Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for the ‘Impressionismus’ Category

Nachtstück 0003: Polizistenschatten im Laternenschein

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Update zu Dann, Engel, blas Posaune und Nachtstück 0002:

Mein Vater war Eisenbahner. Für junge Menschen hat ein Vater bei der Bahn den Vorteil, dass er viel in Deutschland herumkommt, je nachdem, wohin er seine acht Zeilen Freifahrschein ausfüllt; innerhalb Europas geht’s auch, aber die sind nicht so spontan, weil sie beantragt werden müssen. Mein Vater und ich haben im Laufe meiner frühen Jahre mehr als einmal an einem Samstagnachmittag beschlossen, ein Frühstück aus grünem Aal nach Nürnberg zu holen, schrieben „Ottensoos–Hamburg/Altona“ in die nächste Zeile, sprangen in den Hamburger Nachtzug, kamen zu nachtschlafender Zeit zum Fischmarkt zurecht, kauften einige Tüten voll Aale, so frisch, dass sie noch gelebt hatten, während wir die Bahnhofslichter von Hildesheim bewunderten, frühstückten in den Markthallen gegenüber Blohm & Voss Labskaus und Pils, um im Zug besser zu schlafen, vergaßen auch nicht das landwirtschaftliche Kleinvieh nebenan zu besuchen, um doch wieder kein exotisches Huhn zu kaufen, schrieben in die nächste Zeile „Hamburg/Altona–Osterhofen“, damit wir nächstes Mal ins Gebirge konnten, stiegen in Altona ein, um am Hauptbahnhof schon unseren Platz zu haben, stanken das Abteil mit Fisch voll, versorgten die Nachbarn mit Aal, weil das Zeug schnell weg muss, und rechtfertigten uns mit Zeitgründen, warum wir „auf“ Sankt Pauli nicht im Puff gewesen waren. Dann war früher Sonntagnachmittag. Das nur nebenbei.

Einmal kamen wir erst nach der Sportschau auf die Idee, Aal einzukaufen, was zu knapp für Hamburg war, trugen „Ottensoos–Köln Hbf“ ein und besichtigten am Abend die soeben entstandenen Hochwasserschäden entlang des gastronomisch orientierten Rheinufers. In der Altstadt, wo wir uns nicht auskannten, sah es aus wie in der von Nürnberg, nur mit mehr Sandsäcken vor Kellerfenstern, die Türen waren schon wieder benutzbar. Wir benutzten die von einer nicht zu großen Kneipe namens Papa Joe’s. Em Streckstrump, weil wir Wirtshäuser mieden, die ihre Preise nicht draußen anschreiben.

Innen lernten wir, dass der Kölner an sich nichts von fremden Menschen weiß, sondern unterschiedslos mit ihnen zu reden anfängt, weil man mit Leuten eben redet, und weil das natürliches menschliches Verhalten ist, vor allem in Kneipen. Und dass sie hier allgemein ihren Ehrgeiz darein setzen, „ein Mensch zu bleiben“, und nicht ohne ein gemütliches bis nachsichtiges Wohlwollen betonen, dass jemand „auch nur ein Mensch“ sei. Und dass der Kerl, der sich mit einem runden Gestell voller zahnputzglasgroßer Biere über dem Kopf durch das Kneipengetümmel schlängelt, Köbes heißt. Und dass man Dixieland in Köln außerhalb von Sonntagsfrühschoppen spielt, aber vielleicht war die Kapelle auch nur ein paar Stunden zu früh da.

Während mein Vater von Einheimischen dazu verdonnert wurde, seinen Samstgagabend mit Erzählungen von vergangenen und bevorstehenden Bahnreisen zu verbringen und dazu, an 0,5 Liter große Gläser gewöhnt, dem Köbes einen Zahnputzbecher Kölsch nach dem anderen abkaufte, war für mich das Faszinierendste die Tapete des Lokals: Sie bestand von unten bis unter die hohe Decke aus alten Zeitungsseiten, weil sie so in Rheinufernähe zuverlässig jährlich erneuert werden musste. Undenkbar für bodenständige Menschen aus Binnenfranken, einen Wohnsitz noch zu halten, nachdem er das zweite und dritte Mal überschwemmt worden war, aber et kütt wie et kütt, woll?

Unser zuständiger Köbes mochte mich offenbar, denn er stellte mir jedes Mal, wenn eine neue Runde fällig war, diskret auch so ein Kölsch ab und kassierte es vom Rundenspender mit. Das funktionierte, weil alle Beteiligten damit glücklich waren.

Meinem Vater sagte wenig zu, dass sie im ganzen Rheinland Rosinen in den Sauerbraten schütteten, aber in dem Gedrängel an den Stehtischen hätten wir sowieso nichts „Richtiges“ — ein Ausdruck „unserer“ daheimgebliebenen Mutter — essen können. Auf das Anraten mehrerer Einheimischer, der Halve Hahn sei hier sehr ordentlich, bestellten wir zwei davon. Wir verzehrten sie, während wir einigen Schnurrbartträgern dabei zuschauten, wie sie sich beim Versuch, das Wort „Käsweggla“, was Käsebrötchen oder Halver Hahn bedeutet, korrekt auszusprechen, fast das Gesicht brachen.

Die Kapelle schickte fast so regelmäßig wie den Köbes ein Instrument, das gerade nichts zu tun hatte, mit einem Filzhut durch die Menge und rief eine Kollekte für hochwassergeschädigte Musiker aus. Dann spielte sie eine besonders anrührende, stillvergnügte Version von When You’re Smiling, und ich fand im Gewirr der meterhohen, meterbreiten Zeitungsseiten ein Gedicht. Es stand in einer Ecke, die zu den folkloristisch unverzichtbaren Hochwassern offenbar lange trocken blieb, denn das Blatt sah schwer vergilbt und im Design nach Goldenen Zwanzigern aus, als Herrschaften wie Tünnes und Schäl leibhaftig umherliefen, mit Jugenstilschriftarten und im- oder expressionistischen — das kann ich bis heute nicht unterscheiden — Ornamenten, etwa wie die frühe Reklame für Roth-Händle. Ein gutes Eck, um im Gewimmel ungestört zu verweilen, ein nur halb ergaunertes Kölsch zu verkasematuckeln, wie der Kölner sagt, Dixieland zu hören und ein schlagend kurzes, herrlich sinnloses Gedicht an der Wand auswendig zu lernen.

Nachtstück

Klingt wie Hellebarde
Auf dem Pflasterstein.
Polizistenschatten
im Laternenschein.

Bruder Kain noch immer
Flieht vor dem Gericht.
In das Dunkel bergen
Diebe ihr Gesicht.

Mein Vater konnte das bundesdeutsche Kursbuch, Gesamtausgabe, praktisch auswendig, auch in hohen Promillebereichen, so einer war das nämlich, ein Bahnerer mit Leib und Seele. Daher ist es nur mit Vorsatz zu erklären, dass wir den letzten Zug Köln–Nürnberg verpassten und bis zum ersten ausharren mussten.

Hoch über dem Bahnhof thronte der Dom leider zugesperrt, die Domplatte war trotzdem beeindruckend weitläufig und belebt. In einer so weltoffenen Stadt schien es uns dennoch statthaft, gegen die Wand des Kölner Doms zu pinkeln; mein Vater war evangelisch. „Et hätt noch immer jot jejange“, hatte er sich gemerkt.

Die majestätischen Fluten des Rheins begannen schon in einer Morgendämmerung zu glitzern, es wurde also Zeit, mein neu gelerntes Gedicht aufzusagen. Es dauerte einschließlich der Denkpausen angesichts der ungefrühstückten Stunde so lange, wie man pinkeln muss.

„Du lernst ein Zeug“, sagte mein Vater und schüttelte ab.

Papa Joe's Jazzlokal Em Streckstrump Köln. Deutschlands ältestes Jazzlokal mit täglichem Live-Jazz

Bild: Papa Joe, Köln.

Written by Wolf

11. Januar 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Impressionismus, Nahrung & Völlerei

was übrig blieb von grünem leben

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——— Stefan George: Nach der Lese
aus: Das Jahr der Seele,
Im Verlage der Blätter für die Kunst, Berlin 1897:

Komm in den totgesagten park und schau:
Der schimmer ferner lächelnder gestade
Der reinen wolken unverhofftes blau
Erhellt die weiher und die bunten pfade

Haupteingang Leopoldpark

Dort nimm das tiefe gelb das weiche grau
Von birken und von buchs · der wind ist lau
Die späten rosen welkten noch nicht ganz
Erlese küsse sie und flicht den kranz

Verwitterter Eingang Leopoldpark

Vergiss auch diese letzen astern nicht
Den purpur um die ranken wilder reben
Und auch was übrig blieb von grünem leben
Verwinde leicht im herbstlichen gesicht.

Nebeneingang Leopoldpark

Ihr rufe junger jahre die befahlen
Nach IHR zu suchen unter diesen zweigen
Ich muss vor euch die stirn verneinend neigen
Denn meine liebe schläft im land der strahlen

Die Bilder sind die drei Eingänge an der Friedrichstraße zum Leopoldpark (2,8 Hektar).

Written by Wolf

28. November 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Impressionismus, Land & See

Wer kennt sich aus bei uns zu Haus?

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Wer ist das? — : Weiblich, aus München; hat jeder schon mal gesehen, aber vergessen, wo; sieht eigentlich ganz gut aus; ist trotzdem nicht Zehra Spindler?

Der Beweis: Zehra Spindler wurde gar nicht von Ludwig Schwanthaler gestaltet. Also. Sonst steht aber nur der Firmenname der Erzgießerei drauf, wenn wir mal unterstellen, dass die Dame nicht Ferdinand Mosler heißt.

Sonstige Vorschläge?

Statue im Hofgarten

Statue im Hofgarten

Statue im Hofgarten von hinten

Buidln: selbergemacht, 5. Juni 2013.

Written by Wolf

6. Juni 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Impressionismus, Land & See