Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for the ‘Impressionismus’ Category

Wie Champagnerschaum das wilde Gelächter (deine Erdbeer- und Himbeerdüfte)

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Update zu Und wenn es hundert schönere gibt,
O süßes Lied und
La feuille s’émeut comme l’aile dans les noirs taillis frémissants:

Die Leute wollen neben der Politik und dem Aktuellen etwas haben, was sie ihrer Freundin schenken können. Sie glauben gar nicht, wie das fehlt.

(Riesenschnörkel) Ernst Rowohlt, in: Kurt Tucholsky: Schloss Gripsholm, 1931.

Sehr richtig, Herr Verleger: Die Leute sollten sich gegenseitig viel mehr Gedichte schenken. Daher kommt heute der literaturwissenschaftliche Teil erst hinterher.

Rimbaud schrieb Les réparties de Nina im Alter von 15 Jahren als 9. Gedicht in seinem 1. Cahier de Douai, die erste Veröffentlichung war in Le Reliquaire 1891. Zitiert wird nach: Arthur Rimbaud: Sämtliche Werke. Französisch und deutsch, übertragen von Sigmar Löffler und Dieter Tauchmann. Mit Erläuterungen zum Werk und einer Chronologie zum Leben Arthur Rimbauds, neu durchgesehen von Thomas Keck, Insel-Verlag Anton Kippenberg, Leipzig 1976, Seite 52 bis 61:

——— Arthur Rimbaud:

Ninas Antwort

15. August 1870:

Er:

Deine Hüfte an meiner Hüfte,
     Na, gehen wir mal,
Die Nasenlöcher voller Düfte,
     Beim frischen Strahl

Der blauen Früh, da uns umflutet
     Tagwein ringsum? …
Dann, wenn der Wald erschauernd blutet,
     Vor Liebe stumm,

Aus jedem Ast als grüne Tropfen
     Den Knospenschwarm!
Man fühlt’s aus allen Poren klopfen
     Wie Fleisch so warm:

Den Morgenrock in der Luzerne
     Gehst du dahin,
Daß rosig sich die Augensterne,
     Statt blau, umziehn.

Verliebt ins grüne Gefilde,
     Säst rundhinaus
Du wie Champagnerschaum das wilde
     Gelächter aus:

Lachst über mich, den ganz Bezechten,
     Der roh dich zwingt,
So, siehst du wohl! – die schönen Flechten,
     Oh! – mich, der trinkt

Deine Erdbeer- und Himbeerdüfte,
     O welch Genuß!
Lachst über die diebischen Lüfte
     Und ihren Kuß,

Über die liebe Heckenrose,
     Die Ärger gibt,
Lachst meistens über ihn, du Lose,
     Der dich so liebt! …

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Oh, siebzehn Jahr! Das wird ein Leben!
     Vom Wiesenkranz,
Vom liebestrunknen Land umgeben!
     – Komm! näher! ganz! …

Deine Hüfte an meiner Hüfte,
     Im Zwiegesang
Erreichen wir langsam die Klüfte
     Am Waldeshang! …

Dann, grad als ob du stürbst, du Tolle,
     Vor Herzenspein,
Sagst du, daß ich dich tragen solle,
     Und blinzelst fein …

Ich trag dich – wie dein Herz klopft, Schöne! –
     Auf schmalem Steig;
Der Vogel spinnt Andantetöne:
     Im Haselzweig

Ich sprech in deine Lippen leise
     Ich drück dich gut
Und wieg dich Kind nach Ammenweise,
     Berauscht vom Blut,

Das färbt die weiße Haut der Glieder
     Mit Rosenton,
Und spreche dann ganz freiweg wieder …
     Na, – du weißt schon …

Die Wälder sind vom Safte trunken;
     Der Sonnenschein
Streut in den Purpurtraum wie Funken
     Sein Gold hinein.

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Abends? … Nach Haus die weißen Wege,
     Die schlängelnd gehen
Wie Weisetiere, die sich träge
     Im Kreise drehn.

Die Apfelbäume, Zeil an Zeile,
     Im blauen Gras,
Man riecht sie über eine Meile,
     Wie gut ist das!

Zurück ins Dorf, wo schon die Gasse
     Einschläft; der Duft
Von frischer Milch durchzieht die blasse
     Nächtliche Luft.

Es riecht nach dampfend warmen Haufen
     Des Mists im Stall,
Durch welchen zieht das lange Schnaufen
     Der Leiber all,

Die bleichen im Laternenscheine;
     Und voller Ruh
Bedreckt sich stolz die Hinterbeine
     Die letzte Kuh …

– Großmutters Nase, die andächtig
     Die Brillenlast
Ins Meßbuch tunkt; der Bierkrug, prächtig
     In Blei gefaßt,

Der schäumt, dieweil die Pfeifen rauchen,
     Wenn schmatzend sie
Gräßliche Hängelippen schmauchen,
     Die dennoch nie

Aufhören, Schinken zu verschlingen,
     Mehr! immerzu!
Das Feuer, dessen Lichter springen
     Um Licht und Truh,

Das blanke Hinterteil des Knaben,
     Der rosigrund
Kniet, ’s weiße Mäulchen tief vergraben
     Im Tassengrund,

Indes sich knurrend, stupsend eine
     Schnauze aufreckt
Und liebevoll das dicke, kleine
     Gesicht ableckt …

Die starre Alte auf dem Stuhle,
     Die finster sinnt,
Schwarz vor der Glut, und auf die Spule
     Den Faden spinnt;

Was man alles in solchen Katen
     Zu sehen kriegt,
Wenn auf den grauen Steinquadraten
     Der Herdschein liegt! …

– Dann klein und duftend unsre Bleibe
     In frischer Nacht
Des Flieders: die verhängte Scheibe,
     Die drunter lacht …

Du kommst, du kommst, nicht wahr, wir wandern?
     Ich freu mich so!
Du kommst, mein Lieb? Und was die andern …

Sie:

Und mein Büro?

——— Arthur Rimbaud:

Les réparties de Nina

15 août 1870:

Lui.

Ta poitrine sur ma poitrine,
     Hein ? nous irions,
Ayant de l’air plein la narine,
     Aux frais rayons

Du bon matin bleu, qui vous baigne
     Du vin de jour ?…
Quand tout le bois frissonnant saigne
     Muet d’amour

De chaque branche, gouttes vertes,
     Des bourgeons clairs,
On sent dans les choses ouvertes
     Frémir des chairs :

Tu plongerais dans la luzerne
     Ton blanc peignoir,
Rosant à l’air ce bleu qui cerne
     Ton grand oeil noir,

Amoureuse de la campagne,
     Semant partout,
Comme une mousse de champagne,
     Ton rire fou :

Riant à moi, brutal d’ivresse,
     Qui te prendrais
Comme cela, – la belle tresse,
     Oh ! – qui boirais

Ton goût de framboise et de fraise,
     O chair de fleur !
Riant au vent vif qui te baise
     Comme un voleur,

Au rose églantier qui t’embête
     Aimablement:
Riant surtout, ô folle tête,
     A ton amant !….

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

– Ta poitrine sur ma poitrine,
     Mêlant nos voix
Lents, nous gagnerions la ravine,
     Puis les grands bois !…

Puis, comme une petite morte,
     Le cœur pâmé,
Tu me dirais que je te porte,
     L’œil mi fermé…

Je te porterais, palpitante,
     Dans le sentier :
L’oiseau filerait son andante :
     Au Noisetier

Je te parlerais dans ta bouche:
     J’irais, pressant
Ton corps, comme une enfant qu’on couche,
     Ivre du sang

Qui coule, bleu, sous ta peau blanche
     Aux tons rosés:
Et te parlant la langue franche…
     Tiens !… – que tu sais…

Nos grands bois sentiraient la sève
     Et le soleil
Sablerait d’or fin leur grand rêve
     Vert et vermeil.

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Le soir ?… Nous reprendrons la route
     Blanche qui court
Flânant, comme un troupeau qui broute,
     Tout à l’entour

Les bons vergers à l’herbe bleue
     Aux pommiers tors !
Comme on les sent tout une lieue
     Leurs parfums forts !

Nous regagnerons le village
     Au ciel mi-noir ;
Et ça sentira le laitage
     Dans l’air du soir ;

Ça sentira l’étable, pleine
     De fumiers chauds,
Pleine d’un lent rhythme d’haleine,
     Et de grands dos

Blanchissant sous quelque lumière ;
     Et, tout là-bas,
Une vache fientera, fière,
     À chaque pas…

– Les lunettes de la grand’mère
     Et son nez long
Dans son missel : le pot de bière
     – Cerclé de plomb,

Moussant entre les larges pipes
     Qui, crânement,
Fument: les effroyables lippes
     Qui, tout fumant,

Happent le jambon aux fourchettes
     Tant, tant et plus :
Le feu qui claire les couchettes
     Et les bahuts.

Les fesses luisantes et grasses
     D’un gros enfant
Qui fourre, à genoux, dans les tasses,
     Son museau blanc

Frôlé par un mufle qui gronde
     D’un ton gentil,
Et pourlèche la face ronde
     Du cher petit…..

Que de choses verrons-nous, chère,
     Dans ces taudis,
Quand la flamme illumine, claire
     Les carreaux gris !…

– Puis, petite et toute nichée
     Dans les lilas
Noirs et frais : la vitre cachée,
     Qui rit là-bas….

Tu viendras, tu viendras, je t’aime !
     Ce sera beau.
Tu viendras, n’est-ce pas, et même…

Elle.

Et mon bureau ?

Rimbaud suites, 13. Oktober 2018

Die gedachte Landschaft in Rimbauds, des Ardennensohns, Gedicht dürfen wir uns um Chuffilly-Roche (Stand 2018: 73 Seelen) bei Charleville-Mézières vorstellen: um das Nachfolgeanwesen von Rimbauds Mutter herum — das übrigens 2017 von Patti Smith erworben wurde: als waldiges Mittelgebirge ohne Extreme, aber mit viel Idylle:

Auf Rimbauds Manuskript hieß das Gedicht noch Ce qui retient Nina, das ist: Was Nina zurückhält. Die Insel-Ausgabe von Sigmar Löffler und Dieter Tauchmann 1976 lehrt dazu, Seite 416 f.:

Rimbaud suites, 13. Oktober 2018Aufschlußreich ist das Gedicht in vielerlei Hinsicht: Obwohl das Thema, die Einladung eines Mädchens zum Spaziergang, in der zeitgenössischen Dichtung oft strapaziert war, ist doch die realistische Beschreibung, besonders des Bauernhauses in den Ardennen, poetisch außerordentlich gelungen. Am bedeutsamsten jedoch sind die hier gebrauchten Effekte, das Bemühen nämlich, neue kühne Wortschöpfungen zu finden, wenn z. B. das Gras unter dem Schatten der Bäume blau erscheint. Damit leitet sich eine Entwicklung ein, die im ‚Bateau ivre‚ und in der poetischen Prosa der ‚Illuminations‚ gipfelt.

Und noch etwas ist in diesem Stück bedeutsam! Die am Schluß frappierende Antwort des Mädchens: ‚Et mon bureau?‘ Die herbe Desillusionierung eines schwärmerischen poetischen Aufschwungs des lyrischen Ich durch das profane Nützlichkeitsdenken eines weiblichen Gegenübers erinnert an ähnliche Effekte in Texten Baudelaires (z. B. ‚La Soupe et les nuages‘ aus den ‚Petits Poèmes en Prose‚). In Rimbauds poetischer Terminologie ist ‚Bureau‘ ein symbolkräftiger Schlüsselbegriff für geistige Stupidität. In ‚À la musique‘ charakterisiert er die Bourgeois als ‚gros bureaux bouffis‘, in ‚Les Assis‘ spricht er von ‚fiers bureaux‘.

Images: Rimbaud expliqué, 5. Juni 2021;
Rimbaud suites, 13. Oktober 2018.

Bande sonore: Adaption musicale par Richard Ankri, 2019:

Bonus Track: das vollständige Lied von oben:
Patti Smith: Dancing Barefoot, aus: Wave, 1979:

Written by Wolf

20. August 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Impressionismus, Land & See

Morgenstern über Greifswald (und keiner schaut hin)

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Update zu O selige Epoche,
Flintenwerfen und
Der deutsche Sonderweg zur Hochkomik 1–10:

Es hätte ein so schönes Leben sein können: Da wird einer pünktlich erst nach dem einen Krieg geboren und stirbt pünktlich vor dem anderen — da kämpft er den größten Teil seiner Erdenzeit gegen eine lebenseinschränkende bis -bedrohliche Tuberkulose; da schafft er in seiner schönsten Phase mit seinen besten Kumpanen den zeitlosen Klassiker der Galgenlieder — und muss sich in der Folge lebelang ärgern, auf seine Studentenscherze reduziert zu werden. Irgendwas ist immer.

Leicht gemacht hat er sich’s, was vor diesem Hintergrund niemanden wundern muss, mit seinem „bürgerlichen Drama“ Ecce Civis. Verständlich, aber schade, dass dieses kurze, aber im Live-Betrieb beliebig zu erweiternde Stück so obskur ist und offenbar erst entschieden posthum um 1976 uraufgeführt wurde: Gerade Stellen wie „Das gesamte Tischgerät entwickelt eine lustige Musik“ (erster Akt), „Unter mannigfachen mehr oder minder hörbaren und wichtigen Gesprächen der zu den verschiedenen Requisiten gehörigen Personen vergeht die vorgeschriebene Zeit, bis der Vorhang wiederum fallen kann“ (zweiter Akt) und „Dazwischen spielt sich eine Art von Szene ab“ (dritter Akt) bieten den Darstellenden unschlagbare Möglichkeiten zum Herumbrillieren. Von der Maskenbildnerei ganz zu schweigen.

——— Lyrikzeitung:

Literarisches Greifswald (1)

in: Lyrikzeitung & Poetry News, 15. November 2015:

Wanderer, kommst du nach Spa-, nach Greifswald.

Greifswald liegt am Rand, aber es hat doch dies und das, sogar Literarisches. Vielleicht mache ich eine Folge. Ich beginne mit Christian Morgenstern. Mir sind keine Aufenthalte M.s in Greifswald bekannt. Geboren in München, gestorben in Meran, verbrachte das halbe Leben in Sanatorien, etwa in Birkenwerder. Wenn er an die See fuhr, so war es Helgoland, Sylt oder Föhr, oder gleich Norwegen.

Trotzdem steht sein Name an einer Hauswand in Greifswald:

Kapaunenstraße Greifswald, Lyrikzeitung & Poetry News, Literarisches Greifswald 1, 15. November 2015
„In diesem Hause fand die
Erstaufführung von
Chr. Morgensterns Ecce Civis
unter der Leitung I.Sulks statt.“

Die Tafel wurde wahrscheinlich in den siebziger Jahren angebracht. Tatsächlich hing sie nicht an diesem Haus, das ein Neubau aus den End-80ern oder Früh-90ern ist. An dieser Stelle standen 2 Häuser, in einem ein Milchladen und im andern ein Zeitschriftenladen. Sie fielen der Tabula-Rasa-Abrißsanierung in den letzten DDR-Jahren zum Opfer. Die Tafel war dann längere Zeit verschwunden, erst vor Monaten fiel sie mir wieder auf. Sie hing damals nicht in der Kapaunenstraße, sondern vorn in der Langen Straße, die damals „Straße der Freundschaft“ hieß, vom Volksmund auf F-Straße verkürzt. Auch will mir die Erinnerung einreden, daß früher das Datum der Uraufführung auf der Tafel stand, irgendein Jahr in den 70ern, vielleicht 1976? Aber ich habe keine Fotos, einziges Indiz der gute Erhaltungszustand der also wohl neuen Tafel.

In einer DDR-Zeitschrift, „Das Magazin„, stand damals ein Artikel über die Tafel. Ich weiß nur noch, der Verfasser hielt das für einen Scherz, einen Ulk, er meinte, I. Sulk müsse „Is Ulk“ gelesen werden. Aber das stimmt nicht, der Herr Sulk war ein dort lebender Greifswalder.

Demnach hatte der Autor nicht recherchiert, sondern nur auf der Durchreise das Schild fotografiert und den Rest zusammenspekuliert. Es gibt gute Gründe, einen Ulk zu vermuten. Ein Blick auf das Personenverzeichnis des Kurzdramas zeigt das:

Personenverzichnis Ecce Civis, Christian Morgenstern. Ausgewählte Werke, Seite 455, Lyrikzeitung & Poetry News, Literarisches Greifswald 1, 15. November 2015

Ein hübsches Junggesellenzimmer mag auch der Ort der Erstaufführung gewesen sein. Aber wieso Ulk? Ich sehe es vor mir. Erste Zigarre: läßt Ringel zur Decke steigen. Mehrere Teller: klappern. Gabeln: klirren. Eine Zigarette: fängt an zu brennen. Der erste Akt endet so: „DAS GESAMTE TISCHGERÄT entwickelt eine lustige Musik, durch welche hindurch man hie und da einige Namen von Speisen und Personen sowie allerlei auf diesen und jenen Lebensausschnitt bezügliches vernimmt. Nach einer Weile fällt der Vorhang.“ Lange vor der bruitistischen Musik der Futuristen und dem bruitistischen Krippenspiel des Hugo Ball hat Christian Morgenstern die Chose erfunden. Und erstaufgeführt wurde es in Greifswald, Straße der Freundschaft.

Greifswald, Lyrikzeitung & Poetry News, Literarisches Greifswald 1, 15. November 2015
Das jetzige Haus von vorn

Soweit die Informationen — oder vielmehr der Mangel daran — über Morgensterns Spuren in Greifswald. Ausführlicher wird seine literarische Nachwirkung vom vermutlich selben, nur diesmal namentlich ausgewiesenen Autor Dr. phil. Michael Gratz unter Morgenstern in der DDR — der an dieser Stelle warm zur Kenntnisnahme über persönlich nähergebrachte deutsch-deutsche Literaturgeschichte und Grenzverkehr empfohlen sei! — fürs L&Poe Journal 1 (2021), die Ausgabe zu Morgensterns 150. Geburtstag am 6. Mai beschrieben. Ein prominenter Greifswalder Bürger namens I. Sulk, dessen Name möglicherweise nur „Ulk is“, kann auch dort nicht nachgewiesen werden. An unserer Stelle erscheint so oder so der Volltext des Dramas sinnvoller:

——— Christian Morgenstern:

ECCE CIVIS

Ein bürgerliches Drama

um 1898, in: Klaus Schuhmann: Christian Morgenstern. Ausgewählte Werke,
Insel, Leipzig 1975, Seite 455–457,
cit. nach L&Poe Journal 1 (2021), 15. Februar 2021:

HANDELNDE

Eine Kiste Zigarren
Eine Schachtel Zigaretten
Ein mit zwei Kuverts gedeckter Esstisch
Eine grosse gedeckte Gesellschaftstafel
Ein Tablett mit Kaffeegeschirr
Ein Tablett mit Wein
Ein Tablett mit Bier

Parfümflaschen, Tüten mit Konfekt, Löffel, Messer, Gabeln, Kohlenschaufeln, Schmapsservice, große und kleine Brotkörbe, Ausguß, Wasserhähne, Putzlappen, Korkzieher, Zuckerdose usw. usw. nach Bedarf und Belieben.
Dazugehörige Personen.

Erster Akt

Ein hübsches Junggesellenzimmer.

Erste Zigarre läßt Ringel zur Decke steigen. Der dazugehörige Herr sagt etwa: Wo nur die Fanny heut so lang bleibt! Läßt sich vom Zimmer zu schaffen machen.

Mehrere Teller klappern.

Gabln klirren.

Eine Tüte mit Datteln

wird irgendwo versteckt.

Eine Flasche Sekt knallt. Der dazugehörige Diener sagt etwa: Bleibt heut das Fräulein aber lang!

     Nach einer Weile klopft es, und die Erwartete kommt.

Eine Zigarette fängt an zu brennen. Der dazugehörige weibliche Mund sagt etwa: Du hast wohl heut etwas warten müssen, Fredi.

Die Zigarre: Du machst dir eben nichts aus mir.

Die Zigarette: Ach geh, was du dir auch immer einbildst; Komm, eß mer. Man setzt sich zu Tisch.

Das gesamte Tischgerät entwickelt eine lustige Musik, durch welche hindurch man hie und da einige Namen von Speisen und Personen sowie allerlei auf diesen und jenen Lebensausschnitt Bezügliches vernimmt. Nach einer Weile fällt der Vorhang.

Zweiter Akt

Ein Salon.

Eine Menge Zigarren und Zigaretten mit dazugehörigen Personen beiderlei Geschlechts kommt aus dem im Hintergrund durch eine breite Flügeltür sichtbaren Speisesaal, nicht jedoch ohne des öftern dahin zurückzukehren, ein Glas Wein, ein Stück Torte zu sich zu nehmen, einen Toast auszubringen oder dergleichen.

Erste Zigarre: Das mit der Huber soll also wirklich wahr Sein?

Zweite Zigarre: Meine Frau hat die zwei mit eignen Augen –

Eine Zigarette: Mit eignen Augen!

Ein Stück Torte: Um Gottes willen, seid still! Dort kommt er!

Mehrere Zigarren und Zigarette: Pst! pst! pst!

Dritte Zigarre in Begleitung des Herrn Alfred Müller tritt auf: Guten Abend, meine Damen und Herren!

Sämtliche Zigarren und Zigaretten: Guten Abend, Herr Müller.

Zweite Zigarre und dritte Zigarette zugleich: Bitte, meine Herrschaften, der Kaffee!

Ein Tablett mit Kaffeetassen beherrscht auf längere Zeit die Situation.

Unter mannigfachen mehr oder minder hörbaren und wichtigen Gesprächen der zu den verschiedenen Requisiten gehörigen Personen vergeht die vorgeschriebene Zeit, bis der Vorhang wiederum fallen kann.

Dritter Akt

Ärmliche Giebelstube.

Eine Zigarette sitzt mit dem dazugehörigen Fräulein Fanny vor einem Tisch.

Löffel, Messer, Gabeln lassen sich von ihr putzen und führen eine Weile das Wort.

Eine Zigarre in Begleitung des Herrn Alfred Müller tritt auf: Grüß dich Gott, Fanny!

Die Zigarette: Jessas, Fredi, wo kommst denn du jetzt her?

Die Zigarre: Es mußte sein. Aber erst schaff mir was zu trinken, ich bin wie ausgedorrt.

Die Zigarette: Ich hab bloß Bier da.

Die Zigarre: Schadt nichts. Gib nur her! Fanny – zwischen uns muß Es aus sein. Schenkt Bier ein.

Die Zigarette zitternd: Ich hab mir’s ja gedacht.

Die Zigarre paFFend: Also machen wir’s kurz.

Die Zigarette liegt mit dem Kopf auf dem Tisch.

Das Bierglas trommelt.

Die Löffel, Messer und Gabeln machen einen nervösen Lärm. Dazwischen spielt sich eine Art von Szene ab, an deren Schluß das Ende des Stückes steht.

Die Zigarre mit Zubehör verschwindet von der Bühne.

Die Zigarette erlischt.

Der Vorhang fällt.

Ende.

Greifswald, Ecke Lange Straße und Kapaunenstraße Greifswald, Lyrikzeitung & Poetry News, Literarisches Greifswald 1, 15. November 2015

Bilder: Lyrikzeitung: Literarisches Greifswald (1), 15. November 2015;
Michael Gratz: Morgenstern in der DDR, in: L&Poe Journal 1 (2021), 15. Februar 2021 .

Soundtrack bruitistischer Musik: Luigi Russolo: Serenata per intonarumori e strumenti, 1924:

Bonus Track: The Art of Noise featuring Duane Eddy: Peter Gunn, aus: In Visible Silence, 1986:

Written by Wolf

7. Mai 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Impressionismus, Schall & Getöse

Адвент 2: Auf den Flügeln der Lieder

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Update zu Noch immer (ja, noch immer):

Die Ukraine, die Kornflasche Europas: Es sind immer die Nachbarinnen und Kolleginnen von dorther, die einen beeindrucken mit allem, was sie sind und tun, ohne es je darauf anzulegen. Kaum volljährig, sind das alles gestandene, beneidenswert lebenstüchtige Russenweiber mit zwei Muttersprachen — und bis man sich umschaut, haben sie alle noch einen echten Magister, die einschüchterndsten unter ihnen einen Dipl.-Kffr. von einer der etwa hundert Kiewer Unis, und in Charkiv stehen schon die nächsten hundert; sie sprechen und schreiben nicht unter drei „Fremd“-Sprachen fließend, die andern, darunter mindestens eine asiatische, zählen sie schon gar nicht mehr, haben Dostojewski, Voltaire, Tschechow und Balzac vollständig gelesen, Tolstoi, Charms, Kusmin, Remisow, Rousseau, Schiller, Heine und Dickens gleich zweimal und ihren Landsmann Gogol immer wieder, können mit einem Taschenmesser den Boiler reparieren, mit einer Büroklammer Feuer machen, ihre Mitmenschen aus dem Kopf mit dem Sparkassenkuli gedankenschnell so skizzieren, dass man sie erkennt, und die Gesamtwerke von Beethoven, Rimski-Korsakow und Skrjabin auswendig auf dem Klavier, sind in ihrer grenzenlosen Model-Schönheit schon mal „ein paar Schauen gelaufen“, kommen in einem Porno und zwei Arthouse-Preziosen vor (bei Weißrussinnen ist es umgekehrt) und schreiben zwischen dem Fitmachen für die Disco und der anstehenden Frühschicht ein paar Gedichte und ein nephrologisches Exzerpt für ihre nächste Veröffentlichung. Angesichts der Lebensauffassung einer Ukrainierin merkt man immer erst, was man die ganze Zeit in seinem eigenen bisschen Existenzversuch verpasst, und dass es doch auch so geht. Wenn man sie fragt, was sie dazu treibt, in einem deutschen Mittelzentrum die Betten für zickige Touristen zu beziehen und fünfsprachig das Klo zu schrubben, zucken sie die Schultern und antworten: „Muss leben.“ Plausibel anzunehmen ist, dass in Donezk einfach immer noch ein paar Panzer zuviel auf der Straße herumkurven. In der Ukraine wohnen über 42 Millionen Leute, also vermutlich um die 21 Millionen Frauen, unter denen es durchaus dumme, hässliche, moralisch fragwürdige geben wird, nur die trifft man die nie. Schon klasse, aber nach keiner Seite fair.

Vor dieser Erfahrung muss es ehrgeizig erscheinen, einer Ukrainerin imponieren zu wollen; wer aber auf Russisch bis fünf zählen kann, eine Mundharmonika einstecken hat, deren Tonart er benennen und charakterisieren kann, und ihnen zur Frühschicht keine unbearbeiteten Hotelreservierungen liegen lässt, sollte aber schon den richtigen Weg eingeschlagen haben. Bescheiden sind sie also auch noch. Einfach widerlich. Und im Film reden sie immer bloß von Transsylvanien.

Cover Auf den Flügeln der Lieder, Lemberg 1893, Lesja Ukrajinka. Enzyklopädie des Lebens und der KreativitätHilfreich scheint mir, das eine oder andere Gedicht von Lesja Ukrajinka zu kennen, in einer Sprache, die man gar nicht kann; die scheint eins von diesen Wunderwesen. Offenbar wird Frau Kossatsch — die korrekte Anrede für sie war: Laryssa Petriwna — bis heute geschätzt und verstanden, jedenfalls umfasst ihr ukrainischer Wiki-Artikel Леся Українка den Gegenwert einer Rowohlt-Monographie.

Ihr unverhohlen national gestimmtes Pseudonym verwendete die Petriwna ab ihrer ersten Veröffentlichung im Alter von 13 Jahren. Ihr Gedicht Contra Spem Spero (etwa: Gegen alle Hoffnung hoffe ich) von 1890 — da war sie 19 — ist innerhalb ihres Gesamtwerks aus folkloristischer, traditioneller Lyrik, später impressionistischer Naturlyrik bis hin zu historischer Dichtung ein Fremdkörper: viel zu subjektiv. Die Ukraine respektiert Taras Schewtschenko und Iwan Franko als Nationaldichter, aufrichtig gerührt sind sie bei der Ukrajinka.

Das war ein Tipp, Jungs. Eure Fachliteratur ist vorerst: Леся Українка. Енциклопедія життя і творчості (Lesja Ukrajinka. Enzyklopädie des Lebens und der Kreativität). Contra spem spero! wurde leider nie für die Öffentlichkeit deutsch übersetzt, also übt vorsichtshalber ein bissel Mundharmonika. Viel Glück.

——— Леся Українка:

Contra spem spero!

2. Mai 1890, in: На крилах пісень (Auf den Flügeln der Lieder), Lemberg 1893:

Гетьте, думи, ви, хмари осінні!
То ж тепера весна золота!
Чи то так у жалю, в голосінні
Проминуть молодії літа?

S. Caraff-Corbu, Lesja Ukrajinka, Farblinolschnitt, 1962, Enzyklopädie des Lebens und der KreativitätНі, я хочу крізь сльози сміятись,
Серед лиха співати пісні,
Без надії таки сподіватись,
Жити хочу! Геть думи сумні!

Я на вбогім сумнім перелозі
Буду сіять барвисті квітки,
Буду сіять квітки на морозі,
Буду лить на них сльози гіркі.

І від сліз тих гарячих розтане
Та кора льодовая, міцна,
Може, квіти зійдуть – і настане
Ще й для мене весела весна.

Я на гору круту крем’яную
Буду камінь важкий підіймать
І, несучи вагу ту страшную,
Буду пісню веселу співать.

В довгу, темную нічку невидну
Не стулю ні на хвильку очей,
Все шукатиму зірку провідну,
Ясну владарку темних ночей.

Так! я буду крізь сльози сміятись,
Серед лиха співати пісні,
Без надії таки сподіватись,
Буду жити! Геть думи сумні!

Bilder: Cover На крилах пісень (Auf den Flügeln der Lieder), Lemberg 1893;
S. Caraff-Corbu: Contra spem spero!, Farblinolschnitt, 1962.

Soundtrack: Леся Українка: Вечірня година (Abendstunde), ca. 1889, aus: На крилах пісень, 1893,
aufgeführt vom wolhynischen, daher momentan ukrainischen Дитячий ансамбль Дударик, 2015:

Written by Wolf

6. Dezember 2019 at 00:01

Your open hand but shows our loss

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Update zu Zwetschgenzeit (Du bist gemeint):

Unterschied zwischen einem Terroristen und einem Controller? — Der Terrorist hat Sympathisanten.

Rwxrwxrwx, Hugh Lane Gallery, Parnell Square, Dublin, 8. Juni 2015, Wikimedia Commons

Ein zeitloses Thema. — Die Dublin City Gallery The Hugh Lane zum Beispiel, 1908 eine der weltweit ersten öffentlichen Galerien für moderne Kunst, scheint allen verfügbaren Bildern nach ein kleines, auf einnehmende Weise familiär geführtes Haus, das seinen bemessenen Raum sorgfältig nutzen muss. Mit dem Geld ist es so eine Sache:

Der Eintritt in die Galerie und die Ausstellungen ist kostenlos, es werden jedoch Spenden von mindestens 2 Euro erbeten.

Das schreiben sie 2017 auf ihrem digitalen Auftritt. Dieses Hin oder Her ist mindestens seit 1912 unklar.

——— William Butler Yeats:

To a Wealthy Man who promised a second Subscription to the Dublin Municipal Gallery if it were proved the People wanted Pictures.

December 1912 as The Gift in: The Irish Times, January 11th, 1913,
collected in: Responsbilities, 1914:

You gave but will not give again
Until enough of Paudeen’s pence
By Biddy’s halfpennies have lain
To be ’some sort of evidence,‘
Before you’ll put your guineas down,
That things it were a pride to give
Are what the blind and ignorant town
Imagines best to make it thrive.
What cared Duke Ercole, that bid
His mummers to the market place,
What th‘ onion-sellers thought or did
So that his Plautus set the pace
For the Italian comedies?
And Guidobaldo, when he made
That grammar school of courtesies
Where wit and beauty learned their trade
Upon Urbino’s windy hill,
Had sent no runners to and fro
That he might learn the shepherds‘ will.
And when they drove out Cosimo,
Indifferent how the rancour ran,
He gave the hours they had set free
To Michelozzo’s latest plan
For the San Marco Library,
Whence turbulent Italy should draw
Delight in Art whose end is peace,
In logic and in natural law
By sucking at the dugs of Greece.

Your open hand but shows our loss,
For he knew better how to live.
Let Paudeens play at pitch and toss,
Look up in the sun’s eye and give
What the exultant heart calls good
That some new day may breed the best
Because you gave, not what they would
But the right twigs for an eagle’s nest!

——— William Butler Yeats:

An einen wohlhabenden Mann, der Dublins Städtischer Galerie eine zweite Spende versprach, sofern bewiesen würde, daß die Leute Bilder wollten

deutsch von Norbert Hummelt in: William Butler Yeats: Die Gedichte, Luchterhand Literaturverlag, München 2005: Verantwortungen, Seite 121 f.:

Du spendetest, doch legst nicht nach,
Eh Paddy nicht das Seine gab
Und bis Biddys Kleinzuwendung
Dir den „Beweis geliefert“ hat,
Bevor du mehr Guineen butterst,
Daß deine ehrenwerte Gabe
Just das ist, was die dumpfe Stadt
Am allermeisten nötig hat.
Was schert‘ es Herzog Ercole,
Als er sich Pantomimen lud,
Ob auf dem Markt ein Zwiebelhändler
Nun seinen Plautus wirklich gut
Und vorbildlich für die Komödie fand?
Auch Guidobaldo, als er einst
Die hohe Schule des Benimms,
Wo Geist und Schönheit gleich geschult,
Im windigen Urbino schuf,
Da schickt‘ er keine Boten aus,
Um Schäfermeinung zu erfragen.
Und als man Cosimo vertrieb,
Da war sein Groll ihm nicht im Weg,
Er widmete die freie Zeit
Ganz Michelozzos neustem Plan
Für die San Marco-Bücherei,
Auf daß Italiens Ungestüm
Zum Frieden fände in der Kunst,
Die Logik und Naturgesetz
Ganz frisch aus Hellas‘ Zitzen saugt.

So wie du gibst, hat’s wenig Wert,
Doch jener wußte, wie man lebt.
Laß Paddy sich beim Sport vergnügen,
Schau hoch zur Sonne, und dann gib,
Was dein Herz als recht empfindet,
Auf daß die Zukunft einst die Besten brütet,
Denn du gabst nicht, was sie wollten,
Sondern die Zweige für ein Adlernest.

Hugh Lane Gallery, Francis Bacon's studio, Michael Parsons, Life's Work. Adelle Hughes, head of the art department, Whyte’s, Dublin, The Irish Times, 20. August 2016

Leider nicht nachweisen (und deshalb nicht verlinken) konnte ich eine bestimmte „grammar school of courtesies“ in Urbino, die um 1500 von Guidobaldo da Montefeltro gegründet sein sollte. Gefunden habe ich im Kommentar zu Yeats‘ Early Essays allgemeiner:

Duke Frederigo [sic] da Montefeltro (1422–82) ruled the Renaissance city-state of Urbino from 1444 onward. A famous patron of the arts, he turned Urbino into a leading center of art and humanism and accumulated a famous library. He was succeeded by his physically feebler son Guidobaldo (1472–1508), who continued his patronage and was praised by Castiglione in The Book of the Courtier [1528]. Yeats invoked Guidobaldo in „To a Wealthy Man“ (P, 106–7).

Der deutsche Übersetzer Norbert Hummelt scheint A. Norman Jeffares: A Commentary on the Collected Poems of W. B. Yeats von 1968 benutzt zu haben, um auf seine zwangsläufig ebenfalls allgemein gehaltene Lösung „die hohe Schule des Benimms“ zu verfallen:

That grammar school : he [i. e. Guidobaldo da Montefeltro] was highly praised in The Courtier. Talents, learning, grave deportment and fluency of speech were required of his courtiers, and the culture and refined manners of his court were renowned. Yeats sees it as a place where youth ‚for certain brief years imposed upon drowsy learning the discipline of its joy‘ (A 545).

Das letztere Yeats-Zitat könnte noch in ein Kapitel für sich ausufern; erstaunt war ich vor allem über den laxen Gebrauch des Oxford-Kommas in einem literaturwissenschaftlichen Standardwerk 1968. Aber wer erfragt schon meine Schäfermeinung.

Dublin City Gallery, The Hugh Lane, Self Portrait by Frank O'Meara with Lucia Fabbro and Jessica O'Donnell, Conservation of Self Portrait by Frank O'Meara. As part of our theme Artist as Witness. Migrations for 2017, 19. Dezember 2016

Bilder:

  1. Rwxrwxrwx: Hugh Lane Gallery, Parnell Square, Dublin, 8. Juni 2015;
  2. Hugh Lane Gallery: Francis Bacon’s studio in Dublin City Gallery, The Hugh Lane: „A national treasure and an excellent example of public sector collaboration with an artist’s estate“, via Michael Parsons: Life’s Work: Adelle Hughes, head of the art department, Whyte’s, Dublin, The Irish Times, 20. August 2016;
  3. Dublin City Gallery, The Hugh Lane: Self Portrait by Frank O’Meara with Lucia Fabbro and Jessica O’Donnell, 19. Dezember 2016, in: Conservation of Self Portrait by Frank O’Meara. As part of our theme ‚Artist as Witness: Migrations‘ for 2017.

Soundtracks: Toby Darling: To A Wealthy Man, Februar 2017, in YouTube mit Gitarrengriffen;
Flogging Molly: Selfish Man, aus: Alive Behind the Green Door, 1997,
als Ando Reann, aka Dreanna: Life and Times of Scrooge McDuck Tribute, 2008
mit Dagobert-Duck-Material von Don Rosa:

Written by Wolf

18. August 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Impressionismus

Nachtstück 0003: Polizistenschatten im Laternenschein

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Update zu Dann, Engel, blas Posaune und Nachtstück 0002:

Mein Vater war Eisenbahner. Für junge Menschen hat ein Vater bei der Bahn den Vorteil, dass er viel in Deutschland herumkommt, je nachdem, wohin er seine acht Zeilen Freifahrschein ausfüllt; innerhalb Europas geht’s auch, aber die sind nicht so spontan, weil sie beantragt werden müssen. Mein Vater und ich haben im Laufe meiner frühen Jahre mehr als einmal an einem Samstagnachmittag beschlossen, ein Frühstück aus grünem Aal nach Nürnberg zu holen, schrieben „Ottensoos–Hamburg/Altona“ in die nächste Zeile, sprangen in den Hamburger Nachtzug, kamen zu nachtschlafender Zeit zum Fischmarkt zurecht, kauften einige Tüten voll Aale, so frisch, dass sie noch gelebt hatten, während wir die Bahnhofslichter von Hildesheim bewunderten, frühstückten in den Markthallen gegenüber Blohm & Voss Labskaus und Pils, um im Zug besser zu schlafen, vergaßen auch nicht das landwirtschaftliche Kleinvieh nebenan zu besuchen, um doch wieder kein exotisches Huhn zu kaufen, schrieben in die nächste Zeile „Hamburg/Altona–Osterhofen“, damit wir nächstes Mal ins Gebirge konnten, stiegen in Altona ein, um am Hauptbahnhof schon unseren Platz zu haben, stanken das Abteil mit Fisch voll, versorgten die Nachbarn mit Aal, weil das Zeug schnell weg muss, und rechtfertigten uns mit Zeitgründen, warum wir „auf“ Sankt Pauli nicht im Puff gewesen waren. Dann war früher Sonntagnachmittag. Das nur nebenbei.

Einmal kamen wir erst nach der Sportschau auf die Idee, Aal einzukaufen, was zu knapp für Hamburg war, trugen „Ottensoos–Köln Hbf“ ein und besichtigten am Abend die soeben entstandenen Hochwasserschäden entlang des gastronomisch orientierten Rheinufers. In der Altstadt, wo wir uns nicht auskannten, sah es aus wie in der von Nürnberg, nur mit mehr Sandsäcken vor Kellerfenstern, die Türen waren schon wieder benutzbar. Wir benutzten die von einer nicht zu großen Kneipe namens Papa Joe’s. Em Streckstrump, weil wir Wirtshäuser mieden, die ihre Preise nicht draußen anschreiben.

Innen lernten wir, dass der Kölner an sich nichts von fremden Menschen weiß, sondern unterschiedslos mit ihnen zu reden anfängt, weil man mit Leuten eben redet, und weil das natürliches menschliches Verhalten ist, vor allem in Kneipen. Und dass sie hier allgemein ihren Ehrgeiz darein setzen, „ein Mensch zu bleiben“, und nicht ohne ein gemütliches bis nachsichtiges Wohlwollen betonen, dass jemand „auch nur ein Mensch“ sei. Und dass der Kerl, der sich mit einem runden Gestell voller zahnputzglasgroßer Biere über dem Kopf durch das Kneipengetümmel schlängelt, Köbes heißt. Und dass man Dixieland in Köln außerhalb von Sonntagsfrühschoppen spielt, aber vielleicht war die Kapelle auch nur ein paar Stunden zu früh da.

Während mein Vater von Einheimischen dazu verdonnert wurde, seinen Samstgagabend mit Erzählungen von vergangenen und bevorstehenden Bahnreisen zu verbringen und dazu, an 0,5 Liter große Gläser gewöhnt, dem Köbes einen Zahnputzbecher Kölsch nach dem anderen abkaufte, war für mich das Faszinierendste die Tapete des Lokals: Sie bestand von unten bis unter die hohe Decke aus alten Zeitungsseiten, weil sie so in Rheinufernähe zuverlässig jährlich erneuert werden musste. Undenkbar für bodenständige Menschen aus Binnenfranken, einen Wohnsitz noch zu halten, nachdem er das zweite und dritte Mal überschwemmt worden war, aber et kütt wie et kütt, woll?

Unser zuständiger Köbes mochte mich offenbar, denn er stellte mir jedes Mal, wenn eine neue Runde fällig war, diskret auch so ein Kölsch ab und kassierte es vom Rundenspender mit. Das funktionierte, weil alle Beteiligten damit glücklich waren.

Meinem Vater sagte wenig zu, dass sie im ganzen Rheinland Rosinen in den Sauerbraten schütteten, aber in dem Gedrängel an den Stehtischen hätten wir sowieso nichts „Richtiges“ — ein Ausdruck „unserer“ daheimgebliebenen Mutter — essen können. Auf das Anraten mehrerer Einheimischer, der Halve Hahn sei hier sehr ordentlich, bestellten wir zwei davon. Wir verzehrten sie, während wir einigen Schnurrbartträgern dabei zuschauten, wie sie sich beim Versuch, das Wort „Käsweggla“, was Käsebrötchen oder Halver Hahn bedeutet, korrekt auszusprechen, fast das Gesicht brachen.

Die Kapelle schickte fast so regelmäßig wie den Köbes ein Instrument, das gerade nichts zu tun hatte, mit einem Filzhut durch die Menge und rief eine Kollekte für hochwassergeschädigte Musiker aus. Dann spielte sie eine besonders anrührende, stillvergnügte Version von When You’re Smiling, und ich fand im Gewirr der meterhohen, meterbreiten Zeitungsseiten ein Gedicht. Es stand in einer Ecke, die zu den folkloristisch unverzichtbaren Hochwassern offenbar lange trocken blieb, denn das Blatt sah schwer vergilbt und im Design nach Goldenen Zwanzigern aus, als Herrschaften wie Tünnes und Schäl leibhaftig umherliefen, mit Jugenstilschriftarten und im- oder expressionistischen — das kann ich bis heute nicht unterscheiden — Ornamenten, etwa wie die frühe Reklame für Roth-Händle. Ein gutes Eck, um im Gewimmel ungestört zu verweilen, ein nur halb ergaunertes Kölsch zu verkasematuckeln, wie der Kölner sagt, Dixieland zu hören und ein schlagend kurzes, herrlich sinnloses Gedicht an der Wand auswendig zu lernen.

Nachtstück

Klingt wie Hellebarde
Auf dem Pflasterstein.
Polizistenschatten
im Laternenschein.

Bruder Kain noch immer
Flieht vor dem Gericht.
In das Dunkel bergen
Diebe ihr Gesicht.

Mein Vater konnte das bundesdeutsche Kursbuch, Gesamtausgabe, praktisch auswendig, auch in hohen Promillebereichen, so einer war das nämlich, ein Bahnerer mit Leib und Seele. Daher ist es nur mit Vorsatz zu erklären, dass wir den letzten Zug Köln–Nürnberg verpassten und bis zum ersten ausharren mussten.

Hoch über dem Bahnhof thronte der Dom leider zugesperrt, die Domplatte war trotzdem beeindruckend weitläufig und belebt. In einer so weltoffenen Stadt schien es uns dennoch statthaft, gegen die Wand des Kölner Doms zu pinkeln; mein Vater war evangelisch. „Et hätt noch immer jot jejange“, hatte er sich gemerkt.

Die majestätischen Fluten des Rheins begannen schon in einer Morgendämmerung zu glitzern, es wurde also Zeit, mein neu gelerntes Gedicht aufzusagen. Es dauerte einschließlich der Denkpausen angesichts der ungefrühstückten Stunde so lange, wie man pinkeln muss.

„Du lernst ein Zeug“, sagte mein Vater und schüttelte ab.

Papa Joe's Jazzlokal Em Streckstrump Köln. Deutschlands ältestes Jazzlokal mit täglichem Live-Jazz

Bild: Papa Joe, Köln.

Written by Wolf

11. Januar 2014 at 00:01

Was übrig blieb von grünem leben

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——— Stefan George:

Nach der Lese

aus: Das Jahr der Seele.
Im Verlage der Blätter für die Kunst, Berlin 1897:

Komm in den totgesagten park und schau:
Der schimmer ferner lächelnder gestade
Der reinen wolken unverhofftes blau
Erhellt die weiher und die bunten pfade

Verwitterter Eingang Leopoldpark

Dort nimm das tiefe gelb das weiche grau
Von birken und von buchs · der wind ist lau
Die späten rosen welkten noch nicht ganz
Erlese küsse sie und flicht den kranz

Haupteingang Leopoldpark

Vergiss auch diese letzen astern nicht
Den purpur um die ranken wilder reben
Und auch was übrig blieb von grünem leben
Verwinde leicht im herbstlichen gesicht.

Nebeneingang Leopoldpark

Ihr rufe junger jahre die befahlen
Nach IHR zu suchen unter diesen zweigen
Ich muss vor euch die stirn verneinend neigen
Denn meine liebe schläft im land der strahlen

Die Bilder sind die drei Eingänge an der Friedrichstraße zum Leopoldpark (2,8 Hektar).

Written by Wolf

28. November 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Impressionismus, Land & See

Wer kennt sich aus bei uns zu Haus?

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Wer ist das? — : Weiblich, aus München; hat jeder schon mal gesehen, aber vergessen, wo; sieht eigentlich ganz gut aus; ist trotzdem nicht Zehra Spindler?

Der Beweis: Zehra Spindler wurde gar nicht von Ludwig Schwanthaler gestaltet. Also. Sonst steht aber nur der Firmenname der Erzgießerei drauf, wenn wir mal unterstellen, dass die Dame nicht Ferdinand Mosler heißt.

Sonstige Vorschläge?

Statue im Hofgarten

Statue im Hofgarten

Statue im Hofgarten von hinten

Buidln: selbergemacht, 5. Juni 2013.

Written by Wolf

6. Juni 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Impressionismus, Land & See