Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

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Drei Rosen, sang er, drei Rosen

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Update zu Gräflein Du bist verrathen:

Es reißt nicht ab: Wer zu tief nach Theodor Fontanes Volksliedfund Wer geht so spät zu Hofe buddelt, gerät nahezu zwangsläufig an eine weitere Ballade, diesmal ein Original von Friedrich de la Motte Fouqué.

„Wir schließen diesen Abschnitt mit einem Liede“ (George Hesekiel a. a. O.) aus derselben Quelle wie Fontanes Volkslied „zur Geschichte des Geschlechts der Grafen Königsmarck“, die über Fontanes Verwendung hinausgeht, allein schon weil sie auf einen der zentralen Forschungsgegenstände von Arno Schmidt verweist: Fouqué — und sogar, wie Schmidt sie in seinem Standardwerk von 1958 nennt, „einige seiner seiner Zeitgenossen„. Das trägt uns praktischerweise gleich noch eine Ballade in siebenzeiligen Strophen ein. Abermals in gleich zwei Zusammenhängen:

Günter Rössler, Fotokinoverlag, Leipzig 1982

——— George Hesekiel:

Nachrichten zur Geschichte des Geschlechts der Grafen Königsmarck

Verlag von Alexander Duncker, Königlicher Hofbuchhändler, Berlin 1854, Seite 5 bis 6:

Günter Rössler, Fotokinoverlag, Leipzig 1982In dieser Zeit kommen die Königsmarck in die erste Verbindung mit den Lützelburgern, dem böhmischen Königshause; Rüdiger von Königsmarck, er wird auch Radecke genannt, begleitete den Markgrafen, später Kaiser, Sigismund 1382 nach Ungarn und zeichnete sich vielfach dort aus. Seine glänzendste That aber war 1387 die Befreiung der Königin Maria von Ungarn aus der Gefangenschaft des Banus von Kroatien. Der Sage nach ließ die schöne Königin den tapfern Ritter vor sich bescheiden, grüßte ihn holdselig und sagte ihm, er solle sich eine Gnade ausbitten. Da bat der ritterliche Held um die drei Rosen, welche die Königin in der Hand hielt, die Königin aber reichte ihm die Rosen und dazu dreimal ihren rosigen Mund zum Kuß. Seit der Zeit hieß Rüdiger von Königsmarck im Ungarlande der Rosenritter, seine Nachkommen aber führen noch heut zum Gedächtniß die Königin mit den drei Rosen in der Hand als Helmkleinod auf ihrem Wappen. Einer unserer edelsten deutschen Dichter, Friedrich Baron de Lamotte=Fouqué hat diese Königsmarck’sche Schildsage in der folgenden lieblichen Romanze besungen:

Hier folgt die Romanze. Um nicht wieder unzulässig ins Zitat eines Zitats eingreifen zu müssen, weil Hesekiel nicht wesentlich, aber nicht gerade sehr zuverlässig von Fouqué abweicht, bringe ich den Text nach der Erstausgabe aus: Friedrich de la Motte Fouqué: Alwin. Ein Roman in zwei Bänden von Pellegrin. Erster Band, bei Friedrich Braunes, Berlin 1808, Seite 209 bis 210:

Günter Rössler, Fotokinoverlag, Leipzig 1982

Was meint sie denn mit den drei Rosen, die man meim Einlaß in’s Schloß nennen muß? fragte Alwin.

Emil, rief Hartwald nach dem Zelte hinein, sing uns doch einmal Flaminiens Romanze. Es ist ein altes Liedchen, fuhr er gegen Alwin fort, das ihr so ausnehmend gefällt, und von dem sie die Losung gewählt hat.

Der hübsche Page war indessen heraus getreten, hatte seine Zither gestimmt, und sang:

Mein Knappe, was kommst Du an Stirn und Brust
     Und Arm von Blute so roth,
Und reitest als wie in erquicklicher Lust,
     Als gäb‘ es nicht Jammer noch Noth?
          Drei Rosen, sang er, drei Rosen,
          Die pflückt‘ ich aus feindlichem Tosen,
     Die pflückt‘ ich aus drohendem Tod.

Günter Rössler, Fotokinoverlag, Leipzig 1982Und als er kam vor das Königshaus
     Der junge siegende Held.
Da trat die Königinn selber heraus:
     Nun fordre, was Dir gefällt.
          „Drei Rosen, hätt‘ ich drei Rosen,
     Wie wollt‘ ich noch hundertmal losen
     Um’s Leben auf eisernem Feld!

Die Königinn wußte, was Helden gebührt;
     Was Helden kann machen gesund.
Da haben ihn schweigende Mägdlein geführt
     In Zimmers verschwiegenen Rund.
          „Drei Rosen gab sie, drei Rosen,
          Drei Küsse mit freundlichem Kosen
     Von ihrem hellrosigen Mund.

Und drauf im erleuchteten, festlichen Saal
     Stand Herzog und Grafe bereit,
Da sagte die Herrin zu dieser Zahl
     Sei künftig mit Ehren gereiht,
     Und heiße der Ritter von Rosen,
     Und führ‘ im Wappen drei Rosen
     Und rosenfarb Helmbusch und Kleid.

Du hast deine Sache recht gut gemacht, Emil, sagte Hartwald, und kannst billig den besten Sängerlohn verlangen. Nimm hin! Und mit diesen Worten reichte er ihm einen goldnen Becher. Der Page nahm ihn lächelnd an, und tauchte seine schwellenden Lippen in die Gluth des Weins, indeß Alwin, als bemerkte er einen lange Verkannten, plötzlich emporschaute; diese Lippen waren es, welche er in der Einsiedelei sich auf ähnliche Weise in den Wein hatte tauchen sehn, und Emil stand als Emilie vor ihm, als die entführte, reizende Nonne.

Günter Rössler, Fotokinoverlag, Leipzig 1982

Die Bilder sind das Material, das für den Ursprungsartikel erwogen und verworfen wurde:
Günter Rössler für den Fotokinoverlag, Leipzig 1982.

Soundtrack: Über eine nicht mehr als dreigliedrige Assoziationskette:
Motörhead: Heroes, aus: Motörizer, 2008:

Written by Wolf

15. November 2019 at 00:01

Halloween-Special: Zum Tanz, den sie schauderlich führen

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Update zu Ein holprichtes Lied mit tiefer und rauher Stimme und
Wie der Schnee so weiß, aber kalt wie Eis ist das Liebchen, das du dir erwählt:

Auch der Künstler wird nie bezahlt, sondern der Handwerker. Chodowiecki der Künstler, den wir bewundern, äße schmale Bissen, aber Chodowiecki der Handwerker, der die elendsten Sudeleien mit seinen Kupfern illuminirt, wird bezahlt.

Goethe an Johann Friedrich Krafft, 9. September 1779.

Goethes Ballade Der Totentanz besteht aus siebenzeiligen Strophen, sieben an der Zahl — spontan und vor Ort komponiert auf einer Reise nach Teplitz nach einer Räuberpistole, die ihm der Kutscher erzählt hat. — Daniel Chodowieckis Zyklus Totentanz besteht aus zwölf Kupferstichen.

Damit versuchen wir mal was Formales: Zwischen die Strophen von Goethe (Reimschema ABABCCX) sind Chodowieckis Stiche, davor seine Beschreibungen, die er selbst in einem Brief vom 18. Juni 1791 an die Jäger’sche Buchhandlung in Frankfurt a.M. gegeben hat, und danach die Erklärungen im Kalender der Erstpublikation geflochten. — Goethe ist zitiert nach der Frankfurter Ausgabe, Chodowiecki nach nach dem Goethezeitportal.

Das tanzt ungemein.

——— Goethe:

Der Totentanz

21. April 1813:

Der Türmer der schaut zu Mitten der Nacht
Hinab auf die Gräber in Lage;
Der Mond der hat alles in’s Helle gebracht;
Der Kirchhof er liegt wie am Tage.
Da regt sich ein Grab und ein anderes dann:
Sie kommen hervor, ein Weib da, ein Mann
In weißen und schleppenden Hemden.

Der König.

Beym König ist’s die Ambition und der Geitz die ihn abrufen im augeblick da er von seinen Unterthanen fußfallich angebethet wird.

Der Bettler.

Den Bettler zieht die Armuth so sehr er sich auch dagegen sperrt in die Grube.

Daniel Chodowiecki, Totentanz, 1791

Daniel Chodowiecki, Totentanz, 1791

Zittert Sterbliche! — oder freuet euch, ihr, die das Schicksal zum Gehorchen bestimmt hat! Selbst der Thron schützt nicht gegen die Allgewalt des Todes. Dies Loos haben die Mächtigsten der Erde, die Könige, mit euch gemein; sie die so viel vor euch voraus haben – noch mehr voraus zu haben wähnen! Kühn tritt Bruder Hein diesem Könige unter die Augen …. Doch nein! er kommt vielmehr rückwärts herbei geschlichen, und schickt seine Waffenträger, die Herrschsucht und den Geitz voran. Umgeben von diesen Werkzeugen des furchtbaren Weltbezwingers brüstet sich der stolze Monarch indem er sein Volk zu seinen Füßen erblickt; Und ungerührt von seinen Klagen, fühllos gegen seine Bitten, ahnet er nicht den Schlag der seiner Hoheit ein Ende, ihn selbst dem geringsten seiner Unterthanen gleich – zum Raube der Würmer macht. Unersättlicher noch als der habsüchtigste Eroberer ist der Tod; mit räuberischer Faust packt er sogar den Bettler an, er, der täglich so viele Reiche ohne Mühe in seine Gewalt bekommt. Aber auch nur an einem Bettler kann er seine eigene Kraft zeigen, weil ihm hier seine getreue Gehülfen, die mächtigen Leidenschaften, ihren Beistand versagen. Gleichwohl verläßt er sich nicht ganz auf die Stärke seiner Dürren Knochen; dann wer vermag dem Tode wirksamer zu widerstehen als ein Bettler dem die mächtigsten aller Tugenden, die Mäßigkeit, stets zur Seite steht? Bruder Hein nimmt also die List zu Hülfe; Er hüllt sich in Lumpen ein und hofte in dieser Maske unerkannt zu bleiben. Allein diese List ist fruchtlos. Der Bettler, von dem Triebe der Selbsterhaltung belebt und durch die Tugenden seines Standes gestärkt, thut so tapfern Widerstand daß der Tod mit minderer Mühe zehen Könige in seine Gewalt bekommen hätte.

Das reckt nun, es will sich ergetzen sogleich,
Die Knöchel zur Runde, zum Kranze,
So arm und so jung, und so alt und so reich;
Doch hindern die Schleppen am Tanze.
Und weil hier die Scham nun nicht weiter gebeut,
Sie schütteln sich alle, da liegen zerstreut
Die Hemdelein über den Hügeln.

Der Ahnenstolze.

Der Ahnenstolze Edelmann wird von seinem Gegner mit einem Knochen seines Stammhalters Todgeschlagen.

Das Kind.

Das Kind das seine Wärterin im Schlaf zu stark gewiegt worden und herausgefallen war hascht der Tod und trägt es davon.

Daniel Chodowiecki, Totentanz, 1791

Daniel Chodowiecki, Totentanz, 1791

Habe Ehrfurcht für diesen Stammbaum! Sieh diesen Degen! er hat dir schon manche gute Beute in allen Arten rühmlicher Kämpfe verschaft! So ruft Herr von Ahnenstolz dem Herrn Dürrbein verzweiflend entgegen und scheint sein altes Ritterschwerdt gegen ihn gebrauchen zu wollen. Aber ganz gegen alle Regeln der Ritterschaft ergreift ihn dieser beim Kragen, und ohne ihn der Ehre den Degen gegen ihn zu ziehen zu würdigen, haut er mit einem alten Knochen auf ihn ein. Wie fein! Es ist der Knochen eines der hochadelichen Anherren des Herrn von Ahnenstolz! Wie könnte er diesem widerstehen? Hier hat der Künstler einen nicht geringen Theil der Größe seines Talents gezeigt. Ein gesundes Kind das von seinen sorgenfreyen Eltern der Pflege seiner Wärterin überlassen ist. Wie konnte der Tod sich dieses Kindes anders als durch einen Schelmenstreich bemächtigen? Auch wagt er es nicht mit seinen klappernden Knochen auf den Boden zu tretten. Er erhebt sich in die Luft und spähet auf den Augenblick wo durch eine maschinale Bewegung des Fuses der eingeschlafenen Wärterin das Kind aus der Wiege geworfen wird. Wer nicht die Stille der Nacht an den Fledermaus-Flügeln des diebischen Heins erkennt; wer nicht das Schnarchen der dicken Wärterin hört, dessen Einbildungskraft muß wohl in eben so dicken Fette begraben seyn.

Nun hebt sich der Schenkel, nun wackelt das Bein,
Gebärden da gibt es vertrackte;
Dann klippert’s und klappert’s mitunter hinein,
Als schlüg‘ man die Hölzlein zum Takte.
Das kommt nun dem Türmer so lächerlich vor;
Da raunt ihm der Schalk, der Versucher, in’s Ohr:
„Geh! hole dir einen der Laken.“

Die Schildwache.

Die Schildwache wird in einem feindlichen Ueberfall abgelöst.

Der General.

Der General stirbt im Krieg.

Daniel Chodowiecki, Totentanz, 1791

Daniel Chodowiecki, Totentanz, 1791

Muthvoll sezt sich der tapfere Grenadier zur Wehre. Er erkennt die feindliche Kokarde und Heins Feldgeschrei: Mit ins Grab, erinnert ihn seiner Pflicht; allein fruchtlos ist sein Muth, vergeblich sein Widerstand!

Ob man mit so dürren Beinen in so großen Stiefeln laufen kann? Bruder Hein kann’s; der flüchtigste Petitmaitre in Tanzschuen kann er ihm nicht entspringen.

Noch undankbarer als gegen den Arzt ist Herr Hein gegen den General, der ihm Freunde und Feinde ohne Zahl überliefert und gleichwohl seine Raubsucht nicht versöhnen kann. Er hält ihn unter dem Mantel der Ehre auf dem Schlachtfelde unter tausendfachen Gefahren und mähet ihn wie frisches Gras in der Blüthe seiner Jahre und seines Ruhms.

Getan wie gedacht! und er flüchtet sich schnell
Nun hinter geheiligte Türen.
Der Mond und noch immer er scheinet so hell
Zum Tanz, den sie schauderlich führen.
Doch endlich verlieret sich dieser und der,
Schleicht eins nach dem andern gekleidet einher
Und husch ist es unter dem Rasen.

Das Freudenmädgen.

Das Freudenmädchen, der Tode geisselt es mit den franz: Lilien der Lustseuche, die Hausmutter sucht ihn umsonst mit dem Mercurius Flaschgen zu verscheuchen. Die Liebhaber laufen lamentirend davon.

Das Fischweib.

Das Fischweib stirbt in einer Zänkerey mit ihren Nachbarn vor Zorn.

Daniel Chodowiecki, Totentanz, 1791

Daniel Chodowiecki, Totentanz, 1791

So hitzig als der feurigste Liebhaber greift Herr Klappers noch nach der Hand der Schönen; allein nicht aus Zärtlichkeit, sondern um sie dafür zu Geißeln, daß sie bei dem Genuße ihre[r] zügellosen Freuden sich seiner nie erinnert hatte. Vergeblich sucht ihn die garstige alte Kupplerinn mit ihrem Arzeneiglas zu verscheuen. Der Tod läßt seine Beute nicht, wohl aber entfliehen die beiden Wollüstlinge mit Abscheu. Dieser Nebenbuhler ist ihnen zu gefährlich — Glücklich wenn sie selbst seiner Geisel entrinnen! Welch ein Contrast zwischen dem dicken Fischweibe und Bruder Rapelbein! Der Anstrengung des leztern und der mit Furcht vermischten Wuth der ersten. Endigte nicht ein unausbleiblicher Steckfluß den Lebensfaden des rüstigen Weibes so würde Herr Rappelbein noch manchen kräftigen Hieb thun müssen, um auf ihr wohl verpanzertes Herz zu kommen.

Nur einer der trippelt und stolpert zuletzt
Und tappet und grapst an den Grüften;
Doch hat kein Geselle so schwer ihn verletzt;
Er wittert das Tuch in den Lüften.
Er rüttelt die Turmtür, sie schlägt ihn zurück,
Geziert und gesegnet, dem Türmer zum Glück,
Sie blinkt von metallenen Kreuzen.

Der Pabst.

Dem Pabst tödtet der Aberglaube zur Zeit da einer seiner Untergebenen ihm den Pantofel küßt und andere ihm ihre devotion bezeugen. Der stehende Kardinal freut sich seiner Abfahrth, vielleicht kommt er an seine Stelle.

Die Königin.

Die Königinn stirbt vor Eifersucht.

Daniel Chodowiecki, Totentanz, 1791

Daniel Chodowiecki, Totentanz, 1791

Hier muß man sich einen Pabst der Vorwelt denken; denn der jetzige ist zu vernünftig als daß er von den Pfeilen des Unglaubens getödtet werden sollte. Wir wollen es daher den Lesern überlassen, das Original zu diesem Bilde in der Geschichte aufzusuchen. Ob es ihm leicht oder schwer seyn werde, es zu finden — wissen, wir nicht! Ruhig, ja mit sichtbarem Vergnügen sieht die schöne duldende Königin den Tod sich ihr nähern. Durch nagende Eifersucht deren Sinnbild er auf seinem Mantel trägt, hat er sich dieser kostbaren Beute in dem Frühling ihrer Jahre zu bemächtigen gewust. Eine eifersüchtige Königin! Wie wenig muß diese bedauernswürdige Fürstin mit den Standesgerechtsamen ihres Gemahls bekannt gewesen seyn; denn daß ihr nur dieser den Anlaß zu dieser verzehrenden Leidenschaft gegeben habe, dafür bürget ihr schuldloses Gesicht. Ganz anders sieht die alte Obersthofmeisterin den halb vermumten Knochenmann an. Sie berechnet die Folgen des Verlusts ihrer Gebietherin, den Verlust ihres einträglichen Einflusses. Sie kommt darüber in Wuth, packt den Tod am haarlosen Scheitel und sucht ihn durch ihr gellendes Geschrei wegzuscheuchen. Aber vergeblich! Ganz in der Manier empfindelnder Herzen, entreißt sich die junge Hofdame, oder Cammerfrau – denn der Unterschied der Stände ist von hinten noch schwerer zu bestimmen als von vornen — dem schauervollen Anblicke und — beweint den Verlust der guten Königin bis — die Garderobbe getheilt wird.

Das Hemd muß er haben, da rastet er nicht,
Da gilt auch kein langes Besinnen,
Den gotischen Zierat ergreift nun der Wicht
Und klettert von Zinne zu Zinnen.
Nun ist’s um den armen, den Türmer getan!
Es ruckt sich von Schnörkel zu Schnörkel hinan,
Langbeinigen Spinnen vergleichbar.

Die Mutter.

Die Mutter stirbt in Wochen.

Der Arzt.

Der Artzt hat seinen Kranken das Leben abgesprochen, der Tod läßt den Kranken sitzen und holt den Artzt.

Daniel Chodowiecki, Totentanz, 1791

Daniel Chodowiecki, Totentanz, 1791

Wie grausam! Laß der Mutter den Säugling, den sie kaum gebohren hat! Erschrecke die armen Kleinen nicht! Solltest du es etwan jezt schon wissen, daß dies Kind dereinst seine Familie unglücklich machen würde? Sehet, Freund Hein wagt es nicht der schönen Mutter in die Augen zu sehen. Rühren kann ihn die Schönheit, aber nicht bewegen. Wie abscheulich! Undankbarer kann niemand seyn als der Tod! In dem Augenblicke da ihm sein dicker Freund, der Arzt, einen Kranken zu überliefern wie die neben ihm liegenden Gläser bewähren, die wirksamsten Anstalten gemacht hat, holt er ihn selbst. Er achtet nicht der Angst, der kummervollen Erwartung nicht womit der abgezehrte Patient dem Urtheile des Arztes über die Beschaffenheit seines Pulses entgegen sieht. Freilich hat der wohlbeleibte Arzt einen stärkern Reiz für Bruder Heins gefräßigen Gaumen als das entfleischte Gerippe des Kranken. Aber mag wohl die schwere Tugend der Mäßigkeit, die die Herren Aerzte so freigebig empfehlen, diesen dickbäuchigen Aeskulap so fett gemacht haben?

Der Türmer erbleichet, der Türmer erbebt,
Gern gäb‘ er ihn wieder, den Laken.
Da häckelt – jetzt hat er am längsten gelebt –
Den Zipfel ein eiserner Zacken.
Schon trübet der Mond sich, verschwindenden Scheins,
Die Glocke sie donnert ein mächtiges Eins
Und unten zerschellt das Gerippe.

Bilder: Daniel Chodowiecki: Totentanz, 1791, Königl. Grosbritannischen Historischen Genealogischen Calender für 1792 im Verlag von Berenberg in Lauenburg und der Jaegerischen Buchhandlung in Frankfurt am Main, via Jutta Assel/Georg Jäger: Daniel Nikolaus Chodowieckis „Totentanz“. Eine Kupferstichfolge, Goethezeitportal, Juli 2015.

Vertonungen geschahen unter anderem durch Carl Friedrich Zelter — und Carl Loewe:

Hörenswert ist die moderne, angemessen antikisierende Version von Lola Lindling,
die darin „absolut eine der coolsten Balladen überhaupt“ verarbeitet:

Tanz der Lebendigen: noch ein experimentell gemixtes, erstaunlich gut funktionierendes Mash-up:
zwischen Flogging Molly: Devil’s Dance Floor, aus: Swagger, 2000, und Pulp Fiction, 1994:

#gothiclyrik

Written by Wolf

1. November 2019 at 00:01

Gräflein Du bist verrathen

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Update zu Ich bescheide mich,
Trauervokal und
Die katholische Zeit hat solche Geschmacklosigkeiten nicht gekannt:

James Haliburton, Schloss Plaue, Brandenburg, 8. März 2014

Nicht ausgerechnet am 1. April des Fontanejahres hätte ich an die touristische Verwaltung des Schloss Plaue zu Brandenburg an der Havel mailen sollen:

Sehr geehrte Damen und Herren,

James Haliburton, Schloss Plaue, Brandenburg, 8. März 2014ich betreibe den privaten literarischen Weblog Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt — der viel zu wenig von seinem eigentlichen Thema, dem Volksbuch vom Doctor Faustus handelt, aber selbstverständlich niemals langweilig wird.

Im derzeitigen Fontanejahr, das ich bei meinem übergreifenden Thema natürlich nicht ignorieren will, ist mir in den Fünf Schlössern unter dem Kapitel über das Schloss Plaue das Volkslied Wer geht so spät zu Hofe über die Gräfin Platen aufgefallen, dem Fontane erklärtermaßen nur „einige Strophen“ entnommen hat, das aber aus Strophen zu je 7 Versen besteht, was ja immer eine lyrische Qualität eigener Art darstellt — siehe vor allem meine Weblog-Kategorie 7-Zeiler —, und dessen Inhalt in seinem Kontext hochinteressant ist.

Fontane zitiert dieses Volkslied — wie Sie sehr viel besser wissen als ich — im Zusammenhang mit der Geschichte eines der Leinwandtableaus im oberen Saal von Schloss Plaue. Auf Ihrer eigenen sehr aufschlussreichen Website erfahre ich:

Die ehemalige Innenausstattung des Schlosses ist nur in wenigen Bildern überliefert.

Nun finde ich leider im Internet weder zusätzliche Strophen zum genannten Lied noch die acht — auch nicht die fünf von Fontane näher beschriebenen — Tableaus. Diese Verbindung ergibt leider eine recht lückenhafte Dokumentation zur Geschichte des Philipp Christoph Graf Königsmarck.

Daher meine mehrteilige Frage:

  1. Können Sie mir weitere Strophen zu Wer geht so spät zu Hofe nennen — oder Fundstellen dazu?
  2. Wird das Lied noch gesungen, weil es eine bekannte, wenigstens nachweisbar überlieferte Melodie hat?
  3. Und existieren noch Darstellungen von den Leinwandtableaus in Schloss Plaue?
  4. Genießen sie eine gewisse ikonische Funktion, quasi als stille Berühmtheit von regionalem Erkennungswert?

Für diese Fragen aus einem im besten Sinne amateurhaften Forschungsinteresse erscheinen Sie mir als die geeignete Anlaufstelle. Damit ich nicht vollends einseitig Ihre Zeit beanspruche, darf ich Sie unverbindlich beruhigen: Aus demselben Interesse erwäge ich sehr wohlwollend, möglichst noch im laufenden Fontanejahr die Tourismusangebote um Schloss Plaue zu nutzen. Im Dienste eines germanistischen Nischenthemas ein leibhaftiges siebenzeiliges Volkslied mit großformatigen Illustrationen zu besuchen. Das sieht mir überaus ähnlich.

Können Sie mir hier weiterhelfen — oder wenn nicht, mich wahlweise an jemanden verweisen, der es kann?

Mit freundlichen Grüßen,
Wolf [und alles, was im Impressum steht]

Nicht ausgerechnet am 1. April, weil ich auf irgendeine Antwort, wenigstens ein den Eingang bestätigendes „Geh Ludwig Thoma lesen, du Baziwessi!“ bis heute warte, dabei wird mein Spam täglich handverlesen. Man muss sich also wie immer selber behelfen. Schauen wir mal:

James Haliburton, Schloss Plaue, Brandenburg, 8. März 2014Im überbordenden Reichtum der Fontanischen Wanderungen durch die Mark Brandenburg finden wir ausgeführt, was wir übersichtlicher bei kurz!-Geschichte seit 8. April 2018 als Die Königsmarck-Affäre zusammengefasst sehen: Im Adelsgeschlecht derer von Königsmarck stellte der Spross Philipp Christoph Graf von Königsmarck ausreichende Verwicklungen an, um ein Volkslied anzuregen, eins mit Handlung samt Spannungsbogen und Moral. Das genügt, um uns mehr für das Lied mit seinen illustrierenden Bildern zu interessieren als für die dynastischen Verwicklungen einer ohnehin schwächlich gesicherten regionalpolitischen Wirklichkeit.

Historischer Schauplatz ist somit nach Fontane das Schloss Plaue zu einer historischen Zeit, da es von der Familie von Königsmarck bewohnt wurde. Was Fontane nicht wissen konnte, erfahren wir am touristisch erschlossenen Fontaneweg Schloss Plaue — an der 4. Station:

Die ehemalige Innenausstattung des Schlosses ist nur in wenigen Bildern überliefert. Berühmt waren das Chinesische Zimmer im Obergeschoss, sowie der obere Saal mit den acht großen Leinwandtableaus, die Szenen aus der Geschichte der Familie v. Koenigsmarck zeigten. Anfang 1945 war wegen des Bombenkrieges in Berlin die Vertretung des Kgr. Thailand im Schloss untergebracht. Beim Einmarsch der Roten Armee wurde es geplündert, zeitweilig befand sich ein Lazarett darin. Durch die Plünderungen und DDR-zeitliche Umbauten verlor das Schloss große Teile des historischen Bauinventars sowie die gesamte Innenausstattung.

Und mit diesen „wenigen Bildern“ wird dermaßen hausgehalten, dass die acht, ja selbst die bei Fontane erwähnten fünf Leinwandtableaus nirgends wiedergegeben sind. Ist halt eine karge Gegend.

Allerdings stuft der in solchen Dingen sehr zuverlässige Silvae das Lied 2010 als nur „angebliche[s] Volkslied (wahrscheinlich von Fontane)“ ein. Laut Anmerkung in der siebenbändigen Aufbau-Ausgabe von Gotthard Erler und Rudolf Mingau stammt das Lied gar von Fontanes Kollegen von der Kreuzzeitung George Hesekiel, aus: Nachrichten zur Geschichte des Geschlechts der Grafen von Königsmarck, Verlag von Alexander Duncker, Berlin 1854, Seite 34 bis 36 — ein Nachweis, der in seiner Genauigkeit am glaubwürdigsten erscheinen muss. — Das Wort hat die übliche Quelle Fontane im Zusammenhang:

——— Theodor Fontane:

5. Kapitel
Plaue von 1839 bis jetzt

(Graf Königsmarcksche Zeit)

aus: Fünf Schlösser, 1889:

[…] Fünftes Tableau. Philipp Christoph Graf Königsmarck (jüngster Sohn Kurt Christophs und Bruder Hans Karls von K.) nimmt Abschied von der Erbprinzessin von Braunschweig-Lüneburg und wird kurz darauf in den Gängen des Schlosses von Hannover ermordet.

James Haliburton, Schloss Plaue, Brandenburg, 8. März 2014Philipp Christoph von K., geboren 1662, war seit seinen Kindertagen mit Sophie Dorothea, Erbprinzessin von Braunschweig-Lüneburg, befreundet. Sechzehn Jahr alt, vermählte sich diese mit ihrem Vetter, dem Kurprinzen Georg Ludwig von Hannover, dem späteren Könige Georg I. von England. Die Ehe war nicht glücklich. Philipp Christoph von K. ging in die Welt und beteiligte sich an verschiedenen Kriegszügen. Von 1688 ab aber erkor er, wenigstens zeitweilig, Hannover als Aufenthaltsort und lebte daselbst mit fürstlichem Aufwande, was ihm sein Reichtum gestattete. Denn er war Erbe von Oheim und Bruder, die, wie schon erzählt, 1686 und 88 vor Argos und Negroponte den Tod fanden. Zu seinem (Philipp Christophs) Hausstande gehörten 29 Diener und 52 Pferde. Seine früheren Beziehungen zur Erbprinzessin wurden wieder aufgenommen und weckten nicht nur die Eifersucht des Kurprinzen, sondern auch den Neid der Gräfin Platen, einer Maitresse des Kurprinzen. Ein Herr von Podewils, kurhannoverscher Feldmarschall, unterließ es nicht, dem Grafen Philipp Christoph die Gefahren seines Verhältnisses zur Prinzessin Sophie Dorothea vorzustellen. Umsonst. Endlich gab Philipp Christoph der immer wieder laut werdenden Warnerstimme nach und traf Vorbereitungen, um in kursächsische Dienste zu treten. Am 1. Juli 1694 begab er sich in das Schloß zu Hannover, um hier von seiner Freundin, der Kurprinzessin, Abschied zu nehmen. Er verließ das Schloß nicht mehr. In einem Korridore traten ihm vier Hellebardiere entgegen, die sich bis dahin hinter einem Schornstein verborgen gehalten hatten, und im Kampf gegen diese gedungenen Leute fiel er. Seine Leiche versenkte man in einen senkrecht durch die ganze Höhe des Schlosses laufenden Kanal und mauerte diesen zu. Zwei der Hellebardiere, Buschmann und Lüders, haben die Tat auf ihrem Sterbebette gebeichtet. Die Gräfin Platen war Anstifterin des Ganzen – der Kurprinz (zur Zeit des Mordes auf Besuch in Berlin) hatte nur schweigend zugestimmt. Das Aufsehen, das die Tat hervorrief, war groß, und die Gräfin Platen wurde Gegenstand allgemeinen Hasses. Ein Volkslied, dem ich einige Strophen entnehme, gab dieser Stimmung Ausdruck.

Wer geht so spät zu Hofe,
Da alles längst im Schlaf?
Im Vorsaal wacht die Zofe –
Schon naht der schöne Graf.
Er sprach: „Eh ich nach Frankreich geh,
Muß ich sie noch umarmen,
Prinzessin Dorothee.“

Gräflein, du bist verraten,
Verraten ist dein Glück,
Die böse Gräfin Platen
Ersann ein Bubenstück.
Du schaltst sie eine Wetterfahn,
Sie tät dir gern viel Liebes,
Nun ist’s um dich getan.

Er ging zur ew’gen Ruhe
Mit vielen Schmerzen ein,
Doch ward in keine Truhe
Gebettet sein Gebein.
Ich weiß nicht, wo er modern mag,
Doch wird er einst erscheinen
Am Auferstehungstag.

So (mit Umgehung der drei minder wichtigen) die fünf großen Tableaus im Ahnensaale zu Schloß Plaue.

Fontanes journalistischem Kollegen aus der Anmerkung in der großen Ausgabe nachgegangen, hat das Lied insgesamt neun Strophen — auch schon als Fontanes Vorlage siebenzeilig. Das Original im Zusammenhang:

——— George Hesekiel:

Nachrichten zur Geschichte des Geschlechts der Grafen Königsmarck

Verlag von Alexander Duncker, Königlicher Hofbuchhändler, Berlin 1854:

James Haliburton, Schloss Plaue, Brandenburg, 8. März 2014Wir schließen diesen Abschnitt mit einem Liede, das den Anspruch macht, ein altes Lied zu sein, es ist in desmselben viel Wahres und Falsches auf’s Wunderlichste gemischt, so wunderlich, daß die Fälschung, wenn eine solche vorliegt, eine der gelungensten wäre. Man wird sehen, daß das Volkslied allerdings auch a ein Liebesverhältniß des Grafen im gewöhnlichen Sinne glaubt, was auch wohl nicht anders möglich war, da vom Hofe aus in diesem Sinne verleumderische Gerüchte methodisch verbreitet wuden, man sieht aber auch, wie bereit das Volk war, der Churprinzeß selbst jede Sünde zu verzeihen, weil es die Rohheit des Churorinzen kannte, und wie sich des Volkes ganzer Zorn instinctartig gegen die eigentliche Mörderin, gegen jene mächtige Feindin Königsmarcks, richtete.

Das Lied lautet:

Wer geht so spät zu Hofe,
Da alles längst im Schlaf?
Im Vorsaal wacht die Zofe —
Schon naht der schöne Graf!
Er sprach: „eh‘ ich nach Frankreich geh‘,
Muß ich sie noch umarmen,
Prinzessin Dorothee !“

Sie ließ sich gern erbarmen,
Wie heiße Liebe thut.
In ihren weichen Armen
Wie ward ihm da so gut !
Sie sprach: „so wahr ich Fürstin bin,
Willst Du nach Frankreich reiten,
Ich flieh‘ mit Dir dahin !“

Die Zofe harrt mit Bangen
Dort an der Kammerthür :
Das Kosen und Umfangen
Währt über die Gebühr ;
Und endlich tritt der Graf hervor
Mit Trällern und mit Singen
Wohl auf den Corridor.

Gräflein Du bist verrathen,
Verrathen ist Dein Glück !
Die böse Gräfin Platen
Ersann ein Bubenstück.
Du shaltst sie eine Wetterfahn‘,
Sie thät Dir gern viel Liebes,
Nun ist’s um Dich gethen !

Oh ! sieh Dich vor im Düstern,
Und wärst Du noch so stark.
Hörst Du die Mörder flüstern :
Nieder mit Königsmarck !
Ha ! wie ein Löwe wehrt er sich,
Erschlägt zwei Hellebardiere —
Dann fällt er ritterlich.

Er sah die Gräfin Platen —
Schon schwanden ihm die Sinn‘ —
In seinem Blute waten
Und schrie : Du Teufelin,
Verschlänge Dich der Höllenschlund !
Sie sprach : willst Du noch lästern,
Und stampft ihn auf den Mund.

Er ging zur ew’gen Ruhe
Mit vielen Schmerzen ein ;
Doch ward in keine Truhe
Gebettet sein Gebein.
Ich weiß nicht, wo es modern mag,
Doch wird er einst erscheinen
Am Auferstehungstag.

Und muß die arge Platen
Erscheinen im Gericht,
Dann schützt vor Gottes Gnaden
Sie auch der Churfürst nicht ;
Doch der, die sie so tief betrübt,
Wird wohl die Schuld vergeben,
Dieweil sie viel geliebt.

Zu Ahlden an der Aller
Ist der Prinzessin Grab ;
Der Klage Laute schallen
Am Wasser weit hinab.
Nach England geht ein scharfer Wind
Von seinen Aeltern beiden
Grüßt er manch Königskind.

James Haliburton, Schloss Plaue, Brandenburg, 8. März 2014Man hat eine ganze Literatur über die Geschichte und das blutige Ende des Grafen Philipp Christoph von Königsmarck, interessant dürfte es sein, daß auch Schiller ihn zum Helden eines Dramas, „Sophie von Celle“, machen wollte, dessen vollständiger Entwurf sich in dem Nachlaß der Frau von Wolzogen gefunden hat. Der Inhalt jeder einzelnen Scene ist genau angegeben, und hat man es gewagt, Schillder’sche Stücke zu ergänzen, angefangene zu vollenden, so würde es gewiß auch gestattet sein, das Drama nach dem Schiller’schen Entwurf auszuführen. Der Stoff ist in der That dankbar genug. Uns gereicht es zu besonderer Genugthuung, daß der große deutsche Dichter mit uns an die Unschuld der Prinzeß und des Grafen glaubt, dem Dichter ward durch Divination klar, was uns erst durch später aufgefundene Actenstücke zur Gewißheit wurde.

Was uns lehrt: Je weiter man seine Quellen zurückverfolgt, desto weiter wird man von ihnen geführt. Die Bilder bei Fontane kennen wir immer noch nicht, odass wir uns mit dem Bildmaterial eines Touristen von 2014 behelfen müssen, der ebenfalls auf die verborgenen Schönheiten der Örtlichkeit angewiesen war — wenigstens solange uns das Regionalmarketing von Schloss Plaue im bis auf weiteres wichtigsten touristischen Höhepunkt ganz Brandenburgs genügend wenig ernst nimmt, um uns beharrlich zu ignorieren; dafür kennen wir mehr siebenzeilige Strophen als der nächstbeste Fontaneleser. Schiller wird übrigens noch innerhalb des laufenden Fontanejahrs am 10. November 260, den kriegen wir also noch.

James Haliburton, Schloss Plaue, Brandenburg, 8. März 2014

Bilder: James Haliburton: Schloss Plaue in Brandenburg, 8. März 2014.

Soundtrack: Weil sie aus der Gegend — direktemang aus Brandenburg an der Havel — kommt:
Anna Loos mit Silly: Alles rot, aus: Alles rot, 2010:

Written by Wolf

25. Oktober 2019 at 00:01

So säumet denn, ihr Freunde, nicht, die Würste zu verspeisen

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Update zu Da ist schwäb’scher Dichter Schule, und ihr Meister heißt – Natur!
und Romantische Bieronie (Dei Ironiezeigl konnst sejwa saffa):

Da, wo ich herkomme, wird allenfalls zur Kirchweih so ein Tumult um das Schlachten seiner Mitkreaturen gemacht. Ludwig Uhland war aus Schwaben und zur Zeit seines Metzelsupenlieds 26 Jahre alt. Das ist so jung, da darf man seine siebenzeiligen Strophen sogar noch mit einer ungereimten Waise abschließen (Reimschema ABABCCX).

Laut Uhlands Tagebuch entstand das Lied unter dem Arbeitstitel Verse über die Abschlachtung eines Schweins ab 26. Januar 1814 in Tübingen anlässlich eines musikalischen Abends beim befreundeten Komponisten Friedrich Knapp, tags darauf weitere Verse. Die Uraufführung war eine Vorlesung im selben Knappschen Kreis am 16. Februar 1814.

Der Text redet dem Fleischverzehr und dem Antisemitismus das Wort — viel gesammelt wird es wohl nicht mehr; die aufwändig belustigende, aber undistanzierte Illustration stammt von 1930. Metzelsuppe in ihrer Bedeutung als Ritual oder als Nahrung findet in den Gegenden, die tradtioneller Weise noch Wert auf dergleichen legen, ganzjährig statt; um sie außerhalb einer dörflichen Feierlichkeit in einem Gedicht zu feiern, an dem man mehr als einen Tag lang sitzt, muss man wohl über einen nicht allein sehr hungrigen, sondern künstlerisch orientierten Freundeskreis verfügen. Immerhin scheint es, der junge Ludwig Uhland war ein glücklicher Mensch.

——— Ludwig Uhland:

Metzelsuppenlied

gesammelt in Gedichte 1815, Seite 72 f.:

Wir haben heut nach altem Brauch
Ein Schweinchen abgeschlachtet;
Der ist ein jüdisch eckler Gauch,
Wer solch ein Fleisch verachtet.
Es lebe zahm und wildes Schwein!
Sie leben alle, groß und klein,
Die blonden und die braunen!

So säumet denn, ihr Freunde, nicht,
Die Würste zu verspeisen,
Und laßt zum würzigen Gericht
Die Becher fleißig kreisen!
Es reimt sich trefflich: Wein und Schwein,
Und paßt sich köstlich: Wurst und Durst,
Bei Würsten gilt’s zu bürsten.

Auch unser edles Sauerkraut,
Wir sollen’s nicht vergessen;
Ein Deutscher hat’s zuerst gebaut,
Drum ist’s ein deutsches Essen.
Wenn solch ein Fleischchen, weiß und mild,
Im Kraute liegt, das ist ein Bild
Wie Venus in den Rosen.

Und wird von schönen Händen dann
Das schöne Fleisch zerleget,
Das ist, was einem deutschen Mann
Gar süß das Herz beweget.
Gott Amor naht und lächelt still,
Und denkt: nur daß, wer küssen will,
Zuvor den Mund sich wische!

Ihr Freunde, tadle Keiner mich,
Daß ich von Schweinen singe!
Es knüpfen Kraftgedanken sich
Oft an geringe Dinge.
Ihr kennet jenes alte Wort,
Ihr wißt: es findet hier und dort
Ein Schwein auch eine Perle.

Ludwig Uhland, Metzelsuppenlied, Die fidele Kommode, 1930, Seite 134

BIld: Ludwig Uhland: Metzelsuppenlied, in: Die fidele Kommode. Siebenhundert Jahre deutscher Humor. Ein kurzweiliges und scherzhaftes Album deutscher Humordichtung mit vielen hundert lustigen Reim-Episteln und launigen Versstücken, Fikentscher Verlag, Leipzig 1930, Seite 134; ex libris MTP, via Michael Studt, 5. Juni 2019.

Soundtrack: eins der wenigen, zum nachhaltigen Volksgut gewordenen Highlights
von Wilhelm Hauff: Reiters Morgenlied (Alte Soldatenweise),
aus: Kriegs und Volkslieder. Stuttgart, in der Metzlerschen Buchhandlung, 1824, Seite 84,
für fränkische Belange bearbeitet von der Frankenbänd, 2005, live in der Nürnberger Katharinenruine 2012:

Written by Wolf

6. September 2019 at 00:01

Charakter ist nur Eigensinn. Es lebe die Zigeunerin!

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Update zum 1. Katzvent: Im Bewusstsein seines Wertes sitzt der Kater auf dem Dach
und 4. Katzvent: Hier liegt ein Kater der schönsten Art:

Oskar Kokoschka, Paul ScheerbartEs lohnt sich einmal wieder, ein vollständiges — im übrigen gemeinfreies — Buch in einen einzigen Link zu fassen: die Katerpoesie von Paul Scheerbart 1909, weil sie einen Heidenspaß macht. In der Erstauflage hieß die Sammlung noch Kater-Poesie, in der zweiten bis vierten Auflage ohne Trennung. Alle folgenden sind posthume Neuauflagen, die Urfassung bleibt schwer aufzutreiben.

Dabei sollte Scheerbart weiterhin neu aufzulegen eine Bereicherung für den Buchhandel wie für die letzten verbliebenen Lyrik-Konsumenten sein: Im Regal stünde er gleich neben Ringelnatz, macht aber nicht die ewig besinnlichen Trauriger-Clown-Späße wie Morgenstern. Wenn wir mit der Lyrik durch sind, wenden wir uns an die Romane — etliche davon in kenntnisreicher Science-Fiction — und die brillanten Auslassungen über Glasarchitektur. Bislang sind die meisten Fans verstorben, unter ihnen Else Lasker-Schüler, Erich Mühsam und Walter Benjamin, ein überlebender hat ihm eine engagierte, quicklebendig benutzbare Website gebaut. Aufgefordert dürfen sich gerne Verlagsgrößen wie Diogenes, Rowohlt und Verbrecher fühlen. Reclam, der unter Ausschluss der Öffentlichkeit schon angefangen hat, ginge klar.

Als praktischer Hinweis sind wir Postmodernen in der gesegneten Lage, dass „antiquarisch erreichbar“ meistens gerade mal einen einzigen Klick mehr auf Amazon.de bedeutet, der dann als Unterstützung von Kleinhändlern (und Medimops) nur noch halb so böse ist wie aufs amazon-eigene Sortiment. Der persönliche Tipp: booklooker.de. Der Profitipp: übergreifende Suche auf eurobuch.de — die meistens doch wieder bei booklooker.de rauskommt.

Der Aficionade-Tipp: Das Katerpoem Die großen Flammen ist siebenzeilig.

——— Paul Scheerbart:

Katerpoesie

Rowohlt, Paris/Leipzig 1909,
Fassung der 2.–4. Auflage, Rowohlt, Berlin ab 1920:

Morgentöne

Cover Paul Scheerbart, Kater-Poesie, 1909Guten Morgen! schreit das Menschentier;
Und mancher Schuft trinkt jetzt noch Bier.

Guten Morgen! schreit auch der Tyrann;
Früh fängt Er zu regieren an.

An den Weltrand will ich heute gahn;
Dort will ich einmal Fliegen fahn.

Guten Morgen! schreit der Kriegersmann;
Ach, der ist immerzu im Tran.

Guten Morgen! schreit man dort und hier;
Und meine Uhr schlägt schon halb vier.

Und mancher Schuft trinkt jetzt noch Bier;
Guten Morgen! schreit das Menschentier.

Paul-Scheerbart-Vignette

Hopp! Hopp! Hopp!

Hopp! Hopp! Hopp! Mein süßes Pferdchen!
Hopp! Hopp! Hopp! Wo willst du hin?

Über jene hohe Mauer?
Ach, was kam dir in den Sinn?

Hopp! Hopp! Hopp! Mein süßes Pferdchen!
Hopp! Hopp! Hopp! Wo willst – Du – hin?

Paul-Scheerbart-Vignette

Ich hab ein Auge …

Ich hab ein Auge, das ist blau.
Mir gestern Abend geschlagen.

Ich schrie fünfhundertmal „Au! Au!“
Was wollt ich damit sagen?

Ich weiß es heute selber nicht;
Ich hab ein Heldenangesicht.

Paul-Scheerbart-Vignette

Delirium! Delirium!

Ein Décadencebild

Alte Knaben sitzen auf den leersten Tonnen,
Und die Nächte siegen über alle Sonnen.
Hinten nagen unsichtbare weiße Mäuse
An dem bös zerbeulten großen Hirngehäuse.
Hör doch, wie die ganze Schädelhöhle quarrt!
Ist die alte Rinde »wirklich« noch so hart?
Alles geht zu Ende – auch der dickste Kopf!
Ach, die weißen Mäuse haben dich am Schopf!
Glaubst du, Läuse sitzen bloß in deinem Puder?
Nein, du bist ein unverschämtes dummes Luder,
Und die Frechheit kommt in erster Reihe ran.

Paul-Scheerbart-Vignette

Die große Sehnsucht

Wenn die große Sehnsucht wieder kommt,
Wird mein ganzes Wesen wieder weich.
Und ich möchte weinend niedersinken –
Und dann möcht ich wieder maßlos trinken.

Paul-Scheerbart-Vignette

Rixráx, der Sonnenbruder

Rixráx, was willst du?
Ich stopfe den Mond
In meine Riesenkanone.
Rixráx, was willst du?
Ich schieße den Mond
Wie eine Riesensaubohne
Hinaus in die ewige Nacht;
Das hat noch keiner gemacht.
Rixráx, was willst du?
Was? Du willst eine Sonnenkanone
Und eine Milchstraßenkrone?
Brüderchen, geh doch nach Haus!
Sei friedlich und schlaf dich aus!
Alter Sonnenbruder!

Paul-Scheerbart-Vignette

Vernünftige Devise

Trinke, wenn du trinken willst,
Nie mit deinen Kameraden –
Sonst wird dir der schönste Suff
Leider überall nur schaden.

Paul-Scheerbart-Vignette

Dicker roter Mond

Ach, ich kann ja gar nicht schlafen!
Über dem dunkelgrünen Myrtentor
Thront ein dicker roter Mond. –
Ob es später wohl noch lohnt,
Wenn man auf dem Monde wohnt?
Über dem dunkelgrünen Myrtentor?
Wär’s nicht möglich, daß uns drüben
„Längre“ Seligkeiten küßten?
Wenn wir das genauer wüßten!
Hier ist alles zu schnell aus.
Jeder lebt in Saus und Braus.
Wem das schließlich nicht gefällt,
Hält die ganze große Welt
Auch bloß für ein Narrenhaus!
Ach, ich kann ja gar nicht schlafen!
Alter Mond, ich lach dich aus!
Doch du machst dir nichts daraus!

Paul-Scheerbart-Vignette

Frage

Meine ganze Welt ist kantig,
Und die Bäume sind verrückt.
Sage, Wilhelm, sage, Sauhirt,
Warum gehst du so gebückt?

Paul-Scheerbart-Vignette

Die Welt ist laut …

Die Welt ist laut,
Und ich bin still!
Erloschen sind die Flammen.

Ich kann nicht mehr,
So wie ich will!
Den Rausch muß ich verdammen.

Die Welt ist laut,
Ich möcht so viel!
Doch bring ich’s nicht zusammen.

Paul-Scheerbart-Vignette

Grausamkeit

Der König saß auf seinem Thron
Und sagte: „Lieber guter Sohn,
Hast du das Gift genossen?
Genieß es schleunigst unverdrossen!“

Paul-Scheerbart-Vignette

Indianderlied

Murx den Europäer!
Murx ihn!
Murx ihn! Murx ihn!
Murx ihn ab!

Paul-Scheerbart-Vignette

Sei sanft und höhnisch!

Charakter-Cyklus

Charakter ist nur Eigensinn;
Ich bin mit mir zufrieden.
Ich geh nach allen Seiten hin;
Wir sind ja so verschieden.

Geht mir mit der Quälerei!
Sie macht wirklich kein Vergnügen;
Mir kann nur die Wurschtigkeit
Toll und voll und ganz genügen.
Was wie ein Schienenpaar zerfahren ist,
Das ist noch härter als der Antichrist.

Ich möcht am liebsten meine Tinte
Dem Menschenvolk ins Blutgeäder spritzen.
Ich will mich bloß nicht so erhitzen.

Glaube mir:
Ich streichle dir
Die zarten vollen Wangen.
Glaube mir:
Ich hab nach dir
Wahrhaftig kein Verlangen.
Ich will dir immer gut sein!
Bleibe mir nur ewig fern
Wie der stille Abendstern.

Ich hab die ganze Nacht gelacht –
Natürlich – nur im Traume!
Jetzt bin ich endlich aufgewacht –
Natürlich – noch im Raume!
Ich kann nun nicht mehr lachen!
Was soll ich also machen?
Weiterwachen?

Sei klein – dann ist die Welt so groß!
Sei schwach – dann ist die Welt so stark!
Sei dumm – dann ist die Welt so klug!
Sei stumm – dann ist die Welt so laut!
Sei arm – dann ist die Welt so reich!

Reimerei und Schweinerei!
Mir ist alles einerlei!
Alte Katzen sind nicht blöde.
Aber jene Untermenschen,
Die ich täglich braten möchte,
Machen mir die Welt so öde.
Mir ist alles einerlei!

Mensch, sei frei!

Ach, nur im Dunkeln
Funkeln die Sterne.

Freche Fratze,
Deine Glatze
Ist nicht alt,
Auch nicht jung,
Bloß voll Dung,
Hast du bald
Dung genung?

Die Eitelheit, die Eitelkeit –
Die steckt ja wohl im Narrenkleid.
Doch bei den steifen ernsten Leuten –
Da steckt sie unter allen Häuten.

Der Nebel meiner Lebensqual
Ist dunkel, trüb und fett.
Ich liege still zu Bett.

Fahrig, lax, frivol und wischig
Ist die große Alterskunst –
Gräßlich ist der ganze Dunst.

Doch die stillen Flaggenstöcke –
Freunde, die laßt stehen,
Wenn auch die Spektakelfeste
Lichterloh vergehen.

Die Flaggenstöcke gingen tief
In unsre alte Erde ‚rein.
Wir aber gingen immer schief –
Im Sonnen- wie im Mondenschein.

Alte böse Menschen schimpfen
Über meine Lustigkeit.
Und das ist doch weiter nichts als
Alter, dunkelgelber Neid.

Du kindische Kröte,
Dich quetsch ich zu Brei.
Ich mag doch nicht hören
Die Mopslitanei,
Die sich lustig macht
Über den, der lacht.

Ich schmiß einen Menschen zum Fenster hinaus –
Natürlich – nur im Traume!
Ich fragte höflich die Mama:
Wozu ist das Männchen da?

Was denkt sich denn der junge Fant?
Ich liebte nie mein Vaterland.
Das tun ja schon so viel Soldaten!
So selbstgefällig bin ich nicht!

Lieber süßer Kannibale,
Liebst du meine Tante Male?
Friß sie auf – sie ist gesund –
Ihre Welt wird ihr zu bunt.

Klarheit wollt ihr?
Dicke Klarheit?
Seid ihr echte Untermenschen?
Wollt ihr nicht den kummervollen
Rausch der Ewigkeit umhalsen?
Wollt ihr nicht den götterhaften
Allempfindungsdünkel kosten?
Aber nein: ihr seid gescheidter;
Eure Sehnsucht will ins Bettchen,
Denn der liebe Sandmann kam.

Ich weiß, was ich begehrte;
Nie klar wird das Verklärte.

Mit den Ketten will ich rasseln,
Daß das Trommelfell euch platze!
Es erblüh in euern Dasseln
Alles Glück in einem Satze.

Ach, nur im Dunkeln
Funkeln die Sterne.
Breite Nachtkapuzen,
Ich will euch nur uzen!
Keiner sticht euch tot!
Alles ist im Lot!

Überwinden, überwinden
Wollen wir die letzten Trümpfe.
Und wenn wir das Letzte finden,
Machen wir uns auf die Strümpfe.

Charakter ist nur Eigensinn.
Es lebe die Zigeunerin!

Schluß!!

Paul-Scheerbart-Vignette

Ruhmeslied

Meine Welt ist nicht von Pappe!
Dieses sag ich dir im Traum!
Trägst du eine Narrenkappe,
Trag sie unterm Lorbeerbaum!

Paul-Scheerbart-Vignette

Wanderlied

Wie weit der Weg!
Im tiefen Tale glänzt
Der Tau der letzten Sommernacht.
Wie weit der Weg!
Im hohen Weltall glüht
Der großen Sonnen Glück so heiß.
Wie weit der Weg!
In tollen Köpfen kreist
Die Schöpferkraft des ganzen Alls.

O still! Zum Ziel!
Es wird zu viel!

Paul-Scheerbart-Vignette

Fliegenlied

Fliege, fliege, kleine Fliege!
Fliege, fliege in die Wiege!

Siege! Siege!

Paul-Scheerbart-Vignette

Donnerkarl, der Schreckliche

Ein Heldengedicht

Reich mir meine Platzpatronen,
Denn mich packt die Raserei!
Keinen Menschen will ich schonen,
Alles schlag ich jetzt entzwei.
Hunderttausend Köpfe reiß ich
Heute noch von ihrem Rumpf!
Hei! Das wilde Morden preis ich,
Denn das ist der letzte Trumpf!

Welt, verschrumpf!

Paul-Scheerbart-Vignette

Ein Säufertraum

Ich war im Traume betrunken
Und sah ein altes Kamel,
Das war zu Boden gesunken –
Es lachte – bei meiner Seel!

Und bald lag mein ganzes Genie
Neben dem lachenden Vieh.
Der Himmel lachte über mir,
Und ich trank immer noch für Vier.

Mein Kamel kam nicht zu kurz dabei;
Ich ließ es trinken fast für Drei.
Dies war meine schönste Zecherei;
Ich fühlte mich so groß und frei.

Ich trinke – bei meiner ewigen Seele! –
Nur noch mit einem alten Kamele.
Mit Menschen trinken ist der größte Kohl –
Kamele nur verstehn den Alkohol.

Paul-Scheerbart-Vignette

Gemeinplatz

Ich lobe mir die Freiheit auf den Gassen,
Jedoch das Weib soll man zu Hause lassen.

Paul-Scheerbart-Vignette

Abschiedslied

Fahr wohl, du alte Schraube!
Mir warst du sehr egal.
Mir schmeckt die Lebenstraube,
Und dir ist alles Qual!
Tu immer, was du wolltest;
Ich stör dich nicht dabei.
Ich weiß nicht, was du solltest;
Ich laß dich gerne frei.
Und wenn du wieder grolltest,
So wär’s mir einerlei.
Schrei nur, mein Liebchen, schrei!

Paul-Scheerbart-Vignette

Ermitage

Die Maske der Betrunkenheit hab ich nun abgelegt!
Ich bin allein – und tue, was ich wollte.
Wer jemals über Albernes sich kindlich aufgeregt,
Der weiß nun endlich, daß ich stets ihm grollte.
Ich lächle nur und lächle immer wieder – wieder!
Mir hängt die Luft voll kreischend-toller Jubellieder!

Paul-Scheerbart-Vignette

Notturno

Ich liege ganz still.
Der Nachtwind rauscht leise vorbei.
Eine große Sehnsucht zieht mich noch tiefer.
Diese Sehnsucht – nach – ich weiß nicht was!
Das macht so traurig.
Ich möchte – ich weiß nicht was!
Ich denke an ferne, ferne Zeiten …

Paul-Scheerbart-Vignette

Das gute Schaf

Ein erschöpfendes Gedicht

Du bist mein Schaf;
Ich bin dir niemals böse.
Und er ist baff;
Er schaut ins Weltgekröse.

Du bist mein Schaf,
Erlöse ihn, erlöse
Auch mich von dem Getöse
Der auferstandnen Jugendzeit;
Sie steht vor mir im Leichenkleid.

Paul-Scheerbart-Vignette

Säulenlied

Ich steh auf meiner Säule
Und schau ins weite Meer.
Ich höre dein Geheule
Und wundre mich nicht mehr.
Ich steh auf meiner Säule
Mir wird mein Herz nicht schwer.

Paul-Scheerbart-Vignette

Schlußweisheit

Wer sich mit Anderen verbindet,
Auf Erden niemals Ruhe findet.

Paul-Scheerbart-Vignette

Moderner Gassenhauer

Der Eremit ist dick und groß;
Er haßt die Nebenmenschen bloß.
Er liebt nur seine Klause
Und bleibt daher zu Hause.
Die ganze Welt ist ihm Pomade.
Die Nebenmenschen sagen: schade!
Das aber rührt den Teufel nicht.
Hat er nur stets sein Leibgericht,
So ist ihm alles piepe –
Der Haß und auch die Liepe.

Paul-Scheerbart-Vignette

Groglied

In meinen Adern brennt der stramme Grog;
Pompöser Kohl durchrast mein Eingeweide.
Die kalte Nase steckt im Weltgehirn;
Die heißen Hengste führ ich auf die Weide.
Jetzt, Erdenbürger: Leide! Leide! Leide!

Paul-Scheerbart-Vignette

Hobelphantasie

Mir klappern alle Zähne;
Der alte Brei der Welt ist dick.
Doch lange Wunderspäne
Umringeln all mein Mißgeschick.

Paul-Scheerbart-Vignette

Abendtöne

Wozu mich mein Schuh drückt?
Das willst du wissen?
Leg dich nur ruhig
Auf dein Ruhekissen;
Es wird zum Luftballon.
Mit dem gehst du davon.
Und deine Locken –
Die werden klingen;
Du sollst mit ihnen,
Da sie rot sind,
Die gelben Sterne umschlingen!
Ach ja, dein verfluchter,
Alter, dammlicher Luftballon
Wird dich weit bringen.
Durch die alte Türe,
Die so herrisch knarrt,
Kommt der Ofenmann
Mit vielen schwarzen Bechern,
Die so traurig sind wie schwarze Briefe.
Na – was will denn der Ofenmann?
Will er den alten Zechern
Die letzten Tropfen schenken?
Der Ofenmann hat kurze Beinchen;
Sein Leib ist ein großes viereckiges Steinchen.
Und auf dem Steinchen sitzt ein Wachskopf –
Der geht natürlich ganz entzwei,
Denn der Ofen ist ja warm.
Und die schwarzen Becher fallen
Diesem alten Ofenmann
Aus den schwarzen alten Händen
Auf die stillen weißen Dielen.
Und der Wein macht die Dielen naß.
Das macht den Zechern Spaß.
Die Beinchen des Ofenmanns
Brechen entzwei.
Und der schwarze Ofen
Steht an der Wand – wie einst.

Paul-Scheerbart-Vignette

Die großen Flammen

So nehm ich denn die Finsternis
Und balle sie zusammen
Und werfe sie, so weit ich kann,
Bis in die großen Flammen,
Die ich noch nicht gesehen habe
Und die doch da sind – irgendwo
Lichterloh …

Paul-Scheerbart-Vignette

Eine Lichthetäre

Wie ein Lichtstrahl war ich einst,
Zuckte hin und her
Durch die Weltenpracht
In dem Äthermeere.
Quintillionen Wettersterne
Hab ich prickelnd angeblickt.
Oh, ich war geschickt –
Eine Lichthetäre.

Paul-Scheerbart-Vignette

Alter Spaß

Ja – meine Sonnenkälber
Sind mit Öl begossen,
Sind naß wie Badelaken
Und erweichte Schrippen.
Ich weiß mit diesen feuchten
Märchenweltschleimtieren
Nichts anzufangen – nichts.
Solche alten Späße
Sind doch eigentlich abscheulich.

Paul-Scheerbart-Vignette

Hafentraum

Ich hab in dieser ganzen Nacht
Still wie ein Stall geschlafen.
Ich hab in dieser ganzen Nacht
Geträumt von tausend Schafen.

Sie waren alle dick und rund,
Ich aber war nicht ganz gesund,
Ich kam allmählich auf den Hund;
Es war in einem Hafen.

In diesem Hafen trank ich viel
Mit großen Welt-Matrosen,
Die spielten Handharmonika
Und mit den tausend Schafen.

Paul-Scheerbart-Vignette

Ingrimm

Eine wilde Fratze
Muß ich schneiden,
Denn dies Leben
Macht mir keinen Spaß.
Oh, ich möchte nur
Ein altes Rabenaas
Mit verrückter Wollust
In zehntausend Stücke reißen,
Und dann möcht ich
Hübsche Mädchenköpfe
Balsamieren mit verfaultem Tran
Oder andrer ekler Flüssigkeit.
Und dann möcht ich
In den Himmel springen
Und die Sterne fressen
Und zuletzt:
Den ganzen Lebensunsinn
Ohne weiteres vergessen
Und als Ätherwolke
Traumlos weiterschweben.
Dieses, glaub ich, wird mir
Noch einmal gelingen.

Paul-Scheerbart-Vignette

Der lachende Engel

Wie war’s doch nur?
Im Himmel schwebten
Große blanke Diskusscheiben –
Auf denen drehten sich blutrote Nüsse.
Doch alles schlug ein böser Geist entzwei.
Ein Engel lacht dazu
Und spritzt mit Vitriol.
Jawohl! Jawohl!

Paul-Scheerbart-Vignette

Die Zappelpappeljöhre

Mal ist mir alles astral
Und mal so ganz egal.
Ich kenne den längsten Strahl
Und auch das Jammertal,
Wo ich beinah nicht hingehöre.
O du Zappelpappeljöhre!

Paul-Scheerbart-Vignette

Die alte Laube

Ich habe so viel vergessen.
Ich weiß nicht mehr
Woher ich komme.
Ich saß in einer Laube
Von großen grünen Smaragden;
Sie schimmerten wie Glühwurmlicht.
Mehr aber weiß ich nicht.
Es war ganz hinten im Raume
Und fast wie in dem Traume,
Der uns der allerliebste ist.

Paul-Scheerbart-Vignette

Ach ja!

Ach ja! Jetzt weiß ich’s ganz genau!
Von Max und Moritz kam ich her!
Die lagen in einem Syrupmeer
Und waren blöde wie der große Stier.
Es kam ein Strahl durch das Revier
Und hüpfte mit uns Dreien.
Das sollte uns bald entzweien.
Nach jenem Trubel durft ich endlich
So selig ruhen auf dem Zuckersterne,
Der mir aus allen seinen Kratern
Ein glückliches Vergessen dampfte.

Paul-Scheerbart-Vignette

Singende Schlangen

Ich war schon wo,
Da ging es wüste zu;
Ich hatte weder Hemd noch Schuh,
Nur grüne Schlangen
In beiden Händen.
Ich konnte mich nicht drehen
Und nicht wenden.
Doch viele Beutelsterne
Drehten sich um meine Arme
Und sahen aus
Wie schlaffe Luftballons.
Die Schlangen aber sangen.

Paul-Scheerbart-Vignette

Der Frack-Komet

Ich lebte vor langer langer Zeit
In einem Raume,
Der ganz voll Licht war;
Es leuchteten wohl sämtliche Atome.
Und da kam plötzlich
Eine schwarze Sonne an,
Die schwarze Strahlen
Durch das Lichtreich sandte.
Die schwarzen Strahlen waren kühl
Und kühlten auch meinen heißen Leib,
Der selbstverständlich nicht
Aus dicken Stoffen sich zusammensetzte.
Nun brach sich jenes schwarze Licht,
Das ganz besondre Qualitäten zeigte,
In meinem heißen Leibe so,
Daß ich einen –
Schwarzen Schweif bekam;
Und spalten tat sich dieser Schweif
Und sah beinah so aus
Wie jene langen Streifen,
Die sich an Menschenfräcken
Unter den Händen
Fleißiger Schneider bilden.
Ich ward in jener alten alten Zeit
Ein Frack-Komet.
Ob sich für unsre Erde
Noch mal Kometen
Sichtbar machen könnten –
In Frackform?

Von Berliner Stammtischen. Die Modernen an ihrem Stammtisch in einem Café des Westens, v. l. n. r.: Anna Scheerbart, Samuel Lubkinski, Salomo Friedlaender, P. S., Else Lasker-Schüler, Herwarth Walden, via Markus Fognin Feuerstack

Bilder: Cover der Erstausgabe Kater-Poesie, Rowohlt 1909, via Wikimedia Commons;
Vignette: Otto Kokoschka: Portrait Paul Scheerbart; Von Berliner Stammtischen: via Markus „Fognin“ Feuerstack: Fotos Paul Scheerbart, alle ohne Jahr:

Die „Modernen“ an ihrem Stammtisch in einem Café des Westens. Scheerbart und Freunde im „Café des Westens“, v. l. n. r.: Anna Scheerbart, Samuel Lubkinski, Salomo Friedlaender, P. S., Else Lasker-Schüler, Herwarth Walden

Ideales Katerlied: Cerys Matthews: Chardonnay, aus: Cockahoop, 2003:

Written by Wolf

30. August 2019 at 00:01

Gib ihr das grüne Schlauchkleid retour

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Update zu Anaximander’s Revenge:

Für mich isch des alles gar nemmer wichdig. Wenn’s dich amol hundert Meter so des Geröllfeld am Watzmann obebröselt hat, no weisch, dass es gewaldigere Dinge im Läbe gibt als wie die Erodik.

Uli Keuler.

Mir war nicht klar, dass ich selber Gedichte mit siebenzeiligen Strophen kann. Es gibt keine Beweise dafür, dass ich das jemals geschrieben hab.

Das grüne Schlauchkleid

Will Hollis Snider, Emily Mae, 11. Januar 2014Sie war dir zu groß. Lass sie los. Lass sie nur.
Sie war 3 D und nicht sie, sondern du warst zu flach.
Sie war dünn wie ein Stück Wäscheschnur
und passte nicht unter dein Schädeldach.
Gib ihr das grüne Schlauchkleid retour:
Die Zeit vergeht rund um die Uhr
und du hängst einem Mädchen nach.

Sie war zu groß, sie war zu lang — kein Aufhebens:
Du kennst vier Dimensionen. Mach
dir jetzt neue des irdischen Strebens.
Als der Leuchtturm von Pharos niederbrach,
war er dir gleich wie die Tore Thebens.
Im Meer schwimmen neunzig Prozent allen Lebens
und du hängst einem Mädchen nach.

Sie war dir zu groß. Sie hatte nie Angst, sie verlör dich.
Sie war zu lang, und zu kurz reichte das, was sie sprach.
Du klingst nicht aus ihr: Was du sagst, stört nicht.
Du küsst ihr Epigramme in den Schlund, pfeifst beim Bumsen Bach
und vertonst Gorgias und Hawking, drum hör mich:
Die Vergangenheit ist birnenförmig
und du hängst einem Mädchen nach.

Will Hollis Snider, Emily Mae, 11. Januar 2014

Bilder: Will Hollis Snider: Emily Mae 1 und 2, 11. Januar 2014.

Soundtrack: Chumbawamba: This Girl, aus: Swingin‘ with Raymond, 1995
(„This girl, she got caught out on the multi-storey car park
Throwing goodbye notes wrapped up in bricks“):

Bonus Track: Chumbawamba: Georgina, aus: Anarchy, 1994. Ohrwurmalarm — und was man da den ganzen Tag drauf singen kann, finden Sie schnell selber raus:

Written by Wolf

12. Juli 2019 at 00:01

Sonntag 7 von 7: Wo bleibt der Tröster?

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Update zu Denkst du denn nicht an den Loup Garou?,
Ach! wie ists erhebend sich zu freuen,
Pfingsten, das liebliche Fest und
Sonntag 1 von 7: Denn „sieben, sieben“, flüstert es stets, und „sieben Wochen“ ihm in das Ohr:

Um unsere eigene Leitkultur auszukosten, feiern wir einmal alle sieben Sonntage der Osterzeit durch. Am sinnvollsten geschieht das anhand siebenzeiliger Strophen.

William-Adolphe Bouguereau, Rêve de printemps, 1901Zu solchen Sonntagen nach Ostern zählt Pfingsten nach der Liturgie des römisch-katholischen Kirchenjahres nicht mehr — aber ein Organ, das zu wiederholten Malen fünf Adventssonntage, um nicht zu sagen: -freitage, gefeiert hat, darf unter seine Feier siebenzeiliger Strophen jederzeit einen siebenten Sonntag reihen, der gemäß jeder Liturgie nach Ostern liegt.

Damit entfallen leider die schönen Lesungen und Psalmen für die Sonntage der Osterzeit. Damit die Serie dennoch dort wieder aufhört, wo sie angefangen hat, weil die Leser, wie Max Goldt einst wusste, auf zyklische Aufbauten total stehen, und um uns aus diesem Jammertal zu retten, legt die Droste in ihrem Zyklus des geistlichen Jahres nach ihrer vertrauten — der katholischen — Liturgie als Epistel die Apostelgeschichte 2,1–11 fest. Knappe Lesungen beschränken sich auf Kapitel 2,1–4, wir erweitern, weil wir die Leute gern ausreden lassen, auf 2,1–13 — nach der Vulgata und nach Luther letzter Hand 1545:

Et cum complerentur dies Pentecostes, erant omnes pariter in eodem loco : et factus est repente de cælo sonus, tamquam advenientis spiritus vehementis, et replevit totam domum ubi erant sedentes. Et apparuerunt illis dispertitæ linguæ tamquam ignis, seditque supra singulos eorum : et repleti sunt omnes Spiritu Sancto, et cœperunt loqui variis linguis, prout Spiritus Sanctus dabat eloqui illis.

Erant autem in Jerusalem habitantes Judæi, viri religiosi ex omni natione, quæ sub cælo est. Facta autem hac voce, convenit multitudo, et mente confusa est, quoniam audiebat unusquisque lingua sua illos loquentes. Stupebant autem omnes, et mirabantur, dicentes : Nonne ecce omnes isti, qui loquuntur, Galilæi sunt, et quomodo nos audivimus unusquisque linguam nostram, in qua nati sumus ? Parthi, et Medi, et Ælamitæ, et qui habitant Mespotamiam, Judæam, et Cappadociam, Pontum, et Asiam, Phrygiam, et Pamphyliam, Ægyptum, et partes Libyæ, quæ est circa Cyrenen, et advenæ Romani, Judæi quoque, et Proselyti, Cretes, et Arabes : audivimus eos loquentes nostris linguis magnalia Dei. Stupebant autem omnes, et mirabantur ad invicem, dicentes : Quidnam vult hoc esse ? Alii autem irridentes dicebant : Quia musto pleni sunt isti.

William-Adolphe Bouguereau, La brise du printemps, 1895VND als der tag der Pfingsten erfüllet war /waren sie alle einmütig bey einander. Vnd es geschach schnelle ein Brausen vom Himel / als eines gewaltigen Windes / vnd erfüllet das gantze Haus / da sie sassen. 3Vnd man sahe an jnen die Zungen zerteilet / als weren sie fewrig / Vnd er satzte sich auff einen jglichen vnter jnen / vnd wurden alle vol des heiligen Geists / Vnd fiengen an zu predigen mit andern Zungen / nach dem der Geist jnen gab aus zusprechen.

ES waren aber Jüden zu Jerusalem wonend / die waren gottfürchtige Menner / aus allerley Volck / das vnter dem Himel ist. Da nu diese stimme geschach /kam die Menge zusamen / vnd wurden verstörtzt /Denn es höret ein jglicher / das sie mit seiner Sprache redten. Sie entsatzten sich aber alle / verwunderten sich / vnd sprachen vnternander / Sihe / sind nicht diese alle / die da reden / aus Galilea? Wie hören wir denn / ein jglicher seine Sprache / darinnen wir geboren sind? Parther vnd Meder / vnd Elamiter / vnd die wir wonen in Mesopotamia / vnd in Judea / vnd Cappadocia / Ponto vnd Asia / Phrygia vnd Pamphylia / Egypten / vnd an den enden der Lybien bey Kyrenen / vnd Auslender von Rom / Jüden vnd Jüdege nossen / Kreter vnd Araber / Wir hören sie mit vnsern Zungen / die grossen Thaten Gottes reden. Sie entsatzten sich alle / vnd wurden jrre / vnd sprachen einer zu dem andern / Was wil das werden? Die andern aber hattens jren spot / vnd sprachen / Sie sind vol süsses Weins.

Eine Art Regiefehler ist der Dichterin des Pfingstsonntages bei der Zählung der „vierzig Tag | Und Nächte“ unterlaufen: Am Pfingstsonntag sind seit Christi Himmelfahrt zehn, seit Ostern fünfzig Tage vergangen.

——— Annette von Droste-Hülshoff:

Am Pfingstsonntage

ab 1819, vorläufiger Abschluss 1839, posthum veröffentlicht
als: Das geistliche Jahr in Liedern auf alle Sonn- und Festtage,
hg. Christof Bernhard Schlüter, Stuttgart 1851:

William-Adolphe Bouguereau, Chansons de printemps, 1889Still war der Tag, die Sonne stand
So klar an unbefleckten Tempelhallen;
Die Luft in Orientes Brand
Wie ausgedorrt, ließ matt die Flügel fallen.
Ein Häuflein sieh, so Mann als Greis,
Auch Frauen, knieend; keine Worte hallen,
Sie bethen leis.

Wo bleibt der Tröster, treuer Hort,
Den scheidend doch verheißen du den Deinen?
Nicht zagen sie, fest steht dein Wort,
Doch bang und trübe muß die Zeit wohl scheinen.
Die Stunde schleicht; schon vierzig Tag
Und Nächte harrten wir in stillem Weinen
Und sahn dir nach.

Wo bleibt er? wo nur? Stund an Stund,
Minute will sich reihen an Minuten.
Wo bleibt er denn? — und schweigt der Mund:
Die Seele spricht es unter leisem Bluten.

Der Wirbel stäubt, der Tieger ächzt
Und wälzt sich keuchend durch die sandgen Fluthen,
Sein Rachen lechzt.

William-Adolphe Bouguereau, Le printemps, 1886Da, horch, ein Säuseln hebt sich leicht!
Es schwillt und schwillt, und steigt wie Sturmes Rauschen.
Die Gräser stehen ungebeugt;
Die Palme starr und staunend scheint zu lauschen.
Was zittert durch die fromme Schaar,
Was läßt sie bang und glühe Blicke tauschen?
Schaut auf! nehmt wahr!

Er ists, er ists; die Flamme zuckt
Ob jedem Haupt; welch wunderbares Kreisen,
Was durch die Adern quillt und ruckt!
Die Zukunft bricht; es öffnen sich die Schleusen,
Und unaufhaltsam strömt das Wort,
Bald Heroldsruf und bald im flehend leisen
Geflüster fort.

O Licht o Tröster, bist du, ach!
Nur jener Zeit, nur jener Schaar verkündet?
Nicht uns, nicht überall, wo wach
Und trostesbaar sich eine Seele findet?
Ich schmachte in der schwülen Nacht;
O leuchte, eh das Auge ganz erblindet!
Es weint und wacht.

William-Adolphe Bouguereau, Le printemps, 1858

Peintures: die Frühlingsallegorien von William-Adolphe Bouguereau in umgekehrt chronologischer Reihenfolge, weil nur das früheste ein Querformat ist:

  1. Rêve de printemps, 1901;
  2. La brise du printemps, 1895;:
  3. Chansons de printemps, 1889;
  4. Le printemps, 1886;
  5. Le printemps, 1858,

via Wikimedia Commons und Bareviewed.

Minute will sich reihen an Minuten: Kroke: Time, aus: The Sounds of the Vanishing World, 1999:

Written by Wolf

7. Juni 2019 at 00:01