Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for the ‘Land & See’ Category

Die unnachsichtige Logik, zu der ich mich erzogen hatte

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Update zu Irgendwelche Lümmel oder Gesellschaften von zechenden Strolchen
und And all I got’s a pocketful of flowers on my grave:

Hermann Wögel, MS. Found in a Bottle, 1884, via Old Book IllustrationsAm spukhaftesten wirkt immer Pseudo-Nonfiction: die erfundenen Geschichten, die mit allen dramaturgischen Mitteln und unter Aufbietung aller Beweismittel so tun, als sie einer äußeren Wirklichkeit entsprächen, bis man nicht einmal mehr künstlich seine Ungläubigkeit aussetzen muss. Im Kino musste ich mal den größten Teil vom Blair Witch Project ernsthaft Händchen halten, was ich normalerweise missbillige — wie meine üblichen Kinobegleitungen vorher wissen. Schade ums Eintrittsgeld, und das nicht wegen des außergewöhnlich nervigen Filmpersonals, aber die Realität war wirklich raffiniert mit monatelangem Vorlauf als, nun ja: Realität konstruiert. Geht mir heute noch nach.

Eine frühe Spielart solcher Mockumentary bringt Edgar Allan Poe in Manuskriptfund in einer Flasche, im Original MS. Found in a Bottle, 1833: Solange er nicht auf filmische Mittel zurückgreifen konnte — und man darf annehmen, dass er es jederzeit getan hätte — versah Poe seinen phantastischen Reisebericht mit dem dokumentarischen Rahmen eines Vor- und Nachworts unter seinem Autorennamen. Aus eigener Erfahrung kann ich nur sagen, dass man angesichts dieses durchschaubaren, weil eben nicht filmisch umgesetzten Kunstgriffs durchaus kurz ins Grübeln gerät, ob nicht doch alles wahr ist.

Die Handlung besteht aus dem angeblich vollständigen, allerdings stark punktuell verkürzten Tagebuch eines eher unsympathisch gezeichneten Dandys, der auf einer Weltreise … Nein, das Werk ist zu kurz, um es auch noch zu spoilern — aber es wird ähnlich wie der viel ausführlichere Arthur Gordon Pym 1838 aufgelöst.

Die im folgenden Auszug erwähnten „deutschen Moralisten“ bezeichnen dem versammelten deutschen Idealismus zwischen Kant und Schelling. Folgt man Poes sonstigen Figuren bis zur Morella aus der gleichnamigen Kurzgeschichte von 1835, studiert die natürlich überaus schöne und vor allem ehrfurchtgebietend gelehrte Freundin des umnachteten Ich-Erzählers genau in diese Richtung. Ganz beiläufig ist Morella aus Preßburg gebürtig und damit aus Poes amerikanischer Sicht eine der sprichwörtlich schönen und gelehrten Frauengestalten aus dem Kulturkreis des „alten Europa“. Die Herkunft aus dem heutigen Bratislava verweist zusätzlich, von Poe beabsichtigt oder nicht, auf Böhmen am Meer aus Shakespeares Wintermärchen.

Ich bringe zwei berückende Absätze aus dem MS. Found in a Bottle — einen von gegen Anfang und einen von gegen Schluss:

——— Edgar Allan Poe:

Manuskriptfund in einer Flasche

1833, übs. Arno Schmidt 1970:

Vor allen Dingen bereitete mir die Beschäftigung mit den deutschen Moralisten das hellste Entzücken; nicht etwa aus irgendeiner übelberatenen Bewunderung ihrer zungenfertigen Wahn=Witze, sondern der Leichtigkeit wegen, mit der die unnachsichtige Logik, zu der ich mich erzogen hatte, mich in den Stand setzte, ihre Falschheit zu entdecken. Man hat mich ob dieser unfruchtbaren Trockenheit meines Geistes oft getadelt; mir einen Mangel an Einbildungskraft schier wie ein Verbrechen unterstellt; und der Pyrrhonismus meiner Ansichten hat mich allzeits in Verruf gebracht./p>

[…]

Sich von Grauenhaften meiner Gefühlslage einen Begriff zu machen, wird, wie ich annehme, völlig unmöglich sein; trotzdem überwiegt eine gewisse Neubegier, die Geheimnisse dieser schrecklich hehren Regionen zu ergründen, selbst meine Verzweiflung noch; und versöhnt mich gleichsam wieder mit dem Aspekt auch des scheußlichsten Todes. Liegt es doch auf der Hand, daß wir vorwärts stürmen, irgendeiner erregendsten Erkenntnis zu — einem niemals bekanntzumachenden Geheimnis, dessen Erreichung gleichbedeutend ist mit Zerstörung.

——— Edgar Allan Poe:

MS. Found in a Bottle

1833:

Beyond all things, the works of the German moralists gave me great delight; not from any ill-advised admiration of their eloquent madness, but from the ease with which my habits of rigid thought enabled me to detect their falsities. I have often been reproached with the aridity of my genius; a deficiency of imagination has been imputed to me as a crime; and the Pyrrhonism of my opinions has at all times rendered me notorious.

[…]

To conceive the horror of my sensations is, I presume, utterly impossible; yet a curiosity to penetrate the mysteries of these awful regions, predominates even over my despair, and will reconcile me to the most hideous aspect of death. It it evident that we are hurrying onwards to some exciting knowledge—some never-to-be-imparted secret, whose attainment is destruction.

Harry Clarke, MS. Found in a Bottle, 1833, MONTE DE LEITURAS. Blog do Alfredo Monte, 6. März 2013

Bilder: Hermann Wögel: MS. Found in a Bottle, Albert Quantin, Paris 1884;
Harry Clarke, 1833, via Para seguidores e neófitos de Poe: Os arabescos de CONTOS DE IMAGINAÇÃO E MISTÉRIO, MONTE DE LEITURAS: blog do Alfredo Monte, 6. März 2013.

Die ganze Kurzgeschichte als Kurzfilm: Florian Grolig
in der Animationsklasse Kassel, 2010, Prädikat: Besonders wertvoll:

Soundtrack: Zaz: Port coton, aus: Zaz, 2010:

Boire pour la soif
Je ne sais pas ce qui de nous deux restera
Tu dis mais je ne regarde pas
Je n’ai jamais vu la mer
Mais j’en ai vu des noyés
Comment fais-tu pour oublier
pour oublier

Et la pluie qui revient
dans nos voix
Pas une chanson où je ne pense à toi
Dans ce monde inhabitable
Il vaut mieux danser sur les tables
A port coton qu’on se revoit
qu’on se revoit

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Written by Wolf

9. August 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Romantik

Vielleicht bis zum Meer

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Update zu Happy 189th, Herman:

Herman Melville, * 1. August 1819; † 28. September 1891;
Fanny Morweiser, * 11. März 1940; † 18. August 2014.

Am Sonntag, den 1. August 1819, eine halbe Stunde vor Mitternacht, wird Herman Melville in New York City geboren. Er ist das dritte von bald acht Kindern der Eheleute Allan und Maria Gansevoort Melvill [sic]. Die Geburt findet unter ärztlicher Aufsicht zu Hause statt, in der Pearl Street Nr. 6, nur wenige Steinwürfe von der Battery an der Südspitze Manhattans entfernt. Am nächsten Morgen berichtet der stolze Vater seinem Schwager Peter Gansevoort von der Ankunft seines zweiten Sohnes: „unsere liebe Maria bewies ihre bekannte Tapferkeit in der Stunde der Gefahr, & es geht ihr so gut wie es die Umstände & die starke Hitze erlauben – und der kleine Fremdling hat gute Lungen, schläft gut & trinkt mit Maßen, er ist wirklich ein prächtiger Knabe.“

Daniel Göske: Herman Melville. Ein Leben,
Kapitel I: Harte Zeiten. Kindheit, Jugend, frühe Reisen (1819–1844), 1. Absatz.

Fanny Morweiser, O Rosa, Diogenes Verlag 1983, Cover via Leipziger AntiquariatO Rosa war mir vom ersten Satz an ein Lieblingsbuch. Meistens mit Erscheinungsdatum 1985 ausgewiesen, steht in meiner Ausgabe, vom Verlag gedruckt: 1983, und das kommt, wenn ich meine Biografie nach Büchern sortiere, viel eher hin: Das hatte meine zuständige Stadtbibliothek schon, als ich in der Neunten war. Und Fanny Morweiser klingt nach den Krimi-Ladies des frühen Diogenes-Verlags, als er noch hautpsächlich schwarz-gelb, meistens mit einer Tuschevignette von Paul Flora, Edward Gorey oder, ganz wichtig: Tomi Ungerer aufgemacht war und was getaugt hat: Patricia Highsmith, Margaret Millar, Dorothy L. Sayers, Muriel Spark oder wie die rechtschaffen zerlesenen, doch etliche Jahrzehnte überdauernden Haushaltsreste im „Zu verschenken !!!!“-Karton alle heißen. Eine Fanny Morweiser hätte genau in die Reihe gepasst, stammt aber tief aus Rheinland-Pfalz; viel deutscher geht’s nicht. O Rosa ist wie ihr restliches Werk ein nicht übersetztes, weil deutsches Original.

Die titelstiftende Rosa ist ein so goldiger, umfassend missmutiger Teenager mit Hang zum Punk und Gothic und so lebensnah gezeichnet, dass man den Fratzen ständig an die Wand klatschen will. Das geschieht aus einer mütterlich erwachsenen Sicht, dass man an ein reales Vorbild glauben möchte, eine nicht sehr zuträgliche Vorliebe für diesen einnehmend abstoßenden Menschenschlag ist mir leider bis heute geblieben. Der Stil gibt sich möglicherweise absichtlich etwas hausbacken harmlos, ist aber zu lakonisch, um als liebloses Lesefutter für unterforderte Hausfrauen durchzugehen. Die Kapitel funktionieren als eigenständige Kurzgeschichten, bilden aber den Handlungsbogen für einen Roman — nicht mit Pulp-Fiction-Loop, aber in dieser Raffinesse mit verloren gehenden und wiederkehrenden, handlungsübergreifenden Figuren hat das erst wieder Daniel Kehlmann in Ruhm 2009 gebracht — wobei ich die Morweiser in ihrem verinnerlichten Understatement sogar brillanter finde.

Ideal für den 200. Geburtstag von Herman Melville, fast gleichzeitig mit dem fünften Todestag von Fanny Morweiser, ist das vorletzte Kapitel:

——— Fanny Morweiser:

Der Badewannenwal

aus: O Rosa. Ein melancholischer Roman, Diogenes Verlag, Zürich 1983, Seite 129 bis 135:

Herbert nahm seinen Urlaub jedes Jahr zur gleichen Zeit. Meistens blieb er zu Hause. Wie seine Mutter, wie Busses, als sie noch lebten, wie Waenbeins und Illichs, die fanden, daß es nirgendwo schöner war. Nur Halil fuhr mit seiner ganzen Familie in die Türkei, um mit schrecklich kitschigen Andenken wiederzukommen.

Blieb Herbert aber zu Hause, hieß das noch lange nicht, daß er so weiterlebte wie sonst, außer daß er nicht zur Abriet ging, natürlich. Er verwandelte sich jedes Jahr für drei Wochen in eine Figur aus einem seiner Bücher. Seine Mutter spielte mit, soweit es ging. Ihr machte das nichts aus, im Gegenteil, der Sommer, in dem er Kipling liebte und Mahbub Ali war, hatte sie auf viele neue Ideen für exotisch gewürzte Gerichte gebracht; in seiner Zeit als Oblomow hatte sie kaum Wäsche, weil er den ganzen Tag in einem alten Schlafrock auf der Couch lag; am liebsten aber war ihr die Dickenszeit gewesen, da war er Mr. Pickwick mit einem Sofakissen unter der Weste, und sie hatten fast jeden Tag etwas unternommen, Ausflüge und Picknicks, sogar Kahnfahrten auf dem Neckar. Daß sie dabei die Rolle irgendeiner unsympathischen Frau, die ihr weiter kein Begriff war, hatte übernehmen müssen, war ihr egal gewesen. Schließlich hatte das keine anderen Folgen für sie gehabt, als daß Herbert ab und zu die Hände über die Augen gelegt und „… ach Mrs. Bardell“ geseufzt hatte.

So erwartete sie einigermaßen gespannt den ersten freien Morgen Herberts, an dem er als die Figur zum Frühstück erscheinen würde, die er dann drei Wochen blieb. Während sie zwei Weißbrotscheiben in den Toaster schob, überlegte sie, welches Buch sie in letzter Zeit in Herberts Zimmer hatte liegen sehen. Als sie ein Plätschern aus der Badewanne hörte, fiel es ihr ein. Moby Dick. Sie stellte Butter und Marmelade auf den Tisch und packte die fertigen Toastscheiben in ein Körbchen.

„Herbert“, rief sie, „das Frühstück ist fertig.“

Aus dem Bad kam keine Antwort, nur das Plätschern schien ihr lauter zu werden. Also ging sie ihn holen. Als sie die Badezimmertür öffnete, sah sie ihn splitternackt in der Wanne liegen, sogar die Brille hatte er abgenommen.

Via MOBY-DICK or, THE WHALE – I, Theia Komodia, 7. Dezember 2007„Ich bin Moby Dick“, sagte er.

„Gut“, erwiderte sie sanft, „du bist Moby Dick. Aber wenn du nicht bald kommst, ist dein Kaffee kalt.“

„Ein paar Algen und etwas Tang wären mir lieber“, er spielte mit den Zehen, tauchte und kam prustend wieder hoch, „aber das wird sich wohl nicht machen lassen. Bring ihn also her.“

„Den Kaffee?“

„Und mein Frühstück.“ Er blinzelte sie aus rotumränderten Augen an. „Sonst stör mich bitte nicht mehr. Das ist hinderlich für die … die …“, er stotterte, „… Mutation.“

„Mutation“, murmelte sie vor sich hin, während sie in die Küche ging, seinen Wunsch zu erfüllen.

Diesmal fand sie Herberts Idee nicht die Spur lustig. Er blieb Tag und Nacht in der Badewanne und stieg nur heraus, wenn er aufs Klo mußte. Seine Haut begann aufzuquellen und einen kränklichen weißen Ton anzunehmen. Sie holte sich das Buch aus seinem Zimmer und las es an drei Nachmittagen durch.

„Du bist der erste Wal, der in eine Badewanne paßt“, erklärte sie nach beendigter Lektüre, als sie ihm das Abendessen brachte.

„Wie groß ist dann dein Kapitän Ahab? Soll ich dir eine von deinen Zinnfiguren bringen?“

Aber Herbert war für Scherze nicht zu haben.

„Laß mich“, sagte er, „laß mich doch. Wie sollst du das auch begreifen. Ich bin frei … ich bin groß … mir gehört das Meer. Nirgendwo stoß ich auf Grenzen.“

„Und ob du auf Grenzen stößt“, erklärte sie wild, „du bist so auseinandergegangen, daß die Wanne bald zu eng für dich sein wird.“

Unglücklich ließ sie ihn allein, um bei den Brüdern Meier Rat zu holen. Meier zwei öffnete ihr und führte sie auf die Loggia, wo sich Meier eins, unsichtbar für seine Umwelt, in einem Liegestuhl sonnte. Taktvoll schlang er sich ein Handtuch um den Bauch und rückte ihr einen Korbstuhl zurecht. Sein Bruder brachte eine Erfrischung in Form eines riesigen Glaskruges, gefüllt mit geeistem Weißwein, in dem Melonenstückchen schwammen. Irma trank ihr Glas mit geschlossenen Augen in langen dankbaren Schlucken auf einmal leer und entließ dann einen tiefen Seufzer.

„Seit vierzehn Tagen“, sagte sie, „freß ich’s in mich rein. Aber jetzt muß ich einfach mit jemandem reden.“

„Nur zu“, sagte Meier eins und füllte nach.

„Er spinnt“, sagte Irma anklagend und wies mit dem Zeigefinger nach oben. „Diesmal spinnt er wirklich. Er liegt Tag und Nacht in der Badewanne und denkt, er sei ein Fisch.“

„Ein Fisch?“

„Ein Wal. Ein weißer Wal.“

„Aha“, sagte Meier zwei und blickte seinen Bruder ratlos an.

„Er macht Tauchübungen“, fuhr Irma fort, „die letzte Woche wollte er nur noch Fisch und Grünzeug. Und gestern verlangte er einen Tintenfisch.“

„Wozu?“

„Um ihn zu essen“, jammerte sie.

„Die schmecken nicht schlecht“, meinte Meier eins, „paniert oder mit einer guten Sauce.“

„Er wollte ihn roh“, sagte Irma düster.

„Und hat er?“

„Er hat“, sagte sie und schüttelte sich.

„Dann werden wir ihn uns einmal ansehen“, erklärte Meier zwei entschieden. „Zieh dir was über, Bruder.“

Via Prikolniye Kartinki, 9. Oktober 2009Irma fischte die Melonenstückchen aus ihrem Glas, während Meier eins in die Wohnung ging, um sich fertigzumachen. Zu dritt, die schon leicht schwankende Irma zwischen sich, stiegen sie einen Stock höher. Die Wohnungstür war nur angelehnt, aus dem Badezimmer kam das Irma inzwischen nur zu gut vertraute Geplätscher. Sie übernahm die Führung und stieß die Tür zum Bad auf. Herbert blickte nicht einmal hoch, als sie zu dritt vor der Wanne standen. Er holte tief Luft, tauchte unter und blieb leise blubbernd, eine Ewigkeit, wie es ihnen schien, unter Wasser. Die Brüder betrachteten ihn nachdenklich. „Er ist dicker geworden“, sagte der eine.

„Kaum noch Hals“, der andere.

„Seine Augen sind ganz klein.“

„Und fast keine Ohren mehr.“

„Und die Füße. Siehst du die Füße?“ Interessiert beugten sie sich vor.

Irma setzte sich auf den plüschbezogenen Schemel, der neben dem Waschbecken stand, und begann zu weinen.

„Nicht doch, nicht doch“, sagte Meier eins, „in acht Tagen ist sein Urlaub vorbei. Dann muß er wieder in die Fabrik. Dann ist er wieder genau wie früher.“

„Ich glaub’s nicht. Ich glaub’s einfach nicht“, sagte Irma, schüttelte den Kopf und schnaubte in ein Handtuch, das gerade da hing.

~~~\~~~~~~~/~~~

Sie sollte recht behalten. In der dritten Woche sprach Herbert nicht einmal mehr mit ihr. Wenn sie ihm das Essen brachte, tauchte er auf und sah sie aus seinen winzigen Augen an, als erkenne er sie nicht. Und dann, in der Nacht, bevor er wieder zur Arbeit mußte, hörte sie ihn schwerfällig aus der Wanne steigen und mit feuchtem Tapp, Tapp durch die Wohnung wandern. Erst tat ihr Herz einen Sprung, weil sie einen Augenblick die Hoffnung hatte, er würde in sein Bett gehen, aber dann hörte sie die Flurtür, und es wurde schwer wie Blei. Langsam schob sie sich aus dem Bett und suchte ihre Pantoffeln. Sie machte Licht im Treppenhaus und ging der nassen Spur hinterher bis zu Meiers Tür. Dort schellte sie – ein paarmal –, bis ihr geöffnet wurde. An den erschrockenen Brüdern vorbei ging sie ins Wohnzimmer und trat ans Fenster.

„Da!“ sagte sie.

Unten ging Herbert über die schlüpfrige Wiese auf den Neckar zu. Aber eigentlich ging er nicht, er schob sich mehr, von einer Seite zur anderen schwankend, als wäre mit seinen Beinen etwas nicht in Ordnung. Als er im Nebel verschwunden war, legte Meier eins Irma tröstend den Arm um die Schulter. „Er war schon immer zu Größerem bestimmt“, sagte er.

Und Meier zwei, die Augen weit aufgerissen, um sich Herberts letzte Spuren für immer einzuprägen, flüsterte: „Wenn er so sehr geübt hat … so geübt … dann schafft er es vielleicht bis zum Meer.“

Skelett vom Wal, Meyers Konversationslexikon 1888

Bilder: Cover via Leipziger Antiquariat, 12. Juli 2019;
zweimal unsicheres Copyright, vermutlich gemeinfrei;
Skelett vom Wal, Meyers Konversationslexikon 1888.

Soundtrack: The Tellers: Second Category aus: Hands Full of Ink, 2007, video artwork by Deflower Prod.:

This ain’t Hollywood, life is never that good.
She won’t come back with love in her sack,
not a single picture of you in her wallet,
the letters you wrote aren’t pinned up her bed.

Written by Wolf

2. August 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Novecento

Nachtstück 0020: Im rauschenden Wellenschaumkleide (In dem düstern Poetenstübchen)

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Update zu Süßer Freund, das bißchen Totsein hat ja nichts zu bedeuten:

Wir fahren fort in unserer Sammlung von Gedichten mit siebenzeiligen Strophen. Heinrich Heine, der es sich gar zu oft mit Assonanzen statt Reimen gar zu leicht macht — aber selbstverständlich anders gelagerte Qualitäten im Übermaß hat — liefert ein besonders geschickt gereimtes Exemplar im Schema ABABCCB. Als eine Art erweiterter Limerick, sechs Strophen lang variantenreich durchgehalten, ist das höchste Schule. Es folgt die Fassung aus dem Buch der Lieder 1827 in originaler Orthographie:

——— Heinrich Heine:

Prolog

zu: Lyrisches Intermezzo, 1822–1823:
aus: Tragödien, nebst einem Lyrischen Intermezzo, Ferdinand Dümmler, Berlin 1823,
in: Buch der Lieder, Hoffmann und Campe, Hamburg 1827:

Es war mal ein Ritter, trübselig und stumm,
Mit hohlen, schneeweißen Wangen;
Er schwankte und schlenderte schlotternd herum,
In dumpfen Träumen befangen.
Er war so hölzern, so täppisch, so links,
Die Blümlein und Mägdlein, die kicherten rings,
Wenn er stolpernd vorbeigegangen.

Oft saß er im finstersten Winkel zu Haus;
Er hatt‘ sich vor Menschen verkrochen.
Da streckte er sehnend die Arme aus,
Doch hat er kein Wörtlein gesprochen.
Kam aber die Mitternachtstunde heran,
Ein seltsames Singen und Klingen begann.
An die Thüre da hört er es pochen.

Vigne nostre Seigneur, France c. 1450-1470. Bodleian Library, MS. Douce 134, fol. 42v, via Diacarding ImagesDa kommt seine Liebste geschlichen herein,
Im rauschenden Wellenschaumkleide.
Sie blüht und glüht, wie ein Röselein,
Ihr Schleier ist eitel Geschmeide.
Goldlocken umspielen die schlanke Gestalt,
Die Aeugelein grüßen mit süßer Gewalt –
In die Arme sinken sich beide.

Der Ritter umschlingt sie mit Liebesmacht,
Der Hölzerne steht jetzt in Feuer,
Der Blasse erröthet, der Träumer erwacht,
Der Blöde wird freier und freier.
Sie aber, sie hat ihn gar schalkhaft geneckt,
Sie hat ihm ganz leise den Kopf bedeckt
Mit dem weißen, demantenen Schleier.

In einen kristallenen Wasserpalast
Ist plötzlich gezaubert der Ritter.
Er staunt, und die Augen erblinden ihm fast,
Vor alle dem Glanz und Geflitter.
Doch hält ihn die Nixe umarmet gar traut,
Der Ritter ist Bräut’gam, die Nixe ist Braut,
Ihre Jungfraun spielen die Zither.

Sie spielen und singen; es tanzen herein
Viel winzige Mädchen und Bübchen.
Der Ritter, der will sich zu Tode freu’n,
Und fester umschlingt er sein Liebchen –
Da löschen auf einmal die Lichter aus,
Der Ritter sitzt wieder ganz einsam zu Haus,
In dem dustern Poetenstübchen.

Stundenbuch der Yolande von Flandern, Paris ca. 1353-1363. BL, Yates Thompson 27, fol. 52v, via Discarding Images

Miniaturen: Stundenbuch der Jolante von Flandern, Paris ca. 1353–1363.
BL, Yates Thompson 27, fol. 52v,
via Discarding Images;
Livre de la Vigne nostre Seigneur, ca. 1450–1470. Bodleian Library, MS. Douce 134, fol. 42v,
via Discarding Images.

Soundtrack: Lucinda Williams Bonnie Portmore,
aus: Rogue’s Gallery: Pirate Ballads, Sea Songs, and Chanteys, Anti- Records 2006:

Written by Wolf

12. April 2019 at 00:01

Was ich habe, wo ich bin

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Update zu Was zusamengehört,
Imbolc Blessings: My heart is as black as the blackness of the sloe
und Da entkomm ich aller Not, die mich noch auf der Welt gebunden:

Um den feierwürdigsten Feiertag des Jahres zu begehen – Unser Lieben Frauen Lichtweihe, vulgo Mariä Lichtmess, Purificatio Mariae (Mariä Reinigung), Praesentatio Jesu in Templo (Jesu Opferung im Tempel), Darstellung des Herrn, Imbolc (Imbolg), Samhain oder Groundhog Day, was sonst? –, bietet sich an, ein siebenzeiliges Gedicht in die Sammlung zu holen.

Das Reimschema ist diesmal besonders schlicht, nämlich sechsmal trivial mit einer Waise — was aber nichts ausmacht, weil das merklich so beabsichtigt ist. Ohne literaturwissenschaftliches Studium kann ich Gründe anführen, warum es freie Rhythmen sind, und auch fürs Gegenteil.

——— Thomas Brasch:

Lied

aus: Kargo. 32. Versuch auf einem untergehenden Schiff
aus der eigenen Haut zu kommen, Suhrkamp 1977:

Was ich habe, will ich nicht verlieren, aber
wo ich bin, will ich nicht bleiben, aber
die ich liebe, will ich nicht verlassen, aber
die ich kenne, will ich nicht mehr sehen, aber
wo ich lebe, da will ich nicht sterben, aber
wo ich sterbe, da will ich nicht hin:
Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin.

Tayla and Lena, the world spins madly on, 31. Januar 2010

Bild: Tayla and Lena: the world spins madly on:

Everything that I said I’d do
Like make the world brand new
And take the time for you
I just got lost and slept right through the dawn
And the world spins madly on

, 31. Januar 2010.

Soundtrack: The Weepies: World Spins Madly On, aus: Say I Am You, 2006:

Written by Wolf

2. Februar 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Novecento, ~~~7-Zeiler~~~

Da unten in jenem Thale (da geht ein Kollergang)

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Update zu Willkomm und dervoo und
Herrjeh, schweigt mir vom Tegernsee!:

Das muss ich erzählen. Wie ich mal auf einer Autorenlesung von Peter Rühmkorf war.

Ein andermal, das wird zu lang. 2019 wäre Peter Rühmkorf 90 geworden, wenn er nicht 2008 den Griffel auf ewig niedergelegt hätte. Der 25. Oktober ist 2019 ein Freitag, da kann man gut feiern gehen; das haben Rühmkorfs Eltern anno 1929 geschickt eingerichtet. Und das zweite Fontane-Jahr in Folge ist sowieso schon ausgereizt.

——— Arnim & Brentano:

Müllers Abschied

Mündlich.

aus: Des Knaben Wunderhorn,
Band 1, 1805:

Da droben auf jenem Berge,
Da steht ein goldnes Haus,
Da schauen wohl alle Frühmorgen
Drey schöne Jungfrauen heraus;
Die eine, die heißt Elisabeth.
Die andre Bernharda mein,
Die dritte, die will ich nicht nennen,
Die sollt mein eigen seyn.

Da unten in jenem Thale,
Da treibt das Wasser ein Rad,
Das treibet nichts als Liebe,
Vom Abend bis wieder an Tag;
Das Rad das ist gebrochen,
Die Liebe, die hat ein End,
Und wenn zwey Liebende scheiden,
Sie reichen einander die Händ.

Ach Scheiden, ach, ach!
Wer hat doch das Scheiden erdacht,
Das hat mein jung frisch Herzelein
So frühzeitig traurig gemacht.
Dies Liedlein, ach, ach!
Hat wohl ein Müller erdacht;
Den hat des Ritters Töchterlein
Vom Lieben zum Scheiden gebracht.

——— Joseph von Eichendorff
als Florens:

Lied.

1810, Erstdruck in: Deutscher Dichterwald, 1813, Seite 40,
spätere Fassungen:
Das zerbrochene Ringlein:

In einem kühlen Grunde,
Da geht ein Mühlenrad,
Meine Liebste ist verschwunden,
Die dort gewohnet hat.

Sie hat mir Treu versprochen,
Gab mir ein’n Ring dabei,
Sie hat die Treu gebrochen,
Mein Ringlein sprang entzwei.

Ich möcht‘ als Spielmann reisen
Weit in die Welt hinaus,
Und singen meine Weisen
Und gehn von Haus zu Haus.

Ich möcht‘ als Reiter fliegen
Wohl in die blut’ge Schlacht,
Um stille Feuer liegen
Im Feld bei dunkler Nacht.

Hör‘ ich das Mühlrad gehen,
Ich weiß nicht, was ich will,
Ich möcht‘ am liebsten sterben,
Da wär’s auf einmal still.

——— Peter Rühmkorf:

Auf eine Weise des Joseph Freiherrn von Eichendorff

von Rühmkorf im Oktober 1960
auf der Tagung der Gruppe 47
in Aschaffenburg vorgetragen:

In meinem Knochenkopfe
da geht ein Kollergang,
der mahlet meine Gedanken
ganz außer Zusammenhang.

Mein Kopf ist voller Romantik,
meine Liebste nicht treu —
Ich treib in den Himmelsatlantik
und lasse Stirnenspreu.

Ach, wär ich der stolze Effendi,
der Gei- und Tiger hetzt,
wenn der Mond, in statu nascendi,
seine Klinge am Himmel wetzt! —

Ein Jahoo, möcht ich lallen
lieber als intro-vertiert
mit meinen Sütterlin-Krallen
im Kopf herumgerührt.

Ich möcht am liebsten sterben
im Schimmelmonat August —
Was klirren so muntere Scherben
in meiner Bessemer-Brust?!

Postkarte In einem kühlen Grunde, 1963, Goethezeitportal

Postkarte: L. v. Senger: In einem kühlen Grunde, Verlag Hermann A. Wiechmann, München, Seriennummer [unleserlich]. Verzeichnisse von Büchern, Bildern und Kunstpostkarten umsonst und postfrei, 1963, handschriftlich fortgesetzt:

wollen wir uns gerne einmal ausruhen, es kann auch warm sein nach dem kalten Winter 1962 schaffen wir es nicht. Seit Weihnachten haben wir es vor, Richtung Hamburg u. Silvester Geschirr abliefern anschließend Ferien. Es wird immer wieder hinausgeschoben, darum freuen wir uns über Ihren Besuch. Nach der hübschen blühenden Tochter [?] zu urteilen muß es Ihnen großartig gehen.

via Jutta Assel/Georg Jäger: Eichendorff-Motive auf Postkarten. Eine Dokumentation. Das zerbrochene Ringlein. In einem kühlen Grunde …, Goethezeitportal, Oktober 2011.

Soundtrack: Friedrich Glück, 1814: In einem kühlen Grunde, Gerhart-Hauptmann-Chor Herbst 1968,
in: Bunt sind schon die Wälder, anlässlich der Einführung des Farbfernsehens, DDR 1969:

Und dasselbe nochmal in Genießbar: von Hannes Wader — mit der üblichen Textabweichung „mein Liebchen“ statt von Eichendorff von letzter Hand autorisiert „mein‘ Liebste“:

Written by Wolf

4. Januar 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Romantik

You never no

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Update for Break in college sick bay and
Die deutsche Sirene vom Zwirbel im Rhein in die Bronx:

——— Josephine H.:

The city

in: Facebook, December 6th, 2018:

as you walk insid. so much
peopel. So much sowns. cars
driving along. fast or slo.
you never no. so much houses.
hi and lo.

The city, a poem by Josie. you never no, indeed, Constanze Cohu H., Facebook, December 6th, 2018

Image: Mama, December 6th, 2018.

Soundtrack: The Distillers: City of Angels, from: Sing Sing Death House, 2002:

Written by Wolf

6. Dezember 2018 at 02:34

Veröffentlicht in Land & See, Postironismus

Wie Hippo und ich uns einmal Siegfried Lenz geschenkt haben (Träum die nächsten hundert Jahre)

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Update zu And all I got’s a pocketful of flowers on my grave
und Rotkäppchen und der Penishase:

Vor Zeiten hatte ich eine Brieffreundin. Sie hieß — nicht standesamtlich, nur im richtigen Leben — Hippo und war die Herbergstochter des Hauses Evangelische Jugend-, Freizeit- und Bildungsstätte Koppelsberg in Plön. Zu der war ich durch die Vermittlung eines Baums gekommen, namentlich der Bräutigamseiche im Dodauer Forst, der sich bei Eutin unweit von Plön erstreckt.

Hippo von hinten, ca. Juni 1994

Hippo und ich hatten viel Freude miteinander. Um 1990 war es niemandes Vorsatz, je zu heiraten, obwohl Hippo mich aus dem Astloch einer Bräutigamseiche gefischt hatte, aber sie war meine längste Brieffreundschaft — und ich hatte viele, um unter dem Vorwand des Schreibens an einsamen Samstagabenden die Nürnberger Kneipen leerzusaufen und vollzuqualmen, was seinerzeit eine erschwingliche und gesellschaftlich voll akzeptierte Beschäftigung für einen Studenten war.

Ein Wochenende lang war ich sogar zu Gast in Hippos Jugend-, Freizeit- und Bildungsstätte Koppelsberg. Dort wurde ich als Umzugshilfe und zum Pastinakenschälen eingespannt und zu Yogi-Tee, dem Bio-Bier einer norddeutschen Kleinbrauerei, das heute als Hipsterbrühe durchginge, und zum spätherbstlichen Barfußlaufen am nächtlichen, windgepeitschten, grobkieseligen Ostseestand eingeladen und war noch wochenlang illuminiert von der Freundlichkeit und dem schönen, ungetrübten Deutsch der Menschen.

Hippo machte „was mit Jugendlichen“, ich studierte irgendwas mit Lesen und Schreiben ohne jegliche Aussicht auf eine bezahlte Anschlussverwendung. Von ihr gab es zu lernen, dass man für soziale Berufe nicht allein ein Praktikum, sondern gar ein Vorpraktikum braucht, gegen eine Bezahlung, die an offene Verhöhnung arbeitender Menschen grenzt; von mir, wie viel Bier in einen schlaksigen Studenten von 1,96 Metern lichter Höhe passt. Sie war zuverlässig jeden neuen Monat in einen anderen jungen Mann aus ihrem ehemaligen schulischen oder ihrem jetzigen sozialen Umfeld verliebt, und ich versuchte immer noch zum ersten Mal, mit meinem Liebesleben abzuschließen. Ihr verwies ich, allzuoft zu behaupten, ihr sei langweilig, weil mir das Hinfortwünschen von Zeit blasphemisch und somit einer Geistlichentochter unwürdig vorkommt, und sie mir, ständig mehrere A4-Seiten lang über Bücher zu quatschen, denn ich hatte mir eine portofreundlich kleine Handschrift antrainiert, die ich bis in hohe Promillebereiche gestochen leserlich halten konnte, und Weblogs waren Science-Fiction.

Cover Siegfried Lenz, So zärtlich war Suleyken, 1955, Auflage 1986„Ich mag Lakritze“, schrieb sie einmal, „magst du auch Lakritze?“

„Das heißt Bärendreck“, schrieb ich zurück, „und ist aus ‚So zärtlich war Suleyken‚.“

„Nein, es heißt: ‚Willst noch Lakritz?'“, schrieb sie wieder, „hab ich in der Sendung mit der Maus gesehen. Ha! Und deine ewigen Bücher kenn ich nicht.“

„Sehr richtig“, schrieb ich, und es sagt der Joseph Waldemar Gritzan am Schluss von ‚Die achtzehnte der Masurischen Geschichten: Eine Liebesgeschichte‘. Und ob das ein ewiges Buch ist, das uns alle überleben wird. Und wenn du’s nicht kennst, siehe das beiliegende Angebinde.“

Das ließ ich mir nie nehmen, ihr gelegentlich ein Buch zu schenken, wenn sie wieder von meinem Auslassungen darüber besonders genervt war. Ich hatte nämlich bis kurz zuvor eine Buchhändlerin gekannt, die mir am Rande der Legalität ihren Buchhandelsrabatt weiterreichte, und rechnete aus Gewohnheit immer noch die verbleibenden 60 Prozent meiner Erwerbungen, die in den jeweils folgenden Wochen fällig wurden, in meine Kneipenzechen mit ein. Ein verlagsfrisches So zärtlich war Suleyken war damals für 6,80 D-Mark zu haben. Das sind, liebe Kinder, ungefähr 3,48 Euro, weniger als heute ein Bier in München, und was das abzüglich 40 Prozent für den Buchhandel macht, könnt ihr millennialen Bologna-Opfer gefälligst selber im Kopf, und Briefe waren eine Art Low-time-Chat, der einem Zeit ließ, bis zur nächsten Antwort ein ganzes Buch zu kaufen. Bis zum nächsten Werktag waren die auch vor dem Internet schon im zuständigen Buchladen, wie sie das auch immer gemacht haben.

„Du mit deinen ewigen Büchern“, schrieb sie gegen Ende der nächsten Woche, „jetzt hab ich dir auch eins geschickt.“

„Was sagt dir,“ fragte ich brieflich an, als ich am selben Tag, da Hippo ihre Büchersendung mit dem Suleyken im Briefkasten finden musste, eine Büchersendung von Hippo mit einer älteren Ausgabe davon in meinem Briefkasten fand, „was“, schrieb ich, „sagt dir, dass ich das noch nicht hab, wenn ich sogar weiß, wer ‚Willst noch Lakritz?‘ sagt?“

„Weil du sowas halt weißt“, schrieb Hippo, „und weil die Sendung mit der Maus nicht lügt. Außerdem war klar, dass du mir sofort eins schickst, und ich nicht zulassen kann, dass du keins mehr hast.“

So war Hippo: klein, knuffig und klug und eine große Barfußmädchenseele (Ringelnatz, 1929).

A, B, C. Annika, Beate, Claudia, ca. 1991

Dieser Tage ist mir ein alles Lesezeichen in die Finger gefallen: eine Karte von der grundguten Hippo aus Plön, deren Wege und Tage der evangelische und der katholische und der weltgeistliche Herr schirmen mögen. Offenbar hatten wir’s wieder mal über Gedichte und Märchen und ihre Liebesgeschichten gehabt, und sie verwendete eigene Fotoabzüge als Ansichtskarten.

Das Gedicht, das Hippo im April 1995 aus dem Gedächtnis zitierte, habe ich lange nicht nachverfolgt: Ich kannte es von Hippo und fertig. Erst jetzt, wo ich es verbloggen will, erhellt, was für eine Rarität das ist. Der Dichter Josef Wittmann ist allem Anschein nach derselbe, der unter einer österreichischen Domain im bayerischen Tittmoning an der Salzach, also Österreich gegenüber wohnt — das ist ganz gegen Hippos sonstige nordische Art und Gewohnheiten.

Es war auch nicht einfach, den korrekten Text herbeizuschaffen: Das von Hippo erwähnte Daumesbreit („oder so ähnlich“) ist nicht nachweisbar, schon gar nichts, worüber man absichtslos im internetfreien Finnland des späten 20. Jahrhunderts gestolpert wäre. Eine Version davon steht in der dänischen Bearbeitung eines schwedischen Lesebuchs für Deutschlernende, das bairische Original dieses Originals nur in einem — mit Verlaub — nicht gerade maßgebenden Weblog. Hippo macht ja — so jedenfalls mein letzter Stand über ihre Lebenswege — „was mit Jugendlichen“ und würde verstehen oder wenigstens hinnehmen, dass ich in ihre extemporierte Ansichtskarte unbefugt zwei annäherungsweise korrigierte Gedichttexte einflicke.

——— Hippo, Anfang April 1995:

Kartentext von Hippo, April 1995

Du siehst, Wolfgang, ich muß dich enttäuschen, das Gedicht ist nicht von mir — aber immerhin kann ich Dir die Ergänzung (fehlende Fototeile) anbieten. Ich habe es in Finnland im Buch „DAUMESBREIT“ (oder so ähnlich) gefunden + es hat mich — PENG — total angesprochen. Komischer Weise: Als ich aus dem Urlaub wiederkam, war’s aus mit Florian — ich habe ihm dann das Gedicht (auf Post-It-Zettel notiert) zu lesen gegeben. Er: „Ja.“ Alles ziemlich komplex. Fortsetzung folgt, irgendwann.

——— Josef Wittmann:

Dornröschen

aus: Grimms Märchen — modern,
Philipp Reclam Jun., 1979,
cit. nach: Karen Dollerup, Lotte Nielsen (Hrsg.): Alles klappt! im neuen Jahrtausend. Tekstbog 3, 1991; Dansk udgave: Gyldendalske Boghandel, Nordisk forlag A/S, Kopenhagen 1994,
2. udgave, 4. oplag 2010:

Schlaf weiter:

Ich bin kein Prinz,
ich hab kein Schwert
und keine Zeit
zum Heckenschneiden
Mauerkraxeln
Küsschengeben
und Heiraten …

Morgen früh
muss ich zur Arbeit gehen
(sonst flieg ich raus)

Ich muss zum Träumen
auf den Sonntag warten

und zum Denken auf den Urlaub

Schlaf weiter
und träum die nächsten hundert Jahre
vom Richtigen …

——— Josef Wittmann:

dornresal

möglicherweise aus:
Hansl, Grädl & Co.
Märchen in bairischer Mundart,
Friedl Brehm Verlag, Feldafing 1977,
cit. nach: Ironical Life:
Ein neues Gedicht :-),
19. August 2007:

schlaf zua:

i bin koa brinz
i hob koa schweat
& hob koa zeid
zum heggnschneidn
mauergraxln
busslgeem
& heiradn …..

i muas moang fruah
in d arward geh
(sunsd fliage naus)

i muas zum dramma
aufn sonndog wartn
& zum denga aufn urlaub

schlaf zua
& draam de näxdn
hundad johr
vom richdign

P.S.: Bist Du jeden Samstag im Bela Lugosi? Wer ist dieser Kneipenstammtisch?

P.P.S.: Habe gerade Antwortkarte an Florian geschrieben — ich glaube ich liebe Karsten.

(JANOSCH:)
— „Stellt der erste Flaum sich ein,
— Soll der Bauer ein Mädel frein.“

Titelbild: Barfuß-Ex-Claudi

Schöne Grüße,
HIPPO

Claudi, Plön, April 1995

Im übrigen würde Hippo sich kaputtlachen, dass sie einst von einem bairischen — das ist doch in Süddeutschland! — Gedicht so weggeweht wurde. Und nein, Bärendreck ist nicht so meins, ich war nicht jeden Samstag im Bela Lugosi, weil ich manchmal auch die Weißgerbergasse abklappern musste (alle Unternehmen erloschen), Bestandteil eines Stammtisches war ich nie. Und nach einer Barfuß-Ex-Claudi zu googeln, fang ich vorsichtshalber gar nicht erst an.

Brieffreundschaften sind nie fürs ganze Leben, im Idealfall sind sie eine bereichernde Lebensabschnittsbegleitung. Irgendwann hören sie auf, und niemand weiß mehr zu sagen, wer als erstes nicht mehr zurückgeschrieben hat. Von Hippo aus dem Astloch gefischt zu werden, war ein großer Zufall, ein Segen und ein Privileg. Wer auch mal sowas will: An die Postadresse

Bräutigamseiche
Dodauer Forst
23701 Eutin

wird ungebrochen Montag mit Samstag ausgeliefert.

Hippo kopfüber, Juni 1994

Bilder: Hippo, Juni 1994 bis April 1995, featuring ABC (Annika, Beate, Claudia) ca. 1991. Meine damalige Adresse ist nicht missbrauchbar: Das ist die vom Bahnhof Röthenbach an der Pegnitz, in dem schon lange keiner mehr drin wohnt;
Siegfried Lenz: So zärtlich war Suleyken, 1955, Auflage 1986 (meine), via Tauschgnom, 25. Juli 2017.

Soundtracks:

  1. Eins, das ich von Hippo gelernt hab. Das ist bei meinem einzigen Besuch bei ihr auf dem Weg zum Ostseestrand in ihrem Auto auf Kassette gelaufen:
    They Might Be Giants: I Hope That I Get Old Before I Die,
    aus: They Might Be Giants, The Pink Album, 1986:

  2. Eins, das Hippo von mir gelernt hat. Das müsste immer noch ein Lieblingslied von ihr sein,
    sowas geht nicht weg:
    Marius Müller-Westernhagen: Wir waren noch Kinder, aus: Das erste Mal, 1975:

Written by Wolf

16. November 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Novecento