Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for the ‘Realismus’ Category

Nachtstück 0016: Du nicht

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Update zu Des eigenen Herzens süße Melodie und
Jean Paul, sein erster Kuss, meine Bedienung und ich:

Paloma Lanna Wool via Surmise-en-scene, 13. November 2014——— Peter Rosegger:

Heb Dich weg und küss mich nicht!

in: Mein Lied (Vollständige Sammlung).
Über 180 Titel in einem Buch:
Heimat + Liebe + Welt + Hölle + Himmel,
Musaicum Books — Innovative digitale Lösungen
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2017 OK Publishing:

Heb‘ Dich weg und küss‘ mich nicht!
Du nicht, ich bitte Dich,
Ein Kuß von Dir — o, küss‘ mich nicht!
Ein Kuß, er wär‘ mein Tod.
Kleine Schelmin, lächle nicht!
Du nicht; — blick‘ mich nicht an!
Das traute Du, o nenn‘ es nicht!
Sprich nichts, kein Wort zu mir!
O laß mich gehn, berühr‘ mich nicht!
Ich weiß, mein Kind, Du liebst mich nicht.
Und ist nicht auch die Seele mein,
Den Leib allein, den mag ich nicht.

Sprich nichts, kein Wort zu mir:
Paloma Lanna Wool via Surmise-en-scene,
13. November 2014.

Den Leib allein, den mag ich nicht:
Hundreds: Spotless, aus: Wilderness, 2016:

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Written by Wolf

7. September 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Realismus

Vor der Götter Nase

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Update zu Zeilenzähler:

Jules Laforgue fiel mehrmals durchs Abitur, endete als Vorleser der deutschen Kaiserin und starb vier Tage nach seinem 27. Geburtstag an Schwindsucht. Das Sonett über eine Zigarette schrieb er vermutlich in seiner verqualmten möblierten Künstlerbude in der rue Monsieur-le-Prince im Pariser Sechsten, im Alter von 20 Jahren, in dem man noch vor jedem Sonett ankündigen muss, dass jetzt ein Sonett kommt.

——— Jules Laforgue:

La cigarette

(Sonnet)

1880, en: Le Sanglot de la terre, posthume 1901,
I. Poésies, Mercure de France, 1922.

Oui, ce monde est bien plat : quant à l’autre, sornettes.
Moi, je vais résigné, sans espoir à mon sort,
Et pour tuer le temps, en attendant la mort,
Je fume au nez des dieux de fines cigarettes.

Allez, vivants, luttez, pauvres futurs squelettes.
Moi, le méandre bleu qui vers le ciel se tord
Me plonge en une extase infinie et m’endort
Comme aux parfums mourants de mille cassolettes.

Et j’entre au paradis, fleuri de rêves clairs
Où l’on voit se mêler en valses fantastiques
Des éléphants en rut à des chœurs de moustiques.

Et puis, quand je m’éveille en songeant à mes vers,
Je contemple, le cœur plein d’une douce joie,
Mon cher pouce rôti comme une cuisse d’oie.

——— Jules Laforgue:

Die Zigarette

(Sonett)

1880, Übersetzung: Karl Krolow:

Fad ists auf dieser Welt; dazu verrückt, ich wette!
Und ohne Hoffnung trag ichs, mein Geschick.
Zum Zeitvertreib drum, und den Tod im Blick,
Rauch vor der Götter Nase ich die Zigarette.

Auf, Lebende, und müht euch, arme, künftige Skelette!
Als blauen Dunst ich mich gen Himmel schick,
Versenk mich in Ekstase. Und ich nick
Ein wie im leisen Duft der tausend Räucherfette.

Und komm ins Paradies, im Traum aus Licht,
In dem sich unter Walzerklängen paaren
Die Elefanten geil mit Mückenscharen.

Wach ich dann auf und denk an mein Gedicht,
Seh ich den Daumen – Herz im Freudenbann! –,
Den ich versengt, als Gänsekeule an.

Vincent van Gogh, Schädel mit brennender Zigarette, 1886

Fachliteratur:

… was mich auf einem verschlungenen Gedankenpfad daran erinnert, dass wir wieder mal um die Wette und mit Ansage wildfremde Menschen portraitieren könnten. Sagt – mag jemand mitmachen?

Gegenwärtiges Skelett: Vincent van Gogh: Schädel mit brennender Zigarette,
Antwerpen, Winter 1885/1886, Öl auf Leinwand, 32 cm x 24,5 cm, Van Gogh Museum, Amsterdam;
Walzerklänge: Mélanie Pain: La cigarette, en: My Name, 2009:

Written by Wolf

1. Juli 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Nahrung & Völlerei, Realismus

Pfingsten, das liebliche Fest

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Update zu Nicht so übel scheint die Sonne:

——— N. N.:

Pfingstwonne

1905:

Verlag: M S. i B, Verlags-Nr. 60, Schweiz 1905, Ephemera-Sammlung MTP via Michael Studt, 5. Oktober 2017Prinz Lenz ist eingezogen,
Fandst Du nicht seine Spur?
In duft’gen Blumenwogen
Naht er der Erdenflur,
Gott selbst gab ihm die höchste Macht,
Sein ist die Welt in Maienpracht
Trat er herein nach Wintersnacht,
Was führt er mit hernieder?
Ohn‘ Gaben kam er nicht,
Nein, Pfingsten bracht‘ er wieder,
Nun singet Jubellieder,
Euch grüsst das Pfingstfest licht.

Bild & Text: Verlag: M S. i B, Verlags-Nr. 60, Schweiz 1905, Ephemera-Sammlung MTP
via Michael Studt, 5. Oktober 2017.

Soundtrack: Reinhard Mey: Es gibt keine Maikäfer mehr, aus: Wie vor Jahr und Tag, 1974, live 1973:

Written by Wolf

20. Mai 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Realismus

Nachtstück 0013: It merely takes brains to outsmart these dumb critters!

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Update zu Doktor Faustus goes Science Fiction
und Weihnachtsgabe:

Für Dipl.-Ing. FH Markus H. (50):

Disney

Selbst die nicht einfach kongeniale, sondern schlichtweg geniale Übersetzerin und Wegbereiterin moderner alltagssprachlicher Ausdrucksweisen Frau Doktor Erika Fuchs schöpfte nicht allein aus ihrem eigenen Inneren, sondern war auf Ideenzufuhr von außen angewiesen. Ihren Ehemann Dipl.-Ing. Günter Fuchs, der sie bei technischen Übersetzungspassagen beraten und mit mancher klassisch-literaischen Anspielung versorgen konnte, betrachtete sie als eine Art hiesige Entsprechung zum Entenhausener Daniel Düsentrieb.

Ihr bekanntester Satz „Dem Ingeniör ist nichts zu schwör“, der ihr meistens als Standardbeispiel für stilprägende Urheberschaft zugeschrieben wird, ist eine Ableitung von Heirich Seidel, die offenbar prächtig auf den angetrauten Ingenieur passte, und den sie über die Arbeitsjahre hinweg öfter verwenden konnte. Immer wird der Satz von Daniel Düsentrieb zur Selbstbeschreibung gesprochen, niemals schreibt Fuchs, wie gerne nachlässig kolportiert wird, „Inschinör“.

——— Heinrich Seidel:

Ingenieurlied

1871, aus: Glockenspiel. Gesammelte Gedichte, A. G. Liebeskind, Leipzig [Erstauflage] 1889,
in: Akademischer Verein Hütte e.V. (Hrsg.): Kommers-Buch für Studierende Deutscher Technischer Hochschulen, Verlag von Eisoldt & Rohkrämer, 11. Auflage, Berlin 1904,
III. Abteilung: Technische Lieder, Lied 318. (295.), Notenheft Nr. 57:

Disney

Singw.: Krambambuli das ist der Titel etc.

Dem Ingenieur ist nichts zu schwere –
Er lacht und spricht: „Wenn dieses nicht, so geht doch das!“
Er überbrückt die Flüsse und die Meere,
Die Berge unverfroren zu durchbohren ist ihm Spass.
Er thürmt die Bogen in die Luft,
Er wühlt als Maulwurf in der Gruft,
Kein Hinderniss ist ihm zu gross –
Er geht drauf los!

Den Riesen macht er sich zum Knechte,
Dess‘ wilder Muth, durch Feuersgluth aus Wasserfluth befreit,
Zum Segen wird dem menschlichen Geschlechte –
Und ruhlos schafft mit Riesenkraft am Werk der neuen Zeit.
Er fängt den Blitz und schickt ihn fort
Mit schnellem Wort von Ort zu Ort,
Von Pol zu Pol im Augenblick
Am Eisenstrick!

Der IngeniörWas heut sich regt mit hunderttausend Rädern,
In Lüften schwebt, in Grüften gräbt und stampft und dampft und glüht,
Was sich bewegt mit Riemen und mit Federn,
Und Lasten hebt, ohn‘ Rasten webt und locht und pocht und sprüht,
Was durch die Länder donnernd saust
Und durch die fernen Meere braust,
Das Alles schafft und noch viel mehr
Der Ingenieur!

Die Ingenieure sollen leben!
In ihnen kreist der wahre Geist der allerneusten Zeit!
Dem Fortschritt ist ihr Herz ergeben,
Dem Frieden ist hienieden ihre Kraft und Zeit geweiht!
Der Arbeit Segen fort und fort,
Ihn breitet aus von Ort zu Ort,
Von Land zu Land, von Meer zu Meer –
Der Ingenieur!

Disney

Bilder: It merely takes brains to outsmart these dumb critters!: 1954;
Dem Ingeniör ist nichts zu schwör: 1954; 1955/1958; 1964 Disney/Egmont Ehapa,
mit besonderem Dank an die Dr.-Erika-Fuchs-Stiftung im Erika-Fuchs-Haus, Museum für Comic und Sprachkunst, Schwarzenbach an der Saale, und D.O.N.A.L.D.; LinkedIn.

Disney

Soundtrack: Eddie Vedder: Guaranteed, aus: Into the Wild, 2007
(„I knew all the rules but the rules did not know me“):

Written by Wolf

9. März 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Realismus

Nur ein einziges Mal

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Update zu Und wenn es hundert schönere gibt:

Auch mir wurde im Kindergarten das Gedicht mit dem Refrain „Ach, wer das doch könnte“ beigebracht, ohne groß des Dichters Victor Blüthgen zu erwähnen. Ältere Druckfassungen haben dagegen „Ach, wer doch das könnte“ und vierhebige Verse statt der heute üblicheren, auf zwei Hebungen aufgeteilte. Ich zitiere deshalb nach H. G. Fiedler (Hrsg.): Das Oxforder Buch Deutscher Dichtung vom 12ten bis zum 20sten Jahrhundert (mit einem Geleitworte von Gerhart Hauptmann, Ehrendoktor der Universitäten Leipzig und Oxford), zweite und vemehrte Auflage, Oxford Universitäts-Verlag 1911:

Follow for Feet, 7. Oktober 2017

——— Victor Blüthgen:

Ach, wer doch das könnte!

ca. 1870, gesammelt in: Im Kinderparadiese — Kinder-Lieder und Reime, Perthes, Gotha 1905:

Gemäht sind die Felder, der Stoppelwind weht,
Hoch droben in Lüften mein Drache nun steht,
Die Rippen von Holze, der Leib von Papier ;
Zwei Ohren, ein Schwänzlein sind all seine Zier.
Und ich denk‘: so drauf liegen im sonnigen Strahl —
Ach, wer das doch könnte nur ein einziges Mal !

Da guckt‘ ich dem Storch in das Sommernest dort :
Guten Morgen, Frau Störchin, geht die Reise bald fort ?
Ich blickt‘ in die Häuser zum Schornstein hinein :
Papache, Mamachen, wie seid ihr so klein !
Tief unter mir säh‘ ich Fluß, Hügel und Tal —
Ach, wer das doch könnte nur ein einziges Mal !

Und droben, gehoben auf schwindelnder Bahn,
Da faßt‘ ich die Wolken, die segelnden, an ;
Ich ließ‘ mich besuchen von Schwalben und Krähn
Und könnte die Lerchen, die singenden, sehn ;
Die Englein belauscht‘ ich im himmlischen Saal —
Ach, wer das doch könnte nur ein einziges Mal !

An Vertonungen sind belegt:

  1. Franz Wilhelm Abt (1819–1885): Ach, wer doch das könnte!, op. 584 Nr. 5, aus: Neun Kinderlieder für 1 Stimme mit leichter Pianofortebegleitung, no. 5., ca. 1870;
  2. Wilhelm Reinhard Berger (1861–1911): Ach, wer das doch könnte, op. 30 (Acht Lieder und Gesänge für 1 Singstimme mit Pianoforte) Nr. 7, Raabe & Plothow, Berlin 1888;
  3. Paul Frommer: Ach, wer das doch könnte, aus: Fünf Lieder für 1 hohe Singstimme mit Pianofortebegleitung, Nr. 4, Schuberth & Co., Leipzig 1890;
  4. Othmar Schoeck (1886–1957): Kinderliedchen, WoO. 6, 1902,

keine davon als Video greifbar.

Carl Spitzweg, Drachensteigen, 1880--1885

BIlder: Follow for Feet: Only Once, 7. Oktober 2017;
Carl Spitzweg: Drachensteigen, Sonderformat 38 cm × 12 cm,
Öl auf Karton, 1880 bis 1885, Alte Nationalgalerie Berlin.

Drachensteigen: Puhdys: Geh zu ihr, aus: Die Legende von Paul und Paula, 1973:

Written by Wolf

13. Oktober 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Realismus

Trauervokal

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Update zu Die katholische Zeit hat solche Geschmacklosigkeiten nicht gekannt:

Effi aber, während sie die Tüte mitten auf die rasch zusammengeraffte Tischdecke legte, sagte: „Nun fassen wir alle vier an, jeder an einem Zipfel und singen was Trauriges.“

„Ja, das sagst Du wohl, Effi. Aber was sollen wir denn singen?“

„Irgend ‚was; es ist ganz gleich, es muß nur einen Reim auf ‚u‚ haben; ‚u‚ ist immer Trauervokal. Also singen wir:

Flut, Flut
Mach‘ alles wieder gut …“

und während Effi diese Litanei feierlich anstimmte, setzten sich alle vier auf den Steg hin in Bewegung, stiegen in das dort angekettelte Boot und ließen von diesem aus die mit einem Kiesel beschwerte Tüte langsam in den Teich niedergleiten.

Theodor Fontane († 20. September 1898): Effi Briest, Berlin W, F. Fontane & Co. 1896.

——— Robert Gernhardt:

Lektor Lincke an Theodor Fontane

aus: Schreiben, die bleiben. Höhepunkte abendländischer Briefkultur,
in: Wörtersee. IV: Spaßmacher und Ernstmacher, 1981:

Sehr geehrter Herr von Tame,
war das nicht Ihr werter Name?
Vor mir liegt Ihr Buchvorschlag,
welcher — doch der Reihe nach.
Erstens ist er nicht zu brauchen —
eine Frage: Darf ich rauchen,
während ich hier weitermache?
Dankeschön. Doch nun zur Sache:
Das Manuskript, das Sie geschickt,
war in der Mitte eingeknickt,
sowie in Worten abgefaßt,
was nicht zu unserm Hause paßt.
Auch störten mich die vielen Us
in Ihrem Satz „Ulf ging zu Fuß.“
Ach ja — und Ihre Fragezeichen,
die sollten Sie wohl alle streichen.
Sie wirken derart krumm und rund,
so schlangenhaft und ungesund,
daß ich mich dauernd frage: Was
bezweckt, bewirkt und soll denn das?
Sodann Ihr Stil! Schon wenn man liest,
daß Ihre Heldin Effi briest,
ist Ihre Ignoranz erwiesen:
Die deutsche Sprache kennt kein „briesen“.
Doch nun was andres: Unser Haus
bringt grade eine Reihe raus,
die sich „So brummt der Deutsche“ nennt —
ich bin ganz sicher, so was könnt‘
durchaus in Ihre Richtung passen.
Woll’n Sie sich mal was einfall’n lassen?

in Erwartung Ihrer geschätzten Antwort ver-
bleibe ich
Mit frohem Gruß
Ihr Lektor Lincke

PS     Ist es erlaubt, wenn ich was trinke?

Übrigens kennt die deutsche Sprache in der tat kein „briesen“, die deutsche Literaturgeschichte dafür ein Adelsgeschlecht derer von Briest, dem unter anderem die sehr produktive Schreiberin Caroline Philippine von Briest entstammte, geboren 1773 in Fontanes Mark Brandenburg und ab 1803 schon in zweiter Ehe Baronesse de la Motte Fouqué, nämlich verheiratet an Arno Schmidts großen Biographiegegenstand, den gerade seit 1802 geschiedenen Friedrich Heinrich Karl Baron de la Motte Fouqué, weil ihre erste Ehe mit Friedrich Ehrenreich Adolf Ludwig Rochus von Rochow allzu effi-briest-mäßig unglücklich verlaufen war, woraufhin sich der gescheiterte Ehemann — wegen „Spielschulden“ — kurz vor der Scheidung erschossen hatte.

Baronesse von Briest trug im weiteren Verlauf nicht solche gesellschaftlichen Schäden davon wie ihre fiktive Nachfahrin Effi — als welche sich Effi im achten Kapitel ausdrücklich bezeichnet —, sondern unterhielt, wie sich das für adlige Schreiberinnen dieser Epoche gehört, einen literarischen Salon in Berlin, um sich mit Größen wie Chamisso, Eichendorff, E.T.A. Hoffmann, August Wilhelm Schlegel und den Eheleuten Varnhagen von Ense (alphabetisch) zu umgeben.

Warum Effi Briest das nicht getan hat, um sich z. B. mit Theodor Fontane als Cameo-Figur in seinem eigenen Roman zu umgeben? — Das ist ein zu weites Feld.

Bild: Postmoderne Buchausgabe im Fischer Taschenbuch Verlag 2012, via Buchhexe.

Beste Filmfassung, Feel-Good-Movie: Jan „Neo Magazin Royale“ Böhmermann:
Letzte Stunde vor den Ferien: Effi Briest, 2017:

Soundtrack: Witt/Heppner: Die Flut, aus: bayreuth eins, 1998:

Written by Wolf

22. September 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Realismus, Vier letzte Dinge: Tod

DIY: Doing a Grillparzer

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——— John Irving:

In the City Where Marcus Aurelius Died

from: The World According to Garp, E. P. Dutton, Boston 1978:

In Vienna Jenny and Garp went on a spree of Grillparzer jokes. They began to uncover little signs of the dead Grillparzer all over the city. There was a Grillparzergasse, there was a Kaffeehaus des Grillparzers; and one day in a pastry shop they were amazed to find a sort of layer cake named after him: Grillparzertorte! It was much too sweet. Thus, when Garp cooked for his mother, he asked her if she wanted her egg soft-boiled or Grillparzered. And one day, at the Sch?nbrunn Zoo, they observed a particularly gangling antelope, its flanks spindly and beshitted; the antelope stood sadly in its narrow and foul winter quarters. Garp identified it: der Gnu des Grillparzers.

Of her own writing, Jenny one day remarked to Garp that she was guilty of „doing a Grillparzer.“ She explained that this meant she had introduced a scene or a character „like an alarm going off.“ The scene she had in mind was the scene in the movie house in Boston when the soldier had approached her. „At the movie,“ wrote Jenny Fields, „a soldier consumed with lust approached me.“

„That’s awful, Mom,“ Garp admitted. The phrase „consumed with lust“ was what Jenny meant by „doing a Grillparzer.“

„But that’s what it was,“ Jenny said. „It was lust, all right.“

„It’s better to say he was thick with lust,“ Garp suggested.

„Yuck,“ Jenny said. Another Grillparzer. It was the lust she didn’t care for, in general. They discussed lust, as best they could. Garp confessed his lust for Cushie Percy and rendered a suitably tame version of the consummation scene. Jenny did not like it. „And Helen?“ Jenny asked. „Do you feel that for Helen?“

Garp admitted he did.

„How terrible,“ Jenny said. She did not understand the feeling and did not see how Garp could ever associate it with pleasure, much less with affection.

„‚All that is body is as coursing waters,'“ Garp said lamely, quoting Marcus Aurelius; his mother just shook her head.

Ich mag nicht, wenn Bücher in einen Klarsichtumschlag aus Erdöl gewandet sind. Das sieht aus wie eingeschweißtes Gemüse und fühlt sich auch so an. Wie alle anderen Leute auch, miste ich seit mehreren Jahren meine Bücher aus: Tendenziell werden meine Regale leerer, nicht voller, und meine voraussichtlichen Erben feuern mich an dabei. Wer heute noch Bücher anschafft, die man weder auf einem Gerät mit Internetzugang speichern noch in einer Bibliothek zurückgeben kann, braucht einen von ganz wenigen Gründen: 1. Wärmedämmung, 2. ordentlich erschlossene Texte, 3. Haptik.

Betrachten wir Grund 3. Der Buchkörper geht meistens klar, es gibt Menschen, die finden das Anfassen von Papier geradezu erotisch. Mit dem Anfassen von Buchumschlägen, die man ja beim Gebrauch eines Buches durchgehend berührt, ist es so eine Sache: Wie erotisch ist die Berührung von Glanzpapier? Der verlagsweise unterschiedlichen Pappdeckel von Taschenbüchern? Vom Leinen der Buchdeckel der Hardcovers? Der Plastikfolie jener Verlage, die das Glanzpapier vermeiden? Erotik rechnet kaum nach unterscheidbaren Gruppen, viel eher nach Individuen.

Selbst die wissenschaftlich einwandfreien, kompromisslos hochwertig ausgestatteten und deshalb märchenhaft teuren Referenzausgaben des Deutschen Klassiker Verlags lassen sich nicht nehmen, ihre Leinenbindungen — nicht die Lederbindungen — zwischen Schutzumschlag und Schuber noch einmal durch Plastik zu schützen. Ist das nicht schaurig?

Ja, das ist es, und ich will nicht einmal entscheiden, ob es schauriger ist, beim Lesen mit den Fingerkuppen auf dem rohen Leinen ohne weiteren Schutz herumzuraspeln — siehe: Die Andere Bibliothek, mareverlag, die Prachtausgaben von Manesse pp. — oder auf einer Erdölhaut herumzujuckeln — siehe: im Premium-Segment die Hochglanzperiode in den 1980er Jahren bei Artemis & Winkler u.v.a., im Ökonomiesegmet alles aus jeder Stadtbücherei — wobei letztere wenigstens eine Ausrede hat.

Ausnahmsweise wusste ich mir zu helfen und freue mich inzwischen schon fast darüber, wenn ich an Büchern was zu tunen bekomme. Zum Beispiel bei meinem Grillparzer: Irgendwann 2016 für sieben Euro aus dem Münchner Oxfam aufgelesen — für alle drei Bände Dünndruck, leider eine Buchclub-Lizenz, dafür eine österreichische, was im Falle Grillparzer besonders passend erscheint, und schlimmer: in rosa Leinen gebunden und nochmal in einen Schutzumschlag aus jener schauderhaften Plastikfolie gewickelt. — Vorher:

Doing a Grillparzer, Bucheinbinden

Die Hilfe heißt: ein eigener Schutzumschlag aus dem Papier der eigenen Wahl. Meine Wahl waren alte Werbeanzeigen aus Zeitschriften der 1990er Jahre, die ich in meiner Zeit als Werbetexter zu Zwecken teils der Erheiterung, teils der Dokumentation gehortet habe. Hab ich’s doch vor zwanzig Jahren schon gewusst, dass die irgendwann zu etwas gut sein müssen: spätestens heute, wo sie als found paper durchgehen. Sollte jemand 1995 nicht so umsichtig gewesen sein wie ich, empfehle ich die Saison-Prospekte der Konen Bekleidungshaus KG, die zweimal jährlich führenden süddeutschen Zeitungen beiliegen: Die machen mehrere Seiten Großformat auf sehr streichelfreundlichem, seidigem Papier mit Motiven sehr ansehnlicher Fotomodelle in eindeutigen, warmen Farben. Besser als mancher Buchumschlag.

Doing a Grillparzer, Bucheinbinden

Der haptisch empfindsame Bücherfreund entkleidet also entweder das Buch seines hässlichen, quietschenden, knitternden Klarsichtumschlags, oder falls es von vornherein keinen solchen hat, stellt er selbst einen Dummy für einen Buchumschlag her. Dazu reicht jedes Blatt Papier, auf dessen Beschaffenheit es nicht so ankommt, Hauptsache es ist etwas breiter als die gesamte Flügelspannweite des einzukleidenden Buches, also beide Buchdeckel plus Buchrücken plus weitere fünf bis zehn Zentimeter für die zwei Klappen vorn und hinten, und wenige Zentimeter höher. Meistens reicht Kopierpapier DIN A4, weil Bücher überraschend klein sind, wenn man sie mal in die Werkstatt nimmt, und wenn nicht, Zeitungspapier.

Der Trick ist nämlich, nicht einen Umschlag für das Buch herzustellen, sondern eigentlich für dessen Buchumschlag. Das klingt zuerst seltsam, bewahrt aber das Buch vor Schäden durch Leim oder Tesafilm. Ich nehme Tesafilm, der kleckert nicht so und tut’s vollauf. Um den Buchumschlag ist es nicht ganz so schade, denn genau den wollen wir ja verbessern.

Doing a Grillparzer, Bucheinbinden

Den Umschlag-Dummy, entkleidet oder selbst zurechtgeschnitten, auf der Arbeitsfläche über dem neuen Umschlag mittig ausbreiten. Dabei aufpassen, welche Seite nach außen und nach oben kommt, es geht um Schönheit. An den Stellen, wo die Gelenke zwischen Buchdeckel und Buchrücken hinkommen, mit der Schere bis zum Umschlagrand einschneiden. Die schmalen Lappen über dem Buchrücken über dem Dummy einschlagen und locker mit Tesafilm fixieren, an diesen Stellen muss es nicht bombenfest halten. Letzter Check: Stimmt das Motiv, das künftig um das Buch herum sichtbar wird? Wenn nicht, alles nochmal von vorn.

Den Umschlag-Dummy mit dem Umschlag versehen, das geht so ähnlich wie früher das schuljährliche Einbinden der lehrmittelfreien Bücher. Zwischendurch immer wieder den Umschlag am Buch anpassen und versuchen, ob es sich noch gewaltfrei öffnet und schließt: Man neigt immer dazu, das Papier stramm zu ziehen, dann sitzt der Umschlag zu knapp.

Möglichst nur am Umschlag selbst kleben, nicht am Buch, das ist handwerklich sauberer. Und möglichst nur in einer Lage arbeiten, ab der zweiten bilden sich Wülste aus überschüssigem Papier und Tesafilm. Vor allem wenn Sie mehrere Bände verschönern, die zusammen in einen Schuber passen sollen, zählt jeder Millimeter Breite. Leider weiß ich gut, wovon ich rede.

Außerdem empfehle ich dringend, die Buchrücken wenigstens rudimentär zu beschriften, sonst suchen Sie sich ab der zweiten, dritten Eigenkreation in Ihrem eigenen, organisch gewachsenen Bücherregal blöd. Dünner schwarzer Edding in unauffälliger Kalligraphie, gegen das gröbste Verwischen noch ein Streifchen Tesafilm drüber, dann klappt das auch mit der hauseigenen Bibliographie.

Doing a Grillparzer, Bucheinbinden

Soviel muss klar sein: Das muss man wollen. Ein Buch, an dem Sie sich optisch so wesentlich vergriffen haben, nimmt Ihnen fortan weder der Oxfam noch der Music and Books noch die Ramschtante von der Stadtbücherei noch ab, auf dem Amazon.de-Marketplace ist nicht einmal mehr der Zustand „Akzeptabel“ (lies: „Scheiße“) für 1 Cent zu vermitteln, in der „Zu verschenken!!!“-Kiste finden Sie am nächsten Tag eine leere Bierflasche daneben (Materialwert: immerhin 8 Cent), und Ihre voraussichtlichen Erben husten Ihnen was. Das found paper muss allein Ihnen — oder jemand zu Beschenkendem — gefallen, sonst lassen Sie’s lieber. Wirklich. Wenn Sie Gegenstände wertsteigern wollen, kaufen Sie Immobilien, alles andere verfällt beim Zuschauen, und vor allem Bücher, die einmal die Druckerei verlassen haben, sind Privatvergnügen.

Was jetzt ich mit meinem tollen dreibändigen Dünndruck-Grillparzer im 90er-Werbegewande will? — Nix, siehe oben den Abschnitt von John Irving. Aber sieht er nicht schnulli aus? — Nachher:

Doing a Grillparzer, Bucheinbinden

BuchBinderBilder: Extreme Grillparzering. 19. März 2017;
Soundtrack zum Tag der Arbeit: Hanns Eisler, Opus 28, 1930; Text: Erich Weinert, 1927:
Der heimliche Aufmarsch, gesungen von Ernst Busch mit Ernst-Busch-Chor,
o. J., jedenfalls nach Eisslers Neuvertonung 1938. In Musik, Text und Aufführung das Paradebeispiel für ein Arbeiterkampflied; die Wölfin nennt es Männerschimpflied:

Written by Wolf

1. Mai 2017 at 06:00

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Realismus