Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

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: »– : king !« –

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Update zu Cit. Schmidt, A.: Faust IV, 1960 und
Helmstedt-Marienborn (Mitternacht) — Arizona (noon).:

„Nennt mich Ismael.“ / „Ilsebill salzte nach.“ / „Stattlich und feist erschien Buck Mulligan am Treppenaustritt, ein Seifenbecken in Händen, auf dem gekreuzt ein Spiegel und ein Rasiermesser lagen.“ — : Ich werde nicht enden, darüber zu trauern, dass Arno Schmidt ZETTEL’S TRAUM nicht mit einer catchy phrase, nein: mit einem zitierbaren Satz angefangen hat.

Sogar er selber hat das zuvor schon besser gemacht: „Nichts Niemand Nirgends Nie ! : Nichts Niemand Nirgends Nie ! : (die Dreschmaschine rüttelte schtändig dazwischen, wir konnten sagen & denken was wir wollten. Also lieber bloß zukukken.)“ Und in seinem erklärten magnum opus verschenkt er dann sehenden Auges und ach so wissenden Geistes die Chance, sein Monument im populär-kollektiven Gedächtnis zu errichten. Bei dem Anspruch, den er damit stellt, nämlich keinen geringeren — eher einen noch höheren — als sein altes Forschungsobjekt James Joyce mit Finnegans Wake, hätte es eine Entsprechung zu

A way a lone a last a loved a long the riverrun, past Eve and Adam’s, from swerve of shore to bend of bay, brings us by a commodius vicus of recirculation back to Howth Castle and Environs.

sein müssen: ein Satz, der nicht gleich so eingängig zum volkstümlichen Zitieren taugt, aber am Ende des Buches mittendrin aufhört und am Anfang weitergeht. Das wäre Futter für Interpretation, eine passende Hommage und ein motivierender Anlass für ein erstes Grinsen gewesen. Auf mich hört er ja nicht, der Prophet aus der Heide. So, wie es ist, konnte Dieter E. Zimmer nur anmerken:

»Groß« ist das Buch auf jeden Fall. Es könnte schon sein, daß in Zettel’s Traum das literarische Meisterwerk des Jahrhunderts steckt; es könnte sein, daß es sich um eine Art Streichholzeiffelturm in Originalgröße handelt, von einem Hobby-Berserker um den Preis seines Lebens erstellt. Vielleicht ist es auch beides.

Wo das steht? Laut Silvae, der in ähnlich enzyklopädischer Gelehrtheit „alles“ weiß wie Bonaventura, war es in der Zeit, kurz nach Erscheinen von Zettel’s Traum 1970. Hinterbracht wird es an exponierterer Stelle vom selben Bonaventura, der seit langem ganz zurecht nebenan in der Linkrolle steht, und der auch die Fliegenden Goethe-Blätter und den Prometheusfelsen betreibt. Nicht zuletzt hat er einst Zettel’s Traum lesen. Ein lektürebegleitendes Blog angefangen und leider nach wenigen Wochen liegen gelassen.

Was aus diesen Wochen Ende 2010 übrig bleibt und voraussichtlich nicht mehr viel anderes tun als im Mondlicht schimmern, folgt unten quasi als Sicherungskopie, weil es wichtig und sichernswert ist. Auch wenndie Forschung seitdem nicht stillstand: Fast auf den Tag zehn Jahre nach Bonaventuras Enträtselung der ersten Seite ist seit 26. Oktober 2020 das von Bernd Rauschenbach und Susanne Fischer herausgegeben Arno Schmidts Zettel’s Traum. Ein Lesebuch verlagsfrisch für 25 Euro erhältlich.

Das Motto

10. November 2010:

Das Motto zu ZT stammt bekanntlich aus dem Midsummer Night’s Dream von William Shakespeare. Es findet sich am Ende der ersten Szene des vierten Aufzugs und ist dem erwachenden Weber Bottom – bzw. bei Schlegel: Zettel – zugeschrieben. Schmidt bricht den Monolog vor dem Ende ab; ich setze das Zitat einmal ganz hierher und in der Fassung der Erstausgabe der Schlegelschen Übersetzung von 1797, da deren Orthographie der Schmidts nahe steht:

Ich habe ein äußerst rares Gesicht gehabt. Ich hatte ’nen Traum – ’s geht über Menschenwitz zu sagen, was es für ein Traum war. Der Mensch ist nur ein Esel, wenn er sich einfallen läßt, diesen Traum auszulegen. Mir war, als wär’ ich – kein Menschenkind kann sagen, was. Mir war, als wär’ ich, und mir war, als hätt’ ich – aber der Mensch ist nur ein lumpiger Hanswurst, wenn er sich unterfängt, zu sagen, was mir war, als hätt’ ich’s. Des Menschen Auge hat’s nicht gehört, des Menschen Ohr hat’s nicht gesehen; des Menschen Hand kann’s nicht schmecken, seine Zunge kann’s nicht begreifen, und sein Herz nicht wiedersagen, was mein Traum war. – Ich will den Peter Squenz dazu kriegen, mir von diesem Traum eine Ballade zu schreiben; sie soll Zettel’s Traum heißen, weil sie so seltsam angezettelt ist, und ich will sie gegen das Ende des Stücks vor dem Herzoge singen. Vielleicht, um sie noch anmuthiger zu machen, werde ich sie nach dem Tode singen.

Es ließe sich natürlich trefflich spekulieren, weswegen er die ausdrückliche Erwähnung des Titels Zettel’s Traum fortgelassen hat; noch trefflicher darüber, warum er das Singen der Ballade nach dem Tode weggelassen hat. Aber dazu ist es sicherlich noch zu früh.

Johann Heinrich Füssli, Titania liebkost den eselköpfigen BottomWichtiger ist, dass das Motto den Leser einstimmen soll: Im Midsummer Night’s Dream ist Bottom/Zettel ein ziemlich von sich selbst eingenommener Mensch, der Opfer einer Intrige der Geisterwelt wird. Ihm wird ein Eselskopf angezaubert (das äußerst rare Gesicht, das er gehabt hat) und die Elfenkönigin Titania wird verliebt in ihn gemacht, was seinem Selbstbild durchaus entgegenkommt. Nach seiner Rückverwandlung hält er das Geschehen für eben jenen Traum, den er für unausdeutbar hält und den er aufschreiben lassen will.

Bezeichnend scheint mir, dass sich bereits das Motto als vieldeutig erweist: Einerseits ist der Traum des Webers Zettel kein wirklicher Traum, sondern die fehlgedeutete Erinnerung an den Zusammenstoß mit der Geisterwelt (und Geister werden auch in ZT auftreten), andererseits weiß der Zuschauer von Shakespeares Stück, dass dem vorgeblichen Traum eine Realität zugrunde liegt, die aber selbst wieder durch den Titel und den gesamten Charakter des Stückes als Traum gekennzeichnet ist. Zettel’s Traum ist also ein Traum in einem Traum, der aber als Bericht von einem zauberhaften Erlebnis in einem Traum erscheint. Zudem ist es der Bericht von jemandem, der nicht nur selbstgefällig und -verliebt ist, sondern sich vor kurzem noch als ein ausgemachter Esel erwiesen hat. Was also soll der Leser ASs von Zettel’s Traum erwarten?

Die erste Seite (1)

16. November 2010:

Es war, wenn ich mich recht erinnere, Jörg Drews, der die erste Seite von ZT (ZT 11, TS 4) eine »mittelschwere Seite« genannt hat. Wir erkennen außerdem aus dem TS, dass AS diese Seite neu geschrieben hat, nachdem zumindest ein bedeutender Teil des Buches bereits geschrieben war, da die erste Seite mit jener Schreibmachine geschrieben worden ist, die erst ab Seite 575 des TS’ zum Einsatz gekommen ist. (Natürlich ebnet die gesetzte Ausgabe diese Differenz ein.)

Nun ist ZT ohnehin kein einfaches Buch, und es ergibt sich die Frage, was einen Schriftsteller dazu veranlasst, ein solches Buch dann auch noch mit einer mittelschweren Seite beginnen zu lassen, die dem naiven Leser, der nicht wie auch immer auf das Buch vorbereitet wurde, doch einen nicht unerheblichen Widerstand entgegensetzt.

Dazu ist zuerst einmal festzustellen, dass AS überhaupt eine Neigung dazu hatte, seine Bücher eher kryptisch beginnen zu lassen:

Auf die Sterne soll man nicht mit Fingern zeigen; in den Schnee nicht schreiben; beim Donner die Erde berühren: also spitzte ich eine Hand nach oben, splitterte mit umsponnenem Finger das ‹K› in den Silberschorf neben mir, (Gewitter fand grade keins statt, sonst hätt ich schon was gefunden!) (In der Aktentasche knistert das Butterbrotpapier).

Der kahle Mongolenschädel des Mondes schob sich mir näher. (Diskussionen haben lediglich diesen Wert: daß einem gute Gedanken hinterher einfallen).

»Aus dem Leben eines Fauns«

Oder:

In unserem Wassertropfen: Ein metallisch blauer Kegel kam mir entgegen; im Visierei 2 stumpfe Augenkerne.

Dann ein strohgelber: unter der trüben Plasmahaut schied man breite Zellen, Fangarme hingen; oben hatte es einen Wimpernkopf abgeschnürt, Romanoffskyfarbton; und zog naß tickend an mir vorbei. Volkswagen rädertierten. Nah hinten auf dem Platz trieb auch die Schirmqualle. (Genug nu!).

So hantierten wir im Stickstoff mit anaëroben Gebärden (eben machte Einer aus Armen ein schönes langes Beteuerungszeichen), wir, am Grunde unseres Luftteiches, und die Bäume schwankten wasserpflanzen. Mein linker Schuh betrachtete mich kühl aus seinen Lochreihen.

»Das steinerne Herz«

Beide Beispiele – gleichgültig, ob man auch sie mittelschwer findet oder nicht – machen deutlich, dass AS seinen Lesern zumutet, beim Lesen seiner Texte anfangs eine gewisse Orientierungslosigkeit ertragen zu müssen. Das ist sicherlich der Ausdruck eines elitären Kunstverständnisses, das AS mehrfach zum Ausdruck gebracht hat:

Kunst dem Volke?!: den Slogan lasse man Nazis und Kommunisten: umgekehrt ists: das Volk (Jeder!) hat sich gefälligst zur Kunst hin zu bemühen! – [BA I/1, 137]

Man kann nun in diesem Sinne die erste Seite mit dem »Distel=Drittel, field of horror« (ZT 12) des Schauerfelds identifizieren, als eine »gegen Camper !« (ebd.), also unbefugte Benutzer, gerichtete Maßnahme des Autors, der zu verhindern sucht, dass die falschen Leser den Zaun übersteigen, den er zu Anfang des Buches errichtet hat.

Tun wir es dennoch und schauen wir uns im Folgenden das Gestrüpp der ersten Seite etwas genauer an.

Die erste Seite (2)

16. November 2010:

Der hier versuchte Einzelstellenkommentar zur ersten Seite erhebt – genau wie der Rest der Texte hier – keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit oder Verbindlichkeit. Zum Wesen der Lektüre von ZT (wie auch der meisten anderen Bücher) gehört es, dass sie wesentlich vom Wissen und den Assoziationen des Leser geprägt ist. Dieser Versuch darf und soll also gerne in den Kommentaren ergänzt werden.

ZT beginnt in der mittleren Kolumne mit zwei Reihen von Xen, die den Stacheldrahtzaun zu Anfang des Schauerfelds darstellen. In der Mitte wird der Zaun auseinandergehalten, um – wie wir kurz darauf erschließen können – Wilma (W) das Durchschlüpfen zu ermöglichen.

AS hält seiner Frau den Stacheldraht auseinander.

Das erste Wort des Buches spricht Paul (P):

: »– : king !« –

Dazu findet sich am rechten Rand eine Assoziation Daniel Pagenstechers (DP):

(? : NOAH POKE ? (oder fu=))

Das Fragezeichen signalisiert, dass sich DP fragt, ob das »King!« Ps ein Zitat aus James Fenimore Coopers Roman »The Monikins« sei, in dem Kapitän Noah Poke seinem Erstaunen des öfteren mit diesem Ausruf Ausdruck verleiht, oder ob es sich um ein verkürztes »fucking!« handelt. Bei »The Monikins« handelt es sich um eine der anregenden Quellen für Edgar Allan Poes »Arthur Gordon Pym«. Darüber hinaus ist vielleicht erwähnenswert, dass king im Chinesischen Buch bedeutet; ASs chinesische Motive kommen allerdings erst in »Die Schule der Atheisten« so recht zum Tragen.

Am linken Rand steht dem gegenüber:

: ›Anna Muh=Muh !‹ –

Hierbei handelt es sich um eine eingedeutschte Schreibung eines der Wörter aus der Sprache von Tsalal, das sich gleich darunter auch in der Schreibung des Originals wiederfindet: »: ›Ana Moo=moo !‹« Tsalal ist die Insel, die in Poes »Arthur Gordon Pym« in der Nähe des Südpols entdeckt wird. Zugleich ist »Muh=Muh« natürlich auch eine onomatopoetische Wiedergabe des »Gestiers von JungStieren«, wie es gleich darauf in der mittleren Kolumne heißt.

Nach diesem Auftakt beginnt der erzählende Text:

Nebel schelmenzünftig.

ist ein Spiel mit dem Titel von Thomas Murners »Der schelmen zunfft«, dessen lateinische Übersetzung »Nebulo nebulonum«, also »Der Schelm der Schelme« lautet. Dies ist also nicht nur eine wortspielerische Beschreibung der Wetterlage, sondern auch eine Wiederaufnahme der bereits im Motto enthaltenen Warnung, alles folgende nicht zu ernst zu nehmen.

1 erster Dianenschlag; (LerchenPrikkel).

Dazu gibt der Pierer (Pierer’s Universal-Lexikon, 4. Auflage, 1857–1865):

Diana, […] 2) (Seew.), Tagwache von 4 Uhr bis 8 Uhr Morgens. Daher Dianaschuß, der Morgenschuß vom Admiralschiff; Dianaschlagen, Trommeln u. Pfeifen, welches die Schiffsmannschaft zur Morgenwache ruft. (Bd. 5, S. 108)

Statt der Trommeln muss auf dem Schauerfeld eine Lerche den Beginn der ersten Wache ankündigen.

Gestier von JungStieren. Und Dizzyköpfigstes schüttelt den Morgen aus. /

Beschreibung des Jungviehs, das sich auf der oder den Weiden rechts und links des Schauerfelds aufhält. Was AS mit «dizzyköpfig», also soviel wie »schwindelköpfig« meint, ist mir unklar. Vielleicht schütteln sich die Kälber selbst den Kopf schwindelig? Der Schrägstrich zeigt in ZT in der Regel an, dass nun eine andere Person spricht, oder auch, dass DP seine Rolle als Erzähler mit der als Protagonist bzw. vice versa vertauscht.

Am rechten Rand dazu der biografische Gedankensplitter DPs:

(Als Kind hab’Ich ›Euter‹ essn müssn : Meine Mutter usw. – (tz, Wahnsinn; &=Brrr…)

Es folgt die erste wörtliche Rede DPs:

: »Sie diesen Galathau, Wilma. Und wie Herr Teat’on mit Auroren dahlt :

Ob sich der Tippfehler »Sie« statt »Sieh« fruchtbar machen lässt, ist mir unklar. Das Wort »Galathau« ist ein Portmanteau-Wort aus »Tau« und »Galathea«. Tau wird offensichtlich zu dieser frühen Stunde einen der wesentlichen Eindrücke beim Betreten des Schauerfelds bilden; er wird außerdem wenige Zeilen später gebraucht, um eine »(sündije) Vision« DPs auszulösen.

Das Wort »Galathea« dagegen kann zur ersten Falltüre für den interpretatorischen Zugriff werden. In der Variante Galateia – eingedeutscht: die Milchweiße (was im Zusammenhang mit Poes »Arthur Gordon Pym« relevant ist, dessen Eingeborene auf Tsalal ja die weiße Farbe fürchten); in ASs Schreibung auch: die Milchgöttin – bezeichnet das Wort zuerst einmal eine Nymphe der griechischen Mythologie. Sie ist die Geliebte des Polyphem, also eines einäugigen Riesen. Der Hirte Akis, der sich in sie verliebt hatte, wurde von Polyphem aus Eifersucht getötet, und Galateia verwandelte den Blutstrom des Erschlagenen in einen Fluss. Dies kann als Vorverweis auf die am Fuß der Seite erfolgende Messung der Strömungsgeschwindigkeit des kleinen Bachs am Anfang des Schauerfelds gelesen werden. Auch das Motiv des Totschlags wird im ersten Buch von ZT noch einmal ausdrücklich aufgenommen werden.

Galatea ist aber auch der (nachantike) Name der Statue, die Pygmalion sich erschuf und der auf seine Bitten hin von den Göttern Leben gegeben wird. Hier kommt ein Motiv ins Spiel, das später in ZT noch ausführlich dargestellt wird: Franziska Jacobis (F) Verliebtheit in DP entspringt ganz wesentlich einem früheren Aufenthalt bei DP, der sie tief beeinflusst haben muss. Würde DP also dieser Verliebtheit Fs nachgeben, so hätte auch er sich seine Geliebte in gewissem Sinne selbst geschaffen.»Pygmalion und Galatea« ist auch der geläufige Titel eines Gemäldes von Bronzino. Es zeigt nicht nur den die lebendige Galatea anbetenden Pygmalion, sondern in der Bildmitte auch ein Stieropfer, was wiederum gut zum »Gestier von JungStieren« passt.

»Galatea« ist auch der Titel einer Schäferdichtung von Cervantes, die – witzigerweise – auf eine »Diana« Jorge de Montemayors zurückgeht. Der Roman ist unvollendet geblieben und spult im Großen und Ganzen das übliche Schema einer unglücklichen Liebe zu einer unerreichbaren Frau ab. Auch dies ist ein guter Resonanzraum für das Verhältnis bzw. Unverhältnis zischen DP und F.

Nicht zuletzt ist Galathea eine der größten Gruppen der Springkrebse, also eines Lebewesen mit einem harten Äußeren und einem weichen Kern, was als erste Charakterisierung DPs nicht schlecht passen dürfte. Ich bin sicher, dass sich weitere Assoziationen und Deutungen zu »Galathea« problemlos finden lassen.

Tithon – dem bei AS übrigens das h fehlt, das seine Galathea zuviel hat – und Aurora sind ein mythologisches Liebespaar: Die Göttin der Morgenröte Eos (Aurora) verliebt sich in den jungen Tithon, den sie entführt, um ihm dann von Zeus das Geschenk des ewigen Lebens zu erbitten. Leider vergisst sie aber, ihm auch ewige Jugend zu verschaffen, so dass er altert, während sie ewig jung bleibt. Thiton endet schließlich in der Metamorphose zu einer Zikade; ebenfalls ein Tier mit Exoskelett, wie auch der oben schon genannte Springkrebs. Auch hier wird das Liebesverhältnis zwischen DP und F angespielt: DP fürchtet sich natürlich davor, wie Thiton einer jugendlichen Geliebten auf Dauer nicht genügen zu können.

Zum Wort »dahlen« gibt Adelung folgende Auskunft:

Dahlen, verb. reg. neutr. welches das Hülfswort haben erfordert, aber nur in der vertraulichen Sprechart der Obersachsen üblich ist, tändeln, kindische Dinge vornehmen, sich albern bezeigen

Viel von dem, was im Verlauf des Buches zwischen DP und F vorgehen wird, hat den klaren Charakter des Spielens und ist wesentlich die Fortsetzung des Verhältnisses zwischen den beiden, als F noch ein Kind war.

: jetzt ist die Zeit, voll itzt zu seyn !«. /

Wurde als Übersetzung des Satzes »Yet’s the time for being now, now, now.« aus Joyces »Finnegans Wake« (FW 250) gedeutet. Das mag so sein; es scheint mir aber auch zu genügen, es als eine schmidtsche Variante des »Carpe diem« zu lesen.

Wird fortgesetzt.

Die erste Seite (3)

23. November 2010:

Weiter im Text:

Aber Sie, noch vom vor=4 benomm’m, shudderDe mit den (echtn!) Bakk’n) : »Dän – Ich bin doch wirklich a woman, for whom the outside world exists. Aber verwichne Nacht …«; (brach ab; und musterDe Mich, / Den Ihr gefälligst den Draht aus’nander Haltndän : – ? – /

Es wird noch einmal explizit die Uhrzeit bestätigt, die die Formulierung „1 erster Dianenschlag“ angedeutet hatte. Zum niedersächsischen Wort „schuddern“ gibt Adelung folgendes:

Anm. Schüttern, Nieders. schuddern, Engl. to shudder, ist dem Ursprunge nach eine unmittelbare Nachahmung des Lautes, der Form nach aber ein Intensivum und Iterativum von schutten, schütten, welches ehedem dafür gebraucht wurde. Sih scutita thiu Erda, die Erde erschütterte, Ottfr. Thaz wazar er yrscutita, er erschütterte das Wasser, eben derselbe. Zittern und schaudern sind nahe damit verwandt, nur daß schüttern in Ansehung beyder ein Intensivum ist;

Bei der Phrase „a woman, for whom the outside world exists“ besteht natürlich der Verdacht, dass es sich um ein Zitat handelt; wer kann es identifizieren? [Vgl. unten den Kommentar 1.] [D. i.: Kommentar von Friedhelm Rathjen, Zettel’s Traum lesen, 23. November 2010: „Die Phrase „a woman, for whom the outside world exists“ ist in der Tat ein (leicht abgewandeltes) Zitat, nämlich von Theophile Gautier, der freilich der französischen und nicht der englischen Literatur zuzurechnen ist – daß Schmidt ihn dennoch englisch ‚benutzt‘, liegt daran, daß er das Zitat im „Oxford Dictionary of Quotations“ fand, einem Nachschlagewerk, das er ab den frühen 1960er Jahren so ausgiebig benutzt, daß man von diesem Zeitpunkt nicht automatisch davon ausgehen kann, Schmidt kenne die entlegenen Texte, aus denen er zitiert. Die Quelle hat Schmidt in diesem Fall vermerkt, allerdings nicht im Text, sondern auf einem der Zettel, die er für die erste Textseite von ZT benutzt hat: „FW / ‚I am a man, for whom the outside world exists‘ / Th. Gautier (Quot.)“.“] Weswegen Wilma hier abbricht, bleibt unklar; offenbar hatte sie in der Nacht eine Erscheinung, die über einen normalen Traum hinausgeht. Anschließend finden wir hier die Grundlage für die bereits vorgenommene Interpretation der beiden Reihen von Xen zu Anfang der Seite. Die Zeichenfolge „: – ? –“ bezeichnet in der Regel einen fragenden Blick oder eine fragende Geste, kann aber auch eine ausformulierte Frage ersetzen, die sich aus der Antwort selbst ergibt. Am rechten Rand findet sich eine weitere Assoziation DPs:

(: we’cher Hals! We’che Stimme!
(Der eine voll, die andre rauh : kein
Zug mehr wie früher, aber noch gans
dasselbe Gesicht …)

Dies ist der erste Hinweis darauf, dass sich die Eheleute Jacobi und DP schon länger kennen. Die Verschreibung „gans“ zeigt zudem an, dass DP von Ws Intellekt nicht die höchste Meinung hegt.

: »Singularly wild place – «; (hatte P indessn gemurmlt. Er ragte, obm wie untn, aus seiner WanderHose; Er, lang=dünn & haarich) /

Die Beschreibung Ps lässt sich als erster Hinweis darauf lesen, dass die Figurenkonstellation in ZT mehrfach überdeterminiert ist. So können die Figuren unter anderem den Instanzen der Schmidt-Freudschen Persönlichkeitstheorie zugeordnet werden: W repräsentiert das Über-Ich, P das Ich, F das Es und schließlich DP die von Schmidt hinzugefabelte 4. Instanz. P wird zudem gleich bei seinem ersten Auftreten als personifizierter Penis vorgestellt.

In der linken Kolumne findet sich auf Höhe dieses Textes:

: MUUHH! – (immer näher ad Zaun
: immer (B)Rahma=bullijer

Die erste Zeile ist einfach die Fortsetzung des schon erläuterten „Gestiers von JungStieren“ in derselben Spalte; die zweite eine Reaktion auf den rechten Rand:

(Goloka=Goloka; The World of
Cows; (+ Galaxy). (: ›La vaca,
la cabra y la oveja nos dan su leche‹;
sagde gleich Eins auf; (aus’m
DERNEHL=LAUDAN …

Goloka, die Welt der Kühe, ist im Hinduismus der ewige Wohnort Krishnas:

Mit seinem aus Sein, Intelligenz und Wonne (saccid-ânanda) bestehenden Leibe genießt Krishna an höchster Stätte in der »Welt der Kühe« (Goloka) mit Râdhâ ewige Wonnen als Widerschein des geistigen Liebesverhältnisses zwischen Seele und Gott. [RGG, 3. Aufl., Bd. 3, 347]

Auch hier wird also wieder ein Liebesverhältnis angespielt, diesmal mit ausdrücklicher Betonung der Spannung zwischen Körper und Geist. „Galaxy“ ist die Milchstraße (altgr. γαλαξίας), eine Verstärkung der Motive Milch und weiß einige Zeilen weiter oben im Text. „La vaca, la cabra y la oveja nos dan su leche“ ist Spanisch und bedeutet: „Die Kuh, die Ziege und das Schaf geben uns ihre Milch“ (vgl. auch unten Kommentar 5); der „DERNEHL=LAUDAN“ ist das Spanisch-Lehrbuch, nach dem AS in der Schulzeit Spanisch gelernt hat. Auch dies ist ein Hinweis darauf, dass die Bekanntschaft der drei Erwachsenen bereits aus ihrer Schulzeit herrührt.

Das „(B)Rahma“ des linken Randes ist also zuerst einmal mit der hinduistischen Welt der Kühe vom rechten Rand assoziiert; Brahma ist eine der drei hinduistischen Hauptgottheiten. Die Einklammerung des Buchstabens B lässt zudem das Wort „Rahma“ hervortreten; zusammen mit dem Wort „bullijer“ wurde hier von einem Deuter die Zote „Hast Du Rama auf der Stulle / kannst du vögeln wie ein Bulle“ assoziiert. Dazu mag sich jeder Leser stellen, wie er will.

Wird fortgesetzt.

Die erste Seite (4)

23. November 2010:

Weiter im Text:

: »HasDu überhaupt zugehört ? Was Ich gesagt hab’ ?« / (Vollkomm’ Wilma. Aber a) : »hatt’Ich eine (sündije) Vision zu bekämpfn …«/ (: »? ! –«) / (Galant) : »So im Stiel von ›Achab + Zedecias durch 2‹ : Dich; in einem Zuber voll Thau! – «; (dann hattn Wir Se, endlich, cnorpulend, hindurch. Und b) : »Hab’Ich den D=Zug, von Eschede, rumpln hör’n.

Achab und Zedekias (in der Schreibung Sedechias) sind in Sixtus Bircks Drama „Susanna“ (1532) die beiden, die die fromme und keusche Susanna im Bade beobachten. Die Fabel des Dramas geht auf das biblische Buch Daniel (13, 1 ff.) zurück; es handelt sich dabei um einen der Fälle, an dem sich Daniel als weiser und gerechter Richter beweist. Natürlich möchte auch DP als ein solch weiser und gerechter Richter, und sei es auch nur in Sachen Literatur, angesehen werden. Mit Material aus dem Buch Daniel spielt AS noch öfter; auch ist vermutet worden, dass die Seitenzahl des TS von ZT durch Daniel 12, 12 determiniert ist:

Wohl dem der durchhält und dreizehnhundertfünfunddreißig Tage erreicht!

Wir werden sehen.

DP hat die Vision von Achab und Zedekias nur „durch 2“, da er sie alleine hat; es mag aber auch sein, dass er W als nur halb so attraktiv imaginiert wie die biblische Susanna. Der „Zuber voll Thau“ ist natürlich assoziativ ausgelöst von dem zuvor bereits kommentierten Wort „Galathau“. Wichtig für den weiteren Verlauf des Romans ist aber, dass hier erstmals das Motiv des Voyeurs angespielt wird. Es werden wenige Zeilen später auch entsprechende Gerätschaften folgen.

Das Wort „cnorpulend“ ist wohl zusammengezogen aus korpulent, Knorpel und pulen: Man hat sich W, wie auch der bereits erwähnte ‚volle Hals‘ andeutete, als eher vollschlanke Frau vorzustellen; die Bandscheiben in ihrem Rücken werden beim Durchklettern des Stacheldrahtzauns beansprucht und offenbar führt alles dies dazu, dass sie von den beiden Herren eher sanft durch den Zaun hindurch gezogen (gepult) werden muss, als dass sie die Passage wirklich selbst bewältigt.

Eschede ist eine Kleinstadt in der Lüneburger Heide und den meisten heute wohl bekannt durch das ICE-Unglück im Juni 1998. Die Bahnstrecke durch Eschede führt von Celle nach Uelzen und ist Teil der Bahnstrecke zwischen Hannover und Hamburg. Sollte DP tatsächlich in der Lage sein, einen D-Zug auf dieser Strecke „rumpln“ zu hören, so liegt das fiktive Ödingen, in dem ZT hauptsächlich spielt, wahrscheinlich ein gutes Stück westlich von ASs Wohnort Bargfeld. Es mag auch sein, dass es in den 60er Jahren von Eschede aus noch eine direkte Verbindung zur Strecke zwischen Celle und Hankesbüttel gegeben hat (hier mögen bitte Ortskundige einspringen); diese Bahnstrecke verläuft südlich von Eldingen und liegt deutlich näher an Bargfeld, was die konkrete Lage von Ödingen wieder an Bargfeld annähern könnte.

Am rechten Rand findet sich auf Höhe des Satzes „dann hattn Wir Se, endlich, cnorpulend, hindurch“

(? – : b/cnuffDe’s nich? Bescheidnt-
lich; von hintn ? … / (›Die Gopis
(= KuhHirtinnen) waren rasend vor
Liebe zu Krischna/an : als er seine Flöte
spielde, kamen sie=Alle, mit ihm
zutanzn …‹). /

Die hier verwendeten Zeichengruppen „b/cn“ und „na/an“ sind, auch im Weiteren so verwendete, Notlösungen, um die Ramifikationen (Verästelungen) des Textes – hier Ramifikation 1 und Ramifikation 2– wiederzugeben. AS hatte diese typographische Spielerei bereits früher verwendet, ab ZT wird es aber zu einem wesentlichen Mittel seiner Schriftsprache. Während die dadurch erzeugten Wortvarianten an dieser Stelle nur einen spielerischen Charakter zu haben scheinen, werden sie im weiteren Text zum optischen Darstellungsmittel für die Unterwanderung der Wörter durch die von AS sogenannten Etyms. Was Etyms sind und wozu sie dienen, muss später an gegebener Stelle erörtert werden. Es sei hier nur nebenbei erwähnt, dass das Wort „Ramifikation“ selbst einen vortrefflichen Anlass für eine Etym-Analyse bietet.

Wer es ist, der DP bufft und knufft lässt sich nur vermuten, aber wahrscheinlich handelt es sich um F, die DP von seiner zu intensiven Beschäftigung mit ihrer Mutter ablenken möchte. Die Konkurrenz von Mutter und Tochter um die Sympathie und Aufmerksamkeit DPs wird eine bestimmende Konstante der Figurenkonstellation in ZT sein.

Woher das Zitat mit den Gopis genau stammt, wurde meines Wissens bislang nicht identifiziert. Es passt aber gut in nahezu jede beliebige Darstellung der Existenz Krishna im zuvor bereits erwähnten Reich Goloka. Natürlich ist sowohl das Spiel der Flöte als auch der Tanz der Gopis mit Krishna schon im Ursprung und nicht erst bei AS stark sexuell konnotiert.

Die Ramifikation Krischna/an ist wohl die schlichteste Art der Verweltlichung des Mythos, die möglich ist. Ob dabei auch eine Parallelität zwischen Krishna und Christus bzw. zwischen Hinduismus und Christentum (Krischan ist ja nur die norddeutsche Verschleifung den Namens Christian) mitgedacht werden soll, bleibt offen.

– (?) – : Nu ›Eintrübunc‹.«; (Vorkeime v Wolckn; Windwebm.) : »Was willsDú nehm’ Fränzel ? : ’s DopplGlas ? Oder die YASHIKA ?«. / (Sie griff stumm. Und der LederRiem’m teilde. (›Das ließ Ihr schön zu den dunkelblauen Augen‹. (Und dem Pleas’see=Rock; waid genoug für Zweie.))) /

Auf eine nicht ausformulierte Frage Fs hin, wendet sich DP nun ihr zu. Nach der Erklärung der meteorologischen Lage, werden nun die Werkzeuge des oben bereits ins Spiel gebrachten Voyeurs verteilt: Fernglas und Kamera. Zur Übereinstimmung meines Nachnamens mit dem in ZT häufig gebrachten Kosenamen Fs sei hier nur angemerkt, dass meine Schmidt-Lektüre erst mehrere Jahre nach dessen Tod begonnen hat. F greift sich wortlos eines der beiden Geräte und hängt es sich so um, dass der Lederriemen zwischen ihren Brüsten durchläuft; da sie im Gegensatz zu ihrer Mutter aber eher kleine Brüste hat, „teild“ der Lederriemen weich. Rechts findet sich dazu das Zitat:

: ›did diuide her daintie paps‹; SPENSER …

Also etwa: ‚Teilte ihre zierlichen Nippel‘; es handelt sich um ein Zitat aus Edmund Spensers „The Faerie Queene“ (1590–1596). ASs archaisch anmutende Schreibung „diuide“ scheint dem ursprünglichen Text Spensers zu entsprechen. „The Faerie Queene“ wird in ZT relativ häufig zitiert, was den phantastischen Tendenzen des Buchs gut entspricht. Bereits über die Assoziation mit dem Traum des Webers Bottom hatte Schmidt ZT als ein (auch) phantastisches Buch gekennzeichnet, und, wie bereits angedeutet, Geister und andere phantastische Erscheinungen spielen in ihm keine unwesentliche Rolle. Für die Liebhaber von Verschwörungstheorien sei hier angemerkt, dass Spenser ursprünglich geplant hatte, „The Faerie Queene“ in zwölf Büchern zu je zwölf Gesängen zu schreiben; aus dem Namen Daniel und der doppelten 12 ergibt sich dann unschwer die Notwendigkeit, dass ZT im TS 1335 Seiten haben musste. In die gleiche Kategorie gehört auch das von Zeit zu Zeit kolportierte Faktum, AS habe die 120.000 Zettel zu ZT (vgl. BA Suppl. 2, S. 33) in 12 Zettelkästen organisiert; auch hieraus ergeben sich sicherlich weitreichende Folgen.

Ob es sich bei „›Das ließ Ihr schön zu den dunkelblauen Augen‹“ tatsächlich um ein Zitat handelt, ist mir unklar. Jedenfalls haben unzählige literarische Heldinnen und Geliebte dunkelblaue Augen. [Siehe auch unten Kommentar 4.] [Kommentar von MF, Zettel’s Traum lesen, 26. November 2010: „Wie ich der Poe-Biografie von Zumbach (München: Winkler, 1986. S. 247) entnehme, hatte Poes Virginia „veilchenblaue Augen“.“] Beim „Pleas’see=Rock“ handelt es sich um eine weitere wichtige Technik von ASs Schriftsprache, dem systematischen Verschreiben von Wörtern, so dass eine zweite Bedeutung im klanglich identischen oder ähnlichen Material aufscheint. Hier ist das Beispiel relativ unverfänglich: F trägt einen Plissee-Rock, der außerdem nett aunzuschauen ist bzw. ihr gut steht. Die gleich darauf folgende Verschreibung „waid“ könnte den Waidmann anspielen (assoziativ ausgelöst durch das Doppelglas), es könnte aber auch die Waid-Pflanze assoziiert sein, einer wichtigen Farbstoff-Lieferantin des Mittelalters für blaue Farbe. Die Verschreibung „genoug“ hat sich mir bislang nicht erschlossen. [Vgl. dazu unten den Kommentar 2.] [Kommentar von MF, Zettel’s Traum lesen, 24. November 2010: „zu genoug: Bis Nougat war ich auch gekommen, fand aber keinen richtigen assoziativen Haken im Umfeld. Doch der Hinweis auf die Süßigkeit ist gut, denn damit läßt es sich an das „daintie“ aus der rechten Spalte anhängen, das nämlich auch lecker heißen kann.

zu Lama=Lama: Die Assoziation mag schon hinkommen, denn die JungStiere stehen sicherlich auch als Symbole der Fruchtbarkeit und Potenz da. Wichtiger aber ist, glaube wenigstens ich, dass AS später (ZT 35, TS 31) Lama via der Lautweiche Lahem als Fleisch übersetzen wird. (Ich war gestern nur zu faul, es noch herauszusuchen.) Gemeint ist also eher, dass es sich bei den Kälbern, die jetzt noch munter auf der Weide herumspringen, eigentlich schon um totes Fleisch handelt. Das „werdt’ ihr früh“ wäre dann durch ein (leckeres?) genoug zu ergänzen. Das gehört daher eher in die Reihe der Todesmotive, von denen die Impotenzklage allerdings auch eines ist. Es ist also nicht so weit auseinander.“]

Ungefähr auf der Höhe des letzten Zitates steht in der linken Spalte:

? – : »Lama=Lama!« – (: werdt’ ihr
früh. (Sie schüttltn auch die Ohren
so=oft …))

„Lama=Lama!“ ist ein Ausruf der Eingeborenen auf Tsalal. Es sind einige Versuche gemacht worden, diese Sprache, von der Edgar Allan Poe nur wenige Wörter und einen einzigen Satz mitteilt, zu übersetzen. Keiner dieser Versuche ist letztlich überzeugend. Wir werden noch sehen, was AS dazu entwickelt. Das Satzfragment „werdt’ ihr früh“ bleibt vorerst unverständlich. [Vgl. auch unten den Kommentar 2.]

Wird fortgesetzt.

Die erste Seite (5)

3. Dezember 2010:

Weiter im Text:

(? –) : »Ganz=winzij’n Moment nur … (: dreh langsam, 1 Mal, den Kopf in die Wunder einer anderen AtmoSfäre … (?) – : nu, ne Sonne von GoldPapier, mit roth’n Bakkn et=caetera ?)) – : verfolg ma das WasserlinsnBlättchin, Franziska=ja ? – (?) – : Ganz=recht; (Ch kuck aufdii Uhr). –«; (und knien; am WegeGrabm, zu Anfang des Schauerfeld’s) : »Ch wollt die StrömungsGeschwindichkeit ma wissn : Wir habm Zeit, individuell zu sein, gelt Fränzi?« « (Und erneut zu W, /

Der erste Satz scheint an W gerichtet zu sein, wie der Schluss der zitierten Passage und der rechte Rand klar machen:

(da W Uns, anschein’d n Ausputzer
gebm wollte. (: heut regier’Ich :
morgn fahrt Ihr wieder

Diese Marginalie enthält eine wichtige zeitlich Rahmenbedingung des Geschehens, die auch gleich darauf noch einmal betont werden wird: Der Tag, den ZT beschreibt, ist in vielerlei Hinsicht ein letzter Tag, ein Tag, der in sich abgeschlossen ist und etwas besonderes darstellt. Zum heute so nicht mehr gebräuchlichen Wort „Ausputzer“ schreibt Adelung:

Der Ausputzer, des -s, plur. ut nom. sing. der etwas ausputzet. Figürlich, im gemeinen Leben, ein scharfer Verweis. Einem einen derben Ausputzer geben.

Im obigen Zitat aus der Mittelkolumne ist wohl wichtig, dass DP W gegenüber für ein und denselben Sachverhalt zwei sehr unterschiedliche Formulierungen gebraucht: Die „die Wunder einer anderen AtmoSfäre“ können auch als „ne Sonne von GoldPapier, mit roth’n Bakkn et=caetera“ beschrieben werden. Hier kündigt sich DPs Methode der Interpretation an, die später im Text als „Etym=Methode“, „Etymkunde“, „Etym=Analyse“ oder auch explizit als „Etym=Theorie“ bezeichnet werden wird. Für diese Lesart von Texten wird es – besonders auch bei denen Edgar Allan Poes – charakteristisch sein, dass eine gravitätischen Formulierung mit eine ihre Erhabenheit entlarvende Deutung gegenübergestellt wird. Ich selbst habe mir in meiner Einführung zu Schmidts erzählerischem Werk erlaubt, diese Methode als „Etymmystik“ zu bezeichnen, da zumindest DP mit dieser Methode darauf abzuheben scheint, die oberflächliche Lektüre von Texten durch eine wahrere, unmittelbarere Lektüre zu ergänzen. Ich werde hier in im weiteren dei Abkürzung EM für diese Art des Textzugriffs verwenden, wobei sich jeder nach Belieben denken mag, ob dies für Etym-Methode oder Etymmystik stehen soll.

Der zweite Teil des obigen Zitats leitet eine Messung der Strömungsgeschwindigkeit des kleinen Bächleins im „WegeGrabm, zu Anfang des Schauerfeld’s“ ein. Dies im weiteren Roman wohl keine Rolle mehr spielende Detail könnte in zweierlei Hinsicht gedeutet werden: Zum einen ist für DP die ihn umgebende Welt nicht nur Anlass zur äußerlichen Betrachtung, sondern er objektiviert sie auch – die Welt wird nicht nur betrachtet, sondern auch vermessen; auch hier liegen, wie bereits oben thematisiert, zwei Zugriffe auf die Welt nebeneinander vor. Zum anderen kann das Knien „am WegeGrabm“ auch als eine religiöse Geste gedeutet werden. Hinweis darauf könnte das kurze Poe-Zitat am linken Rand sein:

(›watered by a beautiful stream,
which bears the name of ISIS, the
divinity of the Nile & the Ceres of
the egyptians‹. (REC.WALSH))

Das Bächlein wird also assoziiert mit der Isis, der Göttin des Nils und der Ceres der Ägypter, was zum einen eine erneute Aufnahme des Themas Fruchtbarkeit ist, für das auch schon die die linke Kolumne bisher beherrschenden Jungstiere stehen können, zum anderen aber eben für das Knien „am WegeGrabm“ ein religiöses Assoziationsfeld liefert. Vor wem oder was hier dann tatsächlich das Knie gebeugt würde, lässt sich wohl noch nicht erkennen.

F stimmt der Aussage DP, man „Zeit, individuell zu sein“ schweigend zu, wie der rechte Rand verrät:

(Sie nickde, schweignd …

Weiter in der mittleren Kolumne:

(Und erneut zu W, / (Die, irgndwie=gereizt, Paul just ein’n ›Altn Dämian‹ hieß : ! –) / : »Lieb=sein Wilmi. Villeicht sind Wa, an Unserm 1 Tag Fee’rij’n, ooch noch grawitätisch! –

Meine Lektüre des Hesseschen „Demian“ liegt zulange zurück – und ich möchte sie auch nicht auffrischen –, um noch beurteilen zu können, ob es sich bei „Dämian“ um ein spezifisches Schimpfwort handelt; der Dämlack dürfte bei der Schöpfung des Wortes Pate gestanden haben.

Auch hier wird, wie oben bereits gesagt, betont, dass es sich bei dem Tag, den ZT beschreibt, um einen besonderen Tag handelt. Das Wort gravitätisch wird natürlich mit „w“ geschrieben, weil es dann gravitätischer erscheint.

: Iss’oweit Friendsel?« – ; / – ; – / : »Jetz ! –« (versetzDe der GlocknRock nebm Mir : – (präziser die Bluse von schlankstim Ausschnitt, satinisch ainzuschau’n. Der RotMund voller SchneideZähne (aber unlächlnd). /

Diese zweite Beschreibung Fs wird rechts ergänzt durch die Marginalie:

((ein ›leidliches Lärvchin‹ ? (m=m ! :
reicht nich ganz ! …

[Die beiden „m“ in „m=m“ tragen im Buch einen Accent grave.]

Hier wird die spielerische Beschreibung der Kleidung Fs fortgesetzt: Die Bluse ist aus Satin und von „schlankstim Ausschnitt“ – durch das „i“ wird das Wort schlanker als in der Duden-Orthografie –, aber es ist wohl auch so, dass F an der Bluse einen Knopf zu viel offen gelassen hat, denn sie hat die satanische Absicht, DP in sich verliebt zu machen, und also kann er die Bluse auch ein wenig zu sehr hinainschauen.

Die Formulierung vom „leidlichen Lärvchen“ lässt sich zum Beispiel in Ludwig Ferdinand Hubers Lustspiel „Juliane“ wiederfinden, ohne dass ich behaupten möchte, dass dieser Text für ZT irgendeine Relevanz hat.

Ungefähr an dieser Stelle schließt der Text der erste Seite des TSs. Am Fuß der Seite findet sich eine Skizze des realen Schauerfeldes, jenes Bargfelder Grundstücks, das AS im April 1965 für 1.000 DM von Wilhelm Michels gekauft hat. Die Skizze ist mit Schrittmarken versehen, auf die im weiteren Text von ZT dann Bezug genommen wird. AS hat für viele Schauplätze seiner Texte solche Skizzen angelegt; in der ersten Buchausgabe der „Gelehrtenrepublik“ z. B. wurde seine Skizze der IRAS, der schwimmenden, stählernen Insel, auf der der zweite Teil des Romans spielt, auf den Vorsatz gedruckt.

Trenner

Es hat hier einigen Aufwand gebraucht, um der ersten Seite wenigstens einigermaßen Herr zu werden – wobei, das sei hier gern noch einmal betont, keinerlei Anspruch erhoben wird, diese erste Seite tatsächlich ausgeschöpft zu haben. Es hat sich gezeigt, dass zumindest einzelne Passagen von ZT an den Leser einigen Anspruch stellen, wenn er auch nur grundlegend erfassen will, was sich im Text abspielt. Von Lesen im klassischen Sinne kann in solchen Fällen kaum mehr die Rede sein, vielmehr ist der Leser gezwungen, vieles im Text unverstanden auf sich beruhen zu lassen – nicht die schlechteste Strategie im Umgang mit ZT – oder sich den Text zu erarbeiten bzw. – das dürfte der Absicht ASs mehr entsprechen – ihn zu enträtseln.

Arno Schmidt über seinen Zettelkästen mit Kater HintzeDass AS Spaß am Verrätseln und an seiner eigenen Schlauheit gehabt hat, ist für seine treuen Leser eine Konstante des Werks. ZT geht dabei in einigen Passagen weiter als die zuvor entstandenen Texte. Gerade bei der ersten Seite wurde hier schon die Möglichkeit angedacht, dass sie eine Abwehrgeste darstellt gegenüber unbefugten Lesern, also solchen, von denen der Autor glaubt, dass sie seinem eigenen Anspruch an eine gelungene Textrezeption nicht genügen können.

[…] ich habe Ihnen da entgegen zu halten, daß es ja leider im Verhältnis zu anderen Künsten, der Musik oder der Malerei zum Beispiel, der allgemein verbreitete Irrtum beim Leser ist, weil er lesen kann, könnte er auch jedes Buch lesen, sehen Sie, in der Musik wird das niemandem einfallen, wenn ich da einem Laien eine Partitur vorlege, wird er gern zugeben, daß er nichts, auch gar nichts davon versteht, aber bei einem Buch die Buchstaben sind jedem geläufig, auch einzelne Worte, und so meint jeder, daß er ohne weiteres lesen und vielleicht gar auch schreiben könne, das ist aber ein Irrtum, denn auch in diesem Falle hat sich eben der Fachmann so weit von dem rohen Laien entfernt, daß, das gebe ich Ihnen gerne zu, eine Annäherung da schwer möglich ist, […] [BA Supl. 2, S. 10]

Diese Äußerung stammt aus einem Rundfunk-Interview, das Martin Walser bereits im Jahr 1952 mit AS geführt hat. Die hier zum Ausdruck kommende elitäre Haltung des Autors seinen potentiellen Lesern gegenüber liegt wohl ganz wesentlich auch ZT zugrunde, und das, obwohl es ironischer Weise gerade dieses Buch war, das AS so bekannt gemacht hat wie keine seiner Veröffentlichungen zuvor.

Natürlich wird meine weitere Lektüre nicht durchgehend in dieser Ausführlichkeit annotiert werden können und müssen, wie dies hier für die erste Seite geschehen ist. Es wird sich zeigen, welches Gleichgewicht zwischen Lesen und Enträtseln sich einstellen bzw. wie weit das Lesen und Enträtseln überhaupt gelingen wird.

Stimmt.

Bilder: via Textquelle;
Norbert Barth: Arno Schmidt mit Kater Hintze über Zettelkästen, ca. 1955,
via Kater Paul: Arno Schmidt und seine Katzen, 2. Januar 2011.

Wenn ich da einem Laien eine Partitur vorlege:
The Dubliners: Barney’s Mozart, aus: Hometown!, 1972:

Written by Wolf

25. Dezember 2020 at 00:01

Coronadvent 5: The effects of Herod’s jealous general doom

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Update zur John-Donne-Serie in Moby-Dick™,
Traume-trunkene feministische Ikonen, der lange Weg zum Eros und ein Stück weiter (oder vierzehn)
und zum 4. Katzvent: Was ich gebar in Stunden der Begeisterung:

Ane Lundeby, Winter, Norwegen, Flickr, 9. Dezember 2010 bis 20. Januar 2016

Die schönste von allen bekannten Tausenden Versionen Stille Nacht ist zweifellos eine englische – Silent Night –, nämlich die von die von Tom Waits. Sie ist nie auf einer Original-CD von ihm erschienen, insofern eine Rarität, nur auf SOS United, 1989 – eine Stiftung von Tom Waits für die SOS-Kinderdörfer. Der teilhabende Kinderchor bleibt unbekannt, weil ungenannt.
Im Video: Correggio: Anbetung der Hirten, 1530 (Detail); Tintoretto, 1545 oder 1578; Gerrit van Honthorst, 1622 oder 1646.

Wir warten aufs Christkind, wenn wir in sotane Stimmung geraten sind, und lesen in alten Büchern: Ein regelrechter Sonettenkranz kann La Corona nicht sein, weil diese Form verbindlich erst im italienischen 18. Jahrhundert beschrieben wurde. In England kurz vor 1620 — das heißt: elisabethanisch und ab 1603 unter König James „Jakob“ I. — flocht John Donne trotzdem eine Krone — in petrarkischer Tradition auf italienisch: corona — aus nicht gerade fünfzehn, aber immerhin sieben Sonetten, die für dieses Zeitalter thematisch und formal höchst kunstvoll zusammenhängen.

Ane Lundeby, Winter, Norwegen, Flickr, 9. Dezember 2010 bis 20. Januar 2016

Belege, gar Interpretationen über diese siebenzackige Krone sind fürs Englische so spärlich gesät wie fürs Deutsche. Am meisten, dafür gleich in befriedigender Tiefe, erfahren wir vom deutschen Silvae in: La Corona vom 24. Dezember 2011:

Ane Lundeby, Winter, Norwegen, Flickr, 9. Dezember 2010 bis 20. Januar 2016

[…] Eigentlich, so sagt Helen Gardner, sind die sieben Sonette ein einziges Gedicht. Sie sind miteinander verknüpft, weil sie die Geschichte Jesu Christi erzählen — und weil die jeweils erste Zeile die letzte Zeile des vorhergehenden Gedicht aufnimmt. Die corona des Titels wird sofort in der ersten Zeile des ersten Sonetts aufgenommen: Deign at my hands this crown of prayer and praise. Das ist schon ein geistvolles Spiel. […]

La Corona gehört zu den frühesten religiösen Gedichten von John Donne, die Holy Sonnets werden wenige Zeit später folgen. Er schreibt jetzt religiöse Lyrik, er übt sich ein für seinen neuen Beruf. Wir kennen ihn sonst ja eher als Verfasser von Liebeslyrik. So gewagten Liebesgedichten wie die Elegy XX (To His Mistress Going to Bed). Für den Verfasser von Liebesgedichten bedeutet dear womb auch etwas anderes als es hier bedeutet. Aber er hat das Bild womb — prison nicht vergessen, er wird es zehn Jahre später noch einmal in einer Predigt gebrauchen: We are all conceived in close Prison; in our Mothers wombs, we are close Prisoners all; when we are borne, we are borne but to the liberty of the house; Prisoners still, though within larger walls; and then all our life is but a going out to the place of Execution, to death.

Es ist eine gefährliche Sache für John Donne, religiöse Lyrik zu schreiben. Katholiken sind unter James I nicht en vogue, auf jeden Fall nicht für Hof- und Staatsämter. Wann immer er auf Drängen des Königs dem katholischen Glauben abgeschworen hat, im Jahre 1615 wird er zum anglikanischen Priester geweiht. Und wird gleich Royal Chaplain. Sechs Jahre später ist er Dean der St. Paul’s Cathedral. Man muss sehr flexibel sein, in diesen Jahren. Wer hat da nicht in England seit den Tagen von Henry VIII seinen Kopf verloren? Die Bildlichkeit von La Corona ist, wie Helen Gardner gezeigt hat, noch von dem katholischen Glauben geprägt, mit dem John Donne aufgewachsen ist. Dem Dichter gelingt der Spagat zwischen Religiösem und Weltlichem, zwischen Rom und anglikanischer Staatskirche. Seine religiöse Lyrik benutzt die gleiche Symbolik wie seine Liebeslyrik. Und vice versa. Und dass La Corona eigentlich eine katholische Madonnenverehrung ist, das merken nur Dame Helen und John Carey (dessen Buch John Donne: Life, Mind and Art die beste Einführung in das Werk von John Donne ist). Und warum auch nicht? Was sollen die künstlichen Grenzen zwischen den Religionen? […]

Das Ende von Rückblicken sollte hoffnungsvoll sein.

Ane Lundeby, Winter, Norwegen, Flickr, 9. Dezember 2010 bis 20. Januar 2016

——— John Donne:

La Corona

vor 1620:

I. Deign at my hands this crown of prayer and praise,
   Weaved in my lone devout melancholy,
   Thou which of good hast, yea, art treasury,
   All changing unchanged Ancient of days.
   But do not with a vile crown of frail bays
   Reward my Muse’s white sincerity ;
   But what Thy thorny crown gain’d, that give me,
   A crown of glory, which doth flower always.
   The ends crown our works, but Thou crown’st our ends,
   For at our ends begins our endless rest.
   The first last end, now zealously possess’d,
   With a strong sober thirst my soul attends.
   ‚Tis time that heart and voice be lifted high ;
   Salvation to all that will is nigh.

Ane Lundeby, Winter, Norwegen, Flickr, 9. Dezember 2010 bis 20. Januar 2016

Annunciation.

2. Salvation to all that will is nigh ;
   That All, which always is all everywhere,
   Which cannot sin, and yet all sins must bear,
   Which cannot die, yet cannot choose but die,
   Lo ! faithful Virgin, yields Himself to lie
   In prison, in thy womb ; and though He there
   Can take no sin, nor thou give, yet He’ll wear,
   Taken from thence, flesh, which death’s force may try.
   Ere by the spheres time was created thou
   Wast in His mind, who is thy Son, and Brother ;
   Whom thou conceivest, conceived ; yea, thou art now
   Thy Maker’s maker, and thy Father’s mother,
   Thou hast light in dark, and shutt’st in little room
   Immensity, cloister’d in thy dear womb.

Ane Lundeby, Winter, Norwegen, Flickr, 9. Dezember 2010 bis 20. Januar 2016

Nativity.

3. Immensity, cloister’d in thy dear womb,
   Now leaves His well-beloved imprisonment.
   There he hath made himself to his intent
   Weak enough, now into our world to come.
   But O ! for thee, for Him, hath th‘ inn no room ?
   Yet lay Him in this stall, and from th‘ orient,
   Stars, and wise men will travel to prevent
   The effects of Herod’s jealous general doom.
   See’st thou, my soul, with thy faith’s eye, how He
   Which fills all place, yet none holds Him, doth lie ?
   Was not His pity towards thee wondrous high,
   That would have need to be pitied by thee ?
   Kiss Him, and with Him into Egypt go,
   With His kind mother, who partakes thy woe.

Ane Lundeby, Winter, Norwegen, Flickr, 9. Dezember 2010 bis 20. Januar 2016

Temple.

4. With His kind mother, who partakes thy woe,
   Joseph, turn back ; see where your child doth sit,
   Blowing, yea blowing out those sparks of wit,
   Which Himself on the doctors did bestow.
   The Word but lately could not speak, and lo !
   It suddenly speaks wonders ; whence comes it,
   That all which was, and all which should be writ,
   A shallow seeming child should deeply know ?
   His Godhead was not soul to His manhood,
   Nor had time mellow’d Him to this ripeness ;
   But as for one which hath a long task, ‚tis good,
   With the sun to begin His business,
   He in His age’s morning thus began,
   By miracles exceeding power of man.

Ane Lundeby, Winter, Norwegen, Flickr, 9. Dezember 2010 bis 20. Januar 2016

Crucyfying.

5. By miracles exceeding power of man,
   He faith in some, envy in some begat,
   For, what weak spirits admire, ambitious hate :
   In both affections many to Him ran.
   But O ! the worst are most, they will and can,
   Alas ! and do, unto th‘ Immaculate,
   Whose creature Fate is, now prescribe a fate,
   Measuring self-life’s infinity to span,
   Nay to an inch. Lo ! where condemned He
   Bears His own cross, with pain, yet by and by
   When it bears him, He must bear more and die.
   Now Thou art lifted up, draw me to Thee,
   And at Thy death giving such liberal dole,
   Moist with one drop of Thy blood my dry soul.

Ane Lundeby, Winter, Norwegen, Flickr, 9. Dezember 2010 bis 20. Januar 2016

Resurrection.

6. Moist with one drop of Thy blood, my dry soul
   Shall—though she now be in extreme degree
   Too stony hard, and yet too fleshly—be
   Freed by that drop, from being starved, hard or foul,
   And life by this death abled shall control
   Death, whom Thy death slew ; nor shall to me
   Fear of first or last death bring misery,
   If in thy life-book my name thou enroll.
   Flesh in that long sleep is not putrified,
   But made that there, of which, and for which it was ;
   Nor can by other means be glorified.
   May then sin’s sleep and death soon from me pass,
   That waked from both, I again risen may
   Salute the last and everlasting day.

Ane Lundeby, Winter, Norwegen, Flickr, 9. Dezember 2010 bis 20. Januar 2016

Ascension.

7. Salute the last and everlasting day,
   Joy at th‘ uprising of this Sun, and Son,
   Ye whose true tears, or tribulation
   Have purely wash’d, or burnt your drossy clay.
   Behold, the Highest, parting hence away,
   Lightens the dark clouds, which He treads upon ;
   Nor doth He by ascending show alone,
   But first He, and He first enters the way.
   O strong Ram, which hast batter’d heaven for me !
   Mild Lamb, which with Thy Blood hast mark’d the path !
   Bright Torch, which shinest, that I the way may see !
   O, with Thy own Blood quench Thy own just wrath ;
   And if Thy Holy Spirit my Muse did raise,
   Deign at my hands this crown of prayer and praise.

Ane Lundeby, Winter, Norwegen, Flickr, 9. Dezember 2010 bis 20. Januar 2016

Bilder: Ane Lundeby: Winter, Norwegen, 9. Dezember 2010 bis 20. Januar 2016.

Ane Lundeby, Winter, Norwegen, Flickr, 9. Dezember 2010 bis 20. Januar 2016

Soundtrack: John Dowland: Now o Now I Needs Must Part,
aus: First Booke of Songes or Ayres of foure partes with Tableture for the Lute, London 1597;
Les Canards Chantants are trailed (or guided?) by a mysterious lutenist during a day out on a vintage steam train:

Bonus Track: The Coronas and Gabrielle Aplin: Lost in the Thick of It,
aus: True Love Waits, 2020:

Written by Wolf

24. Dezember 2020 at 00:01

Wer hätte da sich um Blumen bekümmert?

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Update zu Pflanzenähnlichkeit der Weiber:
Novalis und die Frau als Königin, Mineral und Nahrungsmittel
:

Klar bleibt allein, dass der Begriff der Blauen Blume der deutschen Romantik von Novalis in die „hohe“ Literatur eingeführt wurde.

Allenfalls findet sich ein vager Hinweis auf „eine alte Volkssage, lange vor der Romantik“ in der „jemand zufällig eine blaue Wunderblume“ findet; „durch sie erlangt er Zugang zu verborgenen Schätzen“ — näher werden wir nicht zur Quelle geführt. Schlüssig nachweisbar ist nur Novalis‘ Roman Heinrich von Ofterdingen von 1800, posthum 1802 erschienen. Darin liegt „der Jüngling“ gleich zu Anfang des ersten Kapitels

unruhig auf seinem Lager, und gedachte des Fremden und seiner Erzählungen. Nicht die Schätze sind es, die ein so unaussprechliches Verlangen in mir geweckt haben, sagte er zu sich selbst; fern ab liegt mir alle Habsucht: aber die blaue Blume sehn‘ ich mich zu erblicken. Sie liegt mir unaufhörlich im Sinn, und ich kann nichts anders dichten und denken. So ist mir noch nie zu Muthe gewesen: es ist, als hätt‘ ich vorhin geträumt, oder ich wäre in eine andere Welt hinübergeschlummert; denn in der Welt, in der ich sonst lebte, wer hätte da sich um Blumen bekümmert, und gar von einer so seltsamen Leidenschaft für eine Blume hab‘ ich damals nie gehört.

Heinrich, würde man heute sagen, verarbeitet also im Halbschlaf seinen Tag. Nicht viel später im Text „träumte ihm erst von unabsehlichen Fernen, und wilden, unbekannten Gegenden“:

Berauscht von Entzücken und doch jedes Eindrucks bewußt, schwamm er gemach dem leuchtenden Strome nach, der aus dem Becken in den Felsen hineinfloß. Eine Art von süßem Schlummer befiel ihn, in welchem er unbeschreibliche Begebenheiten träumte, und woraus ihn eine andere Erleuchtung weckte. Er fand sich auf einem weichen Rasen am Rande einer Quelle, die in die Luft hinausquoll und sich darin zu verzehren schien. Dunkelblaue Felsen mit bunten Adern erhoben sich in einiger Entfernung; das Tageslicht das ihn umgab, war heller und milder als das gewöhnliche, der Himmel war schwarzblau und völlig rein. Was ihn aber mit voller Macht anzog, war eine hohe lichtblaue Blume, die zunächst an der Quelle stand, und ihn mit ihren breiten, glänzenden Blättern berührte. Rund um sie her standen unzählige Blumen von allen Farben, und der köstlichste Geruch erfüllte die Luft. Er sah nichts als die blaue Blume, und betrachtete sie lange mit unnennbarer Zärtlichkeit. Endlich wollte er sich ihr nähern, als sie auf einmal sich zu bewegen und zu verändern anfing; die Blätter wurden glänzender und schmiegten sich an den wachsenden Stengel, die Blume neigte sich nach ihm zu, und die Blüthenblätter zeigten einen blauen ausgebreiteten Kragen, in welchem ein zartes Gesicht schwebte. Sein süßes Staunen wuchs mit der sonderbaren Verwandlung, als ihn plötzlich die Stimme seiner Mutter weckte, und er sich in der elterlichen Stube fand, die schon die Morgensonne vergoldete.

Halten wir fest: Der romantisch verträumte Jüngling Heinrich erfährt in der Exposition unvermittelt durch einen nicht näher bezeichneten Fremden — vielleicht dem erst später auftretenden Klingsohr — von einer blauen Blume, die gleichfalls nicht genauer denn „lichtblau“ und impilzit von auffallender Schönheit beschrieben wird. Gegen Ende desselben ersten Kapitels tritt zutage, dass auch Heinrichs Vater einst von einer Blume geträumt hat, sich aber nicht an deren Farbe und sonstige Beschaffenheit erinnert:

Ach! liebster Vater, sagt mir doch, welche Farbe sie hatte, rief der Sohn mit heftiger Bewegung.

Das entsinne ich mich nicht mehr, so genau ich mir auch sonst alles eingeprägt habe.

War sie nicht blau?

Es kann seyn, fuhr der Alte fort, ohne auf Heinrichs seltsame Heftigkeit Achtung zu geben. Soviel weiß ich nur noch, daß mir ganz unaussprechlich zu Muthe war, und ich mich lange nicht nach meinem Begleiter umsah. Wie ich mich endlich zu ihm wandte, bemerkte ich, daß er mich aufmerksam betrachtete und mir mit inniger Freude zulächelte. Auf welche Art ich von diesem Orte wegkam, erinnere ich mir nicht mehr. Ich war wieder oben auf dem Berge. Mein Begleiter stand bey mir, und sagte: du hast das Wunder der Welt gesehn. Es steht bey dir, das glücklichste Wesen auf der Welt und noch über das ein berühmter Mann zu werden. Nimm wohl in Acht, was ich dir sage: wenn du am Tage Johannis gegen Abend wieder hieher kommst, und Gott herzlich um das Verständniß dieses Traumes bittest, so wird dir das höchste irdische Loos zu Theil werden; dann gieb nur acht, auf ein blaues Blümchen, was du hier oben finden wirst, brich es ab, und überlaß dich dann demüthig der himmlischen Führung. Ich war darauf im Traume unter den herrlichsten Gestalten und Menschen, und unendliche Zeiten gaukelten mit mannichfaltigen Veränderungen vor meinen Augen vorüber. Wie gelöst war meine Zunge, und was ich sprach, klang wie Musik. Darauf ward alles wieder dunkel und eng und gewöhnlich; ich sah deine Mutter mit freundlichem, verschämten Blick vor mir; sie hielt ein glänzendes Kind in den Armen, und reichte mir es hin, als auf einmal das Kind zusehends wuchs, immer heller und glänzender ward, und sich endlich mit blendendweißen Flügeln über uns erhob, uns beyde in seinen Arm nahm, und so hoch mit uns flog, daß die Erde nur wie eine goldene Schüssel mit dem saubersten Schnitzwerk aussah. Dann erinnere ich mir nur, daß wieder jene Blume und der Berg und der Greis vorkamen; aber ich erwachte bald darauf und fühlte mich von heftiger Liebe bewegt. Ich nahm Abschied von meinem gastfreyen Wirth, der mich bat, ihn oft wieder zu besuchen, was ich ihm zusagte, und auch Wort gehalten haben würde, wenn ich nicht bald darauf Rom verlassen hätte, und ungestüm nach Augsburg gereist wäre.

Der Verlust, ja die Missachtung der Erinnerung an die blaue Blume macht den Vater zu einem Vertreter der Klassik, die jener Romantik voranging, für deren Werte die Blume steht, jedenfalls zu einem nüchternen, strebsamen, der Welt zugewandten, nicht eben schlechten, aber doch prosaischen Menschen.

Ohne die eine oder andere Epoche auf- oder abzuwerten, habe ich es immer für einen Verlust in der Auslegung und Bewertung beider unbestreitbar wichtigen Epochen gehalten, dass niemand weiß: von was für einer Blume Novalis eigentlich redet, die er vielleicht aus einer „Volkssage, lange vor der Romantik“ oder vielleicht aus einem Bild seines Freundes Friedrich Schwedenstein herleiten mag — oder vielleicht auch nicht.

Am 2. Juni 2019 habe ich mich in dieser Angelegenheit an die Mitglieder der Facebook-Gruppe Deutsche Romantik gewandt, wo ich einige Experten für solche Belange vermutete:

Mal eine Frage, die geradezu in die Substanz der deutschen Romantik lappt: Was ist eigentlich die Blaue Blume für eine Blume?

Cicely Mary Barker, The Heliotrope Fairy, 1923, 1944Das klingt so trivial — aber was genau sollte man sich darunter bildlich vorstellen? In Wikipedia finde ich: „Als reale Vorbilder der blauen Blume werden oft heimische Pflanzen angesehen, in Mitteleuropa etwa die Kornblume oder die Wegwarte; Novalis spricht vom blauen Heliotrop.“

Und zwar finde ich das ausschließlich in Wikipedia. Deshalb hab ich mir die Mühe gemacht nachzuschauen, seit wann diese Zuschreibung des Heliotrops kursiert: Eingeführt hat das erst unter der alten Version ein Nutzer namens NikePelera am 7. Januar 2010 um 14:01 Uhr — verbessert aus seiner eigenen, genau 2 Minuten älteren Version mit dem noch nicht verlinkten „Heliothrop“.

Man wird also seit Anfang 2010 an den Heliotrop als Blaue Blume glauben, was man auch öfter so verbreitet findet. Allerdings beziehen sich nach meiner Einschätzung sämtliche Stellen, genannt oder ungenannt, auf diese Wikipedia-Erklärung von einem Nutzer, der nicht erreichbar ist. Das Wikipedia-Bild dazu zeigt eine Kornblume mit der unbelegten Vermutung in unbegründetem Konjunktiv: „Die Kornblume könnte Vorbild für das Symbol gewesen sein“.

Ohne dem unbekannt bleibenden NikePelera zu nahe treten zu wollen, finde ich das in dieser Verbindung wenig glaubwürdig. Dass Novalis von einem Heliotrop, von mir aus auch von der Sonnenwende (Heliotropium) spricht, stelle ich weder in meiner Gesamtausgabe noch irgendwo online fest — abgesehen davon, dass es laut dem Ofterdingen „eine hohe lichtblaue Blume“ sein soll, was ich aus der Zeit und der Stilebene als „hellblau“ übersetzen möchte, und Sonnenwenden eher dunkelblau gedeihen — allerdings auf heutigem Stand der Botanik: „Sowohl krautige Pflanzen, Halbsträucher als auch Bäume kommen vor“, sagt wiederum Wikipedia über die „rund 250 Arten“, was durchaus als „hohe“ Pflanze durchgehen kann, und na gut, dann kannte Novalis vielleicht ja auch hellblaue.

Und dann doch wieder: „Die Blüthenblätter zeigten einen blauen ausgebreiteten Kragen, in welchem ein zartes Gesicht schwebte“ — wohingegen Sonnenwenden nicht breit, sondern mit doldenähnlichem Blütenstand blühen.

Kurz gesagt bin ich also unglücklich mit der Vorstellung der Blauen Blume als Heliotrop, weil ich mir das weder bildlich vorstellen noch aus der Primär- oder Sekundärliiteratur herleiten kann. Eine bessere Lösung weiß ich auch nicht.

Kann hier jemand sagen, ob ich was übersehen hab oder was denn die Blaue Blume sonst sein könnte?

Darauf erhielt ich noch am selben Tag die Antwort vom Gruppen-Administrator Michael D. Schmid:

Ja, an dem Artikel habe ich auch schon rumgebastelt. :) Zur botanischen Deutung der blauen Blume: Ich persönlich würde die Ansicht vertreten, dass eine allzu einengende Definition der träumerisch-rauschhaften Traumerzählung Heinrichs etwas zuwider läuft. Die Passage appelliert doch an die assoziative Phantasie, und das Symbol der blauen Blume als Inbegriff der Sehnsucht muss sich einer aufklärerisch-wissenschaftlichen Vermessung (Vermessung = Vermessenheit?) entziehen. Oder mit Novalis gesprochen: „Die Aussenwelt ist die Schattenwelt, sie wirft ihren Schatten in das Lichtreich.“ Ich für meinen Teil kann und will die Blaue Blume nicht erkennen, nur erahnen.

Das trug Herrn Schmid fünf Likes und ein „So ist es!“ ein, die wir ihm herzlich vergönnen wollen, allerdings auf seine durchdachte, engagierte und unbestreitbar wahre Antwort, die mir dennoch nicht genügen wollte:

Das gibt Sinn und entspricht wohl auch dem romantischen Geiste :) Ich würde die Blume gern auch benennen wollen. Der Heliotrop scheint mir dann doch aus der Luft gegriffen — und deshalb an einer Stelle, die so ziemlich jeder Interessierte als erstes ansteuern wird, zu vermeiden. Schon klar, Wiki-Artikel verbessern kann jeder, ich selber sogar unter registriertem Nutzernamen; da überlege ich gerade, ob das ersatzlos zu streichen ist, oder wodurch man’s denn verbessern sollte…

Bei meiner Unzufriedenheit mit der Forschung, ja Verderbtheit des allgemeinen Wissensstandes, ist es bis auf weiteres geblieben. Noch fünf Wochen danach wurde mein Facebook-Thread nach oben geholt durch den nicht vollends geistlosen Kalauer anderer Hand:

Ganz einfach: Es handelt sich um eine blûme in pla-tôn.

Ein konstruktiver Versuch wurde noch unternommen durch den ergänzenden Einwurf:

ich würde sagen, gustav mahler hat wie kein anderer die suche nach der blauen blume in musik umgesetzt, zumindest in seinen wunderhorn-symphonien 1-4.

Das war’s. Im übrigen sind wir geworfen auf Ricarda Huch: Die Romantik. Ausbreitung, Blütezeit und Verfall Blütezeit der Romantik: Erstdruck: Leipzig, Haessel, 1899. Ausbreitung und Verfall der Romantik: Erstdruck: ebenda, 1902.

Die blaue Blume ist aber das, was jeder sucht, ohne es selbst zu wissen, nenne man es nun Gott, Ewigkeit oder Liebe.

Ja, genau:

Nenn’s Glück! Herz! Liebe! Gott!
Ich habe keinen Nahmen
Dafür! Gefühl ist alles;
Name ist Schall und Rauch,
Umnebelnd Himmelsgluth.

Bild: Cicely Mary Barker: The Heliotrope Fairy, aus: Flower Fairies of the Garden; Blackie, 1944:

Heliotrope’s my name; and why
People call me „Cherry Pie“,
That I really do not know;
But perhaps they call me so,
’Cause I give them such a treat,
Just like something nice to eat.
For my scent—O come and smell it!

How can words describe or tell it?
And my buds and flowers, see,
Soft and rich and velvety—
Deepest purple first, that fades
To the palest lilac shades.
Well-beloved, I know, am I—
Heliotrope, or Cherry Pie!

Soundtrack: wie auf Facebook empfohlen, Gustav Mahler: 4. Sinfonie in G-Dur, 1901,
unter Leonard Bernstein, Mai 1972 im Wiener Musikvereinssaal; Sopran: Edith Mathis:

Bonus Track: Mazzy Star: Blue Flower, aus: She Hangs Brightly, 1990, live 9. Juli 1994:

Written by Wolf

13. November 2020 at 00:01

Makkaroni, Melonen und Feigen, musikalische Kehlen, klassische Leiber und eine commode Religion

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Update zu Fabel zur Senkung der Arbeitsmoral,
Die alte und neue Inertia (Warum hast du nichts gelernt?)
And such a life I wish to live und
Ein Buch gibt keine Gelatinesuppe:

William Hogarth, Industry and Idleness, 1747

(§. 2). Hier ist nun aber unsere Untersuchung auf die beste Verfassung gerichtet, Dies aber ist diejenige, durch welche der Staat am meißten glückselig wird. Glückseligkeit endlich, so wurde vorhin bemerkt, ist ohne Tugend unmöglich, und hieraus ergiebt sich denn, daß in dem aufs Schönste verwalteten Staate, dessen Bürger gerechte Männer schlechthin und nicht bloß bedingungsweise sind, dieselben weder das Leben eines Handwerkers noch das eines Kaufmannes führen dürfen, denn ein solches ist unedel und der (wahren) Tugend und Tüchtigkeit zuwider, und daß auch Ackerbauer Die nicht sein dürfen, welche hier Bürger sein wollen, denn es bedarf voller Muße zur Ausbildung der Tugend und zur Besorgung der Staatsgeschäfte.

Aristioteles: Über die Politik. Griechisch und Deutsch,
herausgegeben von Prof. Franz Susemihl, Erster Theil, Text und Übersetzung,
Verlag von Wilhelm Engelmann, Leipzig 1879, IV (VII), 9, Seite 417 f.

Die Arbeit kann uns lehren,
sie lehrte uns die Kraft,
den Reichtum zu vermehren,
der unsre Armut schafft.

Heinrich Eildermann: Lied der Jugend, 1907/1910.

Tja, eines der vielen großen Worte Alexander von Humboldt’s : ›Sie sind sämtlich faul, Majestät.‹, (als Fr. Wilhelm iv. ihn nach den großen allgemeinen Kennzeichen der Gattung Mensch fragte). / Naja; erhebt sich die Frage : ›Iss Fleiß ’ne Tugend?‹ / (Müßte man erst noch eine andre Frage davorschalten): ›Ist Fleiß für Menschen & Tiere eine einfache (Lebens)Notwendigkeit?‹

Arno Schmidt: Julia, oder die Gemälde. Scenen aus dem Novecento, 1979/1983,
Bargfelder Ausgabe Seite 141.

William Hogarth, Industry and Idleness, 1747

Eben wegen solcher unterschiedlich zweifelhafter, in manchen Fällen zu bekämpfender Einordnungen des Konstrukts der Arbeit in die eigenen Lebenswirklichkeiten reden Künstler seit jeher der Muße das Wort: jener in allen Wortsinnen freien Zeit, die der selbstbestimmter Gestaltung vorbehalten ist — nicht aber zu verwechseln mit der Todsünde der Acedia, die außer der lasterhaften Faulheit auch Feigheit, vorsätzliche Ignoranz, Überdruss und die Trägheit des Herzens einschließt.

William Hogarth, Industry and Idleness, 1747

Es liegt im Anliegen möglichst ausführlicher Mußezeiten selbst begründet, sich durch die Forderung nach möglichst wenig sicht- und messbarer Arbeit in der Außenwahrnehmung spätestens durch ihre Formulierung zu disqualifizieren. In Gesellschaften, in denen sämtliche Ausprägungen von Kunst nicht als unmittelbar lebensnotwendig begriffen werden, sind Künstler entbehrliche Mitglieder, die ihre Existenz erst plausibel machen, ja rechtfertigen müssen. Am wirksamsten tun sie das durch sicht- und messbare Arbeit, die ihrer Funktion als Künstler zuwiderläuft.

Konnte dem anerkannten Spaßmacher Karl Valentin noch eine so reine wie bittere Wahrheit erfolgreich zugeschrieben werden wie:

Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit.

blieb er doch weiterhin ein Spaßmacher: der Hofnarr einer bürgerlichen Gesellschaft, den man köpfen müsste, wenn man ihn ernst nähme. Dagegen machte sich der oben in einer ganz anderen Tonart angespielte Arno Schmidt gerade unter seinesgleichen nachhaltig unbeliebt mit seiner Aussprache für die Arbeit. Und das in einer Dankadresse zum GoethePreis 1973:

Sei es noch so unzeitgemäß und unpopulär; aber ich weiß, als einzige Panacee, gegen Alles, immer nur ›Die Abeit‹ zu nennen; und was speziell das anbelangt, ist unser ganzes Volk, an der Spitze natürlich die Jugend, mit nichten überarbeitet, vielmehr typisch unterarbeitet : ich kann das Geschwafel von der ›40=Stunden=Woche‹ einfach nicht mehr hören : meine Woche hat immer 100 Stunden gehabt; und ›Zettels Traum‹ 25.000 erfordert ! — es war ein großer Tag, als er fertig war.

Das hätte so eine schöne Volte sein können: Der Inbegriff des erzdeutschen Schriftstellers, in der Bargfelder Heide eingehäuselt in einer betont anspruchslosen Fusion aus Dachsbau und Elfenbeinturm, wirft akkurat „den anderen“, der arbeitenden Bevölkerung, Faulheit vor und stellt sein Künstlertum als die wahre Maloche dar. Leider ist sie seinerzeit nach hinten losgegangen, weil die Vertretungen der Erwerbsarbeit 1973 schon eher nach 35, aber bestimmt nicht nach 100 Arbeitsstunden pro Woche schielten, und die Vertretungen des künstlerischen Schaffens noch zu sehr einem romantischen Geniebegriff anhingen, um „wahre Kunst“ als „Ware Kunst“ erworben zu sehen.

Dem angeführten valentinesken Bonmot steht die populäre Aufrechnung nahe, dass Kunst zu 10 Prozent aus Inspiration und zu 90 Prozent aus Transpiration bestehe. Die kolportierten Prozentsätze — und die Quellenzuschreibungen — wechseln, aber immer zugunsten der „Transpiration“ bis hin zur statistisch signifikanten Ausschließlichkeit. Eine Idee kann schnell entstanden sein. In so einem künstlerischen Schaffenprozess geht der Arbeitsfaktor Zeit nicht dahin, indem eine Idee innerhalb eines Ideenträgers — nennen wir ihn Künstler — herumgeistert, sondern indem sie zu Ende gedacht und schließlich anhand ihrer Materialien ausgeführt wird. Das erfordert einen vorerst nicht abzusehenden Aufwand an Zeit, der von anderweitiger Erwerbsarbeit zwangsläufig abgezogen werden, folglich aus irgendwelchen frei (!) verfügbaren Ressourcen herkommen muss.

Wir können uns deshalb darauf einigen: Faul waren Künstler nie — nicht solche, deren Werk dauerhaft überlebt hat. Praktische Beispiele aufzulisten wäre ebenso willkürlich wie uferlos.

Eine so relevante wie knappe Auswahl aus dem theoretischen Unterbau dagegen erscheint als Handhabe zur Argumentation unerlässlich. Vor allem, um das Bedürfnis nach bitter notwendiger Muße von dem Ruch des Schlawinertums zu befreien, die jeden nützlich arbeitenden Menschen „schon mal“ befallen kann, die aber als vorübergehende Schwäche weggelacht werden darf, ja sollte. Mit pointierter Ausdrucksweise ist einem Sachverhalt, nicht aber dessen gegnerischen Ansichten beizukommen. Dergleichen verkennt die politische, wirtschaftliche und soziale Dimension des Strebens nach Glück. Oder wenigstens Wohlbefinden. Oder wenigstens danach, dass es nicht die ganze Zeit ganz so weh tut, bis man endlich gnädig jämmerlich verrecken darf.

Schlimm genug, dass man im 21. Jahrhundert immer noch daran herumargumentieren muss, dass die Leute Freiheit brauchen, um wie Menschen zu leben. Und nochmal: Freiheit — gleichermaßen die Freiheit von wie die Freiheit zu etwas — bedeutet, eine Auswahl zu haben. Zum Beispiel zwischen Arbeiten oder Ruhen, körperlichem Ackern oder Kontemplieren, künstlerischem Schaffen oder Aufnehmen, oder Herumliegen und Mundhalten.

Die wünschenswerte chronologische Reihenfolge war nicht einzuhalten, daher nach argumentativ nutzbarer Dramaturgie. Perlen sind der Schlegel und der Kotzebue:

William Hogarth, Industry and Idleness, 1747

Schon fast trivial anzuführen ist Lessings Lob der Faulheit, das immer gern als erheiterndes Beispiel dient, dass die alen Klassiker eben „auch nur Menschen“ waren. Gewiss waren sie das, und dem lebenslang nimmermüde arbeitenden Lessing stand als Student durchaus zu, seinem Arbeitspensum durch befreiende Komik Lust zu verschaffen:

——— Gotthold Ephraim Lessing:

Lob der Faulheit

aus: Lieder, 1771:

Faulheit, jetzo will ich dir
Auch ein kleines Loblied bringen. –
O – – wie – – sau – – er – – wird es mir, – –
Dich – – nach Würden – – zu besingen!
Doch, ich will mein Bestes tun,
Nach der Arbeit ist gut ruhn.

Höchstes Gut! wer dich nur hat,<
Dessen ungestörtes Leben – –
Ach! – – ich – – gähn‘ – – ich – – werde matt – –
Nun – – so – – magst du – – mirs vergeben,
Daß ich dich nicht singen kann;
Du verhinderst mich ja dran.

William Hogarth, Industry and Idleness, 1747

In der Sammlung Lieder unmittelbar folgend:

Die Faulheit

aus: Lieder, 1771:

Fleiß und Arbeit lob‘ ich nicht.
Fleiß und Arbeit lob‘ ein Bauer.
Ja, der Bauer selber spricht,
Fleiß und Arbeit wird ihm sauer.
Faul zu sein, sei meine Pflicht;
Diese Pflicht ermüdet nicht.

Bruder, laß das Buch voll Staub.
Willst du länger mit ihm wachen?
Morgen bist du selber Staub!
Laß uns faul in allen Sachen,
Nur nicht faul zu Lieb‘ und Wein,
Nur nicht faul zur Faulheit sein.

William Hogarth, Industry and Idleness, 1747

Überraschend politisch in einer zu unterstützenden Richtung wird der nachmals aus politischen Gründen erschossene Kotzebue. Er spricht durch Personen eines Dramas, die Zielsetzung seiner Satire bleibt klar:

——— August von Kotzebue:

Der Hyperboreeische Esel, oder die Heutige Bildung:
Ein Drastisches Drama, und Philosophisches Lustspiel für Jünglinge, in Einem Akt

auf Kosten und im Verlag bey Joh. Baptist Wallishauser, Wien 1801:

KARL. Fleiß und Nutzen sind die Todes-Engel mit dem feurigen Schwerdte, welche dem Menschen die Rückkehr ins Paradieß verwehren.
FÜRST. Himmel! welche ungeheure Behauptung!
KARL. Kennen Sie, mein Fürst, die Gott ähnliche Faulheit?
FÜRST. Dem Himel sey Dank, nein!
KARL. O Müssiggang! Müssiggang! Du bist die Lebensluft der Unschuld und der Begeisterung!
FÜRST. Aber nicht die Lebensluft meiner Staaten.
KARL. Dich athmen die Seligen, und selig ist, wer dich hat und hegt, du heiliges Kleinod!
FÜRST. Bey diesem Kleinod würden meine Unterthanen verhungern.
KARL. Einzige Fragment von Gottähnlichkeit, das uns noch aus dem Paradiese blieb!
FÜRST (sich zu den übrigen wendend). Sie sehen, mit diesen jungen Menschen läßt sich nichts anfangen.

William Hogarth, Industry and Idleness, 1747

Noch schonungsloser politisch gegen sich und seine Ziele werden Büchner und Weidig im Hessischen Landboten, der seinerzeit justiziabel genug war, um die Polemiker mit der Todesstrafe zu jagen:

——— Georg Büchner und Ludwig Weidig:

Der hessiche Landbote

Juli 1834:

Im Jahr 1834 sieht es aus, als würde die Bibel Lügen gestraft. Es sieht aus, als hätte Gott die Bauern und Handwerker am 5ten Tage, und die Fürsten und Vornehmen am 6ten gemacht, und als hätte der Herr zu diesen gesagt: Herrschet über alles Getier, das auf Erden kriecht, und hätte die Bauern und Bürger zum Gewürm gezählt. Das Leben der Vornehmen ist ein langer Sonntag, sie wohnen in schönen Häusern, sie tragen zierliche Kleider, sie haben feiste Gesichter und reden eine eigne Sprache; das Volk aber liegt vor ihnen wie Dünger auf dem Acker. Der Bauer geht hinter dem Pflug, der Vornehme aber geht hinter ihm und dem Pflug und treibt ihn mit den Ochsen am Pflug, er nimmt das Korn und läßt ihm die Stoppeln. Das Leben des Bauern ist ein langer Werktag; Fremde verzehren seine Äcker vor seinen Augen, sein Leib ist eine Schwiele, sein Schweiß ist das Salz auf dem Tische des Vornehmen.

William Hogarth, Industry and Idleness, 1747

Zwei Jahre später ist Büchners Anliegen vom Pamphlet zur Farce gediehen — nein, nicht „verkommen“. Der Wechsel des Mediums von der Flugschrift zum Lustspiel erschließt sich möglicherweise aus dem Erreichen erweiterter Zielgruppen: Theaterpublikum erscheint freiwillig und bezahlt sogar Eintritt.

——— Georg Büchner:

Leonce und Lena

1836, aus der ersten Szene des Dramas und sein Schluss:

I.1

LEONCE. (…) Aber Edelster, dein Handwerk, deine Profession, dein Gewerbe, dein Stand, deine Kunst?

VALERIO mit Würde. Herr, ich habe die große Beschäftigung, müßig zu gehen, ich habe eine ungemeine Fertigkeit im Nichtstun, ich besitze eine ungeheure Ausdauer in der Faulheit. Keine Schwiele schändet meine Hände, der Boden hat noch keinen Tropfen von meiner Stirne getrunken, ich bin noch Jungfrau in . der Arbeit, und wenn es mir nicht der Mühe zu viel wäre, würde ich mir die Mühe nehmen, Ihnen diese Verdienste weitläufiger auseinanderzusetzen.

LEONCE mit komischem Enthusiasmus. Komm an meine Brust! Bist du einer von den Göttlichen, welche mühelos mit reiner Stirne durch den Schweiß und Staub über die Heerstraße des Lebens wandeln, und mit glänzenden Sohlen und blühenden Leibern gleich seligen Göttern in den Olympus treten? Komm! Komm!

William Hogarth, Industry and Idleness, 1747

III,3

LEONCE. Nun, Lena, siehst du jetzt, wie wir die Taschen voll haben, voll Puppen und Spielzeug? Was wollen wir damit anfangen? Wollen wir ihnen Schnurrbärte machen und ihnen Säbel anhängen? Oder wollen wir ihnen Fräcke anziehen und sie infusorische Politik und Diplomatie treiben lassen, und uns mit dem Mikroskop danebensetzen? Oder hast du[146] Verlangen nach einer Drehorgel, auf der die milchweißen ästhetischen Spitzmäuse herumhuschen? Wollen wir ein Theater bauen? Lena lehnt sich an ihn und schüttelt den Kopf. Aber ich weiß besser was du willst, wir lassen alle Uhren zerschlagen, alle Kalender verbieten und zählen Stunden und Monden nur nach der Blumenuhr, nur nach Blüte und Frucht. Und dann umstellen wir das Ländchen mit Brennspiegeln, daß es keinen Winter mehr gibt und wir uns im Sommer bis Ischia und Capri hinaufdestillieren, und (wir) das ganze Jahr zwischen Rosen und Veilchen, zwischen Orangen und Lorbeer stecken.

VALERIO. Und ich werde Staatsminister, und es wird ein Dekret erlassen, daß wer sich Schwielen in die Hände schafft, unter Kuratel gestellt wird; daß, wer sich krank arbeitet, kriminalistisch strafbar ist, daß Jeder der sich rühmt sein Brot im Schweiße seines Angesichts zu essen, für verrückt und der menschlichen Gesellschaft gefährlich erklärt wird und dann legen wir uns in den Schatten und bitten Gott um Makkaroni, Melonen und Feigen, um musikalische Kehlen, klassische Leiber und eine commode Religion!

William Hogarth, Industry and Idleness, 1747

Friedrich Schlegels einziger Roman Lucinde erschien auf so vielen Ebenen kritikwürdig, dass sein eigentlich revolutionäres Konzept des Müßiggangs, dazu noch als Idylle ausgewiesen, unter dem Radar entwischte. Man kann das bedauern. Der Vorteil ist die lückenlos erhaltene Überlieferung:

——— Friedrich Schlegel:

Idylle über den Müßiggang

aus: Lucinde. Bekenntnisse eines Ungeschickten, 1799:

„Sieh ich lernte von selbst, und ein Gott hat mancherlei Weisen mir in die Seele gepflanzt.“ So darf ich kühnlich sagen, wenn nicht von der fröhlichen Wissenschaft der Poesie die Rede ist, sondern von der gottähnlichen Kunst der Faulheit. Mit wem sollte ich also lieber über den Müßiggang denken und reden als mit mir selbst? Und so sprach ich denn auch in jener unsterblichen Stunde, da mir der Genius eingab, das hohe Evangelium der echten Lust und Liebe zu verkündigen, zu mir selbst: „O Müßiggang, Müßiggang! du bist die Lebensluft der Unschuld und der Begeisterung; dich atmen die Seligen, und selig ist wer dich hat und hegt, du heiliges Kleinod! einziges Fragment von Gottähnlichkeit, das uns noch aus dem Paradiese blieb.“ Ich saß, da ich so in mir sprach, wie ein nachdenkliches Mädchen in einer gedankenlosen Romanze am Bach, sah den fliehenden Wellen nach. Aber die Wellen flohen und flossen so gelassen, ruhig und sentimental, als sollte sich ein Narcissus in der klaren Fläche bespiegeln und sich in schönem Egoismus berauschen. Auch mich hätte sie locken können, mich immer tiefer in die innere Perspektive meines Geistes zu verlieren, wenn nicht meine Natur so uneigennützig und so praktisch wäre, daß sogar meine Spekulation unaufhörlich nur um das allgemeine Gute besorgt ist. Daher dachte ich auch, ungeachtet mein Gemüt in seiner Behaglichkeit so matt war, wie die von der gewaltigen Hitze aufgelösten und hingesunknen Glieder, ernstlich über die Möglichkeit einer dauernden Umarmung nach. Ich sann auf Mittel das Beisammensein zu verlängern, und künftig lieber alle kindlich rührenden Elegien über plötzliche Trennung zu verhüten, als uns wie bisher an dem Komischen einer solchen Fügung des Schicksals zu ergötzen, weil es nun doch einmal geschehen und unabänderlich sei. Erst nachdem die Kraft der angespannten Vernunft an der Unerreichbarkeit des Ideals brach und erschlaffte, überließ ich mich dem Strome der Gedanken, und hörte willig alle die bunten Märchen an, mit denen Begierde und Einbildung, unwiderstehliche Sirenen in meiner eignen Brust, meine Sinne bezauberten. Es fiel mir nicht ein das verführerische Gaukelspiel unedel zu kritisieren, ungeachtet ich wohl wußte, daß das meiste nur schöne Lüge sei. Die zarte Musik der Fantasie schien die Lücken der Sehnsucht auszufüllen. Dankbar nahm ich das wahr und beschloß, was das hohe Glück mir diesmal gegeben, auch künftig durch eigne Erfindsamkeit für uns beide zu wiederholen, und dir dieses Gedicht der Wahrheit zu beginnen. So erzeugte sich der erste Keim zu dem wundersamen Gewächs von Willkür und Liebe. Und frei wie es entsprossen ist, dacht‘ ich, soll es auch üppig wachsen und verwildern, und nie will ich aus niedriger Ordnungsliebe und Sparsamkeit die lebendige Fülle von überflüssigen Blättern und Ranken beschneiden.

Gleich einem Weisen des Orients war ich ganz versunken in ein heiliges Hinbrüten und ruhiges Anschauen der ewigen Substanzen, vorzüglich der deinigen und der meinigen. Größe in Ruhe, sagen die Meister, sei der höchste Gegenstand der bildenden Kunst; und ohne es deutlich zu wollen, oder mich unwürdig zu bemühen, bildete und dichtete ich auch unsre ewigen Substanzen in diesem würdigen Styl. Ich erinnerte mich, und ich sah uns, wie gelinder Schlaf die Umarmten mitten in der Umarmung umfing. Dann und wann öffnete einer die Augen, lächelte über den süßen Schlaf des andern und wurde wach genug um ein scherzendes Wort, eine Liebkosung zu beginnen: aber noch ehe der angefangene Mutwille geendigt war, sanken wir beide fest verschlungen in den seligen Schoß einer halbbesonnenen Selbstvergessenheit zurück.

Mit dem äußersten Unwillen dachte ich nun an die schlechten Menschen, welche den Schlaf vom Leben subtrahieren wollen. Sie haben wahrscheinlich nie geschlafen, und auch nie gelebt. Warum sind denn die Götter Götter, als weil sie mit Bewußtsein und Absicht nichts tun, weil sie das verstehen und Meister darin sind? Und wie streben die Dichter, die Weisen und die Heiligen auch darin den Göttern ähnlich zu werden! Wie wetteifern sie im Lobe der Einsamkeit, der Muße, und einer liberalen Sorglosigkeit und Untätigkeit! Und mit großem Recht: denn alles Gute und Schöne ist schon da und erhält sich durch seine eigne Kraft. Was soll also das unbedingte Streben und Fortschreiten ohne Stillstand und Mittelpunkt? Kann dieser Sturm und Drang der unendlichen Pflanze der Menschheit, die im Stillen von selbst wächst und sich bildet, nährenden Saft oder schöne Gestaltung geben? Nichts ist es, dieses leere unruhige Treiben, als eine nordische Unart und wirkt auch nichts als Langeweile, fremde und eigne. Und womit beginnt und endigt es als mit der Antipathie gegen die Welt, die jetzt so gemein ist? Der unerfahrne Eigendünkel ahndet gar nicht, daß dies nur Mangel an Sinn und Verstand sei und hält es für hohen Unmut über die allgemeine Häßlichkeit der Welt und des Lebens, von denen er doch noch nicht einmal das leiseste Vorgefühl hat. Er kann es nicht haben, denn der Fleiß und der Nutzen sind die Todesengel mit dem feurigen Schwert, welche dem Menschen die Rückkehr ins Paradies verwehren. Nur mit Gelassenheit und Sanftmut, in der heiligen Stille der echten Passivität kann man sich an sein ganzes Ich erinnern, und die Welt und das Leben anschauen. Wie geschieht alles Denken und Dichten, als daß man sich der Einwirkung irgend eines Genius ganz überläßt und hingibt? Und doch ist das Sprechen und Bilden nur Nebensache in allen Künsten und Wissenschaften, das Wesentliche ist das Denken und Dichten, und das ist nur durch Passivität möglich. Freilich ist es eine absichtliche, willkürliche, einseitige, aber doch Passivität. Je schöner das Klima ist, je passiver ist man. Nur Italiäner wissen zu gehen, und nur die im Orient verstehen zu liegen; wo hat sich aber der Geist zarter und süßer gebildet als in Indien? Und unter allen Himmelsstrichen ist es das Recht des Müßiggangs was Vornehme und Gemeine unterscheidet, und das eigentliche Prinzip des Adels.

Endlich wo ist mehr Genuß, und mehr Dauer, Kraft und Geist des Genusses; bei den Frauen, deren Verhältnis wir Passivität nennen, oder etwa bei den Männern, bei denen der Übergang von übereilender Wut zur Langenweile schneller ist, als der Übergang vom Guten zum Bösen?

In der Tat man sollte das Studium des Müßiggangs nicht so sträflich vernachlässigen, sondern es zur Kunst und Wissenschaft, ja zur Religion bilden! Um alles in Eins zu fassen: je göttlicher ein Mensch oder ein Werk des Menschen ist, je ähnlicher werden sie der Pflanze; diese ist unter allen Formen der Natur die sittlichste, und die schönste. Und also wäre ja das höchste vollendetste Leben nichts als ein reines Vegetieren.

Ich nahm mir vor, mich zufrieden im Genuß meines Daseins über alle doch endliche, und also verächtliche Zwecke und Vorsätze zu erheben. Die Natur selbst schien mich in diesem Unternehmen zu bestärken, und mich gleichsam in vielstimmigen Chorälen zum fernern Müßiggang zu ermahnen, als sich plötzlich eine neue Erscheinung offenbarte. Ich glaubte unsichtbarerweise in einem Theater zu sein: auf der einen Seite zeigten sich die bekannten Bretter, Lampen und bemalten Pappen; auf der andern ein unermeßliches Gedränge von Zuschauern, ein wahres Meer von wißbegierigen Köpfen und teilnehmenden Augen. An der rechten Seite des Vorgrundes war statt der Dekoration ein Prometheus abgebildet, der Menschen verfertigte. Er war an einer langen Kette gefesselt, und arbeitete mit der größten Hast und Anstrengung; auch standen einige ungeheure Gesellen daneben, die ihn unaufhörlich antrieben und geißelten. Leim und andre Materialien waren im Überfluß da; das Feuer nahm er aus einer großen Kohlenpfanne. Gegenüber zeigte sich auch als stumme Figur der vergötterte Herkules, wie er abgebildet wird mit der Hebe auf dem Schoß. Vorn auf der Bühne liefen und sprachen eine Menge jugendlicher Gestalten, die sehr fröhlich waren, und nicht bloß zum Schein lebten. Die jüngsten glichen Amorinen, die mehr erwachsenen den Bildern von Faunen: aber jeder hatte seine eigne Manier, eine auffallende Originalität des Gesichts, und alle hatten irgend eine Ähnlichkeit von dem Teufel der christlichen Maler oder Dichter; man hätte sie Satanisken nennen mögen. Einer der kleinsten sagte: „Wer nicht verachtet, der kann auch nicht achten; beides kann man nur unendlich, und der gute Ton besteht darin, daß man mit den Menschen spielt. Ist also nicht eine gewisse ästhetische Bosheit ein wesentliches Stück der harmonischen Ausbildung?“ „Nichts ist toller“, sagte ein andrer, „als wenn die Moralisten euch Vorwürfe über den Egoismus machen. Sie haben vollkommen unrecht: denn welcher Gott kann dem Menschen ehrwürdig sein, der nicht sein eigner Gott ist? Ihr irrt freilich darin, daß ihr ein Ich zu haben glaubt; aber wenn ihr indessen euren Leib und Namen oder eure Sachen dafür haltet, so wird doch wenigstens ein Logis bereitet, wenn etwa ja noch ein Ich kommen sollte.“ – „Und diesen Prometheus könnt ihr nur recht in Ehren halten“, sagte einer der größten; „er hat euch alle gemacht, und macht immer mehrere eures gleichen.“ – In der Tat warfen auch die Gesellen jeden neuen Menschen, so wie er fertig war, unter die Zuschauer herab, wo man ihn sogleich gar nicht mehr unterscheiden konnte, so ähnlich waren sie alle. „Er fehlt nur in der Methode!“ fuhr der Satanikus fort: „Wie kann man allein Menschen bilden wollen? Das sind gar nicht die rechten Werkzeuge.“ Und dabei winkte er auf eine rohe Figur vom Gott der Gärten, die ganz im Hintergrunde der Bühne zwischen einem Amor und einer sehr schönen unbekleideten Venus stand. „Darin dachte unser Freund Herkules richtiger, der funfzig Mädchen in einer Nacht für das Heil der Menschheit beschäftigen konnte, und zwar heroische. Er hat auch gearbeitet und viel grimmige Untiere erwürgt, aber das Ziel seiner Laufbahn war doch immer ein edler Müßiggang, und darum ist er auch in den Olymp gekommen. Nicht so dieser Prometheus, der Erfinder der Erziehung und Aufklärung. Von ihm habt ihr es, daß ihr nie ruhig sein könnt, und euch immer so treibt; daher kommt es, daß ihr, wenn ihr sonst gar nichts zu tun habt, auf eine alberne Weise sogar nach Charakter streben müßt, oder euch einer den andern beobachten und ergründen wollt. Ein solches Beginnen ist niederträchtig. Prometheus aber, weil er die Menschen zur Arbeit verführt hat, so muß er nun auch arbeiten, er mag wollen oder nicht. Er wird noch Langeweile genug haben, und nie von seinen Fesseln frei werden.“ Da dies die Zuschauer hörten, brachen sie in Tränen aus, und sprangen auf die Bühne um ihren Vater der lebhaftesten Teilnahme zu versichern; und so verschwand die allegorische Komödie.

William Hogarth, Industry and Idleness, 1747

Wiklich brisant bis heute bleibt Paul Lafargue: Le droit à la paresse. Réfutation du „droit au travail“ de 1848 von 1883. Wichtig — und immerhin möglich — zu lesen — und zu wissen — ist für unsereinen der deutsche Text:

Widerlegung des „Rechts auf Arbeit“ von 1848

neu übersetzt und herausgegeben als Sondernummer der „Schriften gegen die Arbeit“, Ludwigshafen 1988. Der Text hat Buchstärke, wenngleich eine eher schmale, und würde den hiesigen Rahmen sprengen. Kann sein, dass ich zu gegebenen Anlässen darauf zurückkommen werde, denn wie, geschweige denn warum bitteschön soll man die Reste seiner Lebenszeit an jemanden wenden, der nicht einmal ahnt, wie viel Freiheit mit Freizeit überhaupt zu tun hat.

Rot Front und angenehme Ruhe.

William Hogarth, Industry and Idleness, 1747

Fleiß vs. Faulheit: William Hogarth: Industry and Idleness, 1747:

  1. Plate 1 — The Fellow ‚Prentices at their Looms;
  2. Plate 2 — The Industrious ‚Prentice performing the Duty of a Christian;
  3. Plate 3 — The Idle ‚Prentice at Play in the Church Yard, during Divine Service;
  4. Plate 4 — The Industrious ‚Prentice a Favourite, and entrusted by his Master;
  5. Plate 5 — The Idle ‚Prentice turn’d away, and sent to Sea;
  6. Plate 6 — The Industrious ‚Prentice out of his Time, & Married to his Master’s Daughter;
  7. Plate 7 — The Idle ‚Prentice return’d from Sea, & in a Garret with common Prostitute;
  8. Plate 8 — The Industrious ‚Prentice grown rich, & Sheriff of London;
  9. Plate 9 — The Idle ‚Prentice betrayed (by his Whore), & taken in a Night-Cellar with his Accomplice;
  10. Plate 10 — The Industrious ‚Prentice Alderman of London, the Idle one brought before him & Impeach’d by his Accomplice;
  11. Plate 11 — The Idle ‚Prentice Executed at Tyburn;
  12. Plate 12 — The Industrious ‚Prentice Lord-Mayor of London,

via John Ireland and John Nichols: Hogarth’s Works: With Life and Anecdotal Descriptions of His Pictures. First Series, Chatto and Windus, Publishers, 1874.

Preaching to the converted: Отава Ё: Посеяли Девки Лён, aus: Любишь Ли Ты, 2018:

Written by Wolf

30. Oktober 2020 at 00:01

Dornenstück 0004: O Anfang sonder Ende (Nichts ist zu finden weit und breit so schrecklich als die Ewigkeit)

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Update zum 2. Stattvent: Rorate coeli desuper! (Die Welt, ein weites Grab)
und Seht, wie, was lebt, zum Ende leufft (gegen-hüpfendes Lied):

„Gibt es eigentlich fleischfressende Gedichte?“ frag ich.

„Wieso“, fragt die Wölfin, „gibt’s pflanzenfressende?“

„Ja“, sag ich, „alle anderen.“

——— Johann Rist:

Ernstliche Betrachtung / Der unendlichen Ewigkeit.

Das Vierdte Zehn, Nr. 9, aus: Himmlische Lieder, 1641/1642:

     1.
O Ewigkeit du Donner Wort /
O Schwerdt das durch die Seele bohrt /
     O Anfang sonder Ende /
O Ewigkeit Zeit ohne Zeit /
Ich weis für grosser Traurigkeit /
     nicht wo ich hin mich wende /
Mein gantz erschrocknes Hertz erbebt /
daß mir die Zung am Gaumen klebt.

     2.
Kein Unglück ist in aller Welt
Daß endlich mit der Zeit nicht fält
     Und gantz wird auffgehoben;
Die Ewigkeit hat nur kein Ziel
Sie treibet fort und fort ihr Spiel
     Läst nimmer ab zu toben /
Ja / wie mein Heyland selber spricht /
Aus ihr ist kein Erlösung nicht.

     3.
O Ewigkeit du machst mir bang‘ /
O Ewig / Ewig ist zu lang‘ /
     Hie gilt fürwar kein Schertzen:
Drumb / wenn ich diese lange Nacht
Zusampt der grossen Pein betracht‘ /
     Erschreck ich recht von Hertzen /
Nichts ist zu finden weit und breit
So schrecklich als die Ewigkeit.

     4.
Was acht‘ ich Wasser / Feur und Schwerdt /
Diß alles ist kaum nennens werth
     Es kan nicht lange dauren:
Was wär‘ es / wenn gleich ein Tyrann /
Der funfftzig Jahr kaum leben kan
     Mich endlich ließ vermauren?
Gefängniß / Marter Angst und Pein
Die können ja nicht ewig seyn.

     5.
Wenn der Verdampten grosse Quaal
So manches Jahr alß an der Zahl
     Hie Menschen sich ernehren /
Als manchen Stern der Himmel hegt /
Als manches Laub die Erde trägt
     Noch endlich solte wären /
So wäre doch der Pein zu letzt.
Ihr recht bestimptes Ziel gesetzt.

     6.
Nun aber / wenn du die Gefahr
Viel hundert tausend tausend Jahr
     Hast kläglich außgestanden /
Und von den Teuffeln solcher frist
Gantz grausamlich gemartert bist /
     Ist doch kein Schluß vorhanden /
Die Zeit / so niemand zehlen kan /
Die fänget stets von neuen an.

     7.
Ligt einer kranck und ruhet gleich
Im Bette / das von Golde reich
     Ist Königlich gezieret /
So hasset er doch solchen Pracht
Auch so / daß er die gantze Nacht
     Ein kläglichs Leben führet /
Er zehlet aller Glocken Schlag
Und seufftzet nach dem lieben Tag‘.

     8.
Ach was ist das? Der Höllen Pein
Wird nicht wie Leibes Kranckheit seyn
     Und mit der Zeit sich enden /
Es wird sich der Verdampten Schaar
Im Feur und Schwefel immerdar
     Mit Zorn und Grimm‘ umbwenden /
Und diß ihr unbegreifflichs Leid
Sol wären biß in Ewigkeit.

     9.
Ach Gott wie bistu so gerecht /
Wie straffstu einen bösen Knecht /
     So hart im Pful der Schmertzen?
Auff kurtze Sünden dieser Welt
Hastu so lange Pein bestellt /
     Ach nimb diß wol zu Hertzen /
Betracht es offt O Menschen-Kind /
Kurtz ist die Zeit / der Todt geschwind.

     10.
Ach fliehe doch des Teuffels Strick /
Die Wollust kan ein Augenblick
     Und länger nicht ergetzen /
Dafür wilt du dein‘ arme Seel‘
Hernachmahls in des Teuffels Höll‘
     O Mensch zu Pfande setzen!
Ja schöner Tausch / ja wol gewagt
Daß bey den Teuffeln wird beklagt?

     11.
So lang‘ ein Gott im Himmel lebt
Und über alle Wolcken schwebt
     Wird solche Marter währen /
Es wird sie plagen Kält‘ und Hitz‘
Angst / Hunger / Schrecken / Feur und Blitz
     Und sie doch nie verzehren /
Denn wird sich enden diese Pein /
Wenn Gott nicht mehr wird Ewig seyn.

     12.
Die Marter bleibet immerdar
Gleich wie sie erst beschaffen war
     Sie kan sich nicht vermindern /
Es ist ein‘ Arbeit sonder Ruh‘
Und nimpt an tausend Seufftzen zu
     Bey allen Satans Kindern /
O Sünder deine Missethat
Empfindet weder Trost noch Raht!

     13.
Wach auff O Mensch vom Sünden-schlaff‘
Ermuntre dich verlohrnes Schaf
     Und bessre bald dein Leben /
Wach auff es ist doch hohe Zeit /
Es kompt heran die Ewigkeit
     Dir deinen Lohn zu geben /
Vielleicht ist heut der letzter Tag.
Wer weis noch wie man sterben mag!

     14.
Ach laß die Wollust dieser Welt /
Pracht / Hoffart / Reichthumb / Ehr‘ und Geld
     Dir länger nicht gebieten /
Schau‘ an die grosse Sicherheit /
Die falsche Welt und böse Zeit
     Zusampt des Teuffels wühten /
Vor allen Dingen hab in acht
Die vorerwehnte lange Nacht.

     15.
O du verfluchtes Menschen-Kind
Von Sinnen toll / von Hertzen blind
     Laß ab die Welt zu lieben /
Ach / ach / sol denn der Hellen Pein /
Da mehr denn tausend Hencker seyn
     Ohn‘ Ende dich betrüben.
Wo ist ein so beredter Mann
Der dieses Werck außsprechen kan?

     16.
O Ewigkeit du Donner-Wort /
O Schwert das durch die Seele bohrt
     O Anfang sonder Ende!
O Ewigkeit Zeit ohne Zeit!
Ich weis für grosser Traurigkeit
     Nicht / wo ich mich hinwende /
Nimb du mich wenn es dir gefält
HErr Jesu in dein Freuden-Zelt.

Bilder:

  1. Alison Scarpulla: Vision 20, 2010;
  2. Adolf Hering: Der Tod und das Mädchen, 1932;
  3. P. J. Lynch: Death and the Maiden, 2014;
  4. Daria Endresen: Young Woman and Death, 2012;
  5. Nathália Suellen: Earth, 2017.

Soundtracks: Johann Sebastian Bach: Zweimal O Ewigkeit, du Donnerwort:

  1. Kantate BWV 20 zum 1. Sonntag nach Trinitatis, 11. Juni 1724:

  2. Kantate BWV 60 zum 24. Sonntag nach Trinitatis, 7. November 1723:

Written by Wolf

23. Oktober 2020 at 00:01

Die Gaben Judith Schwalbes

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Update zu Solang der Alte Peter,
Was heißt das für ein Leben führen, sich und die Jungens ennuyiren?
und Moritz Under Ground:

Es ließe sich Schlimmeres berichten über so überqualifizierte Alleskönner wie Herbert Rosendorfer, seiner Zeichen praktizierender Amtsrichter und Honorarprofessor für Bayerische Literaturgeschichte, der auch noch eine kaum überschaubare Reihe von Büchern veröffentlicht hat, die nichts mit seinen Ämtern, wohl aber mit allerhand gelehrtem Spaß zu tun haben — Schlimmeres, sagte ich, als dass ein frühes stilles Vorbild von mir Rosendorfers ersten Bestseller seinem Vater am Sterbebett vorgelesen hat: Der Ruinenbaumeister. Ganz.

Die Situation könnte weiß Gott eine gedeihlichere sein, aber der hinterbrachte Vorgang sagt uns, wie viel einem Rosendorfer-Romane bedeuten können. Gerade Der Ruinenbaumeister ist eins von den Büchern, die nicht einen Weblog-Eintrag, sondern einen Weblog hergeben könnten. Wer sich also als letztes Buch im Leben das antun will, ist damit ganz gut beraten; als erstes Buch von allen wäre es ungeeignet, weil man zuviel Vorwissen braucht. Für die ganze Zeit dazwischen empfehlen sich etwa die Briefe in die chinesische Vergangenheit, sein größter, dabei nicht einmal raffiniertester Bestseller, der inzwischen öfter in „Zu verschenken“-Kisten vor Hauseingängen und öffentlichen Bücherschränken gesichtet wird als im Buchhandel, was er wiederum nicht verdient hat — oder Das Messingherz oder Die kurzen Beine der Wahrheit.

Den größten Teil davon hab ich in einem Zug gelesen — verstanden als Eisenbahn, wo man ja am besten und konzentriertesten lesen kann, was an der Sitzhaltung liegt und den Lärmschutzwällen, die dem Reisenden die Ablenkungen der Landschaft verbergen. Die Fahrt ging nach München, wo Das Messingherz spielt, und zwar randvoll der penibelsten lokalen Bezüge, wie man immer wieder voll Bewunderung feststellt, wenn man erst eine Zeitlang dort Wohnsitz genommen hat.

Ein Komponist namens Franz Gottlob Kühlfuß war nicht nachzuweisen, dafür ist Eva von Buttlar mit ihrer gleichnamigen Rotte, einer christlichen und philadelphischen Sozietät ab 1702, höchst real. Judith Schwalbe aus dem Roman ist als fiktive Figur einzustufen; das Bild, dem sie nachempfunden ist, gibt’s, siehe unter dem Zitat:

Peter Jakob Horemans, Der Geist des Rates, 1753

——— Herbert Rosendorfer:

Das Messingherz oder Die kurzen Beine der Wahrheit

Nymphenburger, München 1979, im dtv Taschenbuch 1990, 9. Auflage 2001, Seite 272 bis 274:

Frau Schwalbe, Judith Schwalbe, machte Kessel auf.

Jakob sei nicht da, sagte Frau Schwalbe. „Aber wenn Sie hereinkommen wollen, dann können wir gemeinsam auf ihn warten.“

Das Wohnzimmer war groß und dunkel. An einer Seite zog sich bis weit hinauf ein Bücherregal mit Jakob Schwalbes vielen Partituren und Musikalien. In einer Ecke neben einem kleinen runden Tisch aus Glas brannte eine Lampe mit dunkelblauem Seidenschirm. Auch neben dem Flügel stand eine Stehlampe, die brannte. Frau Schwalbe löschte sie aus. Als sie danach hinausging, um das Teewasser aufzusetzen, schaute Kessel nach, was Frau Schwalbe gespielt hatte: Mendelssohn, Präludien und Fugen op. 35. Aufgeschlagen war die vierte, die schwermütige in As-Dur. Grün, sagte Schwalbe immer, de sich darauf etwas zugute hielt, daß er die Tonarten nach Farben auseinanderzuhalten imstande sei, auch ohne das absolute Gehör. As-Dur sei grün, ein herbes, dunkles Flaschengrün oder Jadegrün, so grün wie ein Bach bei kaltem, klarem Wetter. F-Moll hingegen sei eher moosgrün, ein sattes, etwas süßes Moosgrün …

Kessel wußte von Schwalbe, daß Judith Klavier spielte, daß sie sogar ausgebildete Pianistin war. Schwalbe hatte seine Frau durch die Musik kennengelernt, bei irgendeinem Musikerkongreß. Spielen hatte Kessel sie aber nie gehört. Eigentlich hatte er, obwohl er sie oft sah, zumindest jedesmal, wenn er Schwalbe zum ‚Schachspielen‘ abholte, auch kaum je etwas mit ihr mehr als von sachlichen Mitteilungen geredet, und es war ihm jetzt, als sie ihn hereinbat, im ersten Augenblick etwas unbehaglich, weil er nicht wußte, was er mit der Dame reden solle und ob er überhaupt mit ihr reden könne.

Judith trug ein jadegrünes Kleid mit einem weißen Spitzenkragen und weißen Spitzenmanschetten. Bei der heutigen Mode weiß man ja nie, dachte Kessel, ob etwas, was Damen tragen, ganz besonders démodé oder ganz besonders chic ist. Judiths Kleid mit den vielen, seidenüberzogenen Knöpfen über dem – offenbar durchaus beachtlichen – Busen erinnerte Kessel an ein Bild der Annette von Droste-Hülshoff. Aber nur das Kleid hatte Ähnlichkeit. Judith selber erinnerte Kessel an Die Gabe des Rates in der Heilig-Geist-Kirche. Kessel, der sehr oft, seit er am Gärtnerplatz arbeitete, in der Stadt herumging und die Kirchen besichtigte, was er früher zur St.-Adelgund-Zeit auch schon immer getan hatte (ein heimliches Sühne-Zeichen?), war das Gemälde erst unlängst aufgefallen, obwohl er Dutzende Male schon in der Kirche gewesen war. Es hing, dem geschwungenen Rand nach, der darauf deutete, daß es einmal in einem Stuckrahmen eingepaßt war, nicht mehr an der Stelle, für die es eigentlich gemalt war, sondern sehr tief, in Augenhöhe neben einem Beichtstuhl. Wer das Bild gemalt hatte, war nie zu erfahren gewesen. Die Gabe des Rates stand auf einem Zetttel neben dem Bild. Es war nicht einmal sicher, ob sich dieser Zettel auf das Bild bezog.

Es war ein erstaunlich weltliches Bild. Die abgebildete Dame hatte keinen Heiligenschein und war eher tief dekolletiert. Sie deutete auf verschiedene symbolische Instrumente, und auch im Hintergrund spielten sich symbolische Szenen ab.

Albin Kessel hätte keine Angst zu haben brauchen. Das Gespräch mit Frau Schwalbe ergab sich zwanglos. Sie fragte, nachdem sie den Tee gebracht hatte, woran er arbeite. Kessel fühlte sich durch die Frage geschmeichelt, aber die Frage Judith Schwalbes war echtes Interesse und keine Schmeichelei. Kessel erzählte von dem Auftrag für den Film über die Buttlarsche Rotte. Trotz dezenter Erzählweise, deren sich Kessel befleißigte, ließ sich bei dem Stoff eine gewisse Pikanterie nicht vemeiden. Frau Schwalbe genierte das weder, noch berührte es sie. Sie wußte übrigens, daß der sächsische Komponist Franz Gottlob Kühlfuß eine Zeitlang mit der Rotte in Verbindung gestanden und sogar einige Lieder und Duette nach Gedichten Eva von Buttlars komponiert hatte. Kessel bat um ein Stück Papier, um sich das aufzuschreiben.

„Darf ich noch Tee nachgießen?“

Die Ähnlichkeit Judith Schwalbes mit der Dame auf dem Bild Die Gabe des Rates war erstaunlich. Judith war ein wenig älter, war vielleicht sogar zehn Jahre älter als ihre gemalte Schwester, ihre Haare, weichgewellte, nicht zu lang herabfallende Haare, in der Mitte gescheitelt, so daß die Stirn, die man früher vielleicht als hoch und klar bezeichnet hätte, frei blieb, ihre Haare waren mit grauen Strähnen durchzogen, während die auf dem Bild schwarz waren. Am deutlichsten war die Ähnlichkeit bei den übergroßen, dunklen Augen und der Nase. Bis heute, wo er – wie er merkte – Judith Schwalbe das erste Mal richtig anschaute, hatte er sie immer als „etwas spitznasig“ bezeichnet. Er hatte sie, er schämte sich fast, es sich jetzt einzugestehen, als eine, ja, es ist nicht anders zu sagen, als eine alte Frau angesehen. Aber sie war eine junge Frau, und die grauen Strähnen in ihrem dunklen Haar machten sie eher noch jünger. Die Nase war nur deutlich, nicht spitz. Frauen ohne Nasen, Frauen mit kleinen Stubsnasen, die man als niedlich bezeichnet, sind meist Sirupseelen. Die Kröte würde ohne Zweifel so eine werden.

Nicht Die Gabe des Rates steht auf dem Zettel, dachte Kessel, während er mit Judith redete – er konnte manchmal in freundichen Stunden zweispurig denken – sondern nur Gabe des Rates, ohne Die. Es ist also überhaupt die Frage, worauf sich das bezieht: stellt das Bild das Symbol dar für die Eigenschaft gute Ratschläge zu geben, oder hieß das, daß das Bild eine Gabe, ein Geschenk des Rates der Stadt München war?

In Wirklichkeit ist Die Gabe des Rates — jawohl, mit „Die“ — in der Heilig-Geist-Kirche das letzte von den sieben Bildern einer Serie über die sieben Gaben oder Charismata des Heiligen Geistes von Peter Jakob Horemans von 1753.

Veranschlagt, dass Rosendorfer nicht den in Heilig Geist für drei Euro ausliegenden Kirchenführer von Dr. Walter Brugger: Kleiner Kunstführer Heilig Geist, Verlag Schnell & Steiner, München, kannte, 1979 schon gar nicht die aktuelle Auflage von 2019, kann man beim Anblick der Bilderserie mit den Gaben durchaus ins Grübeln geraten. Vor allem die Reihung so rationaler Segnungen wie Wissenschaft, Verstand, Weisheit, Stärke, Frömmigkeit, Gottesfurcht und eben Rat, die jedenfalls kein Gegenstand meiner religiösen Schulerziehung römisch-katholischer Ausrichtung waren, möchte man spontan eher der Freimaurerei zuordnen. Dazu war noch bis 2020 Rainer Maria Schießler Pfarrer von Heilig Geist, ein geradezu volkstümliches, lautes Münchner Original, das deutschlandweit durch die Bestseller Himmel, Herrgott, Sakrament. Auftreten statt austreten und Jessas, Maria und Josef. Gott zwingt nicht, er begeistert hervorgetreten ist. Der Charismatiker hat aber die Charismata eines kurfürstlichen Hofmalers unter Karl Albrecht an den Wänden seines Chorgangs im nördlichen Seitenschiff, nicht etwa eine Stiftung vom Stadtrat. Draufkommen muss man halt-

In dem nicht sehr streng durchkomponierten, vielmehr übermütig assoziativen Messingherz hat Judith Schwalbes Ähnlichkeit mit einem eher unbekannten, obschon bis heute gleich neben dem zentral gelegenen Viktualienmarkt gratis ausgestellten Bild, schwerer zu vermeiden als aufzusuchen, keine weitertragende Konsequenz, sondern dient der Charakterisierung der Nebenfigur. Insgesamt geht es um kauzige Episoden im Leben des Lohnschreibers Albin Kessel, eine parodistische Erscheinungsform des deutschen Verfassungsschutzes in Zeiten des Kalten Krieges, eine nicht gerade enzyklopädisch ausufernde, aber liebe- und verständnisvoll ausgemalte Menge kurioser Charakter und eine zurückgenommen gallige Lebensauffassung zwischen Bürgerlichkeit und studentischer Bohèmität. Judith Schwalbes „Gabe“ besteht in ihrem Fachwissen über die Buttlarsche Rotte, die Kessel beruflich beschäftigt — und uns möglicherweise noch in unserer Freizeit beschäftigen wird. Wer sich die Mühe macht, die Handlung für sich chronologisch zu ordnen, bemerkt, wie tatsächlich alles davon ausgeht, dass vor Jahrzehnten mal eine Frau — nicht Frau Schwalbe — barfuß gelaufen ist. Wem das nicht reicht, der kann ja weiter Bernhard Schlink und Ferdinand von Schirach lesen.

Peter Jakob Horemans, Der Geist des Rates, 1753

BIlder: Peter Jakob Horemans: Der Geist des Rates, 1753, via Theodor Frey (dort erloschen)
und Hermetiker, 11. Mai 2009.

Soundtrack: Felix Mendelssohn Bartholdy: Sechs Präludien und Fugen, opus 35, MWV SD 14
1831–1836, erschienen 1837; „die vierte, die schwermütige in As-Dur“ (op. cit.):

Written by Wolf

25. September 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Barock, Glaube & Eifer, ~~~Olymp~~~

Eichendorffs Märchen

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Update zu Süßer Freund, das bißchen Totsein hat ja nichts zu bedeuten
und Da ist schwäb’scher Dichter Schule, und ihr Meister heißt – Natur!:

Sosehr man populärer Weise dazu neigen mag, ihn mit der Epoche der deutschen Romantik höchstselbst gleichzusetzen, so wenig ist bekannt, dass der adlige Joseph von Eichendorff zu einer studentischen Künstlerclique gehörte, die ihren Ehrgeiz nicht zuletzt darein setzte, bestehende Kunstwerke „im Volkston“ zu sammeln und sie als Naturerscheinungen zu würdigen: Musäus die Volksmährchen der Deutschen in fünf Bänden 1782 bis 1787; Clemens Brentano und Achim von Arnim Des Knaben Wunderhorn 1805 bis 1808; Eichendorffs Lehrer Joseph Görres Die teutschen Volksbücher 1807; Jacob und Wilhelm Grimm Kinder- und Hausmärchen 1812 bis 1858; Ernst Moritz Arndt und Ludwig Bechstein Märchen in der Nachfolge der Brüder Grimm; die Aufzählung ist bei weitem nicht vollständig.

Eichendorff hat seinen Versuch nach sieben Exemplaren abgebrochen. Sein Enkel und Nachlassverwalter Karl hat die „meist dem Volksmunde abgelauschte[n] Sagen und Märchen aus Oberschlesien“ als Märchen aus dem Nachlasse Joseph Freiherrn von Eichendorff auf 1808 bis 1809 datiert. Der Erstdruck geschah deshalb unter Karls Obhut als: Märchen. Von Joseph Freiherr von Eichendorff. Aus dem Nachlaß erstmals veröffentlicht von Karl Freiherr von Eichendorff, in: Der Wächter. Zeitschrift für alle Zweige der Kultur 8, Köln, erst 1925, Seite 10 bis 20. Offenbar hat der aufzeichnende Großvater Joseph die Märchen, die ihm in einem Dialekt erzählt wurden, der Schlonsakisch oder — wegen der rechten Seite der Oder bei Brieg, heute Brzeg — Wasserpolnisch heißt, gleich im selben Arbeitszug ins Hochdeutsche übersetzt und dabei — so der herausgebende Enkel Karl — „mit einer stellenweise geradezu verblüffenden Sorglosigkeit zu Papier gebracht.“ Das wäre damit von der Arbeitsweise etwa der Brüder Grimm prägnant unterschieden, aber für heutige Belange unerheblich, weil man mit der Sammlung eher die Arbeit Eichendorffs als die wasserpolnische Mythologie dokumentieren will.

Der erste Neudruck stammt von Albrecht Schau: Eichendorffs oberschlesische Märchen- und Sagensammlung, in: Aurora. Jahrbuch der Eichendorffgesellschaft 30/31, 1970/1971, Seite 57 bis 72. Der traditionell schlesische, heute Görlitzer Bergstadtverlag Wilhelm Gottlieb Korn gab 2001 offenbar aus heimatpflegerischen Absichten eine Einzelausgabe als In freudenreichem Schalle: Eine Sammlung oberschlesischer Märchen heraus; offenbar kommentiert, weil das Büchlein immerhin 79 Seiten haben soll.

Unten wird zitiert nach dem heute zugänglichsten Druck in: Joseph von Eichendorff: Ahnung und Gegenwart. Sämtliche Erzählungen I, in: Werke in sechs Bänden, Band 2, herausgegebn von Wolfgang Frühwald und Brigitte Schillbach, Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1985, als Taschenbuch Band 18 bei Suhrkamp 2007. Die Überschriften stammen nicht von Eichendorff, sondern laut dieser Ausgabe erst von Albrecht Schau für seinen Nachdruck 1970.

——— Joseph von Eichendorff:

Märchen

1808 bis 1809:

1. Das Märchen von der schönen Crassna, der wunderbaren Rose und dem Ungeheuer

In einer Stadt wohnte ein reicher Kaufmann. Der hatte ein prächtiges Haus, ein Vorwerk und zwei sehr schöne Töchter. Die älteste war stolz und übermütig, die jüngste aber, die alles an Schönheit übertraf, war gut und hieß Craßna. Eines Tages verlor der Kaufmann sein ganzes Vermögen, denn seine Schiffe waren in einem Sturme auf dem Meere mit allen Waren untergegangen. Da ward er sehr betrübt, stieg auf sein Pferd und wollte in die Welt reisen, um wieder etwas zu gewinnen. Wie er wegritt, sagte die älteste Tochter, er solle ihr ein schönes Kleid, Perlen und Edelgesteine einkaufen, Craßna aber bat, er möge ihr nur eine schöne Rose mitbringen. Als er nun in fremden Landen war, kam er einstmals zu einem großen, schönen Schloß. Er band sein Pferd am Tore an und ging hinein. Aber da war alles still und kein Mensch zeigte sich. Endlich ging er in ein Zimmer, das sehr schön verziert war. Darin standen Stühle, ein Tisch und ein Bett. In einem Augenblick war der Tisch gedeckt und mit Wein und köstlichen Speisen besetzt, ohne daß man jemand sah oder hörte. Er aß und trank und ging darauf im Garten spazieren, der neben dem Schlosse lag und voll der schönsten Blumen stand. Als er eben auch das Abendessen verzehrt hatte, trat plötzlich ein schreckliches Ungeheuer in die Stube, das aber nichts sprach und sogleich wieder verschwand. So lebte der Kaufmann drei Tage lang ganz allein in dem Schlosse, der Tisch deckte sich immer wieder von selbst, das Ungeheuer aber zeigte sich nicht mehr. Den dritten Tag endlich machte er sich wieder auf die Reise. Er war aber noch nicht weit gekommen als ihm einfiel, daß ihn seine Tochter Craßna um eine Rose gebeten wie er sie im Garten bei jenem Schlosse gesehen hatte. Er kehrte also schnell wieder um, stieg ab und ging in den Garten hinein. Als er aber eben die schönste Rose abgebrochen hatte, stand auf einmal das Ungeheuer vor ihm, brüllte fürchterlich und sagte er müsse nunmehr für die Rose seine Tochter Craßna auf das Schloß bringen. Da kam der Kaufmann sehr betrübt wieder nach Hause, gab seiner Tochter die Rose, erzählte wie es ihm ergangen und wie er dem Ungeheuer habe versprechen müssen, sie auf das Schloß zu bringen. Alles war sehr traurig, Craßna aber, welche befürchtete, daß viel Übel daraus entstehen würde, wenn sie nicht gehorchte, willigte ein. Der Vater brachte sie selber auf das Schloß und ließ sie dort mit vielen Tränen allein zurück. Sie fand dort reichlich zu essen und zu trinken und alles was ihr Herz nur wünschte. Das Ungeheuer besuchte sie alle Tage einmal auf kurze Zeit, ohne ein Wort zu sprechen. Nach geraumer Frist kam das Ungeheuer einmal zu ihr, gab ihr einen Ring und sagte: „Meine schöne Craßnal Behalte diesen Ring stets am Finger und wenn du an irgend einen Ort der Welt denkst, wo du gerne sein möchtest, so brauchst du nur den Ring nach jener Gegend hinzuwenden und er wird dich sogleich, samt einem Koffer mit so viel Gold, als du nur wünschest, dorthin versetzen. Aber hüte dich, so lange du an dem betreffenden Orte weilst, in den Koffer hineinzusehen. Auch darfst du niemals über drei Tage ausbleiben, sonst muß ich sterben.“ Craßna war über dies alles sehr vergnügt. Sie wünschte sehnlichst ihren Vater und ihre Schwester wiederzusehen, richtete ihren Ring dorthin und befand sich sogleich inmitten der Ihrigen. Unbeschreiblich war die Freude, die alle hatten, die geliebte Craßna wiederzusehen, zumal als sie den Koffer bemerkten, den sie mitgebracht hatte. Sie konnte sich nicht enthalten letzteren zu öffnen, um zu sehen, was er eigentlich enthielt, kaum aber hatte sie dies getan, so war er mit allen Kostbarkeiten verschwunden. Am Abend des dritten Tages kehrte sie wieder in ihr Schloß zurück. So wiederholte sie ihre Besuche noch sehr oft und da sie jedesmal einen Koffer mit Gold mitbrachte und nicht mehr hineinguckte wie das erstemal, zählte ihr Vater bald wieder zu den Reichsten im Lande. Als sie wieder einmal nach Hause kam, fand sie Vater und Schwester sehr betrübt, weil sie auf immer getrennt von ihr leben mußten. Mit vielem Weinen und Bitten sprachen sie ihr daher, als der dritte Tag seinem Ende entgegenging, zu, nicht mehr aufs Schloß zurückzukehren. Nach vielen Gegenreden ließ sie sich auch erweichen und blieb über Nacht zu Hause. Als aber der Morgen graute, sprang sie sogleich auf, denn sie hatte sich nach und nach so an das Ungeheuer gewöhnt, daß ihr unaussprechlich bange wurde, wenn sie einige Tage von ihm weg war. Ohne Abschied und ohne, daß jemand davon wußte, kehrte sie ihren Ring jener Weltgegend zu und befand sich sogleich wieder im Schlosse. Zu ihrem Entsetzen fand sie dort das Ungeheuer im Garten wie tot ausgestreckt. Es schien sie nicht mehr zu kennen und holte nur noch schwach Atem. Sie stürzte sich auf dasselbe, umarmte und küßte es und klagte und weinte bitterlich. Da schwoll dieses immer mehr und mehr auf bis es endlich zerplatzte und ein Jüngling von blendender Schönheit vor Craßna stand, der ihr um den Hals fiel und sie mit Küssen fast erstickte. Darauf nahm er sie bei der Hand, führte sie im Garten herum und erzählte ihr, daß er ein verwunschener Prinz sei und nur von einer Jungfrau erlöst werden konnte, die ihn trotz seiner erschrecklichen Gestalt so liebte, daß sie ohne ihn nicht zu leben vermochte. „Ihr habt mich,“ so sagte es, „durch Euere große Liebe endlich erlöst und nun ist alles Euer, was Ihr seht.“ In diesem Augenblicke wimmelte der ganze Garten von schön geschmückten Knaben und Frauen, welche den Prinzen und Craßna bedienten. Der Prinz schickte sogleich einen Wagen mit vier schönen Pferden zu Craßnas Vater und seinen Anverwandten und da alles beisammen war, hielt er mit seiner Braut auf dem Schlosse Hochzeit, die drei Wochen lang dauerte.

Frédéric, Flickr

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2. Das Märchen von dem Amulettring und den zwei Königskindern

Es war einmal ein König, der hatte eine sehr schöne Tochter. Eines Tages kam ein fremder reisender Krämer mit allerhand Waren auf das Schloß, der einen Ring bei sich hatte, auf dem ein wunderschöner junger Mann gemalt war. Die Prinzessin kaufte den Ring und war so entzückt über das Bild, daß sie keinen anderen in der Welt heiraten wollte als den auf dem Gemälde dargestellten. So war sie in das Bild verliebt, daß sie alle Freier ausschlug. Endlich kam ein sehr schöner und reicher Prinz in der Absicht, sich um sie zu bewerben. Sie schlug auch diesen aus, der König aber, der nicht länger zu warten beabsichtigte, wollte sie zwingen ihn zu heiraten. Da ging sie am Abend vor dem Hochzeitstage mit ihrem Ring am Meere spazieren und weinte. Am Ufer erblickte sie eine Schifferin in einem Kahne. Diese sprach zu ihr: „Durchlauchtigste Prinzessin, was seid Ihr so traurig?“ „Ach,“ entgegnete die Prinzessin, „fraget nicht erst, Ihr könnt mir doch nicht helfen.“ „Wer weiß!“ sagte die Schifferin, „entdeckt mir nur getrost den Grund Euerer Betrübnis.“ Da erzählte ihr die Prinzessin die ganze Geschichte. Als die Schifferin den Ring erblickte, rief sie sogleich voller Freude: „Ich kann Euch Eueren Geliebten zeigen, der auf diesem Ringe dargestellte Prinz wohnt in dem Lande, dem ich entstamme. Wenn Ihr morgen in aller Frühe wieder hierherkommen wollt, so will ich Euch hinführen; Ihr müßt aber viel Gold und drei Eurer schönsten Kleider mitbringen.“ Die Prinzessin begab sich hierauf nach Hause und konnte die ganze Nacht vor Freude nicht schlafen. Sie sann immerfort darüber nach, wer wohl der Prinz wäre und wo das Land gelegen sei. Ehe noch der Tag angebrochen war, ging sie mit dem Gold und ihren Kleidern ganz allein an den Meeresstrand, wo die Schifferin mit ihrem Kahne schon auf sie wartete. Diese als Mannsbild angekleidet, nahm Gold und Kleider in Verwahrung und so fuhren sie über das Meer bis sie zu einer großen Stadt kamen. Hier begab sich die Schifferin in das königliche Schloß und sagte dem Koche des Prinzen, sie wolle ihm eine recht gute und geschickte Küchenmagd bringen. Dann zog sie der Prinzessin schlechte Kleider an, verdeckte ihr Kopf und Gesicht mit einem weißen Tuche, so daß sie niemand erkennen konnte, und führte sie ins Schloß. Dort verrichtete die Prinzessin still und fromm die niedrigsten Geschäfte in der Küche. Der Prinz aber war immer sehr traurig, denn auch er hatte vor einiger Zeit von einem reisenden Kaufmann einen Ring erhalten, auf dem eine wunderschöne Jungfrau gemalt war. Er wollte keine andere als diese und konnte sie doch nirgends finden. Eines Tages wurde in der Stadt ein großer Ball gegeben. Der Prinz bestellte beim Koch bloß eine Suppe, die er essen wollte ehe er wegging. Die Schifferin begab sich zur Prinzessin und setzte ihr ausführlich auseinander, wie sie sich zu verhalten habe, was sie denn auch treulich ausführte. Als der Bediente die Suppe hinauftragen wollte, nahm sie dieselbe heimlich fort und trug sie selbst zum Prinzen. Dieser, der sich eben den Rock ausbürstete, wurde böse darüber, daß er von einer so schlechten Magd bedient werden sollte, nahm die Bürste und warf sie nach ihr. Sie aber ging, ohne ein Wort zu sagen, aus dem Zimmer. Dann bat sie, wie ihr die Schifferin geraten, den Koch, ihr zu erlauben, heute abend dem Balle zuzusehen. Alsdann verschaffte sie sich einen herrlichen Wagen mit vier Pferden, zog eines von ihren drei schönen Kleidern an und fuhr zum Balle. Alles war über ihre Schönheit und Pracht erstaunt. Der Prinz wurde auf einmal ganz fröhlich, als er bemerkte, daß es sich um dieselbe handelte, die er auf seinem Ringe erblickte. Sie aber hatte ihren Ring nicht angesteckt. Nachdem der Prinz sehr viel mit ihr getanzt hatte, fragte er sie zuletzt, woher sie wäre, worauf sie erwiderte, aus Bürstendorf. Da sann er hin und her, aber er kannte kein Dorf dieses Namens. Als sie nach Hause kam, fragte sie der Koch, was sie gesehen habe und sie erzählte ihm, wie der Prinz lustig gewesen sei und viel getanzt habe. Der Koch wunderte sich hierüber sehr, da der Prinz in seinem Leben noch nicht getanzt hatte. Nach einiger Zeit war wieder ein Ball in der Stadt. Da ihm nun die Prinzessin als Magd wieder die von ihm bestellte Suppe brachte, warf er einen Stiefel hinter ihr her. Sie fuhr nun wieder in ihrem zweiten schönen Kleide hin und als der Prinz sie noch einmal nach dem Namen ihres Heimatortes fragte, nannte sie ihn Stiefeldorf. Schließlich gab der Prinz, der sehr neugierig war, ob die Prinzessin wiederkommen würde, selbst einen Ball. Auch diesmal trug sie ihm vorher wieder seine Suppe herauf. Er war eben im Begriffe, seine goldenen Sporen umzuschnallen und warf, als er sie erblickte, einen derselben nach ihr. Später erschien sie in ihrem dritten prächtigsten Kleide auf dem Balle. Zuletzt fragte der Prinz wieder, woher sie sei und erhielt von ihr zur Antwort aus Sporndorf. Das fiel dem Prinzen endlich auf, denn er hatte schon nach allen Richtungen vergeblich Boten ausgeschickt, um die Lage der erwähnten Dörfer festzustellen. Die Prinzessin begab sich zeitig nach Hause, um ihre Geschäfte in der Küche nicht zu versäumen. Als der Ball beendet war, sandte der Prinz in die Küche, das neue Mensch solle zu ihm hinaufkommen und zog ihr, da sie zu ihm in die Stube trat, schnell das große weiße Tuch vom Kopfe. Da erkannte er sie. „Also du bist es, liebes Kind,“ rief er voller Freuden aus, fiel ihr um den Hals und küßte sie unzähligemale. Nun waren sie alle beide vergnügt, belohnten die Schifferin sehr reichlich und hielten miteinander Hochzeit in freudenreichem Schalle.

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3. Das Märchen von dem Faulpelz, dem wunderbaren Fisch und der Prinzessin

Es war einmal ein Weib, das einen Faulpelz zum Sohne hatte. Der saß das ganze Jahr auf dem Ofen und fraß alle Tage einen Topf mit Krautsuppe auf, der so groß war, daß er ihm bis über die Knien reichte. Als nun der Vater gestorben, sagte die Mutter: „Faulpelz, rühre dich! denn nun mußt du mir helfen Brot verdienen. Spanne gleich die Ochsen an den Wagen und fahre in den Wald um Holz.“ Der Faulpelz stieg vom Ofen herunter, konnte aber die Ochsen nicht einspannen. Da spannte die Mutter selber an und setzte den Faulpelz auf den Wagen. Vor dem Walde befand sich ein großer Teich, durch den ein Damm ging. Als nun der Faulpelz herankam, lag quer über den Damm ein großer Fisch. Er nahm die Peitsche und warf den Fisch in den Teich. Da schnalzte dieser im Wasser mit dem Schwanze und sagte: „Faulpelz, du hast mich wieder ins Wasser gebracht, zum Danke kannst du dir wünschen was du willst, und wenn du sagest: Es geschehe durch den Fisch, so wird es erfüllt werden.“ Da sagte der Faulpelz: „Der Wagen soll durch den Fisch voll Holz sein,“ und sogleich lag eine ganze Fichte auf dem Wagen. Als er nun damit wieder nach Hause fuhr, sah eben die Prinzessin oben im Schlosse zum Fenster heraus. Die lachte laut auf, als sie ihn unten fahren sah, und sagte: „Die Leute sprechen immer, der Faulpelz arbeitet nichts, und da fährt er ja wahrhaftig eine ganze Fichte aus dem Walde.“ Daß er so ausgelacht wurde, ärgerte dem Faulpelz und er sprach: „Ich wünsche, daß die Prinzessin durch den Fisch schwanger wird.“ Von diesem Augenblick an wurde die Prinzessin schwanger und gebar nach 9 Monaten einen jungen Prinzen. Alles war erstaunt, denn niemand kannte den Vater. Als das Kind 5 Jahre alt war, war es wunderschön und spielte immer mit einem goldenen Apfel. Da sagte der König: „Ich will alle meine Untertanen zusammenberufen und wem das Kind den Apfel gibt, der ist der Vater.“ Vornehme und Niedere kamen herbei und mußten sich stellen, aber der kleine Prinz rollte immerfort den goldenen Apfel in der Stube vor sich her und gab auf keinem acht …

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4. Das Märchen von der schönen Sophie und ihren neidischen Schwestern

Ein König hatte drei sehr schöne Töchter, unter denen aber die jüngste, welche Sophie hieß, die beiden anderen an Liebreiz weit übertraf. Die beiden älteren Schwestern waren im Besitz eines Spiegels, den sie immer fragten: „Sag an, du Spiegel an der Wand, welche ist die Schönste in Engelland?“ und jedesmal antwortete ihnen der Spiegel: „Ihr zwei seid schön, die Sophie ist jedoch die Schönste in ganz Engelland.“ Darüber wurden die beiden Prinzessinnen sehr böse und neidisch und suchten auf alle Weise die jüngste Schwester loszuwerden. An einem schönen Sommertage begaben sie sich mit ihr in den Wald, um Heidelbeeren zu klauben. Als sie draußen waren, hingen sie an einem Aste eine Schnur mit einem Stück Holz auf, das vom Winde immer wieder gegen den Baum geworfen wurde. Dann sagten sie ihrer Schwester: „Wir wollen uns nun alle drei im Walde zerstreuen und wenn es Abend wird, hier, wo das Holz im Winde klappert, zusammenkommen.“ Sophie ging darauf in den Wald, wo sie fleißig Beeren klaubte. Die beiden Schwestern aber begaben sich sogleich nach Hause und ließen sie im Walde allein. Bei einbrechender Dunkelheit traf sie aber doch wieder zu dem Holze und kam glücklich nach Hause. Das ärgerte ihre beiden Schwestern gar sehr und sie führten sie daher den anderen Tag wieder in den Wald. Aber auch diesmal fand sie den Weg zurück. Als sie aber am dritten Tage wieder in die Beeren gegangen waren, konnte Sophie am Abend den rechten Weg nicht mehr finden, sie verirrte sich immer tiefer und fing, da es schon ganz finster geworden war, bitterlich an zu weinen. Auf einmal sah sie von ferne ein Licht schimmern. Sie ging darauf zu und kam endlich an ein kleines, niedriges Häuschen. Da sie, durch das Fenster blickend, am Herde ein altes Mütterchen bemerkte, klopfte sie an. Die Alte machte sogleich auf, freute sich ungemein, ein so schönes Mädchen bei sich zu haben, gab ihr zu essen und trinken und beredete sie, bei ihr zu bleiben. Den anderen Morgen ging die Alte in den Wald hinaus und schärfte der Sophie ein, durchaus niemanden ins Haus zu lassen. Die beiden älteren Prinzessinnen freuten sich sehr, daß ihre Schwester nicht wiedergekommen war, da sie aber den Spiegel befragten und dieser wieder wie sonst antwortete: „Ihr beide seid schön, aber die Sophie ist die Schönste in ganz Engelland“ ärgerten sie sich und begaben sich in den Wald, die Sophie aufzusuchen. Endlich kamen sie auch an das Häuschen, klopften an und wollten hinein. Sophie aber erwiderte, daß sie durchaus nicht öffnen dürfe. Darauf sagten sie zu ihr: „Liebste Schwester, du hast gewiß hier in dem schlechten Hause Läuse bekommen, wir wollen dir etwas den Kopf durchsuchen.“ Da Sophie das Fensterchen öffnete und den Kopf herausstreckte, kämmten die Prinzessinnen sie sauber, flochten die Haare, banden die Zöpfe mit einem goldenen Bande zusammen und nahmen alsdann wieder Abschied. Kaum aber hatte Sophie das Fenster geschlossen, so fiel sie wie tot auf den Boden. Gen Abend kam die Alte zurück: „Hui, hui, Sophie“ rief sie „mach auf!“ Da aber drinnen alles stille blieb, stieg sie durch das Fenster hinein und jammerte sehr, als sie Sophie tot da liegen sah. Trotzdem sie Sophie sogleich auszog und ihr den ganzen Leib mit warmen Wasser wusch, war kein Lebenszeichen zu bemerken. Auf einmal erblickte sie das goldene Band im Haar und zog es schnell heraus, worauf Sophie alsbald wieder lebendig wurde. Die beiden Schwestern hatten das Band vergiftet. Den anderen Tag ging die Alte wieder aus und warnte die Sophie, ihren Schwestern, falls sie wiederkommen sollten, nochmals Gehör zu schenken. Da nun die beiden Prinzessinnen zu Hause den Spiegel befragten und wiederum die Antwort erhielten „Die Sophie ist die Schönste in Engelland,“ suchten sie nochmals das Häuschen auf und nahmen ein Körbchen voll Äpfel mit. Als Sophie das Fenster nicht aufmachen wollte, baten sie sehr freundlich, sie möchte doch wenigstens einige von den Äpfeln nehmen und da sie selber anfingen, die Äpfel zu verspeisen, konnte Sophie nicht mehr widerstehen, öffnete das Fenster und aß mit. Die Schwestern suchten ihr noch den schönsten Apfel aus und gingen wieder fort. Der Apfel aber war vergiftet. Wie sie die Hälfte davon abbiß, blieb er ihr im Halse stecken und sie fiel tot um. Gegen Abend kam die Alte zurück: „Hui, hui, Sophie, mach auf.“ Niemand aber rührte sich. Wiederum stieg sie durchs Fenster und sah Sophie auf dem Boden liegen. Trotzdem sie die Tote wieder sehr fleißig wusch und salbte, war sie diesmal nicht wieder zum Leben zu erwecken. Die Alte warf sich über sie, küßte sie und weinte sehr. Dann ließ sie einen gläsernen Sarg anfertigen, putzte die Tote mit den schönsten Kleidern, legte sie hinein und setzte den Sarg auf zwei hohe Linden, die oben mit den Ästen ineinander gewachsen waren. Einen Kranz von Rosmarin hatte sie ihr in die Haare und einen Strauß davon an die Brust gesteckt. Diese blieben immerfort grün und wuchsen im Sarge fort, auch sie selbst blieb so schön und rot, wie sie im Leben gewesen. Alle Tage fragten nun die beiden Prinzessinnen den Spiegel: „Sag an du Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste in Engelland?“ worauf der Spiegel jedesmal antwortete: „Sophie war schön, ihr zwei seid die Schönsten in ganz Engelland.“ Darüber entstand große Freude. Nach einiger Zeit verirrte sich einmal ein junger Prinz auf der Jagd im Walde. Seine Hunde blieben vor dem Lindenbaume stehen, bellten hinauf und wollten von dem Orte nicht fort. Der Prinz bemerkte nun oben den Sarg und war außer sich vor Freude über die Schönheit der Toten. Er ging sofort in das Häuschen und verlangte von der Alten den Sarg. Diese aber weinte entsetzlich und erwiderte es wäre dies ihre einzige Freude auf der Welt und sie würde sterben, wenn man ihr die schöne Sophie wegnähme. Nachdem ihr versprochen worden war, auch sie mitzunehmen, und immer bei dem Sarge zu belassen, willigte sie endlich ein und der Prinz ließ den Sarg herabholen und auf einen Wagen setzen. Als dieser aber über einige Baumwurzeln hinwegrollte, sprang durch die Erschütterung plötzlich der Apfel aus Sophiens Halse, worauf sie tief aufatmete und die Augen aufschlug. Da fiel ihr der Prinz voller Freude um den Hals, setzte sich zu ihr in den Wagen und hielt Hochzeit mit ihr auf seinem Schlosse. Auf die Frage der beiden Schwestern: „Sag an du Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste in Engelland?“ antwortete der Spiegel nun wieder: „Ihr beide seid schön, Sophie jedoch ist die Schönste in ganz Engelland.“ Die Prinzessinnen wurden hierdurch zornig, warfen den Spiegel auf die Erde und zertraten ihn in kleine Stücke.

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5. Das Märchen vom Vogel Venus, dem Pferd Pontifar
und der schönen Amalia aus dem schwarzen Wald

Ein König war so krank, daß ihm kein Arzt im ganzen Königreiche mehr zu helfen wußte. Da träumte ihm einmal, daß er nicht eher gesund werden würde, bis er den Vogel Venus singen höre. Als er aufwachte, erzählte er allen seinen Traum. Aber da war keiner, der den Vogel Venus kannte, oder wußte, wo er zu finden sei. Der König hatte aber drei Söhne. Der älteste von ihnen sagte: „Ich will in die Welt hinaus und den Venusvogel überall suchen“ und trat, nachdem er vom König viel Gold und Silber erhalten hatte, die Reise an. In der nächsten großen Stadt erkundigte er sich nach dem besten Wirtshause und kehrte dort ein. In dem Gasthofe war ein großes Jubeln und Tosen von Spielleuten und schöngeputzten Mädchen, Saufen und Spielen, und da man beim Prinzen viel Geld merkte, hielt man ihn so lange auf, bis er seinen letzten Groschen verspielt hatte. Dann ließ ihn der Wirt, weil er nichts mehr besaß, die Zeche zu bezahlen, in einen tiefen Turm werfen. Da nun der König lange vergebens auf seinen Sohn gewartet hatte und immer kränker wurde, erklärte der zweite Prinz, nun auch auf die Wanderschaft zu gehen und den Vogel Venus aufzusuchen. Auch er erhielt vom Könige Gold in Menge. Er nahm denselben Weg, wie der erste, kehrte ebenfalls in dem Wirtshause ein, verspielte sein ganzes Geld und wurde gleichfalls in einen Turm geworfen. Als auch der zweite nicht wiederkam, machte sich endlich der dritte Prinz auf den Weg. Er kam auch an das Wirtshaus, aber er trank und spielte nicht, achtete auch nicht auf die hübschen Mädchen, sondern sann nur immerfort nach, wohin er sich wenden sollte, um den Vogel zu finden. Vor der Weiterreise sagte ihm der Wirt: „Ihr seid ein recht feiner und kluger junger Herr, daß Ihr Euer Geld so wohl zusammenhaltet, erst unlängst waren zwei eben so junge und reiche Menschen hier, die ich in den Turm geworfen habe, weil sie alles verspielt hatten.“ Da verlangte der Prinz die beiden Gefangenen zu sehen und erkannte seine Brüder. Dem Wirt bezahlte er, was sie schuldig waren, machte ihnen Vorwürfe daß sie so unbedachtsam gelebt und wies den Wirt an, ihnen gutes Quartier, aber täglich nur so viel zu verzehren zu geben, als sie notwendig brauchten und sie so lange zurückzuhalten, bis er selbst sie abhole. Darauf ritt er in Gottes Namen weiter. In der Vorstadt sah er auf offener Straße eine Leiche auf der Bahre stehen. Er erkundigte sich, was dies zu bedeuten habe und als man ihm mitteilte, daß es hier Gebrauch sei, einen Menschen, der Geld schuldig geblieben, unbegraben zu lassen, bezahlte er sogleich die 200 Rthr., die der Verstorbene schuldig war und ließ ihn auf seine Kosten beerdigen. Darauf kam er in einen großen Wald, wo ein Fuchs am Wege saß. „Wo reitest du denn so voller Gedanken hin,“ fragte derselbe den Prinzen. „Ach, mein liebes Füchslein,“ erwiderte der Prinz, „was hülfe es mir, wenn ich’s dir auch sagte, du könntest mir doch nicht raten.“ „Wer weiß,“ sagte der Fuchs, „wenn du erlaubst, will ich dich begleiten.“ Nachdem sie lange so gereist waren, rief der Fuchs: „Hier in der Nähe wohnt ein König, der besitzt den Vogel Venus. Gehe um Mitternacht ganz allein ins Schloß, die Wachen werden alle schlafen. Im innersten Gemache wirst du ringsherum an der Wand eine Menge Vögel in schönen Gebauern finden, in der Mitte aber steht der Vogel Venus, der einen so prächtigen Käfig hat, daß die Stäbe desselben einen glänzenden Schein von sich geben. Begeize dich aber ja nicht auf den Käfig, sondern lasse ihn stehen und begnüge dich damit, den Vogel sachte herauszunehmen, sonst wirst du unglücklich.“ Um Mitternacht ging der Prinz aufs Schloß, während der Fuchs die Pferde bewachte. Als er in das erwähnte Gemach trat, war er von der Schönheit des Käfigs ganz geblendet und dachte bei sich: „Die Wachen schlafen alle, ich werde den Käfig schnell forttragen, so hab‘ ich beides.“ Kaum aber hatte er den Käfig in die Hand genommen, so fing der Vogel an, dermaßen zu kreischen und mit den Flügeln zu schlagen, daß die Wächter erwachten, den Prinzen ergriffen und ins Gefängnis warfen. Am zweiten Tage erschien der Fuchs im Turme und sagte: „Sieh’st du, hab‘ ich nit gesagt, daß es dir schlimm gehen würde, wenn du nicht folgtest. Morgen sollst du gehängt werden, wenn du auf den Richtplatz hinausgeführt wirst, so bitte den Henker, dich noch einmal zum Könige zu führen, da du ihm etwas sehr Wichtiges anzuvertrauen hättest. Nur so kannst du dich noch retten.“ Das tat denn auch der Prinz am anderen Tage. Auf vieles Bitten führte ihn der Henker noch einmal vor den König, dem er, wie ihn der Fuchs gelehrt, versprach, ihm das Pferd Pontifar zu bringen, wenn er ihm das Leben schenke. Der König war ganz außer sich vor Freude, begnadigte den Prinzen und versprach ihm den Vogel Venus samt dem Käfig zum Geschenk zu machen, wenn er ihm das Pferd Pontifar bringe. Als nun der Prinz wieder zum Fuchse in dem Walde kam, fragte er ihn, wo nun aber das Pferd zu finden sei. „Das Pferd Pontifar,“ erwiderte dieser, „befindet sich wieder bei einem anderen Könige in einem prächtigen Stalle. In einem Kreise um das Pferd herum sitzen die Wächter, von denen jeder einen goldenen Zügel in der Hand hält. Du wirst nun wieder um Mitternacht, während die Wächter schlafen, allein hingehen. Hüte dich aber, von dem köstlichen Geschirr des Pferdes etwas mitzunehmen, schirr es vielmehr langsam ab und reite auf dem ledigen Pferde davon, sonst wirst du unglücklich.“ Wie erstaunte aber der Prinz, als er in der Nacht in den Stall kam. Denn war das Pferd schön, so war doch Sattel und Geschirr, aus Gold und Edelsteinen bestehend, noch weit schöner. Er konnte nicht widerstehen, zog die goldenen Zügel langsam aus den Händen der schlafenden Wächter und schwang sich auf das aufgeputzte Pferd. Kaum aber saß er droben, so wieherte und polterte das Roß derart, daß die Wächter erschreckt auffuhren, den Prinzen herabrissen und ins Gefängnis warfen. Am zweiten Tage erschien der Fuchs wieder im Gefängnisse, schalt ihn aus und gab ihm wieder Ratschläge wie das erstemal. Auf inständiges Bitten wurde der Prinz vom Richtplatze noch einmal vor den König geführt, dem er die Prinzessin Amalia aus dem schwarzen Walde zu verschaffen versprach, wenn er ihm das Leben schenke. Da freute sich der König über alle Maßen, er schenkte ihm nicht nur das Leben, sondern stellte ihm auch noch das Pferd Pontifar nebst Sattel und Zeug in Aussicht, wenn er ihm die Prinzessinbringe. „Mein liebes Füchslein,“ sagte der Prinz, als er zurückkam, „wo werden wir nun aber die Prinzessin finden?“ „Die Prinzessin Amalia,“ erwiderte der Fuchs, „wohnt im schwarzen Walde in einem schwarzen Schlosse, bewacht von zwei Wölfen, zwei Bären und zwei Löwen. Du mußt wieder um Mitternacht bis ins innerste Gemach vordringen. Dort wirst du auf einem Tische eine Menge herrlicher brennender Lampen finden. Hüte dich aber, eine der schönen Lampen anzurühren, nimm vielmehr die schlechteste, die in der Mitte steht, und gehe damit hinaus. Du bist verloren, wenn du mir nicht folgst, denn diesmal kann ich dir nicht mehr helfen.“ – Beim Schlosse angekommen, ging der Prinz allein hinein. Wölfe, Bären und Löwen schliefen alle. Im innersten Gemache brannten die Lampen in verschiedenen bunten Farben und Scheinen, so daß der ganze Raum mit Glanz erfüllt war. Keine von ihnen rührte er an, sondern nahm aus der Mitte die schlechte und ging mit ihr hinaus. Am Tore wartete seiner schon die Prinzessin Amalia aus dem schwarzen Walde, die ganz in schwarzem Flor gekleidet war. Ohne ein Wort zu sprechen, führte sie der Prinz, wie ihn der Fuchs befohlen, zu den Pferden und ritt mit ihr zum Schlosse des zweiten Königs zurück. Aus dem Schloßfenster sah ihnen der König schon entgegen und das Pferd Pontifar stand bei ihrer Ankunft bereits aufgeputzt am Tore. Der König war voller Freude, als er die Prinzessin Amalia erblickte und dankte dem Prinzen außerordentlich. Dieser bestieg sein Roß, schwang die Prinzessin, die von ihm nicht lassen wollte, vor sich auf den Sattel und ritt somit ihr über alle Berge. Als er zum Schlosse des ersten Königs kam, stand der Käfig mit dem Vogel Venus bereits auf dem Hofe. Mit tausend Freuden bestieg der König das Pferd Pontifar. Es wollte ihn aber nicht dulden und er vermochte es nicht zu bändigen. Der Prinz erklärte, es im Hofe etwas zureiten zu wollen, bestieg es, die Prinzessin Amalia, die ihn außerordentlich liebte, gleich auch mit ihm, tummelte das Roß nach allen Richtungen, ergriff unversehens den Käfig mit dem Vogel Venus und jagte somit allem davon. Seine im Wirtshaus zurückgebliebenen Brüder wunderten sich, als er dorthin zurückkam, sehr über die mitgebrachten herrlichen Sachen, verabredeten aus Neid, den Bruder zu erschlagen, versenkten ihn in einen Graben, ritten mit den Sachen nach Hause und rühmten sich ihrer Erfolge. Aber die schöne Prinzessin wollte nicht sprechen, das Pferd nicht fressen, der Vogel Venus nicht singen und der alte König blieb daher so krank, wie er gewesen. Unterdessen lief der Fuchs zu dem Graben, wo der Prinz lag, zog ihn heraus, wusch ihn mit seinen Pfoten, erweckte ihn zum Leben und sagte zu ihm: „Ich bin die Seele des Verstorbenen, für den du die Schulden bezahlt hast, meine Schuld habe ich dir nunmehr abgezahlt und bin erlöst. Gehe du nun zu einem Schäfer, ziehe dessen Kleider an, eile so ins Schloß und gib dich für einen Tierarzt aus.“ Bei diesen Worten verschwand der Fuchs, der Prinz aber suchte einen Schäfer auf dem Felde auf, wechselte mit ihm die Kleider und ging alsdann zu seinem Vater. Dort wollte man ihn, weil er so verlumpt aussah, nicht aufnehmen, wurde aber, da er angab, alle Pferde kurieren zu können, in den Stall geführt. Bei seinem Eintritt sah sich das Pferd Pontifar sogleich nach ihm um, wieherte, fraß Hafer aus seinen Händen und wurde ganz munter. Alles war hierüber höchst erstaunt und wollte den Wunderarzt sehen. Als er in die königlichen Gemächer geführt wurde, fiel die stumme Prinzessin Amalia ihm um den Hals, der Vogel Venus begann wunderschön zu singen und der König sprang gesund aus dem Bette. Hierauf zog der Prinz seine schönen Kleider an und erzählte alles. Der alte König war voller Freude und gab eine prächtige Gasterei. Die beiden Brüder, die zur Jagd ausgezogen waren, erstaunten über die Vorkommnisse aufs höchste. Über Tafel fragte sie der König, was wohl jemand verdiene, der seinen Vater belogen und einen Menschen erschlagen habe. Sie antworteten: „Den lichten Galgen.“ Der König wollte sie hierauf aufhängen lassen, da der Bruder aber sehr für sie bat, wurden sie in ein Gewölbe gebracht, wo sie zeitlebens in der dicksten Finsternis sitzen mußten. Der jüngste Prinz aber hielt mit der schönen Prinzessin Amalia aus dem schwarzen Walde eine glänzende Hochzeit.

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6. Die Sage vom häßlichen Schuster, der zwölf Jahre Teufelsbündler war
und ein reicher Mann wurde

Unterdessen hatte auch der König von dem großen Reichtum des Arrendators gehört und fuhr daher hin, um alles selbst in Augenschein zu nehmen. Da führte ihn der Schuster in seinem Hause durch unzählige Keller, die bis zur Decke mit Gold angefüllt waren. Der König war über die Maßen erstaunt, da er sah, daß der Schuster hundertmal reicher war, als er selbst, versprach ihm seine Tochter zur Frau zu geben, ließ ein Bild des Schusters anfertigen und nahm es mit nach Hause. Als er aber der ältesten Tochter mitteilte, was er versprochen und sie auf dem Bilde den gräulichen, über und über beschmutzten Schuster erblickte, lachte sie ihrem Vater ins Gesicht. Darauf wandte sich der König an seine zweite Tochter, aber auch diese wollte durchaus nichts von der Heirat wissen. Die jüngste Prinzessin aber erklärte, den Befehlen ihres Vaters Gehorsam leisten zu wollen. Mittlerweile waren die zwölf Jahre, die der Schuster mit dem Teufel akkordiert hatte, verflossen und er beschloß sich nunmehr um die versprochene Prinzessin zu bewerben. Er ließ sechs prächtige Pferde vor einen goldenen Wagen spannen und fuhr so vor. Als er unterwegs an einem Teiche vorbeifuhr, sprangen plötzlich drei Teufel aus dem Schilfe hervor. „Du Schweinigel,“ riefen sie dem Schuster zu, „ist das eine Art, so mit kotigem Gesicht und mit unausgekämmten Haaren um eine Prinzessin zu freien!“ Damit rissen sie den Schuster aus dem Wagen, warfen ihn ins Wasser und wuschen und striegelten ihn von oben bis unten. Dann zogen sie ihm prächtige Kleider an und setzten ihn wieder in den Wagen. Der Schuster aber sprach für sich: „Man behauptet immer, der Teufel sei dumm, aber wahrhaftig, er ist klüger als ich,“ und war wohl zufrieden. Bei der Ankunft war man über seine Schönheit allgemein erstaunt, denn er war ganz verwandelt. Die jüngste Prinzessin fiel ihm voller Freude um den Hals, die beiden anderen aber erhängten sich aus Neid und Ärgernis. Die Teufel aber verabschiedeten sich für immer von dem Schuster, da sie hier und im Branntweinhause bereits zahlreiche Seelen erobert hatten.

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7. Das Märchen von der in der Wildnis ausgesetzten Königin
und ihren Söhnen Josaphat und Löwiath

Ein römischer Kaiser heiratete einstmals ein sehr schönes, aber ganz armes Fräulein. Darüber wurde seine Mutter, die alte Kaiserin, sehr ergrimmt und suchte daher die junge Frau auf alle Weise anzuschwärzen. Während der Kaiser eben Krieg führte, gebar ihm seine junge Gemahlin zwei Prinzen auf einmal. Die Alte schrieb hierauf ihrem Sohne, daß keine junge Frau, wenn sie züchtig und ehrbar gelebt habe, zum erstenmale Zwillinge gebären könne, er solle sich daher eiligst aufmachen, um die ihm angetane Schande an seiner Frau zu rächen. Der Kaiser kehrte auf diese Nachricht hin schleunigst in seine Residenz zurück, ging sogleich in die Kirche, kniete vor dem Hochaltar nieder und bat Gott für seine Frau. Das ärgerte die alte Kaiserin entsetzlich, sie beredete daher ihren Kammerdiener, sich bis aufs Hemd auszuziehen und so zu der jungen Kaiserin, die eben schlief, ins Bett zu legen. Dann ging sie zu ihrem Sohne in die Kirche und erzählte ihm, wie schändlich sich seine Frau aufführe und zerrte ihn so lange, bis er ihr endlich in das Schlafgemach der jungen Kaiserin folgte, wo er neben seiner schlafenden Frau den Kammerdiener liegen sah. Da zog der Kaiser sein Schwert und durchbohrte den Diener, daß sein Blut der erschrockenen Kaiserin ins Gesicht spritzte. Sie sollte sogleich mit ihren Kindern lebendig verbrannt werden. Auf dem Richtplatze verhielt sich das dort zusammengelaufene Volk still und traurig, weil alle die junge Kaiserin sehr liebten und keiner von den Richtern wollte das Todesurteil verlesen. Die Verurteilte wandte sich hierauf an ihren Gemahl und sprach: „Weil du mich nicht mehr liebst, lege ich keinen Wert darauf, weiter zu leben, aber die beiden armen Кinder erbarmen mich sehr. Schenke mir ihretwegen das Leben und ich will mit ihnen fortziehen, so weit mich meine Füße tragen.“ Der Каiser ließ sie auf ein Pferd setzen und gab ihr einen großen Mantel mit, in den sie die Кinder einwickelte. Nach langem Ritt kam sie in eine große Wildnis. Аuf einer Wiese stieg sie ab, legte die Кinder rechts und links auf dem Мantel in die Sonne und schlief in deren Мitte ein. Вald darauf näherte sich ein Affe, nahm eines der Кinder in seine Аrme und trug es unbemerkt in den Wald. Dort sah eine Räuberbande den Аffen mit dem Кinde, man jagte ihm nach, nahm ihm das Кind fort und trug es in die nächste Stadt. Еinem dort weilenden fremden Каufmann gefiel der schöne Кnabe so, daß er beschloß, ihn seiner Frau mitzubringen. Еr kaufte daher den jungen Prinzen von den Räubern, besorgte ihm eine Amme, setzte diese auf eine Eselin und zog alsdann nach Hause, wo das Kind von seiner Frau sehr gut aufgenommen wurde. Вald darauf schlich sich eine Löwin an die Schlafende heran und raubte ihr das zweite Кind, um es ihren Jungen zum Fraß zu geben. Da sie aber eben im Вegriff war, es fortzutragen, flog der Vogel Greif heran, ergriff die Löwin samt dem Кinde und flog mit seiner Beute weit übers Мееr. Аuf einer wüsten Insel wollte sich der Greif niederlassen. Als sie schon ganz niedrig waren, ließ die Löwin das Кind sachte in den Sand fallen, riß sich, sobald sie den Boden erreichte, schnell los und biß den Vogel tot. Dann scharrte sie dem Кinde ein Bett im Sande, säugte es und nährte sich neun Tage lang von dem Fleische des Vogels. Die Кaiserin jammerte und weinte sehr, als sie den Verlust ihrer Кinder bemerkte und irrte so lange im Walde umher, bis sie endlich an das Мееr kam. Da stand ein Schiff, das eben absegeln wollte. Sie bat die Schiffer, sie mitzunehmen und diese taten es gerne ihrer Schönheit halber. Nach mehrtägiger Fahrt warfen sie an einer wüsten Insel die Аnker aus und gingen ans Land, kehrten aber alsbald wieder zurück, weil sie eine Löwin mit einem Кinde erblickt hatten. Über diese Nachricht war die Mutter voll Freuden, eilte nach dem bezeichneten Оrte hin und erkannte sofort ihr Кind, das die Löwin sich gutwillig nehmen ließ. Аls die Мutter es forttrug, folgte ihr die Löwin wie ein Нund. Die Schiffer fuhren, da sie dieses sahen, aus Furcht, ohne sie schnell ins Мееr hinein, ließen aber einen Каhn zurück, den sie mit der Löwin bestieg. So fuhr sie mit dem Kinde an der Вrust und die Löwin zu ihren Füßen, so lange auf dem Меere herum, bis sie endlich wieder mit dem Schiff zusammentraf und auf vieles Bitten aufgenommen wurde. Еiner von den Seeleuten verliebte sich in sie und schlich in der Nacht in ihre Кammer, um sie zu notzüchtigen, er wurde aber von der Löwin hieran gehindert, die ihn in Stücke zerriß und ins Мееr warf. In einer großen Stadt, wo gelandet wurde, begab sich die Кaiserin mit der Löwin, die sie niemals verließ, in ein Ноspital. Нier erzog sie ihren Sohn, den man nach der Löwin Löwiath nannte, aufs beste. — Unterdessen war ihr zweiter Sohn, der weit entfernt bei dem Кaufmann sich aufhielt und Josaphat genannt wurde, immer mehr herangewachsen. Weil er sehr stark und stammig war, sollte er Fleischhacker werden und sein Pflegevater schickte ihn daher mit zwei Осhsen über Land zu einem Меister. Веi der Ankunft redete er diesen sogleich an: „Guten Мorgen, Каmerad!“ Der Meister aber antwortete zornig: „Du Laffel kommst eben in die Lehre und nennst mich Каmerad,“ wobei er mit der Аxt drohte. Da rief Josaphat: „Rühr mich nicht an, oder ich breche dir das Genick,“ kehrte zornig mit seinen Оchsen nach Hause zurück und wollte von der Profession nichts mehr wissen. Unterwegs begegnete ihm ein Jäger, der einen Falken auf der Hand trug. Der Vogel gefiel ihm außerordentlich. Еr gab dem Jäger seine beiden Оchsen und nahm dafür den Falken mit. Sein Pflegevater, der Кашfmann, war über diesen Наndel sehr erzürnt und wollte ihn abprügeln, aber seine Frau verwendete sich sehr für den jungen Josaphat und sagte, daß er gewiß von adeligem Geschlecht und nicht zu niederem Standegeboren sei. Einige Zeit später sandte der Кашfmann den Josaphat mit dreizehn Pfund Silber in die Münze, wo sein rechter Sohn als Geselle arbeitete. Auf dem Wege dorthin begegnete Josaphat einem Reiter, der ein wildes, prächtiges Pferd tummelte. Ganz entzückt von dem schönen Rosse gab er dem Reiter das Silber und ritt nach Hause. Über diesen Streich ergrimmte der Kaufmann sehr, aber seine Frau bat noch einmal für ihn und meinte, man wisse nicht, was aus dem Knaben noch einmal werden könne.

Inzwischen hatten die Türken dem Könige, in dessen Land der Kaufmann wohnte, den Krieg erklärt und waren bis zu dessen Residenz vorgerückt. Im türkischen Lager befand sich die wunderschöne Tochter des Sultans, welche dieser einem Riesen zur Frau geben wollte, der so stark war, daß er einen gewappneten Ritter samt dem Rosse fortzutragen und vor die Füße der Prinzessin zu werfen vermochte. Von diesem Riesen wurde der König zum Zweikampf herausgefordert. Da war großes Trauern und Wehklagen im ganzen Lande, denn der König war diesem Gegner keineswegs gewachsen. Als Josaphat sah, daß auch sein Pflegevater trauerte, entschloß er sich, selbst hinzugehen und sich für den König zu schlagen. „O du großer Narr,“ sagte ihm der Kaufmann, „woher willst du denn eine Rüstung nehmen?“ Josaphat riß zwei große Platten aus Blech aus dem Ofen und band sich die eine hinten, die andere vorne hin. „Wo hast du denn aber eine Lanze?“ fragte der Kaufmann weiter. Da ging der junge Held in den Hühnerstall und bewaffnete sich mit einer langen Stange. Unter dem Bette zog er ein verrostetes, aber sehr wunderbares und glückseliges Schwert hervor, mit dem schon die Vorfahren des Kaufmannes große Taten verrichtet hatten, schwang sich auf sein schönes Pferd und ritt zur Residenzstadt, wo er mit großen Freuden empfangen wurde. Die ihm vom Könige angebotene prächtige und starke Rüstung verschmähte er und ritt in seinem erstaunlichen Aufzuge auf den Kampfplatz, wo der Riese zu Pferde schon seiner harrte und ihn fragte, ob er der König sei. Josaphat entgegnete ihm: „Hiernach hast du nicht zu fragen, der Schmied hat seine Zange, damit er sich nicht verbrenne und der König seine Ritter.“ Mit diesen Worten warf er dem Riesen seine Stange mit solcher Gewalt an den Kopf, daß er rücklings zu Boden sank. Dann sprang Josaphat schnell zu, hieb dem Riesen das Haupt ab, spießte es auf sein Schwert, sprengte ins türkische Lager vor das Zelt der Prinzessin, legte ihr den Kopf zu Füßen und sagte ihr: „Hier hast du den Kopf deines Liebsten.“ Die Prinzessin war über die Schönheit des fremden Ritters ebenso erstaunt wie er über die ihrige. – Als er eines Tages nach Rückkehr in die Residenz in Gedanken versunken oben auf dem Walle stand, ging jenseits am grünen Flußufer die Prinzessin mit ihren Hofdamen spazieren. „Glaubt ihr,“ sagte sie zu diesen, „daß der junge Ritter dort mir so gewogen ist, daß er gleich zu mir herüberkäme, wenn ich ihm ein Zeichen gäbe.“ Da sie sich aber schämte, dies zu tun, winkte eine der Jungfrauen, worauf Josaphat ungesäumt durch den Fluß zu ihr hinüberschwamm. Hier verlangte sie von ihm, daß er sie während der nächsten Schlacht entführe und versprach ihm, ihm überallhin zu folgen. – Es begann nun ein großes Gemetzel, Josaphat benutzte diesen Umstand, ritt in das türkische Lager, entführte seine Prinzessin, überließ sie aber ihrem Schicksal, als die Christen zu weichen anfingen und stürzte sich in das Kampfgewühl. Trotzdem der römische Kaiser und auch andere Fürsten dem Könige zu Hilfe geeilt waren, trugen die Türken den Sieg davon und der König, der römische Kaiser, Josaphat und alle wurden gefangen genommen.

Die Kunde von diesem Unglück war schnell auch in das Land gedrungen, wo die vertriebene Kaiserin mit ihrem zweiten Sohne lebte. Löwiath begab sich mit einer Anzahl Krieger und seiner Löwin sofort auf den Kriegsschauplatz und ritt direkt ins türkische Lager hinein. Da die Löwin alles wütend zerriß, was ihm und seiner Mannschaft noch Widerstand leistete, so waren bald fast alle Türken getötet und die Gefangenen befreit. Der König zog feierlich in seine Residenz ein und veranstaltete eine große Gasterei. Über Tafel fragte Löwiath den römischen Kaiser, aus welchem Grunde er ohne Söhne, die für ihn fechten könnten, in den Krieg zöge, woaruf dieser voll Traurigkeit erwiderte, daß er in verhängnisvoller Übereilung seine tugendhafte Gemahlin verstoßen und sich seit dieser Zeit nicht wiedervermählt habe. Da erkannte Löwiath in dem Kaiser seinen Vater. Als dieser seine Frage, ob er seine Gemahlin wiedererkennen würde, bejahte, ließ er schnell seine Mutter herbeiholen. Alle waren voller Freude über die Wiedervereinigung und Josaphat hielt glänzende Hochzeit mit der schönen türkischen Prinzessin. Der römische Kaiser verabschiedete sich hierauf mit seiner Frau und seinen Söhnen von dem Könige und zog mit ihnen in die Heimat. Schon unterwegs hörten sie, daß die alte Kaiserin, die alles Übel verursacht, wahnsinning geworden sei und sich erhängt habe.

Frédéric, Flickr

Bilder: Frédéric:

  1. L’après-midi d’un(e) faune, 13. März 2020;
  2. Souffle léger, vapeur éphémère, 30. März 2020;
  3. Au pied de l’arbre, 12. April 2020;
  4. La fille qui murmurait à l’oreille des forêts, 15. April 2020;
  5. Les nuits blanches (et les mots bleus), 29. April 2020;
  6. Sous le soleil (exactement), 30. April 2020;
  7. De la tête au pied, 5. Mai 2020.

In freudenreichem Schalle: Breslau: Volksmusik, 1982 — gleich das ganze Album.
Vocals: die — solche Erwähnung erscheint angebracht — mitnichten „rechte“ Jutta Weinhold:

Written by Wolf

10. Juli 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Romantik, ~~~Olymp~~~

The tale of the powerful penis

with 2 comments

Update for Impotence proved I’m superman,
Ich will mich wie mein Schwanz erheben, and
The boys and girls are one tonight (I marry the bed):

Esteem for the beauty and dignity of penes has deteriorated constantly over the centuries.

1500 AD:

——— Iseabail Ní Mheic Cailéin:

Éistibh, a Luchd an Tighe-se

from: Leabhar Deathan Lios Mòir, i. e. The Book of the Dean of Lismore, first half of 16th century:

Scottish Gaelic, c. 1500:

Estyf, a lucht in ti so,
re skail na bod breour,
dy hantyth mo chreissy
cwt dane skallow dy screyf.

Da leneour bod braiwillycht
dy vy sin amsyr royn,
tak far in nvrd ċrawe so
bod is ċaf mor roynne.

Bod mo haggird horistil
ga ty go fad sessowyt,
otha keynn an quhallavir
in reyf ata na vackann.

Atta reyf roiravyr
an sin sne skail breg,
notcha cholai choyravyr
woa vod arriss es.
Estyve.

Carolin Gutt, close, 2019

Edmund Crosby Quiggin, ed.: Poems from the Book of the Dean of Lismore, Cambridge U.P., 1937:

Listen, people of this house,
to the tale of the powerful penis
which has made my heart greedy.
I will write some of the tale.

Although many beautiful tree-like penises
have been in the time before,
this man of the religious order
has a penis so big and rigid.

The penis of my household priest,
although it is so long and firm,
the thickness of his manhood
has not been heard of for a long time.

That thick drill of his,
and it is no word of a lie,
never has its thickness been heard of
or a larger penis.

Carolin Gutt, close, 2019

With an 1937 English translation of a 1500 Scottish Gaelic poem Éistibh, a Luchd an Tighe-se, Thomas Owen Clancy still implies in 1996 that a proper — not only „diplomatic“ — publication did not happen before 2008:

1996 AD.:

——— Thomas Owen Clancy:

Women Poets in Early Medieval Ireland

essay in: Christine Meek and Katharine Simms (eds.): The fragility of her sex?: Medieval Irishwomen in their European context, Four Courts Press, Dublin 1996, pages 43 to 72:

[Éistibh, a Luchd an Tighe-se] is a fairly obscene boast to the court circle on the size and potency of her household priest’s penis. The authenticity of the attribution to Iseabail has been questioned, but without substantial grounds. It has not yet been properly edited, or translated in published form.

If anybody can relate to some more unexpurgated version, which seems to come close to access a publication from

2008 AD:

Theo Dorgan and Malcolm Maclean, eds.: An Leabhar Mór/The Great Book of Gaelic, 2008 — please let me know.

Meanwhile, it has become important to fight for your right to look at some penis depiction at all. Carolin Gutt of 5letters is a photography artist based in Berlin. She encourages Scottish poetry from its early medieval beginnings to its recent manifestations, and relies on depicting — including but not restricted to — naked human bodies. Do not hesitate to support her on society6 and Redbubble.

Ms. Gutt’s improvised ranting comes close to her artistic concept. The presence of problems like hers and the common necessity to deal with them are not signs for a liberal society. They are signs for the indispensability of Arts.

2020 AD:

——— Carolin Gutt:

Instagram, May 21st, 2020:

Let’s do this and try to stay online.

Warning: the text might be a trigger as it contains thoughts on nudity and sexuality and it’s really long *eye roll* (posted to my Instagram first)

I honestly struggled in my decision to post some of these photographs I’ve been working on last year on Instagram, but have chosen now to simply start with this one but I cannot let it pass without comment, or a personal statement or a rant or whatever you’d like to call it.

Debating with myself whether to share or maybe better not to share them here at all as I am afraid of losing the account (once more) or an image to be the least of my worries.

But then again I think, THIS IS NOT an option how to deal with it.

Carolin Gutt, close, 2019Always trading off how to present my art in a way I would like it to be looked at (without censorship because it only takes away an artworks essence) against the fact that I also want to promote my own art and make it more accessible for a wider (fan) community and people that share my interests and don’t follow me somewhere else but on Instagram, for instance.

The only place on the internet I know, where I don’t have to fear my art might be taken down against my own will is flickr, because they set up a system which allows you to mark your uploads as safe, moderate or restricted and one doesn’t have to necessarily censor one’s own art. You simply choose yourself to see mature content or not. And you also choose the tags you find appropriate for the content you upload. Please share other platforms with me, that you know with a likewise user-friendly attitude. If there is any. I also might consider to really create an own website one day to simply share my art without restrictions, but then I would also miss out on all the exchange of thoughts with other artists, which I find just as important as making art myself. Hoping there will be more exchange and no ban of the exchange. Otherwise we’ll all just might become whistleblowers.

Carolin Gutt, close, 2019But for the rest I wish we would stop being afraid of human body parts. I wish we would stop to hide bodies in general. I wish we would stop to label them as something illegal and I wish we would stop making use of the excuse „…but there are children that need to be protected“ – ahm, yes. Agree. But this is not the way to protect them, by never letting them explore a main part of their own existence – nudity. This is only how you confuse and irritate them and assume that they are too stupid to understand it and make it even worse – they might get the impression there is something wrong in being nude and suddenly they feel uncomfortable in their own bodies. Oops! There we go, many generations full of self-doubts and bodyshaming. You really wanna protect children? Educate them! Take them by the hand and let them know their questions about nudity, their own body, their first encounters with sexuality are okay and nothing to be afraid or ashamed of. It is most likely that so many adults struggle to deal with it openly only because they haven’t had the awareness and resources and sensitivity when they were young. Yet we all grew up and sooner or later there was a first time when we saw a naked body or had a very first sexual experience (wishing it was consensual), and we probably felt confused and shameful and weird as this was something new to us, but we made up our minds and came up with questions, I still do – it never stops actually, and we would be looking for answers, whether it was something with or without support, because we are curious. Curiosity is something good. Knowledge is something good. And to be honest about it is even better. And we choose if there will be more support in the future (for all of us, not only children) or just more hiding and open questions. Art is a wonderful way to educate and playful to begin with in my opinion. It breaks the ice, to say so. I work in a museum where we display a lot of figural art, most of it is nude art, and guess what, children are among the visitors also. We do offer special workshops for them to get in touch with the art they see. I don’t wanna bring a long argument up about the internet being a safe place for children. Definitely. It must be a safe place for everyone. Not only children. So many adults have to face hate speech. And so many (women) have to deal with dick pics – including myself. Doesn’t only happen to teenagers, right?!

And talking about the fine arts particularly, I really wish we will stop giving artists constantly a feeling of being criminals for doing art – or simply humans for owning a nude body, because the body itself is basically all we can ever call our own property and it cannot be taken away by someone else (it shouldn’t be taken away – this is where we enter the real world and the world wide web is just a reflection of it, therefore we need to fix a wide spread common sense in the real world we all live in, while the Internet is a tool to communicate about it – if I would get the same „ban“ in real life as online, it would be like someone constantly putting a plaster onto my mouth, metaphorically).

The fragility of her sex. Medieval Irishwomen in their European context, via Motherfoclóir, Clare, July 9th, 2018, TiwtterExploring the female gaze in my own nude photography is a vice versa answer to the still more common male gaze and being able to create a content I would like to see more often on the internet and the world I live in by taking pictures not only of my own body, also of other female and male nudes, made me think of the right way to represent them, but I have to fear a restriction by so called correct guidelines or community standards ever since. Who are you to tell me that your community standards are something to actually agree on and to call them „right“ or „entire“ or „inclusive“. Actually they discriminate and make a majority believe that this is an ultimate opinion. How can you even dare to make the hashtag „woman“ illegal and shadowban all content connected to it. Instagram, Facebook and other social networks with these „standards“ only support a world, where half of mankind (even more) still struggles to be accepted and respected as humans. Basically this only means, if not they are the ones to ban or censor my art, than I will have to do it as an artist myself, if I want to keep the art online and wanna share my content and reach out to people to make a change. I discriminate myself and give my permission to allow others to not respect me as an artist and as a woman and as a human. So one way or the other the art gets a big censorship on it and cannot be seen as what I originally had intended it to be (as there will always be an odd side effect of it being something forbidden first of all). I am not a criminal, I am not doing illegal things, there is no need to hide what I am doing and I don’t want it to be understood as if it was. I’d so love to break old standardized gaze habits and get rid of the BIG OLD ONE and ONLY possible way to understand a nude/semi-nude that’s spread via all kinds of media and therefore got the overall agreement to be „valid“ – in the very common sexualized way, right?! But how are we supposed to replace it, when all our efforts on presenting the nude in a new light (female, male, non-binary… doesn’t matter after all) is already meant to be sexual by the guidelines itself and -now here comes the point which I find even more devastating- making it a bad thing!!! Why? Two main points here: why does nude-art have to be „sexual art“ only and why does sexual have to mean it’s something bad, why does nude have to mean it’s something bad? I think we need to free the body from being sexual only and need to free sexuality/nudity from its old negativity. Not only for women, after decades of struggling to find our own positive aspects of sexuality – men in general would do themselves a big favour to re-think their own understanding of sexuality, too. Is the presented „sex“ you see everywhere really the sex you guys wanna look at and do you find yourself represented by it? Seriously?? I am sure it still works for those that never made up their own mind about what sexuality is meant to be or could be as its deadlocked meaning gets copy pasted and worked as a tool of power and prevalence for centuries, but many men (luckily) are just disgusted by it nowadays and what it does to them or the women/people in their lives. Btw, I rarely see plain sexual content in my own artworks or in a lot of other artists‘ work that focus on the nude subject in fine arts. My nudes rather address the topic of how the body itself represents beauty in different ways and of all kinds and is a vessel to express the mind and how a digital or analog camera gives you different options and possibilities to explore and play around with it. A nude can be funny, can be hilarious, can be soft, can be attracting, can be broken, can be damaged, can be protective, can be vulnerable, can be a limit to our mind, can be lots of things, because we are lots of things, and it can be sexual – yes – but isn’t sexual first of all. A sexual component can be a part of a nude but it doesn’t have to be and it only happens when the subject and I agree on it to make it visible. This leads me straight back to the uploaded content I wanted to share and hopefully will be sharing some more of this series soon, in case they won’t take this one down and it remains online. Congratulations to all of you who made it so far scrolling down, means the image is still here. Some of you also were lucky to see the whole series on my flickr already (flickr.com/photos/orangeshakejuice) and I can only draw your attention to my stream for uncensored versions of my art – the original content to say so. My shops are censorship free as well, but as I am not selling all my nude artworks you will also not catch up on my full body of work. Anyway, those who follow me here and on my flickr were kind to let me know how they find this series to be one of the most explicit work I’ve done so far and I agree on it. Didn’t think to capture the topic of physical selflove and selfcare on camera really much in the past. And even this time I was looking for private portraits, nude portraits but because the whole atmosphere made both of us feel safe and comfortable we ended up with some really delicate, explicit and intimate nude portraits, which are far away from porn but close to an artistic, aesthetic and respectful interaction. And I am grateful for the experience. It’s been actually rather easy, more than what one would maybe think and really not stressing at all. And I say it shows in the images. There is something that influences the output, the result of a session. If you stress about it or look for something to happen desperately, it’s going to be shite quite likely and will dissatisfy probably. In the worst case it will hurt someone. I’d even dare to say, because the photographs don’t include any provocative purpose they are not provoking and I have to ask myself, can you un-sexualise a sexual content? In a world where non-sexual things must become something sexual on purpose I wonder if a clear sexuality-connected thing like an erect penis doesn’t have to be sexual at first sight, but is possibly more a thing of beauty and of something that’s just greater or just human and therefore natural, but maybe that’s one step too far for the already-brainwashed-brains and narrow-minded-minds out there I lost when starting to talk about how to rather protect children by telling them the uncovered truth. Right, it’s late. I’ll leave it here with you. And I gotta work tomorrow, which literally is in a couple of hours. I will see if the image (my account?) will still be here when I wake up and hopefully some of you will get the chance to follow my thoughts. Respectful comments and opinions are most welcome. Thanks very much. Have a good day and good night. Speak to you soon. Take care of your vulnerability, please.

#makereasonableart

Images: Carolin Gutt: close, 2019;
The fragility of her sex?, via Motherfoclóir: Clare, July 9th, 2018.

Further reading: Medieval Gill: Independent Women: Poetry, power, art and looking for love in medieval Ireland, October 23rd, 2013.

Soundtrack: Fiona Apple: Criminal, from: Tidal, 1996:

Written by Wolf

5. Juni 2020 at 00:01

Doch jene Wolke blühte nur Minuten

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Update zu Mille tre und
Meine Urgroßmutter und die Wolken:

Nach neuesten Forschungsergebnissen war eine literarisch wirksam gewordene Wolke im Jahr 1920, vielleicht auch schon, man weiß es nicht, 1919, eine Cirrocumulus-Wolke. Literarisch wirksam ist sie durch das Gedicht Erinnerung an die Marie A. von Bertolt Brecht, und eine Cirrocumulus oder „Kleine Schäfchenwolke“ ist sie durch die Eigenschaften der Cirrocumulorum: Sie entstehen in großen Höhen von sechs bis zehn Kilometern — daher ihre Charakterisierung als „ungeheuer oben“ —, gern auch in ansonsten wolkenfreien Räumen, sind eher selten, dann aber bei ihrem Aufzug aus westlichen Richtungen unter der Sonneneinstrahlung „sehr weiß“ und lösen sich schnell auf — denn „als ich aufsah, war sie nimmer da“ (1. Strophe, Schluss) oder „schwand sie schon im Wind“ (3. Strophe, Schluss).

Brecht schrieb die Urfassung des vielleicht schönsten Gedichts von allen, bestimmt aber sein eigenes schönstes, am 21. Februar 1920 auf einer Zugfahrt nach Berlin als Sentimentales Lied Nr. 1004 über Marie Rose Amann — also frisch 22-jährig über eine Jugendliebe, die er als 18-jähriger Schüler erlebt hatte. Die dazuerfundene Melodie richtete sich bei Brechts eigenen Wiedergaben zur Klampfe nach Verlor’nes Glück von Leopold Sprowacker 1896.

Cirrocumuli weisen auf einen Wetterumschwung hin, im Sommer — also in seinen letzten Ausläufern durchaus noch „im blauen Mond September“ — auf eine Kaltfront innerhalb eines Tiefdruckgebietes oder Hitzegewitters. Vor allem wenn sich im Tagesverlauf Cumulus-Wolken hinzugesellen, droht ein Gewitter, wie wir Was die zehn wichtigsten Wolkentypen verkünden von Wolfgang W. Merkel in der Welt vom 21. August 2011 entnehmen.

Rechnen wir mal nach: Brecht hat vier Jahre nach dem Geschehen, im Alter von 22 Jahren, eine Jugendliebe in Verse gefasst, die prozentual auf seine Lebenszeit umgerechnet eine Ewigkeit zurücklag. Dafür hat er in einem „sentimentalen Lied Nr. 1004“ — das ist: eine mehr als die mille tre, die Don Giovanni bei Mozart in Spanien „hatte“ — ganz schön kaltherzig über eine Mitschülerin vom Leder gezogen, die vier Jahre später rein rechnerisch noch keine sieben Kinder haben kann. „Sie war es, die das Verhältnis beendete“, erfahren wir erst 1979 im Interview mit Kurt Tetzlaff. Der Wetterumschwung, von dem Cirrocumulus kündet, ist ein Umschwung vom sommerheiß verknallten Schulbuben zur Kaltschnauze.

Ich finde ja, solche Wetterhinweise wurden bislang für die Interpretation von Gedichten viel zu leichtfertig vernachlässigt.

Filipp Chilov, Cirrocumulus virga, Hamburg, 24. Juli 2012 für den Wolkenatlas in Wolken Online

——— Bertolt Brecht:

Erinnerung an die Marie A.

21. Februar 1920, in: Bertolt Brechts Hauspostille, Propyläen Verlag, Berlin 1927<:

Maria Rose Amann1
An jenem Tag im blauen Mond September
Still unter einem jungen Pflaumenbaum
Da hielt ich sie, die stille bleiche Liebe
In meinem Arm wie einen holden Traum.
Und über uns im schönen Sommerhimmel
War eine Wolke, die ich lange sah
Sie war sehr weiß und ungeheuer oben
Und als ich aufsah, war sie nimmer da.

2
Seit jenem Tag sind viele, viele Monde
Geschwommen still hinunter und vorbei
Die Pflaumenbäume sind wohl abgehauen
Und fragst du mich, was mit der Liebe sei?
So sag ich dir: Ich kann mich nicht erinnern.
Und doch, gewiß, ich weiß schon, was du meinst
Doch ihr Gesicht, das weiß ich wirklich nimmer
Ich weiß nur mehr: Ich küsste es dereinst.

3
Und auch den Kuss, ich hätt‘ ihn längst vergessen
Wenn nicht die Wolke da gewesen wär
Die weiß ich noch und werd ich immer wissen
Sie war sehr weiß und kam von oben her.
Die Pflaumenbäume blühn vielleicht noch immer
Und jene Frau hat jetzt vielleicht das siebte Kind
Doch jene Wolke blühte nur Minuten
Und als ich aufsah, schwand sie schon im Wind.

Maria Rose Amann in Kurt Tetzlaff, Die Pflaumenbäume sind wohl abgehauen..., DEFA 1979

Die weiß ich noch und werd ich immer wissen: Filipp Chilov: Cirrocumulus virga in Hamburg, 24. Juli 2012:

Niederschlag, der den Erdboden nicht erreicht: Das ist eine Beschreibung vom sog. virga. Hier äußert sich der Niederschlag in Form von Eiskristallen als Streifen unterhalb der Wolke: Cirrocumulus virga.

Doch ihr Gesicht, das weiß ich wirklich nimmer: Marie Rose Amann, via Liebte Brecht die Marie A.?, Augburger Allgemeine, 3. Januar 2017.

Die Pflaumenbäume sind wohl abgehauen…: Kurt Tetzlaff, Dokumentarfilm, 10 Minuten, DDR 1979:

Vor der Kamera äußert sich die heute fast 80jährige Marie Amann, eine Jugendliebe des damals 18jährigen Bertolt Brechts. Sie erinnert sich an den jungen Dichter und an ihre eigenen Gefühle für ihn, die aus Neugier, Stolz, Liebe, Unverständnis und auch Angst zusammengesetzt waren. Sie war es die das Verhältnis beendete. Brecht widmete ihr eines seiner schönsten Gedichte „Einnerungen an Marie A.“. Aus dem Gedicht wurde ein Lied, das von Ernst Busch im Film gesungen wird. Die einzelnen Strophen kommentieren die Erinnerungen der alten Dame, die durch Fotografien anschaulich gemacht werden.

Soundtrack: Ernst Busch: Erinnerung an die Marie A.,
für Konrad Wolf: Busch singt — Sechs Filme über die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts, DDR 1982:

Written by Wolf

29. Mai 2020 at 00:01

Sylvia Spinster

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Update zu Nachtstück 0024: I wish you were dead, my dear:

One doesn’t become a witch to run around being harmful, or to run around being helpful either, a district visitor on a broomstick. It’s to escape all that ― to have a life of one’s own, not an existence doled out to by others. ―

Sylvia Townsend Warner: Lolly Willowes, 1926.

How dreadful it is that because of our wills we can never love anything without messing it around! We couldn’t even love a tree, a stone even; for sooner or later we should be pruning the tree or chipping a bit off the stone.

Sylvia Townsend Warner: Mr Fortune’s Maggot, 1927.

While I slept we crossed the line
between May and June:
The morning came, gently walking
down from the hill,
And by the time I stirred it was
full day
And she had brought summer with
her into my room.

Valentine Ackland, Juni 1959.

Sylvia Townsend Warner, Mister Fortunes letztes Paradies, Unionsverlang Zürich 1996, CoverDas Buch war ein Fund in unserem Treppenhaus, in der lebhaften Tauschbörse, die auf dem Mauerabsatz über den Briefkästen ganzjährig still vor sich hin stattfindet: Sylvia Townsend Warner (6. Dezember 1893; † 1. Mai 1978): Mister Fortunes letztes Paradies, Unionsverlag, Zürich 1996, deutsche Übersetzung: Helga Weigelt, das ist: Mr Fortune’s Maggot, Chatto & Windus Limited, London 1927. Im deutschen Nachwort von Jacques Roubaud fiel der Satz auf: „Sie wird zeit ihres Lebens eine Vorliebe für jene absonderlichen Lyriker englischer Tradition hegen, die nicht exportierbar, brummig, exzentrisch und erzenglisch sind, die aber nicht eigentlich zu den Besten gehören“ – siehe unten.

Das ist natürlich cool, so eine Vorliebe. Das sollten sie nicht im Nachwort vor der Öffentlichkeit ausschließen, sondern mindestens gefettet in den Klappentext schreiben, dann weiß ein jeder gleich, dass er die Warnersche lesen muss. Das Nachwort selber macht keinen Hehl daraus, dass Mister Fortunes letztes Paradies gar nicht so sehr das spontan begeisterndste von Warners Büchern ist – das wäre Lolly Willowes –, nennt es vielmehr so vorsichtig wie respektvoll das „vielleicht in sich geschlossenste“, dass es auch schon wieder cool ist.

Leider unterschlägt es 1996 noch verschämt, wovon ihre postmillennialen, der politisch korrekten Diversität verpflichteten Lebensbeschreibungen vordergründig handeln: wie stocklesbisch sie war. Der Einfluss ihrer Lebensliebe Valentine Ackland auf ihr belletristisches, biographisches, musikwissenschaftliches, journalistisches und politisches Werk ist zumindest menschlich überhaupt nicht zu überschätzen. Offensichtlich finde ich Leben und Werk der Townsend interessant und mitteilenswürdig genug, um das Nachwort aus ihrem einzigen auf Deutsch erhältlichen Roman — einschließlich der fies zu maskierenden Kapitälchen und einigen Verlinkungen — abzutippen, aber ich empfehle selbstständig weiterzulesen. Online und allem voran ihr Lolly Willowes.

Sylvia Townsend Warner, nach 1930

——— Jacques Roubaud:

Sylvia Townsend Warner

Porträtfragmente

Nachwort zu: Mr Fortune’s Maggot, Chatto & Windus Limited, London 1927,
deutsch: Mister Fortunes letztes Paradies, Unionsverlag, Zürich 1996:

London, 1926:     Sylvia Townsend Warner veröffentlicht ihren ersten Roman, Lolly Willowes. Der Verlag, Chatto & Windus, ist berühmt. Der Roman wird es nur fast. Die Leser werden informiert, daß Miss Warner dreißig Jahre alt sei, bisher einige Gedichte veröffentlicht habe, wie viele andere Autorinnen auch, und dies nun ihr erstes fiktives Werk sei.

Sylvia Townsend WarnerPorträt der Künstlerin, einer intelligenten jungen Frau     David Garnett, der sie damals zum Schreiben ermutigte, hat sie als eine dunkelhaarige Sylvia (mit ständig gerunzelten Brauen) in Erinnerung, schlank (wenn nicht gar brandmager), immer in Hast und mit gewelltem Haar; eine Brille in einem vor Lachen, Ungeduld und Intelligenz sprühenden Gesicht. Wenn er redete, glühte sie vor Ungeduld, ihn zu unterbrechen und seine zögernden, banalen Sätze durch etwas Eigenes, viel Lebendigeres zu ersetzen. „Wenn ich mich mit ihr unterhielt“, schreibt er, „hielt ich manchmal einen Moment inne, um zu überlegen, ob ich auch das richtige Wort traf, und sie nutzte mein Zögern, um sich meines schwebenden, in meinem Mund noch unvollständigen Satzes zu bemächtigen und ihm eine weitaus interessantere Wendung zu geben; ich hatte zusehends das Gefühl, geradezu brillant zu werden.“

Kindheit und Jugend     Sylvia Townsend Warner wurde am 6. Dezember 1893 in der typisch englischen Ortschaft Harrow-on-the-Hill geboren. Ihr Vater war Master an der nahegelegenen, weitherum bekannten Schule von Harrow. Er unterrichtete Geschichte. nach einem kurzen Aufenthalt im Kindergarten, aus dem sie wegen Frühreife und Ungehorsam verwiesen wird, wird sie zu Hause unterrichtet: ihre Mutter unterrichtet sie zwei Stunden am Tag in allen Fächern, außer in Geschichte, die ihr Vater ihr erzählt. Geschwister hat sie keine; sie liest. Mit ihrem Vater verbindet sie eine idyllische Beziehung. Die Mutter ist eine ungeheuer tüchtige, geistreiche, aber auch autoritäre Frau, mit der nicht einfach auszukommen ist. „Solange sie nicht Aktionen befürwortete, die gesetzeswidrig waren oder zu einem öffentlichen Sklandal führten, war mein Vater immer einer Meinung mit ihr.“ Als Mr. Warner stirbt, zeiht Sylvia es vor, nach London zu gehen und dort lieber allein in Armut zu leben, als sich auf einen unvermeidlichen Konflikt einzulassen. „Meine Mutter hatte keinen Sohn, mit dem sie mich hätte vergleichen können, aber das Gefühl tiefster Enttäuschung, zu dem ich ihr Anlaß gab, war sicher verdient. Ich stand morgens um sieben auf, um mich ans Klavier zu setzen, lehnte jegliche Haushaltsarbeit strikte ab, kleidete mich ostentativ in Schwarz, als Vamp mit Hornbrille.“

Musik     Sylvia war in erster Linie Musikerin. Sie wäre gern nach Wien gegangen, um bei Schönberg zu studieren, aber der Erste Weltkrieg dirigierte sie statt dessen in eine Munitionsfabrik. Sie hat sich trotzdem der Musikwissenschaft gewidmet, trug zusammen mit drei anderen Spezialisten – darunter der berühmte Dr. Rambotham – an der Entstehung der monumentalen Ausgabe der Tudor Church Music bei, der Wiederentdeckung der berühmten enlischen Musik des 16. Jahrhunderts. Sie war also eine der ersten, die nach über drei Jahrhunderten die Handschriften von John Taverner, Thomas Tallis, William Byrd und Orlando Gibbons lasen. „Taverners Missa Salve Intemerata stürzte die vier Autoren der Tudor Church Music, zu denen ich gehörte, in sich ständig neu vor uns auftuende Abgründe der Ratlosigkeit. Wir saßen um einen Tisch mit Blick auf die Themse und sagten mal verzweifelt: Wenn aber doch … Dann wieder mit ekstatischer Begeisterung: Ja aber, schließlich … Derweil auf dem Fluß die Schleppdampfer heulten.“ Fast siebzigjährig, am 20. April 1961, schreibt sie: „Ich würde gern eine Sonate für Violine und Klavier komponieren; ein Auftragswerk zum Beispiel (merkwürdig, ich habe immer gern im Auftrag gearbeitet; der Begriff Auftrag hat etwas Geradliniges, Geordnetes an sich, das mich fasziniert – als ob man einen Anzug mit Weste trüge und eine hübsche Perücke dazu).“

Lyrik     Nach ihren musikalischen Anfängen sieht sie sich eher als Dichterin. Sie wird zeit ihres Lebens eine Vorliebe für jene absonderlichen Lyriker englischer Tradition hegen, die nicht exportierbar, brummig, exzentrisch und erzenglisch sind, die aber nicht eigentlich zu den Besten gehören, Hardy oder Crabbe zum Beispiel. „Erinnerst Du Dich“, schreibt sie in einem Brief von 1953, „an den Quacksalber bei Crabbe, der den Protagonisten wegen Syphilis behandelt und ihm zum Trost sagt: Just take the boluses from time to time / and hold but moderate intercourse with crime. [Nehmt von Zeit zu Zeit Eure Arznei und begnügt Euch maßvoll mit unerlaubtem Geschlechtsverkehr.]. Crabbe ist ein Dichter, den ich schlicht wunderbar finde. Kein anderer englischer Dichter hat ein solches Repertoire an Schwulen aufzuweisen. Vor langer Zeit, in meinen ersten Londoner Jahren, als ich jung, ausgehungert und sinnlich war, ging ich eines schönen Sommermorgens Brot kaufen; auf dem Rückweg habe ich zweimal haltgemacht, das erste Mal, um ein Pfund jener winzigen Tomaten zu kaufen, die man von den Stengeln zupft, damit ihre wohlgeratenen Schwestern besser gedeihen können, das zweite Mal wegen eines antiquarischen, viktorianisch gebundenen Buches von Crabbe. Noch heute spüre ich die erfüllende Intensität jenes Morgens. Ich las Crabbe und nochmals Crabbe, ich aß Tomaten und nochmals Tomaten mit Brot, und hatte alles vergessen, alles, was ich hätte tun müssen, und auch alles, was ich nicht hätte tun müssen und nichtsdestotrotz getan hätte. Alles war vergessen. Amnestiert. Ich las Crabbes Gedichte, als hätte ich sie selbst geschrieben.“

Lesen, als hätte man selbst geschrieben. Die Geschichte lesen, als hätte man sie selbst erlebt: Genau so würde sie als Romanschriftstellerin vorgehen. Jede Erzählung, jeder Roman wurde für sie zu einer Übung im Besitzergreifen.

Sylvia Townsend Warner mit Siamkatze in Frome Vauchurch, 1960sPorträt der Künstlerin als Romanschriftstellerin     Das Bild, das sich Sylvia Townsend Warners späte Bewunderer von ihr machen, ist ganz offensichtlich von irem ersten Roman Lolly Willowes beeinflußt. Peter Pears schreibt 1980 in seinem Vorwort zu Twelve Poems: „Ich erinnere mich, daß man mir gesagt hatte, Lolly Willowes sei in gewissem Sinne ein Selbstporträt, und die Autorin wirklich und wahrhaftig eine Hexe. Als ich dann Sylvia in den letzten Jahren ihres langen Lebens kennenlernte, war ich davon überzeugt. Sie ging gebückt, hatte eine krächzende Stimme und ein Nußknackergesicht; es fehlte nur mehr der Besen, um davonfliegen zu können. Ich habe allerdings in der National Portrait Gallery eine Fotografie aus den zwanziger Jahren von ihr gesehen, eine Profilaufnahme: ruhig und selbstsicher, kurzes Haar, elegant, spitz wie eine Nadel, schön und apart.“

Politik     Sylvia Townsend Warner arbeitete in ihrer Eigenschaft als Mitglied der Kommunistische Partei Großbritanniens als Berichterstatterin in Spanien, und zwar auf der republikanischen Seite Spaniens: in Barcelona, Valencia und Madrid. Ihre politische Einstellung ist in ihrem literarischen Werk kaum offen erkennbar. Sie scheint auch in politischer Hinsicht nicht eben konformistisch gewesen zu sein (wie ein Kommentar aus Barcelona aus dem Jahre 1938 beweist, in dem sie offen ihre Sympathie für die Anarchisten zum Ausdruck bringt. Nach dem Zweiten Weltkrieg spricht aus ihren Briefen die gleiche Ironie und Skepsis, die sich im übrigen immer gegen die ein und dieselben richtet.

„21.10.52 [kurz vor der Präsidentschaftswahl 1952 geschrieben, in der Eisenhower über den Demokraten Stevenson siegen sollte]: Ich kann Eisenhower nicht ausstehen. Der Kerl heult ständig, und ich finde das reichlich übertrieben, selbst für einen General. Zu wessen Gunsten die Wahl auch immer ausfällt, ich nehme an, daß er sich an Stevensons Brust ausweinen wird. […] Es ist mir durchaus bewußt, daß ich mich mit solchen Bemerkungen von einem chauvinistischen Vorurteil hinreißen lasse. Von den Männern im öffentlichen Leben unseres Landes erwartet man, daß sie niemals weinen, außer vielleicht beim Cricket.“

1976 hat sie für Mrs. Thatcher herzlich wenig übrig:

„Könntest Du mir vielleicht irgendeine hübsche, skandalträchtige Falschmeldung zuschieben, die man über Mrs. Thatcher in Umlauf bringen könnte? Nicht von der Sorte: Sie unterhält widernatürliche Beziehungen zu Barbara Castle [damals noch Mitglied der Labour Party], sondern eher so etwas wie: Sie ißt Spargel mit dem Messer. Oder auch: Sie setzt ihren Gästen Kartoffelflockenpüree vor.

Ihre politische Haltung stellt tatsächlich einen besonderen Aspekt ihrer allgemeinen Respektlosigkeit dar:

„1.7.60: Ich bin fasziniert von Eckermanns Gesprächen mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. Hast Du jemals dieses kuriose Werk gelesen? Es kommen darin mehr Platitüden pro Seite vor, als man sich überhaupt vorstellen kann. Eckermann ist so voller Bewunderung. So ein Arschkriecher, schlimmer noch als Boswell Dr. Johnson gegenüber. Und Goethe ist so zuckersüß. Das kann einen in der weiblichen Vorstellung doch nur bestärken, daß die Männer, wenn sie unter sich sind, wie ausgestopfte Eulen reden.

Hunde und Enten; Katzen; Katzen (bis); Fuchs, Rosen und Vettern     Brief vom 29.8.1921 (Rückkehr ins Elternhaus): „Worte sind nicht imstande, die pelzige Wonne dieser Chow-Chows zu beschreiben, ebensowenig die verzückte Beharrlichkeit ihrer Begrüßung. Wie Algen winden sie sich um meine Beine, küssen mir mit ihrer kalten, bleiblauen Zungenspitze die Hände. Und erst die Wonne eines ungefähren Dutzends kohlschwarzer Enten mit ihren glatten, reckenden Hälsen, die wie eine Konferenz nonkonformistischer Clergymen in grauen Holzpantinen durch den Garten watscheln. Ich habe jeder einen Namen gegeben: Swedenborg, Mr. Toplady, Joanna Southscott, Wesley und Whitfield, Reverend Chalmers, Frances Tidley Havorgood, Mrs. Guyon und Miss Royden. Doch das ist vergebliche Liebesmüh, da man sie unmöglich voneinander unterscheiden kann.“

Katzen, 1965: „Ich wünschte, Du könntest die zwei Katzen sehen, wie sie Seite an Seite auf der viktorianischen Chaiselongue vor sich hin dösen. Pfoten, Ohren und Schwanz genau aufeinander abgestimmt. Mitunter öffnen sie die blauen Augen, von einem einzigen, gemeinsamen Gedanken bewegt, mit Blinzeln zu verstehen zu geben: Hast du etwa vergessen, daß bald Zeit für den Lunch ist? Sie könnten wahrhaftig von Bach für zwei Flöten komponiert worden sein.“

Katzen, bis: „Ich hatte Grippe, und sie brachten mich schier um den Verstand, weil sie mich mit ihren großen Augen anstarrten und mir bedeuteten: O Sylvia, du bist ja so krank, du wirst bestimmt bald sterben. Und wer soll uns dann füttern? Feed us now. Gib uns vorher zu fressen.<"

Der Fuchs, 4.9.58: „Vorgestern ist mir ein Wunsch in Erfüllung gegangen, der so alt ist wie ich selbst. ich habe einen Fuchswelpen in den Armen gehalten, ein Waisenkind (mit anderen Worten, seine Mutter, die Füchsin, war getötet worden). Ich habe ihn auf den Arm genommen und seinen herben Geraniengeruch eingeatmet, und plötzlich hat er seine spitze Schnauze unter mein Kinn geschmiegt, hat sich in meiner Achselhöhle vergraben und ist im Handumdrehen verzückt eingeschlafen. Seine Pfoten sind unglaublich weich, weich wie Himbeeren. Alles an ihm ist anmutig, ein richtiger Adonis. Er hat ein durch und durch elegantes Profil und ein Gesicht voller reinster Unschuld.“ (Siehe Peter Pears nachstehende Beschreibung.)

Rosen und Erdbeeren, 18.6.61: „Und nun sitze ich hier, mit Erdbeeren und Tugenhaftigkeit bis zum Hals vollgestopft, nachdem ich zig Liter Frischblut in Form von Gießkannen an die Rosen verteilt habe, meine liebevollen Gesprächspartnerinnen.“

Und die Vettern: „Ich habe zwei entfernte, hochbetagte Vettern: Bruder und Schwester, die zusammen wohnen. Sie ist um die Achtzig, er ein ganz klein wenig jünger. Neulich saßen sie beide in ihrem Salon. Er las, sie strickte. Plötzlich stand sie auf, um im anderen Teil des Raumes etwas zu suchen. Sie glitt aus und fiel flach hin, ohne sich jedoch weh zu tun. Sie sagte: Charlie, ich bin hingefallen. Charlie legte sein Buch weg, wandte sich zu ihr um, sah sie an – und schlief ein.“

Sylvia Townsend Warner mit Siamkatze in Frome Vauchurch, 1960sLiterarischer Ruhm     2.5.67: „Habe ich Dir schon erzählt, daß man mir angetragen hat, Mitglied der Royal Society of Literature zu werden? Die gehen zweifellos alphabetisch vor (weshalb sie so lange gebraucht haben, um bis zu mir vorzudringen). Das ist die erste öffentliche Anerkennung, die mir zuteil wird, seit man mich wegen meines ätzenden Einflusses aus dem Kindergarten gewiesen hat.“

Traum einer Zauberin     Januar 1965: „Ich habe geträumt, daß König Arthur und Merlin ihrem Grab entstiegen waren und nun in einer kleinen, sehr männlichen Junggesellenwohnung lebten, mit einem flackernden Feuer und dieser Art von Möbeln, die in den Colleges von Generation zu Generation weitergereicht werden: räudige Sessel, altersschwache Bücherschränke, ein schwarzer Samthandschuh, um die Kohle aufs Feuer zu legen. Arthur schrieb an seiner Geschichte Englands. Und Merlin wärmte sich die Zehen. […] Ich schaute ihnen unsichtbar (wie immer in meinen Träumen) zu und bemerkte, daß Arthur innehielt und sich mit dem Gesichtsausdruck eines, der nicht mehr weiß, wo er ist, am Kopf kratzte. Und Merlin lieferte ihm auf der Stelle die Antwort. Dann wärmte er sich wieder die Zehen. Und König Arthur schrieb weiter an der Geschichte Englands.“

Sylvia Townsend Warner starb 1978 im Alter von fast fünfundachtzig Jahren.

Die Schriften: zahlreiche     Da sind zum einen die – unveröffentlichten – Tagebücher, die Briefe an Valentine Ackland, ebenfalls uveröffentlicht (Privatleben bleibt Privatleben). Dann eine erste Sammlung ihrer Briefe, von William Maxwell in einem Band zusammengestellt, im Freund und Verleger beim New Yorker, dem bevorzugten Blatt vieler angelsächsischer Autoren. Sie war eine leidenschaftliche Briefeschreiberin (wie Henry James, nur in einem ganz anderen Stil), und so stellen ihre Briefe die zweite Etappe ihrer fiktionalen Verarbeitung der Welt dar, der sie sich unaufhörlich widmete.

Um das vorliegende Porträt zusammenzustellen, habe ich aus dem erwähnten Briefband geschöpft.

Ferner sind die Kurzgeschichten zu erwähnen: acht Bände Kurzgeschichten. Einhundertvierundvierzig davon im New Yorker erschienen, was einen Rekord darstellt (und nach dem Zweiten Weltkrieg eine Einnahmequelle). Eine Biographie, und zwar die des Romanschriftstellers T. H. White, Verfasser eines unglaublich erfolgreichen und nicht sehr guten Arthur-Romans: The Once and Future King (eine Auftragsarbeit!). Eine Übersetzung: Contre Sainte-Beuve von Proust.

Und sieben Romane!

Sie schrieb bis zu ihrem Tod. In ihren letzten Lebensjahren begann sie plötzliche eine Reihe von Erzählungen, an die zwanzig, zu schreiben, die sich allesamt um Ereignisse im imaginären Reich der Elfen drehen, jener unsichtbaren, sterblichen, grotesken und ziemlich garstigen Wesen. William Maxwell ist der Ansicht, diese Erzählungen ihrer späten Jahre seien „von großer, geheimnsivoller Schönheit; sie wirken so authentisch, daß sie – wie William Blakes Bericht vom Begräbnis einer Elfe – den Eindruck vermitteln, die Autorin habe Zugang zu Inforamtionen aus erster Hand gehabt.“

T. F. Powys     In seinem Vorwort zu A Moral Ending, einem Band mit drei Kurzgeschichten aus ihren frühen Jahren, schreibt er 1931: „Ihre Prosa setzt sich aus Gegenständen zusammen, aus auserwählten Gegenständen, wie eine Patchworkdecke aus dem Jahre 1746: einem Paar hoher Kerzenleuchter, einem Holzfeuer, einer Flasche altem Wein, einem Garnknäuel mit einer Nadel, und das Ganze mit einem roten Pantoffel geschmückt.“

Oder einem Glaspantoffel.

Die intensive visionäre Kraft der Erzählerin, ihre meisterhafte Beherrschung des Abstrusen, des Vertrauten und desv Verschiedenartigen sind genau das, was dieser Zusammenstellung verloren anmutender Gegenstände Leben verleiht, diesem Augenblick des Da-Seins oder des Abwesend-Seins, die sich nur in der Fiktion finden.

Sylvia Townsend Warner mit Siamkatze in Frome Vauchurch, 1960sEine Kurzgeschichte aus dem Jahre 1938:     Die eingehendere Betrachtung einer wahrscheinlich im Jahre 1938 geschriebenen Kurzgeschichte mit dem Titel Persuasions eignet sich ganz besonders für eine erste Annäherung an Sylvia Townsend Warners fiktionales Vorgehen.

„Es war der 1. Mai. In Europa und in Amerika, in Asien, Australien und Afrika marschierten Menschenmassen hinter roten Fahnen auf. Ein Jahr zuvor war auch Herr Alban hinter einer roten Fahne aufmarschiert.“ Herr Alban ist der Held der Geschichte. Wenn er an diesem 1. Mai nicht defiliert, so deshalb, weil die Parade von „Stalinanhängern“ angeführt wird. Und Herr Alban ist nun mal Trotzkist. Und was tut er?

Eine Schachtel mit vier Krapfen und ein Buch von Jane Austen unter dem Arm, das er sich in der Staddtbücherei ausgeliehen hatte, ging er die Esmond Road, N.W.3, hinunter. […] Eigentlich mißbilligte Herr Alban seine Wahl. Er und Jane Austen hatten nichts miteinander gemeinsam. Er wünschte, er hätte nie ein Wort von dieser Frau gehört. Er verachtete ihre Gestalten, er verachtete ihren Stil. Und erverchtete sich selbst. Aber unvorsichtigerweise hatte er eines Tages dieser Sirene Gehör geschenkt, und nun kam er nicht mehr ohne sie aus. Monatelang konnte er enthaltsam bleiben, und jedesmal packte ihn das Verlangen erneut. Er mochte sich noch so sehr einreden, daß er Jane Austen bloß las, weil sie die bürgerliche Denkweise meisterhaft darstellte. In Wirklichkeit las er Jane Austen, weil er sie liebte.“

Die Erzählung ist ein Meisterwerk vielschichtiger Ironie (Selbstironie mit eingeschlossen, wenn man Miss Warners damalige Standpunkte berücksichtigt, denn Herr Alban ist tatsächlich sehr wohl der „Held“ der Geschichte). In einem köstlichen, sowohl literarischen als auch politischen Streitgespräch über Jane Austen stehen sich der Trotzkist, ein von der Parade heimkehrender kommunistischer Demonstrant, ein Polizist und die Bibliothekarin – bei der Herr Alban das Buch ausgeliehen hat – gegenüber. Was für eine Position die Autorin selbst bezieht, bleibt offen. Doch die Bezugnahme auf auf Jane Austen (einer ihrer Romane stand Pate für den Titel der Kurzgeschichte) ist ein verhülltes literarisches Manifest. Jane Austen ist es, die, unsichtbar und indirekt wie im Traum von Arthur und Merlin (wobei die Sirene an die Stelle des Zauberers tritt), Miss Warners Person verkörpert.

Die vier Romane     Von den Aufzeichnungen zu den Briefen, von den Briefen zu den Kurzgeschichten, von den Kurzgeschichten zu den Romanen gewinnt der Prozeß der magischen Transfiguration immer mehr an Breite und Vielschichtigkeit. Alle Ingredienzien Warnerscher Wesensart finden sich hier zusammen: Exzentrik, Ironie, Respektlosigkeit, Humor in den verschiedensten Spielarten; die Distanz zum Leser, die Ungreifbarkeit, die Art auszuweichen (elusive lautet das englische Adjektiv hiefür); das Antlitz des Unsichtbaren in Form des Sichtbaren: Hexen, Dämonen, Magier, Elfen, Sirenen; das Absurde, Geheimnisvolle, Unheimliche (das englische uncanny); jedes Fragment der natürlichen Welt mit Entsprechungen belegt(die Himbeerpfote des jungen Fuchses) und gesehen, als ob es tatsächlich sei.

Von den sieben Romanen ragen vier (mit The True Heart vielleicht fünf) hervor.

Nach Lolly Willowes ist es Mr. Fortune’s Maggot (1927), dann Summer Will Show (1936) und The Corner That Held Them (1948).

Die beiden letzteren sind „historische Romane“. In Summer Will Show steht die Revolution von 1848 im Mittelpunkt der Handlung. Der Roman, der zum Zeitpunkt von Hitlers Machtergreifung und dem Beginn der Judenverfolgung fertig geschrieben worden ist, enthält eine Pogromszene aus Rußland, die man nicht so leicht vergißt.

In The Corner That Held Them wird man mitten in ein englisches Nonnenkloster des 14. Jahrhunderts versetzt und bleibt dreißig Jahre lang dort.

Von Mr. Fortune’s Maggot und Summer Will Show gibt es je ein Entstehungsprotokoll, die auffallende Ähnlichkeiten ausweisen: In beiden Fällen ist eine Kulisse vorhanden, die aus mehr oder weniger großer Entfernung im Traum betrachtet wird und die eine andere Kulisse in sich birgt.

Mr. Fortune     a) Paddington Public Library 1918: Die als Buch veröffentlichten Briefe einer Missionarin in Polynesien. Sie beschreibt ein Erdbeben. „Sie schrieb, die Erde habe gebebt wie der Deckel eines brodelnden Teekessels.“

b) Einige Zeit später träumte sie in den frühen Morgenstunden: „Ein Mann stand am Ufer eines Ozeans und rang verzweifelt die Hände; ich wußte, daß es ein Missionar war. Er befand sich auf einer Insel, wo ihm nur eine einzige Bekehrung gelungen war, und in dem Augenblick, als ich ihn im Traum sah, war er sich soeben darüber klargeworden, daß auch diese Bekehrung in Wirklichkeit keine war.“

Summer Will Show     a) 1290, eine junge Dame zur Zeit der ersten Regierungsjahre von Königin Victoria. Sie hat eine heimliche Leidenschaft: den Boxsport. Sie heißt Sophia Wiloughby.

b) Ein Jahr später, die Traumvision einer Protagonistin namens Minna, die in einem Pariser Salon das Judenpogrom schildert; Lamartine hört gegen die Tür gelehnt zu.

c) 1932, Rue Mouffetard, aus einem Lebensmittelladen tretend: Es wird ein Roman über die Revolution von 1848.

Brief an David Garnett vom 11.11.25     „Alle sagen mir, mein Roman (Lolly Willowes) sei charmant, sei ausgezeichnet, und meine Mutter behauptet, er sei fast so gut wie ein Roman von Galsworthy. Ich verzweifle je länger, je mehr.“

Kindheitserinnerung     Die Neunjährige bei der Lektüre eines Buches, eines Kapitels über Hexerei. Sie setzt sich auf eine Treppenstufe und wiederholt der Katze die Beschwörungsformeln, die den Teufel herbeirufen sollen.

Sylvia Townsend Warner mit Siamkatze in Frome Vauchurch, 1960s

Man könnte     Man könnte (und es wurde getan) Lolly Willowes im Licht von Sylvia Townsend Warners Leben lesen – oder auch umgekehrt. Alles Wesentliche kommt darin vor: in den Briefen, Erinnerungen, Blicken, Begebenheiten. Einige habe ich hier zusammengetragen. Es wird nicht mehr lange dauern, und es wird sich bestimmt eine „Biographie“ dieser Aufgabe nach angelsächsischer Manier eingehender annehmen. Vor allem dann, wenn Miss Sylvia Townsend Warner, was durchaus der Fall sein könnte, als eine der großen englischen Autorinnen dieses Jahrhunderts anerkannt werden sollte.

Dieser Roman, der sagt – und deutlich zum Ausdruck bringt –, was er meint, scheint mir bei näherer Betrachtung auf zwei Bildern aufgebaut zu sein, die ich in umgekehrter Reihenfolge anführen möchte:

a) die ungewöhnliche Schlußvision: der Teufel, das Unsichtbare und die Traumvision vom Bett aus Blättern;

b) das Buchenblatt im kleinen Laden, wo Laura (Lolly) plötzlich wußte, was sie wissen wollte, und nun weiß, was sie tun wird. „Laura“, ein Name, der seinen Ursprung in der Wald- und Pflanzenwelt hat wie „Sylvia“ (Lorbeer und Weide, „willow“);

Ein Vorgehen übrigens, das die Autorin im Fall von Mr. Fortune und Summer Will Show beschrieben hat.

Mr. Fortune’s Maggot, der zweite von Sylvia Townsend Warners drei großen frühen Romanen, vor The True Heart und nach Lolly Willowes erschienen, ist der vielleicht in sich geschlossenste.

Philosphisches Märchen, theologisches Paradoxon und Abenteuerroman unter den Wilden der Südsee, tritt Mr. Fortune’s Maggot gleichzeitig in die Fußstapfen von Diderots Nachtrag zu Bougainvilles Reise und Melvilles Omoo. Die reine anglikanische Seele des Helden Timothy Forune, dessen Name allein schon die Essenz viktorianischer Missionsberufung in sich vereint (spätviktorianische allerdings, da die Geschichte sich in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg abspielt), diese Seele begegnet also – genau wie Laura Willowes – dem Teufel. Doch es ist nicht der souveräne, gefühllose Teufel der englischen Wälder, sondern ein vespielter, ironischer Teufel, unsichtbar und unberechenbar, der sich auf der winzigen Insel, wo Mr. Fortune ihm erfolglos entgegenzutreten versucht, unter dem sogenannten „Naturzustand“ der Anthropologen verbirgt.

Unendlich amüsant und herrlich pathetisch, gilt Mr. Fortune’s Maggot als eines der Meisterwerke englischer Prosa unseres Jahrhunderts.

Sylvia Townsend Warner, Unterschrift

Bilder: Buchcover 1996; Sylvia Nora Townsend Warner in Fembio; Howard Coster, 1934;
Valentine Ackland in Frome Vauchurch, Dorset, nach 1960.

Tudor Church Music: John Taverner: Mater Christi sanctissima von Sansara, 2018:

Written by Wolf

1. Mai 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Novecento, ~~~Olymp~~~

Ein alter Moortopf, der auf seinem eigenen Herd sitzt und sich selbst kocht

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Update zu Nicht immer klagen die Nachtigallen:

III

di amseln is des worschd
wos grood fürä brogramm läffd:
sie hockn aff di fernsehandennä
und singä weils
hald einfach singä mäin

Fitzgerald Kusz: lob der amseln,
aus: seid mei uhr nachm mond gäihd. der gesammelten gedichte dritter teil,
1. Abschnitt: di amseln hamm zeid,
verlag klaus g. renner, München 1984.

Es gibt noch Helden. Deren größter, jedenfalls einziger Dank ist es, wenn ihr Vorhaben funktioniert. Hank Nagler — der das Bildmaterial stiftet — hat 2019 ein Amselnest vor seinem Schlafzimmerfenster gerettet. Hoch und lange soll er leben, solche Leute werden gebraucht.

Weil Hank hoffentlich weder der Einzige noch der Letzte ist, in dessen privaten Liegenschaften sich heimische Singvögel ihre Nester anlegen: Das Gelege der Amsel oder Schwarzdrossel (Turdus merula) besteht normalerweise aus vier bis fünf Eiern; die Brut dauert durchschnittlich etwa zwei Wochen. Das Weibchen übernachtet normalerweise bereits nach Ablage des zweiten Eies im Nest, brütet aber erst ab dem dritten Ei und verlässt das Nest dann nur noch zur Nahrungsaufnahme. Deshalb gedeiht die Brut with a little help from my friends zuverlässiger und besser: Man kann, nach einschätzender Beobachtung sollte man zufüttern — mit Mehlwürmern (lebend oder besser zu handhaben: getrocknet erhältlich im Fachhandel für Tiernahrung, und besser als gar nicht in Gottes Namen auch mal auf Amazon), allen Arten von Beeren (das, was um diese Jahreszeit frisch aufzutreiben ist, oder was man sich ins eigene Müsli schütten würde) sowie hartgekochten und kleingehackten Eiern (und die moralische Diskussion über Kannibalismus bei Vögeln führen wir ein andermal).

Die Brut an Hanks Fenster hat von 22. März bis 14. April 2019 gedauert. Das sind 24 Tage — nach der Angabe bei WIkipedia „zwischen 10 und 19 Tagen, im Mittel bei 13 Tagen„, die sich ihrerseits nach Burkhard Stephan: Die Amsel, 2. Auflage, Neue Brehm Bücherei, Hohenwarsleben 1999 richtet, ungewöhnlich lange. Aufs Jahr, den ökologischen Nutzwert und den persönlichen Gewinn umgerechnet, würde ich deshalb unterstützende Pflege nicht allein mir selber zumuten, sondern auch jedem anderen empfehlen, dem dergleichen widerfährt. Das gute Werk belohnt sich selbst: Am 28. März, ungefähr auf einem Drittel der Strecke, haben die Amselküken einen sichtbaren Fortschritt vollführt und zum ersten Mal aus der Hand gefressen. Ungefähr in diesem Stadium kann man die Mehlwürmer (daher vorzugsweise in getrockneter Form) den Zöglingen in die Schnäbel fallen lassen. Wann das im zeitlichen, regionalen und individuellen Sonderfall geschieht, kommt auf den Versuch an; es wurden sogar schon brütende und — wenngleich „äußerst ungewöhnlich“ — das Weibchen fütternde Amselhähne (nicht etwa „Amselbullen“, wie von Kurt Tucholsky scherzeshalber kolportiert) beobachtet.

Drostes Fragment einer Kriminalgeschichte namens Joseph hat mich spätestens mit seinem Untertitel erwischt: „Nach den Erinnerungen einer alten Frau mitgeteilt von einem alten Moortopf, der auf seinem eigenen Herd sitzt und sich selbst kocht“ — darauf muss einer erst mal kommen. Die übermütig experimentierfreudige Laune wird eingehalten: Es erinnert viel mehr an Charles Dickens als an durchschnarchte Schulstunden mit der Judenbuche — nicht nur, weil es gleich dem ein Vierteljahrhundert späteren Fragment einer Kriminalgeschichte The Mystery of Edwin Drood von Dickens nicht fertig geworden ist — sondern weil Droste, statt Bewusstseinszustände zu behaupten, sie nach moderner Erzählauffassung anhand der Handlungen ihrer Figuren zeigt, und laut der Deutung von Josefine Nettesheim 1951 einen „feinen Humor, der nur aus der Tragik geboren wird“, pflegt — die Rahmenhandlung zur Verfremdung aus Sicht eines männlichen Ich-Erzählers. Es ist das letzte Fragment, das Droste in ihrem Leben angelegt hat; über jeden Plan zum weiteren Handlungsverlauf lässt sich nur müßig spekulieren.

So ein besagter Moortopf, im Verbreitungsgebiet vom „Limburgischen und wohl auch tiefer nach Holland hinein“ (Wilhelm Kreiten in der Droste-Werkausgabe 1884 bis 1887) verkürzend „Moor“ genannt, also vermutlich in häufigem Gebrauch, ist

jene Art fast kugelförmiger, mit einer engen Abflußröhre und einem kleinen Deckel versehenen gußeisernen Wasserkessel […], welche dortzulande fast den ganzen Tag über dem Herdfeuer hangen, daher schwarz wie ein Mohrenkopf sind und stets Wasser zu einer Tasse Thee oder Kaffee bieten. Die humoristische Anspielung auf den Schreiber ergibt sich hiernach von selbst.

Wonach ich Hank durch meine nicht ganz unbegründete Text- und Bildverquickung in die Nähe der deutschen Ausfertigung eines missmutigen Samowars gerückt hätte. Das wird zu diskutieren sein.

Passend erschien Joseph, weil darin keine Amseln vorkommen. Eine Figur namens Joseph nämlich auch nicht. Das mindeste, was ich tun konnte, war die Version des Erstdrucks in Kreitens Werkausgabe nach der Gesamtausgabe im Insel-Verlag zu möblieren. Es gibt noch Helden, und dann gibt es noch solche wie mich.

Amselnest 2019

——— Annette von Droste-Hülshoff:

Joseph

Eine Criminalgeschichte.

(Rüschhaus 1844–1845)

Nach den Erinnerungen einer alten Frau
mitgetheilt von einem alten Moortopf,
der auf seinem eigenen Herd sitzt und sich selbst kocht.

1845:

Die Zeit schreitet fort. Das ist gut, wenigstens in den meisten Beziehungen. Aber wir müssen mitrennen, ohne Rücksicht auf Alter, Kränklichkeit und angeborene Apathie. Das ist mitunter sehr unbequem.

In meiner Kindheit, wo das Sprichwort: „Bleib im Lande und nähre Dich redlich“ seine strenge Anwendung fand; wo die Familien aller Stände ihre Sprossen wie Banianenbäume nur in den nächsten Grund steckten und die Verwandtschaften so verwickelt wurden, daß man auf sechs Meilen Weges jeden Standesgenossen frischweg: „Herr Vetter“ nannte und sicher unter hundert mal kaum einmal fehlte; in jener Zeit kannte ein ordinairer Mensch mit zehn Jahren jeden Ort, den seine leiblichen Augen zu sehn bestimmt waren und er konnte achtzig Jahre nach einander sich ganz bequem seinen Pfad austreten.

Amselnest 2019Jetzt ist es anders. Die kleinen Staaten haben aufgehört; die großen werfen ihre Mitglieder umher wie Federbälle, und das ruhigste Subjekt muß sich entweder von allen Banden menschlicher Liebe lossagen oder sein Leben auf Reisen zubringen, je nach den Verhältnissen umherfahrend wie ein Luftballon, oder noch schlimmer immer denselben Weg angähnend wie ein Schirrmeister; kurz, nur die Todtkranken und die Bewohner der Narrenspitäler dürfen zu Hause bleiben, und Sterben und Reisen sind zwei unabwendbare Lebensbedingungen geworden. Ich habe mich nicht eben allzuweit umgesehen, doch immer weiter, als mir lieb ist. Es gibt keine Nationen mehr, sondern nur Kosmopoliten und sowohl Marqueurs als Bauernmädchen in fremdländischen Kleidern. Französische und englische Trachten kann ich auch zu Hause sehen, ohne daß es mir einen Heller kostet. Es macht mir wenig Spaß einer Schweizerin mit großen Hornkämmen in den Haaren fünf Batzen zu geben, damit sie sich in ihre eigene Nationaltracht maskirt oder mir für die nächste Bergtour Tags vorher einen Eremiten in die Klause zu bestellen. Wäre nicht die ewig große, unwandelbare Natur in Fels, Wald und Gebirg (den Strömen hat man auch bunte Jacken angezogen), ich würde zehnmal lieber immer bei den ewigen alten guten Gesichtern bleiben, die mit mir gelebt, gelitten und meine Todten begraben haben.

Nur zwei Gegenden, – ich sage nur, was ich gesehen habe; wo ich nicht war, mögen meinetwegen die Leute Fischschwänze haben, ich bin es ganz zufrieden – mir selbst sind nur zwei Landstriche bekannt geworden, wo ich den Odem einer frischen Volksthümlichkeit eingesogen hatte, ich meine den Schwarzwald und die Niederlande. Dem Erstern kommt wohl die Nähe der Schweiz zu statten. Wer vor dem Gebirge steht, will nichts, als hinüber ins Land der Freiheit und des Alpglühens, der Gems- und Steinböcke, und wer von drüben kommt, nun, der will nichts, als nach Hause oder wenigstens recht weit weg. So rollt das Verderben wie eine Quecksilberkugel spurlos über den schönen, reinen Grund des stolzen Waldes, um erst jenseits zu oxydiren. (Wenn nämlich Quecksilber Oxyd niederschlägt, was ich nicht bestimmt behaupten mag, da ich es nur bis zu Salomon’s Weisheit, d. h. zum Bewußtsein schmählicher Unwissenheit in vielen Dingen zwischen Himmel und Erde gebracht habe.)

Amselnest 2019Die Niederlande hingegen, dieser von Land- und Wasserstraßen durchzogene und von fremden Elementen überschwemmte Landstrich, bewahrt dennoch in der Natur seines Volksschlages einen Hort Alles abwehrender Eigenthümlichkeit, der besser schützt als Gebirge, die erstiegen und Thalschluchten, die durchstöbert werden können, und den man, nachdem er die neuern Ereignisse überstanden, wohl für unzerstörbar halten darf. Ich war sehr gern in Belgien und hatte alle Ursache dazu, freundliche Aufnahme, noch freundlichere Bewirthung, gänzliche Zwanglosigkeit hinsichtlich meiner Zeitanwendung; es versleht sich, daß ich auf dem Lande und in einer Privatwohnung war. – In Städten und Gasthöfen ist mir immer elend; frische stärkende Spaziergänge durch die Wiesen am Ufer der Maas und vor jedem Hause, jeder Mühle Scenen Wynants und Wouvermanus, Bilder so treu, als wären sie eben von der Leinwand einer niederländischen Meisterschule gestiegen. Das ist es eben, was ich mag. Ob mein alter Tuinbaas vom Kasteel noch wohl lebt? Jetzt müssen seine Tulpen im Flore stehen; aber zehn Jahre sind ein bedenkliches Stück Menschenleben, wenn man sie mit weißen Haaren anfängt – ich fürchte sehr, er hat längst seine Gartenschürze ab- und seine letzte Zipfelmütze angelegt; oder meine gute Nachbarin auf ihrem kleinen Landsitze, dem sie genau das Aussehn eines saubern Wandschränkchens mit Pagodenaufsatz gegeben hatte? Sie war vielleicht nur um sieben bis acht Jahre älter als ich, trug Sommers und Winters Pelzschuhe, und ich konnte barfuß durch den Schnee traben, d. h. ich konnte es vor zehn Jahren, ehe ich mich in einer schwachen Stunde vom faselhänsigen Volk verführen und bereden ließ, auf den Schnepfenstrich zu gehn und ich die Gicht bekam, und wenn ich vollends bedenke, daß ich mich vor einigen Jahren noch verheirathen wollte und zwar an ein blutjunges Mädchen! Doch das sind Thorheiten, corrupte Ideen.

Mevrouw van Ginkels Andenken ist mir werth; sie hatte viel und früh gelitten, und auch von ihrer spätern glücklichern Lage an der Hand eines geachteten und wohlhabenden Gatten, von Brüdern und Schwestern, war ihr nur in einem anständigen Auskommen die Möglichkeit geblieben, ungestört des Vergangenen zu gedenken und jedem Lieblinge unter ihren zahllosen Aurikeln den Namen eines geliebten theuren Verstorbenen geben zu können. Sie war gewiß schön gewesen, so fromme, traurige Augen müssen ja jedes Gesicht schön machen, und gewiß sehr anmuthig, hätte sie auch nichts gehabt, als den bezaubernden Wohlklang ihrer Stimme, die das Alter wahrscheinlich um einige Töne tiefer gestimmt, aber ihr nichts von der jungfräulichen Zartheit genommen hatte, und die jeden Gedanken ihrer Seele zugleich umschleierte und enthüllte und einem Blinden das beweglichste Mienenspiel ersetzen konnte. Welch ein Unterschied, wenn sie bei einer dunklen Aurikel verweilte und in jugendlichem Entzücken sagte: „Das ist meine gute Frau Gaudart,“ und bei einer der blondesten mit großen lichtblauen Augensternen: „Julchen,“ und schnell weiter ging, als fürchte sie, ein fremdes kaltes Auge möge in das Todte ihres Lebens niedersinken.

Amselnest 2019In meinem Leben bin ich nicht so in Gefahr gewesen, ein sentimentaler Narr zu werden, als bei dieser alten, pünktlichen Mevrouw, die nie klagte, nicht einmal über Migraine oder schlechtes Wetter, deren ganze Unterhaltung sich um Blumenflor, Milchwirthschaft und sonstige kleine Vorfälle ihrer Häuslichkeit bewegte, so z. B. um einige Nachbarskinder, die sie mit Butterbrod und Milch an sichgewöhnt hatte.

Ich glaube wahrhaftig, ich war nahe daran, mich in die alte Person zu verlieben oder wenigstens in eine unbegreiflichc Ueberfülle von Verehrung zu gerathen, weshalb ich denn am liebsten Abends zu ihr ging, wo sie steif hinter der Theemaschine saß, sich mit den Schnörkeln eines Stickmusters abmühend, das die größte Aehnlichkeit mit einem holländischen Garten voll Ziegelbeeten und Taxuspfauen hatte; vor ihr die kleine, goldene Tabatière, rechts und links Etageren voll Pagoden und Muschelhündchen und alles überträufelt von dem feinen Aroma des Kaiserthees.

O VIVANT die Niederlande! das war ein ächter Gerhard Dow, ohne Beimischung, die einen ruhigen Philister hätte stören können – dann wand sich auch das Gespräch fließend ab, und Mevrouw gab sogar mitunter Einiges aus ihren Erlebnissen zum Besten, offenbar mehr in dem Bestreben, einen Gast nach seinem Geschmacke zu unterhalten, als aus eigentlichem Vertrauen, das sie im weiteren Sinne gegen Jedermann im Uebermaß hatte, im engeren Sinne aber Niemand schenkte. Es waren meistens kleine Züge, aber sehr wahre.

Amselnest 2019Wäre ich ein romantischer Hasenfuß gewesen und hätte ich die Gewohnheit gehabt, meine guten Augen (NB. Wenn mich Jemand sollte zufällig mit Brillen gesehen haben, ich trage nur Conservationsbrillen.) Nachts mit Tagebuchschreiben zu verderben, es stände doch jetzt wohl Manches darin, was ich gerne nochmals läse und was in seiner einfachen Unscheinbarkeit mehr Aufschlüsse über Volk, Zeit und das Menschenherz gäbe, als Manches zehnmal besser Geschriebene. Eine Begebenheit jedoch, vielleicht die einzig wirklich auffallende in Mevrouws Leben habe ich mir später vor und nach notirt und, da meine gute Frau van Ginkel ohne Zweifel längst in ihren Pelzschuhen verstorben ist, mir ferner kein Umstand einfällt, der ihr die Veröffentlichung unangenehm machen könnte, und mein jüngster Neffe, der, Gott sei’s geklagt, sich auf die Literatur geworfen hat, jedoch ein artiges Geld damit verdient, gerade sehr um einen Beitrag in gemüthlichem Stile verlegen ist, so mag er denn den Aufsatz nehmen, wobei ich jedoch bestimmt erkläre, daß ich nur wörtlich der würdigen Frau nachgeschrieben habe und mich sowohl gegen alle poetischen Ausdrücke als überhaupt gegen den Verdacht der Schriftstellerei, als welcher mich bei meiner übrigen Lebensweise und Persönlichkeit nur lächerlich machen könnte, auf’s kräftigste verwahre.

Caspar Bernjen, Rentier.

NB. Den Nachbarn, zu dem Mevrouw redet, und der natürlich Niemand ist, als ich, Caspar Bernjen, Rentier und Besitzer eines artigen Landgutes in Niederschen, müssen der Neffe und der Leser sich als einen ansehnlichen, corpulenten Mann mit gesunden Gesichtsfarben in den besten Jahren mit blauem Rock mit Stahlknöpfen und einer irdenen Pfeife im Munde, an der linken Seite des Theetisches denken. Es geht Nichts über Deutlichkeit und Ordnung in allen Dingen.

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Sie erwähnten gestern eines Umstandes, lieber Herr Nachbar, der sich in Ihrem vierzigsten Jahre ereignet, und über den Sie damals an Ihre Eltern geschrieben. Da hat Ihnen der Himmel ein großes
Glück gegeben.

Amselnest 2019Ich weiß, was es heißt, keine Mutter haben und den Vater im fünfzehnten Jahre verlieren. Von meiner Mutter habe ich nur ihr lebensgroßes Portrait gekannt, das im Speisesaale hing: eine schöne Frau in weißem Atlas, einen Blumenstrauß in der Hand und auf dem Schooß ein allerliebstes Löwenhündchen. Ich weiß nicht, ob es daher kommt, daß es meine Mutter war, aber mich dünkt, ich habe nie ein so schönes Gesicht gesehen und nie so sprechende Augen. Ich mag noch nicht daran denken, wie einfältig ich um das Bild gekommen bin, und wie es jetzt vielleicht für Nichts geachtet wird. Warum mein Vater nicht wieder heirathete, begreife ich eigentlich nicht; seine Lage hätte es wohl mit sich gebracht; ein Kaufmann, der den ganzen Tag im Comptoir und auf der Börse zubringt und der Handelsverbindungen wegen fast täglich Gäste zu Tische hat, ist ohne Hausfrau ein geschlagener Mann, allen Arten von Veruntreuungen und Verschleuderungen ausgesetzt, die er unmöglich selbst controliren kann, und sogar seine Commis scheuen sich weniger vor ihm, als vor der Madame, die sie aus- und eingehen sieht, ihre Kleidung und ihr Benehmen gegen die Dienstboten beobachtet und überall in der Stadt Dinge gewahr wird, die dem Herrn sein Lebtage nicht zu Ohren kommen.

Indessen war freilich meine Mutter schon des Vaters zweite Frau gewesen. Die erste hatte ihm ein schönes Vermögen eingebracht und eine erwachsene, damals bereits verlobte Tochter, auf deren Hochzeit sie sich bald nachher ihre tödtliche Krankheit holte durch dünne Kleidung, – man sagt, weil sie als sogenannte junge Frau nicht gar zu matronenhaft neben der Braut hatte aussehen wollen, was sich denn auch in Rücksicht auf ihren Mann wohl begreift; kurz, sie lag acht Tage nachher völlig contract im Bette und hat so sechs Jahre gelegen, zuletzt so elend, daß ihre besten Freunde ihr nur den Tod wünschen mußten.

Nachdem mein Vater anderthalb Jahre Wittwer geblieben, heirathete er ein junges Mädchen von guter Herkunft, aber gänzlich ohne Vermögen. Dies war meine Mutter, und ich mag, Gottlob, fragen, wen ich will, ich höre nur Gutes und Liebes von ihr; aber den Keim zur Schwindsucht soll sie schon in die Ehe mitgebracht haben. Man sieht es auch dem Bilde an, das doch gleich nach der Hochzeit gemalt ist.

Ein Jahr lang bis zu meiner Geburt hielt sie sich noch so leidlich, obwohl das unruhige Leben und die Unmöglichkeit, sich zu schonen, ihr Uebel soll sehr beschleunigt haben. Ich wollte, sie hätte nicht geheirathet; Gott hätte mich ja doch anderwärts erschaffen können; denn, Mynheer, man kommt doch nie ganz darüber weg, seiner Mutter den Tod gebracht zu haben. Man hat mir viel von dem Kummer meines Vaters erzählt und wie er ferner eine Menge Heirathsanträge von der Hand gewiesen. Ich glaube es wohl, denn ich habe nie gesehen, daß er für irgend ein Frauenzimmer das geringste Interesse gezeigt hätte, außer was ihm von der Höflichkeit geradezu auferlegt wurde, und da waren es immer die Mamas und Großmamas, deren Unterhaltung er vorzog; sonst lebte er nur in seinem Geschäfte. Morgens um fünf auf und in seiner Stube gearbeitet, um sechs in’s Comptoir, um elf auf die Börse, von eins bis zweie zu Tische, was vielleicht die schwierigsten Stunden waren, wo er, den Kopf voll Gedanken, den angenehmen Wirth machen mußte.

Amselnest 2019Nachmittags wieder gearbeitet, Speculationen nachgegangen und zuletzt noch bis Mitternacht in seinem Zimmer geschrieben. Er hat ein saures Leben gehabt.

Ich wuchs indessen in ein paar hübschen Mansardenzimmern bei einer Gouvernante, Madame Dubois, heran und sah mancherlei im Hause, was mir nach und nach anfing wunderlich vorzukommen, so z. B. fast Jeder hatte irgend einen Nachschlüssel, dessen er sich vor mir nicht gerade sehr vorsichtig, aber doch mit einer Art Behutsamkeit bediente, die mich endlich aufmerksam machen mußte. Selbst Madame Dubois hatte einen zur Bibliothek, denn sie brachte ihr Leben mit Romanlesen zu, weßhalb ich denn auch nichts gelernt habe.

Man nimmt sich vor Kindern nicht in Acht, bis es zu spät ist. Hier war es aber leider nicht zu spät; denn als Madame Dubois, die NB. von meiner Kenntniß ihres Schlüssels nichts wußte und nur in Bezug auf Andere sprach, mir auseinandersetzte, daß Schweigen besser sei, als Verdruß machen, war ich noch viel zu jung, um einzusehn, wie höchst nöthig Sprechen hier gewesen wäre. Ich fühlte mich durch ihr Vertrauen noch sehr geehrt, und habe nachher leider Manches noch mit vertuschen helfen. Kinder thun, wie sie weise sind.

Ich sah, so oft mein Vater auf die Börse ging, die Commis wie Hasen am Fenster spähen, bis er um die Gassenecke war, und dann forthuschen, Gott weiß, wohin. Ich sah den Bedienten in meines Vaters seidenen Strümpfen und Schuhen zum Hinterpförtchen hinausschleichen; ich hörte Nachts den Kutscher an meiner Thür vorbeistapfen in den Weinkeller hinunter und wälzte mich vor Aerger im Bette, aber wiedersagen – um Alles in der Welt nicht. Dazu war ich viel zu verständig.

Ich hörte sogar, wie Jemand der Madame Dubois erzählte, unser Kassirer, Herr Steenwick spiele jeden Abend und habe in der vorigen Nacht zwei tausend Gulden verloren und wie die Dubois antwortete:

„Um Gotteswillen, woher nimmt der Mensch das Geld? Da sollte Einem hier im Hause doch schwarz vor den Augen werden!“

Dies war kurz nach meinem vierzehnten Geburtstag und das erste mal, daß sich mir der Gedanke aufdrängte, Schweigen könne doch auch am Ende seine bedenkliche Seite bekommen.

Amselnest 2019Das Ding lag mir den ganzen Abend im Kopfe woher H. Steenwick das Geld nehme, ich wußte daß er arm war, er bekam nur 1000 Gulden Gehalt und ich hatte oft gehört daß seine Eltern arme Fischersleute bey Saardam wären. – Ich hatte bey van Gehlens mahl von einem COMMIS gekört, der aus seines Herrn Casse gespielt hatte, und obwohl ich mir das nicht mit einem alten bekannten Gesichte zusammen stellen konnte, was ich im Hause kannte soweit meine Erinnerung reichte, und auch Madame so besonders viel hielt, und noch neulich ein Paar Tragbänder für ihn gestickt hatte, so überfiel mich doch eine instinktartige Angst, die nicht ganz frey von Mistrauen war, und doch immer wieder mit der Erzählung von jenem Commis verschmolz. Madame war still und noch zerstreuter als gewöhnlich, sie zog zehnmal einen Roman unter der Näharbeit hervor, las ein paar Zeilen, steckte ihn wieder zurück und warf endlich fast die Lampe um, und trieb dann hastig zu Bette. Als wir ungefähr eine Stunde zu Bette gewesen waren, Madame und ich, hörten wir uns gegenüber H. Steenwicks Thüre gehn, und dann rasch Tritte über den Gang weg, die Stiege hinunter – es war nicht das erstemahl daß er so spät sein Zimmer verließ, und ich eingeschlafen war ohne ihn zurück kommen zu hören, aber zum ersten Mal bemerkte ich daß er viel schneller ging und seine Stiefel viel weniger knarrten als bey Tage, ich drückte die Kissen von meinem Ohre weg und horchte, im selben Augenblick hörte ich auch Madame ihre Gardine zurück schieben und sich halb im Bette aufrichten, unten im Hausflure schlich ein leises behutsames Knistern, dann ward die Hausthüre erst halb leise dann mit einem raschen Ruck vollends geöffnet, und dann fiel jenseits auf der Gasse ein Schlüssel aufs Pflaster, – Madame seufzte tief, und murmelte „Schweigen schweigen – nur schweigen“ – Ich fühlte einen plötzlichen Muth in mir, und rief, „nein, Madame, Alles an den Papa sagen!“ Sie können sich den Schrecken der armen Frau nicht vorstellen. „Stanzchen!“ rief sie „Stanzchen, schläfst du nicht?“ – und gleich darauf hörte ich sie bitterlich schluchzen, – mir wurde todtangst, ich wußte x-x nicht, daß die arme Person, die in der That eine sehr schlechte Gesundheit und mit ihren 48 Jahren betrübte Aussichten in die Zukunft hatte, ihre ganze Hoffnung auf H. Steenwick setzte, der ihr so lange Bücher voll zarter Liebe die sich nur durch Blicke und feine Aufmerksamkeiten, Blümchen et cet. verrieth, zugeschleppt hatte, bis sie sich um so mehr als halb verlobt ansah, da sie mahl in einem der Bücher an einer sehr bedeutsamen Stelle ein zufälliges Eselsohr fand.

Amselnest 2019Sie war sonst eine gute ehrbare Person, aber MYNHEER wissen wohl, der Ertrinkende hält sich an einem Strohhalm! – Als Madame sich ein wenig gefaßt bat sie mich vom Himmel zur Erde zu schweigen und log mir sogar etwas vor von einer reichen Tante die dem Cassier oft große Geldgeschenke mache, aber mit so unsicherer Stimme, daß es selbst mir auffiel, endlich versprach sie genau Acht zu geben, sie werde ihr Gewissen sicher nicht mit einer so wichtigen Sache beschweren, obwohl Schweigen sonst immer am Gerathensten sey, wo bey der Untersuchung doch unfehlbar nichts als Verdruß ohne Nutzen herauskommen und aller Schaden und Aufwand auf den Ankläger zurückfallen würde. – „Hat der Herr denn Zeit zu untersuchen?“ sagte sie „frägt er je Jemanden Andren als den Cassier und die Haushälterin? und wenn diese sprechen wollten, haben sie nicht hundertmal die Gelegenheit und die Macht obendrein? – auf Kleinigkeiten, ein paar Steinkohlen mehr oder weniger verbrannt, ein paar Flaschen mehr oder weniger getrunken, kömmt es in einem solchen Hause auch gar nicht an, – aber dies ist zu arg! – Schweig nur, Kind, ich will aufpassen, und wenn es mir vom Himmel auferlegt ist, daß ich mich daran wagen soll, dann in Gottes Namen in Gottes Namen!“ Wenn ich bedenke, in welchem betrübten herzzerreißenden Tone sie dies sagte, so muß ich der armen Frau alle ihre Schwächen vergeben, und bin überzeugt daß sie entschlossen war ihrer Pflicht ein ganzes Lebensglück zu opfern, was freylich nur in der Einbildung bestand, aber MYNHEER, der Wille ist doch so gut wie die That. – Wirklich ging Madame am andern Morgen, gegen ihre Gewohnheit, sehr früh aus, sie kam blaß und niedergeschlagen zurück, packte sogleich ihre Romane und ließ sie H. Steenwick bringen, mit der Bitte ihr keine andern zu schicken, da es ihr vorläufig an Zeit zum Lesen fehle. Von jetzt an horchte ich jeden Abend im Bette, und bemerkte auch daß Madame jeden Abend horchte, aber verstohlen, erst nachdem sie durch die Gardine geschielt hatte ob ich schlafe, und jeden Abend hörte ich H. Steenwick vorbey schleichen und Madames verhaltenes betrübtes Weinen, oft die halbe Nacht durch, den Tag über war Madame wie zerschlagen, griff Alles verkehrt an, hielt die Unterrichtsstunden noch nachlässiger als gewöhnlich, sie saß beständig am Fenster, nähte wie ums Brod, und so oft die COMPTOIRthüre ging fiel eine zerbrochene Nähnadel auf den Boden, auch halb verstohlene Ausgänge wurden mitunter gewagt. – Nach etwa acht Tagen sagte Madame Abends „Stanzchen Morgen spreche ich mit dem Papa“ sie sah hierbey überaus blaß aus, und hatte etwas Edles im Gesicht das mir mehr IMPONIRTE als würde ich gescholten. – Ich legte mich so leise und rücksichtsvoll zu Bette wie in Gegenwart einer Prinzessin, Madame ließ das Licht brennen und laß lange und eifrig im Thomas A KEMPIS; plötzlich fuhren wir Beyde auf, H. Steenwicks Thüre wurde mit Geräusch auf und zu gemacht, und er stampfte einen Gassenhauer pfeifend über den Gang, dann stand er mit einem Mahle still und schien sich zu besinnen oder zu horchen, und dann gings leise leise mit Katzenschritten die Treppe herunter. Der Sand im Flur knirrte, die Hausthür ging, Alles leiser als je, ich sah Madame an, und begegnete einem Ausdrucke des Schreckens der mich betäubte, sie saß aufrecht im Bette, die Hände gefaltet „Jesus Maria!“ war Alles was sie sagte, dann stand sie auf, öffnete das Fenster und lauschte eine Weile hinaus, kam dann schnell zurück, legte sich, und löschte das Licht. – Ich hörte Madame in dieser Nacht nicht weinen, aber so oft ich wach wurde, heftig athmen und sich im Bette bewegen, und ich hörte es oft, denn obwohl ich mir von meinen Gefühlen eigentlich nicht Rechenschaft zu geben wußte hatten doch dieser polternde Gang, dies wilde abgebrochne Pfeifen durch die Stille, und das darauf folgende Katzenschleichen mich mit einem Grausen überrieselt, daß ich mich fast vor den Schnörkeln am Betthimmel und der Gardine fürchtete. – Als es kaum Tag geworden war saß Madame schon wieder aufrecht und sah nach ihrer Taschenuhr, – so mehrere Male – um halb sieben klingelte sie und gab der Magd einen CONFUSEN Auftrag an H. Steenwick – das Mädchen kam zurück – er war noch nicht im COMPTOIR, – „so geh auf sein Zimmer“ – die Thür war verschlossen. – Wir standen auf – von Unterrichtstunden war keine Rede – ich saß mit meinem Strickzeuge in einem Winkel – und Madame saß mit ihrem Nähzeug am Fenster – drey oder viermahl stand sie auf ging in’s Haus hinunter und kam immer blasser wieder. Gesprochen wurde nicht.

Als wir um zwei ins Speisezimmer traten, war mein Vater anfangs nicht da und ließ sagen, wir möchten nur anfangen zu essen. Wir fragten nach dem Buchhalter; er sei bei dem Herrn. Wir aßen um der Domestiken willen einige Löffel Suppe, so sauer es uns wurde.

Da kam der Vater herein, sehr roth und aufgeregt. Er legte sich, gegen seine Gewohnheit, selbst vor, spielte mit dem Löffel und fragte dann, als der Bediente gerade herausging, wie hingeworfen:

„Madame, Sie wohnen doch dem Cassirer gegenüber; wissen Sie nicht, wann er diesen Morgen ausgegangen ist?“

Ueber Madames Gesicht flog eine glühende Röthe, die einem wahrhaft edlen Ausdrucke Platz machte. Sie stand auf und sagte mit fester Stimme:

„Mynheer, Herr Steenwick ist diese Nacht nicht im Hause gewesen.“

Mein Vater sah sie an mit einem Gesichte, das mehr Angst als Bestürzung verrieth. Er stand auf, gab draußen einige Befehle und setzte dann sein Verhör fort.

„Haben Sie gestern bemerkt, wann er fortging?“

„Ja, Mynheer, um halb zwölf,“ und nach einigem Zögern setzte sie hinzu, „haben wir, Stanzchen und ich, ihn fortschleichen hören.“

„Fortschleichen?“ rief mein Vater und wurde fast eben so blaß als Madame. „Also doch wahr! Seien Sie aufrichtig, Madame, war es zum ersten Male?“ Es war, als sinke die arme Frau in sich zusammen, als sie stammelnd antwortete:

„Nein, Mynheer, nein, schon seit acht Tagen jeden Abend.“

Mein Vater sah sie starr an.

„O Mynheer, fragen Sie Stanzchen. Stanzchen weiß, daß ich es Ihnen heute sagen wollte.“

Mein Vater antwortete nicht. Er ging hastig an einen Wandschrank, der Feile, Kneifzangen und allerlei Schlüssel enthielt. Dann rief er an der Thür heftig nach dem Buchhalter. Thüren gingen und als eben ein Bedienter Speisen hereintrug, hörten wir an einem Krach, daß im Kabinet neben dem Comptoir die Kasse erbrochen wurde.

Wir saßen wie Bildsäulen am Tische, ließen eine Speise nach der andern abtragen und hatten weder den Muth, das Zimmer zu verlassen, noch darin zu bleiben.

Der Vater kam nicht wieder, auch zum Abendessen nicht, auch zum nächsten Mittagessen nicht, der Buchhalter eben so wenig.

Die jungen Commis schlenderten im Hause umher, und wir merkten aus einzelnen Worten, daß Herr Steenwick für in wichtigen Geschäften verschickt galt; denn zum Nachfragen hatte Keines von uns Muth.

Amselnest 2019Am zweiten Abend stürzte der Buchhalter aus dem Kabinet und rief: „Wasser! Um Gottes Willen, Wasser! Und geschwind zum Doktor Velten; der Herr hat einen Blutsturz bekommen.“

Madame und ich hörten das Geschrei auf unserm Zimmer, und ich weiß nicht, wie wir die Treppen hinuntergekommen sind, ich weiß nur, daß mein lieber Vater in seinem ledernen Arbeitssessel saß, bleich wie der Tod, die Augen halb gebrochen, ängstlich umherfahrend und daß er mich noch mit einem langen, traurigen Blicke ansah, daß mich schauderte, als ich in einen Blutstrom trat, der uns schon auf dem Entree entgegen floß.

Als Doktor Velten kam, war ich eine arme, verlassene Waise.

Von dem, was zunächst geschah, kann ich nur wenig sagen. Ich verstand das Meiste nur halb, und es schien mir Alles wie Nichts nach dem, was geschehen.

Das Gesinde mußte wohl wissen, wie mir zu Muthe war; denn wenn ich einmal zufällig mein Zimmer verließ, sah ich sie ziemlich offen silberne Bestecke, Becher und dergleichen auf ihre Kammern tragen. Ich sah es und sah es auch nicht; hätte ich nachher darüber aussagen sollen, ich hätte die Thäter nicht zu nennen gewußt.

Es war mir, als müßte ich ersticken, wenn der Weihrauchdampf bis oben in’s Haus zog. Ich hörte unter unsern Fenstern die Trauermusik, sah die Fackeln wiederscheinen und verkroch mich hinter’s Bett mit dem glühendsten Wunsch zu sterben.

Dann zog man mir schwarze Kleider an, und mein Vormund, der Banquier van Gehlen, holte mich vorläufig in sein Haus.

Madame Dubois mußte zurückbleiben. Unser Abschied war sehr schmerzlich, und es vergingen mir fast die Sinne, als diese Frau, der ich so lange gehorcht hatte, auf den Knieen zu mir hinrutschte,
meine Hand küßte und rief:

„Stanzchen, Stanzchen vergib mir! Ich bin an Allem Schuld! O Gott, ich bin eine alte Thörin gewesen!“

Es war mir, als sollte ich ihr um den Hals fallen, aber ich blieb steif stehen mit vor Scham geschlossenen Augen und als ich sie aufmachte war Madame fort, und statt ihrer hielt Herr van Gehlen mich bei der Hand.

Unsere Vermögensumstände stellten sich dann, wie Sie wohl erwartet haben, sehr traurig heraus. Mein Vater hatte eine Staatsanleihe übernommen und sich sehr um dies Geschäft beworben, da wir keineswegs zu den ersten Häusern in Gent gehörten. Ob schon Gelder eingegangen und versendet waren, weiß ich nicht, aber 600,000 Gulden waren aus der Kasse verschwunden. Das war gerade unser eigenes Vermögen, den Brautschatz meiner Schwester, den sie im Geschäft gelassen hatte, eingerechnet; so blieb mir nicht das Salz auf dem Brode.

In van Gehlens Hause wollte man gütig gegen mich sein; aber es war dort nichts wie Glanz und Pracht. Man ließ mir Freiheit auf meinem Zimmer, aber das Lachen, Klavierspielen und Wagenrollen schallte von unten herauf und, wenn ich mich sehen ließ, gab es eine plötzliche Stille, wie wenn ein Gespenst erschien, und Aller Augen waren auf mich gerichtet, als gäbe es außer mir keine verarmte Waise in Gent.

Mevrouw van Gehlen that zwar ihr Möglichstes, mir über solche Augenblicke weg zu helfen; aber selbst ihr Bestreben that mir weh und ließ es mich erst recht fühlen, wie viel hier zu verbergen war.

Täglich hoffte ich auf die Ankunft meiner Stiefschwester; sie kam nicht, auch mein Schwager nicht, sondern nur ihr Geschäftsmann, Herr Pell, der mich so quer ansah, als hätte ich seinen Patron bestohlen, – schon gleich anfangs und noch schlimmer, nachdem er sich einige Stunden mit Mynheer van Gehlen eingeschlossen.

Dennoch hatte er den Auftrag, mich mitzuhringen, wenn sich nämlich kein anderes Unterkommen fände.

Ich stand bei dieser Verhandlung zitternd wie Espenlaub und nahm jeden lieblosen Ausdruck des kleinen, hagern Mannes für direct aus dem Munde meiner Schwester; woran ich doch gewiß sehr Unrecht hatte. Denn ich bin später, nach meiner Verheirathung, öfters mit ihr zusammen gewesen in ihrem Hause und auch in dem meinigen, und sie war zwar eine etwas förmliche Frau, aber immer voll Anstand und verwandtschaftlicher Rücksicht, und sie hat es mir sogar viel zu hoch angerechnet, als ich ihr nach meines Mannes Tode ihre durch unser Unglück erlittenen Verluste zu ersetzen suchte, was doch nicht mehr als meine allerstrengste Pflicht war.

Die Conferenz im Fenster war noch im besten Gange, als Herrn van Gehlen ein Besuch gemeldet wurde. Den Namen verstand ich nicht und benutzte diesen Augenblick, mich unbemerkt fortzuschleichen.

Im Vorzimmer traf ich den Fremden, einen kleinen, geistlich gekleideten, hagern Mann, der beschäftigt war, sich mit einem bunten Schnupftuche den Staub von den Aermeln zu putzen. Er sah scharf auf und seine Augen verfolgten mich bis in die Thür mit lebhafter Neugierde.

Hast Du auch noch keine verarmte Waise gesehen? dachte ich.

Nach einer halben Stunde, die mir unter großer Gemüthsbewegung und unter Nachdenken über meine Schwester verging, ward ich heruntergerufen.

Amselnest 2019Ich fand die drei Herrn zusammen. Mynheer van Gehlen und Herr Pell saßen vor dem Tisch und blätterten in dicken Papierstößen. Sie sahen roth und angegriffen aus. Herr Pell schlug die Augen nicht vom Papier auf. Van Gehlen lächelte verlegen und schien mir etwas sagen zu wollen, als der Fremde aus der Fensternische trat, meine beiden Hände ergriff und mit bewegter Stimme sagte:

„Stanzchen, Stanzchen, ich bin Dein Ohm. Hat Dir denn Papa niemals von dem alten Herrn Ohm Pastor erzählt, dem alten Pastor in G.?“

Ich war ganz verwirrt; doch kamen mir einige dunkle Erinnerungen, obwohl mein Vater selten frühere Verhältnisse berührte.

So küßte ich dem Onkel die Hand und sah ihn auf eine Weise an, die ohne Zweifel etwas kümmerlich gewesen sein muß, denn er sagte:

„Sei zufrieden, Kind; Du sollst nicht nach Roeremonde. Du gehst mit mir;“ und dann mit erhöhter Stimme halb zu den Andern gewendet:

„Wenn ich gleich keine feine Juffrouw erziehen kann, so sollst Du doch rothe Backen kriegen und auch nicht wild aufwachsen, wie eine Nessel im Hagen.“

Mynheer van Gehlen nickte zustimmend. Pell schlug seine Actenstöße zu und sagte:

„Wenn Ewr. Ehrwürden das so wollen – vorläufig wenigstens. Ich will es an meinen Patron berichten; vielleicht – sonst steht der Juffrouw Roeremonde alle Tage offen.“

Mein Ohm machte eine feierliche Verbeugung: „Gewiß, ja, wir lassen Mevrouw danken. Roeremonde steht alle Tage offen – aber Mevrouw muß mir das Kind lassen. Es ist meiner Schwester Kind, die ich sehr lieb gehabt habe, wenn sie auch nur meine Stiefschwester war.“

Niemand antwortete. Ich fühlte, daß hier irgend ein drückendes Mißverständniß herrschte, und war froh, als mein Onkel gütig fortfuhr:

„Nun, Stanzchen, ich kann aber nicht lange von Hause bleiben; pack Deine Siebensachen und dann danke Mynheer und Mevrouw van Gehlen, daß sie Dich armes, verlassenes Kind so treulich aufgenommen haben.“

Zwei Stunden darauf saßen wir im Wagen. So bin ich von Gent gekommen. Noch muß ich Ihnen sagen, daß Herr Steenwick nicht, nachdem er des Vaters Kasse zum Theil verspielt, mit dem Ueberreste durchgegangen war, wie Sie ohne Zweifel glauben und auch Jedermann damals glaubte.

Nach drei Wochen kam sein Leichnam auf in der Schelde. Er hatte nichts in der Tasche, als seine gewöhnliche grüne Börse mit 6 Stuyvern darin und einen kleinen leeren Geldsack, den er aus angewöhnter Pünktlichkeit mußte mechanisch wieder eingesteckt haben. Man hätte eigentlich zuerst hierauf verfallen sollen, da von seinen Habseligkeiten nicht das Geringste vermißt wurde, nichts als die Kleider, die er am Leibe trug und seine alte silberne Uhr.

Aber die Leute denken gern immer das Schlimmste. Lieber Gott, es ist freilich schlimm genug, Anderer Leute Geld zu verspielen und dann – ein solches Ende! Aber Mynheer wissen wohl, es kommt einem doch nicht so schimpflich vor, als ein anderer Diebstahl.

Ein Spieler ist wie ein Betrunkener, wie ein Besessener, aus dem der Böse handelt wie eine zweite fremde Seele. Habe ich nicht Recht? Herr Steenwick hatte unserm Hause zwanzig Jahre lang gedient, hatte so manche Nächte durchgearbeitet und auch nicht ein Endchen Bindfaden verkommen lassen; er war wahrhaftig noch grimmiger auf’s Geschäft verpicht, als der Herr selbst, und nun ein solches Ende!

Indessen hat er, Gottlob, doch noch ein ehrliches Grab bekommen, weil sich mehrere Leute fanden, die ihn in der Morgendämmerung hatten taumeln sehen, wie einen Betrunkenen, und zwar in der Richtung nach Hause zu. So wurde denn angenommen, er habe, wie unglückliche Spieler häufig, sich zu viel Courage getrunken und sei so ohne Absicht dem Scheldeufer zu nahe gekommen.

Madame Dubois soll nachher auch noch heimlich auf sein Grab ihren Balsaminenstock gepflanzt haben, ist aber doch dabei belauscht worden – die arme Seele! Sie war wirklich gut von Natur, nur durch Romanenlesen etwas confus geworden; und wußte nicht recht mehr, ob sie alt oder jung war, und auch zu furchtsam geworden durch das Gefühl ihrer abhängigen Lage und noch mehr ihrer täglich abnehmenden Fähigkeit, sich selbst zu ernähren. Aber ihr Wille war immer der beste, und sie suchte mich vor jedem schädlichen Eindruck mit einer Treue zu hüten, für die ich ihr im Grabe noch dankbar bin.

Jetzt ist sie lange, lange todt; sie starb schon das Jahr darauf, als ich zu meinem Ohm kam, und ihre Ersparnisse in unserm Dienste haben übrig ausgereicht bis an ihr Ende.

So quälen wir uns oft umsonst, und unser Herrgott lacht dazu. –

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Hier schien Mevrouw van Ginkel ihre Mittheilungen endigen zu wollen. Sie schüttete frischen Thee auf, nahm eine Prise aus ihrem goldenen Döschen und sah mich mit jenem wohlwollenden Blicke an, der bei höflichen Leuten den Wunsch, auch den Andern zu hören, ausdrückt. Ihr Gesicht war völlig ruhig, sogar lächelnd; doch hing etwas Glänzendes in ihren Augwimpern, das aber nicht weiter kam.

Ich hingegen war in eine Stimmung gerathen, worauf ich eigentlich gar nicht für diese Stunde gerechnet hatte, und hätte für mein Leben gern Mevrouw in ihrer Dorfwirthschaft gesehen, um so mehr, da unschuldige Kinder sowohl wie alte Junggesellen mir ein gleich starkes Interesse erregen und man beide selten, wie hier, vereinigt findet.

So that ich einige blinde Fragen nach der Lage des Dorfes und wie viel Diensthoten und wie viel Kühe u.s.w. Mevrouw errieth meine Absicht und sagte sehr freundlich:

„Ich sehe wohl, Mynheer interessiren sich für meinen guten Ohm und gewiß hat es auch nie einen bessern Mann gegeben – und keinen ehrwürdigern,“ fügte sie hinzu mit einem Ausdruck kindlicher Scheu, der ihr fast wieder das Ansehn einer kleinen, wohlerzogenen Jungfer von vierzehn Jahren gab.

Amselnest 2019„Indessen läßt sich wenig von unserm Leben sagen. Es war sehr einfach und so einförmig, daß, wenn nicht die Kirchenfeste und die Jahreszeiten gewesen wären, unsere Tage einander so gleich gewesen wären wie Wassertropfen.“

Hier schüttete sie Wasser auf den Thee, und ich betrachtete einen am Kessel hängenden Tropfen, der allerdings wenig Unterhaltung zu versprechen schien.

„Aber,“ fuhr sie fort, „so sollte es nicht bleiben, und ich möchte dem Herrn Nachbar wohl die Catastrophe von meines Ohms, ich kann wohl sagen, von meinem Schicksal erzählen, damit Sie sehen, was der, dem ich am meisten in der Welt zu danken habe, für ein Mann war. Aber da ist eine andere kuriose Geschichte hinein verflochten, die Mynheer gewiß interessiren würde, aber etwas lang ist. Haben Mynheer sich auch gut gegen die Abendluft verwahrt?“

Ich versicherte, daß ich alle nöthigen Maßregeln getroffen, obwohl ich, ehrlich gesagt, heute zum ersten Mal meine dritte Weste ausgelassen hatte und mit einiger Sorge an den Thau dachte.

Jedoch hatte ich Mevrouw noch nie in so mittheilender Stimmung gesehn und war entschlossen, diese zur Erweiterung meiner Menschenkenntniß um jeden Preis zu benutzen. So betheuerte ich, daß ich nie nach dem Thee noch zu Abend esse, – was auch wahr ist – und mir längst eine gelegentliche Mondscheinpromenade am Maasufer vorgenommen hätte, was allerdings nicht ganz mit meinem sonstigen Geschmacke und meinen sonstigen Gewohnheiten übereinstimmte.

Mevrouw sah mich auch so verwundert an, als mache vor ihren Augen eine Schildkröte Vorbereitungen auf den Hinterbeinen zu spazieren; jedoch fuhr sie ohne weitere Bemerkungen in ihren Mittheilungen fort, nur zuweilen kleine Pausen machend, um mir einzuschenken oder ihrem goldenen Döschen zuzusprechen, wobei sie mich in so wohlwollender Weise zum Mitgenuß einlud, daß ich bei mir an die Friedenspfeife der Indianer denken mußte; welche Unterbrechungen ich durch Absätze bezeichne und dem Leser die Ausmalung der kleinen Zwischenspiele überlassen werde. Also Mevrouw fuhr fort:

[nicht vollendet]

Soundtrack: The Beatles: Blackbird, aus dem Weißen Album: The BEATLES, 1968.
Schönes Lied; den Ohrwurm kann man leicht zehn Stunden ausleben:

Bonus Track: auch Beatles, aus: Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band, 1967,
aber von Joe Cocker and The Grease Band: With a Little Help from My Friends,
live in Woodstock, Sonntag, 17. August 1969, ca. 15.15 Uhr Ortszeit:

Written by Wolf

27. März 2020 at 00:01

Arschmusik aus der Hölle

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Update zu Das Herz in meinem Leibe gehört ja allzeit dein (for life is just that way):

Das Werk von Hieronymus Bosch, eigentlich Jheronimus van Aken, war nie ganz verschwunden. Nicht schlecht für einen Maler, dessen Geburtsdatum „um“ 1450 und genauer Lebenslauf sich im Dunkel altniederländischer Archive verlieren, dessen Themen durchgehende Variationen über Vergänglichkeit, Tod und Verdammnis sind, und mit deren Interpretation man auch bei seinem kommerziell groß gefeierten 500. Todestag 2016 längst nicht fertig war.

Vielleicht gerade deswegen. Seine Bilder sind nämlich gelinde gesagt alles andere als langweilig, viel eher Steinbrüche für nachfolgende bis postmoderne Motive von allerhöchstem, meist groteskem, detailstrotzendem Schauwert. 2014, also wohl ohne Anstoß durch anstehende offizielle Veröffentlichungen von 2016, war ein Detail aus seinem Triptychon Der Garten der Lüste (Tuin der lusten) von etwa 1490 bis 1500 die üblichen paar Wochen lang ein Internet-Hype — dankenswerterweise einer, für den jemand in einer Kunstform, die von „können“ kommt, tätig werden musste: Noten lesen und umsetzen, sogar in Neumen.

Auf dem rechten Innenflügel des Gartens der Lüste namens Die Hölle findet sich unter Verwendung zahlreicher Musikinstrumente — daher auch: Die musikalische Hölle — das Detail eines zur Hölle Verdammten, auf dessen Hintern Musiknoten geschrieben stehen, nach denen umstehende Verdammte unter Anleitung eines Monsters singen müssen. Unter der bis auf weiteres geltenden Annahme, dass Bosch für sein Bilddetail nicht einfach wahllos irgendwelche notenähnlichen Tupfen verteilt, sondern eine musikalische Komposition festgehalten hat, und im Gegensatz zu den Ferkeleien des 250 Jahre später auftretenden Berufsmusikers Mozart — siehe unter anderem Leck mich im Arsch, KV 231, und Leck mir den Arsch fein recht schön sauber, KV 233 — geht das unter den Händen eines ein halbes Jahrtausend lang anerkannten Renaissance-Meisters über ein präpubertär anales Späßchen hinaus.

jetzt.de, ein mittlerweile weitgehend stillgelegtes Jugendorgan der Süddeutschen Zeitung, brachte eine handliche Übersicht der auf Tumblr vorgefundenen Situation:

Hieronymus Bosch, Der Garten der Lüste, 1490 ff., via Public Domain Review, Sommer 2017

——— Teresa Fries:

Ein Arsch voll Musik

in: Netzteil, jetzt.de, 14. Februar 2014:

Eine Studentin aus den USA entdeckt auf dem Renaissance-Gemälde „Der Garten der Lüste“ von Hieronymus Bosch eine Notenfolge, gemalt auf einen Hintern. Sie studiert die Noten, arrangiert sie neu und heraus kommt ein Po-Song aus der musikalischen Hölle des 16. Jahrhunderts.

Wäre ich Hieronymus Bosch, ich hätte mein Leben und meinen Tod lang auf diesen Moment gewartet. Ich sehe den Künstler vor mir, wie er da an einem Abend des Jahres 1503 mit dem Pinselchen vor seiner Holztafel steht, noch mal von seinem Wein nippt und dem nackten Hintern, den er gerade gemalt hat, mit einem breiten Grinsen die Noten einer Melodie verpasst. Und der gute Hieronymus wird sich dabei gedacht haben: „Möge eines Tages einer meine Arschkomposition finden, sie spielen und sie zu einem Erfolg machen“.

Gute 500 Jahre später betrachtete eine Studentin der Oklahoma Christian University mit einem Freund das Tryptichon von Hieronymus Bosch mit dem Titel „Der Garten der Lüste„. Ein Bild mit zwei Seitenflügeln: Klappt man sie zu, sieht man die Darstellung des dritten Schöpfungstags. Öffnet man die Flügel, findet man auf der linken Seite das Paradies, in der Mitte einen Garten voll lüsterner Menschen und auf der rechten Seite die musikalische Hölle, eine Unterwelt, in der Musikinstrumente als Foltergeräte benutzt werden. Das Ganze ist dank der wahnsinnig vielen Details eine Art Wimmelbild.

Äußerst amüsiert entdeckten die beiden Freunde unter einer überdimensionalen Laute ein Hinterteil, auf das einige Notenzeilen gemalt sind. Andere Verdammte singen unter der Aufsicht eines rosa Monsterfroschs die Melodie. Und die Studentin, die — zumindest im Internet — Amelia [Hamrick] heißt, tat das, was Bosch sich seit 500 Jahren gewünscht haben muss: Sie vertonte seinen Arsch-Song und stellt ihn auf ihrem Tumblr online.

„Ich beschloss, die Melodie in die moderne Notation zu übertragen“, erklärt Amelia, denn auf dem Hintern gibt es nur vier Notenlinien statt der heute üblichen fünf. „Ich bin davon ausgegangen, dass die zweite Notenlinie ‚C‘ ist, wie es für Gesänge dieser Zeit üblich war. Also ja, das ist WIRKLICH der 600 Jahre alte Po-Song aus der Hölle“. Dass sie sich dabei um 100 Jahre verrechnet hat, da das Bild um 1500 herum entstand, tut der Großartigkeit keinen Abbruch.

Amelia postete eine Klavierversion der Melodie auf Tumblr. Und tatsächlich: Es klingt ein wenig nach christlichem Höllenchoral. Bosch hatte also nicht einfach irgendwelche Noten malerisch auf den Hintern des armen Menschen tätowiert. Der Eintrag hat mittlerweile mehr als 49.000 Likes auf Tumblr und es gibt bereits eine Chorversion des Lieds mit Lyriks („Das ist der Po-Song aus der Hölle, wir singen von unseren Ärschen, während wir im Fegefeuer brennen“). Selbst der Guardian berichtete über das Po-Lied. Überrascht von der großen Aufmerksamkeit schrieb Amelia auf ihrem Tumblr: „Ich kann immer noch nicht glauben, dass das so abgeht. Das ist verrückt???“. Sie gestand auch, dass die Übertragung der alten Noten noch nicht ganz perfekt und die Aufnahme auch nicht die beste sei. „Aber ich arbeite gerade zusammen mit der Musikfakultät meiner Uni daran“. Vielleicht dürfen wir uns bald über eine professionelle Inszenierung freuen: Der Arsch-Song aus der Hölle — ein Arrangement für großes Orchester.

Das Thema erscheint visuell auf polyphonische Notation mit fünf statt der ursprünglichen vier Notenlinien umgerechent bei Amelia „resident art goblin“ und erklingt bei ihrem Kollegen Pretty Nails and Fluffy Tails:

Noten via Lanzhoverin, 17. Oktober 2018

——— Even Speedwagon Is A Furry, Tumblr, 11. Februar 2014:

i present to you, the butt song from hell, with lyrics, so you can even sing along if you want:

butt song from hell
this is the butt song from hell
we sing from our asses while burning in purgatory
the butt song from hell
the butt song from hell
butt

Einen Monat nach der grundsätzlichen Erschließung der Melodie erstellte jemand ein Arrangement für A-cappella-Chor:

Noch viel eher im Zuge der Feierlichkeiten zu Boschs 500. Todestag, entstand 2016 das Album Missa Cum Jocundtate: Visions Of Joy: The Chapel Of Hieronymus Bosch der Cappella Pratensis. Als umfassendste und auf mehreren wünschenswerten Ebenen wurde sie in der FAZ besprochen:

——— Anja-Rosa Thöming:

Was Hieronymus Bosch gehört hat

Visionen der Freude: Geistliche Vokalwerke des Marienbruders Pierre de la Rue

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15. August 2016, Seite 10:

Gewaltig ist die Kirche Sint-Jan, die Sankt-Johannis Kathedrale in der niederländischen Stadt s’Hertogenbosch, ein Zeugnis Brabanter Gotik und heutzutage ein nationales Rijksmonument. Vor fünfhundert Jahren trafen sich hier jeden Mittwoch die Freunde unserer Lieben Frau, nämlich die Mitglieder der „Illustre Lieve Vrouwe Broederschap„, allesamt fromme Marienverehrer. Sie feierten eine Messe zu Ehren der heiligen Jungfrau und hörten dabei die neueste Musik ihrer Zeit. Die ist überliefert in prachtvollen Handschriften der damals berühmten Schreiber-Werkstatt des Petrus Alamire, eines faszinierenden Mannes, der nicht nur als Handwerker tätig war, sondern nebenbei auch als Privatkurier für den Luther-Freund Georg Spalatin und als Spion für König Heinrich VIII. von England.

Zur Bruderschaft – sie existiert noch heute, seit 1642 in ökumenischer Form – gehörten auch der Maler Hieronymus Bosch und der fast gleichaltrige Pierre de la Rue, Komponist franko-flämischer Manier am Habsburgisch-Burgundischen Hof, 1452 geboren, 1518 verstorben. Die beiden Künstler werden jetzt in einem Gedankenspiel zusammengeführt: Auf der CD „Die Kapelle des Hieronymus Bosch“ wird eine „Klanglandschaft“ („soundscape“ heißt es im Beiheft) heraufbeschworen, die Bosch in den Andachten in Sint-Jan erlebt haben mag. Hell hebt sie sich ab von jenen Unheilsvisionen, die wir aus seinen Gemälden kennen. Der Zusatztitel des Albums, „Visions of Joy“, zielt auf die „Missa Cum jocunditate“ von Pierre de la Rue ab. Sie erhebt die „Freundlichkeit“ zum Attribut Marias. Der Liturgie folgend, streuen die in s’Hertogenbosch ansässigen Sänger der Cappella Pratensis zwischen die mehrstimmigen Messsätze überlieferte einstimmige Gesänge ein.

Was an der Musik vor allem auffällt, ist die stark durchgearbeitete Polyphonie. Mal vier-, mal fünf-, mal sechsstimmig singt die ausschließlich männliche Besetzung – auf Lateinisch benannt als superius, altus, tenor, bassus – in scheinbar unendlich vielen Kombinationen. Wie ein dichtes, undurchdringliches Netz spannen sich die kraftvollen Stimmen aus, überlappend, imitatorisch, jeden Eindruck von kadenzierender Klarheit vermeidend, mehr changierender Klang als interpretierender Text. Kein Wunder, dass auf dem Konzil von Trient fünfzig Jahre später kritische Stimmen unter den Klerikern die Verständlichkeit der Worte im geistlichen Gesang anmahnen würden!

Diese Worte, von „Kyrie eleison“ über „Credo in unum Deum“ bis hin zu „Agnus Dei, qui tollis peccata mundi“, waren zu Zeiten Boschs und Martin Luthers durch den täglichen Gebrauch jedermann bekannt, während man heute das Textbuch zur Hand nimmt, um den Sinn, auch den musikalischen, erkennen zu können.

Im Zentrum steht mit dem fünfstimmigen Credo das Glaubensbekenntnis. Wieder verschlingen sich die Stimmen in kaum zu entwirrenden Girlanden, deren keine wichtiger ist als die andere. Es ist, als würde man inmitten dieses virtuosen Linienwirrwarrs unscharf zu hören beginnen, wie mit verschieden starken, ständig wechselnden Linsen für das Gehör. Die Cappella nimmt den Satz eine Spur zu rasch, dadurch wird der Effekt der Zäsurvermeidung noch erhöht. Doch auf einmal klärt sich das Dickicht, die Linien laufen auf den Höhepunkt der Fleischwerdung Jesu Christi zu: „et incarnatus est …“, und nach einer letzten blumigen Ausschmückung bei „virgine“, der Jungfrau Maria, vereinen sich die Stimmen klar angeordnet, homophon im erlösenden „et homo factus est“ – „und ist Mensch geworden“.

Anders als im Booklet suggeriert, wird hier nicht Maria hervorgehoben, sondern ihr Sohn; genau wie in der zweiten und damit letzten Passage, die klar homophon von der Polyphonie absticht bei dem Wort „in remissionem peccatorum“ (zur Vergebung der Sünden). Maria schenkt Freude, Christus aber Erlösung, so müsste wohl die theologische Deutung der Gestaltung lauten.

Thematisch passend ergänzt wird die Messe auf der CD durch eine Motette von Pierre de la Rue über die sieben Freuden Marias, „Gaude Virgo mater Christi (Freue dich, Jungfrau, Mutter Christi)“, die am Ende des großen Mittwochsgottesdienstes in Sint-Jan gestanden haben könnte. Der leicht zum Leiern neigende Versrhythmus wird durch die polyphone Kunst vollständig aufgehoben, eine eigene Dynamik entspinnt sich. Eine charmante Zugabe sind die ebenfalls liturgisch beglaubigten Orgelimprovisationen; Wim Diepenhorst spielt sie klar konturiert auf der lieblich klingenden Orgel von Sankt Marien in Lemgo.

Als bisher elaborierteste musikalische Umsetzung des Arschliedes ist allerdings die überraschend schnell — an einem einzigen Tag, wohl dem 15. oder 16. Februar 2014 — entstandene Fantasy-Metal-Version von Kent Heberling zu betrachten — nach eigenen Angaben auf ESP LTD EC-1000, Fender Jazz Bass, Line6 Pod X3L, East-West Quantum Leap Orchestral VST, Fruity Loops und Sonar:

Das seinerzeit von Teresa Fries auf jetzt.de gewünschte Arrangement für großes Orchester steht vorerst aus, aber mit den bestehenden Einspielungen dessen, was Hieronymus Bosch gehört hat, gehört haben könnte oder auf den Körperteilen verdammter Seelen zur gefälligen Interpretation postuliert hat, fahren wir Heutigen ganz gut:

Anne, Arschmusik

Bilder:

  1. Detail Garten der Lüste via The Public Domain Review: Postcards, Sommer 2017;
  2. Noten via Lanzhoverin, 17. Oktober 2018;
  3. CD via meine liebe Freundin Arlene’s Lace, 18. Juli 2013.

Bonus Track: Delicate, aus: Reputation, 2018:

Written by Wolf

28. Februar 2020 at 00:01

Filetstück 0002: Eisbruch

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Update zu Hochwaldklangwolke: Die einzelnen Minuten, wie sie in den Ozean der Ewigkeit hinuntertropfen
und Wenn–dann (weiß ich auch nicht):

Da mag einer von Adalbert Stifter (* 23. Oktober 1805; † 28. Jänner 1868), vor allem vom späten, so wenig und so viel Abfälliges halten wie er will, aber sein Perfektionismus ging weit genug, um Die Mappe meines Urgroßvaters gleich viermal zu schreiben — bei weitem nicht seine einzige Arbeit, die er mehrmals von Grund auf neu schrieb.

Ein erstes Kapitel Die Geschichte zweier Bettler, noch ohne Plan zum Einbau in einen größeren Rahmen, stammt von 1839, die kürzeste „Urmappe“ oder „Journalfassung“ in der Wiener Zeitschrift für Kunst, Literatur, Theater und Mode von 1841/1842, die erweiterte und in der Kapitelstruktur umgebaute „Studienfassung“ im dritten Band der Studien von 1847, eine unvollendet liegen gelassene und weitgehend folgenlos gebliebene „Romanfassung“ von 1864, die „letzte Mappe“ mit 164 Manuskriptseiten noch aus Stifters Todesjahr 1868 — ebenfalls fragmentarisch und mit dem seither grundsätzlich übernommenen Zusatz vom Nachlassverwalter und posthumen Herausgeber Johann Aprent: „Hier ist der Dichter gestorben.“

Das macht Stifters erklärten eigenen Lieblingsstoff zu einem ähnlichen Lebenswerk wie den Faust für Goethe — nur in allen Fassungen schlüssiger als Goethes nach lebenslanger Umarbeitung endlich freigegebenes Stückwerk. Die Fassungen der Mappe sind erst seit 1999 im 6. Band der historisch-kritischen Gesamtausgabe grundlegend erschlossen.

Der Abschnitt, der als „Eisbruch“ kursiert, war in der ersten Fassung noch nicht, in der dritten nicht mehr enthalten; allein in der Studienfassung steht er unscheinbar ins Kapitel Margarita eingearbeitet. Dabei gehört der zum Besten, was Stifter je geschrieben hat: Man friert mit.

Hinter dem Mond, Terebilovski Blues. Westsibirischer Dorfpunk auf dem Weg zum Weltruhm, 2010 bis 2018

——— Adalbert Stifter:

4. Margarita

aus: Die Mappe meines Urgroßvaters, „Studienfassung“ 1841 f., in: Studien, Band III, 1847:

Hinter dem Mond, Terebilovski Blues. Westsibirischer Dorfpunk auf dem Weg zum Weltruhm, 2010 bis 2018Wir mußten einen schweren Winter überstehen. So weit die ältesten Menschen zurück denken, war nicht so viel Schnee. Vier Wochen waren wir einmal ganz eingehüllt in ein fortdauerndes graues Gestöber, das oft Wind hatte, oft ein ruhiges, aber dichtes Niederschütten von Flocken war. Die ganze Zeit sahen wir nicht aus. Wenn ich in meinem Zimmer saß und die Kerzen brannten, hörte ich das unablässige Rieseln an den Fenstern, und wenn es licht wurde und die Tageshelle eintrat, sah ich durch meine Fenster nicht auf den Wald hin, der hinter der Hütte stand, die ich hatte abbrechen lassen, sondern es hing die graue, lichte, aber undurchdringliche Schleierwand herab; in meinem Hofe und in der Nähe des Hauses sah ich nur auf die unmittelbarsten Dinge hinab, wenn etwa ein Balken empor stand, der eine Schneehaube hatte und unendlich kurz geworden war, oder wenn ein langer, weißer, wolliger Wall anzeigte, wo meine im Sommer ausgehauenen Bäume lagen, die ich zum weitern Baue verwenden wollte. Als alles vorüber war und wieder der blaue und klare Winterhimmel über der Menge von Weiß stand, hörten wir oft in der Totenstille, die jetzt eintrat, wenn wir an den Hängen hinunter fuhren, in dem Hochwalde oben ein Krachen, wie die Bäume unter ihrer Last zerbrachen und umstürzten. Leute, welche von dem jenseitigen Lande über die Schneide herüber kamen, sagten, daß in den Berggründen, wo sonst die kleinen, klaren Wässer gehen, so viel Schnee liege, daß die Tanne in von fünfzig Ellen und darüber nur mit den Wipfeln heraus schauen. Wir konnten nur den leichteren Schlitten brauchen – ich hatte nämlich noch einen machen lassen –, der etwas länger, aber schmäler war als der andere. Er fiel wohl öfter um, aber konnte auch leichter durch die Schlachten, welche die Schneewehen bildeten, durchdringen. Ich konnte jetzt nicht mehr allein zur Besorgung meiner Geschäfte herum fahren, weil ich mir mit allen meinen Kräften in vielen Fällen allein nicht helfen konnte. Und es waren mehr Kranke, als es in allen sonstigen Zeiten gegeben hatte. Deswegen fuhr jetzt der Thomas immer mit mir, daß wir uns gegenseitig beistünden, wenn der Weg nicht mehr zu finden war, wenn wir den Fuchs aus dem Schnee, in den er sich verfiel, austreten mußten, oder wenn einer, da es irgendwo ganz unmöglich war durch zu dringen, bei dem Pferde bleiben und der andere zurück gehen und Leute holen mußte, damit sie uns helfen. Es wurde nach dem großen Schneefalle auch so kalt, wie man es je kaum erlebt hatte. Auf einer Seite war es gut; denn der tiefe Schnee fror so fest, daß man über Stellen und über Schlünde gehen konnte, wo es sonst unmöglich gewesen wäre; aber auf der andern Seite war es auch schlimm; denn die Menschen, welche viel gingen, ermüdet wurden und unwissend waren, setzten sich nieder, gaben der süßen Ruhe nach, und wurden dann erfroren gefunden, wie sie noch saßen, wie sie sich nieder gesetzt hatten. Vögel fielen von den Bäumen, und wenn man es sah und sogleich einen in die Hand nahm, war er fest wie eine Kugel, die man werfen konnte. Wenn meine jungen Rappen ausgeführt wurden und von einem Baume oder sonst wo eine Schneeflocke auf ihren Rücken fiel, so schmolz dieselbe nicht, wenn sie nach Hause kamen, wie lebendig und tüchtig und voll von Feuer die Tiere auch waren. Erst im Stalle verlor sich das Weiß und Grau von dem Rücken. Wenn sie ausgeführt wurden, sah ich manchmal den jungen Gottlieb mit gehen und hinter den Tieren her bleiben, wenn sie auf verschiedenen Wegen herum geführt wurden, aber es tut nichts, die Kälte wird ihm nichts anhaben, und er ist ja in den guten Pelz gehüllt, den ich ihm aus meinem alten habe machen lassen. Ich ging oft in die Zimmer der Meinigen hinab, und sah, ob alles in der Ordnung sei, ob sie gehörig Holz zum Heizen haben, ob die Wohnung überall gut geborgen sei, daß nicht auf einen, wenn er vielleicht im Bette sei, der Strom einer kalten Luft gehe und er erkranke; ich sah auch nach der Speise; denn bei solcher Kälte ist es nicht einerlei, ob man das oder jenes esse. Dem Gottlieb, der nur mit Spänen heizte, ließ Ich von den dichten Buchenstöcken hinüber legen. Im Eichenhage oben soll ein Knall geschehen sein, der seines Gleichen gar nicht hat. Der Knecht des Beringer sagte, daß einer der schönsten Stämme durch die Kälte von unten bis oben gespalten worden sei, er habe ihn selber gesehen. Der Thomas und ich waren in Pelze und Dinge eingehüllt, daß wir zwei Bündeln, kaum aber Menschen gleich sahen. Dieser Winter, von dem wir dachten, daß er uns viel Wasser bringen würde, endigte endlich mit einer Begebenheit, die wunderbar war, und uns leicht die äußerste Gefahr hätte bringen können; wenn sie nicht eben gerade so abgelaufen wäre, wie sie ablief. Nach dem vielen Schneefalle und während der Kälte war es immer schön, es war immer blauer Himmel, morgens rauchte es beim Sonnenaufgange von Glanz und Schnee, und nachts war der Himmel dunkel wie sonst nie, und es standen viel mehr Sterne in ihm als zu allen Zeiten. Dies dauerte lange – aber einmal fiel gegen Mittag die Kälte so schnell ab, daß man die Luft bald warm nennen konnte, die reine Bläue des Himmels trübte sich, von der Mittagseite des Waldes kamen an dem Himmel Wolkenballen, gedunsen und fahlblau, in einem milchigen Nebel schwimmend, wie im Sommer, wenn ein Gewitter kommen soll – ein leichtes Windigen hatte sich schon früher gehoben, daß die Fichten seufzten und Ströme Wassers von ihren Ästen niederlassen. Gegen Abend standen die Wälder, die bisher immer bereift und wie in Zucker eingemacht gewesen waren, bereits ganz schwarz in den Mengen des bleichen und wässerigen Schnees da. Wir hatten bange Gefühle, und ich sagte dem Thomas, daß sie abwechselnd nachschauen, daß sie die hinteren Tore im Augenmerk halten sollen, und daß er mich wecke, wenn das Wasser zu viel werden sollte. Ich wurde nicht geweckt, und als ich des Morgens die Augen öffnete, war alles anders, als ich es erwartet hatte. Das Windchen hatte aufgehört, es war so stille, daß sich von der Tanne, die ich keine Büchsenschußlänge von meinem Fenster an meinem Sommerbänkchen stehen sah, keine einzige Nadel rührte; die blauen und mitunter bleifarbigen Wolkenballen waren nicht mehr an dem Himmel, der dafür in einem stillen Grau unbeweglich stand, welches Grau an keinem Teile der großen Wölbung mehr oder weniger grau war, und an der dunkeln Öffnung der offen stehenden Tür des Heubodens bemerkte ich, daß feiner, aber dichter Regen niederfalle; allein wie ich auf allen Gegenständen das schillerige Glänzen sah, war es nicht das Lockern oder Sickern des Schnees, der in dem Regen zerfällt, sondern das blasse Glänzen eines Überzuges, der sich über alle die Hügel des Schnees gelegt hatte. Als ich mich angekleidet und meine Suppe gegessen hatte, ging ich in den Hof hinab, wo der Thomas den Schlitten zurecht richtete. Da bemerkte ich, daß bei uns herunten an der Oberfläche des Schnees während der Nacht wieder Kälte eingefallen sei, während es oben in den höheren Teilen des Himmels warm geblieben war; denn der Regen floß fein und dicht hernieder, aber nicht in der Gestalt von Eiskörnern, sondern als reines, fließendes Wasser, das erst an der Oberfläche der Erde gefror und die Dinge mit einem dünnen Schmelze überzog, derlei man in das Innere der Geschirre zu tun pflegt, damit sich die Flüssigkeiten nicht in den Ton ziehen können. Im Hofe zerbrach der Überzug bei den Tritten noch in die feinsten Scherben, es mußte also erst vor Anbruch des Tages zu regnen angefangen haben. Ich tat die Dinge, die ich mitnehmen wollte, in ihre Fächer, die in dem Schlitten angebracht waren, und sagte dem Thomas, er solle doch, ehe wir zum Fortfahren kämen, noch den Fuchs zu dem untern Schmied hinüber führen und nachschauen lassen, ob er scharf genug sei, weil wir heute im Eise fahren müßten. Es war uns so recht, wie es war, und viel lieber, als wenn der unermeßliche Schnee schnell und plötzlich in Wasser verwandelt worden wäre. Dann ging ich wieder in die Stube hinauf, die sie mir viel zu viel geheizt hatten, schrieb einiges auf, und dachte nach, wie ich mir heute die Ordnung einzurichten hätte. Da sah ich auch, wie der Thomas den Fuchs zum untern Schmied hinüber führte. Nach einer Weile, da wir fertig waren, richteten wir uns zum Fortfahren. Ich tat den Regenmantel um und setzte meine breite Filzkappe auf, davon der Regen abrinnen konnte. So machte ich mich in dem Schlitten zurechte und zog das Leder sehr weit herauf. Der Thomas hatte seinen gelben Mantel um die Schultern und saß vor mir in dem Schlitten. Wir fuhren zuerst durch den Thaugrund, und es war an dem Himmel und auf der Erde so stille und einfach grau, wie des Morgens, so daß wir, als wir einmal stille hielten, den Regen durch die Nadeln fallen hören konnten. Der Fuchs hatte die Schellen an dem Schlittengeschirre nicht recht ertragen können und sich öfter daran geschreckt, deshalb tat ich sie schon, als ich nur ein paar Male mit ihm gefahren war, weg. Sie sind auch ein närrisches Klingeln, und mir war es viel lieber, wenn ich so fuhr, manchen Schrei eines Vogels, manchen Waldton zu hören, oder mich meinen Gedanken zu überlassen, als daß ich immer das Tönen in den Ohren hatte, das für die Kinder ist. Heute war es freilich nicht so ruhig, wie manchmal das stumme Fahren des Schlittens im feinen Schnee war, wie im Sande, wo auch die Hufe des Pferdes nicht wahrgenommen werden konnten; denn das Zerbrechen des zarten Eises, wenn das Tier darauf trat, machte ein immerwährendes Geräusch, daher aber das Schweigen, als wir halten mußten, weil der Thomas in dem Riemzeug etwas zurecht zu richten hatte, desto auffallender war. Und der Regen, dessen Rieseln durch die Nadeln man hören konnte, störte die Stille kaum, ja er vermehrte sie. Noch etwas anderes hörten wir später, da wir wieder hielten, was fast lieblich für die Ohren war. Die kleinen Stücke Eises, die sich an die dünnsten Zweige und an das langhaarige Moos der Bäume angehängt hatten, brachen herab, und wir gewahrten hinter uns in dem Walde an verschiedenen Stellen, die bald dort und bald da waren, das zarte Klingen und ein zitterndes Brechen, das gleich wieder stille war. Dann kamen wir aus dem Walde hinaus und fuhren durch die Gegend hin, in der die Felder liegen. Der gelbe Mantel des Thomas glänzte, als wenn er mit Öl übertüncht worden wäre; von der rauhen Decke des Pferdes hingen Silberfranzen hernieder; wie ich zufällig einmal nach meiner Filzkappe griff, weil ich sie unbequem auf dem Haupte empfand, war sie fest, und ich hatte sie wie eine Kriegshaube auf; und der Boden des Weges, der hier breiter und, weil mehr gefahren wurde, fester war, war schon so mit Eise belegt, weil das gestrige Wasser, das in den Gleisen gestanden war, auch gefroren war, daß die Hufe des Fuchses die Decke nicht mehr durchschlagen konnten, und wir unter hallenden Schlägen der Hufeisen und unter Schleudern unseres kleinen Schlittens, wenn die Fläche des Weges ein wenig schief war, fortfahren mußten.

Hinter dem Mond, Terebilovski Blues. Westsibirischer Dorfpunk auf dem Weg zum Weltruhm, 2010 bis 2018Wir kamen zuerst zu dem Karbauer, der ein krankes Kind hatte. Von dem Hausdache hing ringsum, gleichsam ein Orgelwerk bildend, die Verzierung starrender Zapfen, die lang waren, teils herabbrachen, teils an der Spitze ein Wassertröpfchen hielten, das sie wieder länger und wieder zum Herabbrechen geneigter machte. Als ich ausstieg, bemerkte ich, daß das Überdach meines Regenmantels, das ich gewöhnlich so über mich und den Schlitten breite, daß ich mich und die Arme darunter rühren könne, in der Tat ein Dach geworden war, das fest um mich stand und beim Aussteigen ein Klingelwerk fallender Zapfen in allen Teilen des Schlittens verursachte. Der Hut des Thomas war fest, sein Mantel krachte, da er abstieg, auseinander, und jede Stange, jedes Holz, jede Schnalle, jedes Teilchen des ganzen Schlittens, wie wir ihn jetzt so ansahen, war in Eis, wie in durchsichtigen, flüssigen Zucker, gehüllt, selbst in den Mähnen, wie tausend bleiche Perlen, hingen die gefrornen Tropfen des Wassers, und zuletzt war es um die Hufhaare des Fuchses wie silberne Borden geheftet.

Ich ging in das Haus. Der Mantel wurde auf den Schragen gehängt, und wie ich die Filzkappe auf den Tisch des Vorhauses legte, war sie wie ein schimmerndes Becken anzuschauen.

Als wir wieder fortfahren wollten, zerschlugen wir das Eis auf unsern Hüten, auf unsern Kleidern, an dem Leder und den Teilen des Schlittens, an dem Riemzeug des Geschirres, und zerrieben es an den Haaren der Mähne und der Hufe des Fuchses. Die Leute des Karbauers halfen uns hiebei. Das Kind war schon schier ganz gesund. Unter dem Obstbaumwalde des Karhauses, den der Bauer sehr liebt und schätzt, und der hinter dem Hause anhebt, lagen unzählige kleine schwarze Zweige auf dem weißen Schnee, und jeder schwarze Zweig war mit einer durchsichtigen Rinde von Eis umhüllt und zeigte neben dem Glanze des Eises die kleine frischgelbe Wunde des Herabbruchs. Die braunen Knösplein der Zweige, die im künftigen Frühlinge Blüten- und Blätterbüschlein werden sollten, blickten durch das Eis hindurch. Wir setzten uns in den Schlitten. Der Regen, die graue Stille und die Einöde des Himmels dauerten fort.

Da wir in der Dubs hinüber fuhren, an der oberen Stelle, wo links das Gehänge ist und an der Schneide der lange Wald hin geht, sahen wir den Wald nicht mehr schwarz, sondern er war gleichsam bereift, wie im Winter, wenn der Schnee in die Nadeln gestreut ist und lange Kälte herrscht; aber der Reif war heute nicht so weiß wie Zucker, dergleichen er sonst ähnlich zu sein pflegt, sondern es war das dumpfe Glänzen und das gleichmäßige Schimmern an allen Orten, wenn es bei trübem Himmel überall naß ist; aber heute war es nicht von der Nässe, sondern von dem unendlichen Eise, das in den Ästen hing. Wir konnten, wenn wir etwas Aufwärts und daher langsamer fuhren, das Knistern der brechenden Zweige sogar bis zu uns herab hören, und der Wald erschien, als sei er lebendig geworden. Das blasse Leuchten des Eises auf allen Hügeln des Schnees war rings um uns herum, das Grau des Himmels war beinahe sehr licht, und der Regen dauerte stille fort, gleichmäßig fein und gleichmäßig dicht.

Hinter dem Mond, Terebilovski Blues. Westsibirischer Dorfpunk auf dem Weg zum Weltruhm, 2010 bis 2018Wir hatten in den letzten Häusern der Dubs etwas zu tun, ich machte die Gange, da die Orte nicht weit auseinander lagen, zu Fuße, und der Fuchs wurde in den Stall getan, nachdem er wieder von dem Eise, das an ihm rasselte, befreit worden war. Der Schlitten und die Kleider des Thomas mußten ebenfalls ausgelöset werden; die meinigen aber, nämlich der Mantel und die Filzkappe, wurden nur von dem, was bei oberflächlichem Klopfen und Rütteln herabging, erleichtert, das andere aber daran gelassen, da ich doch wieder damit in dem Regen herum gehen mußte und neue Lasten auf mich lud. Ich hatte mehr Kranke, als sie sonst in dieser Jahreszeit zu sein pflegen. Sie waren aber alle ziemlich in der Nähe beisammen, und ich ging von dem einen zu dem andern. An den Zäunen, an den Strunken von Obstbäumen und an den Rändern der Dächer hing unsägliches Eis. An mehreren Planken waren die Zwischenräume verquollen, als wäre das Ganze in eine Menge eines zähen Stoffes eingehüllt worden, der dann erstarrte. Mancher Busch sah aus wie viele in einander gewundene Kerzen, oder wie lichte, wässerig glänzende Korallen.

Ich hatte dieses Ding nie so gesehen wie heute.

Die Leute schlugen manche der bis ins Unglaubliche herabgewachsenen Zapfen von den Dächern, weil sie sonst, wenn sie gar groß geworden waren, im Herabbrechen Stücke der Schindeln oder Rinnen mit sich auf die Erde nahmen. Da ich in der Dubs herum ging, wo mehrere Häuser um den schönen Platz herum stehen, den sie bilden, sah ich, wie zwei Mägde das Wasser, welches im Tragen hin und her geschwemmt haben würde, in einem Schlitten nach Hause zogen. Zu dem Brunnen, der in der Mitte des Platzes steht, und um dessen Holzgeschlacht herum schon im Winter der Schnee einen Berg gebildet hatte, mußten sie sich mit der Axt Stufen hinein hauen. Sonst gingen die Leute gar nicht aus den Häusern, und wo man doch einen sah, duckte er oben mit dem Haupte vor dem Regen in sein Gewand, und unten griff er mit den Füßen vorsichtig vorwärts, um in der unsäglichen Glätte nicht zu fallen.

Wir mußten wieder fort. Wir fuhren mit dem Fuchs, den wir wieder hatten scharf machen lassen, durch die ebenen Felder hinüber gegen das Eckstück, welches die Siller am höher stehenden Walde einfaßt, und wo mehrere Holzhäuser stehen. Wir hörten, da wir über die Felder fuhren, einen dumpfen Fall; wußten aber nicht recht, was es war. Auf dem Raine sahen wir einen Weidenbaum gleißend stehen, und seine zähen, silbernen Äste hingen herab, wie mit einem Kamme nieder gekämmt. Den Waldring, dem wir entgegen fuhren, sahen wir bereift, aber er warf glänzende Funken und stand wie geglättete Metallstellen von dem lichten, ruhigen, matten Grau des Himmels ab.

Hinter dem Mond, Terebilovski Blues. Westsibirischer Dorfpunk auf dem Weg zum Weltruhm, 2010 bis 2018Von den Holzhausern mußten wir wieder zurück über die Felder, aber schief auf dem Wege gegen das Eidun. Die Hufe unseres Pferdes hallten auf der Decke, wie starke Steine, die gegen Metallschilde geworfen werden. Wir aßen bei dem Wirte etwas, weil wir zu spät nach Hause gekommen sein würden, dann, nachdem wir den Schlitten, das Pferd und unsere Kleider wieder frei gemacht hatten, fuhren wir wieder ab, auf dem Wege, der nach meinem Hause führte. Ich hatte nur noch in den letzteren Eidunhäusern etwas zu tun, und dann konnten wir auf dem Wege hinüber fahren, wo im Sommer die Eidunwiesen sind, im Winter aber alle die fahren und gehen, die im Waldhange und oberen Hage Geschäfte haben. Von da konnten wir gegen den Fahrweg einlenken, der durch den Thaugrund und nach Hause führt. Da wir uns auf den Wiesen befanden, über deren Ebene wir jetzt freilich klafterhoch erhoben fuhren, hörten wir wieder denselben dumpfen Fall, wie heute schon einmal, aber wir erkannten ihn wieder nicht, und wußten auch nicht einmal ganz genau, woher wir ihn gehört hatten. Wir waren sehr froh, einmal nach Hause zu kommen; denn der Regen und das Feuchte, das in unserm ganzen Körper steckte, tat uns recht unwohl, auch war die Glätte unangenehm, die allenthalben unnatürlich über Flur und Feld gebreitet war und den Fuß, wenn man ausstieg, zwang, recht vorsichtig auf die Erde zu greifen, woher man, wenn man auch nicht gar viel und gar weit ging, unglaublich ermüdet wurde.

Da wir endlich gegen den Thaugrund kamen und der Wald, der von der Höhe herüber zieht, anfing, gegen unsern Weg herüber zu langen, hörten wir plötzlich in dem Schwarzholze, das auf dem schön emporragenden Felsen steht, ein Geräusch, das sehr seltsam war, und das keiner von uns je vernommen hatte – es war, als ob viele Tausende oder gar Millionen von Glasstangen durcheinander rasselten und in diesem Gewirre fort in die Entfernung zögen. Das Schwarzholz war doch zu weit zu unserer Rechten entfernt, als daß wir den Schall recht klar hätten erkennen können, und in der Stille, die in dem Himmel und auf der Gegend war, ist er uns recht sonderbar erschienen. Wir fuhren noch eine Strecke fort, ehe wir den Fuchs aufhalten konnten, der im Nachhauserennen begriffen war und auch schon trachten mochte, aus diesem Tage in den Stall zu kommen. Wir hielten endlich und hörten in den Lüften gleichsam ein unbestimmtes Rauschen, sonst aber nichts. Das Rauschen hatte jedoch keine Ähnlichkeit mit dem fernen Getöse, das wir eben durch die Hufschläge unsers Pferdes hindurch gehört hatten. Wir fuhren wieder fort und näherten uns dem Walde des Thaugrundes immer mehr, und sahen endlich schon die dunkle Öffnung, wo der Weg in das Gehölze hinein geht. Wenn es auch noch früh am Nachmittage war, wenn auch der graue Himmel so licht schien, daß es war, als müßte man den Schimmer der Sonne durchsinken sehen, so war es doch ein Winternachmittag, und es war so trübe, daß sich schon die weißen Gefilde vor uns zu entfärben begannen und in dem Holze Dämmerung zu herrschen schien. Es mußte aber doch nur scheinbar sein, indem der Glanz des Schnees gegen das Dunkel der hinter einander stehenden Stämme abstach.

Hinter dem Mond, Terebilovski Blues. Westsibirischer Dorfpunk auf dem Weg zum Weltruhm, 2010 bis 2018Als wir an die Stelle kamen, wo wir unter die Wölbung des Waldes hinein fahren sollten, blieb der Thomas stehen. Wir sahen vor uns eine sehr schlanke Fichte zu einem Reife gekrümmt stehen und einen Bogen über unsere Straße bildend, wie man sie einziehenden Kaisern zu machen pflegt. Es war unsäglich, welche Pracht und Last des Eises von den Bäumen hing. Wie Leuchter, von denen unzählige umgekehrte Kerzen in unerhörten Größen ragten, standen die Nadelbäume. Die Kerzen schimmerten alle von Silber, die Leuchter waren selber silbern, und standen nicht überall gerade, sondern manche waren nach verschiedenen Richtungen geneigt. Das Rauschen, welches wir früher in den Lüften gehört hatten, war uns jetzt bekannt; es war nicht in den Lüften; jetzt war es bei uns. In der ganzen Tiefe des Waldes herrschte es ununterbrochen fort, wie die Zweige und Äste krachten und auf die Erde fielen. Es war um so fürchterlicher, da alles unbeweglich stand; von dem ganzen Geglitzer und Geglänze rührte sich kein Zweig und keine Nadel, außer wenn man nach einer Weile wieder auf einen gebogenen Baum sah, daß er von den ziehenden Zapfen niederer stand. Wir harreten und schauten hin – man weiß nicht, war es Bewunderung oder war es Furcht, in das Ding hinein zu fahren. Unser Pferd mochte die Empfindungen in einer Ähnlichkeit teilen, denn das arme Tier schob, die Füße sachte anziehend, den Schlitten in mehreren Rucken etwas zurück.

Wie wir noch da standen und schauten – wir hatten noch kein Wort geredet – hörten wir wieder den Fall, den wir heute schon zweimal vernommen hatten. Jetzt war er uns aber völlig bekannt. Ein helles Krachen, gleichsam wie ein Schrei, ging vorher, dann folgte ein kurzes Wehen, Sausen oder Streifen, und dann der dumpfe, dröhnende Fall, mit dem ein mächtiger Stamm auf der Erde lag. Der Knall ging wie ein Brausen durch den Wald und durch die Dichte der dämpfenden Zweige; es war auch noch ein Klingeln und Geschimmer, als ob unendliches Glas durcheinander geschoben und gerüttelt würde – dann war es wieder wie vorher, die Stämme standen und ragten durch einander, nichts regte sich, und das still stehende Rauschen dauerte fort. Es war merkwürdig, wenn ganz in unserer Nähe ein Ast oder Zweig oder ein Stück Eis fiel; man sah nicht, woher es kam, man sah nur schnell das Herniederblitzen, hörte etwa das Aufschlagen, hatte nicht das Emporschnellen des verlassenen und erleichterten Zweiges gesehen, und das Starren, wie früher, dauerte fort.

Hinter dem Mond, Terebilovski Blues. Westsibirischer Dorfpunk auf dem Weg zum Weltruhm, 2010 bis 2018Es wurde uns begreiflich, daß wir in den Wald nicht hineinfahren konnten. Es mochte irgendwo schon über den Weg ein Baum mit all seinem Geäste liegen, über den er nicht hinüber könnten, und der nicht zu umgehen war, weil die Bäume dicht stehen, ihre Nadeln vermischen und der Schnee bis in das Geäste und Geflechte des Niedersatzes ragte. Wenn wir dann umkehrten und auf dem Wege, auf dem wir gekommen waren, zurück wollten, und da sich etwa auch unterdessen ein Baum herüber legt hätte, so wären wir mitten darinnen gewesen. Der Regen dauerte unablässig fort, wir selber waren schon wieder eingehüllt, daß wir uns nicht regen konnten, ohne die Decke zu zerbrechen, der Schlitten war schwerfällig und verglaste, und der Fuchs trug seine Lasten – wenn nirgends etwas in den Bäumen um eine Unze an Gewicht gewann, so mochte es fallen, ja die Stämme selber mochten brechen, die Spitzen der Zapfen, wie Keile, mochten nieder fahren, wir sahen ohnedem auf unserm Wege, der vor uns lag, viele zerstreut, und während wir standen, waren in der Ferne wieder dampfe Schläge zu vernehmen gewesen. Wie wir umschauten, woher wir gekommen, war auf den ganzen Feldern und in der Gegend kein Mensch und kein lebendiges Wesen zu sehen. Nur ich mit dem Thomas und mit dem Fuchse waren allein in der freien Natur.

Ich sagte dem Thomas, daß wir umkehren müßten. Wir stiegen aus, schüttelten unsere Kleider ab, so gut es möglich war, und befreiten die Haare des Fuchses von dem anhangenden Eise, von dem es uns vorkam, als wachse es jetzt viel schneller an als am Vormittage, war es nun, daß wir damals die Erscheinung beobachteten und im Hinschauen darauf ihr Fortgang uns langsamer vorkam, als Nachmittag, wo wir andere Dinge zu tun hatten und nach einer Weile erst sahen, wie das Eis sich wieder gehäuft hatte – oder war es kälter und der Regen dichter geworden. Wir wußten es nicht. Der Fuchs und der Schlitten wurde sodann von dem Thomas umgekehrt, und wir fuhren, so schnell wir konnten, gegen die uns zunächst gerichteten Eidunhäuser zurück. Es war damals am oberen Ende, wo der Bühl sacht beginnt, noch das Wirtshaus – der Burmann hat es heuer gekauft und treibt bloß Feldwirtschaft – dorthin fuhren wir über den Schnee, der jetzt trug, ohne Weg, in der geradesten Richtung, die wir einschlagen konnten. Ich bat den Wirt, daß er mir eine Stelle in seinem Stalle für meinen Fuchs zurecht räumen möchte. Er tat es, obwohl er ein Rind hinüber auf einen Platz seines Stalles hängen mußte, wo sonst nur Stroh und einstweil Futter lag, das man an dem Tage gebrauchen wollte. Den Schlitten taten wir in die Wagenlaube. Als wir das untergebracht und uns wieder von der angewachsenen Last befreit hatten, nahm ich einiges aus dem Schlitten, was ich brauchte, und sagte, ich werde nun zu Fuße den Weg nach Hause antreten; denn ich müsse in der Nacht in meinem Hause sein, weil manches zu bereiten ist, das ich morgen bedürfe, und weil ich morgen einen andern Weg einzuschlagen hätte, da ich die Kranken in dem oberen Lande besuchen müßte, die mich heute nicht gesehen hatten. – Den Thaugrund könne ich umgehen, ich wolle durch das Gebühl, dann durch die Wiesen des Meierbacher links hinauf, sodann durch die kleinen Erlenbüsche, die gefahrlos sind, hinüber gegen die Hagweiden und von dort gegen mein Haus hinunter, das in dem Tale steht.

Als ich das so gesagt hatte, wollte mein Knecht Thomas nicht zugeben, daß ich allein gehe; denn der Weg, den ich beschrieben hatte, wäre hüglig und ging an Höhen von Wiesen hinauf, wo gewiß überhängende Schneelehnen sind, und wo in dem glatten Eise das Klimmen und Steigen von großer Gefahr sein möchte. Er sagte, er wolle mit mir gehen, daß wir einander an den Meierbacher Wiesen emporhelfen, daß wir einander beistehen und uns durch das Geerle hinüberreichen möchten. Unsere Fahrangelegenheit konnten wir bei dem Wirte da lassen, er würde ihm schon sagen, wie der Fuchs zu füttern und zu pflegen sei. Morgen, wenn sich das Wetter geändert hätte, würde er um den Fuchs herüber gehen, und zu meiner Fahrt, wenn ich zeitlich fort wollte, könnte ich die Pferde des Rothbergerwirtes nehmen, um die ich den Gottlieb oder jemanden hinab schicken möge, wenn ja sonst Gott einen Tag sende, an dem ein Mensch unter den freien Himmel heraus zu gehen sich wage.

Ich sah das alles ein, was mein Knecht Thomas sagte, und da ich mich auch nicht ganz genau erinnerte – man schaut das nicht so genau an – ob denn wirklich überall da, wo ich zu gehen vor hatte, keine Bäume stünden, oder ob ich nicht einen viel weiteren Umweg zu machen oder gar wieder zurück zu gehen hätte, wenn ich nicht vordringen könnte; so gestattete ich ihm, daß er mit gehe, damit wir unser zwei sind und die Sache mit mehr Kräften beherrschten.

Ich habe in meinem Schlitten immer Steigeisen eingepackt, weil ich oft aussteigen und über manche Hügel hinauf, die in unserem Lande sind und steile Hänge haben, zu Kranken gehen muß, wo ich, wenn Glatteis herrscht, gar nicht oder mit Gefahr und Mühe auf den Wegen, die niemand pflegt, oder die verschneit und vereiset sind, hinauf kommen könnte. Weil es aber auch leicht möglich ist, daß etwas bricht, so führe ich immer zwei Paare mit, daß ich in keine Ungelegenheit komme. Heute hatte ich sie nicht gebraucht, weil ich immer an ebenen Stellen zu gehen hatte, und weil ich die Füße nicht an immer dauernde Unterstützung gewöhnen will. Ich suchte die Steigeisen aus dem Schlitten heraus und gab dem Thomas ein Paar. Dann steckte ich aus den Fächern des Schlittens die Dinge und Herrichtungen zu mir, die ich morgen brauchen sollte. An dem Gestelle des Schlittens oberhalb der Kufe dem Korbe entlang sind Bergstöcke angeschnallt, die eine sehr starke Eisenspitze haben und weiter Aufwärts einen eisernen Haken, um sich damit einzuhaken und anzuhängen. Am obersten Ende des Holzes sind sie mit einem Knaufe versehen, daß sie nicht so leicht durch die Hand gleiten. Weil ich aus Vorsicht auch immer zwei solche Stöcke bei mir habe, so gab ich dem Thomas einen, nachdem er sie abgeschnallt hatte, und einen behielt ich mir. So gingen wir dann, ohne uns noch aufzuhalten, sogleich fort, weil an solchen Wintertagen die Nacht schnell einbricht und dann sehr finster ist. Der Thomas hatte darum auch die Blendlaterne aus dem Schlitten genommen und hatte sich mit Feuerzeug versehen.

Hinter dem Mond, Terebilovski Blues. Westsibirischer Dorfpunk auf dem Weg zum Weltruhm, 2010 bis 2018Auf dem offenen Felde, ehe wir wieder in die Nähe des Thaugrundes kamen, gingen wir ohne Steigeisen bloß mit Hülfe der Stöcke fort, was sehr beschwerlich war. Als wir in die Nähe des Waldes kamen und uns das fürchterliche Rauschen wieder empfing, beugten wir links ab gegen die Wiesen des Meierbacher hin, die eine Lichtung durch den Wald bilden, und die uns den Weg darstellen sollten, auf dem wir nach Hause gelangen könnten. Wir erreichten die Wiesen, das will sagen, wir erkannten, daß wir uns auf dem Schnee über ihrer Grenze befanden, weil die Rinde nun sanft abwärts zu gehen begann, wo unten der Bach sein sollte, über dem aber zwei Klafter hoher Schnee, oder noch höherer, stand. Wir wagten, da der Grund nicht zerrissen ist und die Decke mit ihrem Glänzen ein gleichmäßiges Abgehen zeigte, das Hinabfahren mit unseren Bergstöcken. Es gelang gut. Wir hätten wohl mittelst der Steigeisen lange gebraucht hinabzukommen, aber so gelangten wir in einem Augenblicke hinunter, daß die Luft an unseren Angesichtern und durch unsere Haare sauste. Wirklich glaubten wir, da wir wieder aufgestanden waren, es habe sich ein kleines Windchen gehoben, aber es war nur unsere Bewegung gewesen, und ringsum war es so ruhig, wie den ganzen Tag. Wir legten nun in dem Grunde unsere Steigeisen an, um über die Höhe und den bedeutenden Bühel empor zu kommen, in denen sich die Wiese hinüber gegen die Erlengebüsche legt, auf die wir hinaus gelangen wollten. Es ist gut, daß ich aus Vorsicht die Spitzen der Steigeisen immer zuschleifen und schärfen lasse; denn wir gingen über den Bühel, der wie eine ungeheure gläserne Spiegelwalze vor uns lag, so gerade hinauf, als würden wir mit jedem Tritte an die Glätte angeheftet. Als wir oben waren und an dem Rande des Geerles standen, wo man ziemlich weit herum sieht, meinten wir, es dämmere bereits; denn der Eisglanz hatte da hinab, wo wir herauf gekommen waren, eine Farbe wie Zinn, und wo die Schneewehen sich überwölbten und Rinnen und Löcher bildeten, saß es wie grauliche Schatten darinnen; aber die Ursache, daß wir so trüb sahen, mußte der Tag sein, der durch die weißliche, feste Decke des Himmels dieses seltsame, dämmerige Licht warf. Wir sahen auf mehrere Wälder, die jenseits dieser Höhe herum ziehen: sie waren grau und schwarz gegen den Himmel und den Schnee, und die Lebendigkeit in ihnen, das gedämpfte Rauschen, war fast hörbar – aber deutlich zu vernehmen war mancher Fall, und dann das Brausen, das darauf durch die Glieder der Bergzüge ging.

Wir hielten uns nicht lange an diesem Platze auf, sondern suchten in die Büsche der Erlen einzudringen und durch sie hindurch zu kommen. Die Steigeisen hatten wir weggetan und trugen sie über unsern Rücken herab hängend. Es war schwer, durch die Zweige, die dicht aus dem Schnee nach allen Richtungen ragten, zu kommen. Sie hielten uns die starren Ausläufe wie unzählige stählerne Stangen und Spieße entgegen, die in unsere Gewänder und Füße bohrten und uns verletzt haben würden. Aber wir gebrauchten unsere Bergstöcke dazu, daß wir mit ihnen vor uns in das Gezweige schlugen und Eis und Holz so weit zerschlugen und weich machten, daß wir mit Arbeit und gegenseitiger Hülfe durch gelangen konnten. Es dauerte aber lange.

Da wir endlich heraus waren und an den Hagweiden standen, wo wir hinunter in das Tal sahen, in dem mein Haus ist, dämmerte es wirklich, aber wir waren schon nahe genug, und besorgten nichts mehr. Durch die allgemeine dicke, weißgraue Luft sahen wir mein Haus, und ein gerader bläulicher Rauch stieg aus demselben empor, wahrscheinlich von dem Feuer kommend, an dem Maria, die Haushälterin, unser Mahl in Bereitschaft richtete. Wir legten hier wieder die Steigeisen an und gingen langsam hinunter, bis wir auf ebenem Boden waren, wo wir sie wieder weg taten.

Vor den Türen der Häuser, die in der Nähe des meinigen sind, standen Gruppen von Menschen und schauten den Himmel an.

„Ach, Herr Doktor,“ riefen sie, „ach, Herr Doktor, wo kommt Ihr denn an diesem fürchterlichen Tage her?“

„Ich komme von der Dubs und von den Eidunhäusern,“ sagte ich, „mein Pferd und den Schlitten ließ ich zurück, und bin über die Meierbacher Wiesen und die Hagweiden gekommen, weil ich nicht mehr durch den Wald konnte.“

Ich blieb ein wenig bei den Leuten stehen. Wirklich war der Tag ein furchtbarer. Das Rauschen der Wälder war von ringsum bereits bis hierher zu hören, dazwischen tönte der Fall von Bäumen, und folgte immer dichter auf einander; ja sogar von dem hohen obern Walde her, wo man gar nicht wegen der Dicke des Nebels hin sehen konnte, konnte man das Krachen und Stürzen vernehmen.

Der Himmel war immer weißlich, wie den ganzen Tag, ja sein Schimmer schien jetzt gegen Abend noch lichter zu werden; die Luft stand gänzlich unbewegt, und der feine Regen fiel gerade herunter.

„Gott genade dem Menschen, der jetzt im Freien ist, oder gar im Walde“, sagte einer aus den Umstehenden.

„Er wird sich wohl gerettet haben“, sagte ein anderer; „denn heute bleibt niemand auf einem Wege.“

Hinter dem Mond, Terebilovski Blues. Westsibirischer Dorfpunk auf dem Weg zum Weltruhm, 2010 bis 2018Ich und der Thomas trugen starke Lasten, die schier nicht mehr zu erhalten waren, deswegen nahmen wir Abschied von den Leuten und gingen unserm Hause zu. Jeder Baum hatte einen schwarzen Fleck um sich, weil eine Menge Zweige herab gerissen war, als hätte sie ein starker Hagelschlag getroffen. Mein hölzernes Gitter, mit dem ich den Hof von dem Garten, der noch nicht fertig war, abschließe, stand silbern da, wie vor dem Altare einer Kirche; ein Pflaumenbaum daneben, der noch von dem alten Allerb herrührte, war geknickt. Die Fichte, bei welcher mein Sommerbänklein steht, hatten sie dadurch vor Schaden zu verwahren gesucht, daß sie mit Stangen, so weit sie reichen konnten, das Eis herabschlugen – und wie der Wipfel sich gar schier zu neigen schien, ist der andere Knecht, Kajetan, hinauf gestiegen, hat vorsichtig oberhalb sich herab geschlagen und hat dann an die obersten Äste zwei Wiesbaumseile gebunden, die er herab hängen ließ, und an denen er von Zeit zu Zeit rüttelte. Sie wußten, daß mir der Baum lieb war, und er ist auch sehr schön, und mit seinen grünen Zweigen so bebuscht, daß sich eine ungeheure Last von Eis daran gehängt und ihn zerspellt oder seine Äste zerrissen hätte. Ich ging in meine Stube, die gut gewärmt war, legte alle Dinge, die ich aus dem Schlitten zu mir gesteckt hatte, auf den Tisch, und tat dann die Kleider weg, von denen sie unten das Eis herab schlugen und sie dann in die Küchenstube aufhängen mußten; denn sie waren sehr feucht. Als ich mich anders angekleidet hatte, erfuhr ich, daß der Gottlieb zu dem Walde des Thaugrundes hinab gegangen und noch immer nicht zurückgekehrt sei, weil er wisse, daß ich durch den Thaugrund mit meinem Schlitten daher kommen müsse. Ich sagte dem Kajetan, daß er ihn holen solle, daß er sich noch jemand mitnehme, wenn er einen finden könne, der ihn begleite, daß sie eine Laterne und Eisen an die Füße und Stöcke in die Hand nehmen sollen. Sie brachten ihn später daher, und er war schier mit Panzerringen versehen, weil er nicht überall das Eis von sich hatte abwehren können.

Ich aß ein weniges von meinem aufgehobenen Mahle. Die Dämmerung war schon weit vorgerückt und die Nacht bereits herein gebrochen. Ich konnte jetzt das verworrene Getöse sogar in meine Stube her ein hören, und meine Leute gingen voll Angst unten in dem Hause herum.

Nach einer Weile kam der Thomas, der ebenfalls gegessen und andere Kleider angetan hatte, zu mir herein und sagte, daß sich die Leute der Nachbarhäuser versammeln und in großer Bestürzung seien. Ich tat einen starken Rock um und ging mittelst eines Stockes über das Eis zu den Häusern hinüber. Es war bereits ganz finster geworden, nur das Eis auf der Erde gab einen zweifelhaften Schein und ein Schneelicht von sich. Den Regen konnte man an dem Angesichte spüren, um das es feucht war, und ich spürte ihn auch an der Hand, mit welcher ich den Bergstock einsetzte. Das Getöse hatte sich in der Finsternis vermehrt, es war rings herum an Orten, wo jetzt kein Auge hindringen konnte, wie das Rauschen entfernter Wasserfälle, – das Brechen wurde auch immer deutlicher, als ob ein starkes Heer oder eine geschreilose Schlacht im Anzuge wäre. Ich sah die Leute, als ich näher gegen die Häuser kam, stehen, aber ich sah die schwarzen Gruppen derselben von den Häusern entfernt mitten im Schnee, nicht etwa vor den Türen oder an der Wand.

„Ach Doktor helft, ach Doktor helft“, riefen einige, da sie mich kommen sahen und mich an meinem Gang erkannten.

„Ich kann euch nicht helfen, Gott ist überall groß und wunderbar, er wird helfen und retten“, sagte ich, indem ich zu ihnen hinzu trat.

Hinter dem Mond, Terebilovski Blues. Westsibirischer Dorfpunk auf dem Weg zum Weltruhm, 2010 bis 2018Wir standen eine Weile bei einander und horchten auf die Töne. Später vernahm ich aus ihren Gesprächen, daß sie sich fürchteten, daß bei der Nacht die Häuser eingedrückt werden könnten. Ich sagte ihnen, daß sich in den Bäumen, insbesondere bei uns, wo die Nadelbäume so vorherrschend sind, in jedem Zweige, zwischen den kleinsten Reisern und Nadeln das unsäglich herunter rinnende Wasser sammle, in dem seltsamen Froste, der herrsche, gefriere und durch stetes nachhallendes Wachsen an den Ästen ziehe, Nadeln, Reiser, Zweige, Äste mit herab nehme, und endlich Bäume biege und breche; aber von dem Dache, auf welchem die glatte Schneedecke liege, rinne das Wasser fast alles ab, um so mehr, da die Rinde des Eises glatt sei und das Rinnen befördere. Sie möchten nur durch Haken Stücke des Eises herab reißen, und da würden sie sehen, zu welch geringer Dicke die Rinde auf der schiefen Fläche anzuwachsen im Stande gewesen sei. An den Bäumen ziehen unendlich viele Hände gleichsam bei unendlich vielen Haaren und Armen hernieder; bei den Häusern schiebe alles gegen den Rand, wo es in Zapfen niederhänge, die ohnmächtig sind, oder losbrechen, oder herab geschlagen werden können. Ich tröstete sie hiedurch, und sie begriffen die Sache, die sie nur verwirrt hatte, weil nie der gleichen oder nicht in solcher Gewalt und Stärke erlebt worden war.

Ich ging dann wieder nach Hause. Ich selber war nicht so ruhig, ich zitterte innerlich; denn was sollte das werden, wenn der Regen noch immer so fort dauerte und das Donnern der armen Gewächse in so rascher Folge zunahm, wie es jetzt, wo schier alles am Äußersten war, geschah. Die Lasten hatten sich zusammengelegt; ein Lot, ein Quentchen, ein Tropfen konnte den hundertjährigen Baum stürzen. Ich zündete in meiner Stube Lichter an, und wollte nicht schlafen. Der Bube Gottlieb hatte durch das lange Stehen und Warten an dem Thaugrunde ein leichtes Fieber bekommen. Ich hatte ihn untersucht, und schickte ihm etwas hinunter.

Nach einer Stunde kam der Thomas und sagte, daß die Leute zusammen gekommen seien und beten; das Getöse sei furchtbar. Ich erwiderte ihm, es müsse sich bald ändern, und er entfernte sich wieder.

Ich ging in dem Zimmer, in das der Lärmen, wie tosende Meereswogen, drang, auf und nieder, und da ich mich später auf das lederne Sitzbette, das da stand, ein wenig niedergelegt hatte, schlief ich aus Müdigkeit doch ein.

Hinter dem Mond, Terebilovski Blues. Westsibirischer Dorfpunk auf dem Weg zum Weltruhm, 2010 bis 2018Als ich wieder erwachte, hörte ich ein Sausen oberhalb meinem Dache, das ich mir nicht gleich zu erklären vermochte. Als ich aber aufstand, mich ermannte, an das Fenster trat und einen Flügel öffnete, erkannte ich, daß es Wind sei, ja, daß ein Sturm durch die Lüfte dahin gehe. Ich wollte mich überzeugen, ob es noch regne, und ob der Wind ein kalter oder warmer sei. Ich nahm einen Mantel um, und da ich durch das vordere Zimmer ging, sah ich seitwärts Licht durch die Tür des Gemaches herausfallen, in welchem Thomas schläft. Er ist nämlich in meiner Nähe, damit ich ihn mit der Glocke rufen könne, wenn ich etwas brauche, oder falls mir etwas zustieße. Ich ging in das Gemach hinein und sah, daß er an dem Tische sitze. Er hatte sich gar nicht nieder gelegt, weil er sich, wie er mir gestand, zu sehr fürchtete. Ich sagte ihm, daß ich hinunter gehe, um das Wetter zu prüfen. Er stand gleich auf, nahm seine Lampe, und ging hinter mir die Treppe hinab. Als wir unten im Vorhause angekommen waren, stellte ich mein Licht in die Nische der Stiege und er seine Lampe dazu. Dann sperrte ich die Tür auf, die in den Hof hinaus führt, und als wir aus den kalten Gängen hinaus traten, schlug uns draußen eine warme, weiche Luft entgegen. Der ungewöhnliche Stand der Dinge, der den ganzen Tag gedauert hatte, hatte sich gelöset. Die Wärme, welche von der Mittagseite her kam und bis jetzt nur in den oberen Teilen geherrscht hatte, war nun auch, wie es meist geschieht, in die untern herab gesunken, und der Luftzug, der gewiß oben schon gewesen war, hatte sich herabgedrückt und war in völligen Sturm Übergegangen. Auch am Himmel war es, so viel ich sehen konnte, anders geworden. Die einzelne graue Farbe war unterbrochen; denn ich sah dunkle und schwarze Stücke hie und da zerstreut. Der Regen war nicht mehr so dicht, schlug aber in weiter zerstreuten und stärkeren Tropfen an unser Gesicht. Als ich so stand, näherten sich mir einige Menschen, die in der Nähe meines Hauses gewesen sein mußten. Mein Hof ist nämlich nicht so, wie es gewöhnlich zu sein pflegt, und damals war er noch weniger verwahrt als jetzt. Das Mauerwerk meines Hauses ist nämlich von zwei Seiten ins Rechteck gestellt, und das sind die zwei Seiten des Hofes. Die dritte war damals mit einer Planke versehen, hinter der der Garten werden sollte, in den man durch ein hölzernes Gitter hinein ging. Die vierte war die Einfahrt, damals auch Planke, nicht einmal gut gefügt, und mit einem hölzernen Gittertore versehen, das meistens offen stand. In der Mitte des Hofes sollte ein Brunnen werden, der aber damals noch gar nicht angefangen war. Es kam daher leicht an, daß Menschen zu mir in meinem Hofe herzu treten konnten. Sie waren im Freien gestanden und hatten in großer Angst den Zustand der Dinge betrachten wollen. Als sie das Licht in den Fenstern meiner Stube verschwinden sahen und gleich darauf bemerkten, daß es an den Fenstern des Stiegenhauses herunter gehe, dachten sie, daß ich in den Hof kommen würde, und gingen näher herzu. Sie fürchteten erst rechte Verheerungen und unbekannte Schrecken, da nun der Sturm auch noch dazu gekommen sei. Ich sagte ihnen aber, daß dies gut ist, und daß nun das Ärgste bereits hinter uns liege. Es war zu erwarten, daß die Kälte, die nur unten, nicht aber oben war, bald verschwinden würde. Es könne nun, da der Wind so warm sei, kein neues Eis mehr entstehen, ja das alte müsse weniger werden. Der Wind, wie sie meinten und fürchteten, könne auch nicht mehr Bäume stürzen, als in der Windstille gefallen sind; denn als er sich hob, sei er gewiß nicht so stark gewesen, daß er zu der Wucht, mit der mancher Stamm schon beladen gewesen war, so viel hinzu gegeben hätte, daß der Stamm gebrochen wäre, wohl aber sei er gewiß schon stark genug gewesen, um das Wasser, das locker in den Nadeln geschwebt hatte, und die Eisstücke, die nur mit einem schwachen Halt befestigt gewesen waren, herab zu schütteln. Der nächste, stärkere Stoß habe schon einen erleichterten Baum gefunden und habe ihn noch mehr erleichtert. So sei die Windstille, in der sich alles heimlich sammeln und aufladen konnte, das Furchtbare, und der Sturm, der das Zusammengeladene erschütterte, die Erlösung gewesen. Und wenn auch mancher Baum durch den Wind zum Falle gebracht wurde, so wurden doch gewiß weit mehrere durch ihn gerettet, und der schon im Äußersten stehende Stamm wäre auch in der Windstille, nur um eine kleine Zeit später, gefallen. Und nicht bloß herab geschüttelt habe der Wind das Eis, sondern er habe es auch durch seinen warmen Hauch zuerst in den zarteren Geweben, dann in den stärkeren zerfressen, und habe das dadurch entstandene und auch das vom Himmel gefallene Wasser nicht in den Zweigen gelassen, wie es eine bloß warme, aber stille Luft getan hätte. Und in der Tat, obwohl wir durch das Sausen des Sturmes hindurch das frühere Rauschen der Wälder nicht hören konnten, so waren doch die dumpfen Fälle, die wir allerdings noch vernahmen, viel seltener geworden.

Nach einer Weile, in welcher der Wind immer heftiger und, wie wir meinten, auch immer wärmer geworden war, wünschten wir uns eine gute Nacht, und gingen nach Hause. Ich begab mich auf meine Stube, entkleidete mich, legte mich in das Bett, und schlief recht fest bis an den Morgen, da schon der helle Tag an dem Himmel stand.

Als ich erwacht war, stand ich auf, legte die Kleider an, die ich am Morgen gerne habe, und ging an die Fenster. Der Sturm hatte sich noch gesteigert. Ein weißer Schaum jagte an dem Himmel dahin. Der blaue Rauch, der aus der Hütte des Klum herausging, zerflatterte, wie ein zerrissener Schleier. Wo sich ein Stück einer schwarzen Wolke hinter einem Walde hervorragend sehen ließ, wälzte es sich am Himmel hin, und war gleich wieder nicht sichtbar. Es schien, als sollte jeder Dunst verjagt werden und sogleich das reine Blau zum Vorschein kommen; allein es quoll der weiße Qualm immer wieder heraus, als würde er in der Tiefe des Himmels erzeugt; und braunliche und graue und rötliche Stücke jagten in ihm dahin. Die Dächer der Nachbarhütten schimmerten naß; in den Mulden des Eises, das über dem Schnee lag, stand Wasser, und wurde gekräuselt und in feinen Tropfen in die Lüfte zerspritzt; das andere nasse Eis glänzte schimmernd, als wäre die Weiße des Himmels darauf geworfen, die Wälder ragten finsterer und die schwarze Farbe des Sturmes gewinnend gegen den Himmel, und wo ein näherer Baum seine Äste im Winde wiegte, stand oft augenblicklich ein langer Blitz da und verschwand, und selbst über die ferneren Wände der Wälder lief es noch zu Zeiten wie verlorenes Geschimmer und Geglänze. In meinem Hofe war es naß, und die einzelnen, aber großen Tropfen schlugen gegen die andere Wand meines Hauses und gegen ihre Fenster; denn die meinigen waren dem Winde nicht zugekehrt und schauten gegen Sonnenaufgang. Bei der Fichte, an der mein Sommerbänklein steht, das aber jetzt wegen der großen Überhüllung des Schnees nicht zu erblicken war, sah ich, wie sie Leitern anlegten und der Kajetan hinauf kletterte, um die zwei Wiesbaumseile los zu lösen.

Die Gefahr, in welcher wir schwebten, war nun eine andere und größere als gestern, wo nur für die Wälder und Gärten ein großer Schaden zu fürchten gewesen war. Wenn das Wasser von dem außerordentlich vielen Schnee, der in dem Winter gefallen war, auf einmal los gebunden wird, so kann es unsere Felder, unsere Wiesen und unsere Häuser zerstören. Der Wind war noch wärmer, als in der vergangenen Nacht; denn ich öffnete die Fenster des Ganges, um ihn zu empfinden. Wenn einmal die dichte Eisdecke, die sich gestern wie zum Schutze auf die Erde gelegt hatte, durchfressen ist, dann wird der Schnee, das lockere Gewirre von lauter dünnen Eisnadeln, schnell in Tropfen zerfallen, die wilden Ungeheuer der Waldbäche werden aus den Tälern herausstürzen und donnernd die Felder, die Wiesen, die Flächen mit Wasser füllen; von allen Bergen werden schäumende Bänder niedergehen; das beweglich gewordene Wasser wird, wo Felsen und jähe Abhänge empor ragen, die Lawinen, welche Steine, Schnee und Bäume ballen, die Bäche dämmen und vor sich ein Meer von Wasser erzeugen.

Ich legte meine Kleider an, aß schnell mein Frühmahl und bereitete mich zu dem heutigen Tagewerke. Ich ging zu dem Knaben Gottlieb hinab, um nachzuschauen; aber er war ganz gesund und sah sehr gut aus. Ich sendete zu dem Vetter Martin, dem Wirt am Rothberge, hinunter, daß er mir heute ein Fuhrwerk leihe, denn durch den Thaugrund war der Weg durch gestürzte Bäume verlegt und konnte so bald nicht befreit werden, obwohl nun keine Gefahr mehr unter den Bäumen herrschte. Von dem Rothberge herauf war aber alles frei geblieben; denn die Buchen mit ihren zähen Ästen hatten die belasteten Zweige zwar bis auf die Erde hängen lassen, waren aber doch dem Zerbrechen widerstanden. Auf dem Wege, auf welchem wir gestern gekommen waren, konnte der Thomas nicht in das Eidun und zu dem Fuchse hinüber gelangen, weil das Eis nicht mehr trug; und ein tiefes, gefährliches Versinken in den wässerigen Schnee hätte erfolgen müssen. Er sagte, er wolle es gegen Mittag versuchen, bei den gestürzten Bäumen vorbei zu klettern und so in das Eidun zu kommen. Von den Rothberghäusern war zeitlich früh schon ein Bote herauf gekommen, der mir Nachricht von einem Kranken zu bringen hatte, und dieser hatte mir auch gesagt, daß es durch den Haidgraben und an dem Buchengehäng von dem Rothberge herauf frei geblieben war.

Während ich auf den Knecht wartete, den mir der Wirt am Rothberge mit einem Fuhrwerke senden sollte, untersuchte ich die Eisrinde des Schnees. Sie war noch nicht zerstört, aber an vielen Stellen in der Nähe meines Hauses so dünn, daß ich sie mit meiner Hand zerbrechen konnte. In muldenförmigen Gräben rann das Wasser auf der glatten Unterlage bereits sehr emsig dahin. Der Regen hatte ganz aufgehört, höchstens daß noch mancher einzelne Tropfen von dem Winde geschleudert wurde. Der Wind aber dauerte fort, er glättete das Eis, auf dem er das dünne Wasser dahin jagte, zu dem feinsten Schliffe, und lösete durch seine Weichheit unablässig alles Starre und Wassergebende auf.

Der Knecht des Wirtes am Rothberge kam, ich nahm mein Gewand gegen den Wind zusammen und setzte mich in den Schlitten. Ich habe an diesem Tage viele Dinge gesehen. Statt daß es gestern auf den Höhen und in den Wäldern gerauscht hatte, rauschte es heute in allen Tälern, statt daß es gestern an den Haaren des Fuchses nieder gezogen hatte, flatterten sie an dem heutigen Pferde in allen Winden. Wenn wir um eine Schneewehe herum biegen wollten, sprang uns aus ihr ein Guß Wasser entgegen, es raschelte in allen Gräben, und in den kleinsten, unbedeutendsten Rinnen rieselte und brodelte es. Die Siller, sonst das schöne, freundliche Wasser, brauste aus dem Walde heraus, hatte die fremdartig milchig schäumenden Wogen des Schneewassers, und stach gegen die dunkle Höhle des Waldes ab, aus der sie hervor kam, und in der noch die gestürzten Bäume über einander und über das Wasser lagen, wie sie gestern von dem Eise gefällt worden waren. Wir konnten nicht durch den Wald fahren, und mußten durch die Hagweiden den Feldweg einschlagen, der heuer zufällig befahren war, weil die Bewohner von Haslung ihr Holz von dem Sillerbruche wegen des vielen Schnees nicht durch den Wald, sondern auf diesem Umwege nach Hause bringen mußten. Wir fuhren durch den geweichten Schnee, wir fuhren durch Wasser, daß der Schlitten beinahe schwamm, und einmal mußte das Tier von dem Knechte mit größter Vorsicht geführt werden, und ich mußte bis auf die Brust durch das Schneewasser gehen.

Gegen Abend wurde es kühler, und der Wind hatte sich beinahe gelegt.

Als ich mich zu Hause in andere Kleider gehüllt hatte und um den Thomas fragte, kam er herauf zu mir und sagte, daß er mit dem Fuchse noch glücklich nach Hause gekommen sei. Er habe die gestürzten Bäume überklettert, man sei mit Sägen mit ihm gegangen, um wenigstens die größeren Stücke von dem Wege zu bringen, und da er zurück gekommen war, sei es schon ziemlich frei gewesen. Über die kleineren Stämme und über die Äste habe er den Schlitten hinüber geleitet. Aber der Bach, der im Thaugrunde fließt, hätte ihm bald Hindernisse gemacht. Es ist zwar nicht der Bach da, aber an der Stelle, wo unter dem Schnee der Bach fließen sollte, oder eigentlich gefroren sein mag, rann vieles Wasser in einer breiten Rinne hin. Als er den Fuchs hineinleitete, wäre derselbe im Schnee versunken, der in dem Grunde des Wassers ist, daher er ihn wieder zurück zog und selber durch Hineinwaten so lange versuchte, bis er den festen Boden des heurigen Schlittenweges fand, auf welchem er dann den Fuchs und den Schlitten durchgeführt habe. Später wäre es nicht mehr möglich gewesen; denn jetzt stehe ein ganzer See von Wasser in den Niederungen des Thaugrundes.

Ähnliche Nachrichten kamen aus verschiedenen Teilen meiner Nachbarschaft; von der Ferne konnte ich keine bekommen, weil sich niemand getraute, unter diesen Umständen einen weiteren Weg zu gehen. Selbst zwei Boten, die mir von entfernten Kranken Nachricht bringen sollten, sind ausgeblieben.

So brach die Nacht herein und hüllte uns die Kenntnis aller Dinge zu, außer dem Winde, den wir über die weiße, wassergetränkte, gefahrdrohende Gegend hinsausen hörten.

Am andern Tage war blauer Himmel, nur daß einzelne Wölklein nicht schnelle, sondern gemach durch das gereinigte Blau dahin segelten. Der Wind hatte fast gänzlich aufgehört, und zog auch nicht mehr aus Mittag, sondern ganz schwach aus Untergang Auch war es kälter geworden, zwar nicht so kalt, daß es gefroren hätte, doch so, daß sich kein neues Wasser mehr erzeugte. Ich konnte auf meinen Wegen fast überall durchdringen, außer an zwei Stellen, wo das Wasser in einer solchen Tiefe von aufgelösetem und durchweichtem Schnee dahin rollte, daß es nicht möglich war, durch zu gehen oder zu fahren. An einem andern Platze, wo es zwar ruhig, aber breit und tief in der Absenkung des Tales stand, banden sie Bäume zusammen und zogen mich gleichsam auf einem Floße zu einem gefährlichen Kranken hinüber. Ich hätte die andern zwar auch gerne gesehen, aber es war doch nicht so notwendig, und morgen hoffte ich schon zu ihnen gelangen zu können.

Am nächsten Tage war es wieder schön. Es war in der Nacht so kalt gewesen, daß sich die stehenden Wässer mit einer Eisdecke überzogen hatten. Diese schmolz am Tage nicht weg, wohl aber zerbrach sie, indem die Wässer in die unterhalb befindliche Grundlage des Schnees schnell einsanken und versiegender wurden. Es war doch gestern gut gewesen, daß ich zu dem Kumberger Franz auf dem Floße hinüber gefahren bin, denn das Mittel, welches ich ihm da gelassen hatte, hatte so gut gewirkt, daß er heute viel besser war und fast die Gefahr schon überstanden hatte. Auch zu den andern zweien konnte ich schon gelangen. Man konnte zwar nicht fahren, weil es unter dem Wasser zu ungleich war, aber mit einer Stange und meinem Bergstocke, den ich daran band, konnte ich durchgehen. Die nassen Kleider wurden, nachdem ich die zweiten, die ich mit führte, im Gollwirtshause angelegt hatte, in den Schlitten gepackt.

Am nächsten Tage konnte ich auch schon wieder durch den Thaugrund in das Eidun und in die Dubs hinüber gelangen.

Es kamen nun lauter schöne Tage. Eine stetige, schwache Luft ging aus Sonnenaufgang. Nachts fror es immer, und bei Tage tauete es wieder. Die Wässer, welche sich in jenem Sturme gesammelt hatten, waren nach und nach so versiegt und versunken, daß man keine Spur von ihnen entdecken konnte, und daß man auf allen Wegen, die sonst im Winter gangbar sind, wieder zu gehen und anfangs mit Schlitten und später mit Wägen zu fahren vermochte. Eben so hatte sich die unermeßliche Menge Schnee, die wir so gefürchtet hatten, so allmählig verloren, daß wir nicht wußten, wo er hingekommen ist, als hie und da offene Stellen zum Vorscheine kamen, und endlich nur mehr in Tiefen und Schluchten und in den höheren Wäldern die weißen Flecke lagen.

In den ersten Tagen nach jenem Ereignisse mit dem Eise, als die Leute sich allgemach wieder auf entferntere Wege wagten, konnte man die Zerstörungen erst recht ermessen. An manchen Orten, wo die Bäume dicht standen und wegen Mangel an Luftzug und Licht die Stämme dünner, schlanker und schwächer waren, dann an Gebirgshängen, wo sie mageren Boden hatten, oder durch Einwirkung herrschender Winde schon früher schief standen, war die Verwüstung furchtbar. Oft lagen die Stämme wie gemähte Halme durcheinander, und von denen, die stehen geblieben waren, hatten die fallenden Äste herab geschlagen, sie gespalten oder die Rinde von ihnen gestreift und geschunden. Am meisten hatte das Nadelholz gelitten, weil es zuerst schon, namentlich, wo es dicht steht, schlankere, zerbrechlichere Schafte hat, dann weil die Zweige auch im Winter dicht bebuscht sind und dem Eise um viel mehr Anhaltsstellen gewähren, als die der anderen Bäume. Am wenigsten wurde die Buche mitgenommen, dann die Weide und Birke. Die letztere hatte nur die feinsten herabhängenden Zweige verloren, die wie Streu herum lagen; – wo ein Stamm dünne genug war, hatte er sich zu einem Reife gebogen, derlei Reifen man dann im Frühlinge viele herum stehen sehen konnte; ja noch im Sommer und selbst nach mehreren Jahren waren manche zu sehen. Allein, wie groß auch die Zerstörung war, wie bedeutend auch der Schaden war, der in den Wäldern angerichtet wurde, so war dieses in unserer Gegend weniger empfindlich, als es in andern gewesen wäre; denn da wir Holz genug hatten, ja, da eher ein Überfluß als ein Mangel daran herrschte, so konnten wir das, was wirklich zu Grunde gegangen war, leicht verschmerzen, auch mochten wir zu dem nächsten Bedürfnisse nehmen, was gefallen war, wenn man nämlich dazu gelangen konnte, und es nicht in Schlachten lag oder an unzugänglichen Felsen hing. Größer aber und eindringlicher noch mochte der Schaden an Obstbäumen sein, wo die Äste von ihnen gebrochen waren, und wo sie selber gespalten und geknickt wurden; denn Obstbäume sind ohnedem in der Gegend seltener als sonst wo, und sie brauchen auch mehr Pflege und Sorgfalt, und gedeihen langsamer, als es selbst nur wenige Stunden von uns der Fall ist, in der ebeneren Lage draußen, in Tunberg, in Rohren, in Gurfeld, und selbst in Pirling, das näher an uns ist und an unseren Waldverhältnissen schon Teil nimmt.

Von den Gruppen von Bäumen, die in meiner Wiese und in der Nachbarschaft herum stehen, und die ich so liebe, haben mehrere gelitten. Einige sind geknickt, haben ihre Äste verloren, und drei Eschen sind ganz und gar umgeworfen worden.

Im Thurwalde, der vielleicht der höchste ist, den man vom Hage und vom Hange sehen kann, ist eine Lawine herabgegangen und hat das Holz genommen, daß man jetzt noch den Streifen mit freiem Auge erblicken kann.

Hinter dem Mond, Terebilovski Blues. Westsibirischer Dorfpunk auf dem Weg zum Weltruhm, 2010 bis 2018Als einige Zeit vergangen war und die Wege an den Orten wieder frei wurden, hörte man auch von den Unglücksfällen, die sich ereignet hatten, und von wunderbaren Rettungen, die vorgekommen waren. Ein Jäger auf der jenseitigen Linie, der sich nicht hatte abhalten lassen, an dem Tage des Eises in sein Revier hinauf zu gehen, wurde von einer Menge stürzender Zapfen erschlagen, die sich am oberen Rande einer Felswand losgelöst und die weiter unten befindlichen mitgenommen hatten. Man fand ihn mitten unter diesen Eissäulen liegen, da man sich am andern Tag trotz des Sturmes und der Schneeweiche den Weg hinauf zu ihm gebahnt hatte; denn der Jägerjung wußte, wohin sein Herr gegangen war, er nahm die Hunde mit, und diese zeigten durch ihr Anschlagen die Stelle, wo er lag. Zwei Bauern, welche von dem Rothberge, wo sie übernachtet hatten, durch die Waldhäuser in die Rid hinübergehen wollten, wurden von fallenden Bäumen erschlagen. Im untern Astung ertrank ein Knabe, der nur zum Nachbar gehen wollte. Er versank in dem weichen Schnee, welcher in der Höhlung des Grundes stand, und konnte nicht mehr herauskommen. Wahrscheinlich wollte er, wie man erzählte, nur ein klein wenig von dem Wege abweichen, weil derselbe schief und mit glattem Eise belegt war, und geriet dadurch in den Schnee, der über einer weiten Grube lag, und unter den am ganzen Tage das Wasser hinein gerieselt war und ihn trügerisch unterhöhlt hatte. Ein Knecht aus den Waldhäusern des Rothbergerhanges, der im Walde war und das beginnende Rauschen und Niederfallen der Zweige nicht beachtet hatte, konnte sich, als er nicht mehr zu entrinnen wußte, nur dadurch retten, daß er sich in die Höhlung, welche zwei im Kreuze aufeinander gestürzte Bäume unter sich machten, hinein legte, wodurch er vor weiteren auf die Stelle stürzenden Bäumen gesichert war und von fallendem Eise nichts zu fürchten hatte, da es auf dem Rund der großen Stämme zerschellte oder abgeschleudert wurde. Allein das wußte er nicht, wenn ein neuer, starker Stamm auf die zwei schon daliegenden fiele, ob sie nicht aus ihrer ersten Lage weichen, tiefer nieder sinken und ihn dann zerdrücken würden. In dieser Lage brachte er einen halben Tag und die ganze Nacht zu, indem er nasse Kleider und nichts bei sich hatte, womit er sich erquicken und den Hunger stillen konnte. Erst mit Anbruch des Tages, wo der Wind sauste und er von fallendem Eise und Holze nichts mehr vernehmen konnte, wagte er sich hervor und ging, teilweise die Eisrinde schon durchbrechend und tief in den Schnee einsinkend, zum nächsten Wege, von dem er nicht weit ab war, und gelangte auf demselben nach Hause.

Auch den Josikrämer hielt man für verunglückt. Er war im Haslung am Morgen des Eistages fortgegangen, um durch den Dusterwald in die Klaus hinüber zu gehen. Allein in der Klaus ist er nicht angekommen, auch ist er in keinem der umliegenden Orte, nachdem er vom Haslung bereits drei Tage weg war, erschienen. Man meinte, in dem hohen Dusterwalde, dessen Gangweg ohnedem sehr gefährlich ist, wird er um das Leben gekommen sein. Er war aber von den letzten Höhen, die von Haslung aus noch sichtbar sind, hinabgegangen, wo das Tal gegen die wilden Wände und die vielen Felsen des Dusterwaldes hinüber läuft und sich dort an der Wildnis empor zieht, dann ist er schräg gegen die Wand gestiegen, die mit dem vielen Gesteine und den dünne stehenden Bäumen gegen Mittag schaut, und wo unten im Sommer der Bach rauscht, der aber jetzt überfroren und mit einer unergründlichen Menge von Schnee bedeckt war. Weil der Weg längs des Hanges immer fort geht und über ihn von der Höhe bald Steine rollen, bald Schnee in die Tiefe abgleitet, so hatte der Krämer seine Steigeisen angelegt; denn wenn sich auch auf der Steile nicht viel Schnee halten kann, vor dem Versinken also keine große Gefahr war, so kannte er doch den Regen, der da nieder fiel und gefror, sehr gut, und fürchtete, an mancher Schiefe des Weges auszugleiten und in den Abgrund zu fallen. Da er, ehe es Mittag wurde, bei dem Kreuzbilde vorbei ging, das vor Zeiten der fromme Söllibauer aus dem Gehänge hatte setzen lassen, hörte er bereits das Rasseln und das immer stärkere Fallen des Eises. Da er weiter ging, die Sache immer ärger wurde und zuletzt Bedenklichkeit gewann, kroch er in eine trockene Steinhöhle, die nicht weit von dem Wege war, die er wußte, und in der er sich schon manchmal vor einem Regen verborgen hatte, um auch heute das Gefahrdrohendste vorübergehen zu lassen. Weil er solche eisbildende Regen kannte, daß ihnen gewöhnlich weiches Wetter zu folgen pflegt, und weil er mit Brod und anderen Lebensmitteln versehen war, indem er gar oft sein Mittagsmahl in irgendeinem Walde hielt, so machte er sich aus dem Dinge nicht viel daraus. Als er am andern Morgen erwachte, ging ein Wasserfall über seine Steinhöhle. Der Wind, welcher von Mittag kam, hatte sich an der Wand, die ihm entgegen schaute, recht fangen können, und da die Bäume wegen dem Gefelse dünner standen, so konnte er sich auch recht auf den Schnee hinein legen und ihn mit seinem Hauche schnell und fürchterlich auflösen. Der Krämer sah, wenn er seitwärts seines Wassers am Eingange der Höhle hinüber blickte, daß allenthalben an den Gehängen weiße, schäumende, springende Bänder nieder flatterten. Hören konnte er nichts wegen dem Tosen des eigenen Wassers, das alles übertäubte. Auch sah er unten manchen Schneestaub aufschlagen von den unaufhörlich an allen Orten niedergehenden Lawinen; denn am oberen Rande der Wand geht schief eine Mulde empor, in welcher im Winter ein unendlicher Schnee zu liegen pflegt, der erstens aus dem Himmel selbst darauf fällt und dann von der noch höher liegenden schiefen, glatten Wand darauf herab rollt. Aus diesem Schnee entwickelte sich nun unsägliches Wasser, das alles über den Hang, an dem der Weg des Krämers dahin ging, nieder rann und zu der Tiefe zielte, in der sonst der Wildbach fließt, jetzt aber ein unbekannt tiefes Gebräu von Schnee und Wasser stand. An den Bäumen zerstäubte manches Stück Schnee, das oben auf dem nassen Boden sachte vorgerückt war und sich los gelöst hatte. Der Krämer blieb außer dem ersten Tage noch die zwei folgenden in der Höhle. Er hatte, um sich gegen die Kälte wehren zu können, die ihn bei seiner langen Ruhe überfiel, aus seinem Packe ein Stück grobes Tuch heraus suchen und sich daraus ein Lager und eine Decke machen müssen. In der Klaus ist er aber dann auch nicht angekommen, sondern man sah ihn am vierten Tage nach dem Eissturze nachmittags mit seinem Packe an dem Hage vorüber gehen. Er ging nach Gurfeld hinaus, um sich sein Tuch, das er gebraucht hatte, wieder zurichten zu lassen.

Spät im Sommer fand ich einmal auch die zusammengedorrten Überreste eines Rehes, das von einem Baume erschlagen worden war.

Ich werde die Herrlichkeit und Größe jenes Schauspieles niemals vergessen. Ich konnte es vielleicht nur allein ganz ermessen, weil ich immer im Freien war und es sah, während die andern in den Häusern waren und, wenn sie auch durch einen Zufall hinein gerieten, sich bloß davor fürchteten.

Ich werde es auch schon darum nicht vergessen, weil sich im Frühlinge darauf etwas angefangen hat, was mir auf ewig in dem Herzen bleiben wird. – – Ach du guter, du heiliger Gott! das werde ich gewiß nie, nie, nie vergessen können!

Es verging der Schnee so gemach, daß alles offen und grüner wurde als sonst, und daß in den tiefsten Tiefen schon die Bäche zu einer Zeit wieder rauschten, wo wir sonst noch manche weiße Inseln auf den Feldern sahen. Es wurde bald warm, und die Wässer des Schnees, die wir so gefürchtet hatten, waren nicht vorhanden. Sie waren entweder in die Erde eingesickert, oder rannen jetzt in den schönen, plätschernden Bächen durch alle Täler dahin. Die Bäume belaubten sich sehr bald, und wunderbar war es, daß es schien, als hätte ihnen die Verwundung des Winters eher Nutzen als Schaden gebracht. Sie trieben fröhliche junge Schossen, und wo einer recht verletzt war und seine Äste gebrochen ragten, und wo mehrere beisammen standen, die sehr kahl geschlagen waren, kam eine Menge feiner Zweige, und es verdichtete sich immer mehr das grüne Netz, aus dem die besten, fettesten Blätter hervor sproßten. Auch die Obstbäume blieben nicht zurück. Aus den stehen gebliebenen Zweigen kamen die dichten Büschel großer Blüten hervor; ja wo die feineren Zweige fehlten, saßen in den Augen der dicken, selbst der Stämme, Büschel von Blüten, waren sehr groß und hielten sich fest, da sie doch sonst in anderen Jahren, wenn sie auch kamen, klein blieben und wieder abfielen.

Hinter dem Mond, Terebilovski Blues. Westsibirischer Dorfpunk auf dem Weg zum Weltruhm, 2010 bis 2018Als der erste Schnee weg ging und der spätere, den mancher Apriltag noch nieder werfen wollte, sich nicht mehr halten konnte, als die Erde schon gelockert und gegraben werden konnte, kam der Obrist in unsere Gegend. Er hatte sich schier das ganze obere Hag eigentümlich gekauft, und begann an dem Eichenhage die Grundfesten eines Hauses aufwerfen zu lassen. Es war beinahe genau die Stelle, von der ich schon früher zuweilen gedacht hatte, daß hier eine Wohnung sehr gut stehen und recht lieblich auf die Wälder herum blicken könnte. Ich kannte den Obrist nicht. Ich wußte nur – und ich hatte es bei dem Wirte im Rothberge gehört, – daß ein fremder, reicher Mann in Unterhandlung um das obere Hag sei, und daß er sich ansässig machen wolle. Später sagte man, daß der Handel geschlossen sei, und man nannte auch die Summe. Ich hielt nicht viel darauf, weil ich solche Gerüchte kannte, daß sie bei wahren Veranlassungen gewöhnlich sehr gerne über die Wahrheit hinaus gehen, und ich hatte auch keine Zeit, mich an der wahren Stelle um den Sachverhalt zu erkundigen, weil jener Winter gerade viel mehr Kranke brachte als jeder andere. Im Frühlinge hieß es, daß schon gebaut werde, daß Wägen mit Steinen fahren, daß man im Sillerwalde das Bauholz behaue, welches der Zimmermann in Sillerau schon am vorigen Herbste hatte fällen lassen, und daß man bereits die Grundfesten grabe. Ich ging eines Nachmittages, da ich Zeit hatte, hinauf, weil es von meinem Hause nicht weit ist, und weil ich ohnedem gerne dort hinübergehe, wenn ich zum Spazieren eine kleine Zeit habe. Es war wahr, ich fand eine Menge Menschen mit Ausgrabungen an dem Platze beschäftigt, wo man das Haus bauen wollte. Die meisten kannten mich und lüfteten den Hut oder grüßten auf andere Weise. Viele von ihnen hatten bei mir gearbeitet, als ich in dem nämlichen Zustande mit meinem neuen Hause war. Hier aber wurde mit viel mehr Händen und mit viel mehr Mitteln zugleich angefangen, als wollte man in sehr kurzer Zeit fertig werden. Ich sah auch schon eine Menge Baustoff herbei geschafft, und in einer hölzernen Hütte wurde vielfach an den künftigen Tür- und Fensterstöcken gemeißelt. Sogar der Garten, der neben dem künftigen Hause sein sollte, wurde schon seitwärts des Eichenhages abgesteckt. Ich sah den Baueigentümer nirgends, und als ich fragte, antwortete man mir, er sei jetzt selten gegenwärtig, er sei nur einmal gekommen, habe alles besichtigt, und habe dann den weitern Verlauf des Werkes dem Baumeister aufgetragen. Wenn es aber wärmer werde, dann werde er ganz hieher kommen, werde in einem hölzernen Hause wohnen, das er sich neben dem Eichenhage errichten lasse, und werde im Herbste schon ein paar Stoben des neuen Hauses beziehen, die zuerst fertig sein und bis dahin gehörig austrocknen werden.

Ich sah mir die Sache, wie sie hier begonnen wurde, sorgfältig an, und der Plan, wie ihn mir der Werkführer auseinandersetzte, gefiel mir sehr wohl.

Ich fragte gelegentlich auch um den Bauherrn und erfuhr, daß es ein alter Obrist sei. Weiter wußten die Leute selber nichts von ihm.

Dann ging ich wieder in meine Wohnung hinunter.

Hinter dem Mond, Terebilovski Blues. Westsibirischer Dorfpunk auf dem Weg zum Weltruhm, 2010 bis 2018

Bilder: Hinter dem Mond, Terebilovski Blues.
Westsibirischer Dorfpunk auf dem Weg zum Weltruhm, 2010 bis 2018.

Soundtrack: Ringsgwandl: Winter, aus: Staffabruck, 1993:

Bonus Track: Die nicht warm genug zu empfehlenden My Bubba, von denen wir noch hören werden,
featuring Elsa Håkansson: Visa i Molom, live vermutlich im Winter 2016/2017:

Written by Wolf

31. Januar 2020 at 00:01

Адвент 1: Über Nacht bin ich tot

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Update zu Królowa nieba niezrównany (Himmels Königin ohne Gleichen):

Czernowitz, das waren Sonntage, die mit Schubert begannen und mit Pistolenduellen endeten. Czernowitz, auf halbem Weg zwischen Kiew und Bukarest, Krakau und Odessa, war die heimliche Hauptstadt Europas, in der die Metzgertöchter Koloratur sangen und die Fiakerkutscher über Karl Kraus stritten. Wo die Bürgersteige mit Rosensträuchern gefegt wurden und es mehr Buchhandlungen gab als Bäckereien. Czernowitz, das war ein immerwährender intellektueller Diskurs, der jeden Morgen eine neue ästhetische Theorie erfand, die am Abend schon wieder verworfen war. Wo die Hunde die Namen olympischer Götter trugen und die Hühner Hölderlin-Verse in den Boden kratzten. Czernowitz, das war ein Vergnügungsdampfer, der mit ukrainischer Mannschaft, deutschen Offizieren und jüdischen Passagieren unter österreichischer Flagge zwischen West und Ost kreuzte. Czernowitz war ein Traum. Die glückliche Ehe der Habsburger mit dem deutschsprachigen jüdischen Bürgertum, das diesen Außenposten der k. u. k. Donaumonarchie am Rande der bessarabischen Steppe zu einem ökonomischen und vor allem kulturellen Zentrum Osteuropas machte.

Georg Heinzen: Czernowitz, Rheinischer Merkur, 1. Februar 1991, Seite 18 f.,
cit. nach Ernst Hofbauer, Lisa Weidmann: Verwehte Spuren. Von Lemberg bis Czernowitz.
Ein Tümmerfeld der Erinnerungen, Wien 1999, Seite 139,
cit. nach Marion Tauschwitz: Selma Merbaum. Ich habe keine Zeit gehabt zuende zu schreiben.
Biografie und Gedichte. Mit einem Vorwort von Iris Berben,
zu Klampen Verlag, Springe 2014, Seite 16.

So. Und das ist wahrscheinlich der Schluß.
Der Regen weint und es weint die Nacht
und es weint mein Mund um einen Kuß
und weint, und weint — und lacht.

Selma Merbaum: Märchen, 7. März 1941, a. a. O., 1. von 6 Strophen.

Eine Lanze gilt’s zu brechen für die Ukraine, eines der ganz wenigen Länder mit dem bestimmten Artikel im Eigennamen und wenn schon, dann richtig, das größte Land in Europa. Nicht der EU, deren Teil die Ukraine nicht ist, sondern wenn schon, dann richtig: dem Kontinent. Da ist auch Wüstengebiet dabei, aber die 1610 Quadratkilometer der Oleschky-Sande von 603.700 Quadratkilometern Gesamtfläche reißen’s nicht raus. Zum Vergleich: Deutschland hat 357.111 Quadratkilometer. Für diese Dimension ist sogar schon egal, ob man die heiß umkämpfte Halbinsel Krim mit ihren 26.844 Quadratkilometern — das sind 4 % von der gesamten Ukraine — mitrechnet oder nicht.

Якщо говорити про Крим, werde ich mich durchweg tagespolitischer Aussagen enthalten. Ich habe gelernt, mit einigem Freimut zuzugeben, dass mir dergleichen zu schnell geht. Meine politische Meinung speist sich allenfalls aus monatlich erscheinenden Schriften, die sich Zeit nehmen konnten, zum größten Teil aus satirischen Organen, aber keinen Tageszeitungen und schon gar keinen überhasteten Newsflashes. Ich kann nicht mal richtig nachvollziehen, wo genau die umstrittene West-Ost-Grenze der Ukraine momentan verläuft, auch wenn ich das wohl googeln könnte; das wird mich interessieren, wenn zuständige Instanzen sich auf ein bis auf weiteres haltbares Resultat geeinigt haben. — Nur soviel: Da liegen Lemberg und Charkiw, ohne die der deutschen Kultur, als sie noch was getaugt hat, einiges fehlen würde — und, wofür nur sehr vereinzelte ukrainische Individuen etwas können, das fatal bewusstseinsstiftende Tschernobyl. Sie verschweigen taktvoll, dass die Weltsprache Russisch ein reduzierter ukrainischer Dialekt ist. Da liegt das russische Heartland: Die Kiewer Rus — benannt nach dem Warägerfürsten Rurik (830 bis 879), der schwedischen Provinz Roslagen, den aus Ruthenien stammenden Reußen, dem Dnjepr-Nebenfluss Ros, dem sarmatischen Stamm der Roxolanen oder auch der westslawischen Ranen (ich glaube aus alter persönlicher Neigung an eine Herkunft von den Russalken) — bestand nach unterschiedlich motivierten Darstellungen ungefähr ab anno 750, war auf jeden Fall Vorläufer der heutigen russischen Länder westlich des Kaukasus und besteht bis heute, wird mit anderen Mitteln fortgeführt oder ist anno 1240 ersatzlos zerfallen, je nachdem, ob man Ukrainer, Russen oder Weißrussen fragt; politische Tatsache bleibt, dass Kiew immer noch ukrainische Hauptstadt ist. Und sie haben Gogol, Gogol Bordello, Bulgakow, Los Colorados und die malerischen Saporoger Kosaken. Gegen so eine kulturelle und moralische Überlegenheit konnte sich das nordöstlicher gelegene Großrussland nur absetzen, indem es den angeblich nicht abwertend gemeinten Begriff Kleinrussland so lange auf die Gegend um Kiew und Nowgorod anwandte, bis ihn die Ukraine voller Stolz führte — auch dort, wo Kleinrussland nie gelegen hat.

Поклоніння пастухів, Anbetung der Hirten, Region Lemberg, Lwiw, 1650 bis 1700

Unter manch anderem hat die Ukraine Czernowitz, Tschernowitz, Chernovtsy oder Chernivtsi. Und die ukrainische Form der Weihnacht, die der mitteleuropäischen recht ähnlich sieht, natürlich abzüglich aller Unterschiede zu Ritualen der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche des Kiewer Patriarchats und zahlreicher anderer ansässiger Religionen, die sich allesamt — wir reden von Weihnachten — als christlich verstehen.

Der größte Unterschied des ukrainischen Weihnachtfestes zum deutschen ist der Feiertag: nach dem julianischen Kalender fällt er nicht auf den 24. Dezember, sondern auf den 6. Januar des Folgejahres. Gemeinsamkeiten bestehen in der Person des Gefeierten, im gemeinschaftlichen Absingen von Weihnachtsliedgut und Verzehr von eigens für Weihnachten erfundenen Speisen; sonstige Unterschiede am ehesten in graduellen, meist regional begründeten Variationen. Die Adventszeit östlicher Kirchen dauert von 28. November bis 6. Januar — die 40 Tage, die westliche Kirchen für eine Fastenzeit veranschlagen. 25. Dezember und 7. Januar sind offizielle Weihnachtsfeiertage. Darum lassen wir uns nicht nehmen, auf die Freitage vor den Adventssonntagen umzuschalten. Weihnachten soll ja auch Freude bereiten, da mach ich, was ich will.

Das erwähnte Liedgut und ein paar besonders spektakuläre Rezepte kriegen wir noch im Laufe des Advents, für heute sei an eine Czernowitzer Dichterin erinnert:

Selma Merbaum, via Hélène Berr, The Heaviest Weight of All – Holocaust Memorial Day 2015, Passing Time, 24. Januar 2015Die mottostiftende Selma Merbaum, die eben nie, wie seit 1976 gern kolportiert, den Doppelnamen Meerbaum-Eisinger trug, schon gar nicht mit Doppel-e, ist eine Art unbekanntere Anne Frank: 1924 im heute ukrainischen, damals großrumänischen Czernowitz jüdisch geborene Bukowinerin deutscher, wohl österreichisch gefärbter Zunge; 1942, also 18-jährig im transnistrischen Zwangsarbeitslager Michailowka gequält und entkräftet an Flecktyphus gestorben.

Davor, ungefähr ab dem Alter von 15 Jahren, fing Merbaum, die Cousine 2. Grades von Paul „Todesfuge“ Celan, mit dem Schreiben von Gedichten an. Ihre Vorbilder waren die üblichen Helden gutbürgerlicher mittelhoher Töchter: Heine, Rilke, Verlaine, Rabindranath Tagore; ihre Sprachen waren das „Mutterland Wort“ (Rose Ausländer) des Deutschen, das obrigkeitlich verordnete Rumänisch, Französisch als erste Fremdsprache in der Schule, Latein als zweite, und sie sprach und schrieb offenbar geläufig Jiddisch, das nicht etwa ein „jüdischer“ Dialekt, sondern eine ausgebildete Sprache mit hebräisch entlehnten Schriftzeichen ist; Ukrainisch zählte für das Czernowitzer Schulmädchen nicht dazu. Ihre einzige Lyriksammlung Blütenlese, zusammengefasst in einem aufwändig gestalteten Album als Widmung an ihre erste und einzige Liebe Leiser Fichman, umfasst 57 Gedichte — nach anderer Zählung 58; noch mehr sind es nicht mehr geworden. Marion Tauschwitz, die letzte Vertraute und Biographin von Hilde Domin, hat Selma Merbaum 2014 mit ihrer Biographie samt lyrischen Gesamtausgabe wiederentdeckt und -belebt. Zum ersten Mal war damit der zuverlässige Text sämtlicher Gedichte mit ausführlichen Hintergründen erreichbar — meine einzigen Einwände: ohne Stellenkommentar und Register.

Tauschwitz hat Merbaums Gedichte nach den Manuskripten neu editiert. Im Anschluss bringe ich drei Highlights nach Tauschwitz korrigiert, was bedeutet: als Internet-Premiere die zuverlässigsten Fassungen mit kleineren Abweichungen von allen anderen, die bisher online stehen, allesamt einmal mehr, einmal weniger verderbte Abschriften nach Gott weiß welchen Vorlagen: eins, weil es von einem 1. Weihnachtsfeiertag stammt und die Sammlung eröffnet; eins, weil ich die professionellste Vertonung dazu gefunden hab; eins, weil es als das längste einen eigenen Abschnitt einnimmt und einen wirklich umwehen kann.

Schon Wikipedia bescheinigt der jungen Merbaum „beachtliche Stilsicherheit“ und hat recht damit: Praktisch alle Gedichte gehen weit über eine gängige pubertäre Kleinmädchenproduktion hinaus, haben vielmehr eine recht eigenständige Energie. Man staunt viel öfter, wie plastisch das ausgedrückt ist, als man ihr milde ihr Anfängertum nachsehen muss. Man merkt die Ukrainerin, die sie gar nicht war; es scheint an der gedeihlichen Gegend zu liegen. — Chronologisch:

——— Selma Merbaum:

Lied

25. Dezember 1939, aus: Blütenlese, beendet 1942:

Marion Tauschwitz, Selma Merbaum. Ich habe keine Zeit gehabt zuende zu schreiben, zu Klampen Verlag, Springe 2014Heute tatest du mir weh.
Rings um uns war Schweigen nur,
Schweigen nur und Schnee.
Himmel war, nicht wie Azur,
blau jedoch und voll mit Sternen.
Windeslied erklang aus fernsten Fernen.

Heute warst du mir ein Schmerz.
Häuser waren da, so weiß verschneit,
alle in des Winters Kleid.
Ein Akkord in tiefer Terz
war in unsrer Schritte Klang.
Bahnsirenen heulten lang …

Heute war es wunderschön.
Schön wie tiefverschneite Höh’n,
eingetaucht im Abendglutenring.

Heute tatest du mir weh.
Heute sagtest du mir: geh.
Und ich — ging.

~~~\~~~~~~~/~~~

Ich bin der Regen

8. März 1941, ebenda, Abschitt Nachtschatten:

Ich bin der Regen und ich geh
barfuß einher, von Land zu Land.
In meinen Haaren spielt der Wind
mit seiner schlanken, braunen Hand.

Mein dünnes Kleid aus Spinngeweb
ist grauer als das graue Weh.
Ich bin allein. Nur hie und da,
spiel ich mit einem kranken Reh.

Ich halte Schnüre in der Hand
und’s sind auf ihnen aufgereiht
alle die Tränen welche je
ein blaßer Mädchenmund geweint.

Sie alle habe ich geraubt,
bei schlanken Mädchen, spät bei Nacht,
wenn mit der Sehnsucht Hand in Hand,
sie bang auf langem Weg gewacht.

Ich bin der Regen und ich geh
barfuß einher, von Land zu Land.
In meinen Haaren spielt der Wind
mit seiner schlanken, braunen Hand.

~~~\~~~~~~~/~~~

Poem

7. Juli 1941, ebenda, eigener Abschnitt:

Die Bäume sind von weichem Lichte übergoßen,
im Winde zitternd, glitzert jedes Blatt.
Der Himmel, seidig-blau und glatt,
ist wie ein Tropfen Tau, vom Morgenwind vergoßen.
Die Tannen sind in sanfte Röte eingeschloßen
und beugen sich vor seiner Majestät, dem Wind.
Hinter den Pappeln blickt der Mond auf’s Kind,
das ihm den Gruß schon zugelächelt hat.

Im Winde sind die Büsche wunderbar:
bald sind sie Silber und bald leuchtend grün
und bald wie Mondschein auf lichtblondem Haar
und dann, als würden sie auf’s neue blühn.

*

Ich möchte leben.
Schau, das Leben ist so bunt.
Es sind so viele schöne Bälle drin.
Und viele Lippen warten, lachen, glüh’n
und tuen ihre Freude kund.
Sieh nur die Straße, wie sie steigt:
so breit und hell, als warte sie auf mich.
Und ferne, irgendwo, da schluchzt und geigt
die Sehnsucht die sich zieht durch mich und dich
Der Wind rauscht rufend durch den Wald
er sagt mir daß das Leben singt.
Die Luft ist leise, zart und kalt,
die ferne Pappel winkt und winkt.
Ich möchte leben.
Ich möchte lachen und Lasten heben
und möchte kämpfen und lieben und haßen
und möchte den Himmel mit Händen faßen
und möchte frei sein und atmen und schrei’n.
Ich will nicht sterben. Nein:
Nein.

Das Leben ist rot,
Das Leben ist mein.
Mein und dein.
Mein.

*

Warum brüllen die Kanonen?
Warum stirbt das Leben
für glitzernde Kronen?

Dort ist der Mond.
Er ist da.
Nah.
Ganz nah.
Ich muß warten.
Worauf?
Hauff um Hauff
sterben sie.
Steh’n nie auf.
Nie und nie. —
Ich will leben.
Bruder, du auch
Atemhauch
geht von meinem und deinem Mund.
Das Leben ist bunt.
Du willst mich töten.
Weshalb?
Aus tausend Flöten
weint Wald.

*

Der Mond ist lichtes Silber in Blau.
Die Pappeln sind grau.
Und Wind braust mich an.
Die Straße ist hell.
Dann …
Sie kommen dann
und würgen mich.
Mich und dich
Tot.
Das Leben ist rot
braust und lacht.
Über Nacht
bin ich
Tot.

*

Ein Schatten von einem Baum
geistert über den Mond.
Man sieht ihn kaum.
Ein Baum.
Ein
Baum.
Ein Leben
kann Schatten werfen
über den
Mond.
Ein
Leben.
Hauff um Hauff
sterben sie.
Steh’n nie auf.
Nie
und
Nie.

Bilder:

  1. Поклоніння пастухів (Anbetung der Hirten), Region Lemberg, 1650 bis 1700, 24,7 cm x 27,3 cm,
    via Google Art Project;
  2. Selma Merbaum, via Hélène Berr: The Heaviest Weight of All – Holocaust Memorial Day 2015,
    Passing Time, 24. Januar 2015: Detail eines Schnappschusses von einem
    Stadtbummel in Czernowitz, Sommer 1940;
  3. Marion Tauschwitz: Selma Merbaum. Ich habe keine Zeit gehabt zuende zu schreiben, zu Klampen Verlag, Springe 2014, via Marion Tauschwitz, Buchcover, 2014 ff.;
  4. Arnold Daghani: Der Tod von Selma Meerbaum-Eisinger, Lager Bershad, 1943, Bleistift auf Papier,
    via Wanderausstellung Lichtflecke – Frausein im Holocaust.

Arnold Daghani, Der Tod von Selma Meerbaum-Eisinger, Lager Bershad, 1943, Bleistift auf Papier, via Wanderausstellung Lichtflecke – Frausein im Holocaust

Soundtrack: Бог Предвічний народився (Ewiger Gott wurde geboren)
vom Studentenchor des griechisch-katholisch theologischen Seminars Ternopil, 2012:

Written by Wolf

29. November 2019 at 00:01

Sollen denn aber bloß diese Kasus in der neu aufblühenden Kunstschule gebildet werden (wenn wir bei deutscher Mundart bleiben)?

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Update zu Der unverzichtbare Buchstabe e
und The Metrum is the Message:

Es folgt einer der sieben Ur-Artikel für DFWuH, den ich von Anfang 2012 an bringen wollte. Man kommt ja zu nix. Aufgefallen war mir, sagen wir ruhig: schon vor Jahrzehnten, dass Ludwig Tieck im Ernst einmal auf die Idee verfallen war, die grammatischen Kategorien der deutschen Sprache, vor allem die des Kasus, zu charakterisieren. Klasse Idee, muss ich was damit machen. Endlich geht’s.

Librarians United, 2017Was man so deutsche Sprache nennt: Laut der Winkler-Ausgabe der Novellen — in meinem Besitz ist ein von der Herausgeberin Marianne Thalmann gewidmetes Exemplar aus der Erstauflage von 1965, daher noch ohne ISBN — ist Die Gesellschaft auf dem Lande von 1825

[e]ine ausgesprochen märkische Novelle, ehe noch W. Alexis den Märker zum Gegenstand patriotischer Romane macht. Es geht nicht mehr um Kunstfragen, sondern um fundamentale Fragen des preußischen Pflichtgefühls, um Religion, Deutschtum, Landwirtschaft, um die Comédie humaine der adeligen Oberschicht, die von der Führung zurücktritt. Sie gehört zu Tiecks besten Leistungen und ist als sogenannte „Zopfnovelle“ A.W. Schlegels Lieblingsstück gewesen.

Aus eigenem Laienwissen ergänze ich Frau Thalmann: vor Willibald Alexis und noch herausragender vor Theodor Fontane. Eine leichtfüßige, personal bis dialogisch durchgeführte Abhandlung über ostmitteldeutsche Sprachelemente versteht als Antwort auf preußisches Pflichtgefühl wohl eher die in Thalmanns Kommentar vermutete Comédie humaine denn das Deutschtum.

Als Bildmaterial bietet sich wegen der spärlichen Illustration für Ludwig-Tieck-Novellen eine thematisch wertfreie, aber stimmungsvolle Serie aus einer Stadtbibliothek mit Kinderabteilung an: ein bildungsbeflissenes Kinderballett via Librarians Unite von 2017.

Librarians United, 2017

——— Ludwig Tieck:

Die Gesellschaft auf dem Lande

Berlinischer Taschenkalender, 1825:

Librarians United, 2017„Nein“, antwortete jener, „diesmal wird es etwas Großes, Idealisches. Du sollst selbst überrascht werden. Aber unausstehlich ist es doch in eurem Lande, das immerwährende unrichtige Sprechen anhören zu müssen. Diese ewige Verwechslung des Mir und Mich könnte einen Rechtgläubigen zur Verzweiflung bringen. Dabei ist das Ding so charakterlos, so recht eigentlich insipide, daß man es nicht einmal zum Spaß in Komödien oder Erzählungen nachahmen kann, denn es würde bloß albern auftreten. Das ist aber nicht wahr, was du mir sonst wohl von deinen Landsleuten erzählt hast, daß sie ohne allen Unterschied bald Mir bald Mich gebrauchen. Ich glaube, zu bemerken, daß es Sekten gibt. Hier im Hause (Adelheid ausgenommen, die richtig spricht, es wäre auch für eine Geliebte entsetzlich, so wie die übrigen zu prudeln) herrscht offenbar der Akkusativ vor: die alte gnädige Frau braucht ihn beständig; ob ich gleich erforscht und ausgegrübelt habe, daß ein so feiner Geist, wie der ihrige, auch hier gründliche und tiefsinnige Unterschiede macht, für die sich auch wohl von einem denkenden Grammatiker etwas sagen ließe. Sie behandelt die Sache nämlich mehr aus dem Gesichtspunkt der Dialekte. Der Akkusativ, als der ionische oder attische, erscheint ihr vornehmer und edler, daher braucht sie ihn unbedingt gegen ihre Domestiken. ‚Christian, geb er mich das Fleisch – nehm er mich hier den Teller weg – Fanchon, tu sie mich die Mütze auf!‘ – Gegen uns aber, wo sie demütiger und höflicher erscheinen will, braucht sie fast stets den dorischen Dativ und sagt daher ganz richtig: ‚Geben Sie mir das Salzfaß;‘ – nur geht sie freilich in der Konsequenz so weit, daß sie auch sagt: ‚Wenn Sie wohl geruht haben, soll es mir freuen.‘ – Indessen ist jedes System, jede folgerechte Lebensweise schon immer etwas Löbliches, und du hast wenigstens darin unrecht, wenn du von den Rednern deines Landes aussagst, daß sie die Anwendung dieses Kasus dem blinden Glücke, dem Zufalle, oder unbeugsamen Fatum überlassen. Sie denken über den Gegenstand; und warum will man sie zwingen, ihn so, wie der eigensinnige Adelung anzusehn?“

Bei Tische mußte Franz wirklich das bestätigt finden, was sein Freund beobachtet hatte. […]

Librarians United, 2017Er ging wieder an seine Arbeit, tröstete dann seinen Freund, und am folgenden Tage, als der alte Römer auch bei der gnädigen Frau gespeist hatte, begaben sich diese und Adelheid in den großen Saal, wo Gotthold seine beiden Bilder aufgestellt hatte. Das eine war eine schlanke, vorschreitende Figur, mit leicht schwebendem griechischem Gewande, die Schultern frei, jugendlichen Angesichts; die zweite ein bärtiger, sitzender Mann, ganz bekleidet und in breiteren Formen, auch älter, der auf seine ausgestreckten Hände niedersah. Als die Eintretenden sich gesetzt, die Bilder betrachtet hatten, und alle nicht wußten, was sie daraus machen sollten, erhob sich der übermütige Gotthold in einem Anfall seiner tollen Laune und hielt an die Versammlung folgende Rede:

„Verehrteste Zuhörer!

Librarians United, 2017Indem ich seit einigen Tagen von dem Vorsatz bewegt wurde, diesem teuren Hause ein Andenken meines Daseins, einen Dank, wenn auch nur kleinen, für die Gastlichkeit und Freundschaft, die ich hier genossen habe, zurückzulassen, kam in den feierlichen Stunden der Mitternacht die Begeisterung zu meinem Lager, und in kurzem Verkehr mit der Göttlichen wußte ich sogleich, was mir zu tun obliege. Wohl klagt unser Schiller mit Recht, daß die Götter von unsrer Erde entwichen seien, die den Griechen Wald, Berg und Fluß belebten und verherrlichten. Besaß doch damals sogar jede Stadt, jeder Hain, jegliches Haus ein Bild der Gottheit, die dort vorzüglich verehrt wurde, und die auch darum gern verweilte. Soll ich an die Pallas der Athener erinnern, an Trojas, Thebens Heiligtümer, an den Pan Arkadiens? Doch wir, was haben wir, was glauben wir, wenn wir auch einen Apollo oder Hermes schnitzeln? Das hat ja die Bildhauerkunst bei uns schon tausendmal beklagt, daß die Veneres uns so wenig bedeuten, daß wir mit diesen Amoribus nichts anzufangen wissen. So wandte man sich mehr wie einmal zu vaterländischen, deutschtümlichen, volksmäßigen, isländischen Göttergebilden. Aber Freia und Thor, Odin und Wodan, Tyr und Loke, samt Balder wollten uns ebensowenig aus der ratlosen Lage helfen, denn ihnen kam noch weniger der Glaube entgegen, und Kenner selbst meinten: ihre Attribute, ihre Fabeln, ihre ganze Statur und Natur vertrügen sich nicht mit dem guten Geschmack. Schon oft hab ich mich im stillen gefragt: warum hat noch keinen Genius der Blitz der Weissagung durchdrungen, uns den Geschmack selbst bildlich darzustellen? Haben wir doch Mütterlichkeit und Kindesliebe, Gesetzgebung und Freiheit, ja Aufklärung gezeichnet und gestochen, wenn auch nur in Vignetten, oder in Kalendern. Warum haut man nicht den Geist der Zeit in Marmor, oder Liberalität, Humanität, die Fortschreitung des Menschengeschlechts, die sich von selbst auch der schwachen Imagination im Bilde darbietet? Hier, vaterländische Künstler, geht ein neuer Weg, hier ist ein frischer, unberührter Steinbruch, um Originalität zu holen, die Lorbeerkränze fallen von selbst herunter. Nun möchten Sie glauben, diese Figuren, da ich mich so ereifere, sollten etwa den Geschmack, den Zeitgeist, den Zustand der Finanzen, den Amortisationsfond oder den Patriotismus darstellen; aber weit gefehlt, begeisterte Freunde, diese Einleitung ward nur vorangeschickt, um eine Bahn zu öffnen, die uns näher liegt, die uns wichtiger sein muß, und auf welcher wir den Griechen gleichkommen, ja sie wohl noch überflügeln können.

Librarians United, 2017Denn das ist jenen Alten immer vorzurücken, daß sie Bild und Sache verwechselten; über ihre Verehrung der Naturkräfte war ihnen, was wir alle noch täglich bedauern, der Schöpfer selber schon verlorengegangen; aber als sie nun Stein, Holz und Erz sogar für das Wesentliche hielten, da war Hopfen und Malz an ihnen verloren. Deshalb ist zu befürchten, die wir schon mit Begriffen Götzendienst treiben, daß wir bei plastischer Bildung dieser gefühlreichen Begriffe ganz in die Anbetung des kälbernen Apis geraten möchten. Um also unsere Gemüter frei zu lassen, und doch der Kunst und Originalität genugzutun, habe ich als der erste kühne Beschiffer eines unbekannten Ozeans den vielleicht zu kühnen Versuch gemacht, in der Gestalt dieses schlanken jungen Mannes dem schauenden körperlichen Auge den Accusativus hinzustellen, der in diesem Hause und in der ganzen Provinz mit ausgezeichneter Andacht verehrt wird. Sei er also der schützende Genius dieses Schlosses, dem schon die Herzen schlagen, der so oft angerufen, zitiert und angewendet wird, in Gelegenheiten, wo andre Provinzen seinem Bruder, dem Dativ, huldigen. So, wie er hier gezeichnet ist, hat diesen feinen, idealischen, sanften Akkusativ mein Geist geschaut, und ich bin der festen Überzeugung, nur in diesem Vorschreiten, in diesem leichten Gange, in dieser Gestalt und Gebärde kann er in die Wirklichkeit treten. Vielleicht, daß der junge Erbe dieses Hauses ihn in Zukunft in Marmor gestalten läßt, nach dieser Skizze, die aus Andacht und Begeisterung hervorgegangen ist. Des Kontrastes wegen sitzt dort sein Bruder, der gedrückte, bescheidne Dativ, erwartend, statt entgegenzukommen, ruhend, statt im Anlauf, gedrungen, breit, stämmig, statt schlank und heiter. Frage jeder sich der teuern Anwesenden, jeder sinnige Beschauer, ob nicht so diese Gebilde schon seit undenklichen Zeiten in seinem Innern schlummerten. Wohlan denn, der Berg ist durchgehauen, der Weg nach der neuen und neuesten Kunst eröffnet! Mir nach, ihr Jünglinge, ihr Genien, beflügelte Geister, die nur darauf warteten, den Himmel der Kunst von einer neuen Seite bestürmen zu können. Wem von euch wird der Nominativ, der seltsam geheimnisvolle Genitiv erscheinen? Von dem wunderlich verrufenen Vocativus, dem frömmsten der sechs Brüder, ist eine kuriose Sage durch alle Länder im Umlauf, so daß er der unwissenden Menge schon oft zum Gelächter gedient hat. Ebenso war Kassandra verspottet, so wurde des Tiresias Weisheit nur zu oft mißverstanden. Aber in manchem frommen Bilde, das die Augen in Ekstase nach oben dreht, von Carlo Dolce und ähnlichen, habe ich geglaubt, die Annäherung an meinen Vocativus, die Ahndung dieses hohen Ideals zu entdecken, wenn die Gemäldegalerien und ihre Register die Figur auch ganz anders taufen.

Sollen denn aber bloß diese Kasus in der neu aufblühenden Kunstschule gebildet werden? Diese hohen Gestalten bewachen ja nur den Eingang zur menschlichen Erkenntnis. Wer sie schon geheimnisvoll nennt, mit welcher Mystik muß er dann Indikativ und Konjunktiv, das nahestehende Präsens, das hohe Perfektum, das verehrungswürdige Plusquamperfektum begrüßen? Ein Name, vor dem schon der Knabe sich beugt, der zum Bewußtsein erwacht. Soll ich das Futurum, das unbegreifliche Kind von diesem, das Paulo post noch nennen? Und der Infinitiv! Müßte er nicht in vielen Palästen als Schutzgott hingestellt wer den, da der Große schon seit lange, der Vornehme, mit lakonischem Bestreben ihn fast einzig und allein gebraucht? Dann noch der heldenkühne Imperativ, dräuenden Blicks, zornig wie Ares, stark wie Thor, majestätisch wie Zeus. Ist erst dieses geschehen, so wage sich ein künftiger Praxiteles oder Apelles selbst an die beiden Aoristen der Griechen, um das Sublimste zu schaffen und deutlich zu machen, was dem menschlichen Geiste vielleicht möglich ist! Sie sehen aber, Verehrte, daß auch schon, wenn wir bei deutscher Mundart bleiben, der Begeisterung unendlich viel zu tun obliegt. Hier stehn sie, die ersten Anfänge dieses glorreichen Jahrhunderts, der Nachwelt verehrungswürdig, weil sie zuerst den Pfropf lösten, der bis dahin den brausenden Champagner in der Flasche festhielt.“ –

~~~\~~~~~~~/~~~

Librarians United, 2017Adelheid hatte während dieser feierlichen Rede das Lachen verhalten müssen, die Mutter hatte sie aufmerksam angehört, ohne ein Wort zu verstehn, Franz war zu ernsthaft, um den Spaß genießen zu können, und der alte Römer ging empfindlich fort, indem er zur gnädigen Frau sagte: „Der junge Herr ist boshaft, das mit dem Vokativ soll auf mich gehn, weil ich die Augen manchmal gen Himmel aufschlage. Woher soll uns aber Trost und Hoffnung kommen, wenn nicht von dort? Das alles, glauben Sie mir, hat ihm der gottlose Müller eingeblasen; aber es ist weder Wahrheit noch Menschenverstand in der Sache.“

Adelheid unterbrach die Ruhe, indem sie ausrief: „Der Vater kommt!“ Alle liefen an das Fenster, ihn zu begrüßen, dann eilten sie die Treppe hinab, die beiden Fremden blieben zurück, und sahen den alten Herrn vom Pferde absteigen, der niemand anders war, als jener Grüne, gegen welchen sie sich an der großen Brücke nicht eben allzu höflich betragen hatten. „Was ist nun zu tun?“ rief der erschrockne Franz: „ist es doch, als wenn alles Unglück auf mich einstürmte.“ – „Nur zweierlei kann geschehen“, antwortete Gotthold mit Fassung: „entweder wir nehmen sogleich Extrapost und reisen ohne Abschied davon, und dies wäre das Mittel für die Feigheit, die alles aufgibt, wo noch nichts verloren ist: oder ich werfe mich in eine graziöse Unverschämtheit, und tu, als wäre gar nichts Besonderes vorgefallen. Dazu gehört aber, wenn es glücken soll, daß du dein Inkognito fahren lässest, denn wenn wir Edelleute sind, so nimmt das die Hälfte der Beleidigung hinweg.“

Librarians United, 2017Hand in Hand gingen die Freunde hinab. Die Familie hatte sich schon begrüßt, und Gotthold eilte auf den Alten zu, umarmte ihn und rief: „Willkommen! willkommen! Aber warum haben Sie sich denn gar so lange erwarten lassen? Ich bin Gotthold von Eisenflamm, dieser hier Franz von Walthershausen Freunde Ihres Sohnes, und Franz ist weitläufig zwar, aber doch mit Ihnen verwandt. Verzeihen Sie uns jenen Spaß, alter, würdiger Freund, wir kannten Sie recht gut, und wollten nur sehen, ob Sie mit Ihrer Würde und Autorität auch wohl einige Geduld verbänden. Und herrlich haben Sie uns junges Volk ohne allen Zorn über die Achsel angesehn; auch dafür unsern Dank, verehrter Mann.“

Der Alte war wie im Sturm erobert, und konnte nicht zürnen. Bald musterte man alle Familienverzweigungen und Seitenverwandte durch, womit sich der alte Adel so gern, vorzüglich auf dem Lande beschäftigt. Franz gewann durch diese langweiligen Ausfädelungen so viel, daß er nun für eine Art von Vetter gelten konnte.

~~~\~~~~~~~/~~~

Librarians United, 2017Am folgenden Tage war der alte Herr mit den jungen Leuten und seiner Gemahlin im Saale. Gotthold war etwas verlegen, was der grüne Mann zu seinen beiden Bildern sagen würde. „Ei!“ rief er aus, „was ist denn das? Das ist hübsch, bei meiner Seele!“ Die gnädige Frau fing an: „Der Mann, der da sitzt, soll ein gewisser berühmter Dadiv sein.“ – „O Weibsvolk! Weibsvolk!“ rief der Vater: „was das schwatzt, David will sie sagen, und verwechselt sogar den berühmten biblischen Namen; aber dazu fehlt ihm Harfe und Krone. Es ist offenbar der bettelnde, blinde Belisar, wie er am Wege sitzt, und ein Almosen erwartet. Recht schön ist seine Not ausgedrückt, wie er so die blinden Augen auf seine ausgestreckten Hände heruntersenkt, als wenn er sagen wollte: ‚Noch habe ich heute nichts bekommen.‘ Und der Große scheint mir Achilles zu sein, wie er aus seinem Zelte heraustritt.“ Gotthold bejahte mit Schweigen. „Sehn Sie“, fuhr jener fort, „wie ich die Gemälde gleich erkenne, wenn sie nur im richtigen Charakter aufgefaßt sind. Es ist aber viel, daß die beiden Herren in der Kunst so treffliche Sachen leisten können.“

Adelheid und die Mutter entfernten sich wieder, die letztere darüber empfindlich, daß ihr Gemahl die Bilder heute ganz anders gedeutet habe, und daß Gotthold ihm darin recht gegeben, der sie gestern, wenn sie ihn auch nicht verstanden hatte, doch mit andern Namen belegte. Adelheid suchte ihr einzureden, daß die eine Figur wirklich Achilles sei genannt worden; sie glaubte dies endlich, nur Belisar und Dativ schien ihr zu weit auseinanderzuliegen, und sie meinte zuletzt; der biederherzige Römer möchte nicht ganz unrecht haben, daß er in Ansehung des Vokativ sich getroffen gefühlt, und es wären wohl noch mehr boshafte Anspielungen in jener Rede und den Bildern verborgen.

Librarians United, 2017

Bilder: via Librarians Unite, 2017.

Soundtrack: Harald Juhnke: Ick liebe dir, ick liebe dich, 1987:

Ick lieb nich uff den dritten Fall,
ick lieb nich uff den vierten Fall,
ick lieb uff alle Fälle.

Bonus Track: Tom Waits: Russian Dance, aus: The Black Rider, 1993,
verfilmt von Mikhail Segal an der staatlichen Filmhochschule Moskau (der ältesten der Welt) 1996:

Written by Wolf

27. September 2019 at 00:01

Charakter ist nur Eigensinn. Es lebe die Zigeunerin!

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Update zum 1. Katzvent: Im Bewusstsein seines Wertes sitzt der Kater auf dem Dach
und 4. Katzvent: Hier liegt ein Kater der schönsten Art:

Oskar Kokoschka, Paul ScheerbartEs lohnt sich einmal wieder, ein vollständiges — im übrigen gemeinfreies — Buch in einen einzigen Link zu fassen: die Katerpoesie von Paul Scheerbart 1909, weil sie einen Heidenspaß macht. In der Erstauflage hieß die Sammlung noch Kater-Poesie, in der zweiten bis vierten Auflage ohne Trennung. Alle folgenden sind posthume Neuauflagen, die Urfassung bleibt schwer aufzutreiben.

Dabei sollte Scheerbart weiterhin neu aufzulegen eine Bereicherung für den Buchhandel wie für die letzten verbliebenen Lyrik-Konsumenten sein: Im Regal stünde er gleich neben Ringelnatz, macht aber nicht die ewig besinnlichen Trauriger-Clown-Späße wie Morgenstern. Wenn wir mit der Lyrik durch sind, wenden wir uns an die Romane — etliche davon in kenntnisreicher Science-Fiction — und die brillanten Auslassungen über Glasarchitektur. Bislang sind die meisten Fans verstorben, unter ihnen Else Lasker-Schüler, Erich Mühsam und Walter Benjamin, ein überlebender hat ihm eine engagierte, quicklebendig benutzbare Website gebaut. Aufgefordert dürfen sich gerne Verlagsgrößen wie Diogenes, Rowohlt und Verbrecher fühlen. Reclam, der unter Ausschluss der Öffentlichkeit schon angefangen hat, ginge klar.

Als praktischer Hinweis sind wir Postmodernen in der gesegneten Lage, dass „antiquarisch erreichbar“ meistens gerade mal einen einzigen Klick mehr auf Amazon.de bedeutet, der dann als Unterstützung von Kleinhändlern (und Medimops) nur noch halb so böse ist wie aufs amazon-eigene Sortiment. Der persönliche Tipp: booklooker.de. Der Profitipp: übergreifende Suche auf eurobuch.de — die meistens doch wieder bei booklooker.de rauskommt.

Der Aficionado-Tipp: Das Katerpoem Die großen Flammen ist siebenzeilig.

——— Paul Scheerbart:

Katerpoesie

Rowohlt, Paris/Leipzig 1909,
Fassung der 2.–4. Auflage, Rowohlt, Berlin ab 1920:

Morgentöne

Cover Paul Scheerbart, Kater-Poesie, 1909Guten Morgen! schreit das Menschentier;
Und mancher Schuft trinkt jetzt noch Bier.

Guten Morgen! schreit auch der Tyrann;
Früh fängt Er zu regieren an.

An den Weltrand will ich heute gahn;
Dort will ich einmal Fliegen fahn.

Guten Morgen! schreit der Kriegersmann;
Ach, der ist immerzu im Tran.

Guten Morgen! schreit man dort und hier;
Und meine Uhr schlägt schon halb vier.

Und mancher Schuft trinkt jetzt noch Bier;
Guten Morgen! schreit das Menschentier.

Paul-Scheerbart-Vignette

Hopp! Hopp! Hopp!

Hopp! Hopp! Hopp! Mein süßes Pferdchen!
Hopp! Hopp! Hopp! Wo willst du hin?

Über jene hohe Mauer?
Ach, was kam dir in den Sinn?

Hopp! Hopp! Hopp! Mein süßes Pferdchen!
Hopp! Hopp! Hopp! Wo willst – Du – hin?

Paul-Scheerbart-Vignette

Ich hab ein Auge …

Ich hab ein Auge, das ist blau.
Mir gestern Abend geschlagen.

Ich schrie fünfhundertmal „Au! Au!“
Was wollt ich damit sagen?

Ich weiß es heute selber nicht;
Ich hab ein Heldenangesicht.

Paul-Scheerbart-Vignette

Delirium! Delirium!

Ein Décadencebild

Alte Knaben sitzen auf den leersten Tonnen,
Und die Nächte siegen über alle Sonnen.
Hinten nagen unsichtbare weiße Mäuse
An dem bös zerbeulten großen Hirngehäuse.
Hör doch, wie die ganze Schädelhöhle quarrt!
Ist die alte Rinde »wirklich« noch so hart?
Alles geht zu Ende – auch der dickste Kopf!
Ach, die weißen Mäuse haben dich am Schopf!
Glaubst du, Läuse sitzen bloß in deinem Puder?
Nein, du bist ein unverschämtes dummes Luder,
Und die Frechheit kommt in erster Reihe ran.

Paul-Scheerbart-Vignette

Die große Sehnsucht

Wenn die große Sehnsucht wieder kommt,
Wird mein ganzes Wesen wieder weich.
Und ich möchte weinend niedersinken –
Und dann möcht ich wieder maßlos trinken.

Paul-Scheerbart-Vignette

Rixráx, der Sonnenbruder

Rixráx, was willst du?
Ich stopfe den Mond
In meine Riesenkanone.
Rixráx, was willst du?
Ich schieße den Mond
Wie eine Riesensaubohne
Hinaus in die ewige Nacht;
Das hat noch keiner gemacht.
Rixráx, was willst du?
Was? Du willst eine Sonnenkanone
Und eine Milchstraßenkrone?
Brüderchen, geh doch nach Haus!
Sei friedlich und schlaf dich aus!
Alter Sonnenbruder!

Paul-Scheerbart-Vignette

Vernünftige Devise

Trinke, wenn du trinken willst,
Nie mit deinen Kameraden –
Sonst wird dir der schönste Suff
Leider überall nur schaden.

Paul-Scheerbart-Vignette

Dicker roter Mond

Ach, ich kann ja gar nicht schlafen!
Über dem dunkelgrünen Myrtentor
Thront ein dicker roter Mond. –
Ob es später wohl noch lohnt,
Wenn man auf dem Monde wohnt?
Über dem dunkelgrünen Myrtentor?
Wär’s nicht möglich, daß uns drüben
„Längre“ Seligkeiten küßten?
Wenn wir das genauer wüßten!
Hier ist alles zu schnell aus.
Jeder lebt in Saus und Braus.
Wem das schließlich nicht gefällt,
Hält die ganze große Welt
Auch bloß für ein Narrenhaus!
Ach, ich kann ja gar nicht schlafen!
Alter Mond, ich lach dich aus!
Doch du machst dir nichts daraus!

Paul-Scheerbart-Vignette

Frage

Meine ganze Welt ist kantig,
Und die Bäume sind verrückt.
Sage, Wilhelm, sage, Sauhirt,
Warum gehst du so gebückt?

Paul-Scheerbart-Vignette

Die Welt ist laut …

Die Welt ist laut,
Und ich bin still!
Erloschen sind die Flammen.

Ich kann nicht mehr,
So wie ich will!
Den Rausch muß ich verdammen.

Die Welt ist laut,
Ich möcht so viel!
Doch bring ich’s nicht zusammen.

Paul-Scheerbart-Vignette

Grausamkeit

Der König saß auf seinem Thron
Und sagte: „Lieber guter Sohn,
Hast du das Gift genossen?
Genieß es schleunigst unverdrossen!“

Paul-Scheerbart-Vignette

Indianerlied

Murx den Europäer!
Murx ihn!
Murx ihn! Murx ihn!
Murx ihn ab!

Paul-Scheerbart-Vignette

Sei sanft und höhnisch!

Charakter-Cyklus

Charakter ist nur Eigensinn;
Ich bin mit mir zufrieden.
Ich geh nach allen Seiten hin;
Wir sind ja so verschieden.

Geht mir mit der Quälerei!
Sie macht wirklich kein Vergnügen;
Mir kann nur die Wurschtigkeit
Toll und voll und ganz genügen.
Was wie ein Schienenpaar zerfahren ist,
Das ist noch härter als der Antichrist.

Ich möcht am liebsten meine Tinte
Dem Menschenvolk ins Blutgeäder spritzen.
Ich will mich bloß nicht so erhitzen.

Glaube mir:
Ich streichle dir
Die zarten vollen Wangen.
Glaube mir:
Ich hab nach dir
Wahrhaftig kein Verlangen.
Ich will dir immer gut sein!
Bleibe mir nur ewig fern
Wie der stille Abendstern.

Ich hab die ganze Nacht gelacht –
Natürlich – nur im Traume!
Jetzt bin ich endlich aufgewacht –
Natürlich – noch im Raume!
Ich kann nun nicht mehr lachen!
Was soll ich also machen?
Weiterwachen?

Sei klein – dann ist die Welt so groß!
Sei schwach – dann ist die Welt so stark!
Sei dumm – dann ist die Welt so klug!
Sei stumm – dann ist die Welt so laut!
Sei arm – dann ist die Welt so reich!

Reimerei und Schweinerei!
Mir ist alles einerlei!
Alte Katzen sind nicht blöde.
Aber jene Untermenschen,
Die ich täglich braten möchte,
Machen mir die Welt so öde.
Mir ist alles einerlei!

Mensch, sei frei!

Ach, nur im Dunkeln
Funkeln die Sterne.

Freche Fratze,
Deine Glatze
Ist nicht alt,
Auch nicht jung,
Bloß voll Dung,
Hast du bald
Dung genung?

Die Eitelheit, die Eitelkeit –
Die steckt ja wohl im Narrenkleid.
Doch bei den steifen ernsten Leuten –
Da steckt sie unter allen Häuten.

Der Nebel meiner Lebensqual
Ist dunkel, trüb und fett.
Ich liege still zu Bett.

Fahrig, lax, frivol und wischig
Ist die große Alterskunst –
Gräßlich ist der ganze Dunst.

Doch die stillen Flaggenstöcke –
Freunde, die laßt stehen,
Wenn auch die Spektakelfeste
Lichterloh vergehen.

Die Flaggenstöcke gingen tief
In unsre alte Erde ‚rein.
Wir aber gingen immer schief –
Im Sonnen- wie im Mondenschein.

Alte böse Menschen schimpfen
Über meine Lustigkeit.
Und das ist doch weiter nichts als
Alter, dunkelgelber Neid.

Du kindische Kröte,
Dich quetsch ich zu Brei.
Ich mag doch nicht hören
Die Mopslitanei,
Die sich lustig macht
Über den, der lacht.

Ich schmiß einen Menschen zum Fenster hinaus –
Natürlich – nur im Traume!
Ich fragte höflich die Mama:
Wozu ist das Männchen da?

Was denkt sich denn der junge Fant?
Ich liebte nie mein Vaterland.
Das tun ja schon so viel Soldaten!
So selbstgefällig bin ich nicht!

Lieber süßer Kannibale,
Liebst du meine Tante Male?
Friß sie auf – sie ist gesund –
Ihre Welt wird ihr zu bunt.

Klarheit wollt ihr?
Dicke Klarheit?
Seid ihr echte Untermenschen?
Wollt ihr nicht den kummervollen
Rausch der Ewigkeit umhalsen?
Wollt ihr nicht den götterhaften
Allempfindungsdünkel kosten?
Aber nein: ihr seid gescheidter;
Eure Sehnsucht will ins Bettchen,
Denn der liebe Sandmann kam.

Ich weiß, was ich begehrte;
Nie klar wird das Verklärte.

Mit den Ketten will ich rasseln,
Daß das Trommelfell euch platze!
Es erblüh in euern Dasseln
Alles Glück in einem Satze.

Ach, nur im Dunkeln
Funkeln die Sterne.
Breite Nachtkapuzen,
Ich will euch nur uzen!
Keiner sticht euch tot!
Alles ist im Lot!

Überwinden, überwinden
Wollen wir die letzten Trümpfe.
Und wenn wir das Letzte finden,
Machen wir uns auf die Strümpfe.

Charakter ist nur Eigensinn.
Es lebe die Zigeunerin!

Schluß!!

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Ruhmeslied

Meine Welt ist nicht von Pappe!
Dieses sag ich dir im Traum!
Trägst du eine Narrenkappe,
Trag sie unterm Lorbeerbaum!

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Wanderlied

Wie weit der Weg!
Im tiefen Tale glänzt
Der Tau der letzten Sommernacht.
Wie weit der Weg!
Im hohen Weltall glüht
Der großen Sonnen Glück so heiß.
Wie weit der Weg!
In tollen Köpfen kreist
Die Schöpferkraft des ganzen Alls.

O still! Zum Ziel!
Es wird zu viel!

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Fliegenlied

Fliege, fliege, kleine Fliege!
Fliege, fliege in die Wiege!

Siege! Siege!

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Donnerkarl, der Schreckliche

Ein Heldengedicht

Reich mir meine Platzpatronen,
Denn mich packt die Raserei!
Keinen Menschen will ich schonen,
Alles schlag ich jetzt entzwei.
Hunderttausend Köpfe reiß ich
Heute noch von ihrem Rumpf!
Hei! Das wilde Morden preis ich,
Denn das ist der letzte Trumpf!

Welt, verschrumpf!

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Ein Säufertraum

Ich war im Traume betrunken
Und sah ein altes Kamel,
Das war zu Boden gesunken –
Es lachte – bei meiner Seel!

Und bald lag mein ganzes Genie
Neben dem lachenden Vieh.
Der Himmel lachte über mir,
Und ich trank immer noch für Vier.

Mein Kamel kam nicht zu kurz dabei;
Ich ließ es trinken fast für Drei.
Dies war meine schönste Zecherei;
Ich fühlte mich so groß und frei.

Ich trinke – bei meiner ewigen Seele! –
Nur noch mit einem alten Kamele.
Mit Menschen trinken ist der größte Kohl –
Kamele nur verstehn den Alkohol.

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Gemeinplatz

Ich lobe mir die Freiheit auf den Gassen,
Jedoch das Weib soll man zu Hause lassen.

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Abschiedslied

Fahr wohl, du alte Schraube!
Mir warst du sehr egal.
Mir schmeckt die Lebenstraube,
Und dir ist alles Qual!
Tu immer, was du wolltest;
Ich stör dich nicht dabei.
Ich weiß nicht, was du solltest;
Ich laß dich gerne frei.
Und wenn du wieder grolltest,
So wär’s mir einerlei.
Schrei nur, mein Liebchen, schrei!

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Ermitage

Die Maske der Betrunkenheit hab ich nun abgelegt!
Ich bin allein – und tue, was ich wollte.
Wer jemals über Albernes sich kindlich aufgeregt,
Der weiß nun endlich, daß ich stets ihm grollte.
Ich lächle nur und lächle immer wieder – wieder!
Mir hängt die Luft voll kreischend-toller Jubellieder!

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Notturno

Ich liege ganz still.
Der Nachtwind rauscht leise vorbei.
Eine große Sehnsucht zieht mich noch tiefer.
Diese Sehnsucht – nach – ich weiß nicht was!
Das macht so traurig.
Ich möchte – ich weiß nicht was!
Ich denke an ferne, ferne Zeiten …

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Das gute Schaf

Ein erschöpfendes Gedicht

Du bist mein Schaf;
Ich bin dir niemals böse.
Und er ist baff;
Er schaut ins Weltgekröse.

Du bist mein Schaf,
Erlöse ihn, erlöse
Auch mich von dem Getöse
Der auferstandnen Jugendzeit;
Sie steht vor mir im Leichenkleid.

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Säulenlied

Ich steh auf meiner Säule
Und schau ins weite Meer.
Ich höre dein Geheule
Und wundre mich nicht mehr.
Ich steh auf meiner Säule
Mir wird mein Herz nicht schwer.

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Schlußweisheit

Wer sich mit Anderen verbindet,
Auf Erden niemals Ruhe findet.

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Moderner Gassenhauer

Der Eremit ist dick und groß;
Er haßt die Nebenmenschen bloß.
Er liebt nur seine Klause
Und bleibt daher zu Hause.
Die ganze Welt ist ihm Pomade.
Die Nebenmenschen sagen: schade!
Das aber rührt den Teufel nicht.
Hat er nur stets sein Leibgericht,
So ist ihm alles piepe –
Der Haß und auch die Liepe.

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Groglied

In meinen Adern brennt der stramme Grog;
Pompöser Kohl durchrast mein Eingeweide.
Die kalte Nase steckt im Weltgehirn;
Die heißen Hengste führ ich auf die Weide.
Jetzt, Erdenbürger: Leide! Leide! Leide!

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Hobelphantasie

Mir klappern alle Zähne;
Der alte Brei der Welt ist dick.
Doch lange Wunderspäne
Umringeln all mein Mißgeschick.

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Abendtöne

Wozu mich mein Schuh drückt?
Das willst du wissen?
Leg dich nur ruhig
Auf dein Ruhekissen;
Es wird zum Luftballon.
Mit dem gehst du davon.
Und deine Locken –
Die werden klingen;
Du sollst mit ihnen,
Da sie rot sind,
Die gelben Sterne umschlingen!
Ach ja, dein verfluchter,
Alter, dammlicher Luftballon
Wird dich weit bringen.
Durch die alte Türe,
Die so herrisch knarrt,
Kommt der Ofenmann
Mit vielen schwarzen Bechern,
Die so traurig sind wie schwarze Briefe.
Na – was will denn der Ofenmann?
Will er den alten Zechern
Die letzten Tropfen schenken?
Der Ofenmann hat kurze Beinchen;
Sein Leib ist ein großes viereckiges Steinchen.
Und auf dem Steinchen sitzt ein Wachskopf –
Der geht natürlich ganz entzwei,
Denn der Ofen ist ja warm.
Und die schwarzen Becher fallen
Diesem alten Ofenmann
Aus den schwarzen alten Händen
Auf die stillen weißen Dielen.
Und der Wein macht die Dielen naß.
Das macht den Zechern Spaß.
Die Beinchen des Ofenmanns
Brechen entzwei.
Und der schwarze Ofen
Steht an der Wand – wie einst.

Paul-Scheerbart-Vignette

Die großen Flammen

So nehm ich denn die Finsternis
Und balle sie zusammen
Und werfe sie, so weit ich kann,
Bis in die großen Flammen,
Die ich noch nicht gesehen habe
Und die doch da sind – irgendwo
Lichterloh …

Paul-Scheerbart-Vignette

Eine Lichthetäre

Wie ein Lichtstrahl war ich einst,
Zuckte hin und her
Durch die Weltenpracht
In dem Äthermeere.
Quintillionen Wettersterne
Hab ich prickelnd angeblickt.
Oh, ich war geschickt –
Eine Lichthetäre.

Paul-Scheerbart-Vignette

Alter Spaß

Ja – meine Sonnenkälber
Sind mit Öl begossen,
Sind naß wie Badelaken
Und erweichte Schrippen.
Ich weiß mit diesen feuchten
Märchenweltschleimtieren
Nichts anzufangen – nichts.
Solche alten Späße
Sind doch eigentlich abscheulich.

Paul-Scheerbart-Vignette

Hafentraum

Ich hab in dieser ganzen Nacht
Still wie ein Stall geschlafen.
Ich hab in dieser ganzen Nacht
Geträumt von tausend Schafen.

Sie waren alle dick und rund,
Ich aber war nicht ganz gesund,
Ich kam allmählich auf den Hund;
Es war in einem Hafen.

In diesem Hafen trank ich viel
Mit großen Welt-Matrosen,
Die spielten Handharmonika
Und mit den tausend Schafen.

Paul-Scheerbart-Vignette

Ingrimm

Eine wilde Fratze
Muß ich schneiden,
Denn dies Leben
Macht mir keinen Spaß.
Oh, ich möchte nur
Ein altes Rabenaas
Mit verrückter Wollust
In zehntausend Stücke reißen,
Und dann möcht ich
Hübsche Mädchenköpfe
Balsamieren mit verfaultem Tran
Oder andrer ekler Flüssigkeit.
Und dann möcht ich
In den Himmel springen
Und die Sterne fressen
Und zuletzt:
Den ganzen Lebensunsinn
Ohne weiteres vergessen
Und als Ätherwolke
Traumlos weiterschweben.
Dieses, glaub ich, wird mir
Noch einmal gelingen.

Paul-Scheerbart-Vignette

Der lachende Engel

Wie war’s doch nur?
Im Himmel schwebten
Große blanke Diskusscheiben –
Auf denen drehten sich blutrote Nüsse.
Doch alles schlug ein böser Geist entzwei.
Ein Engel lacht dazu
Und spritzt mit Vitriol.
Jawohl! Jawohl!

Paul-Scheerbart-Vignette

Die Zappelpappeljöhre

Mal ist mir alles astral
Und mal so ganz egal.
Ich kenne den längsten Strahl
Und auch das Jammertal,
Wo ich beinah nicht hingehöre.
O du Zappelpappeljöhre!

Paul-Scheerbart-Vignette

Die alte Laube

Ich habe so viel vergessen.
Ich weiß nicht mehr
Woher ich komme.
Ich saß in einer Laube
Von großen grünen Smaragden;
Sie schimmerten wie Glühwurmlicht.
Mehr aber weiß ich nicht.
Es war ganz hinten im Raume
Und fast wie in dem Traume,
Der uns der allerliebste ist.

Paul-Scheerbart-Vignette

Ach ja!

Ach ja! Jetzt weiß ich’s ganz genau!
Von Max und Moritz kam ich her!
Die lagen in einem Syrupmeer
Und waren blöde wie der große Stier.
Es kam ein Strahl durch das Revier
Und hüpfte mit uns Dreien.
Das sollte uns bald entzweien.
Nach jenem Trubel durft ich endlich
So selig ruhen auf dem Zuckersterne,
Der mir aus allen seinen Kratern
Ein glückliches Vergessen dampfte.

Paul-Scheerbart-Vignette

Singende Schlangen

Ich war schon wo,
Da ging es wüste zu;
Ich hatte weder Hemd noch Schuh,
Nur grüne Schlangen
In beiden Händen.
Ich konnte mich nicht drehen
Und nicht wenden.
Doch viele Beutelsterne
Drehten sich um meine Arme
Und sahen aus
Wie schlaffe Luftballons.
Die Schlangen aber sangen.

Paul-Scheerbart-Vignette

Der Frack-Komet

Ich lebte vor langer langer Zeit
In einem Raume,
Der ganz voll Licht war;
Es leuchteten wohl sämtliche Atome.
Und da kam plötzlich
Eine schwarze Sonne an,
Die schwarze Strahlen
Durch das Lichtreich sandte.
Die schwarzen Strahlen waren kühl
Und kühlten auch meinen heißen Leib,
Der selbstverständlich nicht
Aus dicken Stoffen sich zusammensetzte.
Nun brach sich jenes schwarze Licht,
Das ganz besondre Qualitäten zeigte,
In meinem heißen Leibe so,
Daß ich einen –
Schwarzen Schweif bekam;
Und spalten tat sich dieser Schweif
Und sah beinah so aus
Wie jene langen Streifen,
Die sich an Menschenfräcken
Unter den Händen
Fleißiger Schneider bilden.
Ich ward in jener alten alten Zeit
Ein Frack-Komet.
Ob sich für unsre Erde
Noch mal Kometen
Sichtbar machen könnten –
In Frackform?

Von Berliner Stammtischen. Die Modernen an ihrem Stammtisch in einem Café des Westens, v. l. n. r.: Anna Scheerbart, Samuel Lubkinski, Salomo Friedlaender, P. S., Else Lasker-Schüler, Herwarth Walden, via Markus Fognin Feuerstack

Bilder: Cover der Erstausgabe Kater-Poesie, Rowohlt 1909, via Wikimedia Commons;
Vignette: Otto Kokoschka: Portrait Paul Scheerbart; Von Berliner Stammtischen: via Markus „Fognin“ Feuerstack: Fotos Paul Scheerbart, alle ohne Jahr:

Die „Modernen“ an ihrem Stammtisch in einem Café des Westens. Scheerbart und Freunde im „Café des Westens“, v. l. n. r.: Anna Scheerbart, Samuel Lubkinski, Salomo Friedlaender, P. S., Else Lasker-Schüler, Herwarth Walden

Ideales Katerlied: Cerys Matthews: Chardonnay, aus: Cockahoop, 2003:

Written by Wolf

30. August 2019 at 00:01

Das Herz in meinem Leibe gehört ja allzeit dein (for life is just that way)

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Update zu Wære diu werlt alle mîn,
Quis me amabit? (Wer sol mich minnen?),
Diu minne minnesam und die lieben passiv-aggressiven Lieben
und Lache, liebez frowelîn:

Der meteorologische Frühlingsanfang, festgelegt auf den 1. März jeden Jahres, bedeutet: Der Winter ist vergangen. Derselbe Satz bedeutet zugleich ein Highlight im Volksliedschaffen des vergangenen halben Jahrtausends: Die Ursubstanz stammt allen Anzeichen nach von 1537, und wenn man sich heute — in Zeiten verlorener Heimaten und unzuverlässiger Gefühle in Dingen der eigenen Zugehörigkeit und Zuneigungen — fragt, wie eigentlich noch ein Volkslied zu spielen sei, ohne sich vor sich selber und anderen genieren zu müssen, so wende man sich an die Version Der Winter ist vergangen von Hannes Wader auf seinem Album Volkssänger von — auch schon wieder — 1975.

Das war die Zeit, in der eine ganze Musikrichtung der Liedermacher teils zur Klampfe die Tageszeitung vorlas — zum anderen Teil aber angetreten war, eine überlebte (dabei bis heute überlebende) Interpretation des deutschen Volksliedes ihren politisch „rechts“ assoziierten Missbrauchern zu entwinden. Verdienstreich in Erhaltung und Fortführung waren außer Hannes Wader noch Peter Rohland, schon 1966 mit 33 Jahren verstorben, Ougenweide, seit 1970 bis ins Mittelhochdeutsche zurückforschend, Zupfgeigenhansel, mit Unterbrechungen aktiv seit 1974, Liederjan, zuständig fürs Nordische seit 1975, oder die Biermösl Blosn, zuständig fürs Bairische 1976 bis 2012.

Hans Zatzka, FrühlingsliedBei allem modischen Antiamerikanismus traf man wirksame Vorbilder in der nordamerikanischen contemporary folk music in der Tradition von Woody Guthrie, der Carter Family oder dem frühen Bob Dylan. Gerade Hannes Wader schaffte es, mit solchen amerikanischen Vorlagen musikalisch mitzuhalten — der Mann ist außer dem letzten echten Volks-Sänger in allen Sinnen des Wortes ein nachgerade genialer Gitarrist. Es reicht, auf YouTube ein beliebiges Live-Video von ihm herauszusuchen: Was Hannes „Ich spiele alles zu überhastet (2004)“ Wader allein mit seinem rechten Daumen auf den Basssaiten veranstalten kann, während er als Erschwernis die korrekten Liedertexte wiedergibt, ist gegenüber jedem halbwegs fingerfertigen Lagerfeuerklampfer einfach nicht fair. Und dann noch das: „Ich habe mir, von vier Wochen Unterricht bei meinem Schwager abgesehen, das alles selbst beigebracht.“ Immerhin eine antiquiert gefühlige Stelle wie „Das Herz in meinem Leibe gehört ja allzeit dein“ auf ein böses transatlantisches Zupfmuster so singen, dass es zeitgemäß cool und trotzdem aufrecht „links“ bleibt — das muss einer erst mal hinkriegen.

Hannes „Ich habe keine Vorbilder – ich bin selbst eins“ Waders Gitarrenzupfmuster (die heißen wirklich so) orientieren sich an französischen Chansonniers wie Georges Brassens und seinem andernorts erklärten Vorbild Bob Dylan — Erscheinungen also, die sich ihrerseits wenigstens als respektvolle Referenz oder auf Umwegen auf keltische Wurzeln berufen: Selbst was die junge Kultur der USA als ihre Volksmusik begreift, country and western, besteht zur Hälfte aus „schwarzem“ Blues, zur anderen aus Irish folk. Und Waders Der Winter ist vergangen von 1975 fängt ganz gegen seine sonstigen Gebräuche mit einem scheinbar unmotivierten und nicht weiter erläuterten irischen Intro an, das deutlich weder von ihm selbst noch sonst einem deutschen Muttersprachler gesungen wird.

Nun weisen seit Mai 2009 Frauke Schmitz-Gropengießer und Eckhard John im Historisch-kritischen Liederlexikon der Uni Freiburg im Breisgau unter Berufung auf Gerhard Saupe: Der Winter ist vergangen, in: Deutsche Musikkultur 4, 1939/1940, Seite 200 bis 205, nach:

Hans Zatzka, FrühlingsgöttinDie erwähnte Ursubstanz des Liedes von 1537 findet sich erstmals von einem unbekannten Verfasser in einer Liederhandschrift aus dem gelderländischen Zutphen, kurz danach auch in der Darfelder Liederhandschrift und einer Hanauer Handschrift, erfuhr mehrere Umdichtungen vom Frühlings- zum Liebes- bis hin zum Tagelied – was für Beliebtheit und häufigen Gebrauch spricht –, erscheint nach einer Art Ruhezeit während des 17. Jahrhunderts erst 1854 bei Hoffmann von Fallersleben wieder, wurde aber von Franz Magnus Böhme 1894 im Erk/Böhme: Deutscher Liederhort auf eine Lautentabulatur aus Het Luitboek van Thysius ab 1595 festgelegt. In der Gestalt aus dem Erk/Böhme wurde Der Winter ist vergangen „eins der beliebtesten deutschen Volkslieder des 20. Jahrhunderts“, was etwas gehässiger gesagt bedeutet: Schulstoff seit der Nazizeit, also unter Verleugnung des niederländischen Ursprungs. Ausgewiesen mit „1980“, aber offensichtlich während der Amtszeit von Ronald Reagan zwischen 1981 bis 1989 erscheint schließlich eine Parodie als Protestsong der Bewegungen gegen Atomkraft und Raketenstationierung.

Die historischen Versionen sind schon im Wikipedia-Artikel, in aller wünschbaren erschöpfenden Tiefe spätestens im Historisch-kritischen Liederlexikon zugänglich. Zum eingehenden Verständnis der krönenden Version von Hannes Wader folgen hier sein irisches Intro mit dem vollständigen Text von Finbar Furey 1974, ein durchaus „links“ gerichtetes Umweltschützerlied, danach der gängige Volksliedtext seit 1894 samt der Anti-Atomkraft-Parodie ab 1981. Venceremos.

——— Finbar Furey:

Life Is Just That Way

Tabulatur 17. Jahrhundert, aus Eddie & Finbar Furey: A Dream in My Hand, 1974,
als Intro zu Hannes Wader: Der Winter ist vergangen, aus: Volkssänger, 1975,
dort 1. Strophe (vermutlich als Sample) gesungen von Eddie Furey:

Hans Zatzka, FrühlingsschönheitWhy do the children frown like this,
and why not do they smile?
And tell me why not do they play
just for a little while?
The ponds they are all polluted
and the little fish are gone away.
So wipe your tears, little baby,
for life is just that way.

You ask me where the grass is gone,
They’ve taken it away.
To build a concrete playground,
They call the motorway.
And the trees they went all black and damp,
And the leaves they did decay.
So wipe your tears, little baby,
for life is just that way.

You ask me where the birds have gone,
And did they really fly?
They fed them poisonous seed to eat,
And they also had to die.
And the eggs went hard with the yellow crust,
And they all died on that way.
So wipe your tears, little baby,
for life is just that way.

You ask me where all life has gone,
With eyes that look so sad.
Pollution was the cause of it,
It spread all through this land.
With sours and wounds they fell all night,
And they all died through that day.
So wipe your tears, little baby,
for life is just that way.

So now you see little baby,
You can not play out there.
We really tried to tell them,
But they did not really care.
You may sit and play with your toys in here,
But you must not stay away.
So wipe your tears, little baby,
for life is just that way.

Der Winter ist vergangen

1. Der Winter ist vergangen,
ich seh des Maien Schein,
ich seh die Blümlein prangen,
des ist mein Herz erfreut.
So fern in jenem Tale,
da ist gar lustig sein,
da singt die Nachtigalle
und manch Waldvögelein.

2. Ich geh, ein Mai zu hauen,
hin durch das grüne Gras,
schenk meinem Buhl die Treue,
die mir die liebste was,
und bitt, daß sie mag kommen,
all vor dem Fenster stahn,
empfangen den Mai mit Blumen,
er ist gar wohl getan.

3. Und als die Allerliebste
sein Reden hatt gehört
da stand sie traurigliche
und sprach zu ihm ein Wort:
„Ich hab den Mai empfangen
mit großer Würdigkeit!“
Er küßt sie an die Wangen,
war das nicht Ehrbarkeit?

4. Er nahm sie sonder Trauern
in seine Arme blank,
der Wächter auf der Mauern
hub an ein Lied und sang:
„Ist jemand noch darinnen,
der mag bald heimwärts gahn.
Ich seh den Tag herdringen
schon durch die Wolken klar.“

5. „Ach Wächter auf der Mauern,
wie quälst du mich so hart!
Ich lieg in schweren Trauern,
mein Herze leidet Schmerz.
Das macht die Allerliebste,
von der ich scheiden muß;
das klag ich Gott dem Herren,
daß ich sie lassen muß.“

6. Ade, mein Allerliebste,
ade, schöns Blümlein fein,
ade, schön Rosenblume,
es muß geschieden sein!
Bis daß ich wieder komme,
bleibst du die Liebste mein;
das Herz in meinem Leibe
gehört ja allzeit dein.

Der Winter ist vergangen

Edition G, 1980 [1981–1989]:

1. Der Winter ist vergangen,
ich seh‘ des Maien Schein.
Ich seh‘ die Blümlein prangen
und tät mich gern dran freu’n.
Dort drüben in jenem Tale
da ist gar lustig sein –
vorausgesetzt, es kommt kein
Raketenstützpunkt rein.

2. Ich ging um nachzuschauen
hin durch das grüne Gras,
bis daß ein Stacheldraht war,
wo ich solch‘ Inschrift las:
„Hier baut die US-Army
ein Waffenarsenal.“
Da fand ich’s plötzlich gar nicht
mehr lustig in dem Tal.

3. Der Wächter auf dem Turme
schrie und hub an Gesang:
„Hau ab oder ich zieh Dir
die Hammelbeine lang!“
Von derlei Freundlichkeiten
im Innersten berührt,
hab‘ ich in mir den Stachel
des Widerstands verspürt.

4. „Ach Wächter auf dem Turme,
wie quälst Du mich so hart.
Ich mach mir nämlich Sorgen
um Ronald Reagan’s Art,
den Frieden zu beschützen,
denn – tut er das einmal –
ich fürcht‘, dann bleibt nichts übrig
von uns in diesem Tal.“

5. So macht‘ ich mich von hinnen,
ade, schön’s Blümlein fein.
Ade, saugrober Wächter,
es muß geschieden sein,
bis ich dann wiederkomm‘ und
vieltausend Menschen mehr.
Dann schallt’s durch’s Tal: „Hier kommt kein
Raketenstützpunkt her!“

Bilder: Hans Zatzka: Frühlingslied; Frühlingsgöttin; Frühlingsschönheit,
via Anemalon’s Blog: Hans Zatska Austrian Academic Painter, (1859–1949), 9. August 2011.

Soundtrack: Midnight Skyracer: Winter’s Come and Gone (das ist englisch und heißt: Der Winter ist vergangen), live am 9. März 2017 — ein Cover von Gillian Welch, auf die ich in letzter Zeit nix mehr kommen lasse, aus: Hell Among the Yearlings, 1998:

Written by Wolf

1. März 2019 at 00:01

Die junge Gräfin (erzählt neben einem Paar nachbarlichen Würsten)

with 2 comments

Update zu Traume-trunkene feministische Ikonen, der lange Weg zum Eros und ein Stück weiter (oder vierzehn):

Am bekanntesten ist bis heute der späte — 1985 — DDR-Märchenfilm Gritta von Rattenzuhausbeiuns oder Gritta vom Rattenschloß. Die Buchvorlage, ein erklärter „Märchenroman“ mit dem vollen Namen Das Leben der Hochgräfin Gritta von Rattenzuhausbeiuns, wird sogar in der großen Gesamtausgabe der Bettina von Arnim unterschlagen — entweder weil er in keine Werkkategorie der vier Bände passen will oder weil Bettinas Schaffensanteil daran unklar bleibt, weil als Neben-, wenn nicht gar Hauptautorin ihre jüngste Tochter Gisela gelten muss.

Gisela, zu Beginn der Arbeiten zarte 17, war mit 15 unter dem Namen Marilla Fitchersvogel Gründungsmitglied der Berliner Kaffeter-Gesellschaft, eines parodistisch heiter geführten Literatursalons und Jungfrauenordens, der später auch Mannspersonen zuließ, zum Beispiel den von Jungfrauen, Kaffee und Literaturschaffen begeisterten König Friedrich Wilhelm IV. höchstselbst. Die Koautorin und Mutter Bettina, die sich oft Bettine spricht und schreibt, war seit 1835 mit Goethes Briefwechsel mit einem Kinde und 1840 Die Günderode Bestsellerautorin und außerdem Witwe des vor allem mit Des Knaben Wunderhorn populären Achim von Arnim — auch wieder mit einer Gemeinschaftsarbeit mit unklaren Beteiligungen.

Der Märchenroman mit Gritta war das einzige Desideratum, das ich je an die Münchner Stadtbibliothek gerichtet habe — eben aus dem Gefühl der schmerzlichen Lücke in der Arnimschen Gesamtausgabe. Es wurde erfüllt und steht heute default in der belletristischen Abteilung der Filiale Am Gasteig, aber meistens ausgeliehen bei mir daheim. Was für eine Perle da im Verborgenen funkelt — niemals werde ich mich ganz über das Versäumnis der Gesamtausgabe beruhigen können — wird aus dem Volltext, den man mindestens zweimal online findet, teilweise klar — so richtig aber erst aus dem Nachwort von Rolf Vollmann in der Manesse-Ausgabe, die ich der Stadtbibliothek 2008 empfohlen habe. Welche auch sonst? An Einzeltexten sind noch ungefähr drei verschiedene sehr schöne, leider obskur gewordene DDR-Ausgaben antiquarisch jagdbar, dieselbe Manesse ist 2018 schon wieder vergriffen, und die Gesamtausgabe … hatten wir schon.

Es spricht sehr für den familiären Umgangston im Hause von Arnim, was da als Mutter-Tochter-Projekt entstanden ist. Die 1985er Verfilmung bemüht sich mit arg zurechtfrisierter Handlung um eine DDR-Nachfolge der Pippi Langstrumpf, das Original hat viel mehr Bedeutungsebenen. Aus heutiger Sicht liegt die Langstrumpf nicht ganz fern, aber es erlaubt sich auch — Arnims waren eng mit den Grimms verwandt und befasst — märchenhaft düstere Stellen. Insgesamt erinnert es mehr an Walter Moers, wenn nicht gar Eugen Egner oder sonstige Skurrilvirtuosen — wobei man meistens recht schief liegt, wenn man solche jahrhundertealten Hervorbríngungen mit allzu modernen vergleicht; jedenfalls war eine so vielschichtige Mischung nicht vor dem 20. Jahrhundert dran.

Die folgende halbwegs abgeschlossene Passage funkelt im Dunkeln in mehreren Bunt- und Schwarztönen. Gritta ist zur Zeit der Handlung sieben Jahre alt, Müffert ist der väterliche hochgräfliche Diener. — Staunt, Kinder.

——– Gisela von Arnim/Bettina von Arnim:

Das Leben der Hochgräfin Gritta von Rattenzuhausbeiuns

1844–1848, Druckvorlage 1845, Erstdruck: hg. Otto Mallon, S. Martin Fraenkel, Berlin 1926:

Gritta und Müffert saßen eines Abends in der Küche, die ein kleines rußiges Gewölbe war. Ein Feuer brannte auf dem Herd, vier große Töpfe kochten, und die weißen Nebelwolken vermischten sich mit dem schwarzen Rauch, zogen hinauf und flogen mit ihm davon. Es war heut zum ersten Mal nach langer Zeit stürmisch, der Wind trieb manchmal den Rauch wieder hinab. Die kleine Gritta saß neben den Töpfen auf dem Herd. Sie schien an etwas zu denken, was sie ängstigte, denn sie sah von Zeit zu Zeit zu Müffert auf, der in Gedanken vertieft vor einer Speckseite stand, die im Schornstein neben einem Paar nachbarlichen Würsten an einem Bindfaden bammelte; er schien sich zu besinnen, ob er sie anschneiden solle, denn das säbelförmige Messer guckte zwischen seinem Zeigefinger und seinem breiten Daumen wie ein angerufener Ratgeber hervor, mit einem entsetzlich begierigen Gesicht, in dem sich das Feuer spiegelte.

Gisela von Arnim, Joseph Joachim„Ach, Müffert“, hob Gritta an, „glaubst Du wohl, daß der Vater noch an die Birkenrute denkt? Glaubst Du wohl, daß noch Birkenreiser draußen am Birkenbaum sind?“

„Nein, Kind, ich glaube, der wird vertrocknen; das hat einmal seine sonderbare Bewandtnis mit dem Baume gehabt.“

„Ach, erzähle!“ bat Gritta.

Müffert machte das Messer zu, und Gritta sah mit Vergnügen, wie ihre lieben blonden Würstchen heute noch vergnügt hängen blieben; er setzte sich auf den Herd neben sie, und Gritta schaute, während er erzählte, in die weißen Wolken der Töpfe, wie sie mit den schwarzen Rauchmassen davon wirbelten, in denen sich, was in der Geschichte vorkam, ihr bildete.

„Dein Ururururgroßvater hatte seine Kinder gar artig erzogen, bis er Graf wurde; da bekam er aber noch ein Mägdlein und meinte, weil er Graf geworden, dürfe eine kleine Gräfin doch nicht mehr die Rute kosten; so wurden denn die Rutenbäume hier um des Herrn Grafen Schloß gar nicht mehr gepflegt; die kleine Gräfin wuchs auf in aller Unart. Der Graf wußte kein Mittel, sie zu strafen, das nicht das Gräfliche in ihr verletzte. Er kannte noch nicht den Spruch, der jetzt in mehreren Familien gang und gäbe ist: „Heute kriegst du nichts zu essen!“ – und dachte, es werde immer bei den kleinen Unarten bleiben. Aber das war Irrtum; sie entwuchs der Rutenzeit, ward wild, lief in den Wald, blieb Nächte lang aus, kam des Morgens mit wilden Dornenranken, Moos und Nachttau in den fliegenden Haaren stolz nach Haus. In der Frühsonne regte sich besonders ihre Lustigkeit, wenn sie den betauten Gräserfußpfad hinauflief, ihren stolzen Gliederbau dem Himmel entgegen hob und Frühluft trank, dann sang sie die im Walde selbst erfundenen Weisen. So kam sie eines Morgens auch mit einem jungen Bären bepackt, der sie im Walde angefallen und den sie mit ihren festen und starken Gliedern erwürgt, gerade als ihr Herr Papa mit einem jungen Manne sprach, den er ihr zum Bräutigam erwählt. Der Bär mit seinem dunklen Fell hing ihr über die weiße Schulter, und das Blut tröpfelte aus einer Wunde, die seine Tatze ihr geschlagen. Ihre Stimme, die wie die des Windes war, der um die Burg des Nachts sang, erschallte; der junge Graf mit seinem blassen Angesicht und schwarzen Bart schaute sie freundlich an. Sie hatte fast einen kalten Blick, weil alles Feuer ihrer Augen sich tief in sie zurückgedrängt hatte. Aber, meldet die Sage, als sie ihn angeschaut, brach es aus, das Feuer ihres Herzens, ihrer Seele; darum auch, meldet sie ferner, daß sie das Fräulein vom Feuerauge hieß. Jetzt liebte sie den Grafen mit Leidenschaft; sie war nicht seine Braut, das durfte man nicht sagen, sie war sein Geselle, – aber das konnte ihrem Herrn Papa keine Freude machen. Fröhlich eilten sie nebeneinander mit Wurfgeschossen über die Berge und durch Schluchten und auf moosigen Pfaden unter Gebüschen hinweg. Die rauschenden Waldeslüfte strömten ihnen voran, dem Wilde nach; sie sangen zusammen; studierte er, wozu er besondere Neigung hatte, so lernte sie mit ihm. Bis spät in die Nacht saßen sie oft vor den alten Folianten, die Arme in einander verschlungen, eins dem andern helfend.

Ach, der gute, alte Vater wußte gar nicht, wie er sich dabei anstellen solle; er hatte Sorge, daß dies einer jungen Hochgräfin böse Nachrede machen werde; auch bekümmerte ihn das sehr, daß sie so tief in frühere Zeiten sich bewanderten, wo die Welt noch auf der linken Seite mochte gelegen haben. Dies verdroß den Grafen sehr; er mochte nun einmal durchaus nicht leiden, daß sie in den alten Büchern herumsuchten, aus denen die Staubwolken beim Umwenden der Blätter aufstiegen und die alten Bilder mit grinsenden Gesichtern schnell herausguckten; kurz, er wurde immer unzufriedner. Besonders schrieb sich sein Unwille gegen dieses Bücherdurchsuchen daher, weil er einmal in Gemütsruhe im Keller unter dem offnen Kranen am Weinfasse liegend, während der Wein wie ein Bächlein durch die Gebirge und Wiesen seines Innern floß, es ihm vorkam, als ob die Bücher aus der Bibliothek dahergetrampelt kämen und knurrten ihn an und öffneten ihre Blätter und klappten wieder zu, worauf allemal große Staubwolken herausfuhren, die sich zu alten Mönchen und andern dergleichen wunderlichen Gestalten formten, dann umherspazierten und feine Liedchen auf seine Trunkenheit sangen. Diese Spottgesichte konnte er nicht vergessen, und oft schaute er nach dem Rutenstammbaum hinüber, der mit seinen Blättern säuselnd, ihn zu mahnen schien, daß er seinen Einspruch bei der Erziehung der Gräfin abgelehnt habe.

Präsident Maiblümchen Maximiliane Maxe von Arnim, Joseph JoachimEs brach Krieg aus, der junge Graf zog mit einem Fähnlein Reiter fort. Jetzt glaubte der alte Herr die junge Gräfin unter seiner Regierung zu haben; er wollte, sie solle still zu Hause sitzen und einen Kaminschirm sticken. Ihr pochte es in allen Gliedern, und wenn sie durch die Schloßfenster hinausschaute auf die blauen Berge, die gleich einer Mauer vor einem tatenkräftigen Leben ihr lagen, wurde es ihr oft so eng, daß sie die Vorhänge ihres großen Himmelbettes aufriß und mit den Kissen zu bombardieren anfing, so daß die Federn stiebten; bald ließ sie diese wider die goldnen Engel fliegen, die die Federkrone des Betthimmels trugen, bald in die und jene Ecke. Kam nun der alte Graf in solchem Augenblick, wo alles krachte und knarrte, in ihr Zimmer, so zog sie schnell die Gardinen ums Bett und steckte sich unter ein großes Federbett, was sie fest um sich wickelte. Da stand nun der Graf und predigte ihr Stunden lang vor. So kam er auch wieder eines Morgens, mit einem Arm voll Seide zu jenem Kaminschirm, den sie noch nicht angefangen hatte; da lag wieder das große Federbett; der Graf stellte sich davor und zankte, aber heut blieb das Federbett besonders ruhig liegen; – sonst hatte sie zuweilen ihren Kopf hervorgestreckt und ihn dann schnell wieder zurückgezogen. Endlich ward der Graf über ihren Mangel an Anteil zornig, daß er sich Mut faßte und das Federbett herunter riß. Aber siehe, der Fleck war leer und nichts dahinter. Während der Graf am Abend vorher in Gemütsruhe unter dem Kränchen eines uralten Fasses lag, öffnete sich das Tor des Schlosses und die Gräfin mit einem Bündelchen schritt heraus. Ganz still und für sich schaute sie umher auf die nachtenden Berge, und ihr lichtbraunes Haar floß leise im Abendwind daher; sie zog zur Armee. Als sie anlangte, empfing sie der junge Graf mit großen Freuden. An seiner Seite zog sie mit zu Felde, focht neben ihm und verfolgte ihn mit den Augen, dem entgegentretend, der das Schwert gegen ihn schwang.

Am Abend saßen sie an den Wachfeuern, die müden Glieder ausgestreckt auf ihren Mänteln; da wehte der kühle Nachtwind über die lustige Schaar hin und kühlte die heißen Köpfe.

Die Soldaten rauchten, sie sang, erzählte alte Weisen, und alle waren fröhlich und gut in ihrer Gegenwart. Es verglimmten nach und nach die Kohlen, der Himmel breitete seinen Nachtmantel aus mit den unzähligen Sternen. Da wußte die junge Gräfin erst, wozu sie geboren war; sie erhob sich leise und betrachtete den schlummernden Grafen und vertiefte sich in die Ruhe seiner edlen Züge und las wie in einem Buch die schönsten Lieder an den Frühling, an die aufgehende Sonne oder den Mond, je nachdem das Antlitz des Grafen oder auch ihr eignes Gemüt gestimmt war; sie schrieb dies alles mit ihrer Messerspitze in die Rinde der Bäume umher. Dann schlummerte sie ein Weilchen, während Göttinen, man nennt sie Musen, ihrer sind Neune, voran ein schöner Musenjüngling, einen schwebenden Tanz über ihrem Haupte aufführten und allerlei Träume ihr zusendeten.

Eines Morgens zogen sie aus dem Quartier, die Trommel tönte; sie hatte die dem Tambur abgenommen und trommelte einen Marsch, zu dem sie sang von der Kriegslust. Die Soldaten hörten begeistert zu, sonderbar wirbelten die Trommeltöne wie ein Lied, aus ihrer Brust geschaffen, in den blauen Himmel empor. Da kam eilig des Weges ein Bote, der sagte, der alte Graf liege auf dem Todesbett; zwar habe er verboten sie zu rufen, aber der alte Schloßkaplan habe ihn ausgeschickt.

Amalie St. Malo von Herder, Joseph JoachimSchnell reichte Gräfin Bärwalda dem Grafen zum Abschied die Hand und ritt davon. Eine unnennbare Trauer erfaßte sie, als sie das Schloß, auf dem selbst die alten rostigen Wetterhähne die Flügel zu hängen schienen, erblickte. Es sagte ihr alles, ihr Herr Vater lebe nicht mehr. So war es auch, das ganze Schloß war leer; alle Diener und Hausleute waren furchtsam geflohen und hatten die alten Mauern allein stehen lassen. So zog sie in ihr Erbe ein, das einzige was ihr blieb; rasch sprang sie vom Pferde und klopfte leise seinen Hals, als wolle sie sagen: „Bald reiten wir wieder davon!“ Dann warf sie ihm die Zügel auf den Bug, und es trabte mit lautem Hufschlag in den leeren Schloßhof. Der Schloßkaplan schlich in den leeren Gemächern herum, halb als wenn er sich vor ihr scheue, halb als wenn er sie bemitleide; ängstlich übergab er ihr die Schlüssel und ging eilig davon. Die Gräfin stellte sich an ein hohes Fenster und schaute hinaus auf die dunklen blauenden Berge in der Ferne. Sie liebte ihr altes Erbe so, und doch war es ihr, als drücke ihr etwas schwer auf dem Herzen. Die Sonne ging unter, sie erhellte das Gemach und die braune Ledertapete mit einem leisen Schimmer. Da kam der alte Schloßkaplan herein, wich aber scheu zurück vor ihr; sie verlangte, er solle bleiben und alles sagen, was er auf dem Herzen habe.

Nach langem Zagen sagte er endlich, der Graf hätte immer zornig über sie geschwiegen; aber in der letzten Stunde habe er gesagt, es sei gesündigt, daß er nicht die Reiser vom Rutenbaum zu ihrer Erziehung gebraucht; darum habe er den Gram erleben müssen, daß sie davon und unter die Soldaten gegangen sei. Er verwünsche sie, daß sie selbst im Grabe keine Ruhe finde, bis der Rutenbaum vertrockne, und der solle nicht eher vertrocknen und mit frischer Kraft fortblühen, bis ein Mädchen aus ihrem Geschlecht so gut sei, daß es nie eine Rute verdiene.“ Der alte Mann hatte ausgesprochen; die junge Gräfin schwieg und schaute nach der sinkenden Sonne; ihr Glück sank mit ihr.

Da tönten Schritte die öde Burgtreppe hinauf, der Bote trat ein mit einem Schreiben. Der junge Graf war in der Schlacht gefallen; sie schwieg und ging in ihr Turmzimmer, was auf die Gegend hinausschaute, von wannen der Bote gekommen war. Die alten Bücher, in denen sie studierte, lagen um sie her. So saß sie im Lehnstuhl, dem Fenster gegenüber, bis in ihr spätes Alter.

Niemand traute sich in die Nähe dieses Gemachs. In den Wald ging sie noch oft, und fortgewirkt hat sie noch lange. Woher kommt es, daß jetzt jenseit der Berge blühende Wiesen und Felder liegen? Oft kam sie von den Bergen herunter geschritten, wenn die Bauern im Schweiße ihres Angesichts unten arbeiteten, mit traurigen Blicken die Stücke messend, deren widerspenstigen Boden sie glaubten nicht bearbeiten zu können. Sie lehrte ihnen diese fruchtbar machen; sie baute sogar ihnen einen eignen Pflug. Die Leute liebten und fürchteten sie. Und doch war es ihnen, wenn sie weg gegangen, als habe sie kein Wort mit ihnen gesprochen, keinen angesehen. Selbst als sie ganz alt war, kam sie an einem Stabe gebückt und schaute mit ihren wunderbaren Augen wie segnend alles an. Die Kinder hatten vor ihr keine Scheu; sie besuchte diese oft im Walde, aber wenn sie gegangen, war es ihnen wie ein schöner Traum, der wieder verschwand. Ich weiß nicht, auf welche Weise sie mag gestorben sein, aber“, sagte Müffert leise, „man will sie nachdem manchmal gesehen haben. Es ist noch kein Kind aus dem Geschlecht so gut gewesen, daß es nicht eine Rute verdient hätte. – – Ich glaube gar, daß der Rutenbaum vertrocknet! Ach, was für eine kleine artige Gritta wir haben!“

Caroline Bardua, Sir Odillon verlässt den Kaffeter. Ottilie von Graefe heiratet Hermann von Thile, Joseph Joachim„Wo weißt du denn alles her?“ fragte Gritta, deren Augen ganz groß vom vielen Erstaunen und Zuhören geworden.

„Ja, Kind! Sieh, das kenne ich, erst, seitdem ich Schneider geworden, und die großen Bände aus der Schloßbibliothek zum Zeug verbrauchte.“

Er schwieg ein Weilchen – dann sagte er nachdenklich: „Ich weiß eigentlich nicht, was Fräulein Bärwalda gesündigt hat; daß sie die Faulheit nicht liebte, gefällt mir, aber was den bösen Worten des Grafen Wirkung gab, war wohl, daß sie dem alten Herrn davon gelaufen war. Die Brüder des Fräuleins sahen sie nicht und hatten sie auf dem alten Schloß, ihrem Erbe, allein gelassen.“

Gritta schüttelte sich, wie ein Vögelchen seine Federn schüttelt: „Horch, mir ist, als klopfe etwas!“ Ein Windstoß fuhr durch den Schornstein hernieder, es pochte unten, und eine jugendliche Stimme schien hie und da durch den Sturm zu dringen, als suche sie ihn zu überbieten. „Ach, die Ahnfrau vom Rutenbaume!“ sagte Gritta zu Müffert, erschrocken aufschauend. Es war jedoch anders.

Bilder: Via Joseph Joachim: Joseph Joachim to Gisela von Arnim, November 27, 1853, 1. Januar 2015:
Gisela von Arnim;
The Kaffeter, 8. Januar 2017: Ottilie von Graefe für die Kaffeterzeitung, 1843 bis 1848:

  • Präsident Maiblümchen Maximiliane „Maxe“ von Arnim;
  • Amalie „St. Malo“ von Herder;
  • Caroline Bardua: Sir Odillon verlässt den Kaffeter (Ottilie von Graefe heiratet Hermann von Thile), Frontispiz für die Kaffeterzeitung, 5. Jahrgang, Nr. 1, 1847.

Soundtrack: Mozart: Hornquintett Es-Dur, KV 407 (386 c) live auf dem Whittington International Chamber Music Festival zu Shropshire, Mai 2016 mit Katy Woolley, der Ersten Hornistin beim Londoner Philharmonia Orchestra am Waldhorn:

Written by Wolf

27. Juli 2018 at 00:01

Drum dein Stimmlein lass erschallen

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Update zu Trost der Welt, du stille Nacht,
Umfing ihn sein feins Liebchen: Leb wol, du Herzensbübchen! Leb wol! Viel Heil und Sieg!
und Doktor Faust thu dich bekehren:

Wird, gesungen, herzerfreulich seyn.

Goethe, 21. Januar 1806.

Da sieht man, woher die Herren von Arnim und Brentano ihre Volkslied-Raritäten für Des Knaben Wunderhorn aufgesammelt haben: Ab und zu wurde da wirklich ein Schatz in Form eines vorbarocken Flugblatts gehoben — und dann bedienen sie sich wieder aus dem alles andere als verschollenen Abentheuerlichen Simplicissimus von Grimmelshausen — immerhin barock, von 1669.

Giuseppe Calì, Woman in the Moon, 1912Das war ein Lieblingsbuch der beiden Sammler, vor allem Brentanos, weshalb wohl er es ins Wunderhorn hineingetragen und wortgetreu dafür bearbeitet haben wird. Wenn schon nicht redaktionell, versteht man ihn immerhin menschlich: Was Barocklyrik angeht, ist das ein unverwüstlich schönes, auf natürliche Weise inniges Juwel.

Eichendorff verwendete die Wunderhorn-Fassung, welcher Bestseller ihm bis dahin bekannt sein konnte und sogar 1810 von Brentano selbst überreicht wurde, für sein Gedicht Der Einsiedler — nach allen Fundstellen „um 1837“ entstanden, aber schon „um 1836“ in Eine Meerfahrt eingebaut. Wieder unter Brentanos Händen entstand 1846 doch noch die Rarität im Märchen von dem Schulmeister Klopfstock und seinen fünf Söhnen — das von Brentano vermutlich nicht ausdrücklich als verstecktes Nebenwerk beabsichtigt war, wo aber der Klausner eine Version in wesentlich nachbarockem Deutsch und vor allem in einem erfreulich grotesken Kontext singt.

In den folgenden Versionen erhellt, dass bei Grimmelshausen noch die Überschrift fehlt. Von Brentano wurde sie wohl nach einem Vers aus einem der Lieder nach Ossian aus der Volksliedsammlung von Herder 1779 gestaltet: „Der weckt den Schall der Nacht“, dort Buch 2, Nr. 15 — übrigens in der Reihe die Version, die als schroffer, schwer verständlicher Fremdkörper heraussticht.

Im gesamten Material liegt genügend Schönheit, um es versammelt sehen zu wollen. — Chronologisch:

L. Friday Comerre, 2017

——— Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen:

Das siebente Kapitel.

Simplex wird in einer Herberg tractiret /
ob gleich wird sehr grosser Mangel gespühret.

aus: Der Abentheuerliche Simplicissimus Teutsch, I. Buch, 7. Capitul, 1669, ungekürzt:

WAs gestalten mir wieder zu mir selbst geholffen worden / weiß ich nicht / aber dieses wol / daß der Alte meinen Kopff in seinem Schos / und vornen meine Juppen geöffnet gehabt / als ich mich wieder erholete / da ich den Einsidler so nahe bey mir sahe / fieng ich ein solch grausam Geschrey an/ als ob er mir im selben Augenblick das Hertz auß dem Leib hätte reissen wollen: Er aber sagte / mein Sohn / schweig / ich thue dir nichts / sey zu frieden / etc. je mehr er mich aber tröstete / und mir liebkoste: Je mehr ich schrye / O du frisst mich! O du frisst mich! du bist der Wolf / und wilst mich fressen: Ey ja wol nein / mein Sohn / sagte er / sey zu frieden / ich friß dich nicht. Diß Gefecht währete lang / biß ich mich endlich so weit liesse weisen / mit ihm in seine Hütten zu gehen / darin war die Armut selbst Hofmeisterin / der Hunger Koch / und der Mangel Küchenmeister / da wurde mein Magen mit einem Gemüß und Trunck Wassers gelabt / und mein Gemüt / so gantz verwirret war / durch deß Alten tröstliche Freundligkeit wieder auffgericht und zu recht> gebracht: Derowegen ließ ich mich durch die Anreitzung deß süssen Schlaffes leicht bethören / der Natur solche Schuldigkeit abzulegen. Der Einsidel merckte meine Notdurfft / darumb liesse er mir den Platz allein in seiner Hütten / weil nur einer darin ligen konte; ohngefähr umb Mitternacht erwachte ich wieder / und hörete ihn folgendes Lied singen / welches ich hernach auch gelernet:

Carl Schweninger, Der Morgenstern und der MondKOmm Trost der Nacht / O Nachtigal /
Laß deine Stimm mit Freudenschall /
Auffs lieblichste erklingen :/:
Komm / komm / und lob den Schöpffer dein /
Weil andre Vöglein schlaffen seyn /
Und nicht mehr mögen singen:
     Laß dein / Stimmlein /
          Laut erschallen / dann vor allen
               Kanstu loben
Gott im Himmel hoch dort oben.

Ob schon ist hin der Sonnenschein /
Und wir im Finstern müssen seyn /
So können wir doch singen :/:
Von Gottes Güt und seiner Macht /
Weil uns kan hindern keine Nacht /
Sein Lob zu vollenbringen.
     Drumb dein / Stimmlein /
          Laß erschallen / dann vor allen
               Kanstu loben /
Gott im Himmel hoch dort oben.

Echo, der wilde Widerhall /
Will seyn bey diesem Freudenschall /
Und lässet sich auch hören :/:
Verweist uns alle Müdigkeit /
Der wir ergeben allezeit /
Lehrt uns den Schlaff bethören.
     Drumb dein / Stimmlein /
          Laß erschallen / dann vor allen
               Kanstu loben /
Gott im Himmel hoch dort oben.

Die Sterne / so am Himmel stehn /
Lassen sich zum Lob Gottes sehn /
Und thun ihm Ehr beweisen :/:
Auch die Eul die nicht singen kan /
Zeigt doch mit ihrem heulen an /
Daß sie Gott auch thu preisen.
     Drumb dein / Stimmlein /
          Laß erschallen / dann vor allen
               Kanstu loben /
Gott im Himmel hoch dort oben.

Nur her mein liebstes Vögelein /
Wir wollen nicht die fäulste seyn /
Und schlaffend ligen bleiben :/:
Sondern biß daß die Morgenröt /
Erfreuet diese Wälder öd /
Im Lob Gottes vertreiben.
     Laß dein / Stimmlein /
          Laut erschallen / dann vor allen
               Kanstu loben /
GOtt im Himmel hoch dort oben.

Unter währendem diesem Gesang bedunckte mich warhafftig / als wann die Nachtigal so wol / als die Eul und Echo, mit eingestimmt hätten / und wann ich den Morgenstern jemals gehört / oder dessen Melodey auff meiner Sackpfeiffen aufzumachen vermöcht / so wäre ich auß der Hütten gewischt / meine Karten mit einzuwerffen / weil mich diese Harmonia so lieblich zu seyn bedunckte / aber ich entschlieff / und erwachte nicht wieder / biß wol in den Tag hinein / da der Einsidel vor mir stunde / und sagte: Uff Kleiner / ich will dir Essen geben / und alsdann den Weg durch den Wald weisen / damit du wieder zu den Leuten / und noch vor Nacht in das nächste Dorff kommest; Jch fragte ihn / was sind das für Dinger / Leuten und Dorff? Er sagte / bist du dann niemalen in keinem Dorff gewest / und weist auch nicht / was Leut oder Menschen seynd? Nein / sagte ich / nirgends als hier bin ich gewest / aber sag mir doch / was seynd Leut / Menschen und Dorff? Behüt GOtt / antwortet der Einsidel / bist du närrisch oder gescheid? Nein / sagte ich / meiner Meüder und meines Knans Bub bin ich / und nicht der närrisch oder der gescheid: Der Einsidel verwundert sich mit Seufftzen und Becreutzigung / und sagte: Wol liebes Kind / ich bin gehalten / dich umb GOttes willen besser zu unterrichten: Darauff fielen unsere Reden und Gegen-Reden / wie folgend Capitel außweiset.

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Jules Joseph Lefebvre, Le rêve

——— Johann Gottfried Herder:

15. Fillans Erscheinung und Fingals Schildklang

Aus Ossian

aus: „Stimmen der Völker in Liedern“. Volkslieder, Zweiter Theil, Zweites Buch, Nummer 15, 1778:

Luis Ricardo Falero: Moon Nymph, detail, 1883Kein Schlaf in deinem Dunkel ist auf dir,
Blauaugigte Tochter Konmors, des Hügels.
Es hört Sulmalla den Schlag,
Auf stand sie in Mitte der Nacht,
Ihr Schritt zum Könige Atha’s des Schwerts,
„Kann ihm erschrecken die starke Seele?“
Sie stand in Zweifel, das Auge gebeugt.
Der Himmel im Brande der Sterne. – –

Sie hört den tönenden Schild,
Sie geht, sie steht, sie stutzet, ein Lamm,
Erhebt die Stimme; die sinkt hinunter – –
Sie sah ihn im glänzenden Stahl,
Der schimmert zum Brande der Sterne – –
Sie sah ihn in dunkler Locke,
Die stieg im Hauche des Himmels – –
Sie wandte den Schritt in Furcht:
„Erwachte der König Erins der Wellen!
Du bist ihm nicht im Traume des Schlafs,
Du Mädchen Inisvina des Schwerts.“

Noch härter tönte der Schall;
Sie starrt; ihr sinket der Helm.
Es schallet der Felsen des Stroms,
Nachhallets im Traume der Nacht;
Kathmor hörets unter dem Baum,
Er sieht das Mädchen der Liebe,
Auf Lubhars Felsen des Bergs,
Rothes Sternlicht schimmert hindurch
Dazwischen der Schreitenden fliegendem Haar.

Wer kommt zu Kathmor durch die Nacht?
In dunkler Zeit der Träume zu ihm?
Ein Bote vom Krieg im schimmernden Stal?
Wer bist du, Sohn der Nacht?
Stehst da vor mir, ein erscheinender König? –
Ruffen der Todten, der Helden der Vorzeit? –
Stimme der Wolke des Schauers? –
Die warnend tönt vor Erins Fall.

„Kein Mann, kein Wandrer der Nachtzeit bin ich,
Nicht Stimme von Wolken der Tiefe,
Aber Warnung bin ich vor Erins Fall.
Hörst du das Schallen des Schildes?
Kein Todter ists, o König von Atha der Wellen,
Der weckt den Schall der Nacht!“

„Mag wecken der Krieger den Schall!
Harfengetön ist Kathmor die Stimme!
Mein Leben ists, o Sohn des dunkeln Himmels,
Ist Brand auf meine Seele, nicht Trauer mir.
Musik den Männern im Stale des Schimmers
Zu Nachts auf Hügeln fern.
Sie brennen an denn ihre Seelen des Strals,
Das Geschlecht der Härte des Willens.
Die Feigen wohnen in Furcht,
Im Thal des Lüftchens der Lust,
Wo Nebelsäume des Berges sich heben
Vom blauhinrollenden Strom u.f.“

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Wytch Photos, Spirit of the New Moon, 9. September 2016

——— Clemens Brentano & Achim von Arnim:

Schall der Nacht.

Simplicissimi Lebenswandel. Nürnberg 1713. I. B. S. 28.

aus: Des Knaben Wunderhorn, Band 1, 1806:

William-Adolphe Bouguereau, L'Étoile Perdue, 1884Komm Trost der Nacht, o Nachtigall!
Laß deine Stimm mit Freuden-Schall
Aufs lieblichste erklingen,
Komm, komm, und lob den Schöpfer dein,
Weil andre Vögel schlafen seyn,
Und nicht mehr mögen singen;
Laß dein Stimmlein
Laut erschallen, denn vor allen
Kannst du loben
Gott im Himmel, hoch dort oben.

Obschon ist hin der Sonnenschein,
Und wir im Finstern müssen seyn,
So können wir doch singen
Von Gottes Güt und seiner Macht,
Weil uns kann hindern keine Nacht,
Sein Loben zu vollbringen.
Drum dein Stimmlein
Laß erschallen, denn vor allen
Kannst du loben
Gott im Himmel, hoch dort oben.

Echo, der wilde Wiederhall,
Will seyn bei diesem Freudenschall,
Und läßet sich auch hören;
Verweist uns alle Müdigkeit,
Der wir ergeben allezeit,
Lehrt uns den Schlaf bethören.
Drum dein Stimmlein
Laß erschallen, denn vor allen
Kannst du loben
Gott im Himmel, hoch dort oben.

Die Sterne, so am Himmel stehn,
Sich lassen Gott zum Lobe sehn,
Und Ehre ihm beweisen;
Die Eul‘ auch, die nicht singen kann,
Zeigt doch mit ihrem Heulen an,
Daß sie auch Gott thu preisen.
Drum dein Stimmlein
Laß erschallen, denn vor allen
Kannst du loben
Gott im Himmel, hoch dort oben.

Nur her, mein liebstes Vögelein!
Wir wollen nicht die faulsten seyn,
Und schlafen liegen bleiben,
Vielmehr bis daß die Morgenröth
Erfreuet diese Wälder-Oed,
In Gottes Lob vertreiben;
Laß dein Stimmlein
Laut erschallen, denn vor allen
Kannst du loben
Gott im Himmel, hoch dort oben.

~~~\~~~~~~~/~~~

Jan Saudek

——— Joseph von Eichendorff:

Der Einsiedler

aus: Deutscher Musenalmanach, 1837; gesammelt in: Gedichte 1831–1836, 6. Geistliche Gedichte:

Albert Aublet, Sélène, 1880Komm, Trost der Welt, du stille Nacht!
Wie steigst du von den Bergen sacht,
Die Lüfte alle schlafen,
Ein Schiffer nur noch, wandermüd‘,
Singt übers Meer sein Abendlied
Zu Gottes Lob im Hafen.

Die Jahre wie die Wolken gehn
Und lassen mich hier einsam stehn,
Die Welt hat mich vergessen,
Da tratst du wunderbar zu mir,
Wenn ich beim Waldesrauschen hier
Gedankenvoll gesessen.

O Trost der Welt, du stille Nacht!
Der Tag hat mich so müd gemacht,
Das weite Meer schon dunkelt,
Laß ausruhn mich von Lust und Not,
Bis daß das ew’ge Morgenrot
Den stillen Wald durchfunkelt.

~~~\~~~~~~~/~~~

Pompeo Batoni: Truth and Mercy, ca. 1745

——— Clemens Brentano:

Komm, Trost der Nacht

aus: Das Märchen von dem Schulmeister Klopfstock und seinen fünf Söhnen, 1846:

„[…] Ich rührte mich nicht und hörte nach einer Weile ein ganz entsetzliches Schnarchen, als wenn man Holz säge. Ach, dachte ich, was muß das Tier für ein abscheulich großes Maul haben, das so gewaltig schnarchen kann! Nun ging der Mond über dem Walde auf und goß seinen wunderbaren Glanz durch die Bäume; da blickte ich mit Angst in das Gelaube des Baumes hinein, von dem ich gefallen war, um etwas zu erkennen, wie das Tier aussähe, weil ich in meinem Leben nichts von einem Tiere gehört hatte, das einem Wildschweine eine Ohrfeige gäbe und dann wie ein Hund bellend in den Bäumen herumlaufe. Bald sah ich seinen schwarzen Schatten in einem Astwinkel liegen, wo es schnarchte; aber es wehten so lange Haare herum, daß ich es nicht erkennen konnte. Indem ich so hinaufsah, hatte ich einen neuen Schrecken: das Tier streckte sich und gähnte ganz entsetzlich uah, uah, und nieste so heftig, daß die Eicheln wie ein Hagelwetter mir auf die Nase rasselten. Aber ich wagte nicht, mich zu rühren, und wie groß war mein Erstaunen, als ich das Tier auf einmal mit lauter heller Stimme folgendes schöne Lied singen hörte:

Artemisia Gentileschi: Allegoria dell'inclinazioneKomm, Trost der Nacht, o Nachtigall!
Laß deine Stimm mit Freudenschall
Aufs lieblichste erklingen;
Komm, komm und lob den Schöpfer dein,
Weil andre Vöglein schlafen sein
Und nicht mehr mögen singen:
Laß dein Stimmlein laut erschallen,
Denn vor allen
Kannst du loben
Gott im Himmel hoch dort oben.

Obschon ist hin der Sonnenschein
Und wir im Finstern müssen sein,
So können wir doch singen
Von Gottes Güt und seiner Macht,
Weil uns kann hindern keine Nacht,
Sein Lobe zu vollbringen:
Drum dein Stimmlein laß erschallen,
Denn vor allen
Kannst du loben
Gott im Himmel hoch dort oben.

Echo, der wilde Wiederhall,
Will sein bei diesem Freudenschall
Und lässet sich auch hören;
Verweist uns alle Müdigkeit,
Der wir ergeben alle Zeit,
Lehrt uns den Schlaf betören;
Drum dein Stimmlein laß erschallen,
Denn vor allen
Kannst du loben
Gott im Himmel hoch dort oben.

Die Sterne, die am Himmel stehn,
Sich lassen zum Lobe Gottes sehn
Und Ehre ihm beweisen;
Die Eul auch, die nicht singen kann,
Zeigt doch mit ihrem Heulen an,
Daß sie Gott auch tu preisen;
Drum dein Stimmlein laß erschallen,
Denn vor allen
Kannst du loben
Gott im Himmel hoch dort oben.

Nur her, mein liebstes Vögelein!
Wir wollen nicht die Faulsten sein
Und schlafend liegen bleiben;
Vielmehr, bis daß die Morgenröt
Erfreuet diese Wälder öd,
In Gottes Lob vertreiben;
Laß dein Stimmlein laut erschallen,
Denn vor allen
Kannst du loben
Gott im Himmel hoch dort oben.“

„Ei, das war sein Lebtag kein wildes Tier, welches dieses Lied sang!“ rief da der Schulmeister Klopfstock aus, und Trilltrall sagte: „Ihr habt gut reden, lieber Vater! Ihr habt es nicht gesehen auf allen Vieren ans Wasser kriechen, dem Wildschwein die Ohrfeige geben und dann auf dem Baum herumbellen; freilich, als es das schöne fromme Lied so recht aus Herzensgrund durch den Baum sang, in welchen der Mond hineinschien wie in eine schöne Kirche, und als Echo, der wilde Wiederhall, und die liebe Frau Nachtigall auch sangen zu diesem Freudenschall, und der Quell lieblicher rauschte und der Wald andächtiger lauschte, da zogen die Wölkchen am Himmel nicht mehr so schnell, und der Mond ward noch einmal so hell, und alle meine Angst besänftigte sich; meine Seele, welche gewesen war wie ein Meer, in welches ein großer Felsen hineinstürzte, verwirrt und trüb voll niederschlagender Wellen, wurde nach dem ersten Verse schon wie ein See, in den ein Fisch, den ein Geier herausgeraubt, frisch und gesund wieder hineinfällt; und nach dem zweiten Vers wie ein See, auf welchen ein singender Schwan niederfliegt und schimmernde Gleise zieht; und nach dem dritten Vers wie ein See, in welchen eine vorüberreisende Taube ein Zweiglein von dem friedlichen Ölbaum fallen läßt; und nach dem vierten Vers wie ein See, in den ein vorüberziehendes Lüftlein ein Rosenblatt weht; und nach dem fünften Vers war es mir, als sei ich wie ein müdes Bienlein, das über den See fliegen wollte und gar nicht weiter konnte und in großer Angst war, da es zum Wasser herabfiel, auf dieses Rosenblatt gefallen, und als schiffe ich sicher und ruhig auf dem Rosenblättlein hinüber und lande jenseits in einem blumenvollen Garten, aus dem mir die Nachtigallen entgegenschmetterten; mein Herz war so ruhig wie ein Spiegel, in dem sich der Mond anschaut und vor dem der Friede sang:

Ach, hört das süße Lallen
Der kleinen Nachtigallen!“

Auguste Raynaud: La nuit, 1887

Bilder:

  1. Gustave Moreau, Nyx, Göttin der Nacht, 1880Giuseppe Calì: Woman in the Moon, 1912, via Silence for My Soul;
  2. L. Friday Comerre, 2017, via Eudaimonia;
  3. Carl Schweninger (1854-1903): Der Morgenstern und der Mond, via Silence for My Soul;
  4. Jules Joseph Lefebvre: Le rêve;
  5. Luis Ricardo Falero: Moon Nymph (detail), 1883, via Mademoiselle la Piquante;
  6. Wytch Photos: Spirit of the New Moon, 9. September 2016;
  7. William-Adolphe Bouguereau: L’Étoile Perdue, 1884, via Wikiquote;
  8. Jan Saudek, via Jan Saudek Moodboard;
  9. Albert Aublet: Sélène, 1880, via Paintings Daily, 23. Mai 2017;
  10. Pompeo Batoni: Truth and Mercy, ca. 1745, via Centuries Past;
  11. Artemisia Gentileschi: Allegoria dell’inclinazione, via Art;
  12. Auguste Raynaud: La nuit, 1887, via Notes From A Superfluous Man, 11. Februar 2017;
  13. Gustave Moreau: Nyx, Göttin der Nacht, 1880, via Wikimedia Commons.

Vertonungen: Robert Schumann: Der Einsiedler, opus 83 Nr. 3;
Max Reger: Der Einsiedler, opus 144a, 1915:


Soundtrack: Freakwater: Lullaby, aus: Feels Like the Third Time, 1994:

Written by Wolf

29. Juni 2018 at 00:01

Hochwaldklangwolke: Die einzelnen Minuten, wie sie in den Ozean der Ewigkeit hinuntertropfen

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Update zu Zeichenstifter und
Ach Himmel, wie sich die Menschen täuschen können!:

Es ist einmal gegen mich bemerkt worden, daß ich nur das Kleine bilde, und daß meine Menschen stets gewöhnliche Menschen seien.

A. S.: Bunte Steine, Vorrede, 1853.

Um Gottes willen, ich muss aufhören, Adalbert Stifter zu lesen. Ich geliere ja schon.

Adalbert Stifter, Die Ruine Wittinghausen, um 1833--1835

Es ist in jeder Hinsicht beruhigend, wenn Adalbert Stifter zu einem kommt. Da hat man richtig lange was zu lesen und muss sich nicht aufregen. Der Mann ist einer der verrufensten Großlangweiler der deutschen, wenn nicht gar der Weltliteratur, man liest ihn nicht atemlos. Er ist langatmig, weil er einen langen Atem hat. Deshalb braucht man einen langen Atem, um auch nur eine Geschichte von ihm, die natürlich als Erzählungen firmieren, bis zu Ende zu lesen. Man soll ihm sehr lange sehr genau zuhören, denn er will ausreden. Deshalb hat er seine meisten Erzählungen und Romane mindestens zweimal, gern auch gleich sechsmal, von Grund auf neu geschrieben.

Die gar nicht überschätzbare politische Dimension von Stifters dröhnender Stille hat Heribert Prantl erfasst: Was man vom langweiligsten aller langweiligen Dichter lernen kann, Prantls Blick vom 21. Januar 2018. Weil Prantl bei der Süddeutschen Zeitung eben nicht fürs Feuilleton, sondern ressortleitend fürs Innenpolitische zuständig ist, hat er weniger eigene Erkenntnisse gefunden, als er Autoritäten zitiert, denen er zu glauben geneigt ist: Christian Begemann mit:

„Im Zeitalter einer rasanten Beschleunigung aller Lebensvollzüge kann man den Nachsommer genießen als eine Art therapeutischen Entschleuniger, man kann ihn lesen als … den ersten ökologischen Roman.“ Das Vorbildhafte der kleinen Stifterwelt zeige sich nicht in bedeutenden Ereignissen und umfassenden Plänen, sondern gerade im schlichten, aber völlig durchgearbeiteten Alltäglichen; für Stifter sei es immer das Kleine, in dem sich das Richtige realisiert.

Karl Kraus

verbeugte sich tief vor Adalbert Stifter — hielt dagegen die meisten Schreiber seiner Zeit für völlig bedeutungslos; er forderte sie auf, (sofern sie noch „ein Quäntchen Menschenwürde und Ehrgefühl“ besäßen) vor das Grab Adalbert Stifters zu ziehen. Sie sollten dort „das stumme Andenken dieses Heiligen für ihr lautes Dasein um Verzeihung bitten und hierauf einen solidarischen leiblichen Selbstmord auf dem angezündeten Stoß ihrer schmutzigen Papiere und Federstiele unternehmen“.

Simon Strauß meine:

[b]ei Stifter sei nichts zu klein, um von ihm nicht groß beschrieben zu werden. Bei Stifter lernt man, was Stille ist: Es gibt eine Stille, in der man meint, „man müsse die einzelnen Minuten hören, wie sie in den Ozean der Ewigkeit hinuntertropfen“. Man fände diese Stille gern in unseren lauten Tagen.

und Prantls alter Lehrer, „über den wir Schüler auch deswegen gefeixt haben, weil er bei jeder Gelegenheit Stifter zitierte; am liebsten einen Satz aus dem Beginn der Erzählung ‚Hochwald‘.“

Autoritäten zu zitieren ist etwas Zulässiges und Glaubwürdiges; ich unternehme wenig anderes. Prantl hat es anlässlich Stifters 150. Todestag am 28. Januar 2018 getan. Typisch, dass daran ein 64-jähriger Fusselbart in seiner regelmäßig vom Lektorat durchgewinkten Nebenkolumne erinnern muss und sich der deutschsprachige Kulturbetrieb (dich schau ich an, Buchhandel!) dazu verhalten hat wie „tiefschwarz, überragt von der Stirne und Braue der Felsen, gesäumt von der Wimper dunkler Tannen, drin das Wasser regungslos wie eine versteinerte Träne“ (Stifter, Hochwald, 1842).

Adalbert Stifter, St. Thoma Wittinghausen, um 1839

Das wichtigste Handlungselement, zugleich turbulenteste Ereignis, ist so ziemlich jedes Mal, wie grün der Wald ist. Meistens ist es der Böhmerwald, und davon der südliche Teil, im heutigen Länderdreieck Bayern-Böhmen-Oberösterreich, wo sie Mühlviertel dazu sagen. Die Eichendorff-Novellen sind Tarantino-Blockbuster dagegen.

Arno Schmidt hatte also recht wie immer, indem er Stifter ausführlicher, tiefgreifender und detaillierter, also schon nicht mehr lässlicher Plagiate bei James Fenimore Cooper überführt hat, und begründet fundiert, welche von Stifters Leistungen überleben werden und welche seiner Belanglosigkeiten lieber in der Literaturgeschichte verstauben dürfen. Stifters Wald aber schafft das Grünsein im Buch so gut wie im Film, und das ist durchaus eine Qualität. Gerade über die Studien-Sammlung, worin der Hochwald vorkommt, redet Meister Arno recht lobend; zu meiden wäre das Großwerk Witiko.

Adalbert Stifter, Zerfallene Hütte im Wald, 1840 oder 1846

So respektlos das alles klingt, fühlt man sich nach einigem Vertiefen in Stifteriana richtig ausgeruht. Deshalb hab ich lang und breit nachgegoogelt, wo Stifters Handlungen sich überhaupt ereignen. Nicht dass es besonders schwer herauszufinden wäre, aber man verweilt dann doch gar zu gern.

Es ist alles ums Dreiländereck Böhmen-Österreich-Bayern voll der fleischfressenden, weil deutsch und tschechisch vorhandenen Ortsnamen und viel Vollprovinz zum Kennenlernen, Einordnen und geistigen Rumhängen. In meiner Kindheit war unter den Eisenbahnerkollegen meines Vaters das anliegende Steinerne Meer bekannt — und beliebt, um zollfrei Schnaps und Zigaretten anzukaufen. Die Gesamtgegend heißt Mühlviertel — ja, sag das doch gleich, das kennt man dem Namen nach auch weiter nördlich, als Ausdruck für beschaulichen Urwald mit nicht minder uriger Bevölkerung — also weniger als Kulturgegend, in der man der von Fenimore „Lederstrumpf“ Cooper … nun ja: entlehnten Weltliteratur hinterherspüren könnte.

Als Stichwortgeber und Ausgangspunkt für Intenet-Reisen empfiehlt sich das Böhmerwälder Adalbert-Stifter-Denkmal, von dort geht’s weiter in die ganze Gegend mit Plöckensteiner See und smetanabekannter Moldauquelle.

Es herrscht ein naturgemäß sehr ruhiger, dafür umso länger andauernder Gelehrtenstreit darüber, welche Fassungen aus Stifters Werk vorzuziehen seien: Die Frühfassungen gelten als unmittelbar und frisch, aber unausgegoren, die Spätfassungen als ausgereift, aber breitärschig. In neueren Stifter-Ausgaben stelle ich eine Tendenz zu den Frühfassungen fest und bin recht glücklich mit meinen angemessen durchgegilbten Studien „nach dem Text der Erstdrucke oder der Ausgabe letzter Hand“ aus der fünfbändigen Winkler-Gesamtausgabe, die meines Wissens seit 1949 unverändert aufgelegt wird. Für meine eigenen privaten Studienpläne möchte ich festhalten, dass bis jetzt gelesen sind: Der Condor, Die Mappe meines Urgroßvaters, Brigitta, Der Waldsteig und sowieso Der Hochwald; Der Nachsommer ist anstehend, aber vorsichtshalber nicht zu bald, Witiko wird weiträumig umfahren und um zu wissen, wie überstrapaziert der Bergkristall ist, muss man nicht mal die 2004er Vilsmaier-Verfilmung mit Katja Riemann kennen.

Adalbert Stifter, Die Gutwasserkapelle bei Oberplan, 1845

Am besten und am nachhaltigsten wirksam war mir der Hochwald. Kann sein, weil ich von Anfang an immer die Stimmung aus dem Klangwolken-Trailer mithören konnte und ja mit Sommerregen, tiefem grünem Wald, Moos und barfüßigen Dryaden im Elfenkleide etwas anfangen kann.

Klangwolke? — Klangwolke. Offenbar brauchten engagierte Kulturschaffende in Österreich keinen 150. Todestag, denen genügte der 210. Geburtstag:

——— lawine torrèn:

HOCHWALD

Trailer für Linzer Klangwolke, 2015:

adalbert stifters erzählung HOCHWALD als stadtergreifendes naturtheater vom paradies und seinem verlust

ein vater aus dem böhmerwald fürchtet während eines krieges um die sicherheit seiner beiden töchter und bringt sie deshalb in ein verstecktes waldhaus. dieses haus befindet sich im unberührten wald. dennoch wird das versteck von einem jungen mann entdeckt, der eines der mädchen liebt.

vor dem hintergrund dieser erzählung über den wald, die unschuld und das streben nach sicherheit, geht es um die zukunft der natur. „während wir uns über die entwicklung der städte im 21. jahrhundert gedanken machen, fehlt ein gestalterischer plan dafür, wie sich jene naturlandschaft entwickeln sollte, die längst nicht mehr unabhängig vom menschen dahinwächst. aller wald in europa ist von menschenhand gemacht. wie also stellen wir in hinkunft die natur her, sodass es sich lohnt in ihr zu wohnen?“ so regisseur hubert lepka. anders gesagt: der böhmerwald ist heute bedeckt von wirtschaftswald. wahre baumriesen und gestaltete natur finden wir hingegen in den städtischen parks und den englischen gärten.

der wald kommt in die stadt

die textfassung von joey wimplinger übersetzt die romantische erzählung stifters von 1842 in das urbane landschafts- und stadtbild von linz an der donau. da weder die donau noch die bauten der stadt in den wald kommen, kommt der wald in die stadt. bagger, stapler, laster und schiffe bringen mehrere dutzend bäume — einen veritablen nadelwald — samt waldhaus in einer überdimensionalen choreographie zum tanzen. die donaulände und der gesamte sichtbare stadtraum werden als bewegte naturlandschaft begreifbar, über der zart an einem abrissbagger ein beflügeltes wesen schwebt.

feuer

vieles von dem, wie stadt aussieht (die mittelalterliche stadt genauso wie die moderne), hat mit dem feuer zu tun. brände machten bauordnungen nötig. brandrodungen gestalteten wald und wiese. vom brennmaterial holz wurden ganze landschaften geprägt. feuer und seine abwehr bestimmen immer noch unser wohnen. auch in dieser klangwolke kommt also dem feuerwerk und der feuerwehr eine entsprechende rolle zu.

klangwolke unplugged

adalbert stifters HOCHWALD spielt im 30-jahrigen krieg, jenem umbruch in europa, der die religion, die geographie der herrschaft, die musik, die kunst ebenso zerstörte wie neu entstehen ließ. das im klingenden spiel marschierende heer (jenes der bauern wie jenes der fürsten) lebt heute noch in der tradition der blasmusik fort. HOCHWALD bringt marschmusik und die hochentwickelte polyphonie der spätrenaissance in den kontext zeitgenössischer elektronik. und zwar als musikdramatik im sinne von erzählender, emotionalisierender filmmusik.

pavillon

ein haus fährt auf dem treppelweg, ein offener pavillon auf rädern, dessen innenwände aus großen videowalls bestehen. unmittelbar vor den augen der zuschauer gleiten darin wichtige szenen von HOCHWALD vorbei.

die idee dieser mobilen immobilie weist vielleicht einen architektonischen weg, wie wir bei schonendem verbrauch der grundstoffe, wie etwa landschaft, baumaterial und energie, unsere lebenswelt so gestalten konnten, dass es sich auch in hinkunft lohnt, darin zu wohnen.

HOCHWALD
tanz der bäume im donaupark
5. september 2015 | 19.30 Uhr
linz | donaupark | klangwolke

Für ein „stadtergreifendes Naturtheater“, das man offenbar wenn schon nicht gesehen, so anscheinend doch einmal gemacht haben muss, geht so ein Projekt schon klar. Österreicher dürfen sowieso alles, und Österreicherinnen erst.

Das Theater ist nicht vollständig im Bild überliefert, im Trailer 2 beobachten wir eine barfüßige Österreicherin und dürfen fachmännisch rätseln, ob die Schauspielerin in den tschechischen Reiterstiebeln dieselbe wie die Barfüßerin war, und wenn ja, ob sie zuerst die gestiefelten Szenen drehen durfte oder gleich zu Drehbeginn barfuß durch den Wald sprinten musste. Passend ist das insofern, als auch im Stifterschen Hochwald zwei einander ähnelnde, weil schwesterliche Jungmaiden vorkommen, die noch tiefer in den Wald verschickt werden, als sie zu Anfang schon waren, und barfüßicht vorzustellen sind. Die Nahaufnahme der Waldfeenflossen ab Minute 1:35 im Trailer vermittelt wohl die archaische Naturnähe.

Im Trailer 3 verwendet die österreichische lawine für ihre Aspekte des Balletts allerschwerstes land- und forstwirtschaftliches Gerät, ja gar Hubschrauber. Wenn das Herr Stifter noch hätte erleben müssen, wäre er schon gar nicht mehr mit 62 so ausgesprochen unglücklich beim Rasieren mit dem Messer ausgerutscht, indem ihn umgehend der Schlag getroffen hätte, weil es seiner umfassenden Ruhe des sanften Gesetzes widerspricht — es kann aber ein Ballett schon wieder auf spektakuläre Weise cool machen:

Ich muss aufhören, Adalbert Stifter zu lesen. Vielleicht versuch ich doch mal Wilhelm Raabe.

Adalbert Stifter, Waldhang, 2. Oktober 1865

Bilder: Adalbert Stifter: Das malerische Werk:

  1. Die Ruine Wittinghausen, um 1833–1835, Öl auf Leinwand, 905 cm × 14,2 cm (sic, laut Zeno.org);
  2. St. Thoma Wittinghausen, um 1839, Öl auf Holz, 9,5 cm × 14,2 cm, Adalbert-Stifter-Institut des Landes Österreich;
  3. Zerfallene Hütte im Wald, 1840 oder 1846, Bleistift auf Papier, 19 cm × 26,5 cm;
  4. Die Gutwasserkapelle bei Oberplan, 1845, Bleistift auf Papier, 24,4 cm × 29,6 cm;
  5. Waldhang, 2. Oktober 1865, Bleistift auf Papier, Adalbert-Stifter-Institut des Landes Österreich;
  6. Christoph K.: Böhmerwald — Blick ins Landesinnere von Tschechien, 10. Oktober 2011:

    Blick vom Plöckenstein (am Adalbert-Stifter-Denkmal) in Richtung Landesinneres der Tschechischen Republik. In der Bildmitte am Horizont ist das Kernkraftwerk Temelín erkennbar.

Christoph K.: Böhmerwald -- Blick ins Landesinnere von Tschechien, 10. Oktober 2011

Soundtrack: Andreas Hartauer aus Goldbrunn/Zlatá Studna, um 1870: Tief drin im Böhmerwald, mit Bildmaterial aus Stifter-Hochwald-City Böhmisch Krumau an der Moldau, das ist: Krumlov. Aufnahme von Oliver Nowak an Mandoline und Gitarre in Limerick, County Limerick, Irland, 2016:

Written by Wolf

13. April 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Biedermeier, Land & See, ~~~Olymp~~~

Schnabel–Tieck–Schmidt: Reise in die Wirklichkeit: Im vorliegenden Fall ist es um 1 entscheidende Spur unheimlicher

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Update zu Hastig die ärmlichen Verse
und Der Fluch des Albatros:

Tristan da Cunha, NASA Karte der Insel Felsenburg

Ohne Arno Schmidt wäre die Insel Felsenburg von Johann Gottfried Schnabel 1731 ein obskurer Abenteuerroman geblieben. Was Insel Felsenburg statt dessen mit Arno Schmidt ist? Weiterhin ein obskurer Abenteuerroman — aber außer einer in die Relevanz erhobenen Utopie auch noch ein unerklärlich genaues Abbild der äußeren Wirklichkeit.

Die äußere Wirklichkeit besteht in einem ihrer unzugänglichsten, abgelegensten Ausschnitte: Tristan da Cunha. Das erfahren wir aus Schmidts dialogförmigem Radio-Essay Herrn Schnabels Spur. Vom Gesetz der Tristaniten, gesendet am 14. Dezember 1956, zuerst gedruckt 1958, heute am besten erreichbar in der Bargfelder Ausgabe, Werkgruppe II, Band 1 auf Seite 235 bis 264.

Tristan da Cunha, Kirchturmspitze mit Wetterwal

Wie tief Schmidt dort bohrt, dass einen nach den bisherigen sechzig Jahren noch wundern muss, wie da eine literaturhistorische und gleichzeitig geographische Revolution ausbleiben konnte, das kriegen wir noch, versprochen. Vorerst schauen wir nach, wie Schnabels Insel Felsenburg auf uns gekommen ist.

Die kurze Reihe geht über Ludwig Tieck, einen der ganz wenigen erklärten Hauptlieblinge von Arno Schmidt. Tieck hat den Roman nämlich einmal neu herausgegeben, woruch er Schmidt auffallen konnte. Zu seiner Zeit war Insel Felsenburg offenbar einer der paar Bestseller, die wegen großer Frömmigkeit und leicht verdaulicher Handlung in besonders vielen deutschen Haushalten das einzige Buch neben der Bibel sein durften. Vergessen wurde es wahrscheinlich wegen seines enormen Umfangs — die ungekürzte Neuausgabe von 1997 zählt in Neusatz 2686 Seiten — und seiner sperrigen Überschrift, die sich kaum süffig abkürzen lässt („Wunderliche Fata einiger See-Fahrer“?):

Tristan da Cunha, Hinterglasbild MadonnaWunderliche Fata einiger See-Fahrer, absonderlich Alberti Julii, eines gebohrnen Sachsens, Welcher in seinem 18den Jahre zu Schiffe gegangen, durch Schiff-Bruch selb 4te an eine grausame Klippe geworffen worden, nach deren Übersteigung das schönste Land entdeckt, sich daselbst mit seiner Gefährtin verheyrathet, aus solcher Ehe eine Familie mit mehr als 300 Seelen erzeuget, das Land vortrefflich angebauet, durch besondere Zufälle erstaunens-würdige Schätze gesammlet, seine in Teutschland ausgekundschafften Freunde glücklich gemacht, am Ende des 1728sten Jahres, als in seinem Hunderten Jahre, annoch frisch und gesund gelebt, und vermuthlich noch zu dato lebt, entworffen Von dessen Bruders-Sohnes-Sohnes-Sohne, Mons. Eberhard Julio, Curieusen Lesern aber zum vermuthlichen Gemüths-Vergnügen ausgefertiget, auch par Commission dem Drucke übergeben Von Gisandern. Nordhausen. Bey Johann Heinrich Groß, Buchhändlern. Anno 1731.

Ludwig Tieck, der nicht nur vom Erdichten eigener Fiktionen lebte, sondern auch vom Übersetzen und Verlegen, richtete den verblassenden Kometen vor dem Verschwinden noch einmal neu ein. Nach Arno Schmidt ist ihm das ungewohnt schlecht gelungen:

Bestenfalls taucht, wie schon gesagt, antiquarisch, und auch das schon sehr selten, noch eine von Ludwig Tieck bevorwortete Redaktion auf, die auf 2.000 Kleinoktavseiten etwa Dreiviertel des Originals bietet. Allerdings hat Tieck, was bei seinem sonst superfeinen Gefühl für Stil und Sprache merkwürdigst überrascht, damit leider eine den Ton und Geist der Urschrift böse verwischende Überarbeitung eines Ungenannten nicht nur passieren lassen, sondern sanktioniert — zur Strafe werden wir sie im Folgenden die ‚Tieck’sche Redaktion‘ nennen !

Tristan da Cunha, Kirchenraum

Das konnte geschehen, weil Tieck, wie schon Schnabel im ganzen zweiten bis vierten Theil der uferlosen Vorlage, „nur wegen des Honorars“ so eine lieb- und verständnislose Redaktion daraus gemacht hat. Zum Kauf und Studium empfohlen wird deshalb ausnahmsweise nichts, was der verlässliche Tieck angefertigt hat, schon gar nicht, wenn es „nur“ oder — immerhin — drei Viertel eines epischen Monstrums bietet, auch nicht das heute am besten erreichbare Reclam-„Heft“ in der Redaktion von Volker Meid und Ingeborg Springer-Strand mit etwa 40 % des Gesamttextes auf 607 Seiten, sondern das verlegerische Husarenstück von Zweitausendeins 1996 in seiner Reihe „Haidnische Alterthümer. Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts“: Der Text ist in zwei knuffigen Kleinoktavbänden zu 100 % vorhanden, ein dritter Band bietet Anmerkungen, Forschungsberichte, Konkordanzen, Emendationen und was einer sich nur wünschen mag; das Nachwort ist ein ausgewachsener Bücherkrimi.

Es fehlen eigentlich nur der Radiodialog von Arno Schmidt, für den man sich an die zweite Bargfelder Kassette wenden mag, die in jeden Haushalt gehört, und das dort erwähnte Vorwort von Ludwig Tieck, das wiederum in der Reclam-Augabe steht. Und hier unten.

Das Bildmaterial stammt aus den National Archives UK 1927, weil Tristan da Cunha heute „der englischen Krone“ untersteht, und vom Inselreisenden Brian Gratwicke März 2012, um noch einmal auf den Punkt zu bringen, was selbst der unbestechliche Schreibtischentdecker Schmidt an mehr als nur ausreichenden Fakten nachgewiesen, aber kaum angemessen herausgestellt hat („Im vorliegenden Fall ist es um 1 entscheidende Spur unheimlicher !“):

Was Johann Gottfried Schnabel da 1731 veröffentlicht hat, ist kein vorgeblicher Einbruch der Realität in die Fiktion, wie ihn jeder begabtere Krimiheftchenschreiber beherrscht, es ist der Einbruch der Fiktion in die Realität. In diesem Ausmaß auf ein ganzes Staatswesen ist das ein einzigartiger Vorgang. Das hätte nie passieren dürfen, weil es — eigentlich — nicht passieren kann.

Tristan da Cunha, Albatross Bar

——— Ludwig Tieck:

XII. Kritik und deutsches Bücherwesen. Ein Gespräch
(Einleitung zu: „Die Insel Felsenburg etc.“)

in: Kritische Schriften, Band 2, Seite 133 bis 170, 1828:

Tristan da Cunha, Prince Philip Hall

Ein Freund, mit dem ich in den wichtigsten Sachen einig bin, und eben deshalb oft von seiner Meinung dennoch abweiche, trat herein und rief, indem er die Ueberschrift sah: Wie? auch dieses alte Buch „die Insel Felsenburg“ soll neu gedruckt werden? ist denn noch nicht der schlechten Leserei sogenannter Romane genug? Diese alte Robinsonade, diese weitläusige, umständliche Geschichte, die schon bei unsern Eltern sprichwörtlich ein schlechtes Buch bedeutete, soll wieder in einem neuen Gewande, welches das Flickwerk nur schlecht verbergen wird, auftreten? Und Sie haben nichts Besseres zu thun, als zu einer so vergessenen oder berüchtigten Waare eine Vorrede und Einleitung zu schreiben?

Ich habe es dem Verleger, meinem Freunde, versprochen, der mich darum ersuchte; antwortete ich, ohne jene Verlegenheit in der Miene, die der zürnende Freund wahrscheinlich erwartete.

Tristan da Cunha, The National Archives UKUnd doch, fuhr jener fort, sind wir Beide längst darüber einig und haben es oft gemeinsam beklagt, daß diese Flut unnützer Bücher immer mehr anschwillt, daß auch die geringere Menschenklasse, Dienstboten und Bauern in so vielen Gegenden, Kinder und Unmündige, Mädchen und Weiber, immer mehr und mehr in diesen verschlingenden Wirbel hineingezogen werden: daß das Bedürfniß, die Zeit auf diese Weise zu verderben, immer mächtiger wird, und daß auf diesem Wege Charakter, Gesinnung, Empsindung und Verstand, die besten Kräfte des Menschen, vorzüglich aber jene Frische der Unschuld, ohne welche der Begabte selbst nur ohnmächtig erscheint, nothwendig zu Grunde gehen müssen. — Oder halten Sie denn etwa diese weitschichtige Felsenburgische Chronik für so vortrefflich, daß ihre Erneuung nothwendig und ein literarisches Verdienst wird? Ihre Vorliebe für das Alterthümliche und Unreife ist mir zwar bekannt, aber diese Bücher, in die ich nur flüchtige Blicke geworfen habe, werden Sie doch gewiß nicht jenen Heldenliedern, oder Liebesdichtern des Mittelalters, oder den wenigen originellen Ersindungen beizählen wollen, die unsere Vorfahren, mit weniger Zärtlichkeit begabt, als die frühere Zeit, so hoch hielten?

Der Fragen, sagte ich, sind zu viele, um sie schnell zu beantworten, da überdies in jeder dieser Fragen wieder andere neue enthalten sind.

Freund. Erörtern Sie, welche Sie wollen, wenn Sie mir die Antwort nur nicht überall schuldig bleiben. Ist wol jemals so viel gelesen worden, als heutzutage? Ist je so viel Unnützes, Geschmackloses geschrieben?

Kann sein.

Fr. Soll dies nicht die Menschen von besserer Beschäftigung abhalten?

Möglich; haben Sie doch auch manches unnütze Buch gelesen, von mir zu schweigen, der ich weniger gewissenhaft bin, als Sie.

Fr. Eifern Sie nicht aber selbst genug gegen das Schlechte und Mittelmäßige?

Vielleicht zu viel, weil es unnütz ist, immer den höchsten Maßstab anzulegen. Wer seine Familie heutzutage nur von einem Titian will malen lassen, wird sein Geld in der Tasche und seine Leinwand ungefärbt behalten.

Fr. Sie sind heute wieder vom Geist des Widerspruchs beseelt, und freilich, wenn man durchaus Recht behalten will, so kann einem dies Vergnügen nicht entgehen.

Aber warum so ungeduldig? Ist es denn Unrecht, selbst wenn ich mit Ihnen in der Hauptsache einverstanden wäre, auch von andern Seiten den Gegenstand zu betrachten? Wie in einem Prozesse auch die Umstände hervorzuheben, welche die Anklage mildern, den angeklagten Theil wenn auch nicht rechtfertigen, oder frei sprechen, doch entschuldigen könnten? Mich dünkt, dann erst wären wir ganz und unparteiisch des Gegenstandes Meister.

Fr. Ist das auch bei einer Sache nothig, die längst abgeurtheilt, wo die Akten schon seit Iahren geschlossen sind?

Zuweilen hat sich auch in entschiedenen Prozessen ein Jrrthum versteckt, der den Forschenden wol schon sonst veranlaßt hat, die längst ausgemachte Sache vor ein neues Urtheil und eine neue Untersuchung zu citiren.

Fr. Meinethalben. So will ich Ihnen auch glauben, daß Griechen und Römer, so wie die kräftigen Menschen des Mittelalters, so viel gelesen haben, als wir, ob sie gleich die Presse noch nicht erfunden hatten; so will ich ebenfalls zugestehen, daß es nicht möglich sei, daß ein Volk durch diesen lesenden Müssiggang sich schwächen und am Ende ganz verderben könne; ich will glauben, daß das Lesen unbedingt etwas Heilsames und diese Romanliteratur vortrefflich sei, und ich beklage nur, daß ich meinen Irrthum und Widerwillen größtentheils aus Ihren Gesprächen geschöpft habe.

Warum so heftig? Können Sie sich denn mit der Meinung vertragen, daß irgend etwas Großes in der Geschichte aus einer einzigen Ursach hervorgegangen sei? Ist eben nicht das nur eine wahre Begebenheit, ein wirkliches Schicksal, was an tausend sichtbaren und unsichtbaren Fäden hängt und Vorzeit und Gegenwart verknüpft? Waren Gelehrsamkeit, Bildung und Theologie, bei den spätern Byzantinern mit der traurigsten Scholastik, Disputirsucht und der schlechtesten Sophistik vermählt, auch bis zum Abgeschmackten und Nichtigen herabgesunken: so hat doch diese Entartung der geistigen Kräfte gewiß nicht das Kaiserthum gestürzt. Grund und Boden muß schon längst untergraben sein, wenn das Vaterland, so wie damals, verloren gehen kann, und jene geistlose Gelehrsamkeit kann alsdann wol als ein Symptom der Krankheit, nicht aber für die Krankheit selber gelten. Sollte Athen wol an seinen Komödien oder dem Ueberflusse seiner Bildsäulen sich vernicktet haben? Eben so wenig als eine Anzahl von Schriftstellern die französische Revolution hervorbringen konnte. Wie Ursach und Wirkung sich gegenseitig bedingen und im Verlauf der Begebenheit ihre Stelle wechseln, wie ein Ding des andern Spiegel wird, und der Weise oder Geschichtforscher mit Kennerblick auch im Fuß die Figur der Pallas erräth und entziffert, ist freilich eine andere Frage und Untersuchung.

Fr. Um uns nicht zu weit von unsern Romanen zu verschlagen, — ist es denn nicht eine Seelenkrankheit, die unser Zeitalter charakterisirt, eine Art von Blödsinn oder Geistesschwäche, ein Bedürfniß in sich zu erzeugen und zu nähren, das die Menge zu Büchern und Zeitschriften treibt, die so unverhohlen schlecht sind, daß viele der Genießer ihre Erbärmlichkeit kennen, und so im Zusammenstoß der Naivetät mit der Naivetät der Beschauer draußen ein fast rührendes Schauspiel genießen kann, wenn er sich nicht daran ärgern will?

Manchmal sich ärgern, zuweilen gerührt sein, dann wieder lachen, und es größtentheils ganz vergessen und selber nicht mitlesen, ist wol das Beste. — Uebrigens meine ich doch, die Zeiten sind mehr in Rücksicht der Bedürfnisse der Menschen, als in Ansehung der Menschen selbst wesentlich verschieden, und wenn nur die großen Verhältnisse der Regierung und Verfassung dem Richtigen nahe bleiben, so gleichen sich, nach längeren oder kürzeren Schwankungen, die geringeren von selbst wieder aus, und man darf von diesen weder zu viel Heil, noch zu schädliches Unheil erwarten. Gelesen ward immer, Gutes und Schlechtes. Und welches von beiden sollen wir schlecht oder gut nennen? Erleben wir nicht oft, daß das beste Buch unter den Augen des Lesenden ein schlechtes wird, weil es dessen körperlichen Augen an den geistigen fehlt? Ganze Zeitalter und Nationen dürften nur aufrichtig sein, um den Homer und Sophokles den elendesten Scribenten beizugesellen. Es ist auch mehr oder minder schon öffentlich geschehen. Gibt es nicht noch Menschen, die sich Geist zuschreiben, welche die Nibelungen nicht begreifen und verwerfen? Wie lange blieb Hamann unverstanden? Ist nicht zu unseren Zeiten Calderon gewissermaßen wie eine verlorene Insel neu entdeckt worden? Und haben Sie es nicht erlebt, daß in der Einsamkeit des Landes, oder auf der Reise, im Gebirge, Ihnen ein zufällig gefundenes Buch, selbst wenn es nicht zu den besseren gehörte, ungemein tröstlich und lehrreich werden konnte? Eben so in verwirrten, zu lebendigen Gesellschaften, wo, wenn alles geistreich, scharfsinnig, vielseitig, höchst gebildet, durch und aneinander rennt, und unbeantwortete Fragen sich kreuzen, und Urtheile sich übereilen, und neue Ansichten hundert verwirrende Perspective bilden: wie gern nimmt man auch dort den trivialen Mann in ein ruhigeres Fenster, und erbaut sich an seinen mäßigen Gedanken wie an tiefer Weisheit! Dürfte man irgend ein Buch in diesem Chaos aufschlagen und lesen, so würde uns fast jedes ein Sirach dünken.

Fr. Ietzt sind wir in das Gebiet der Sophismen gerathen. Denn so gibt es freilich weder gute noch schlechte Bücher, und die Auslegung ist älter wie der Text.

Wie immer; und wie kann es anders sein, da jeder Text nur die Bestätigung einer früheren Auslegung wird? Woher käme er sonst? Erst, wenn er anfängt mißverstanden zu werden, kommt ihm eine spätere Ausdeutung zu Hülfe.

Fr. In dieser scheinbaren Antwort liegen mehr Fragen, als in meinen ersten, mit welchen ich Sie bestürmte. Lassen wir dergleichen Räthselspiele und bleiben wir bei unserer eigentlichen Aufgabe stehen, die, beim besten Willen, vielleicht keinen sonderlichen Tiefsinn zulassen dürfte.

Sprechen wir also mit Leichtsinn. Wenn wir den rechten antreffen, dürfte er von seinem ernstblickenden Bruder nicht so gar weit entfernt wohnen.

Fr. Sie äußerten, es wäre immer viel gelesen worden. Auch zu jenen Zeiten, als die süßen Legenden von Tristan, die heitern von Gawain und Iwain, oder die tiefsinnigen von Titurel die damals gebildete Welt bewegten und entzückten?

Wenn das Volk selbst, so wie der Bauer und die Knechte, nicht gerade viel lasen, so hörten sie doch oft die großen Sagen von Siegfried und Dietrich, von Bänkelsängern auf Iahrmärkten und Kirmsen, in den Winterstuben und bei ihren fröhlichen Gelagen absingen. Zum Lesen, auch wenn sie die Buchstaben gekannt hätten, hatten sie freilich die Zeit nicht. Denn jedem Iahrhunderte und Menschenalter ist seine Zeit auf eine, ihm eigenthümliche Weise zugemessen, und wenn jene früheren Menschen also nicht ihre Zeit im Sinn der gegenwärtigen verdarben, so möchte ich ihnen das nicht zum Verdienst anrechnen.

Fr. Und warum nicht? Und warum fehlte ihnen Zeit zum Lesen, selbst wenn es so viele gekonnt hätten, wie in unserm Iahrhundert?

Weil sie zum Leben selbst mehr brauchten. Und so wie es Zeiten gab, wo man sich ohne Geld behalf, waren Buch und Lesen damals nicht so, wie jetzt, ein Zeichen für das Leben, eine Quelle des Unterrichts, eine Anregung aller Kräfte, der religiösen so gut wie der heiteren, wie in unsern Tagen. In einer belagerten Stadt, wo man jede Minute Sturm und Eroberung fürchtet; am Tage eines glänzenden Festes, wo die Menge sich drängt, den Einzug eines geliebten Fürsten zu sehen; auf Iahrmärkten, wo jeder sieht, kauft und genießt, werden auch jetzt nicht viele Bücher aufgeschlagen. Eben das Leben nahm damals die Zeit, auch des Geringsten, ganz anders in Anspruch. Die Kirchenfeste, die Prozessionen, die Turniere, die Aufzüge der Ritter und Gilden, das Schönbartlaufen, das Scheibenschießen, Waffenübungen, die ländlichen Belustigungen, die Reisen der Dienstleute und Lehnsmänner, die Religion und ihr Kultus: nicht zu vergessen, daß Ersindungen und Maschinen damals bei vielen Arbeiten und Gewerken, nicht wie bei uns, viele Zeit ersparten, und daß der Mensch bis zum Niedrigsten hinab mehr öffentlich und im Staate, auf dem Markt und in den Versammlungen oder Schenkhäusern lebte, von einem nahe liegenden wichtigen Interesse durchdrungen, daß er auf tausend Fragen Rede und Antwort geben mußte, und also unmöglich — den Klosterbruder abgerechnet — darauf fallen konnte, seine Zeit so einzutheilen, wie heute, wo man ihm alles dergleichen erspart, ihm aber zugleich alle jene Ergötzlichkeiten oder Erholungen genommen hat. Es ist ganz natürlich, daß der Mensch sich auf das Hausleben, auf Genuß an sich selbst zurückzieht, und daß er sich in seinen müßigen Stunden von seinen Romanziers ergötzen läßt, so wie auch damals jede Zunge die Helden nannte, welche die Dichter verherrlicht hatten.

Fr. Sie mögen Recht haben; aber alles dies berührt meine erste Frage und Anklage immer noch nicht.

Und gab es denn damals nicht auch viele unnütze und anstößige Lieder? so viele Frechheiten, wie die neuere Zeit sie nur irgend ausgeboren hat, um sich selbst zu beschämen? Und von denen in jener frühen Zeit, die auch dergleichen nicht auswendig lernten und sangen, werden nicht dennoch viele von diesen ganz Unwissenden in der Rohheit selbst und in wüsten Gelagen, in schlechtem Wandel und Verruchtheit untergegangen sein?

Fr. Sie weichen mir immer mehr aus. Es ist hier nicht vom Unabänderlichen die Rede, sondern von dem, was sein soll, was frommt, sich geziemt und nützt.

Ich wollte nur andeuten, daß ich mich nicht davon überzeugen kann, daß unsere Zeit schlimmer sei, als eine frühere: am wenigsten durch Bücher. Denn als sich früher die Welt in Krieg und Frieden auch schon zu beschränkteren Ansichten wandte, und damit zugleich der höhere Glanz der Poesie erlosch, — damals, als jene Unzahl der prosaischen Ritterromane entstand, jene Folianten, die von den Gebildeten so fleißig gelesen und wieder gelesen und in alle Sprachen übersetzt wurden, — diese Dichtungen können uns so wenig ergötzen, daß wir im Gegentheil nicht begreifen, wie sich unsere Vorfahren mit ihnen die Zeit vertreiben konnten.

Fr. Sind sie denn eben schlechter, oder auch nur langweiliger, wie Tausende von neueren Büchern?

Gewiß nicht, und es wird sich nur die obige Bemerkung bestätigen, daß die meisten Schriften nur ein Bedürfniß der Zeit befriedigen, was aber doch, wenn es ein wahres Bedürfniß ist, befriedigt werden muß, mag eine spätere Kritik auch dagegen einzuwenden haben, was sie will, so wie die Aerzte ehemals und jetzt gegen Gewürze und Wein vergeblich geeifert haben.

Fr. Bedürfniß! Ist es denn nicht Pflicht, auch dieses zu bewachen und zu Zeiten einzuschränken? Mag man über Wein und Gewürze hin und her streiten, könnte man aber dem unglücklichen Volke den vergiftenden, zu wohlfeilen Branntwein durch Gesetze nehmen, so würde ohne Zweifel unsere Zeit einen wesentlichen Vortheil erringen, und dadurch mehr thun, als hundert moralische Bücher und Anstalten.

Ganz gewiß, und die Gesetzgebung wäre dazu verpflichtet, wenn sie nur zugleich das alte, gesunde Bier zu wohlfeilen ehemaligen Preisen, so wie die früheren ermäßigten Abgaben herstellen konnte. Dann würde jene Vergiftung von selbst wegfallen, — und wie viele schlechte Leserei, könnten wir das gesündere, fröhlichere Leben der Vorzeit wieder in unsere Städte hineinführen.

Fr. Und hiemit wäre denn unser Gespräch eigentlich zu Ende?

Warum? Wir können unsern Streit, der eigentlich keiner ist, vielleicht noch inniger ausgleichen. — Sie werden mit mir überzeugt sein, daß jedes Zeitalter nur wenige ächte Dichterwerke hervorbringen kann. Ist zugleich eine ächte Schule, wie bei den Griechen, begründet, so werden sich mehr große Meister zeigen, und sehr vieles, was man nicht dem Höchsten und Vollendeten beigesellen darf, wird doch den Stempel einer Großheit tragen, der es wieder unablöslich als Anhang, Erklärung und’Verherrlichung des Besten dem Zeitalter sowol als der Nachwelt nothwendig macht. — In den späteren Iahrhunderten und bei den neueren Völkern hat eine unbestimmte Sehnsucht, aus welcher ein wechselndes Bedürfniß und vielfach wandelnde Stimmung entstanden sind, die Schule ersetzen müssen; und daraus erklärt sich die Erscheinung von selbst, daß uns nicht nur das langweilt, was vor hundert oder zweihundert Iahren die Welt entzückte und begeisterte, sondern wir nehmen auch wahr, daß oft kaum dreißig, dann zwanzig und zehn, und neuerdings wol nur fünf Iahre und noch weniger dazu gehören, um unbegreiflich zu sinden, wie ein Buch, welches allgemein gefallen hat, nur irgend interessiren konnte.

Fr. Man will ja bemerken, daß dies mit vielen schon von Messe zu Messe eintreten soll. Dann aber, dächte ich, verlohnte es sich gar nicht mehr der Mühe, über diesen Gegenstand zu sprechen.

Ueber Bücher, die blos Mode sind, und weiter nichts als Mode, gewiß nicht. Lehrreich aber möchte es sein, jenen Wechsel von Stimmungen und sich verändernden geistigen Bedürfnissen von einem höhern Standpunkte aus zu betrachten; geschichtlich diesen Wandel und seine innere Nothwendigkeit zu erforschen, um zu erfahren, was der Geist gemeint oder gesucht habe, um auf diesem Wege die ächte Geschichte des Menschen und der Staaten, so gut wie die der Poesie zu vergegenwärtigen: statt daß wir seit langer Zeit Alles haben liegen lassen, was uns nicht unmittelbar interessirt oder beim ersten Anblick verständlich ist, und so selbst wieder in der Geschichtsansicht einem kleinlichen Zeitgeist, einer vorübergehenden Stimmung, einem wechselnden Bedürfniß, ja einer nichtigen Mode dienstbar sind, ohne diese traurige Knechtschaft in unserem Hochmuth auch nur im mindesten zu ahnen.

Fr. Deutet Voltaire nicht einmal eine ähnliche Forderung für die Geschichte an?

Seine eigenen Mode- und Galanteriewaaren hat er uns allerdings, als Patentarbeiten für die Ewigkeit, mit ähnlich lautenden Worten einschwärzen wollen.

Tristan da Cunha, The National Archives UKFr. Freilich also sinken dann Bücher, Gedichte, Romane zu Fabrikaten herab, und müssen ganz aus diesem Gesichtspunkte betrachtet werden.

Warum sinken? Soll es denn etwas Geringeres sein, ein gutes Buch — wenn es auch nicht Iahrhunderte überdauert — seinen Zeitgenossen in die Hände zu geben, als gesundes Getreide zu erzeugen, Wolle und Tuch hervorzubringen und zu fabriciren, das Erz aus den Bergen zu graben, oder Kinder zu Soldaten und Staatsbeamten zu erziehen? Gehen Sie nur zum berühmten Walter Scott in die Lehre, und nehmen Sie von jenem merkwürdigen Selbstgeständniß in seiner Vorrede Unterricht. — Und trifft denn diese Ansicht etwa nur diese Seite der Literatur? Von der Geschichte habe ich Ihnen schon vorher meine Meinung merken lassen; diese lag wol mehr im Argen als die Romane. Wenden wir uns aber zu jener Zeit, als bald nach Ersindung der Druckerkunst eine hochwichtige Angelegenheit zuerst Deutschland und bald darauf ganz Europa in heftige Bewegung setzte. Wem könnte es einfallen, von dieser ebenso großen als nothwendigen Umwandlung, oder von der Andacht selbst und der Anschauung des Göttlichen auf geringe Weise sprechen, oder gar, wie es wol auch einmal Mode mar, darüber scherzen und spotten zu wollen? Mir am wenigsten; und die neueste Mode verbietet es auch der Menge und den Tagesschriftstellern. Doch schlagen Sie einmal in den Bibliotheken die unzähligen Bücher jener Tage auf, in denen — die trefflichen natürlich abgerechnet — die widrigste Polemik schreit und tobt, die widerwärtigste Erniedrigung vor dem Schöpfer ekelhaft kriecht, winselnde Demuth Unsinn ächzt, und gottlose Knechtschaft und Thierheit sich für Andacht und Gottseligkeit ausgibt. Verzweifelnd wendet man sich von der Menschheit ab, wenn man bedenkt, daß Tausende viele Iahre hindurch nur in diesem Wuste und in dieser sinstern Verwirrung ihren Trost und ihr Heil suchten und fanden. Und ist es nachher, ist es in unfern Tagen nicht in vieler Hinsicht eben so geblieben? Wie vielen Aberwitz, wie viel Unchristliches, Gottloses und die Menschheit Erniedrigendes kann der Forscher, der sich diesem Geschäft hingeben mag, auftreiben? Ia, so vieles, was recht sichtbar und mit Anmaßung auf der Oberfläche schwimmt, was Ieder kennt, was Viele begeistert, und welches Mancher der Gemäßigten mit einer Art von furchtsamer Achtung doch halb gelten läßt, wenn er es auch nicht billigen kann, gehört diesen Regionen der sinstersten Finsterniß an. Können Sie mir nun viele Romane nennen, — die ganz vergifteten ausgenommen — die schlimmer, abgeschmackter oder schädlicher wären, als diese angedeuteten Erzeugnisse, die sich eine so vornehme Miene geben? , Fr. Somit käme freilich alles auf eine Linie zu stehen. Mit Nichten; ich mache Sie nur darauf aufmerksam, wie jedes Bedürfniß seine Befriedigung sucht. Auch der Trieb, die Wahrheit zu erkennen, nach dem heitern Licht, nach dem Tiefsinn, oder dem rein Menschlichen und Guten, offenbart sich oft in den schwachen Productionen harmloser Menschen, und diese haben gerade Kraft genug, auch andere zu befeuern, die ebenfalls nicht mit mehr Stärke ausgerüstet sind.

Fr. Wenn man die Sachen so geschichtlich betrachtet, so geht freilich die eigentliche Kritik unter.

Doch nicht; sie muß nur nicht zu früh anfangen wollen. Ein wahres Buch bezieht sich auch doppelt, zunächst auf sich selbst, dann aber auch auf seine Zeit, und beides muß sich innigst durchdringen. Ist aber unser Urtheil selbst nur aus der Zeit erwachsen, so verstehen wir das Werk des Genius niemals, welches eine neue Zeit, und natürlich auch eine andere Mode, durch seine Großartigkeit erschafft. Und so sind es auf der andern Seite oft die dunkeln, verhüllten Ahndungen, unausgesprochene quälende Stimmungen, Gesühle und Anschauungen die der Worte ermangeln, und die der große Autor ihrer Qual entbindet, indem er ihnen für Jahrhunderte die Zunge löst; ein ganz nahe liegendes Verstandniß, welches keiner sinden konnte, macht der Genius zum innigsten Bedürfniß seiner Welt, und gibt so dem Worte seine Schöpferkraft wieder, die es noch nie verloren hat.

Fr. So könnte man vieles Dichten wie ein Erlösen von dunkeln Gefühlen, anderes wie ein Erobern heiterer Lebenselemente ansehen, Manches wie ein Schaffen von neuen Geräthen und Genüssen, die der Mensch um sich stellt, um an Glanz und Freude sein trübes Leben zu erheitern, und so möchte man z. B. den Cervantes als einen Helden ansehen, der sich um die Menschheit Lorber und Bürgerkrone verdiente, indem er sie von der Langenweile und der falschen Poesie der Ritter- und Liebesfolianten auf immer befreite.

Hat er sie wirklich davon befreit? Sehen wir nicht, daß dieselbe Muse, selbst ganz kürzlich, nur in Octav und bessern Druck hineingeschlüpft ist? Und glauben Sie nicht, daß der Ueberdruß zur Zeit des Cervantes schon da war, und das Bewußtsein sich in den Bessern regte?

Fr. Kann wohl sein, indessen sagt man doch allgemein, daß wir diesem Widerwillen, der sich kund geben wollte, dieses herrliche Buch zu danken haben.

Ich glaube, daß der edle poetische Cervantes selbst lange Zeit ein Liebhaber dieser Ritterbücher war, und auch in seinem Alter, als er seinen Manchaner beschrieb, seine Vorliebe noch nicht ganz hatte aufgeben können. Was er im ersten Theile des Don Quixote dem Kanonikus in den Mund legt, ist wol ganz seine eigene Meinung, und das Gelüst, selbst eine solche Rittergeschichte zu dichten, sieht ihm ganz ähnlich. Wie viel kommt doch auf die Zeit an, in welcher ein großer Dichter lebt! Der ächte alte Rittergesang war längst abgeblüht, diese Ritterromane waren nur ein todter Niederschlag jener früheren wundervollen bunten Dichtung, willkürlich und fast ohne Bedeutung war Zauber und übernatürliche Kraft hier aufgenommen und schlecht mit den Begebenheiten verbunden; die Liebe klang noch wie ein Echo edeln Gesanges in die verwirrte Masse hinein. Die Beschreibung der Kämpfe und Schlachten ist auch viel ermüdender und lebloser, als in den alten Liedern, weil die Verfasser der wirklichen Anschauung schon ermangelten. Kannte Cervantes die alten, schönen Gesänge, und hätte eine ähnliche Dichtung seiner Zeit und seinem Lande irgend angeeignet werden können, — wer kann bestimmen oder ausmessen, wie viel ein Genius, wie dieser, in jener epischen Poesie hätte ausführen können.

Fr. Ein großer Mann — so habe ich öfter gehört — hat den Ausspruch gethan, Don Quixote habe darum seine Zeit so gewaltig bewegt und allgemeines Glück gemacht, weil er den Enthusiasmus so witzig verspotte und eine ältere, schönere Zeit und deren poetische Kräfte verhöhne.

Auch ich habe diesen Ausspruch vernommen und, ehrlich gesagt, nicht verstanden, oder Don Quirote und Cervantes selbst erscheinen mir in einem falschen Lichte. Das eigentliche Ritterthum war schon lange vor Cervantes untergegangen. Welche trübselige Zeit erschlaffte Deutschland schon vor Maximilian; in Frankreich hatten die Bürgerkriege Rohheit und Grausamkeit zu alltäglichen Erscheinungen gemacht; Italien, in welchem mit einigen edeln Geschlechtern die Künste zugleich blühten, hatte von je diese Poesie des früheren Iahrhunderts weniger ergriffen, und Ariost spottete schon auf seine Weise über das Ritterthum; in Spanien selbst war am meisten noch jene ältere Begeisterung zu sinden, die sich aber nach völliger Bezwingung der Mauren mehr in Zügen und Reisen nach der neu entdeckten Welt erschöpfte. Iene Tage, in welchen Lichtenstein und Eschilbach, Gottfried und Hartmann von der Aue so ritterlich von Liebe, Frühling und Wundern, ihrer Gegenwart allgemein verständlich, singen durften, waren längst vergessen; jene Gebilde, Sitten und Gesinnungen waren schon seit vielen Iahren in Unglück, Bürgerkriegen und nüchterner Rohheit, die schon in demselben Iahrhundert, als jene glänzenden Gebilde entstanden, diese verschlangen, zur erblaßten Lüge geworden, und die lallende Ersindung gerieth eben deshalb in das Ungeheure, Maßlose und Thörichte, weil sie in der Gegenwart nirgend mehr die belebende Wahrheit antraf. Außerdem bezweifle ich aber auch, ob etwas anderes als Enthusiasmus selbst einen so allgemeinen und dauernden Enthusiasmus hervorbringen könne, als dieses große Werk des Cervantes damals erregte, so wie es noch immer mit derselben ungeschwächten Kraft wirkt. Auch ist es das Wundersame dieses einzigen Buches, daß man die Hauptperson eben so sehr verehren wie belachen muß, und daß beides fast immer zusammenfällt, so daß er in unserer Imagination, so sehr er auch Parodie ist, doch zum wirklichen Helden wird. Zugleich spricht sich in diesem Werke eine so ächte Begeisterung für Vaterland, Heldenthum, den Soldatenstand, das Ritterwesen, Karl den Fünften, Geschichte, Liebe und Poesie aus, daß viele Erkaltete sich wol eher an diesem Enthusiasmus erwärmen, als die Glühenden daran erkalten könnten.

Fr. Die außerordentliche Wirkung dieses ächten Gedichtes ist auch wol daraus abzuleiten, daß es endlich einmal, nach vielen Iahren, Wirklichkeit, das Alltägliche, Gegenwärtige, unverkünstelt hinstellte, ohne falschen Schmuck, und daß dieses doch zugleich das Wunderbare und die Poesie war.

Die Erscheinung ist um so auffallender, weil man in Spanien noch fortfuhr, jene falsche Poesie, jenes unächte Wunderbare zu lieben, welches Cervantes ja so wenig hat verdrängen können, daß der herrliche Calderon noch diese Farben in seinen frischen Märchengemälden hat anwenden können. Die unsinnigste Ersindung, das Schloß der Cindabridis, hat er zur Dichtung brauchen können, in welcher man aber sieht, daß die Bekanntschaft mit dem tollen Roman vorausgesetzt wird. Sehen wir auf Frankreich, so lebten und entzückten ja noch lange jene weitausgesponnenen Romane, die zwar nicht immer Ritter und ihre Zweikämpfe und befreundeten Zauberer schilderten, wol aber in mehr oder minder kennbaren Verkleidungen die Intriguen des Hofes Ludwigs des Dreizehnten und Vierzehnten, die kleinen Eitelkeiten der Damen, süßliche Sentimentalität, schmachtende Liebhaber, und eine weitschichtige redselige Politik und galante langweilige Moral vortrugen, die wahrlich, wenn man die Summe zieht, noch armseligere Bücher dick angeschwellt haben, als nur jemals der Inhalt jener verbrannten Romane in der Bibliothek des Manchaners war. Und dieselben Hofleute, Gelehrte und gebildeten Damen, die geistreich mit dem edeln Cervantes über die Belianis, Esplandians und Tirantes lachten, erbauten sich an den Astreas, den Cassandern, und wie sie alle heißen mögen, jene Werke der Scudery, d’Urft’s, und so vieler Scribenten jener Tage, gegen welche die frühere Arkadia des Sidney, und noch mehr die Diana des Montemayor, ja selbst die geschmähete Fortsetzung derselben, für Meisterwerke gelten können.

Fr. Diese getadelten und in der That höchst langweiligen Bücher der Franzosen konnten doch wol nur gefallen, weil sie so ganz ihre Gegenwart, wenigstens den vornehmen Schein derselben darstellen.

Gewiß, wir sehen eben, wie man das Wahre, Große erkennen kann, freilich nur scheinbar, wie die damaligen Leser den Don Quixote, und doch zugleich in dem Unü’ch- ten und völlig Nichtigen untergehen, indem man in diesem eine höhere Bildung sucht. Eine Erscheinung, die sich in allen Zeiten immer von neuem wiederholt.

Fr. Eben so konnte auch damals eine so nüchterne Parodie, wie die des Scarron, Glück machen, und freilich, wenn ich mir diese Zeit vergegenwärtige, in welcher Moliere, Corneille, Racine, Boileau, Cervantes, Scarron, viele Spanier, und viele schwächere, jetzt vergessene, französische Autoren, nebst jenen bändereichen politischen Romanen bewundert wurden, so tritt mir eine so chaotische Verwirrung entgegen, daß ich an eine ächte Kritik jener Tage nicht glauben kann.

Kritik! — Wol nur bei den Griechen war sie wirklich da, und außerdem ein Versuch, eine Annäherung an sie bei uns Deutschen in den neuesten Tagen.

Fr. Doch bei den Griechen wol auch mehr als Schule, so wie in ihrer Bildhauerkunst, die sich Iahrhunderte hindurch, selbst bei den Römern, großartig erhielt und als Schule noch spät Meisterwerke lieferte. In der Poesie erlosch diese Schule freilich viel früher. Die neuere Zeit hat sich, seit sechzig oder siebenzig Iahren etwa, bemüht, die Kritik zu einer eigenen, selbstständigen Wissenschaft zu erheben. Diese Bestrebungen sind vorzüglich in Deutschland mit Glück und Anstrengung von den begabtesten.Männern in vielseitiger Richtung zu einer außerordentlichen Höhe geführt worden, von welcher derjenige, der ihnen folgen kann, immer mehr und mehr mit Sicherheit das ganze Gebiet der Kunst und Schönheit überschauen mag. Neben andern ausgezeichneten Namen glänzen hier vorzüglich die von Lessing, Schiller, Wilhelm und Friedrich Schlegel, so wie Solger, dem es in seinem Erwin wol zuerst gelungen ist, über das Schöne und die Grundsätze der Kunst genügend zu sprechen. — Wir haben uns aber jetzt ziemlich weit von unserm ersten Gegenstande entfernt. Mir schien es, als wenn Sie meinen Eifer gegen die Unzahl der schlechten Romane und das unmäßige Lesen derselben so wenig begriffen, daß Sie diese ganze zeitverderbende Anstalt für völlig unschädlich, wo nicht gar selber für nützlich zu erklären im Begriffe waren.

Wie man es nimmt; wenn wir nämlich nicht über Worte streiten wollen. Daß das Bedürfniß des Lesens in Deutschland ziemlich allgemein geworden ist, und sich mit jedem Iahre wol noch weiter ausbreiten wird, ist nicht abzuleugnen. Wenn das größere öffentliche Leben untergegangen ist, und ebenfalls jenes dürftige, wo der Bürger und Kaufmann sich nicht mehr in den öffentlichen Trinkstuben unterhalten und belehren will, indessen Weiber und Töchter in den langweiligsten Besuchen mit albernen Klätschereien und elender Verleumdung ihre Zeit tödten, so ist diese Lesesucht, die doch auch zuweilen auf das Gute fällt, wol immer eine Erhebung zu nennen, da die Zustände jener traurigen Iahre, die Geselligkeit des Volks, der Umfang der Kenntnisse und die Gesinnungen von damals wol nicht empfehlungswerth — will man anders die Toleranz nicht zu weit treiben — zu nennen sind. Dieser zu kleinstädtische Umfang der engsten und trübseligsten Stubenwände hat sich denn doch vergrößert und erheitert, das, was diese Gemüther bedürfen, wird ihnen doch meistentheils in einer ziemlich gebildeten Sprache gereicht, diese Bedürfnisse selbst wechseln und streben sich oft zu verklären, Verstand, Kenntnisse, zuweilen eine edle Ansicht des Lebens reihen sich an die mehr oder minder wunderbaren Ersindungen, und wenn dieser oder jener Autor ein aufgeregtes Gemüth irre führt, so hat dieselbe Büchersammlung auch das Gegenmittel gegen die doch nur schwächliche Vergiftung, und die Mode der geistigen Putzwerke wechselt eben so wohlbehaglich, wie mit den baumwollenen und seidenen Kleidern und ihren vielfach geänderten Mustern.

Fr. Sie mögen nicht ganz Unrecht haben. Diese Art Schriften verräth dem schärferen Auge oft mehr vom Geiste der Zeit, als die moralischen oder historischen Autoren je von ihm gesehen haben. Zur selben Zeit, als man in Frankreich sich an jenen langweiligen feierlichen Romanen ergötzte, schilderte uns der deutsche Simplicissimus die Greuel des dreißigjährigen Krieges. Der Verfasser selbst, noch mehr aber seine Nachahmer, verstiegen sich sogleich in eine so ungemeine Gemeinheit, in so widerwärtige Schilderungen, die aber fast immer mit Geist entworfen sind, daß ihre Abschculichkeit bei weitem den spanischen Gusman von Alfarache und ähnliche Bücher übertrifft, und sich die Phantasie mit Ekel von ihnen wendet.

Da berühren Sie den Punkt, der die Barbarei der Deutschen jener Tage, gegen die der anderen Nationen gehalten, charakterisirt. Wie die Franzosen schon früh das Unzüchtige und Anstößige liebten und ausbildeten, so fand der Deutsche schon lange am Ekelhaften und Gemeinen ein verdächtiges Vergnügen. In der Geschichte wie in der Literatur sehen wir dies Volk schon seit den Hussitenkriegen und noch früher, wie verbauert. Die große Angelegenheit der Reformation und die aus dieser erwachsenen Bürgerkriege, in welchen die Völker immer am meisten verwildern, rückte ihnen die Schönheit und das Bedürfniß nach achter Poesie auf lange aus den Augen. Und kehrt nicht dieser Zustand einer gewissen Verwilderung immerdar und bei allen Gelegenheiten zu uns zurück? Als unsere neuere Literatur schon durch Lessing und Goethe schön begründet war, als Schiller schon Freunde gewonnen hatte, ergriff bei den Nachrichten von der Französischen Revolution einen großen Theil unseres Volkes ein solcher Schwindel, daß die begeisterte Thorheit auf lange Kunst und Wissenschaft vergaß, die Unterdrückung der menschlichen und edeln Gefühle zum Heroismus stempelte, in grausamer Schadenfreude schwelgte, und den Verzückten die milde Schönheit als Kindertand und die Spiele der Phantasie als des Mannes unwürdig erschienen.

Tristan da Cunha, The National Archives UKFr. Sein wir billig. Die Poeten selbst nährten diesen Taumel, der im Anfang wol eben so natürlich, als nicht unlöblich war. Und wie viele Kräfte wurden neu aufgeregt, wie manche Talente entwickelten sich in jenen inhaltschweren Tagen. Wie die Deutschen auf das große Schauspiel ein aufmerksames Auge wandten, und an ihm ihren eigenen Zustand messend, gewissermaßen aus Betäubung und Schlaf erwachten, so kehrten sie auch besonnener zu ihrer Literatur zurück, und prüften sie mit neugeschärften Blicken. Von dieser Zeit an wenigstens schreibt sich die höhere Anerkennung ihres Goethe, dessen Werke nach einem kurzen Rausche früher Begeisterung schon vernachlässigt und ungefähr doch den übrigen gleichgestellt wurden. Damals also, als man so scharf König, Adel und Geistlichkeit recensirte, und die Ne- censenten bald nichts mehr als sich selbst zu lesen hatten, erwachte doch auch, seit Lessing schwieg, die bessere Kritik wieder, und suchte Poesie und Kunst inniger und tiefer zu ergreifen. Es war auch wol natürlich, daß das größte Ereigniß der neuesten Iahrhunderte den Deutschen in mehr als einer Hinsicht zur Besinnung brachte, und dies bessere Erkennen seines größten und mildesten Dichters sänftigte auf lange jenen unnatürlichen Kosmopolitismus, und weckte zugleich bei Wielen das Studium der Dichtkunst und Philosophie. Aber auch in allen guten Bestrebungen artet der Deutsche so leicht, mit falscher Heftigkeit und ungebildeter Glut, in Einseitigkeit und Barbarei aus. Welchen Fanatismus, immer nur die Methode, niemals die rohe Anmaßung wechselnd, haben wir in den vielfältigen Schulen unserer Philosophie erlebt! Wie treuherzig gutmeinend und zugleich wie komisch steht der Deutsche da, indem er in den oft geänderten Erziehungskünsten das Heil seiner Nation und der Welt sucht, und mit verfolgendem Eifer das Glück aufbauen will, indeß der Stein immer wieder herabfällt, und der Arbeiter doch nicht müde wird, ihn in anderer Manier wieder hinauf zu wälzen. Selbst die Regierungen bieten sich diesen wilden Träumen, die niemals von Erfahrung und wahrer Erkenntniß ausgehen können, und noch weniger jemals etwas Gutes bewirken werden. So gewaltig und roh diese Erzieher verfolgen und vernichten, was ihren Kram stört., so weichlich und unmännlich ist die Erziehung selber, in der Familie sowohl, wie in den öffentlichen Anstalten, geworden, und aus dieser Entwöhnung alles Gehorsams und aller Zucht sind uns auch schon traurige Früchte hervorgewachsen. Am meisten zerstörend und barbarisch hat sich wohl jene falsche Aufklärung bewiesen, die, so weit sie nur reichen konnte, das Christenthum und alles religiöse Gefühl zu vernichten strebte, die echte Philosophie verachten wollte, den Tiefsinn verhöhnte, Natur und Kunst auf ihre klägliche Weise umzudeuten suchte und die Poesie nur zum Träger armseliger Kunststücke erniedrigte. Vaterlandsliebe konnte dem, der diese Ueberzeugungen theilte, auch nicht mehr ehrwürdig bleiben. Das Fremde, Ferne, ward sophistisch und gewaltthätig herbeigezogen, um Götzendienst mit ihm zu treiben. Deutsches Alterthum ward nicht nur verkannt, sondern verfolgt, und Gebäude, Gemälde, Bildsäulen, so wie Sitten und Feste der früheren Iahrhunderte vernichtet. Wie sollten Stiftungen, Vermächtnisse, Eigenthum nun noch geschont werden? Nun konnte, in einer bessern Zeit, unsere Vorwelt fast wie ein verloren gegangenes Land wieder neu entdeckt werden. Die Freude über diesen Fund verwandelte sich aber bald wieder in rohe Einseitigkeit. Mit kleinstädtischer Vorliebe ward das Fremde nun eben so eigensinnig geschmäht und verachtet, man war nur Patriot, indem man das Ausländische, und folglich auch das Vaterland, verkannte. In Kunst, Poesie und Geschichte wollte man mit Willkühr alte Zeiten wiederholen, und ein Mittelalter, wie es nie war, wurde geschildert und als Muster empfohlen, Ritterromane, kindischer als jene veralteten, drängten sich mit treuherziger Eilfertigkeit hervor, predigten süßlich ein falsch-poetisches Christenthum, und lehrten mit dem steifsten Ernst eine Rittertugend und Vasallenpflicht, Ergebenheit unter Herrschern und Herzogen, Minne und Treue; in Ton und Gesinnung so über allen Spaß des Don Quixote hinaus, daß Scherz und Satire eben deshalb keine Handhabe an diesen Dingen fanden, um sie von den Tischen der Modegöttin herabzuwerfen. Die alte, erst verkannte und geschmähte Kunst galt nun für die einzige, das Zufällige und Ungeschickte an ihr für die höchste Vollendung. Die erneute religiöse Gesinnung artete bald in Sectengeist und Verfolgung aus, und selbst Lehrer der Wissenschaft glaubten nur fromm sein zu können, wenn sie die Wissenschaft zu vernichten suchten, so wie sich Künstler fanden, die nur begeistert zu sein vermochten, wenn sie sich von der Schönheit und den Göttergebilden der Griechen mit einem heiligen Grauen abwendeten. So wenig ist es in unserer Deutschen Natur, das Neue und Wahre mit Milde aufzunehmen, von dem Wein, der uns von der Göttertafel wohlwollend herabgesendet wird, mit weiser Mäßigung zu schlürfen, um uns nicht im wilden Rausch in Satyre und Faunen oder Bacchanten zu verwandeln, die in ihrer Verzückung alles eher, als Spaß verstehen, und von jener holdseligen, echt menschlichen Stimmung, die auch das Verschiedenartige im edlen Genuß verknüpft, durch eine Unendlichkeit von Verblendung und Irrthum getrennt sind.

Fr. Genug der Klagen. Diese unschuldigen Romane, um auf diese zurückzukommen, sind es denn doch auch wieder, die alle diese Irrsale bestätigen, und sich recht eigen ein Geschäft daraus machen, die Verwirrung zu einer allgemeinen zu erhöhen.

Vielleicht nicht so durchaus. Unsere leidenschaftliche Nation, die den Ernst fast immer zu ernsthaft nimmt, würde in allem Anlauf zu einer neuen Heilsordnung vielleicht noch höher springen und noch müder zurückfallen, wenn nicht gerade eben so viele unserer Romanziers, als die neueste Mode bestätigen wollen, mit der Strömung des Zeitgeistes im Widerspruch segelten, sehr oft — muß ich zugeben — ohne daß sie recht begreifen, wovon die Rede sei: aber dennoch, sie witzeln, satirisiren, machen lächerlich, und wenn bessere Köpfe mitsprechen, dringen sie oft mit ihrem Veto früh genug durch. Auf allen Fall aber sind es doch diese allgelesenen Schriften, die so häusig schon ein Gegengewicht, wenn auch anfangs nur Grane, in die andere Wagschale gelegt haben, und so durch die Vermittelung der Töchter, Frauen, Geliebten dem eifernden Enthusiasten nach und nach eine mildere Gesinnung in Gesprächen und Scherzen eingeflößt haben, die sie selbst erst aus Poesie und Langeweile schöpfen mußten. Fr. Wenn unser Gespräch für den Gegenstand oft zu ernst scheint und die Sache zu schwer anfaßt, so haben Sie jetzt den Knoten wieder auf eine zu leichtsinnige Art zerhauen. Möchte ich Ihnen auch nicht durchaus widersprechen, so können Sie doch nimmermehr leugnen, daß zu Zeiten diese Romanenleserei auf die schlimmste Art gewirkt hat, daß weichliche Bücher oft allen Sinn für Wahrheit und Ernst, so wie allen Trieb zur Arbeit in unzähligen jungen Leuten aufgelöst und zerstört haben, daß falsche Sentimentalität und nüchtern schwärmende Liebe, oft lüsterne Sinnlichkeit, die Gemüther verdorben, daß eben so oft ein Freiheitstaumel und Haß gegen Obrigkeit der unreifen Iugend beigebracht, und zu andern Zeiten durch ein sophistisches Geschwätz der Glaube an Moral, oder mit süßlicher Mystik, mit Freigeisterei wechselnd, Vernunft und Religion, bis zu den niedrigsten und dienenden Ständen hinab, ist erschüttert worden. Ja, es ist wol ausgemacht, daß durch diese Lesewuth selbst Bücher großer Autoren, ächte Kunstwerke, indem sie in unrechte Hände gerathen, gefährlich werden können. Wollen Sie mir diese Wahrheiten wieder wegstreiten, oder denken Sie darüber so leicht hin, daß Ihnen eine solche Ueberzeugung gleichgültig ist? Nein, ich denke nur von der menschlichen Natur anders als Sie, und meine, daß die Geschichte, die im steten Wechsel begriffen ist und sein muß, bald diesen bald jenen Stand mehr zur Thätigkeit oder zum Leiden ergreift und auffordert, daß es keine Geschichte gäbe, wenn die Gemüther der Menschen nicht auf mannichfaltige Weise, durch vielerlei Triebe und Bedürfnisse aufgereizt würden, und aus dem Gemüthe wieder äußerliche Begebenheiten erwüchsen. Die Zeichen, an denen diese Strömung zu erkennen ist, wechseln nach den verschiedenen Iahrhunderten, und in unfern Tagen gehört für den Beobachter diese von Ihnen verschmähte Gattung von Büchern eben auch zu jenen Zeichen, um sich zu erkennen und zurecht zu sinden. So wie diese Schriften manchen schadenden Stoff ableiten und mildern, so erregen und verbreiten sie auch wieder Krankheit oder Gesundheit, wie wir es nennen wollen, die sich aber immer wieder gelind zu Boden setzen und in der Masse unschädlich werden; dies aber, ist ein Volk erst fanatisirt und der verständigen Negierung Ordnung und Zügel aus den Händen gerissen, kann man von Libellen, politischen Flugschriften, Tageblättern oder religiösen Schwärmerbüchern gewiß nicht behaupten.

Fr. Wenn ich Sie verstehe, so meinen Sie, daß diese Erfindungen, indem sie sich einerseits an das Leben innigst anschmiegen, doch wieder dadurch, daß sie sich eben nur für Ersindung geben, und nicht absolute Wahrheit darstellen wollen, sich selbst wieder durch diese mannichfaltig gestellten Bedingungen sZnftigen. Wie sie aus Leichtsinn hervorgehen, so werden sie auch dem Leichtsinne wieder preisgegeben. Aber, ist dies wol derselbe Fall mit den Gedichten, in welchen die Leidenschaft der Liebe erregt und gelehrt wird, die das Herz zerreißen, indem sie es erheben wollen, und das empörte Gemüth bis zum Wahnsinn steigern können, um, wie es so oft heißt, die Seele zu malen und die Natur zu ergründen? Die schlimmen Einflüsse sind zu oft schon da gewesen, kehren nur allzuhäusig wieder, um vor dergleichen wild und zugleich allzu weichlich aufregenden Büchern unverschanzte Gemüther nicht warnen und bewahren zu müssen. — Sie schweigen?

Können wir diese Periode, welche Sie jetzt bezeichnen wollen, nicht die allerneueste nennen? Fängt sie nicht eigentlich mit dem Werther an?

Fr. Allerdings: wenn wir nicht Rousseau’s Neue Heloise voranstellen, die mir ebenfalls so merkwürdig und originell erscheint, daß ich immer geglaubt habe, der Werther hätte nicht entstehen können, wenn dieses wunderbare Buch nicht schon das neue Land aus der Ferne gesehen hätte.

Wenn Sie recht haben, so haben Sie auch schon Ihre Frage selbst, und zwar in meinem milderen Sinne beantwortet und anders gestellt.

Fr. Wie das?

Diese großen Erscheinungen sind dann eben nur merkwürdige und tiefsinnige Andeutungen der Geschichte und Anzeigen mächtiger und umgreifender Revolutionen in Verhältnissen des Lebens, Denkens und Empsindens. Und in wiefern diese Veränderungen des Innern, die anfangs oft dem blöden Auge noch unsichtbar bleiben, auch auf die äußere Geschichte und den großen Gang der Weltbegebenheiten, den Fortschritt und Rückschritt der Menschheit, die Bildung und den Charakter der Nationen wirken, bleibe dem ächten Geschichtschreiber zu bemerken und zu würdigen überlassen.

Fr. Sollte in der wahren Darstellung der Geschichte nicht beides zusammenfallen müssen? Nur möchte freilich die Ausführung von der höchsten Schwierigkeit sein.

Tristan da Cunha, The National Archives UKOhne Zweifel, im höchsten Sinne vielleicht unmöglich. — Darum eben ist der ächte Dichter so groß und lehrreich, für Gegenwart und Zukunft. Auf jener Schaukel, die sich erhebt und senkt, und auf welcher er, die Laute spielend, hin und wieder schwankt, erschaut er, wenn ihn die Begeisterung hoch hinauf wirft, neben der Muse sitzend, von oben viele Wunder und ihre Erklärung, die der Philosoph und der Wissenschaftkundige nicht sieht oder nicht versteht. Mit den ausgeströmten Liedern spielt dann die Menge, und Knaben und Thörichte ahmen sie nach, und dasjenige, was als ein Orakel aus geweihtem Munde erklang, wird oftmals bald Narrentheiding der schwatzenden Menge. Seit Rousseau, und noch mehr seit Werther, ist die Wunde des Lebens, die Krankheit der Liebe, weil sie schon vorher mit allen Schmerzen da war, auch der Menge durch geweihte Priester fühlbar und bekannt geworden. Wie oft war seit dem grauesten Alterthum in allen Zungen schon von der Liebe gesprochen worden; auch das Unglück dieser Leidenschaft und ihre tragischen Folgen waren schon, wie oft, bis zum Entsetzlichen gesungen; aber dennoch war allen Fühlenden, als sie den Werther lasen, als hätte noch niemand je das vernommen, als sei eine neue Sprache entdeckt. Wie lallte und stotterte alles in dieser Manier, und wie schwach süßlich klang der Mißverstand aus dem Siegwart und ähnlichen Büchern. Schon damals glaubten viele Deutsche, die Nation verdürbe an diesem Schmerz und dieser Weichlichkeit, und gutgemeinte Mittel aller Art, der Parodie und des seichtesten Spaßes wurden versucht, um nur wieder Gesundheit hervorzubringen. Und doch ist es gewiß, daß auch das blöde Auge die Natur seitdem anders betrachtet, daß selbst dem Kältesten Gefühle wunderbarer Natur dadurch näher getreten sind. Diese Auflösung des Lebens, diese Entfaltung des Geheimnißreichen unserer Brust, diese Angst und Freude klingt seitdem immerfort, am tiefsten schneidend und am zerstörendsten wol in dem Meisterwerke desselben großen Dichters, den Wahlverwandtschaften. Seit das Wort gefunden und ausgesprochen ist, läßt sich das Dasein dieser Krankheit weder mehr leugnen noch ignoriren, und wie sie schmerzend um sich greift, welche Kuren oder Palliative Religion und Staat oder Philosophie, mit Glück oder Unglück versuchen werden, muß die Folgezeit lehren; was wir in unsern Tagen haben beobachten können, was die Revolution unternahm, was in süßlichen oder aufgeklärt moralischen Büchern geschehen ist, war ungeziemend oder unbedeutend. Die laueste und ohnmächtigste Hülfe ist jenes Maskenspiel häuslichen Glücks, dessen kraftlose Heuchelei in so vielen gut gemeinten Büchern und langweiligen Familien seitdem herrscht. Wie mächtig tönt die Verzweiflung aus dem Faust? Und hat der Dichter beruhigende Töne aufgefunden? Kann er sie wol sinden? Ganz anders als im Hamlet erhebt sich die Angst der Seele und der Zwiespalt des Daseins. Der größte, der heilendste Trost ist immer der, daß das tödtendste Uebel dadurch schon gemildert wird, wenn der große Dichter nur das Wort gefunden und es ausgesprochen hat.

Fr. Und früher wäre diese Krankheit, wie Sie es nennen, noch niemals von der Poesie berührt oder angedeutet worden?

Die Ausgleichung des Lebens, die Enthüllung seiner Näthsel haben die Alten wenigstens in einem ganz andern Sinne versucht; und was sie in ihrer Tragödie Schicksal nannten, das Unbegreifliche, Unabwendbare, und wo Religion, Versöhnung, und der Schmerz den Schmerz selbst besiegte, alles dies Irrsal, das Ungeheure und Furchtbare, das immerdar das Menschengeschlecht mit ahndungsvollem Grauen umgibt, bedeutete ihnen ganz etwas anderes, löste sich milder oder großartiger, wenn gleich im Innersten selbst der Widerspruch und die Verzweiflung blieb. Aber sie deckten die Wurzel des Lebens nicht so vorwitzig auf, wie wir es gethan haben, die wir nur zu oft durch Anatomiren Kunde vom Geist und den Empsindungen zu erhalten streben.

Fr. So angesehen, muß Ihnen freilich alles, was damals in Deutschland gegen die sogenannte Empsindsamkeit geschah, nur in einem komischen Lichte erscheinen.

Um so mehr, da alles der Art, was die Kritik mit Recht tadelt, immer wieder von einer andern Seite hereinbricht, und als unverdächtig eingelassen wird. Ueber Siegwart glauben sie hinweg zu sein, viele Vernünftige tadeln ihn wol noch jetzt, und bewundern in dem herrlichsten Humoristen, Iean Paul, eine noch schlimmere Weichlichkeit, die, wenn sie jemals ein zartes Wesen ganz ergreifen sollte, es nothwendig völlig aushöhlen, und ihm auf eine Zeit lang allen Sinn für Wahrheit und Natur rauben müßte. Wer zuckt nicht über den verschollenen Cramer und seine rohen Ritterromane jetzt die Achseln? Selbst der Gemeinheit ist er zu gemein geworden, und doch schreit den feinsten Lesern aus manchem neuen gefeierten Autor das Aehnliche entgegen, ohne daß sie es im Enthusiasmus bemerken: manche Kapitel des weltberühmten Walter Scott erinnern mich an jene herabgesetzten Bücher, ohne daß ich darum das große Talent und die Ersindungsgabe dieses Autors zu verkennen brauche. England und Deutschland nennt jetzt manches im Tom Iones unsittlich, Iungfrauen wollen das Buch nicht mehr lesen oder gelesen haben, und erfreuen sich doch laut eines Clauren und ähnlicher Schriftsteller, gegen deren unsittliche Lüsternheit der Menschenkenner Fielding wahrhaft unschuldig ist. Ia, es gibt eine Darstellung der Keuschheit und Unschuld, im wirklichen Leben wie in so vielen gepriesenen Büchern, die einem freien Sinne und reinen Herzen höchst anstößig ist, und deren zu schamhafter Schamhaftigkeit man sich selber schämt, weil man hinter der moralischen Maske die verderbte Phantasie nur zu deutlich wahrnimmt. Auch die Engländer predigen in ihrem puritanischen Eifer zu oft diese falsche Sittlichkeit, sie lassen sich aber wenigstens die groben Widersprüche der Deutschen nicht zu Schulden kommen: der Muthwille ihres Sterne ist ihnen jetzt anstößig, aber in ihrer Prüderie verstehen sie auch unseres Goethe Wilhelm Meister nicht.

Fr. Vieles also, was die Welt Fortschritt des Zeitalters, Verbesserung der Sitten und Tugend, höheren moralischen Sinn, feineres und edleres Gefühl nennt, taufen Sie nach Ihren freigeistigen Ansichten nur als Mode?

Vieles, wie Sie sagen: das Rechte zu sinden, ist eben schwer und gelingt selbst den Besten nicht immer. Weiß ich doch, daß ich mit manchem verehrten Freunde wegen mancher jener edelmännischen Dichtungen in Streit gerieth, denen ich, wenn ich sie nicht komisch nahm, gar keine Seite des Verständnisses abgewinnen konnte. Ietzt hat freilich die Mode selbst längst wieder eingerissen, was sie aufbaute, und man ist nun schon gegen das Talent dieses Autors eben so unbillig, wie man es früher zu hoch erhob.

Tristan da Cunha, CaféFr. Ich hoffe, daß Sie diese Gedanken und Ueberzeugungen, die ich jetzt so zufällig von Ihnen vernehme, einmal gründlicher und umständlicher darlegen. Wie Sie in der neuesten Zeit eine Auflösung des Lebens sehen, des häuslichen, der Ehe und der Verhältnisse der Liebe, der Zufriedenheit, der Sicherheit und so weiter, so trat freilich um dieselbe Zeit auch ein Mißbehagen gegen den Staat und die öffentlichen großen Verhältnisse sichtbar hervor. Auch hier geschah das, was geschah, in einem andern, viel zerstörenderen Sinn, als in früheren Zeiten. Die Kraft der Zerstörung ist noch fühlbar, und das meiste, was zur Wiederherstellung versucht ist, scheint mir unverständig und ohnmächtig.

Eben, weil man nur wieder herstellen will, und mancher sogar denselben Thurm mit denselben Bausteinen, die zerschmettert vor seinen Füßen liegen. Neu sein, und doch alt, fortgehen in der Zeit, und doch nicht der Sklave jeder Thorheit werden, die Weisheit des Bestehenden, Festen, mit dem spielenden Witz des Wandelbaren verknüpfen, diese Widersprüche zu lösen, war die große Aufgabe aller Zeiten, wenn nicht das Starre bald welken und abbrechen, oder der flatternde Schmetterling der Tagesneuigkeit für Kraft und Schönheit gelten soll. Freilich mag es in unserm Iahrhundert schwieriger sein, als ehemals, weil alles verwickelter, künstlicher gestaltet ist, und die Revolution zu schmerzhaft und abschreckend gelehrt hat, daß das Durchhauen wol nur einem Alexander, und auch nur bei einem geflochtenen Knoten zu verzeihen ist.

Fr. Und wo bleiben die Romane? oder gar unsere Insel Felsenburg, von welcher wir anhoben? Ist es nicht dennoch verdächtig, ein Buch wieder auftreten zu lassen, dessen barbarische Schreibart uns empsindlich daran erinnert, wie zu derselben Zeit Richardson und Fielding, vieler anderer zu geschweigen, den Engländern ihre gebildeten Werke gaben? So wie Frankreich schon damals seine berühmtesten Autoren besaß.

Die Deutschen erwachten eben später, weil sie in dem ungeheuern Bürgerkriege zu ohnmächtig geworden waren. Wo alles verloren gegangen war, konnte sich die Literatur nicht retten. Seit dem großen Umschwung aller Verhältnisse durch die Reformation war der Kampf gegen das Papstthum, das an die Stelle der Hierarchie getreten war, eingeleitet, mit ihm der Streit gegen den Ueberrest des Kaiserthums, dessen hohe Würde im fünften Karl noch einmal und zum letztenmal hell aufgeleuchtet hatte. Alles, was fest bestanden, was die Welt regieret und geordnet hatte, versank, und es schien kaum möglich, bei der allgemeinen Zertrümmerung noch neue Stützen aufzusinden. Ein kläglicher Friede, der aus der allgemeinen Ohnmacht hervorging, schläferte endlich die letzten Kräfte betäubend ein. Hundert Iahr später erhob sich der Streit wieder, nicht mehr gegen Kirche und Papst, sondern gegen das Christenthum selbst, gegen die Religion ohne Weiteres, und in diesem Gelüst nach Auflösung, in welchem zugleich ein Krieg gegen Stände und Verfassung, gegen Geistlichkeit und Adel, gegen König und Gesetz hervorbrach, zeigte sich auch endlich jenes Streben, welches wir vorher bezeichneten, Ehe, Liebe, Treue, Häuslichkeit, Verstand und Vernunft durch eben so phantastische Sehnsucht als tiefsinnige Melancholie aufzulösen, und alles einem verzweifelnden Lebensüberdruß preiszugeben. Wie hat man nun auch hier den Grund und Boden wiedersinden wollen! Möchte derjenige, dem Frömmigkeit und Wahrheit ein Bedürfniß ist, nicht fast jene alte verrufene Aufklärung wieder zurückwünschen, die doch wenigstens redlich war, und doch etwa nur Christenthum, und was sie Schwärmerei nannte (freilich auch unendlich viel), verfolgte? da die neue Religiosität ihren Eifer darin zeigt, alles, was noch irgend Wahrheit und Schönheit bietet, Kunst, Poesie, Philosophie und Wissenschaft, bilderstürmerisch zu vernichten, und sich selbst zugleich? Mit dem Fanatismus, das ewig Wahre in jeder Verirrung zu tödten?

Fr. In dem Einschlag der vielfarbigen Lebenstapete werden aber, so hoffe ich, von dem Webemeister schon muntere und helle Fäden eingelegt sein, die auch wol schon in Bewegung sind, um das Gemälde mit Lichtern zu erfreuen.

Sie rührte wol sonst — weder Zeichnung noch Ausführung — von keinem weisen Meister her. — Von diesem Standpunkte aus, wo wir über so vieles Wichtige zu klagen Ursach fänden, möchten wir aber die Romane, die doch fast alle ziemlich unschuldig sind, nur unten in der Menge ungestört umlaufen lassen, bald dieses, bald jenes Bedürfniß befriedigend, vermittelnd, die Trauer und den Schmerz des Lebens sänftigend, sich an die Poesie lehnend, und vieles Wahre und Unwahre verspottend. Denn noch schlimmer wäre es, wenn der Mensch nicht seinem Treiben und so oft falschem Eifer wieder selbst hemmende Kräfte einschöbe, um sich das, was er das Gute und Rechte nennt, zu erschweren und zu verzögern. Verfährt die sogenannte Natur doch eben auch nicht anders.

Fr. In diesem Sinne könnte aber eine nicht uninteressante Geschichte der Nomanenlecture geschrieben werden. Wir haben in unserer Literatur viel mit den Worten „Naiv“ und „Sentimental“ gespielt: mir scheint, als könne man dergleichen Benennungen, wenn man sich erst über die Bedeutung der Zeichen verstanden hat, auch auf Zeitalter übertragen. In diesem Sinne möchte man die Iahre seit Rousseau, im Gegensatz der früheren, sentimental nennen, und jene früheren, da sie alle die Bedürfnisse, die sich seitdem ausgesprochen haben, noch nicht kannten, mit naiv bezeichnen.

Am meisten aber die Versuche jener Schriftsteller, die noch ohne Kunst und Bildung, ohne eigentliches Studium, aber auch ohne alle Kränklichkeit und süße Verweichlichung, wie ohne falsches Bewußtsein und literarischen Hochmuth, nur ihrer Phantasie und den Eingebungen ihrer Laune so bescheiden und redlich folgten, und eben deshalb so vieles in einem richtigen Verhältnis?, ja mit einem großartigen Verstande darstellen konnten, was bei anscheinend größern Mitteln so vielen ihrer Nachfolger, die so oft das Verzerrte für das Geniale nahmen, nicht gelingen wollte. Und so wären wir denn doch wieder zu unserer Insel Felsenburg gelangt. Ich weiß wohl, daß lange Zeit dieser Name bloß galt, um etwas ganz Verächtliches zu bezeichnen. Auel, damals noch, als der Rivaldo Rinaldini (das trockenste, was je diese Art Literatur hervorgebracht hat) viele Editionen und selbst eine Prachtausgabe erlebte. Aber eben, weil jene treuherzige Chronik der Insel, und das Leben des Altvaters, so wie die Erzählungen der Bewohner und Ankömmlinge, aus jener naiven Zeit herrühren, sind sie in unserer verwirrten und verstimmten Zeit von neuem, und mehr wie so vieles andere, ergötzlich und lehrreich, ja sie können für Manchen, der vor Allwissen nicht aus und ein weiß, wahrhaft erbaulich werden. Dieser Autor, welcher in jenen Iahren viele Bücher geschrieben hat, zeigt eine vielseitige Kenntniß seines Zeitalters und des damaligen Wissens, auch Chemie, Astrologie und die Goldmacherkunst sind ihm nicht fremd, er hat die Menschen mit scharfem und sicherem Auge beobachtet. Vorzüglich interessant sind die mannichfaltigen Lebensbeschreibungen der Colonisten, von denen fast alle den ächten Beruf eines Schriftstellers beurkunden. Wenn also der neue Bearbeiter nur den Canzleisiyl jener Tage mildert und verbessert, vorzüglich aber manche Stellen des Buches abkürzt, am meisten die Beschreibungen des Gottesdienstes, welche zu oft wiederkehren und für einen Roman mit zu großer Vorliebe ausgemalt sind, kurz, wenn er, ohne das Gute zu verkennen, nur das ausläßt oder neu darstellt, was als bloße Zufälligkeit jener Tage sich dem Buche einmischte, so hat er der Lesewelt ohne Zweifel ein lobenswerthes Werk wieder in die Hände gegeben, die ihm für seine Bemühung danken muß.

Fr. Ein berühmter dänischer Dichter, Oehlenschläger, hat mit dem deutschen Bearbeiter zugleich dies Buch angekündigt.

Ein Zeichen, wie sehr man etwas Besseres und Veraltetes in unserer neuen Zeit wieder bedarf.

Fr. Nur nicht wörtlich, wie Sie bemerken.

So wenig als die Vorzeit im Staat, welche Anmerkung wir auch schon gemacht haben.

Fr. Und Ihre versprochene Vorrede?

Unser Gespräch kann diese vielleicht vertreten.

Internet Café

Bilder: NASA Terra ASTER image of Tristan da Cunha Island, South Atlantic Ocean, 25. Oktober 2006;
Karte der Insel Felsenburg für den Roman;
The National Archives UK: Tristan da Cunha, 1927;
Brian Gratwicke: Tristan da Cunha, Urlaubsfotos März 2012.

Belohnungslied nach 71 kB Nettobuchstaben: Marius Müller-Westernhagen: Auf ’ner einsamen Insel,
aus: Ja Ja, 1992 — sein letztes richtig gutes Lied:

Written by Wolf

4. November 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Aufklärung, Land & See, ~~~Olymp~~~

Umfing ihn sein feins Liebchen: Leb wol, du Herzensbübchen! Leb wol! Viel Heil und Sieg!

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Update zum Weekly Wanderer 8: Horst Bingel: Feinsliebchen:

Die Welt tut vorbildlich meinen Job und bringt eingehende Analysen der deutschen Romantik. Ich tue ein übriges und verfälsche planvoll den Artikel von Matthias Heine, den ich vollständig zitiere, indem ich die Literaturzitate vervollständigt in den Fließtext rücke.

Einzig Heines (sic) Conclusio, das einzige Gesicht des katexochenen Feinsliebchens sei das eines Staffage-Details auf einem verschollenen Bild, erscheint mir etwas willkürlich — aber ziemlich schön. Entweder zum Trost oder zur Belohnung finden sich die aufschlussreichsten Feinsliebchen-Lieder, für die nicht einmal in den Bonus Tracks Platz war, in der Sammlung Ludwig Erk, 1856.

Feinsliebchen, ich bleibe Dir treu, Bildpostkarte Gruß von der Front, 19. Februar 1916, Universität Osnabrück, via Europeana 1914–1918

——— Matthias Heine:

Die Blaue Blume unter den Wörtern

in: Die Welt, Mittwoch, 23. März 2016, Feuilleton Seite 22:

Auf der Suche nach dem, was deutsch ist, stößt man auf das volksliedhafte „Feinsliebchen“. Populär gemacht haben es zwei Intellektuelle

Was ist eigentlich deutsch? Diese Frage wird gerade auf ziemlich verwirrende Weise neu verhandelt. Mitglieder und Sympathisanten von Bewegungen wie Pegida und AfD sehen sich selbst als Erben antidiktatorischer Widerstandskämpfer wie Sophie Scholl und Graf Stauffenberg. Einwanderer aus Osteuropa, die in ihrem Schrebergarten Russlandfahnen hissen und deren hier geborenen Kinder untereinander immer noch Russisch reden, empfinden sich als deutscher als die meisten hier Geborenen.

Irritiert von so bizarren Ansprucherhebern auf das wahre Deutschland, wendet man suchend wieder den Blick zu denjenigen, die das, was wir heute für deutsch halten, erst definiert haben: den Romantikern. Und man stößt dort auf ein Wort, das wie ein Signal war, mit der sich die Vertreter der neuen und revolutionären Denk- und Empfindungsweise in ihrer Poesie zu erkennen gaben: Feinsliebchen. So nannte ein wahrer Romantiker die Geliebte.

Diese Blaue Blume unter den Wörtern haben Achim von Arnim und Clemens Brentano gezüchtet – mit gärtnerischer Vorarbeit von Gottfried August Bürger. 1805 bis 1808 veröffentlichten Arnim und Brentano eine Sammlung namens „Des Knaben Wunderhorn„, die im Untertitel „Alte deutsche Lieder“ versprach. Feinsliebchen – mal zusammengeschrieben, mal auseinander: feins Liebchen oder feines Liebchen – ist darin ein Zauberwort, dessen Nennung den Traum von einem schöneren Deutschland beschwört. Dieses Land der Seele liegt „wohl unterm grünen Tannenbaum, allda ich fröhlich lag, in mein feins Liebchens Armen die lange liebe Nacht.“

Abendlied.

Mündlich.

Nun laßt uns singen das Abendlied,
Denn wir müssen gehn,
Das Kännchen mit dem Weine,
Lassen wir nun stehn.

Das Kännchen mit dem Weine,
Das muß geleeret sein,
Also muß auch das Abendlied
Wohl fein gesungen sein.

Wohl unterm grünen Tannenbaum,
Allda ich fröhlich lag,
In mein feins Liebchens Armen
Die lange liebe Nacht.

Die Blätter von den Bäumen
Die fallen nun auf mich,
Daß mich mein Schatz verlassen hat,
Das freuet wohl mich.

Daß mich mein Schatz verlassen hat,
Das kömmt wohl daher,
Sie dacht sich zu verbessern,
Betrog sich gar sehr.

Des Abends, wenn es dunkel wird,
Steht er wohl vor der Tür,
Mit seinem blanken Schwerdte,
Als wie ein Offizier.

Mit seinem blanken Schwerdte,
Gleich einem rechten Held,
Mit ihm will ich es wagen,
Ins weite, weite Feld.

Mit ihm will ich es wagen,
Zu Wasser und zu Land,
Daß mich mein Schatz verlassen hat,
Das bringt mir keine Schand.

Das Abendlied gesungen ist,
Das Kännchen ist geleert,
Laß sehn nun wie du Kerl aussiehst,
Mit deinem blanken Schwerdt.

Der Nachtwächter wandelt darin durch hutzelige Kleinstädte, aber ganz anders, als wir uns heute die Romantik zurechtkastriert haben, wird Sexualität recht offen angesprochen: „Der Wächter fing zu läuten an: ,Steh auf, wer bey Feinsliebchen liegt, der Tag kommt angeschlichen.“

Das Wiedersehen am Brunnen.

Mündlich.

Es war einmal ein junger Knab,
Der hat gefreit schon sieben Jahr
Um ein fein Mädlein, das ist wahr,
Er konnt sie nicht erfreien.

„Ey komm den Abend junger Knab,
Wenn finstre Nacht und Regen ist,
Wenn niemand auf der Gasse ist,
Herein will ich dich lassen.“

Der Tag verging, der Abend kam,
Der junge Knab geschlichen kam,
Er klopfet leise an die Thür:
„Steh auf, ich bin dafüre.

Ich hab schon lang gestanden hier
Ich stand allhier wohl sieben Jahr.“
„Hast lang gestanden, das ist nicht wahr,
Ich hab noch nicht geschlafen.

Ich hab gelegn und hab gedacht,
Wo nur mein Schatz noch bleiben mag,
Er macht mir allzulang, zu lang,
Mir wird ganz angst und bange.“

„Wo ich so lang geblieben bin,
Das darf dir wohl gesaget seyn,
Bey Bier und Wein, wo Jungfern seyn,
Da bin ich allzeit gerne.“

Es war wohl um die Mitternacht,
Der Wächter fing zu läuten an:
„Steh auf, wer bey Feinsliebchen liegt,
Der Tag kommt angeschlichen.“

Das Bürschlein auf die Leiter sprang,
Und schaut die Stern am Himmel dicht:
„Ich scheide nicht bis Tag anbricht,
Bis alle Sterne schwanden.“

Er sah das Morgensternlein nur,
Als sich der Knab von ihr gewandt,
Das Mägdlein Morgens früh aufstand,
Ging an den kühlen Brunnen.

Begegnet ihr derselbig Knab,
Der Nachts bey ihr geschlafen hat,
Viel guten Morgen boten hat:
„Gut Morgen mein Feinsliebchen.

Wie hast geschlafen heute Nacht?“
„Ich hab gelegn in Liebchens Arm!
Ich hab geschlafen, daß Gott erbarm,
Mein Ehr hab ich verschlafen!“

Die Romantik war auch sonst nicht immer so romantisch, wie es unser Klischee will: „Feins Liebchen, ihr müsset mich lausen, mein gelbkrauß Härlein durchzausen“, sagt der fahrende Ritter zur schönen Königstochter, die mit ihm wegen seines schönen Gesanges durchgebrannt ist.

Liebe ohne Stand.

Feiner Almanach II. Band S. 100.

Es ritt ein Ritter wohl durch das Ried,
Er hob wohl an ein neues Lied,
Gar schöne thät er singen,
Daß Berg und Thal erklingen.

Das hört des Königs sein Töchterlein
In ihres Vaters Lustkämmerlein,
Sie flochte ihr Härlein in Seiden,
Mit dem Ritter wollte sie reiten.

Er nahm sie bey ihrem seidenen Schopf
Und schwung sie hinter sich auf sein Roß.
Sie ritten in einer kleinen Weile
Wohl vier und zwanzig Meilen.

Und da sie zu dem Wald ’naus kamen,
Das Rößlein das will Futter han.
„Feins Liebchen, hier wollen wir ruhen,
Das Rößlein, das will Futter.“

Er spreit sein Mantel ins grüne Gras,
Er bat sie, daß sie zu ihm saß,
„Feins Liebchen, ihr müsset mich lausen,
Mein gelbkrauß Härlein durchzausen.“

Des härmt sich des Königs sein Töchterlein,
Viel heiße Thränen sie fallen ließ,
Er schaut ihr wohl unter die Augen,
„Warum weinet ihr, schöne Jungfraue?“

„Warum sollt ich nicht weinen und traurig seyn,
Ich bin ja des Königs sein Töchterlein;
Hätt ich meinem Vater gefolget,
Frau Kayserin wär ich geworden.“

Kaum hätt sie das Wörtlein ausgesagt,
Ihr Häuptlein auf der Erden lag,
„Jungfräulein hättst du geschwiegen,
Dein Häuptlein wär dir geblieben.“

Er kriegt sie bey ihrem seidenen Schopf,
Und schlenkert sie hinter den Hollerstock:
„Da liege feins Liebchen und faule,
Mein junges Herze muß trauren.“

Er nahm sein Rößlein bei dem Zaum,
Und band es an einen Wasserstrom.
„Hier steh mein Rößlein und trinke,
Mein jung frisch Herze muß sinken.“

Mindestens sechsundzwanzigmal kommt Feinsliebchen in „Des Knaben Wunderhorn“ vor. Wie wir heute wissen, waren die Lieder nicht so „alt“ wie der Titel versprach, sondern oft stark von Arnim bearbeitet. Der massenhafte Gebrauch von Feinsliebchen ist also nicht unbedingt Ausdruck des authentischen Volksmunds, sondern eine literarische Strategie. Schon Gottfried August Bürger hatte es in seinen 1778 erschienenen Gedichten dreifach codiert benutzt: Als Chiffre einer Liebeskonzeption, die aufklärerischer Rationalität Hohn sprach, als Verweis auf ein idealisiertes Mittelalter und als Kostüm, mit dem das von Intellektuellen hergestellte Poem sich das Ansehen eines Volksliedes gab: „Ein Ritter rit wol in den Krieg, und als er seinen Hengst bestieg, Umfing ihn sein feins Liebchen: „Leb wol, du Herzensbübchen! Leb wol! Viel Heil und Sieg!“ Bürger hatte das Wort, das zum ersten Mal in den Fastnachtspielen des fünfzehnten Jahrhunderts belegt ist, wohl tatsächlich aus der Volkspoesie übernommen.

Der Ritter und sein Liebchen

1775, in: Gedichte, Johann Christian Dieterich, Göttingen 1778:

     Ein Ritter rit wol in den Krieg,
Und als er seinen Hengst bestieg,
Umfing ihn sein feins Liebchen:
„Leb wol, du Herzensbübchen!
Leb wol! Viel Heil und Sieg!

     Kom fein bald wieder heim ins Land,
Daß uns umschling‘ ein schönres Band,
Als Band von Gold und Seide:
Ein Band aus Lust und Freude,
Gewirkt von Priestershand!“ –

     „Ho ho! Käm‘ ich auch wieder hier,
Du Närrchen du, was hülf‘ es dir?
Magst meinen Trieb zwar weiden;
Allein dein Band aus Freuden
Behagt mit nichten mir.“ –

     „O weh! So weid‘ ich deinen Trieb,
Und wilst doch, falscher Herzensdieb,
Ins Ehband dich nicht fügen!
Warum mich denn betrügen,
Treuloser Unschuldsdieb?“ –

     „Ho ho! du Närrchen, welch ein Wahn!
Was ich that, hast du mitgethan.
Kein Schlos hab‘ ich erbrochen.
Wann ich kam anzupochen,
So war schon aufgethan.“ –

     „O weh! So trugst du das im Sin?
Was schmeicheltest du mir um’s Kin?
Was mustest du die Krone,
So zu Betrug und Hohne,
Mir aus den Locken ziehn?“ –

     „Ho ho! Jüngst flog in jenem Hain
Ein kirres Täubchen zu mir ein.
Hätt‘ ich es nicht gefangen,
So müsten mir entgangen
Verstand und Sinnen seyn.“ – –

     Drauf rit der Ritter hop sa sa!
Und strich sein Bärtchen trallala!
Sein Liebchen sah ihn reiten,
Und hörte noch vom weiten
Sein Lachen ha ha ha! – –

     Traut, Mädchen, leichten Rittern nicht!
Manch Ritter ist ein Bösewicht.
Sie löffeln wol und wandern,
Von Einer zu der Andern,
Und freien Keine nicht.

Auch wenn Feinsliebchen gelegentlich als Anrede für den männlichen Geliebten auftaucht, ist doch meist eine Frau damit gemeint. Und das ist ganz folgerichtig. In einem Land, in dem die nationale Identität mit der Mutter(!)sprache aufgesogen wird, ist die Frau der Inbegriff des Deutschen – da können die Männer noch so sehr mit den Schwertern klirren. Bei Hoffmann von Fallersleben ist im „Lied der Deutschen“ von Männern keine Rede, stattdessen heißt es: „Deutsche Frauen, deutsche Treue, deutscher Wein und deutscher Sang“.

Der gedachte mysteriöse Zusammenhang zwischen deutschen Frauen und dem alten schönen Klang war nirgendwo sinnfälliger als beim Feinsliebchen. Das Wort wurde, nachdem es einmal mit dem Wunderhorn in die dichterische Welt hinausgeblasen worden war, begeistert aufgegriffen. Es hatte die gleiche Wirkung wie ein Facebook-Profilfoto, mit dem man seine Sympathie für eine Bewegung bekundet. Der junge Heinrich Heine übertrifft 1827 in seinem lyrischen Bestseller „Buch der Lieder“ Arnim und Brentano noch mit der Zahl seiner Feinsliebchen: „Feins Liebchen weint; ich weiß warum, und küß‘ ihr Rosenmündlein stumm.“

Traumbilder.

VI.

Im süßen Traum, bei stiller Nacht,
Da kam zu mir, mit Zaubermacht,
Mit Zaubermacht, die Liebste mein,
Sie kam zu mir ins Kämmerlein.

Ich schau sie an, das holde Bild!
Ich schau sie an, sie lächelt mild,
Und lächelt, bis das Herz mir schwoll,
Und stürmisch kühn das Wort entquoll:

„Nimm hin, nimm alles was ich hab,
Mein Liebstes tret ich gern dir ab,
Dürft ich dafür dein Buhle sein,
Von Mitternacht bis Hahnenschrein.“

Da staunt‘ mich an gar seltsamlich,
So lieb, so weh und inniglich,
Und sprach zu mir die schöne Maid:
O, gib mir deine Seligkeit!

„Mein Leben süß, mein junges Blut,
Gäb ich, mit Freud und wohlgemut,
Für dich, o Mädchen engelgleich –
Doch nimmermehr das Himmelreich.“

Wohl braust hervor mein rasches Wort,
Doch blühet schöner immerfort,
Und immer spricht die schöne Maid:
O, gib mir deine Seligkeit!

Dumpf dröhnt dies Wort mir ins Gehör,
Und schleudert mir ein Glutenmeer
Wohl in der Seele tiefsten Raum;
Ich atme schwer, ich atme kaum. –

Das waren weiße Engelein,
Umglänzt von goldnem Glorienschein;
Nun aber stürmte wild herauf
Ein greulich schwarzer Koboldhauf.

Die rangen mit den Engelein,
Und drängten fort die Engelein;
Und endlich auch die schwarze Schar
In Nebelduft zerronnen war. –

Ich aber wollt in Lust vergehn,
Ich hielt im Arm mein Liebchen schön;
Sie schmiegt sich an mich wie ein Reh,
Doch weint sie auch mit bitterm Weh.

Feins Liebchen weint; ich weiß warum,
Und küß ihr Rosenmündlein stumm. –
„O still‘, feins Lieb, die Tränenflut,
Ergib dich meiner Liebesglut!“

„Ergib dich meiner Liebesglut –“
Da plötzlich starrt zu Eis mein Blut;
Laut bebet auf der Erde Grund,
Und öffnet gähnend sich ein Schlund.

Und aus dem schwarzen Schlunde steigt
Die schwarze Schar; – feins Lieb erbleicht!
Aus meinen Armen schwand feins Lieb;
Ich ganz alleine stehen blieb.

Da tanzt im Kreise wunderbar,
Um mich herum, die schwarze Schar,
Und drängt heran, erfaßt mich bald,
Und gellend Hohngelächter schallt.

Und immer enger wird der Kreis,
Und immer summt die Schauerweis:
Du gabest hin die Seligkeit,
Gehörst uns nun in Ewigkeit!

Im traurigsten Liebesliederzyklus aller Zeiten lässt Wilhelm Müller 1823 seinen Wanderer die „Winterreise“ antreten, indem er vor dem Haus der verlorenen Geliebten seufzt: „Laß irre Hunde heulen vor ihres Herren Haus! Die Liebe liebt das Wandern, Gott hat sie so gemacht – von einem zu dem andern – Fein Liebchen, gute Nacht!“

Gute Nacht

Fremd bin ich eingezogen,
Fremd zieh‘ ich wieder aus.
Der Mai war mir gewogen
Mit manchem Blumenstrauß.
Das Mädchen sprach von Liebe,
Die Mutter gar von Eh‘, –
Nun ist die Welt so trübe,
Der Weg gehüllt in Schnee.

Ich kann zu meiner Reisen
Nicht wählen mit der Zeit,
Muß selbst den Weg mir weisen
In dieser Dunkelheit.
Es zieht ein Mondenschatten
Als mein Gefährte mit,
Und auf den weißen Matten
Such‘ ich des Wildes Tritt.

Was soll ich länger weilen,
Daß man mich trieb hinaus?
Laß irre Hunde heulen
Vor ihres Herren Haus;
Die Liebe liebt das Wandern –
Gott hat sie so gemacht –
Von einem zu dem andern.
Fein Liebchen, gute Nacht!

Will dich im Traum nicht stören,
Wär schad‘ um deine Ruh‘,
Sollst meinen Tritt nicht hören –
Sacht, sacht die Türe zu!
Schreib‘ im Vorübergehen
Ans Tor dir: Gute Nacht,
Damit du mögest sehen,
An dich hab‘ ich gedacht.

Und sogar der vermeintlich unromantische Georg Büchner braucht 1835 das Wort, um Volksliedkolorit zu schaffen, wenn er in „Danton’s Tod“ die verrückte Lucile unter dem Fenster ihres eingekerkerten Camille singen lässt: „Es stehen zwei Sternlein an dem Himmel, scheinen heller als der Mond, Der ein‘ scheint vor Feinsliebchens Fenster, Der andere vor die Kammerthür.“

Lucile (tritt auf. Sie setzt sich auf einen Stein unter die Fenster der Gefangenen). Camille, Camille! (Camille erscheint am Fenster.) – Höre, Camille, du machst mich lachen mit dem langen Steinrock und der eisernen Maske vor dem Gesicht; kannst du dich nicht bücken? Wo sind deine Arme? – Ich will dich locken, lieber Vogel. (Singt:)

Es stehen zwei Sternlein an dem Himmel
Scheinen heller als der Mond,
Der ein‘ scheint vor Feinsliebchens Fenster,
Der andere vor die Kammerthür.

Komm, komm, mein Freund! leise die Treppe hinauf, sie schlafen Alle. Der Mond hilft mir schon lange warten. Aber du kannst nicht zum Thor herein, das ist eine unleidliche Tracht. Das ist zu arg für den Spaß, mach ein Ende. Du rührst dich auch gar nicht, warum sprichst du nicht? Du macht mir Angst. –

Höre! die Leute sagen, du müßtest sterben, und machen dazu so ernsthafte Gesichter. – Sterben! ich muß lachen über die Gesichter. Sterben! Was ist das für ein Wort? Sag‘ mir es, Camille. Sterben! Ich will nachdenken, da, da ist’s. Ich will ihm nachlaufen; komm, süßer Freund, hilf mir fangen, komm! komm! (Sie läuft weg.)

Camille (ruft). Lucile ! Lucile!

In Wirklichkeit hat nie ein Feinsliebchen außerhalb der Poesie gelebt. Sein einziges Gesicht ist das der jungen Frau, die in Schinkels „Gotischer Dom am Fluss“ mit den Schiffern schäkert. Die Spur des Gemäldes verliert sich in Hitlers Reichskanzlei 1945. Die Szenerie darauf ist frei erfunden, eine Sehnsuchtsgeburt des Malers, und gerade deshalb hat nie ein deutscheres Bild existiert. Eine Kirche, die es nicht gibt, an einem Fluss, der nirgendwo fließt, unter einer Sonne, die so niemals aus einem deutschen Himmel scheint, auf einem Bild, das verbrannt ist – das ist das wahre Deutschland.

Was hab ich denn meinem Feinsliebchen gethan, Postkarte mit Alt-Betzinger Motiv, Julius Schlotterbeck an Pauline Hipp, 1902

Soundtrack: Johannes Brahms: Feinsliebchen, du sollst mir nicht barfuß gehn, WoO 33 Nr. 12, 1894. Melodie und Text: kuhländisches Volkslied aus Mähren, 1814 veröffentlicht. Hochdeutsch auf die Melodie der westfälischen Ballade Winterrosen gesetzt von Wilhelm von Zuccalmaglio, um 1840. — Aufzutreiben waren bis zu zwölf Strophen für das Volkslied; bei Schubert fehlen die siebte bis elfte:

  1. „Feinsliebchen, du sollst mir nicht barfuß gehn!
    Du zertrittst dir die zarten Füßlein schön!“
  2. „Wie sollte ich denn nicht barfuß gehen?
    Hab keine Schuh‘ ja anzuziehn.“
  3. „Feinsliebchen, willst du mein Eigen sein,
    so kaufe ich dir ein Paar Schühelein.“
  4. „Wie könnte ich denn Euer Eigen sein?
    Ich bin ein armes Mägdelein.“
  5. „Und bist du auch arm, so nehm ich dich doch –
    du hast ja die Ehr‘ und die Treue noch!“
  6. „Die Ehr‘ und die Treue mir keiner nahm;
    ich bin wie ich von der Mutter kam.“
  7. „Und Ehr und Treu ist besser wie Geld!
    Ich nehm mir ein Weib, das mir gefällt!“
  8. Was zog er aus seiner Tasche fein?
    Von blauer Seide sind’s Strümpfelein.
  9. Sie setzte sich nieder auf einen Stein
    und zog die Strümpfe an ihre Bein‘.
  10. Was zog er aus seiner Tasche dazu?
    Von blauem Leder ein Paar Schuh‘.
  11. Sie zog die Schühlein an den Fuß
    und dankte ihm gar sehr dazu.
  12. Was zog er aus seiner Tasche fein?
    Mein Herz! Von Gold ein Ringelein!

Bonus Track:

Ich habe mein Feinsliebchen

Musik: anonym aus dem 18. Jahrhundert , die Melodie als „vielfach mündlich überliefert, durch ganz Deutschland bekannt“; Text: Verfasser unbekannt, 1807 abgedruckt bei Büsching u . v. d. Hagen – auch in Deutscher Liederhort, 1856, Nachweise und Variationen im Volksliederarchiv:

Ich habe mein Feinsliebchen,
Ich hab mein schön Feinsliebchen
So lange nicht gesehn,
Schon lang nicht mehr gesehn.

Ich sah sie gestern Abend,
Ich sah sie gestern Abend
Wohl in der Haustür stehn,
Wohl unter der Haustür stehn.

Sie sagt, ich sollt sie küssen,
Der Vater darf’s nicht wissen.
Die Mutter nahm’s gewahr,
daß jemand bei ihr war.

„Ach, Tochter, willst du freien?
Es wird dich schon gereuen,
gereuen wird es dich,
gereuen wird es dich.

Wenn andre junge Mädchen
mit ihren grünen Kränzchen
(mit ihren holden Schätzchen)
wohl auf den Tanzboden geh’n,
Wohl auf den Tanzboden geh’n.

So mußt du junges Weibchen
mit deinem zarten Leibchen
wohl bei der Wiegen stehn,
wohl bei der Wiegen stehn.

Mußt singen: Ri-Ra-Ritzchen,
schlaf ein mein liebes Fritzchen,
schlaf ein in süßer Ruh,
mach deine Äuglein zu.

Ach hätt das Feu’r nicht so gebrannt,
so wär die Lieb‘ nicht ang’rannt.
Das Feuer brennt so sehr,
die Liebe noch viel mehr.

Das Feuer kann man löschen,
die Liebe nicht vergessen,
ja nun und nimmermehr,
ja nun und nimmermehr.“

„Hättst du ihn fahren lassen,
den Fuhrmann auf den Straßen,
den Reiter auf sei’m Roß,
ein Jungfrau wärst du noch.“

Dienstmägdleins edler Retter. Deutsche Volkslieder – Feinsliebchen, du sollst mir nicht barfuß gehn, Entstehungsgeschichte, via BR Klassik, picture-alliance, dpa

Bilder:

  1. Feinsliebchen, ich bleibe Dir treu, Bildpostkarte Gruß von der Front, Prägedruck, Höhe: 1204 mm; Breite: 1778 mm, gelaufen 19. Februar 1916, Universität Osnabrück | Historische Bildpostkarten, via Europeana 1914–1918;
  2. Was hab ich denn meinem Feinsliebchen gethan?

    Eine Postkarte mit Alt-Betzinger Motiv zum Thema verschmähte Liebe, geschrieben im Jahr 1902 von einem Julius Schlotterbeck an eine Pauline Hipp. Auf der Karte ist noch aufgedruckt:

    Was hab ich denn meinem Feinsliebchen gethan?
    Es geht ja vorüber und schaut mich nicht an;
    Es schlägt seine Äuglein wohl unter sich
    Und hat einen andern viel lieber als mich.

    BildeRTanzquelle Sammlung Werner Früh;

  3. Dienstmägdleins edler Retter. Deutsche Volkslieder – Feinsliebchen, du sollst mir nicht barfuß gehn, Entstehungsgeschichte, via BR Klassik, picture-alliance/dpa.

Bonus Track:Horch, was kommt draußen rein? Wird wohl mein Feinsliebchen sein.“

Written by Wolf

20. Mai 2016 at 00:01

Take Five

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Wie Benny Goodman zu Mozart kam,
das Quintett zu den Quartetten
und alles miteinander zu uns.

In München zu wohnen ist schön. Die einen sagen, das Beste daran sei, dass man „in keinen zwei Stunden am Gardasee“ ist, die anderen, die A 9 und gleich drei verschiedene Zugstrecken nach Nürnberg. Wie immer haben alle Recht und keiner.

Das Beste an München ist selbstverständlich die Klassikabteilung im fünften Stock des Kaufhauses Beck am Rathauseck, der größten der Welt. Da findet man nämlich zwischen den ganzen Vollpreis-CDs und vorgeblichen Angeboten, die ein Zentralmünchner Kaufhaus für Sonderpreise hält, manchen Schatz, den es nicht mal im ganzen großen weiten Internet gibt, selbst wenn man das „Internet“ weiter fasst als Amazon, iTunes, Facebook und Silkroad.

CD-Cover Mozart, Budapest Quartet, George Szell, Benny Goodman, Naxos 2007Wirklich gelohnt hat sich das absichtslose Nachblättern unter den Klavierquartetten von Mozart. Klavierquartette sind keine vier Klaviere, sondern Streichertrios, die von einem Klavier angeführt werden. Mozart hat genau zwei davon geschrieben: Quartett Nummer 1 in g-Moll für Klavier und Streicher, Köchelverzeichnis 478, und Quartett Nummer 2 in Es-Dur für Klavier und Streicher, Köchelverzeichnis 493. Das sind nicht gerade Mozarts Smash-Hits, es gibt nur wenige Aufnahmen davon, und diese wenigen fassen gern beide zusammen, weil sie nur je etwas um 25 Minuten dauern. Das passt auf eine einzige CD und lässt noch Platz für interpretierendes oder wertsteigerndes Zusatzmaterial.

2007 hat Naxos, wohl das edelste unter den Billig-Klassik-Labels, die CD MOZART. The Two Piano Quartets. Clarinet Quintet K. 581 zusammengestellt. Sie ist ein Kleinod geworden.

Die Klavierquartette sind am 18. und 20. August 1946 in Hollywood von drei Vierteln des Budapest Quartet mit George Szell am Klavier eingespielt, das ergänzende Quintett in a-Moll für Klarinette und Streicher, Köchelverzeichnis 581, kurz: „das Klarinettenquintett“, am 25. April 1938 in New York vom Budapest Quartet mit, und jetzt halten Sie sich fest: an der Klarinette Benny Goodman.

Von 1938 und 1946 sind das natürlich Überspielungen von Schellackplatten, die wie durchs Telefon klingen. Macht aber nichts, es gibt ein angenehm kauziges Streichquartett von verklungenem Weltruf zu entdecken, bei Benny Goodman will man den Vintage-Sound sowieso gar nicht anders haben und lebt in dem schönen Bewusstsein, die erste Gesamtaufnahme der Mozart-Klavierquartette plus eine doppelte Klassik- und Jazz-Rarität erstanden zu haben. Mehr kann für 7 Euro 90 niemand verlangen.

Wie Benny Goodman zu Mozart kommt, erklärt sich auf verstreuten, meist englischsprachigen Internetseiten zu einem vollständigen Bild zusammen, und zwar zu einem musikalisch und historisch hochinteressanten. Im Booklet der Naxos-CD steht die Geschichte vollständig, ebenfalls auf englisch. Ich bringe den vollständigen Text in meiner eigenen Übersetzung, in der ich mir die Freiheit nehme, deutlich mehr Absätze einzufügen.

——— Tully Potter: Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791): The Two Piano Quartets. Clarinet Quintet K. 581
in der gleichnamigen CD, Naxos Rights International Ltd., 2007:

Aufnahmen, die dem üblichen Repertoire und den Neigungen eines Künstlers „gegen den Strich“ gehen, können recht interessant sein – das stellte sich einmal mehr heraus, als Benny Goodman, der King of Swing, mit dem Budapest Quartet zusammengebracht wurde.

LP-Cover Mozart, Benny Goodman, Budapest Quartet, Clarinet Concerto and QuintetWie so viele der abenteuerlichsten Aufnahmeinitiativen in den 1930er Jahren kam Goodmans Anstoß, sich mit Mozart auseinanderzusetzen, von John Hammond, dem Spross einer gesellschaftlich hochstehenden New Yorker Familie, der in Liebe zur Klassik erzogen, aber ein lebhafter Jazzfan wurde.

Erstmals versuchte sich Goodman am a-Moll-Quintett 1935 auf einer Soirée in Hammonds eigenem Festsaal in der East 91st Street. Das Streichquartett bestand aus den Violinisten John Dembeck und Ronald Murat, Hammond an der Bratsche und Artie Bernstein am Cello, das Publikum war ein illustres: Jazzmusiker aus Harlem durchmischt mit New Yorker Salonlöwen.

„1936 nahm Benny [das Klarinettenquintett] mit dem Pro Arte String Quartet für Victor auf. Aus den Platten ist nicht viel geworden“, erinnerte sich Hammond, „die Streicher brachten Benny nicht den Respekt entgegen, der ihm zustand, und in der unbequemen Atmosphäre war er wie versteinert.“

Zwei Jahre später unternahm Goodman noch einen Versuch. Hammond hatte Alexander „Sasha“ Schneider kennen gelernt, den zweiten Geiger des Budapest Quartet und wie er selbst ein ausgesprochener Lebemann, der zum Champagner neigte. Hammond führte Schneider in einen Jazzclub, um Goodmans Gruppe spielen zu hören, man wurde einander vorgestellt, und Goodman fand die Russen sehr viel zugänglicher als das belgische Viergestirn Pro Arte.

Russen aus Budapest? Das erfordert immer wieder das eine oder andere Wort der Erklärung. Das Budapest Quartet hatte 1917 seinen Anfang durchaus von drei Ungarn und einem Holländer aus Budapest genommen, aber 1927 hatte eine russische Unterwanderung eingesetzt. Seit Herbst 1936 bestand das Ensemble vollständig aus Russen, was schnell Gegenstand zahlreicher Witze wurde. Dennoch nahmen die Mitglieder ihre Arbeit sehr ernst: Alle hatten sowohl in Deutshland als auch in ihrem Heimatland studiert; so verband ihr Stil österreichisch-deutsche Elemente mit russischer Streicherseele. Sie führten eher wenig russische Musik auf, und sollte man einen einzigen Komponisten benennen, der sie am besten repräsentierte, so wäre es Mozart.

Den üblicherweise recht selbstbewussten Goodman erlebten sie in seinem Bemühen, Klassik zu spielen, als durchaus bescheiden. Er bot ihnen sogar ein Vorspielen an, aber kaum hatten sie eine spontane Probe-Session im Great Northern Hotel abgehalten, beschlossen sie die Aufnahme zu machen. Später sollte Goodman es bereuen, dass sie das Quintett nicht erst zu fünft öffentlich aufführten, bevor sie es auf Schellack bannten. „Ich hätte gedacht, dass Kammermusik sich ungefähr so einfach wie eine gute Jam-Session aus dem Ärmel schüttelt“, erinnerte er sich. Ihm passte nicht, dass „das erstaunlich hohe Niveau des Budapest Quartet von unausgesetzter peinlicher Detailgenauigkeit bei jeder Probe und jeder Aufführung jedes Werkes in ihrem Repertoire“ herrührte.

Charles O’Connell, der exzentrische oberste Klassik-Chef bei RCA Victor, der Kammermusik-Aficionados für „blutleere Snobs“ hielt – eine Einstellung, die ihn alsbald außer dem Budapest Quartet auch noch das Busch-Quartett kosten sollte –, machte es Goodman mit seiner Entscheidung, die ersten drei Sätze des Quintetts auf 10-Inch-Platten aufzunehmen, besonders schwer. Das bedeutete, das Werk in acht statt nur sechs Einzelteile zu zerhacken; und weil jeder Take zur Sicherheit mindestens einmal wiederholt werden musste, hatten die Musiker sechzehn statt nur zwölf Takes durchzustehen.

Was dabei herauskam, stieß bei den Connaisseuren auf beiden Seiten des Atlantiks auf Ablehnung. Während die Amerikaner mit drei 10-Inch- und einer 12-Inch-Platte herumhantieren mussten, bekam der britische Markt die ersten drei Sätze als dumpf klingende Dubbings der zweiten Generation zu hören – die Tonmeister bei Abbey Road hatten nämlich die sechs 10-Inch-Masterplatten auf vier 12-Inch-Seiten umgespielt. Nicht einmal John Hammond, der Geburtshelfer der Aufnahme, hielt viel von ihr. Nur die zahlenden Plattenkäufer waren begeistert.

Und tatsächlich treten beim Wiederhören in digitalisierter Gestalt ihre Tugenden klarer zutage als ihre Fehler. Der englische Klarinettist Reginald Kell, der später Benny Goodmans Mentor in klassischer Musik wurde, wählte bei seiner Aufnahme mit dem Philharmonia Quartet ganz sicher einen entspannteren Ansatz. Aber Goodmans extrovertierte, ausschreitende, durchatmende Spielweise hat ihre eigenen, erfrischenden Vorzüge; und das Spiel der Streicher ist wunderschön.

Nachdem die Einspielung nur eine einzige Übertragung auf LP und zwei kurzlebige Wiederveröffentlichungen auf CD erlebt hat (deren eine die umgespielten britischen Masterplatten verwendete), wird ihr Neuerscheinen wohl von Goodman- wie von Budapest-Fans begrüßt werden. Goodman sollte das Mozartsche Klarinettenquintett noch dreimal mit dem Budapest Quartet öffentlich aufführen; auch eine gemeinsame Einspielung des Klarinettenquintetts von Brahms war angedacht. Leider zeigte O’Connell so wenig Interesse am Budapest Quartet, dass sie bereitwillig Hammonds Vorschlag folgten, zu Columbia als dem kongenialeren Plattenlabel zu wechseln. Im September 1940, als sie schon Bürger der Vereinigten Staaten waren und ihre Traumresidenz in der Library of Congress innehatten, machten sie ihre ersten Aufnahmen für Columbia; und diesem Label blieben sie das nächste Vierteljahrhundert bis zu ihrer Auflösung verbunden.

So weit die Informationen der nicht sehr verbreiteten Naxos-Veröffentlichung über die E-musikalischen Ausflüge eines grand old man des Jazz, als er Ende zwanzig war. Über die Headliner-Stücke der CD, die eigentliche Gesamtaufnahme der Mozart-Klavierquartette, fährt das Booklet erst an zweiter Stelle nahtlos fort:

Zur Zeit der anderen beiden Aufnahmen auf dieser CD war beim Budapest Quartet allerhand und keineswegs nur Erfreuliches vorgefallen. Einerseits waren sie als führendes Streichquartett von Amerika etabliert. Auf der Soll-Seite hatten sie 1944 die Galionsfigur und ihren besten Musiker Alexander Schneider verloren; und mit dessen Nachfolger als zweitem Geiger Edgar Ortenberg wollte es nicht recht vorangehen. Mit den anderen drei Mitgliedern Joseph Roisman, Boris Kroyt und Mischa Schneider gab es kein leichtes Zusammenarbeiten, so dass Ortenberg sich nie so ganz einlebte. Besonders schlimm war die Situation im Aufnahmestudio – etliche Projekte, in die Ortenberg eingebunden war, mussten wiederholt werden, und zumindest das kleine Es-Dur-Quartett von Schubert brachte es überhaupt nie zu einer zufriedenstellenden Budapester-Einspielung.

Da war es für die drei Älteren ein ausgesprochener Segen, dass sie bei Mozarts großartigen Klavierquartetten für sich arbeiten konnten und im 49-jährigen George Szell den idealen Kollegen zur Seite hatten. Dieser archetypische mitteleuropäische Musiker, in Ungarn als Sohn tschechischer Eltern geboren, doch in Wien aufgewachsen und ausgebildet, hatte schon damals fast drei Jahrzehnte Erfahrung als Dirigent; angefangen hatte er seine Karriere allerdings als Wunderkind sowohl in Komposition – Adolf Busch war nur einer von vielen großen Musikern, die sein frühreifes Klavierquintett aufführten – als auch Klavierspiel. Als Schüler des Wiener Klavierpädagogen Richard Robert, der auch Rudolf Serkin, Hans Gál und Clara Haskil unterrichtete, gestattete er seinen Fertigkeiten am Klavier nicht einmal, als er hauptberuflich dirigierte, das geringste Einrosten.

LP-Cover Mozart, George Szell, Budapest Quartet, Piano QuartetsSzells aristokratischer Klavieranschlag wurde in Verbindung mit dem Budapest Quartet erstmals im April 1945 in der Library of Congress bei Dvořáks Klavierquintett [Nr. 1 op. 5 oder Nr. 2 op.81] vernommen; im Oktober desselben Jahres führte er das Quintett von Brahms mit ihnen auf; im Mai 1946 schließlich spielte er in verschiedenen Besetzungen Schuberts Forellenquintett und Beethovens Kakadu-Variationen für Trio (die Library besitzt private Aufnahmen aller vier Interpretationen).

Als er sich im August 1946 mit dem Quartett zusammentat, um die Mozart-Quartette aufzunehmen, waren die Partner also schon gut eingespielt. Szells wunderschön eingerichtetes Spiel ergänzte die Budapester Streicher zur Perfektion, in der Boris Kroyts feiner Ton auf Mozarts Lieblingsbratsche hervorragend die Struktur durchdrang.

Insgesamt gab es bei diesen Aufführungen eigentlich nur eine einzige Überraschung – das Studio. Normalerweise nahm das Budapest Quartet in der Liederkranz-Halle in New York auf, wo auch eine Wiederveröffentlichung der Aufführungen durch Columbia die Sitzungen verortete, aber Mischa Schneider beharrte in Gesprächen mit Philip Hart, dem Diskographen des Quartetts darauf, dass die Sitzungen mit Szell – ihre einzigen kommerziellen Aufnahmen mit ihm – in Hollywood stattgefunden hatten.

Schon die Geschichte der Entstehung und Weitergabe der Aufnahmen birgt genug Unsicherheiten – besonders veranschlagt für Musiker, die nicht gerade obskure Garagenbands sind, nach längst keinem ganzen Jahrhundert ohne dazwischenfallende „Kriegswirren“. Nicht weniger spannend ist die Geschichte der Restaurierung der Aufnahme, bezeichnenderweise nur der dreingegebenen Goodman-Rarität, festgehalten vom „Producer and Audio Restoration Engineer“ in Personalunion, am gleichen Ort:

——— Mark Obert-Thorn: Producer’s Note
in: The Two Piano Quartets. Clarinet Quintet K. 581, Naxos Rights International Ltd., 2007:

Die zwei Klavierquartette wurden von der amerikanischen Columbia auf Masterplatten aus Vinyl mit 33 1/3 U/min aufgenommen, von denen Matritzen mit 78 U/min überspielt wurden. Weil die Vinylplatten einen größeren Frequenzumfang und (meistens) eine ruhigere Oberfläche als die 78-er Metallteile hatten, wurden sie von Columbia für die späteren LP-Transfers verwendet, die ihrerseits als Quelle für diese Neuveröffentlichung gedient haben. Es bleibt ein gewisses Oberflächenrauschen, bedingt durch den ursprünglichen Vilyllack (ohne die kommerzielle LP); trotzdem habe ich in diesem Fall letztendlich die Ergebnisse aus den LPs als Quelle gegenüber dem viel höheren Rauschen auf den 78-er Schellacks zufriedenstellender gefunden. Beiläufig waren das die ersten Aufnahmen, die Szell in den Vereinigten Staaten gemacht hat, kurz bevor er die Leitung des Cleveland Orchestra übernahm.

Autogramm Budapest String QuartetDas Klarinettenquintett ist von der Erstausgabe von noch vor dem Zweiten Weltkrieg aus den Gold-Pressungen bei Victor überspielt. Das ursprüngliche Album umfasste drei 10-Inch-Platten mit den ersten drei Sätzen, vervollständigt um eine 12-Inch-Platte mit dem letzten Satz (was die Seltenheit erklärt, mit der heute noch ein vollständiges Exemplar mit der intakten letzten Platte aufzutreiben ist), und erschien auf drei 12-Inch-Platten. Als EMI diese Ausgabe vor einigen Jahren in ihrer Serie Références auf CD wiedereröffentlichten, zogen sie für die Digitalisierung offenbar die klanglich beeinträchtigten Umspielungen heran. Von unserer Seite wurde sie aus den ursprünglichen, nicht umgespielten Pressungen restauriert.

Angesichts der aktuellen Verbreitung von Klassik-„Crossover“-Veröffentlichungen erscheint es geradezu kurios, wie sich Victor in ihrem Original-Booklet für die Zusammenführung des berühmten Streichquartetts mit dem „King of Swing“ rechtfertigen zu müssen glaubten:

So merkwürdig die musikalische Verbindung von Mr. Benny Goodman, Klarinette, dessen Ruhm im allgemeinen Bewusstsein der Öffentlichkeit jedenfalls weitab von den Gefilden der Kammermusik angesiedelt ist, mit einer so ernsthaften Gruppe wie dem Budapest Streichquartett erscheinen mag, so wenig kann es für den aufmerksamen Zuhörer auch nur weniger Takte der hier dargebotenen Aufnahme den leisesten Zweifel an Mr. Goodmans Qualifikation geben … Diese Darbietung ist keinem Sinne des Wortes ein „Gag“ und war weder von den Künstlern noch sonst einem an ihr Beteiligten zu irgend einem Zeitpunkt als solcher beabsichtigt … Unternommen wurde sie, um dem Kanon der Aufnahmen von Victor auf die bestmögliche Weise mit den besten verfügbaren Künstlern ein gültiges Meisterwerk hinzuzufügen. Daher stellt sie keine Abweichung von den Richtlinien von Victor dar.

Kurz gesagt, war es ein langer Weg, bis diese CD in dieser Zusammenstellung und in dieser Qualität auf uns kommen konnte. Von München aus mag es zwei Stunden zum Gardasee oder nach Nürnberg brauchen, aber keine zwei Minuten bis in den fünften Stock, nicht in der Nähe vom, sondern tatsächlich auf dem Marienplatz, Nummer 11. Ein Dreiviertelliter Bier auf dem Oktoberfest 2014 kostet über 10 Euro – mehr, als ich für zehn Liter diskutabel halte; diese CD fürs Leben (man wird mit haushaltsüblichen Mitteln zumindest die leicht herstellbaren .mp3-Dateien wohl noch länger hörbar machen können) hat 7,90 Euro gekostet, ich bitte Sie. Man hat die Wahl.

Und ich werde nicht müde zu betonen, dass genau das der Sinn der grundgesetzlich verankerten Freizügigkeit ist.

Bilder: Respective record label;
Schubertiade Music & Arts Summer 2012 Catalog, Lot 229.

Written by Wolf

26. September 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Schall & Getöse, ~~~Olymp~~~

Traume-trunkene feministische Ikonen, der lange Weg zum Eros und ein Stück weiter (oder vierzehn)

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Die Gabe des Eros, ist die einzig genialische Berührung, die den Genius weckt; aber die andern, die den Genius in sich entbehren nennen sie Wahnsinn.

Bettine von Arnim: An Goethe, in: Goethes Briefwechsel mit einem Kinde, Juli 1822.

Niemand kann mehr sagen, ich hätte es nicht versucht. Es ist nicht mehr meine Schuld, wenn ich nicht genau die Quelle von Eros, dem aus leichtfertigen Gründen und in geringfügig unterschiedlichen Versionen durchs Internet wabernden Sonett von Bettine von Arnim, angeben kann. Es ist wirklich nicht mit den Mitteln des akademisch gebildeten Laien herauszufinden.

Internet-Recherche mit zwei verschiedenen Suchmaschinen anhand je dreier verschiedener „genauer Wortgruppen“ ergibt die besagten unterschiedlichen Versionen, die meisten davon garniert mit Bildern von Blumen mit Hamilton-Weichzeichner, gestaltet wie von Zahnarztfrauen, die sich zum Baden den Wannenrand mit Teelichtern vollstellen und es dafür nicht so genau mit dem Layout von Sonetten nehmen. Die erfahrungsgemäß zuverlässigste Fundstelle bei Zeno würde auf Buch, Herausgeber und Datum verweisen; leider existiert sie gar nicht.

Das Gutenberg-Projekt gibt endlich hinter einem Aufklappmenü verborgen überhaupt eine Quelle an: eine „Bettine“-Anthologie (prominente Frauen heißen abgekürzt ja immer mit ihrem Vornamen: die Bettine, die Janis und die Scarlett pp., nicht etwa die Brentano oder die von Arnim, die Joplin und die Johansson, außer „die Duse„) von 1984: Die Sehnsucht hat allemal recht. Gedichte, Prosa, Briefe mit zeitgenössischen Illustrationen, aus einer Reihe namens Märkischer Dichtergarten von Günter de Bruyn und Gerhard Wolf bei einem DDR-Verlag: Der Morgen, Berlin — schon 1985 vom bundesdeutschen Fischer Verlag ungekürzt übernommen, wie laut Verlagswerbung auch die anderen Gewächse aus dem Märkischen Dichtergarten, darunter so stark gefährdete Bestände wie Anna Louisa Karschin, Christoph Friedrich Nicolai, Schmidt von Werneuchen und der notorisch vernachlässigte Fouqué. Fischer residerte auch damals in Frankfurt am Main, das Buch ist aber ausdrücklich printed in the German Democratic Republic, ohne die Springer-Anführungszeichen, dafür auf DDR-typisch holzhaltigem Papier. Da hat sich anscheinend ein namhafter Verlag einiges von der Arbeit der Brüder und Schwestern beim Klassenfeind versprochen.

Der Einband von Fischer war allen Ernstes mädchenrosa und stand zu Zeiten, als es die DDR mit ihrer Mark Brandenburg noch gab, bestimmt gern als „ganz besonderes“ Fundstück in der Bücherabteilung bei Hertie — heute natürlich heillos vergriffen. Und derart knallrosa Einbände kenne ich sinnigerweise nur noch von Bettines Busenfreundin: um die Gesamtausgabe der Günder(r)ode.

Die derzeitige Bettine-Gesamtausgabe, die sich immer noch mit dem Wort „Auswahl“ beschreibt, aber bis auf weiteres maßgeblich bleiben wird, ist ab 1986, ein Jahr nach dem Märkischen Dichtergarten, im Deutschen Klassiker Verlag in der Bibliothek Deutscher Klassiker erschienen und zählt vier Bände, die jeweils 80 bis 95 Euro kosten (in Leder: 142 bis 154) und deshalb nicht einmal von allgemein zugänglichen Leihbibliotheken erschwungen werden. Außerdem fehlen da drin sowieso der 1840er Märchenroman Das Leben der Hochgräfin Gritta von Rattenzuhausbeiuns — wahrscheinlich weil Frau von Arnim den in Koautorschaft mit ihrer Tochter Gisela geschrieben hat oder die Bibliothek Deutscher Klassiker sich zu fein für Kinderbücher ist oder man weiß es nicht — und die Gedichte.

Bettina von Arnim, posthum um 1890, anonymNach ihrem Schlaganfall 1854 ist Bettine erst wieder 1979 so richtig bekannt geworden: als die feministische Ikone Christa Wolf die hoffnungsvolle Dichterin, zugleich leider frühe Selbstmörderin Karoline von Günderrode als Figur in ihr Kein Ort. Nirgends anstellte und in Der Schatten eines Traumes in einem ausführlichen Essay vorstellte, den sie für Bettines frisierten Briefwechsel namens Die Günderode gut gebrauchen konnte. Auf einmal galten die Günderode, die nach dem Briefroman ganz unüblich mit ihrem Nachnamen genannt wird, und Bettine nach Christa Wolfs tiefschürfender Einführung weithin als protofeministische Ikonen. Das hat breitenwirksam funktioniert — so gut, dass Bettine mit ihrem posthumen und anonymen Jugendbild (um 1890 nach einem Medaillon von 1810, also 25-jährig) ab 1992 als Alibifrau für die letzte Serie der Fünf-DM-Scheine herhalten durfte. Dadurch hat sie es immer noch zu keiner anständigen Buchausgabe gebracht, aber so augenfällig wie keine andere Dichterin zu Geld — außer der protofeministischen Ikone Droste, die bis zuletzt auf dem Zwanzig-DM-Schein prangte, günderodeartig mit ihrem Nachnamen heißt, und deren Kaufhof-Ausgaben wir ein andermal in der Luft zerreißen wollen.

Also Die Sehnsucht hat allemal recht beschaffen. Hier ist Amazon.de nützlicher als alle lieferbaren Bücher und die gesamte Münchner Stadtbibliothek zusammen: Antiquarische Einzelstücke gibt es auf dem Marketplace ab 1 Cent plus 3 Euro Porto — und der Sortimentsbuchhandel wundert sich mit dem Bibliothekarswesen um die Wette.

Cover Bettina von Arnim, Gerhard Wolf, Die Sehnsucht hat allemal recht. Gedichte, Prosa, Briefe. Gedichte, Prosa, Briefe, Märkischer Dichtergarten, Fischer 1985Der Marketplace-Händler verdient sich alle fünf von fünf möglichen Sternchen: Die 3,01 Euro fehlen sofort auf dem Konto, die Bestellbestätigung von Amazon.de kommt automatisch sofort, die vom Händler nach wenigen Samstagmorgenstunden, die Versandbestätigung ebenfalls am selben Samstagvormittag, nach keiner ganzen Woche die Büchersendung mitsamt ihrem rosa Buchdeckel und den zeitgenössischen Illustrationen wie beschrieben, für den einzigen Cent seit 1985 einwandfrei erhalten. Alle Achtung, zügiger wär’s nicht gegangen.

Alles andere denn eine Gesamtausgabe, klar, nichts anderes war versprochen. Das Nachwort, eine selbstverständlich grundsolide Dreingabe der stolzen Arbeiter und Bauern des Ost-Berliner Morgen, stammt von einem der Reihenherausgeber: Gerhard Wolf. Unter „Zu dieser Auswahl und zur Textgestaltung“ vermerkt er:

Bettina von Arnims Bekenntnisse zu Hölderlin entnehmen wir den Büchern „Die Günderode“ uns „Ilius Pamphilius und die Ambrosia“ in der Ausgabe „Bettina von Arnim — Werke und Briefe“, herausgegeben von Gustav Konrad (siehe Bibliographie), nach der wir auch die meisten hier versammelten wenigen Gedichte der Autorin wiedergeben.

Wenige Gedichte kann man wohl sagen. Zehn sind es an der Zahl — darunter auf Seite 12: tatsächlich das Sonett Eros — danke, Gutenberg-Projekt. Genauer wird der Kommentar allerdings nicht: Immer noch keine Sammlung, zeitliche Einordnung, Gelegenheit. Die Gesamtausgabe von Gustav Konrad ist, „siehe Bibliographie“, wurde herausgegeben von Gustav Konrad und Johannes Müller, in 5 Bänden, Frechen 1958–1963. Das müsste die maßgebliche vor der aktuellen beim Deutschen Klassiker Verlag gewesen sein; vorher gab’s noch eine in satten 7 Bänden von Waldemar Oehlke, Berlin 1920–1922, das war’s.

Das reicht aber nicht. Weder gibt mir jemand eine Garantie, dass in einer Gesamtausgabe der Adenauerzeit die Gedichte der kleinen Schwester eines verachteten Romantikers getreulich nachgewiesen sind, noch bin ich in einer realistischen Lage, sie zu beschaffen — siehe Sortimentsbuchhandel und Bibliothekarswesen; das ist der Punkt, an dem mich auch der Marketplace von Amazon.de im Stich lässt, auf dem immerhin ab und zu der Weimarer Sophien-Goethe auftaucht. Nur um die Lücken in der aktuellen Ausgabe festzustellen, die ein halbes germanistisches Monatsgehalt kostet, war meine Lage offenbar realistisch genug.

Ist das erbärmlich von mir? Oder vom Buchhandel — wer auch immer in dieser Eigenschaft anzuklagen wäre? Von der Literaturwissenschaft? Vom System? In irgendeinem Archiv, sei es in Berlin, Wiepersdorf, Marbach oder anderswo, lagert das Manuskript; schließlich muss das Gedicht irgendwoher in die Ausgabe von Gustav Konrad und Johannes Müller hineingeraten sein, und wie man hört, sind noch viel mehr Gedichte zu erschließen.

Bettina Brentano wurde 1785 geboren und hieß ab 1811 nach ihrer Hochzeit mit Achim von Arnim, dem besten Freund ihres Bruders Clemens, Bettina von Arnim; ob man sie Bettina oder Bettine nennen soll, ist eine Entscheidung aus biographischen Details. Ihr Sonett Eros handelt für damalige Verhältnisse reichlich unverschlüsselt von eigener sexueller Erfahrung und dürfte mithin zwischen der Hochzeit am 11. März 1811 und dem 21. Januar 1831 entstanden sein, nachdem Bettine Witwe wurde — und bevor sie, mit 46 Jahren so sozial- wie selbstbewusst und autonom geworden, als Schriftstellerin hervortrat. Ihr Sexualleben, man mag von diesem lebenslang entzückenden und verstörenden großen Mädchen ansonsten halten, was man will (ich mag sie), erstreckt sich wohl nach keiner Seite über diese zwanzig Jahre hinaus und steht von ihrem Schreiber- und Revoluzzerleben streng getrennt. Das Paar lebte die meiste Zeit in Fernbeziehung zwischen Berlin und dem Brandenburger Gut Wiepersdorf, das Sonett liegt also der jungverheirateten Dichterfreundin und bis dahin 26-jährigen Jungfrau von 1811 näher als der nicht mehr richtig blutjungen Gutsverwaltersgattin mit siebenfachem Kindersegen von 1831.

Um das herauszufinden, hätte es allerdings weder eine Gesamtausgabe noch eine Gedichtauswahl gebraucht, dafür reicht Wikipedia in den Absätzen, in die man nicht einmal hinunterscrollen muss. Egal, das Buch ist seinen Cent wirklich wert. Und außerdem, jetzt kann ich’s ja sagen, immer noch bei bei Insel.

Eine andere erreichbare Stelle als das etwas umständlich erworbene, aber für Centbeträge oder unter Buchpreisbindung in jedem Buchladen Ihres Vertrauens innerhalb 24 Stunden lieferbare Die Sehnsucht hat allemal recht und einige rosenumrankte Internetseiten fällt mir nicht ein. Die schönste von den letzteren war die schlichteste: im verdienstreichen Fulgura Frango, Robert Wohllebens digitalen Fachblatt für „Sonettwesen & andere Excentricitäten“. Eine gewisse Gabriella La Crimosa Wollenhaupt, mutmaßliche Amateurdichterin gleich Bettine zur Zeit ihres Sonetts, hielt offenbar zumindest anno 2003 ebenjene Bettinen-Auswahl in Händen, fand das Sonett und machte das Schönste daraus, was dereinst als eine Art geistige Sportart unter gebildeten Menschen galt: Sie wand einen Sonettenkranz daraus, der jeder kleinen Schwester von großen Dichtern würdig ist. Wenn schon sonst nichts an Erkenntnis herumkommt als eine ausgeuferte Anklage von Missständen, gebe ich ihn unten hübsch zurechtgemacht wieder. Immerhin verstehe ich so den ganzen Blumenschmuck um ein Gedicht, das sich nicht anders festnageln lässt.

Gabriella La Crimosa konnte 2003 sehr viel unverblümter auftreten, als es sich Bettine zwischen 1811 und 1831 leisten durfte, und schlägt sich wacker bei ihrem anspruchsvollen Dichtwerk. Was ein Sonettenkranz ist, wird in Wikipedia erschöpfend erklärt und in Omnipoesie anschaulich dargestellt. Pippi Pumuckl aus Berlin, die mir freundlicherweise ihre neckische Bilderserie ausleiht, meint dazu: „Mir fällt gerade auf, wie lange ich schon keine Gedichte mehr gelesen habe.“ Danke, die Damen Gabriella La Crimosa und Carolin — und natürlich Bettine!

——— Bettine von Arnim:

Eros

zwischen 1811 und 1831; hier: Meistersonett:

Im Bett der Rose lag er eingeschlossen,
Im Wechselschimmer ihrer zarten Seiten,
Die taugebrochnen Strahlen schmeichelnd gleiten
Hinein zu ihm, von Geisterhauch umflossen.

Mich dünkt, in Schlummer waren hingegossen
Die reinen Glieder, durch des Dufts Verbreiten
Und durch der Biene Summen, die zuzeiten
Vorüberstreift an zitternden Geschossen.

Doch da beginnt mit einemmal zu schwellen
Der Blume Kelch! Ins Freie nun gehoben,
Erkenn ich ihn im Tagesglanz, dem hellen.

Es ist mein Auge vor ihm zugesunken,
Der mich so seltsam mit dem Blick umwoben,
In seinem Lichte lieg ich traume-trunken.

——— Gabriella Lacrimosa Wollenhaupt:

Eros-Sonettenkranz

abgeschickt 27. April 2003, 13:48:42 Uhr:

Carolin Pippi Pumuckl Gutt, 7 Days a Week, MondayEros (1)

Im Bett der Rose lag er eingeschlossen,
Fast nicht zu sehen unter soviel Lidern,
Im Widerspruch nicht zu zergliedern.
Der Schutz der Nacht ist fort geflossen.

Wie kommt ein Gott in meine Kissen?
Hat ihn die Lust etwa dorthin gebracht?
Und ich hab‘ einfach da so mitgemacht?
Ich frag ihn jetzt, ich muss es wissen.

Bellezzo, sag ich, leih mir mal dein Ohr:
Kann denn ein Gott wie du mir Lust bereiten?
Hab ich geöffnet dir mein Himmelstor?

Ich will ja kein Gerücht verbreiten,
Sagt Eros, lacht, und zeigt die Brust hervor
Im Wechselschimmer ihrer zarten Seiten.

Eros (2)

Im Wechselschimmer ihrer zarten Seiten
Tritt Aphrodite an das Bett der Rosen:
Verdammter Lüstling, wo sind deine Hosen?
Lässt du dich nur von Wollust leiten?

Bellezzo lächelt seine Mutter eitel an,
Die Kohlenaugen schleudern Funkenglut:
Ich kann halt lieben nur – und das mit Mut
Im Götterreich ist lange Weile wieder dran.

Die Göttin mustert mich. Will mich verstecken.
Lässt ihren Blick streng über meinen Körper reiten.
Versuche hektisch, mich mit Rosen zu bedecken.

Gott Helios spannt an – will mich dazu verleiten
Eros zu küssen – damit in seine exquisiten Ecken
Die taugebroch’nen Strahlen schmeichelnd gleiten.

Carolin Pippi Pumuckl Gutt, 7 Days a Week, TuesdayEros (3)

Die taugebroch’nen Strahlen schmeichelnd gleiten
In jede feine Falte seiner bronzefarb’nen Haut.
Auf der hat sich jetzt süße Hitze angestaut
Die Göttin ärgert sich und wird sich vorbereiten,

Den schönen Sohn mir aus dem Bett zu scheuchen.
Nur weil sie mir kein geiles Spielzeug gönnen will,
Mir Erdenfrau! Ich werde wütend und bin nicht mehr still
Lass manches Schimpfwort meinem Mund entfleuchen.

Der Sonnengott lässt lachend seine Pfeile prallen.
Jetzt peinigt mich die Göttin auch noch mit Geschossen!
Das Sahneteil im Lotterbett beginnt debil zu lallen.

Du bist ganz ruhig!, sag ich ihm ziemlich unverdrossen.
Tret hin zum Rosenbett und lass mich einfach fallen
Hinein zu ihm, von Geisterhauch umflossen.

Eros (4)

Hinein zu ihm, von Geisterhauch umflossen
Lieg ich jetzt steif an seiner Gottesbrust.
Er ist zwar schön, doch hab ich keine Lust
Auf ihn. Hab oft genug so frisches Fleisch genossen,

Das noch im Laden konnte meine Gunst sich rauben.
Doch immer schwerer wurde in der Einkaufstüte
Dass später nicht einmal der Wunsch mehr in mir glühte
Ihm lustvoll die Verpackungen vom Leib zu klauben.

Ich heb das Haupt und blicke auf die eitle Aphrodite
Und frage mich, was in der Nacht, die ja verflossen
Wirklich geschah. Er wär kein Mann, wenn er’s verriete.

Ich weiß nur noch, dass ich naiv und unverdrossen
Ihm Obdach gab, weil seine Gelder für die Miete,
Mich dünkt, in Schlummer waren hingegossen.

Carolin Pippi Pumuckl Gutt, 7 Days a Week, WednesdayEros (5)

Mich dünkt, in Schlummer waren hingegossen
Die müden Glieder, seine und auch meine.
Wir schliefen nur, und Liebe gab es keine
Da uns’re Seelen waren weggeflossen.

Doch neben einem echten Gott zu liegen
Besonders, wenn er schweigend bleibt
Und sich am Morgen nett die Augen reibt
Ist einfach schön und schwer zu kriegen.

„Hör zu, du schwarzgelockter Liebesgott,
Ich werd‘ dich jetzt hinausgeleiten
In diese Erdenwelt voll Hohn und Spott,

Dort, wo ein Sturm dich kann begleiten.
Du liegst noch flach? Dann heb jetzt flott
Die reinen Glieder, durch des Dufts Verbreiten.“

Eros (6)

Die reinen Glieder, durch des Dufts Verbreiten,
Sie liegen matt in meinen weichen Kissen.
Die Rosenblätter knicken hin in klarem Wissen,
Dass ihnen Eros wird den Tod bereiten.

Ich will den Gott jetzt aus der Hütte kriegen,
Trotz seiner präsentablen Männlichkeit.
Ich rechne nicht mehr mit viel Widerstreit.
Doch er bleibt leider schwer im Bette liegen.

Ich muss jetzt doch mit seiner Mutter reden,
Sie muss den trägen Sohn drauf vorbereiten:
Denn mit ’nem Liebesgott kann ich nicht leben.

Hab keine Lust, nur Süße zu verbreiten!
Die Göttin stutzt, will ihre Stimme grell erheben:
„Und durch der Biene Summen, die zuzeiten..?“

Carolin Pippi Pumuckl Gutt, 7 Days a Week, ThursdayEros (7)

„Und durch der Biene Summen, die zuzeiten …?“
Doch Aphrodite fehlen immer noch die Worte,
Bei denen auch manch Dichter sich am Orte
vergeblich mühte. Es sei denn, er ließ‘ sich verleiten

Die fehlende Idee durch Pfusch perfekt zu machen,
Was nicht besonders göttlich scheint.
Die strengen Musen nämlich sind vereint
Um über Ebenmaß und Form zu wachen.

Die Biene tändelt trunken durch den Flieder.
Sie ist – warum? – zum Stich entschlossen
Und schändet Liebesgottes schöne Glieder.

Der Gottesmutter Miene ist total verdrossen:
Sie killt den dreisten Flieger, bevor er wieder
Vorüberstreift an zitternden Geschossen.

Eros (8)

Vorüberstreift an zitternden Geschossen
Mit Eleganz und harschem Peitschenknall:
Es ist Gott Ares auf der Fahrt durchs Weltenall
Er ist der Vater und er hat beschlossen

Den Widerspruch in seinem Sohn zu kitten,
Das Honigblut mit strengem Mut zu mischen,
Und die Kritiken vom Olymp so zu verwischen,
Dass Götter nicht mehr um den Eros stritten,

Der immer wieder heiter die Gesetze bricht.
Eros steht stramm, will Ares nicht verprellen,
Der greift nach meiner Hand, und ich merk nicht,

Dass Kriegsgotts Miene beginnt aufzuhellen,
Und seine Lippen kosen zärtlich mein Gesicht
Doch da beginnt mit einemmal zu schwellen.

Carolin Pippi Pumuckl Gutt, 7 Days a Week, FridayEros (9)

Doch da beginnt mit einemmal zu schwellen
schöne Musik aus fernen, lyrischen Gefilden
Die Kriegerrüstung bricht entzwei – es bilden
Sich nun Wolkenschäfchen über klaren Quellen.

Ich seh in Ares‘ stahlverzinkte, blaue Augen,
Die herrisch, grausam und verdorben denken
Und fange an, mich tief in ihnen zu versenken
Und wie ein Wurm in seine Seele mich zu saugen.

Er lässt es zu. Und Eros fängt laut an zu lachen
Und schmäht den Vater. Ich fang an zu loben
Des Kriegsgotts Fähigkeit sich sanft zu machen.

Mein Körper ist mit seinem jetzt verwoben
Der Himmel tut sich auf – ich hör erwachen
Der Blume Kelch! Ins Freie nun gehoben.

Eros (10)

Der Blume Kelch! Ins Freie nun gehoben
Mein Inneres bricht auf durch warmen Regen
Entfaltet sich und kann sich nun bewegen
Und wird schon in die Ewigkeit verschoben,

Im Takt der überschweren Wolkengüsse.
Der kleine Eros schaut den Vater an
Begreift, dass dieser doch mehr kann
Als nur der Welten übervoller Flüsse

Durch Ruderschlag den Takt zu rauben.
Er labt sich an den wilden schönen Stellen
Wie eine Lerche beim Sichhöherschrauben.

Ich lasse meine Zunge heftig tiefer schnellen
Und heb den Blick und kann es noch nicht glauben:
Erkenn ich ihn im Tagesglanz, dem hellen!

Carolin Pippi Pumuckl Gutt, 7 Days a Week, SaturdayEros (11)

Erkenn ich ihn im Tagesglanz, dem hellen,
Den safrangelben Berg der Berge in der Sonne
Als ob sich Gold mit Heiterkeit versponne,
Und sich die Wollust in den schönen Quellen

Scharf widerspiegle, um mein Auge zu erquicken.
Jetzt steht der Eros bei der Mutter – nichts am Leibe
Und blickt empört, was ich mit seinem Vater treibe
Es stört mich nicht, denn ich will Ares doch nur ERFREUEN.

Er nimmt die Peitsche, ich benutz die Sporen.
Das Ziel vom Berg hat uns jetzt zugewunken!
Wir sind zu schnell und haben Takt verloren,

Der Wind in meinem Haar schlägt Funken
Er greift die Zügel, stoppt uns unverfroren:
Es ist mein Auge vor ihm zugesunken.

Eros (12)

Es ist mein Auge vor ihm zugesunken.
Und die Gedanken sind wie Spinneweben
So klebrig-zart und voller Zappelleben,
Das einstmals munter saß in den Spelunken,

In denen Menschenkinder ihre Zeit verschwenden.
Die einen saufen, andere streiten, spielen Karten
Noch andere wollen Liebe, doch sie alle warten
Sich jenem seltnen Augenblicke zuzuwenden,

An dem ein starker Gott sie in die Höhe hebt.
Auch ich fühl mich ins Blaue jetzt geschoben
Von Ares, der mit mir in unbegrenzte Reiche schwebt.

Ich lass es zu. Will Spielball sein, der hochgehoben
Wird und dennoch weiß, dass jener weiterstrebt
Der mich so seltsam mit dem Blick umwoben.

Carolin Pippi Pumuckl Gutt, 7 Days a Week, SundayEros (13)

Der mich so seltsam mit dem Blick umwoben
Und seine Schwermut mich zu trinken zwang.
So bittres Zeug! Doch wild und stark. Es drang
In meinen Mund und ich bin zielvoll losgestoben

Nicht zum Olymp. Ich fand die lyrischen Gefilde,
Die mehr Erfüllung bringen als die satten, übervollen
Götterwiesen, auf denen dumme Menschen tollen.
Ich küsse Ares zart und setz ihn dann ins Bilde,

Dass ich muss fort. Will nicht mehr länger bleiben
Bei diesen dummen Götterspielen. Und tief versunken
Entdecke ich dein Zeichen hinter blinden Scheiben.

Die Zeit ist reif! Noch schnell den Göttern zugewunken.
Ich nehm die Rosen und beginn das Glas zu reiben:
In seinem Lichte lieg ich traume-trunken.

Eros (14)

In seinem Lichte lieg ich traume-trunken.
Er ist kein Gott voll Schönheit und Esprit
Die Welt, in der er lebt, ist keine Phantasie
Mit grellen Wesen, Geistern und auch Unken

Und diesen weißen Pferden mit dem Solohorn.
Ja, sterblich zwar, doch warm und weich
Nicht göttlich sein, sondern im Leben reich,
Nur für die Liebe, nicht die Macht geborn.

Ich ziehe seinen Kopf an meinen Busen:
Die Augen sind in tiefer Ruh geschlossen
Ich küsse seine Lider und beschwör die Musen

Dass sie ihn wecken, meinen Bettgenossen.
Denn ich will endlich mit ihm schmusen:
Im Bett der Rose lag er eingeschlossen.

Bilder: Carolin „Pippi Pumuckl“ Gutt: 7 Days a Week, 19. bis 21. Juli 2014:
On Monday I’m your bunny!;
Tuesday you work hard for me!;
Wednesday, we sway!;
On Thursday I’m too sleepy!;
Friday takes the Heartache away!;
Saturday, I’ll do my „Good-Wife-Dutie“!;
… and Sunday, I pretend virginity!

Traume-trunkenes Belohnungslied: Evelyn Evelyn: Have You Seen My Sister Evelyn?, 2012:

Written by Wolf

21. August 2014 at 00:01

Wünschest du dich, Buch, zu guten Lesern nun hinzubegeben

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Wie lange man auch gegen die Windmühlen des aktuellen und antiquarischen Verlagswesens kämpft — es gibt nicht die ideale deusche Ausgabe von Don Quixote, irgendwas ist immer.

Don Quixote

Ideal wäre: die Übersetzung von Ludwig Tieck, weil Ludwig Tieck immerhin Ludwig Tieck ist und jeder Leser ohne akut akademischen Auftrag damit überfordert wäre, alle erreichbaren Übersetzungen durchzuvergleichen; mit den Illustrationen von Gustave Doré, und zwar bitteschön allen; und natürlich in vollständigem Text, weil jeder kürzend eingreifenden Hand zu misstrauen ist, solange Verlage marktorientierte Untrenehmen sind, die Tagespreise von Papierbögen gegen verkaufbare Buchauflagen abwiegen müssen; und gerne in einem Band, weil das ständige Bücherwechseln innerhalb desselben Romans keiner Vorstellung von Schmökern entspricht.

Eigentlich nicht unverschämt viel verlangt, wie ich fnde. Keine Frage, alle mir bekannten Ausgaben sind wunderschön, jede hat einen Vorzug vor den anderen, alle wurden von den tollsten, besten, renommiertesten Häusern verlegt, die sich etwas dabei überlegt haben, ob die Welt wirklich noch eine braucht.

Besonders hervorheben möchte ich unter ihnen die neueste: die bei Hanser in neuer Übersetzung von Susanne Lange. Die hat als einzige, wenn nicht gar erste überhaupt ausführliche Anmerkungen von der fachkundigen Übersetzerin, von denen man tatsächlich so viel schlauer wird, dass man einen anderen Blick auf den durchschaubaren bis altbekannten Gang der Handlung gewinnt. Die Rezensionen waren hymnisch: Der Don Quixote fürs dritte Jahrtausend sei das — woran kein Grund zu zweifeln besteht: Hanser hat sich offenbar in den Kopf gesetzt, die gesamte Weltliteratur neu zu übersetzen und einzurichten, da war der Moby-Dick von 2001 von Matthias Jendis auf der Grundlage von Friedhelm Rathjen, erstmals mit dem Bindestrich in der Überschrift, nur der Anfang.

Leider haben sie den ersten Illustrator vernachlässigt, der sich in den Kopf gesetzt hatte, die gesamte Weltliteratur mit angemessenen Bildern auszustatten: Gustave Doré — und nicht nur den, vielmehr von Illustrationen ganz abgesehen. Auch im Taschenbuch ist das gute Stück noch zweibändig, wenngleich ein fast verlustfrei ebensoschönes Paar handlicher Dünndrucke — was insofern Sinn ergibt, als die beiden Teile um die zehn Jahre zwischen 1605 und dann erst 1615 auseinanderliegen.

Weit weniger Sinn ergeben die drei Bände bei Insel von 1975 — der im übrigen für seine nimmermüde Vorhaltung auch obskurer Teile der Weltliteratur nicht um Papierpreise und ein paar hundert Einzelverkäufe herumknickern, sondern vielmehr öffentlich unterstützt werden sollte (von Fernseh-Zwangsgebühren in diesem Zusammenhang reden wir ein andermal). Die Übersetzung ist von Ludwig Braunfels, die sogar originalgetreuer als Tieck sein soll, die Bilder von Doré — aber nur in Auswahl. Der erste und zweite Band hören leider nach einfach irgendeinem Kapitel auf, der zehn Jahre jüngere zweite Teil fängt mitten im zweiten Band an, wo eben gerade Platz war.

Etwa 2011 habe ich mich hinreißen lassen, bei Insel persönlich nachzufragen, was diese Aufteilung soll: ob sie vielleicht einen inhaltlichen zweck verfolgt, der sich erst beim vollständigen Lesen erschließt, oder ein historisches Vorbild nachvollzieht. Bei Insel sind sie freundlich und publikumsnah genug, um tatsächlich Antwort zu geben: Nein, hieß es, einen tiefen Sinn habe das nicht, die Ausgabe sei ja nun auch schon so alt, dass niemand mehr im Verlag weilt, der das einst mitverantwortet hat — aber vermutlich hatte es „herstellerische Gründe“. Die erste Vermutung stimmt also: Sie haben den Roman dort unterteilt, wo gerade Platz war. Übrigens sind es keine sehr dicken Bände, und im Falle der Romane und Erzählungen von Voltaire (inzwischen schon wieder vergriffen) hat es derselbe Verlag ganz gut geschafft, nach vielen Jahren zwei Bände einem zu fassen.

Eine Ausgabe nahe am beschriebenen Original wurde einst in der DDR hergestellt, bei Rütten & Loening 1966: Tieck, Doré, beide vollständig — und dann, hol’s der Kuckuck, in zwei Bänden. Immerhin mit der richtigen Bruchstelle an Teil 1 und 2, außerdem ungefähr in DIN-A4-Größe auf richtig schwerem Papier, was der Wiedergabe der Illustrationen dient wie keine andere Version vorher oder nachher und zu einem einzigen Band zusammengepackt vielleicht doch ein etwas dickschädeliger Selbstzweck geworden wäre — einfach feudal. Als DDR-Produkt längst heillos vergriffen und abgewickelt, aber bei genügend tiefer Sucheinschränkung schon auf Amazon.de immer wieder greifbar.

Artemis und Winkler, ansonsten ein traditioneller Klassikverlag mit haufenweise für Büchermarkt und -freund ganz und gar unentbehrlichen Ausgaben der Wahl, kommt leider nicht in Frage: Ludwig Braunfels, meistens bilderlos, nur in manchen Auflagen mit einer Auswahl aus den Grandville-Illustrationen, die neueren Auflagen außerdem nur noch in seiner minderen Blauen Reihe. Wahrscheinlich aus „herstellerischen Gründen“.

Don Quixote, Titelblatt 1605Rettung verheißt auf den ersten Blick Diogenes. Dessen Tieck-Übersetzung, illustriert von Doré, ist seit Jahr und Tag still und unauffällig lieferbar, wechselt aller paar Jahre das Umschlagbild, auch wenn ich gar nicht erst nachfrage, was der einzelne Picasso außen mit den ganzen Dorés innen zu tun hat, und das Schönste: einbändig — ein hübsch moppeliges, handliches Dünndruck-Taschenbuch, das man liebhaben muss. Und dann die Ernüchterung: Die angekündigten Illus sind eine reichlich locker verstreute Auswahl.

Die ideale Don Quixote-Ausgabe ist, als ob man es nicht geahnt hätte, vergriffen: Bei Emil Vollmer in Wiesbaden gab es mal Tieck samt Doré in einem Band — und zwar diesmal alle Bilder, gezählte und auf dem Titel angepriesene 363 an der Zahl — annähernd A4 groß, dabei nicht ganz so ehrfurchteinflößend wie das doppelte DDR-Monument, theoretisch immer noch eine tödliche Waffe bei Schadnagerbefall. In den Online-Antiquariaten recht präsent, zum Beispiel im ZVAB ab etwa vier, fünf Euro plus Porto zu einem recht annehmbaren Kilopreis. Die hab ich jetzt und gedenke mit ihr alt zu werden.

Don QuixoteUnd doch ist es weiterhin Don Quixote, bei dem ja nichts ist, was es scheint: Zwischen dem Prolog und dem ersten Kapitel hat Cervantes nämlich einen Reigen aus elf einführenden formal verspielten Gedichten, meist Sonetten, aufgestellt. In den Twin Towers aus der DDR und bei Diogenes sind sie vorhanden, bei Hanser und Insel können Sie es mit Leichtigkeit schnell herausfinden, bei Emil Vollmer fehlen sie. Die ideale Don Quixote-Ausabe ist nicht nur vergriffen, sie ist nicht einmal ideal.

Da sie aus diesen langen und breiten Gründen dennoch die Ausgabe bleibt, die ich empfehle, müssen die Gedichte rein. Ich führe sie im Folgenden nach der Diogenes-Ausgabe an. Verfahren Sie damit nach Belieben: Der Emil-Vollmer-Band ufert prozentual nicht wesentlich aus, wenn Sie alles in ein textverarbeitendes Programm kopieren, die Bilder zurechtstutzen oder löschen, ausdrucken und nach dem Prolog hineinlegen. Als moderner Mensch werden Sie diesen Eintrag eher neben dem Buch auf Ihrem Bildtelefon bereithalten. Oder Sie drucken einfach das .pdf, das ich eigens gebaut habe (63 kB, 12 Seiten), um dem idealen Don Quixote möglichst nahe zu kommen, und legen es in die annähernd ideale Ausgabe von Emil Vollmer. Nach dem Prolog bitte. Ein etwas unorthodoxes Verfahren, aber sinnvoll und nicht halb so scherzhaft gemeint, wie es zuerst klingen mag.

Ein weiter Weg ist es auch verlegerisch nicht mehr dorthin: Als Vorschlag eines interessierten Verbrauchers könnte Hanser seine zwei Bände zusammenfassen und mit dem mittlerweile gemeinfreien Doré aufhübschen. Da kann diese grandiose, dazu kompetent durchkommentierte Neuübersetzung niemanden stören, nur weil sie nicht vom jahrhundertealten Tieck stammt. Der Taschenbuchverleger dtv kann nachziehen: Es gibt weit dickere Taschenbuchrücken, die so viele Seiten einwandfrei zusammenhalten, herstellerische Gründe ziehen also nicht. — Und Diogenes mit ihrem Tieck sollten noch Platz für die restlichen Dorés finden, auch können sie gern noch an der Druckauflösung schrauben.

Und bitte die Gedichte zwischen Prolog und erstem Kapitel nicht vergessen:

An das Buch des Don Quixote von la Mancha.

Urganda die Unbekannte

Georges Rochegrosse, Plakat für Jules Massenet, Don QuichotteWünschest du dich, Buch, zu gu-
Lesern nun hinzubege-
Wird kein Schwätzer dir ausle-
Deine Absicht als Untu-
Um so mehr du aber su-
Wirst, nur zu entgehn den To-
Werden sie dich nicht verscho-
Treffen sie den Kopf des Na-
Niemals, werden sie doch ra-
Zeigen, daß sie kluggezo-

Weil nun die Erfahrung leh-
Wer den starken Baum wird su-
Find’t im Schatten sichre Ru-
In Bejar will Glück dir ge-
Königsstamm zu deinem Se-
Der als Frucht Fürsten erzo-
Blühend jetzt mit dem Herzo-
Dem Alexanders Gemü-
Fleh den Schutz, stets war dem Küh-
Auch das gute Glück gewo-

Von dem edel kühn Mancha-
Kündest du die Abenteu-
Dem die Bücher ungeheu-
Hirn und Haupt verkehret ha-
Tapfre Ritter, Waffen, Da-
Haben ihn so aufgefo-
Daß wie Orlando furio-
Er in edler Liebeswei-
Sich erstritt durch Schwertesstrei-
Dulcinea von Tobo-

Unbescheidne Hierogly-
Laß nicht in das Schild dir prä-
Ist Figur schon alles, zäh-
Wenig Augen auch im Spie-
Hast du Demut dir erkie-
Wird kein Spötter dir zuru-
Daß Don Alvaro de Lu-
Daß Hannibal von Kartha-
Daß der König Franz in Spa-
Klagten das Rad der Fortu-

Da der Himmel nicht gege-
Daß du so gelehrt erschie-
Wie der Neger Juan Lati-
Drum laß die latein’schen Re-
Prahl auch nicht mit feinem We-
Spiele nicht den Philoso-
Das Gesicht wird krumm gezo-
Fragen, wer Verstand zum Le-
Bester, kommst du so mit De-
Her zum Tanze und mit Spo-?

Einfach deine Straße ge-
Sorge nicht um andrer Sa-
Wer viel schwatzt, dem geht der Bra-
Gerne stille aus dem We-
Denn mitunter trifft auf Schlä-
Wer sich spaßhaft denkt zu zei-
Den Ruhm suche zu errei-
Daß nichts Böses von dir sa-
Niemand kann, denn ew’gen Ta-
Hat, wer nur druckt Narrentei-

Nur dem Unsinn macht es Freu-
Da die Fenster doch nur glä-
Steine in die Hand zu neh-
Und sie in das Haus zu schleu-
Doch Verstand wird es bezeu-
Wenn die Werke so geschrie-
Daß Bescheidenheit sie zie-
Denn wer vollgedruckt die Bo-
Zu erfreuen junge To-
Steht als Narr nur selbst am Zie-

~~~\~~~~~~~/~~~

Amadis von Gallia an Don Quixote von la Mancha.

Sonett

Don QuixoteDu, der du nachgeahmt mein jammernd Leben,
Dem ich mich einst, abwesend und gekränket,
Aus frohem Stand in Buße tief versenket,
Dort auf der Armut Felsen hingegeben;

Du, den die Augen bei dem bangen Streben
Mit reichlichem, doch salz’gem Naß getränket,
Dem Erd‘ auf Erde magre Kost geschenket,
Dich Silbers, Kupfers, Zinns zu überheben:

Leb im Vertraun, es werd auf ew’ge Zeiten,
Solang zum mind’sten in der vierten Sphäre
Der blond‘ Apollo mag die Rosse treiben,

Dein Name seinen Heldenruhm verbreiten,
Dein Vaterland genießen höchster Ehre,
Dein weiser Tatenschreiber einzig bleiben.

~~~\~~~~~~~/~~~

 

 

 

Don Belianis von Graecia an Don Quixote von la Mancha.

Sonett

Don QuixoteGesagt, getan, gequetscht, zermalmt, zerrissen
Ward mehr von mir als Rittern aller Zeiten;
Ich gab, gezählt zu Tapfern wie Gescheiten,
Rach‘ tausend, Tod zehntausend Beschwernissen;

Auf Taten ew’gen Ruhmes so beflissen
Wie auf der Liebe süße Artigkeiten,
War Zwerg für mich jedweder Ries‘ im Streiten,
In Punkten des Duells war groß mein Wissen;

Zu Füßen mußte sich Fortuna schmiegen,
Den Schopf des kahlen Glücks faßt‘ im Getümmel
Die Klugheit, die von echtem Korn und Schrote;

Doch wie auch stets mein Glück hoch mußte fliegen
Über den Mond und strahlen durch die Himmel,
Neid ich die Taten dir, großer Quixote.

~~~\~~~~~~~/~~~

 

 

 

Die Dame Oriana an Dulcinea von Toboso.

Sonett

Don QuixoteHätt, schöne Dulcinea, sich’s gemacht
Und mochte sich’s zu meinem Frieden schicken,
Mich in Tobos‘ statt London zu erblicken,
Es ward Mirflor zum Opfer dir gebracht!

Hätt ich mit deinem Sinn und deiner Tracht
Doch meinen Geist und Körper dürfen schmücken,
Hätt ich gesehn, den du mochtest beglücken,
Den Ritter groß, in ungeheurer Schlacht!

Hätt ich gekonnt den Amadis vermeiden,
So keusch verharren, wie es dir gelungen,
Mit deinem sitt’gern Edlen Don Quixote!

Ich wär beneidet, brauchte nicht zu neiden,
Von Freude ward ich, nicht von Schmerz durchdrungen,
Dann labte mich Genuß vom besten Schrote.

~~~\~~~~~~~/~~~

 

 

 

Gandalin, Stallmeister des Amadis von Gallia,
an Sancho Pansa, Stallmeister des Don Quixote.

Sonett

Don QuixoteGegrüßt sei, großer Mann, dem Heil und Glücke,
Als sie ihn in Stallmeisterdienste stellten,
Mit Sanftmut und Verstand so alles hellten,
Daß er sie überstand ohn‘ Schimpf und Tücke.

Die Sichel, Hacke und der Pflug sind Stücke
Nicht Ritterschaft zuwider, jetzt darf gelten
Schlichtheit des Knappen: Darum muß ich schelten
Den Stolzen, der zum Mond sucht eine Brücke;

Daß ich nicht Esel, Namen von dir habe!
Auch auf den Schnappsack ist mein Neid gerichtet,
Worin sich deine kluge Vorsicht zeiget.

Nochmals gegrüßt, o Sancho, wackrer Knabe,
Von dem der spanische Ovid gedichtet,
Der sich mit einer Kopfnuß vor dir neiget.

~~~\~~~~~~~/~~~

 

 

 

Der Dichter, der scherzende, an Sancho Pansa und Rozinante.

Don QuixoteSancho Pansa ich Stallmei-
Des Manchaners Don Quixo-
Immer bin ich fortgeflo-
Mich als klugen Mann zu zei-
Hasenpanier zu ergrei-
Ist die beste Staatsmaxi-
Feldherrn rühmt das Retiri-
Das ist Celestinens Leh-
Dieses Buchs, das himmlisch wä-
Wenn es Ird’sches mehr verschwie-

~~~\~~~~~~~/~~~

 

 

 

An Rozinante

Don QuixoteRozinant‘ bin ich, der ho-
Enkelsohn des Babie-
Für die Sünden, die gesche-
Dient ich einem Don Quixo-
Elend schien ich und verschro-
Doch mein Pferdesinn war kla-
Nie entging mir Stroh und Ha-
Das lernt ich von Lazari-
Der ein’n Halm wußt einzuschie-
Daß ihm Wein lief in den Schna-

~~~\~~~~~~~/~~~

 

 

 

Der rasende Orlando an Don Quixote von la Mancha.

Sonett

Don QuixoteBist auch nicht Pair, darf dir kein Gleicher nahn,
Du konntest Pair sein unter tausend Pairen,
Doch dir gleich keiner, so viel immer wären,
Den nie besiegt, stets Siegerheld sie sahn!

Orland‘ bin ich, Quixote, im Liebeswahn
Trieb mich Angelika zu fernen Meeren,
Opfernd dem Ruhm auf seinen Weihaltären
Die Tatkraft, die nicht tilgt Vergessens Zahn.

Dir gleich nicht kann ich sein, den Vorzug bieten
Muß jeder deinem Ruhm, den Heldentaten,
Wenn sich auch dir der Sinn wie mir verrückte;

Doch mir gleich bist du, wenn du wilde Scythen
Und stolze Mohren zähmst, daß uns verraten
Man nennt und beid‘ in Liebe Unbeglückte.

~~~\~~~~~~~/~~~

 

 

 

Der Ritter des Phoebus an Don Quixote von la Mancha.

Sonett

Don QuixoteMein Schwert darf sich dem Euren nicht vergleichen,
Ihr, span’scher Phoebus, Blume aller Feinen,
Mein Arm ermißt sich nicht der Kraft des deinen,
Dem Morgenstrahl, dem Mond und Stern‘ erbleichen.

Ich wies ab Kaisertum, samt Königreichen,
Dem roten Orient mocht ich dies verneinen,
Zu sehn das hocherhabne Antlitz scheinen
Der Claridian‘, Auroras Liebeszeichen;

Sie mein, mir heller vor dem Morgenrote,
Entfernt, verschmäht bebten die Ungetüme
Der Hölle mir, so wollt mein Mut erheischen;

Doch Ihr, Quixote, verklärt ruhmreicher Gote,
Macht, daß um Dulcinee die Welt Euch rühme,
Durch Euch hat sie den Ruhm der Klugen, Keuschen.

~~~\~~~~~~~/~~~

 

 

 

Der Soldan an Don Quixote von la Mancha.

Sonett

Don QuixoteObwohl, Herr Quixote, Albertät nichtsnutzig
Euch Haupt und Hirn gar lästerlich verschoben,
Seid jedenfalls des Vorwurfs Ihr enthoben,
Als wärt Ihr Mann der Werke schlecht und schmutzig;

Sein Zeuge Eure Tathandlungen trutzig,
Der Unbill Steurung wolltet Ihr erproben,
Da prügelt Euch mit Knitteln und mit Kloben
Das Lumpenpack, das schlecht gesinnt und prutzig:

Und wenn Eur‘ vielsüß liebe Dulcinea
Euch auch erwiesen hat gleichsam Schimpfierung,
Gleichgültig Euer Huld’gen von sich schiebend,

So sei Tröstjammer Euch in diesem Weh da,
Daß Sancho nicht verstand Kupplerhantierung,
Er dumm war, herbe sie, Ihr nicht ernst liebend.

~~~\~~~~~~~/~~~

 

 

 

Gespräch zwischen Babieca und Rozinante.

Sonett

Don QuixoteB.: Wie seid Ihr, Rozinante, schmal gemessen!
R.: Man frißt ja nichts und muß sich immer plagen.
B.: Wie steht’s mit Hafer und des Strohes Lagen?
R.: Nicht einen Bissen läßt mein Herr mich essen.
B.: Ei, Freund, Ihr seid unartig und vermessen,
Mit Eselszunge nach dem Herrn zu schlagen.
R.: Er bleibt ein Esel, war’s seit jungen Tagen;
Er ist verliebt, nun könnt Ihr’s selbst ermessen.
B.: Ist Lieben Torheit? R.: Doch gewiß nicht weise.
B.: Ihr seid ein Philosoph. R.: Das kommt vom Fasten.
B.: Beklagt Euch denn bei unsres Ritters Knappen.
R.: Was hilft’s mir, daß ich meine Not beweise,
Wenn Herr und Diener unter gleichen Lasten
In die Rapuse gehn mit ihrem Rappen?

Don Quixote

Übrigens fehlen auch ideale Ausgaben von den Märchen der Grimms, von Wilhelm Hauff, zu schweigen von dessen sämtlichen Werken, von Ludwig Tieck und Moby-Dick.

Die meisten Bilder stammen aus dem gemeinfreien Fundus der Wikimedia Commons;
besondere Empfehlung ergeht für den vollständigen Scan der spanischen Erstausgeben von 1605 und 1615 bei der Biblioteca Virtual Miguel de Cervantes.

Written by Wolf

27. Juni 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Renaissance, ~~~Olymp~~~

Weihnachtsengel 3: Lasst mich scheinen, bis ich werde (Mit Freuds Worten singt Mignon als Engel ihr Liebeslied der schönen Seele ohne Geschlecht)

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I like in-betweens.

Delirium in: The Sandman: Brief Lives, 1994.

Wer diese Engel eigentlich sind, erfahren wir bei Hilde Domin, Rilke, in Dogma von 1999 und auf dem Christkindlmarkt unseres Vertrauens: geschlechtslose Boten Gottes verschiedenen Charakters; die Existenzform verstorbener Seelen werden sie erst nach der Aufklärung. Wir erfahren es sogar bei Goethe, dort aber nicht ohne einige Interpretationsarbeit, dafür mit mehr intellektuellem Spaß.

Die Arbeit hat uns 1999 Michael Wetzel abgenommen, dessen Habilitationsschrift Mignon. Die Kindsbraut als Phantasma der Goethezeit auf 500 Seiten die Attraktivität kleiner Mädchen ergründet — literaturhistorisch, persönlich unbeteiligt und wahrscheinlich mit absichtlich wenigem, schwarz-weißem und niedrig aufgelöstem Bildmaterial. Das Thema bleibt dennoch brandgefährlich, das Buch ist deshalb selten und wie akademische Schriften so sind, wegen kleiner Auflage teuer. Nicht zum ersten Mal bin ich für die Magazinbestände der Münchner Stadtbibliothek im Gasteig dankbar.

Ich zitiere aus dem Kapitel zur Moral der Engel ausführlich, das Wetzels postuliertes Urbild der protopädophilen Männerphantasie, die etwa zwölfjährige Mignon aus Wilhelm Meisters Lehrjahre in die Mythologie der Engel stellt. Mignons darin enthaltenes, bestechend schönes Lied korrigiere ich (unwesentlich) nach der Frankfurter Ausgabe von Karl Eibl, versehe es mit einem Vorspann und vervollständige es um die vierte Strophe. Normalerweise sind das unzulässige Eingriffe ins Zitat, die mir hier sinnvoll scheinen.

——— Michael Wetzel: Die Moral der Engel, in: Mignon. Die Kindsbraut als Phantasma der Goethezeit,
Habilitationsschrift für die Universität Essen, Wilhelm Fink Verlag München 1999:

Cover Michael Wetzel, Mignon. Die Kindsbraut als Phantasma der Goethezeit, Wilhelm Fink Verlag München 1999Antike Plastiken, barocke Opernbühnen und anatomische Theater sind nicht die einzigen Schauplätze, auf denen es um Androgynität geht. […]

Statt das „weiße“ Engelskleid nur als Übergangsobjekt zu weiblicher Kleidung zu betrachten, will Mignon in ihm wie im heiligen Gewand der Initiation verbleiben, d. h. im Übergangsstadium verharren, hyperbolisch geschlechtslos werden, sterben und verklärt werden: wenn schon kein Knabe, dann gar nichts, „L‘utrumque se parachève en devenant un neutrum.“ [Fußnote: Delcourt, Marie (1972): Deux interprétations du mythe de l’androgyne. Mignon et Séraphita, Revue des langues vivantes No. 38 (1972), S. 233.“]

Hinter dieser Mimikry am sexualfeindlichen Ideal christlicher Moral stehen aber andere symbolische Bezüge. Wie bereits im Zusammenhang mit der Kindfigur des Eros gezeigt wurde, sind Engel auch — wie dieser, Hermes oder Musen — Boten der Götter, also Dämonen. In dieser Bedeutung zeichnet sich noch einmal die Entwicklungslinie der Mignon-Figur im Roman ab, von der elementaren Naturhaftigkeit, deren archaisch dämonischer und in diesem Sinne antik heidnischer Charakter überwunden wird zugunsten einer Erlösungsfigur nach dem Muster christlicher Heilslehre. Insofern tritt nunmehr bewußt die Engelsgestalt an die Stelle des Dämons, eben als das schützende „Bild“, hinter das sich Goethe zurückzieht. Die Erlösung der Natur durch christliche Gnade wird gleichfalls zum Thema von Faust II und in diesem Sinne zu einer Allegorie des 19. Jahrhunderts [Fußnote: Vgl. hierzu Schlaffer, Heinz (1980): Faust zweiter Teil. Die Allegorie des 19. Jahrhunderts, Stuttgart 1980, S. 154 ff. sowie Graham: Goethe. Schauen und Glauben, (Schwere Überfahrt: Natur und Gnade in Goethes Faust), a.a.O., S. 587 ff.“], wie sie z. B. Wagner in der Kundry-Figur seines Parzival aufgreift. Bei Mignons Mutation zum Engel soll aber noch eine andere Dämonie des antiken Archetypus gebannt werden: das homophil-päderastische Erbe der antiken Androgynie nämlich, an dessen Stelle das übersinnliche Bild sublimierter Unschuld tritt.

Goethe kann sich dabei wiederum auf den im Vornamen des Harfners schon zitierten Augustinus berufen, der in seinem Gottesstaat eine klare Trennung zwischen heidnischen und christlichen Medien göttlicher Botschaften vornimmt. Den antiken Dämonen wird dort zwar ein übermenschliches „Wissen“ bescheinigt, was sie aber hochmütig, ja „aufgebläht“ macht und von den Engeln unterscheidet, ist der Mangel an der letzteren gerade verliehenen Liebe, d. h. genauer göttlichen Liebe. Nur um die Sichtbarkeit der körperlichen und zeitlichen Dinge bemüht, sind die Dämonen „böse“ Engel als falsche und trügerische Vermittler der Wahrheit, während die „guten“ Engel die Wahrheit Gottes unmittelbar von Angesicht zu Angesicht schauen: „Vor Gottes Schönheit, die unkörperlich, unwandelbar und unaussprechlich ist, und zu der sie in heiliger Liebe entbrennen, ist ihnen alles, was niedriger ist und nicht ist, was Gott ist, darunter auch sie selbst, verachtenswert, und sie genießen aus dem Ganzen, das ihr Gutsein ist, nur jenes Gut, aus dem sie gut sind.“ [Fußnote: „Augustinus, Aurelius (412–26): Der Gottesstaat, übers. v. C.J. Perl, Salzburg 1966, Bd. II, S. 95.“] Mit anderen, nämlich Freuds Worten der Beschreibung himmlischer Wollustgefühle — im „Zustand ununterbrochenen Genießens“ [Fußnote: „Freud (1911): Psychoanalytische Bemerkungen über einen autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia, Gesammelte Werke, a.a.O., Bd. VIII, S. 262; Freud bezieht sich unter Verweis auf die Wunscherfüllung eines übergeschlechtlichen Lebens ausdrücklich auf Mignon und ihr Engellied (ebd., S. 263, Anm.); vgl. auch Schreber, Daniel Paul (1903): Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken, hrsg. v. S. Weber, Frankfurt/M. 1973, S. 80.“] dieses Gutseins — singt Mignon als Engel ihr Liebeslied der schönen Seele ohne Geschlecht:

——— Goethe: Zweites Kapitel in: Wilhelm Meisters Lehrjahre, 1795:

Wilhelm von Kaulbach, Mignon, 1862Es fand sich eben, daß der Geburtstag von Zwillingsschwestern, die sich immer sehr gut betragen hatten, nahe war; ich versprach, daß ihnen diesmal ein Engel die kleinen Geschenke bringen sollte, die sie wohl verdient hätten. Sie waren äußerst gespannt auf diese Erscheinung. Ich hatte mir Mignon zu dieser Rolle ausgesucht, und sie ward an dem bestimmten Tage in ein langes, leichtes, weißes Gewand anständig gekleidet. Es fehlte nicht an einem goldenen Gürtel um die Brust und an einem gleichen Diadem in den Haaren. Anfangs wollte ich die Flügel weglassen, doch bestanden die Frauenzimmer, die sie anputzten, auf ein Paar großer goldner Schwingen, an denen sie recht ihre Kunst zeigen wollten. So trat, mit einer Lilie in der einen Hand und mit einem Körbchen in der andern, die wundersame Erscheinung in die Mitte der Mädchen und überraschte mich selbst. „Da kommt der Engel“, sagte ich. Die Kinder traten alle wie zurück; endlich riefen sie aus: „Es ist Mignon!“ und getrauten sich doch nicht, dem wundersamen Bilde näher zu treten.

„Hier sind eure Gaben“, sagte sie und reichte das Körbchen hin. Man versammelte sich um sie, man betrachtete, man befühlte, man befragte sie.

„Bist du ein Engel?“ fragte das eine Kind.

„Ich wollte, ich wär‘ es“, versetzte Mignon.

„Warum trägst du eine Lilie?“

„So rein und offen sollte mein Herz sein, dann wär‘ ich glücklich.“

„Wie ist’s mit den Flügeln? laß sie sehen!“

„Sie stellen schönere vor, die noch nicht entfaltet sind.“

Und so antwortete sie bedeutend auf jede unschuldige, leichte Frage. Als die Neugierde der kleinen Gesellschaft befriedigt war und der Eindruck dieser Erscheinung stumpf zu werden anfing, wollte man sie wieder auskleiden. Sie verwehrte es, nahm ihre Zither, setzte sich hier auf diesen hohen Schreibtisch hinauf und sang ein Lied mit unglaublicher Anmut.

So laßt mich scheinen, bis ich werde,
Zieht mir das weiße Kleid nicht aus!
Ich eile von der schönen Erde
Hinab in jenes feste Haus.

Dort ruh‘ ich eine kleine Stille,
Dann öffnet sich der frische Blick;
Ich lasse dann die reine Hülle,
Den Gürtel und den Kranz zurück.

Und jene himmlische Gestalten
Sie fragen nicht nach Mann und Weib,
Und keine Kleider, keine Falten
Umgeben den verklärten Leib.

Zwar lebt‘ ich ohne Sorg und Mühe,
Doch fühlt ich tiefen Schmerz genung.
Vor Kummer altert‘ ich zu frühe;
Macht mich auf ewig wieder jung.

Die eschatologische Vision vom Ablegen der „reinen Hülle“ in einer paradiesischen Welt, die selbst der Symbolik des weißen Kleides für jungfräuliche Unschuld nicht mehr bedarf, spielt auf jene Auferstehungsvorstellung aus dem Matthäus-Evangelium (XXII, 30) an, wo nicht mehr zwischen Mann und Frau im sexuellen Sinne unterschieden wird, sondern die Menschen Gottes Engeln im Himmel gleich werden. Mignons Ideal einer völligen Geschlechtslosigkeit des verklärten Leibes rekurriert in diesem Sinne auf die pietistische Vorstellung einer wieder zum Kind gewordenen Engelhaftigkeit.

Jana Martish, December, 19. Dezember 2012

Engelsbilder: Cover Michael Wetzel: Mignon via inframedialität;
Wilhelm von Kaulbach: Mignon, Goethe-Galerie (21 Karten) 1857–1864. Signet: A. Nr. 1187. Verso: F. A. Ackermann’s Kunstverlag, München, Serie 100, Lichtdruck, sign. u. dat. W. Kaulbach 1862 via Jutta Assel & Georg Jäger: Goethe-Motive auf Postkarten. Wilhelm Meisters Lehrjahre: Mignon und der Harfner; 7. Mignon als Engel, Oktober 2011;
Jana Martish: December, 19. Dezember 2012.

Written by Wolf

15. Dezember 2013 at 00:01

The Metrum is the Message

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——— Albert Uderzo: Astérix XXIX: La Rose et le Glaive,
übs. Gudrun Penndorf: Asterix und Maestria, 1991, Seite 15:

[Obelix:] Hmmm! Welch wunderbarer Duft, der abends mich betört,
wenn ein Wildschwein gar mich lockt, an deinen heißen Herd!

[Asterix:] Machst du jetzt schon Alexandriner? Die Schule scheint dir zu bekommen!

The medium is the message ist gar keine so neuzeitliche Erkenntnis; neu ist nur die pointierte Formulierung, die sie populär machen konnte.

Cristina Suarez, 7. September 2012„Schon die Griechen“ — an dieser Stelle begrüße ich meine übrig gebliebene durchhaltestarke Leserschaft — verwendeten in ihrer antiken attischen Tragödie typischerweise Jambische Trimeter. Dafür hatten sie Gründe. Nicht etwa, postmoderne Schulkinder einzuschläfern, sondern die Form des Dramas mit seinem Inhalt, zugleich den Inhalt des Dramas mit seiner Form in Harmonie zu setzen. Tragödie bedeutet seit der Poetik von Aristoteles: Personal gehobenen Standes bis hinauf zu Göttern, um ihnen in der Handlung die größte Fallhöhe, die meisten materiellen, seelischen und sozialen Verluste zu ermöglichen; Einheit von Zeit, Ort und Handlung (welche also an einem einzigen festen Schauplatz innerhalb der Erzählzeit — der Dauer des Schauspiels — hintereinander weg geschieht); schuldloses Schuldigwerden anhand eines Dilemmas; ein unglückliches Ende — und dadurch Katharsis der handelnden Personen sowie zugleich des Anteil nehmenden Publikums. Das bedeutet die Vorstufe zum allgemeineren prodesse et delectare (das ist: Nutzen und Unterhaltung auf einmal — was auch für die Komödie gilt, die sich durch einen glücklichen Ausgang schon hinreichend von der Tragödie unterschiede, und für die Epik, die nicht der dreifachen Einheit gehorchen muss) beim späteren Horaz.

Vor allem diese Einheit aus Erzählzeit und erzählter Zeit in einem eng definieren Raum sollte durch das gleichförmige Versmaß unterstützt werden: Inhalt ist Form, Form ist Inhalt — the medium is the message. Was wir Heutigen in Theaterstücken, viel eher noch an Spielfilmen tadeln würden: das gewollt Abgehobene, das sich nicht um Kurzweil schert, sondern sich der Kunstform zuliebe einen langen Atem gestattet, die große, dennoch beschränkte Anzahl möglicher Handlungsverläufe — all das wurde seither variiert, gebrochen oder absichtsvoll und ausnahmsweise ignoriert, aber nie abgeschafft. Im Gegenteil wird sich überall, wo moderne Geschichten erzählt werden, darauf bezogen: So unterscheiden sich Hollywood-Drehbücher von Sophokles-Dramen in der Ausstattung und in der Dialogführung, nicht etwa in der Dramaturgie.

Genau genommen sind die meisten Spielfilme eine Variation über entweder die Ilias oder die Odyssee. Diese beiden stehen in Distichen, die aus einem Hexameter plus einem Pentameter bestehen, die sich im Altgriechischen besonders beredt den Wörtern anschmiegen, und weil es Epen sind, die man in einem langen Redefluss flüssig — idealerweise auswendig — rezitieren soll. In Dramen ist das nicht notwendig, weil Theaterfiguren a) ihre Reden vor dem Auftritt eingeübt und b) zusätzlich anders als sprechend zu agieren haben.

(Im Faust kommt gerade ein einziger Hexameter vor: „Eritis sicut Deus, scientes bonum et malum“ (Faust I, Vers 2048) — und der ist ein Zitat, und selbst das in parodistischer Absicht; Mephisto spricht es. Das unmittelbar folgende

Folg nur dem alten Spruch und meiner Muhme der Schlange,
Dir wird gewiss einmal bei deiner Gottähnlichkeit Bange!

wurde im 19. Jahrhundert vermutlich gleich hexametrisch weitergelesen, was sich nicht anhand etwelcher Tonaufnahmen nachweisen lässt, funktioniert aber als unreiner Alexandriner.)

Halten wir fest: Der Jambische Trimeter schien in seinem Tonfall und seiner Anpassungsfähigkeit an die altgriechische Sprache besonders geeignet, Inhalte der attischen Tragödie zu transportieren. Das Moderne daran war einst, die Figurenrede quantitierend in einem quasi musikalischen Rhythmus zu gestalten; es ist deshalb schon zulässig, von einem Takt zu sprechen. (Vorhergehende und anderwärtige Versmaße binden den Text nur, indem sie ihn akzentuieren oder die Zahl der Silben festlegen, die Zahl der Senkungen zwischen von der einen zur nächsten Hebung bleibt dabei freier.)

Pandorra Von Lillian, Fact about me #1, 21. August 2011In Übersetzungen, das Problem wird nimmer alt, kann gegenüber dem Original nur einiger Verlust entstehen. Jambische Trimeter in deutscher Dichtung sind selten, weil sich das Metrum schlecht an die Sprache fügt. Rettung verheißt wie so oft Goethe: Im Faust, schon im Untertitel Der Tragödie zweiter Teil, verwendet er eine solche Vielfalt aus dem lyrischen Formenarsenal (nachgewiesen sind 40), dass, „wenn die Poesie ganz von der Welt verlorenginge, […] man sie aus diesem Stück wiederherstellen [könnte]“ (Goethe selbst über seinen fremden Kollegen Calderón: El principe constante) — was nicht allein von den wechselnden Versmaßen rührt, aber ein weit bunteres, durchaus für moderne Bedürfnisse kurzweiligeres Changieren erzeugt als mehrere Akte lang durchgehaltener — zum Beispiel — Jambischer Trimeter.

Den er a.a.O. in seinem deutschpsrachigen Original sehr wohl unterbringt:

Bewundert viel und viel gescholten, Helena,
Vom Strande komm ich, wo wir einst gelandet sind,
Noch immer trunken von des Gewoges regsamem Geschaukel.

Wie umgehend ins Auge — oder treffender: ins Ohr, man mag sich das getrost einmal laut vorsprechen — springt, ist das ein sechshebiger Jambus, in dem bei Bedarf eine Länge zu zwei Kürzen — die dann ein Spondeus heißen — aufgelöst werden kann. So geschehen auf den Silben in „Gewoges regsamem“. Man kann das goutieren, muss aber nicht; persönlich finde ich, dass es am richtigen Ort schön würdevoll einherschreitet. Bei Goethe kann man immerhin sicher sein, dass er die Wirkung seiner Metren fachkundig durchdacht hat.

Marcela Xavier, djfhsdlfhldsjf, 1. August 2012Von Sophokles bis Goethe führt ein langer Weg, auf dem Goethe durch spätere Geburt den Vorteil hatte, auf ihn zurückzublicken. Im Faust erscheinen deshalb auch so ziemlich alle seitherigen Versformen. Typisch fürs allfällige Fastnachtsspiel mit Blütezeit nach 1500 war der Knittelvers: vier Hebungen, egal ob Jambus oder Trochäus, Daktylus oder Anapäst, weil ohnehin die Zahl der Senkungen dem Dichter freisteht. So entstehen Verse mit 6 bis 15 Silben, was Knittelverse in der Herstellung stark vereinfacht und in logischer wie zeitlicher Folge in Misskredit bringt. Knittelvers ist so volkstümlich, wie ein Volk nur tümlich sein kann, und für den Goethischen Faust gerade deswegen so passend, weil er seine ersten Fassungen aus einem Puppenspiel für Jahrmärkte bezieht, das seinerseits nach dem dem gleichnamigen Volksbuch von Johann Spies von 1587 entstand — übrigens eine der Ecken in Wikipedia, die man wirklich atemlos gespannt lesen kann.

Gleich anfangs knittelt Faust sein „Habe nun, ach!“, was ihn formal charakterisierend in die Zeit aus Paracelsus, Nostradamus und Volksbüchern rückt, der er entstammt — und kurz darauf beim Anblick des Zeichens des Makrokosmus in seinem Buch:

Ha! welche Wonne fließt in diesem Blick
Auf einmal mir durch alle meine Sinnen!
Ich fühle junges heil’ges Lebensglück
neuiglühend mir durch Nerv‘ und Adern rinnen.
War es ein Gott, der diese Zeichen schrieb,
Die mir das inn’re Toben stillen,
Das arme Herz mit Freude füllen,
Und mit geheimnisvollem Trieb
Die Kräfte der Natur rings um mich her enthüllen?

Und so fort, die Szene Nacht im „hochgewölbten, engen, gotischen Zimmer“ kennen Sie bestimmt noch von der Schulplatzmiete. Fausts altdeutsch knittelnde Begeisterung hält dann gerade so lange vor, bis er zum Zeichen des Erdgeistes vorblättert.

Noch viel deutlicher in seinem etwas dilettantisch rumpelnden poetischen Flickwerk kommt der Knittelvers bei Carl Arnold Kortum daher:

Mit dem Handel giebts nur Kleinigkeiten,
Denn es ist kein Geld unter den Leuten,
Und die Ratsherrnschaft wirft auch nicht viel ab;
Drum sind meine Einkünfte so knapp.

Inhaltlich aktuell bis zeitlos, formal im abendländischen Kulturkreis wohl nicht so bald auszurotten. Kulturelle Verfeinerung verlangt nach elaborierteren, enger definierten Formen: Vor allem die Trauerspiele der französischen Renaissance und des deutschen Barock verwendeten typischerweise Alexandriner. Ursprünglich bedeutet das: 12 oder 13 Silben mit Zäsur nach der 6. Silbe, unbedingt mit Endreim. Seit Martin Opitz bedeutet es weiter verengt: sechshebiger Jambus mit Zäsur nach der dritten Hebung. Besonders sinnhaltig wird diese Form mit der deutlich unterteilenden Zäsur in den barocken dialektisch aufgebauten Memento-mori-Gedichten; Gryphius

DU sihst / wohin du sihst nur eitelkeit auf erden.
Was dieser heute bawt / reist jener morgen ein:
Wo itzund städte stehn / wird eine wiesen sein
Auff der ein schäffers kind wird spilen mitt den heerden.

ist bekannt (die Schrägstriche in dieser Originalversion bedeuten Kommata — keine metrischen Zäsuren).

LaPetiteTwinkle, Tick-Tock, 12. März 2009Keine Dramenhistorie ohne Historiendrama: Was Shakespeare eingeführt, verbreitet und weitertradiert hat, ist praktisch überhaupt nicht zu ermessen. Eine Hilfe dabei war ihm zweifellos der Blankvers — jambisch, fünfhebig, unbedingt ungereimt — wie der Name sagt: vom englischen blank, was den reinen, also reimlosen Vers bezeichnet. Er kommt ohne feste Zäsur aus, kann im Drama auf mehrere Sprecher verteilt werden, gewinnt so einen sehr geschmeidigen Rhythmus und kommt dadurch der ungebundenen Rede ziemlich nah. Das verleiht den handelnden Figuren Lebensnähe.

Wie die meisten Großleistungen Shakespeares ist der Blankvers keine Erfindung von ihm, allenfalls eine Vervollkommnung des heroic verse, der am prominentesten bei Geoffrey Chaucer vorkommt, bei demselben hinwiederum nicht in Dramen — und sei es „nur“ in der Verbreitung des Elisabethanischen Dramas zusammen mit Christopher „Kid“ Marlowe und Thomas Kyd.

Mit seinen Gedichten wird Shakespeare noch unter die Metaphysical Poets gerechnet, was in der deutschen Literatur ungefähr der Entwicklungsstufe des Barock entspricht. Allerdings sind die englischen den deutschen Lieraturepochen immer um einige Jahre voraus; in Deutschland setzt sich der Blankvers deshalb mit aufkommender Shakespeare-Rezeption durch — also flächendeckend ab der Übersetzung von Wieland. Dann begegnet er weiterhin bei Wieland, Klopstock, endgültig an Stelle des Alexandriners gesetzt von Lessing — als Paradebeispiel im gesamten Nathan der Weise — und Goethe in der gesamten Iphigenie auf Tauris.

Zum Merken und Wiedererkennen deren Anfang: „Heraus in eure Schatten, rege Wipfel“. Jambus, fünf Hebungen, die Zäsur dort, wo sie in der Syntax gebraucht wird, es stimmt also alles; und keine Sorge: Es wird sich die folgenden vier Stunden lang (mit Theaterpause) auf nichts reimen.

In weiten Teilen gereimt ist hingegen — zurück zum Ausgang — der Faust. Nun mag man meinem alten Geschichtslehrer darin folgen zu behaupten, im Faust, da seien Reime drin, „dass eine Sau graust“, und dafür stichhaltige Stellenbeispiele anführen — es bleibt dabei, dass wir mit beiden Teilen der Tragödie vor einem überwältigenden Formenpanorama stehen, dass die Sau zumindest die Geschichte der klassischen Versformen lernen kann. Und dabei haben wir noch gar nicht von den eloquenten Monologen von Mephisto geredet, die er in durchtrieben wendigen Madrigalversen abliefert.

Jamie McKerral, Bookworm, 25. Januar 2010Sogar Prosa kommt im Faust vor, wenngleich nicht öfter als in Trüber Tag. Feld; so avantgardistisch wollte Goethe gar nicht werden, dass er seine Figuren ungebunden reden ließe.

Vielmehr ist der Prosateil noch aus Goethes Frühfassung übrig (für die man von der Bezeichnung „Urfaust“ abgekommen ist), die aus seiner Sturm-und-Drang-Zeit stammt; da war ein bestimmter Prosastil voller Ellipsen und Interjektionen, die dem Sprecher keine Zeit zu lyrischer Ausformulierung lassen, als Ausdruck ungebändigter Emotion immerhin zulässig. Am 5. Mai 1798, schon tief in seiner klassischen Phase, schrieb Goethe an Schiller, er fände inzwischen „ihre Natürlichkeit und Stärke, in Verhältnis gegen das andere, ganz unerträglich“ und „suche sie deswegen gegenwärtig in Reime zu bringen, da denn die Idee wie durch einen Flor durchscheint, die unmittelbare Wirkung des ungeheuren Stoffes aber gedämpft wird.“

Dramen in durchgehender Prosa kommen als Normalfall erst im 19. Jahrhundert vor — etwa ab Georg Büchner, augenfälligstes Beispiel: Woyzeck. Diese größtmögliche Nähe zur Alltagsrede außerhalb einer Theaterbühne definierte nachmals das moderne Schauspiel und wurde bis jetzt nicht wieder aufgegeben, oder kennen Sie ein Original-Drehbuch mit lyrisch gebundenen Dialogen — also nicht gerade eins zu einer Shakespeare-Verfilmung?

Von dieser „Tragödie“ erstem und zweitem Theil bleibt außer dem unglücklichen Ende streng formal gerechnet nicht mehr viel übrig, und selbst da dauert der Expertenstreit fort, ob am Ende des zweiten Teils jetzt Faust oder Mephisto oder gar keiner gewonnen hat (wozu wir noch fortschreiten werden). Einheit von Zeit, Ort und Handlung? Von wegen, das glatte Gegenteil! Die Kriterien der klassischen Traödie sind hier durchaus bekannt, nur eben nicht eingehalten, sondern in alle Richtungen gesprengt. Ein Pandämonium in der Welt, im Himmel und der Hölle und einigen Zwischenreichen, durch alle Zeiten seit Anbeginn voller Nebenhandlungen — und in vierzig verschiedenen Vers- und Strophenformen, deren jede eine message transportiert. Es hat einen Goethe sechzig Jahre seines Lebens in Anspruch genommen, das auszusinnen.

Marshall McLuhans Erkenntnis, das Medium sei die Message, stammt von 1964 und hat eine gewisse Patina angesetzt. Die aristotelische Gleichsetzung von Form und Inhalt wurde noch nie ernstlich angefochten.

Fachliteratur: Goethe: Faust, Frankfurter Ausgabe, hg. Albrecht Schöne, 2. Band: Kommentare. Inzwischen als zweibändiges Taschenbuch für 22 Euro. Seit 1994 state of the art, seither immer weiter verbessert, Lebenswerk, Monument, dabei überraschend genießbares Lesefutter und die (nicht allein von mir) empfohlene Ausgabe;
Metzler Literatur Lexikon, 2. Auflage 1990, antiquarisch für den Gegenwert von einem Seidel Bier. Es gibt inzwischen mehrere Neuauflagen, die sich zu diesem Gegenstand wie erwartet nicht wesentlich anders äußern.

Southiphong Anaïs, La Parisienne, 6. August 2011

Versfüße: Cristina Suarez, 7. September 2012;
Pandorra Von Lillian: Fact about me #1, 21. August 2011;
Marcela Xavier: djfhsdlfhldsjf, 1. August 2012;
LaPetiteTwinkle: Tick-Tock 12. März 2009;
Jamie McKerral: Bookworm, 25. Januar 2010;
Southiphong Anaïs: La Parisienne, 6. August 2011.

Written by Wolf

27. September 2013 at 00:01

In lieblicher Bläue

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Warum 2013 kein großes Hölderlin-Jahr gefeiert wurde? Weil der Kulturbetrieb einschließlich seiner Nutzer mit den Jubiläen ausgelastet war, die auf -13 enden, und sich deshalb noch bis 2018 zum 175. Geburtstag gedulden wollte, um das angemessen durchzuziehen. Habe ich damals gehofft.

Hölderlin wird in dieser Welt wohl kein Publikumsrenner mehr: viel zu langweilig, weil an die enggschnürtesten literarischen Formen gebunden (Elegien, Hymnen, Oden), setzt viel zuviel voraus (Mythologie! Teleologie! Erinnerungsstrukturen! — Wer will noch?), halsbrecherische Syntax auch an Stellen, an denen das Metrum verständlichere Satzbauten zuließe, um schierer Verfremdung willen, bis zur Weltfremdheit hochgespannte Themen, und bietet für die Anstrengungen, ihn zu verstehen, keinerlei alltagstaugliche Einsichten und schon gar keine Handlung. Der Mann ist durch.

In lieblicher Bläue fällt aus den Kategorien der lyrischen wie der prosaischen Formen heraus. Geschrieben wohl 1808, wurde es ein einziges Mal als Teil Phaëton zu Hölderlins Lebzeiten gedruckt — einem Roman aus der Gymnasiastenzeit von Hölderlins Freund Friedrich Wilhelm Waiblinger — erst 1823.

Laut der Frankfurter Hölderlin-Ausgabe schreibt Waiblinger am 11. August 1822, also 18-jährig, in sein Tagebuch: „Hölderlings Geschichte benütz‘ ich am Ende.“ Stil und Vorstellungen deuten darauf, dass Waiblinger Hölderlins Aufzeichnungen benutzt hat — mit dessen Wissen und Einverständnis, also nicht plagiiert. Unklar bleibt dabei allerdings, ob er Hölderlin unverändert wiedergibt oder Eigenes einfließen lässt.

Es ist ein bestürzend befremdliches Stück, das gerade in seiner Prosaform aus dem Roman sein skurriles Funkeln entfaltet. Meistens wird es, wohl wegen seines „hohen“ Stils, als Gedicht wiedergegeben; ich zitiere hier nach der Frankfurter Ausgabe: Dort steht es im ersten Band mit den sämtlichen Gedichten — und zwar nicht zeitlich eingeordnet, sondern als Anhang. Ich finde das einzig passend.

Vor allem auch: Falls das Stück wirklich von 1808 stammt, war Hölderlin da seit zwei Jahren offiziell „umnachtet“, womit es das Ausgefeilteste wäre, was der „verstummte“ Hölderlin noch niedergeschrieben hat. Als eine derart schwarze Perle wird es mir nirgends angeboten — aber ich finde nichts Anderslautendes.

Die Rechtschreibung ist dadurch behutsam nach den Maßgaben des Herausgebers Jochen Schmidt und des Deutschen Klassiker Verlags modernisiert; die originale Rechtschreibung zeigen die Faksimiles der Bremer Arbeitsstelle historisch-kritische Hölderlin-Ausgabe.

——— Friedrich Wilhelm Waiblinger: Phaëton. Zweiter Theil,
Stuttgart: Verlag von Friedrich Franckh 1823, Seite 153 bis 156:
Friedrich Hölderlin: In lieblicher Bläue, 1808.
Fakismile beim Archiv der Arbeitsstelle historisch-kritische Hölderlin-Ausgabe Bremen:

In lieblicher Bläue blühet mit dem metallenen Dache der Kirchturm. Den umschwebet Geschrei der Schwalben, den umgibt die rührendste Bläue. Die Sonne gehet hoch darüber und färbet das Blech, im Winde aber oben stille krähet die Fahne. Wenn einer unter der Glocke dann herabgeht, jene Treppen, ein stilles Leben ist es, weil, wenn abgesondert so sehr die Gestalt ist, die Bildsamkeit herauskommt dann des Menschen. Die Fenster, daraus die Glocken tönen, sind wie Tore an Schönheit. Nämlich, weil noch der Natur nach sind die Tore, haben diese die Ähnlichkeit von Bäumen des Walds. Reinheit aber ist auch Schönheit. Innen aus Verschiedenem entsteht ein ernster Geist. So sehr einfältig aber die Bilder, so sehr heilig sind die, daß man wirklich oft fürchtet, die zu beschreiben. Die Himmlischen aber, die immer gut sind, alles zumal, wie Reiche, haben diese, Tugend und Freude. Der Mensch darf das nachahmen. Darf, wenn lauter Mühe das Leben, ein Mensch aufschauen und sagen: so will ich auch sein? Ja. So lange die Freundlichkeit noch am Herzen, die Reine, dauert, misset nicht unglücklich der Mensch sich mit der Gottheit. Ist unbekannt Gott? Ist er offenbar wie die Himmel? dieses glaub‘ ich eher. Des Menschen Maß ist’s. Voll Verdienst, doch dichterisch, wohnet der Mensch auf dieser Erde. Doch reiner ist nicht der Schatten der Nacht mit den Sternen, wenn ich so sagen könnte, als der Mensch, der heißet ein Bild der Gottheit.

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Kevin Carlyle, Blue Dress, Spingfield, Missouri, 28. März 2007Gibt es auf Erden ein Maß? Es gibt keines. Nämlich es hemmen den Donnergang nie die Welten des Schöpfers. Auch eine Blume ist schön, weil sie blühet unter der Sonne. Es findet das Aug‘ oft im Leben Wesen, die viel schöner noch zu nennen wären als die Blumen. O! ich weiß das wohl! Denn zu bluten an Gestalt und Herz, und ganz nicht mehr zu sein, gefällt das Gott? Die Seele aber, wie ich glaube, muß rein bleiben, sonst reicht an das Mächtige auf Fittigen der Adler mit lobendem Gesange und der Stimme so vieler Vögel. Es ist die Wesenheit, die Gestalt ist’s. Du schönes Bächlein, du scheinest rührend, indem du rollest so klar, wie das Auge der Gottheit, durch die Milchstraße. Ich kenne dich wohl, aber Tränen quillen aus dem Auge. Ein heiteres Leben seh‘ ich in den Gestalten mich umblühen der Schöpfung, weil ich es nicht unbillig vergleiche den einsamen Tauben auf dem Kirchhof. Das Lachen aber scheint mich zu grämen der Menschen, nämlich ich hab‘ ein Herz. Möcht‘ ich ein Komet sein? Ich glaube. Denn sie haben die Schnelligkeit der Vögel; sie blühen an Feuer, und sind wie Kinder an Reinheit. Größeres zu wünschen, kann nicht des Menschen Natur sich vermessen. Der Tugend Heiterkeit verdient auch gelobt zu werden vom ernsten Geiste, der zwischen den drei Säulen wehet des Gartens. Eine schöne Jungfrau muß das Haupt umkränzen mit Myrtenblumen, weil sie einfach ist ihrem Wesen nach und ihrem Gefühl. Myrten aber gibt es in Griechenland.

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Wenn einer in den Spiegel siehet, ein Mann, und siehet darin sein Bild, wie abgemalt; es gleicht dem Manne. Augen hat des Menschen Bild, hingegen Licht der Mond. Der König Oedipus hat ein Auge zuviel vielleicht. Diese Leiden dieses Mannes, sie scheinen unbeschreiblich, unaussprechlich, unausdrücklich. Wenn das Schauspiel ein solches darstellt, kommt’s daher. Wie ist mir’s aber, gedenk‘ ich deiner jetzt? Wie Bäche reißt das Ende von Etwas mich dahin, welches sich wie Asien ausdehnet. Natürlich dieses Leiden, das hat Oedipus. Natürlich ist’s darum. Hat auch Herkules gelitten? Wohl. Die Dioskuren in ihrer Freundschaft haben die nicht Leiden auch getragen? Nämlich wie Herkules mit Gott zu streiten, das ist Leiden. Und die Unsterblichkeit im Neide dieses Lebens, diese zu teilen, ist ein Leiden auch. Doch das ist auch ein Leiden, wenn mit Sommerflecken ist bedeckt ein Mensch, mit manchen Flecken ganz überdeckt zu sein! Das tut die schöne Sonne: nämlich die ziehet alles auf. Die Jünglinge führt die Bahn sie mit Reizen ihrer Strahlen wie mit Rosen.
Die Leiden scheinen so, die Oedipus getragen, als wie ein armer Mann klagt, daß ihm etwas fehle. Sohn Laios, armer Fremdling in Griechenland! Leben ist Tod, und Tod ist auch ein Leben.

Hölderlin, F.W. Waiblinger, Phaëton 1823, Seite 153

Hölderlin, F.W. Waiblinger, Phaëton 1823, Seite 154 bis 155

Hölderlin, F.W. Waiblinger, Phaëton 1823, Seite 156

In lieblicher Bläue: Kevin Carlyle: Blue Dress, Springfield/Missouri, 28. März 2007.

Written by Wolf

7. Juni 2013 at 00:01

Der Widersacher. Ästhetischer Gaukler vs. unnahbarer Eispalast: Braucht die Welt noch Dichterfürsten im Krähwinkel? Alles ist erlaubt und willkommen. Keine 30 Prozent der Quellen.

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Ein müßiger, elitärer Gelehrtensport ist es, einen beliebigen Schreiber mit einem anderen zu vergleichen; von irgendwas müssen die ganzen anfallenden literaturwissenschaftlichen Proseminararbeiten ja handeln. Richtig sinnvoll, wenn nicht gar ansatzweise interessant wird es bei Jean Paul im Vergleich zu Goethe. Das ist ein Spannungsverhältnis auf persönlicher wie literarischer Ebene — entfernt der Bewusstseinsunterschied zwischen Wagnerianern und Brahmsianern oder jünger: zwischen HipHop und Techno, Vampiren und Werwölfen, München-Schwabing und Berlin-Mitte, Scrubs und Dr. House. Der Unterschied ist: Goethe hatte Verehrer und Verehrerinnen, Jean Paul hatte Fans und Freundinnen.

Einst war es höchster Wunsch und hehrstes Ziel aller deutschen Kunstschaffenden, an den Hof des jungen kunstsinnigen Herzogs Karl August von Sachsen-Weimar-Eisenach vorgelassen zu werden und fortan sponsern zu lassen, um seinen möglichst früh eintretenden Lebensabend lang in einer Art sorgenbefreiter Gelehrtenrepublik dem zu obliegen, was sie am besten und liebsten taten. Ein durchaus erstrebenswerter Lebensentwurf. Ab dem Ende der Aufklärung bildete sich sich erst ein Künstlerkreis um Herder und Wieland, ab dem Sturm und Drang um deren charismatische jugendlichere Ablösung Goethe und Schiller die genuine Weimarer Klassik. Zweimal in seinem Leben begehrte auch Jean Paul Einlass: zum ersten Vorfühlen 1796, als er in Gestalt seines Hesperus ausreichende Erfolge auf dem richtigen Schaffensgebiet vorweisen konnte, ernsthafter geplant ab Oktober 1798, als er für zwei Jahre nach Weimar übersiedelte, um den Titan zu schreiben.

Es ging nicht gut. Wie Jean Paul es anstellte und warum es schief laufen musste, wurde während der gerade abebbenden Feierlichkeiten um Jean Pauls 250. Geburtstag immer wieder in Schillers griffiger, süffiger Formulierung zusammengefasst, der Mann wirke wie „aus dem Mond gefallen“ — also nicht geradezu feindselig oder schädlich für den eingeschworenen Weimarer Musenhof, nur eben fremdartig wie eine Birne unter Äpfeln, in einer vollständig anderen Einheit gerechnet, immer wieder der Weltfremdheit bezichtigt: inkommensurabel.

Genauer erklärt wurde das nie — nirgends, wo es mir aufgefallen wäre. Offenbar ist es auch ein weithin vernachlässigter Gegenstand in der Forschung um Jean Pauls Werden und Streben. Wirklich in die Tiefe ging erst so kürzlich, dass es als Teil der besagten Feierlichkeiten gelten muss, Jean Pauls als Enzyklopäde naher Geistesverwandter Ulrich Holbein.

Schiller an Goethe, Jena den 28. Juni 1796,
zitiert nach der revidierten Neuausgabe von Emil Staiger, Schluss:

Chinesischer Turm in München, WikivoyageVon Hesperus habe ich Ihnen noch nichts geschrieben. Ich habe ihn ziemlich gefunden, wie ich ihn erwartete; fremd, wie einer der aus dem Mond gefallen ist, voll guten Willens und herzlich geneigt, die Dinge außer sich zu sehen, nur nicht mit dem Organ, womit man sieht. Doch sprach ich ihn nur einmal und kann also noch wenig von ihm sagen.

Sch.

„Sprach ich“ den „Hesperus“: Schiller gebraucht hier den Romantitel, zu der Zeit in Weimar das größte Ding seit dem 1787er Werther-Fieber, als Synonym für Jean Paul selbst. Außer seinem Bonmot mit dem Monde wird noch gerne Goethe angeführt:

Göthe an Schiller: Epigramm für den Musen-Almanach für das Jahr 1797:

Hier ein kleiner Beitrag; ich habe nichts dagegen, wenn Sie ihn brauchen können, daß mein Name darunter stehe. Eigentlich hat eine arrogante Äußerung des Herrn Richter mich in diese Disposition gesetzt.

Der Chinese in Rom.

Einen Chinesen sah ich in Rom, die gesammten Gebäude,
     Alter und neuerer Zeit, schienen ihm lästig und schwer.
Ach! so seufzt’ er, die Armen! ich hoffe, sie sollen begreifen
     Wie erst Säulchen von Holz tragen des Daches Gezelt,
Daß an Latten und Pappen, und Schnitzwerk und bunter Vergoldung
     Sich des gebildeten Aug’s feinerer Sinn nur erfreut.
Siehe, da glaubt’ ich, im Bilde, so manchen Schwärmer zu schauen,
     Der sein luftig Gespinnst mit der soliden Natur
Ewigem Teppich vergleicht, den ächten, reinen Gesunden
     Krank nennt, daß ja nur er heiße, der Kranke, gesund.

Formal nicht gerade Goethes renommierfähigstes Bravourstück, dabei ist die „arrogante Äußerung des Herrn Richter“ nicht einmal überliefert (worin ich mich allerdings berichtigen ließe: Die Kommentarfunktion ist geöffnet). Mehr fällt einem Normalleser kaum auf.

Als gelegentlich außernormaler Leser stößt man unter Umständen in der 2002er Manesse-Ausgabe Der Komet auf das Nachwort vom soeben verstorbenen Ralph-Rainer Wuthenow (seine gedankliche Raffinesse war erhellend), um zu lernen, dass Goethe über seinem Alterswerk doch noch seinen inneren Frieden mit Jean Paul geschlossen hat:

Ralph-Rainer Wuthenow, 16. September 2005, Toms Grinbergs, LU Preses centrsIn den „Noten und Abhandlungen zu besserem Verständnis des Westöstlichen Divans“ erklärt Goethe, eine Bemerkung des Orientalisten J. von Hammer aufgreifend, der in Jean Pauls Schriften die Freiheit der Einbildungskraft und die Larve von Laune und Witz entdeckte, unter dem Stichwort „Vergleichung“, daß kein deutscher Schriftsteller sich der orientalischen Poesie so sehr angenähert habe wie Jean Paul. Das macht Goethe, der noch lange Zeit Mühe hatte, dem sonderbaren Erzähler gerecht zu werden, offenkundig nachdenklich. Er räumt ein, daß die Werke dieses Schriftstellers von verständigem, unterrichtetem, ja durchaus frommem Sinne zeugen; der begabte Geist blickt iin gleichsam orientalischer Weise in die Welt, stellt höchst seltsame Bezüge her und „verknüpft das Unverträgliche, jedoch dergestalt, daß ein geheimer ethischer Faden sich mitschlinge, wodurch das Ganze zu einer gewissen Einheit geleitet wird“. Goethe muß sich offenbar ein wenig Mühe geben, die Anregung v. Hammers aufzunehmen und weiterzuspinnen. Dann aber wird er genauer, indem er auf die historische Differenz hinweist, die weit mehr ist als nur ein zeitlicher Abstand, dergestalt nämlich, daß, wenn die orientalischen Dichter „in einer frischen, einfachen Region gewirkt, dieser Freund hingegen in einer ausgebildeten, überbildeten, verbildeten, vertrakten Welt leben und wirken, und eben daher sich anschicken muß die seltsamsten Elemente zu beherrschen“.

Allerdings sind, wie Goethe wohl sieht, die materiellen und sozialen Verhältnisse derartig verschieden, daß eine Fülle scheinbar absurder Einzelheiten der gegenwärtigen „überbildeten Welt“ zum Material der spielerischen Verknüpfung werden kann, so daß nun ein dem Orientalen ähnlicher Geist durchaus berechtigt sein mag, „dieselbe Verfahrungs-Art auf einer völlig verschiedenen Unterlage walten zu lassen“.

Noch mehr ist Goethe bereit, dem Widersacher zuzubilligen: Um in einer so späten Epoche geistreich zu sein, ist er veranlaßt, „auf einen, durch Kunst, Wissenschaft, Technik, Politik, Kriegs- und Friedensverkehr und Verderb so unendlich verclausulierten, zersplitterten Zustand“ auf vielfache Weise anzuspielen. Somit meint Goethe, die an Jean Paul bemerkte Orientalität hinreichend bestätigt und seine antiklassizistische Darstellungsweise gerechtfertigt zu haben. Da er überdies als Prosaautor freier und verwegener vorgehen kann, meint Goethe weiter, als der durch Reim, Rhythmus, Parallelismus und andere eng gebundene Poet, so kann er es sich auch leisten, das Geschmacklose nicht auszugrenzen, das Unschickliche vom Schicklichen nicht ständig säuberlich zu sondern. Dann weiß sich der Leser mit dem Gebotenen rasch anzufreunden — „alles ist erlaubt und willkommen“. Indem nun Jean Paul alles mit allem scheinbar willkürlich verknüpft, regellos abschweift, Einschübe wie Arabesken sich gestattet, Extrablätter einlegt, die Erzählung mutwillig unterbricht, Thema und Tonart überraschend wechselt, zeigt sich eine sozusagen orientalische Besonderheit, und Goethe nimmt Gelegenheit, frühere scharfe polemische Äußerungen glaubhaft zu korrigieren.

So glaubhaft nahe jedenfalls, wie Goethe wahrscheinlich jemals einer Entschuldigung gekommen ist. Ein paar von einem Orientalisten angeregte höchst seltsame Bezüge, die das Unschickliche vom Schicklichen nicht ständig säuberlich sondern müssen, und schon bemerkt man an dem weiland Chinesen vom Mond immerhin Orientalität. Hauptsache, er hat sich aus Weimar ferngehalten.

Nehmen wir einfach hin, dass die zweie sich nicht mochten. Dergleichen unterläuft in der Welt; ich zum Beispiel finde Dr. House ganz gut, werde zuweilen in Schwabing gesichtet, dafür mag ich weder HipHop noch Techno und habe deshalb weder Verehrer noch Fans. Man lernt damit zu leben. Warum sollten die Träger der Weimarer Klassik da auf einer so völlig verschiedenen Unterlage walten?

Und dann fällt im Februar 2013 dieser Klappentext zum o.a. Ulrich Holbein aus dem Mond (gekürzt):

Goethe und Jean Paul hätten kongeniale Brüder sein können, doch Goethe las Jean Paul nur mit Hirnkrämpfen und Ekel, fand ihn fremdartig, exotisch, pathologisch, nannte ihn „das personifizierte Alpdrücken der Zeit“, „Philister“ und in einem Spottgedicht „Chinesen in Rom“. Jean Paul sah es ähnlich und fand Goethe im Umgang trocken, gefühllos, verkrustet, bezeichnete ihn als „ästhetischen Gaukler von Weimar“ und unnahbaren „Eispalast“. Ulrich Holbein bietet hier ein unterhaltsames Doppelporträt: China vs. Rom, Weltgeist Jean Paul vs. Dichterfürst Goethe, Dschungel der Romantik vs. Marmorsarg Klassizismus, Naturgefühl vs. Gipsfigur. Bisherige Darstellungen der Relation Jean Paul & Goethe erschöpften sich lustlos in akademischer Aufbereitung und verwendeten bloß 30 Prozent der Quellen. Neue Forschungsresultate zu ewigen Fragen: Wer unterbietet wen? Kann dieses Zeitalter Jean Paul gerecht werden? Braucht die Welt noch Dichterfürsten?

Fachliteratur:

Wurde schon erwähnt, dass ich bald Geburtstag habe? Ich meine: an noch passenderer Stelle?

Jean-Paul-Schaufenster in Deutschlands ältester Buchhandlung Korn & Berg, Hauptmarkt Nürnberg, März 2013

Bilder: Chinesischer Turm in München nach dem Vorbild der Chinese Pagoda in Kew Gardens nach dem Vorbild der Glazed Pagoda in Peking;
Ralph-Rainer Wuthenow, 24. Februar 1928 bis 3. April 2013: Toms Grinbergs, LU Preses centrs, Starptautsika konference 16. September 2005;
Jean-Paul-Schaufenster in Deutschlands ältester noch bestehender Buchhandlung Korn & Berg, Hauptmarkt 9 in Nürnberg, März 2013. Seit 1531 ein guter, freundlicher, komptetenter Laden. Wenn es Sie mal nach Nürnberg verschlägt: Da kann man echt hin.

Written by Wolf

13. April 2013 at 00:01

And Rilke says to this guy

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Update zu Schlachtens:

——— Franz Xaver Kappus: Sonett,
cit. nach Meurer, s.u.:

Durch mein Leben zittert ohne Klage
Ohne Seufzer ein tiefdunkles Weh.
Meiner Träume reiner Blütenschnee
Ist die Weihe meiner stillsten Tage.

Öfter aber kreuzt die große Frage
Meinen Pfad. Ich werde klein und geh
Kalt vorüber wie an einem See
Dessen Flut ich nicht zu messen wage.

Und dann sinkt ein Leid auf mich, so trübe
Wie das Grau glanzarmer Sommernächte,
die ein Stern durchflimmert — dann und wann

Meine Hände tasten dann nach Liebe,
weil ich gerne Laute beten möchte,
die mein heißer Mund nicht finden kann.

Die Titanic war schon immer die eine Zeitung, der ich jedes Wort glaube. Gelohnt hat sich mein Kinderglaube im März 2005, als Christian Meurer einen der gerade mal zwei Zeitungsartikel veröffentlichte, die ich als meine bedeutenden Einflüsse einstufe.

Wie alles wahnsinnig Tolle war die Titanic „früher auch schon besser“, jedenfalls könnten sie sich manche Furz- und Pimmelwitzchen und vielerlei gewollt wirkende Häme sparen. Dafür findet sich in den meisten Ausgaben bis heute ein redaktionsintern so genannter „Boehlich“: ein besonders tief recherchierter Beitrag, der dann meistens das ganze Heft wert ist — benannt nach Walter Boehlich, der bis kurz vor seinem allerletzten Federstrich 2006 seinen Blödelheftchenkollegen Monat für Monat vormachte, wie’s geht. Die fulminantesten Stücke — finde ich — liefert seither Christian Meurer, dem allein für seine Themenfindungen jeder Journalistenpreis gehört.

Sein Artikel über den jungen Dichter, an den Rainer Maria Rilke seine gleichnamigen Briefe schrieb, ist ein Parforceritt durch Literatur und Militärwesen des jungen 20. Jahrhhunderts in Deutschland und Österreich-Ungarn, und Hollywood, ein Weihnachtsgassenhauer und ein Happen Zeitgeschichte kommen auch vor. Für einen Weblog-Artikel braucht das einen vergleichsweise langen Atem, langatmig ist es nicht, versprochen.

Der Text ist abgetippt, nicht eingescannt; ich bitte deshalb wie immer meine aufmerksamen Leser, mich auf Tippfehler aufmerksam zu machen, das prodest jedem et delectat alle.

——— Christian Meurer:

Gesetz der Tiefe, Sauerkohl.
Aus dem Leben von Franz Xaver Kappus, dem Mann, der Rilkes „junger Dichter“ war

in: Titanic, März 2005, Seite 54 bis 62:

Cover Titanic März 2005Dresdens „gläserne Manufaktur“, monströser Schneewittchensarg für die VW-Totgeburt Phaeton, sah ihre Transparenz unlängst zur Transzendenz erweitert: Im Schlepptau von weiland Lothar-Günther Buchheims bärbeißigem „Boots“-Kaleu Jürgen Prochnow enterte Nina Hoger samt zwei lyrischen Leichtmatrosen: „Sonnenallee“-Jüngling Robert Stadlober und dem drallen Jodel-Wunder „Zabine“ die Planken des dort seit der Hochwasserkatastrophe installierten Podiums, um zur Kaperfahrt durch Rilkes „Weltinnenraum“ aufzubrechen: „Zwischen Tag und Traum“, so der vor futuristischer Fertigungskulisse angepeilte Navigationskurs. Dieweil die Phaeton-Nachtschicht auf allen Etagen die Schweißfunken stieben ließ, setzten multimedial auf Stoffbahnen projizierte Rilkezitate an Hitler-, Bush- und Mao-Portraits dem „Rilke-Projekt“ die kontrasthellen Positionslaternen.

Die Szene ertrank in Seichtigkeit bzw. Hintergrundgeplätscher des Komponisten-Duos Schönherz/Fleer. das den deutschen CD-Markt schon seit Jahren mit Promi-Breitseiten Rilke bestreicht. Insgesamt 25 Tourneestationen von Kiel bis München lief das trunkne Lyrik-Schiff an, regelmäßig ging Rilkes Silberfracht dabei in Ovationen unter; in denen verrauschte, daß bei den vier von VW gesponserten Schlingerfahrten auch ein blinder Passagier der Literaturgeschichte an Bord war: Franz Xaver Kappus, Adressat von Rilkes „Briefen an einen jungen Dichter“. Im miederartigen Knüllgewand erwies ihm Nina Hoger die Reverenz und rezitierte aus dem Schreiben vom 12. August 1904: Wäre es uns möglich, weiter zu sehen, als unser Wissen reicht, und noch ein wenig über die Vorwerke unseres Ahnens hinaus, vielleicht würden wir unsere Traurigkeiten mit größerem Vertrauen ertragen als unsere Freuden. Denn sie sind die Augenblicke, da etwas Neues in uns eingetreten ist, etwas unbekanntes, unsere Gefühle verstummen in scheuer Befangenheit, alles in uns tritt zurück, es entsteht eine Stille, und das Neue, das niemand kennt, steht mitten darin und schweigt.

Cover Rainer Maria Rilke, Briefe an einen jungen Dichter, Insel-Bücherei Nr. 406Habent sua fata libelli: Während der kleine Insel-Pappband in Deutschland zumeist hinterm Glasschliff knarzender Bücherschranktüren verdämmert, hält sich seine Auflage im angelsächsischen Sprachraum konstant in Millionenhöhe. Lange vor der Dresdener Kitsch-Havarie hatte diese Popularität Odysseen in eigenartigste Zusammenhänge gezeitigt: So verschlägt es in der TV-Horror/Fantasy-Serie „The Beauty and the Beast“ die Staatsanwältin Catherine Chandler („Terminator“-Lady Linda Hamilton) in die Katakomben von New York, wo sie der monströse Löwenmensch und Rilkefreund Vincent (Ron Perlman) fortan beschützt und angelegentlich aus dem achten Brief an den jungen Dichter vom 12.8.1904 zitiert: Vielleicht sind alle Drachen unseres Lebens Prinzessinnen, die nur darauf warten, uns einmal schön und mutig zu sehen. Vielleicht ist alles Schreckliche im tiefsten Grunde das Hilflose, das von uns Hilfe will. Als Teilzeit-Nonne Lenoris zieht auch Whoopi Goldberg in „Sister Act II“ praktische Nutzanwendung aus den „Letters to a Young Poet“: Sie schenkt ein entsprechendes Paperback einer jungen Gospelsängerin, die mit sich hadert, ob sie professionell ins Show-Metier einsteigen soll oder das der Mama zuliebe bleiben läßt, wofür Rilke im ersten Brief diesen Rat hatte: Erforschen Sie den Grund, der Sie schreiben heißt, prüfen Sie, ob er in der tiefsten Stelle Ihres Herzens seine Wurzeln ausstreckt, gestehen Sie sich ein, ob Sie sterben müßten, wenn es Ihnen versagt würde zu schreiben. Dieses vor allem fragen Sie sich in der tiefsten Stunde Ihrer Nacht: muß ich schreiben?

Notorischster Rilke-Fan und „Junger-Dichter“-Enthusiast bleibt allerdings Dustin Hoffman. Schon bei der Verleihung der „Goldenen Kamera“ 2003 hatte er vor versammelter Mannschaft von Loriot bis Bild-Klatschtante Christiane Hoffmann zwei Zettel aus der Tasche gekramt, um aus dem dritten Brief vom 23. April 1903 vorzutragen: Kunstwerke sind von einer unendlichen Einsamkeit und mit nichts so wenig erreichbar als wie mit Kritik. Nur Liebe kann sie erfassen und halten und kann gerecht sein gegen sie. Hoffman vorab zu Journalisin Nina Rehfeld über die „letters“: „It’s my bible. Someone gave it to me when I started acting. I read it over and over again.“

All diese Allotria hätte sich der k.u.k. Militärzögling Franz Xaver Kappus im Herbst 1902 schwerlich träumen lassen, als er auf Parkbänken der Militäranstalt in Wiener Neustadt zu Gedichten Rilkes mißmutig sein Pausenbrot zerkaute. Als ihm der aufsichtführende Geistliche dabei einmal die Lektüre abknöpfte, staunte der nicht schlecht: 15 Jahre zuvor hatte er den jungen René Rilke in der Militär-Unterrealschule St. Pölten ebenfalls unter seinem Traktament gehabt. Die Schicksalsparallele ermutigte Kappus, Rilke einen Brief zu schreiben, in dem er sich so rückhaltlos offenbarte, wie nie zuvor und niemals nachher einem zweiten Menschen. Selbstgefertigte Verse legte er zur Begutachtung bei.

Im Februar 1903 erreichte den Kadetten dann ein dicker Umschlag aus Paris. In einer ausführlichen Replik riet Rilke zu apodiktischer Unbedingtheit: Jeder äußere Einfluß, jede Einflußnahme durch andere sei streng zu meiden, statt dessen vollständige Konzentration auf die Frage geboten, ob Schreiben eine unveräußerliche Existenznotwendigkeit sei. Der verdatterte Kappus antwortete postwendend, und so entspann sich über zwei Jahre ein kleiner Briefwechsel, in dem der unstet aus Rom, Worpswede, Viareggio und Borgeby/Schweden auf seinen angehenden Adepten einschwadronierende Rilke diesen in seraphischen Appellen beschwor, sich zu seiner Lebensproblematik eine neue Perspektive zuzulegen: Sie sind so jung, so vor allem Anfang, und ich möchte Sie, so gut ich es kann, bitten, lieber Herr, Geduld zu haben gegen alles ungelöste in Ihrem Herzen und zu versuchen, die Fragen selbst lieb zu haben, wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind. Hinter diesen Fragen eröffne sich ein Weltgetriebe, das sich jeden Daseinszusammenhang unterordne, um so unaufhörlich sein innewohnendes Grundprinzip zu verdeutlichen: In einem Schöpfergedanken leben tausend vergessene Liebesnächte auf und erfüllen ihn mit Hoheit und Höhe. Und die in den Nächten zusammenkommen und verflochten sind in wiegender Wollust, tun eine ernste Arbeit und sammeln Süßigkeiten an. Tiefe und Kraft für das Leid irgendeines kommenden Dichters, der aufstehen wird, um unsägliche Wonnen zu sagen. Und rufen die Zukunft herbei, und wenn Sie auch irren und sich blindlings umfassen, die Zukunft kommt doch, ein neuer Mensch erhebt sich, und aus dem Grunde des Zufalls, der hier vollzogen scheint, erwacht das Gesetz, mit dem ein widerstandsfähiger, kräftiger Samen sich durchdrängt zu der Eizelle, die ihm offen entgegensieht. Lassen Sie sich nicht beirren durch Oberflächen, in der Tiefe wird alles Gesetz. Speziell als junger Dichter habe man sich diesem Totalzusammenhang schutzlos auszuliefern, für seine Anrufungen die Einsamkeit in sich groß werden zu lassen und die eigene Biographie zum schlackenlosen Ornament gelebten Kunstwillens zu präparieren.

Vier Jahre später, um Neujahr 1909, erreichte den inzwischen auf einem Bergfort irgendwo in der kakanischen Levante diensttuenden Kappus ein letzter Brief. Rilkes Valet: Mit der Abgeschiedenheit seines Schützlings sei er sehr zufrieden, so sei er, Kappus, nicht in einen jener halbartistischen Berufe hineingeraten, die die Kunst praktisch leugnen, wie etwa der ganze Journalismus es tut und fast alle Kritik und dreiviertel dessen, was Literatur heißt. Er freue sich, daß Kappus die Gefahr, da hineinzugeraen, überstanden habe und irgendwo in einer rauhen Realität einsam und mutig sei.

Die 1929, drei Jahre nach Rilkes Tod, von Kappus veröffentlichten Briefe avancierten in ihrer wunderlichen Klitterung von Andacht, Gedankenflucht und typisch rilkeschen Einsamkeitsräuschen alsbald zum probaten Seelentonikum für Heranwachsende in der späten Weimarer Republik; als eiserne Ration galten sie später auch unter inneren Emigranten in Nazijahren und Nachkriegszeit. Für den Herausgeber ein beachtlicher Erfolg; der bohrenden Frage, die schließlich C-Autorin und Nichtdichterin Rebecca Casati via „SZ“ zu stellen sich angelegen sein ließ, hat sich die Öffentlichkeit trotzdem bislang verweigert: „Was eigentlich wurde aus Franz Xaver Kappus, der sich den Rat vor 100 Jahren sehr zu Herzen genommen hat? Wer liest heute seine Bücher? Hat er überhaupt welche geschrieben?“

Ein umfängliches Werk hat Kappus zwar hinterlassen; durch das Rilkescher Geist aber nur sehr lau weht. Schon im Vorwort zu den „Briefen“ deutet Kappus an, daß ihn das Leben auf Gebiete abtrieb, vor denen des Dichters warme zarte und rührende Sorge mich eben hatte bewahren wollen. So erhielt sich von seinem lyrischen Schaffen nur ein einziges „Sonett“ (siehe Kasten), das Rilke ihm eigenhändig abgeschrieben zurückschickte. Ansonsten trug Kappus am schweren Rucksack Rilkescher Ambitionsanregungen nicht sonderlich lange: Schon 1903, im Jahr des Briefwechsels, veröffentlichte er unter dem Titel „Im mohrengrauen Rock“ einen Sammelband „Militär-Humoresken“. (Das an Rilke abgegangene Belegexemplar verschlampte die italienische Post.)

Vom Prinzip Kraut und Rüben, das hier, zwischen Jardin des Plantes und Kasernenhof, erstmals aufschien, ließ sich Kappus auch fortan leiten, wie ein „Im Spiegel“ überschriebenes Selbstportrait belegt, das die „Berliner Morgenpost“ im Erscheinungsjahr der „Briefe“ 1929 samt Autor vorstellte. Der Korrespondenz mit dem Großdichter tat der dort keinerlei Erwähnung, statt dessen erfuhr man, daß die Hauptursache seiner Drangsale auf der Milität-Akademie in Wiener Neustadt eine Chordame des Stadttheaters gewesen. Die Abschlußprüfung in den Fächern Geodäsie und Festungskrieg habe er dieser Passion wegen zwar versiebt, sich dafür aber nachhaltig der Poesie verpflichtet (Ihr verdankte der „Mürzzuschlager Bote“ mein tiefempfundenes Gedicht „An Maltschi“, das mit den Worten begann: „Oh du, die du…“). Auch seinem späteren Regiment wollte der nach Wien kommandierte Leutnant nicht zur Zierde gereicht haben: Regelmä0ig patzte die Wache unter seinem Kommando beim Aufmarsch an der Burg, zum Tee der Regimentskommandeuse fehlte er unentschuldigt. Dazu hatte ich zwei Hunde, eine Schreibmaschine, drei Verhältnisse und Schulden. Solcherart belastet, stand ich vor der Wahl, entweder die Kriegsschule zu versuchen oder zu heiraten, ich entschied mich für das zweite. Leider brannte mir meine Braut mit ihrem vorletzten Liebhaber durch und hinterließ mir nichts als einen Topf und die Partitur von „Lohengrin“. Ein Fiasko, das Kappus immerhin mit einer nützlichen Neurasthenie zurückließ, wertvollste Mitgift im militärischen Friedensleben: Meine gesteigerten „Patellarreflexe“, mein „Lidflattern“ und meine Reizbarkeit machten jahrelang die Regimentsärzte beider Reichshälften erbleichen.

Von Intermezzi wie dem auf der Bergfestung bei Erhalt des letzten Briefs von Rilke abgesehen, lag der wg. Lidflatterns dispensierte Leutnant dem Donau-Doppeladler also nutzlos auf der Tasche. Seine Freizeit gehörte weiter literarischer Betätigung, teils weil mein Genius mich dazu drängte, teils um meine Vorgesetzten zu ärgern. So entstanden Gedichte, die niemand drucken wollte, und Militärhumoresken, die wie warme Semmeln abgingen. Kapitelweise in Angriff nahm er dazu den Polizeihund-Roman „Der Weg ins Tal“, den das k.-u.-k. Kriminal-Organ „Der Gendarm“ in Fortsetzungen druckte. Von Bergfestung und Bellestristik erlöste ihn ab 1909 ein Druckposten: Kriegsminister Auffenberg, der Freund der schönen Künste, protegierte ihn als Oberleutnant ins „literarische Bureau“ in der Wiener Stiftskaserne. Dort dichtete er Verse auf patriotische Ansichtskarten; verfaßte den Erlaß über die „Konservierung des Mündungsdeckels Muster 1909/10“ und kutschierte im übrigen seine Mizzis in Automobilen aus dem Fuhrpark seiner Dienststelle herum. Als es Auffenberg 1912 aus dem Ministerfauteuil hob, war es mit der Praterherrlichkeit vorbei: Kappus mußte den Regimentsärzten abermals sein verschlissenes Nervenkostüm präsentieren, um den alt-österreichischen Garnisons-Tran schwänzen zu können. Wasserdichte Atteste in der Tasche, tummelte er sich in der Zeit bis zum Weltkrieg dann in den Metropolen der Mittelmächte: Die folgenden Jahre wohnte ich teils im Café Dobner in Wien, teils im Berliner Café des Westens, nährte mich von Sketches, die ich für das Varieté schrieb, und fiel mit einer Komödie und einer neuen Heiratschance durch. Sein Auskommen dankte der Militär-Bohemien Kalender- und Postkartenverlagen, die er termingerecht mit patriotischen Stanzen versorgte, die der 1916 erschienene Gedichtband „Blut und Eisen“ dann versammelte.

Plakat Der rote Reiter, 1935Im Oktober 1914 rückte Hauptmann Kappus, ein Bataillon hinter sich, vor das estnische Iwangorod, von wo ihn ein Lungenschuß in die Etappe zum k.u.k. Kriegspressequartier beförderte. Dort war er dabei, wie Weltgeschichte in amtlichen Kommuniqués abdestilliert wurde, und war es selbst, der die Feldherren in klirrenden Versen verherrlichte. Daß es zwei Erzherzöge gab, die beide Josef hießen, erleichterte mir die Aufgabe wesentlich. Im Pressequartier lernte ich auch eine Reihe bedeutender Männer kennen: Sven Hedin, Oskar Kokoschka, Franz Molnar, Ludwig Ganghofer und dergleichen. Dafür mußte ich die Bekanntschaft der Generale Böhm-Ermolli, Stöger-Steiner, Pflanzer-Baltin und anderer Doppelfeldherrn mit in Kauf nehmen. — Ich rächte mich, indem ich auf Vortragsreisen des Witzblattes „Die Muskete“ ihren Ruhm über Berge und Täler trug und noch an sie glauben machte, als alles schon verloren war. Um dieselbe Zeit schrieb ich, um meinen Ärger abzureagieren, den Roman „Die lebende Vierzehn“, in dem die ganze Welt unterging. Schauplatz für Österreich-Ungarns Zusammenbruch war für Kappus Belgrad. Persönliche Kriegsbeute: ein Fliegerpfeil, sechs Liter Sliwowitz und zwei Liebesbriefe in kyrillischer Schrift. Mit all dem entkam er nach Wien, wo er die satirische Wochenzeitung „Der Esel“ gründete, von deren Defizit mehrere Offiziere lebten. Die Gerichtsvollzieher umging er via Budapest, wo Bela Khuns Räte-Regiment ihm aber außer Sauerkohl und Hafergrütze nichts zu bieten hatte. Bis zur 23er Inflation überwinterte der gebürtige Rumäniendeutsche in seiner Heimat, dann siedelte er endgültig nach Berlin über. Zu seinen „Blut und Eisen“-Versen und den 1911 und 1914 unter den Titeln „Ha, welche Lust!“ und „Durch’s Monokel“ erschienenen Militärschwänken kam bald eine stattliche Reihe selbstproduzierter Schmöker auf Bücherbord: Sukzessive mutierte der einstige Weltuntergangsromancier und zeitweilige Witzblatt-Redakteur zum Routinier für Unterhaltungsreißer, größtenteils in Illustrierten und Zeitungen vorabgedruckter Romane wie „Der rote Reiter“, „Der Mann mit den zwei Seelen“, „Der Milliardencaesar“. „Das vertauschte Gesicht“, „Ball im Netz“, „Jacht ‚Estrella‘ verschollen!“, „Martina und der Tänzer“, „Eine Nacht vor vielen Jahren“, „Menschen vom Abseits“, „Die Tochter des Fliegers“, „Brautfahrt um Lena“, „Wettlauf ums Leben“, „Sie sind Viotta!“ oder „Die Verzauberung des Lothar Bruck“. Hinzu kamen Krimis wie „Was ist mit Quidam?“ und „Eine Jacht ist gesunken“ sowie das Südseeabenteuer „Flammende Schatten“: Saisonware für die Pressetrusts Scherl und Ullstein. Der „Rote Reiter“ kam im Februar 1935 sogar als „Tobis-Klangfilm“ heraus.

Im übrigen hielt den Fließbandromancier Kappus sein Unterhaltungsgewerbe aus der Nazi-Zeit jedoch so weit heraus, daß ihm die liberale Friedrich-Naumann-Stiftung bis heute ein ehrendes Andenken bewahrt. Wie dort gelagerte Archivalien belegen, trafen sich am 16. Juni 1945 in Berlin auf Geheiß der Sowjetischen Militäradministration beim Schwiegersohn des ehemaligen Weimarer Reichsjustizministers Schiffer ein paar Herren, um die „Liberaldemokratische Partei Deutschlands“ (später DDR-Blockpartei) aus der Taufe zu heben: u.a. der frühere Reichsinnenminister Külz, der alte Reichswehrminister Noske (SPD) — und Franz Xaver Kappus, der sich unverzüglich in den Vorstand wählen ließ. Aber schon ein Vierteljahr später vermerkt das Sitzungsprotokoll des Dichters Ausscheiden aus dem Leitungsgremium „wegen seines Wechsels in die Redaktion der Ullstein-Zeitung“. Kappus schrieb noch einen Roman mit dem Titel „Flucht in die Liebe“, für ein endgültig auskömmliches Dasein aber sorgte eine Vorkriegs-Stippvisite in noch einem Genre: In Zusammenarbeit mit dem Komponisten Oskar Schima hatte er einst auch ein paar Schlagertexte fabriziert, wobei der einzige echte Evergreen Kappus‘ zustande gekommen war: „Mamatschi„. Die Tantiemen der millionenfach abgesetzten Schnulze vom kleinen Jungen und seinen heiß ersehnten Pferdchen versüßten Kappus zusammen mit den Einnahmen aus den „Briefen“ nicht nur den Lebensabend, sie sorgen auch für eine letzte alljährliche Ehrung: Kappus starb zwar 83jährig im Oktober 1966, seine langlebige Witwe blieb den führenden Männern der Berufsgenossenschaft der deutschen Schlagertexter in der Gema, des Deutschen Textdichterverbands, so eng verbunden, daß sie der Zunft die „Mamatschi“-Einnahmen vermachte; die gerade ausreichen, ein alljährliches Sommerfest auszurichten. Als kleine Huldigung ist dabei seit gut zwanzig Jahren Brauch, daß die Schlager-People zum Schluß den „Witwe-Kappus-Song“ anstimmen, ein auf die Melodie von „Mamatschi“ umgedichtetes Danklied. Der Refrain: „Wir danken der Witwe Kappus/ frohen Herzens, tief bewegt/ wir danken ihr für das Pferdchen/ das uns gold’ne Äpfel legt!“ stammt noch von Hans Bradtke, Autor von Klassikern wie „Pack die Badehose ein“, „Pigalle“ oder „Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett“.

Ein nicht unbeträchtlicher Teil der verfeierten Tantiemen dürfte sich seit 1993 Steven Speilberg verdanken, der „Mamatschi“ in den Soundtrack von „Schindlers Liste“ aufnahm und am Drehort Prag sogar einen Eilkurier zum Berliner Vinylisten- und Schellack-Dorado „Platten-Pedro“ in Bewegung setzte, um die Originalpressung der Erstversion mit der Sängerin Mimi Thoma zu beschaffen. Im Film wird die Platte von einem SS-Mann aufgelegt, um sie über sämtliche Lautsprecher durchs Krakauer KZ schallen zu lassen. Mütter und Kinder des Lagers werden auf einem Platz zusammengetrieben, um mit Lastwagen angeblich „verlegt“ zu werden. Zunächst marschieren die Kinder heran, die fröhlich „Mamatschi“ mitsingen und auf die Ladeflächen klettern. Die Mütter hält man im letzten Moment zurück. Als die Lastwagen anfahren, scheppert zur einsetzenden Massenpanik weiterhin „Mamatschi“ aus den Lautsprechern, auch als die Kamera eines der Kinder verfolgt, das verzweifelt ein Versteck sucht: Unter Krematoriumsöfen, Dachsparren und Barackendielen ist schon besetzt, so daß der Junge endlich in eine randvoll mit Fäkalien gefüllte Latrine springt. Wie hatte Kappus doch am 4. Februar 1910 seinem Regimentskameraden, dem Buchgraphiker Rudolf Heßhaimer, ins Stammbuch geschrieben: Dem Leben nachspüren, seine tiefen Zusammenhänge nicht deuten wollen, sondern sie gestalten, so gut er’s vermag: das ist Ziel und Schicksal des Künstlers.

Bilder: Heftcover via Titanic;
Buchcover via Bookstation;
Donauschwaben Banat Biographies: William Totok: From Expressionism to Entertainment, 14. November 2006;
Film: Heintje – Ein Herz geht auf Reisen, 1969.

Written by Wolf

1. April 2013 at 00:01

Deine so oft entweihte Frühlingsfeier

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Was haben wir gelacht. Glück hat eine Schulklasse, deren Deutschlehrer den Werther durchnimmt: In dem Alter, in dem die Lehrpläne sich endlich an Goethe herantrauen, ist im Privatleben des Durchschnittsschülers nichts so virulent wie Liebeskummer. Dazu ist gerade der Werther ein zeitloser Schmachtfetzen, den auch Leute verstehen und lieb haben können, die sonst gar keine Literatur verstehen und schon gar nicht lieb haben. Pubertierende Schüler zum Beispiel.

The Sorrows of Youg Werther, Modern Library ClassicsAllerdings war der Werther von seinem historischen Anfang — der Leipziger Michaelismesse 1774 — an eine Steilvorlage für Persiflagen (ich werde sicher noch berichten). Gerade das echte große Gefühl äußert sich gern in einem Pathos, das dem Spott des nicht Betroffenen Tür und Tor öffnet; das war nie anders und ist deshalb Teil der Zeitlosigkeit.

Besonders der schwerverliebte Werther, der sich seinen Roman lang zu keinen größeren Aktivitäten aufrafft als dem getreulichen Beachten gesellschaftlicher Konventionen bei gleichzeitiger Rebellion gegen dieselben in schwülstigen Briefen an seinen fernen Kumpel Wilhelm, sieht im Selbstmord die immer noch erträglichere Lösung: Er überlebt seinen Roman nicht; bezeichnenderweise hat er als einzige Figur nicht einmal einen Vornamen.

Man mag das der Figur oder dem ganzen Buch vorwerfen. Überlebt hat das Buch, und das bei strotzender Vitalität, am Ende ist sogar genau das sein Vorzug: Der Plot ist dürr, der Endzustand tritt praktisch schon bei abgeschlossener Exposition ein und wird nur noch so lang und breit wie theoretisch begründet. Die äußere Handlung besteht aus ein paar Genrebildern, die zuverlässig in weinerliche Ausbrüche münden, die Philosphie dahinter ist für Werther regelmäßig eine Ausrede dafür, nur ja nichts zu unternehmen — ob er sich darüber klar ist oder nicht.

Als der Werther zum ersten Mal ein europaweiter Bestseller wurde, war das noch Anlass zur Nachahmung. Nur einigen Zynikern war es Anlass zu weiterem Zynismus; Goethe hat solche Nixblicker sein langes verbleibendes Leben lang verachtet. Auch das ist bis heute so geblieben. Selbst wenn man aber Goethe so ernst nimmt, wie er den Werther tatsächlich gemeint hat, ist es womöglich gar nicht schlechteste Umgang mit dem eigenen Liebeskummer, sich über ihn lustig zu machen.

Man konnte den Werther immer lesen wie man wollte — auch wenn er zeitweise verboten war, weil er junge Menschen höchst konkret in den physischen Selbstmord trieb, kann er Lebenshilfe sein. Das muss ein — nicht sehr dickes — Buch erst mal fertig bekommen.

Die Stelle, die am offensichtlichsten zu Gelächter und Parodie reizt, ist die mit dem „Klopstock“. Und an derselben kann man nicht umhin zu respektieren, dass sie genau das bewirkt, worüber sich der allzu naheliegende Spott verbreitet — und damit Recht behält: Einer sagt „Klopstock“, und der gebildete Werther-Leser — und zwar der o.a. pubertierende Schüler einbezogen — sieht sofort das ganze Bild erstehen.

Worauf wollten wir hinaus? — Ach ja: Was haben wir gelacht.

——— Goethe: Die Leiden des jungen Werthers [nur echt mit dem Genitiv-s],
Brief vom 16. Juni 1771 (Schluss), zeichengenau nach dem Paralleldruck der Frankfurter Ausgabe:

Fassung 1774:

Wir traten an’s Fenster, es donnerte abseitwärts und der herrliche Regen säuselte auf das Land, und der erquikkendste Wohlgeruch stieg in aller Fülle einer warmen Luft zu uns auf. Sie stand auf ihrem Ellenbogen gestüzt und ihr Blik durchdrang die Gegend, sie sah gen Himmel und auf mich, ich sah ihr Auge thränenvoll, sie legte ihre Hand auf die meinige und sagte — Klopstock! Ich versank in dem Strome von Empfindungen, den sie in dieser Loosung über mich ausgoß. Ich ertrugs nicht, neigte mich auf ihre Hand und küßte sie unter den wonnevollesten Thränen. Und sah nach ihrem Auge wieder — Edler! hättest du deine Vergötterung in diesem Blikke gesehn, und möcht ich nun deinen so oft entweihten Nahmen nie wieder nennen hören!

Fassung 1787:

Wir traten an’s Fenster. Es donnerte abseitwärts, und der herrliche Regen säuselte auf das Land, und der erquickendste Wohlgeruch stieg in aller Fülle einer warmen Luft zu uns auf. Sie stand auf ihren Ellenbogen gestützt; ihr Blick durchdrang die Gegend, sie sah gen Himmel und auf mich, ich sah ihr Auge thränenvoll, sie legte ihre Hand auf die meinige und sagte — Klopstock! — Ich erinnerte mich sogleich der herrlichen Ode die ihr in Gedanken lag und versank in dem Strome von Empfindungen, den sie in dieser Losung über mich ausgoß. Ich ertrug’s nicht, neigte mich auf ihre Hand und küßte sie unter den wonnevollsten Thränen. Und sah nach ihrem Auge wieder — Edler! hättest du deine Vergötterung in diesem Blicke gesehen, und möchte ich nun deinen so oft entweihten Nahmen nie wieder nennen hören.

Ist es nicht herzzerreißend? Und falls nicht, ist es nicht schenkelklatschend? Der Durchtriebene ist: Wahrscheinlich ist es beides. Die nach Erscheinen sofort einsetzenden Parodien sind an leicht zugänglichen Stellen dokumentiert — die jüngste, die mir aufgefallen ist, stammt von Mirja Schmitt. Sie pubertiert nicht mehr, vielmehr studiert sie Germanistik — was manche für etwas recht Ähnliches halten.

Daher ist sie gebildet genug, außer dem Klopstockgewitter auch den küssenden Kanari aus dem Brief vom 12. September 1772 zu verwenden, was ihrer Bearbeitung die rechte Tiefe verleiht. Außerdem fügt sie dem Klopstock-Thema eine neue schlüpfrige, dabei so augenfällige Bedeutung ein. Mir fehlt das hymnisch hochrauschende „Und sah nach ihrem Auge wieder“, dafür ist ihr das schöne „abseitwärts“ aufgefallen, das man von mir aus gern viel selbstverständlicher benutzen dürfte.

So viel traue ich mich zu behaupten: Niemand parodiert etwas, das ihm wurscht ist. So lässt der Werther auch „das Schmitti“ nicht in Ruhe:

——— Mirja „Schmitti“ Schmitt: Klopstock, 4. Juli 2012:

Sie war einige Tage verreist, Alberten abzuholen. Aber heute trat er in ihre Stube und Lotte kam ihm entgegen. Voller Glückseligkeit bedeckte er ihre Hand, die ein wenig nach Lavendel roch, mit tausend Küssen. Doch dann traf er sich Aug‘ in Aug‘ mit einem gelben Ungetüm wieder. „Args“, schrie er, wie von tausend Dämonen gepeinigt. Etwas hatte ihn unsanft auf die Nas‘ gepickt. „Er mag sie, lieber Werther“, merkte Lotte an. „Ein neuer Freund“, führte sie aus, „meinen Kleinen zugedacht. Er tut gar zu lieb. Sehen Sie ihn! Wenn ich ihm Brot gebe, flattert er mit den Flügeln und pickt so artig. Er küsst mich auch, sehen Sie!“

Münchner Volkstheater, Die Leiden des jungen Werther ab 26. Januar 2013Werther sah mit pochendem Herzen auf das Geschöpf, das ihn mit Grimm in seinem kleinen Herzchen ansah. Aber wie wurde ihm, als sich der Kanarienvogel so lieblich an die Lippen dieses Engels presste. Als er Lotten so sah, kam es über ihn.

Werther beschloss zu handeln. Ihn zog es mit aller Macht. Er griff sich das kleine Geschöpf und warf es voller Elan in die Luft. Sollte es doch flattern. Er presste seine dürstenden Lippen auf die von Lotte. „Werther“, seufzte Lotte. „Lotte“, seufzte Werther. Er trank von ihren Lippen und sie von den seinen. Atemlos riss er an ihrem Korsett. Sie löste sich von ihm und setzte sich auf das Klavier, an dem beide schon so oft gesessen hatten. „Kommen Sie, ich warte doch schon so lange“, gurrte Lotte und löste ihr Haar, das lang wie ein Fluss aus Gold herunterfiel und ihre nackten Schultern bedeckte. Als Werther der Bitte nachkam, sah er voller Schrecken und Begierde, wie sie ihre Schenkel öffnete. Keine Unterwäsche? Lotte, was tat sie ihm an. Doch er wehrte sich nicht, als sie ihn von seinen Beinkleidern befreite und ihn an sich zog.

Auf einmal donnerte es abseitwärts und Werther fand sich erwachend in seiner einsamen Kammer wieder, während der herrliche Regen auf das halb geöffnete Dachfenster prasselte und das Land und ihn benetzte. Der herrliche Geruch des Regens drang durch die Luke. „Nur ein Traum“, seufzte er gepeinigt. Mit tränenvollem Auge legte er sich die Hand an das Gemächte, hielt es wie ein krankes Kind und sagte: „Klopstock.“

So, jetzt bin ich aber neugierig. Von welcher Ode reden wir eigentlich die ganze Zeit? Soweit ich mich erinnere, kam das in meinem eigenen Deutschunterricht nicht vor. — Als Beleg dienen wie für so viele vernachlässigte Details die Anmerkungen von Waltraud Wiethölter in der Frankfurter Goethe-Ausgabe. Es ist:

——— Friedrich Gottlieb Klopstock: Die Frühlingsfeier, 1759:

Nicht in den Ozean der Welten alle
Will ich mich stürzen! schweben nicht,
Wo die ersten Erschafnen, die Jubelchöre der Söhne des Lichts,
Anbeten, tief anbeten! und in Entzückung vergehn!

Nur um den Tropfen am Eimer,
Um die Erde nur, will ich schweben, und anbeten!
Halleluja! Halleluja! Der Tropfen am Eimer
Rann aus der Hand des Allmächtigen auch!

Da der Hand des Allmächtigen
Die grösseren Erden entquollen!
Die Ströme des Lichts rauschten, und Siebengestirne wurden,
Da entrannest du, Tropfen, der Hand des Allmächtigen!

Da ein Strom des Lichts rauscht‘, und unsre Sonne wurde!
Ein Wogensturz sich stürzte wie vom Felsen
Der Wolk‘ herab und den Orion gürtete,
Da entrannest du, Tropfen, der Hand des Allmächtigen!

Wer sind die tausendmal tausend, wer die Myriaden alle,
Welche den Tropfen bewohnen, und bewohnten? und wer bin ich?
Halleluja dem Schaffenden! mehr wie die Erden, die quollen!
Mehr, wie die Siebengestirne, die aus Strahlen zusammenströmten!

Werther und Lotte, KlopstockAber du Frühlingswürmchen,
Das grünlichgolden neben mir spielt,
Du lebst; und bist vielleicht
Ach nicht unsterblich!

Ich bin heraus gegangen anzubeten,
Und ich weine? Vergieb, vergieb
Auch diese Thräne dem Endlichen,
O du, der seyn wird!

Du wirst die Zweifel alle mir enthüllen,
O du, der mich durch das dunkle Thal
Des Todes führen wird! Ich lerne dann,
Ob eine Seele das goldene Würmchen hatte.

Bist du nur gebildeter Staub,
Sohn des Mays, so werde denn
Wieder verfliegender Staub,
Oder was sonst der Ewige will!

Ergeuss von neuem du, mein Auge,
Freudenthränen!
Du, meine Harfe,
Preise den Herrn!

Umwunden wieder, mit Palmen
Ist meine Harf‘ umwunden! ich singe dem Herrn!
Hier steh ich. Rund um mich
Ist Alles Allmacht! und Wunder Alles!

Mit tiefer Ehrfurcht schau ich die Schöpfung an,
Denn Du!
Namenloser, Du!
Schufest sie!

Lüfte, die um mich wehn, und sanfte Kühlung
Auf mein glühendes Angesicht hauchen,
Euch, wunderbare Lüfte,
Sandte der Herr! der Unendliche!

Aber jetzt werden sie still, kaum athmen sie.
Die Morgensonne wird schwül!
Wolken strömen herauf!
Sichtbar ist, der komt, der Ewige!

Nun schweben sie, rauschen sie, wirbeln die Winde
Wie beugt sich der Wald! wie hebt sich der Strom!
Sichtbar, wie du es Sterblichen seyn kanst,
Ja, das bist du, sichtbar, Unendlicher!

Der Wald neigt sich, der Strom fliehet, und ich
Falle nicht auf mein Angesicht?
Herr! Herr! Gott! barmherzig und gnädig!
Du Naher! erbarme dich meiner!

Zürnest du, Herr,
Weil Nacht dein Gewand ist?
Diese Nacht ist Segen der Erde
Vater, du zürnest nicht!

Sie komt, Erfrischung auszuschütten,
Über den stärkenden Halm!
Über die herzerfreuende Traube!
Vater, du zürnest nicht!

Alles ist still vor dir, du Naher!
Rings umher ist alles still!
Auch das Würmchen mit Golde bedeckt, merkt auf!
Ist es vielleicht nicht seelenlos? ist es unsterblich?

Ach, vermöcht‘ ich dich, Herr, wie ich dürste, zu preisen!
Immer herlicher offenbarest du dich!
Immer dunkler wird die Nacht um dich,
Und voller von Segen!

Seht ihr den Zeugen des Nahen den zückenden Strahl?
Hört ihr Jehova’s Donner?
Hört ihr ihn? hört ihr ihn,
Den erschütternden Donner des Herrn?

Herr! Herr! Gott!
Barmherzig, und gnädig!
Angebetet, gepriesen
Sey dein herlicher Name!

Und die Gewitterwinde? sie tragen den Donner!
Wie sie rauschen! wie sie mit lauter Woge den Wald durchströmen!
Und nun schweigen sie. Langsam wandelt
Die schwarze Wolke.

Seht ihr den neuen Zeugen des Nahen, den fliegenden Strahl?
Höret ihr hoch in der Wolke den Donner des Herrn?
Er ruft: Jehova! Jehova!
Und der geschmetterte Wald dampft!

Aber nicht unsre Hütte!
Unser Vater gebot
Seinem Verderber,
Vor unsrer Hütte vorüberzugehn!

Ach, schon rauscht, schon rauscht
Himmel, und Erde vom gnädigen Regen!
Nun ist, wie dürstete sie! die Erd‘ erquickt,
Und der Himmel der Segensfüll‘ entlastet!

Siehe, nun komt Jehova nicht mehr im Wetter,
In stillem, sanftem Säuseln
Komt Jehova,
Und unter ihm neigt sich der Bogen des Friedens!

Um Himmels willen. Kennt keiner mehr, versteht keiner mehr, parodiert nicht einmal einer mehr, wie sehr es darum bettelt. War aber gut, um dem Werther erst in den Freitod und dann in die Unsterblichkeit zu befördern. So hat alles einen tiefen Sinn, sogar Liebeskummer.

Wilhelm Amberg, Vorlesung aus Goethes Werther, 1870

Bilder: Cover The Sorrows of Young Werther by Modern Library Classics
via Lexicon Devil: Juvenescence, 5. Februar 2012;
Münchner Volkstheater ab 26. Januar 2013;
Giselchen strickt: Werthers Echte, 28. Januar 2013;
Wilhelm Amberg: Vorlesung aus Goethes Werther, 1870.

Written by Wolf

22. Februar 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Sturm & Drang, ~~~Olymp~~~

Barfußläufte

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(Shakespeare im Freibad)

(Update zu Totensonntag:)

 

Ob man dazu Mariä Lichtmess, Darstellung des Herrn, Purificatio Mariae, Imbolg, Samhain oder Groundhog Day sagt, läuft aufs gleiche hinaus: Der letzte Tag der liturgischen Weihnachtszeit ist der erste offizielle Frühlingsbote. Mit so einfachen Mitteln wie einem Blick aus dem Fenster kann ab sofort Christ und Heid‘ feststellen, dass die Tage sichtbar länger als die Nächte geworden sind. Nun muss sich alles, alles wenden.

Zum Beispiel die zwei Mädchen, die zehn Schritt vor mir den Gehsteig nutzen. Zusammen sind sie ungefähr so alt wie ich alleine, dafür zwanzigmal schöner. Sie halten Händchen und begehen den Frühling. Unter ihren leichten Übergangsparkas weisen kniekurze Hängekleidchen unübersehbar auf ihr Schuhwerk:

Beide Mädchen tragen Flip-Flops. Anfang Februar.

Flip. Flop. Flip. Flop. Flip. Flop. Flip. Flop, macht es, jeweils zweistimmig, einen Achtelschlag versetzt. Es ist ein Ritual, die machen das bestimmt jedes Jahr, vielleicht für Mariä Lichtmess, Imbolg, Samhain oder Groundhog Day. Vorne zeigt die Fußgängerampel Rot: Flip. Flop. Flip. Flop. Flip.

Ich schließe auf: Beide haben sich die Zehennägel frisch lackiert, abwechselnd zweifarbig, mädchenrosa und ein frisches Frühlingsblau, die linke große Zehe rosa, die rechte blau, danach absteigend. Dahinter ziehen sich vier Paar dunkelgrüne Flip-Flop-Riemchen wie Rallyestreifen über die vier winterblassen Jungmädchenfüße. Wenn sie nebeneinanderstehen, ergibt das eine Farbenreihe, die auf dem Pflastergrau, von dem die Schneematschreste endlich weichen sollen, tatsächlich nach sprießenden Blümchen auf einer Frühlingswiese aussieht. Sie zeigen ihre aufgemöbelten Zehen stolz der Welt vor. Es hat etwas Siegessicheres.

~~~\~~~~~~~/~~~

Meine erste Freundin, fällt mir davon ein, hatte winzige, rundliche Füßchen. Damit bohrte sie beim Spielen im Sandkasten herum, bis sie wie paniert aussahen.

Drei Jahrzehnte später tat ich auf dem Grundschulklassentreffen so, als ob ich sie nicht erkannte. Nach Mitternacht fand sie heraus, wer ich war, und konnte mir fast ausreden, dass meine Eltern mit mir nur aus der Stadt gezogen waren, weil sie mich dauernd mit dem Bagger verdroschen hatte. Sie raubte mir einen Kuss. Er schmeckte nach dem Tod, der in der Bittermandel lauert. Ich hatte noch ihre panierten Kinderfüßchen vor Augen, auf denen sie Plastikwerkzeug für den Bau ihrer monumentalen Sandburgen um sich herum sortierte. Diese Nacht trug sie mörderspitze Peeptoes. Manche verstehen es nie. Sie bestellte noch Bittermandellikör.

Meine zweite Freundin musste von ihren Eltern beständig ermahnt werden, hier nicht dauernd barfuß rumzurennen, weil sie sich’s sonst auf der Blase holt. Allein in den fünf Minuten, die ich im Korridor auf sie wartete, ließ sie zweimal ihr genervtes „Nänänänänä“ vernehmen, mit dem sie alle Anweisungen ihrer Eltern zu kontern pflegte.

Zwei Sommer später traf ich sie mit zwei Punks, einem Schäferhund und mehreren Flaschen Bier vor der Lorenzkirche lümmelnd und schloss, dass sie Barfußgehen immer noch als Ausdruck der Rebellion begriff. Damals gab es gegenüber der Lorenzkirche noch den großen Schuhladen.

Die Haare, Kleider und Zehenschildchen meiner dritten Freundin waren nicht einfach schwarz. Die Haare, Kleider und Zehenschildchen meiner dritten Freundin waren vor Menschenaltern in einen Zustand des Lichts eingetreten, der sich beim Hinschauen wie ein Loch in der Nacht anfühlte und beim Drandenken im Hinterkopf dröhnte. Dafür ersparte der Schneewittchenschimmer ihrer Haut nachts das Leselicht.

Von ihr erfuhr ich, dass meine zweite Freundin gar nicht so unordentlich gewesen war, weil schwarzer Nagellack praktisch sofort nach dem Trocknen anfängt abzublättern, und dass dieser Effekt häufig sogar erwünscht ist. So viel verstand ich zur Not. Das runenartige Gekrakel, das sie sich mit einem eigens für diesen Zweck angeschafften Skalpell aus dem Ärztebedarf in beide Unterarme, Schenkel, Waden und Fußrücken ritzte, überforderte mich.

Meine vierte Freundin zog sich immer weiße Socken mit dünnen roten Ringeln in die Sandalen. Im Freibad kam sie immer im Bikini, aber noch in Socken und Sandalen aus der Umkleidekabine, um unseren Platz auf der Wiese zu suchen. Wegen der Fußpilzgefahr, wie sie vorgab.

Auf der ausgebreiteten Decke streifte sie ihre Socken mit verschämten Blicken, doch einer besonderen Feierlichkeit ab, schlang ohne Versäumnis, doch mit geübtem Schwung ihre entblößten Fersen als Sitzgelegenheit unter ihren spitzigen Hintern und kramte nach einem Buch, aus dem sie mir kniend vorlas. Einmal war es der ganze Shakespeare in einem Band.

Gegen ihren peinlich berührten Widerstand fand ich heraus, dass ihre zweiten Zehen genauso lang waren wie ihre großen Zehen. Ich fand, das sah irgendwie erwachsen aus, sie fand es hässlich — eine abscheuliche Entstellung ihres jugendlichen Körpers, gegen die sie mit aller Kosmetik und plastischen Chirurgie ein Leben lang machtlos bleiben musste. Sie war noch nicht in ihre Füße hineingewachsen.

Danach bekam ich eine Brille und achtete in der Folge sehr viel mehr auf Mädchen. Allerdings bekam ich nur noch Freundinnen, die ebenfalls Brille trugen. Das hat den Vorteil, dass zwei Brillen stark beim Küssen stören. Wenn man über vier Brillengläser voller Nasentapser nicht lachen kann, hält die Beziehung keine zehn Minuten. So kam ich immer mit jungen Damen zusammen, denen das Lachen locker in Mundwinkeln und Wangen saß. Und das, lassen Sie sich gesagt sein, ist ein Aspekt, der einem Kerl, der sehenden Auges der Philosophischen Fakultät zustrebt, das Leben noch sehr erleichtern wird.

Meine fünfte Freundin machte sich genau daraus geradezu einen Sport. Ich bockte sie auf einen Sandsteinsockel unterhalb der Nürnberger Burg und ließ sie stundenlang meine Brille blindküssen. Leider endete ihr Körpergefühl unterhalb des Kruzifixums an ihrer Halskette. Bis heute glaube ich fest, dass sie die Worte „barfuß“ und „Zehen“ nicht aussprechen konnte; ein verbreiteter Sprachfehler. Es hielt nicht lange.

Meine sechste Freundin war eine reine Brieffreundschaft. Sie besaß ein Buch über das Zehenlesen und schickte mir deshalb immerzu filmeweise Portraitaufnahmen von ihren Füßen in allen Perspektiven und Lebenslagen, die charaktervollsten auf 13×18, drei gar nicht mal so schlecht ausgeleuchtete auf 30×45.

Zehenleserei, lernte ich von ihr, ist so seriös und so hanebüchen wie Handlesen oder Astrologie auch, funktioniert mit einem Minimum an Menschenkenntnis einwandfrei anhand von Bildern und ist unschlagbar, wenn man mal auf einer Hochzeitsfeier mit lauter Fremden von horoskopgläubigen, aber wenigstens barfüßigen Frauen umringt sein will (das war ein Tipp, Jungs!).

Als wir zum ersten Mal telefonierten, um uns auf halbem Reiseweg in einem verschwiegenen Provinzgasthof zu verabreden, war sie über meinen fränkischen Zungenschlag mindestens so entsetzt wie ich über ihren sächsischen. Noch am Telefon suchten wir um die Wette nach einem Vorwand, voreinander zu fliehen, und nahmen einen verhuschten Abschied.

Ich fand es sinnig, den Stapel mit ihren knubbelzehigen Selbstportraits in einem Schuhkarton zu horten. Er wurde voll und wog ungefähr fünf einbändige Shakespeares. Vor meinem nächsten Umzug setzte ich ihn in der Stadtbücherei aus. Zweifellos benutzt ihn heute halb Nürnberg als Lesezeichen.

Ab meiner siebten Freundin war nicht länger zu verhindern, dass es ernsthaft ans Sexuelle ging. Außer über einen karottenroten Wuschelschopf verfügte sie über große, fröhliche Flitschflatschfüße mit den ausdrucksvollsten Zehen der Welt. Damit konnte sie so vergnügte und so verdrossene Mienen schneiden wie mit den Augenbrauen. Ausdauernd und taktfest konnte sie damit zur Musik schnipsen und Bücher umblättern; Dünndruckpapier! Auf meine Frage, ob sie damit auch Flieger falten und Zigaretten drehen konnte, musste sie ungelogen erst nachdenken.

Nie kapiert hab ich, woher sie stammte. Sie legte offenkundig auch keinen Wert darauf, es muss aber westlich der Sonne und östlich vom Mond gewesen sein, irgendwo nördlich von Oslo jedenfalls, aus dem Skandinavischen, in der Gegend von Thule. Sie stellte es als eine Art Elfenreich dar. Deshalb hatte sie sich etliche deutsche Lieblingswörter zugelegt, verwendete etwa die Wörter „barfuß“ und „meine Zehen“ auffallend gerne, wobei sie mit den Lippen den Verlauf der Vokale besonders sorgfältig formte. Meist hob sie dazu andeutungsweise einen Fuß, um an der realen Entsprechung vorzuweisen, wovon sie sprach.

„Ich kann dir doch nicht gleichzeitig in die Augen und auf die Füße schauen“, bedauerte ich.

Language, Süßi!“

„Auf deine Zeeeeehen.“

„Na bitte, du kannst es ja. Auf mich musst du besser aufpassen, ich bin für die ganze Welt baaaaarfuuuuuß.“ Mit betont offenem a, auf das sie ein entgegengesetzt dunkles u folgen ließ. Dann kumpelte sie mich auf die Schulter und lachte sich kaputt.

In der Kneipe nahm sie gern die Bank unter den Fenstern in Anspruch, wo sie ihre Beine zikadenartig um sich herum verteilte. Das war Teil ihrer Körpersprache. Die Bedienungen unseres Vertrauens wussten davon und duldeten es nachsichtig, die besten unter ihnen sogar ein bisschen neidisch.

Eines Abends versuchte sie dort, weil sie eben günstig saß, nacheinander mit beiden Füßen, den Satz A girl without freckles is like a night without stars in ihre A4-Chinakladde zu schreiben. Daran scheiterte sie nur, weil ihre Füllfeder nach einigem ruppigen Gehüpfe auf dem Wege hierher kleckste. Seitdem erzählte sie überall herum, sie sei linkshändig, aber rechtsfüßig.

Allein deswegen missriet ihr die beidfüßige Tätigkeit des Zigarettendrehens. Weil sie sich das nicht bieten ließ, fing sie unter dem Tisch an, sich umständlich aus den allzu engen, ihren Beinradius einschränkenden Jeans zu winden. Überraschend wirkte sie in burschikosen Boxershorts und einem Träger-Top, das ihr rothaartypisches Augengrün wiederholte, viel selbstverständlicher angezogen als zuvor. So gelang ihr immerhin mit entspannter Grandezza, mit den Zehen die fertige Zigarette zu rauchen.

Den Satz mit den girls ohne freckles schrieb sie dann in englisch-humanistischer Kalligraphie mit der Hand. Mit der linken, den rechten Fuß mit der Zigarette versonnen an die Tischkante gestützt.

„Mein Liebchen?“

„Mein Wolf.“

„Kannst du denn auch mit den an deiner Unterseite so sinnreich und gelenkig angebrachten Rosenzehen aus deinem Bierglas trinken?“

„Nicht doch, mein großer kluger Wolf. Wir wollen der guten Gottesgabe nicht vergeuden und über Tische, Bänke und Chinakladden vergießen, sondern nächste Woche, so Gott will, wieder zur Stelle willkommen sein und bei der flinken Margit des neuen Bieres bestellen, um eines frischen Rausches zu genießen.“

„Genießen statt vergießen.“

„Wie du das immer so schön sagen kannst!“

„Und doch, mein Liebchen, beliebst du zu schummeln.“

„Wobei denn nur, mein Wolf?“

„Zikaden sind weder mehrhändig noch multitasking.“

„Mein großer, kluger, belesener, eloquenter, aufmerksamer und gutaussehender Wolf!“

„Scherze nicht, mein Liebchen. Rothaarig sind sie schon gleich gar nicht.“

„Aber baaaaarfuuuuuß …“, behielt sie Recht. Stillvergnügt kalligraphierte sie vor sich hin, indem sie zuzeiten an der Zigarette zwischen ihren Zehen zog. Mit dem rechten kleinen Finger abzuaschen hatte sie schnell raus. Die ganze Kneipe einschließlich der Bedienung schaute ihr fast überhaupt nicht zu und verliebte sich heillos in sie.

Erst als ich meine Beobachtung, dass sie alle Zehen spreizen konnte außer den Nummern zwei und drei links, eher beiläufig, ganz sicher aber absichtslos äußerte, sah ich etwas in ihr einrasten. Umgehend befahl sie mir auszutrinken und schob mich am Hintern bis zu sich nach Hause ins Schlafzimmer. Hinter uns hörte ich in unserem Gleichschritt den ganzen Weg bis auf den Schlafzimmerteppich ihre großzügig offenen Birkenstocklatschen mit viel Platz für zwei Fünfersätze Zehen erwartungsvoll an ihre Sohlen flatschen. Die Jeans trug ich ihr um den Hals geknotet vorneweg.

Sie war mir zwei Lebensjahre voraus, darum geriet meine Entjungferung zur gründlichsten Entjungferung in der Geschichte der Entjungferungen.

Nach einer aufreibenden 18-Stunden-Übung, die sämtliche bekannten Indoor-Disziplinen sowie einige bis dahin unbekannte einschloss, klingelte es. Vor der Wohnungstür stand ein junger, zerknittert dreinschauender Mann aufgebaut, der sich zurechtgelegt hatte:

„Ey, Alder. Das geht nicht. Echt nicht.“

Da hörte ich hinter mir die Freundin lustig zwitschern: „Hi, Herr Nachbar!“, worauf der etwas wie „Also leiser bitte“ nuschelte und eilig im Treppenhaus verschwand.

Als ich mich umdrehte, trug das Liebchen nichts als ein Handtuch um die Brüste geschlungen, das noch über der Taille endete. Sie feixte breit über ihre postkoital kirschroten Wangen und schnitt jubelnde Grimassen mit den Zehen:

„Das war leicht!“ und zerrte mich mit zwei Fingern im Hosengummi zurück ins Bett, weitertrainieren.

Von ihr bleibt mir die Erinnerung, wie sie mir nach dem Schlussmachen gegenüberstand und aufpasste, dass ihr die Grünaugen nicht überliefen. Sie knöpfte mir die Jacke zu, ruckelte mir die Mütze zurecht und musste nicht, wie die meisten Frauen, auf Zehenspitzen ein Stück an mir hochkrabbeln, sondern konnte mich aus ebenbürtiger Körperhöhe ein letztes Mal auf den Mund schmatzen. Sie trug, wie ich wusste, selbst gestrickte Wollsocken in Schnürschuhen mit Profil.

Meine achte Freundin riss sich einmal auf einer Bergtour unangekündigt die Wanderschuhe von den Füßen, stopfte die Socken hinein, rannte barfuß vor mir her die Kuhweide hinab und ließ sich an den unten plätschernden Gebirgsbach fallen, um sich die müde gequetschten Zehen zu kühlen. Hinterher hatten sie die Farbe zarter Rosenblätter.

Barbeinig in reißendem Gebirgswasser umherwatend erzählte ich zu ihr hinauf, dass ein Mädchen auch in Wanderstiefeln barfuß sein kann, nämlich als nicht akut körperlicher, sondern als grundsätzlich geistiger Zustand, in ähnlicher Weise, wie eine Frau über 18 ein Mädchen sein kann, und dass beides nichts Verwerfliches, vielmehr etwas Erstrebenswertes ist, und sie verstand es. Und vor allem verstand sie es als Kompliment. Zu Hause getattete sie mir, ihr die Zehennägel in einem Mitternachtsblau zu lackieren, wie nur große, freigeistige Mädchen es tragen dürfen.

Wir schaufelten uns zwei weitere Urlaubswochen frei, um einander täglich dreimal beizuschlafen. Den Körperkontakt, den sie mit Lippen, Händen, Brüsten, Scham und Zehenballen auf mir herstellte, verwendete sie als leistungsfähigen Weg der Kommunikation, auf dem ich lernte, wie wesentlich der weibliche Höhepunkt durch ein untergeschobenes Kopfkissen und kreisende Hüftbewegung an Frequenz und Lautstärke zunimmt.

Ihre Augenfarbe wechselte mit ihrer Tageslaune zwischen Grau und Blau und bildete damit zuverlässig die Farbe des Himmels über München ab. Die Strümpfe, die ich ihr schenkte, konnte sie nicht tragen, weil ihre Zehen daraus betrübt wie gefangene Bachforellen hervorguckten — worauf man angesichts der korrekten Bezeichnung Fishnets hätte kommen können. „Das mein ich mit barfuß in Wanderstiefeln“, erklärte ich; schon atemlos beschied sie mir ihr Verständnis durch eine Einheit Beckenbodengymnastik.

Im Gegensatz zu mir besaß sie eine Bohrmaschine, die sie Ladybosch nannte. Sie konnte besser zeichnen als ich. Sie lehnte Brillen ab. Sie konnte sich nie entscheiden, ob im Wort „barfuß“ das r als eigener Laut mitgesprochen oder nur als Länge im a erscheinen soll, jedoch reichte ihr phonetisches Problembewusstsein aus, um es mir gegenüber zu thematisieren. Ich heiratete sie.

~~~\~~~~~~~/~~~

Flip. Flop. Flip. Flop, machen die zwei Mädchen wieder, mit bunt in die Welt blinzelnden Zehen, Hand in Hand, versonnen, stolz und siegessicher: Die Ampel hat auf Grün geschaltet. Logisch, ist ja jetzt Frühling.

„Schaun’S es Eahna oo, de zwoa junga Ganserl“, plaudert mich von der Seite eine Frau im rentnerbeigen Anorak an, mit rechtschaffenem Kopfschütteln, kriegt aber den richtig missbilligenden Münchner Grantelton nicht hin: „De holn si’s doch auf der Blosn, de zwoa.“

Schade, dass ich schon abbiegen muss, weil ich ein Meeting mit meiner achten Freundin am Küchentisch hab, sonst wäre ich möglicherweise schlagfertiger als: „Ja mei, gell, Lichtmess halt.“

Soundtrack: Ray Collins‘ Hot-Club: Barefoot, aus: Teenage Dance Party/Tohuwabohu, 2006 [sic!],
bekannt über Til Schweiger, 2005.

Written by Wolf

2. Februar 2013 at 00:01

Schlachtens

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200 Jahre Grimms Märchen.

Liebe Bettine, dieses Buch kehrt abermals bei Ihnen ein, wie eine ausgeflogene Taube die Heimat wieder sucht und sich da friedlich sonnt. Vor fünf und zwanzig Jahren hat es Ihnen Arnim zuerst, grün eingebunden mit goldenem Schnitt, unter die Weihnachtsgeschenke gelegt.

lille.ja, childlike, 14. Mai 2012Ich weiß nichts mehr über Bettina. Bettina kannte ich einst aus dem Internet, aber es gab sie, und wünschen will ich ihr, dass es sie noch gibt. Bettina und ich hatten jeder für sich angefangen, kurze Geschichten und Gedichte, die wir für Literatur hielten, im Internet abzuladen. Zu unserem Abladeplatz musste man von einer Redaktion vorgelassen werden, und man konnte „Lesenswertpunkte“ von all den anderen Schreibern bekommen, dadurch wirkte unser Forum nicht ganz so schrottig wie allfälliger Speicherplatz, der beliebig gute oder schlechte Buchstabenhaufen zuließ. Das war, bevor jeder einen Weblog hatte, aber schon nachdem man sich mit einer Homepage lächerlich machte.

Bettina kommentierte meine Geschichten und Gedichte wohlwollend und geizte nicht mit ihren Lesenswertpunkten, da wollte ich umgekehrt auch nicht so sein und wurde ihr Leser. Einmal schrieb sie mir in einer privaten Botschaft etwas über die Schule. „Wie alt bist du eigentlich?“ fragte ich in einer plötzlichen Ahnung, „siebzehn oder was?“ Bettina schrieb zurücK: „Dreizehn.“

Lesenswertpunkte sind eine körperlose Währung, die für nichts gut ist, die man sich mühsam verdienen muss, für die man nichts bekommt, und die einen deshalb ständig unbefriedigt lässt. Anders gesagt: Lesenswertpunkte machen süchtig. In dieser Zeit kam ich jeden Tag nur schwer vom Internet los und spät ins Bett. Immerhin war meine Frau da noch bereit, mich mit ihren Mitteln ins Bett zu locken. Unsere besten Unterhaltungen führten wir, während wir uns liebten. Auf ihr liegend machte ich mir einen Sport daraus, ihr einen unserer süßen Beschleuniger ins Ohr zu flüstern, damit ihre Stimme, noch während sie Antwort hab, vor Lust brach.

Ich fing an, solcherlei Intimitäten ins Internet zu schreiben, das hagelte Lesenswertpunkte. Bettina fand es lustig und fragte mich in privaten Botschaften nach den Details, die ich öffentlich aus dramaturgischen Erwägungen verschwieg. Bettina war der Teil meines Publikums, der sich zeigte. Meine Geschichten mussten für Minderjährige geeignet bleiben, ich schrieb sie für Bettina zurecht. Meine Frau, deren Stimme mehrmals in der Woche vor Lust brach, wusste davon nichts.

Wir wünschten uns eine Tochter, deshalb vereinbarten wir still, uns möglichst jeden Tag zu lieben. Unser Hunger aufeinander wuchs damals noch jeden Tag frisch nach, es war nur eine leicht zu beantwortende Frage der Organisation, gleichzeitig ins Bett zu kommen und übereinander herzufallen. Meiner Frau überließ ich, mich vom Computer wegzulotsen. Indessen wurde Bettina für mich zu der Tochter, die wir nicht hatten.

Bettina schrieb ihrerseits düstere Geschichten vom Tod — nicht die übliche Pubertätsdüsternis, die sich als Gedicht ausgibt, gerne mit „Gedanken“, „Nacht“, „November“ oder „Novembernachtgedanken“ überschrieben und offenbar mit jeder nachwachsenden Generation neu erfunden wird. An Bettinas Geschichten war etwas anders, sie war richtig gut: Sie jammerte nicht pubertär über ihren Schmerz, sie schrieb über Menschen, die sich weh taten, da kannte sich jemand damit aus. Eine ihrer Figuren lehnte es ab, Kleider mit kurzen Ärmeln zu tragen, um ihre Unterarme zu verbergen. Wer Augen hatte zu sehen, erkannte: Bettina ritzte.

Sie stritt es nicht ab, wich nur direkten Nachfragen aus. Vielmehr handelte ihre folgende Geschichte von einem sechsjährigen Mädchen, das vergnügt und nackt in ihrem Garten herumhüpfte, wonach sie von einem der Familie nahestehenden ältlichen Onkel im Schritt begrapscht wurde. In ihrer übernächsten Geschichte wurde das vermutlich selbe Mädchen hinter dem Geräteschuppen bei grellem Sonnenschein vom selben Onkel aufgefordert, sich nackt auszuziehen, auf einen verrotteten Leiterwagen gesetzt und zwischen kitzelnden Grashalmen und schillernden, auf ihrem Körper herumsurrenden Fleischfliegen entjungfert.

Die Geschichte war gut: gnadenlos knappe, karge Sätze ohne Adjektive, kommentarlose Dialogfetzen, kein Wort zuviel. „Vor sieben Jahren, als du sechs warst“, schrieb ich an Bettina, „da bist du sexuell missbraucht worden, hab ich recht?“ Bettina schrieb zurück: „Glaub mir, ich hab mich mit Pädophilen beschäftigt. Wie sie so drauf sind, wie sie reden, was sie tun, wenn sie nicht gerade ficken. Und ich kann dir sicher sagen: Du bist keiner.“

Das Beruhigende war: Bettina mochte mich. Dennoch schlug mir das Gewissen, mit einer sexuell erfahrenen Dreizehnjährigen so regelmäßig umzugehen wie mit meiner Frau. Ich hatte angefangen, an Bettina zu denken, während wir lustvoll an unserer Tochter arbeiteten. Eines Abends lagen wir gleichzeitig im Bett und fielen nicht übereinander her.

„Was ist?“ fragte meine Frau. Ihr Körper war nackt und einladend. Mein Körper war nackt und verletzlich.

„Ich hab ein Mädchen kennen gelernt. Im Internet.“

Meine Frau nickte ernst und zog sich die Bettdecke über den Schoß.

„Nicht was du denkst.“

„Was denke ich denn?“

„Da ist nichts zwischen uns.“

„Du unterhältst dich fast jeden Abend mit ihr, ja? Bevor du mit mir schläfst.“

„Ja“, sagte ich, um nicht auch noch offen zu lügen.

„Name? Wie alt?“

„Bettina. Dreizehn.“

Sie zuckte fast unmerklich und schwieg.

„Da ist nichts zwischen uns.“

„Hast du schon gesagt.“

„Mit sechs Jahren sexuell missbraucht worden.“

„Ach? Und du bist ihr Retter oder das Jugendamt?“

„Weder noch.“

„Richtig, du bist weder noch. Wie geht das jetzt weiter?“

Ich schwieg.

„Du bist dran. Sprich zu mir.“

Am nächsten Abend traf ich Bettina online. Ich schrieb ihr sofort: „Das wird mir zu heiß. Ich darf nicht mehr mit dir reden. Das geht nicht.“ Bettina schrieb zurück: „Mache ich dich heiß?“ Ich schrieb: „Lass das bitte.“

Ihre Kinder sind groß geworden und bedürfen der Märchen nicht mehr: Sie selbst haben schwerlich Veranlassung sie wieder zu lesen, aber die unversiegbare Jugend Ihres Herzens nimmt doch das Geschenk treuer Freundschaft und Liebe gerne von uns an.

Ich hörte auf, Geschichten und Gedichte in Foren mit pubertierenden Mädchen zu veröffentlichen, und bekam von niemandem mehr Lesenswertpunkte. So bekam ich Zeit und den Kopf frei für meine Frau. Als ich mit ihr schlief, stieß ich ihr bis auf den Grund. Sie kniff die Augen zusammen, riss den Mund auf, kippte den Kopf nach hinten und entließ einen langgezogenen Schrei nach dem anderen. Ich verströmte mich. Sie pumpte mit dem ganzen Becken den letzten Tropfen aus mir.

Danach packte sie mich an beiden Ohren und küsste mich tief in den Schlund. Danach strahlte sie mich mit glühenden Wangen an: „Heute hat’s funktioniert! Ich wette meine wundgerittene Gebärmutter!“

„Bloß nicht“, sagte ich, „die brauchen wir jetzt erst recht.“ Damit rutschte ich tiefer an ihr.

Wie damals, dachte ich, wie vor Bettina.

„Wie war das?“

Meine Frau packte mich erneut an den Ohren, diesmal um sie zwischen ihren Schenkeln zu entfernen.

„Ich hab nix gesagt“, sagte ich und spuckte ein gekräuseltes Haar aus.

„Nein — weil du den Mund voll hattest.“

Ich tat, was ich mir zurechtgelegt hatte, wenn ich Berge vor mir herzuwälzen hatte, und streunte durch Antiquariate. Diesmal trieb ich ein Exemplar des Rollwagenbüchleins auf.

Kann ich eine bessere Zeit wünschen um mit diesen Märchen mich wieder zu beschäftigen?

——— Georg Wickram: Das Rollwagenbüchlein. Ein neüws / vor vnerhörts Büchlein / dariñ vil guter schwenck vnd Historien begriffen werde / so man in schiffen vnd auff den wegen / deßgleichen in scherheuseren vnnd badstuben / zu langweiligen zeiten erzellen mag / die schweren Melancolischen gemüter damit zu ermünderen / vor aller menigklich Jungen vnd Alten sunder allen anstoß zu lesen vnd zu hören / Allen Kauffleüten so die Messen hin vnd wider brauchen / zu einer kurtzweil an tag bracht vnd zusamen gelesen durch
Jörg Wickrammen / Stattschreiber zu Burckhaim / Anno 1555.:
Wie Kinder Schlachtens mit einander gespielt haben, 1555:

I.

lille.ja, childlike, 14. Mai 2012In einer Stadt Franecker genannt, gelegen in Westfriesland, da ist es geschehen, daß junge Kinder, fünf- und sechsjährige, Mägdelein und Knaben mit einander spielten. Und sie ordneten ein Büblein an, das solle der Metzger seyn, ein anderes Büblein, das solle Koch seyn, und ein drittes Büblein, das solle eine Sau seyn. Ein Mägdlein, ordneten sie, solle Köchin seyn, wieder ein anderes, das solle Unterköchin seyn; und die Unterköchin solle in einem Geschirrlein das Blut von der Sau empfahen, daß man Würste könne machen. Der Metzger gerieth nun verabredetermaßen an das Büblein, das die Sau sollte seyn, riß es nieder und schnitt ihm mit einem Messerlein die Gurgel auf, und die Unterköchin empfing das Blut in ihrem Geschirrlein. Ein Rathsherr, der von ungefähr vorübergeht, sieht dies Elend: er nimmt von Stund an den Metzger mit sich und führt ihn in des Obersten Haus, welcher sogleich den ganzen Rath versammeln ließ. Sie saßen all’ über diesen Handel und wußten nicht, wie sie ihm thun sollten, denn sie sahen wohl, daß es kindlicher Weise geschehen war. Einer unter ihnen, ein alter weißer Mann, gab den Rath, der oberste Richter solle einen schönen rothen Apfel in eine Hand nehmen, in die andere einen rheinischen Gulden, solle das Kind zu sich rufen und beide Hände gleich gegen dasselbe ausstrecken: nehme es den Apfel, so soll es ledig erkannt werden, nehme es aber den Gulden, so solle man es tödten. Dem wird gefolgt, das Kind aber ergreift den Apfel lachend, wird also aller Strafe ledig erkannt.

Es war ein Auswahlband aus der Insel-Bücherei, sichtlich uralt, aber zum Frakturdruck passend — und zerfleddert, was mir gerade recht kam. Insel-Bücherei, das war für mich seit einem Artikel in der Titanic vor allem der Erscheinungsort, wo nicht die Erscheinungsform der Briefe an einen jungen Dichter von Rilke. Ansonsten war mir die Reihe immer zu schmal für ihren Preis. Das erinnerte mich an Bettina.

Ich loggte mich ein und schrieb ihr: „Kennst du die?“

„Kenn ich“, schrieb Bettina zurück, „kommen in Sister Act vor. Aber ich mag die Bücherreihe nicht. Zu dünn, zu teuer.“

Manchmal war sie mir unheimlich. „Was liest du denn grade?“

„Grimms Märchen. Ich bin die Gänsemagd, aber sowas von.“

„Die mit dem abgehauenen, an die Wand genagelten Pferdekopf, der sprechen kann?“

„Ja. Der immer das gleiche sagt.“

„Sieht dir ähnlich.“

„Der Pferdekopf?“

„Dass du dir das morbideste ausgesucht hast.“

„Ha, von wegen. Kennst du das mit dem Wacholderbaum?“

„Siehst du, das mein ich.“

„Ich hab gefickt“, schrieb sie unvermittelt.

„War das meine Frage?“

„Nein, das war meine Antwort. Oft. Ich hab jetzt einen Fickfreund. Wir machen es oft.“

Ich notierte mir geistig: Rhetorisch mehr von jungen Mädchen lernen.

„Und jetzt?“ fiel mir nur ein.

„Und jetzt? Bin ich keine Jungfrau mehr.“

„Warst du eigentlich noch nie.“

„Ich bin ein Kind, das weißt du doch.“

„O ja. Alle mir bekannten Kinder halten sich Fickfreunde.“

„Das hat nichts damit zu tun. Wo ich das erste Mal gefickt wurde, da war ich ganz bestimmt noch Kind.“

„Ich wünsch dir Glück mit deinem Freund.“

„Ich hab keinen Freund. Ich hab nur eine Fickbeziehung.“

„Respekt.“

„Sag nicht, was du nicht meinst. Das ist nichts zum Respekthaben. Dafür kommt man in die Hölle.“

„Quatsch Hölle. Wenn’s einvernehmlich ist, ist das höchstens illegal, aber nagel mich da jetzt juristisch nicht fest.“

„Willst du mich auch ficken?“

„Lass das bitte“, schrieb ich.

„Was ist dein Lieblingsmärchen?“ fragte sie dann.

Das kalte Herz.“

„Das ist kein Märchen. Das ist Wilhelm Hauff. Sag eins von den Grimms.“

„Soll ich jetzt Rotkäppchen sagen? Weil ich der Wolf bin und du ein pubertierendes Mädchen?“

„Nur wenn du’s so meinst. Rotkäppchen fänd ich aber billig.“

Allerleirauh, wo der König seine Tochter heiratet. Das Mädchen ohne Hände, das von ihrem Vater verschenkt und wehrlos gemacht wird.“

„Du sollst mich nicht verarschen. In echt jetzt.“

„Okay, Schneewittchen vielleicht. Aber dann wegen dem Zeichentrickfilm. Der erste abendfüllende von Disney, 1937.“

„Auch nicht viel toller als Rotkäppchen. Aber deine Begründung ist cool, wenigstens nicht: wo sie zu siebt über das Mädchen herfallen. Das glaub ich dir eher.“

„Es freut mich, dir zu genügen.“

„Was ist jetzt mit Ficken?“

Ich loggte mich aus.

II.

Kate Esmé, Breaking Childhood, 25. Januar 2011Einstmals hat ein Hausvater ein Schwein geschlachtet, das haben seine Kinder gesehen; als sie nun Nachmittag mit einander spielen wollen, hat das eine Kind zum andern gesagt: „du sollst das Schweinchen und ich der Metzger seyn;“ hat darauf ein bloß Messer genommen, und es seinem Brüderchen in den Hals gestoßen. Die Mutter, welche oben in der Stube saß und ihr jüngstes Kindlein in einem Zuber badete, hörte das Schreien ihres anderen Kindes, lief alsbald hinunter, und als sie sah, was vorgegangen, zog sie das Messer dem Kind aus dem Hals und stieß es im Zorn, dem andern Kind, welches der Metzger gewesen, ins Herz. Darauf lief sie alsbald nach der Stube und wollte sehen, was ihr Kind in dem Badezuber mache, aber es war unterdessen in dem Bad ertrunken; deßwegen dann die Frau so voller Angst ward, daß sie in Verzweifelung gerieth, sich von ihrem Gesinde nicht wollte trösten lassen, sondern sich selbst erhängte. Der Mann kam vom Felde und als er dies alles gesehen, hat er sich so betrübt, daß er kurz darauf gestorben ist.

Meine Frau und ich übten seit langem nicht mehr, eine Tochter zu bekommen. Wir lagen nebeneinander im Bett und lasen.

„Sag mal“, sagte sie.

„O je“, sagte ich.

„Hast du noch was mit deiner missbrauchten Minderjährigen?“

Ich schnaufte tief ein. „Also erstens …“

„Du weißt schon, wen ich meine.“

„Kurze Antwort: Nein.“

„Gut.“

Wir lasen weiter.

——— Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen, nur in der Erstauflage 1812, KHM 22a,
Anmerkungen im Anhang Band 1:

Zum Kinderschlachtspiel. No. 22.

Die erste Recension ist aus einem alten Buche in den Berliner Abendblättern von Kleist (1810. No. 39.) abgedruckt worden. Die zweite befindet sich in Martin Zeilers Miscell. Nürnberg 1661. S. 388. der sie aus J. Wolf lectiones memorabiles. Laving. 1600. fol. genommen. Es wird hinzugesetzt, der Papst, der zur Zeit dieser Geschichte gelebt und ein fertiger Poet gewesen, habe versucht sie in ein Distichon zu bringen, es aber nicht vermocht. Da habe er einen stattlichen Preis darauf gesetzt, den ein armer Student verdienen wollen, dieser habe sich auch lange umsonst gequält, bis er endlich unmuthig die Feder weggeworfen und ausgerufen: „kann ichs nicht, so mags der Teufel machen!“ Dieser sey alsbald erschienen, habe gesagt er wolle es zu Stand bringen, die Feder aufgenommen und geschrieben:

sus, pueri bini, puer unus, nupta, maritus
cultell‘, lympha, fune, dolore cadunt.

Neuerdings hat Werner in seinem Trauerspiel der 24ste Februar die alte Fabel benutzt und damit die Macht menschlicher Poesie gegen den Teufel bewährt.

Wir lagen nebeneinander im Bett und lasen. Meine Frau las unaufmerksam, ihr Blick flackerte zwischen ihrer Buchseite und mir hin und her.

„Na?“ sagte ich.

„Das mit dir und der Minderjährigen wird aufhören. Du bist nicht das Jugendamt.“

„Und nicht ihr Retter.“

„Eben.“

Am nächsten Tag schrieb ich die Geschichte dialogisch zusammen, veröffentlichte sie und erntete am übernächsten Tag die Lesenswertpunkteration des Jahres. Mein Plan ging auf: Bettina schrieb mir.

——— Ebenda, Anmerkungen im Anhang Band 2:

Num. 22. (Kinderschlachtspiel.) Kinder lockt die Rundheit und lachende Röthe der Aepfel vor allen Dingen. Man vgl. das schott. Lied von der Judentochter; auch Fürterer im Lanzilet Nr. 49. „als kinden tut gezemen, den man peut ein Apfel rot, lassen das gold in aus den henden nemen.“ Und im Schwank vom Häselin 54. 55. „ein kint den Apfel minnet und neme ein ei für des riches lant.“ Also versucht der Apfel im Paradis die ersten Menschenkinder. – Den latein. Vers geben die nugae venales p. 97. so:

hircus cum pueris, puer unus, sponsa, maritus, etc.

„Hi“, schrieb Bettina.

„Hi“, schrieb ich, „geht’s dir gut?“

„Ich hab jetzt einen Freund. Einen richtigen.“

„Das freut mich zu hören.“

„Ja. Das freut dich. Ich glaub dir.“

„Warum liegt dir daran so viel? Ist doch alles virtuell hier. Ich kann dich anlügen, dass sich dein Bildschirm wellt, und wer sagt mir eigentlich, dass es dich überhaupt gibt? Märchen magst du sowieso.“

„Weil Märchen wahr sind. Vor allem die auf den Bäumen gewachsenen von den Grimms.“

„Wie schön du das wieder gesagt hast. ich hab übrigens ein neues Lieblingsmärchen. Aus dem Rollwagenbüchlein, später bei den Grimms.“

„Du meinst das von den Kindern, die Schlachten spielen.“

„Schlachtens.“

„Ja, das. Nach der ersten Auflage rausgeflogen.“

„Ach du. Manchmal schaffst du mich.“

Darum geht innerlich durch diese Dichtungen jene Reinheit, um derentwillen uns Kinder so wunderbar und selig erscheinen: sie haben gleichsam dieselben blaulichweißen makellosen glänzenden Augen, die nicht mehr wachsen können, während die andern Glieder noch zart, schwach und zum Dienste der Erde ungeschickt sind. Das ist der Grund, warum wir durch unsere Sammlung nicht bloß der Geschichte der Poesie und Mythologie einen Dienst erweisen wollten, sondern es zugleich Absicht war, daß die Poesie selbst, die darin lebendig ist, wirke und erfreue, wen sie erfreuen kann, also auch, daß es als ein Erziehungsbuch diene. Wir suchen für ein solches nicht jene Reinheit, die durch ein ängstliches Ausscheiden dessen, was Bezug auf gewisse Zustände und Verhältnisse hat, wie sie täglich vorkommen und auf keine Weise verloren bleiben können, erlangt wird, und wobei man zugleich in der Täuschung ist, daß was in einem gedruckten Buche ausführbar, es auch im wirklichen Leben sei. Wir suchen die Reinheit in der Wahrheit einer geraden nichts Unrechtes im Rückhalt bergenden Erzählung. Dabei haben wir jeden für das Kinderalter nicht passenden Ausdruck in dieser neuen Auflage sorgfältig gelöscht.

Bettina schrieb zurück: „Ich hätt das Geld genommen.“

Daniella Alvarez, The Lost Girl, 29. April 2012

Teddybilder: Julie de Waroquier: Reality Won’t Let Me Dream, 13. August 2010;
Lille Ja: Childlike, 14. Mai 2012;
Kate Esmé: Breaking Childhood, 25. Januar 2011,
Daniella Alvarez: The Lost Girl, 29. April 2012.

Kleingedrucktes aus der Vorrede zum 1. Band der 7. Auflage 1857, Seite 5 ff.

Soundtrack: Tom Waits: I Don’t Wanna Grow Up, aus: Bone Machine, Island Records 1992.

Written by Wolf

20. Dezember 2012 at 00:01

Totensonntag

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[Das mag ich wirklich. Letzten Totensonntag stand es in Moby-Dick™ und dem freitag!-Logbuch.

Heuer erscheint es überarbeitet zum Gedenktag der Heiligen Katharina von Alexandrien, der Schutzpatronin der Schulen, philosophischen Fakultäten, Näherinnen, Schneiderinnen, Mädchen, Jungfrauen, Nonnen, Heiratswilligen, Ehefrauen, Ritter, Ammen, Philosophen, Theologen, Gelehrten, Lehrer, Studenten, Redner, Advokaten, Bibliothekare, Wagner, Müller, Bäcker, Töpfer, Gerber, Spinner, Tuchhändler, Seiler, Schiffer, Buchdrucker, Sekretäre, Anwälte, Notare, Waffenschmiede, Schuhmacher, Frisöre, Scherenschleifer und aller Berufe, die mit Rädern zu tun haben, Krankenhäuser, Hochschulen und Bibliotheken sowie mehrerer Städte.

Einmal hab ich’s laut gelesen, es funktioniert für einen oder drei Sprecher (Erzähltext und Ich-Figur, Petrus, Jesus); nichts einzuwenden ist gegen einen Mädchensprechchor, der im Hintergrund dezent frohlockt. Alle sollten geläufig Bildungsbairisch können — also ungefähr wie Martina Schwarzmann oder Bruno Jonas. Die Aussage ist ähnlich der von Lessings Ringparabel, bloß existenzieller.

Ich gebe es frei zur Aufführung, bitte mit Quellenangabe. Wer eine Sound-Datei davon zugänglich macht, kriegt ein Buch von mir geschenkt.]

~~~\~~~~~~~/~~~

Der Eingang sieht aus wie die Stufen zur Glyptothek. Nicht das, was man einladend nennt, oder was man normalerweise träumt. Aber einmal muss da jeder durch. Wenn schon nicht einmal im Leben, dann eben jetzt, wo ich gestorben bin. Jedenfalls vermute ich das.

Wie immer in solchen großklassizistischen Einschüchterungsbauten darf ich nicht durch eine Flügelpforte, die sich vor meiner Majestät beiseite schiebt, sondern muss durch den unspektakulären Windfang hinter den Säulen. An einem marmornen Tisch, an dem man in der Glyptothek Eintritt bezahlen würde, sitzt ein Rauschebart in einer Art Bademantel und tippt zehnfingrig in einen Laptop. Kein Apple, stelle ich fachmännisch fest. Links daneben ein Stapel unausgefüllter Formulare, rechts ein Stapel ausgefüllter.

Jan van Eck, Marienaltar, Dresdner Triptychon, rechter Flügel, Hl. Katharina von Alexandrien, um 1437„Grüß Gott.“ Beim Reinkommen grüßt man. Schon rein vorsichtshalber.

„Griaß Eahna. Moment, i mach schnell no die Seele vor Eahna fertig.“

Tipp, tipp, tipp. — Klack!

„So! Grüß Gott!“

„Ich soll hier anscheinend vorsprechen oder so.“

„Jaja, des hat scho sei Richtigkeit. Was führt Sie zu uns, wissens des, könnens des sagn?“ Petrus nimmt ein Blatt vom unausgefüllten Stapel und einen Zimmermannsbleistift.

„Na, weil i gstorbm bin, nehm i an.“

„Jaja, des is die Voraussetzung, dass Sie vorglassen wern. Aber an was Sie gstorben san, könnens des aa sagn?“

„I glaub, i hab einen Kalauer zuviel grissen. Über die Namen von Gottfried Benn und Ben Cartwright.“

„Au weh zwick. Da könnens von Glück sagen, dass Sie bei sowas überhaupt no rauf zu mir kommen. Normalerweis gengen solche Bestände glei nahtlos zum Kollegen owewartse, wenns ma folgen können. Ohne lange Fegefeuerzuteilung.“

„Ich weiß es zu schätzen.“

„Des is scho recht. Des kann bloß daher kommen, dass Sie sowieso dran gwesn wärn — wann Sie no von der Generation übrig san, de wos no den Ben Cartwright kennt.“

„Ja … Was mach ma dann jetza mit mir? Komm i da etz in Himmel nei oder für was hab i mi da die ganzen Jahrzehnte abkaschpert, Herr Petrus?“

„Da schaung ma jetztn, dann sehng mas glei. Aber Petrus. Einfach Petrus. Ohne Herr oder Sir oder Sahib oder -san, wir hams herobm net so mit die Titel und Dienstgrade. Aber Sie san doch aus Europa, wenn ich Ihren Dialekt richtig einordn, nent? Irgendwas Nördlichs bestimmt. Österreich, Irland, Lappland oder was da alles liegt.“

„Deutschland“, sag ich. „München, ursprünglich aber Nürnberg, bloß den Zungenschlag nie losworn.“

„Aaach, gengans ma zuawe. Franken oder Frankreich, Wales oder Wallis, Galizien oder Gallizien, und des dritte vo de zwoa habts scho wieder eigstampft, und des München in der Oberpfalz is nach Dings eingmeindet.“

„Nach Hirschbach. Kenn i scho, da wolltns amal a Brauerei ham. Münchner Bier aus der Oberpfalz, dass i net lach. Für den Baugrund hättns fast no was rauskriegt.“

„Aber Sie! In der Oberpfalz, da hams fei aber oft a richtig grüawigs Bier! Bei Etzelwang in der Näh, da hab i moi …“

„Scho. Aber bei die zweiahalb Hektoliter Ausstoß pro Jahr hält si ja nix. Des grenzt bei dene immer an Schwarzbrennerei als Hobby.“

„Manchmoi bin i direkt froh, dass i nimmer so vui rumkumm. Ma kummt echt nimmer mim Zuaschaun nache bei eich.“

„Wos Galizien sagn. Mei Urgroßvater war glaub i noch aus Czernowitz.“

„Is des net neilich explodiert?“

„Naa, des war Tschernobyl, war des. Czernowitz müsst scho no wo rumsteh.“

„Omeiomei, ein Gfrett, was ihr habts. Na Hauptsach, ihr kennt eich aus.“

„Ach, fei aa net wirklich.“

„Aber Deutschland is gut. De Deitschn kamma fast ganz unbürokratisch von der oana auf die andre Autorität umgwöhnen, des ham mir anno 510, 820 und 1945 zuletzt mit eich probiert. Dankbars Publikum, da in Deutschland.“

„Und 1918?“

Petrus denkt nach. „Naa, des war koa so rechter Autoritätenwechsl. Bloß andere Titel. Umgekehrt wie 1989, verstengens?“

„Glaub scho, so ungefähr.“

„Glaubm is auch gut. München, München, München … Da seids ihr doch gern so katholisch und evangelisch und wie des alles bei euch heißt, gell?“ Petrus rudert mit den Händen nach den Wörtern und amüsiert sich ein Loch in die Toga.

„Ausgetreten, noch die katholische Grundausbildung“, knurre ich durchs Gebiss.

„Recht hams, guader Moo, recht hams! Ihr Zeigl glaubm könnens auch daheim.“

„Des hätt i jetz als letztes glaubt, dass aus der Kirch austretn bei Ihnen a Bonus sei könnt.“

„Ach, gehns. Was da der Junior vor zweitausend Jahr in eierm Judäa drunt amal gaudihalber für an Fischerverein aufgmacht hat, des spielt heut nimmer so die Rolln.“

„Jesus is gaudihalber am Kreuz gstorbm?“

„Wos glaum denn Sie? Der Moo is a Drittl Dreifaltigkeit, der is allmächtig. Der lebt und der stirbt wann und wiarer mog.“

„Ham Sie wieder recht.“

„Aber warns bei einer parakirchlichen Vereinigung? Sans bittschön gleich ehrlich, Ihre Angaben wern leider nomal prüft. Scientology und Opus Dei waar jetzat schlecht, Freimaurer waar jetzat positiv. Seit a paar hundert Jahr wern die allerdings immer weniger.“

„Freimaurer? Um Gotts willn, i war doch bei keim Geheimbund drin.“

„Die Freimaurer?“ Petrus ist aufrichtig erstaunt. „Wo san de geheim, die Freimaurer? Die missioniern bloß nix, des rechnt bei uns scho was. Da haltens auch an Frieden auf Erdn, da ham mir unsern Wohlgefalln, wenns mei Redeweise gstattn.“

„I kann scho folgn, Petrus.“

„Jaja, i siehgs scho, Sie san a Gstudierter. De Freimaurer, de wolln solche, des is bei dene richtig gwünscht, sogar Eahnerne kuriosn Studienfächer, was Sie gmacht ham. Aber wenns net hinwolln ham … Ihr Entscheidung.“

„Kann ja ich net wissn.“

„Freilich könnens es net wissn, deswegn heißts Glauben. Was hamsn so gessn? Vegan, vegetarisch, zoophag, kannibalisch?“

„Ich bitt Sie, Petrus. Ich war aus Franken.“

„Ja, scho klar. Fragen muss i halt danach. Da warns bestimmt auch alle Tag gscheit unter Drogen?“

„Ach, woher. Ganz selten mal besoffen. Und wenn, dann a Bier, schlimmstenfalls einzwei Flaschn Schnaps.“

„A so? Ja warum denn? Was meinens denn, für was der Chef des ganze Zeigl wachsn lasst? A Bier, scho recht, aber die ganzn andern guadn Sachan? Hams dann wenigstns jeden Tog gscheit was weggvögelt?“

„Bitte??“

Correggio, Heilige Katharina von Alexandrien, 1508-1510„Hatten Sie täglich Geschlechtsverkehr?“

„Eminenz, ich bin verheiratet. War.“

„Å, å, å, å …“ Petrus macht mit seinem Zimmermannsbleistift einen energischen Strich.

„Ihnen is schon klar, guader Moo: Für jeden Tag ohne Vögln muaß i Eahna … na, was sagn ma … samma gnädig … sagn ma: fuchzg Jahr Fegefeuer auffehaun.“

Ich schlucke. „Des wern Sie scho richtig machn.“

„Lebt Ihr Frau noch, so als Witwe, die sich ab jetzat fröhlich an Ihre ehelichn Pflichtn erinnert? Ja? Na, die muss leider dann später des gleiche, logisch …“

Petrus schreibt in meiner Akte herum, sucht im beistehenden Aktenreiter unter meinem Buchstaben eine weitere heraus, notiert vorne drauf herum, schaut wieder hoch zu mir und sagt betrübt:

„Ach, i sags Ihnen: Des is alles so eine sinnlose Verschwendung von Seligkeit.“

„A keuscher Lebenswandel zählt nix?“

Langsam wird Petrus unwillig: „Keuscher Lebmswandl, keuscher Lebmswandl. Herrschaftzeitn, i kanns bald nimmer hörn vo eich christliche Abendländer, mit eicherer Keuschheit und Enthaltsamkeit und Monogamie und gar koa Gamie und Zölibat und Sublimierung und Fuizleis und hunderttausnd wichtigere Sachan ois wiares Vegln! Des seids immer bloß ihr, wo eier Frau im Bett neber eich rumschimmln lassts und glangts net oo. Ja Greizdeife halleluja nomoi nei, die gschlechtliche Fortpflanzung, des wor a Gschenk! Unser gressts! Da hamma lang an die Windbestäubung dro hiigschraubt, bis ma des in der Evolution überhaupts möglich gmacht ham, dass eier Balz des ganze Johr lang durchdauert! Hat des irgend a anders Viech? A Privileg is des! Ja duad denn des Vegln weh oder wos?!“

„Da hab i scho von Möglichkeitn ghört …“

„Jajaja, net in dem Internetzeigl Buidl vo dem Dekadenzschmarrn ooschaun. I red davoo, dass ihr endlich mit eirer Frau veglts. Da hättns Ihrer Frau zoagn kenna, wia gern dasses ham, oder wia deitlich hättnses denn no braucht? A Möglichkeit hättns da ghabt, dass Eahnern Ausdruck findn, Sie Schreibhansl, Sie windiger.“

„‚WEnn ich mit Menschen vnd mit Engel zungen redet / vnd hette der Liebe nicht / So were ich ein donend Ertz oder eine klingende Schelle.‘ A so war des gmeint?“

„Sehngs? Sie wissns doch alles! Und durchschauns sogar. Und nutzns net. Entschuidigns scho, wenn i da so drastisch werd, da könna Sie persönlich wahrscheinlich gar net so viel dafür, aber des is halt so allgemein worn die letztn zwoa-dreihundert Johr.“

„Des tut ma jetz scho leid, Petrus.“ Ich meine es ehrlich.

„Jaja, glaub i Eahna sogar. Wissns, in a paar Jahr hab ja ich in dem Job da herin mei Zweitausendjährigs, des ham vielleicht Sie mitkriegt, so als Kathol. Da siehg i jedn Dog dausnd da reikomma, wo Sie reikomma san, und moana, sie ham oisamt richtig gmacht. Und wann ma fragt, ja was hams denn so gmacht? I sogs Eahna, was gmacht ham: Nix hams gmacht.“

„Des kenn i aus meim Job aa“, versuche ich zaghaft.

„Ja, genau des sagns alle, wann ma nachfragt. An Job hättns doch ghabt. Oder no besser: a Arbeit. Oder des Beste is immer: an Beruf. Des wann i oiwei scho hör. Berufm dan oiwei no mir.“

„Da müssns etz aa unser Position verstehn, Petrus. Des Vögln kann falsch sei, des Gegenteil kann genauso falsch sei. Des is so mit allem, was ma macht. Machen oder unterlassen, ruckzuck is scho wieder Schuld aufgladn.“

„Ach, des mit der Schuld.“ Petrus winkt ab. „Was glaum Sie, wer mir san? Eahna Kindermadl oder wos, Ihr Religionslehrer vo der Grundschul. Mir san doch auf Eahnerner Seitn. Mir erschaffm Eahna ja net, bloß dass Sie nachat schuldbeladn umanandalaffa, do hättn doch mir sejber koa Freid damit. Bei uns zählt leicht amal der Versuch.“

„Des is ja dann aa erleichternd und alles. Aber unter die eignen Leut und grad bei der Arbat und der eignen Frau, da zähln halt oft die Resultate. I kann ja net hergehn und vögln wolln, wenn die Beziehung net passt. Und die passt erst vom hundertsten Prozent an aufwärts.“

„Und Sie glaum, Eahna Beziehung werd besser, wenns einfach net vegln?“

„Wenns es a so hiistelln…“

„So leicht waars gwesn.“

„Aber wissns scho: Da ghörn fei zwaa dazu.“

„Oha! Gä? Oha! Net no über Eahna Frau herziang, gä? So vui konn i Eahna versprecha: De kimmt uns scho aa net aus, Eahna Frau. De hat iatz aba no a paar Johr, dass ihr evolutionäre Bestimmung eilöst.“

„Soll mi des etz beruhign?“

„Eahna? Sie ham ab sofort andre Sorgn. Was hams gmacht, solangs net grad garbat ham? Gern a Gsetzl glesn, hab i recht?“

„Scho.“

„Als Lieblingsbiacher?“

„Och, des übliche. Moby-Dick, Alice im Wunderland, aber bloß mit die richtign Illus, vom Goethe die Werther-Leidn, en Faust, und dann aa glei en Doktor Faustus vom Mann-Thomas … Vom Waechter des Wahrscheinlich guckt wieder kein Schwein, des hab i gern meeng.“

„Au wä, genau des moan i. De ganzn Hirntratzer, wo mit Sicherheit nirgends gveglt werd. Oder wos bestraft werd.“

„Was Sie jetz dauernd ham mit dem Vegln.“

„Koa Angst, des hamma hinter uns, is scho abghakt.“

„Musik war noch wichtig.“

„Den Tom Waits, wettn?“

„Ja, den. Fehlt mir leider die Stimm, dass i den selber sing.“

„Na, selber gschriem hams einige Liadl, siehg i grad.“

„Was ma kann.“

„Den Tom Waits, den mog i aa. Hättns Eahna a Beispui an dem gnumma, der machts richtig. Do gfrei i mi scho, wann der zu uns kimmt.“

„Dem hams aa die Stimm mitgebm und des Hirnkastl.“

„Da verrat i Eahna was, weils für Sie scho wurscht is: Sie können heut alles im Lebm erreichen — Sie dürfens bloß net wollen oder gar versuchen.“

„I hab dacht, andersrum? Ma müsst bloß wolln, dann geht alles?“

„Ach — viel so Hollywoodfilme hams gwiss gern angschaut, gell? Sehngs, da dauert a oanziger neinzg Minutn Minimum. In der ganzn Zeit hättns besser feste gveglt. Des hams jetzt.“

Michelangelo Caravggio, Heilige Katharina von Alexandrien, 1595-1596Durch den anliegenden Saal der Glyptothek haben sich hallende Schritte von Badeschlappen genähert. Jetzt steht ein vollbärtiger Hippie in der gleichen Tracht wie Petrus neben dem Marmorschreibtisch.

„Grüß dich, mein Sohn“, sagt er beiläufig zu mir, und dann zu Petrus: „Und, oider Wetterfrosch, wia kummstn heint rum? Kannst mit Mittag machen?“

„I hab no gar net gschaut, was gibtsn heit? Schüttlst du wieder deine fünftausnd Fischsemmln ausn Ärml?“

„Eh klar. Ungesäuert sans am bestn!“ Übermütig lässt der Hippie die Fingerknöchel krachen. Zwei runde, verheilende Wundmale auf den Handrücken.

„Ja, is recht. I verraam no gschwind die Seele do.“

„Der da?“ Der Hippie mustert mich milde. „Au weh zwick. Wara bei die Freimaurer?“

„A woher. Nixn.“

„Aber dem Gsicht und dem Aufzug nach oversexed and underfucked, stimmts?“

„Jaja, aus Frankn.“

„Wohnhaft in München“, blöke ich dazwischen.

„München, München, München … Des da in der Oberpfalz, wos die Brauerei ham wolltn? Da hättns für den Baugrund …“

„Naa, des andere.“

„Dann is des doch des mit der Asamkirch neber dem kloana Buachladn mit die lauter freindlichn hübschn Buachhändlerinnen, oder? Des hams schee eigricht, meine Sterblichn, des mog i eigntlich. Naja, da samma gnädig, dass ma fertig wern.“

„Is Nammittog no was Wichtigs?“

„Ach ja, wost sagst: Der Senior moant, wir braucha langsam des Meeting fürs Weihnachtswetter. Da stehst du obligatorisch drin.“

„Hab i ma fast scho denkt. November is halt immer schwierig, und dann jedsmal glei des Weihnachtn hintnach.“

„Selig sind die Schifahrer, woaßt eh.“

„Was mach ma jetz mit dem?“

„Ach mei … Fegefeuer bis zum nächstn Zeitalter halt, wos moanst?“

„Ja, hab i aa denkt, um den Dreh. Oder lass man glei bis zum übernächstn?“

Der Hippie überlegt. „Zu wem kaam er denn? Satan oder Luzifer?“

Petrus checkt in seinem Laptop: „Der Mephisto hätt grod wos frei, weil heit der Sokrates aufsteigt. Dem sein Plootz kannt er übernehma. Dass er net koit werd, haha.“

„Ui jegerl — der Mephisto, der macht doch den fertig, scho alloa rhetorisch. Der Bua war verheirat, oder?“

„Grad deswegn hab ich ja gmoant: zum übernächstn. Mit seiner ehelichn Pflicht schauts nämli recht mau aus.“

„A geh weider, da is er gstraft gnua. Des hat der aa net aus Bosheit gmacht. Und vielleicht hat er Germanistik studiert, vielleicht hat er nia koa Auto net besessn, vielleicht hat er an greislichn Orsch, vielleicht wor er a Blogger und a Brillnträger is er aa — do veglt si freilich nix. Des muaß ma ois sehng.“

Petrus seufzt. „Oiso recht. Aber i nehm eahm net, wann er in dreihunderttausnd Johr scho wieder dosteht und frohlocken wui. Dann nimmstn nämlich du.“

„Des passt scho. De wo beim Mephisto warn, des wern hinterdrei der angenehmste Umgang.“ Und zu mir: „Wärst du damit einverstanden, mein Sohn?“

„Kann i was ändern?“

„Wahrlich, wahrlich. Na, mit der Einstellung wundert mi nix. Mir sprecha uns dann am Jüngstn Tog. Gehe hin in Frieden.“

Er segnet mich, es scheppert, und dann nehmen mich zwei krokodilsköpfige Legionäre mit rotglühenden Hellebarden in ihre Mitte.

Und Sie, wenn Sie jetzt glauben, es wäre ein Happy End, wenn ich jetzt aufwachte und es war alles nur ein Traum, dann haben Sie weder eine Ahnung vom Aufwachen noch vom Träumen.

Buidln: Jan van Eyck: Marienaltar, Dresdner Triptychon, rechter Flügel:
Hl. Katharina von Alexandrien, um 1437 (Rückseite: Jungfrau der Verkündigung);
Correggio: Hl. Katharina von Alexandrien, 1508–1510, Hudson River School;
Michelangelo Caravaggio: Hl. Katharina von Alexandrien, 1595–1596, Thyssen-Bornemisza Museum Madrid.

Written by Wolf

25. November 2012 at 00:01

Der unverzichtbare Buchstabe e

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——— Alfred Polgar: Von Bildern und Vergleichen, 1953:

Was wäre der Autor der „Ilias“ ohne Bilder und Vergleiche? Ein Kriegsberichterstatter. Was Shakespeare ohne sie? Ein entlaubter Stamm, ein einarmiger Riese und noch vieles sonst, was einem Vergleicher, der recht im Zuge ist, hier einfallen mag. Im dichtesten Gedicht deutscher Sprache, immerhin, gibt es kein Strichlein eines Bildes. Und von Metaphern „spürest du kaum einen Hauch“.

Jeanne Baluche, Les quatre saisons de Juliette, Oktober 2010Alred Polgar, achten Sie mal darauf, hat meistens Recht. Nun ist Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt erklärtermaßen ein Habe-Nun-Ach und kein Warte-Nur-Balde. Wo ich dem Leser eigene Denkleistung zutraue, werde ich gern ein Und-So-Weiter sein, doch niemand soll mir nachreden können, ich sei ein Um-Gottes-Willen.

Das mit dem dichtesten Gedicht deutscher Sprache ziehen wir deswegen ab sofort durch. Es ist viel zu schön und dabei zu handlich, um es einmal kurz abzuhandeln und auf ewig auf sich beruhen zu lassen. Ein Gleiches ist der Idealfall eines Gedichts im eigentlichen Sinne: „Gedicht“ von „Verdichtung“: kein Wort, das man schadenfrei weglassen könnte, und undenkbar, eines hinzuzufügen — geradezu die Definition von großer Kunst.

Es bräuchte nicht einmal die Legende dazu, wie der Dichterfürst persönlich es in einem Moment der Kontemplation an idyllischem Ort hingeworfen hat, so wie Japaner Haiku hinwerfen: nicht etwa achtlos. Eher wie ein Medium, das nur hier, nur jetzt genau dieses eine Gedicht empfangen konnte. Das wird nicht so schnell kaputt gehen, es überlebt ja erst ganz wenige Jahrhunderte ganz unverbraucht. Scheuen wir uns nicht, es etwas verwegener als unbedingt notwendig zu sagen: Das bekanntere, schönere Wandrers Nachtlied von Goethe ist das, was den Menschen ausmacht.

Auf den ersten Blick fällt auf, dass es nur heißt wie ein Sequel: Ein Gleiches — aber stets wie die Hauptsache, wie ein Original genannt wird: Mit Wandrers Nachtlied ist selten korrekt Der du von dem Himmel bist gemeint, das in zurechnungsfähigen Sammlungen allein Wandrers Nachtlied heißt.

Auf den zweiten Blick fällt auf, dass das e, das offensichtlich in der Überschrift fehlt, wahrscheinlich für das Vögelein im Fließtext gebraucht wurde. Wie gesagt: Man kann es weder weglassen noch hinzufügen. — Das Wort hat die englischsprachige Germanistik.

——— Wanderer’s Nightsong II, primal translation by Henry Wadsworth Longfellow:

Up there all summits
are still.
In all the tree-tops
you will
feel but the dew.
The birds in the forest stopped talking.
Soon, done with walking,
you shall rest, too.

——— Elizabeth M. Wilkinson: The indispensable syllable e in Vögelein,
in: Goethe’s Poetry. German Life and Letters 2, page 316–329, 1949:

Jeanne Baluche, Les quatre saisons de Juliette, Oktober 2010There is not a simile, not a metaphor, not a symbol. Three brief, simple statements of fact are followed by a plain assertion for the future […]

We point to the immediacy with which language here conveys the hush of evening: Über allen Gipfeln / Ist Ruh. In the long u of Ruh and in the ensuing pause we detect the perfect stillness that descends upon nature with the coming of twilight. In allen Wipfeln / Spürest du / Kaum einen Hauch. The gentle expiration of breath in Hauch, and in the echoing auch of the last line, has often been compared to that last sighing of the wind as it dies away in the trees. While the indispensable syllable e in Vögelein and Walde makes the sixth line a lilting lullaby […] Warte nur, balde / Ruhest du auch. Here the verse does not describe th stillness of evening, it has become the stillness of evening; the language is evening stillness itself […]

It is absolutely essential, it is indeed the heart of the poem’s meaning and the feature which stamps it as peculiarly and specifically Goethean, that Gipfel should precede Wipfel. For the order of the natural objects mentioned here is not arbitrary. It is not dictated purely by the mood of his wanderer as he stands, a humnan being over against nature, and lets his eye rnge across the evening landscape, seeing in its stillness an analogy of the peace which will one day tranquillize his own troubled breast — nature here plays no mere analogical role, is no mere background for human needs and desires, something outside and around man, other than himself and ever to be sought in nostalgic longing. Nor is the order of the objects determined purely by the requirements of aesthetic composition, an order of the outward appearances of nature as known by the mind, an organic order of the evolutionary progression in nature, from the inanimate to the animate, from the mineral, through the vegetable, to the animal kingdom, from the hill-tops, to the tree-tops, to the birds, and so inevitably to man. The poet-wanderer here is not embracing Nature in the Romantic way. He is, of necessity, by the very order of the poem, embraced within it, as the last link in the organic scale of being […]

Here, in this lyrical poem, his (Goethe’s) experience of natural process has been so completely assimilated into the forms of language, that it is communicated to us directly by the order of the words, or by such a fine nuance as the modulation from Gipfeln to Wipfeln. For this is not just a pleasant musical assonance — though it is that too […]

The change of a single letter in a word […] reflects those imperceptible changes which mark the slow evoluion of one form of nature out of another […]

A natural process […] has become language, has been wrought in another substance, the poet’s own material […]

It would be difficult to find in literature a lyric of such brevity containing so much profundity of objective thought. What is so amazing about it, is that subjective and objective experience are here completely fused […]

A fine stylistic point is of importance here […] In the line Ruhest du auch it is impossible to emphasize du except by a violation of metrical stress, and it is to do violence to the meaning and quality of the whole poem to force it out of its naturally unstressed position […]

Jeanne Baluche, Les quatre saisons de Juliette, Oktober 2010Das ist nach Unser Goethe zitiert, dem bis jetzt schönsten und kompetentesten Schmökerschmöker über den Meister, zu dessen 150. Todestag am 22. März 1982 herausgegeben von Eckhard Henscheid und F.W. Bernstein. Die beiden sind vor allem als führende Satiriker der Neuen Frankfurter Schule notorisch, was nicht bedeuten muss, dass sie immer und überall haltloses Allotria verbreiten. Allerdings hat Henscheid sich noch 2005 in einem Interview mit dem Focus über gerade diesen Artikel von Wilkinson belustigt — was diese Germanisten denn nicht noch alles untersuchen! — aber mit Wilkinson bringt auf überschaubarem Raum eine berufene, zitierbare Expertin genau die Argumente, mit denen sich weiterhantieren lässt.

Der Auszug aus Unser Goethe erscheint hier als Typoskript, um den Text zugänglich zu machen. Wo die Herausgeber Henscheid und Bernstein drei Punkte setzen, werden Auslassungen unterstellt; diese Punkte sind hier jeweils in eckige Klammern gesetzt. Zusätzlich steht nach solchen Auslassungen, deren Umfang unbekannt bleibt, wo es sinnvoll erscheint, ein neuer Absatz. Das Original ist schwer erreichbar, dafür mit diesen Abwandlungen auf geringe Kosten der Korrektheit leichter lesbar. Verbesserungen aufgrund zuverlässigerer Quellen kann ich gerne nachträglich einarbeiten.

Das e in Walde ist ein Dativ-e und war bis ins 20. Jahrhundert hinein tatsächlich unverzichtbar, indispensable. Einzig das e im zugehörigen Reimwort balde möchte ich in den Verdacht nehmen, eben doch just a pleasant musical assonance zu sein: eine Maßnahme, die nicht den Inhalt und nur die Form mitträgt.

Andere Meinungen? — Ich bleibe dran.

Bilder: Sexy Reading, August 2016
(editiert statt Jeanne Baluche: Les quatre saisons de Juliette, Oktober 2010).

Written by Wolf

27. Oktober 2012 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Land & See, ~~~Olymp~~~

Die besten Saufbrüder sind gestorben

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Cover Das Wirtshaus an der LahnAus dem im Überfluss bekannten Strophenmaterial habe ich aus dem Reiselied eine Version zurechtgebogen, die geographisch Sinn ergibt. Für den Vortrag vor einem Publikum mit eher peripherem ethnologischem und archäologischem Interesse, mit dem man sich weder zur Lach- noch Schnarchnummer macht, ich denke da klassischerweise an Lagerfeuer, empfehlen sich die Strophen 1 bis 5, anschließend erst wieder 21 bis 24; neun Strophen reichen vollauf. Lasst im Zweifelsfall lieber noch 21 und 24 weg und stiftet die Leute im Refrain zum Mitgrölen an, dann beschwert sich niemand. Das gibt einen aufmüpfigen, schön antiquierten Text auf eine unentrinnbar schmissige Melodie, mit dem man bei den Mädels punkten kann. Bei den richtigen jedenfalls. Das war ein Tipp, Jungs.

Hier ist die Gelegenheit, die Abhandlung von Theo und Sunhilt Mang einzufügen, Herausgeber des Liederquell, seit 2007 das Volksliederbuch für Leute, die wissen wollen, was sie da singen:

Unter dem Titel Handwerksburschen-Erfahrung steht dieses Lied 1894 im Deutschen Liederhort von Erk-Böhme. 1855 steht es schon in der Liedersammlung von Oskar Schade Volkslieder aus Thüringen, sowie im 2. Teil der Fränkische Volkslieder mit ihren Singweisen des Freiherrn Wilhelm von Ditfurth, Leipzig. Textdichter und Komponist sind unbekannt. Erk/Böhme geben als Herkunftsort das brandenburgische Wilsnack an (1844). Unter dem Titel Der patriotische Handwerksbursch wird auch (Barmen 1844) von Erk/Böhme eine melodisch und rhythmisch verwandte Melodie mit ähnlichen zwei Anfangsstrophen überliefert. Doch dieses Lied zeigt dann die Hinwendung zur politischen Situation in der Napoleonischen Zeit vor 1813. Bei Röhrich/Brednich findet sich eine neuere Textversion, die auch die südlichen Städte Mannheim und Freiburg berücksichtigt und in der das „Glas Champagner Wein“ mit „ein gut Glas Bier“ ausgetauscht wird. Dieses Liedgenre wurde von der Jugend und den Liedermachern der 60-er und 70-er Jahre des 20. Jahrhunderts besonders geliebt, verarbeitet und in den Medien wieder populär gemacht, z.B. durch die Gruppe Liederjan, 1978.

T und M: Anfang 19. Jahrhundert
L: Erk/Böhme N 1610, Ditfurth II 233, Gottschalk I 65, Röhrich 259

In den Text habe ich nach Möglichkeit gastronomische Einrichtungen verlinkt, die ich aus eigener Anschauung empfehlen kann; mein Vater war Eisenbahner, da bin ich in meiner Jugend allerhand in Deutschland rumgekommen. Wo das nicht möglich war, führt der Link zu Gasthäusern, die auch online einiges Vertrauen erwecken. Persönlich möchte ich das Hamburger Fischerhaus und den Freiburger Löwen hervorheben. Das krieg ich nicht bezahlt, obwohl ich’s nehmen würde. Der Bremer Ratskeller und Auerbachs Keller zu Leipzig werden uns an dieser Stelle noch literarisch beschäftigen. Allein die Städte, die mit den Zeitläuften ins befreundete Ausland gerückt sind, bleiben vorerst ohne Empfehlung — und das keineswegs, weil das gefälligst ein deutscher Weblog bleiben soll, sondern weil sich das von München aus schwierig surft. Ich höre jedoch auf Vorschläge.

Zur Aufführungspraxis: Die Melodie kennt ihr im Zweifelsfall von Slime, die sich 1992 auf der Viva la Muerte (nur auf der LP, nicht der CD!) redlich um zeitgemäße Saufromantik bemühen, aber ein paar Textstellen verwenden, wie ich sie planvoll vermeide: Mit „Unser Orden ist verdorben“ ruinieren sie die Aktualität wieder, die sie mit der Instrumentierung hineingebracht haben — aber zum Eingewöhnen ist die Version gar nicht schlecht. Zum Übernehmen hört deshalb lieber Peter Rohland zu: auf Landstreicherballaden, 1996. Schnell, unkompliziert und ästhetisch unaufgeregt entnehmt ihr sie dem etwas struppigen, aber höchst brauchbaren instrumentalen Video von Mr. Gammler. Bei den Akkorden kommt ihr zurecht mit C/a//C/F//C/G//C — also dem, was sich von selbst ergibt. Nicht so zaghaft.

Die jeweils dritten Verse jeder Strophe kann man wiederholen, muss aber nicht. In den meisten Fällen finde ich es sogar wirkungsvoller, wenn der Melodiebogen nach dem dritten Vers offen bleibt; da kommt es sehr zupass, dass die sich sich sowieso auf nichts reimen müssen. Ins Schloss schnappen sollte erst der Refrain. Das bedeutet nicht weniger als dass die Strophen mit wahlweise sechs, sieben (selten!) oder acht Zeilen funktionieren. Probiert mal aus, wie ihr euch am logischsten singt. Deshalb heißen solche Dinger „Volkslied“. Und eins und zwei:

 

Reiselied

1.: Lustig, lustig, ihr lieben Brüder,
nun leget all eure Arbeit nieder
und trinkt ein Glas Champagnerwein.

Refrain: Denn unser Handwerk, das ist verdorben,
die besten Saufbrüder sind gestorben,
||: es lebet keiner mehr als ich und du. :||

2.: Auf die Gesundheit aller Brüder,
die da noch reisen auf und nieder,
die sollen unsre Freunde sein.

3.: Und sollte wirklich noch einer leben,
so soll der Meister ihm den Abschied geben,
denn er macht ihm das Leben sauer.

4.: Weg mit dem Meister, mit all den Pfaffen,
ja Kaiser, König soll sich raffen:
Weg, wer da kommandieren will.

5.: Als wir durch deutsche Lande zogen,
haben wir so manchen Wirt betrogen,
doch seine Tochter war uns gut genug.

6.: In Lübeck hab ich es angefangen,
nach Hamburg stand dann mein Verlangen,
das schöne Bremen hab ich längst gesehn.

7.: Wie auch Celle, Hannover, Minden,
dann wolln wir auf dem Rhein verschwinden
wohl nach dem alten heil’gen Köln.

8.: Wir wollen auch noch Bonn besuchen,
in Bingen gibt’s zum Wein auch Kuchen,
bei Mainz, da fließt der Main in‘ Rhein.

9.: Frankfurt am Maine hab ich gesehen
der Herbergstochter mußte ich gestehen:
Der letzte Heller will versoffen sein.

10.: In Mannheim wolln wir unser Glück probieren,
nach Karlsruh soll uns der Weg dann führen,
so kommen wir ins Elsaß rein:
In Straßburg gibt es guten Wein.

11.: In Freiburg geht’s nicht lang logieren,
wir wollen in die Schweiz marschieren,
nach Basel, Zürich und bis Bern.

12.: Nach Thüringen möcht ich hinein,
in Jena, Erfurt, Weimar sein
und auf der Wartburg kehren ein.

13.: In Königsbrück hat mir’s gefallen
die vielen Töpfer hier vor allem,
die Scheiben drehn sie, drehn und drehn.

14.: Was warn die Töpfer für Gesellen,
hörten sie nachts die Hunde bellen
so fraßen sie die einfach auf.

15.: Wie auch in Leipzig, Dresden, Sachsen,
wo all die schönen Mädchen wachsen
wohl in dem schönen Rosenthal.

16.: Dann wollen wir uns aufs Schifflein setzen
und unser junges Herz ergetzen,
wir fahrn die Elbe hinab zur See.

17.: Nun Schifflein, Schifflein, du musst dich wenden
und dich hin nach Riga lenken
wohl zu der russischen Seehandelsstadt.

18.: Und auch in Polen ist nichts zu holen,
als ein Paar Stiefel ohne Sohlen,
ja nicht einmal ein Heller Geld.
[alt.: von dort kommt man nicht ungeschoren,
in Danzig fängt die See schon an.]

19.: Nun wollen wir es noch einmal wagen
und wollen fahren nach Kopenhagen
dort zu der dänischen Residenz.

20.: In Bergen regnet es große Tropfen,
getrunken wird hier aus Malz und Hopfen,
korngelb gebrautes nordisch Bier.

21.: Und wer dies alles hat gesehen
der kann getrost nach Hause gehen,
und nehmen sich ein Mägdelein.

22.: Ich hatte manchen blanken Gulden,
heut hab ich jede Menge Schulden,
doch einen Humpen für der Seele Ruh.

23.: Schlagt ein die Fässer, lasst es laufen,
wir wollen heut noch einen saufen,
ja solches Himmelreich ist nah.

24.: Darauf wollen wir lustig saufen,
schöne Mädchen wollen wir uns kaufen,
ja das soll unser Handwerk sein.

Bild: LPCD Hamburg.