Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for August 2016

Adorno für Blogger

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4 Jahre Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

She sends me blue valentines
All the way from Philadelphia
To mark the anniversary
Of someone that I used to be
And it feels just like there’s
A warrant out for my arrest
Got me checkin‘ in my rearview mirror
And I’m always on the run
That’s why I changed my name
And I didn’t think you’d ever find me here.

Tom Waits: Blue Valentines, aus: Blue Valentine, 1978.

Vier Jahre — nicht schlecht für gerundet 0 Leser. Bei dieser Gelegenheit erinnere ich nochmal daran, dass es bei mir sogar einen materiellen Gewinn bedeuten kann, sich in blaue Strümpfe zu gewanden und so zu dokumentieren; mit Zeichnen und Malerei, das ist das Durchtriebene an solchen Analogtechniken, muss man nicht einmal sich oder andere gewanden: Einfach losskizziert, eingereicht und Buch gewonnen. Ich illustriere nochmal mit denkbar hoch gegriffenen Gestaltungsbeispielen (Kate Moss geht immer, und Lesende sind ein nimmer erschöpftes Thema) und erinnere außerdem daran, dass sogar Sparkassenkulis blau schreiben.

Als Meta-Text, passend wie nie, etwas Modernes wie selten: Adorno über Essays in seinen Noten zur Literatur. Es reicht, „Essay“ durch „Weblog“ zu ersetzen, ohne einen Strich an der Aussage zu verfälschen.

——— Theodor Wiesengrund Adorno:

Der Essay als Form

geschrieben 1954 bis 1958, in: Noten zur Literatur, Band 1, Suhrkamp 1958:

Kate Moss, The Quite Delightful ProjectIn Deutschland reizt der Essay zur Abwehr, weil er an die Freiheit des Geistes mahnt, die, seit dem Mißlingen einer seit Leibnizischen Tagen nur lauen Aufklärung, bis heute, auch unter den Bedingungen formaler Freiheit, nicht recht sich entfaltete, sondern stets bereit war, die Unterordnung unter irgendwelche Instanzen als ihr eigentliches Anliegen zu verkünden. Der Essay aber läßt sich sein Ressort nicht vorschreiben. Anstatt wissenschaftlich etwas zu leisten oder künstlerisch etwas zu schaffen, spiegelt noch seine Anstrengung die Muße des Kindlichen wider, der ohne Skrupel sich entflammt an dem, was andere schon getan haben. Er reflektiert das Geliebte und Gehaßte, anstatt den Geist nach dem Modell unbegrenzter Arbeitsmoral als Schöpfung aus dem Nichts vorzustellen. Glück und Spiel sind ihm wesentlich. Er fängt nicht mit Adam und Eva an sondern mit dem, worüber er reden will; er sagt, was ihm daran aufgeht, bricht ab, wo er selber am Ende sich fühlt und nicht dort, wo kein Rest mehr bliebe: so rangiert er unter den Allotria. Weder sind seine Begriffe von einem Ersten her konstruiert noch runden sie sich zu einem Letzten. Seine Interpretationen sind nicht philologisch erhärtet und besonnen, sondern prinzipiell Überinterpretationen, nach dem automatisierten Verdikt jenes wachsamen Verstandes, der sich als Büttel an die Dummheit gegen den Geist verdingt. Die Anstrengung des Subjekts, zu durchdringen, was als Objektivität hinter der Fassade sich versteckt, wird als müßig gebrandmarkt: aus Angst vor Negativität überhaupt. Alles sei viel einfacher. Dem, der deutet, anstatt hinzunehmen und einzuordnen, wird der gelbe Fleck dessen angeheftet, der kraftlos, mit fehlgeleiteter Intelligenz spintisiere und hineinlege, wo es nichts auszulegen gibt. Tatsachenmensch oder Luftmensch, das ist die Alternative. Hat man aber einmal sich terrorisieren lassen vom Verbot, mehr zu meinen als an Ort und Stelle gemeint war, so willfahrt man bereits der falschen Intention, wie sie Menschen und Dinge von sich selber hegen. Verstehen ist dann nichts als das Herausschalen dessen, was der Autor jeweils habe sagen wollen, oder allenfalls der einzelmenschlichen psychologischen Regungen, die das Phänomen indiziert. Aber wie kaum sich ausmachen läßt, was einer sich da und dort gedacht, was er gefühlt hat, so wäre durch derlei Einsichten nichts Wesentliches zu gewinnen. Die Regungen der Autoren erlöschen in dem objektiven Gehalt, den sie ergreifen. Die objektive Fülle von Bedeutungen jedoch, die in jedem geistigen Phänomen verkapselt sind, verlangt vom Empfangenden, um sich zu enthüllen, eben jene Spontaneität subjektiver Phantasie, die im Namen objektiver Disziplin geahndet wird. Nichts läßt sich herausinterpretieren, was nicht zugleich hineininterpretiert wäre. Kriterien dafür sind die Vereinbarkeit der Interpretation mit dem Text und mit sich selber, und ihre Kraft, die Elemente des Gegenstandes mitsammen zum Sprechen zu bringen. Durch diese ähnelt der Essay einer ästhetischen Selbständigkeit, die leicht als der Kunst bloß entlehnt angeklagt wird, von der er gleichwohl durch sein Medium, die Begriffe, sich unterscheidet und durch seinen Anspruch auf Wahrheit bar des ästhetischen Scheins. Das hat Lukács verkannt, als er in dem Brief an Leo Popper, der die Seele und die Formen einleitet, den Essay eine Kunstform nannte. Nicht überlegen aber ist dem die positivistische Maxime, was über Kunst geschrieben würde, dürfe selbst in nichts künstlerische Darstellung, also Autonomie der Form beanspruchen. Die positivistische Gesamttendenz, die jeden möglichen Gegenstand als einen von Forschung starr dem Subjekt entgegensetzt, bleibt wie in allen anderen Momenten so auch in diesem bei der bloßen Trennung von Form und Inhalt stehen: wie denn überhaupt von Ästhetischem unästhetisch, bar aller Ähnlichkeit mit der Sache kaum sich reden ließe, ohne daß man der Banausie verfiele und a priori von jener Sache abglitte. Der Inhalt, einmal nach dem Urbild des Protokollsatzes fixiert, soll nach positivistischem Brauch gegen seine Darstellung indifferent, diese konventionell, nicht von der Sache gefordert sein, und jede Regung des Ausdrucks in der Darstellung gefährdet für den Instinkt des wissenschaftlichen Purismus eine Objektivität, die nach Abzug des Subjekts herausspränge, und damit die Gediegenheit der Sache, die um so besser sich bewähre, je weniger sie sich auf die Unterstützung durch die Form verläßt, obwohl doch diese ihre Norm selber genau daran hat, die Sache rein und ohne Zutat zu geben. In der Allergie gegen die Formen als bloße Akzidenzien nähert sich der szientifische Geist dem stur dogmatischen. Das unverantwortlich geschluderte Wort wähnt, die Verantwortlichkeit in der Sache zu belegen, und die Reflexion über Geistiges wird zum Privileg des Geistlosen.

Jennifer by Randall Hobbet, The Education of a Young Lady, April 19th, 2014

Bilder: Kate Moss via The Quite Delightful Project;
Jennifer by Randall Hobbet: The Education of a Young Lady, 19. April 2014:

Marquis de Sade: epigraph Dialogues aimed at the education of young ladies from Philosphy in the Boudoir, 1795.

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Written by Wolf

28. August 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Novecento, Weisheit & Sophisterei

Geheimrat Goethes geheimer Garten

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Update zum 266. Geburtstag:
Der sehr junge Goethe und sein Vorhangstoff:

Ist Dichtung und Wahrheit eigentlich verfilmt? Meines Wissens nicht, außer man zählt die 2010er Klamotte Goethe! mit Alexander Fehling mit.

Julian Mandel, Noyer StudiosVom geheimen Garten zählt man mindestens neun Verfilmungen, die erste von 1919 davon verschollen, dafür zusätzlich Theaterfassungen, ein Musical und eine Oper — was nichts über die Qualität aussagen muss. Über die Quantität schon. Zum Beispiel hat Goethe schon als Kind in gewohnter Frühreife und Klarsicht den Stoff von Frances Hodgson Burnett vorweggenommen.

Als Kindheitswerk, als das Goethe es 60-jährig ausgibt, ist Der neue Paris nicht authentisch. Es wäre auch zu schön: all die Beschlagenheit in der griechischen Mythologie des zehnjährigen „Hätschelhans“ (cit. Mutter Goethe), die er in Vorahnungen zu seinem sehr viel späteren Wilhelm Meister umzusetzen versteht, dazu die Farbensymbolik aus seinem noch späteren eigenen Lieblingswerk der Farbenlehre — als ob ihm das jemals jemand geglaubt hätte. Nicht einmal sein ungefährer Zeitgenosse Klein-Mozart hat als Wunderkind auf dem Schulweg Frühversionen der Komtur-Arien vor sich hingepfiffen, das behaupte ich jetzt einfach.

Beweise? –: Zur biographischen Einordnung hilft ausnahmsweise nicht die frischeste (abgeschlossen 1999, äußert sich eher zu psychologischen Aspekten) und dazu am ausführlichsten kommentierte der Goethe-Gesamtausgaben, die Frankfurter, weiter, sondern die schon etwas ältliche liebe Tante namens Hamburger Ausgabe, die nicht auf alles eine Antwort weiß, aber immer da ist und so ziemlich über alles gewinnbringend mit sich quatschen lässt:

Julian Mandel, Noyer StudiosTagebuch, 3. Juli 1811: Der neue Paris, Knabenmärchen, diktiert. Ein Kunstmärchen, geschrieben im Alter; aber es besteht kein Grund, zu bezweifeln, daß Motive jugendlicher Phantasie darin nachwirken. Was im 2. Buch nicht als Bericht gesagt wird, ist hier im Symbol gesagt. Es hat Verwandtschaft mit dem Märchen in den Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten […]: die klare Bildhaftigkeit; das Handlen nach Bedingungen; Gegestände, die in das Geschehen gehören und zugleich Symbole sind wie die Brücke. Auch zu dem dritten Märchen, der Neuen Melusine […], hat es Beziehungen: beide sind Kontrafaktur, dort wird das Melusinen- bzw. Raimond-Motiv, hier das Paris-Motiv neu gestaltet; beide sind in breite Prosawerke eingeflochten, ohne daß der tiefere Zusammenhang unmittelbar ausgesprochen wird. Die Überleitung hat leichten Klang […] und läßt das Bedeutende nur kurz einfließen. Der fast 62jährige hatte die Welt als Künstler und als LIebender erlebt und deutete aus solcher Erfahrung die Jugend. Das Märchen zeigt des Knaben Phantasiewelt und Formkraft, seine Überlegenheit dadurch gegenüber anderen Kindern, seine unbewußte Richtung im Künstlerischen und Erotischen. Beide Bereiche tauchen zugleich auf, eng verknüpft. Kein Wort über symbolische Bedeutung oder Folge. — [Für die Ausgabe benutzte Fachliteratur:] Curt Habicht, Findlinge zum Thema Goethe und die bildende Kunst. I. Der neue Paris. Monatshefte f. Kunstwiss. 11, 1918, S. 233–238. — Beutler in der Artemis-Gedenk-Ausgabe, Bd. 10, S. 905 ff. — Beutler-Rumpf, Text zu Abb. 21. — W. Schadewaldt, Goethestudien. 1963. S. 262–282.

Heute würden wir sagen, Goethes Kunstmärchen — Typus Erlösungsmärchen — sei ein Fake aus der Sicht eines entschieden zu verwöhnten, selbstzufriedenen und siebengescheiten Fratzen, und ein englisches Kinderbuch samt seiner neun, darunter drei relevanten Verfilmungen zeige pro Druckseite und Filmminute mehr Einfühlung in eine Kinderseele als Goethe in seinem ganzen Lebenswerk, aber „heute“ sind wir auch nicht Erich Trunz, der 1955 die Hamburger Ausgabe kommentiert (5. Auflage 1964, textkritisch durchgesehen von Lieselotte Blumenthal). — Zwei Interpretationen nach Trunz führt dann doch wieder die Frankfurter Ausgabe an:

Karl-Heinz Kausen, Goethes ‚Knabenmärchen‘ ‚Der neue Paris‘ — oder ‚Biographica und Ästhetica‘, in: Jb. d. dt. Schiller-Gesellschaft 24 [1980], S. 102–122; Ingrid Kreutzer, Strukturprinzipien in Goethes Märchen, in: Jb. d. dt. Schiller-Gesellschaft 21 [1977], S. 216–246.

Eine ähnlich inspirierte mythologische Neufassung nach Der neue Paris kam von Goethe erst wieder in Gestalt der neuen Melusine im dritten Buch der Wanderjahre zwischen 1821 und 1829, also im Alterswerk. „Paris“ meint deshalb den auf der vorderen Silbe betonten altgriechischen Sohn von Hektor und Kassandra, der vor lauter Diplomatie und Verliebtheit den Trojanischen Krieg ausgelöst hat, nicht das hässliche überteuerte Häusermeer fünf Stunden hinter Freiburg im Breisgau.

Rosengarten München, I thanked and she never knew what for, September 2015

——— Goethe:

Der neue Paris

in: Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit, 1808 bis 1831, Zweites Buch, cit. Hamburger Ausgabe:

Julian Mandel, Noyer StudiosDiesen so wie andre Wohlwollende konnte ich sehr glücklich machen, wenn ich ihnen Märchen erzählte, und besonders liebten sie, wenn ich in eigner Person sprach, und hatten eine große Freude, daß mir als ihrem Gespielen so wunderliche Dinge könnten begegnet sein, und dabei gar kein Arges, wie ich Zeit und Raum zu solchen Abenteuern finden können, da sie doch ziemlich wußten, wie ich beschäftigt war und wo ich aus und ein ging. Nicht weniger waren zu solchen Begebenheiten Lokalitäten, wo nicht aus einer andern Welt, doch gewiß aus einer andern Gegend nötig, und alles war doch erst heut oder gestern geschehen, sie mußten sich daher mehr selbst betrügen, als ich sie zum besten haben konnte. Und wenn ich nicht nach und nach, meinem Naturell gemäß, diese Luftgestalten und Windbeuteleien zu kunstmäßigen Darstellungen hätte verarbeiten lernen, so wären solche aufschneiderische Anfänge gewiß nicht ohne schlimme Folgen für mich geblieben.

Betrachtet man diesen Trieb recht genau, so möchte man in ihm diejenige Anmaßung erkennen, womit der Dichter selbst das Unwahrscheinlichste gebieterisch ausspricht, und von einem jeden fordert, er solle dasjenige für wirklich erkennen, was ihm, dem Erfinder, auf irgend eine Weise als wahr erscheinen konnte.

Was jedoch hier nur im allgemeinen und betrachtungsweise vorgetragen worden, wird vielleicht durch ein Beispiel, durch ein Musterstück angenehmer und anschaulicher werden. Ich füge daher ein solches Märchen bei, welches mir, da ich es meinen Gespielen oft wiederholen mußte, noch ganz wohl vor der Einbildungskraft und im Gedächtnis schwebt.

Der neue Paris,

Knabenmärchen

Julian Mandel, Noyer Studio series 370 via Grandma DidMir träumte neulich in der Nacht vor Pfingstsonntag, als stünde ich vor einem Spiegel und beschäftigte mich mit den neuen Sommerkleidern, welche mir die lieben Eltern auf das Fest hatten machen lassen. Der Anzug bestand, wie ihr wißt, in Schuhen von sauberem Leder, mit großen silbernen Schnallen, feinen baumwollenen Strümpfen, schwarzen Unterkleidern von Sarsche, und einem Rock von grünem Berkan mit goldnen Balletten. Die Weste dazu, von Goldstoff, war aus meines Vaters Bräutigamsweste geschnitten. Ich war frisiert und gepudert, die Locken standen mir wie Flügelchen vom Kopfe; aber ich konnte mit dem Anziehen nicht fertig werden, weil ich immer die Kleidungsstücke verwechselte, und weil mir immer das erste vom Leibe fiel, wenn ich das zweite umzunehmen gedachte. In dieser großen Verlegenheit trat ein junger schöner Mann zu mir und begrüßte mich aufs freundlichste. „Ei, seid mir willkommen!“ sagte ich, „es ist mir ja gar lieb, daß ich Euch hier sehe.“ – „Kennt Ihr mich denn?“ versetzte jener lächelnd. – „Warum nicht?“ war meine gleichfalls lächelnde Antwort. „Ihr seid Merkur, und ich habe Euch oft genug abgebildet gesehen.“ – „Das bin ich“, sagte jener, „und von den Göttern mit einem wichtigen Auftrag an dich gesandt. Siehst du diese drei Äpfel?“ – Er reichte seine Hand her und zeigte mir drei Äpfel, die sie kaum fassen konnte, und die ebenso wundersam schön als groß waren, und zwar der eine von roter, der andere von gelber, der dritte von grüner Farbe. Man mußte sie für Edelsteine halten, denen man die Form von Früchten gegeben. Ich wollte darnach greifen; er aber zog zurück und sagte: „Du mußt erst wissen, daß sie nicht für dich sind. Du sollst sie den drei schönsten jungen Leuten von der Stadt geben, welche sodann, jeder nach seinem Lose, Gattinnen finden sollen, wie sie solche nur wünschen können. Nimm, und mach deine Sachen gut!“ sagte er scheidend, und gab mir die Äpfel in meine offnen Hände; sie schienen mir noch größer geworden zu sein. Ich hielt sie darauf in die Höhe, gegen das Licht, und fand sie ganz durchsichtig; aber gar bald zogen sie sich aufwärts in die Länge und wurden zu drei schönen, schönen Frauenzimmerchen in mäßiger Puppengröße, deren Kleider von der Farbe der vorherigen Äpfel waren. So gleiteten sie sacht an meinen Fingern hinauf, und als ich nach ihnen haschen wollte um wenigstens eine festzuhalten, schwebten sie schon weit in der Höhe und Ferne, daß ich nichts als das Nachsehen hatte. Ich stand ganz verwundert und versteinert da, hatte die Hände noch in der Höhe und beguckte meine Finger, als wäre daran etwas zu sehen gewesen. Aber mit einmal erblickte ich auf meinen Fingerspitzen ein allerliebstes Mädchen herumtanzen, kleiner als jene, aber gar niedlich und munter; und weil sie nicht wie die andern fortflog, sondern verweilte, und bald auf diese bald auf jene Fingerspitze tanzend hin und her trat, so sah ich ihr eine Zeitlang verwundert zu. Da sie mir aber gar so wohl gefiel, glaubte ich sie endlich haschen zu können und dachte geschickt genug zuzugreifen; allein in dem Augenblick fühlte ich einen Schlag an den Kopf, so daß ich ganz betäubt niederfiel, und aus dieser Betäubung nicht eher erwachte, als bis es Zeit war mich anzuziehen und in die Kirche zu gehen.

Unter dem Gottesdienst wiederholte ich mir jene Bilder oft genug; auch am großelterlichen Tische, wo ich zu Mittag speiste. Nachmittags wollte ich einige Freunde besuchen, sowohl um mich in meiner neuen Kleidung, den Hut unter dem Arm und den Degen an der Seite, sehen zu lassen, als auch weil ich ihnen Besuche schuldig war. Ich fand niemanden zu Hause, und da ich hörte, daß sie in die Gärten gegangen, so gedachte ich ihnen zu folgen und den Abend vergnügt zuzubringen. Mein Weg führte mich den Zwinger hin, und ich kam in die Gegend, welche mit Recht den Namen „schlimme Mauer“ führt: denn es ist dort niemals ganz geheuer. Ich ging nur langsam und dachte an meine drei Göttinnen, besonders aber an die kleine Nymphe, und hielt meine Finger manchmal in die Höhe, in Hoffnung, sie würde so artig sein, wieder darauf zu balancieren. In diesen Gedanken vorwärts gehend erblickte ich, linker Hand, in der Mauer ein Pförtchen, das ich mich nicht erinnerte je gesehen zu haben. Es schien niedrig, aber der Spitzbogen drüber hätte den größten Mann hindurch gelassen. Bogen und Gewände waren aufs zierlichste vom Steinmetz und Bildhauer ausgemeißelt, die Türe selbst aber zog erst recht meine Aufmerksamkeit an sich. Braunes uraltes Holz, nur wenig verziert, war mit breiten, sowohl erhaben als vertieft gearbeiteten Bändern von Erz beschlagen, deren Laubwerk, worin die natürlichsten Vögel saßen, ich nicht genug bewundern konnte. Doch was mir das Merkwürdigste schien, kein Schlüsselloch war zu sehen, keine Klinke, kein Klopfer, und ich vermutete daraus, daß diese Türe nur von innen aufgemacht werde. Ich hatte mich nicht geirrt: denn als ich ihr näher trat, um die Zieraten zu befühlen, tat sie sich hineinwärts auf, und es erschien ein Mann, dessen Kleidung etwas Langes, Weites und Sonderbares hatte. Auch ein ehrwürdiger Bart umwölkte sein Kinn; daher ich ihn für einen Juden zu halten geneigt war. Er aber, eben als wenn er meine Gedanken erraten hätte, machte das Zeichen des heiligen Kreuzes, wodurch er mir zu erkennen gab, daß er ein guter katholischer Christ sei. – „Junger Herr, wie kommt Ihr hierher, und was macht Ihr da?“ sagte er mit freundlicher Stimme und Gebärde. – „Ich bewundre“, versetzte ich, „die Arbeit dieser Pforte: denn ich habe dergleichen noch niemals gesehen; es müßte denn sein auf kleinen Stücken in den Kunstsammlungen der Liebhaber.“ – „Es freut mich“, versetzte er darauf, „daß Ihr solche Arbeit liebt. Inwendig ist die Pforte noch viel schöner: tretet herein, wenn es Euch gefällt.“ Mir war bei der Sache nicht ganz wohl zu Mute. Die wunderliche Kleidung des Pförtners, die Abgelegenheit und ein sonst ich weiß nicht was, das in der Luft zu liegen schien, beklemmte mich. Ich verweilte daher, unter dem Vorwande, die Außenseite noch länger zu betrachten, und blickte dabei verstohlen in den Garten: denn ein Garten war es, der sich vor mir eröffnet hatte. Gleich hinter der Pforte sah ich einen großen beschatteten Platz; alte Linden, regelmäßig von einander abstehend, bedeckten ihn völlig mit ihren dicht in einander greifenden Ästen, so daß die zahlreichsten Gesellschaften in der größten Tageshitze sich darunter hätten erquicken können. Schon war ich auf die Schwelle getreten, und der Alte wußte mich immer um einen Schritt weiter zu locken. Ich widerstand auch eigentlich nicht: denn ich hatte jederzeit gehört, daß ein Prinz oder Sultan in solchem Falle niemals fragen müsse, ob Gefahr vorhanden sei. Hatte ich doch auch meinen Degen an der Seite; und sollte ich mit dem Alten nicht fertig werden, wenn er sich feindlich erweisen wollte? Ich trat also ganz gesichert hinein; der Pförtner drückte die Türe zu, die so leise einschnappte, daß ich es kaum spürte. Nun zeigte er mir die inwendig angebrachte, wirklich noch viel kunstreichere Arbeit, legte sie mir aus, und bewies mir dabei ein besonderes Wohlwollen. Hiedurch nun völlig beruhigt, ließ ich mich in dem belaubten Raume an der Mauer, die sich ins Runde zog, weiter führen, und fand manches an ihr zu bewundern. Nischen, mit Muscheln, Korallen und Metallstufen künstlich ausgeziert, gaben aus Tritonenmäulern reichliches Wasser in marmorne Becken; dazwischen waren Vogelhäuser angebracht und andre Vergitterungen, worin Eichhörnchen herumhüpften, Meerschweinchen hin und wider liefen, und was man nur sonst von artigen Geschöpfen wünschen kann. Die Vögel riefen und sangen uns an, wie wir vorschritten; die Stare besonders schwätzten das närrischste Zeug; der eine rief immer: „Paris, Paris“, und der andre: „Narziß, Narziß“, so deutlich, als es ein Schulknabe nur aussprechen kann. Der Alte schien mich immer ernsthaft anzusehen, indem die Vögel dieses riefen; ich tat aber nicht, als wenn ich’s merkte, und hatte auch wirklich nicht Zeit, auf ihn Acht zu geben: denn ich konnte wohl gewahr werden, daß wir in die Runde gingen, und daß dieser beschattete Raum eigentlich ein großer Kreis sei, der einen andern viel bedeutendern umschließe. Wir waren auch wirklich wieder bis ans Pförtchen gelangt, und es schien, als wenn der Alte mich hinauslassen wolle; allein meine Augen blieben auf ein goldnes Gitter gerichtet, welches die Mitte dieses wunderbaren Gartens zu umzäunen schien, und das ich auf unserm Gange hinlänglich zu beobachten Gelegenheit fand, ob mich der Alte gleich immer an der Mauer und also ziemlich entfernt von der Mitte zu halten wußte. Als er nun eben auf das Pförtchen losging, sagte ich zu ihm, mit einer Verbeugung: „Ihr seid so äußerst gefällig gegen mich gewesen, daß ich wohl noch eine Bitte wagen möchte, ehe ich von Euch scheide. Dürfte ich nicht jenes goldne Gitter näher besehen, das in einem sehr weiten Kreise das Innere des Gartens einzuschließen scheint?“ – „Recht gern“, versetzte jener; „aber sodann müßt Ihr Euch einigen Bedingungen unterwerfen.“ – „Worin bestehen sie?“ fragte ich hastig. – „Ihr müßt Euren Hut und Degen hier zurücklassen, und dürft mir nicht von der Hand, indem ich Euch begleite.“ – „Herzlich gern!“ erwiderte ich, und legte Hut und Degen auf die erste beste steinerne Bank. Sogleich ergriff er mit seiner Rechten meine Linke, hielt sie fest, und führte mich mit einiger Gewalt gerade vorwärts. Als wir ans Gitter kamen, verwandelte sich meine Verwunderung in Erstaunen: so etwas hatte ich nie gesehen. Auf einem hohen Sockel von Marmor standen unzählige Spieße und Partisanen neben einander gereiht, die durch ihre seltsam verzierten oberen Enden zusammenhingen und einen ganzen Kreis bildeten. Ich schaute durch die Zwischenräume, und sah gleich dahinter ein sanft fließendes Wasser, auf beiden Seiten mit Marmor eingefaßt, das in seinen klaren Tiefen eine große Anzahl von Gold- und Silberfischen sehen ließ, die sich bald sachte bald geschwind, bald einzeln bald zugweise hin und her bewegten. Nun hätte ich aber auch gern über den Kanal gesehen, um zu erfahren, wie es in dem Herzen des Gartens beschaffen sei; allein da fand ich zu meiner großen Betrübnis, daß an der Gegenseite das Wasser mit einem gleichen Gitter eingefaßt war, und zwar so künstlicher Weise, daß auf einen Zwischenraum diesseits gerade ein Spieß oder eine Partisane jenseits paßte, und man also, die übrigen Zieraten mitgerechnet, nicht hindurchsehen konnte, man mochte sich stellen, wie man wollte. Überdies hinderte mich der Alte, der mich noch immer festhielt, daß ich mich nicht frei bewegen konnte. Meine Neugier wuchs indes, nach allem, was ich gesehen, immer mehr, und ich nahm mir ein Herz, den Alten zu fragen, ob man nicht auch hinüber kommen könne. – „Warum nicht?“ versetzte jener; „aber auf neue Bedingungen.“ – Als ich nach diesen fragte, gab er mir zu erkennen, daß ich mich umkleiden müsse. Ich war es sehr zufrieden; er führte mich zurück nach der Mauer in einen kleinen reinlichen Saal, an dessen Wänden mancherlei Kleidungen hingen, die sich sämtlich dem orientalischen Kostüm zu nähern schienen. Ich war geschwind umgekleidet; er streifte meine gepuderten Haare unter ein buntes Netz, nachdem er sie zu meinem Entsetzen gewaltig ausgestäubt hatte. Nun fand ich mich vor einem großen Spiegel in meiner Vermummung gar hübsch, und gefiel mir besser als in meinem steifen Sonntagskleide. Ich machte einige Gebärden und Sprünge, wie ich sie von den Tänzern auf dem Meßtheater gesehen hatte. Unter diesem sah ich in den Spiegel und erblickte zufällig das Bild einer hinter mir befindlichen Nische. Auf ihrem weißen Grunde hingen drei grüne Strickchen, jedes in sich auf eine Weise verschlungen, die mir in der Ferne nicht deutlich werden wollte. Ich kehrte mich daher etwas hastig um, und fragte den Alten nach der Nische so wie nach den Strickchen. Er, ganz gefällig, holte eins herunter und zeigte es mir. Es war eine grünseidene Schnur von mäßiger Stärke, deren beide Enden, durch ein zwiefach durchschnittenes grünes Leder geschlungen, ihr das Ansehn gaben, als sei es ein Werkzeug zu einem eben nicht sehr erwünschten Gebrauch. Die Sache schien mir bedenklich, und ich fragte den Alten nach der Bedeutung. Er antwortete mir ganz gelassen und gütig: es sei dieses für diejenigen, welche das Vertrauen mißbrauchten, das man ihnen hier zu schenken bereit sei. Er hing die Schnur wieder an ihre Stelle und verlangte sogleich, daß ich ihm folgen solle: denn diesmal faßte er mich nicht an, und so ging ich frei neben ihm her.

Julian Mandel, Noyer Studio series 370 via Grandma DidMeine größte Neugier war nunmehr, wo die Türe, wo die Brücke sein möchte, um durch das Gitter, um über den Kanal zu kommen: denn ich hatte dergleichen bis jetzt noch nicht ausfindig machen können. Ich betrachtete daher die goldene Umzäunung sehr genau, als wir darauf zueilten; allein augenblicklich verging mir das Gesicht: denn unerwartet begannen Spieße, Speere, Hellebarden, Partisanen sich zu rütteln und zu schütteln, und diese seltsame Bewegung endigte damit, daß die sämtlichen Spitzen sich gegen einander senkten, eben als wenn zwei altertümliche, mit Piken bewaffnete Heerhaufen gegen einander losgehen wollten. Die Verwirrung fürs Auge, das Geklirr für die Ohren war kaum zu ertragen, aber unendlich überraschend der Anblick, als sie völlig niedergelassen den Kreis des Kanals bedeckten und die herrlichste Brücke bildeten, die man sich denken kann: denn nun lag das bunteste Gartenparterre vor meinem Blick. Es war in verschlungene Beete geteilt, welche zusammen betrachtet ein Labyrinth von Zieraten bildeten; alle mit grünen Einfassungen von einer niedrigen, wollig wachsenden Pflanze, die ich nie gesehen; alle mit Blumen, jede Abteilung von verschiedener Farbe, die, ebenfalls niedrig und am Boden, den vorgezeichneten Grundriß leicht verfolgen ließen. Dieser köstliche Anblick, den ich in vollem Sonnenschein genoß, fesselte ganz meine Augen; aber ich wußte fast nicht, wo ich den Fuß hinsetzen sollte: denn die schlängelnden Wege waren aufs reinlichste von blauem Sande gezogen, der einen dunklern Himmel, oder einen Himmel im Wasser, an der Erde zu bilden schien; und so ging ich, die Augen auf den Boden gerichtet, eine Zeitlang neben meinem Führer, bis ich zuletzt gewahr ward, daß in der Mitte von diesem Beeten- und Blumenrund ein großer Kreis von Zypressen oder pappelartigen Bäumen stand, durch den man nicht hindurchsehen konnte, weil die untersten Zweige aus der Erde hervorzutreiben schienen. Mein Führer, ohne mich gerade auf den nächsten Weg zu drängen, leitete mich doch unmittelbar nach jener Mitte, und wie war ich überrascht, als ich, in den Kreis der hohen Bäume tretend, die Säulenhalle eines köstlichen Gartengebäudes vor mir sah, das nach den übrigen Seiten hin ähnliche Ansichten und Eingänge zu haben schien. Noch mehr aber als dieses Muster der Baukunst entzückte mich eine himmlische Musik, die aus dem Gebäude hervordrang. Bald glaubte ich eine Laute, bald eine Harfe, bald eine Zither zu hören, und bald noch etwas Klimperndes, das keinem von diesen drei Instrumenten gemäß war. Die Pforte, auf die wir zugingen, eröffnete sich bald nach einer leisen Berührung des Alten; aber wie erstaunt war ich, als die heraustretende Pförtnerin ganz vollkommen dem niedlichen Mädchen glich, das mir im Traume auf den Fingern getanzt hatte. Sie grüßte mich auch auf eine Weise, als wenn wir schon bekannt wären, und bat mich hereinzutreten. Der Alte blieb zurück, und ich ging mit ihr durch einen gewölbten und schön verzierten kurzen Gang nach dem Mittelsaal, dessen herrliche domartige Höhe beim Eintritt meinen Blick auf sich zog und mich in Verwunderung setzte. Doch konnte mein Auge nicht lange dort verweilen, denn es ward durch ein reizenderes Schauspiel herabgelockt. Auf einem Teppich, gerade unter der Mitte der Kuppel, saßen drei Frauenzimmer im Dreieck, in drei verschiedene Farben gekleidet, die eine rot, die andre gelb, die dritte grün; die Sessel waren vergoldet, und der Teppich ein vollkommenes Blumenbeet. In ihren Armen lagen die drei Instrumente, die ich draußen hatte unterscheiden können: denn durch meine Ankunft gestört, hatten sie mit Spielen inne gehalten. – „Seid uns willkommen!“ sagte die mittlere, die nämlich, welche mit dem Gesicht nach der Türe saß, im roten Kleide und mit der Harfe. „Setzt Euch zu Alerten und hört zu, wenn Ihr Liebhaber von der Musik seid.“ Nun sah ich erst, daß unten quervor ein ziemlich langes Bänkchen stand, worauf eine Mandoline lag. Das artige Mädchen nahm sie auf, setzte sich und zog mich an ihre Seite. Jetzt betrachtete ich auch die zweite Dame zu meiner Rechten; sie hatte das gelbe Kleid an, und eine Zither in der Hand; und wenn jene Harfenspielerin ansehnlich von Gestalt, groß von Gesichtszügen, und in ihrem Betragen majestätisch war, so konnte man der Zitherspielerin ein leicht anmutiges heitres Wesen anmerken. Sie war eine schlanke Blondine, da jene dunkelbraunes Haar schmückte. Die Mannigfaltigkeit und Übereinstimmung ihrer Musik konnte mich nicht abhalten, nun auch die dritte Schönheit im grünen Gewande zu betrachten, deren Lautenspiel etwas Rührendes und zugleich Auffallendes für mich hatte. Sie war diejenige, die am meisten auf mich Acht zu geben und ihr Spiel an mich zu richten schien; nur konnte ich aus ihr nicht klug werden: denn sie kam mir bald zärtlich, bald wunderlich, bald offen, bald eigensinnig vor, je nachdem sie die Mienen und ihr Spiel veränderte. Bald schien sie mich rühren, bald mich necken zu wollen. Doch mochte sie sich stellen wie sie wollte, so gewann sie mir wenig ab: denn meine kleine Nachbarin, mit der ich Ellbogen an Ellbogen saß, hatte mich ganz für sich eingenommen; und wenn ich in jenen drei Damen ganz deutlich die Sylphiden meines Traums und die Farben der Äpfel erblickte, so begriff ich wohl, daß ich keine Ursache hätte, sie festzuhalten. Die artige Kleine hätte ich lieber angepackt, wenn mir nur nicht der Schlag, den sie mir im Traume versetzt hatte, gar zu erinnerlich gewesen wäre. Sie hielt sich bisher mit ihrer Mandoline ganz ruhig; als aber ihre Gebieterinnen aufgehört hatten, so befahlen sie ihr, einige lustige Stückchen zum besten zu geben. Kaum hatte sie einige Tanzmelodien gar aufregend abgeklimpert, so sprang sie in die Höhe; ich tat das gleiche. Sie spielte und tanzte; ich ward hingerissen, ihre Schritte zu begleiten, und wir führten eine Art von kleinem Ballett auf, womit die Damen zufrieden zu sein schienen: denn sobald wir geendigt, befahlen sie der Kleinen, mich derweil mit etwas Gutem zu erquicken, bis das Nachtessen herankäme. Ich hatte freilich vergessen, daß außer diesem Paradiese noch etwas anderes in der Welt wäre. Alerte führte mich sogleich in den Gang zurück, durch den ich hereingekommen war. An der Seite hatte sie zwei wohleingerichtete Zimmer; in dem einen, wo sie wohnte, setzte sie mir Orangen, Feigen, Pfirschen und Trauben vor, und ich genoß sowohl die Früchte fremder Länder, als auch die der erst kommenden Monate mit großem Appetit. Zuckerwerk war im Überfluß; auch füllte sie einen Pokal von geschliffnem Kristall mit schäumendem Wein: doch zu trinken bedurfte ich nicht, denn ich hatte mich an den Früchten hinreichend gelabt. – „Nun wollen wir spielen“, sagte sie und führte mich in das andere Zimmer. Hier sah es nun aus wie auf einem Christmarkt; aber so kostbare und feine Sachen hat man niemals in einer Weihnachtsbude gesehen. Da waren alle Arten von Puppen, Puppenkleidern und Puppengerätschaften; Küchen, Wohnstuben und Läden; und einzelne Spielsachen in Unzahl. Sie führte mich an allen Glasschränken herum: denn in solchen waren diese künstlichen Arbeiten aufbewahrt. Die ersten Schränke verschloß sie aber bald wieder und sagte: „Das ist nichts für Euch, ich weiß es wohl. Hier aber“, sagte sie, „könnten wir Baumaterialien finden, Mauern und Türme, Häuser, Paläste, Kirchen, um eine große Stadt zusammenzustellen. Das unterhält mich aber nicht; wir wollen zu etwas anderem greifen, das für Euch und mich gleich vergnüglich ist.“ – Sie brachte darauf einige Kasten hervor, in denen ich kleines Kriegsvolk über einander geschichtet erblickte, von dem ich sogleich bekennen mußte, daß ich niemals so etwas Schönes gesehen hätte. Sie ließ mir die Zeit nicht, das einzelne näher zu betrachten, sondern nahm den einen Kasten unter den Arm, und ich packte den andern auf. „Wir wollen auf die goldne Brücke gehen“, sagte sie; „dort spielt sich’s am besten mit Soldaten: die Spieße geben gleich die Richtung, wie man die Armeen gegen einander zu stellen hat.“ Nun waren wir auf dem goldnen schwankenden Boden angelangt; unter mir hörte ich das Wasser rieseln und die Fische plätschern, indem ich niederkniete, meine Linien aufzustellen. Es war alles Reiterei, wie ich nunmehr sah. Sie rühmte sich, die Königin der Amazonen zum Führer ihres weiblichen Heeres zu besitzen; ich dagegen fand den Achill und eine sehr stattliche griechische Reiterei. Die Heere standen gegen einander, und man konnte nichts Schöneres sehen. Es waren nicht etwa flache bleierne Reiter, wie die unsrigen, sondern Mann und Pferd rund und körperlich, und auf das feinste gearbeitet; auch konnte man kaum begreifen, wie sie sich im Gleichgewicht hielten: denn sie standen für sich, ohne ein Fußbrettchen zu haben.

Wir hatten nun jedes mit großer Selbstzufriedenheit unsere Heerhaufen beschaut, als sie mir den Angriff verkündigte. Wir hatten auch Geschütz in unsern Kästen gefunden; es waren nämlich Schachteln voll kleiner wohlpolierter Achatkugeln. Mit diesen sollten wir aus einer gewissen Entfernung gegen einander kämpfen, wobei jedoch ausdrücklich bedungen war, daß nicht stärker geworfen werde, als nötig sei, die Figuren umzustürzen: denn beschädigt sollte keine werden. Wechselseitig ging nun die Kanonade los, und im Anfang wirkte sie zu unser beider Zufriedenheit. Allein als meine Gegnerin bemerkte, daß ich doch besser zielte als sie, und zuletzt den Sieg, der von der Überzahl der Stehngebliebenen abhing, gewinnen möchte, trat sie näher, und ihr mädchenhaftes Werfen hatte denn auch den erwünschten Erfolg. Sie streckte mir eine Menge meiner besten Truppen nieder, und je mehr ich protestierte, desto eifriger warf sie. Dies verdroß mich zuletzt, und ich erklärte, daß ich ein gleiches tun würde. Ich trat auch wirklich nicht allein näher heran, sondern warf im Unmut viel heftiger, da es denn nicht lange währte, als ein paar ihrer kleinen Zentaurinnen in Stücke sprangen. In ihrem Eifer bemerkte sie es nicht gleich; aber ich stand versteinert, als die zerbrochnen Figürchen sich von selbst wieder zusammenfügten, Amazone und Pferd wieder ein Ganzes, auch zugleich völlig lebendig wurden, im Galopp von der goldnen Brücke unter die Linden setzten, und, in Karriere hin und wider rennend, sich endlich gegen die Mauer, ich weiß nicht wie, verloren. Meine schöne Gegnerin war das kaum gewahr worden, als sie in ein lautes Weinen und Jammern ausbrach und rief: daß ich ihr einen unersetzlichen Verlust zugefügt, der weit größer sei, als es sich aussprechen lasse. Ich aber, der ich schon erbost war, freute mich ihr etwas zu Leide zu tun, und warf noch ein paar mir übrig gebliebene Achatkugeln blindlings mit Gewalt unter ihren Heerhaufen. Unglücklicherweise traf ich die Königin, die bisher bei unserm regelmäßigen Spiel ausgenommen gewesen. Sie sprang in Stücken, und ihre nächsten Adjutanten wurden auch zerschmettert; aber schnell stellten sie sich wieder her und nahmen Reißaus wie die ersten, galoppierten sehr lustig unter den Linden herum und verloren sich gegen die Mauer.

Julian Mandel, Noyer Studio series 370 via Grandma DidMeine Gegnerin schalt und schimpfte; ich aber, nun einmal im Gange, bückte mich, einige Achatkugeln aufzuheben, welche an den goldnen Spießen herumrollten. Mein ergrimmter Wunsch war, ihr ganzes Heer zu vernichten; sie dagegen, nicht faul, sprang auf mich los und gab mir eine Ohrfeige, daß der Kopf summte. Ich, der ich immer gehört hatte, auf die Ohrfeige eines Mädchens gehöre ein derber Kuß, faßte sie bei den Ohren und küßte sie zu wiederholten Malen. Sie aber tat einen solchen durchdringenden Schrei, der mich selbst erschreckte; ich ließ sie fahren, und das war mein Glück: denn in dem Augenblick wußte ich nicht, wie mir geschah. Der Boden unter mir fing an zu beben und zu rasseln; ich merkte geschwind, daß sich die Gitter wieder in Bewegung setzten: allein ich hatte nicht Zeit zu überlegen, noch konnte ich Fuß fassen, um zu fliehen. Ich fürchtete jeden Augenblick gespießt zu werden: denn die Partisanen und Lanzen, die sich aufrichteten, zerschlitzten mir schon die Kleider; genug, ich weiß nicht, wie mir geschah, mir verging Hören und Sehen, und ich erholte mich aus meiner Betäubung, von meinem Schrecken am Fuß einer Linde, wider den mich das aufschnellende Gitter geworfen hatte. Mit dem Erwachen erwachte auch meine Bosheit, die sich noch heftig vermehrte, als ich von drüben die Spottworte und das Gelächter meiner Gegnerin vernahm, die an der andern Seite, etwas gelinder als ich, mochte zur Erde gekommen sein. Daher sprang ich auf, und als ich rings um mich das kleine Heer nebst seinem Anführer Achill, welche das auffahrende Gitter mit mir herüber geschnellt hatte, zerstreut sah, ergriff ich den Helden zuerst und warf ihn wider einen Baum. Seine Wiederherstellung und seine Flucht gefielen mir nun doppelt, weil sich die Schadenfreude zu dem artigsten Anblick von der Welt gesellte, und ich war im Begriff, die sämtlichen Griechen ihm nachzuschicken, als auf einmal zischende Wasser von allen Seiten her, aus Steinen und Mauern, aus Boden und Zweigen hervorsprühten, und, wo ich mich hinwendete, kreuzweise auf mich lospeitschten. Mein leichtes Gewand war in kurzer Zeit völlig durchnäßt; zerschlitzt war es schon, und ich säumte nicht, es mir ganz vom Leibe zu reißen. Die Pantoffeln warf ich von mir, und so eine Hülle nach der andern; ja ich fand es endlich bei dem warmen Tage sehr angenehm, ein solches Strahlbad über mich ergehen zu lassen. Ganz nackt schritt ich nun gravitätisch zwischen diesen willkommnen Gewässern einher, und dachte, mich lange so wohl befinden zu können. Mein Zorn verkühlte sich, und ich wünschte nichts mehr als eine Versöhnung mit meiner kleinen Gegnerin. Doch in einem Nu schnappten die Wasser ab, und ich stand nun feucht auf einem durchnäßten Boden. Die Gegenwart des alten Mannes, der unvermutet vor mich trat, war mir keineswegs willkommen; ich hätte gewünscht, mich, wo nicht verbergen, doch wenigstens verhüllen zu können. Die Beschämung, der Frostschauer, das Bestreben, mich einigermaßen zu bedecken, ließen mich eine höchst erbärmliche Figur spielen; der Alte benutzte den Augenblick, um mir die größesten Vorwürfe zu machen. „Was hindert mich“, rief er aus, „daß ich nicht eine der grünen Schnuren ergreife und sie, wo nicht Eurem Hals, doch Eurem Rücken anmesse!“ Diese Drohung nahm ich höchst übel. „Hütet Euch“, rief ich aus, „vor solchen Worten, ja nur vor solchen Gedanken: denn sonst seid Ihr und Eure Gebieterinnen verloren!“ – „Wer bist denn du“, fragte er trutzig, „daß du so reden darfst?“ – „Ein Liebling der Götter“, sagte ich, „von dem es abhängt, ob jene Frauenzimmer würdige Gatten finden und ein glückliches Leben führen sollen, oder ob er sie will in ihrem Zauberkloster verschmachten und veralten lassen.“ – Der Alte trat einige Schritte zurück. „Wer hat dir das offenbart?“ fragte er erstaunt und bedenklich. – „Drei Äpfel“, sagte ich, „drei Juwelen.“ – „Und was verlangst du zum Lohn?“ rief er aus. – „Vor allen Dingen das kleine Geschöpf“, versetzte ich, „die mich in diesen verwünschten Zustand gebracht hat.“ – Der Alte warf sich vor mir nieder, ohne sich vor der noch feuchten und schlammigen Erde zu scheuen; dann stand er auf, ohne benetzt zu sein, nahm mich freundlich bei der Hand, führte mich in jenen Saal, kleidete mich behend wieder an, und bald war ich wieder sonntägig geputzt und frisiert wie vorher. Der Pförtner sprach kein Wort weiter aber ehe er mich über die Schwelle ließ, hielt er mich an, und deutete mir auf einige Gegenstände an der Mauer drüben über den Weg, indem er zugleich rückwärts auf das Pförtchen zeigte. Ich verstand ihn wohl, er wollte nämlich, daß ich mir die Gegenstände einprägen möchte, um das Pförtchen desto gewisser wieder zu finden, welches sich unversehens hinter mir zuschloß. Ich merkte mir nun wohl, was mir gegenüber stand. Über eine hohe Mauer ragten die Äste uralter Nußbäume herüber, und bedeckten zum Teil das Gesims, womit sie endigte. Die Zweige reichten bis an eine steinerne Tafel, deren verzierte Einfassung ich wohl erkennen, deren Inschrift ich aber nicht lesen konnte. Sie ruhte auf dem Kragstein einer Nische, in welcher ein künstlich gearbeiteter Brunnen, von Schale zu Schale, Wasser in ein großes Becken goß, das wie einen kleinen Teich bildete und sich in die Erde verlor. Brunnen, Inschrift, Nußbäume alles stand senkrecht über einander; ich wollte es malen, wie ich es gesehn habe.

Nun läßt sich wohl denken, wie ich diesen Abend und manchen folgenden Tag zubrachte, und wie oft ich mir diese Geschichten, die ich kaum selbst glauben konnte, wiederholte. Sobald mir’s nur irgend möglich war, ging ich wieder zur „schlimmen Mauer“, um wenigstens jene Merkzeichen im Gedächtnis anzufrischen und das köstliche Pförtchen zu beschauen. Allein zu meinem größten Erstaunen fand ich alles verändert. Nußbäume ragten wohl über die Mauer, aber sie standen nicht unmittelbar neben einander. Eine Tafel war auch eingemauert, aber von den Bäumen weit rechts, ohne Verzierung, und mit einer leserlichen Inschrift. Eine Nische mit einem Brunnen findet sich weit links, der aber jenem, den ich gesehen, durchaus nicht zu vergleichen ist; so daß ich beinahe glauben muß, das zweite Abenteuer sei so gut als das erste ein Traum gewesen: denn von dem Pförtchen findet sich überhaupt gar keine Spur. Das einzige, was mich tröstet, ist die Bemerkung, daß jene drei Gegenstände stets den Ort zu verändern scheinen: denn bei wiederholtem Besuch jener Gegend glaube ich bemerkt zu haben, daß die Nußbäume etwas zusammenrücken, und daß Tafel und Brunnen sich ebenfalls zu nähern scheinen. Wahrscheinlich, wenn alles wieder zusammentrifft, wird auch die Pforte von neuem sichtbar sein, und ich werde mein mögliches tun, das Abenteuer wieder anzuknüpfen. Ob ich euch erzählen kann, was weiter begegnet, oder ob es mir ausdrücklich verboten wird, weiß ich nicht zu sagen.

~~~\~~~~~~~/~~~

Modeling skills were not a requirement for the job, Grandma DidDieses Märchen, von dessen Wahrheit meine Gespielen sich leidenschaftlich zu überzeugen trachteten, erhielt großen Beifall. Sie besuchten, jeder allein, ohne es mir oder den andern zu vertrauen, den angedeuteten Ort, fanden die Nußbäume, die Tafel und den Brunnen, aber immer entfernt von einander: wie sie zuletzt bekannten, weil man in jenen Jahren nicht gern ein Geheimnis verschweigen mag. Hier ging aber der Streit erst an. Der eine versicherte: die Gegenstände rückten nicht vom Flecke und blieben immer in gleicher Entfernung unter einander. Der zweite behauptete: sie bewegten sich, aber sie entfernten sich von einander. Mit diesem war der dritte über den ersten Punkt der Bewegung einstimmig, doch schienen ihm Nußbäume, Tafel und Brunnen sich vielmehr zu nähern. Der vierte wollte noch was Merkwürdigeres gesehen haben: die Nußbäume nämlich in der Mitte, die Tafel aber und den Brunnen auf den entgegengesetzten Seiten, als ich angegeben. In Absicht auf die Spur des Pförtchens variierten sie auch. Und so gaben sie mir ein frühes Beispiel, wie die Menschen von einer ganz einfachen und leicht zu erörternden Sache die widersprechendsten Ansichten haben und behaupten können. Als ich die Fortsetzung meines Märchens hartnäckig verweigerte, ward dieser erste Teil öfters wieder begehrt. Ich hütete mich, an den Umständen viel zu verändern, und durch die Gleichförmigkeit meiner Erzählung verwandelte ich in den Gemütern meiner Zuhörer die Fabel in Wahrheit.

Rosengarten München, I thanked her and she never knew what for, September 2015

Geheime Gartenbilder: Julian Mandel: Noyer Studio series 370 via Grandma Did;
Julian Mandel: andere Serien aus den Noyer Studios via Grandma Did;
Rosengarten München: I thanked her and she never knew what for, Ende September 2015 —
und eins meiner allerliebsten Bilder überhaupt:
Modeling skills were not a requirement for the job via Grandma Did.

Soundtrack: Linda Ronstadt: Winter Light, aus: Winter Light, 1993 — das Nachspannlied aus der Verfilmung von The Secret Garden von 1993. Das hätte sich der Herr Geheimrat auch nicht träumen lassen, dass er zum 267. Geburtstag mal ein Ständchen von einer inzwischen 70-jährigen arizonischen Country-Rockerin mit elf Grammys und einem Emmy (und Parkinson) kriegt.

Bonus Track: Die Vollversion The Secret Garden von 1987, weil ich Gennie James so galoppierend putzig finde. 100 Minuten; Herr Geheimrat dürfen sich liebend gern dazugesellen, und die Geburtstagsfeier ist gerettet.

Alles Gute zum 267., Exzellenz.

Written by Wolf

26. August 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Grünzeug & Wunderblätter, Klassik

Doktor Faustus goes Science Fiction

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Update zu Moby Dünn:

Auf den Schultern von Riesen stehen nicht immer nur Zwerge, und Zwerge stellen sich nicht immer auf die Schultern von Riesen. Auf den Schultern von Naturwissenschaftlern stehen oft Geisteswissenschaftler, umgekehrt ist es zwar nicht seltener, es fällt nur nicht so auf.

Science and Mechanics, SCIENCE NEWS of the MONTH, Februar 1936 via Modern Mechanix. Yesterday's tomorrow, todayEs wird noch verwirrender. Thomas Mann zum Beispiel. Bekannt und zu Recht sehr gelobt für seine entwaffnend genaue Beobachtungsgabe, aber nicht gerade für komplexe Handlungsverläufe, wollte Thomas Mann nicht schwul sein, sondern vielmehr Goethe. Schwul hätte man ihm seinerzeit niemals verziehen, aber wenigstens geglaubt, dagegen kann sich niemand auf egal wessen Schultern stellen und behaupten, er sei Goethe. Das Thema, welches davon Thomas Manns größeres Lebensdrama war, ist zur Bearbeitung freigegeben.

Wir dürfen uns jedoch darauf einigen, dass Thomas Mann nicht auf der Brennsuppe dahergeschwommen ist, sondern natürlich aus Quellen schöpfen und sich auf die Schultern großer und kleiner Vorgänger stellen musste, um immerhin Thomas Mann zu werden. Am klarsten sind die Quellen bei offenen Umdeutungen und Fortführungen klassischer Stoffe wie in den Joseph-Romanen, Lotte in Weimar — und Doktor Faustus.

Die in aller Klarheit sprudelnde Quelle für den letzteren ist die komplette Faust-Mythologie, an deren Ende er steht, vorneweg das Volksbuch Historia von D. Johann Fausten von Johann Spies 1587, gar nicht so sehr Goethes zweiteilige Tragödie: Wahrscheinlich war sich Thomas Mann selbst Goethes genug — ein weiteres Thema, das zur Bearbeitung freigegeben bleibt.

Weil in einem selbstverfassten, populär gemeinten Volksbuch eines Akzidenzendruckers von 1587 nicht die Weisheit und Technologie des frühen 20. Jahrhunderts versammelt sein kann, musste Thomas Mann richtig recherchieren. Die musikwissenschaftlichen Teile ließ er sich von Adorno schreiben — ein Thema, das schon ausreichend zur Bearbeitung und Häme freigegeben war — und nur die naturwissenschaftlichen musste er aus der Zeitung beziehen. In Kapitel XXVII von Doktor Faustus unternimmt der „Faustus“ Adrian Leverkühn unter fachkundiger Führung des Gelehrten Capercailzie eine Tiefseefahrt in einer Tauchkugel und eine Weltraumfahrt — vielleicht. Er erzählt nämlich nur von seinen unwahrscheinlichen Abenteuerfahrten, aber eben so genau, dass er einfach vor Ort gewesen sein muss. Die Romantatsachen bleiben offen, unbekannt für den Erzähler Leverkühn, dessen Erzähler Serenus Zeitblom und wahrscheinlich auch wiederum dessen Erzähler Thomas Mann.

Thomas Manns Informationsquellen über Tiefsee und Weltall werden in der Großen Kommentierten Frankfurter Ausgabe genannt; die Zeitungsausschnitte existieren im Nachlass. Der amerikanische übers Weltall — siehe unten — existiert sogar frei zugänglich in Google News, und zwar ohne Bezug auf irgendwelche deutsche Nachkriegsliteratur, was seine Glaubwürdigkeit sogar noch erhöht. Es folgen Thomas Manns Quellen für seine Retro-Science-Fiction-Passagen im Wortlaut, garniert mit möglichst themennahen zeitgenössischen Bildern (und den paar wenigen relevanten Weltraumliedern, die es überhaupt gibt).

UNDER-SEA TRACTOR-SPHERE ROAMS OCEAN FLOOR, Modern Mechanix, January 1935

——— Anonymer Artikel:

Die Wunder der Meerestiefe

Ein neuer Tiefenrekord — 830 Meter unter der Seeoberfläche.

in: Prager Presse, 14. August 1934, Seite 4:

Hamilton (Bermuda-Inseln), 13. Aug. Die amerikanischen Forscher Dr. William Beebe und Otis Barton stellten in ihrer kugelförmigen „Bathysphere„, 8 Seemeilen östlich von St. Georg, einen neuen Tiefenrekord auf. Sie erreichten eine Tiefe von 765 Metern unter der Meeresoberfläche. Die Forscher verblieben drei Stunden unter Wasser und machten in großer Tiefe Kino-Aufnahmen durch Quarzfenster mittels Starkstrom-Scheinwerfern. Sie gaben telephonisch fortlaufend eine Beschreibung ihrer Erlebnisse und berichteten, daß das Tageslicht bis in eine Tiefe von 57 m dringe und daß in größerer Tiefe die Tier- und Pflanzenwelt unvorstellbare Formen an Zahl und Schönheit aufweise.

UNDER-SEA TRACTOR-SPHERE ROAMS OCEAN FLOOR, Modern Mechanix, January 1935Die „Bathysphere“ hat 2 m Durchmesser, ist 2 Tonnen schwer und ähnlich ausgerüstet wie ein Stratosphärenballon.

INS. Hamilton (Bermuda-Inseln), 13. August. Der amerikanische Tiefseeforscher Dr. William Beebe will seinen Verusuch bereits in den nächsten Tagen wiederholen und möglichst auf 1000 m gehen. Der Tauchapparat Bartons besteht aus einer völlig wasserdicht verschließbaren Kugel von einem Innendurchmesser von nur 1,20 Meter, so daß die beiden Insassen die 3 Stunden u. 5 Minuten, während der sie sich unter Wasser befanden, in denkbar unbequemer Stellung verbringen mußten.

Ueber die Fülle der sich ihren Augen enthüllenden Wunder der Tiefsee gab Dr. Beebe folgende begeisterte Schilderung:

„Die menschliche Sprache ist zu arm, um die Herrlichkeit und Pracht der Natur zu schildern, die uns die Tiefe bisher verborgen hat. Wir bestiegen um 9 Uhr morgens unsere Tauchergondel, die 400 Pfund schwere Panzertür wurde hinter uns versperrt und wir wurden langsam durch den Kran des Begleitschiffes ins Wasser gelassen. Anfangs umfing uns das kristallklare von der Sonne durchleuchtete Wasser, allmählich nahm das Wasser eine graue Farbe an, die dann in ein undefinierbares Blau überging. Bei 2500 Fuß, der größten von uns erreichten Tiefe, war das Wasser schließlich ganz schwarz. In dieser Tiefe war unser Tauchapparat dem enormen Druck von 500.000 Tonnen ausgesetzt. Die Temperatur in der Gondel betrug 6 Grad Celsius. Wir wußten nicht, ob unsere Kugel bei einem noch größeren Druck weiter dicht halten würde, außerdem ging unser Sauerstoffvorrat zu Ende, so daß wir uns nach halbstündigem Aufenthalt und einer Gesamttauchzeit von 3 Stunden 5 Minuten entschließen mußten, das Signal zum Hochziehen zu geben. Vor unseren begeisterten Augen zog das leben der Tiefsee in seinen hundertfältigen unbeschreiblichen Formen vorüber. Mit Hilfe unseres starken Scheinwerfers erleuchteten wir das uns umgebende Wasser, in das noch nie ein Sonnenstrahl gedrungen war. Fische von phantastischen, beinahe unvorstellbaren Formen huschten an dem Fenster der Gondel vorbei. Wir haben viele Arten gesehen, von denen die Wissenschaft sich noch nichts träumen ließ. Erstaunt war ich über die Größe der in dieser Tiefe noch lebenden Fische, von denen einige eine Länge von 2 m erreichten. Wenn wir das Licht unseres Scheinwerfers in der dunklen Wassertiefe verlöschten, enthüllte sich uns ein weiteres Wunder. Das Meer irrlichterte weithin von den Bewohnern der Tiefsee, von denen jeder ein einzigartig phosphoreszierendes Licht ausstrahlte, das vielleicht ebenso zur Beleuchtung als auch zum Anlocken von Beute dienen soll.

Mancher Fisch strahlt ein so helles Licht aus, daß unsere Augen beinahe geblendet wurden, wenn das Tier in die Nähe unseres Fensters kam. Einige größere Fische stießen mit unserer Gondel zusammen und wir sahen, wie sie in Stücke zerplatzten. Am schönsten war ein Fisch, den wir in 800 Meter Tiefe sahen. Er erschien uns fleischfarben und war ebenfalls mit einem starken Licht ausgestattet. Es ist schade, daß wir die Tiere nicht mit an die Oberfläche bringen konnten, um sie hier einer wissenschaftlichen Untersuchung zugänglich zu machen. Der Erfinder unseres Tauchapparates will eine besondere Vorrichtung herstellen, mit deren Hilfe wir die Bewohner der Tiefsee einfangen und sie mit gleichbleibenden Druck mit an die Oberfläche nehmen können. Nach einem weiteren Tauchversuch, bei dem wir, wie gesagt, 3000 Fuß tief gehen wollen, werde ich meine Tiefenforschung vielleicht auch in europäischen Gewässern fortsetzen. Ich nehme jedoch an, daß das Leben der Tiefsee über all gleich ist und daß wir dort keine anderen Abarten von Lebewesen entdecken werden, als bei der Bermuda-Inseln.“

UNDER-SEA TRACTOR-SPHERE ROAMS OCEAN FLOOR, Modern Mechanix, January 1935

Der Astronom ist gewohnt, mit ungeheuren Zahlen und hohen Geschwindigkeiten zu rechnen.

Kapitel XVII, a. a. O.

——— Robert D. Potter, Science Editor:

We Live INSIDE a Globe, Too

Our Earth’s Just a Speck in a Flat Galaxy Which, Science Now Finds, Is Enveloped by a Spherical Star Mantle

in: The American Weekly. Greatest Circulation in the World. „The Nation’s Reading Habit“ Magazine Section—Milwaukee Sentinel, Copyright. 1944, by American Weekly, Inc. All Rights Reserved,
aus: The Milwaukee Sentinel. Dedicated to Truth, Justice and Public Service. One of the Oldest Business Institutions in Milwaukee—Founded June 27, 1837, 3 Cent in Milwaukee County, Elsewhere 5 Cent, Volume CVII, no. 28,
an den meisten Orten ausgewiesen für 18. März 1944, laut Original-Scan „Week of March 19, 1944“, Seite 4:

Modern Mechanix. Yesterday's tomorrow, todayPrimitive man believed that he lived on a flat earth under a round sky, ruled by the sun by day, and the stars at night.

Early astronomers dissipated half this illusion when they demonstrated that the world is round and revolves around the sun.

Later students of the stars have spent much research and thought on the shape of the sky — or, rather, as we now understand things, the shape of the physical universe of which our world is an infinitesimal part.

Their first conclusion was that the universe — or at least the galaxy in which the earth is situated — is, in general terms, flat. Our galaxy has been pictured as a great pinwheel of stars, shaped like a watch — round and wide two ways like a plate, but relatively thin in the third dimension.

But, curiously, quite recent discovieries at Harvard College Observatory point toward the possibility that primitive man was right in conjecturing that the firmament is round.

While our galaxy may be watch-shaped, it now appears that it is surrounded by a haze of other stars so distributed as to make the entire structure spherical.

As pictured by Dr. Harlow Shapley, Director of Harvard College Observatory, our galaxy, in its external structure, is shaped like a huge orange. Most of it is empty space, of course, but there is a concentration of stars in the central plane of this ball, the flat plane theat would appear if you cut the orange through the middle.

On each side of this great stellar belt, however, is the misty haze of stars — the mantle of heavens — which has now been discovered.

Stellar distances are so great astronomers do not talk about any little unit of length such as a mile; rather they speak in terms of „light-years,“ which is not a unit of time but is a unit of distance. A light-year is the distance lightr would travel in a year at its fantastic speed of 186,000 miles a second. If you have a pencil and enough paper you can figure out that a light-year is nearly equivalent to 6 trillion miles.

Astronomers used to say that the flat, pinwheel-shaped galaxy, shaped like a watch, was 100,000 light-years across and only 30,000 light-years thick.

Our sun, only one of millions of stars in the galaxy, was located about 30,000 light-years off the center.

The new astronomical discoveries have not changed the location of the sun, and, of course, our earth, in this great belt of stars.

The new discoveries show, however, that the mantle of stellar haze extends outward from the central plane for a distance of 10,000 light-years.

Modern Mechanix. Yesterday's tomorrow, todayThe drawing of the new ball-shaped galaxy on this page shows the sun and planets magnified nearly 6,500 times. This means if the globular galaxy were drawn to the same scale it would have to be nearly seven miles in diameter. Finding the solar system in it would be like trying to find a silver dollar on Manhattan Island in New York City.

Astronomy got its yardstick of heavenly distances by the variable stars. If astronomers looked at some distant nebula and found a puslating variable star in it, they could work out its true bightness. And, when they knew this, they could see how much its original light was dimmed on its way to man’s telescopes on earth.

When they learned that, they knew in turn how far away the stars was.

That’s how Harvard’s Dr. Shapley and his colleagues worked out the new dimensions and shape of our star galaxy.

Trying to find out where he lived in relation to other worlds and stars has been one of man’s most disillusioning discoveries.

Being a very conceited individual, man first pictured his home, the earth, as the center of the entire universe. Planets, the sun, and the stars, all revolved around him — or so he thought.

Then, with Copernicus, came the discovery that the earth was not the center of all things. Rather the earth was only one of several planets which were satellites of our sun. This was a great comedown for man’s vanity, for he finally realized that his home was just a tiny speck of matter in space.

But even this picture was pretty flattering. If the earth wasn’t the center of the universe, then at least it was attached to the sun, which was

But this was not the end of the unhappy process of pricking the bubble of man’s vanity. It was discovered that our sun was just one star amongst countless billions of stars.

This larger grouping of stars was called a galaxy.

But even that was not the end. Our galaxy was important, all right., but it was only one family of stars amongst countless others in space.

In a scientific sense man gradually grew up as he increased his knowledge. At first he was a little child who thinks he is the center of all things. The he discovered he was just a satellite of his parents. Next he discovered his parents were only individual persons among millions.

Finally he discovered that these people lived on a tiny speck of matter called the earth, which was very insignificant in space.

All of these discoveries, of which Harvard adds the newest facts, explain why astronomers seldom have a swelled head. They above all people know how small man’s home is in the scheme of greater things.

Modern Mechanix. Yesterday's tomorrow, today

Was mich alles daran erinnert, wie begierig und akkurat einst Carl Barks den National Geographic für seine Entenhausener Berichte verfolgte — dass man anhand der dortigen Veröffentlichungen schon mal raten konnte, welche neuen Erkenntnisse und Erfindungen im nächsten Donald Duck vorkommen müssten. Ein Thema, das ich mitnichten zur Bearbeitung freigebe, das will ich nämlich selber.

Bilder: Modern Mechanix: UNDER-SEA TRACTOR-SPHERE ROAMS OCEAN FLOOR, Januar 1935;
Science and Mechanics: SCIENCE NEWS of the MONTH, Februar 1936;
Popular Science: Static from the Stars, Januar 1948,
alle via Modern Mechanix. Yesterday’s tomorrow, today.

Soundtracks chronologisch:

Written by Wolf

19. August 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Novecento

Urbane Legenden: Der Hugendubel am Marienplatz

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Update zu Und Heinrich Frank hat dichtgemacht:

Sobald ich ein wenig Geld bekomme, kaufe ich Bücher; und wenn noch was übrig bleibt, kaufe ich Essen und Kleidung.

Erasmus, Denker.

Was machte ich mit dem Gelde, wenn ich nicht Bücher kaufte?

Lessing, Schreiber.

Wer zwei Paar Hosen hat, mache eins zu Geld und schaffe sich dieses Buch an.

Lichtenberg, Experimentalphysiker.

Es wäre gut Bücher kaufen, wenn man die Zeit, sie zu lesen, mitkaufen könnte.

Schopenhauer, Kaufmann (Ausbildung abgebrochen), Lehrer.

Lieber Meister Rowohlt, liebe Herren Verleger! Macht unsre Bücher billiger! Macht unsre Bücher billiger! Macht unsre Bücher billiger!

Tucholsky an Ernst Rowohlt, Allrounder.

Es ist ja selten, dass ein Bestseller auch ein gutes Buch ist. Die meisten Bücher in den Bestsellerlisten seien ja nur, wie mein Vater (der Verleger Ernst Rowohlt) zu sagen pflegte, rot glühende Kosakenscheiße.

Harry Rowohlt, Übersetzer.

Wer die Versuchung nicht kennt, ein Buch zu klauen, der verdient auch keine Freiexemplare.

Ernst Rowohlt, Verleger.

Die größte Buchhandlung Deutschlands war von 1979 bis 2016 der Hugendubel am Münchner Marienplatz. Da stand er ein Jahrzehnt ums andere und stahl dem gegenüberliegenden Neuen Rathaus die Schau. Hugendubel war so riesig, dass er extra Leseinseln einrichten musste, wo man mit seinen Bücherstapeln auf dem Weg zur Kasse verschnaufen konnte. Hintereinandergelegt ergaben die Bücher, die es bei Hugendubel gab, eine Strecke dreimal um den Äquator. Wenn man sie alle auf einmal angezündet hätte, so hätte sich die Atmosphäre auf dem Marienplatz um 17 Grad Celsius erwärmt. Das haben aber zuletzt 1933 f. am Königsplatz fünfzigtausend Durchgeknallte getan.

Besonders um den Ladenausgang ranken sich zahlreiche Legenden. An der Kassenreihe im ersten Stock konnte man sich nämlich so leicht vorbeischlängeln, dass mancher sich auf ein Versehen herausredete und damit durchkam. Von dort aus ging es eine Treppe hinunter auf die Straße. Wer mit seinen Bücherstapeln im Arm nochmal ins Erdgeschoß wollte, konnte also leicht schon mal unfreiwillig Bücher gestohlen haben. Deswegen hing über dem Treppenhaus, wo man sich ohnehin mir nichts, dir nichts die Birne einrannte, ein Schild, dass man hier und jetzt sofort zu bezahlen habe.

Hugendubel Marienplatz, München, 8. März 2014. Richard Benson, Der verschimmelte Reiter, Piper 2013Einen reisenden Schreibgehilfen aus dem Fränkischen, nicht vorbereitet aufs Zahlen, weil er nur mal die Leseinseln angucken wollte, packte die Panik beim Anblick all der Kassen und des unwidersprechlichen Schildes über der Treppe. Hinter ihm lauerte schon der Kaufhausdetektiv mit Sonnenbrille und Lasso.

„Zahlen soll ich?“ dachte der Schreibgehilfe beherzt, „wüsste nicht, wofür!“, nahm Anlauf, sprang die weltberühmten dreizehn Stufen bis zum Absatz und kullerte die restlichen fünfe auf den Marienplatz hinaus. Und rannte sich richtig die Birne ein dabei.

Natürlich dachte der Kaufhausdetektiv hinter ihm, dass wer es so eilig hat, alle Manteltaschen voll gestohlener Bücher haben müsste, und alarmierte mit dem Handy seinen Kollegenstab. Unten auf dem Marienplatz wand sich der Schreibgehilfe vor Schädelweh und dachte nicht anders, als der Schäfflertanz vom Rathaus wäre ein Glockenspiel in seinem Kopfe, weil es gerade Mittag schlug. Indessen hoffte er, dass jemand mit seinem Handy die Sanitäter alarmieren mochte. Wie staunte er da, als er nach keinen zwanzig Sekunden links und rechts von Männern mit Sonnenbrillen und Lassos im Gürtel hochgehoben und zurück in den Hugendubel geschleift wurde.

Er ging in den Folterkammern des Hauses verschollen, weil bis heute keine gestohlenen Bücher bei ihm gefunden wurden. Wenn man die Lassos aller Kaufhausdetektive von Hugendubel zusammenbindet, kann man alle reisenden Schreibgehilfen Deutschlands damit fesseln und vom Olympiaturm an die frische Luft hängen, was der Olympiaturm ohne weiteres aushalten würde, aber nur zwei oder drei Schreibgehilfen im Inneren des Knäuels.

Und das ist noch gar nichts, denn keine zehn Minuten zu Fuß vom Marienplatz ist schon der Hugendubel am Stachus, der ebenfalls groß genug für Leseinseln ist. Der am Marienplatz eröffnet erst 2017 wieder als Schatten seiner selbst und teilt sich dann das Gebäude mit der Telekom und einem Hotel für anspruchsvolle Städtereisende, nicht für irgendwelche Schreibgehilfen.

Buidl: Caroline, die niemand außer ihrem Bruder Carotte nennen darf, erwog am 8. März 2014 im Hugendubel am Marienplatz den Erwerb von Richard Benson: Der verschimmelte Reiter: Die blödesten Antworten auf Prüfungsfragen, Piper 2013. Einen Wimpernschlag nach dem Foto entschied sie sich, die 8,99 Euro zu sparen und auf die DVD zu warten, die niemals erscheinen wird. Es ist also alles kein Wunder.

Soundtrack: Tracey Ullman: Kindle Killed the Library Book, 24. Januar 2016:

Written by Wolf

12. August 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, ~ Weheklag ~

Nach einer guten Mahlzeit

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Update zu Lessing aktuell,
Bei Ludwig Tieck geheult vor so viel Schönheit,
Hastig die ärmlichen Verse,
Cit. Schmidt, A.: Faust IV, 1960,
Unter sotanen Umständen und
(Vorsicht, lang:) Helmstedt-Marienborn (Mitternacht) — Arizona (noon).:

Periplus, Fahrtenbuch. Gedanken und Beiträge zur Welt der Literatur, November--Dezember 2015

——— Arno Schmidt:

Aus dem Leben eines Fauns

Niederschrift Dezember 1952 bis Januar 1953,
Rowohlt Verlag, Hamburg 1953, cit. Bargfelder Ausgabe I/1, Seite 318:

Also Schluß ! ! : ent-güll-tich Schluß ! Ich ging in meine Stube, O., und legte mich etwas hin. (Nach einer guten Mahlzeit kann man in meinen Jahren nicht mehr denken. Arbeiten allenfalls noch. — Das Verläßlichste sind Naturschönheiten. Dann Bücher; dann Braten mit Sauerkraut. Alles andre wechselt und gaukelt.)

Periplus, Fahrtenbuch. Gedanken und Beiträge zur Welt der Literatur, November--Dezember 2015

Fachliteratur und Bilder:

Soundtrack: Gus Backus: Sauerkraut-Polka, aus: Unsere tollen Tanten, 1961. Ungelogen Udo Jürgens an der Trompete, Bill Ramsey am Bass, auf Gitarre und Klarinette verteilt Georges Dimou und Henning Heers, Trude „Ich will keine Schokolade“ Herr als Edeltraut.

Written by Wolf

5. August 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Nahrung & Völlerei, Novecento

Nachtstück 0006: Sie fielen alle über mich her, da dacht‘ ich: nun so hört zu

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Update zu Hört zu und berstet vor Langerweile
und Nachtsück 0005:

Sie fielen alle über mich her, da dacht‘ ich: nun so hört zu und berstet vor Langerweile.

E.T.A. Hoffmann: Johannes Kreisler’s, des Kapellmeisters, musikalische Leiden, 1810.

Milo ManaraWeil ich’s versprochen hab: Nach eineinhalb Jahren musste ich mal wieder die Playlist für Johannes Kreisler’s, des Kapellmeisters, musikalische Leiden von E.T.A. Hoffmann 1810 auf kaputte Links durchschauen.

Den Weg alles Digitalen waren das Ach ich liebte aus dem Serail und Lodi al gran Dio aus La Betulia liberata gegangen, beide von Mozart, und einen Link hatte ich von Anfang an vertippt (nein, jetzt, wo ich ihn repariert hab, verrat ich nicht mehr, welchen). Es ist schön, nach ein paar Monaten auf dergleichen zu stoßen, vor allem, wenn man Ersatz schaffen kann. Es hilft beobachten, in welchem Tempo das Internet, zumal YouTube, den Bach runtergeht, und in der Folge einschätzen, bis wann man alles, was man noch gehört haben will, gehört haben muss, bevor jeder Gedanke an Musik lizenzpflichtig und jedes Abspielen endgültig illegal geworden ist.

Vorläufig bleibt das Lieblingsvideo aus der o.a. Playlist das erste: Patricia Petibon beim Versuch, die Königin der Nacht zu meistern. Sie scheint eine wirklich Nette, und das Training in der Kempener Paterskirche war für ihr Amoureuses von 2008, da kann sie’s vielleicht schon heute.

Und wo ich schon dabei war, hab ich auch gleich die dahingegangenen Bachschen Inventionen und Sinfonien von Glenn Gould aus Engführung in mikrokosmisch strukturiertem Material (musikalisches Lustspiel) gefixt. Ganz anders, auch wunderschön. Aus den YouTube-Playlisten ist heute schon keine vollständige legale Sammlung mehr aufzutreiben. Für Österreich, Nordkorea oder den Iran möglicherweise schon, für Deutschland eben nicht.

Bild: Milo Manara, mutmaßlich mit einem Mozart auf dem T-Shirt, und spätes Novecento. Erkennt jemand aus dem Notenbild, das die Dame vor sich liegen hat, die Musik?

Da capo:

Written by Wolf

3. August 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Schall & Getöse

In blonder Scheinheiligkeit

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Update zu Untergehn mit Faust und Maus und Ach! schrei’n (Typisch deutsch!),
Was hilft euch Schönheit, junges Blut?
und Der Frühling liebt das Flötenspiel, doch auch auf der Posaune:

Faustische Momente finden sich überall.

——— Heinrich Spoerl:

Die Feuerzangenbowle

Ein Lausbüberei in der Kleinstadt. Der erste im Droste Verlag erschienene Roman,
als Vorabdruck in Der Mittag, Düsseldorf 1933
in der Bertelsmann-Ausgabe 1962 auf Seite 135:

Harry Clarke, Faust by Goethe. From the German by John Anster, George G. Harrap & Co., London 1925Am nächsten Tag erschien ein eisgraues Männlein, stellte sich als Baurat vor und suchte die Ursache der Duftei zu ergründen. Er ergründete sie. Dann meldete er sich bei der Direktorin, um zu berichten. Die Direktorin gab Deutsch und war intensiv, aber nicht angenehm beschäftigt. In blonder Scheinheiligkeit hatte Eva die Frage aufgeworfen, warum Faust nicht um Gretchens Hand angehalten habe. Die Direktorin konnte nicht antworten. Diese Frage war in den Kommentaren unbehandelt geblieben, und nun tat sie, was jeder erfahrene Lehrer in solchen Fällen tut: Sie fragte die Klasse. Der Erfolg war entsprechend.

„Faust wollte nicht. Weil Gretchen ein Kind hatte.“

„Setzen. — Bitte?“

Faust konnte nicht. Weil Gretchen schon verheiratet war.“

„– ? –„

„Natürlich. Denn sie hatte doch ein Kind.“

Es klopfte im rechten Augenblick. Herr Baurat ließ bitten.

So scheinheilig finde ich Evas Frage übrigens gar nicht, wenn man sie ernst nimmt. Ein alter Geschichtslehrer von mir, der mich nicht leiden konnte, hatte sich auf die unvermeidliche Frage: „Wie lange hat denn der Dreißigjährige Krieg gedauert?“ einen ausufernden, gar nicht mal so langweiligen Vortrag zurechtgelegt, der den Rest der Stunde retten konnte. Zusammengefasst lautete seine Antwort: netto ungefähr zwei, drei Jahre.

Herrn Doktor Rossmeissls Umgang mit dummen Fragen folgend, blättere ich demnächst mal im etwa tausendseitigen Fanpaket-Kommentar von Albrecht Schöne nach, auf den die Direktorin anno 1933 noch über 60 Jahre warten musste, warum Faust Gretchen nicht einfach gefragt hat. Und ob sie angenommen hätte, und für wen das ein Gewinn gewesen wäre.

Sollen wir schon mal raten?

Hochzeitsbild: Faust by Goethe. From the German by John Anster, illustrated by Harry Clarke, George G. Harrap & Co., London 1925, via UW-Milwaukee Special Collections, 19. Mai 2016. Das ganze Buch zum Blättern in archive.org.

Soundtrack: ADAM: Go to Go („All I really want to know is if you’re ever gonna show, ‚cause now we’re moving too slow. If you want to go, then go.“), auf einem Sybian (hoffentlich nicht dem selben), 2014:

Written by Wolf

1. August 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Klassik