Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for Juni 2015

Nun könnte ich nach Hause gehen: Hoffmanns Bamberger Wirklichkeit und verschollene Klaviersonaten

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Update zu Ich trinke ein Glas Burgunder!
und Hört zu und berstet vor Langerweile:

Ein‘ hab ich noch.

Eilert, Gernhardt, Knorr, Waalkes: Hilfe, Otto kommt, 1983 ff.

Jetzt hab ich doch nochmal nachgeschaut: Wie wir heuer schon den E.T.A. Hoffmann: Johannes Kreisler’s, des Kapellmeisters musikalische Leiden von 1810 erst auf seinen alkoholischen und dann auf seinen musikalischen Gehalt abgesucht haben, das hat ja durchaus Ergebnisse gebracht. Die zwei Artikel finde ich in meiner grenzenlosen Hybris für die Hoffmann-Forschung recht nützlich. Nicht gerade grundlegend, weil ich der bestehenden Buchausgabe von Hartmut Steinecke — immerhin der umfangreichsten und bestkommentierten von allen — unbesehen jedes Wort geglaubt habe, aber so anschaulich und sogar anhörbar wie bei uns waren Anmerkungen zu einer von Hoffmanns Erzählungen wahrscheinlich noch nie.

Luisa Guembes-Buchanan, E.T.A. Hoffmann, Sonatas; Robert Schumann, Kreisleriana; 2 CD's, 2005Zum musikalischen Teil ist mir ein Nachtrag ein- oder vielmehr aufgefallen: In dem erwähnten Kreislerianum kommt der schöne, weil schön resignierende Satz vor:

Nun könnte ich nach Hause gehen und meine neue Klavier-Sonate vollenden: aber es ist noch nicht eilf Uhr und eine schöne Sommernacht.

Wenn wir den Kapellmeister Kreisler als Alter Ego Hoffmanns und seine Leiden und Verwirrungen als dessen eigene ernst nehmen, gibt uns das glatt einen biographischen Hinweis auf Hoffmanns komponistisches Schaffen. Da kann man sowieso jeden Fitzel gebrauchen: Gerade ein paar seiner nachgewiesenen Klaviersonaten sind heute verschollen.

Wenn aber die Geschichte von 1810 stammt, als Hoffmann am Theater in Bamberg angestellt war, und der Satz noch nicht in der Manuskriptfassung vorkommt, sondern erst in der überarbeiteten Druckfassung — ja, was dann? — Hartmut Steineckes Anmerkung dazu:

Wenn man annehmen möchte, daß auch in diesem Satz Hoffmanns Bamberger Wirklichkeit in die Gestalt Kreislers projiziert ist, stößt man auf eine Schwierigkeit. Man müßte entweder — entgegen der von G. Allroggen vorgeschlagenen Datierung — die Komposition der Sonate in cis-moll (AV 40) ins Jahr 1810 verlegen, oder annehmen, daß Hoffmann noch an einer weiteren (unvollendeten oder verloren gegangenen) Klaviersonate gearbeitet hat. Vgl. Gerhard Allroggen, E. T. A. Hoffmanns Klaviersonaten, in: MHG 16 (1970), S. 1–7 und 17 (1971), S. 17–20.

Damit wären diese zwei offenbar eher kurzen Aufsätze in den MHG (das ist: Mitteilungen der E.T.A. Hoffmann-Gesellschaft, herausgegeben von Hans von Müller) von Gerhard Allroggen, der für Hoffmanns Musik das ist, was Köchel für Mozart war — das „AV“ statt einer Opuszahl hinter Hoffmannschen Kompositionen steht für „Allroggen-Verzeichnis“ — nicht weniger denn bahnbrechend. Auch wenn sie von ihrer thematischen Nische aus selbst Literatur- und Musikwissenschaftler ruhig schlafen lassen werden.

Eine verschollene Sonate, die 1970 anhand eines Halbsatzes in einer letztendlich fiktiven Erzählung vermutet wurde, werden wir mit unseren Mitteln nicht dingfest machen können. Bleiben wir daher pragmatisch und setzen die überlieferte und sogar in zwei Versionen erreichbar aufgenommene Klaviersonate Nummer 5 in cis-Moll voraus, die bis auf weiteres als AV 40 eingeordnet bleibt. Ich war so frei, die Aufnahme von Luisa Guembes-Buchanan in die YouTube-Ecke mit Hoffmanns Muskalien zu gesellen. Das soll als Leistung für einen privaten Weblog hinreichen.

Bilder: Luisa Guembes-Buchanan, Concert Pianist, Musicologist & Educator:
E.T.A. Hoffmann, Sonatas; Robert Schumann, Kreisleriana; 2 CDs, 2005.
Noch nicht eilf Uhr und eine schöne Sommernacht: Ana Jovmir: Piano, 17. April 2010.

Ana Jovmir, Piano, 17. April 2010

Written by Wolf

26. Juni 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Schall & Getöse

Dass ich ihm doch das Leben schenken möchte (OK)

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Update zu Moritz war ein Mädchen:

——— Julius Eduard Hitzig:

E.T.A. Hoffmanns Leben und Nachlass.
Zehnter Abschnitt: Berlin 1814–1822

März 1823, vermehrte und verbesserte Fassung 1839;
mit Anmerkungen zum Text und einem Nachwort von Wolfgang Held, Insel Verlag, Frankfurt am Main 1986;

and as an Update for We have come so far,
I am, I am, I am (your barefoot wench for a whole week),
Weder Schuh und weder Strümpf (und einen Striffel um den Hals)
and Zu Lolitas Verteidigung:

——— Flatsound:

You Said Okay

December 22nd, 2013, abridged; full text: see weblog:

Der erste Vorbote der Leiden, die ihm bevorstanden, war, — man lache nicht, — der Tod seines Katers.

Am 30. November 1821 erhielt der Herausgeber früh am Morgen folgende Karte:

„In der Nacht vom 29. zum 30. November entschlief nach kurzem, aber schwerem Leiden zu einem bessern Dasein mein geliebter Zögling, der Kater Murr, im vierten Jahre seines hoffnungsvollen Alters, welches ich teilnehmenden Gönnern und Freunden ganz ergebenst anzuzeigen nicht ermangle. Wer den verewigten Jüngling kannte, wird meinen tiefen Schmerz gerecht finden und ihn — durch Schweigen ehren.      Hoffmann“

You Said Okay

Sometimes when I look up I see stars
that cut through the sky and fade quickly into nothingness
and I pray that you aren’t as fleeting

Dieser Spaß konnte dem auffallen, der Hoffmann nicht kannte, nicht ahndete, wie nahe oft bei ihm Scherz an Schmerz zu grenzen pflegte. Der Herausgeber wußte, wi er es zu nehmen hatte. Am Abende führte ihn ein Geschäft aus seinem Hause und an der Weinstube vorbei, in welcher Hoffmann seinen Wohnsitz aufgeschlagen. Wenige Schritte davon gewahrte er diesen, langsam und gebückten Hauptes einhergehend. Hoffmann ward auch seiner im Augenblicke ansichtig und „haben Sie meine Karte erhalten?“ fragte er mit Heftigkeit. Es wurde bejaht. „Nun, so tun Sie mir die einzige Liebe“, so fuhr er fort, „und treten mit mir in dies Kaffeehaus (vor dem sie eben standen), wir können da ungestört mit einander sprechen.“ Es geschah, wie er gesagt, er riß den Freund mit Ungestüm in ein Hinterzimmer, sah sich um, ab sie auch allein wären, und nun begann er, mit vorausgeschickter Bitte, ihn nicht zu verkennen; aber es sei doch nun einmal so, — das Bekenntnis, wie ihn der Tod des Tieres ergriffen, (welches zu retten, er Ärzte aus der Tierarzneischule hatte holen lassen), zugleich aber auch eine Schilderung der Qual des Sterbens, daß sich dem entsetzten Zuhörer die Haare in die Höhe richteten.

You Said Okay

and in that deafening silence
I asked if I could still call you my snowflake
and you said okay
you said okay

In der Nacht“, so erzählte er unter andern, „winselte der Murr gar zu erbärmlich, meine Frau schlief fest; ich stand sachte von ihrer Seite auf, schlich in die Kammer, wo er lag, hob die Decke auf, die über ihn gebreitet war, und nun sah er mich an, mit ordentlich menschlichen Blicken, wie bittend, daß ich ihm doch das Leben schenken möchte, und hörte für einen Augenblick auf zu jammern, als ob er Trost in meinen Mienen läse. Da konnte ich es nun nicht länger ertragen, ließ das Tuch wieder über ihn hinfallen, und kroch ins Bett zurück. Gegen Morgen starb er, und nun ist mir das Haus so leer und auch meiner Frau. Ich wollte heute früh gleich zu Fiocati und ihr einen sprechenden Papagei kaufen; aber sie will keinen Ersatz, und ich auch nicht. Nicht wahr, Freund, Sie halten auch nichts von Surrogaten für geliebte Gegenstände? u. s. w.“

You Said Okay

and it was then I realized you were not my world
you were my universe

Der Freund war so ergriffen von der Stimmung, in welcher er Hoffmann fand, und so gerührt von seinem Vertrauen, da er, der jeden Anstrich von Sentimentalität auf das höchste scheute, sich gewiß nur gegen ihn, den seit langen Jahren mit seinen innersten Gefühlen Bekannten, so auszusprechen wagte, daß er seine Hand ergriff und ihm sagte: „Ihre Karte liegt schon bei den Papieren, die ich über Sie gesammelt, und auch diese Herzensergießung soll unvergessen sein. Wenn ich Sie überlebe, so schreib ich Ihre Biographie, und beides soll darin nicht fehlen.“ „Ach! sie werden mich gewiß überleben“, erwiderte er wehmütig, und tief erschüttert schieden die Freunde.

You Said Okay

because I sit here wondering if anything you said was true
and who it was that taught you to speak bullets
without considering the exit wound.

Wie hätte es aber der Überlebende damals ahnen sollen, daß er sein Versprechen so bald werde zu lösen haben! Noch stand Hoffmann in völliger Kraft der Gesundheit vor ihm; aber bald darauf befiel ihn die Krankheit, die, eine gänzliche Erschöfpung der Lebenskraft und zuletzt eine Lähmung der Extremitäten herbeiführend, ihn in dem reifsten Mannesalter unerbittlich dahinraffte.

Images: Ice Water Veins: You Said Okay, May 28th, 2014.

Written by Wolf

19. Juni 2015 at 00:01

Archegonus aus der Unterwelt: Tiefer verankert als derzeit absehbar

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Update zu Nackt fällt sie ihm an seinen Mund
und vor allem Faustisches in Moby-Dick:

Eigentlich ist Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt nichts als ein staubiges Kinderzimmer, dazu noch das eines Einzelkindes — im Vergleich zu dem, was vorher war: Moby-Dick™ — Leben mit Herman Melville, ja, das war noch ein Weblog, wie Weblogs mal gemeint waren: ein gemeinschaftliches Leseprojekt über ein weit gefasstes, aber eindeutig begrenztes Thema, an dem vielen Beteiligten etwas liegt, oft bestückt, engagiert vorangetrieben, in aller Länge, Breite und Tiefe vermessen, von vier Wikipedia-Artikeln verlinkt und gern gelesen.

Bente Schlick, Message in a Bottle, 2015Vermessen wäre in DFWuH allenfalls der Glaube, dass man mit Deutschunterricht einen müden Leser zum Blinzeln bringt. Die meisten Moby-Dick-Schreiber haben sich verlaufen, teils abgeheuert, teils gar desertiert, teils sogar noch entspannt auf Deck, und seitdem liegt das Wrack davon auf dem Trockendock und glitzert im Mondlicht.

Wären da nicht ein, zwei unverwüstlich treue Leser, die inzwischen ihre eigenen besten Schreiber geworden sind. Dem längst nicht mehr unbekannten Kollegen Archegonus schien es sogar angezeigt, mich wegen der einst fruchtbar bewirtschafteten Alm hier in der Schüssel getretnen Quarks (voller humpelnder Vergleiche) aufzusuchen:

——— Archegonus, 14. Juni 2015:

Lieber Wolf,

ARTE hat vor einer Woche eine kleine Dokumentation über den Walfang im Allgemeinen und Melville im Besonderen gezeigt – aber zum Werk „Moby Dick“ doch mit einer Menge Fehlschlüsse: Melville als (politischer) Mahner vor der Ausbeutung der Ressourcen unseres Planeten etc. Alles von tieferer Bedeutung wurde dort ausgeblendet. Will sagen: Mit Deinem Blog Ismaels WordPress hast Du die richtige Fährte aufgenommen – nur gleich Melville seinen Moby Dick – schlechterdings zu früh. Die verborgenen Botschaften und die Einblicke in die Seele des Menschen werden in den Strömungen der Interessen der Massen sich als tiefer verankert erweisen, als es vielleicht derzeit absehbar ist. Also ein Grund, aber dafür ein unergründlicher, den Blog weiterzuführen! In der Feder führe ich derzeit übrigens eine Besprechung unter der Überschrift: „Kap 45 und 46: Über ein Kapiteldoppel, in dem Melville ’so tut als ob‘ – uns also schlechterdings in die Irre führen will.“

Grüße aus der Unterwelt,
Archegonus

Welche Dokumentation auf ARTE das sein könnte, wäre früher in Moby-Dick™ schon den nächsten eigenen Artikel wert gewesen: In Frage kommen Der Aufstand der Wale, die allerdings den auffindbaren Daten nach eine Wiederholung von mindestens Januar 2015 sein müsste — deren Besprechung allerdings schon so interessant klingt wie alles, was man gern aus der Primärquelle gezogen hätte:

So erfährt man zum Beispiel, wie Pottwale schlafen: senkrecht nämlich, mit der Nase über Wasser. Dösende Pottwale sehen von oben aus wie riesige schwimmende Korken.

Très Melville. Die anderen möglichen ARTE-Sendungen wären noch Der Killerwal, außer dass der als Spielfilm ausgewiesen wird, und Auf den Spuren von Moby Dick — mindestens von 2013, aber anscheinend richtig gut: „Die 300-jährige Geschichte des amerikanischen Walfangs ist eng verknüpft mit der Geschichte des amerikanischen Kapitalismus“ — ein weiterer Fall zur Forschung in der Primär- und zahlreichen anderen, im Verborgenen sprudelnden Quellen, so hat sich das vor ein paar Jahren noch gehört.

Auch war mir nicht bewusst, wie avantgarde diese kleine Lesegruppe ab dem 18. August 2006 war: „Die verborgenen Botschaften und die Einblicke in die Seele des Menschen werden in den Strömungen der Interessen der Massen sich als tiefer verankert erweisen, als es vielleicht derzeit absehbar ist“, aber holla! Drauf gekommen wär ich nie, aber meinen Lesern glaub ich alles, vor allem, wenn sie zugleich die treuesten Schreiber sind.

In Moby-Dick-Belange musste ich mich schon vor Jahren jedesmal wieder neu einlesen, da ist es gut, wenn wenigstens einer dauerhaft dran und drin bleibt — in der Seemannswelt und auf den wechselnden — philosophischen, religiösen, eschatologischen, politischen, you name them — Meta-Ebenen.

War das ein Versprechen für eine Abhandlung der nächsten zwei Kapitel? — Die bescheidenen Buchpreise für anderleuts Material, das ich in Moby-Dick&trade, veröffentlichen darf, sind und bleiben versprochen.

Bild: Bente Schlick: Message in a Bottle, 2015.

Written by Wolf

16. Juni 2015 at 08:19

Veröffentlicht in Land & See, Romantik

So eine Art Käse-Cocktail oder Mehl-Flip

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Update zu Anständig essen und Tumultuantenharanguieren (sed iam satis):

Entwarnung: Es besteht kein Grund mehr, sich über altbackenen Studienratshumor zu mokieren. Die ihm ernsthaft obliegen, haben sich im Lauf der Jahrzehnte biologisch selbst erledigt, ihre literarischen Hinterlassenschaften können jetzt getrost dorthin eingehen, wo sie immer hingehört haben: in den Zustand einer liebenswert schrulligen Folklore.

Henrietta Rae, A Bacchante, 1885Mittlerweile konnte ich es sogar moralisch vertreten, von meinen Eltern im Mittelfränkischen — lang sollen sie leben — meine Kindheitserinnerung in Gestalt von Einfach köstlich als eine Art vorgezogenes Erbteil zu bestellen; materieller Wert auf Amazon.de: 1 Cent plus 3 Euro Porto.

Geschichten über Versorgerehen, in denen ein Patriarch aus der Mittelschicht, der über eine Sekretärin verfügt, mit seiner Frau ernsthaft über die Zusammenstellung eines Mittagessens aneinandergerät; Anekdoten über gehobene militärische Dienstgrade, deren Witz darin liegt, dass jemand mit ihnen redet wie mit normalen Menschen; behandlungswürdige Alkoholkrankheit als hinzunehmender, wenn nicht gar erheiternder Charakterzug und als sozial förderliche und vor allem „typische“ Verhaltensweise ganzer Völkerschaften, meist der eigenen Region, immer aber der Russen, Franzosen und Iren, gern dargestellt anhand von Männern, die sich auf dem Heimweg an biegsame Laternen klammern und zu Hause von unermüdlich wartenden Ehefrauen mit Nudelhölzern empfangen werden; gutmütige, lebenslustige Mönche, deren Hauptaufgabe in Bierbrauen und deren Seelsorge im Verführen von Frauen aller Altersstufen besteht; gereimte Kochrezepte in abenteuerlicher Umschrift deutscher Dialekte.

Die lyrischen Formen und die Zeichnungen sind technisch einwandfrei gebaut: Bei allem, was recht ist, geraten in so eine studienrätliche Anthologie keine Pfuscher, eher schon gelernte Reklametexter, Schildermaler und richtige Schriftsteller — zur Würze und zur Rechtfertigung des lukullischen Wohllebens, das immer mit einem gewissen schlechten Gewissen einhergeht und von ordentlichen Bürgern nur an Sonn- und Feiertagen mit dem gleichen schlechten Gewissen unterlassen würde, durchsetzt mit anerkannten Klassikern von allerhand regional noch nicht ganz verdrängten Mundartverseschmieden, die offenbar die Lateinschule absolviert haben, Roda Roda bis zu Wilhelm Busch aufwärts, weil schließlich „schon Goethe“ einen „guten Tropfen“ zu schätzen wusste.

Als Kind war mir dergleichen noch genießbar, weil erlaubt, ja unterstützt von einem kulturell nicht übermäßig beflissenen, aber kulturelle Errungenschaften wertschätzenden Eisenbahnerehepaar, und für den kindlich unausgebildeten Geschmack dann doch irgendwie lustig, darin ähnlich den Schwedischen Liebesgeschichten in der Regalreihe dahinter, die keineswegs erlaubt waren —

— und einen sehr viel höheren Frauenanteil unter den Beitragsstiftern haben als der Sampler über „Tafel- und Gaumenfreuden“. In demselben zuckt man ganz zusammen, wenn wirklich mal eine Frau aufgenommen wurde. Unter den drei Illustratoren sind die Bilder der Trude Richter (nicht verwandt) nicht von den anderen unterschieden, dafür erinnert man sich daran, dass der Herr Hirnbeiß in der Münchner Abendzeitung all die Jahrzehnte von Franziska Bilek getextet wurde; bei dem bald überschauten, weil ständig wiederholten Bildmaterial muss der Hirnbeiß weniger eine Zeichenarbeit denn eine Pointenfabrikation aus tagesaktuellen Schnellschüssen gewesen sein.

Über das vermittelte Frauenbild der Frau Bilek würde man heute mindestens diskutieren. Gerettet wird sie durch ihre Selbstironie, das funktioniert meistens. Historisch schätzbar wird ihr Textbeitrag für Einfach köstlich durch die selbstverständlich benutzte Bezeichnung „Schwips“ und das Rezept für die meines Wissens exklusiv bei dem Römer Horaz belegte Fünffache Schale der alten Griechen.

Ferdinand Leeke, Fliehende Nymphen, 1923

——— Franziska Bilek:

Der Festzug des Dionysos

in: Einfach köstlich. Heitere Geschichten von Tafel- und Gaumenfreuden.
Herausgegeben von Helmuth Leonhardt.
Mit über 120 farbigen und einfarbigen Illustratiionen (Trude Richter, Alfred Resch, Willi Wörmann),
Mosaik Verlag, Hamburg ca. 1960:

Cover Helmuth Leonhardt, Hg., Einfach köstlich, ca. 1960Dionysos ist der Gott des Weines, ja, er hat sogar den Weinbau erfunden, wohlgemerkt den Weinbau, nicht die Fabrikation des Weines. Für alkoholfreie Getränke ist er nicht zuständig. Er ist ein sehr vergnügter Gott und hat, wo es nur immer ging, Festzüge veranstaltet. Er selbst fuhr dabei auf einem von ersten Künstlern entworfenen Wagen, der von Tigern gezogen wurde. Bei diesen Zügen ging es recht toll zu. Ein dicker Herr, der auf einem Esel ritt und das Festprogramm durch seine unprogrammäßigen Späße fast in Unordnung brachte, wurde als sein Ziehvater Silen bezeichnet.

Die Frauen, die bei dem Festzuge mitwirkten, stammten aus Thrazien. Diese Mädchen, Mänaden oder Bacchantinnen genannt, eigneten sich ganz besonders dazu, denn sie waren sehr lustig, und die Polizei hatte alle Augen zuzudrücken. Ihre Uniform bestand in zerzausten Haaren, Kränzen aus Efeu und mit Schlangen umwundenen Thyrsusstäben. Dionysos wußte genau, was ein Gläschen Wein bei jungen Mädeln ausrichtet. Als er einmal hinter der Nymphe Nicäa, die nichts von ihm wissen wollte, her war, verwandelte er das Flüßchen, aus dem sie gerade Wasser trinken wollte, in schieren Wein. Die Kleine bekam einen Schwips, und so ging alles viel besser. Man sollte gar nicht meinen, daß Dionysos auch die Mischgetränke erfunden hat. Aber man höre: Beim Dionysosfest in Athen erhielt der Sieger nach einem Wettlauf die sogenannte „Fünffache Schale“. Das Getränk war eine Mischung aus Wein, Honig, Käse, Mehl und Öl. Das muß so eine Art Käse-Cocktail oder Mehl-Flip gewesen sein.

John Collier: Maenads, 1886

Bacchantinnen: Henrietta Emma Ratcliffe Rae: A Bacchante, 1885;
Ferdinand Leeke: Fliehende Nymphen, Öl auf Leinwand, München 1923;
John Collier: Maenads, 1886, Öl auf Leinwand, Southwark Art Collection;
Bacchus: Trude Richter, Alfred Resch oder Willi Wörmann für Einfach köstlich,
Lizenzausgabe Bertelsmann, ca. 1960.

Written by Wolf

12. Juni 2015 at 00:01

Das ihrer wartende Reich der Unschönheit. Nicht auf Hofburgen und in Zaubergärten

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Update zu Wer fühlt den Krampf der Freuden und der Schmerzen nicht:

Date a girl who reads. Marry the girl you met barefoot in the library.

Volksgut.

Ist Gottfried Keller eigentlich noch Schulstoff? Wenigstens in der Schweiz, wo er nach anderer Faustregel eines Größeren als er selbst und wir alle am wenigsten gelten müsste? Was ihm wiederum wenig ausmachen müsste, weil er einer jener Propheten der und des Kleinen war, einer, dem man mit Größe gar nicht kommen muss, weil ihn die nicht beschreibt?

Sara Riches, Lost in Words, 14. Januar 2014, Tinte und Wasser auf BuchseitenIst Gottfried Keller eigentlich noch Schulstoff? Wenigstens Der grüne Heinrich, dieser Wilhelm Meister und Zauberberg der Schweiz in einem? Bei dem man nie weiß, ob man die erste oder zweite Fassung vor sich hat, ja nicht einmal, welche man sich gerade wünschen soll? Bei dem es auch nicht so drauf ankommt, weil kein Mensch ohne literaturwissenschaftliche Ausbildung ihn je verstanden hat? Bei dem es so drauf ankommt wie bei keinem anderen Backsteinroman, weil die zweite Fassung keine Überarbeitung der ersten mit ein paar Verbesserungen hie und da ist, sondern von Grund auf ein zweites Mal aus dem kargen, dem fruchtbaren Schweizer Boden gestampft?

Ist Gottfried Keller eigentlich noch Schulstoff? Woher erfahren dann die Kinder heute noch, wie das erste der großen deutschen Bücher, die Manessische Liederhandschrift, aus Zürich stammt und warum sie ist, was und wie sie ist, wenn nicht aus dem Hadlaub? Woher die kleinen Mädchen, dass ein alter Sack im 58. Jahr sie wohlwollend beschreiben kann, ohne dass es zur schmierigen Anwanze gerät, schlimmstenfalls zur wehmütigen Nostalgie?

Ist Gottfried Keller eigentlich noch Schulstoff? Hoffentlich wenigstens Die Leute von Seldwyla und die Züricher Novellen.

Beide folgenden Ausschnitte stammen aus den Züricher Novellen 1876 f.: der erste aus der Rahmenhandlung, die ihrerseits eine eigene Novelle bildet, der zweite aus der ersten Novelle Hadlaub. Alle Absätze des ersten Ausschnittes bilden im Original ohne den letzten einen einzigen Absatz. Hier wurde dieser große Absatz entzerrt, um Platz für die Bilder und die internettypische Aufmerksamkeitsspanne zu schaffen. In den zweiten Ausschnitt wurde nicht eingegriffen.

——— Gottfried Keller:

Züricher Novellen

1. Band, 1877, Rahmenhandlung:

Michael Fitzpatrick, Arte contemporaneaDer Herr Pate nahm ihn aber unter den Arm und sprach „Kommt, Meister Jakobus! Ich will Euch den Überbleibsel dieses heiteren Tags widmen, da wir beide wohl nicht mehr viel zur Arbeit taugen werden! Wir wollen einen Gang auf die Manegg machen und bis dahin des lieblichen Waldes genießen.“

Sie spazierten also über die weite Allmende und über den Sihlfluß, stiegen durch schönes junges Buchengehölz die jenseitigen Höhen empor und gelangten auf einen ebenen Absatz, von zwei mächtigen, breitästigen Buchen beschattet, wo aber schon ein neues Abenteuer auf den jungen Verehrer der Sapientia heranstürmte. Die Terrasse war bevölkert und belebt von einer Schar junger Schulmädchen, welche zur Begehung des jährlichen sogenannten Lustigmachens aus der engen Stadt ins Freie geführt worden waren und hier unter der Obhut einiger Herren Vorsteher und Lehrerinnen ihren unschuldigen Ringeltänzen und Fangspielen oblagen.

Sie waren alle weiß oder rosenrot gekleidet; einige trugen zur Erhöhung der Lust bunte Trachten als Bäuerinnen oder Hirtinnen, wie zu solchem Behufe die geeigneten Gewänder da und dort in den Familien aufbewahrt und im Stande gehalten wurden. Das alles verursachte eine heitere und glänzende Erscheinung in der grünschattigen Umgebung, und gern hielt der Herr Pate einen Augenblick an, um sich an dem lieblichen Anblick zu erfrischen. Er begrüßte die ihm bekannten Vorsteher und scherzte mit den verkleideten kleinen Schönheiten, sie nach Stand und Herkommen befragend, ob sie hier in Dienst zu treten oder weiterzureisen gedächten usw.

Sogleich kam aber die ganze Mädchenschar herbeigelaufen und umringte den alten Herrn samt seinem jungen Schützling, welcher jetzt in noch größere Bedrängnis geriet, als er heute je erlebt.

Wo er hinsah, erblickte er in dichter Nähe nichts als blühende und lachende Gesichter, die an der Grenze der Kindheit noch alle frisch und lieblich waren und das ihrer wartende Reich der Unschönheit noch nicht gesehen hatten.

Alfred Kraus, Steampunk Girl, März 2015Hier das schönäugige Gesichtchen mit den etwas starken, familienmäßigen Vorderzähnchen ahnte nicht, daß es in weniger als zehn Jahren ein sogenannter Totenkopf sein würde; dort das regelmäßige ruhige Engelsantlitz schien unmöglich Raum zu bieten für die Züge anererbter Habsucht und Heuchelei, welche in kurzer Zeit es durchfurchen und verwüsten sollten; wer glaubte von jenem rosigen Stumpfnäschen, daß es zu einem Thron und Sitz unerträglicher Neugierde und Spähsucht bestimmt war und die beiden Sternäugelein links und rechts in falsche Irrlichter verwandeln würde? Wer hätte von dem küßlichen Breitmäulchen da denken können, daß seine jetzo so anmutigen Lippen dereinst, von ewiger Bewegung kleiner Leidenschaften und Müßigkeiten ausgedehnt und formlos geworden, sich bald gegen das rechte, bald gegen das linke Ohr hin verziehen, bald die untere die obere, bald die obere die untere bedecken, dann plötzlich wieder beide vereint sich verlängern und als Entenschnabel schnattern würden? Ei, und dort das angehende Spitznäschen, das die erhabene Beatrix für einen kommenden Dante zu verkünden scheint und sich zu einem Geierschnabel auswachsen wird, der einem ehelichen Dulder täglich die Leber aufhacket, unversehrt von seinem schweigenden Hasse! Und wiederum diese in gleichmütiger Unschuld und zarter Heiterkeit lachende junge Rose, die vor der Zeit entblättert sein wird von tausend Sorgen und ungeahnten Erfahrungen, gebleicht von Kummer und zu schwach auch nur für den Widerstand der Verachtung!

Nichts von alledem war hier zu ahnen; wie eine lebendige Rosenhecke umdrängte das Mädchenvolk den hochragenden Herren Paten und den etwas kürzeren Herren Jakobus, welchen die losen Kinder so oft auf dem Schulwege als ernsthaften, pedantischen Großschüler trafen, schwere Bücher unter dem Arm.

Marie Bashkirtseff, At a Book, ca. 1882Neugierig betrachteten sie ihn jetzt nach Herzenslust und so recht in der Nähe und erforschten unverzagt sein tiefsinniges Gesicht, seine verlegene Haltung, seine etwas langen Hände und Füße und kicherten dabei fortwährend, so daß es ihm unangenehm zu Mute wurde. Während der Alte fortfuhr, mit ihnen zu scherzen, und das eine oder andere Köpfchen streichelte, drängten sie sich immer näher und schoben dabei diese oder jene im Hintertreffen Stehende mutwillig in den Vordergrund.

Plötzlich stieß auf diese Weise ein langes, stärkeres Mädchen, das allgemein der Holzbock genannt wurde, eine zarte Gestalt so gewaltsam hervor und gegen den Herrn Jacques, daß sie errötend und aufschreiend die Hände wider seine Brust stemmen mußte, um nicht an dieselbe hinzufallen, während er überrascht und erschrocken die Ärmste gleicherweise von sich stieß wie ein unvorhergesehenes großes Übel.

Und doch war es seine von ihm selbst erwählte und festgesetzte erste Liebe, seine Jugendflamme, welche, ohne zu brennen, still auf allen seinen Pfaden leuchtete, ein schmales Jungfräulein mit sieben oder acht langgedrehten, auf den Rücken fallenden blonden Locken, angetan mit einem blendendweißen Kleide und himmelblauen Schuhen mit kreuzweise um die Knöchel gewundenen Bändern.

Ein Beispiel aus dem so beschworenen Reich der Unschönheit ist die Frau des Herrn Rüdiger Manesse und sein denkbar souveräner Umgang mit ihr. Nicht alles, lehrt er uns, ist ideal, aber gut kann es noch werden. Am zuversichtlichsten dann, wenn einer, wie der Manesse, sich am Projekt einer Liederhandschriftensammlung für die Ewigkeit geistig aufspulen kann. Wie gesagt: zum Beispiel.

——— Gottfried Keller:

Hadlaub

1876:

Wilson Cutler, Collier's Magazine August 1948Bei allem ehelichen Frieden war die gestrenge Frau doch über viele Umstände des äußerlichen Lebens anderer Meinung als ihr Eheherr, und sie führte einen steten geheimen Krieg mit ihm, der wegen der guten Lebensart niemals Geräusch machte. Sie war ohne Zweifel ein Urtypus jener Zürcherinnen, die einer um das Jahr 1784 im Schweizerischen Museo also geschildert hat „Noch gegen End vorgehenden Saeculi war unser Frauenzimmer vom Schrot und Korn früherer Jahrhunderte. Sie konnten unsere Älterväter bereden, Eingezogenheit und haushälterisches Wesen überwäge bei demselben (dem Frauenzimmer) manche andere, glänzendere Eigenschaft; diese Einbildung war allgemein und beherrschte unsere Frauen so stark, daß sie sich auf kein anderes als die Hausgeschäfte legten, die sie mit der genauesten Aufsicht besorgten und ihr scharfes Regiment und Sparsamkeit bisweilen wirklich so weit ausdehnten, daß man es dem Eheherrn und den Kindern an den dünnen Lenden und schmalen Backen wohl ansehen mochte. Eine solche Frau war in ihrem Haus immer die erste aus dem Bett und die letzte darin; keine Kleinigkeit entging ihrem wachsamen Aug; aller Orten trat sie den Mägden auf die Eisen; in Kleidern, Speis und Trank wurden Mann und Kinder geschmeidig gehalten.“

Unattributed as unknownVon solcher Gesinnung war die Frau, die in Rede steht, und sie erstreckte dieselbe auf alle häuslichen und gesellschaftlichen Angelegenheiten, während der Mann, sonst klug, edel und gerecht, gerade in allen jenen Dingen auf eine ihr widerstrebende Weise sich liberal bezeigte. Er war leutselig, gastfrei und glänzend und wußte den heimlichen Krieg ärgerlicherweise bald durch listige Überraschung, bald durch freundliche Ruhe mit wenigen Worten und Blicken stets so zu führen, daß er fast immer mit einer Niederlage der leise fechtenden Frau endigte, oft ehe sie nur das Gefecht in Gang gebracht. Hatte aber das Schicksal des Tages oder der Stunde sich entschieden, so nahm alles den besten Verlauf, da die Besiegte für diesen Fall trefflich erzogen und unterrichtet war. So kam es, daß nirgends so stattlich und anmutig gelebt wurde wie auf dem Manesseschen Hof, wenn der Herr zu Hause war und Gäste lud.

Photosensualis, Melissa in the Library, 25. Juli 2014Auch in der vorliegenden Sache stellte sie sich sofort der Meinung ihres Gemahls entgegen, welche Fides ihr vertraut hatte, und sie rief „Das fehlte uns, daß wir dergleichen Mummenschanz in unserm Hause aufführen! Wir leben hier an der Stadt bei Handel und Wandel und nicht auf Hofburgen und in Zaubergärten. Alte Mären lesen wir in den Büchern, aber wir spielen sie nicht selbst wieder ab; denn wir Bürgerinnen müssen für Kraut und Gemüse sorgen und an Haber und Hirse denken für das Gesinde!“

[…]

Noch andere Herren, Pfaffen und Frauen, die für die Jagd zu bequem waren, wollten sich später auf Manegg einfinden, wo die Manessin inzwischen ihre verzauberte Mahlzeit richtete, die sich ihr, wie gewohnt, unter den Händen aus einem Käse- und Wurstimbiß in eine Hoftafel umgewandelt hatte; gewiß zum letzten Male! nahm sie sich mit unzerstörlichem Vertrauen auf die Zukunft vor, den tröstlichen Leitstern alles Menschentumes.

Welche Schwäche! würde jetzt manche Frau ausrufen; aber wie liebenswürdig war dagegen jene stets für ihren Geiz kämpfende und unterliegende Wirtin, die wegen der Salz- und Pfefferfrage nicht den Hausfrieden brach und es nicht biegen oder brechen ließ, sondern dachte, morgen ist auch wieder ein Tag, und die mildere Zeit, die seldenbäre, wird auch mir noch aufgehen! Und wie schad ist es, daß wir ihren vollen Namen nicht mehr wissen, der von seltenem Wohllaute hätte sein müssen.

Svyatoslav Balan, 25. Dezember 2013

Bilder: Frontal:

  1. Sara Riches: Lost in Words, 14. Januar 2014, Tintenlavur auf Buchseiten;
  2. Michael Fitzpatrick: Arte contemporanea;
  3. Alfred Kraus: Steampunk Girl, März 2015;
  4. Marie Bashkirtseff: At a Book, ca. 1882, Öl auf Leinwand;
  5. Wilson Cutler, Collier’s Magazine August 1948;
  6. unattributed as unknown;
  7. Photosensualis: Melissa in the Library, 25. Juli 2014;
  8. Svyatoslav Balan, 25. Dezember 2013.

Written by Wolf

5. Juni 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Hochmittelalter

Pscht!

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Eins der verbreitetsten erotischen Genres ist die naughty librarian der amerikanischen Kultur, wo in den Stadtbüchereien arbeitsame Ruhe zu herrschen hat und die Angestellten vor allem durch ihr häufiges Shh! auffallen. Man hat schon befremdlichere Vorlieben nachzuvollziehen versucht. Und wenn die Kundschaft sich so an Büchern bereichert, wie wir’s auf dem Bilde schaun, verstehen wir die Bibliothekarin nicht nur als begehrtes Objekt, sondern auch als tätiges Subjekt.

——— Eva Heller:

Beim nächsten Mann wird alles anders

Fischer Verlag, Die Frau in der Gesellschaft, 1987, Seite 67 f.:

Birgit sei Angestellte in der Stadtbücherei. Ansonsten sitze sie zu Hause und warte darauf, daß der Mann ihrer Träume an ein Fenster ihrer Zwei-Zimmer-Wohnung im dritten Stock klopft. Aber Birgit sei trotzdem sehr nett. […]

Ich war überrascht von Birgit. Man sah ihr überhaupt nicht an, daß sie in der Stadtbücherei arbeitete. […]

Birgit ist in der Stadtbücherei zuständig für die Kontrolle der Ausleihe. Dauernd müsse sie Überstunden machen, klagte sie, die Leute würden zu viele Bücher ausleihen. Jeder würde zehn Bücher mitnehmen, aber sie könnte schwören, daß die Leute höchstens eins lesen, obwohl sie den Abgabetermin noch um drei Wochen überziehen. Man müßte ein System einführen, meinte Birgit, mit dessen Hilfe die sogenannten Leser von den Bibliotheksangestellten geprüft werden könnten, ob sie die ausgeliehenen Bücher nicht nur gelesen, sondern auch verstanden hätten. Nur wenn dies der Fall sei, dürfte der Leser wieder Bücher mitnehmen, und zwar nur so viele, wie er nachweisbar wirklich gelesen hätte.

Porsche Brosseau, Books, 12. Juni 2011

Overload: Porsche Brosseau: Books, Cherry Hill Mall in Cherry Hill, New Jersey, 12. Juni 2011.
Gerade in Arbeit: Khalil Gibran: The Prophet, 1923.

Written by Wolf

1. Juni 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Novecento