Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for Oktober 2020

Makkaroni, Melonen und Feigen, musikalische Kehlen, klassische Leiber und eine commode Religion

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Update zu Fabel zur Senkung der Arbeitsmoral,
Die alte und neue Inertia (Warum hast du nichts gelernt?)
And such a life I wish to live und
Ein Buch gibt keine Gelatinesuppe:

William Hogarth, Industry and Idleness, 1747

(§. 2). Hier ist nun aber unsere Untersuchung auf die beste Verfassung gerichtet, Dies aber ist diejenige, durch welche der Staat am meißten glückselig wird. Glückseligkeit endlich, so wurde vorhin bemerkt, ist ohne Tugend unmöglich, und hieraus ergiebt sich denn, daß in dem aufs Schönste verwalteten Staate, dessen Bürger gerechte Männer schlechthin und nicht bloß bedingungsweise sind, dieselben weder das Leben eines Handwerkers noch das eines Kaufmannes führen dürfen, denn ein solches ist unedel und der (wahren) Tugend und Tüchtigkeit zuwider, und daß auch Ackerbauer Die nicht sein dürfen, welche hier Bürger sein wollen, denn es bedarf voller Muße zur Ausbildung der Tugend und zur Besorgung der Staatsgeschäfte.

Aristioteles: Über die Politik. Griechisch und Deutsch,
herausgegeben von Prof. Franz Susemihl, Erster Theil, Text und Übersetzung,
Verlag von Wilhelm Engelmann, Leipzig 1879, IV (VII), 9, Seite 417 f.

Die Arbeit kann uns lehren,
sie lehrte uns die Kraft,
den Reichtum zu vermehren,
der unsre Armut schafft.

Heinrich Eildermann: Lied der Jugend, 1907/1910.

Tja, eines der vielen großen Worte Alexander von Humboldt’s : ›Sie sind sämtlich faul, Majestät.‹, (als Fr. Wilhelm iv. ihn nach den großen allgemeinen Kennzeichen der Gattung Mensch fragte). / Naja; erhebt sich die Frage : ›Iss Fleiß ’ne Tugend?‹ / (Müßte man erst noch eine andre Frage davorschalten): ›Ist Fleiß für Menschen & Tiere eine einfache (Lebens)Notwendigkeit?‹

Arno Schmidt: Julia, oder die Gemälde. Scenen aus dem Novecento, 1979/1983,
Bargfelder Ausgabe Seite 141.

William Hogarth, Industry and Idleness, 1747

Eben wegen solcher unterschiedlich zweifelhafter, in manchen Fällen zu bekämpfender Einordnungen des Konstrukts der Arbeit in die eigenen Lebenswirklichkeiten reden Künstler seit jeher der Muße das Wort: jener in allen Wortsinnen freien Zeit, die der selbstbestimmter Gestaltung vorbehalten ist — nicht aber zu verwechseln mit der Todsünde der Acedia, die außer der lasterhaften Faulheit auch Feigheit, vorsätzliche Ignoranz, Überdruss und die Trägheit des Herzens einschließt.

William Hogarth, Industry and Idleness, 1747

Es liegt im Anliegen möglichst ausführlicher Mußezeiten selbst begründet, sich durch die Forderung nach möglichst wenig sicht- und messbarer Arbeit in der Außenwahrnehmung spätestens durch ihre Formulierung zu disqualifizieren. In Gesellschaften, in denen sämtliche Ausprägungen von Kunst nicht als unmittelbar lebensnotwendig begriffen werden, sind Künstler entbehrliche Mitglieder, die ihre Existenz erst plausibel machen, ja rechtfertigen müssen. Am wirksamsten tun sie das durch sicht- und messbare Arbeit, die ihrer Funktion als Künstler zuwiderläuft.

Konnte dem anerkannten Spaßmacher Karl Valentin noch eine so reine wie bittere Wahrheit erfolgreich zugeschrieben werden wie:

Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit.

blieb er doch weiterhin ein Spaßmacher: der Hofnarr einer bürgerlichen Gesellschaft, den man köpfen müsste, wenn man ihn ernst nähme. Dagegen machte sich der oben in einer ganz anderen Tonart angespielte Arno Schmidt gerade unter seinesgleichen nachhaltig unbeliebt mit seiner Aussprache für die Arbeit. Und das in einer Dankadresse zum GoethePreis 1973:

Sei es noch so unzeitgemäß und unpopulär; aber ich weiß, als einzige Panacee, gegen Alles, immer nur ›Die Abeit‹ zu nennen; und was speziell das anbelangt, ist unser ganzes Volk, an der Spitze natürlich die Jugend, mit nichten überarbeitet, vielmehr typisch unterarbeitet : ich kann das Geschwafel von der ›40=Stunden=Woche‹ einfach nicht mehr hören : meine Woche hat immer 100 Stunden gehabt; und ›Zettels Traum‹ 25.000 erfordert ! — es war ein großer Tag, als er fertig war.

Das hätte so eine schöne Volte sein können: Der Inbegriff des erzdeutschen Schriftstellers, in der Bargfelder Heide eingehäuselt in einer betont anspruchslosen Fusion aus Dachsbau und Elfenbeinturm, wirft akkurat „den anderen“, der arbeitenden Bevölkerung, Faulheit vor und stellt sein Künstlertum als die wahre Maloche dar. Leider ist sie seinerzeit nach hinten losgegangen, weil die Vertretungen der Erwerbsarbeit 1973 schon eher nach 35, aber bestimmt nicht nach 100 Arbeitsstunden pro Woche schielten, und die Vertretungen des künstlerischen Schaffens noch zu sehr einem romantischen Geniebegriff anhingen, um „wahre Kunst“ als „Ware Kunst“ erworben zu sehen.

Dem angeführten valentinesken Bonmot steht die populäre Aufrechnung nahe, dass Kunst zu 10 Prozent aus Inspiration und zu 90 Prozent aus Transpiration bestehe. Die kolportierten Prozentsätze — und die Quellenzuschreibungen — wechseln, aber immer zugunsten der „Transpiration“ bis hin zur statistisch signifikanten Ausschließlichkeit. Eine Idee kann schnell entstanden sein. In so einem künstlerischen Schaffenprozess geht der Arbeitsfaktor Zeit nicht dahin, indem eine Idee innerhalb eines Ideenträgers — nennen wir ihn Künstler — herumgeistert, sondern indem sie zu Ende gedacht und schließlich anhand ihrer Materialien ausgeführt wird. Das erfordert einen vorerst nicht abzusehenden Aufwand an Zeit, der von anderweitiger Erwerbsarbeit zwangsläufig abgezogen werden, folglich aus irgendwelchen frei (!) verfügbaren Ressourcen herkommen muss.

Wir können uns deshalb darauf einigen: Faul waren Künstler nie — nicht solche, deren Werk dauerhaft überlebt hat. Praktische Beispiele aufzulisten wäre ebenso willkürlich wie uferlos.

Eine so relevante wie knappe Auswahl aus dem theoretischen Unterbau dagegen erscheint als Handhabe zur Argumentation unerlässlich. Vor allem, um das Bedürfnis nach bitter notwendiger Muße von dem Ruch des Schlawinertums zu befreien, die jeden nützlich arbeitenden Menschen „schon mal“ befallen kann, die aber als vorübergehende Schwäche weggelacht werden darf, ja sollte. Mit pointierter Ausdrucksweise ist einem Sachverhalt, nicht aber dessen gegnerischen Ansichten beizukommen. Dergleichen verkennt die politische, wirtschaftliche und soziale Dimension des Strebens nach Glück. Oder wenigstens Wohlbefinden. Oder wenigstens danach, dass es nicht die ganze Zeit ganz so weh tut, bis man endlich gnädig jämmerlich verrecken darf.

Schlimm genug, dass man im 21. Jahrhundert immer noch daran herumargumentieren muss, dass die Leute Freiheit brauchen, um wie Menschen zu leben. Und nochmal: Freiheit — gleichermaßen die Freiheit von wie die Freiheit zu etwas — bedeutet, eine Auswahl zu haben. Zum Beispiel zwischen Arbeiten oder Ruhen, körperlichem Ackern oder Kontemplieren, künstlerischem Schaffen oder Aufnehmen, oder Herumliegen und Mundhalten.

Die wünschenswerte chronologische Reihenfolge war nicht einzuhalten, daher nach argumentativ nutzbarer Dramaturgie. Perlen sind der Schlegel und der Kotzebue:

William Hogarth, Industry and Idleness, 1747

Schon fast trivial anzuführen ist Lessings Lob der Faulheit, das immer gern als erheiterndes Beispiel dient, dass die alen Klassiker eben „auch nur Menschen“ waren. Gewiss waren sie das, und dem lebenslang nimmermüde arbeitenden Lessing stand als Student durchaus zu, seinem Arbeitspensum durch befreiende Komik Lust zu verschaffen:

——— Gotthold Ephraim Lessing:

Lob der Faulheit

aus: Lieder, 1771:

Faulheit, jetzo will ich dir
Auch ein kleines Loblied bringen. –
O – – wie – – sau – – er – – wird es mir, – –
Dich – – nach Würden – – zu besingen!
Doch, ich will mein Bestes tun,
Nach der Arbeit ist gut ruhn.

Höchstes Gut! wer dich nur hat,<
Dessen ungestörtes Leben – –
Ach! – – ich – – gähn‘ – – ich – – werde matt – –
Nun – – so – – magst du – – mirs vergeben,
Daß ich dich nicht singen kann;
Du verhinderst mich ja dran.

William Hogarth, Industry and Idleness, 1747

In der Sammlung Lieder unmittelbar folgend:

Die Faulheit

aus: Lieder, 1771:

Fleiß und Arbeit lob‘ ich nicht.
Fleiß und Arbeit lob‘ ein Bauer.
Ja, der Bauer selber spricht,
Fleiß und Arbeit wird ihm sauer.
Faul zu sein, sei meine Pflicht;
Diese Pflicht ermüdet nicht.

Bruder, laß das Buch voll Staub.
Willst du länger mit ihm wachen?
Morgen bist du selber Staub!
Laß uns faul in allen Sachen,
Nur nicht faul zu Lieb‘ und Wein,
Nur nicht faul zur Faulheit sein.

William Hogarth, Industry and Idleness, 1747

Überraschend politisch in einer zu unterstützenden Richtung wird der nachmals aus politischen Gründen erschossene Kotzebue. Er spricht durch Personen eines Dramas, die Zielsetzung seiner Satire bleibt klar:

——— August von Kotzebue:

Der Hyperboreeische Esel, oder die Heutige Bildung:
Ein Drastisches Drama, und Philosophisches Lustspiel für Jünglinge, in Einem Akt

auf Kosten und im Verlag bey Joh. Baptist Wallishauser, Wien 1801:

KARL. Fleiß und Nutzen sind die Todes-Engel mit dem feurigen Schwerdte, welche dem Menschen die Rückkehr ins Paradieß verwehren.
FÜRST. Himmel! welche ungeheure Behauptung!
KARL. Kennen Sie, mein Fürst, die Gott ähnliche Faulheit?
FÜRST. Dem Himel sey Dank, nein!
KARL. O Müssiggang! Müssiggang! Du bist die Lebensluft der Unschuld und der Begeisterung!
FÜRST. Aber nicht die Lebensluft meiner Staaten.
KARL. Dich athmen die Seligen, und selig ist, wer dich hat und hegt, du heiliges Kleinod!
FÜRST. Bey diesem Kleinod würden meine Unterthanen verhungern.
KARL. Einzige Fragment von Gottähnlichkeit, das uns noch aus dem Paradiese blieb!
FÜRST (sich zu den übrigen wendend). Sie sehen, mit diesen jungen Menschen läßt sich nichts anfangen.

William Hogarth, Industry and Idleness, 1747

Noch schonungsloser politisch gegen sich und seine Ziele werden Büchner und Weidig im Hessischen Landboten, der seinerzeit justiziabel genug war, um die Polemiker mit der Todesstrafe zu jagen:

——— Georg Büchner und Ludwig Weidig:

Der hessiche Landbote

Juli 1834:

Im Jahr 1834 sieht es aus, als würde die Bibel Lügen gestraft. Es sieht aus, als hätte Gott die Bauern und Handwerker am 5ten Tage, und die Fürsten und Vornehmen am 6ten gemacht, und als hätte der Herr zu diesen gesagt: Herrschet über alles Getier, das auf Erden kriecht, und hätte die Bauern und Bürger zum Gewürm gezählt. Das Leben der Vornehmen ist ein langer Sonntag, sie wohnen in schönen Häusern, sie tragen zierliche Kleider, sie haben feiste Gesichter und reden eine eigne Sprache; das Volk aber liegt vor ihnen wie Dünger auf dem Acker. Der Bauer geht hinter dem Pflug, der Vornehme aber geht hinter ihm und dem Pflug und treibt ihn mit den Ochsen am Pflug, er nimmt das Korn und läßt ihm die Stoppeln. Das Leben des Bauern ist ein langer Werktag; Fremde verzehren seine Äcker vor seinen Augen, sein Leib ist eine Schwiele, sein Schweiß ist das Salz auf dem Tische des Vornehmen.

William Hogarth, Industry and Idleness, 1747

Zwei Jahre später ist Büchners Anliegen vom Pamphlet zur Farce gediehen — nein, nicht „verkommen“. Der Wechsel des Mediums von der Flugschrift zum Lustspiel erschließt sich möglicherweise aus dem Erreichen erweiterter Zielgruppen: Theaterpublikum erscheint freiwillig und bezahlt sogar Eintritt.

——— Georg Büchner:

Leonce und Lena

1836, aus der ersten Szene des Dramas und sein Schluss:

I.1

LEONCE. (…) Aber Edelster, dein Handwerk, deine Profession, dein Gewerbe, dein Stand, deine Kunst?

VALERIO mit Würde. Herr, ich habe die große Beschäftigung, müßig zu gehen, ich habe eine ungemeine Fertigkeit im Nichtstun, ich besitze eine ungeheure Ausdauer in der Faulheit. Keine Schwiele schändet meine Hände, der Boden hat noch keinen Tropfen von meiner Stirne getrunken, ich bin noch Jungfrau in . der Arbeit, und wenn es mir nicht der Mühe zu viel wäre, würde ich mir die Mühe nehmen, Ihnen diese Verdienste weitläufiger auseinanderzusetzen.

LEONCE mit komischem Enthusiasmus. Komm an meine Brust! Bist du einer von den Göttlichen, welche mühelos mit reiner Stirne durch den Schweiß und Staub über die Heerstraße des Lebens wandeln, und mit glänzenden Sohlen und blühenden Leibern gleich seligen Göttern in den Olympus treten? Komm! Komm!

William Hogarth, Industry and Idleness, 1747

III,3

LEONCE. Nun, Lena, siehst du jetzt, wie wir die Taschen voll haben, voll Puppen und Spielzeug? Was wollen wir damit anfangen? Wollen wir ihnen Schnurrbärte machen und ihnen Säbel anhängen? Oder wollen wir ihnen Fräcke anziehen und sie infusorische Politik und Diplomatie treiben lassen, und uns mit dem Mikroskop danebensetzen? Oder hast du[146] Verlangen nach einer Drehorgel, auf der die milchweißen ästhetischen Spitzmäuse herumhuschen? Wollen wir ein Theater bauen? Lena lehnt sich an ihn und schüttelt den Kopf. Aber ich weiß besser was du willst, wir lassen alle Uhren zerschlagen, alle Kalender verbieten und zählen Stunden und Monden nur nach der Blumenuhr, nur nach Blüte und Frucht. Und dann umstellen wir das Ländchen mit Brennspiegeln, daß es keinen Winter mehr gibt und wir uns im Sommer bis Ischia und Capri hinaufdestillieren, und (wir) das ganze Jahr zwischen Rosen und Veilchen, zwischen Orangen und Lorbeer stecken.

VALERIO. Und ich werde Staatsminister, und es wird ein Dekret erlassen, daß wer sich Schwielen in die Hände schafft, unter Kuratel gestellt wird; daß, wer sich krank arbeitet, kriminalistisch strafbar ist, daß Jeder der sich rühmt sein Brot im Schweiße seines Angesichts zu essen, für verrückt und der menschlichen Gesellschaft gefährlich erklärt wird und dann legen wir uns in den Schatten und bitten Gott um Makkaroni, Melonen und Feigen, um musikalische Kehlen, klassische Leiber und eine commode Religion!

William Hogarth, Industry and Idleness, 1747

Friedrich Schlegels einziger Roman Lucinde erschien auf so vielen Ebenen kritikwürdig, dass sein eigentlich revolutionäres Konzept des Müßiggangs, dazu noch als Idylle ausgewiesen, unter dem Radar entwischte. Man kann das bedauern. Der Vorteil ist die lückenlos erhaltene Überlieferung:

——— Friedrich Schlegel:

Idylle über den Müßiggang

aus: Lucinde. Bekenntnisse eines Ungeschickten, 1799:

„Sieh ich lernte von selbst, und ein Gott hat mancherlei Weisen mir in die Seele gepflanzt.“ So darf ich kühnlich sagen, wenn nicht von der fröhlichen Wissenschaft der Poesie die Rede ist, sondern von der gottähnlichen Kunst der Faulheit. Mit wem sollte ich also lieber über den Müßiggang denken und reden als mit mir selbst? Und so sprach ich denn auch in jener unsterblichen Stunde, da mir der Genius eingab, das hohe Evangelium der echten Lust und Liebe zu verkündigen, zu mir selbst: „O Müßiggang, Müßiggang! du bist die Lebensluft der Unschuld und der Begeisterung; dich atmen die Seligen, und selig ist wer dich hat und hegt, du heiliges Kleinod! einziges Fragment von Gottähnlichkeit, das uns noch aus dem Paradiese blieb.“ Ich saß, da ich so in mir sprach, wie ein nachdenkliches Mädchen in einer gedankenlosen Romanze am Bach, sah den fliehenden Wellen nach. Aber die Wellen flohen und flossen so gelassen, ruhig und sentimental, als sollte sich ein Narcissus in der klaren Fläche bespiegeln und sich in schönem Egoismus berauschen. Auch mich hätte sie locken können, mich immer tiefer in die innere Perspektive meines Geistes zu verlieren, wenn nicht meine Natur so uneigennützig und so praktisch wäre, daß sogar meine Spekulation unaufhörlich nur um das allgemeine Gute besorgt ist. Daher dachte ich auch, ungeachtet mein Gemüt in seiner Behaglichkeit so matt war, wie die von der gewaltigen Hitze aufgelösten und hingesunknen Glieder, ernstlich über die Möglichkeit einer dauernden Umarmung nach. Ich sann auf Mittel das Beisammensein zu verlängern, und künftig lieber alle kindlich rührenden Elegien über plötzliche Trennung zu verhüten, als uns wie bisher an dem Komischen einer solchen Fügung des Schicksals zu ergötzen, weil es nun doch einmal geschehen und unabänderlich sei. Erst nachdem die Kraft der angespannten Vernunft an der Unerreichbarkeit des Ideals brach und erschlaffte, überließ ich mich dem Strome der Gedanken, und hörte willig alle die bunten Märchen an, mit denen Begierde und Einbildung, unwiderstehliche Sirenen in meiner eignen Brust, meine Sinne bezauberten. Es fiel mir nicht ein das verführerische Gaukelspiel unedel zu kritisieren, ungeachtet ich wohl wußte, daß das meiste nur schöne Lüge sei. Die zarte Musik der Fantasie schien die Lücken der Sehnsucht auszufüllen. Dankbar nahm ich das wahr und beschloß, was das hohe Glück mir diesmal gegeben, auch künftig durch eigne Erfindsamkeit für uns beide zu wiederholen, und dir dieses Gedicht der Wahrheit zu beginnen. So erzeugte sich der erste Keim zu dem wundersamen Gewächs von Willkür und Liebe. Und frei wie es entsprossen ist, dacht‘ ich, soll es auch üppig wachsen und verwildern, und nie will ich aus niedriger Ordnungsliebe und Sparsamkeit die lebendige Fülle von überflüssigen Blättern und Ranken beschneiden.

Gleich einem Weisen des Orients war ich ganz versunken in ein heiliges Hinbrüten und ruhiges Anschauen der ewigen Substanzen, vorzüglich der deinigen und der meinigen. Größe in Ruhe, sagen die Meister, sei der höchste Gegenstand der bildenden Kunst; und ohne es deutlich zu wollen, oder mich unwürdig zu bemühen, bildete und dichtete ich auch unsre ewigen Substanzen in diesem würdigen Styl. Ich erinnerte mich, und ich sah uns, wie gelinder Schlaf die Umarmten mitten in der Umarmung umfing. Dann und wann öffnete einer die Augen, lächelte über den süßen Schlaf des andern und wurde wach genug um ein scherzendes Wort, eine Liebkosung zu beginnen: aber noch ehe der angefangene Mutwille geendigt war, sanken wir beide fest verschlungen in den seligen Schoß einer halbbesonnenen Selbstvergessenheit zurück.

Mit dem äußersten Unwillen dachte ich nun an die schlechten Menschen, welche den Schlaf vom Leben subtrahieren wollen. Sie haben wahrscheinlich nie geschlafen, und auch nie gelebt. Warum sind denn die Götter Götter, als weil sie mit Bewußtsein und Absicht nichts tun, weil sie das verstehen und Meister darin sind? Und wie streben die Dichter, die Weisen und die Heiligen auch darin den Göttern ähnlich zu werden! Wie wetteifern sie im Lobe der Einsamkeit, der Muße, und einer liberalen Sorglosigkeit und Untätigkeit! Und mit großem Recht: denn alles Gute und Schöne ist schon da und erhält sich durch seine eigne Kraft. Was soll also das unbedingte Streben und Fortschreiten ohne Stillstand und Mittelpunkt? Kann dieser Sturm und Drang der unendlichen Pflanze der Menschheit, die im Stillen von selbst wächst und sich bildet, nährenden Saft oder schöne Gestaltung geben? Nichts ist es, dieses leere unruhige Treiben, als eine nordische Unart und wirkt auch nichts als Langeweile, fremde und eigne. Und womit beginnt und endigt es als mit der Antipathie gegen die Welt, die jetzt so gemein ist? Der unerfahrne Eigendünkel ahndet gar nicht, daß dies nur Mangel an Sinn und Verstand sei und hält es für hohen Unmut über die allgemeine Häßlichkeit der Welt und des Lebens, von denen er doch noch nicht einmal das leiseste Vorgefühl hat. Er kann es nicht haben, denn der Fleiß und der Nutzen sind die Todesengel mit dem feurigen Schwert, welche dem Menschen die Rückkehr ins Paradies verwehren. Nur mit Gelassenheit und Sanftmut, in der heiligen Stille der echten Passivität kann man sich an sein ganzes Ich erinnern, und die Welt und das Leben anschauen. Wie geschieht alles Denken und Dichten, als daß man sich der Einwirkung irgend eines Genius ganz überläßt und hingibt? Und doch ist das Sprechen und Bilden nur Nebensache in allen Künsten und Wissenschaften, das Wesentliche ist das Denken und Dichten, und das ist nur durch Passivität möglich. Freilich ist es eine absichtliche, willkürliche, einseitige, aber doch Passivität. Je schöner das Klima ist, je passiver ist man. Nur Italiäner wissen zu gehen, und nur die im Orient verstehen zu liegen; wo hat sich aber der Geist zarter und süßer gebildet als in Indien? Und unter allen Himmelsstrichen ist es das Recht des Müßiggangs was Vornehme und Gemeine unterscheidet, und das eigentliche Prinzip des Adels.

Endlich wo ist mehr Genuß, und mehr Dauer, Kraft und Geist des Genusses; bei den Frauen, deren Verhältnis wir Passivität nennen, oder etwa bei den Männern, bei denen der Übergang von übereilender Wut zur Langenweile schneller ist, als der Übergang vom Guten zum Bösen?

In der Tat man sollte das Studium des Müßiggangs nicht so sträflich vernachlässigen, sondern es zur Kunst und Wissenschaft, ja zur Religion bilden! Um alles in Eins zu fassen: je göttlicher ein Mensch oder ein Werk des Menschen ist, je ähnlicher werden sie der Pflanze; diese ist unter allen Formen der Natur die sittlichste, und die schönste. Und also wäre ja das höchste vollendetste Leben nichts als ein reines Vegetieren.

Ich nahm mir vor, mich zufrieden im Genuß meines Daseins über alle doch endliche, und also verächtliche Zwecke und Vorsätze zu erheben. Die Natur selbst schien mich in diesem Unternehmen zu bestärken, und mich gleichsam in vielstimmigen Chorälen zum fernern Müßiggang zu ermahnen, als sich plötzlich eine neue Erscheinung offenbarte. Ich glaubte unsichtbarerweise in einem Theater zu sein: auf der einen Seite zeigten sich die bekannten Bretter, Lampen und bemalten Pappen; auf der andern ein unermeßliches Gedränge von Zuschauern, ein wahres Meer von wißbegierigen Köpfen und teilnehmenden Augen. An der rechten Seite des Vorgrundes war statt der Dekoration ein Prometheus abgebildet, der Menschen verfertigte. Er war an einer langen Kette gefesselt, und arbeitete mit der größten Hast und Anstrengung; auch standen einige ungeheure Gesellen daneben, die ihn unaufhörlich antrieben und geißelten. Leim und andre Materialien waren im Überfluß da; das Feuer nahm er aus einer großen Kohlenpfanne. Gegenüber zeigte sich auch als stumme Figur der vergötterte Herkules, wie er abgebildet wird mit der Hebe auf dem Schoß. Vorn auf der Bühne liefen und sprachen eine Menge jugendlicher Gestalten, die sehr fröhlich waren, und nicht bloß zum Schein lebten. Die jüngsten glichen Amorinen, die mehr erwachsenen den Bildern von Faunen: aber jeder hatte seine eigne Manier, eine auffallende Originalität des Gesichts, und alle hatten irgend eine Ähnlichkeit von dem Teufel der christlichen Maler oder Dichter; man hätte sie Satanisken nennen mögen. Einer der kleinsten sagte: „Wer nicht verachtet, der kann auch nicht achten; beides kann man nur unendlich, und der gute Ton besteht darin, daß man mit den Menschen spielt. Ist also nicht eine gewisse ästhetische Bosheit ein wesentliches Stück der harmonischen Ausbildung?“ „Nichts ist toller“, sagte ein andrer, „als wenn die Moralisten euch Vorwürfe über den Egoismus machen. Sie haben vollkommen unrecht: denn welcher Gott kann dem Menschen ehrwürdig sein, der nicht sein eigner Gott ist? Ihr irrt freilich darin, daß ihr ein Ich zu haben glaubt; aber wenn ihr indessen euren Leib und Namen oder eure Sachen dafür haltet, so wird doch wenigstens ein Logis bereitet, wenn etwa ja noch ein Ich kommen sollte.“ – „Und diesen Prometheus könnt ihr nur recht in Ehren halten“, sagte einer der größten; „er hat euch alle gemacht, und macht immer mehrere eures gleichen.“ – In der Tat warfen auch die Gesellen jeden neuen Menschen, so wie er fertig war, unter die Zuschauer herab, wo man ihn sogleich gar nicht mehr unterscheiden konnte, so ähnlich waren sie alle. „Er fehlt nur in der Methode!“ fuhr der Satanikus fort: „Wie kann man allein Menschen bilden wollen? Das sind gar nicht die rechten Werkzeuge.“ Und dabei winkte er auf eine rohe Figur vom Gott der Gärten, die ganz im Hintergrunde der Bühne zwischen einem Amor und einer sehr schönen unbekleideten Venus stand. „Darin dachte unser Freund Herkules richtiger, der funfzig Mädchen in einer Nacht für das Heil der Menschheit beschäftigen konnte, und zwar heroische. Er hat auch gearbeitet und viel grimmige Untiere erwürgt, aber das Ziel seiner Laufbahn war doch immer ein edler Müßiggang, und darum ist er auch in den Olymp gekommen. Nicht so dieser Prometheus, der Erfinder der Erziehung und Aufklärung. Von ihm habt ihr es, daß ihr nie ruhig sein könnt, und euch immer so treibt; daher kommt es, daß ihr, wenn ihr sonst gar nichts zu tun habt, auf eine alberne Weise sogar nach Charakter streben müßt, oder euch einer den andern beobachten und ergründen wollt. Ein solches Beginnen ist niederträchtig. Prometheus aber, weil er die Menschen zur Arbeit verführt hat, so muß er nun auch arbeiten, er mag wollen oder nicht. Er wird noch Langeweile genug haben, und nie von seinen Fesseln frei werden.“ Da dies die Zuschauer hörten, brachen sie in Tränen aus, und sprangen auf die Bühne um ihren Vater der lebhaftesten Teilnahme zu versichern; und so verschwand die allegorische Komödie.

William Hogarth, Industry and Idleness, 1747

Wiklich brisant bis heute bleibt Paul Lafargue: Le droit à la paresse. Réfutation du „droit au travail“ de 1848 von 1883. Wichtig — und immerhin möglich — zu lesen — und zu wissen — ist für unsereinen der deutsche Text:

Widerlegung des „Rechts auf Arbeit“ von 1848

neu übersetzt und herausgegeben als Sondernummer der „Schriften gegen die Arbeit“, Ludwigshafen 1988. Der Text hat Buchstärke, wenngleich eine eher schmale, und würde den hiesigen Rahmen sprengen. Kann sein, dass ich zu gegebenen Anlässen darauf zurückkommen werde, denn wie, geschweige denn warum bitteschön soll man die Reste seiner Lebenszeit an jemanden wenden, der nicht einmal ahnt, wie viel Freiheit mit Freizeit überhaupt zu tun hat.

Rot Front und angenehme Ruhe.

William Hogarth, Industry and Idleness, 1747

Fleiß vs. Faulheit: William Hogarth: Industry and Idleness, 1747:

  1. Plate 1 — The Fellow ‚Prentices at their Looms;
  2. Plate 2 — The Industrious ‚Prentice performing the Duty of a Christian;
  3. Plate 3 — The Idle ‚Prentice at Play in the Church Yard, during Divine Service;
  4. Plate 4 — The Industrious ‚Prentice a Favourite, and entrusted by his Master;
  5. Plate 5 — The Idle ‚Prentice turn’d away, and sent to Sea;
  6. Plate 6 — The Industrious ‚Prentice out of his Time, & Married to his Master’s Daughter;
  7. Plate 7 — The Idle ‚Prentice return’d from Sea, & in a Garret with common Prostitute;
  8. Plate 8 — The Industrious ‚Prentice grown rich, & Sheriff of London;
  9. Plate 9 — The Idle ‚Prentice betrayed (by his Whore), & taken in a Night-Cellar with his Accomplice;
  10. Plate 10 — The Industrious ‚Prentice Alderman of London, the Idle one brought before him & Impeach’d by his Accomplice;
  11. Plate 11 — The Idle ‚Prentice Executed at Tyburn;
  12. Plate 12 — The Industrious ‚Prentice Lord-Mayor of London,

via John Ireland and John Nichols: Hogarth’s Works: With Life and Anecdotal Descriptions of His Pictures. First Series, Chatto and Windus, Publishers, 1874.

Preaching to the converted: Отава Ё: Посеяли Девки Лён, aus: Любишь Ли Ты, 2018:

Written by Wolf

30. Oktober 2020 at 00:01

Herzschlag

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Update zu Nachtstück 0021: Нет хуже ада,
Die Welt und alles andere
und Ui. (Shut Up’N Play Yer Guitar):

Ралица Чиличева, Ralitsa Chilicheva for Urlaub in den Misanthropen, August 17th, 2010.Die Welt ist groß, das Leben bunt,
mein Herz wiegt hundertfünfzig Pfund,
die Welt ist groß,
das Leben bloß
ein Herzschlag und

mein Herz ist klein, klein wie die Welt,
im Leben ganz auf sich gestellt,
das unbemerkt verstreicht,
bis am Schlag das Herz erliegt,
das fünfundsiebzig Kilo wiegt.
Die Welt ist rund, das Leben leicht.

Das ist der ganze Unterschied.
Ein Mädchen singt ein leises Lied.
Die Welt ist groß, das Leben bunt,
mein Herz wiegt hundertfünfzig Pfund.

Fade out, alternate take:

Die Welt ist groß, das Leben bunt,
mein Herz wiegt hundertfünfzig Pfund.
Das ist der ganze Unterschied.
Ein Mädchen singt ein leises Lied.

Bild: Ралица Чиличева für Urlaub in den Misanthropen, 17. August 2010.

Soundtrack: Muff Potter: 100 Kilo, aus: Bordsteinkantengeschichten, 2000:

Written by Wolf

25. Oktober 2020 at 04:08

Dornenstück 0004: O Anfang sonder Ende (Nichts ist zu finden weit und breit so schrecklich als die Ewigkeit)

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Update zum 2. Stattvent: Rorate coeli desuper! (Die Welt, ein weites Grab)
und Seht, wie, was lebt, zum Ende leufft (gegen-hüpfendes Lied):

„Gibt es eigentlich fleischfressende Gedichte?“ frag ich.

„Wieso“, fragt die Wölfin, „gibt’s pflanzenfressende?“

„Ja“, sag ich, „alle anderen.“

——— Johann Rist:

Ernstliche Betrachtung / Der unendlichen Ewigkeit.

Das Vierdte Zehn, Nr. 9, aus: Himmlische Lieder, 1641/1642:

     1.
O Ewigkeit du Donner Wort /
O Schwerdt das durch die Seele bohrt /
     O Anfang sonder Ende /
O Ewigkeit Zeit ohne Zeit /
Ich weis für grosser Traurigkeit /
     nicht wo ich hin mich wende /
Mein gantz erschrocknes Hertz erbebt /
daß mir die Zung am Gaumen klebt.

     2.
Kein Unglück ist in aller Welt
Daß endlich mit der Zeit nicht fält
     Und gantz wird auffgehoben;
Die Ewigkeit hat nur kein Ziel
Sie treibet fort und fort ihr Spiel
     Läst nimmer ab zu toben /
Ja / wie mein Heyland selber spricht /
Aus ihr ist kein Erlösung nicht.

     3.
O Ewigkeit du machst mir bang‘ /
O Ewig / Ewig ist zu lang‘ /
     Hie gilt fürwar kein Schertzen:
Drumb / wenn ich diese lange Nacht
Zusampt der grossen Pein betracht‘ /
     Erschreck ich recht von Hertzen /
Nichts ist zu finden weit und breit
So schrecklich als die Ewigkeit.

     4.
Was acht‘ ich Wasser / Feur und Schwerdt /
Diß alles ist kaum nennens werth
     Es kan nicht lange dauren:
Was wär‘ es / wenn gleich ein Tyrann /
Der funfftzig Jahr kaum leben kan
     Mich endlich ließ vermauren?
Gefängniß / Marter Angst und Pein
Die können ja nicht ewig seyn.

     5.
Wenn der Verdampten grosse Quaal
So manches Jahr alß an der Zahl
     Hie Menschen sich ernehren /
Als manchen Stern der Himmel hegt /
Als manches Laub die Erde trägt
     Noch endlich solte wären /
So wäre doch der Pein zu letzt.
Ihr recht bestimptes Ziel gesetzt.

     6.
Nun aber / wenn du die Gefahr
Viel hundert tausend tausend Jahr
     Hast kläglich außgestanden /
Und von den Teuffeln solcher frist
Gantz grausamlich gemartert bist /
     Ist doch kein Schluß vorhanden /
Die Zeit / so niemand zehlen kan /
Die fänget stets von neuen an.

     7.
Ligt einer kranck und ruhet gleich
Im Bette / das von Golde reich
     Ist Königlich gezieret /
So hasset er doch solchen Pracht
Auch so / daß er die gantze Nacht
     Ein kläglichs Leben führet /
Er zehlet aller Glocken Schlag
Und seufftzet nach dem lieben Tag‘.

     8.
Ach was ist das? Der Höllen Pein
Wird nicht wie Leibes Kranckheit seyn
     Und mit der Zeit sich enden /
Es wird sich der Verdampten Schaar
Im Feur und Schwefel immerdar
     Mit Zorn und Grimm‘ umbwenden /
Und diß ihr unbegreifflichs Leid
Sol wären biß in Ewigkeit.

     9.
Ach Gott wie bistu so gerecht /
Wie straffstu einen bösen Knecht /
     So hart im Pful der Schmertzen?
Auff kurtze Sünden dieser Welt
Hastu so lange Pein bestellt /
     Ach nimb diß wol zu Hertzen /
Betracht es offt O Menschen-Kind /
Kurtz ist die Zeit / der Todt geschwind.

     10.
Ach fliehe doch des Teuffels Strick /
Die Wollust kan ein Augenblick
     Und länger nicht ergetzen /
Dafür wilt du dein‘ arme Seel‘
Hernachmahls in des Teuffels Höll‘
     O Mensch zu Pfande setzen!
Ja schöner Tausch / ja wol gewagt
Daß bey den Teuffeln wird beklagt?

     11.
So lang‘ ein Gott im Himmel lebt
Und über alle Wolcken schwebt
     Wird solche Marter währen /
Es wird sie plagen Kält‘ und Hitz‘
Angst / Hunger / Schrecken / Feur und Blitz
     Und sie doch nie verzehren /
Denn wird sich enden diese Pein /
Wenn Gott nicht mehr wird Ewig seyn.

     12.
Die Marter bleibet immerdar
Gleich wie sie erst beschaffen war
     Sie kan sich nicht vermindern /
Es ist ein‘ Arbeit sonder Ruh‘
Und nimpt an tausend Seufftzen zu
     Bey allen Satans Kindern /
O Sünder deine Missethat
Empfindet weder Trost noch Raht!

     13.
Wach auff O Mensch vom Sünden-schlaff‘
Ermuntre dich verlohrnes Schaf
     Und bessre bald dein Leben /
Wach auff es ist doch hohe Zeit /
Es kompt heran die Ewigkeit
     Dir deinen Lohn zu geben /
Vielleicht ist heut der letzter Tag.
Wer weis noch wie man sterben mag!

     14.
Ach laß die Wollust dieser Welt /
Pracht / Hoffart / Reichthumb / Ehr‘ und Geld
     Dir länger nicht gebieten /
Schau‘ an die grosse Sicherheit /
Die falsche Welt und böse Zeit
     Zusampt des Teuffels wühten /
Vor allen Dingen hab in acht
Die vorerwehnte lange Nacht.

     15.
O du verfluchtes Menschen-Kind
Von Sinnen toll / von Hertzen blind
     Laß ab die Welt zu lieben /
Ach / ach / sol denn der Hellen Pein /
Da mehr denn tausend Hencker seyn
     Ohn‘ Ende dich betrüben.
Wo ist ein so beredter Mann
Der dieses Werck außsprechen kan?

     16.
O Ewigkeit du Donner-Wort /
O Schwert das durch die Seele bohrt
     O Anfang sonder Ende!
O Ewigkeit Zeit ohne Zeit!
Ich weis für grosser Traurigkeit
     Nicht / wo ich mich hinwende /
Nimb du mich wenn es dir gefält
HErr Jesu in dein Freuden-Zelt.

Bilder:

  1. Alison Scarpulla: Vision 20, 2010;
  2. Adolf Hering: Der Tod und das Mädchen, 1932;
  3. P. J. Lynch: Death and the Maiden, 2014;
  4. Daria Endresen: Young Woman and Death, 2012;
  5. Nathália Suellen: Earth, 2017.

Soundtracks: Johann Sebastian Bach: Zweimal O Ewigkeit, du Donnerwort:

  1. Kantate BWV 20 zum 1. Sonntag nach Trinitatis, 11. Juni 1724:

  2. Kantate BWV 60 zum 24. Sonntag nach Trinitatis, 7. November 1723:

Written by Wolf

23. Oktober 2020 at 00:01

Ich lese jedes Wort von Dir. Die Andern liefern nur Geschmier. (Also sprach der kleine Mops)

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Update zu Charakter ist nur Eigensinn. Es lebe die Zigeunerin!:

Zum 105. Todestag von Paul Scheerbart (* 8. Januar 1863 in Danzig; † 15. Oktober 1915 in Berlin) bringe ich seinen zweiten Band Gedichte, der stark nach geistigem Getränke duftet und deshalb oft mit dem ersten, der Katerpoesie, zusammengefasst wird. Offensichtlich wurde der Band posthum veröffentlicht und ist seinerseits einhundertjährig.

Hei, wer besoffen so schön herumspinnen könnte. Das Getränk ist noch frisch, die Gedichte höchst genießbar, ja: süffig.

——— Paul Scheerbart:

Die Mopsiade

Alfred Richard Meyer, Berlin-Wilmersdorf 1920:

Von dieser ersten Auflage, Herbst 1920 erschienen, wurden 20 Exemplare auf echt China-Papier abgezogen und von RUDOLF WEIDNER, NAUMBURG a. S., in Buntpapier gebunden. — Das Titelblatt zeichnete der Dichter.

Paul-Scheerbart-Vignette

Mopsiade

Paul Scheerbart, Die Mopsiade, 1920, CoverFür den ersten Welterlöser
Muss ich mich natürlich halten.
Also sprach der kleine Mops,
Der zu Hause lebt von Klops.

Paul-Scheerbart-Vignette

Das quiekende Ei

Und wärmer wird’s im Frühlingswald.
Die alte Sonne scheint nicht kalt,
Sie scheint wie tausend Öfen.
Im Wasser lag das weisse Ei.
Es quiekte auf dem Schreibtisch
Eine schöne Dichterei.

Paul-Scheerbart-Vignette

Masslied

Liebe, labe, lobe mich!
Aber nicht so fürchterlich!
Denn die grossen Freuden
Sind mir viel zu viel …
Lebe, liebe dich nur aus –!
Doch mit Laben, Loben halte Haus!

Paul-Scheerbart-Vignette

Schlingwahn!

„Alte Jacken!“ „Alte Jacken!“
Ruft das alte Weib.
Und es bläst in ihren Nacken
Der Hansnarr zum Zeitvertreib.

„Lasst ihn blasen!“ „Lasst ihn blasen!“
Schreit das alte Weib.
Und sie setzt sich auf den Rasen
Mit dem alten Leib.

„Grüss den Springhahn!“ „Grüss den Springhahn!“
Krächzt das alte Weib.
Und sie singt von einer Hinkbahn,
Sagt zum Narren: „Bleib!“

„Auf zur Hinkbahn!“ „Auf zur Hinkbahn!“
Blärrt das alte Weib.
Doch der Narr sagt: „Nur der Schlingwahn
Ist ein dummer Zeitvertreib.“

„Alte Jacken!“ „Alte Jacken!“
Preist das alte Weib.
Doch der Narr sagt: „Lass die Schnaken!
Denn die füllen keinen Leib.“

Paul-Scheerbart-Vignette

Noch ein Mal!

Lass dich noch ein Mal
im tollsten Rausche
Verzückt umfangen –

Lass dir noch ein Mal
So selig küssen
Auf Hals und Wangen –

Lass mich noch ein Mal,
Ach nur noch ein Mal
Zu dir gelangen –

Hurrah!

4. Dezember 95.

Paul-Scheerbart-Vignette

Was ist ein Original?

Was ist ein Original?
Ein Ei ohne Schal‘. –
Zum Fressen für die Helläugigen …
Wie lebt ein Original?
In Angst und Qual. –
Schliesslich, schliesslich wird’s nur
Gefressen von den Helläugigen …
Wer sieht dann das Original?
Was weiss ich?
Fürchterlich – fürchterlich –
Ein Ei ohne Schal‘.
Ich weiss – ich weiss:
Nur eine Rettung gibt’s –
Kocht hart, kocht hart
Das Ei ohne Schal‘!
Lass dich vom rauhen Leben
Hart kneten, du Original!
Dann liegst du den Helläugigen
Recht schwer im Magen –
Sie können dich dann nicht vertragen.

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Der grosse Mann und der Schlaukopp
oder
Der gegenseitige Kultus

Paul Scheerbart, Die Mopsiade, 1920, Titelzeichnung„Mein Freund, Du bist der grösste Mann!
Es zweifelt keine Seele dran!
Ich lese jedes Wort von Dir.
Die Andern liefern nur Geschmier.
Du bist der Einz’ge, der was kann!
O glaub’s, Du bist der grösste Mann!
Was Andre reden, ist nur Quatsch.
Drum reich mir freundlich Deine Patsch!
Wir gründen einen Männerbund
Und hauen los auf jeden Schund!
Damit man endlich doch mal seh,
Worin die wahre Kunst besteh!
Und will einmal ein Schweinehund
Verhöhnen unsern Männerbund,
So kommen wir mit Knüppeln an
Und zeigen, was ein Mann noch kann.
Vor uns muss Jeder tief sich bücken
Und dabei weg sein vor Entzücken!“
So sang voll Hohn ein Bösewicht
Dem Freunde Süsses ins Gesicht.
Und dieser Gute merkte nicht,
Wie leicht das Süsse an Gewicht.
„Der grösste Mann“, rief er voll Stolz,
„Der sei jetzt länger nicht von Holz!“
Und er begann vergnügt zu zechen
Und musste schrecklich dabei blechen.
Der Bösewicht, der freut sich drob,
Er wird beim zwölften Glase grob.
Jedoch der grösste Mann vergisst,
Dass ihm sein Freund oft lästig ist.
Er freut sich seines grossen Ruhms,
Gedenkt nicht seines Eigentums.
Bald ist sein Hab und Gut verschwendet.
Der Bösewicht sich von ihm wendet.
Denn grosse Männer ohne Geld
Sind doch das Schlimmste in der Welt.
So geht’s dem Dummen, der gemütlich
Des Freundes Lob hält für sehr gütlich!
Der Schmeichler ist ein Bösewicht –
Oh, kluger Mensch, vergiss das nicht!
Auch arme Menschen sollen lächeln,
Wenn sie ein Schmeichler will umfächeln.
Verrate deine Grösse nie!
Sei nur ein heimliches Genie!

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Die Galle

Ein Tafelgedicht

Mit Euch an einem Tisch zu sitzen
Macht mir den grössten Höllenspass.
Ich träume schon von Euren Witzen.
Wohl dem, der mit Euch Austern ass.

Denn was Ihr trinkt
Ist pure Galle.
Und was Ihr esst
Ein alter Quark.

Recht grob möcht ich Euch Allen sagen,
Dass Ihr mir nie mehr könnt behagen.
Ihr seid das Luderpack der Welt
Und habt mir manchen Tag vergällt!

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Sommernacht

     Nun lasst uns wieder preisen
Die grosse prächtige Sommernacht!
     Nun lasst uns wieder trinken
Den schweren Feuertrank!
     Nun lasst uns wieder jubeln!
Wir sind ja gar nicht müd und krank.
Nun lasst uns wieder dichten
Den wildesten tollsten Bacchantengesang!
     Nun lasst uns lustig selig sein!
Wein! Wein in die alte Laube hinein!

     Schon funkeln die Sterne da oben.
Hei! Stürmisch das Glas erhoben!
     Sommernacht, sei gepriesen!
Die bunten Lampen bringt auch herbei!
     Und auch die besten Zigarren!
In einer prächtigen Sommernacht
     Soll man prassen, schlemmen und schwelgen!

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Manches Gedicht

Manches Gedicht mit viel Genie
Ist nur Verhöhnung der Poesie.

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Der springende Ton

Der springende Ton,
Der springende Ton,
Der ist mein Sohn!
Und ich bin seine Mutter.
Die backt mit guter Butter
Für ihren Sohn,
Den springenden Ton
Kuchen! – Kuchen!
Dass er sich freuen kann. –
Er wird ein grosser Mann –
Mein lieber Sohn,
Der springende Ton!
Der braucht ein gutes Futter!
Das backt ihm seine Mutter!
Schweige du Hohn!
Es lebe mein Sohn!

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Die letzten Trümpfe

Überwinden, überwinden
Wollen wir die letzten Trümpfe.
Und wenn wir das Letzte finden,
Machen wir uns auf die Strümpfe.

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Die Reifen

Diese Welt besteht aus Reifen,
Die voll Ärger immer pfeifen,
Dass sie Garnichts mehr begreifen!
Sollen sie sich weiter schleifen,
Dürfen sie sich nicht versteifen
Auf das ewig dumme Keifen!
Lasst sie täglich anders pfeifen –
Sonst gehören diese Reifen,
Die uns immer wieder kneifen,
Nicht zu jenen guten Pfeifen,
Deren Wohlklang wir begreifen.

Paul-Scheerbart-Vignette

Kein Gedicht

Ich möchte so gern wie ein Vogel
Durch die Lüfte fliegen.
Ich möchte so gern wie ein Löwe
In der Wüste liegen.
Ich möchte so gern wie ein König
die lange Weile besiegen.
Doch der Glanz der ewigen Sonnen
Begeistert mich heute nicht.
Ich habe Vieles begonnen.
Doch das macht noch kein Gedicht.

25. Juli 1894.

Paul-Scheerbart-Vignette

Das Festland

Tief unten, wo die Zwerge
Hämmern und feilen,
Muss man eilen.

Hoch oben, wo die Adler
Jagen und morden,
Muss man auch eilen –

Nur auf dem Festlande
Kann man ruhig sitzen,
Ohne zu schwitzen –

Man kann da auch liegen.
Ja, ein Festland ist das feste Land!
Wüsst ich nur, wo das Festland liegt!

Paul-Scheerbart-Vignette

???

Und lasst Ihr mich allein,
So will ich mich nicht haben!
Ich werde mein Pein
Schon selber mal begraben.

Paul-Scheerbart-Vignette

Frühling

(Parodie auf die Belebung der Blasierten)

Das soll mein feinster Frühling sein!
Es leuchten tausend Sonnen,
Und hinter den Bergen
Wogen die Meere des ewigen Sommers.
Ich komme noch hin.
Ich komme mit Welten
Und lache gewaltig.
Die Berge sind hoch,
Aber rüber komm ich doch.
Tausend Sonnen beleuchten
Den wilden höckrigen Pfad.
Das soll mein feinster Frühling sein.
Das Sonnenlicht macht Alles rein.
Alte, alte Wunderwelt!

Paul-Scheerbart-Vignette

Nun geh zur Ruh

Oskar Kokoschka, Paul ScheerbartNun geh zur Ruh!
Es ist schon spät,
Nun träume deinen Traum,
Die Welt ist gut,
Die Nacht ist kurz.
Nun träume deinen Traum
Von Liebeslust
Und Seligkeit
Und freundlichen guten Augen
Träume! Träume
Von allen denen,
Die du liebst,
Damit sie dich
Auch lieben –

Paul-Scheerbart-Vignette

Ein Abschiedsvers

Weit in die Welt
Spring nur hinein
Mit wildem Geschrei!
Liebst du die Welt?
Spring nur hinein!
Das Leben lacht!
Grüsse die Welt!
Fall nur hinein!
Mein Leben lacht nicht!
Das wird ein Gedicht
Und muss ernster sein.
Weit in die Welt
Spring nur hinein!
Ich bleibe zurück
Und wünsche dir Glück!

Bilder: Erstauflage: „Das Titelblatt zeichnete der Dichter“, 1920;
Portrait & Vignette: Otto Kokoschka, ohne Jahr.

Soundtrack: Marius Müller-Westernhagen: Es geht mir wie dir, aus: Das erste Mal, 1975:

Ich sehe meine Hände an,
denke mir: Warum sind die dran?
Glaube mir:
Es geht mir wie dir.
Jeden Tag betrunken sein,
ich zahle für den Sonnenschein.
Komm,
mach die Augen zu

Written by Wolf

16. Oktober 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Das Tier & wir, Novecento

Blumenstück 006 Sie weinten nicht, sie klagten nicht, sie starben sonder Laut

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Update zum Wunderblatt 11: Die blühenden Narkosen und
Ein alter Moortopf, der auf seinem eigenen Herd sitzt und sich selbst kocht:

Wer sich Schnittblumen in die Wohnung stellt, kann tagelang dem Tod bei der Arbeit zuschauen. Soviel zur Romantik von Blumensträußen.

Eins der traurigsten Gedichte der Freifrau von Droste zu Hülshoff, vulgo Frau Nette, handelt von so einer vorzeitigen Folter zum Tode. Die Umstände, unter denen der Strauß am Hof zu Bökendorf gepflückt wurde, sind komplizierter als das heutige Vorsprechen in einem Blumenladen, vielmehr eingebunden ins nachmals so bezeichnete Arnswaldt-Straube-Erlebnis — eine verwickelte Liebesaffäre der Droste mit August von Arnswaldt und Heinrich Straube, deren genauerer Verlauf sich bei fortbestehender Forschungslage der Rekonstruktion entziehen wird.

Drostes Entwurf lässt sich aufgrund eines Stammbucheintrags ihrer Tante Sophie vom Haxthausen auf Juni 1820 datieren, von der die Situation beschrieben wird:

Im Juny 1820 als Nette auf dem Hof in Bökendorf mit Anna unter der Akazie saß und einen Blumenstrauß, den ihr Anna gebracht, zerrissen.

Anna ist Drostes andere, vier Jahre jüngere und eng vertraute Tante Anna von Haxthausen, die sich ihrerseits in ihrem Stammbuch erinnert:

Wir saßen auf einer Bank, auf dem Hof unter der Linde die Ludowine gepflanzt, und sie zerpflückte einen Blumenstrauß, den ich ihr gebracht; nach einem ernsten Gespräch, das wir führten, diktierte sie mir das Gedicht, was ich in eine Brieftasche schrieb.

Anna pflückt also den Strauß, schenkt ihn Annette, dieselbe zerpflückt ihn. Es folgt ein ernstes Gespräch. Eine Auseinandersetzung unter adligen jungen Fräulein, die sich vermutlich um adlige junge Männlein dreht. So genau will man’s am Ende gar nicht wissen.

Die üblich gewordene Überschrift Blumentod hat die große Schwester „Hans“, eigentlich Jenny, in den Entwurf dazugeschrieben. In der rohen, nur leicht modernisierten Fassung mit ganz wenigen Satzzeichen, in der die Haxthausen das Diktat der Droste aufgenommen haben muss, und wie sie der Deutsche Klassiker Verlag in den Sämtlichen Werken bringt, wirkt das Gedicht aber erst richtig verzweifelt und archaisch.

——— Annette von Droste-Hülshoff:

Blumentod

Schloss Bökerhof, Juni 1820:

John William Waterhouse, Narcissus, 1912Wie sind meine Finger so grün
Blumen hab ich zerrissen
Sie wollten für mich blühn
Und haben sterben müssen
Wie neigten sie um mein Angesicht
Wie fromme schüchterne Lieder
Ich war in Gedanken, ich achtets nicht
Und bog sie zu mir nieder
Zerriß die lieben Glieder
In sorgenlosem Mut
Da floß ihr grünes Blut
Um meine Finger nieder
Sie weinten nicht, sie klagten nicht,
Sie starben sonder Laut
Nur dunkel ward ihr Angesicht
Wie wenn der Himmel graut
Sie konnten mirs nicht ersparen
Sonst hätten sies wohl getan, —
Wohin bin ich gefahren!
In trüben Sinnens Wahn!
O töricht Kinderspiel!
O schuldlos Blutvergießen!
Und gleichts dem Leben viel,
Laßt mich die Augen schließen,
Denn was geschehn ist, ist geschehn
Und wer kann für die Zukunft stehn!

Schloss Bökerhof bei Brakel im nordrhein-westfälischen Landkreis Höxter ist heute Gedenkstätte für den Bökendorfer Romantikerkreis mit Literaturmuseum, mithin eine touristische Unternehmung wert. Wer mir durch Bild und/oder lebende — also nicht etwa sinnlos ausgerupfte — Präparate schlüssig nachweisen kann, aus welchen Pflanzenarten anno 1820 ein Blumenstrauß von unter Ludowinens Linde bestanden haben mag, gewinnt was richtig Schönes. Ein Buch, wie ich mich einschätze.

Bild: John William Waterhouse: Narcissus, 1912.

Soundtrack: John Mayall: Don’t Pick a Flower, aus: Empty Rooms, 1970:

Written by Wolf

9. Oktober 2020 at 00:01

Umgestülpte Teufel (und Kryptonit für Circe)

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Update zu Irgendwelche Lümmel oder Gesellschaften von zechenden Strolchen und
Ein Haufen belebter Maschinen, welche von der Natur hervor getrieben worden wären, für sie zu arbeiten:

Eine Möglichkeit ist, es so aufzuteilen: Poe hat noch Fans, Wieland nicht.

Supergirl via Sir Person 56, September 17th, 2017

——— Edgar Allan Poe:

Marginalia 229

aus: Marginalia, in: Southern Literary Messenger, Juni 1849, Übs. Hans Wollschläger:

„He that is born to be a man,“ says Wieland in his „Peregrinus Proteus,“ „neither should nor can be anything nobler, greater, or better than a man.“ The fact is, that in efforts to soar above our nature, we invariably fall below it. Your reformist demigods are merely devils turned inside out.

„Wer zum Menschen geboren wurde“, sagt Wieland in seiner „Geheimen Geschichte des Philosophen Peregrinus Proteus“, „soll und kann nichts edleres, größeres und besseres seyn als ein Mensch.“ Und in der Tat: jedwedes Bestreben, sich zum Uebermenschlichen empor zu schwingen, führt unwandelbar zum Absturz ins Untermenschliche. Unsre reformistischen Halb-Götter sind denn auch nichts Andres als umgestülpte Teufel.

Technically speaking, wie der rezente Amerikaner sagen würde, stimmt das. Originaltext:

——— Christoph Martin Wieland:

Peregrins geheime Geschichte in Gesprächen im Elysium

aus: Peregrinus Proteus, 1787:

Wer zum Menschen geboren wurde, soll und kann nichts Edleres, Größeres und Besseres seyn als ein Mensch – und wohl ihm, wenn er weder mehr noch weniger seyn will!

Das sagt im Dialog mit Rollenverteilung die Figur Lucian. Viel glauben, was „Wieland sagt“, dürfen wir der titelgebenden Figur Peregrin, also weiter im Text. „Moly“ ist ein aus der Odyssee bekanntes Zauberkraut, welches Ulysses zu Entkräftung der Zauberkräfte der Circe von Hermes empfing — mithin eine Art frühes Kryptonit für Zauberinnen:

Peregrin.

Supergirl Being Super, via Superman Wiki, December 2016Aber, lieber Lucian, gerade um nicht weniger zu werden als ein Mensch, muß er sich bestreben mehr zu seyn. Unläugbar ist etwas Dämonisches in unsrer Natur; wir schweben zwischen Himmel und Erde in der Mitte, von der Vaterseite, so zu sagen, den höhern Naturen, von unsrer Mutter Erde Seite den Thieren des Feldes verwandt. Arbeitet sich der Geist nicht immer empor, so wird der thierische Theil sich bald im Schlamme der Erde verfangen, und der Mensch, der nicht ein Gott zu werden strebt, wird sich am Ende in ein Thier verwandelt finden.

Lucian.

Es wäre denn, daß ihn die wohlthätige Natur, wie Mercur den Ulysses beim Homer, mit einem Moly beschenkt hätte, durch dessen Tugend er allen solchen Bezauberungen Trotz bieten kann.

Peregrin.

Und wie nennest du diesen wundervollen Talisman? Denn so viel ich mich aus meinem Homer besinne, ist Moly nur der Nahme, den ihm die Götter gaben.

Lucian.

Verstand nenne ich ihn, lieber Peregrin, gemeinen, aber gesunden Menschenverstand.

Peregrin (indem er ihm scharf in die Augen sieht).

Und dieses Moly hätte dich in deinem Leben immer vor der Zauberruthe der schönen Circe verwahrt?

Lucian.

Vor ihren Verwandlungen allerdings: es setzte mich ungefähr in das nehmliche Verhältniß mit ihr, worein Ulysses durch die Kraft seines Moly mit der Sonnentochter kam. Denn seinem Moly allein, so wie ich dem meinigen, hatte er es zu danken, daß er jenes Aristippische εχω ουκ εχομαι sagen konnte, worauf in solchen Dingen alles ankommt, wie du weißt.

Was uns lehrt: 1.) 1849 war Wieland schon — oder soll man sagen: noch? — ins Englische übersetzt und in Richmond/Virginia erreichbar. 2.) Um seine Fans über Jahrhunderte zu behalten, genügt es, gar nicht groß über die Einleitungen seiner Sekundärliteratur hinaus zu lesen. Vor allem über die der fremdsprachigen, wenngleich schon übersetzten.

Als so fauler Leser wie jeder andere auch finde ich das sehr beruhigend, empfehle aber trotzdem noch sehr viel weiter über diesen Ausschnitt der Einleitung hinaus zu lesen: Wieland sollte Fans haben.

Supergirl via Sir Person 56, September 17th, 2017

Mensch und Übermenschin: Cover Supergirl: Being Super, Dezember 2016;
Sir Person (will post spoilers), 19. September 2017:

Just some panels from New 52 Supergirl and Supergirl: Being Super cause Kara is great.

Soundtrack: Lisa Hannigan: I Don’t Know, aus: Sea Sew, 2008,
live in Dick Mac’s Pub zu Dingle im irischen County Kerry, 17. Juni 2008:

I don’t know what you smoke
Or what countries you’ve been to
If you speak any other languages other than your own
I’d like to meet you

Written by Wolf

2. Oktober 2020 at 00:01