Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for Oktober 2018

Rotstrumpf

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Update zum Weihnachtlied Faust 13 und
Hair as red as stockings blue:

Für V.

Marcin, JN, 23. September 2018

——— Friedrich Nicolai via Justus Möser:

Farbensport, myspace, ca. 2008

Eyn Lyd der Meydlein ym Osnabruckischen

Im Ton: Tzum Sterben bin ich usw.

aus: Eyn feyner kleyner Almanach, 1778:

Wack’r Meken ben yck
Roade Strumpe dreg yck
Kan strycken, kan näyhen
Kan’n Haspel goet dreyhen
Kan nock wol wat meer —

Das ist:

——— Clemens Brentano & Achim von Arnim:

Hast du auch was gelernt?

Des Knaben Wunderhorn, Anhang Kinderlieder,
Nr. KL 79 a, 1808:

Wacker Mägdlein bin ich ja,
Rothe Strümpflein hab ich an,
Kann stricken, kann nehen,
Kann Haspel gut drehen,
Kann noch wohl was mehr!

Jenni, Opposites attrct, 19. November 2008

Wacker Mädchen: Marcin, Warschau: JN, 23. September 2018;
Farbensport, Myspace, ca. 2008;
Jenni Holma, Helsinki: Opposites Attract, 19. November 2008.

Soundtrack: Deke Dickerson and the EccoFonics: Redheaded Woman,
WRFG FM 89.3 studios in Atlanta, Georgia, Sagebrush Boogie show, 10. Februar 2000:

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Written by Wolf

31. Oktober 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Sturm & Drang

Austen Brontë Woolf

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Zur Rezeption des Häubchenfilms

Update zu Pride and Prejudice
und Schwarze Butter:

Gegen die galoppierende Verwechslungsgefahr merken wir uns: Jane Austen ist ungefähr die Muttergeneration der Brontë-Schwestern — vor allem der schreibenden Anne, Charlotte und Emily. Zwei apokryphe, die eigentlich ältesten Brontë-Schwestern Elizabeth und Mary, sind noch als Schulmädchen an Tuberkulose gestorben; vom einzigen Bruder Patrick Branwell existieren auf eine fast theoretische Weise die gesammelten Gedichte, aber die will niemand lesen, bezahlen oder gar übersetzen. Ansonsten soll Patrick recht begabt gemalt — zum Beispiel das bekannte Dreifach-Portrait 1834 seiner überlebenden und schreibenden Schwestern, aus dem er nachträglich seine eigene Person taktvoll ausradiert hat — und vor allem ein paar Yards die Hauptstraße runter in der Dorfkneipe als ländliches Original beim Porter durchaus gebildete Schoten erzählt haben.

In ihrem jugendlichen Zeitvertreib erfanden alle vier Geschwister in wechselnden kreativen Allianzen die Reiche Angria und Gondal, in Erfindungsreichtum und schierem Umfang J.R.R. Tolkiens Mittelerde oder rezenten vielbändigen Fantasy-Großtaten in nichts nachstehend. Wenn das mal komplett erschlossen, in eine stringente Ordnung gebracht und gar verfilmt werden könnte — das wäre eine literarische Sensation. Das Material wurde von vier pubertierenden Pfarrerskindern gesammelt, der Ausarbeitung stand nichts mehr Weg als das Ende der Kindlichkeit, die niederen Sachzwänge des Erwachsenenlebens und der bei der friedhofsnah und gottesfürchtig hausenden Familie allgegenwärtige Tod.

Das Alter von vierzig Jahren hat überhaupt nur Schwester Charlotte erreicht, die außerdem als einzige nicht als Jungfrau ins Grab sank: Ein Kumpel ihres Vaters hat sich ihrer mit 39 erbarmt, aber damit nicht eine schließlich doch noch geoutete Bestseller-Autorin geheiratet, sondern seine örtliche Pfarrerstochter mit einer Gouvernantenausbildung aus dem kontinentalen Belgien, die seit über einem Jahrzehnt als sitzengeblieben galt.

Alle anderen welkten pünktlich kurz vor ihren Dreißigsten wie die kindlich vorausgestorbenen Elizabeth und Mary ab, denn es herrschte ein hässlich feuchtes, der Lunge junger Mädchen (und Patricks) unzuträgliches Hochmoorklima im Pfarrhaus mit Fensterfront auf den Friedhof zu Haworth in West Yorkshire. Vater Brontë überlebte alle, trotz seiner sechs Kinder der letzte Spross seines Stammes.

Mit Jane Austen, ebenfalls ledigerweise nur 42 geworden, verbindet diese glücklose Familie ein angenehm überschaubares Gesamtwerk, das jeweils in einen einzigen, dann aber geradezu waffentauglichen Band passt, sowie dessen vollständige und sogar mehrfache Verfilmung, für die man sich nicht allzusehr genieren muss, wenn man sie ab und zu binge-watcht. Austen- und Brontë-Filme machen Spaß, sogar noch die richtig miesen, und man verschafft sich dabei das nützliche Gefühl, man habe wenigstens versucht, einen ihrer Handlungsverläufe nachzuvollziehen.

Viel mehr Schreiberinnen solcher Filmvorlagen sind nicht bekannt. Man kann allenfalls Elizabeth Gaskell, persönliche Freundin und erste Biographin von Charlotte Brontë, und ein paar obskure Georgianerinnen dazuzählen, vorneweg George Eliot, die bürgerliche Mary Anne Evans mit dem vermännlichten Pseudonym: Mit dem Schreibhandwerk etwas fürs Herrenhaus dazuverdienen war erst als Viktorianerin nichts Ehrenrühriges mehr. An diesem Material kann man nun entweder bemängeln oder liebenswert finden, dass immer wieder nur das verfilmt werden kann, was einmal vorhanden ist. Ich finde es sogar bereichernd, in die Tiefe statt in die Breite zu konsumieren — oder finden Sie mal raus, auf welche Verfilmung von Wuthering Heights hin Kate Bush 1978 zu ihrem überkandidelten Ausdruckstanz gejodelt hat.*

Die Wölfin nennt dieses rundum erfreuliche Genre, das filmisch Historical period drama heißt, etwas herablassend, aber sehr treffend „Häubchenfilme“ und kapriziert sich lieber auf Schwedenkrimis, die gar nicht trostlos genug verlaufen und ausgehen können. Recht hat sie damit, dass Jane Austen auf einer Seitenzahl, in der man getrost eine ausgewachsene Romanhandlung unterbringen könnte, gerade einmal das Setting schafft, und wenn’s endlich losgehen könnte, sind alle schon verheiratet. Tot oder glücklich wären sie erst bei Charles Dickens, aber dazu brauchte es historisch noch die Zwischengeneration der Brontinnen — wie ja die Brontës insgesamt so eine Art Charles Dickens für Mädchen sind, was spätestens dann auffällt, wenn John Irving in Gottes Werk und Teufels Beitrag den Waisenkinderlein im Wechsel David Copperfield und Jane Eyre vorlesen lässt.

In mancher Hinsicht sind solche Häubchenfilme eine Art weiblich gelesenes Pendant zum betont männlichen Genre des Western-Films: Auf den ersten Blick an einem einzigen Szenenbild erkennbar, sind sie so stereotyp und so vielfältig, wie dramaturgischer Sachverstand darein gesetzt wurde, und sie leben wesentlich vom Aufwand an Ausstattung und einer angenommenen Nähe zu historischer Zeit und Ort. Mit dem Unterschied: Nicht jugendfreie Western sind weiterhin Western, meistens der Italo-Ausrichtung, Häubchenfilme sind gewöhnlich recht harmlos für jugendliche Seelen; ihre Porno-Varianten sind weder historical noch period, sondern eben Pornos. Sagen wir, Häubchenfilme sind Western für Mädchen. Für kleine und große. Aller Geschlechter.

Wer genug Häubchenfilme auf Handlungsdichte und Figurenführung durchgeschaut hat, merkt dann schon, welchen Satz nach vorn die Auffassung von Suspense in dieser entscheidenden Generation vollführt hat: Die Austen stickt noch Bildchen auf Sofakissen, die Brontës spulen schon Filme ab. Es kann auch, wenn man an dergleichen glaubt, an der Geographie liegen: Die Austen erzählt über die englische Südküste, wo am Golfstrom die ersten Palmen gedeihen, die Brontës kauzen über die knorrige Gegend an der Grenze zu Schottland herum. Und Dickens, wieder eine Generation später und von der Weltstadt London aus wirksam, konnte dramaturgisch und PR-technisch sowieso alles.

Weiterhin verbindet Jane Austen und die drei literarisch hervorgetretenen Schwestern Brontë, dass sie im derzeitigen deutschen Buchhandel in mehreren qualitativ unterschiedlichen Gesamtausgaben stattfinden. Das reicht von den besten, natürlich wie immer beim Insel-Verlag, der für solche Gestalten ja halboffiziell zuständig ist, bis hin zu Volltextabdrucken in lustigen Eindeutschungsversuchen auf einer Art saugfähigem Küchenpapier — natürlich wie immer bei ganz und gar unnötigen Verlagen, die nur deswegen Verlage sind, weil ein studierter Controller gehört hat, dass man in manchen Weltgegenden für ein Nichts saugfähiges Küchenpapier volldrucken und in Deutschland preisgebunden verkaufen kann. Beider — oder genauer: vierer — Gesamtausgaben sind in schmucken Sammelkästen erhältlich, weil man mit den einbändigen Ausgaben beim Lesen im Bett Gefahr läuft, sich beim Wegdösen das Nasenbein zu brechen.

So eine Schmucksammlung wünsche ich mir endlich aus einer bis drei weiteren Generationen später: von Virginia Woolf, über deren Orlando in der jüngsten Übersetzung von Melanie Walz man ja Wunderdinge hört. Der ist von 1928 im Eigenverlag einer starken Frau erschienen, da wurden die englischen Könige schon fotografiert statt gemalt, die Engländerinnen wurden zu politischen Wahlen zugelassen und die Häubchen fallen nicht mehr als Stigma unterdrückten Heiratsfutters auf; das ist dann vielleicht sogar für die Wölfin zeitgemäß genug. Und verfilmt ist der — wenn schon, dann richtig — mit Tilda Swinton.

Filmtipps: Der eine Häubchenfilm, der wirklich richtig was taugt, ist Sinn und Sinnlichkeit, das ist: Sense and Sensibility nach Jane Austen — und zwar der von 1995, mit Emma Thompson als Hauptrolle und dem völlig berechtigten Oscar fürs adaptierte Drehbuch 1996, Kate Winslet in der anderen Hauptrolle, einem gewohnt doofen, aber gut gelaunten Hugh Grant, dem sowieso immer lohnenden Alan Rickman und ein paar einnehmend grantigen Kurzauftritten von Hugh Laurie in seiner Jungform, als er noch Musiker war und lange nicht ahnte, was als „Dr. House“ mal aus ihm werden könnte.

Nummer 2 bleibt bis auf weiteres die Austen-Verfilmung, die einem seit 2005 immer als erstes einfällt, wenn von Austen-Verfilmungen die Rede ist: Stolz und Vorurteil, das ist: Pride & Prejudice, in dem sich jeder Mensch mit einem Herzen in der Brust endgültig in Keira Knightley verlieben musste, während er noch überlegt hat, was genau die kleinen und großen Mädchen aller Geschlechter seit Jahrhunderten an diesem Miesnickel von Mr. Darcy finden — und wieder mit Drehbuchbeteiligung seitens Emma Thompson (Schlüsselszene mit Keira Knightley barfuß).

Fachliteratur:

Bild: Helena Kelly: Jane Austen, Secret Radical, via Jane Austen Centre, Bath, 5. Juni 2018.

*Auflösung des Filmrätsels: Kate Bush ließ sich von den letzten ungefähr zehn Minuten der Verfilmung von Wuthering Heights von 1970 mit Timothy Dalton zu ihrem gleichnamigen Best- und Longseller hinreißen. Kate Bush im Interview mit Doug Pringle für Profiles in Rock, Dezember 1980, dingfest gemacht in deren eigenen Anmerkungen:

Well that was based around the story Wuthering Heights, which was written by Emily Bronte. And ah, and really what sparked that off was a TV thing I saw as a young child. [Apparently the timothy dalton telefilm of about 1972] I just walked into the room and caught the end of this program. And I am sure one of the reasons it stuck so heavily in my mind was because of the spirit of Cathy, and as a child I was called Cathy. It later changed to Kate. It was just a matter of exaggerating all my bad areas, because she’s a really vile person, she’s just so headstrong and passionate and … crazy, you know? And it was fun to do, and it took — a night and a half?

Diese spezielle Verfilmung handelt „nur“ die ersten 16 Kapitel der Buchvorlage ab, Frau Bushs Inspiration leitet sich also vom Showdown in den Klippen her, der mitnichten das Ende der Romanhandlung darstellt. Was Häubchenfilme angeht, ein eher schroffes Exemplar:

Soundtrack:, weil das oben ewähnte exaltierte Gehampel von Kate Bush — das unbenommen seine eigene Größe hat — erst kürzlich dran war: die dokumentarisch schätzbare — um nicht zu sagen: unschätzbare — „only known surviving recording of Virginia Woolf’s voice“:
Judith Kelly/Anita Gatehouse: Rare Virginia Woolf Singing Video, 6. April 2102:

Und weil’s ganz ohne eben doch nicht geht, nach der dran gewesenen Red Dress Version noch die White Dress Version von Kate Bush: Wuthering Heights, aus: The Kick Inside, 1978 — die sogar als erste Version gilt und auch nicht weniger überdreht daherkommt:

Written by Wolf

26. Oktober 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Weisheit & Sophisterei

Nachtstück 0017: Von der Anmaßung erstaunlicher Vorzüge

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Update zu Zwischenmaschine,
1. Stattvent: Traudl (Mütter, euch sind alle Feuer, alle Sterne aufgestellt)
und Solch ein Gewimmel möcht ich sehn:

Zur Erinnerung: Das ist von 1786. La grande révolution war erst ab 1789, und dabei ist Moritz nicht einmal als besonders revolutionär hervorgetreten. Nur als anständig.

——— Karl Philipp Moritz:

Das Edelste in der Natur

aus: Denkwürdigkeiten aufgezeichnet zur Beförderung des Edlen und Schönen,
Johann Friedrich Unger, Berlin 1786 (Auszug):

Daß ich denke und den Werth meines Daseyns fühle, will ich nicht dem Zufall danken, der mir gerade unter dem Theile des Menschengeschlechts einen Platz anwieß, der sich den gesitteten Theil nennt — ich stelle mich auf die unterste Stufe, worauf mich der Zufall versetzen konnte, und gebe keinen von meinen Ansprüchen auf die Rechte der Menschheit nach. Ich fordre so viel Freiheit und Muße, als nöthig ist, über mich selbst, über meine Bestimmung, und meinen Werth als Mensch, zu denken.

Postcard by V. Tishkin, 1955Eins der größten Uebel, woran das Menschengeschlecht krank liegt, ist die schädliche Absonderung desselben, wodurch es in zwei Theile zerfällt, von welchen man den einen, der sich erstaunliche Vorzüge vor dem andern anmaßt, den gesitteten Theil nennt.

Dieser Theil scheint sich für den Zweck der Schöpfung, und alle übrige Menschen für untergeordnete Wesen zu halten, die deswegen im Schweiß ihres Angesichts die Erde bauen, damit es Rechtsgelehrte, Staatsmänner, Priester, Künstler, Dichter und Geschichtschreiber geben könne, von deren geistigen Beschäftigungen, und verfeinerten Vergnügungen, jene Bebauer des Feldes nicht einmal die Nahmen wissen.

Aber auch selbst in den gesitteten Ständen betrachtet immer ein Theil den andern mehr als bloß brauchbare und nützliche Wesen — so denkt man sich immer einen Theil von Menschen, als ob er bloß um des andern willen da wäre — dieß geht ins Unendliche fort, und warum denn nun zuletzt alle da sind, bleibt unausgemacht. —

Diese falsche Vorstellungsart hat fast in alle menschlichen Dinge eine schiefe Richtung gebracht. — Die herrschende Idee des Nützlichen hat nach und nach das Edle und Schöne verdrängt — man betrachtet selbst die große erhabne Natur nur noch mit kameralistischen Augen, und findet ihren Anblick nur interessant, in so fern man den Ertrag ihrer Produkte überrechnet —

Bei der Einrichtung der Stände und Gewerbe, ist nicht die Frage, in wie fern dieser Stand oder dieß Gewerbe auf die Menschen die es treiben zurückwirkt, den Körper und den Geist schwächt oder gesund erhält, und die Endzwecke der Natur zur Bildung des menschlichen Geistes hintertreiben oder befördern hilft — sondern man scheint immer einen Theil der Menschen als ein bloßes Werkzeug in der Hand eines andern zu betrachten, der wieder in der Hand eines andern ein solches Werkzeug ist, und so fort. —

Andrei Gorski, Missing in Action, 1946

Beiträge zum Sozialistischen Realismus: V. Tishkin, Postkarte 1955,
via Soviet Postcards. Vintage Paper from Russia, 8. August 2017;
Andrej Gorskij: Bez vesti Propavschij, 1946, via Igorusha, 7. Mai 2018;
The Means of Production, via Those With Guts Need No Plan, 2016.

Two Wieners, Those With Guts Need No Plan, 2016

Sozialistischer Realismus in der Musik:
Dmitri Schostakowitsch: Walzer Nr. 2, frühe 1950er Jahre,
die glaubwürdigste aller Versionen von Oliver Nowak an Mandoline, Gitarre und Banjo,
Aufnahme aus der irischen Arbeiterstadt Limerick, 2017:

Written by Wolf

19. Oktober 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Sturm & Drang

So habt ihr nie den Mond bedacht

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Update zu Drum dein Stimmlein lass erschallen:

Ich erinnere mich an eine Nacht auf dem Balkon der Wölfin, katzenfreundlich im Erdgeschoss ihrer letzten eigenen Wohnung in Nürnberg-Zerzabelshof. An dem Tag hatte ich die Complete Poems 1904–1962 von E. E. Cummings gekauft, und damals war sie noch gelegentlich interessiert an dem Bücherkram, den ich bis heute nicht müde werde anzuschleppen.

Über dem Beaufsichtigen der freundlichen Katzen beim Auf- und Abhüpfen nach beiden Seiten des Balkongeländers und dem Konsum leichter legaler Drogen war die Sommernacht unversehens so weit fortgeschritten, dass man den verwzickten typographischen Grashüpfersprüngen des verstorbenen Herrn Cummings kaum mehr folgen konnte, nur beim Schein einer Duftpetroleumlampe und des Mondes.

Rafal Olbinski, Dimension of Time, 2001„Das kann man alles gar nicht laut lesen“, maulte die Wölfin.

„Kann man schon …“ verteidigte ich meine 30 D-Mark Auslandsbestellung über eine bedeutende (und mittlerweile erloschene) Erlanger Universitätsbuchhandlung.

„Alles kann man. Ist aber witzlos.“

„Hast du grade Cummings und witzlos im selben Satz untergebracht?“

„Hast du so was gehört?“

„Nein, das kann man auch gar nicht laut sagen.“

„Kann man schon …“

„Ist aber witzlos.“

„Hat der Kerl keine Mondgedichte?“

„Mo … Mondgedichte?“

„Alle toten Dichter haben Mondgedichte. Füllest wieder Busch und Tal und alles.“

Ein Mondgedicht von E. E. Cummings, was denn nicht noch alles. Ich rückte mir die Petroleumlampe, das Bier und den Tabak näher und blätterte um mein Leben.

Ein Insider-Späßchen ist seither unter uns geblieben, beim Anblick zumal des vollen Mondes das bekannteste — es ist schon auch das raffinierteste — Cummings-Gedicht mit „r-p-o-p-h-e-s-s-a-g-r“ oder noch durchtriebener deutsch: „r-h-ü-p-f-e-s-s-a-g-r“ zu zitieren, so mondfrei sommertäglich der Gang der Handlung auch daherkommen mag. Für den hiesigen Gebrauch sei gesagt: Wer Mondgedichte von E. E. Cummings sucht, kann welche finden. Wer nicht zufällig am Vortag dessen sämtliche Gedichte angeschafft hat und jetzt seine nachmalige Ehefrau mit Mondgedichten beeindrucken muss, wende sich vorerst ans Goethezeitportal:

[Es] gibt ein Motivvokabular der „Mondscheingemälde“, das Ruinen, bemooste Trümmer, Wald, Gewässer und Felsenklüfte umfasst. Als „Gefährte der Nacht“ ist der Mond ein „Gedankenfreund“: er regt die Fantasie an, verzaubert die Welt und ruft Erinnerungen und Traumgestalten auf. Dem Einsamen ermöglicht er ein „wollustvolles“ Gedenken an liebe Verlorene oder Tote, den Beladenen tröstet er und wiegt ihn in „sanften Schlummer“. Der Mond ist aber auch ein „Kinderfreund“. Vor allem aber ist er „ein Kuppler ohne gleichen“, der „Liebeshehlerei geheimer Liebsgeschichtchen“ treibt, denn er hilft den Liebenden in der Nacht, indem er ihnen zum Stelldichein leuchtet, oder, falls Liebeskosen unbeobachtet sein will, sich hinter Wolken verbirgt. Hier vor allem setzen die Parodien an, die es gleichfalls seit dem späten 18. Jahrhundert gibt. Von den wiedergegebenen 17 Gedichten verspotten den Mondkult Aloys Blumauer („An den Mond“) und Lenau („Hypochonders Mondlied“).

Bis wir uns an Cummings trauen, schauen wir einstweilen nach, wer da wen verspottet. Das waren nämlich gerade die zwei besten Gedichte aus der Sammlung:

——— Johann Aloys Blumauer:

An den Mond

Herr Mond, von mir erwart‘ er nicht,
     Daß ich nach Dichterweise
Nun auch sein Alletagsgesicht
     Aus vollen Backen preise.
Ich habe lang ihn observirt,
Und wahrlich wenig ausgespürt,
     Was ihm gedieh‘ zur Ehre,
     Und lobenswürdig wäre.

Da pflegt er, wie ein kleines Kind,
     Mit seinem Licht zu prahlen;
Allein, man weiß ja wohl, es sind
     Nur seines Weibes Strahlen.
Wär‘ nicht sein Weib, es ging ihm dann
Gewiß wie manchem Ehemann,
     Den Niemand regardirte,
     Wenn nicht sein Weib brillirte.

Vicente Romero RedondoUnd glaub‘ er ja nicht, daß dies Licht
     Ihn so besonders kleide;
Er hat darin ein bleich‘ Gesicht,
     Als wär’s gemalt mit Kreide,
Und gleichet dann bald einem Stier,
Bald einem Becken vom Barbier,
     Und wird er voll und heller,
     Gar einem Suppenteller.

Mit seinem Weib führt er von je
     Ein skandalöses Leben;
Kann man den Männern in der Eh‘
     Ein schlechter Beispiel geben?
Kaum kömmt Madam nach Haus, so rennt
Er fort, und geht am Firmament
     Die ganze Nacht spazieren,
     Um sie nicht zu geniren.

Kein Hahnrei noch auf Erden war
     So ein publiker Lappe.
Oft steckt er seinen Hauptschmuck zwar
     In eine Nebelkappe;
Allein vergißt er die zu Haus,
So geht er auch mit Hörnern aus,
     Daß manchen, die ihn sehen,
     Die Augen drob vergehen.

Und macht Madam ihm dann und wann
     Zu Haus zu viele Schwänke,
So geht er, wie so mancher Mann,
     In der Frau Thetis Schenke,
Ersäuft im Meere seinen Groll,
Und kömmt nicht selten toll und voll
     Zurück vom vollen Glase
     Mit einer Kupfernase.

Bei all‘ dem Hauskreuz sucht er doch
     Stets Herzen zu erweichen,
Und ist nebst allem diesem noch
     Ein Kuppler ohne gleichen;
Er hält dem liebenden Gezücht
Bei dunkler Nacht so lang das Licht,
     Bis oft die guten Lappen
     Aus Inbrunst sich verschnappen.

Und dieser Liebeshehlerei
     Geheimer Liebsgeschichtchen
Verdankt er manche Reimerei
     Und manches Lobgedichtchen;
Allein bei mir trägt’s ihm nichts ein;
Denn auch ohn‘ allen Hörnerschein
     Verstehen uns’re Schönen
     Sich gut genug auf’s Krönen.

~~~\~~~~~~~/~~~

——— Nikolaus Lenau:

Hypochonders Mondlied

Singt ihr in eurem Freudenliede:
Der heitre Mond am Himmel lacht,
Und ihm entstrahlt ein süßer Friede –
So habt ihr nie den Mond bedacht.

Seht ihr ihn dort herüberschweben,
Bleich, ohne Wasser, ohne Luft,
Er zieht mit ausgestorbnem Leben,
Ein Totengräber samt der Gruft.

Dort dringt der Mond mit seinem Schimmer
Still dem Nachtwandler ins Gemach
Und winkt und lockt aus Bett und Zimmer,
Der Schläfer folgt ihm auf das Dach

Und huscht, geschloßner Augenlider,
Hin, her, des Daches steilsten Bug,
Als hielte geistiges Gefieder
Enthoben ihn dem Erdenzug.

Edward Burne-Jones, Cupid Flying away from Psyche, 1872–81Der Mond zieht traurig durch die Sphären,
Denn all die Seinen ruhn im Grab;
Drum wischt er sich die hellen Zähren
Bei Nacht an unsern Blumen ab.

Darum durchschleicht er Fenster, Türen,
Auf Diebessohlen leis und lind,
Der Erde heimlich zu entführen
Im Schlafe dies und jenes Kind.

Den Schläfern um den Leib zu schlingen
Sucht er sein feines Silbernetz
Und sie zu sich hinaufzuschwingen;
Doch seine Fäden reißen stets.

Und ewig wird es ihm mißglücken,
Zu stehlen sich ein Spielgesind,
In seine Wüste zu entrücken
Ein lebenswarmes Erdenkind.

Der Mond wohl auch die Schlummerlosen
Der Erde zu entlocken sucht;
Er will mit schwärmerischem Kosen
Bereden sie zu früher Flucht.

Oft wenn ich ging durch Wald und Wiesen,
Log mir der Mondenschein so lang,
Ich sei auf Erden nur verwiesen,
Bis ich hinweg mich sehnte bang.

Weil er uns nicht vermag zu stehlen,
Nicht wachend, nicht in Schlafesruh,
Schickt er mit Blicken, stieren, scheelen,
Der Erde Todeswünsche zu.

Als Knabe schon konnt ich nicht schauen
Zum stillen, blassen Mond empor,
Daß nicht ein wunderliches Grauen
Mir heimlich das Gebein durchfror.

Nirgends, auf Wald und Feld und Straßen,
Frohlockt so hell des Mondes Licht,
Wie auf dem Kirchhof, wo verlassen
Ein armes Herz vor Leide bricht.

Ja, Gräber sind für ihn die Stelle,
Und an Ruinen Dorngesträuch;
Doch vor des Mondes schlimmer Helle
Bewahrt das Brautbett, rat ich euch.

Laßt ihr den Mond ins Brautbett scheinen,
Ist euer künftig Kind bedroht,
Denn viele Stunden wird es weinen,
Und wünschen wird es sich den Tod.

Wenn Schiffer nachts das Meer befahren,
Umhüllen sie das Haupt genau,
Denn spielt der Mond mit ihren Haaren,
So färbt er sie frühzeitig grau.

Und bei Banditen geht die Kunde:
Ein Dolch, gewetzt im Mondenschein,
Sticht eine ewig stumme Wunde,
Trifft mittendurch ins Herz hinein.

Und jene grausen alten Weiber,
Die man nicht gern genauer nennt,
Weil ihnen sonst die dürren Leiber
Das tolle Volk zu Asche brennt;

(– Wenn auch von Ärzten, Philosophen,
Ein volkverwirrendes Komplott
Sie Hexen nennt und Teufelszofen,
Der aufgeklärten Zeit zum Spott –)

Tsuyoshi Nagano, Power of the Witch: The Earth, the Moon, and the Magical Path to Enlightenment, 1990Die ziehn auf mondbestrahlten Heiden
Und pflücken murmelnd Gras und Kraut,
Woraus zu manchen Zauberleiden
Manch böses Tränklein wird gebraut.

Bergjäger, der kein Raubschütz, meidet
Den Mond; ein Wild, im Mondenstrahl
Geschossen oder ausgeweidet,
Verwest so frühe noch einmal.

Und eine Tann im Wald geschlagen,
Wenn hell der Mond am Himmel blinkt,
Als Mastbaum in das Meer getragen,
Zerbricht der Sturm – das Schiff versinkt.

Tief in den höchsten Steyrerfelsen
Kenn ich ein Dörflein, wo man meint:
Der Mond wird schuld an dicken Hälsen,
Wenn er in einen Brunnen scheint.

Dort meint man auch, wenn Mondsgefunkel
Die Spinnerin am Rad umspinnt
Und widerglänzt von ihrer Kunkel,
Daß sie ein Leichenhemd gewinnt. – –

Weil mich der Mond, ins Zimmer glotzend,
Nicht schlafen ließ in dieser Nacht,
Hab ich Poet, hinwieder trotzend,
Dies Lied zum Schimpf auf ihn gemacht.

Noch wüßt ich viel von ihm zu melden,
Doch seh ich dort im Untergang
Hinunterducken meinen Helden,
Bevor ich noch das Schlimmste sang.

Es ist dann auf die eine oder andere Art noch eine lange Nacht geworden.

Bilder:

  1. Rafal Olbinski: Dimension of Time, 2001;
  2. Vicente Romero Redondo;
  3. Sir Edward Burne-Jones: Palace Green Murals of Cupid and Psyche – Cupid Flying away from Psyche, 1872–81. Oil on canvas, Birmingham Museum and Art Gallery, UK. From the series of twelve panels, based on The Story of Cupid and Psyche from William Morris’s epic poem The Earthly Paradise, commissioned by the 9th Earl of Carlisle for his newly-built home in No 1 Palace Green, Kensington;
  4. Tsuyoshi Nagano für Laurie Cabot: Power of the Witch: The Earth, the Moon, and the Magical Path to Enlightenment, 1990:

    Some would say that in these moments of ecstasy we actually stand outside ourselves, and the God and Goddess within us become brighter, more powerful, and we touch the All.

Soundtrack für den Cummings-Teil: Pierre Boulez: Cummings ist der Dichter
für 16 Solostimmen oder gemischten Chor und Instrumente, 1970, Neufassung 1986,
Ensemble intercontemporain unter George Benjamin, 29. Januar 2013:

Soundtrack für den Mondteil: Juliane Werding: Stimmen im Wind, aus: Sehnsucht ist unheilbar, 1986. Der Text geht wie so ziemlich alle bekannteren Schlager aus jener Zeit auf Michael Kunze, die Musik — einschließlich des nicht weniger denn genial zu heißenden Halbtonintervalls auf die Silben von „Suzanne“ — ausnahmsweise nicht auf Ralph Siegel, sondern Harald Steinhauer. Das Video ist nicht etwa aus Copyright-Gründen gespiegelt, sondern mit den zwei verdienten Studiogitarristen Ludwig Stiefel und Georg Bär, beide Linkshänder. Also, ich finde dergleichen wichtig:

Soundtrack für alle der Vollständigkeit halber, weil’s schon wurscht ist:
Mike Oldfield featuring Maggie Reilly: Moonlight Shadow, aus: Crises, 1983:

Written by Wolf

12. Oktober 2018 at 00:01

Zwetschgenzeit (zu spät)

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Update zu Willkomm und dervoo:

Es ist nötig geworden, der Zwetschgenzeit vom Oktober 2013 ein knallhart inhaltliches Update zu verpassen. Inzwischen ist mir nämlich eine weitere Übersetzung des ganz und gar nicht einzigen Gedichts von William Carlos Williams aufgefallen, die zwingend in die Reihe gehört: noch eine oberostfränkische — das sind jene weithin als bäuerlich schwerfällig wahrgenommenen, dabei höchst leistungsfähigen Mundarten, die man als „Fränkisch“ zusammenfasst — von Fitzgerald Kusz, glatte elf Jahre vor Helmut Haberkamm.

Vor dem Vorwurf des Plagiats rettet ihn, dass es bei ihm statt Zwetschgen Käsekuchen gibt, der ebenfalls frisch aus einem Kühlschrank am besten groovt. — Hans Magnus Enzensberger ist übrigens aus Kaufbeuren gebürtiger bayerischer Schwabe.

——— William Carlos Williams:

This Is Just To Say

1962:

I have eaten
the plums
that were in
the icebox

and which
you were probably
saving
for breakfast

Forgive me
they were delicious
so sweet
and so cold

 

               

——— Hans Magnus Enzensberger:

Nur damit du Bescheid weißt

1991:

Ich habe die Pflaumen
gegessen
die im Eisschrank
waren

du wolltest
sie sicher
fürs Frühstück
aufheben

Verzeih mir
sie waren herrlich
so süß
und so kalt

 

——— Fitzgerald Kusz:

blouß daßders waßd

(nach william carlos williams)

aus: kehrichdhaffn, in: wennsdn sixd dann saxdersn.
der gesammelten gedichte erster teil,
verlag klaus g. renner, München 1981:

iich hou däi zwedschgä
gessn
wou im kiehlschrank
woän

däi wousd
aufghuum hasd
fiä dei fräihschdick

sei mä ned bäis
däi woän su goud
su säiß
und so kolld

               

——— Helmut Haberkamm:

Bloß daßders waßd

aus: Frankn lichd nedd am Meer,
ars vivendi verlag, Cadolzburg,
September 1992:

Iech hobb fei
denn Keeskuung
oogessn aufm Blech
drauß in der Speis

denn wusd
fiern Sunndooch
baggn un aufkoom
kadd hasd

Seimer nedd bees obber
der woor so saumäßi
guud nu warm so äsi
so safdi so waach

Wiliiam Carlos Williams, Please Read.

Bild: Married to Theresa via The Bibliophile Files, 8. Oktober 2013.

Soundtrack, um die oberdeutschen Dialekte zu vervollständigen: Blasorchester Ambros Seelos, Max Griesser, Ossi Eckmüller, Walter Fitz, Willy Harlander: Das Lied vom Zwetschgendatschi, aus: Leut‘ sauft’s aus. Alte und neue Münchener Sauf- und Fress-Lieder, 1970:

Written by Wolf

5. Oktober 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Nahrung & Völlerei, Novecento