Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for the ‘~~~Blumen-, Frucht-, Dornen-, Filet- und Nachtstücke~~~’ Category

Nachtstück 0025: Die Thurmuhr brummte Zwölf

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Update zu Ausblick und
Ist das wieder ein Silvester!:

Carl Christian Kehrer: Anna Louisa Karsch, 1791, Gleimhaus HalberstadtDie Muse will, daß ich mit einer Dichterin beschließen soll, die sich oft, und manchmal am unrechten Ort den Namen Sappho giebt. Ich würde diesen Frauenzimmereinfall nicht zur männlichen Wahrheit machen: wenn nicht die Bestimmtheit, mit der sie auf sich zeigt, es verriethe; einige ihrer Verehrer haben vielleicht ihre Bescheidenheit in diesen süßen Traum gewieget.

Wenn man die Gedichte der Mad. Karschin auch nur als Gemählde der Einbildungskraft betrachtet: so haben sie wegen ihrer vielen originalen Züge mehr Verdienst um die Erweckung Deutscher Genies, als viele Oden nach regelmäßigem Schnitt; ich will ihr auch so gar mehr einräumen, als ihr die Literaturbriefe gestatten; dem ohngeachtet aber kann ich doch fragen: ist sie Sappho?

Johann Gottfried Herder: Sappho und Karschin, aus: Ueber die neuere deutsche Litteratur: Zwote Sammlung von Fragmenten.
Beilage zu den Briefen, die neueste Litteratur betreffend, 1767.

Nowazembla ist die nordwestrussische Nowaja Semlja über der Oblast Archangelsk im Nördlichen Eismeer; die Fußnote zu Kocyt und Acheron geht:

Kocytos, der Fluß des Wehklagens, mit dem Acheron Flüsse der Unterwelt.

Flüsse des Wehklagens. Wir sehen uns am anderen Ufer.

——— Anna Louisa Karsch, „A. L. Karschin, geb. Dürbach“:

Das Abentheuer einer Winternacht.

vor 1792, in: Karl Heinrich Jördens, Hrsg.: Denkwürdigkeiten, Charakterzüge und Anekdoten aus dem Leben der vorzüglichsten deutschen Dichter und Prosaisten, Erster Band, bei Paul Gotthelf Kummer, Leipzig 1812:

Anna Louisa Karsch, Das Abentheuer einer Winternacht

Anna Louisa Karsch, Das Abentheuer einer Winternacht

Anna Louisa Karsch, Das Abentheuer einer Winternacht

Bild: Carl Christian Kehrer: Anna Louisa Karsch, 1791, Gleimhaus Halberstadt.

Soundtrack: The McCalmans: New Year’s Eve Song, aus: Honest Poverty, 1993,
Text zum Mitschmettern auf Ein neues Stiefelpaar for what you really are:

Written by Wolf

31. Dezember 2019 at 00:01

Blumenstück 002: Holdselige Ranunkel

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Update zum Wunderblatt 7: Die Vegetation ist der negative Lebensprozeß. Vom ursprünglichsten Gegensatz zwischen Pflanze und Tier — und Emily und Emily
und Wunderblatt 9: Dies ist das Kaktusland:

Wenn die Reben wieder glühen,
Rühret sich der Wein im Fasse,
Wenn die Erbsen wieder blühen,
Weiß ich nicht, wie mir geschieht.

Ludwig Tieck, a. a. O., Seite 95.

Einmal hab ich’s versucht: Es ist gar nicht so einfach, mit Absicht ein wirklich abgrundmieses Gedicht zu schreiben. Am zweitschwersten sind ordentliche Gedichte in aufsteigenden Qualitätsgraden, so mittel werden sie von selber; siehe auch: Kathryn und Ross Petras: Very Bad Poetry, Vintage Books 1997 (Kaufempfehlung!).

Die Muskete, 1941, via AbecedarianArno Schmidt, der alles weiß, lässt genau vier „echte“ deutsche Romantiker gelten: Clemens Brentano, Friedrich de la Motte Fouqué, E.T.A. Hoffmann und Ludwig Tieck. Am wenigsten verwundert Fouqué, weil Schmidt über denselben 1958 die immer noch gültige Standard-Biographie geliefert hat; das Skandalöse an seiner extraknapp gehaltenen Liste ist eher noch, wen er alles nicht erwähnt: Eichendorff, Hölderlin, Novalis, beide Schlegels, Uhland, von Arnim – also die meisten, die unsereinem, die wir nicht gerade „zweimal zehntausend Arbeitsstunden“ (Selbstauskunft; das wären etwa zehn Arbeitsjahre) an eine abseitige Biographie gewandt haben, spontan einfallen mögen.

Ebenso unterschätzt wie vernachlässigt finde ich darunter Ludwig Tieck, der allemal mehr Spaß macht als, sagen wir, der überschätzte, überpräsente und dazu noch heillos überlebte Novalis, wenn man denn wirklich einmal auf Teile seines Werks stößt.

Sehr vereinzelt findet man noch den bedauernden Hinweis: „Eine umfassende Werkausgabe, die wissenschaftlichen Ansprüchen genügen könnte, gibt es nicht. Zum Teil muss man auf die Einzelausgaben oder die von Tieck selbst besorgte Ausgabe der Schriften zurückgreifen.“ Letztere ist von 1828 bis 1854. Selbst der Deutsche Klassiker Verlag hat bezeichnender Weise die auf zwölf Bände – und auf weitgehende Vollständigkeit – angelegte Gesamtausgabe von Ludwig Tieck nach fünf Bänden abgebrochen. Halbwegs aufzutreiben ist antiquarisch die vierbändige Winkler-Ausgabe von Marianne Thalmann, auch schon wieder von 1963 bis 1966. Die ist verdienstreich und wunderschön, beansprucht aber gar nicht erst, vollständig zu sein; unter anderem lässt sie die Gedichte weg.

Gerade Ludwig Tiecks Gedichte sind ein Verlust. Die gute Nachricht ist: Ruprecht Wimmer konnte vor dem Abbruch für die Bibliothek Deutscher Klassiker die Gedichte als siebten Band veranstalten, der sogar noch lieferbar ist; Verlagsbeschreibung: „Band 7 der neuen Tieck-Ausgabe versammelt erstmals alle Gedichte Tiecks und erschließt sie durch einen umfassenden Kommentar.“ Die schlechte Nachricht ist: Der Band kostet verlagsfrisch in Leinen mal kurz 76 Euro, in Leder 138. Irgendwas ist ja immer.

Paul Galdone für Margaret G. Otto, The Man in the Moon, detail, via AbecedarianUm Arno Schmidts Einschätzungen über Ludwig Tieck nicht vollends ungenutzt liegen zu lassen, hören wir auf ihn und bemerken: Der Mann empfiehlt in seinem gesamten Werk spätestens aller „gefühlte“ fünfzig Seiten einmal Die Vogelscheuche von 1835 aufs allerwärmste. Im Druck ist diese „Mährchen-Novelle in fünf Aufzügen“ praktisch nicht vorhanden – außer in der Reihe Haidnische Alterthümer von Zweitausendeins 1979, die man erwischen muss – dafür als Einzel-Kindle 0 Euro, fragt sich nur, in was für einem Zustand. Online steht der Originaltext mindestens fünfmal (na gut, und in bekannter Zuverlässigkeit auf Gutenberg):

Was wiederum Die Vogelscheuche im Zusammenhang mit Gedichten angeht, schlagen wir unser Haidnisches Alterthum von 1979 auf Seite 97 auf, um unsere kulturellen Verluste leichter zu verschmerzen. Wo Schmidt recht hat mit seiner nimmermüden Empfehlung, die er in jedem nur entfernt sich anbietenden Zeitungsartikel und Radiodialog unterbringt: Das Ding ist schon rein formal die reine Freude, weil die erzählende Prosa, aufgeteilt in die Akte und Szenen eines Theaterstücks, allerlei Auftritte wie Duette, Trios oder Chöre durchdekliniert. Die „Novelle“ zwischen realistischer und phantastischer Handlung umfasst ausführliche 400 Druckseiten, will also ausreden – aber nicht in nach allen Richtungen zerfasernden Assoziationen wie Jean Paul – ein anderer, höchst berechtigter Liebling von Schmidt –, sondern dicht mit wahren Kabinettstückchen vollgepackt.

Mit der auf Seite 98 besungenen Ranunkel ist vermutlich eine domestizierte Spielart des Asiatischen Hahnenfußes Ranunculus asiaticus) gemeint, dessen Wildform im östlichen Mittelmeerraum vorkommt, der aber im 19. Jahrhundert als mitteleuropäische Gärtnerpflanze beliebt war und auf den die Beschreibung „fein geblättert, sinnig, mit allen Farben prangend, und dennoch so bescheiden“ passt, und eben nicht die allzu artenreiche Gattung des Hahnenfuß Ranunculus innerhalb der schier unüberschaubaren Familie der Hahnenfußgewächse Ranunculaceae. Die Figur des Herrn Ledebrinna, ein ledergesichiger Unsympath und rücksichtsloser Emporkömmling, trägt vor:

——— Ludwig Tieck:

Große musikalische Gesellschaft.

Zweiter Aufzug. Dritte Scene,
aus: Die Vogelscheuche. Mährchen-Novelle in fünf Aufzügen. Erster Theil, Reimer, Berlin 1835,
cit. nach: ders.: Die Vogelscheuche. / Das Alte Buch und Die Reise ins Blaue hinein.
Mit einem Nachwort von Ulrich Wergin, Textredaktion Hanne Witte,
Reihe: Michael Bock, Hrsg.: Haidnische Alterthümer. Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts, Band 4,
Zweitausendeins, Frankfurt am Main 1979, Seite 97 bis 100:

The Link, 1970, via Abecedarian[…] Ich wüthe eigentlich nur, fuhr Ledebrinna fort, gegen die Rose, so wie gegen die Verehrer dieser ganz nichtsnutzigen Blume. Was ist denn Schönes oder Preiswürdiges an dieser Kreatur? Selbst die wild an den Zäunen wachsende ist nichts Vorzügliches, und doch liefert sie uns wenigstens noch die Hanbutte, die freilich auch, mit Zucker aufgekocht, oder eingemacht, nichts Sonderliches der gebildeten Zunge bietet. Glauben Sie aber nicht, daß ich so ganz einseitig nur einem wilden engherzigen Systeme folge. Ich weiß wohl Unterschiede zu machen, und einer Blume, die auch nichts weiter als eine solche ist, zolle ich meine unbedingte Huldigung, und möchte sie als Königin auf den Thron der Blüthenwelt setzen, den die unwürdige Rose schon seit lange usurpirt hat.

Und wer wäre das? fragte der Apotheker in der höchsten Spannung.

Kann es jemand anders seyn, erwiederte Ledebrinna, als die einzige, fein geblätterte, sinnige, mit allen Farben prangende, und dennoch so bescheidene Ranunkel?

Des Apothekers Gesicht erglühte hochroth in freudiger Ueberraschung. Ledebrinna aber zog ein Blatt mit Goldschnitt aus dem Busen und las:

Dir sei Preis, holdselige Ranunkel,
Denn du bist nach meinem Sinn
Doch der Blumen Königin,
Deiner tausend Farben Lichtgefunkel
Glänzt wie Frühling durch den Garten hin,
Du bedarfst nicht, nur die Rose sucht das Dunkel,
Thau und Feuchtigkeit der Nacht bringt ihr Gewinn,
Wenn es hell wird, bleicht die Röthe bald dahin:
Wozu also noch vom Rosenlob Gemunkel?
Es ist doch nur eiteles Geflunkel,
Lieber selbst ist mir die Rübe, Runkel,
Nein, Ranunkel,
Du bist aller Blumen Kaiserin,
Ros‘ und Lilie dienen höchstens nur als Kunkel-
Frauen deinem Thron, du bist und bleibst nach meinem schlichten Sinn
Die Königin
Der ganzen Blumenwelt, vielstrahlende Ranunkel!

Mit dem letzten Worte verbeugte er sich und übergab dem Apotheker sein Gedicht. Dieser schloß den Dichter heftig in seine Arme und weinte laut. Die meisten wußten nicht, was sie von dieser Scene denken sollten, doch da Wilhelm bemerkte, wie sich Alexander und Amalie anlächelten und eine satirische Miene machten, hielt er sich nicht länger zurück, sondern lachte laut auf, da ihm das Gedicht, die Umarmung, Ledebrinna und der Apotheker äußerst komisch erschienen. Der Apotheker drehte sich unwillig um, und Ledebrinna warf nach seiner Art den Kopf schnell nach der Seite und rollte die dunkeln Augen. indem er mit den Armen schlenkerte. Der Magister Ubique, der das Lachen nicht bemerkt hatte, sagte mit seinem glatten Ton: Wahrlich, Herr von Ledebrinna, höchstverehrtester Freund, Sie haben uns da ein eben so originelles als großartiges Gedicht mitgetheilt, es erinnert an die schönsten Zeiten unsrer Poesie, ja auch durch den schlichten Vortrag an die Antike, und hätten Sie das elegische Sylbenmaaß, den Hexameter und Pentameter, beliebt, so zweifle ich, ob etwas in der Anthologie stehe, welches dieser lichten Geistesblüthe vorzuziehen sei. Auch an Göthe’s schönste Jugend-Periode erinnert uns dieser wahrhaft lyrische Schwung; die kühnen Uebergänge sind ganz in seiner besten Manier.

Reden Sie mir von Göthe nicht! rief Ledebrinna entrüstet aus, ich verbitte es mir, mit diesem Weichling, der unsere Moralität von allen Seiten untergraben hat, in irgend eine Parallele gestellt zu werden. […]

Fliegende Blätter, 1924, via Abededarian

Bilder: via Abecedarian:

  1. Die Muskete, 1941;
  2. Paul Galdone für Margaret G. Otto: The Man in the Moon, 1957, detail;
  3. The Link, 1970;
  4. Fliegende Blätter, 1924.

Soundtrack: Tom Waits: Hold On, aus: Mule Variations, 1999:

Written by Wolf

22. November 2019 at 00:01

Nachtstück 0023: Watch out, the world’s behind you

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——— Hank Nagler:

Morgen

1993:

Die Kerzen brennen.
Nico singt vom Sonnenaufgang.
Bukowski säuft bei meinem Wein mit.
Die Angst vor dem Morgen,
zerflackert im Feuer der Dochte.
Lethargie vor den Konsequenzen.

Hank Nagler, Morgen

Soundtrack: The Velvet Underground: Sunday Morning,
aus: The Velvet Underground & Nico, 1967 (lead vocals: Lou Reed):

Written by Wolf

18. Oktober 2019 at 00:01

Dornenstück 0001: Jesus liebt euch alle

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Update zu Schreiet fort, Mißtöne, zerschreiet die Schatten: denn Er ist nicht!:

Gestern haben wir den Günter († 52) begraben.

——— Günter „Jack“ Eckl:

J 16. 1 96

16. Januar 1996:

     Ich spiele gerade mit dem Gedanken,
     „Mein bestes Stück“ in Gips gießen zu lassen,
um der Nachwelt etwas zu hinterlassen,
     worauf sie stolz sein kann.
Erst dann dürft ihr mich
          in die Urne packen,
               und meine Asche anbeten.

Peter-Scheerbart-Vignette

J 16 1 96

16. Januar 1996:

Blauschimmernd thront der Morgen vor meinem Fenster,
     nicht unglücklich, nein, unnachgiebig,
          Zigarettenqualm entsteigt dem marmornen Aschenbecher,
               Starker, schwarzer Kaffee ergießt sich
                    in die Tasse…

Warum können Morgen
          nicht immer so ablaufen?

Im ganzen Haus ist es still,
     im Radio hört man leichte,
          unaufdringliche Musik
               ohne Ecken und Kanten,
                    einfach nur da,
                         um gespielt und im Vorbeigehen
                              gehört zu werden…

Warum können Morgen
          nicht immer so ablaufen?

Draußen auf den Straßen
                    begrüßen sich wildfremde Menschen,
               ein Selbstmord wird in diesen Stunden
                              nicht verübt,
junge Leute helfen Senioren über die Straße,
                    keine Vergewaltigungen, keine Morde,
                         keine Überfälle, keine ausländerfeindlichen Übergriffe,
                    keine willkürlichen Polizei-Einsätze, kein Ärger,
                         einfach nur…
                              ein blauschimmernd
                                        schöner Morgen…

Warum können Morgen
          nicht immer so ablaufen?

Peter-Scheerbart-Vignette

J 1 3. 96

13. Januar 1996:

Zuviel thront oben in der großen Schwärze,
               oder zu wenig…
          ich weiß es nicht
die Mischung stimmt einfach noch nicht,
          wie der Melitta-Mann jetzt sagen würde.
Meine Zahnbürste vereint sich mit Zahnweiß,
          meine verstorbene Tochter
                         braucht noch nicht mal mehr das,
          die Musik umarmt mich,
                    so gut sie kann,
          selbst Helmut trägt in diesen Zeiten
               Lack- oder Gummi-Unterwäsche,
was soll diese Welt noch?
               Wo stecken die Innovationen,
          Wo bleibt der letzte Kick?
Wer befreit die letzten Sklaven der Vernunft
                    endlich aus ihren notdürftig eingerichteten
Kapitalisten-Herbergen?
Wer fackelt endlich das Oktoberfest
                    pünktlich ab?
Wer buddelt wieder die Gräber zu
          die man für eine verstörte, verunsicherte
               zutief verängstigte Jugend
                    bereits ausgebuddelt hat?
Was soll diese Welt?
     Was soll diese Zeit?

                    Zerstört die Uhr der Zeit,
                         sie wirkt so unnatürlich
natürlich,
                    so billig,
                         so aufgesetzt, so inszeniert,
                              so plump, so aufgebläht.

EIn Ochsenfrosch
                              klatscht ins Wasser,
                              zu dick, unbeweglich und leer,
                         um untergehen zu können,
trockengelegte Regenwälder machen’s möglich.

Also keine Panik,
und vergeßt nicht:

Jesus liebt euch alle

Günter Jack 1967--2019

Buidl: Günter „Jack“ Eckl (* 13. Juli 1967; † 15. August 2019), Selbstportrait als Leonard Cohen;
Vignette: Paul Scheerbart.

Soundtrack: Leonard Cohen: You Want It Darker, aus: You Want It Darker, 2016:

A million candles burning
For the help that never came
You want it darker
We kill the flame.

Bonus Track 1: Johnny Cash: I Corinthians 15:55, aus: American VI: Ain’t No Grave, 2010:

Tod / wo ist deine Stachel? / Helle /wo ist dein Sieg?

Bonus Track 2: First Aid Kit: Ghost Town, aus: The Big Black and the Blue, 2010:

If you’ve got visions of the past,
let them follow you down
and they’ll come back to you someday.
And I found myself attached
to this railroad track,
but I’ll come back to you someday.

Written by Wolf

23. August 2019 at 00:01

Nachtstück 0020: Im rauschenden Wellenschaumkleide (In dem düstern Poetenstübchen)

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Update zu Süßer Freund, das bißchen Totsein hat ja nichts zu bedeuten:

Wir fahren fort in unserer Sammlung von Gedichten mit siebenzeiligen Strophen. Heinrich Heine, der es sich gar zu oft mit Assonanzen statt Reimen gar zu leicht macht — aber selbstverständlich anders gelagerte Qualitäten im Übermaß hat — liefert ein besonders geschickt gereimtes Exemplar im Schema ABABCCB. Als eine Art erweiterter Limerick, sechs Strophen lang variantenreich durchgehalten, ist das höchste Schule. Es folgt die Fassung aus dem Buch der Lieder 1827 in originaler Orthographie:

——— Heinrich Heine:

Prolog

zu: Lyrisches Intermezzo, 1822–1823:
aus: Tragödien, nebst einem Lyrischen Intermezzo, Ferdinand Dümmler, Berlin 1823,
in: Buch der Lieder, Hoffmann und Campe, Hamburg 1827:

Es war mal ein Ritter, trübselig und stumm,
Mit hohlen, schneeweißen Wangen;
Er schwankte und schlenderte schlotternd herum,
In dumpfen Träumen befangen.
Er war so hölzern, so täppisch, so links,
Die Blümlein und Mägdlein, die kicherten rings,
Wenn er stolpernd vorbeigegangen.

Oft saß er im finstersten Winkel zu Haus;
Er hatt‘ sich vor Menschen verkrochen.
Da streckte er sehnend die Arme aus,
Doch hat er kein Wörtlein gesprochen.
Kam aber die Mitternachtstunde heran,
Ein seltsames Singen und Klingen begann.
An die Thüre da hört er es pochen.

Vigne nostre Seigneur, France c. 1450-1470. Bodleian Library, MS. Douce 134, fol. 42v, via Diacarding ImagesDa kommt seine Liebste geschlichen herein,
Im rauschenden Wellenschaumkleide.
Sie blüht und glüht, wie ein Röselein,
Ihr Schleier ist eitel Geschmeide.
Goldlocken umspielen die schlanke Gestalt,
Die Aeugelein grüßen mit süßer Gewalt –
In die Arme sinken sich beide.

Der Ritter umschlingt sie mit Liebesmacht,
Der Hölzerne steht jetzt in Feuer,
Der Blasse erröthet, der Träumer erwacht,
Der Blöde wird freier und freier.
Sie aber, sie hat ihn gar schalkhaft geneckt,
Sie hat ihm ganz leise den Kopf bedeckt
Mit dem weißen, demantenen Schleier.

In einen kristallenen Wasserpalast
Ist plötzlich gezaubert der Ritter.
Er staunt, und die Augen erblinden ihm fast,
Vor alle dem Glanz und Geflitter.
Doch hält ihn die Nixe umarmet gar traut,
Der Ritter ist Bräut’gam, die Nixe ist Braut,
Ihre Jungfraun spielen die Zither.

Sie spielen und singen; es tanzen herein
Viel winzige Mädchen und Bübchen.
Der Ritter, der will sich zu Tode freu’n,
Und fester umschlingt er sein Liebchen –
Da löschen auf einmal die Lichter aus,
Der Ritter sitzt wieder ganz einsam zu Haus,
In dem dustern Poetenstübchen.

Stundenbuch der Yolande von Flandern, Paris ca. 1353-1363. BL, Yates Thompson 27, fol. 52v, via Discarding Images

Miniaturen: Stundenbuch der Jolante von Flandern, Paris ca. 1353–1363.
BL, Yates Thompson 27, fol. 52v,
via Discarding Images;
Livre de la Vigne nostre Seigneur, ca. 1450–1470. Bodleian Library, MS. Douce 134, fol. 42v,
via Discarding Images.

Soundtrack: Lucinda Williams Bonnie Portmore,
aus: Rogue’s Gallery: Pirate Ballads, Sea Songs, and Chanteys, Anti- Records 2006:

Written by Wolf

12. April 2019 at 00:01

Nachtstück 0019: Noch weit beunruhigendere Betrachtungen

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Update zu Unter sotanen Umständen:

——— Arno Schmidt:

Julianische Tage

Berichte aus der Nicht-Unendlichkeit, 1961,
Bargfelder Augabe III/4, Seite 91 f., Schluss,
in: Trommler beim Zaren, 1966:

Es gibt noch weit beunruhigendere Betrachtungen hier ! Setzen wir, daß man vom 5000. Tage an leidlich mit Verstand zu lesen fähig sei; dann hätte man, bei einem green old age von 20 000, demnach rund 15 000 Lesetage zur Verfügung. Nun kommt es natürlich ebenso auf das betreffende Buch, wie auch auf die literarische Aufnahmefähigkeit an. Das Kind schlingt seinen dicklichen MAY=Band in 2 Tagen hinunter (und die schönsten Stellen werden sogar mehrmals genossen); der Mann, tagsüber im Büro, oder hinter Pflug & Schraubstock, druckst, selbst bei bestem Willen, 3 Wochen lang über’m ‚WITIKO‘, den ihm ein sinniger Kollege empfahl. Sagen wir, durchschnittlich alle 5 Tage 1 neues Buch — dann ergibt sich der erschreckende Umstand, daß man im Laufe des Lebens nur 3000 Bücher zu lesen vermag ! Und selbst wenn man nur 3 Tage für eines benötigte, wären’s immer erst arme 5000. Da sollte es doch wahrlich, bei Erwägung der Tatsache, daß es bereits zwischen 10 und 20 Millionen verschiedener Bücher auf unserem Erdrund gibt, sorgfältig auswählen heißen. Ich möchte es noch heilsam=schroffer formulieren :

Sie haben einfach keine Zeit, Kitsch oder auch nur Durchschnittliches zu lesen :

Sie schaffen in Ihrem Leben nicht einmal sämtliche Bände der Hochliteratur !

Jaja, die ‚Julianischen Tage‘ : wieviel Sonnen haben Sie schon aufgehen sehen ? Wieviel Vollmonde unter ? Wieviel Tage trennen uns=heute von GOETHE’s Tod ? Wieviel von Christi Geburt : 1 Milliarde Morgenröten; oder nur 700 000 ?

„Des Menschen Leben währet 70 Jahre“ ? — sagen wir : 25 000 Julianische Tage.

Arno-Schmidt-Stiftung, Recherchereise. Arno Schmidt 1953 auf dem Dümmer

Seelandschaft ohne Pocahontas: Arno-Schmidt-Stiftung: Recherchereise: Arno Schmidt 1953 auf dem Dümmer, via Georges Felten: Pornographie bei Arno Schmidt: Kunst oder Verbrechen? Vor sechzig Jahren geriet Arno Schmidt ins Visier der deutschen Justiz: Sein Roman „Seelandschaft mit Pocahontas“ stand im Verdacht, Pornographie und Gotteslästerung zu verbreiten. Ein Gastbeitrag, Frankfurter Allgemeine Zeitung 28. Juli 2016:

(‚Tag der Deutschn Einheit‘? : unvergleichlich geeignet zum Paddln !)

Zettel’s Traum, Seite 538, 1970.

Und bloß nicht den Namen dieses Nachbardorfes einprägen; jetzt noch nicht; mit 55 muß man das Gedächtnis für’s Notwendigste reservieren.

Kühe in Halbtrauer, 1961.

So wird das freilich nix.

Pass auf, der Schreiner hobelt jetzt und grad an deinem Schrein:
Hannes Wader, Reinhard Mey & Klaus Hoffmann: So trolln wir uns [Lied 21], aus: Liebe, Schnaps, Tod, 1996:

Written by Wolf

22. Februar 2019 at 00:01

Nachtstück 0018: Es bedarf des Absurden (denn verstört ist der Weltlauf)

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Update zum Feinsliebchen:

——— Theodor Wiesengrund Adorno:

Minima Moralia

Dritter Teil, 1946/1947, 128. Regressionen, Suhrkamp 1951, Seite 227 f.:

Seit ich denken kann, bin ich glücklich gewesen mit dem Lied: „Zwischen Berg und tiefem, tiefem Tal„: von den zwei Hasen, die sich am Gras gütlich taten, vom Jäger niedergeschossen wurden, und als sie sich besonnen hatten, daß sie noch am Leben waren, von dannen liefen. Aber spät erst habe ich die Lehre darin verstanden: Vernunft kann es nur in Verzweiflung und Überschwang aushalten; es bedarf des Absurden, um dem objektiven Wahnsinn nicht zu erliegen. Man sollte es den beiden Hasen gleichtun; wenn der Schuß fällt, närrisch für tot hinfallen, sich sammeln und besinnen, und wenn man noch Atem hat, von dannen laufen. Die Kraft zur Angst und die zum Glück sind das gleiche, das schrankenlose, bis zur Selbstpreisgabe gesteigerte Aufgeschlossensein für Erfahrung, in der der Erliegende sich wiederfindet. Was wäre Glück, das sich nicht mäße an der unmeßbaren Trauer dessen was ist? Denn verstört ist der Weltlauf. Wer ihm vorsichtig sich anpaßt, macht eben damit sich zum Teilhaber des Wahnsinns, während erst der Exzentrische standhielte und dem Aberwitz Einhalt geböte. Nur er dürfte auf den Schein des Unheils, die „Unwirklichkeit der Verzweiflung“, sich besinnen und dessen innewerden, nicht bloß daß er noch lebt, sondern daß noch Leben ist. Die List der ohnmächtigen Hasen erlöst mit ihnen selbst den Jäger, dem sie seine Schuld stibitzt.

Gewöhnen wir uns instrumental an die Melodie:

——— N. N. (anonym):

Zwischen Berg und tiefem, tiefem Tal

um 1825, Hessen und Umgebung von Elberfeld (Wuppertal):

Zwischen Berg und tiefem, tiefem Tal
saßen einst zwei Hasen,
fraßen ab das grüne, grüne Gras,
fraßen ab das grüne, grüne Gras
bis auf den Rasen.

Als sie sich dann sattgefressen hatten,
setzten sie sich nieder,
bis daß der Jäger, Jäger kam,
bis daß der Jäger, Jäger kam
und schoß sie nieder.

Als sie sich dann aufgesammelt hatten
und sich besannen,
daß sie noch am lieben Leben waren,
daß sie noch am lieben Leben waren,
liefen sie von dannen.

Herrschaften, ist das ein schönes Lied. Wo er recht hat, hat er recht, der Adorno: Es ist anrührend schlicht, kurz gefasst, damit jeder sofort alles versteht — und leichtherzig darüber hinwegsieht, dass die überraschende Schlusswendung auf kindliche Weise dramaturgisch durch schon mal gleich überhaupt gar nichts motiviert ist — und mit seinem urtümlichen Thema so allgemeingültig, dass es einem nicht egal sein kann. Ein Volkslied im besten Sinne: archaisch und fragloser Bestandteil der Welt.

Julia Stella Gretchen Hä für Adorno Ultras. Anand Angrg, Adorno Changed My Life, 17. Juni 2017Ich selber wusste nichts davon, bis ich in den Minima Moralia daüber gestolpert bin — wenn man Adorno schon mal beim Erzählen von Schwänken aus seiner Kindheit antrifft. Und da kommt die besondere Qualität des Volkslieds rein: Es wird nämlich einen Grund haben, dass ein so betont einfältiges Liedchen seit 1825 — andere Stellen sagen: um 1800 — überliefert wird und auf dem unzuerlässigen Boden des Volksmundes mit seinem anderweitig beschäftigten Gedächtnis so lange überlebt.

Die sotane Qualität und gar noch ihr Grund gehören zum Schwersten, was sich dingfest machen lässt. Egal womit man sie benennt, irgendjemand vedreht immer die Augen und bricht in Begründungen des Gegenteils aus, so schnell und so polemisch wie sonst nur noch bei Glaubensfragen. „Nenn’s Glück! Herz! Liebe! Gott!“ (Faust) oder Natur oder kollektives Bewusstsein — etwas hat dazu gereicht, dass sich ein deutscher Professor der Philosophie im kalifornischen Exil daran erinnert — und aus der Kindheitserinnerung eine neue Interpretation zieht. Das gelingt nicht vielen Kunstformen, so eine Tragfähigkeit entsteht nicht durch eine einzige dünne Bedeutungsebene.

Das Lied von zwei Hasen ist üppig veryoutubt; die schönste Version ist die von einem gemischten Chor unausgebildeter Stimmen — die der Heidnischen Gemeinschaft im Berliner Deichgraf —, die dem Lied das leise, dabei unüberhörbare Knirschen zwischen Tod und Lebenslust unbefangen gelten lässt, weil es genau so stimmt:

Bild: Julia Stella Gretchen Hä für Adorno Ultras:
Anand Angrg: Adorno Changed My Life, 17. Juni 2017.

Written by Wolf

28. Dezember 2018 at 00:01