Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for the ‘Realismus’ Category

Pfingsten, das liebliche Fest

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Update zu Nicht so übel scheint die Sonne:

——— N. N.:

Pfingstwonne

1905:

Verlag: M S. i B, Verlags-Nr. 60, Schweiz 1905, Ephemera-Sammlung MTP via Michael Studt, 5. Oktober 2017Prinz Lenz ist eingezogen,
Fandst Du nicht seine Spur?
In duft’gen Blumenwogen
Naht er der Erdenflur,
Gott selbst gab ihm die höchste Macht,
Sein ist die Welt in Maienpracht
Trat er herein nach Wintersnacht,
Was führt er mit hernieder?
Ohn‘ Gaben kam er nicht,
Nein, Pfingsten bracht‘ er wieder,
Nun singet Jubellieder,
Euch grüsst das Pfingstfest licht.

Bild & Text: Verlag: M S. i B, Verlags-Nr. 60, Schweiz 1905, Ephemera-Sammlung MTP
via Michael Studt, 5. Oktober 2017.

Soundtrack: Reinhard Mey: Es gibt keine Maikäfer mehr, aus: Wie vor Jahr und Tag, 1974, live 1973:

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Written by Wolf

20. Mai 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Realismus

Nachtstück 0013: It merely takes brains to outsmart these dumb critters!

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Update zu Doktor Faustus goes Science Fiction
und Weihnachtsgabe:

Für Dipl.-Ing. FH Markus H. (50):

Disney

Selbst die nicht einfach kongeniale, sondern schlichtweg geniale Übersetzerin und Wegbereiterin moderner alltagssprachlicher Ausdrucksweisen Frau Doktor Erika Fuchs schöpfte nicht allein aus ihrem eigenen Inneren, sondern war auf Ideenzufuhr von außen angewiesen. Ihren Ehemann Dipl.-Ing. Günter Fuchs, der sie bei technischen Übersetzungspassagen beraten und mit mancher klassisch-literaischen Anspielung versorgen konnte, betrachtete sie als eine Art hiesige Entsprechung zum Entenhausener Daniel Düsentrieb.

Ihr bekanntester Satz „Dem Ingeniör ist nichts zu schwör“, der ihr meistens als Standardbeispiel für stilprägende Urheberschaft zugeschrieben wird, ist eine Ableitung von Heirich Seidel, die offenbar prächtig auf den angetrauten Ingenieur passte, und den sie über die Arbeitsjahre hinweg öfter verwenden konnte. Immer wird der Satz von Daniel Düsentrieb zur Selbstbeschreibung gesprochen, niemals schreibt Fuchs, wie gerne nachlässig kolportiert wird, „Inschinör“.

——— Heinrich Seidel:

Ingenieurlied

1871, aus: Glockenspiel. Gesammelte Gedichte, A. G. Liebeskind, Leipzig [Erstauflage] 1889,
in: Akademischer Verein Hütte e.V. (Hrsg.): Kommers-Buch für Studierende Deutscher Technischer Hochschulen, Verlag von Eisoldt & Rohkrämer, 11. Auflage, Berlin 1904,
III. Abteilung: Technische Lieder, Lied 318. (295.), Notenheft Nr. 57:

Disney

Singw.: Krambambuli das ist der Titel etc.

Dem Ingenieur ist nichts zu schwere –
Er lacht und spricht: „Wenn dieses nicht, so geht doch das!“
Er überbrückt die Flüsse und die Meere,
Die Berge unverfroren zu durchbohren ist ihm Spass.
Er thürmt die Bogen in die Luft,
Er wühlt als Maulwurf in der Gruft,
Kein Hinderniss ist ihm zu gross –
Er geht drauf los!

Den Riesen macht er sich zum Knechte,
Dess‘ wilder Muth, durch Feuersgluth aus Wasserfluth befreit,
Zum Segen wird dem menschlichen Geschlechte –
Und ruhlos schafft mit Riesenkraft am Werk der neuen Zeit.
Er fängt den Blitz und schickt ihn fort
Mit schnellem Wort von Ort zu Ort,
Von Pol zu Pol im Augenblick
Am Eisenstrick!

Der IngeniörWas heut sich regt mit hunderttausend Rädern,
In Lüften schwebt, in Grüften gräbt und stampft und dampft und glüht,
Was sich bewegt mit Riemen und mit Federn,
Und Lasten hebt, ohn‘ Rasten webt und locht und pocht und sprüht,
Was durch die Länder donnernd saust
Und durch die fernen Meere braust,
Das Alles schafft und noch viel mehr
Der Ingenieur!

Die Ingenieure sollen leben!
In ihnen kreist der wahre Geist der allerneusten Zeit!
Dem Fortschritt ist ihr Herz ergeben,
Dem Frieden ist hienieden ihre Kraft und Zeit geweiht!
Der Arbeit Segen fort und fort,
Ihn breitet aus von Ort zu Ort,
Von Land zu Land, von Meer zu Meer –
Der Ingenieur!

Disney

Bilder: It merely takes brains to outsmart these dumb critters!: 1954;
Dem Ingeniör ist nichts zu schwör: 1954; 1955/1958; 1964 Disney/Egmont Ehapa,
mit besonderem Dank an die Dr.-Erika-Fuchs-Stiftung im Erika-Fuchs-Haus, Museum für Comic und Sprachkunst, Schwarzenbach an der Saale, und D.O.N.A.L.D.; LinkedIn.

Disney

Soundtrack: Eddie Vedder: Guaranteed, aus: Into the Wild, 2007
(„I knew all the rules but the rules did not know me“):

Written by Wolf

9. März 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Realismus

Nur ein einziges Mal

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Update zu Und wenn es hundert schönere gibt:

Auch mir wurde im Kindergarten das Gedicht mit dem Refrain „Ach, wer das doch könnte“ beigebracht, ohne groß des Dichters Victor Blüthgen zu erwähnen. Ältere Druckfassungen haben dagegen „Ach, wer doch das könnte“ und vierhebige Verse statt der heute üblicheren, auf zwei Hebungen aufgeteilte. Ich zitiere deshalb nach H. G. Fiedler (Hrsg.): Das Oxforder Buch Deutscher Dichtung vom 12ten bis zum 20sten Jahrhundert (mit einem Geleitworte von Gerhart Hauptmann, Ehrendoktor der Universitäten Leipzig und Oxford), zweite und vemehrte Auflage, Oxford Universitäts-Verlag 1911:

Follow for Feet, 7. Oktober 2017

——— Victor Blüthgen:

Ach, wer doch das könnte!

ca. 1870, gesammelt in: Im Kinderparadiese — Kinder-Lieder und Reime, Perthes, Gotha 1905:

Gemäht sind die Felder, der Stoppelwind weht,
Hoch droben in Lüften mein Drache nun steht,
Die Rippen von Holze, der Leib von Papier ;
Zwei Ohren, ein Schwänzlein sind all seine Zier.
Und ich denk‘: so drauf liegen im sonnigen Strahl —
Ach, wer das doch könnte nur ein einziges Mal !

Da guckt‘ ich dem Storch in das Sommernest dort :
Guten Morgen, Frau Störchin, geht die Reise bald fort ?
Ich blickt‘ in die Häuser zum Schornstein hinein :
Papache, Mamachen, wie seid ihr so klein !
Tief unter mir säh‘ ich Fluß, Hügel und Tal —
Ach, wer das doch könnte nur ein einziges Mal !

Und droben, gehoben auf schwindelnder Bahn,
Da faßt‘ ich die Wolken, die segelnden, an ;
Ich ließ‘ mich besuchen von Schwalben und Krähn
Und könnte die Lerchen, die singenden, sehn ;
Die Englein belauscht‘ ich im himmlischen Saal —
Ach, wer das doch könnte nur ein einziges Mal !

An Vertonungen sind belegt:

  1. Franz Wilhelm Abt (1819–1885): Ach, wer doch das könnte!, op. 584 Nr. 5, aus: Neun Kinderlieder für 1 Stimme mit leichter Pianofortebegleitung, no. 5., ca. 1870;
  2. Wilhelm Reinhard Berger (1861–1911): Ach, wer das doch könnte, op. 30 (Acht Lieder und Gesänge für 1 Singstimme mit Pianoforte) Nr. 7, Raabe & Plothow, Berlin 1888;
  3. Paul Frommer: Ach, wer das doch könnte, aus: Fünf Lieder für 1 hohe Singstimme mit Pianofortebegleitung, Nr. 4, Schuberth & Co., Leipzig 1890;
  4. Othmar Schoeck (1886–1957): Kinderliedchen, WoO. 6, 1902,

keine davon als Video greifbar.

Carl Spitzweg, Drachensteigen, 1880--1885

BIlder: Follow for Feet: Only Once, 7. Oktober 2017;
Carl Spitzweg: Drachensteigen, Sonderformat 38 cm × 12 cm,
Öl auf Karton, 1880 bis 1885, Alte Nationalgalerie Berlin.

Drachensteigen: Puhdys: Geh zu ihr, aus: Die Legende von Paul und Paula, 1973:

Written by Wolf

13. Oktober 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Realismus

Trauervokal

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Update zu Die katholische Zeit hat solche Geschmacklosigkeiten nicht gekannt:

Effi aber, während sie die Tüte mitten auf die rasch zusammengeraffte Tischdecke legte, sagte: „Nun fassen wir alle vier an, jeder an einem Zipfel und singen was Trauriges.“

„Ja, das sagst Du wohl, Effi. Aber was sollen wir denn singen?“

„Irgend ‚was; es ist ganz gleich, es muß nur einen Reim auf ‚u‚ haben; ‚u‚ ist immer Trauervokal. Also singen wir:

Flut, Flut
Mach‘ alles wieder gut …“

und während Effi diese Litanei feierlich anstimmte, setzten sich alle vier auf den Steg hin in Bewegung, stiegen in das dort angekettelte Boot und ließen von diesem aus die mit einem Kiesel beschwerte Tüte langsam in den Teich niedergleiten.

Theodor Fontane († 20. September 1898): Effi Briest, Berlin W, F. Fontane & Co. 1896.

——— Robert Gernhardt:

Lektor Lincke an Theodor Fontane

aus: Schreiben, die bleiben. Höhepunkte abendländischer Briefkultur,
in: Wörtersee. IV: Spaßmacher und Ernstmacher, 1981:

Sehr geehrter Herr von Tame,
war das nicht Ihr werter Name?
Vor mir liegt Ihr Buchvorschlag,
welcher — doch der Reihe nach.
Erstens ist er nicht zu brauchen —
eine Frage: Darf ich rauchen,
während ich hier weitermache?
Dankeschön. Doch nun zur Sache:
Das Manuskript, das Sie geschickt,
war in der Mitte eingeknickt,
sowie in Worten abgefaßt,
was nicht zu unserm Hause paßt.
Auch störten mich die vielen Us
in Ihrem Satz „Ulf ging zu Fuß.“
Ach ja — und Ihre Fragezeichen,
die sollten Sie wohl alle streichen.
Sie wirken derart krumm und rund,
so schlangenhaft und ungesund,
daß ich mich dauernd frage: Was
bezweckt, bewirkt und soll denn das?
Sodann Ihr Stil! Schon wenn man liest,
daß Ihre Heldin Effi briest,
ist Ihre Ignoranz erwiesen:
Die deutsche Sprache kennt kein „briesen“.
Doch nun was andres: Unser Haus
bringt grade eine Reihe raus,
die sich „So brummt der Deutsche“ nennt —
ich bin ganz sicher, so was könnt‘
durchaus in Ihre Richtung passen.
Woll’n Sie sich mal was einfall’n lassen?

in Erwartung Ihrer geschätzten Antwort ver-
bleibe ich
Mit frohem Gruß
Ihr Lektor Lincke

PS     Ist es erlaubt, wenn ich was trinke?

Übrigens kennt die deutsche Sprache in der tat kein „briesen“, die deutsche Literaturgeschichte dafür ein Adelsgeschlecht derer von Briest, dem unter anderem die sehr produktive Schreiberin Caroline Philippine von Briest entstammte, geboren 1773 in Fontanes Mark Brandenburg und ab 1803 schon in zweiter Ehe Baronesse de la Motte Fouqué, nämlich verheiratet an Arno Schmidts großen Biographiegegenstand, den gerade seit 1802 geschiedenen Friedrich Heinrich Karl Baron de la Motte Fouqué, weil ihre erste Ehe mit Friedrich Ehrenreich Adolf Ludwig Rochus von Rochow allzu effi-briest-mäßig unglücklich verlaufen war, woraufhin sich der gescheiterte Ehemann — wegen „Spielschulden“ — kurz vor der Scheidung erschossen hatte.

Baronesse von Briest trug im weiteren Verlauf nicht solche gesellschaftlichen Schäden davon wie ihre fiktive Nachfahrin Effi — als welche sich Effi im achten Kapitel ausdrücklich bezeichnet —, sondern unterhielt, wie sich das für adlige Schreiberinnen dieser Epoche gehört, einen literarischen Salon in Berlin, um sich mit Größen wie Chamisso, Eichendorff, E.T.A. Hoffmann, August Wilhelm Schlegel und den Eheleuten Varnhagen von Ense (alphabetisch) zu umgeben.

Warum Effi Briest das nicht getan hat, um sich z. B. mit Theodor Fontane als Cameo-Figur in seinem eigenen Roman zu umgeben? — Das ist ein zu weites Feld.

Bild: Postmoderne Buchausgabe im Fischer Taschenbuch Verlag 2012, via Buchhexe.

Zweitbeste Filmfassung, leider ausgesprochener Feel-Bad-Movie: Rainer Werner Fassbinder: Fontane Effi Briest oder Viele, die eine Ahnung haben von ihren Möglichkeiten und ihren Bedürfnissen und trotzdem das herrschende System in ihrem Kopf akzeptieren durch ihre Taten und es somit festigen und durchaus bestätigen (der heißt wirklich so), 1974 — ungelogen mit Rainer Langhans an der Regieassistenz und Ingrid Caven als Scriptgirl:

Beste Filmfassung, Feel-Good-Movie: Jan „Neo Magazin Royale“ Böhmermann:
Letzte Stunde vor den Ferien: Effi Briest, 2017:

Soundtrack: Witt/Heppner: Die Flut, aus: bayreuth eins, 1998:

Written by Wolf

22. September 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Realismus, Vier letzte Dinge: Tod

DIY: Doing a Grillparzer

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——— John Irving:

In the City Where Marcus Aurelius Died

from: The World According to Garp, E. P. Dutton, Boston 1978:

In Vienna Jenny and Garp went on a spree of Grillparzer jokes. They began to uncover little signs of the dead Grillparzer all over the city. There was a Grillparzergasse, there was a Kaffeehaus des Grillparzers; and one day in a pastry shop they were amazed to find a sort of layer cake named after him: Grillparzertorte! It was much too sweet. Thus, when Garp cooked for his mother, he asked her if she wanted her egg soft-boiled or Grillparzered. And one day, at the Sch?nbrunn Zoo, they observed a particularly gangling antelope, its flanks spindly and beshitted; the antelope stood sadly in its narrow and foul winter quarters. Garp identified it: der Gnu des Grillparzers.

Of her own writing, Jenny one day remarked to Garp that she was guilty of „doing a Grillparzer.“ She explained that this meant she had introduced a scene or a character „like an alarm going off.“ The scene she had in mind was the scene in the movie house in Boston when the soldier had approached her. „At the movie,“ wrote Jenny Fields, „a soldier consumed with lust approached me.“

„That’s awful, Mom,“ Garp admitted. The phrase „consumed with lust“ was what Jenny meant by „doing a Grillparzer.“

„But that’s what it was,“ Jenny said. „It was lust, all right.“

„It’s better to say he was thick with lust,“ Garp suggested.

„Yuck,“ Jenny said. Another Grillparzer. It was the lust she didn’t care for, in general. They discussed lust, as best they could. Garp confessed his lust for Cushie Percy and rendered a suitably tame version of the consummation scene. Jenny did not like it. „And Helen?“ Jenny asked. „Do you feel that for Helen?“

Garp admitted he did.

„How terrible,“ Jenny said. She did not understand the feeling and did not see how Garp could ever associate it with pleasure, much less with affection.

„‚All that is body is as coursing waters,'“ Garp said lamely, quoting Marcus Aurelius; his mother just shook her head.

Ich mag nicht, wenn Bücher in einen Klarsichtumschlag aus Erdöl gewandet sind. Das sieht aus wie eingeschweißtes Gemüse und fühlt sich auch so an. Wie alle anderen Leute auch, miste ich seit mehreren Jahren meine Bücher aus: Tendenziell werden meine Regale leerer, nicht voller, und meine voraussichtlichen Erben feuern mich an dabei. Wer heute noch Bücher anschafft, die man weder auf einem Gerät mit Internetzugang speichern noch in einer Bibliothek zurückgeben kann, braucht einen von ganz wenigen Gründen: 1. Wärmedämmung, 2. ordentlich erschlossene Texte, 3. Haptik.

Betrachten wir Grund 3. Der Buchkörper geht meistens klar, es gibt Menschen, die finden das Anfassen von Papier geradezu erotisch. Mit dem Anfassen von Buchumschlägen, die man ja beim Gebrauch eines Buches durchgehend berührt, ist es so eine Sache: Wie erotisch ist die Berührung von Glanzpapier? Der verlagsweise unterschiedlichen Pappdeckel von Taschenbüchern? Vom Leinen der Buchdeckel der Hardcovers? Der Plastikfolie jener Verlage, die das Glanzpapier vermeiden? Erotik rechnet kaum nach unterscheidbaren Gruppen, viel eher nach Individuen.

Selbst die wissenschaftlich einwandfreien, kompromisslos hochwertig ausgestatteten und deshalb märchenhaft teuren Referenzausgaben des Deutschen Klassiker Verlags lassen sich nicht nehmen, ihre Leinenbindungen — nicht die Lederbindungen — zwischen Schutzumschlag und Schuber noch einmal durch Plastik zu schützen. Ist das nicht schaurig?

Ja, das ist es, und ich will nicht einmal entscheiden, ob es schauriger ist, beim Lesen mit den Fingerkuppen auf dem rohen Leinen ohne weiteren Schutz herumzuraspeln — siehe: Die Andere Bibliothek, mareverlag, die Prachtausgaben von Manesse pp. — oder auf einer Erdölhaut herumzujuckeln — siehe: im Premium-Segment die Hochglanzperiode in den 1980er Jahren bei Artemis & Winkler u.v.a., im Ökonomiesegmet alles aus jeder Stadtbücherei — wobei letztere wenigstens eine Ausrede hat.

Ausnahmsweise wusste ich mir zu helfen und freue mich inzwischen schon fast darüber, wenn ich an Büchern was zu tunen bekomme. Zum Beispiel bei meinem Grillparzer: Irgendwann 2016 für sieben Euro aus dem Münchner Oxfam aufgelesen — für alle drei Bände Dünndruck, leider eine Buchclub-Lizenz, dafür eine österreichische, was im Falle Grillparzer besonders passend erscheint, und schlimmer: in rosa Leinen gebunden und nochmal in einen Schutzumschlag aus jener schauderhaften Plastikfolie gewickelt. — Vorher:

Doing a Grillparzer, Bucheinbinden

Die Hilfe heißt: ein eigener Schutzumschlag aus dem Papier der eigenen Wahl. Meine Wahl waren alte Werbeanzeigen aus Zeitschriften der 1990er Jahre, die ich in meiner Zeit als Werbetexter zu Zwecken teils der Erheiterung, teils der Dokumentation gehortet habe. Hab ich’s doch vor zwanzig Jahren schon gewusst, dass die irgendwann zu etwas gut sein müssen: spätestens heute, wo sie als found paper durchgehen. Sollte jemand 1995 nicht so umsichtig gewesen sein wie ich, empfehle ich die Saison-Prospekte der Konen Bekleidungshaus KG, die zweimal jährlich führenden süddeutschen Zeitungen beiliegen: Die machen mehrere Seiten Großformat auf sehr streichelfreundlichem, seidigem Papier mit Motiven sehr ansehnlicher Fotomodelle in eindeutigen, warmen Farben. Besser als mancher Buchumschlag.

Doing a Grillparzer, Bucheinbinden

Der haptisch empfindsame Bücherfreund entkleidet also entweder das Buch seines hässlichen, quietschenden, knitternden Klarsichtumschlags, oder falls es von vornherein keinen solchen hat, stellt er selbst einen Dummy für einen Buchumschlag her. Dazu reicht jedes Blatt Papier, auf dessen Beschaffenheit es nicht so ankommt, Hauptsache es ist etwas breiter als die gesamte Flügelspannweite des einzukleidenden Buches, also beide Buchdeckel plus Buchrücken plus weitere fünf bis zehn Zentimeter für die zwei Klappen vorn und hinten, und wenige Zentimeter höher. Meistens reicht Kopierpapier DIN A4, weil Bücher überraschend klein sind, wenn man sie mal in die Werkstatt nimmt, und wenn nicht, Zeitungspapier.

Der Trick ist nämlich, nicht einen Umschlag für das Buch herzustellen, sondern eigentlich für dessen Buchumschlag. Das klingt zuerst seltsam, bewahrt aber das Buch vor Schäden durch Leim oder Tesafilm. Ich nehme Tesafilm, der kleckert nicht so und tut’s vollauf. Um den Buchumschlag ist es nicht ganz so schade, denn genau den wollen wir ja verbessern.

Doing a Grillparzer, Bucheinbinden

Den Umschlag-Dummy, entkleidet oder selbst zurechtgeschnitten, auf der Arbeitsfläche über dem neuen Umschlag mittig ausbreiten. Dabei aufpassen, welche Seite nach außen und nach oben kommt, es geht um Schönheit. An den Stellen, wo die Gelenke zwischen Buchdeckel und Buchrücken hinkommen, mit der Schere bis zum Umschlagrand einschneiden. Die schmalen Lappen über dem Buchrücken über dem Dummy einschlagen und locker mit Tesafilm fixieren, an diesen Stellen muss es nicht bombenfest halten. Letzter Check: Stimmt das Motiv, das künftig um das Buch herum sichtbar wird? Wenn nicht, alles nochmal von vorn.

Den Umschlag-Dummy mit dem Umschlag versehen, das geht so ähnlich wie früher das schuljährliche Einbinden der lehrmittelfreien Bücher. Zwischendurch immer wieder den Umschlag am Buch anpassen und versuchen, ob es sich noch gewaltfrei öffnet und schließt: Man neigt immer dazu, das Papier stramm zu ziehen, dann sitzt der Umschlag zu knapp.

Möglichst nur am Umschlag selbst kleben, nicht am Buch, das ist handwerklich sauberer. Und möglichst nur in einer Lage arbeiten, ab der zweiten bilden sich Wülste aus überschüssigem Papier und Tesafilm. Vor allem wenn Sie mehrere Bände verschönern, die zusammen in einen Schuber passen sollen, zählt jeder Millimeter Breite. Leider weiß ich gut, wovon ich rede.

Außerdem empfehle ich dringend, die Buchrücken wenigstens rudimentär zu beschriften, sonst suchen Sie sich ab der zweiten, dritten Eigenkreation in Ihrem eigenen, organisch gewachsenen Bücherregal blöd. Dünner schwarzer Edding in unauffälliger Kalligraphie, gegen das gröbste Verwischen noch ein Streifchen Tesafilm drüber, dann klappt das auch mit der hauseigenen Bibliographie.

Doing a Grillparzer, Bucheinbinden

Soviel muss klar sein: Das muss man wollen. Ein Buch, an dem Sie sich optisch so wesentlich vergriffen haben, nimmt Ihnen fortan weder der Oxfam noch der Music and Books noch die Ramschtante von der Stadtbücherei noch ab, auf dem Amazon.de-Marketplace ist nicht einmal mehr der Zustand „Akzeptabel“ (lies: „Scheiße“) für 1 Cent zu vermitteln, in der „Zu verschenken!!!“-Kiste finden Sie am nächsten Tag eine leere Bierflasche daneben (Materialwert: immerhin 8 Cent), und Ihre voraussichtlichen Erben husten Ihnen was. Das found paper muss allein Ihnen — oder jemand zu Beschenkendem — gefallen, sonst lassen Sie’s lieber. Wirklich. Wenn Sie Gegenstände wertsteigern wollen, kaufen Sie Immobilien, alles andere verfällt beim Zuschauen, und vor allem Bücher, die einmal die Druckerei verlassen haben, sind Privatvergnügen.

Was jetzt ich mit meinem tollen dreibändigen Dünndruck-Grillparzer im 90er-Werbegewande will? — Nix, siehe oben den Abschnitt von John Irving. Aber sieht er nicht schnulli aus? — Nachher:

Doing a Grillparzer, Bucheinbinden

BuchBinderBilder: Extreme Grillparzering. 19. März 2017;
Soundtrack zum Tag der Arbeit: Hanns Eisler, Opus 28, 1930; Text: Erich Weinert, 1927:
Der heimliche Aufmarsch, gesungen von Ernst Busch mit Ernst-Busch-Chor,
o. J., jedenfalls nach Eisslers Neuvertonung 1938. In Musik, Text und Aufführung das Paradebeispiel für ein Arbeiterkampflied; die Wölfin nennt es Männerschimpflied:

Written by Wolf

1. Mai 2017 at 06:00

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Realismus

Bei den Gebildeten ein gewisses Aufsehen (starke Beachtung in der Gelehrtenwelt)

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Update zu O komm ein Engel und rette mich!:

Nicht gelesen zu werden betrachtet Andreas Rosenfelder als „die furchtbarste Rezeptionsgeschichte der Welt, nämlich eine, in der nichts passiert.“ Man möchte meinen, Sergei Iwanowitsch habe gebloggt.

——— Lev Nikolajevitsch Tolstoi:

Anna Karenina

Erstdruck: Russkij vestnik, Petersburg 1875–1877. Erste Buchausgabe: Moskau 1878.
Achter Teil, 1., Übersetzung von Hermann Röhl:

Olga Demidova, Reading With a Dog, self projectFast zwei Monate waren vergangen. Schon war die Mitte dieses heißen Sommers herangekommen, und erst jetzt schickte sich Sergei Iwanowitsch an, Moskau zu verlassen.

In Sergei Iwanowitschs Lebensgang hatten sich während dieser Zeit wichtige Ereignisse zugetragen. Schon vor einem Jahre hatte er sein Buch, die Frucht sechsjähriger Arbeit, zum Abschluß gebracht; es führte den Titel: Versuch einer Übersicht der Grundgedanken und Formen des Staatswesens in Europa und in Rußland. Einige Abschnitte dieses Buches und die Einleitung waren schon vorher in Zeitschriften gedruckt worden, und andere Teile hatte Sergei Iwanowitsch Männern seines Bekanntenkreises vorgelesen, so daß die in diesem Werke enthaltenen Ideen dem Lesepublikum nicht mehr etwas völlig Neues sein konnten; aber dennoch hatte Sergei Iwanowitsch erwartet, daß das Erscheinen seines Buches bei den Gebildeten ein gewisses Aufsehen erregen und wenn auch nicht eine Umwälzung in der Wissenschaft, so doch auf jeden Fall starke Beachtung in der Gelehrtenwelt hervorrufen werde.

Das Buch war, nachdem es mit größter Sorgfalt die letzte Feile erhalten hatte, im vorigen Jahre erschienen und an die Buchhändler versandt worden.

Sergei Iwanowitsch fragte zwar niemanden nach seinem Buch, beantwortete Fragen seiner Freunde nach dessen Absatz nur ungern und mit erheuchelter Gleichgültigkeit und erkundigte sich nicht einmal bei den Buchhändlern danach, ob es viel gekauft werde; aber dennoch wartete er mit scharfem Blick und gespannter Aufmerksamkeit auf den ersten Eindruck, den sein Buch in der gebildeten Gesellschaft und in der Presse hervorbringen werde.

Aber es verging eine Woche, eine zweite, eine dritte, und es war keinerlei Eindruck in der Gesellschaft wahrzunehmen. Mit ihm befreundete Fachmänner und Gelehrte fingen manchmal an, offenbar aus Höflichkeit, von dem Buch zu reden; seine sonstigen Bekannten dagegen, die sich mit Büchern gelehrten Inhalts nicht beschäftigten, sprachen überhaupt nicht davon; und in der Gesellschaft, die besonders in jener Zeit mit ganz anderen Dingen zu tun hatte, zeigte sich äußerste Gleichgültigkeit. Auch in der Presse war einen ganzen Monat lang von dem Buche nicht mit einer Silbe die Rede gewesen.

Sergei Iwanowitsch berechnete genau die Zeit, die nach seiner Ansicht zur Abfassung einer Besprechung erforderlich war; aber es verging nach dem ersten noch ein zweiter Monat, und immer noch dauerte das Stillschweigen fort.

Nur in der „Nordischen Biene“ waren in einem humoristischen Aufsatz über den Sänger Drabanti, der seine Stimme verloren hatte, gelegentlich ein paar geringschätzige Bemerkungen über Kosnüschews Buch gebracht worden, die darauf hindeuteten, daß alle schon längst über dieses Buch den Stab gebrochen hätten und es allgemeinem Gelächter verfallen sei.

Anna Speshilova, Her Room, 2015Endlich im dritten Monat erschien in einer wissenschaftlichen Zeitschrift eine Besprechung. Sergei Iwanowitsch kannte auch den betreffenden Rezensenten; er hatte ihn einmal bei Golubzow getroffen.

Der Rezensent war ein sehr junger, kränklicher Literat, recht gewandt mit der Feder, aber nur sehr mangelhaft gebildet und im persönlichen Verkehr linkisch.

Obwohl Sergei Iwanowitsch ihn außerordentlich gering einschätzte, machte er sich doch voller Achtung vor der Besprechung daran, sie zu lesen. Sie war geradezu entsetzlich.

Offenbar hatte der junge Literat das ganze Buch in einer Weise aufgefaßt, in der es nicht aufgefaßt werden konnte und durfte. Aber er hatte die daraus angeführten Teile so geschickt zusammengestellt, daß es allen, die es nicht gelesen hatten (und augenscheinlich hatte es so gut wie niemand gelesen), völlig klar sein mußte, daß dieses ganze Buch nichts anderes war als eine Sammlung hochtönender leerer Worte, und noch dazu mißbräuchlich verwendeter (worauf die beigesetzten Fragezeichen hinwiesen) und daß dem Verfasser alles tiefere Wissen völlig abging. Und alles das war so scharfsinnig ausgeführt, daß sogar Sergei Iwanowitsch selbst auf einen solchen Scharfsinn stolz gewesen wäre; aber gerade das war ja eben an dieser Kritik das Entsetzliche.

Obgleich Sergei Iwanowitsch sich eigentlich vorgenommen hatte, die Richtigkeit der Beschuldigungen des Rezensenten mit aller Gewissenhaftigkeit zu prüfen, so hielt er sich doch in Wirklichkeit keinen Augenblick bei den Mängeln und Irrtümern auf, über die jener gespottet hatte, sondern ging unwillkürlich sofort dazu über, sich seine Begegnung und sein Gespräch mit dem Verfasser dieser Besprechung bis in die kleinsten Einzelheiten ins Gedächtnis zurückzurufen.

‚Habe ich ihn vielleicht durch irgend etwas beleidigt?‘ fragte er sich.

Und als er sich erinnerte, daß er bei jener Begegnung dem jungen Menschen eine Redewendung verbessert hatte, durch die dieser einen argen Mangel an Kenntnissen verraten hatte, da konnte Sergei Iwanowitsch nicht daran zweifeln, daß er damit die Erklärung für die gehässige Haltung des Aufsatzes gefunden habe.

Nach dieser Beurteilung wurde nirgends mehr, weder in der Presse noch gesprächsweise, über das Buch auch nur ein Wort geäußert, und Sergei Iwanowitsch konnte sich der Erkenntnis nicht verschließen, daß dieses Werk, an dem er sechs Jahre lang mit soviel Liebe und Fleiß gearbeitet hatte, spurlos vorübergegangen war.

Pokraska: Olga Demidova: Reading With a Dog, self project;
Anna Speshilova: Her Room, 2015.
Zvukovaya dorozhka: Vladimir Vysotsky: Don’t Write Poems and Novels to Me, 1963.

Written by Wolf

1. Mai 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Realismus, Weisheit & Sophisterei

Inwendig Ochsenfleisch, auswendig Kuhhaut! Und so einer will Kind Gottes sein!

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Update zu Anständig essen:

Aus meiner Jugendzeit entsinne ich mich keiner großen emotionalen Reaktionen auf Bücher. Ich hab mich immer — übrigens auch bei Filmen — absichtlich kalt wie Hundeschnauze gehalten, weil ich dergleichen von Anfang an selber können und hinter den Erzählapparatus blicken wollte. Funktioniert hat der Tränenfluss nur einmal bei Peter Rosegger; die archaische Unschuld, die man dem lebenslangen Waldbauernbuben selbstverständlich in jedem Satz abnimmt, macht’s.

Mehr Argumente für eine vegane Lebensweise braucht’s nicht — oder wenigstens für einen bedachtsamen Umgang mit Sachen, die man aus Mitgeschöpfen herstellt, wie ich ihn seit einigen Jahrzehnten befürworte. Die Geschichte tut weniger weh als eine Fernsehreportage über Massentierhaltung und Viehtransporte; Gemüter, die nur ein Häuchlein zarter sind als mein gestriges Jungbullengulasch, planen trotzdem für die nächsten paar Tage kein Essen, dem man den Tierkadaver noch ansieht.

——— Peter Rosegger:

Das Schläfchen auf dem Semmering

aus: Waldheimat. Erzählungen aus der Jugendzeit. Band 2: Der Guckinsleben,
Verlag Gustav Heckenast, Preßburg 1877:

Das Mittagsmahl war vorüber. Den Rest der Milchsuppe hatte der Kettenhund bekommen, der dankbar mit dem Schweife wedelnd die Schüssel so blank leckte, daß die roten und blauen Blumen, sowie die Zahl des Geburtsjahres der geräumigen Tonschüssel klar zum Vorscheine kam. Der Hund beleckte, gleichsam zum Danke, dann auch noch die Blumen und die Jahreszahl, und gut war’s. Den Rest der Schmalznocken hatte die Bäuerin dem alten Zottentrager (Lumpensammler) verehrt, der auf der Ofenbank saß bei seinem großmächtigen Bündel, in welchem alle alten Fetzen von Alpel beisammen waren und der Papiermühle harrten. Der Zottentrager nahm weder die „Zotten“ umsonst, noch die Schmalznocken, er tat ein Täschlein auseinander und bot der Bäuerin zur Gegengabe drei Ellen blaue Schürzenbänder und ein paar englische Nadeln. Der Großknecht nannte ihn trotzdem einen Lumpenkerl.

Tina Sosna, Restless Wind, 15. September 2014Als wir vom Tische aufstanden, um wohlgesättigt wieder dem Tagwerke nachzugehen, steckte der Großknecht Rochus einen Ballen Tabak in den Mund. Trotzdem vermochte er noch zu reden und zum Hausvater das Wort zu sagen: „Bauer, brauchst du heute das Bendel?“ Bendel, das ist nämlich der geringschätzige Ausdruck für einen nichtigen kleinen Buben, der den Leuten unter den Beinen umherschlupft, wenn er beim Vieh nichts zu tun hat. Das Wort Bendel mußte auf mich passen, weil der Zieselhofbauer, bei dem ich damals als Schafhirt angestellt war, auf mich herabschaute und die Achseln zuckte. Er brauche mich nicht. Die Schafe seien ja in der eingezäunten Halde.

„Wenn du ihn nicht brauchst, so brauch‘ ich ihn,“ sagte der Knecht. „Wenn ich morgen ins Österreichische hinaus soll mit dem Leab, so muß das Vieh heut‘ ein paar Stunden umgetrieben werden auf dem Anger.“

Der Leab, das war durchaus kein „Vieh“, wie der Knecht in seiner Grobmauligkeit sagte, sondern das war unser falbes Öchslein, der Liebling des Hauses. Es mußte besonders brav sein, denn es wurde besser gehalten, als die anderen Rinder, es bekam Heu statt Stroh und Salzrübenbräu statt Spreufutter. Warum die Bevorzugung? Weil der Leab eben ein lieber Kerl war, der auch so schön jodeln konnte. Wenn er satt war und vor dem Stalle stand, so begann er zu lauten, die Töne, die er in kurzen Zwischenräumen ausstieß, waren wie heller Juchschrei, der drüben im Wald klingend widerhallte. Die anderen konnten es bei weitem nicht so. Ich wußte damals noch gar vieles nicht, unter anderem auch, warum der Leab so schön jauchzte. War es, weil es gar so lustig ist auf dieser Welt, wenn man nicht an den Pflug muß und so guten Salzrübenbräu kriegt, oder war es, weil er Genossen und Genossinnen herbeirufen wollte von den Weiden, oder war es, weil der Wald sein Jauchzen so munter beantwortete. Kurz, es machte sich alles so sein und nett mit dem Leab, und das war nicht bloße Höflichkeit, wenn es hieß, daß er sehr gut aussehe. Mit diesem lieben Öchslein nun sollte der Knecht Rochus am nächsten Tage ins Österreicherland reisen, über den Semmering hinüber. Man sprach gar von Wien, wo der Leab, wie es hieß, sein Glück machen sollte.

„Sodl, jetzt komm einmal, Bendel, nichtiges!“ Also hat der Knecht mich geworben. „Jetzt führ‘ den Leab aus dem Stall auf den Anger und treib‘ ihn ein paar Stündlein langsam herum. Na, hast mich verstanden?“

Iris Gassenbauer, Semmering, Eselstein, 15. September 2015Nun war das vom Leab eine besondere Gefälligkeit. Wenn ich ein gesunder starker Ochs bin, wie der Leab, so lasse ich mich nicht von einem Jungen, den sie das Bendel heißen, mir nichts dir nichts auf dem Anger umhertreiben. Entweder ich gebe ihm einen Deuter mit dem Hinterbein, daß er mich in Ruh lassen soll, oder ich tauche ihn mit dem gehörnten Kopf zu Boden. Mein Leab aber erkannte mir die Oberhoheit zu, oder es war ihm nicht der Mühe wert, einem winzigen Knirps sich zu widersetzen; er ließ sich gutmütig treiben. Etwas schwerfällig trottete er auf dem Rasen dahin, ich trappelte barfuß hinter ihm drein und wenn er stehenbleiben wollte, um sich zu lecken oder eine Schnauze voll Gras zu sich zu nehmen, so versetzte ich ihm mit der Gerte einen leichten Streich an den Schenkel, daß er weiter ging. So hatte es der Knecht angeordnet. Ich wußte nicht, was das Herumtrotten heute zu bedeuten hatte und mein Leab wußte es wahrscheinlich auch nicht. Der Mensch, wenn er so etwas nicht weiß, macht sich Sorgen darob, der Ochs nicht, trotzdem kam letzterer genau so weit als ich – etwa fünfzigmal um den Anger herum.

Am Abend, als wir müde und mit steifen Beinen in den Stall gingen, habe ich’s erst erfahren, weshalb die Rundreise verhängt worden war. Der Leab mußte sich für seine bevorstehende Fußpartie ins Österreicherland eingehen, weil er das Marschieren nicht gewohnt war. Bei mir stand die Sache nicht viel anders, denn auch ich war auserlesen, die Reise mitzutun.

Am nächsten Frühmorgen hatten wir, der große Knecht Rochus und der kleine Bendel, unser Halbfeiertagsgewand angelegt, ich auch mein neues Paar Schuhe, dann aßen wir Sterz und Milch, und der Leab bekam noch einmal seinen Salzrübenbrei. Während er mit Behagen sein Frühstück verzehrte, ahnungslos, daß es das letzte war in der Heimat, striegelte ihm der Ziegelhofbauer noch die Haare glatt und betastete mit Wohlgefallen den rundlichen Leib.

„Unter hundertsechzig treibst ihn wieder heim,“ sagte er dann zum Knecht. Das war mir nicht ganz verständlich, der Rochus aber nickte seinen Kopf. „Geh‘ nur her, Öchsel!“ sprach er und legte dem Genannten den Strick um die Hörner. Ich stand hinten mit der Gerte. Als wir so zu dreien durch das Hoftor hinaus davonzogen, brüllten die anderen Rinder des Stalles, und der Leab stieß ein paarmal sein helles Jauchzen aus. War ihm wirklich so wohl ums Herz, weil es jetzt in die helle Fremde ging, oder hatte der Arme nur einen einzigen Laut für Freud und Leid? Die Hausleute schauten uns nach, bis der Weg sich verlor im Schachen.

Tina Sosna, Restless Wind, 15. September 2014Anfangs ging’s etwas rostig, es waren uns die Beine noch steif von der gestrigen Angerwanderung, aber schon über dem Alpsteige wurden wir gelenkiger, und im Mürztale trabten wir zu acht Füßen ganz rüstig fürbaß.

„Sodl,“ sagte der Knecht, „bis die Sonne abi geht, müssen wir z’Gloggnitz sein. Heimfahren können wir morgen auf dem Dampfwagen, ist sicherer mit dem Geld.“

Und kam es jetzt auf, was der Rochus im Sinn hatte. Den Leab wollte er verkaufen. Zu Gloggnitz an einen Viehhändler, der ihn dann nach Wien führen würde. – Nein, das konnte dem Knecht nicht ernst sein. Verkaufen, den Leab! Derselbe Knecht hatte früher einmal am Feierabend eine Geschichte erzählt, wie ein Mann seinen Bruder an die Juden verkauft hatte… Und stimmte denn das mit dem, was meine Mutter daheim oftmals gesagt hatte, nämlich, daß auch das liebe Vieh unserem Herrgott gehöre, und daß Ochs und Esel die ersten gewesen, die beim Christkind Wache gehalten? –

Weil die Straße so breit und glatt vor uns da lag und das Öchslein so willig fürbaß ging, so konnten wir plaudern. Daheim plaudert kein Knecht mit dem Schafbuben, am wenigsten der ruppige Großknecht mit dem Bendel, aber in der Fremde schließen die Menschen sich nahe aneinander, selbst wenn ein Ochs dazwischen ist.

„Was wird er denn nachher machen, der Leab, z’Wien?“ fragte ich.

„Der wird totgeschlagen,“ antwortete der Knecht. Ich lachte überlaut, weil ich das grobe Wort für einen seinen Witz hielt.

„Übermorgen um die Stund hängt er schon an den Hinterbeinen beim Fleischhacker,“ setzte der Knecht bei. Mir ward plötzlich bange, ich schaute dem Leab ins Gesicht, das glotzte harmlos drein; er hatte nichts verstanden, gottlob. – Fleischhacker! Man hatte den Namen übrigens schon gehört. Als daheim die Mutter einmal schwer krank gewesen war, hatte der Arzt ein Pfund Suppenfleisch verordnet, zum Kraftmachen. Das war auch beim Fleischhacker geholt worden.

„Hi, Leab!“ sagte der Rochus und zog am Strick.

Dann fuhr er fort, wunderlich zu sprechen: „Das beste Fleisch geht allemal nach Wien. Wenn unsereiner auf der Kirchweih beim Fleischhacker im Dorfe ein Stückel kauft, kriegt man ein wiedenzähes Luder.“ – Was er nur da redet!

Iris Gassenbauer, Semmering, Eselstein, 15. September 2015Als wir beim jungen Lärchenwald am Anfang des Semmeringberges waren, wußte ich alles. Es war ganz unerhört. – Zurückführen nach Alpel konnte ich den armen, armen Leab nicht, ich hätte mit dem Knecht darum bis auf den Tod raufen müssen. Der Knecht Rochus hatte ja vom Bauern den Auftrag, den Leab in Gloggnitz dem Fleischhacker zu überantworten! Dann sollte das gute Ochsl zur Schlachtbank geführt, dort mit einer großen Hacke niedergeschlagen und hernach mit einem langen Messer erstochen werden. Alsdann sollten ihm die schönen schwarzen Hörnlein vom Haupte geschlagen und die Haut herabgezogen werden. Dann sollten ihm die Eingeweide herausgerissen und das Fleisch in tausend Stücke zerschnitten werden. Und diese Stücke würden gekocht, gebraten, von den Wienern verzehrt, so wie der Wolf das Schaf frißt, und die Katze die Maus! – Mir ward blau vor den Augen, ich taumelte hin an den Rain. Der Rochus steckte mir einen Bissen Brot in den Mund.

Später, wieder zu mir gekommen, schaute ich den Leab an. Der biß einen Grasschopf ab und kaute ihn mit aller Behaglichkeit hinein. Er weiß von nichts. Er hat’s gehört, aber nicht verstanden. O, argloses Gottesgeschöpf! – Ich hub an, laut zu brüllen.

Der Rochus lachte und gab mir zu bedenken, daß ich selbst schon Ochsenfleisch gegessen hätte! Ich selbst? Das war noch schöner! – Ja! Am Leihkauftag, wie uns der Bauer beim Wirt Braten mit Salat gezahlt. Das sei so etwas gewesen. – Mir wurde übel. Braten hatte ich freilich gegessen, er war sogar sehr gut gewesen, aber daß das ein Stück Tierleib sollte gewesen sein, der vorher geradeso warm gelebt, und vielleicht so hell gejauchzt hatte, wie der Leab! – Und daß die Menschen so etwas tun!

Als mir das erstemal die Gewißheit ward, daß alle Menschen sterben müssen, auch ich – da war mir nicht so abscheulich weh ums Herz, als an diesem Tage, wie ich erfahren, daß der Mensch das Tier ißt, mit welchem er vorher so zutraulich beisammen gelebt hat.

„Was ist denn das?“ fragte der Rochus und stupfte mit dem Stock auf meinen Fuß. „Ist das nicht ein Schuh?“

„Das ist mein Feiertagsschuh,“ gab ich artig zurück.

„Gelt, und mit dem gehst du in die Kirche und betest fleißig. Sag‘ mir schön, hast du die Scheckige noch gekannt, die unser Bauer im vorigen Jahr für ein Kalb umgetauscht hat?“

„Die scheckige Kuh, die mit dem Melkstuhl geschlagen worden ist von der Stallmagd, weil sie keine Milch geben hat wollen?“

„Richtig. Und geben hat sie keine wollen, weil sie keine mehr im Euter hat gehabt, und deswegen hat sie unser Bauer fortgetauscht. Was meinst, Schafhalterbub, wo wird sie sein jetzt, die scheckige Kuh?“

Riet ich: „Auf der Fischbacher Alm.“

Sagte er: „O, Tschapperl, auf der Fischbacher Alm! Wo du jetzt in ihrer Haut steckst!“ Und tippte wieder auf meine Schuhe. – Mich machten diese Offenbarungen ganz verwirrt. Inwendig Ochsenfleisch, auswendig Kuhhaut! Und so einer will Kind Gottes sein?! –

Tina Sosna, Restless Wind, 15. September 2014Auf der Semmeringhöhe, wo die grünen Matten waren, wollte unser Leab auf einmal nicht weiter, sondern setzte sich nieder.

„Das ist gar nicht so dumm!“ meinte der Rochus und setzte sich auch in den Schatten einer Lärche, denn es war heiß geworden. Ich hockte ebenfalls hin und lugte heimlich auf das Rind. Das tat gemütlich wiederkauen, der Knecht tat’s auch an seinem Tabak, und dabei kratzte er das Tier zärtlich hinter den Ohren. Der Leab war dessen froh und streckte traulich den großen Kopf so zurecht, daß der Rochus gut krauen konnte. Und jetzt dachte ich: Wie doch der Mensch so falsch sein kann! – Ich meinte damit den Knecht und mich und alle, die ein Haustier so liebhaben, daß sie es endlich zur Schlachtbank führen und aufzehren. Endlich hatte der Leab sein schweres Haupt auf den Rasen hingelegt und machte die großen runden Augen zu. Der Rochus lehnte sich an den Baumstamm und duselte auch ein. Jetzt schliefen sie beide – aber den Schlaf des Gerechten sicherlich nur einer. Der Knecht hatte den Strick noch schlafend um die Hand gewunden, mit dem er das ahnungslose Schlachtopfer hielt. Ich war voller Betrübnis.

Kam des Weges her, den wir gekommen, ein großes graues Bündel, unter denselben gebückt der alte Zottentrager, der tags zuvor in unserem Hause gewesen. Der stand still, streckte seinen langen braunen Hals nach mir vor und fragte flüsternd: „Was hat’s denn, Bübel?“

Schluchzend stand ich auf und vertraute dem weltfremden Menschen meinen Schmerz.

„Das Öchsl tut mir so viel derbarmen, weil es zum Fleischhacker muß.“

„So, so! zum Fleischhacker!“ flüsterte der Alte und verzog sein runzeliges Gesicht zu einer schrecklich lächerlichen Larve. Aber ich konnte nicht lachen, mußte immer noch heftiger weinen aus Erbarmnis, weil der liebe gute Leab so arglos und unschuldig schlummerte.

„Ist das nit dem Zieselhofer von Alpel sein Knecht?“ fragte dann leise der Zottentrager, auf den Rochus deutend, „Ist schon gut. Der hat mich gestern mit einem Lumpenkerl angemurmelt. Lumpenkerl, der bin ich, gewiß auch noch, daß ich’s bin. Weil ich ein Kerl bin, der Lumpen tragt. Aber anmurmeln laß ich mich nit so. Gesagt ist’s! Heute wird er die Lumpen nit verachten, wenn sie ihm der Viehhändler als nagelneue Hunderter auf die Hand tut. Aber wart, altes Murmeltier, so gut sollst es nit haben! Gesagt ist’s! Dem kleinen Edelmann da tut eh‘ der Ochs leid. Mir auch. Schlaf süß, du holdseliger Bauernknecht, du kotzengrober! Der Ochs soll in den grünen Wald gehen, und nit zum Fleischhacker. Gesagt ist’s und –“ mit dem Taschenmesser schnitt er den Strick durch – „getan ist’s.“

Das alles war im Flüsterton herausgestoßen, nun rüttelte er den Ochsen bei den Hörnern: „Steh‘ eilends auf, Herr Ochs, und fliehe!“

Der Leab glotzte ob solcher Belästigung etwas verblüfft umher, dann stand er schlotterig auf, zuerst mit den Hinter-, dann auch mit den Vorderfüßen und ließ sich vomZottentrager in den Wald führen. Der alte Spitzbube zischelte mir noch zu: „Du schlafst auch, Jüngling, und weißt von nichts.“ Dann rückte er sein Bündel mieder auf und huschte davon.

Iris Gassenbauer, Semmering, Eselstein, 15. September 2015Ein junger Mensch ist bald verführt, wenn er verführt sein will. Ich streckte mich auf den Rasen, drückte meine Augen zu und wartete, bis der Knecht Rochus die seinen ausmachte. – Das wird ein schreckliches Erwachen merden! Ich bangte davor und war höllisch neugierig drauf. Ich blinzelte zwischen den Augenwimpern wohl doch ein wenig auf ihn hin. Er schlief so arglos, wie früher der Leab. Jetzt tat mir der Knecht leid, wie früher der Ochs. Fest um die Hand gewickelt hielt er den abgeschnittenen Strick. Jetzt zuckte er ein wenig mit derselben Hand, als wollte er das Tier an sich ziehen. Das gab keinen Widerstand. Er riß die Augen auf, warf den Kopf, sprang empor: „Der Ochs!“ Ein wahrhaftes Angstgebrüll: „Bub, wo ist der Ochs!“

Ich tat, als wäre ich eben auch erst erwacht, streckte die Arme aus, gähnte und sagte mit der ganzen Niederträchtigkeit eines Zottentragers: „Hast du den Leab schon verkauft?“

„Gestohlen! Geraubt! Weggeraubt!“ schrie der Knecht und schoß umher wie ein scharf losgelassener Kreisel. Die Faust, um welche der Strick noch geschlungen war, streckte er gegen Himmel, und an mir vorüber rasend, schien es einen Augenblick, als wollte er sie auf mich niedersausen lassen. Mir war nicht zum Lachen, und die Freude an dem geretteten Leab löste sich in eine schreckliche Angst vor dem schnaubenden Großknecht. Seine Fäuste lösten sich bald in flache Hände auf, mit denen er sich jammernd den Kopf hielt. Das viele Geld! Auf Jahre hinaus der Dienstlohn weg, auf viele Jahre hinaus! Der Bauer werde ihm nichts schenken. Vielmehr strafen werde er ihn für die Fahrlässigkeit. Auf fremden Straßen einzuschlafen! Es sei auch zu pflichtvergessen! Zu pflichtvergessen! „Mein Bübel,“ rief er mir zu, in seiner Verzweiflung zärtlicher als je, „lauf du zurück auf der Straßen, wo wir hergekommen, vielleicht derwischest du den Dieb! Ich werde auf die Österreicherseiten hinaus. Weit kann er ja noch nicht sein. O, mein liebes Geld, mein liebes Geld!“

So wollten wir uns ausmachen zur Verfolgung des Wichtes, der uns den Leab gestohlen, da hub es im nächsten Dickicht an in hellen Stößen zu lauten…

O, Ochs, du jauchzest dich in den Tod hinein! – Drei Stunden später hat zu Gloggnitz der Händler den Leab übernommen und ihn dem großen Mastviehtransport einverleibt, der nach Wien ging.

Tina Sosna, Restless Wind, 15. September 2014

Die Bilder: Iris Gassenbauer: Semmering // Eselstein, 15. September 2015 und
Tina Sosna: Restless Wind, 15. September 2014
verlinken, weil mir an allen etwas liegt, zu:

  1. Slow Food Deutschland statt Österreich;
  2. Animals‘ Angels Deutschland statt international;
  3. die Datenbank historischer Kochrezepte Allerhandt neue Kocherey des Oberösterreichischen Landesmuseums;
  4. die Tipps zum Einstieg ins vegane Leben von PETA;
  5. Mythologie rund ums Rind der Rindfleischerzeugung in Österreich;
  6. den Volltext Peter Rosegger: Waldheimat und
  7. 205 Ochsenrezepte.

Written by Wolf

5. Februar 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Nahrung & Völlerei, Realismus