Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for Januar 2018

Die Lust des Mittelstands

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Update zu Siehst du,
Frames in Zitaten (in Frames) und
Die Brahmsianer können ja derweil aufs Klo:

Da ist uns der Alfred Kerr letzten ersten Weihnachtsfeiertag 150 geworden und keiner hat’s gemerkt. Jedenfalls nicht viele, die wenigstens theoretisch noch Freude an seiner Brillanz haben könnten.

dpa, picture alliance, Der Theaterkritiker Alfred Kerr in einer undatierten Karikatur, Deutschlandfunk Kultur, 29. Dezember 2017

Der 17 Jahre jüngere Thomas Mann hatte nicht immer seine Freude an Alfred Kerr, das alte Lied zwischen Literaten und Literaturkritikern — und zwischen Thomas Mann und ihm übergeordneten Vaterfiguren. Beiderlei Verhältnisse wird man zweifellos in der monumentalen Thomas-Mann-Biographie von Peter de Mendelssohn aufgedröselt finden, über die man Wunderdinge hört.

Lovis Corinth, Alfred Kerr, 1907Leider konnte ich das selbst noch nicht näher nachlesen. Wir reden über drei keineswegs schmächtige Bände, die dabei immer noch Fragment geblieben sind: Bis zu de Mendelssohns Tod 1982 sind nur zwei Bände erschienen. Sein Vorteil war, Thomas Mann persönlich zu kennen — so intim wie kaum sonst jemand, weil er für den S. Fischer Verlag seine Tagebücher herausgab. Mit Thomas Mann gut auskommen und ihn zu größeren Projekten überreden, das war nicht jedem vergönnt. Da muss man nur seine Kinder fragen, deren er sechse hatte, von denen im Laufe der Schicksale mindestens drei an den Selbstmord und „ungeklärte Umstände“ verloren gingen. Rein quantitativ ein tragisch bewegtes Familienleben für eine ungeouteten Schwulen. Natürlich muss das nichts heißen.

Hellhörig wird man über den auffindbaren Auszügen aus obgenannter Biographie angesichts der Beschreibung eines Gedichts von Alfred Kerr. Sie besteht aus einem denkbar kurzen Absatz, in dem alles steht, was man über ein Gedicht wissen will. Jedenfalls hat das Nachgoogeln auch nicht mehr ergeben als dieses Nebenthema aus einer Biographie von 1975. Wenn sie überall so dicht gewoben ist: Respekt, da hätte Thomas Mann vielleicht doch noch an seinem eigenen Spottgedicht ein bisschen Freude haben können.

——— Peter de Mendelssohn:

Der Zauberer — Das Leben des deutschen Schriftstellers Thomas Mann

Erster Teil: 1875 bis 1918, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1975:

Es gibt ein Spottgedicht von Alfred Kerr auf Thomas Mann, betitelt Thomas Bodenbruch. Es hat sich nicht ermitteln lassen, wann es entstand und wo Kerr es erstmals veröffentlichte; wir kennen es nur aus dem Gedichtband Caprichos, den er 1926 herausgab. Es ist jedoch mit seiner Anspielung auf Buddenbrooks [erschienen 1901] zweifellos viel früheren Datums und stammt möglicherweise aus dieser Zeit, in der Kerrs Animosität gegen Thomas Mann, anläßlich der Berliner Fiorenza-Aufführung [Erstdruck 1906, Uraufführung 1907], ihren Höhepunkt erreichte. Thomas Mann hat, soweit ersichtlich, dieses Spottgedicht nirgends erwähnt, aber er hat es gewiß gekannt; es ist ihm spätestens bei der Veröffentlichung in Kerrs Gedichtband zur Kenntnis gelangt.

Besser hätte ich’s nicht sagen können. Im Gegenteil. — Die zuverlässigste Version des Gedichts:

——— Alfred Kerr:

Thomas Bodenbruch

aus: Caprichos. Strophen des Nebenstroms,
I. M. Spaeth Verlag, Berlin 1926, Seite 168 bis 170:

I.

Als Knabe war ich schon verknöchert;
Ob knapper Gaben knurr-ergrimmt.
Hab dann die Littratur gelöchert
Mit Bürger- und Patrizierzimt.
Sprach immer stolz mit Breite
Von meiner Väter Pleite.

II.

Ich dichte nicht — ich drockse.
Ich träume nicht — ich ochse.
Ich lasse Worte kriechen,
Die nach der Lampe riechen,
Ich ledernes Kommis’chen.

Ich kenne keine Blitze,
Kein Feuer, das erhitzt.
Ich schreibe mit dem Sitze,
Auf dem man sitzt.

Im Grund bin ich nicht bös —
Nur skrophulös.

III.

Voll hemmender Bedenklichkeit
Und zaudernder Entfaltung,
Staffier‘ ich meine Kränklichkeit
Als „Haltung“.

IV.

Meist hock‘ ich, ein gereiztes Lamm.
Musiklos, aber arbeitsam.

Mein Zustand zeugt geheime Tücke
(Man ist nicht eben ein Genie) —
Romane werden …. Schlüsselstücke:
„Das geht auf Den!“, „Das geht auf Die!“
Ich male zur Genüge
(Ach, mühsam, teigig, tonig)
Die körperlichsten Züge —
Mich selbst verschon‘ ich …

V.

Und bin doch ein ganz armer Hase,
Im Busenwinkel bang und trist:
Mich giftet meine Kolbennase,
Die mißgeschaffen ist.
Der Schlüssel, der die Schlüsselwerke
In ihrem letzten Grund erschließt,
Ist meine eigne Rüsselstärke,
Die mich verdrießt.

Bald meint‘ ich unsren Arzt „damit“,
Igittigitt!
Bald war es meine Tante,
Nöch, von der Wasserkante.

Ich habe manchmal still geplärrt
Und starrte stier auf meinen Stecher —

Dann mal‘ ich andre dick verzerrt:
So Holitscher als schiechen Schächer
(Zahnstockiges Jammerbild) — —
Und wüte, wenn ein heitrer Rächer
Mit gleichen Mitteln es vergilt …
(Wie scheußlich, wenn mein dünnes Gift
Mich selber trifft!)

VI.

Ein Trost: ich schlage den Rekord
Im Gründlichen, Langstieligen,
Ich bleibe nach wie vor ein Hort
Gebildeter Familien.
Sie äußern keinen Widerspruch
Und schätzen Thomas Bodenbruch.
Ich bin doch voll und ganz
Die Lust des Mittelstands.

Judith Kerr, Ein Foto von Alfred Kerr hängt 1961 im Münchner Theatermuseum, Der Tagesspiegel, 7. Mai 2014

Bilder: dpa/picture alliance: Der Theaterkritiker Alfred Kerr (1867–1946) in einer undatierten Karikatur,
via Christian Blees: Die zwei Gesichter des Alfred Kerr: „Ich sage, was zu sagen ist“,
Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 29. Dezember 2017;
Lovis Corinth: Alfred Kerr, 1907,
via Jeremy Adler: The culture pope, The Times Literary Supplemet, 26. Juli 2017;
Judith Kerr/dpa via Peter von Becker: Sein erster Weltkrieg:
Ein Foto von Alfred Kerr hängt 1961 im Münchner Theatermuseum, Der Tagesspiegel, 7. Mai 2014.

Soundtrack: Mischa „Arno Billing“ Spoliansky (Musik)/Kurt Schwabach (Text),
Orchester Marek Weber: Das lila Lied, 1921:

Was will man nur?
Ist das Kultur,
dass jeder Mensch verpönt ist,
der klug und gut,
jedoch mit Blut
von eigner Art durchströmt ist,
dass grade die
Kategorie
vor dem Gesetz verbannt ist,
die im Gefühl
bei Lust und Spiel
und in der Art verwandt ist?

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Written by Wolf

12. Januar 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Novecento, Weisheit & Sophisterei

Ich sing euch von dem Mörder, der sich selbst hat entleibt

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Update zu Wenn man etwas Bildung hat (Die Moritat vom jungen Friedrich Kolbe):

Eine entsetzliche Mordgeschichte von dem jungen Werther, wie sich derselbe den 21. December durch einen Pistolenschuß eigenmächtig ums Leben gebracht. Allen jungen Leuten zur Warnung in ein Lied gebracht, auch den Alten fast nutzlich zu lesen. Im Thon Hört zu ihr lieben Christen etc. 1776.Anno 1774 und danach setzte die Parodienbildung um Goethes Über-Best- und Longseller Die Leiden des jungen Werthers — erst ab der überarbeiteten Fassung 1787 ohne Genitiv-s — praktisch sofot ein und riss bis heute noch nicht wieder ab. Johann Heinrich Gottfried von Bretschneider wird heute als Bibliothekar und Kunstsammler aus dem Thüringischen geführt, von seinem Regiment allerdings schon als bücheraffiner Offizier, zur Zeit seines hauptsächlichen Wirkens im Range eines Gubernialrats, und etwas inoffizieller als Satiriker. Das heißt unter vielem anderen, er neigte zum Verfertigen von Bänkelsang.

Mit seiner Wertheriade von 1775 kommt Bretschneider in der wichtigen Anthologie von Bänkellieder Musenklänge aus Deutschlands Leierkasten, Verlag von Hernhard Schlicke, Leipzig 1867, an breitenwirksamer Stelle vor — geadelt durch einen ganzen Satz Illsutrationen von Ludwig Richter.

Erstveröffentlichung war schon 1776 als Einzelheft, was bedeutet: mit Aussicht auf größere Verbreitung, allerdings anonym und ohne Angabe des Verlagsorts. Dafür lässt sie prominentere Veröffentlichung in den Musenklängen die Strophe mit „Er sah, beklebt mit Rotze“ weg. Die Melodie ist ein seinerzeit bekanntes Kirchenlied und kann den einfachen Noten im .pdf der Urfassung entnommen werden, der vollständige Text — hier mit Richters Illustrationen — lautet:

——— Heinrich Gottfried von Bretschneider:

Eine entsetzliche Mordgeschichte
von dem jungen Werther,

wie sich derselbe den 21. December durch einen Pistolenschuß eigenmächtig ums Leben gebracht.
Allen jungen Leuten zur Warnung in ein Lied gebracht,
auch den Alten fast nutzlich zu lesen

Im Thon: Hört zu ihr lieben Christen etc.

1776:

Ludwig Richter, 1848, Heinrich Bretschneider, Werther, 1775Hört zu, ihr Junggesellen
Und ihr Jungfräulein zart,
Damit ihr nicht zur Höllen
Aus lauter Liebe fahrt.

Die Liebe, traute Kinder!
Bringt hier auf dieser Welt
Den Heil’gen wie den Sünder
Um Leben, Gut und Geld.

Ich sing‘ euch von dem Mörder,
Der sich selbst hat entleibt,
Er hieß: der junge Werther,
Wie Doctor Göthe schreibt.

So witzig, so verständig,
So zärtlich als wie er,
Im Lieben so beständig
War noch kein Sekretair.

Ein Pfeil vom Liebesgotte
Fuhr ihm durch’s Herz geschwind.
Ein Mädchen, sie hieß Lotte,
War eines Amtmanns Kind.

Die stand als Vice-Mutter
Geschwistern treulich vor,
Die schmierte Brod mit Butter
Dem Fritz und Theodor,

Ludwig Richter, 1848, Heinrich Bretschneider, Werther, 1775Dem Liesgen und dem Kätgen —
So traf sie Werther an
Und liebte gleich das Mädchen
Als wär’s ihm angethan.

Wie in der Kinder Mitte
Sie da mit munterm Scherz
Die Butterahmen schnitte —
Da raubt‘ sie ihm das Herz.

Er sah, beklebt mit Rotze
Ein feines Brüderlein
Und küßt‘ dem Rotz zum Trotze
An ihm, die Schwester sein.

Fuhr aus, mit ihr zu tanzen
Wohl eine ganze Nacht,
Schnitt Menuets der Franzen
Und walzte, daß es kracht‘.

Sein Freund kam angestochen
Blies ihm ins Ohr hinein:
Das Mädchen ist versprochen
Und wird den Albert freyn.

Da wollt‘ er fast vergehen,
Spart‘ weder Wunsch noch Fluch,
Wie alles schön zu sehen
In Doctor Göthes Buch.

Kühn ging er, zu verspotten
Geschick und seinen Herrn,
Fast täglich nun zu Lotten,
Und Lotte sah ihn gern.

Ludwig Richter, 1848, Heinrich Bretschneider, Werther, 1775Er bracht den lieben Kindern
Lebkuchen, Marcipan,
Doch alles konnt’s nicht hindern,
Der Albert wurd ihr Mann.

Des Werthers Angstgewinsel
Ob diesem schlimmen Streich
Mahlt Doctor Göthes Pinsel
Und keiner thut’s ihm gleich.

Doch wollt er noch nicht wanken
Und stets bei Lotten seyn,
Dem Albert macht’s Gedanken,
Ihm träumte von Geweyhn.

Herr Albert schaute bitter
Auf die Frau Albertin —
Da bat sie ihren Ritter:
„Schlag mich dir aus dem Sinn.

Geh fort, zieh in die Fremde,
Es giebt der Mädchen mehr –“
Er schwur beim letzten Hemde,
Daß sie die einz’ge wär.

Als Albert einst verreiste
Sprach Lotte: „bleib von mir!“
Doch Werther flog ganz dreiste
In Alberts Haus zu ihr.

Ludwig Richter, 1848, Heinrich Bretschneider, Werther, 1775Da schickte sie nach Frauen
Und leider keine kam, —
Nun hört mit Furcht und Grauen,
Welch Ende alles nahm.

Der Werther las der Lotte
Aus einem Buche lang,
Was einst ein alter Schotte
Vor tausend Jahren sang.

Es war gar herzbeweglich,
Er fiel auf seine Knie
Und Lottens Auge kläglich
Belohnt ihm seine Müh.

Sie strich mit ihrer Nase
Vorbey an Werthers Mund,
Sprang auf als wie ein Hase
Und heulte wie ein Hund.

Lief in die nahe Kammer,
Verriegelte die Thür
Und rief mit großem Jammer:
„Ach, Werther, geh von mir!“

Ludwig Richter, 1848, Heinrich Bretschneider, Werther, 1775Der Arme mußte weichen,
Alberten, dem’s verdroß,
Konnt’s Lotte nicht verschweigen,
Da war der Teufel los!

Kein Werther konnt‘ sie schützen,
Der suchte Trost und Muth
Auf hoher Felsen Spitzen
Und kam um seinen Hut.

Zuletzt ließ er Pistolen
Im Fall es nöthig wär
Vom Schwager Albert holen,
Und Lotte gab sie her.

Weil’s Albert so wollt‘ haben,
Nahm sie sie von der Wand
Und gab sie selbst dem Knaben
Mit Zittern in die Hand.

Nun konnt er sich mit Ehre
Nicht aus dem Handel ziehn,
Ach Lotte! die Gewehre
Warum gabst du sie hin ?

Ludwig Richter, 1848, Heinrich Bretschneider, Werther, 1775Alberten recht zum Possen
Und Lotten zum Verdruß,
Fand man ihn früh erschossen,
Im Haupte stack der Schuß.

Es lag, und das war’s beste,
Auf seinem Tisch ein Buch,
Gelb war des Todten Weste
Und blau sein Rock, von Tuch.

Als man ihn hingetragen
Zur Ruh‘ bis jenen Tag,
Begleit’n ihn kein Kragen
Und auch kein Ueberschlag.

Man grub ihn nicht in Tempel,
Man brennte ihm kein Licht,
Mensch, nimm dir ein Exempel
An dieser Mordgeschicht!

Bänkelsänger, nach einer Radierung von J. W. Meil, 1765

Bilder: Ludwig Richter, 1848, nach Fritz Breucker: Ludwig Richter und Goethe, G. Teubner, Leipzig 1926,
via Goethezeitportal, Mai 2015.

Soundtrack: The Dead South: In Hell I’ll Be In Good Company, aus: Good Company, 2014:

Dead Love couldn’t go no further
Proud of and disgusted by her
Push shove, a little bruised and battered
Oh Lord I ain’t coming home with you.

Written by Wolf

6. Januar 2018 at 00:48

Wir rechnen jahr auff jahre / in dessen wirdt die bahre vns für die thüre bracht

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Update zu Zwischenmaschine:

Ich war im Stillen herzlich erfreut gestern Abend mit Ihnen das Jahr und da wir einmal Neunundneunziger sind auch das Jahrhundert zu schließen. Lassen Sie den Anfang wie das Ende sein und das künftige wie das vergangene.

Goethe an Schiller, Weimar am 1. Januar 1800.

Zweifarbig lackiertDamit das Jahr anfängt, wie es aufgehört hat, musste man sich sich auf die alte Tugend der Wollust besinnen, die Wölfin hat sich die Zehennägel gleich zweifarbig lackiert und wurde während einiger freundlicher Begegnungen zu Bette unversehens dermaßen laut, dass unser einst liebgewordener Spanner uns am Erdgeschoßfenster wiederenteckt hat, und Sie hätten mir jetzt fast geglaubt:

Das süsse jubiliren /
Das hohe triumphiren
Wirdt oft in hohn vnd schmach verkehrt.

Siehe unten: Wir unterscheiden nach Prediger Salomos tautologischem Spruch vanitas vanitatum et omnia vanitas (Kohelet 1,2) Andreas Gryphius‘ Sonett Es ist alles eitel, 1637 in Alexandrinern, von dessen späterer Ode Vanitas! Vanitatum Vanitas!, 1643 in dreihebigen Jamben — also in einer Art aufgeteilten und aufgelockerten Alexandrinern mit vierhebiger Variation in den letzten Strophenversen, die gleich wesentlich mehr Rock’n’Roll ins Metrum tragen. Goethe bezieht sich in seinem Gedicht Ich hab mein Sach auf Nichts gestellt 1806 qua Überschrift und Metrum eindeutig auf Gryphius‘ Ode, parodiert aber inhaltlich Adam Reusner: Ich hab mein Sach Gott heimgestellt, 1533 in der Melodie von Johann Leon, 1589.

Theoretisch passen auf den Text die Melodien von Innsbruck, ich muss dich lassen und Der Mond ist aufgegangen. — Theoretisch, hab ich gesagt.

Gesegnetes 2018.

Titti Garelli, Vanitas

——— Andreas Gryphius:

Vanitas! Vanitatum Vanitas!

Ode, 1643:

Die Herrlikeit der Erden
Mus rauch undt aschen werden /
Kein fels / kein ärtz kan stehn.
Dis was vns kan ergetzen /
Was wir für ewig schätzen /
Wirdt als ein leichter traum vergehn.

Was sindt doch alle sachen /
Die vns ein hertze machen /
Als schlechte nichtikeit?
Waß ist der Menschen leben /
Der immer vmb mus schweben /
Als eine phantasie der zeit.

Der ruhm nach dem wir trachten /
Den wir vnsterblich achten /
Ist nur ein falscher wahn.
So baldt der geist gewichen:
Vnd dieser mundt erblichen:
Fragt keiner / was man hier gethan.

Es hilfft kein weises wissen /
Wir werden hingerissen /
Ohn einen vnterscheidt /
Was nützt der schlösser menge /
Dem hie die Welt zu enge /
Dem wird ein enges grab zu weitt.

Dis alles wirdt zerrinnen /
Was müh‘ vnd fleis gewinnen
Vndt sawrer schweis erwirbt:
Was Menschen hier besitzen /
Kan für den todt nicht nützen /
Dis alles stirbt vns / wen man stirbt.

Was sindt die kurtzen frewden /
Die stets / ach! leidt / vnd leiden /
Vnd hertzens angst beschwert.
Das süsse jubiliren /
Das hohe triumphiren
Wirdt oft in hohn vnd schmach verkehrt.

Du must vom ehre throne
Weill keine macht noch krone
Kan vnvergänglich sein.
Es mag vom Todten reyen /
Kein Scepter dich befreyen.
Kein purpur / gold / noch edler stein.

Wie eine Rose blühet /
Wen man die Sonne sihet /
Begrüssen diese Welt:
Die ehr der tag sich neiget /
Ehr sich der abendt zeiget /
Verwelckt / vnd vnversehns abfält.

So wachsen wir auff erden
Vnd dencken gros zu werden /
Vnd schmertz / vnd sorgenfrey.
Doch ehr wir zugenommen /
Vnd recht zur blütte kommen /
Bricht vns des todes sturm entzwey.

Wir rechnen jahr auff jahre /
In dessen wirdt die bahre
Vns für die thüre bracht:
Drauff müssen wir von hinnen /
Vnd ehr wir vns besinnen
Der erden sagen gutte nacht.

Weil uns die lust ergetzet:
Vnd stärcke freye schätzet;
Vnd jugendt sicher macht /
Hatt vns der todt gefangen /
Vnd jugendt / stärck vnd prangen /
Vndt standt / vndt kunst / vndt gunst verlacht!

Wie viel sindt schon vergangen /
Wie viell lieb-reicher wangen /
Sindt diesen tag erblast?
Die lange räitung machten /
Vnd nicht einmahl bedachten /
Das ihn ihr recht so kurtz verfast.

Wach‘ auff mein Hertz vndt dencke;
Das dieser zeitt geschencke /
Sey kaum ein augenblick /
Was du zu vor genossen /
Ist als ein strom verschossen
Der keinmahl wider fält zu rück.

Verlache welt vnd ehre.
Furcht / hoffen / gunst vndt lehre /
Vndt fleuch den Herren an /v
Der immer könig bleibet:
Den keine zeitt vertreibet:
Der einig ewig machen kan.

Woll dem der auff ihn trawett!
Er hat recht fest gebawett/
Vndt ob er hier gleich fält:
Wirdt er doch dort bestehen
Vndt nimmermehr vergehen
Weil ihn die stärcke selbst erhält.

Burgfräulein von Strechau, 17. Jahrhundert

Bilder: Titti Garelli: Vanitas, Acryl auf Holz, verkauft;
N. N.: Burgfräulein von Strechau, Ölgemälde, 17. Jahrhundert,
Kunsthistorisches Museum Benediktinerstift Admont.
Sie soll rotblond gewesen sein.

Die Wölfin so: „Deine Creative-Writing-Kundschaft glaubt hoffentlich nicht alles, was geschrieben steht?“ Ich so: „Meine umfassend gebildete Zielgruppe glaubt Bilder.“ Die Wölfin so: „Um Gottes willen, dass du einen Sprung hast. Nimm das sofort raus, du Familiensparhengst.“ Ich so: „Jahahaha.“

Soundtrack: Element of Crime: Der weiße Hai, aus: Immer da wo du bist bin ich nie, 2009:

Written by Wolf

2. Januar 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Barock, Vier letzte Dinge: Tod

Gute Vorsätze 1650–2018

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Update zu Cit. Schmidt, A., Faust IV, 1960
und Historische Post vom Verleger:

——— Friedrich von Logau:

Das neue Jahr.

1650, aus: Salomons von Golaw deutscher Sinn-Getichte andres Tausend.
Desz andren Tausend andres Hundert:

Son verschwommenen Lyriker-Typ, Will lieber nicht kritisiert werden, dafür aber Radioaufträge. Großmeister Schmidt, in Bargfeld residierend, ca. 1972Abermals ein neues Jahr! immer noch die alte Noth! —
O das Alte kümmt von uns, und das Neue kümmt von Gott.
Gottes Güt ist immer neu; immer alt ist unsre Schuld;
Neue Reu verleih‘ uns Herr und beweis‘ uns alte Huld!

——— Arno Schmidt:

Aus dem Leben eines Fauns

1953, Bargfelder Studienausgabe Band 1, Seite 335:

Müssen gute Vorsätze gehalten werden, oder ist es ausreichend, daß man sie faßt ? !

~~~\~~~~~~~/~~~

Bild: So’n verschwommenen Lyriker-Typ: Will lieber nicht kritisiert werden, dafür aber Radioaufträge: Großmeister Schmidt, in Bargfeld residierend, ca. 1972,
via Tilman Spreckelsen: Der erste Leser. Martin Walser und Arno Schmidt,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24. März 2017.

Alte Schuld und neue Reu: Anti Cornettos: Korsakov Syndrom, aus: Dohuggandedeoiweidohuggan, 2014:

Written by Wolf

1. Januar 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Barock, Nahrung & Völlerei