ihrer Visitenkarte „wissenschaftliche Astrologin und Schauspielerin“ nannte, schickte mir einen Band ihrer ersten lyrischen Gedichte. Ich überflog diese ernste Poesie und muß gestehen, daß ich dann den Band in der Mitte einriß und ihn unter den Schminktisch warf. Sitty zog ihn wieder hervor. Er fand, daß die Gedichte sehr unterhaltend wären, zumal, wenn man das eingerissene Heft wie ein Vexierbuch handhabte und die eine halbe Seite des einen Gedichtes über die entsprechende Hälfte des nächsten deckte. So gelesen ergab sich in diesem „Blühen und Verwelken“ betitelten Buch z. B. folgendes Poem:

Mein Junge

Ich döste in leeren Straßen
Und du begegnetest mir.
Fasziniert über alle Maßen,
Lockte ich dich wie ein Tier.
Du bist ein Junge wie andre auch
Mit blonden Locken und trotziger Stirne;
Nur hast du schon ein klein wenig Bauch
Und – es ist möglich – eine weiche Birne.
Blüten bring ich dir von rotem Mohn.
Rot wie Mohn soll deine Neigung brennen.
Alles Gefühl wird Dein Atem mir nennen.
Du: – von plötzlicher Glut beglückt:
Ein japanischer Dolch auf deinen Leib gezückt,
Mach ich mit diri Harakiri.
O verführi, verführi, verführi!

Herausfinden lässt sich: Die Dame, Astrologin und Schauspielerin hieß Ingrid Svanström; ihr Lyrikband Blühen und Verwelken war bei Bachmair in München-Pasing 1931 erschienen und umfasste 30 Seiten, mithin sollte er sich mühelos zerreißen lassen. Wiedergegeben und geradezu exklusiv für die Nachwelt gerettet hat Ringelnatz den Anfang des Gedichts Mein Junge auf Seite 7 und — oben ab Vers 9 — den Schluss des Gedichtes Spiel auf Seite 9. Herausgeber Walter Pape meint dazu in der großen Ringelnatz-Gesamtausgabe, Band 5: Vermischte Schriften, 1983, in seinen Anmerkungen:

Es ist unklar, ob die Verse von Ingrid Svanström ernst gemeint oder parodistisch sind.

Mit Verlaub, das ist nicht unklar. Beim schallend lächerlichen letzten Vers mag ein Interpret noch unterstellen, dass mit der Dichterin da eine poetische oder sonstige Leidenschaft durchgegangen sei, aber so offensichtliche Fehlbildungen wie „mit diri Harakiri“ unterlaufen niemandem, der gut genug Deutsch kann, dass etwas ihn zum Verfertigen von Gedichten nötigt, die immerhin saubere Reime und Rhythmus aufweisen, aus Versehen. Wir reden hier nicht über den Schlesischen Schwan Friederike Kempner, deren Gesamtwerk schon bedeutend mehrdeutiger schillert. Und inhaltlich wollen wir nicht unterschätzen, was für eine gesellschaftliche und kulturelle Neuheit das war, dass eine Frau sich bekennend begehrlich und offensiv verführerisch an eine Mannsperson wendet.

Mich hätte interessiert, worauf sich „Blüten bring ich dir von rotem Mohn“ auf der Seite 9 reimt, wenn man sie nicht gerade als Vexierbild nutzt. Und einen anvertrauten Gedichtband durch Zerreißen verreißen, das gehört sich schon mal überhaupt nicht.

Hotel Riesen-Fürstenhof Koblenz, 1920, Hotels am Rheinufer, Bilderbuch Koblenz, Straßenansicht

Bilder: Kunstanstalt Kornsand & Co., Frankfurt am Main: Ansichtskarte/Postkarte ungelaufen, sehr guter Zustand, bei akpool 7,20 Euro:

Hotel Riesen-Fürstenhof, Koblenz a. Rhein. H. Kämpfer-Hansen. — Telephon 57, 58, 162. Telegramm-Adresse: Riesen-Koblenz. Große Garage. Neue Marmorhalle. Tägl. Konzert. Große Rheinterrassen.

Bilderbuch Koblenz: Hotel Riesen-Fürstenhof, 1920, Hotels am Rheinufer:

von rechts: Hotel Riesen-Fürstenhof, Hotel Traube, Hotel Koblenzer Hof mit dem charakteristischen Dreieckgiebel. Die Türme am Ende der Häuserreihe gehören zum ehemaligen Amtssitz der preußischen Bezirksregierung.

Soundtrack: Nicki Minaj: Anaconda, aus: The Pinkprint, 2014 in der grundrenovierten, revolutionär neu-alt interpretierten Version der warm empfohlenen Scott Bradlee’s Postmodern Jukebox,
aus: Selfies on Kodachrome, 2014; Gesang: die bezaubernde Robyn Adele Anderson:

I’m high as hell, I only took a half a pill,
I’m on some dumb shit, by the way, what he say?
He can tell I ain’t missing no meals,
Come through and fuck him in my automobile.

Written by Wolf

28. Juli 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Novecento

Dunkeldeutschland

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Update zu Polizistenschatten im Laternenschein,
Von den beiden Mädchen auf dem Felde
und Der Arzt von Münster in Salzkotten:

Wikimedia Commons

Mein Vater, ohne schlecht über ihn zu reden, hat kein Abitur. Mein Vater ist stolz darauf, wie er es nennt, mit „bloß Volksschul'“ ausgekommen zu sein und noch nie im Leben „so ein Kombuderdings“ angefasst zu haben. Wenn jemand englisch redet oder gar singt oder sonst auf eine Weise insinuiert, mein Vater könnte eine andere Sprache als sein abgelegtes Leipziger Sächsisch und in der Folge nicht ganz lückenlos angenommenes Landnürnberger Fränkisch verstehen, wird er ernstlich unwillig. Ganz schlimm sind Fremdwörer, weil man alles „aa-r-af Deidsch soong“ kann.

Mit dieser Einstellung konnte man tatsächlich einst ein Arbeits- und ein Pensionistenleben bestreiten, es war eine schöne Zeit. Mein Vater hat es in der mittleren Beamtenlaufbahn meines Wissens bis zu A 9 gebracht, dabei war er noch einer im Publikumsverkehr: erst Fahrtdienstleitung, danach telephonische Zugauskunft. Andere haben das durch bloßes Ausharren mit regelmäßiger Anwesenheit in einer unkündbaren Beamtenposition geschafft, aber das will weder er noch die anderen hören. Damit konnte man eine Familie — Frau, mehrere Kinder, Automobil, Eigenheim — ernähren und musste dabei keinen Tag „seine Frau auf den Strich schicken“ (Vater über doppelverdienende Ehepaare). Mein Vater hatte nie ein Automobil oder ein Eigenheim, er müsste also heute über ein angenehmes „Pölsterchen“ (abermals Vater) verfügen.

Nur kein Neid, liebe Kinder, ich bin selber nicht besser: War mein Vater noch ein Weißer Jahrgang, der weder von der Wehrmacht zu einem Weltkrieg noch von der Bundeswehr zum Schlammrobben herangezogen wurde, bin ich 15 Monate meiner Wehrpflicht als Urlaubssachbearbeiter bei den Kötztinger Fernmeldern nachgekommen, nur um die sonst fälligen 18 Monate Zivildienst zu vermeiden. Wenn heute meine Frau gegen Geld arbeiten muss, hat das weder mit dem Strich noch mit ihrer Selbstverwirklichung zu tun, sondern mit bitterer Not, weil ich weder mit Volksschule noch Abitur noch einem Studium Frau, Kinder, Automobile und Eigenheime erschwingen kann.

akpool.de

Was ich von der Lebensart meines Vaters behalten habe, waren bis zum unwiderruflichen Ende meiner Ausbildung die Freifahrscheine fürs Schienennetz der Deutschen Bahn. Damit konnte ich zwischen meinem Abitur und der bitteren Not, gegen Geld zu arbeiten, eine Zeitlang reisen wie Joachim Ringelnatz:

Aussteigen plötzlich, besonders noch spät,
Das kann ich jedem empfehlen.

Ein paarmal hab ich das gemacht. Ich erinnere mich an Bahnhöfe wie aus einer Kurzgeschichte von Heinrich Böll, Kneipenwirte, die eigens wegen des unerwarteten Gastes von hinter den sieben Bergen bis in die frühen Morgenstunden den Laden geöffnet hielten und ihr Geschäft des Jahres machten, plötzlich aufblühende Omas, die ihr Fremdenzimmer mit Frühstück eigentlich „neulich“ vor zehn Jahren aufgegeben hatten, und dass es in Norddeutschland mehr Spaß macht als im Süden. In Stade könnte ich zum Beispiel ein einwandfreies hausgemachtes Labskaus empfehlen, wenn ich noch wüsste, wo mich die Bedienung damit gemästet hat.

Reichenbach im Vogtland war, wie von Ringelnatz ausdrücklich geraten, nicht dabei: Das war zuerst DDR, für die man gesonderte Freifahrscheine Monate vor Fahrtantritt beantragen musste, und später immer noch ein Minenfeld, auf dem rudelweise väterlicherseitige Verwandtschaft hauste, da wollte ich trotz Ringelnatznähe schon gleich dreimal nicht hin. Normalerweise ging ich als unfertig studierter Linguist nach Schönheit der Stationsnamen, was leicht schiefgehen konnte. Nach einer durchfluchten Herbstnacht in Grüner Hirsch hab ich mir’s abgewöhnt.

Dr. Margarete Meggle-Freund

Bahnhof Reichenbach (Vogtl) ob Bf liegt als Trennungsbahnhof zu zwei inzwischen stillgelegten Nebenbahnen linear an der Bahnstrecke Leipzig–Hof, ein Knotenpunkt ist es nicht. Von 1895 bis 1974 bestand zusätzlich ein Bahnhof Reichenbach (Vogtl) unt Bf an der Bahnstrecke Reichenbach–Göltzschtalbrücke, die allerdings eine Nebenbahn ist, an keinen Fernverkehr angebunden und für derlei Abenteuer in der Fremde ungeeignet. Setzen wir also voraus, dass Ringelnatz 1925 oder nicht lange zuvor nicht an diesem idyllischen Unteren, sondern am Oberen Bahnhof ausgestiegen ist.

Auch kann auf Ringelnatz Reichenbach im Vogtland nicht allzu exotisch gewirkt haben, jedenfalls lag es auch 1925 schon in seinem heimatlichen Sachsen. Da zählte der Mann 42 Jahre und blickte auf eine sehr viel bewegtere Biographie im Krieg, zur See, als Hausdichter und als Tabakladenbesitzer zurück denn ich Studentenbürschchen, das ich zu meinen Reisezeiten war. Wo er eingekehrt ist, überliefert Ringelnatz nicht, außerdem weiß ich aus Erfahrung, dass dergleichen spontane Nachtausflüge nie sehr detailliert im Gedächtnis haften, und bezweifle, dass in der fraglichen Gaststätte, sollte sie noch existieren, Ringelnatzens gedacht wird. Eindeutig festnageln lässt sich sein nächtliches Stammlokal für Honoratioren wohl nie mehr.

Halbwegs in Bahnhofsnähe und Richtung Stadtzentrum, wohin sich ein ortsfremder, absichtsvoll planloser Stadttourist begeben würde, bestehen heute laut dem Örtlichen Branchenbuch: das Hotel Adler Vogtland in der Bahnhofstraße 101, das Killarny-Pub in der Bahnhofstraße 108 A und das Restaurant mit Pension und Biergarten Kyffhäuser in der Albertistraße 30, alle in 08468 Reichenbach/Vogtland.

Das Gedicht ist keiner von Ringelnatz‘ Smash-Hits und erscheint nicht viel in Anthologien, enthält aber als ersten und letzten Satz gleich zwei meiner Lieblingsstellen: Das Lied, das sich selber singt, ist eine angenehm surreale Vorstellung, die man gar nicht bildlich hinkriegt, und der weitgereiste Anklang an seine Seemannszeit um des lieben Reimes willen, wie es einem an solchen Nicht-Zielen idealerweise unterlaufen sollte, so schön angesäuselt.

Heinsdorfergrund im Vogtland

——— Joachim Ringelnatz:

Reisebrief eines Artisten

Abstecher: Reichenbach im Vogtlande

Version der Erstveröffentlichung in: Simplicissimus, Jahrgang 30, Heft 33, 16. November 1925, Seite 474,
gesammelt in: Reisebriefe eines Artisten, 1927, Seite 122 f.:

Scan SimplicissimusEs sang sich ein Lied in der Nacht.
Da wurden zwei Bürger in Reichenbach
Im Vogtlande wach.

Was wollte ich sonst in dieser Stadt
Als nur meine Fahrt unterbrechen;
Frug: ob sich hier ein Wirtshaus hat,
Wo Leute um die Zeit noch zechen.

Am Himmel standen Zeichen.
Warum – so hatte ich mir gedacht –
Soll Reichenbach in dieser Nacht
Nicht Guatemala gleichen?

Was geht mich Guatemala an,
Wenn ich daselbst nicht bin. –
Stieg aus. Bereute das. Doch ach:
Da flog mein Zug schon weiter hin.
Und ich stand nachts in Reichenbach.

Vielleicht erlebe ich Rübezahl,
Den Ollen!?
Doch sicher bin ich heute einmal
Für jedermann verschollen.

Aussteigen plötzlich, besonders noch spät,
Das kann ich jedem empfehlen.
Er braucht ja, wie sein Leben vergeht,
Gerade nicht Reichenbach wählen. –

Es klang ein Gesang wie Männerverein
Und brachte Dachrinnen zum Schmelzen
Und roch so nach Wein. Da trat ich hinein
Und kam mir dort vor wie Lord Nelson.

Im Seichtlärm eines Stammlokals
Der Honoratioren
Im Stile anno dazumals
Beneugiert und verloren – – –

Gott segne die Azoren!

Mapio.net

Bilder: Ansichten von Reichenbach im Vogtland:

  1. Verlag Automat AG, Dresden: Blick über Reichenbach im Vogtland und die Firma Georg Schleber AG im Vordergrund, historische Ansichtskarte, postalisch gelaufen am 19. Juli 1899;
  2. Ottmar Zieher Kunstanstalt, München: Ansichtskarte / Postkarte Reichenbach im Vogtland: Postamt, Albert Denkmal, Stadtpark, Moltke Denkmal, Bahnhof, ungelaufen, Ecken bestoßen, sonst guter Zustand, 6,00 Euro bei akpool;
  3. Dr. Margarete Meggle-Freund: Abb. 4: Bahnhof Reichenbach: eine Stadt im Umbau, aus: Vorstellung der Dissertation: Zwischen Altbau und Platte. Erfahrungsgeschichte(n) vom Wohnen. Alltagskonstruktion in der Spätzeit der DDR am Beispiel der Sächsischen Kleinstadt Reichenbach im Vogtland. Gastvortrag in der Wohn-Vorlesung von Prof. Dr. Christel Köhle-Hezinger in der FSU Jena am 14. Juli 2005;
  4. Die Rollbocklokomotive am Reichenbacher Annenplatz, aus: Die Geschichte der Rollbockbahn Reichenbach–Oberheinsdorf, nach 1897;
  5. Reinhard Klenke: Bahnhof Reichenbach (Vogtland) — gut 20 Minuten Zeit bis zum Zug gen Plauen, aus: Bahnhofstraße Reichenbach im Vogtland, ca. 2009;
  6. MBC (Moderator): Ein Jahr später, am 20.Juli 2002, ist der südliche Bahnhofsteil endgültig verwaist und wird bald darauf weichen.

+ Scan aus dem Simplicissimus, Jahrgang 30, Heft 33, 16. November 1925, Seite 474 mit der Erstveröffentlichung.

Eisenbahnforum Vogtland

Soundtrack: Joy Unlimited: Go Easy Go Bahn, 1973, DB-Werbung:

Die Single hat mein Vater noch in der Sammlung. Meine Mutter hat mir mal eine gelangt, weil ich fünfjährig einen Klecks Blaubeerjoghurt auf dem Cover hinterlassen hab, der sich noch nachweisen lassen sollte.

Darum als Bonus Track noch eins mit dem Zeug zum Lieblingslied: Elizabeth Cotten: Freight Train. Das Video ist nicht etwa spiegelverkehrt, sondern Frau Cotten spielt ungelogen linkshändig auf einer für Rechtshänder bespannten Gitarre; hier in einer Filmaufnahme von 1985, etwa 92-jährig. Ihren Freight Train will sie ungefähr zwölfjährig geschrieben haben, also gegen 1905. Auf Schallplatte debütierte sie 1957, ungefähr 65-jährig. Ihre autodidaktisch erfundene und zur Perfektion getriebene Zupftechnik hat sie 1987 mit ins Grab genommen.

Ich selbst bin nie weit auf Güterzügen gereist, hab aber beim Zugfahren von jeher Ohrwurm von Freight Train.

Written by Wolf

9. Juni 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Novecento

Nicht so übel scheint die Sonne

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Die Welt wird schöner mit jedem Tag,
Man weiß nicht, was noch werden mag,
Das Blühen will nicht enden.
Es blüht das fernste, tiefste Tal:
Nun, armes Herz, vergiß der Qual!
Nun muß sich alles, alles wenden.

Ludwig Uhland: Frühlingsglaube, 1812.

Bach-Kantate zum 1. Pfingsttag: Erschallet, ihr Lieder, erklinget, ihr Saiten!, BWV 172, Pfingstsonntag, 20. Mai 1714, Schlosskapelle Weimar:

——— Ludwig Uhland:

8. Frühlingslied des Rezensenten

aus: Ausgabe letzter Hand: Gedichte. Wohlfeile Ausgabe, 8. Auflage, Cotta, Stuttgart 1861,
i. e. 42. Gesamtauflage der erstmals 1815 erschienenen Sammlung, Frühlingslieder:

Frühling ist’s, ich laß es gelten,
Und mich freut’s, ich muß gestehen,
Daß man kann spazieren gehen,
Ohne just sich zu erkälten.

Störche kommen an und Schwalben,
Nicht zu frühe, nicht zu frühe!
Blühe nur, mein Bäumchen, blühe!
Meinethalben, meinethalben!

Ja! ich fühl ein wenig Wonne,
Denn die Lerche singt erträglich,
Philomele nicht alltäglich,
Nicht so übel scheint die Sonne.

Daß es keinen überrasche,
Mich im grünen Feld zu sehen!
Nicht verschmäh ich auszugehen,
Kleistens Frühling in der Tasche.

Pentecost, Jean II Restout, 1732

Bild: Jean Restout II der Jüngere: Pfingsten, 1732, Öl af Leinwand, 465 x 778 cm, Louvre, Paris.

Bonus Track: Mayer Hawthorne: Your Easy Lovin‘ Ain’t Pleasin‘ Nothin‘ aus: A Strange Arrangement, 2009. Das ohne hohen Anspruch, aber mit guter Laune komponierte Unterhaltungsstück leichter Machart vermittelt ein angemessen pfingstliches, neudeutsch gesagt, Bacardi-Feeling. Zugegeben erscheint die Vollbildfunktion bei dem Videoclip in One-Shot-Technik besonders lohnenswertd:

Written by Wolf

2. Juni 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Land & See

Vnd ist auff eim vnfruchtpern vnnd sandigen erdpoden erpawen

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Update zu Damit du siehst, wie leicht sich’s leben läßt:

Wer im Landkreis Nürnberger Land oder sonst im Mittelfränkischen aufgewachsen ist, kommt spätestens in der Grundschule nicht um Hans Sachs, Veit Stoß, Peter Henlein, Martin Behaim, Willibald Pirckheimer, gleich zwei Peter Vischers, das kleine Einmaleins der Lebküchnerei und schon gar nicht um die Schedelsche Weltchronik drumrum.

Dennoch war mir bis ins hohe Alter vor einem Jahr, als ich literarisch konnotierte Kneipen zusammengesucht hab, nicht bewusst, wie nah ich der Schedelschen Weltchronik eine ganze Kindheit lang war. Es ist kein Schulstoff, es ist in der Faksimile-Ausgabe im Taschen Verlag von 2001 dem Herausgeber Stephan Füssel keine Anmerkung wert, es ist keine zehn Meter Luftlinie daneben beim Mais kein Wirtshausgespräch. Da muss erst wieder ich kommen.

Herrensitze, Renzenhof 1894„Der Mais“ ist, solange ich denken kann und noch länger, die Gaststätte Zum Jägerheim in Renzenhof, Altdorfer Straße 1, Ecke Hartmann-Schedel-Straße. Das war die Stammkneipe meiner Kindheit: Dahin haben, solange ich mich nicht wehren konnte, meine Eltern mich mit Vorliebe an Sonntagen verschleppt, um Schäufele für drei Personen („Für mich auch eins!“) zu verdrücken. Mittwochs war Schlachtschüssel, die 2010 eingestellt wurde, deren Metzelsuppe aber seitdem jährlich nur noch legendärer wird. Bedient wurde vom Wirt Willy Mais persönlich und seinem Bruder „Doc“, der zwischendurch gern Zaubertricks mit Zwei-Mark-Stücken vorführte, für die man junge Mädchen begrabbeln darf. Ansonsten brachte er durch nicht ganz geistlose Ruppigkeiten den so genannten fränkischen Charme in den Betriebsablauf: „Tut mir an G’falln und sauft net so schnell“ oder „I bin net der Chef, i mach des bloß unter Protest.“ Aus dem gleichen Geiste heraus haben sich die Wirtsleute Mais anno 1995 in schlecht verhohlener Trägheit erdreistet, meiner Mutter keinen Tisch für sechs Personen für ihren 50. Geburtstag zu reservieren, obwohl wir ihnen seit Jahren am Rande der Legalität als Endverteiler das Mineralwasser vom Bundesbahn-Sozialwerk für den Gastbetrieb verkauft haben. Seitdem gehen meine Eltern da nicht mehr hin, und ich komm auch nicht grade jeden Tag dran vorbei. Dabei ist die Familie Mais immerhin bis heute entweder so traditionell oder schon wieder so avantgardistisch eingestellt, um auf eine eigene Internetpräsenz zu verzichten, und das selbst nach Geschäftsübernahme durch das Enkelchen des Hauses — Kerstin, mit der mich in der Schule außer der Teilnahme an einigen Nebenfächern in der Kollegstufe leider nicht viel verband — und die 2010 unter Drangabe der Schlachtschüssel ein Minimum an abendländischen Umgangsformen (und Getränkepreisen) ins Haus getragen haben soll.

Renzenhof selbst, für das „der Mais“ im Volksmund pars pro toto steht, „wurde erstmals 1362 in den Engelthaler Klosterurkunden als Siedlung erwähnt und bereits 1425 im Waldbuch Paul Stromers als Forsthube geführt. […] Am 1. Juli 1972 wurde der Ort mit der Gemeinde Haimendorf und ihren anderen Ortsteilen Rockenbrunn, Grüne Au und Moritzberg in die Stadt Röthenbach an der Pegnitz eingegliedert“ — soweit Wikipedia. Die lebhaften Eigentümerwechsel insbesondere des Herrenhauses gegenüber vom Mais sind für den interessierten Heimatkundler unter Herrensitze dokumentiert; die heutige zu erhaltende Substanz stammt in der Hauptsache aus der Renaissance, also um die Zeit der Schedel-Familie und der Fürer von Haimendorf.

Derzno, Ortseingang Renzenhof, 2012

Was nun weder meinen Eltern noch mir noch mit größter anzunehmender Wahrscheinlichkeit den Wirtsleuten bewusst war: dass vor 1493 im Nachbarhaus der Nürnberger Arzt, Humanist und Historiker Hartmann Schedel vermutlich große Teile seiner gleichnamigen Weltchronik geschrieben hat. Obwohl vereinzelt gestreut zu erfahren ist, dass „dort […] Hartmann Schedel seine Schedelsche Weltchronik geschrieben haben“ soll und der asphaltierte Feldweg zwischen dem Gasthof und dem Herrenhaus vielsagend Hartmann-Schedel-Straße heißt, ist das Herrenhaus im heutigen kollektiven Gedächtnis als „der spinnerte Renzenhofer Turm mit der Sonnenuhr“ verankert und wird seit etwa 1847 privat bewohnt.

Derzno, Renzenhof, Herrensitz, 2012Die aktuelle Entwicklung ist, dass seit 2015 die Frau Diplompsychologin Julia Knoke in dem Herrensitz eine Praxis für Psychotherapie betreibt. Das ist gut: Jetzt gibt es auf einmal nicht nur eine Kneipe, in der ich vorsprechen muss, sondern sogar eine Fachkraft für Depressionen, Angststörungen, Beratung, Coaching und sogar die unter Röthenbachern zweifellos bitter nachgefragte Traumatherpie, mit der ich was zu bequatschen hätte, zum Beispiel: Machen Bausubstanzen aus dem Mittelalter unter mutmaßlichem Denkmalschutz viel Ärger, so als gewerblich genutztes Wohneigentum? Und: Erfährt man wenigstens dann etwas von einer Schedelschen Schreibstube, wenn man das Objekt kauft? Und werden darin jetzt Traumata aufgearbeitet oder Reste der reichhaltigen Mahlzeiten vom Mais aufgewärmt?

Und auch sonst: Schedel hat nachweislich aus einer umfangreichen Bibliothek geschöpft, die sich nachmals auf die Stadtbibliothek Nürnberg und die Staatsbibliothek München aufgeteilt hat. Dazu zählen ältere, handschriftliche Chroniken, Flugblätter, medizinische bis kosmologische Fachliteratur, Boccaccio und Petrarca, Ptolemäus, Strabon, Pomponius Mela, der zeitgenössische Schatzbehalter seines geistlichen Kollegen Stephan Fridolin beim nachbarlichen Verlag Anton Koberger, die Peregrinatio in terram sanctam, der Fasciculus temporum und, erstaunlich genug: das Supplementum chronicarum, das erst 1492 zu Venedig erschienen war; der Produktionsvertrag der Illustratoren Wolgemut und Pleydenwurff mit den Verlegern Sebald Schreyer und Sebastian Kammermeister stammt erst vom 29. Dezember 1491, und in dem wurde Hartmann Schedel noch nicht einmal als Texter erwähnt.

Die Fragen sind also: Wie kam der Nürnberger Patrizier und Stadtphysicus ohne buchhändlerisches Liefersystem und Amazon Prime so schnell zu einem derart aktuellen Werk und konnte es neben so vielen anderen in einem solchen Tempo ohne Übersetzung lesen, verstehen und ausschöpfen? Wie kommen die Nürnberger Stadtbibse und die Münchner Stabi zu der Sammlung? Wer war wann warum und von wem befugt, mit einem Pferdewagen in Renzenhof anzurollen und Schedels Bibliothek aufzulösen? Was hat Schedel in seinen Arbeitspausen gemacht — konnte er schon schnell mal über die Straße „zum Mais“, der im übrigen erschütternd nachlässig dokumentiert ist, und was haben die damals für eine Brauerei geführt (Simon gibt’s erst seit 1875)? Musste er regelmäßig bei seinem Verleger — im Falle der Chronica nur Auftragsdrucker — Koberger in der Nürnberger Gasse unter der Veste 3, der heutigen Burgstraße, zu Guidance-Meetings vorsprechen, um wieder ein paar Milestones zu killen, seinerzeit in einfacher Richtung ungefähr eine Tagesreise? Konnte er von seinem dritten Stock aus bei klarem Wetter über den Nürnberger Reichswald hinweg die Nürnberger Burg anschauen oder hat er im Erdgeschoss geschrieben? Kamen die Grafikkollegen Wolgemut und Pleydenwurff oft zu Besuch, um am Layout zu arbeiten? Und ging es schon damit los, dass er seinen Text einkürzen musste, „weil die Leute Bilder sehen wollen“?

Frau Knoke wird also von Vorliegendem erfahren müssen. Wie günstig, dass sie als Freiberuflerin ja immer und überall ansprechbar sein sollte. Für alle, die zufällig nicht Julia Knoke heißen, sei nachfolgend die auf Frau Knokes Frühstücksplatz entstandene Schedelsche Weltchronik als das gewürdigt, was sie ist: die Mutter aller Nachschlagewerke, mit dem versammelten Weltwissen aller Orte und Zeiten einschließlich der Zukunft bis zum JJüngsten Gericht, deren Kunde 1493 bis in die Weltstadt Nürnberg gedrungen war — die Großmutter mithin, wenn schon nicht von Wikipedia, weil nicht jeder, der sie lesen konnte, automatisch daran mitschreiben durfte, so doch vom Brockhaus — und als vogelwilde Achterbahn aus Halbwissen und Aberglauben, bei der man abwechselnd von einem Erstaunen ins nächste fällt, wie viel und wie wenig sich sich seit 1493 geändert hat. Bei weitem nicht der erste noch der einzige Versuch einer Weltchronik seit der mittelhochdeutschen Zeit, aber einzigartig als Versuch, in humanistischer Weise Naturerkenntnis, christliche Religion und Philosophie zu vermitteln — und wertvoll für ihre umfassenden, detailgenauen Abbildungen von Städten, die allerdings keinem modernen Verständnis von Realitätsnähe entsprechen.

Zur zeitlichen Einordnung regierte um die erste urkundliche Erwähnung des Renzenhofer Herrensitzes gerade der 2016er Jubilar Karl IV. seit 1355 als Kaiser. Die Jahreszahl der Chronica 1493 bedeutet auch: gegen Ende der ersten Reise von Kolumbus — also genau an der Zeitenwende zur Neuzeit, als die Erde aus direkter Anschauung und Erfahrung eine Kugel geworden war — siehe auch: Martin Behaims Erdapfel, Nürnberg 1492 — und sich die Ausläufer des Spätmittelalters nach jeder möglichen Definition in einer Vor-Zeit verloren.

Da sieht man wieder, wovon Kultur abhängt. Wenigstens sind die Knokes gewohnt, Verrückte ins Haus zu lassen.

Praxis für Psychotherapie, Dipl. Psych. Julia Knoke, Psychologische Psychotherapeutin, Psychoanalytikerin, 2015

Ich bringe daher nachfolgend ungekürzt die Urgroßmutter aller Lexikoneinträge über Nürnberg. Die Taschen-Ausgabe liegt mir vor: Über Renzenhof, soweit ich sie überblicke, schweigt sich die Chronik aus.

Von der Nürnberger Chronik, internationaler Nuremberg Chronicle, wie sie überall außer in Deutschland gängiger heißt, wurde eine deutsche Ausgabe für den heimischen und eine lateinische für den gesamteuropäischen Markt gefertigt. Die Versionen sind nicht deckungsgleich übersetzt, die Artikel über Nürnberg bringen wegen der unmittelbaren Ortsnähe der Gestalter aber jeweils das gesamte Wissen, das nur aufzutreiben war. Dazu wurde es nicht zwingend aus der vorfindbaren Wirklichkeit oder von zuverlässigen Autoritäten übernommen, sondern stellenweise frei erfunden: Etwa die Etymologie des Ortsnamens aus „Neroberg“ kann nur dem Nachweis des ehrwürdigen Alters der Stadt aus römischer Zeit (erste urkundliche Erwähnung: A.D. 1050) und damit ihrem Prestige dienen: ein frühes Beispiel für Stadtmarketing. Dafür ist die bildliche Nürnberger Darstellung von Michael Wolgemut auf einer ganzen Doppelseite vermutlich nach dem Augenschein gefertigt, also die verlässlichste Abbildung einer Stadt aus dem ganzen Zeitraum (heute wird sie nur für die richtig teuren Gold-Elisen-Lebkuchendosen verwendet). Der Text nimmt die ganze folgende Doppelseite ein, womit Nürnberg am ausführlichsten in der ganzen Chronica behandelt wird.

——— Hartmann Schedel:

Register Des buchs der Croniken und geschichten –
mit figuren und pildnüssen
von anbeginn der welt bis auf dise unnsere Zeit

Das sechst alter der werlt

Verlag Anton Koberger, Nürnberg 1493, Blat C verso, Blat CI recto:

Schedelsche Weltchronik, Nvremberga, 1493

Nurmberg ist in gantzem teütschen land vnd auch bey eüßern völckern ein fastnamhaftige vnd weyt besuchte stat. Ein berümbts gewerbhaws teüscher land. vnd mit schönen gemaynen vnd sundern gepewen gezieret. Ein konigliche fast alte burg fürscheint ob eim berg vber die statt auff. daruon ist ein gesichte in die statt vnd darauß. Ettlich maynen das der statt ir namen von derselben burg entsprungen sey. So sprechen ettlich. das sie von Tiberio nerone dem kayser nach Resgenspurg gepawet. oder von Druso nerone seinem bruder (der die teütschen bestritten hat) Neroberg genant worden sey. dann Tiberius der keyser zohe sein vaterlichs geslecht von Tiberio nerone. Derselb het (als Swetonius tranquillus schreibt) Liuiam Drusillam also schwangere. vnd doch auch dauor bey ime eins suns genesen. dem Octauiano auff sein begeren ergeben. vnd starb vnlang darnach. vnd ließ hinder ime die zwen sün Tiberium vnd Drusum nach ime Nerones zugenambt. dann Nero bedeüt nach sabinischen gezüng souil als starck oder gestreng. Nachfolgend hat der Tiberius Burgundien vnd Franckreich. die von einlawffung des barbarischen volcks. vnd auß zwittracht der fürsten vnruoesam waren geregiert. vnd darnach die krieg amm öberen kies. amm Lechfeld. an der Thonaw vnd in theütschen landen nacheindander gefürt. vnd in den selben kriegen die Algewer vnd auch die Dalmacier ernidergelegt vnd sunderlich in dem teuetschen krieg bey xlm. ergebener menschen in Galliam gefuert vnd sie bey dem gestadt des Rheins in wonung vnd bleibung nidergesetzt. darumb zohe er mit zierlichen sygzaichen nach Römischem sytten geschmücket frölich gein Rome. Aber sein glori vnd machtigkeit wardt darnach mer vnd mer erweytert. da er dz gantz kriechenland das innerhalb welschs lands vnd dem Norkewischen [?] reich vnd traciam vnd Macedoniam vnd zwischen der Thonaw vnd dem Adriatischen meer ligt zu gehorsam vnnd ergebung gebracht het. Diser Claudius tiberius nero (als Eutropius setzt) was ein kluog man in den wafen vnd glückhaftig genuog vor seiner angenomner herrschung. vnd schaffet das die stett mit seinem namen genent werden solten. Aber die allereltisten bücher der geschihtbeschreiber haißen dise burg ein norckewisch geschloß. dann auff das die Römer den feynden die sich nach dem gepirg enthielten ir vberziehung weeren möchten so paweten sie an den bergen des Norckaws vnd in vil gegenten teützsch lannds bürg vnd geschlösser. also hat auch dise statt ein einige höh darauff dise alte burg zu huot der statt gepawen ist. Vnd wiewol (als der hohberümbt babst Pius der ander von diser statt schreibt) ein zweifel ist ob sie des Frenckischen oder Bayrischen lands sey. so zaigt doch ir namen an das sie zum Bayer land gehöre. so sie doch Nörmberg. gleich als Norckaws berg geheißen wirdt. dann die art oder gegent zwischen der Thonaw vnnd Nörmberg gelegen heißt das Norckaw. Dise statt ligt aber in dem Bambergischen bisthumb das zu Francken gehört. doch wöllen die Nürmberger weder Bayern noch Francken aber ein drittes besunders geslecht sein. Dise statt wirdt durch ein fliessends wasser die Pegnitz genannt enmitten getaylt in zwu stett. so kombt man von einer in die andern auff vil schönen staynin prugken vber dasselb wasser auffgerichtet. vnd ist auff eim vnfruchtpern vnnd sandigen erdpoden erpawen. vnd auß diser vrsach alda ein arbeitsams emsigs volck. dann alle die. des gemaynen volcks sind entweders fastsinnreich wercklewt. erfinder vnd maister mancherlay wunderwirdiger subtiler arbait vnd kunst zum geprauch menschlicher notdurft vnd zierde dienstlich. oder aber gar anschlagig kaflewt vnnd gewerb treyber. Vnd wiewol auch dise statt von ettlichen für new geachtet wirdt darumb das in den schrifften der alten wenig dauon geschriben gefunden werde. vnnd auch keynerlay fuoßstapffen oder anzaigung des alters darin erscheynen dann allain die vorbemelt alte burg vnd ettliche hewser. des sich doch nymant verwundern soll. denn auch von vil andern treffenlichen stetten nit allain teütscher sunder Auch Welscher vnd andrer land. vnnd sunderlich von der in aller werlt berümbtisten statt Rom irs vrsprungs. alters vnd stiffters mancherlay zweifellicher wone vnd vermuotung vnder den geschihtschreibern erscheinen. yedoch so ist wissentlich das dise statt zu der zeit des großen kayser Karls in plüendem wesen gestanden ist. dann nach dem derselb Karolus ein konig zu Franckreich die kyrchen vnd auch das römisch reich auffen vnd meren wolt vnd die Sachsen gezamet vnd die Britannier vnd Gallier zu ime in pündnus gebracht. vnd auch mit Tassilone dem hertzogen zu Bayern auß volg babst Adriani friden auffgenomen het. vnd aber derselb Tassilo nach beschehner fordrung weder selbs komen noch auch die außgeding versprochen layst bürgen schicken wolt. do name Karolus wider denselben Tassilonem einen krieg für. vnd füret die heer in Bayern taylende das volck auff drey ort vnd verordnet die österreicher thüring vnnd sachssen sich bey der Thonaw zelegeren. so blib Pipinus sein sun mit dem welschen heer zu Trient. Aber karolus hielte sein wartt mit dem dritten teil des heers zu Nürmberg vnd in den nahenden enden daselbst vmb vnd pawet in form vnd gestalt seins gezeltes bey Nürmberg ein kirchlein das nachfolgend durch babst Leo den dritten. der dem benannten Karolo gein Padeporren in Sachssen nach zohe. auff dem widerweg gein Rom in sannt Katherinen der iunckfrawen vnd martrerin ere geweiht worden ist vnd yetzo zu dem alten fürt genant wirdt. Ettlich sagen das dise statt ettwen vnder des edeln herren Albrechts grafen zu Francken gewalt gewesen vnd nach absterben desselben grafen (der auß veruntreüung hattonis des bischoffs zu Maintz von kayser Ludwigen vmbracht wardt) an das Römisch reich gelangt sey. Nach dem aber dise statt an das Römisch reich komen ist so ist sie seydher mit hoher trew vnd bestendigkeit dem Römischen reich vnuerwenckt angehangen. vnd hat den römischen konigen alweg hohbestendigen glawben vnnd trew gelaystet. vnd darumb auch in zwitrachtigkeit der Römischen kayser schwere bedrangknus vnd schaden erlidden. vnd sunderlich dieweil keyser heinrich der vierd regiret. vnnd ine konig heinrich sein sun auß götlicher rachsale (als man maynet) mit krieg verfolget. Als nw die Nürmberger ir trew an seinem vater hielten do wardt die statt Nürmberg durch den sun mit hilff der seinen belegert vnd gewunnen. als dann die glawbwirdigen geschihtbeschreiber Otto frisingensis vnd Gotfridus viterbiensis beschreiben Derselb konig Heinrich zohe gein Wurtzburg vnd setzet bischoff Erlongum ab vnd Robertum ein. darnach ließe er die Sachsen haym ziehen vnd eroberte mit den Bayern das Norckawisch schloss zu Nuemberg. als er das zwen monat oder mer belegeret het do zohe er gein Regenspurg in die hawbtstat des Norckawischen hertzogthumbs den volget der vater alßpald nach. vertribe den bischoff Robertum vnd setzet Erlongum wider ein. do zohe er fürter vnnd veriaget mit hilff der von Regenspurg den sun auß der statt vnd setzet daselbst bischoff Ulrichen ein. vnd zerstöret durch die Beheim die Marckh Theobaldi. Konig Conrad der Schwab. der nach absterben Lotharij zu römischem konig erclert wardt. vnd auß rat sant Bernharts einen heerzug wider die vnglawbigen fürname hat dise statt wider auffgerichtet vnd ein löblich closter vnd abtey sant Benedicten ordens zu sant Egidien genant an eim gelegnern enden der statt gestiftet. vnd ist auch die statt durch nachfolgend hilff stewr vnnd begnadung desselben konig Conrats vnd anderer römischen kaiser vnd konig zu auffung komen. Aber nit ist zeglawben das sie vomm anfang irer widerauffrichtung solcher zierde vnnd weyte gewesen sey. sunder sie ist zu den zeitten Karls des vierden römischen keysers vnd konigs zu Beheym mit weiterm vmbkrais eingefangen vnd mit newen zinnen vnd mit eim weytten vnd tieffen gerigs vmb die stat gefürten graben. vnd mit iijc. lxv. thürnen. ergkern vnd vorwern an den zwayen innern mawrn gemeret vnd mit fast weiten vnd festen inwonungen gezieret vnd schier in den mittel teütschs lands gelegen. vnd die burgere daselbst haben auß vnderrichtung keiserlicher gesetze eins ratspflegnus vnd burgermaisterliche ordnung von der gemaynd vnderschiden. dann die burgere des herkomens von alten erbern geslechten daselbst pflegen gemayner statt sachen. so wartet die gemaind irer henndel. In diser statt sind vil weyte vnd wolgezierde gotzhewßer. auch zwu pfarr. sant Sebalds vnd sand Laurentzen kirchen. vnd der petlörden vier wolerpawte clöster die die burger in mancherlay zeiten aufgerichtet haben. Die geistlichen iunckfrawen haben daselbst zway clöster Eins zu sant Katherein. das ander zu sant Clara genant. So haben die teütschen herren ein große weitte der statt innen. Da ist auch ein Cartheüser closter an großtatigkeit des gepews fast weit vnd schön. Auch ein konigclicher wolgezierter sal der allerhailigsten iunckfrawen Marie amm marck mitsambt einem aller schönsten prunnen. Dise statt frewet sich nicht wenig irs konigclichen patrons sant Sebalds der in seinem leben vnd mit wunderwerken also erleüchtet gewest ist das er auch dise statt erleüchtet hat. Sie frewet sich auch der keyserlichen zaichen. als des mantels. schwerter. scepters. der öpffel vnd kron des großen keyser Karls die die zu nümberg bey ine haben. vnd die in der krönung eins römischen konigs von der heiligkeit vnnd alters wegen einen glawben geben. so wirdt auch dise statt sunderlich hohgezieret mit dem vnerschetzlichen vnd götlichsten sper. das die seyten Jhesu cristi am creütz geoffent hat. Auch mit einem mercklichen stuck des creützs vnd anderen in der gantzen werlt zewirdigen heilthumen. die ierlich zu österlicher zeit offentlich daselbst mit großer solennitet vnd zierlichkeit gezaigt werden.

Der heilligen streyttenden kirchen grundfestungen darauff sich das gantz zimmer diss gepews vertrawenlich steüert sind die heiligen apostel. dann got hat dieselben als erste opffer zu hail aller völcker erwelet. Dise sind die grundseüln oder pfeyler der kirchen auff der grundfeste (on die nymant einiche andere grundfest setzen mag) die do ist Cristus Jhesus mit dem höhsten egkstayn befestigt. das die warheit die vormals in dem preyse des gesetzs vnd der propheten schwebet. durch die apostolischen pusawmen zu hail aller werlt außgienge. dann es ist geschriben. In alles ertrich ist außgegangen ir stymm. wann von inen ist die kierch entsprossen vnnd bis zum ende der werlt mit dem wort der verkündung außgestreckt. Sie haben dise kirchen mit lere. mit wunderzaichen. mit ebenpilden vnd mit pluotuergissen gepflantzt. darumb werden sie billich veter. stifter. pawere ordner. hirten. bischoff vnd wegmacher der gemaynen kirchen genant. Aber das sacrament diser gabe hat der herr also zu dem ambt aller apostel wöllen gehören. das er es in dem seligsten Petro aller apostel dem höhsten setzet. das er von ime als einen hawbt mit seiner gabe als in allen leib ergüsse. das sich der. der götlichen heymlichen verborgenheit entsetzet verstünde der von der festigkeit Petri abweichen getörste. dann der herr hatt ine in die mit verwandtschaft der vnteylpern einigkeit also genomen. das er ine das. das er selbs was nennet sprechende. Du bist Petrus vnd auff disen felsen wirdt ich pawen mein kirchen. das der paw des ewigen tempels in wunderperlicher begabung mit der gnaden gottes auff der festigkeit Petri stünde. vnd er hat dise kirchen mit seiner bekreftigung also gestercket das menschliche vermessenheit vnd frefel sie nit erraichen noch auch die hellischen pforten wider sie gesygen möchten.

Pilter: G. v. Volckamer: Das Herrenhaus und die Ökonomiegebäude von Südosten, um 1894
via Burgen und Herrensitze in der Nürnberger Landschaft;
Derzno: Renzenhof, Herrensitz, 28. Juli 2012;
Derzno: Renzenhof, Ortseingang, 28. Juli 2012. Zur linken hinter dem Baum in sommerlicher Pracht der besagte Herrensitz, rechts daneben über die Hartmann-Schedel-Straße der zugeparkte und gut besuchte Biergarten Zum Jägerheim, weil der 28. Juli 2012 ein Samstag war;
Praxis für Psychotherapie Julia Knoke, ca. 2015;
Michael Wolgemut und Wilhelm Pleydenwurff für Hartmann Schedel: Register Des buchs der Croniken und geschichten – mit figuren und pildnüssen von anbeginn der welt bis auf dise unnsere Zeit. Das sechst alter der werlt, Verlag Anton Koberger, Nürnberg 1493, Blat 99 verso und 100 recto.

Röthenbach-Feature: Manfred Eder: Röthenbach an der Pegnitz, 17. Februar 2016:

Bonus Track aus Nvremberg zur Erholung:
Carson Sage and the Black Riders (erloschen, neuerdings Secret Song Service):
Garten Mother’s Lullabye, aus: Final Kitchen Blowout, 1993:

Written by Wolf

16. Februar 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Renaissance