Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for the ‘Realismus’ Category

Bei den Gebildeten ein gewisses Aufsehen (starke Beachtung in der Gelehrtenwelt)

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Update zu O komm ein Engel und rette mich!:

Nicht gelesen zu werden betrachtet Andreas Rosenfelder als „die furchtbarste Rezeptionsgeschichte der Welt, nämlich eine, in der nichts passiert.“ Man möchte meinen, Sergei Iwanowitsch habe gebloggt.

——— Lev Nikolajevitsch Tolstoi:

Anna Karenina

Erstdruck: Russkij vestnik, Petersburg 1875–1877. Erste Buchausgabe: Moskau 1878.
Achter Teil, 1., Übersetzung von Hermann Röhl:

Olga Demidova, Reading With a Dog, self projectFast zwei Monate waren vergangen. Schon war die Mitte dieses heißen Sommers herangekommen, und erst jetzt schickte sich Sergei Iwanowitsch an, Moskau zu verlassen.

In Sergei Iwanowitschs Lebensgang hatten sich während dieser Zeit wichtige Ereignisse zugetragen. Schon vor einem Jahre hatte er sein Buch, die Frucht sechsjähriger Arbeit, zum Abschluß gebracht; es führte den Titel: Versuch einer Übersicht der Grundgedanken und Formen des Staatswesens in Europa und in Rußland. Einige Abschnitte dieses Buches und die Einleitung waren schon vorher in Zeitschriften gedruckt worden, und andere Teile hatte Sergei Iwanowitsch Männern seines Bekanntenkreises vorgelesen, so daß die in diesem Werke enthaltenen Ideen dem Lesepublikum nicht mehr etwas völlig Neues sein konnten; aber dennoch hatte Sergei Iwanowitsch erwartet, daß das Erscheinen seines Buches bei den Gebildeten ein gewisses Aufsehen erregen und wenn auch nicht eine Umwälzung in der Wissenschaft, so doch auf jeden Fall starke Beachtung in der Gelehrtenwelt hervorrufen werde.

Das Buch war, nachdem es mit größter Sorgfalt die letzte Feile erhalten hatte, im vorigen Jahre erschienen und an die Buchhändler versandt worden.

Sergei Iwanowitsch fragte zwar niemanden nach seinem Buch, beantwortete Fragen seiner Freunde nach dessen Absatz nur ungern und mit erheuchelter Gleichgültigkeit und erkundigte sich nicht einmal bei den Buchhändlern danach, ob es viel gekauft werde; aber dennoch wartete er mit scharfem Blick und gespannter Aufmerksamkeit auf den ersten Eindruck, den sein Buch in der gebildeten Gesellschaft und in der Presse hervorbringen werde.

Aber es verging eine Woche, eine zweite, eine dritte, und es war keinerlei Eindruck in der Gesellschaft wahrzunehmen. Mit ihm befreundete Fachmänner und Gelehrte fingen manchmal an, offenbar aus Höflichkeit, von dem Buch zu reden; seine sonstigen Bekannten dagegen, die sich mit Büchern gelehrten Inhalts nicht beschäftigten, sprachen überhaupt nicht davon; und in der Gesellschaft, die besonders in jener Zeit mit ganz anderen Dingen zu tun hatte, zeigte sich äußerste Gleichgültigkeit. Auch in der Presse war einen ganzen Monat lang von dem Buche nicht mit einer Silbe die Rede gewesen.

Sergei Iwanowitsch berechnete genau die Zeit, die nach seiner Ansicht zur Abfassung einer Besprechung erforderlich war; aber es verging nach dem ersten noch ein zweiter Monat, und immer noch dauerte das Stillschweigen fort.

Nur in der „Nordischen Biene“ waren in einem humoristischen Aufsatz über den Sänger Drabanti, der seine Stimme verloren hatte, gelegentlich ein paar geringschätzige Bemerkungen über Kosnüschews Buch gebracht worden, die darauf hindeuteten, daß alle schon längst über dieses Buch den Stab gebrochen hätten und es allgemeinem Gelächter verfallen sei.

Anna Speshilova, Her Room, 2015Endlich im dritten Monat erschien in einer wissenschaftlichen Zeitschrift eine Besprechung. Sergei Iwanowitsch kannte auch den betreffenden Rezensenten; er hatte ihn einmal bei Golubzow getroffen.

Der Rezensent war ein sehr junger, kränklicher Literat, recht gewandt mit der Feder, aber nur sehr mangelhaft gebildet und im persönlichen Verkehr linkisch.

Obwohl Sergei Iwanowitsch ihn außerordentlich gering einschätzte, machte er sich doch voller Achtung vor der Besprechung daran, sie zu lesen. Sie war geradezu entsetzlich.

Offenbar hatte der junge Literat das ganze Buch in einer Weise aufgefaßt, in der es nicht aufgefaßt werden konnte und durfte. Aber er hatte die daraus angeführten Teile so geschickt zusammengestellt, daß es allen, die es nicht gelesen hatten (und augenscheinlich hatte es so gut wie niemand gelesen), völlig klar sein mußte, daß dieses ganze Buch nichts anderes war als eine Sammlung hochtönender leerer Worte, und noch dazu mißbräuchlich verwendeter (worauf die beigesetzten Fragezeichen hinwiesen) und daß dem Verfasser alles tiefere Wissen völlig abging. Und alles das war so scharfsinnig ausgeführt, daß sogar Sergei Iwanowitsch selbst auf einen solchen Scharfsinn stolz gewesen wäre; aber gerade das war ja eben an dieser Kritik das Entsetzliche.

Obgleich Sergei Iwanowitsch sich eigentlich vorgenommen hatte, die Richtigkeit der Beschuldigungen des Rezensenten mit aller Gewissenhaftigkeit zu prüfen, so hielt er sich doch in Wirklichkeit keinen Augenblick bei den Mängeln und Irrtümern auf, über die jener gespottet hatte, sondern ging unwillkürlich sofort dazu über, sich seine Begegnung und sein Gespräch mit dem Verfasser dieser Besprechung bis in die kleinsten Einzelheiten ins Gedächtnis zurückzurufen.

‚Habe ich ihn vielleicht durch irgend etwas beleidigt?‘ fragte er sich.

Und als er sich erinnerte, daß er bei jener Begegnung dem jungen Menschen eine Redewendung verbessert hatte, durch die dieser einen argen Mangel an Kenntnissen verraten hatte, da konnte Sergei Iwanowitsch nicht daran zweifeln, daß er damit die Erklärung für die gehässige Haltung des Aufsatzes gefunden habe.

Nach dieser Beurteilung wurde nirgends mehr, weder in der Presse noch gesprächsweise, über das Buch auch nur ein Wort geäußert, und Sergei Iwanowitsch konnte sich der Erkenntnis nicht verschließen, daß dieses Werk, an dem er sechs Jahre lang mit soviel Liebe und Fleiß gearbeitet hatte, spurlos vorübergegangen war.

Pokraska: Olga Demidova: Reading With a Dog, self project;
Anna Speshilova: Her Room, 2015.
Zvukovaya dorozhka: Vladimir Vysotsky: Don’t Write Poems and Novels to Me, 1963.

Written by Wolf

1. Mai 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Realismus, Weisheit & Sophisterei

Inwendig Ochsenfleisch, auswendig Kuhhaut! Und so einer will Kind Gottes sein!

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Update zu Anständig essen:

Aus meiner Jugendzeit entsinne ich mich keiner großen emotionalen Reaktionen auf Bücher. Ich hab mich immer — übrigens auch bei Filmen — absichtlich kalt wie Hundeschnauze gehalten, weil ich dergleichen von Anfang an selber können und hinter den Erzählapparatus blicken wollte. Funktioniert hat der Tränenfluss nur einmal bei Peter Rosegger; die archaische Unschuld, die man dem lebenslangen Waldbauernbuben selbstverständlich in jedem Satz abnimmt, macht’s.

Mehr Argumente für eine vegane Lebensweise braucht’s nicht — oder wenigstens für einen bedachtsamen Umgang mit Sachen, die man aus Mitgeschöpfen herstellt, wie ich ihn seit einigen Jahrzehnten befürworte. Die Geschichte tut weniger weh als eine Fernsehreportage über Massentierhaltung und Viehtransporte; Gemüter, die nur ein Häuchlein zarter sind als mein gestriges Jungbullengulasch, planen trotzdem für die nächsten paar Tage kein Essen, dem man den Tierkadaver noch ansieht.

——— Peter Rosegger:

Das Schläfchen auf dem Semmering

aus: Waldheimat. Erzählungen aus der Jugendzeit. Band 2: Der Guckinsleben,
Verlag Gustav Heckenast, Preßburg 1877:

Das Mittagsmahl war vorüber. Den Rest der Milchsuppe hatte der Kettenhund bekommen, der dankbar mit dem Schweife wedelnd die Schüssel so blank leckte, daß die roten und blauen Blumen, sowie die Zahl des Geburtsjahres der geräumigen Tonschüssel klar zum Vorscheine kam. Der Hund beleckte, gleichsam zum Danke, dann auch noch die Blumen und die Jahreszahl, und gut war’s. Den Rest der Schmalznocken hatte die Bäuerin dem alten Zottentrager (Lumpensammler) verehrt, der auf der Ofenbank saß bei seinem großmächtigen Bündel, in welchem alle alten Fetzen von Alpel beisammen waren und der Papiermühle harrten. Der Zottentrager nahm weder die „Zotten“ umsonst, noch die Schmalznocken, er tat ein Täschlein auseinander und bot der Bäuerin zur Gegengabe drei Ellen blaue Schürzenbänder und ein paar englische Nadeln. Der Großknecht nannte ihn trotzdem einen Lumpenkerl.

Tina Sosna, Restless Wind, 15. September 2014Als wir vom Tische aufstanden, um wohlgesättigt wieder dem Tagwerke nachzugehen, steckte der Großknecht Rochus einen Ballen Tabak in den Mund. Trotzdem vermochte er noch zu reden und zum Hausvater das Wort zu sagen: „Bauer, brauchst du heute das Bendel?“ Bendel, das ist nämlich der geringschätzige Ausdruck für einen nichtigen kleinen Buben, der den Leuten unter den Beinen umherschlupft, wenn er beim Vieh nichts zu tun hat. Das Wort Bendel mußte auf mich passen, weil der Zieselhofbauer, bei dem ich damals als Schafhirt angestellt war, auf mich herabschaute und die Achseln zuckte. Er brauche mich nicht. Die Schafe seien ja in der eingezäunten Halde.

„Wenn du ihn nicht brauchst, so brauch‘ ich ihn,“ sagte der Knecht. „Wenn ich morgen ins Österreichische hinaus soll mit dem Leab, so muß das Vieh heut‘ ein paar Stunden umgetrieben werden auf dem Anger.“

Der Leab, das war durchaus kein „Vieh“, wie der Knecht in seiner Grobmauligkeit sagte, sondern das war unser falbes Öchslein, der Liebling des Hauses. Es mußte besonders brav sein, denn es wurde besser gehalten, als die anderen Rinder, es bekam Heu statt Stroh und Salzrübenbräu statt Spreufutter. Warum die Bevorzugung? Weil der Leab eben ein lieber Kerl war, der auch so schön jodeln konnte. Wenn er satt war und vor dem Stalle stand, so begann er zu lauten, die Töne, die er in kurzen Zwischenräumen ausstieß, waren wie heller Juchschrei, der drüben im Wald klingend widerhallte. Die anderen konnten es bei weitem nicht so. Ich wußte damals noch gar vieles nicht, unter anderem auch, warum der Leab so schön jauchzte. War es, weil es gar so lustig ist auf dieser Welt, wenn man nicht an den Pflug muß und so guten Salzrübenbräu kriegt, oder war es, weil er Genossen und Genossinnen herbeirufen wollte von den Weiden, oder war es, weil der Wald sein Jauchzen so munter beantwortete. Kurz, es machte sich alles so sein und nett mit dem Leab, und das war nicht bloße Höflichkeit, wenn es hieß, daß er sehr gut aussehe. Mit diesem lieben Öchslein nun sollte der Knecht Rochus am nächsten Tage ins Österreicherland reisen, über den Semmering hinüber. Man sprach gar von Wien, wo der Leab, wie es hieß, sein Glück machen sollte.

„Sodl, jetzt komm einmal, Bendel, nichtiges!“ Also hat der Knecht mich geworben. „Jetzt führ‘ den Leab aus dem Stall auf den Anger und treib‘ ihn ein paar Stündlein langsam herum. Na, hast mich verstanden?“

Iris Gassenbauer, Semmering, Eselstein, 15. September 2015Nun war das vom Leab eine besondere Gefälligkeit. Wenn ich ein gesunder starker Ochs bin, wie der Leab, so lasse ich mich nicht von einem Jungen, den sie das Bendel heißen, mir nichts dir nichts auf dem Anger umhertreiben. Entweder ich gebe ihm einen Deuter mit dem Hinterbein, daß er mich in Ruh lassen soll, oder ich tauche ihn mit dem gehörnten Kopf zu Boden. Mein Leab aber erkannte mir die Oberhoheit zu, oder es war ihm nicht der Mühe wert, einem winzigen Knirps sich zu widersetzen; er ließ sich gutmütig treiben. Etwas schwerfällig trottete er auf dem Rasen dahin, ich trappelte barfuß hinter ihm drein und wenn er stehenbleiben wollte, um sich zu lecken oder eine Schnauze voll Gras zu sich zu nehmen, so versetzte ich ihm mit der Gerte einen leichten Streich an den Schenkel, daß er weiter ging. So hatte es der Knecht angeordnet. Ich wußte nicht, was das Herumtrotten heute zu bedeuten hatte und mein Leab wußte es wahrscheinlich auch nicht. Der Mensch, wenn er so etwas nicht weiß, macht sich Sorgen darob, der Ochs nicht, trotzdem kam letzterer genau so weit als ich – etwa fünfzigmal um den Anger herum.

Am Abend, als wir müde und mit steifen Beinen in den Stall gingen, habe ich’s erst erfahren, weshalb die Rundreise verhängt worden war. Der Leab mußte sich für seine bevorstehende Fußpartie ins Österreicherland eingehen, weil er das Marschieren nicht gewohnt war. Bei mir stand die Sache nicht viel anders, denn auch ich war auserlesen, die Reise mitzutun.

Am nächsten Frühmorgen hatten wir, der große Knecht Rochus und der kleine Bendel, unser Halbfeiertagsgewand angelegt, ich auch mein neues Paar Schuhe, dann aßen wir Sterz und Milch, und der Leab bekam noch einmal seinen Salzrübenbrei. Während er mit Behagen sein Frühstück verzehrte, ahnungslos, daß es das letzte war in der Heimat, striegelte ihm der Ziegelhofbauer noch die Haare glatt und betastete mit Wohlgefallen den rundlichen Leib.

„Unter hundertsechzig treibst ihn wieder heim,“ sagte er dann zum Knecht. Das war mir nicht ganz verständlich, der Rochus aber nickte seinen Kopf. „Geh‘ nur her, Öchsel!“ sprach er und legte dem Genannten den Strick um die Hörner. Ich stand hinten mit der Gerte. Als wir so zu dreien durch das Hoftor hinaus davonzogen, brüllten die anderen Rinder des Stalles, und der Leab stieß ein paarmal sein helles Jauchzen aus. War ihm wirklich so wohl ums Herz, weil es jetzt in die helle Fremde ging, oder hatte der Arme nur einen einzigen Laut für Freud und Leid? Die Hausleute schauten uns nach, bis der Weg sich verlor im Schachen.

Tina Sosna, Restless Wind, 15. September 2014Anfangs ging’s etwas rostig, es waren uns die Beine noch steif von der gestrigen Angerwanderung, aber schon über dem Alpsteige wurden wir gelenkiger, und im Mürztale trabten wir zu acht Füßen ganz rüstig fürbaß.

„Sodl,“ sagte der Knecht, „bis die Sonne abi geht, müssen wir z’Gloggnitz sein. Heimfahren können wir morgen auf dem Dampfwagen, ist sicherer mit dem Geld.“

Und kam es jetzt auf, was der Rochus im Sinn hatte. Den Leab wollte er verkaufen. Zu Gloggnitz an einen Viehhändler, der ihn dann nach Wien führen würde. – Nein, das konnte dem Knecht nicht ernst sein. Verkaufen, den Leab! Derselbe Knecht hatte früher einmal am Feierabend eine Geschichte erzählt, wie ein Mann seinen Bruder an die Juden verkauft hatte… Und stimmte denn das mit dem, was meine Mutter daheim oftmals gesagt hatte, nämlich, daß auch das liebe Vieh unserem Herrgott gehöre, und daß Ochs und Esel die ersten gewesen, die beim Christkind Wache gehalten? –

Weil die Straße so breit und glatt vor uns da lag und das Öchslein so willig fürbaß ging, so konnten wir plaudern. Daheim plaudert kein Knecht mit dem Schafbuben, am wenigsten der ruppige Großknecht mit dem Bendel, aber in der Fremde schließen die Menschen sich nahe aneinander, selbst wenn ein Ochs dazwischen ist.

„Was wird er denn nachher machen, der Leab, z’Wien?“ fragte ich.

„Der wird totgeschlagen,“ antwortete der Knecht. Ich lachte überlaut, weil ich das grobe Wort für einen seinen Witz hielt.

„Übermorgen um die Stund hängt er schon an den Hinterbeinen beim Fleischhacker,“ setzte der Knecht bei. Mir ward plötzlich bange, ich schaute dem Leab ins Gesicht, das glotzte harmlos drein; er hatte nichts verstanden, gottlob. – Fleischhacker! Man hatte den Namen übrigens schon gehört. Als daheim die Mutter einmal schwer krank gewesen war, hatte der Arzt ein Pfund Suppenfleisch verordnet, zum Kraftmachen. Das war auch beim Fleischhacker geholt worden.

„Hi, Leab!“ sagte der Rochus und zog am Strick.

Dann fuhr er fort, wunderlich zu sprechen: „Das beste Fleisch geht allemal nach Wien. Wenn unsereiner auf der Kirchweih beim Fleischhacker im Dorfe ein Stückel kauft, kriegt man ein wiedenzähes Luder.“ – Was er nur da redet!

Iris Gassenbauer, Semmering, Eselstein, 15. September 2015Als wir beim jungen Lärchenwald am Anfang des Semmeringberges waren, wußte ich alles. Es war ganz unerhört. – Zurückführen nach Alpel konnte ich den armen, armen Leab nicht, ich hätte mit dem Knecht darum bis auf den Tod raufen müssen. Der Knecht Rochus hatte ja vom Bauern den Auftrag, den Leab in Gloggnitz dem Fleischhacker zu überantworten! Dann sollte das gute Ochsl zur Schlachtbank geführt, dort mit einer großen Hacke niedergeschlagen und hernach mit einem langen Messer erstochen werden. Alsdann sollten ihm die schönen schwarzen Hörnlein vom Haupte geschlagen und die Haut herabgezogen werden. Dann sollten ihm die Eingeweide herausgerissen und das Fleisch in tausend Stücke zerschnitten werden. Und diese Stücke würden gekocht, gebraten, von den Wienern verzehrt, so wie der Wolf das Schaf frißt, und die Katze die Maus! – Mir ward blau vor den Augen, ich taumelte hin an den Rain. Der Rochus steckte mir einen Bissen Brot in den Mund.

Später, wieder zu mir gekommen, schaute ich den Leab an. Der biß einen Grasschopf ab und kaute ihn mit aller Behaglichkeit hinein. Er weiß von nichts. Er hat’s gehört, aber nicht verstanden. O, argloses Gottesgeschöpf! – Ich hub an, laut zu brüllen.

Der Rochus lachte und gab mir zu bedenken, daß ich selbst schon Ochsenfleisch gegessen hätte! Ich selbst? Das war noch schöner! – Ja! Am Leihkauftag, wie uns der Bauer beim Wirt Braten mit Salat gezahlt. Das sei so etwas gewesen. – Mir wurde übel. Braten hatte ich freilich gegessen, er war sogar sehr gut gewesen, aber daß das ein Stück Tierleib sollte gewesen sein, der vorher geradeso warm gelebt, und vielleicht so hell gejauchzt hatte, wie der Leab! – Und daß die Menschen so etwas tun!

Als mir das erstemal die Gewißheit ward, daß alle Menschen sterben müssen, auch ich – da war mir nicht so abscheulich weh ums Herz, als an diesem Tage, wie ich erfahren, daß der Mensch das Tier ißt, mit welchem er vorher so zutraulich beisammen gelebt hat.

„Was ist denn das?“ fragte der Rochus und stupfte mit dem Stock auf meinen Fuß. „Ist das nicht ein Schuh?“

„Das ist mein Feiertagsschuh,“ gab ich artig zurück.

„Gelt, und mit dem gehst du in die Kirche und betest fleißig. Sag‘ mir schön, hast du die Scheckige noch gekannt, die unser Bauer im vorigen Jahr für ein Kalb umgetauscht hat?“

„Die scheckige Kuh, die mit dem Melkstuhl geschlagen worden ist von der Stallmagd, weil sie keine Milch geben hat wollen?“

„Richtig. Und geben hat sie keine wollen, weil sie keine mehr im Euter hat gehabt, und deswegen hat sie unser Bauer fortgetauscht. Was meinst, Schafhalterbub, wo wird sie sein jetzt, die scheckige Kuh?“

Riet ich: „Auf der Fischbacher Alm.“

Sagte er: „O, Tschapperl, auf der Fischbacher Alm! Wo du jetzt in ihrer Haut steckst!“ Und tippte wieder auf meine Schuhe. – Mich machten diese Offenbarungen ganz verwirrt. Inwendig Ochsenfleisch, auswendig Kuhhaut! Und so einer will Kind Gottes sein?! –

Tina Sosna, Restless Wind, 15. September 2014Auf der Semmeringhöhe, wo die grünen Matten waren, wollte unser Leab auf einmal nicht weiter, sondern setzte sich nieder.

„Das ist gar nicht so dumm!“ meinte der Rochus und setzte sich auch in den Schatten einer Lärche, denn es war heiß geworden. Ich hockte ebenfalls hin und lugte heimlich auf das Rind. Das tat gemütlich wiederkauen, der Knecht tat’s auch an seinem Tabak, und dabei kratzte er das Tier zärtlich hinter den Ohren. Der Leab war dessen froh und streckte traulich den großen Kopf so zurecht, daß der Rochus gut krauen konnte. Und jetzt dachte ich: Wie doch der Mensch so falsch sein kann! – Ich meinte damit den Knecht und mich und alle, die ein Haustier so liebhaben, daß sie es endlich zur Schlachtbank führen und aufzehren. Endlich hatte der Leab sein schweres Haupt auf den Rasen hingelegt und machte die großen runden Augen zu. Der Rochus lehnte sich an den Baumstamm und duselte auch ein. Jetzt schliefen sie beide – aber den Schlaf des Gerechten sicherlich nur einer. Der Knecht hatte den Strick noch schlafend um die Hand gewunden, mit dem er das ahnungslose Schlachtopfer hielt. Ich war voller Betrübnis.

Kam des Weges her, den wir gekommen, ein großes graues Bündel, unter denselben gebückt der alte Zottentrager, der tags zuvor in unserem Hause gewesen. Der stand still, streckte seinen langen braunen Hals nach mir vor und fragte flüsternd: „Was hat’s denn, Bübel?“

Schluchzend stand ich auf und vertraute dem weltfremden Menschen meinen Schmerz.

„Das Öchsl tut mir so viel derbarmen, weil es zum Fleischhacker muß.“

„So, so! zum Fleischhacker!“ flüsterte der Alte und verzog sein runzeliges Gesicht zu einer schrecklich lächerlichen Larve. Aber ich konnte nicht lachen, mußte immer noch heftiger weinen aus Erbarmnis, weil der liebe gute Leab so arglos und unschuldig schlummerte.

„Ist das nit dem Zieselhofer von Alpel sein Knecht?“ fragte dann leise der Zottentrager, auf den Rochus deutend, „Ist schon gut. Der hat mich gestern mit einem Lumpenkerl angemurmelt. Lumpenkerl, der bin ich, gewiß auch noch, daß ich’s bin. Weil ich ein Kerl bin, der Lumpen tragt. Aber anmurmeln laß ich mich nit so. Gesagt ist’s! Heute wird er die Lumpen nit verachten, wenn sie ihm der Viehhändler als nagelneue Hunderter auf die Hand tut. Aber wart, altes Murmeltier, so gut sollst es nit haben! Gesagt ist’s! Dem kleinen Edelmann da tut eh‘ der Ochs leid. Mir auch. Schlaf süß, du holdseliger Bauernknecht, du kotzengrober! Der Ochs soll in den grünen Wald gehen, und nit zum Fleischhacker. Gesagt ist’s und –“ mit dem Taschenmesser schnitt er den Strick durch – „getan ist’s.“

Das alles war im Flüsterton herausgestoßen, nun rüttelte er den Ochsen bei den Hörnern: „Steh‘ eilends auf, Herr Ochs, und fliehe!“

Der Leab glotzte ob solcher Belästigung etwas verblüfft umher, dann stand er schlotterig auf, zuerst mit den Hinter-, dann auch mit den Vorderfüßen und ließ sich vomZottentrager in den Wald führen. Der alte Spitzbube zischelte mir noch zu: „Du schlafst auch, Jüngling, und weißt von nichts.“ Dann rückte er sein Bündel mieder auf und huschte davon.

Iris Gassenbauer, Semmering, Eselstein, 15. September 2015Ein junger Mensch ist bald verführt, wenn er verführt sein will. Ich streckte mich auf den Rasen, drückte meine Augen zu und wartete, bis der Knecht Rochus die seinen ausmachte. – Das wird ein schreckliches Erwachen merden! Ich bangte davor und war höllisch neugierig drauf. Ich blinzelte zwischen den Augenwimpern wohl doch ein wenig auf ihn hin. Er schlief so arglos, wie früher der Leab. Jetzt tat mir der Knecht leid, wie früher der Ochs. Fest um die Hand gewickelt hielt er den abgeschnittenen Strick. Jetzt zuckte er ein wenig mit derselben Hand, als wollte er das Tier an sich ziehen. Das gab keinen Widerstand. Er riß die Augen auf, warf den Kopf, sprang empor: „Der Ochs!“ Ein wahrhaftes Angstgebrüll: „Bub, wo ist der Ochs!“

Ich tat, als wäre ich eben auch erst erwacht, streckte die Arme aus, gähnte und sagte mit der ganzen Niederträchtigkeit eines Zottentragers: „Hast du den Leab schon verkauft?“

„Gestohlen! Geraubt! Weggeraubt!“ schrie der Knecht und schoß umher wie ein scharf losgelassener Kreisel. Die Faust, um welche der Strick noch geschlungen war, streckte er gegen Himmel, und an mir vorüber rasend, schien es einen Augenblick, als wollte er sie auf mich niedersausen lassen. Mir war nicht zum Lachen, und die Freude an dem geretteten Leab löste sich in eine schreckliche Angst vor dem schnaubenden Großknecht. Seine Fäuste lösten sich bald in flache Hände auf, mit denen er sich jammernd den Kopf hielt. Das viele Geld! Auf Jahre hinaus der Dienstlohn weg, auf viele Jahre hinaus! Der Bauer werde ihm nichts schenken. Vielmehr strafen werde er ihn für die Fahrlässigkeit. Auf fremden Straßen einzuschlafen! Es sei auch zu pflichtvergessen! Zu pflichtvergessen! „Mein Bübel,“ rief er mir zu, in seiner Verzweiflung zärtlicher als je, „lauf du zurück auf der Straßen, wo wir hergekommen, vielleicht derwischest du den Dieb! Ich werde auf die Österreicherseiten hinaus. Weit kann er ja noch nicht sein. O, mein liebes Geld, mein liebes Geld!“

So wollten wir uns ausmachen zur Verfolgung des Wichtes, der uns den Leab gestohlen, da hub es im nächsten Dickicht an in hellen Stößen zu lauten…

O, Ochs, du jauchzest dich in den Tod hinein! – Drei Stunden später hat zu Gloggnitz der Händler den Leab übernommen und ihn dem großen Mastviehtransport einverleibt, der nach Wien ging.

Tina Sosna, Restless Wind, 15. September 2014

Die Bilder: Iris Gassenbauer: Semmering // Eselstein, 15. September 2015 und
Tina Sosna: Restless Wind, 15. September 2014
verlinken, weil mir an allen etwas liegt, zu:

  1. Slow Food Deutschland statt Österreich;
  2. Animals‘ Angels Deutschland statt international;
  3. die Datenbank historischer Kochrezepte Allerhandt neue Kocherey des Oberösterreichischen Landesmuseums;
  4. die Tipps zum Einstieg ins vegane Leben von PETA;
  5. Mythologie rund ums Rind der Rindfleischerzeugung in Österreich;
  6. den Volltext Peter Rosegger: Waldheimat und
  7. 205 Ochsenrezepte.

Written by Wolf

5. Februar 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Nahrung & Völlerei, Realismus

Isarathen ist die nördlichste Stadt Italiens

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Update zu Große Zusammenkünfte, die mehr einer Feierlichkeit als einem geselligen Vergnügen gleichen
und Ein ewig Weißwurschten:

Zum Bieranstich des 182. Oktoberfests zu München folgt eine Internet-Premiere: der Aufsatz Gemälde von München von Friedrich Hebbel, 1839.

Während seiner Münchner Zeit war der junge Studiosus Hebbel nicht mehr denn ein armer Schlucker. Nachdem er sich von dort zu Fuß zurück in die Heimat Hamburg durchgeschlagen hatte – übrigens sehr zügig vom 11. bis 31. März –, musste er gegen seine Überzeugung und auf Angebot von Karl Gutzkow für den Telegraph für Deutschland den Textauftrag über die von Hamburg aus gesehen exotische Stadt München annehmen.

Als willkommene Stoffsammlung griff Hebbel auf seine eigenen Münchner Briefe im Cottaischen Morgenblatt für gebildete Stände, Stuttgart 1836 bis 1838 zurück, siehe seine historisch-kritische Ausgabe, Band IX, Seite 359 bis 399. Darum waren laut Tagebuch – hier zitiert nach dem Kommentar in der Gesamtausgabe bei Hanser – am 12. April 1839 schon mehrere Seiten

niedergeschrieben, ohne die inneren Vorbehalte gegen eine bestellte Arbeit aufgegeben zu haben: „Dergleichen Geschwätz widert mich an“ (Tgb. 1551). Im Rückblick auf das Jahr 1839 kam Hebbel nochmals auf sein „Gemälde von München“ zu sprechen, das […] den Beifall des Autors, „den es nicht hat, entbehren kann, da es den des Publikums erhielt“ (Tgb. 1965).

Die Arbeit unter Protest ist Hebbel offenbar recht gut gelungen. Dieselbe Anmerkung fährt fort:

Unbeschadet dieser selbstkritischen Äußerung darf der überlegene Gestus, mit dem das „Gemälde“ entworfen wurde, nicht geringgeschätzt werden. Eindrucksvoll versteht es der erst sechsundzwanzigjährige Hebbel, die geistige Eigenart einer Stadt zu ergründen und mit leichter Hand darzustellen. Vom Totaleindruck führt er den Leser zum charakteristischen Detail; er bestätigt Gewußtes durch Beobachtung und gewinnt dem Einzelvorgang, indem er ihn einordnet, eine eigene Bedeutung hinzu. Die Mitteilungsfreude eines Fremdenführers verbindet Hebbel mit der Menschenkenntnis des Dramatikers, der aus Gewohnheiten den Charakter erschließt. Das „Gemälde von München […] beweist eine urbane Gelassenheit in der Auswertung vreschiedenartigster Eindrücke. Nirgends tritt der Autor unbillig hervor; witzig, keck und voll Verständnis spiegelt er seine Umwelt wieder.

Recht hat diese kommentierende Einschätzung der bis heute einzigen größeren – und halbwegs ohne Verrenkungen erhältlichen – Hebbel-Ausgabe, die wir anhand ihres leicht behäbigen Wortschatzes noch 1965 einordnen dürfen, insofern, als Hebbel trotz schlechter Erfahrungen in der Fremde und der ungeliebten Auftragsarbeit allerhand Esprit in seine Tourismusliteratur legt. Es unterlaufen sogar ein paar echt luzide, eigenständige Beobachtungen: Das Gemälde macht Spaß.

Dennoch werden Sie diese Textmenge, die selbst für eine Literaturzeitschrift des 19. Jahrhunderts, die auf keine „Aufmerksamkeitsspannen“ Rücksicht nehmen musste, in drei Lieferungen aufgeteilt wurde, voraussichtlich nicht online von vorne bis hinten lesen. Es sollte eben eine vollständige, weiterverwendbare Version davon digital zur Verfügung stehen. Deshalb als Anspieltipp: Abschnitt IV, „Der deutsche Bürger und Mann […]“.

Interessant ist, woran sich Hebbels Interesse entzündet und woran nicht: Ja, die Alte Pinakothek hat neun Säle und 23 Kabinette – was einem nicht einmal jeder heutige Fremdenführer sagen könnte – und ja, auch 1839 war nicht jeder Tragöde eine Zierde seines Theaters; letztendlich lauschen wir den kommerziell orientierten Ausführungen eines 26-jährigen Studenten, der sich über das Bier zu drei Kreuzern freut, – ohne ein Wort darüber zu erfahren, dass sich das Oktoberfest seit 1810 zur Mutter aller Volksfeste auswächst.

Auch wer in München nur sein kleines Leben führen will, kommt nicht an den zahlreich gesäten literarischen Auslassungen vorbei, die auch nur entfernt zur Stadtwerbung taugen und seit König Ludwig I. den Münchner Stadttourismus befeuern sollen. Instrumentalisiert wurden schon Goethe, Heinrich Heine, Thomas Mann, Mark Twain, Thomas Wolfe und so ziemlich jeder, der auf der Durchreise jemals eine Maß im Biergarten in seinem posthum ausgeschlachteten Tagebuch oder privat adressierten Brief vermerkt hat – nur Friedrich Hebbel kommt nie vor. Offensichtlich mangelt es seinem Gemälde an knapp zitierbaren Sentenzen und beigeschmackloser Lobhudelei. Das ist ihm anzurechnen.

Für meinen Begriff könnte er sich allein sein gourmethaftes Herumgeonkel sparen, wie „die Münchnerin“ so drauf ist, das steht niemandem. Aber für meinen Begriff könnte der Magistrat auch das Oktoberfest ausfallen lassen, das würde ungemein der Gemütlichkeit dienen. Ein Prosit derselben.

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——— Friedrich Hebbel:

Gemälde von München

in: Telegraph für Deutschland, Hamburg, Mai, Juni und Juli 1839,
cit. Gerhard Fricke, Werner Keller und Karl Pörnbacher (Hgg.): Friedrich Hebbel: Werke, Carl Hanser Verlag, München 1965. 2.Auflage 2007.
Dritter Band (von 5): Gedichte, Erzählungen, theoretische Schriften, Seite 777 bis 795:

I

– Sie wünschen von mir ein Gemälde des Münchner Lebens und Treibens. Es ist leicht, Ihrem Wunsche zu entsprechen, wenn ich mir erlauben darf, dasjenige, was vereinzelt und abgetrennt für sich dasteht, in partiellen, locker oder gar nicht miteinander verbundenen Bildern darzustellen. Es würde mir jedoch schwer fallen, an jeder der vielfachen, sich dem Beobachter entgegendrängenden Erscheinungen den organischen Punkt, aus dem sie hervorwächst, oder den Faden, der sie alle verknüpft, mit Bestimmtheit und Sicherheit nachzuweisen. Ich kann dem Gemälde eine Feinheit nicht geben, welche dem Gegenstande selbst mangelt; es fehlt München an einer Grundformel, auf die man die meisten großen Städte Deutschlands zurückzuführen vermag, und grade hierin liegt seine Eigentümlichkeit. Die wunderlichsten und verschiedenartigsten Elemente, solche, die sich gegenseitig auszuschließen, sich unmöglich zu machen scheinen, mischen sich oder durchkreuzen sich vielmehr in dieser Stadt. Der strenge Katholizismus, der nicht allein unser bombenschleuderndes Jahrhundert, der die Zeit selbst in ihrem innersten Prinzip verneint, und der vor dem ersten Gedanken, wie vor dem Selbstmord, zurückschaudert, blickt uns aus allen Ecken an; er blickt uns an, nicht als hohläugiges, sich aus dem Grabe hervorstehlendes Gespenst, sondern wohlbeleibt und zählebig, mit der eisernen Gesundheit eines Großvaters, der seine roten Enkel nicht bloß zu wiegen sondern auch noch zu bestatten Miene macht. Dennoch hat neben diesem Katholizismus sich ein ödes Protestantentum, der Tod in umgekehrter, häßlichster Gestalt zu entfalten gewußt, ein Protestantentum, das die Musik geächtet, das Phantasie und Empfindung zum Hungertode verdammt und die Religion zum saft- und kraftlosen Pumpernikel, den die nüchternste, aller Begeisterung unfähige rationelle Theologie für den Hausbedarf bäckt, herabgesetzt hat. Wie aber jener Katholizismus einen verlornen Sohn zählt, der trotz seiner Rechtgläubigkeit den heiligen Vater für ein überflüssiges Übel hält, so hat auch dies Protestantentum in seiner gläsernen Durchsichtigkeit den dunkelfarbigsten Pietismus aus seinem Schoß geboren; es gibt geistliche Zusammenkünfte für junge Damen, wo sie Erbauung und in der Regel auch einen Mann finden, Traktätchen werden verbreitet und verschlungen, Richtwege zum Himmel aufgespürt und mit Begierde und Stolz eingeschlagen. Ähnliche Gegensätze treffen wir, um einstweilen, wie es sich für die Einleitung schickt, die politischen Beziehungen unberührt liegenzulassen, in der Kunst, die zwischen antiker Gemessenheit und romantischer Ineinanderwirrung aller stofflichen und formellen Grenzen hin und her schwankt. Freilich läßt sich fragen: Wo treffen wir sie nicht, diese Gegensätze? Sie sind tief bedingt in unsrer Zeit, die krank und nachtwandelnd, Dinge tut, die sie nicht tun will, Höhen erklimmt, von denen sie beim Erwachen herabstürzen muß; die aus Vergangenheit und Zukunft ihre Fieberphantasieen spinnt und vielleicht eben in ihren wildesten Abirrungen die meiste Aufmerksamkeit verdient. Doch ist es entschieden, daß sie nirgends so grell hervortreten, wie in München, und dies ist der Grund, weshalb fast keinem Urteil, das jemals über diese, das Urteil herausfordernde und neckende Stadt ausgesprochen wurde, die relative Wahrheit bestritten werden kann.

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II

Es fehlt München unendlich viel, was andere Städte reizend und interessant macht; dennoch wird sich ein jeder, der dort längere Zeit lebte, seines Aufenthalts in München mit Vergnügen erinnern und gern einmal dahin zurückkehren. Dies kommt zum Teil von der örtlichen Lage, die, obgleich an sich kahl und matt, nach allen Seiten hin die anziehendsten Ausflüge gestattet. Wie schnell kann man in Wien, in dem göttlichen Salzburg sein! Die Tyroler Alpen winken verführerisch und drängend herüber; auf dem Wege zu ihnen trifft man die schönsten Landseen; Italien selbst ist nah. Es ist aber dem Menschen mehr um den Schlüssel zum Paradiese, als um das Paradies selbst zu tun, und, einer der weiß, du kannst die herrliche Reise morgen erleben, wenn du nicht bis übermorgen warten willst, hat in dieser bloßen Möglichkeit einen sehr reellen Genuß. Auch ist die Umgebung von München nicht ganz so schlecht, als man sie sich gewöhnlich denkt. Es gibt an der Isar hinauf manche liebliche Partie; Neuberghausen, die Menterschweig und vor allem das waldbekränzte Großhesselohe sind sehr angenehme Punkte. Die Isar ist übermütig-lebendig, und zieht sich, wie eine strotzende Ader, durch die langweilig-ernsthafte Ebene hin; wilde Bergmassen verbauen in der Ferne den Horizont: man sieht doch manches, wenn man es auch nicht hat. Vorzüglich fesselt an München, daß die Stadt noch nicht fertig ist, daß sie sich täglich verändert, gleich demjenigen, der in ihr wohnt. Den chamäleonartigen Menschen drückt die eherne Dieselbigkeit der Natur; wir würden uns in der Welt zehn Mal besser gefallen, wenn Gott von Zeit zu Zeit die jetzt schon sechstausendjährige Dekorationen, die ihren Schöpfer zu überdauern drohen, verändern mögte. München scheint mit sich selbst im Krieg zu liegen; man weiß nicht, wird die neue Stadt die alte verzehren, oder diese jene, und hiedurch nehmen Häuser und Straßen, die anderwärts bei der Ewigkeit verassekuriert zu sein scheinen, die Farbe des auf Kampf und Anstrengung verwiesenen jungen Lebens an. Die hellen, frischen Vorstädte umschließen mit weiten Armen, in die Hamburg und Altona zur Not noch mit hineingingen, die eigentliche Stadt, und der Fremde, der bisher die stolzesten Gebäude, Paläste und palastartigen Häuser erblickte, sieht sich seltsam überrascht, wenn er endlich in das alte München hineintritt und sich überzeugt, daß der Weg schöner war, als das Ziel. Doch, sobald er in diesen langen, hier übermäßig breiten, dort sich ungewöhnlich zuspitzenden Gassen wandelt, steigen andere Gedanken und Empfindungen in ihm auf; er sieht, daß er es nicht mehr mit einer freien Schöpfung des Geistes, sondern mit einer Zwangsgeburt des Zufalls und der blinden Nötigung zu tun hat; er fragt die Straße, warum sie sich grade an dieser Stelle krümmt, die Häuser, warum sie an jener so dicht zusammenrücken; er lächelt wohl gar über die moderne Kurzsichtigkeit, die einen Buckel dadurch zu verdecken sucht, daß sie ihn mit Flittern behängt. Durch alle alte Städte wandeln die Schatten verblichener Jahrhunderte, und in den Mittagsstunden, beim neuesten glänzendsten Sonnenschein erkennt man sie am deutlichsten.

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III

Ich komme auf die in neuerer Zeit teils schon entstandenen, teils erst entstehenden öffentlichen Gebäude. In München wird mehr gebaut, wie in irgendeiner andern deutschen Stadt, und die dabei beteiligte Bairische Kammer mag dies betrachten, wie sie will, ich, von meinem Gesichtspunkte aus, kann mich nur freuen, daß es geschieht. Das architektonische Genie hat in mir oft das tiefste Mitleid erregt; es kann das größte sein und muß, weil ihm die Mittel zur Verkörperung seiner Ideen nur von außen her kommen können, spurlos und ruhmlos aus der Welt gehen und kann sogar, weil es sich dem Unverstand und der Blödsichtigkeit verdingen muß, gezwungen werden, wider seinen eignen heiligen Geist zu freveln und, im VolIgefühl des Schönen und Echten, das Gemeine und Nichtige ins Leben zu rufen. In München hat es Gelegenheit sich zu entfalten. Ein kunstliebender König ist von der rühmlichen Leidenschaft erfüllt, sein Andenken in dem Lande, das er beherrschte, in der Stadt, die er bewohnte, durch würdige Denkmäler möglichst lange lebensfrisch zu erhalten. Er baut Klöster, Blinden-Institute, Kirchen, Paläste, Bibliotheken, genug alles und jedes, was einem Palladio leicht macht, zu zeigen, daß er da ist. Man kann freilich die Frage aufwerfen, ob nicht eben, weil so viel geschieht, das wahrhaft Große ausgeschlossen wird; man kann bemerken, daß die Begeisterung nicht zu addieren vermag, daß der Mensch nicht, um einen Berg zu bewundern, im Geist hundert zerstreut umherliegende Hügel zusammenzählt. Doch muß man nicht vergessen, daß die Zeiten, wo ein Kölner oder Straßburger Riesenbau angefangen werden konnte, vorbei sind. Durch die Jahrhunderte läuft jetzt nicht mehr, wie ehemals, ein eiserner Faden; wir sind heute für dies entzündet und morgen für das; wir treten mit Füßen, was unsere Väter heilig hielten, wir dürfen uns von unsern Söhnen und Enkeln keines Bessern versehen und tun wohl, wenn wir uns mit allem, was wir vornehmen, beeilen. Wir bauen in liebenswürdiger Naivetät deshalb geistig und materiell gern so, daß die Nachwelt ohne große Gewissensbisse wieder niederreißen darf, was wir aufrichteten; wir ersparen ihr sogar zuweilen diese Mühe, indem wir die Sachen so einrichten, daß sie höflich und zuvorkommend zur rechten Stunde in sich selbst zusammenbrechen. Ich will dies keineswegs speziell auf München bezogen haben, und es trifft München nur soweit, als es die ganze Welt trifft, aber es ist unleugbar.

Die Glyptothek, Klenzes erste und nach meinem Gefühl, trotz der oft und mit Recht gerügten Mängel, beste Arbeit, ist längst fertig; so viele Urteile sie aber auch bereits über sich hervorgerufen hat, so ist doch noch immer ein neues selbständiges möglich. Der Tadel, der sie treffen mag, fließt aus der Rücksicht auf den Zweck des Gebäudes und trifft daher eigentlich den Punkt, wo die Architektur als Kunst, die zugleich herrschen und dienen soll, sterblich ist. Es mag immerhin sein, daß die in ihr aufgestellten Antiken in minder reicher Umgebung bedeutsamer hervortreten, daß sie den Beschauer, der sich jetzt auch in den sie umschließenden prächtigen Räumen mit Lust und Freude ergeht, alsdann gewaltiger anziehen und ausschließlicher an sich fesseln würden. Doch trifft der letzte Eindruck der Glyptothek durchaus mit dem letzten Eindruck dieser großen Kunstwelt zusammen; neben dem tiefsten Ernst wird spielende Heiterkeit und frischer Lebensmut im Menschenherzen erregt, die unerschöpfliche Fülle der Welt, die sich hinter einer anscheinend versplitterten Mannigfaltigkeit verbirgt, drängt sich uns entgegen; der letzte Eindruck ist es aber allein, der in Rechnung kommen kann. Die Pinakothek ist großenteils, jedoch im Innern noch nicht völlig ausgebaut. Sie liegt außerhalb der Stadt, wie die Glyptothek, und dieser schwesterlich nah. Wenn die Glyptothek eine edel-nachlässige Hoheit charakterisiert; wenn sie einer Königin gleicht, welche die Krone eben auf den Nachttisch legte, aber nur, weil sie weiß, daß sie der Krone nicht bedarf, um zu der ihr gebührenden Ehrerbietung zu gelangen, so prangt die stolze Pinakothek in wohl bewußter, sich in sich selbst zusammennehmender Würde; der bairische Löwe bewacht den Eingang zu ihr und ein Riese (ein wirklicher, der sich als solcher früher auf Jahrmärkten hat sehen lassen) ist Portier. Die innere Einrichtung ist vortrefflich. Die Pinakothek ist nicht ausschließlich Gemäldesammlung im engern Sinne; sie ist zugleich zur Aufbewahrung von Original-Handzeichnungen, Kupferstichen, hetrurischen Vasen Und Porzellän-Malereien bestimmt. Die letztgedachten, teilweise ebenfalls reichen Sammlungen sind jedoch bis jetzt noch nicht darin aufgestellt. Das Vestibule wird von vier jonischen Marmorsäulen getragen; beim Eintritt bemerkt man zur Linken zwei breite Marmortreppen, die, in der zweiten Hälfte sich in eine verlierend, zu dem herrlich verzierten Vorsaal, dem Saal der Stifter, führen, welcher die lebensgroßen Bildnisse der um die Kunst verdienten bairischen Regenten enthält. Der vorteilhaften Wirkung wegen ist die Kuppelbeleuchtung gewählt, und das Licht ist mit Ausnahme des achten Saals, wo es störend durch die breiten Seitenfenster fällt, durchgehends gut. In neun Sälen und dreiundzwanzig Kabinetten sind nur die besten der früher in der Münchner und der Schleißheimer Galerie aufbewahrten Gemälde, sinnreich und instruktiv nach Schulen geordnet, aufgestellt. Der Glyptothek vis-à-vis erhebt sich die für den Gottesdienst der in München anwesenden jungen Griechen bestimmte Basilika. Sie ist ihrer Vollendung im Innern, wie im Äußern noch ziemlich fern und gewährt, gedrückt und am Boden klebend, wie eine Schnecke, keinen freundlichen Anblick. Die Form ist nicht national, und noch weniger schön; ob und inwieweit sie christlich ist, will ich nicht untersuchen. Imposant ist die Ludwigsstraße, in der sich Prachtgebäude an Prachtgebäude reiht, fast zu imposant für München, weil sie Erwartungen erregt, denen nicht entsprochen wird und nicht entsprochen werden kann. Der Magistrat der Stadt hatte eine gute Idee, die er leider, weil die Realisierung zu viel gekostet hätte, unausgeführt ließ. Die Ludwigsstraße verläuft sich nämlich nach oben in zwei unverhältnismäßig schmale Gassen, die sie, wie ein Paar Fühlhörner auszustrecken scheint. Diese beiden Gassen verbindet etwa 80 bis 100 Schritte höher hinauf die schnurgrade Perusagasse, so daß sich der Ludwigsstraße ein plumper Häuserzirkel entgegenstemmt, der ihr im eigentlichsten Verstande die Krone raubt, indem er die neue Residenz und die einfach-würdige Theatinerkirche, die sonst prächtig und stolz hervortreten würden, versteckt, ja verdrängt. Nun war es im Werk, die erwähnten Häuser abzubrechen; doch, wie ich schon bemerkte, die Sache zerschlug sich am Kostenpunkt. In der Ludwigsstraße zieht vor allem die Ludwigskirche die Aufmerksamkeit auf sich. Sie ist nicht erhaben, sie atmet keine Majestät, aber sie ist anmutig und lieblich; man glaubt, wenn die Morgensonne ihr heitres buntes Dach, aus dem zwei Türme hervorsprossen, hell bescheint, die Blüte des Steins zu erblicken. In ihrem Innern führt Cornelius, den ich später zu besprechen gedenke, seine großgedachten Kompositionen aus. Der Ludwigskirche gegenüber erhebt sich, fast kastellartig, das neue Universitätsgebäude, welches, nicht an und für sich, aber seiner Lage wegen, zu den mannigfaltigsten Betrachtungen Anlaß gibt. Das jetzige Universitätsgebäude liegt im Mittelpunkt der Stadt und macht es Professoren, wie Studenten, möglich, fast in jedem Quartier derselben zu wohnen; bei dem neuen ist das Gegenteil der Fall. Auch drängt sich die Frage auf, wozu denn das jetzt überflüssig werdende alte Gebäude, das ehemalige Jesuiter-Kollegium, verwandt werden wird. An die Universität schließt sich still und prunklos das Blinden-Institut und eine andere fromme Anstalt. Diesen gegenüber liegt die neue Bibliothek, ein sehr schönes Gebäude, nicht grämlich-gravitätisch, wie ein in sich selbst vermodernder Foliant, sondern keck und kräftig ins Leben hineinragend, ein Bild der Wissenschaft, wie sie sein sollte. An der Residenz wird noch immer fortgebaut. Der sich längs dem Hofgarten hinziehende Flügel, oben von Statuen von Schwanthaler, welche die acht Kreise des Königsreichs Baiern vorstellen, geschmückt, ist von einer bewundernswürdigen Zierlichkeit. Er enthält den Thronsaal, in welchem die Bildnisse großer deutscher Kaiser prangen werden. In Verbindung mit der Residenz steht die Allerheiligenkapelle, welche in ihrer dämmernden Helle das Herz zauberhaft ergreift. In byzantinischem Stil (auf Goldgrund) sind hier die Hauptmomente der jüdischen und der ersten christlichen Kirche von Heß mit seinem steifen, aber markigen Pinsel dargestellt; die Fehler des Malers kommen merkwürdigerweise diesen seinen Arbeiten zugute; der byzantinische Stil verlangt eine gewisse Eckigkeit, ein, wenn nicht totgeborenes, so doch einschlafendes Leben. Das mit enkaustischen Malereien verzierte, am Residenzplatz, der Residenz vis-à-vis belegene neue Postgebäude scheint mir den Effekt zu sehr in Kontrasten zu suchen; daß das in griechischem Stil gebaute Theater mit seinen Marmorsäulen ähnliche Verzierungen erhalten soll, will mir nicht gefallen, es ist nicht unmöglich, daß der Residenzplatz durch die Veränderung gewinnt, indem das weiße Theater allerdings gegen den grünlichen Palast und das rote Rathaus bisher zu stark abstach, aber es ist gewiß, daß das Theater dadurch verliert. Der in der Vorstadt auferstehende gotische Dom ist zu groß für die Vorstadt und zu klein an und für sich. Die gotische Bauart fordert das massenhaft Überwältigende, und dieses fehlt.

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IV

Der deutsche Bürger und Mann – beides ist identisch, denn der Deutsche muß Bürger sein, bevor er sich als Mann zu fühlen wagt – ist sich allenthalben so ziemlich gleich. Er trägt im Süden, wie im Norden, Schlafrock und Nachtmütze, und nur die Façon ist verschieden; er ist so lange ein Hase, bis ihm von Obrigkeits wegen der Befehl erteilt wird, in der Gestalt eines Löwen zu erscheinen, er ist Kosmopolit, aber nur sonntagsnachmittags von 5 bis 10 Uhr; er ist ein Pulverturm, der mitten im Wasser steht und der nur dann zu fürchten ist, wenn Gewitter aufziehen. Dennoch muß man ihn respektieren, denn er respektiert sich selbst; er geht mit sich um, wie mit einem geladenen Gewehr, und zittert vor dem Kannibalen, den böse Verhältnisse aus ihm machen könnten. Und das ist eben der Fluch, der eigentümlichste, des Philistertums: erzeugt es einmal einen frischen, lebenskräftigen Sohn, so muß dieser es sich als höchste Aufgabe setzen, seinen Vater zu ermorden.

Weshalb sollte ich mich daran machen, den Münchner speziell zu schildern, d.h. grau in grau zu malen. Er ist ein Deutscher und die Nähe des Italieners dient nur dazu, zu zeigen, daß er von fremden Sitten und Gebräuchen nichts annimmt, mögen diese ihm auch noch so dicht auf den Leib rücken. Doch hat der Münchner, der Tradition nach, einst einen höhern Aufflug gewagt, freilich nur, um vor dem Fliegen auf ewig Abscheu zu bekommen. Es war damals, als man in Griechenland ein neues Königreich etablierte. Da ergriff der Drang, sich zu hellenisieren, die ganze Stadt; Miltiades und Themistokles wurden populär in den Kaffeehäusern; man kam von Mittelsendling auf Marathon zu sprechen und reiste über Großhesselohe nach Thermopylä; es war eine schöne Zeit. Jetzt weiß man nur zu gut, daß in Griechenland nichts golden ist, als der Sonnenschein; man kennt jeden Riß in der Mauer von Athen, und, den König ausgenommen, verläßt alles, was Baier heißt, ein Land, das an seiner Auferstehung zugrunde geht.

Der Münchner Bürger arbeitet weniger und genießt mehr, wie irgendein anderer. Überhaupt ist es der Gedanke an den Genuß, der ganz München elektrisiert. Und der höchste Genuß, ein gutes Glas Bier, wie leicht und wie billig ist er zu haben! Wer drei Kreuzer in der Tasche trägt, kann eintreten, in welches Kaffeehaus oder in welchen Garten er will; er wird aufs prompteste bedient und bekommt, als immer schmeckende Zugabe, ein freundliches Gesicht obendrein. Mag über alles dies hochmütig witzeln, wem es behagt; es liegt etwas Wohltuendes darin, daß Menschen der verschiedensten Klassen, die anderwärts schneidend-scharf voneinander abgesperrt sind, hier ein und dasselbe Bedürfnis haben und es in einem und demselben Lokal befriedigen. Es ist für den Geringen eine Art Satisfaktion, wenn er zuweilen mit dem in der Gesellschaft höher Gestellten in irgendeine, wenn auch noch so gleichgültige Berührung tritt, und diese Satisfaktion ist ihm zu gönnen, da er, weit entfernt, zudringlich und prätentiös zu sein, sich grade in der Nähe des über ihm Stehenden am meisten zu bescheiden weiß.

Eine andre Frage ist es, ob das übermäßige Biertrinken an sich selbst nicht ein Übel ist, und ob die bairische Nation, wenn sie nicht seit drei Jahrhunderten Bier getrunken hätte, sich nicht glänzender und selbständiger entwickelt haben würde. Man muß die riesenhaft ungeheuren Fässer in den Bierhäusern und Sommerkellern gesehen haben, um sich einen Begriff davon zu machen, wieviel Bier allein in München ausgetrunken wird; die bis zum Niederbrechen beladenen Wagen der Brauer durchziehen unablässig die Straßen, um den Schenkwirten die nötigen Quanta zu bringen, und die Dienstmägde erblickt man fast nicht, außer mit dem Bierkrug am Arm. Der Bierkrug aber ist der Feind des Genies; er rundet die Bäuche, treibt die Gesichter bis zum Zerspringen auseinander, und rötet die Nase; dagegen erstickt er den Geist und löscht sogar das Auge aus. Ich kann mich des Gedankens nicht erwehren, daß die ganz unleugbare Armut Baierns an Männern, die Kunst und Wissenschaft bedeutend förderten, und manche frostige Erscheinung mit dem Biertrinken in innigem Verhältnis steht.

So viel ist gewiß, bis jetzt gehört das Bier zum Münchner Bürger, wie seine Seele. Daran knüpft sich denn vieles andre, was dem Fremden auffällt: der schlendernde Gang, der sich bei jedem Schritt nach dem Ziele umsieht, die Scheu vor weiten Spaziergängen, das Großväterlich-Behagliche des ganzen Körpers, der nur fürs Sitzen, fürs Ausruhen vom Nichtstun, geschaffen zu sein scheint. Das Gespräch dieser Leute, sowie es nur vom Bier erweckt wird, betrifft auch einzig und allein das Bier; maulfaul und verdrießlich-ernsthaft sitzen sie sich gegenüber und unterhalten sich, wie Liebende, mit Blicken; endlich schlägt der eine den zinnernen Deckel des Krugs zurück, nippt, schüttelt mit einer vielsagenden Miene den Kopf, nippt noch einmal und seufzt: Alles wird schlechter; der Gevatter legt die Pfeife aus der Hand, räuspert sich, trinkt ebenfalls und sagt: Ja, Ja! Dann schauen sie sich um, ob nicht irgendwo die Kellnerin sich blicken läßt; hat diese das Unglück, an ihnen vorüberzukommen, so wird sie aufgehalten, man disputiert mit ihr darüber, ob das Faß auch wirklich frisch angezapft worden sei, was die Kellnerin natürlich mit Festigkeit behauptet; man leert inzwischen das Glas und bestellt ein zweites, denn so groß wird die Indignation nicht, daß man, wenn man einmal sitzt, wieder aufsteht und ein anderes Wirtshaus besucht.

Weit anziehender ist es, die Münchnerinnen zu schildern. Das Weib ist ein zarter, bildsamer Stoff in der Hand der Natur, es ist, mehr als der Mann, den klimatischen Einflüssen unterworfen, es setzt der formenden Gewalt keinen unfruchtbaren Widerstand entgegen, und befindet sich am wohlsten, je öfter es sich häutet. Im Weibe liegt eine unendliche Perfektibilität, die, bisher gehemmt und zurückgehalten, durch soziale Verhältnisse, vielleicht bei kräftiger, freier und unabhängiger Entwickelung der Menschheit ganz neue Richtungen geben wird. Die Münchnerin ist das grade Gegenstück ihres Mannes; man begreift nicht, wie sie ihn heiraten konnte, und sie würde es auch gewiß nicht getan haben, wenn ihr eine andre Wahl geblieben wäre. In ihr pulsiert schon der Süden, nur wenig noch mit Eis und Schnee versetzt; italienische und deutsche Elemente kämpfen in ihrem Herzen um die alleinige Herrschaft; da ist zugleich hastig aufblitzende Glut und rührende Treue; der rote Kometenstrahl ungebändigter Leidenschaft schießt auf, aber die deutsche Träne stürzt schamhaft nach und erstickt ihn. Seht das Münchner Mädchen, wenn es im goldnen oder silbernen Riegelhäubchen, anmutig-stolz, sich selbst gefallend und über dies Gefühl leise errötend, auf den Markt oder zum Tanze geht; seht es besonders, wenn es, das duftige, in Korduan gebundene Gebetbuch in der Hand, in die dunkle Frauenkirche eintritt, wenn es vor irgendeinem aus seiner Nische marmorkalt und marmorstumm herabschauenden Heiligen niederknieet und ihm unter brünstigen Gebeten ein Geheimnis anvertrauet, das ihr die Wangen glühen macht; seht es und fragt euch, ob ihr eine lieblichere Erscheinung kennt. Das Münchner Mädchen ist sinnlich, ja; aber denkt dabei nur nicht an die häßliche, tagscheue, norddeutsche Sinnlichkeit, die etwas anders sein will, als sie ist, und die nichts mehr verabscheut, als sich selbst. Jene Sinnlichkeit ist besserer Art, sie wurzelt in dem süßen Mysterium der Liebe, sie weiß, daß sie da sein darf, und wagt, da zu sein; dazu kommt der dunkle, mit Sternen geschmückte Hintergrund des Katholizismus, es ist reizend an einem Mädchen, wenn sie katholisch ist und dennoch der gottesverlorene Ketzer von ihren Lippen speist.

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V

Nach diesen allgemeinen Umrissen gehe ich zur Betrachtung des einzelnen über. Als erster Gegenstand bietet sich mir das Theater dar. Es ist bei dem jetzigen Zustande der deutschen Schauspielkunst überhaupt keine Schande für dasselbe, daß wenig daran zu rühmen ist. Man hat den Verfall des deutschen Theaters mit einer Ängstlichkeit beklagt, als ob von unserm letzten Gut (und nur der Bettler hat ein letztes Gut) die Rede wäre; man hat den Gründen dieses Verfalls mit dem gewissenhaftesten Eifer nachgespürt und sie in den verschiedenartigsten Dingen zu finden geglaubt. „Wir sind nicht frei, wie könnten wir ein Schauspiel haben!“ sagt der eine und zeigt einige Neigung, im Interesse der dramatischen Kunst eine Revolution zu beginnen. „Wir sind ja nicht einmal eine Nation – unterbricht ihn ein anderer – wir existieren überall nicht; wir bieten dem Dichter kein Ziel dar, wohin soll er seine Pfeile richten?“ „Tut alles nichts – behauptet der dritte – aber wir haben keine Hauptstadt und darin liegts!“ Alle drei führen etwas Richtiges an, nur beweisen sie nicht das Rechte. Soll das Theater für ein Volk Bedeutung haben, so muß es dies Volk selbst, die Darstellung seiner innersten Lebenselemente und seines durch diese für alle Zeiten bedingten und voraus bestimmten Geschicks sich zur Aufgabe machen. Dazu gehört, daß dies Volk sich als Volk kenne und fühle, daß es in einer seine gesamten Zustände und Richtungen umfassenden und konzentrierenden Hauptstadt Gestalt und Physiognomie annehme, und daß es zu allem, was die Welt bewegt, in einem würdigen und durchaus freien Verhältnis stehe. Stellt ein Theater sich diese Aufgabe nicht, oder kann und darf es sich dieselbe nicht stellen, so verliert es seine Bedeutung für die Nation und sinkt zum Zeitvertreib einzelner herab; für den Zeitvertreib gibt es aber nur polizeiliche, keine ästhetische Vorschriften. Die Anwendung des bisher Gesagten auf Deutschland ergibt sich von selbst; es kommt jedoch noch etwas anderes in Betracht. Der Deutsche wurzelt in seinem Gemüt; was er spricht und tut, kommt aus dieser Quelle; das Gemütsleben eignet sich nicht für die dramatisch-theatralische Darstellung. Das deutsche Drama hätte also selbst in dem Fall, daß alle übrigen Bedingungen günstig wären, einen Stoff der es vernichtet, sowie es ihn berührt; wie könnte es gedeihen? Daher kommt es wohl hauptsächlich, daß das Theater den Deutschen zu keiner Zeit echtes Bedürfnis wurde; ihnen mußte jämmerlich zumute werden, sobald sie sich einmal im Bilde erblickten, zumal, da ihre Vergangenheit zu ihrer Gegenwart paßt, wie das scharfgeschliffene Richtbeil zu dem schuIdgebeugten Nacken des Sünders.

Das Münchner Theater exzelliert noch immer mit einer Berühmtheit, die sich nun schon ein halbes Jahrhundert konservierte, mit Eßlair. Eßlair ist zwar längst pensioniert und laboriert an der Wassersucht; doch feiert sein Genius in dem siechen Körper von Zeit zu Zeit eine halbe Auferstehung, und das, was er noch jetzt leistet, läßt auch denjenigen, der ihn in den Jahren seiner Kraft und seiner Mannheit nicht gesehen hat, auf die Größe und Eigentümlichkeit seiner frühern Leistungen schließen. Ich sah ihn im Lear, im Nathan und im Wallenstein, der Ifflandischen Stücke, an die man nur ungern Geist und künstlerisches Vermögen verschwendet sieht, gar nicht zu gedenken. Sein Lear ist Stück- und Flickwerk und schwerlich jemals etwas Besseres gewesen; Einzelheiten, zuweilen aus den Tiefen herausgeholt, aber ohne den zusammenhaltenden organischen Faden, der freilich in dieser Tragödie des Bewußtsein-durchblitzten Wahnsinns schwer zu erfassen, noch schwerer zu verfolgen ist. Sein Nathan ist, wie das Lessingsche Stück: groß, aber kalt; er ist, was er sein soll, aber man kann es ihm nicht danken. Meisterhaft ist sein Wallenstein; diesen nachtwandelnden Helden, der immer fällt, wenn er beim Namen gerufen wird, und der nicht siegen durfte, wenn er nicht unsre Achtung verlieren sollte, gibt er ganz den meistens nur leise angedeuteten Intentionen des Dichters gemäß, in ergreifender Wahrheit. Doch – Eßlair lebt nicht mehr, er steht nur noch zuweilen von den Toten auf. Als erste Liebhaberin fungiert fortwährend Madame Dahn. Es ist eine Künstlerin, der man das Prädikat brav nicht verweigern kann; sie läßt es an Ernst und Studium nicht fehlen und hat sogar geniale Anflüge, mit denen sie zu wuchern weiß. Am befriedigendsten ist sie in intriganten und vornehmen Rollen; in allem übrigen kommt sie dem Vortrefflichen so nah, daß man sich – von ganzem Herzen nach dem Vortrefflichen zu sehnen anfängt. Herr Dahn verschwendet an seine Darstellungen zu viel Gemüt; die Träne hat nur dann den Wert der Perle, wenn sie sich rar macht, wie die Perle. Sein Max Piccolomini ist ein einziger, endloser Seufzer; keine Faser vom Helden und Mann. Sein Edgar im Lear ist eine Fontäne, der es nie an Wasser gebricht. Herr Dahn ist noch nicht zu alt, um diesen seinen Fehler ablegen zu können; er sollte seinen Fehler, der aus einer weichen innigen Individualität hervorgeht, durch Takt und Maß zur Tugend erheben, dann würde er in manchen Rollen, und vornehmlich in denen, die er jetzt mitunter unausstehlich macht, Ausgezeichnetes leisten. Ein sehr beachtungswerter Künstler ist Herr Jost; allenthalben an seinem Platze, nirgends störend, nie sich hervordrängend, und doch nicht selten die Lebensader einer Darstellung, in einigem, z.B. in Ludwig XI. vortrefflich. Die Oper hat ihre Hauptstützen an Herrn Pellegrini und Dem. von Hasselt. Herr Pellegrini ist vielleicht der einzige Italiener, der in Deutschland fett wurde. Er stellte sich im letzten Winter, als ob er sterben wollte, und ganz München geriet in Angst; aber der Schalk kehrte drei Schritt vom Kirchhof wieder um und tat der guten Stadt den Gefallen, fortzuleben. Seine Stimme konservierte sich, wie er selbst, was man von dem ersten Tenor, Herrn Bayer, nicht sagen kann. Dem. von Hasselt tut das Ihrige; ich vermogte ihr nie Geschmack abzugewinnen. Mad. Mink steht ihr zur Seite; es ist schwer zu sagen, ob zur rechten oder zur linken. Dies wäre das Personal, die Intendantur ist die alte. Es gereicht ihr in meinen Augen zur Ehre, daß sie von dem Neuen nur das, was allgemeineren Anklang findet, nicht aber jeden Versuch, der hie oder da schwindsüchtig über die Bretter schleicht, zur Aufführung bringt, daß sie dagegen manches Alte, was schon für immer aus der Erinnerung des Publikums zu verschwinden droht, zurückruft. Man sollte es allenthalben so machen, dann stände es, wo nicht gut, so doch besser. Das Theater am Isartor, das sich unter dem Direktor Carl der größten Teilnahme erfreute und für München ein wirkliches Bedürfnis war, ist längst eingegangen. An seiner Statt hat sich in der Vorstadt Au, unter der Direktion eines Herrn Schweizer, ein anderes etabliert, das nur in den Sommermonaten spielt und durch Lokalpossen zu belustigen sucht. Eine kleine, zusammengedrückte Bude, von der das Sonnenlicht ausgeschlossen ist, damit es die Talgkerzen nicht beschäme. Hier zieht man die Röcke aus, Nudeln und Äpfel werden verspeist, Nüsse geknackt, das Rauchen wird aus Rücksicht – nicht auf die Damen, sondern – auf die Polizei und die Brandversicherungsanstalt, verbeten; zuweilen fällt wohl auch zur Abwechselung ein Zank, wo nicht gar eine gelinde Schlägerei vor. Ade, Musentempel!

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VI

Ein äußerst wichtiges Institut für München ist die Akademie der bildenden Künste. Über diese ist jedoch von allen Seiten längst so außerordentlich viel geschrieben worden, daß es unverantwortlich wäre, wenn auch ich mich ausführlich darüber verbreiten wollte. Ich will mir nur ein paar Bemerkungen über das Institut und dessen Idee erlauben, und daran eine Darstellung des praktischen Zustandes, soweit ich Gelegenheit hatte, ihn kennenzulernen, knüpfen.

Die Frage, ob Kunstakademieen der Kunst mehr schaden oder nützen, ist oft aufgeworfen, und nie beantwortet worden. Nicht leugnen läßt sich, daß eine Masse von Erfahrungen, die in der Werkstatt des einsamen Künstlers verlorengehen, auf der Akademie Allgemeingut werden, daß dem aufkeimenden Talent die so schwierige Aneignung des Technischen dort bedeutend erleichtert wird, und daß solche Institute eine Einwirkung der öffentlichen Stimme sowohl, wie einzelner hochgestellter Personen auf die Kunst, welche in den künstlerischen Individuen, wenn diese für sich dastehen, oft eigensinnig die wunderlichsten Wege einschlägt, vermitteln. Es läßt sich aber auch nicht in Abrede stellen, daß jede Kunstakademie, sowie sie längere Zeit besteht, etwas Zunft- und Handwerkmäßiges annimmt, daß der Künstler, der echte Sohn Gottes, der nur aus seines Vaters Hand Speise und Trank annehmen soll, sich in ihrer trüben Atmosphäre als einen Arbeiter im gemeinen Sinne des Worts betrachten lernt, kurz, daß die Kunst an den Opfern, die man ihr in ihrem eignen Tempel bringt, erstickt. Dann ruft die Akademie eine Unzahl von Halb-Talenten, die, während sie vom Eigentlichen nicht die entfernteste Ahnung haben, sich doch technische Geschicklichkeit erwerben, ins Leben; sie nimmt jeden Schüler auf, der die nötigen Geldmittel hat, während der Meister die seinigen zuvor sorgfältig prüft und denjenigen, der nicht die Hoffnung späterer tüchtiger Leistungen in ihm erweckt, zurückweist. Diese Halb-Talente sind teilweise zur elendesten Existenz, zum ewigen Wollen und Nicht-Können, verdammt, der Gefahr des Verhungerns, der sie ausgesetzt sind, nicht einmal zu gedenken; andernteils sind sie es, die, weil sie den Launen und falschen Richtungen des Publikums schmeicheln, weil sie aus begreiflichen Ursachen das Verwerfliche und Unstatthafte, wenn es gesucht wird, besser und leichter, wie das echte Talent, das nur traurend den Gott um die Silberlinge verleugnet, zu liefern verstehen, den wahren Künstler um seine Wirkung, sowie um die durch den Ertrag seiner Bestrebungen bedingte anständige Stellung, bringen. Auch frägt es sich, ob es wirklich ein Vorteil ist, wenn man dem jungen Genie, das noch schlaftrunken in der Welt, wo es künftig herrschen soll, umhertappt, alles, was es braucht, in die Hand steckt, ob es nicht besser wäre, es selbst suchen zu lassen. Der Weg, auf dem wir ein Ziel erreichen, ist oft bedeutender, als das Ziel.

So viel ist ausgemacht, darf eine Kunst-Akademie überhaupt existieren, so darf sie vor allem in München existieren. Dieser Reichtum an großen Vorbildern in allen Gattungen der Kunst, wie ihn die Pinakothek darbietet, wird in jeder deutschen Stadt, wenn wir Dresden ausnehmen, vergebens gesucht. Dazu kommt die schon im Eingang dieses Abrisses berührte Lage der Stadt. Streifereien im Hochgebirge und in Tyrol, Ausflüge nach Salzburg und Wien, größere Reisen nach Rom und Neapel: welcher Ort böte etwas Gleiches dar? Und doch: wie notwendig und unentbehrlich ist die Gelegenheit zu steten Veränderungen des Aufenthalts eben dem Künstler! Er zehrt von der Welt, die ihn umgibt, das Herrlichste, was er hervorbringt, ist das Produkt seiner Atmosphäre, welche die schaffende Kraft in seinem Innern erregt und befruchtet, das gierige Auge weidet aber das Paradies selbst in kurzer Zeit ab, wenn kein Wechsel eintritt.

Cornelius steht als Direktor an der Spitze der Akademie. Seine Wirkung auf die jungen Maler ist groß und zu groß. Es kann wohl niemanden einfallen, an der hohen Genialität, an der in der Kunstgeschichte Epoche machenden Bedeutung dieses außerordentlichen Mannes zu zweifeln; wer auch nur die Umrisse zum Faust gesehen hat, wird fühlen, daß er keine gewöhnliche Erscheinung vor sich sieht, womit das Jahrhundert wenigstens zehnmal in die Wochen kommt, er wird erkennen, daß er vor einem Wunderschacht steht, aus dem ihm der verborgene Reichtum einer himmlischen Natur klar und rein entgegenglänzt. Cornelius ist indes, und hiemit spreche ich seine Vorzüge, wie seine Mängel aus, ein zu individueller Künstler, um in der Art und dem Maße, wie etwa Raffael und Tizian, zum Vorbild dienen zu können. Cornelius hat sich selbst, sein angebornes Schöpfungsvermögen und seine Eigentümlichkeit an den ihm gestellten Aufgaben entwickelt und auf diese Weise in unserer bankerotten Zeit die ganze Fülle und Majestät der Kunst in sich zur Anschauung gebracht, doch kann man wohl nicht behaupten, daß er die Kunst weiter gefördert, daß sie durch ihn Progressionen gemacht habe. Dies ist auffallend, aber es erklärt sich durch das ganz eigene Verhältnis, worin bei ihm Stoff und Form zueinander stehen. Bei fast durchgängig romantischem Inhalt seiner Darstellungen (die wenigen mythologischen Gemälde in der Glyptothek zählen nicht), geht er auf die allerstrengste, auf eine ihm oft unterm Pinsel gefrierende Plastik aus, die dem Inhalt nicht kongruent ist, und verwirrt dadurch jene holde Klarheit, zu der der Nerv seines Talents ihn dennoch unaufhaltsam drängt. Hieraus entspringt ein unausgleichbarer Widerstreit, das Romantische und das Antike kämpfen zusammen, und der Sieg bleibt unentschieden, weil der Künstler mit gewaltsamer Hand die beiden feindlichen Elemente auf dem letzten Punkte in- und durcheinander flicht, zuweilen, obgleich sehr selten, wie der Henker Körper und Rad. Wahrscheinlich hat Cornelius, wenn er nicht unbewußt auf diesen Weg geriet, es sich beim Ausgang seines Bildungsprozesses als Ziel gesetzt, die Versöhnung des Unversöhnbaren zu versuchen und zwischen zwei getrennten Welten eine Brücke zu erbauen; die Brücke brach ein, und leider glaubte er, an den Trümmern sei etwas zu retten.

Peter von Cornelius, Das jüngste Gericht, Fresko 1836--1839, Ludwigskirche MünchenCornelius führt jetzt in der Ludwigskirche sein Jüngstes Gericht etc. aus. Bewundern muß man seinen Genius, der mit den Evangelien und der Genesis an den Füßen sich in den freiesten Äther hinaufzuschwingen, der sogar mit St. Peters Schlüssel das Allerheiligste der Kunst aufzuschließen vermag. Gott, als Weltenschöpfer, in dem Augenblick dargestellt, wo das geheimnisvolle Wort: „Es werde!“ trunken über seine Lippen fliegt, um die dunkeln Quellen der Natur aufzureißen, ist vielleicht das Größte, das Herrlichste, was in dieser Sphäre jemals geschaffen ward. Er schwebt erhaben bewegt über der Weltkugel und hat die Hand erhoben, als ob er dem Chaos die Millionen Gestalten vorbildete, in denen es die brausenden, glühenden Keime entlassen soll, sein Mantel wallt, und aus allen Räumen quellen jauchzende Massen von Engeln hervor, in denen man die ersten, noch von dem neuen Leben berauschten, und kaum selbständig erwachten Wesen, die in Jubel und Dank zerrinnen, zu erkennen glaubt.

Wie sind sie denn, die jungen Künstler, die aus einem solchen Born des Lebens Erquickung und Stärke trinken könnten, und die ihn entweder dummklug und knabentrotzig ignorieren, oder sich mit Haut und Haar hineinstürzen? Man teilt sie am bequemsten nach ihren Röcken ein, denn die fallen besser in die Augen, wie ihre Talente. Da finden sich nun diverse Raffaele, ausgezeichnet durch das bekannte schwarze Barett, unzählbare Dürer, kennbar am langen Judenbart und am Knotenstock, und viele alte Meister mehr, die als Gespenster durch die Straßen wandeln, und sich untereinander sehr verachten. Die schöne Zeit, wo man Hand in Hand ging, phantastisch-muntere Feste einrichtete und eine streng abgeschlossene stolze Genossenschaft bildete, ist längst vorüber. Man geht jetzt am liebsten allein, man mischt sich in die Kreise der Philister, um einen Käufer für ein mittelmäßiges Bild, oder doch einen Mann, der borgt, aufzuspüren, man stürmt die Treppe, die unter den Arkaden zum Lokal des Künstlervereins führt, hinauf, um zu untersuchen, ob nicht der intimste Freund sich durch eine matte, mißratene Komposition lächerlich gemacht hat. Für München ist der Aufenthalt all der Maler in der Stadt nicht segensreicher, als die Niederlassung der Heuschreckenwolke in Ägypten; sie lassen allerdings viel aufgehen, sie lassen nicht allein so viel aufgehen, als sie haben, sondern weit mehr, aber das ist eben das Unglück. Das Völkchen ist keinesweges schlimm geartet, die Herren bezahlen ihre Schulden herzlich gern, wenn sie nur können, sie machen sich, wenn die Last gar zu schwer wird, aber auch kein Gewissen daraus, sie durch die Flucht zu erleichtern, und die letztere gelingt trotz des stehenden Heeres von Gensdarmen, die jeden Sperling, der ein Weizenkorn pickt, zu spießen drohen, immer außerordentlich leicht.

Diese letztere Schilderung rührt ihren Elementen nach von einem Künstler her, der seit Jahren in München lebte und sich auch eines besseren Zustandes erinnerte, sie ist also gewiß zuverlässig. Daß sie nur auf die Massen paßt, nur auf die zahlreichen Stiefsöhne der Kunst, denen die Mutter nichts schenkt, als ein testimonium paupertatis, bedarf hoffentlich nicht erst der Bemerkung.

7 von 7

Bilder: Fräulein S. aus M., die außer Docs (im Bild) auch ein Dirndl mit Riegelhaube besitzt, am Freisitz vom Starbucks am Odeonsplatz, 22. Februar 2011; siehe die Serie im Direktvergleich:

„Darf ich deinen Namen verwenden?“

„Lass mal stecken. Es reicht, dass ich für dich nochmal schnell zu rauchen angefangen hab. Das muss man nicht auch noch googeln können.“

Peter von Cornelius: Das jüngste Gericht, Fresko 1836–1839, Ludwigskirche Maxvorstadt München.

Written by Wolf

18. September 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Realismus

Die katholische Zeit hat solche Geschmacklosigkeiten nicht gekannt

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Selten bin ich in der DVD-Abteilung meiner zuständigen Stadtbibliothek so erschrocken: Man kann die Wanderungen durch die Mark Brandenburg tatsächlich verfilmen, wie 1986 als internationale Fernsehserie — Deutschland, ein anderes Deutschland, Österreich — im ZDF bewiesen, und ich hab’s seinerzeit nicht gemerkt. Wenn ich schon nie dazukomme, die über fünftausend Seiten meiner siebenbändigen Ausgabe Fontane bei Aufbau durchzulesen (die sieben Bände sind nur die Wanderungen mit einigem Apokryphenbeiwerk, nicht der Gesamtfontane), schaff ich hoffentlich wenigstens die fünf Stunden Itzenplitz/Pillau, um nachzuschauen, ob die beste Stelle mit dem kuriosen Jesus — von dem es sogar zwei Versionen gibt — vorkommt.

I do remember an apothecary
And here about he dwells;… green earthen pots
Where thinly scatter’d to make up a show.

Shakespeare

Cit. Fontane, a.a.O.; eigentlich:

I do remember an apothecary,—
And hereabouts he dwells,—which late I noted
In tatter’d weeds, with overwhelming brows,
Culling of simples; meagre were his looks,
Sharp misery had worn him to the bones:
And in his needy shop a tortoise hung,
An alligator stuff’d, and other skins
Of ill-shaped fishes; and about his shelves
A beggarly account of empty boxes,
Green earthen pots, bladders and musty seeds,
Remnants of packthread and old cakes of roses,
Were thinly scatter’d, to make up a show.

Shakespeare: Romeo and Juliet, Act V, Scene 1: Mantua. A street.

——— Theodor Fontane:

Werder
Die Insel und ihre Bevölkerung. Stadt und Kirche. „Christus als Apotheker“

in: Wanderungen durch die Mark Brandenburg.
Dritter Teil: Havelland. Die Landschaft um Spandau, Potsdam, Brandenburg, 1873:

Unbekannter Künstler, Christus als Apotheker, Werder an der Havel, Heilig-Geist-KircheHier befindet sich unter andern auch ein ehemaliges Altar-Gemälde, das in Werder den überraschenden, aber sehr bezeichnenden Namen führt: „Christus als Apotheker“. Es ist so abnorm, so einzig in seiner Art, daß eine kurze Beschreibung desselben hier am Schlusse unseres Kapitels gestattet sein möge. Christus, in rotem Gewande, wenn wir nicht irren, steht an einem Dispensier-Tisch, eine Apotheker-Wage in der Hand. Vor ihm, wohlgeordnet, stehen acht Büchsen, die auf ihren Schildern folgende Inschriften tragen: Gnade, Hilfe, Liebe, Geduld, Friede, Beständigkeit, Hoffnung, Glauben. Die Büchse mit dem Glauben ist die weitaus größte; in jeder einzelnen steckt ein Löffel. In Front der Büchsen, als die eigentliche Hauptsache, liegt ein geöffneter Sack mit Kreuz-Wurtz. Aus ihm hat Christus soeben eine Handvoll genommen, um die Wage, in deren einer Schale die Schuld liegt, wieder in Balance zu bringen. Ein zu Häupten des Heilands angebrachtes Spruchband aber führt die Worte: „Die Starken bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken. Ich bin kommen, die Sünder zur Buße zu rufen und nicht die Frommen. (Matthäi 9. Vers 12.)“

Die Werderaner, wohl auf Schönemann gestützt, haben dies Bild bis in die katholische Zeit zurückdatieren wollen. Sehr mit Unrecht. Die katholische Zeit hat solche Geschmacklosigkeiten nicht gekannt. In diesen Spielereien erging man sich, unter dem nachwirkenden Einfluß der zweiten schlesischen Dichterschule, der Lohensteins und Hofmannswaldaus, zu Anfang des vorigen Jahrhunderts, wo es Mode wurde, einen Gedanken, ein Bild in unerbittlich-konsequenter Durchführung zu Tode zu hetzen. Könnte übrigens inhaltlich darüber noch ein Zweifel sein, so würde die malerische Technik auch diesen beseitigen.

Unbekannter Künstler: Christus als Apotheker, Werder an der Havel, Heilig-Geist-Kirche, Öl auf Leinwand, 35,76 cm x 39,16 cm via Artothek. Deswegen hat die so ziemlich einzige erreichbare Wiedergabe im Internet ein hässliches Wasserzeichen. Sollte jemand in der Heilig-Geist-Kirche im Potsdam-Mittelmärkischen Werder vorbeikommen, mag er bitte ein ernstzunehmendes Foto davon machen und hier vermelden, am liebsten: zugänglich machen; dafür würde ich glatt Geld zahlen. Aber bitte nicht so viel.





Written by Wolf

24. April 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Realismus

Eskimojade

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Nicht ganz ohne Stolz bringt DFWH den originalen Text der Eskimojade, die an zahlreichen Stellen in unwesentlich verschiedenen Versionen durchs Internet geistert, aber immer als „anonym“ oder mit „Verfasser unbekannt“. Ein schwer erträglicher Zustand.

Sogar Klaus Peter Denckers verdienstreiche Anthologie Deutsche Unsinnspoesie bei Reclam nennt die Fundstelle bei den Fliegenden Blättern bis in die Seitenzahl, aber den Verfasser — wohl zu Recht — anonym. Der betreffende Scan der Uni Heidelberg zeigt Illustrationen mit der leserlichen Signatur „Oberländer“, allerdings sind von Adolf Oberländer grafische Werke bekannt, keine Gedichte dazu — wie etwa bei Wilhelm Busch. Sollten weitere Quellen und Erkenntnisse auftauchen, bitte ich darum, mich zu benachrichtigen. An dem Gedicht liegt mir von Kindheit an etwas; wer es auswendig vor sich hersagen kann, trägt ein angenehm dämliches Grinsen spazieren.

——— Adolf Oberländer:

Eskimojade

in: Fliegende Blätter, Band XC, No. 2272, Seite 54 f., Verlag von Braun & Schneider, München 1889:

Es lebt‘ in dulici jubilo
In Grönland einst ein Eskimo.
Der liebt voll Liebeslust und Leid
Die allerschönste Eskimaid,
Und nennt im Garten sie und Haus
Bald Eskimiez, bald Eskimaus.
Im wunderschönen Eskimai,
Spazieren gingen froh die Zwei,
Geschminkt die Wangen purpurroth,
Wie’s mit sich bringt die Eskimod,
Und setzten sich ganz sorgenlos
In’s wunderweiche Eskimoos.
Still funkelte am Horizont
Der silberklare Eskimond.
Da schlich herbei aus dichtem Rohr,
Othello, Grönlands Eskimohr.
In schwarzer Hand hielt fest den Dolch
Der eifersücht’ge Eskimolch
Und stach zwei- dreimal zu voll Wuth
In frevelhaftem Eskimuth.
Vom Dolch getroffen alle Beid‘ —
Sank Eskimo und Eskimaid.
Da rannt‘ im Sprunge des Galopps
Herbei der treue Eskimops
Und biß mit seinen Zähnen stark
Den Mörder bis in’s Eskimark,
Der bald, zerfleischt vom treuen Hund,
Für immer schloß den Eskimund. — —
So ward — das ist der Schlußaccord,
Gerächt der blut’ge Eskimord!
Und schau’rig klingt vom Norden her
Noch heut’gen Tags die Eskimähr‘.

Adolf Oberländer, Eskimojade, Fliegende Blätter 1889, 1

Adolf Oberländer, Eskimojade, Fliegende Blätter 1889, 2

Seite 54 und 55: a.a.O. via Uni Heidelberg. Danke, danke, danke für dieses Projekt — und an den sorgfältigen Scanner — den viereckigen wie den zweibeinigen — in 300 dpi und anständigem Kontrast!

Written by Wolf

1. Januar 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Realismus, Vier letzte Dinge: Tod

Weihnachtsgabe

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——— Heinrich Seidel: Meine Puppe kriegst du nicht!, o. J. (ca. 1871–1906):

Celeste TumulteNein, du kleiner Bösewicht,
meine Puppe kriegst du nicht!
Noch ist’s gar nicht lange her;
denkst du denn, ich weiß nicht mehr,
wie’s der andern ist ergangen,
was du mit ihr angefangen?
Erst die Nase abgemacht,
dann das Köpfchen ihr zerkracht,
dann den ganzen Leib zerrüttet
und die Kleie ausgeschüttet,
daß die Beine und der Bauch
hingen wie ein leerer Schlauch,
dann die Arme ausgerissen
und sie auf den Müll geschmissen!
Nein, du kleiner Bösewicht,
meine Puppe kriegst du nicht!

Bild via Celeste Tumulte, 2009.

Written by Wolf

6. Dezember 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Realismus

Stiefpilzin

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——— Friederike Kempner (1828 bis 1904):

Wie verschieden ist’s hienieden

cit. Horst Drescher (Hg.): Das Leben ist ein Gedichte,
Reclams Universal-Bibliothek Band 506 (100 Seiten, 1,50 M), Leipzig 1973,
4. Abteilung: Mensch und Tier in der bürgerlichen Gesellschaft:

Jedesmal, wenn frohe Stunden
Mir im Herzen stattgefunden,
Haben sich mir vorgestellt
Auch die Leiden dieser Welt.

Schon, daß gar so sehr verschieden
Uns’re Lose sind hienieden —
Goethe fand zwar nichts dabei,
Doch mir scheint’s nicht einwandfrei.

Pilz des Glücks ist dieser eine,
Jener Stiefpilz des Geschicks,
Einem sind als O die Beine,
Andern wuchsen sie als X.

Sorglos aalen sich die Reichen,
Andern sind die Gelder knapp,
Und noch ungestorb’ne Leichen
Senkt zum Orkus man hinab.

Wißt ihr nicht, wie weh das tut,
Wenn man wach im Grabe ruht?

John Austin, Kaitlin, 17. Dezember 2010

Andern wuchsen sie als X: John Austin: Kaitlin aus Spokane/Washington, 17. Dezember 2010.

Written by Wolf

16. Mai 2013 at 11:30

Veröffentlicht in Realismus, Vier letzte Dinge: Tod