Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for September 2019

Sollen denn aber bloß diese Kasus in der neu aufblühenden Kunstschule gebildet werden (wenn wir bei deutscher Mundart bleiben)?

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Update zu Der unverzichtbare Buchstabe e
und The Metrum is the Message:

Es folgt einer der sieben Ur-Artikel für DFWuH, den ich von Anfang 2012 an bringen wollte. Man kommt ja zu nix. Aufgefallen war mir, sagen wir ruhig: schon vor Jahrzehnten, dass Ludwig Tieck im Ernst einmal auf die Idee verfallen war, die grammatischen Kategorien der deutschen Sprache, vor allem die des Kasus, zu charakterisieren. Klasse Idee, muss ich was damit machen. Endlich geht’s.

Librarians United, 2017Was man so deutsche Sprache nennt: Laut der Winkler-Ausgabe der Novellen — in meinem Besitz ist ein von der Herausgeberin Marianne Thalmann gewidmetes Exemplar aus der Erstauflage von 1965, daher noch ohne ISBN — ist Die Gesellschaft auf dem Lande von 1825

[e]ine ausgesprochen märkische Novelle, ehe noch W. Alexis den Märker zum Gegenstand patriotischer Romane macht. Es geht nicht mehr um Kunstfragen, sondern um fundamentale Fragen des preußischen Pflichtgefühls, um Religion, Deutschtum, Landwirtschaft, um die Comédie humaine der adeligen Oberschicht, die von der Führung zurücktritt. Sie gehört zu Tiecks besten Leistungen und ist als sogenannte „Zopfnovelle“ A.W. Schlegels Lieblingsstück gewesen.

Aus eigenem Laienwissen ergänze ich Frau Thalmann: vor Willibald Alexis und noch herausragender vor Theodor Fontane. Eine leichtfüßige, personal bis dialogisch durchgeführte Abhandlung über ostmitteldeutsche Sprachelemente versteht als Antwort auf preußisches Pflichtgefühl wohl eher die in Thalmanns Kommentar vermutete Comédie humaine denn das Deutschtum.

Als Bildmaterial bietet sich wegen der spärlichen Illustration für Ludwig-Tieck-Novellen eine thematisch wertfreie, aber stimmungsvolle Serie aus einer Stadtbibliothek mit Kinderabteilung an: ein bildungsbeflissenes Kinderballett via Librarians Unite von 2017.

Librarians United, 2017

——— Ludwig Tieck:

Die Gesellschaft auf dem Lande

Berlinischer Taschenkalender, 1825:

Librarians United, 2017„Nein“, antwortete jener, „diesmal wird es etwas Großes, Idealisches. Du sollst selbst überrascht werden. Aber unausstehlich ist es doch in eurem Lande, das immerwährende unrichtige Sprechen anhören zu müssen. Diese ewige Verwechslung des Mir und Mich könnte einen Rechtgläubigen zur Verzweiflung bringen. Dabei ist das Ding so charakterlos, so recht eigentlich insipide, daß man es nicht einmal zum Spaß in Komödien oder Erzählungen nachahmen kann, denn es würde bloß albern auftreten. Das ist aber nicht wahr, was du mir sonst wohl von deinen Landsleuten erzählt hast, daß sie ohne allen Unterschied bald Mir bald Mich gebrauchen. Ich glaube, zu bemerken, daß es Sekten gibt. Hier im Hause (Adelheid ausgenommen, die richtig spricht, es wäre auch für eine Geliebte entsetzlich, so wie die übrigen zu prudeln) herrscht offenbar der Akkusativ vor: die alte gnädige Frau braucht ihn beständig; ob ich gleich erforscht und ausgegrübelt habe, daß ein so feiner Geist, wie der ihrige, auch hier gründliche und tiefsinnige Unterschiede macht, für die sich auch wohl von einem denkenden Grammatiker etwas sagen ließe. Sie behandelt die Sache nämlich mehr aus dem Gesichtspunkt der Dialekte. Der Akkusativ, als der ionische oder attische, erscheint ihr vornehmer und edler, daher braucht sie ihn unbedingt gegen ihre Domestiken. ‚Christian, geb er mich das Fleisch – nehm er mich hier den Teller weg – Fanchon, tu sie mich die Mütze auf!‘ – Gegen uns aber, wo sie demütiger und höflicher erscheinen will, braucht sie fast stets den dorischen Dativ und sagt daher ganz richtig: ‚Geben Sie mir das Salzfaß;‘ – nur geht sie freilich in der Konsequenz so weit, daß sie auch sagt: ‚Wenn Sie wohl geruht haben, soll es mir freuen.‘ – Indessen ist jedes System, jede folgerechte Lebensweise schon immer etwas Löbliches, und du hast wenigstens darin unrecht, wenn du von den Rednern deines Landes aussagst, daß sie die Anwendung dieses Kasus dem blinden Glücke, dem Zufalle, oder unbeugsamen Fatum überlassen. Sie denken über den Gegenstand; und warum will man sie zwingen, ihn so, wie der eigensinnige Adelung anzusehn?“

Bei Tische mußte Franz wirklich das bestätigt finden, was sein Freund beobachtet hatte. […]

Librarians United, 2017Er ging wieder an seine Arbeit, tröstete dann seinen Freund, und am folgenden Tage, als der alte Römer auch bei der gnädigen Frau gespeist hatte, begaben sich diese und Adelheid in den großen Saal, wo Gotthold seine beiden Bilder aufgestellt hatte. Das eine war eine schlanke, vorschreitende Figur, mit leicht schwebendem griechischem Gewande, die Schultern frei, jugendlichen Angesichts; die zweite ein bärtiger, sitzender Mann, ganz bekleidet und in breiteren Formen, auch älter, der auf seine ausgestreckten Hände niedersah. Als die Eintretenden sich gesetzt, die Bilder betrachtet hatten, und alle nicht wußten, was sie daraus machen sollten, erhob sich der übermütige Gotthold in einem Anfall seiner tollen Laune und hielt an die Versammlung folgende Rede:

„Verehrteste Zuhörer!

Librarians United, 2017Indem ich seit einigen Tagen von dem Vorsatz bewegt wurde, diesem teuren Hause ein Andenken meines Daseins, einen Dank, wenn auch nur kleinen, für die Gastlichkeit und Freundschaft, die ich hier genossen habe, zurückzulassen, kam in den feierlichen Stunden der Mitternacht die Begeisterung zu meinem Lager, und in kurzem Verkehr mit der Göttlichen wußte ich sogleich, was mir zu tun obliege. Wohl klagt unser Schiller mit Recht, daß die Götter von unsrer Erde entwichen seien, die den Griechen Wald, Berg und Fluß belebten und verherrlichten. Besaß doch damals sogar jede Stadt, jeder Hain, jegliches Haus ein Bild der Gottheit, die dort vorzüglich verehrt wurde, und die auch darum gern verweilte. Soll ich an die Pallas der Athener erinnern, an Trojas, Thebens Heiligtümer, an den Pan Arkadiens? Doch wir, was haben wir, was glauben wir, wenn wir auch einen Apollo oder Hermes schnitzeln? Das hat ja die Bildhauerkunst bei uns schon tausendmal beklagt, daß die Veneres uns so wenig bedeuten, daß wir mit diesen Amoribus nichts anzufangen wissen. So wandte man sich mehr wie einmal zu vaterländischen, deutschtümlichen, volksmäßigen, isländischen Göttergebilden. Aber Freia und Thor, Odin und Wodan, Tyr und Loke, samt Balder wollten uns ebensowenig aus der ratlosen Lage helfen, denn ihnen kam noch weniger der Glaube entgegen, und Kenner selbst meinten: ihre Attribute, ihre Fabeln, ihre ganze Statur und Natur vertrügen sich nicht mit dem guten Geschmack. Schon oft hab ich mich im stillen gefragt: warum hat noch keinen Genius der Blitz der Weissagung durchdrungen, uns den Geschmack selbst bildlich darzustellen? Haben wir doch Mütterlichkeit und Kindesliebe, Gesetzgebung und Freiheit, ja Aufklärung gezeichnet und gestochen, wenn auch nur in Vignetten, oder in Kalendern. Warum haut man nicht den Geist der Zeit in Marmor, oder Liberalität, Humanität, die Fortschreitung des Menschengeschlechts, die sich von selbst auch der schwachen Imagination im Bilde darbietet? Hier, vaterländische Künstler, geht ein neuer Weg, hier ist ein frischer, unberührter Steinbruch, um Originalität zu holen, die Lorbeerkränze fallen von selbst herunter. Nun möchten Sie glauben, diese Figuren, da ich mich so ereifere, sollten etwa den Geschmack, den Zeitgeist, den Zustand der Finanzen, den Amortisationsfond oder den Patriotismus darstellen; aber weit gefehlt, begeisterte Freunde, diese Einleitung ward nur vorangeschickt, um eine Bahn zu öffnen, die uns näher liegt, die uns wichtiger sein muß, und auf welcher wir den Griechen gleichkommen, ja sie wohl noch überflügeln können.

Librarians United, 2017Denn das ist jenen Alten immer vorzurücken, daß sie Bild und Sache verwechselten; über ihre Verehrung der Naturkräfte war ihnen, was wir alle noch täglich bedauern, der Schöpfer selber schon verlorengegangen; aber als sie nun Stein, Holz und Erz sogar für das Wesentliche hielten, da war Hopfen und Malz an ihnen verloren. Deshalb ist zu befürchten, die wir schon mit Begriffen Götzendienst treiben, daß wir bei plastischer Bildung dieser gefühlreichen Begriffe ganz in die Anbetung des kälbernen Apis geraten möchten. Um also unsere Gemüter frei zu lassen, und doch der Kunst und Originalität genugzutun, habe ich als der erste kühne Beschiffer eines unbekannten Ozeans den vielleicht zu kühnen Versuch gemacht, in der Gestalt dieses schlanken jungen Mannes dem schauenden körperlichen Auge den Accusativus hinzustellen, der in diesem Hause und in der ganzen Provinz mit ausgezeichneter Andacht verehrt wird. Sei er also der schützende Genius dieses Schlosses, dem schon die Herzen schlagen, der so oft angerufen, zitiert und angewendet wird, in Gelegenheiten, wo andre Provinzen seinem Bruder, dem Dativ, huldigen. So, wie er hier gezeichnet ist, hat diesen feinen, idealischen, sanften Akkusativ mein Geist geschaut, und ich bin der festen Überzeugung, nur in diesem Vorschreiten, in diesem leichten Gange, in dieser Gestalt und Gebärde kann er in die Wirklichkeit treten. Vielleicht, daß der junge Erbe dieses Hauses ihn in Zukunft in Marmor gestalten läßt, nach dieser Skizze, die aus Andacht und Begeisterung hervorgegangen ist. Des Kontrastes wegen sitzt dort sein Bruder, der gedrückte, bescheidne Dativ, erwartend, statt entgegenzukommen, ruhend, statt im Anlauf, gedrungen, breit, stämmig, statt schlank und heiter. Frage jeder sich der teuern Anwesenden, jeder sinnige Beschauer, ob nicht so diese Gebilde schon seit undenklichen Zeiten in seinem Innern schlummerten. Wohlan denn, der Berg ist durchgehauen, der Weg nach der neuen und neuesten Kunst eröffnet! Mir nach, ihr Jünglinge, ihr Genien, beflügelte Geister, die nur darauf warteten, den Himmel der Kunst von einer neuen Seite bestürmen zu können. Wem von euch wird der Nominativ, der seltsam geheimnisvolle Genitiv erscheinen? Von dem wunderlich verrufenen Vocativus, dem frömmsten der sechs Brüder, ist eine kuriose Sage durch alle Länder im Umlauf, so daß er der unwissenden Menge schon oft zum Gelächter gedient hat. Ebenso war Kassandra verspottet, so wurde des Tiresias Weisheit nur zu oft mißverstanden. Aber in manchem frommen Bilde, das die Augen in Ekstase nach oben dreht, von Carlo Dolce und ähnlichen, habe ich geglaubt, die Annäherung an meinen Vocativus, die Ahndung dieses hohen Ideals zu entdecken, wenn die Gemäldegalerien und ihre Register die Figur auch ganz anders taufen.

Sollen denn aber bloß diese Kasus in der neu aufblühenden Kunstschule gebildet werden? Diese hohen Gestalten bewachen ja nur den Eingang zur menschlichen Erkenntnis. Wer sie schon geheimnisvoll nennt, mit welcher Mystik muß er dann Indikativ und Konjunktiv, das nahestehende Präsens, das hohe Perfektum, das verehrungswürdige Plusquamperfektum begrüßen? Ein Name, vor dem schon der Knabe sich beugt, der zum Bewußtsein erwacht. Soll ich das Futurum, das unbegreifliche Kind von diesem, das Paulo post noch nennen? Und der Infinitiv! Müßte er nicht in vielen Palästen als Schutzgott hingestellt wer den, da der Große schon seit lange, der Vornehme, mit lakonischem Bestreben ihn fast einzig und allein gebraucht? Dann noch der heldenkühne Imperativ, dräuenden Blicks, zornig wie Ares, stark wie Thor, majestätisch wie Zeus. Ist erst dieses geschehen, so wage sich ein künftiger Praxiteles oder Apelles selbst an die beiden Aoristen der Griechen, um das Sublimste zu schaffen und deutlich zu machen, was dem menschlichen Geiste vielleicht möglich ist! Sie sehen aber, Verehrte, daß auch schon, wenn wir bei deutscher Mundart bleiben, der Begeisterung unendlich viel zu tun obliegt. Hier stehn sie, die ersten Anfänge dieses glorreichen Jahrhunderts, der Nachwelt verehrungswürdig, weil sie zuerst den Pfropf lösten, der bis dahin den brausenden Champagner in der Flasche festhielt.“ –

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Librarians United, 2017Adelheid hatte während dieser feierlichen Rede das Lachen verhalten müssen, die Mutter hatte sie aufmerksam angehört, ohne ein Wort zu verstehn, Franz war zu ernsthaft, um den Spaß genießen zu können, und der alte Römer ging empfindlich fort, indem er zur gnädigen Frau sagte: „Der junge Herr ist boshaft, das mit dem Vokativ soll auf mich gehn, weil ich die Augen manchmal gen Himmel aufschlage. Woher soll uns aber Trost und Hoffnung kommen, wenn nicht von dort? Das alles, glauben Sie mir, hat ihm der gottlose Müller eingeblasen; aber es ist weder Wahrheit noch Menschenverstand in der Sache.“

Adelheid unterbrach die Ruhe, indem sie ausrief: „Der Vater kommt!“ Alle liefen an das Fenster, ihn zu begrüßen, dann eilten sie die Treppe hinab, die beiden Fremden blieben zurück, und sahen den alten Herrn vom Pferde absteigen, der niemand anders war, als jener Grüne, gegen welchen sie sich an der großen Brücke nicht eben allzu höflich betragen hatten. „Was ist nun zu tun?“ rief der erschrockne Franz: „ist es doch, als wenn alles Unglück auf mich einstürmte.“ – „Nur zweierlei kann geschehen“, antwortete Gotthold mit Fassung: „entweder wir nehmen sogleich Extrapost und reisen ohne Abschied davon, und dies wäre das Mittel für die Feigheit, die alles aufgibt, wo noch nichts verloren ist: oder ich werfe mich in eine graziöse Unverschämtheit, und tu, als wäre gar nichts Besonderes vorgefallen. Dazu gehört aber, wenn es glücken soll, daß du dein Inkognito fahren lässest, denn wenn wir Edelleute sind, so nimmt das die Hälfte der Beleidigung hinweg.“

Librarians United, 2017Hand in Hand gingen die Freunde hinab. Die Familie hatte sich schon begrüßt, und Gotthold eilte auf den Alten zu, umarmte ihn und rief: „Willkommen! willkommen! Aber warum haben Sie sich denn gar so lange erwarten lassen? Ich bin Gotthold von Eisenflamm, dieser hier Franz von Walthershausen Freunde Ihres Sohnes, und Franz ist weitläufig zwar, aber doch mit Ihnen verwandt. Verzeihen Sie uns jenen Spaß, alter, würdiger Freund, wir kannten Sie recht gut, und wollten nur sehen, ob Sie mit Ihrer Würde und Autorität auch wohl einige Geduld verbänden. Und herrlich haben Sie uns junges Volk ohne allen Zorn über die Achsel angesehn; auch dafür unsern Dank, verehrter Mann.“

Der Alte war wie im Sturm erobert, und konnte nicht zürnen. Bald musterte man alle Familienverzweigungen und Seitenverwandte durch, womit sich der alte Adel so gern, vorzüglich auf dem Lande beschäftigt. Franz gewann durch diese langweiligen Ausfädelungen so viel, daß er nun für eine Art von Vetter gelten konnte.

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Librarians United, 2017Am folgenden Tage war der alte Herr mit den jungen Leuten und seiner Gemahlin im Saale. Gotthold war etwas verlegen, was der grüne Mann zu seinen beiden Bildern sagen würde. „Ei!“ rief er aus, „was ist denn das? Das ist hübsch, bei meiner Seele!“ Die gnädige Frau fing an: „Der Mann, der da sitzt, soll ein gewisser berühmter Dadiv sein.“ – „O Weibsvolk! Weibsvolk!“ rief der Vater: „was das schwatzt, David will sie sagen, und verwechselt sogar den berühmten biblischen Namen; aber dazu fehlt ihm Harfe und Krone. Es ist offenbar der bettelnde, blinde Belisar, wie er am Wege sitzt, und ein Almosen erwartet. Recht schön ist seine Not ausgedrückt, wie er so die blinden Augen auf seine ausgestreckten Hände heruntersenkt, als wenn er sagen wollte: ‚Noch habe ich heute nichts bekommen.‘ Und der Große scheint mir Achilles zu sein, wie er aus seinem Zelte heraustritt.“ Gotthold bejahte mit Schweigen. „Sehn Sie“, fuhr jener fort, „wie ich die Gemälde gleich erkenne, wenn sie nur im richtigen Charakter aufgefaßt sind. Es ist aber viel, daß die beiden Herren in der Kunst so treffliche Sachen leisten können.“

Adelheid und die Mutter entfernten sich wieder, die letztere darüber empfindlich, daß ihr Gemahl die Bilder heute ganz anders gedeutet habe, und daß Gotthold ihm darin recht gegeben, der sie gestern, wenn sie ihn auch nicht verstanden hatte, doch mit andern Namen belegte. Adelheid suchte ihr einzureden, daß die eine Figur wirklich Achilles sei genannt worden; sie glaubte dies endlich, nur Belisar und Dativ schien ihr zu weit auseinanderzuliegen, und sie meinte zuletzt; der biederherzige Römer möchte nicht ganz unrecht haben, daß er in Ansehung des Vokativ sich getroffen gefühlt, und es wären wohl noch mehr boshafte Anspielungen in jener Rede und den Bildern verborgen.

Librarians United, 2017

Bilder: via Librarians Unite, 2017.

Soundtrack: Harald Juhnke: Ick liebe dir, ick liebe dich, 1987:

Ick lieb nich uff den dritten Fall,
ick lieb nich uff den vierten Fall,
ick lieb uff alle Fälle.

Bonus Track: Tom Waits: Russian Dance, aus: The Black Rider, 1993,
verfilmt von Mikhail Segal an der staatlichen Filmhochschule Moskau (der ältesten der Welt) 1996:

Written by Wolf

27. September 2019 at 00:01

Nachtstück 0022: Zu schweigen beginnen

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Update zu Break in college sick bay und
Es endet ohne Schlusspunkt.:

Du kannst thun was du willst: aber du kannst, in jedem gegebenen Augenblick deines Lebens, nur ein Bestimmtes wollen und schlechterdings nicht Anderes, als dieses Eine.

Arthur Schopenhauer: Die beiden Grundprobleme der Ethik:
Ueber die Freiheit des menschlichen Willens, Ueber das Fundament der Moral, 1841.

——— Erich Fried:

Meer

aus: Warngedichte, Abschnitt 4 Kampf ohne Engel, Hanser, München 1964:

Wenn man ans Meer kommt
soll man zu schweigen beginnen
bei den letzten Grashalmen
soll man den Faden verlieren

und den Salzschaum
und das scharfe Zischen des Windes
einatmen
und ausatmen
und wieder einatmen

Wenn man den Sand sägen hört
und das Schlurfen der kleinen Steine
in langen Wellen
soll man aufhören zu sollen
und nichts mehr wollen wollen
nur Meer

Nur Meer

Jörg Oestreich, After the Storm, 17. Juli 2019

Bild: Jörg Oestreich: After the Storm, 17. Juli 2019.

Soundtrack: Die Moulinettes: Immer nie am Meer, 2001, in: Immer nie am Meer, 2007:

Written by Wolf

20. September 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Novecento

Die Mondfrau sang im Boote

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Update zu Take Five:

Einst kannte ich eine Klavierspielerin namens Else. Wenn man sie eine Klavierspielerin nannte, wies sie einen zurecht, weil sie Studentin der Musik mit Schwerpunkt Klavier war, und Else hieß sie nur im Internet.

Wilde Rose, 14. Dezember 2000Mir war beides egal, weil Musikstudentinnen mit Klavierschwerpunkt ganz sicher mehr pro Tag mehr Klavier spielen als ich im ganzen Leben, und der name „Else“ ging klar, weil die Auswahl „Ikearegal“ gewesen wäre. Was Wunder, dass ihr Lieblingsgedicht Mein blaues Klavier von Else Lasker-Schüler war.

Else war Bauchfetischistin und wusste zu schätzen, wenn man ihr wenigstens theoretisch Gedichte schreiben konnte, in denen ihr Name vorkam und die sich reimten, so war das mit ihr. Indem ich weder einen Bauch von nennenswerter Schönheit oder Größe noch Gedichte im Ton Else Lasker-Schülers vorzuweisen hatte, wurde nichts Näheres aus uns, und das ist gut so. Ansonsten war sie ein angenehmer Umgang voller menschlichem Wohlwollen und gebildetem Esprit; eine Zwanzigjährige, die mit solcher Bestimmtheit den Finger auf Dichterinnen ihres Vorzugs legen kann, muss man erst mal finden und eine Spanne des sozialen Umgangs, in deren Zyklus man sich ein-, zweimal zum Geburtstag und zu Weihnachten etwas schenken muss, festhalten.

Else Lasker-Schüler besaß bis tief ins erwachsene Alter, in dem sie ihren letzten Gedichtband ebenfalls Mein blaues Klavier nennen konnte, ihre Kinderspielzeuge, darunter ein blaues Puppenklavier. Hinreißend putzig ist natürlich die „Klaviatür“, aber ich werde mir im Leben nicht mehr mit mir einig werden, ob der Kasusfehler im letzten Satz zeitbedingt, reimgeschuldet oder Teil der Gedichtaussage sein soll.

——— Else Lasker-Schüler:

Mein blaues Klavier

aus: Neue Zürcher Zeitung, 7. Februar 1937,
gesammelt in: Mein blaues Klavier — Neue Gedichte, Jerusalem Press Ltd., Jerusalem 1943:

Ich habe zu Hause ein blaues Klavier
Und kenne doch keine Note.

Es steht im Dunkel der Kellertür,
Seitdem die Welt verrohte.

Es spielen Sternenhände vier
– Die Mondfrau sang im Boote –
Nun tanzen die Ratten im Geklirr.

Zerbrochen ist die Klaviatür …..
Ich beweine die blaue Tote.

Ach liebe Engel öffnet mir
– Ich aß vom bitteren Brote –
Mir lebend schon die Himmelstür –
Auch wider dem Verbote.

Blaues Klavier via JustMovies

Bild: die wilde Rose Else, 14. Dezember 2000;
via Radio-Feature mit Gedichtinterpretation, via JustMovies, 13. Dezember 2015.

Soundtrack: Frank Mills: Music Box Dancer, 1974, aus: Music Box Dancer, 1979.
Leider muss ich dazu stehen, dass ich diese unsägliche Schnulze ganz gern mag:

Bonus Track: Dasselbe nochmal mit einem Text von Peter Orloff, was das Schlimmste verheißt, und dargeboten von Marion Maerz. Das Schlimme ist allerdings nicht der — jawohl, es war möglich — abermals erhöhte Schnulzenfaktor, sondern dass der kleine alte Musikus eine Goldene Schallplatte hat. Es dürfte ruhig um einen gehen, der eben gerade mit seinem Geklimper ein Leben lang erfolglos bleibt, aber Orloff war nie Ringsgwandl, und selbst der hat 1979 noch keine stillen Helden und Loser gefeiert, sondern Medizin studiert. Erfolglose Musiker gewinnen weder mit 30 noch mit 60 endlich ihre Goldene Schallplatte, um es doch noch allen zu zeigen, wie einschlägige „Du kannst alles schaffen“-Geschichten nahelegen. Wer zu cool ist, um das auszuhalten, kann ja gern weiter die Babyshambles hören, sich einen Wilhelm-Busch-Bart wachsen lassen und mit einem MacBook in einem Veganercafé ein Startup für irgendwelche Solutions gründen:

Und ein kleiner Mann, der sitzt in seiner Ecke ganz still
und freut sich so, dass jeder gern sein Lied hören will.

— auch wider „dem“ Verbote.

Written by Wolf

13. September 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Novecento, Schall & Getöse

So säumet denn, ihr Freunde, nicht, die Würste zu verspeisen

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Update zu Da ist schwäb’scher Dichter Schule, und ihr Meister heißt – Natur!
und Romantische Bieronie (Dei Ironiezeigl konnst sejwa saffa):

Da, wo ich herkomme, wird allenfalls zur Kirchweih so ein Tumult um das Schlachten seiner Mitkreaturen gemacht. Ludwig Uhland war aus Schwaben und zur Zeit seines Metzelsupenlieds 26 Jahre alt. Das ist so jung, da darf man seine siebenzeiligen Strophen sogar noch mit einer ungereimten Waise abschließen (Reimschema ABABCCX).

Laut Uhlands Tagebuch entstand das Lied unter dem Arbeitstitel Verse über die Abschlachtung eines Schweins ab 26. Januar 1814 in Tübingen anlässlich eines musikalischen Abends beim befreundeten Komponisten Friedrich Knapp, tags darauf weitere Verse. Die Uraufführung war eine Vorlesung im selben Knappschen Kreis am 16. Februar 1814.

Der Text redet dem Fleischverzehr und dem Antisemitismus das Wort — viel gesammelt wird es wohl nicht mehr; die aufwändig belustigende, aber undistanzierte Illustration stammt von 1930. Metzelsuppe in ihrer Bedeutung als Ritual oder als Nahrung findet in den Gegenden, die tradtioneller Weise noch Wert auf dergleichen legen, ganzjährig statt; um sie außerhalb einer dörflichen Feierlichkeit in einem Gedicht zu feiern, an dem man mehr als einen Tag lang sitzt, muss man wohl über einen nicht allein sehr hungrigen, sondern künstlerisch orientierten Freundeskreis verfügen. Immerhin scheint es, der junge Ludwig Uhland war ein glücklicher Mensch.

——— Ludwig Uhland:

Metzelsuppenlied

gesammelt in Gedichte 1815, Seite 72 f.:

Wir haben heut nach altem Brauch
Ein Schweinchen abgeschlachtet;
Der ist ein jüdisch eckler Gauch,
Wer solch ein Fleisch verachtet.
Es lebe zahm und wildes Schwein!
Sie leben alle, groß und klein,
Die blonden und die braunen!

So säumet denn, ihr Freunde, nicht,
Die Würste zu verspeisen,
Und laßt zum würzigen Gericht
Die Becher fleißig kreisen!
Es reimt sich trefflich: Wein und Schwein,
Und paßt sich köstlich: Wurst und Durst,
Bei Würsten gilt’s zu bürsten.

Auch unser edles Sauerkraut,
Wir sollen’s nicht vergessen;
Ein Deutscher hat’s zuerst gebaut,
Drum ist’s ein deutsches Essen.
Wenn solch ein Fleischchen, weiß und mild,
Im Kraute liegt, das ist ein Bild
Wie Venus in den Rosen.

Und wird von schönen Händen dann
Das schöne Fleisch zerleget,
Das ist, was einem deutschen Mann
Gar süß das Herz beweget.
Gott Amor naht und lächelt still,
Und denkt: nur daß, wer küssen will,
Zuvor den Mund sich wische!

Ihr Freunde, tadle Keiner mich,
Daß ich von Schweinen singe!
Es knüpfen Kraftgedanken sich
Oft an geringe Dinge.
Ihr kennet jenes alte Wort,
Ihr wißt: es findet hier und dort
Ein Schwein auch eine Perle.

Ludwig Uhland, Metzelsuppenlied, Die fidele Kommode, 1930, Seite 134

BIld: Ludwig Uhland: Metzelsuppenlied, in: Die fidele Kommode. Siebenhundert Jahre deutscher Humor. Ein kurzweiliges und scherzhaftes Album deutscher Humordichtung mit vielen hundert lustigen Reim-Episteln und launigen Versstücken, Fikentscher Verlag, Leipzig 1930, Seite 134; ex libris MTP, via Michael Studt, 5. Juni 2019.

Soundtrack: eins der wenigen, zum nachhaltigen Volksgut gewordenen Highlights
von Wilhelm Hauff: Reiters Morgenlied (Alte Soldatenweise),
aus: Kriegs und Volkslieder. Stuttgart, in der Metzlerschen Buchhandlung, 1824, Seite 84,
für fränkische Belange bearbeitet von der Frankenbänd, 2005, live in der Nürnberger Katharinenruine 2012:

Written by Wolf

6. September 2019 at 00:01