Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for Mai 2017

Hier wäre also schon wieder der Ansatz zu einer neuen Sammlung, der Anfang einer „unendlichen“ Reihe

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Update zu Wie der Schnee so weiß, aber kalt wie Eis ist das Liebchen, das du dir erwählt,
Impotence proved I’m superman
und Sie sollen und müssen gerettet sein!:

Goethe und Schiller, Liebigs Fleisch-Extract, ca. 1900, via Goethezeitportal

Am tiefsten im kollektiven Bewusstsein verwurzelt ist Goethe im Zusammenhang mit Schiller — und umgekehrt — und jeder für sich mit den verständlicheren seiner Gedichte. Es ist kein Einzelwerk bekannt, das beiden zu gleichen Teilen zugeschrieben werden müsste, aber natürlich hat dieses vierbeinige Monument einer Männerfreundschaft wiederholt Gemeinschaftsprojekte — sie hätten gesagt: „ins Werk gesetzt“ (und danach „ans Licht gegeben“).

Jota Konstantinidou, Fräulein Ikon, 12. Februar 2012Die erste solche Zusammenarbeit findet sich in praktischerweise von Schiller selbst herausgegebenen Musen-Almanach für das Jahr 1797, der „Xenien-Almanach“ heißt, weil darin die 676 Xenien von je 1 Distichon Länge stehen, deren genaue Urheberschaft sie im Nachhinein glaubhaft selbst nicht mehr auseinanderhalten konnten. Die zweite solche Zusammenarbeit steht ein Jahr später im so genannten Balladen-Almanach und interessiert uns hier.

Vor allem für gequälte Schüler und Sonstige, die sich nicht freiwillig mit der Lyrik der deutschen Klassik auseinandersetzen, ist es ein befreiendes Wissen, dass die Xenien und die berühmtesten Balladen, mit denen Abergenerationen aus einer fragwürdig verstandenen Pädagogik heraus gezwiebelt wurden, wenig mehr als die Bieridee — oder genauer: eine absichtlich zusammengetragene Sammlung von Bierideen — zweier Kumpels sind. Wer will, hört beiden Gattungen noch das lausbübische Vergnügen an, mit dem sie geschrieben wurden. Das kommt aber, liebe Kinder, nicht in die Schulaufgabe, weil ihr in der Schule weder mit der Weimarer noch mit der Frankfurter Goethe-Ausgabe arbeitet, sondern frühestens wieder in die germanistische Proseminararbeit und muss mit Zweifeln, grano salis und davon ungebrochenem Respekt ausgesprochen und vor allem anhand Quellen begründet werden.

Glyptothek, Birgit und Heiner Seidl, Family Business, 23. Juli 2006Eine der nützlichsten Quellen folgt unten. Danach bringe ich möglichst vollständig alle Gedichte von Goethe und Schiller, die mit einigem guten Willen als Balladen durchgehen, chronologisch geordnet; Kriterium war, dass eine Handlung erzählt wird. Das meiste Material von beiden entstand geballt für den besagten Balladen-Almanach 1798, ich bringe aber um des Überblicks willen auch beider Balladen, die unabhängig voneinander entstanden, auch als Goethe und Schiller sich noch nicht kannten (vor 1794) und als Schiller schon gestorben war (nach 1805). Die Quelle, einer wesentlichsten Briefe von Schiller, konstitutiert den bis heute üblichen Begriff des Balladenjahrs, spricht von Freude an der gemeinsamen dichterischen Arbeit und kündigt sogar nach dem Xenien- und dem Balladen- ein Liederjahr an, aus dem leider nichts geworden ist: Die Glocke zum Beispiel ist a) von Schiller, b) von 1799 und c) wie der Name sagt, keine Ballade.

Es schien unnötig, hier alle Volltexte zu wiederholen. Goethe- und Schiller-Balladen sind für mancher Leute Geschmack schon viel zu gut erreichbar, weshalb sie nur verlinkt sind; mit geeigneten Einzelgedichten haben wir uns hier schon beschäftigt und werden darin bei Gelegenheit fortfahren, weil uns niemand scheucht und wir rein dem Gaudium verhaftet sind. — Das Bildmaterial nähert sich mit der Münchner Glyptothek der klassizistischen Tonart vieler der erwähnten Balladen an.

Ulrich Gerndt, 26. März 2017

——— Schiller an Goethe:

Jena den 22. September 1797.

Ihr Brief nebst seinem Anhang hat uns wieder große Freude gemacht. Das Lied ist voll heiterer Laune und Natur. Mir däucht, daß diese Gattung dem Poeten schon dadurch sehr günstig sein müsse, daß sie ihn aller belästigenden Beiwerke, dergleichen die Einleitungen, Uebergänge, Beschreibungen etc. sind, überhebt und ihm erlaubt, immer nur das Geistreiche und Bedeutende an seinem Gegenstand mit leichter Hand oben wegzuschöpfen.

Stefan Hartl, Reading the visitor's information booklet, 10. Februar 2008Hier wäre also schon wieder der Ansatz zu einer neuen Sammlung, der Anfang einer „unendlichen“ Reihe: denn dieses Gedicht hat, wie jede gute Poesie, ein ganzes Geschlecht in sich, durch die Stimmung die es gibt und durch die Form die es aufstellt.

Ich wäre sehr begierig gewesen, den Eindruck, den Ihr Hermann auf meine Stuttgarter Freunde gemacht, zu beobachten. An einer gewissen Innigkeit des Empfangens hat es sicher nicht gefehlt, aber so wenige Menschen können das Nackende der menschlichen Natur ohne Störung genießen. Indessen zweifle ich gar nicht, daß Ihr Hermann schlechterdings über alle diese Subjectivitäten triumphiren wird, und dieses durch die schönste Eigenschaft bei einem poetischen Werk, nämlich durch sein Ganzes, durch die reine Klarheit seiner Form und durch den völlig erschöpften Kreis menschlicher Gefühle.

Mein letzter Brief hat Ihnen schon gemeldet, daß ich die Glocke liegen lassen mußte. Ich gestehe daß mir dieses, da es einmal so sein mußte, nicht so ganz unlieb ist. Denn indem ich diesen Gegenstand noch ein Jahr mit mir herumtrage und warm halte, muß das Gedicht, welches wirklich keine kleine Aufgabe ist, erst seine wahre Reife erhalten. Auch ist dieses einmal das Balladenjahr, und das nächste hat schon ziemlich den Anschein das Liederjahr zu werden, zu welcher Classe auch die Glocke gehört.

Indessen habe ich die letzten acht Tage doch für den Almanach nicht verloren. Der Zufall führte mir noch ein recht artiges Thema zu einer Ballade zu, die auch größtentheils fertig ist und den Almanach, wie ich glaube, nicht unwürdig beschließt. Sie besteht aus 24 achtzeiligen Strophen, und ist überschrieben: Der Gang nach dem Eisenhammer, woraus Sie sehen daß ich auch das Feuerelement mir vindicirt habe, nachdem ich Wasser und Luft bereist habe. Der nächste Posttag liefert es Ihnen, nebst dem ganzen Almanach, gedruckt.

Ich wünsche nun sehr, daß die Kraniche in der Gestalt, worin Sie sie jetzt lesen, Ihnen Genüge thun mögen. Gewonnen haben sie ganz unstreitig durch die Idee, die Sie mir zu der Exposition gegeben. Auch denke ich hatte die neue Strophe, die ich den Furien noch gewidmet, zur genauen Bezeichnung derselben anfänglich noch gefehlt.

Kants kleinen Tractat habe ich auch gelesen, und obgleich der Inhalt nichts eigentlich neues liefert, mich über seine trefflichen Einfälle gefreut. Es ist in diesem alten Herrn noch etwas so wahrhaft jugendliches, das man beinah ästhetisch nennen möchte, wenn einen nicht die greuliche Form, die man einen philosophischen Canzleistil nennen möchte, in Verlegenheit setzte. Mit Schlossern kann es sich zwar so verhalten, wie Sie meinen, indessen hat seine Stellung gegen die kritischen Philosophen so etwas bedenkliches, daß der Charakter kaum aus dem Spiele bleiben kann. Auch kann man, däucht mir, bei allen Streitigkeiten, wo der Supernaturalism von denkenden Köpfen gegen die Vernunft vertheidigt wird, in die Ehrlichkeit ein Mistrauen setzen: die Erfahrung ist gar zu alt und es läßt sich überdem auch gar wohl begreifen.

Wir genießen jetzt hier sehr schöne Herbsttage; bei Ihnen mag wohl noch ein Rest von Sommer zu spüren sein. In meinem Garten werden schon große Anstalten gemacht, ihn für die künftigen Jahre recht zu verbessern. Uebrigens hatten wir keine schlechte Obstärnte, wobei Karl uns nicht wenig Spaß machte.

Wir zweifeln, bei dem zweifelhaften Ansehen des Kriegs und Friedens, noch immer an der nahen Ausführung Ihrer italienischen Reise, und geben zuweilen der Hoffnung Raum, daß wir Sie früher als wir erwarten durften, wieder bei uns sehen könnten.

Leben Sie recht wohl und Meyern sagen Sie die freundschaftlichsten Grüße von uns. Herzlich wünschen wir Ihnen Glück zu Ihrer Wiedervereinigung. Meine Frau grüßt Sie aufs beste.

Sch.

Glyptothek, Ulrich Gerndt, 15. Juni 2016

Ab hier bitte ich auch um die Aufmerksamkeit meiner Leser — das sind Sie. Korrekturen in der zeitlichen Einordnung und Gruppierung, zusätzliche Einträge und verbesserte Links kann ich ständig vornehmen, dann hat die folgende Liste das Zeug zum Masterpost für Goethe- und Schiller-Balladen.

Glyptothek, The Nightstalker, 16. Januar 2010

  1. Goethe: Pygmalion, eine Romanze, 1767;
  2. Goethe. Heidenröslein, vor 1783;
  3. Goethe: Der König in Thule, um 1774;
  4. Goethe: Der untreue Knabe, um 1774;
  5. Goethe: Das Veilchen, 1775;
  6. Goethe: Vor Gericht, um 1775;
  7. Goethe: Klaggesang von der edlen Frauen des Asan Aga, aus dem Morlackischen, Nachdichtung aus dem Serbischen um 1775;
  8. Goethe: Der Fischer, um 1778;
  9. Goethe: Erlkönig, 1782;
  10. Schiller: Die Rache der Musen, eine Anekdote vom Helikon, 1782;
  11. Schiller: Wunderseltsame Historia des berühmten Feldzuges als welchen Hugo Sanherib, König von Assyrien, ins Land Juda unternehmen wollte aber unverrichteter Dinge wieder einstellen mußte. Aus einer alten Chronika gezogen und in schnakische Reimlein bracht von Simon Krebsauge, Baccalaur, 1782;
  12. Goethe: Mignon, um 1783;
  13. Goethe: Der Sänger, vermutlich 1783;
  14. Goethe: Die Spinnerin, 1795;
  15. Schiller: Das verschleierte Bild zu Sais, 1795;
  16. Goethe: Der Edelknabe und die Müllerin, 26. August 1797;
  17. Goethe: Der Junggesell und der Mühlbach, 4. September 1797;
  18. Goethe: Der Müllerin Reue, 7. September 1797;
  19. Goethe: Der Müllerin Verrath, Juni 1798;
  20. Glyptothek, Andrei S., Faces, 6. Juli 2008

    Musenalmanach für das Jahr 1798, herausgegeben von Schiller, Tübingen, in der J. G. Cottaischen Buchhandlung, 1797 („Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.“):

    1. Goethe: Der neue Pausias und sein Blumenmädchen (Seite 1);
    2. Schiller: Der Ring des Polykrates. Ballade (Seite 24);
    3. Goethe: Der Zauberlehrling. Romanze (Seite 32);
    4. Schiller: Der Handschuh. Erzählung (Seite 41);
    5. Goethe: Der Schatzgräber (Seite 46);
    6. Goethe: Die Braut von Corinth. Romanze (Seite 88);
    7. Schiller: Ritter Toggenburg. Ballade (Seite 105);
    8. Schiller: Elegie an Emma (Seite 115);
    9. Schiller: Der Taucher. Ballade (Seite 119);
    10. Schiller: Reiterlied aus dem Wallenstein (Seite 137);
    11. Goethe: Legende (Seite 144);
    12. Schiller: Die Urne und das Skelet (Seite 147);
    13. Schiller: Das Regiment (Seite 156);
    14. Goethe: An Mignon (Seite 179);
    15. Goethe: Der Gott und die Bajadere. Ind. Legende (Seite 188);
    16. Schiller: Die Worte des Glaubens (Seite 221);
    17. Goethe: Erinnerung (Seite 223);
    18. Schiller: Nadoweßische Todtenklage (Seite 237);
    19. Schiller: Der Obelisk u. s. w. (Seite 240);
    20. Goethe: Abschied (Seite 241);
    21. Schiller: Die Peterskirche (Seite 255);
    22. Schiller: Licht und Wärme (Seite 258);
    23. Schiller: Breite und Tiefe (Seite 263);
    24. Schiller: Die Kraniche des Ibycus. Ballade (Seite 267);
    25. Goethe: Der neue Amor (Seite 287);
    26. Schiller: Das Geheimniß (Seite 299);
    27. Schiller: Der Gang nach dem Eisenhammer. Ballade (Seite 306);

    Glyptothek, Andrei S.: Beauty in Stone, 6. Juli 2008

  21. Goethe: Das Blümlein Wunderschön. Lied des gefangnen Grafen, 16. Juni 1798;
  22. Schiller: Der Kampf mit dem Drachen, zweite Augusthälfte 1798;
  23. Schiller: Die Bürgschaft, Ende August 1798;
  24. Goethe: Die erste Walpurgisnacht, Mai 1799: als Ballade bezeichnet, als Vorlage für eine weltliche Kantate geplant, daher nur mit rudimentärer Handlung, vertont von Felix Mendelssohn Bartholdy, 1833;
  25. Goethe: Die erste Walpurgisnacht, 30. Juli 1799;
  26. Schiller: Hero und Leander, Juni 1801;
  27. Schiller: Kassandra, erste Jahreshälfte 1802;
  28. Goethe: Hochzeitlied, 1802;
  29. Goethe: Ritter Curts Brautfahrt, 1803;
  30. Goethe: Wandrer und Pächterin, 1803;
  31. Schiller:Der Graf von Habsburg, Frühjahr 1803;
  32. Schiller: Das Siegesfest, 1803;
  33. Goethe: Der Rattenfänger, Taschenbuch auf das Jahr 1804;
  34. Schiller: Der Alpenjäger, Mitte 1804;
  35. Goethe: Wirkung in die Ferne, 1808;
  36. Goethe: Johanna Sebus, 1809;
  37. Goethe: Das Tagebuch, 30. April 1810;
  38. Goethe: Der getreue Eckart, 17. April 1813;
  39. Goethe: Der Todtentanz, 21. April 1813;
  40. Goethe: Die wandelnde Glocke, 22. Mai 1813;
  41. Goethe: Ballade, 1813/1817;
  42. Goethe: Paria. Des Paria Gebet. Legende. Dank des Paria, 1821/1823.

Glyptothek, Ulrich Gerndt, Museumsshop, 26. März 2017

Bilder: Maggi-Sammeldoppelportrait: Berühmte Dichter. Deutschland: Liebig Company’s Fleisch-Extract, ca. 1900, via Dieter Borchmeyer: DuMont Schnellkurs Goethe. Goethes Allianz mit Schiller (1794-1805);
die Impressionen aus der Münchner Glyptothek sind von:

  1. Ulrich Gerndt, 26. März 2017;
  2. Stefan Hartl: …reading the visitor’s information booklet…, 10. Februar 2008;
  3. Ulrich Gerndt, 15. Juni 2016;
  4. The Nightstalker, 16. Januar 2010;
  5. Andrei S.: Faces…, 6. Juli 2008;
  6. Birgit & Heiner Seidl: Family Business, 23. Juli 2006;
  7. Andrei S.: Beauty in Stone, 6. Juli 2008;
  8. Jota Konstantinidou: Fräulein Ikon, 12. Februar 2012;
  9. Ulrich Gerndt: Museumsshop, 26. März 2017;
  10. Helga Gilge: Athena, 11. Januar 2014.

Glyptothek. Helga Gilge, Athena, 11. Januar 2014

Soundtrack: die komplette Tanz-Performance Contemporary Dance Meets Ancient Times mit Beate Kucza und Smaragda Siouti; Musik: Tülin Calik, Glyptothek München 2014 (in den Häusern des Museumsviertels finden Besucher übrigens normalerweise keinen barfüßigen Einlass und werden von der Security schon angefallen, wenn einem im Saal des Barberinischen Fauns eine hastigere Handbewegung als Bleistiftstricheln unterläuft):

Bonus Track, weil Musik nebenbei Spaß machen soll: Ruby Throat (i. e . KatieJane Garside, die kleine Schnelle von den weiland Daisy Chainsaw): Barebaiting, aus: Out of a Black Cloud Came a Bird, 2009:

He cut it out stitch by stitch
in my fallopian grip,
I hang the dead meat on his tree.
And as I screeched through the night,
he said, „My wife fell on that knife“,
he coughed and he coughed until he bleed.

So when you going to learn?
When will you tend to these burns?
When will you wake from this hell?
You can put it in a song,
but that won’t change what’s wrong,
no, it won’t give you the key to the cell.
You know that it’s true,
but of course it’s up to you —
Still he doesn’t love you.

Sehr balladesk, gell?

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Written by Wolf

26. Mai 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Weisheit & Sophisterei

Nachtstück 0008: Am oberen Zinnrande eines Bierkrugs

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Update zu den Nachtstücken 0002 und 0004:

David Teniers d. J., Eine Wachtstube, ca. 1642

——— Karl Leberecht Immermann:

aus: Münchhausen. Eine Geschichte in Arabesken, 1839,
Erstes Buch: Münchhausens Debüt. Vierzehntes Kapitel:

Die Nacht hatte inzwischen den ersten Strahlen des Frühlichts Raum gegeben, welche den Ofen und die Bänke der Wachtstube mit gelbrötlichen Streifen säumten. Unvergleichlich war die Wirkung eines scharfen Schlaglichtes am oberen Zinnrande eines Bierkrugs, von welchem ein seltsamer, aber verstandner Reflex den Knopf des Feldwebelstocks traf, welcher darüber am dritten Haken hing. Überall tiefe, satte Farbentöne, klare, durchsichtige Schatten! Die Wachtstube schien keine wirkliche Wachtstube zu sein, sie war heute mehr, sie war eine gemalte.

David Teniers d. J., Wachtstube mit der Befreiung Petri, ca. 1645–47

Bilder: David Teniers der Jüngere: Eine Wachtstube, ca. 1642, Walters Art Museum, Baltimore, Maryland;
derselbe: Wachtstube mit der Befreiung Petri, ca. 1645–1647, Metropolitan Museum of Art, New York.

104 Minuten Nachtwache: Nachtwache (nur echt ohne „Die“),
Neue Deutsche Filmgesellschaft-Filmaufbau GmbH, Göttingen 1949:

Written by Wolf

19. Mai 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Biedermeier, Herrschaft & Revolte

Wunderblatt 9: Dies ist das Kaktusland

with 2 comments

Upate zu Die Vegetation ist der negative Lebensprozeß. Vom ursprünglichsten Gegensatz zwischen Pflanze und Tier
und Something greater than me:

Paul Lauenstein, Stillleben mit Kakteen, 1934

Die Hochhaushex schreibt mir:

Total begeistert bin ich von deiner (immer noch?) momentanen Lieblinxsammlung:

cacti / cactuses / cactus in visual art.

Karl Hofer, Mädchen mit Kaktus, ca. 1922Eigentlich bin ich kein exzessiver Kaktusfreak – obwohl ich diverse Stachelgewächse hie und da bei mir rumstehen hab, einige sogar im Treppenflur, bevor sie bald wieder auf den Balkon umziehen dürfen. Ein paar sind geschenkt, einige haben mich wohl leidend irgendwo im Sonderangebot angefleht, sie von dort wegzuschaffen und zu adoptieren. Die Opuntien oder volksmundlichen Elefantenohren mögen mich nicht sonderlich und haben sich schon des öfteren faul und schrumpelig, evtl. auch beleidigt verabschiedet. Aber gerade aus „deiner“ Sammlung strahlt auch etwas, was ich schon immer bei diesen Naturerscheinungen, zumal den altehrwürdigen, gedacht habe, etwas … hmjah, Philosophisches. Ein Hauch von Ewigkeit in diesen spartanisch lebenden, oft fast hässlichen Gewächsen, die, auch bei mir, urplötzlich so wunderschöne Blüten zaubern. Manche haben Gesichter, dochdoch, haben Arme, Hände, allerdings kaum Füße. Und was von denen, also den Füßen jetzt, zu sehen ist, das möchte mit den Jahren manchmal ein knorriger Baum werden, sag ich doch, was beinah Ewiges.

Die Töpfe, in die man sie außerhalb ihrer natürlichen Umgebung pfropft, zerfallen schneller als die Pflanze, und die wiederum dankt dir, wenn der Topf selber schön und angemessen ist, gern auch exotisch. Malen würd ich sowas, glaub ich, nie, schon gar nicht als Stillleben. Andere tun’s ja augenscheinlich schon, mit Ambition und in Vielfalt. Die haben schon was, die Stachelviecher, scheren sich um keine Anweisungen und Erwartungen, wie mein Weihnachtskaktus, der schickt sich auch grad wieder an, nach Weihnachten auch zu Ostern zu blühen.

Etwas skurrile Nebenwirkung: Bei meiner vorübergehenden Lieblings-Crimelady D. L. Sayers spielt in den Flitterwochen von Lord Peter Wimsey ein ehrwürdig imposanter Kaktus eine tragische Rolle – er wird als Mordwerkzeug missbraucht. Was wohl dazu beiträgt, dass in dem Romanwerk, das überall von John-Donne-Zitaten des Lieblings des Lords strotzt, für die Kaktushymne der T. S. Eliot (aus „Die hohlen Männer„) herhalten muss:

Gustaf Carlström, Blühender Kaktus, 1929

——— T. S. Eliot:

Die hohlen Männer

The Hollow Men, 1925. Deutsche Übersetzung: Hans Magnus Enzensberger.
Metatext von Ulrich Bergmann: Denn dein ist das Leben! für Fixpoetry, 2. Oktober 2012:

Mistah Kurtz — he dead.
A penny for the Old Guy

I

Georg Scholz, Kakteen und Semaphore, 1923Wir sind die hohlen Männer
Die Ausgestopften
Aufeinandergestützt
Stroh im Schädel. Ach,
Unsere dürren Stimmen,
Leis und sinnlos
Wispern sie miteinander
Wie Wind im trockenen Gras
Oder Rattenfüße über Scherben
In unserm trockenen Keller

Gestalt formlos, Schatten farblos,
Gelähmte Kraft, reglose Geste;

Die hinüber sind, sehenden Auges,
Ins andere Reich des Todes,
Wenn sie an uns denken, denken sie nicht
An gewalttätige verlorene Seelen,
sondern an hohle Männer,
An Ausgestopfte.

II

Augen, deren Blick ich fürchte,
Die nicht erscheinen
Im Traumreich des Todes:
Dort sind die Augen
Sonnenlicht auf Säulentrümmern
Dort, ein Baum der sich wiegt
Und Stimmen sind
Im Gesang des Winds
Ferner und feierlicher
Als verblassender Stern
So fern will auch ich sein
Im Traumreich des Todes
Ich will auch so
Vorsätzliche Masken wählen
Rattenfell, Krähenhaut, Vogelscheuche
Auf einem Feld,
Die tun, was der Wind will,
So fern —

Nicht die endgültige Begegnung
Im Reich des Zwielichts

III

Dies ist das tote Land
Dies ist das Kaktusland
Hier sind aufgerichtet
Die steinernen Bilder, zu denen
Betet die Hand eines Toten, darüber
Funkelt ein verblassender Stern.

Ob es so ist
In dem anderen Todesreich
Ob Lippen wachen, mit sich allein,
Zur Stunde da wir beben
Vor Zärtlichkeit,
Lippen die küssen möchten
Und beten zu zerbrochenem Stein.

IV

Die Augen sind nicht hier
Hier sind keine Augen mehr
In diesem Tal da Sterne sterben
In diesem Hohlweg
Dem Stück Kinnbacken zu unseren verlorenen Reichen

Auf diesem letzten Sammelplatz
Tasten wir nach dem andern
Sprachlos geschart
Am Ufer des reißenden Stroms
Blind, es erschienen denn
Die Augen wieder
Wie der lebendige Stern
Die vielblättrige Rose
Des zwielichtigen Totenreiches,
Niemandes Hoffnung,
Hoffnung der leeren Männer.

V

Sergius Pauser, Dame in Weiß. Fräulein Sokal, 1927Wir tanzen um den Stachelbaum
Stachelbaum Stachelbaum
Wir tanzen um den Stachelbaum
Um fünf Uhr früh am Morgen.

Zwischen Idee
Und Wirklichkeit
Zwischen Regung
Und Tat
Fällt der Schatten

Denn Dein ist das Reich

Zwischen Empfängnis
Und Geburt
Zwischen Gefühl
Und Erwiderung
Fällt der Schatten

Das Leben ist lang

Zwischen Verlangen
Und Zuckung
Zwischen Vermögen
Und Leibhaftigkeit
Zwischen Wesen
Und Abstieg

Fällt der Schatten

Denn Dein ist das Reich

Denn Dein ist
Das Leben ist
Denn Dein ist das
Auf diese Art geht die Welt zugrund
Auf diese Art geht die Welt zugrund
Auf diese Art geht die Welt zugrund
Nicht mit einem Knall: mit Gewimmer.

Unbekannter Künstler, Prickly Pear, Opuntia spec., Öl auf Leinwand, 63 cm x 76 cm

Der Hochhaushex favorisiertes „Romanwerk, das überall von John-Donne-Zitaten des Lieblings des Lords strotzt“, mit dem handlungstragenden Kaktus ist der elfte und letzte Lord-Peter-Wimsey-Roman der Lady Dorothy L. Sayers: Busman’s Honeymoon, erschienen im Verlag Victor Gollancz Ltd., London 1937; deutsch zuerst als Lord Peters abenteuerliche Hochzeitsfahrt, Tübingen 1954; Neuübersetzung von Otto Bayer als Hochzeit kommt vor dem Fall, Rowohlt Reinbek 1982, erhältlich als Wunderlich Taschenbuch, Rowohlt, Reinbek 2000.

Adolf Gross, Österreich, 1873--1937, Akt mit KaktusWo die freundliche, pflanzenbegabte Hexe irrt: Elefantenohren sind keine Opuntien, sondern Kalanchoe beharensis, ein Dickblattgewächs. Opuntien sind Kakteengewächse, dafür heißen Elefantenohren auch Haemanthus albiflos, ein Amaryllisgewächs, und das Riesenblättrige Pfeilblatt Alocasia macrorrhizos, ein Aronstabgewächs. Eine lässliche Verwechslung: Soll sich einer auskennen.

Eigentlich hätte ich ja die Pommeskuität als Lieblingssammlung vorgestellt, wenn Tatjana Traurig ihre Sammeltätigkeit nicht Ende Mai 2015 eingestellt hätte.

Kaktusbilder:

  1. Paul Lauenstein: Stillleben mit Kakteen, 1934;
  2. Karl Hofer: Mädchen mit Kaktus, ca. 1922;
  3. Gustaf Carlström: Blühender Kaktus, 1929;
  4. Georg Scholz: Kakteen und Semaphore, 1923,
  5. Sergius Pauser: Dame in Weiß (Fräulein Sokal), 1927;
  6. unbekannter Künstler: Prickly Pear (Opuntia spec.), Öl auf Leinwand, 63 cm x 76 cm;
  7. Adolf Gross (Österreich, 1873–1937): Akt mit Kaktus,

alle via cacti / cactuses / cactus in visual art.

To watch the cactus bloom: The Handsome Family: Far from Any Road,
aus: Singing Bones, 2003 (und ab 2014 für True Detective):

From the dusty mesa, her looming shadow grows
Hidden in the branches of the poison creosote
She twines her spines up slowly towards the boiling sun
And when I touched her skin, my fingers ran with blood.

In the hushing dusk, under a swollen silver moon
I came walking with the wind to watch the cactus bloom
A strange hunger haunted me; the looming shadows danced
I fell down to the thorny brush and felt a trembling hand.

When the last light warms the rocks and the rattlesnakes unfold
Mountain cats will come to drag away your bones
And rise with me forever across the silent sand
And the stars will be your eyes and the wind will be my hands.

Als allzu offensichticher Bonus Track ist Comedian Harmonists: Mein kleiner grüner Kaktus, 15. November 1934, zwar etwas wohlfeil und hat womöglich zurecht jahrzehntelang in der Obskurität geruht, hat aber seit 22. September 1975 neue Fans, seit es Otto Waalkes für seine dritte Fernseh-Show ausgegraben hat:

Bonus Bonus Track: Dasselbe nochmal in aller gebotenen Dekadenz
für Joseph Vilsmaier: Comedian Harmonists, 1997:

Written by Wolf

12. Mai 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Grünzeug & Wunderblätter

O süßes Lied

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Die Leute wollen neben der Politik und dem Aktuellen etwas haben, was sie ihrer Freundin schenken können. Sie glauben gar nicht, wie das fehlt.

(Riesenschnörkel) Ernst Rowohlt, in: Kurt Tucholsky: Schloss Gripsholm, 1931.

——— Rainer Maria Rilke:

Liebes-Lied

aus: Neue Gedichte, 1907:

Russian Academy of Painting, Repin & Surikov. PortraitsWie soll ich meine Seele halten, daß
sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie
hinheben über dich zu andern Dingen?
Ach gerne möcht ich sie bei irgendwas
Verlorenem im Dunkel unterbringen
an einer fremden stillen Stelle, die
nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen.
Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,
der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.
Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Geiger hat uns in der Hand?
O süßes Lied.

~~~\~~~~~~~/~~~

Und welche Geigerin: Repin & Surikov
via Russian Academy of Painting.

O süße Lieder: Soundtracks mit aufsteigendem Spaßfaktor:

  1. Vertonung: Schönherz & Fleer, Rezitation: Rudolph Moshammer (sic) in: Rilke Projekt I: Bis an alle Sterne, März 2001;
  2. weil die gültige Vertonung von Einojuhani Rautavaara: Die Liebenden. Liederzyklus für hohe Stimme und Streichorchester, 1958–1959, aus Liebes-Lied, Der Schauende, Die Liebende und Der Tod der Geliebten nicht realistisch aufzutreiben ist: Heinrich Ignaz Franz von Bibern: Passacaglia: Der Schutzengel, aus: Rosenkranz-Sonaten, 1676, von Elicia Silverstein auf Barockvioline;
  3. weil der Lieblingsdialog des musikalisch fühlenden Menschen zwischen Geige und Klavier, die Mozart-Violinsonaten, die eigentlich Doppelsonaten sind, in der Aufführung dem goldigsten aller Geschwisterpärchen Gil und Orli Shaham, nicht mehr realistisch aufzutreiben ist, jedenfalls nicht ohne die DVD, die man wie oben vom Herrn Verleger vorgeschlagen wunderbar seinen Freunden schenken kann: Mean Mary: Sea Red, Sea Blue, 2014;
  4. und jetzt alle: Anna Roberts-Gevalt, friends & family auf Full Moon Jam, daheim in Eggleston, Virginia: The Ballad of Sally Ann, September 2010:

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Written by Wolf

5. Mai 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Novecento

DIY: Doing a Grillparzer

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——— John Irving:

In the City Where Marcus Aurelius Died

from: The World According to Garp, E. P. Dutton, Boston 1978:

In Vienna Jenny and Garp went on a spree of Grillparzer jokes. They began to uncover little signs of the dead Grillparzer all over the city. There was a Grillparzergasse, there was a Kaffeehaus des Grillparzers; and one day in a pastry shop they were amazed to find a sort of layer cake named after him: Grillparzertorte! It was much too sweet. Thus, when Garp cooked for his mother, he asked her if she wanted her egg soft-boiled or Grillparzered. And one day, at the Sch?nbrunn Zoo, they observed a particularly gangling antelope, its flanks spindly and beshitted; the antelope stood sadly in its narrow and foul winter quarters. Garp identified it: der Gnu des Grillparzers.

Of her own writing, Jenny one day remarked to Garp that she was guilty of „doing a Grillparzer.“ She explained that this meant she had introduced a scene or a character „like an alarm going off.“ The scene she had in mind was the scene in the movie house in Boston when the soldier had approached her. „At the movie,“ wrote Jenny Fields, „a soldier consumed with lust approached me.“

„That’s awful, Mom,“ Garp admitted. The phrase „consumed with lust“ was what Jenny meant by „doing a Grillparzer.“

„But that’s what it was,“ Jenny said. „It was lust, all right.“

„It’s better to say he was thick with lust,“ Garp suggested.

„Yuck,“ Jenny said. Another Grillparzer. It was the lust she didn’t care for, in general. They discussed lust, as best they could. Garp confessed his lust for Cushie Percy and rendered a suitably tame version of the consummation scene. Jenny did not like it. „And Helen?“ Jenny asked. „Do you feel that for Helen?“

Garp admitted he did.

„How terrible,“ Jenny said. She did not understand the feeling and did not see how Garp could ever associate it with pleasure, much less with affection.

„‚All that is body is as coursing waters,'“ Garp said lamely, quoting Marcus Aurelius; his mother just shook her head.

Ich mag nicht, wenn Bücher in einen Klarsichtumschlag aus Erdöl gewandet sind. Das sieht aus wie eingeschweißtes Gemüse und fühlt sich auch so an. Wie alle anderen Leute auch, miste ich seit mehreren Jahren meine Bücher aus: Tendenziell werden meine Regale leerer, nicht voller, und meine voraussichtlichen Erben feuern mich an dabei. Wer heute noch Bücher anschafft, die man weder auf einem Gerät mit Internetzugang speichern noch in einer Bibliothek zurückgeben kann, braucht einen von ganz wenigen Gründen: 1. Wärmedämmung, 2. ordentlich erschlossene Texte, 3. Haptik.

Betrachten wir Grund 3. Der Buchkörper geht meistens klar, es gibt Menschen, die finden das Anfassen von Papier geradezu erotisch. Mit dem Anfassen von Buchumschlägen, die man ja beim Gebrauch eines Buches durchgehend berührt, ist es so eine Sache: Wie erotisch ist die Berührung von Glanzpapier? Der verlagsweise unterschiedlichen Pappdeckel von Taschenbüchern? Vom Leinen der Buchdeckel der Hardcovers? Der Plastikfolie jener Verlage, die das Glanzpapier vermeiden? Erotik rechnet kaum nach unterscheidbaren Gruppen, viel eher nach Individuen.

Selbst die wissenschaftlich einwandfreien, kompromisslos hochwertig ausgestatteten und deshalb märchenhaft teuren Referenzausgaben des Deutschen Klassiker Verlags lassen sich nicht nehmen, ihre Leinenbindungen — nicht die Lederbindungen — zwischen Schutzumschlag und Schuber noch einmal durch Plastik zu schützen. Ist das nicht schaurig?

Ja, das ist es, und ich will nicht einmal entscheiden, ob es schauriger ist, beim Lesen mit den Fingerkuppen auf dem rohen Leinen ohne weiteren Schutz herumzuraspeln — siehe: Die Andere Bibliothek, mareverlag, die Prachtausgaben von Manesse pp. — oder auf einer Erdölhaut herumzujuckeln — siehe: im Premium-Segment die Hochglanzperiode in den 1980er Jahren bei Artemis & Winkler u.v.a., im Ökonomiesegmet alles aus jeder Stadtbücherei — wobei letztere wenigstens eine Ausrede hat.

Ausnahmsweise wusste ich mir zu helfen und freue mich inzwischen schon fast darüber, wenn ich an Büchern was zu tunen bekomme. Zum Beispiel bei meinem Grillparzer: Irgendwann 2016 für sieben Euro aus dem Münchner Oxfam aufgelesen — für alle drei Bände Dünndruck, leider eine Buchclub-Lizenz, dafür eine österreichische, was im Falle Grillparzer besonders passend erscheint, und schlimmer: in rosa Leinen gebunden und nochmal in einen Schutzumschlag aus jener schauderhaften Plastikfolie gewickelt. — Vorher:

Doing a Grillparzer, Bucheinbinden

Die Hilfe heißt: ein eigener Schutzumschlag aus dem Papier der eigenen Wahl. Meine Wahl waren alte Werbeanzeigen aus Zeitschriften der 1990er Jahre, die ich in meiner Zeit als Werbetexter zu Zwecken teils der Erheiterung, teils der Dokumentation gehortet habe. Hab ich’s doch vor zwanzig Jahren schon gewusst, dass die irgendwann zu etwas gut sein müssen: spätestens heute, wo sie als found paper durchgehen. Sollte jemand 1995 nicht so umsichtig gewesen sein wie ich, empfehle ich die Saison-Prospekte der Konen Bekleidungshaus KG, die zweimal jährlich führenden süddeutschen Zeitungen beiliegen: Die machen mehrere Seiten Großformat auf sehr streichelfreundlichem, seidigem Papier mit Motiven sehr ansehnlicher Fotomodelle in eindeutigen, warmen Farben. Besser als mancher Buchumschlag.

Doing a Grillparzer, Bucheinbinden

Der haptisch empfindsame Bücherfreund entkleidet also entweder das Buch seines hässlichen, quietschenden, knitternden Klarsichtumschlags, oder falls es von vornherein keinen solchen hat, stellt er selbst einen Dummy für einen Buchumschlag her. Dazu reicht jedes Blatt Papier, auf dessen Beschaffenheit es nicht so ankommt, Hauptsache es ist etwas breiter als die gesamte Flügelspannweite des einzukleidenden Buches, also beide Buchdeckel plus Buchrücken plus weitere fünf bis zehn Zentimeter für die zwei Klappen vorn und hinten, und wenige Zentimeter höher. Meistens reicht Kopierpapier DIN A4, weil Bücher überraschend klein sind, wenn man sie mal in die Werkstatt nimmt, und wenn nicht, Zeitungspapier.

Der Trick ist nämlich, nicht einen Umschlag für das Buch herzustellen, sondern eigentlich für dessen Buchumschlag. Das klingt zuerst seltsam, bewahrt aber das Buch vor Schäden durch Leim oder Tesafilm. Ich nehme Tesafilm, der kleckert nicht so und tut’s vollauf. Um den Buchumschlag ist es nicht ganz so schade, denn genau den wollen wir ja verbessern.

Doing a Grillparzer, Bucheinbinden

Den Umschlag-Dummy, entkleidet oder selbst zurechtgeschnitten, auf der Arbeitsfläche über dem neuen Umschlag mittig ausbreiten. Dabei aufpassen, welche Seite nach außen und nach oben kommt, es geht um Schönheit. An den Stellen, wo die Gelenke zwischen Buchdeckel und Buchrücken hinkommen, mit der Schere bis zum Umschlagrand einschneiden. Die schmalen Lappen über dem Buchrücken über dem Dummy einschlagen und locker mit Tesafilm fixieren, an diesen Stellen muss es nicht bombenfest halten. Letzter Check: Stimmt das Motiv, das künftig um das Buch herum sichtbar wird? Wenn nicht, alles nochmal von vorn.

Den Umschlag-Dummy mit dem Umschlag versehen, das geht so ähnlich wie früher das schuljährliche Einbinden der lehrmittelfreien Bücher. Zwischendurch immer wieder den Umschlag am Buch anpassen und versuchen, ob es sich noch gewaltfrei öffnet und schließt: Man neigt immer dazu, das Papier stramm zu ziehen, dann sitzt der Umschlag zu knapp.

Möglichst nur am Umschlag selbst kleben, nicht am Buch, das ist handwerklich sauberer. Und möglichst nur in einer Lage arbeiten, ab der zweiten bilden sich Wülste aus überschüssigem Papier und Tesafilm. Vor allem wenn Sie mehrere Bände verschönern, die zusammen in einen Schuber passen sollen, zählt jeder Millimeter Breite. Leider weiß ich gut, wovon ich rede.

Außerdem empfehle ich dringend, die Buchrücken wenigstens rudimentär zu beschriften, sonst suchen Sie sich ab der zweiten, dritten Eigenkreation in Ihrem eigenen, organisch gewachsenen Bücherregal blöd. Dünner schwarzer Edding in unauffälliger Kalligraphie, gegen das gröbste Verwischen noch ein Streifchen Tesafilm drüber, dann klappt das auch mit der hauseigenen Bibliographie.

Doing a Grillparzer, Bucheinbinden

Soviel muss klar sein: Das muss man wollen. Ein Buch, an dem Sie sich optisch so wesentlich vergriffen haben, nimmt Ihnen fortan weder der Oxfam noch der Music and Books noch die Ramschtante von der Stadtbücherei noch ab, auf dem Amazon.de-Marketplace ist nicht einmal mehr der Zustand „Akzeptabel“ (lies: „Scheiße“) für 1 Cent zu vermitteln, in der „Zu verschenken!!!“-Kiste finden Sie am nächsten Tag eine leere Bierflasche daneben (Materialwert: immerhin 8 Cent), und Ihre voraussichtlichen Erben husten Ihnen was. Das found paper muss allein Ihnen — oder jemand zu Beschenkendem — gefallen, sonst lassen Sie’s lieber. Wirklich. Wenn Sie Gegenstände wertsteigern wollen, kaufen Sie Immobilien, alles andere verfällt beim Zuschauen, und vor allem Bücher, die einmal die Druckerei verlassen haben, sind Privatvergnügen.

Was jetzt ich mit meinem tollen dreibändigen Dünndruck-Grillparzer im 90er-Werbegewande will? — Nix, siehe oben den Abschnitt von John Irving. Aber sieht er nicht schnulli aus? — Nachher:

Doing a Grillparzer, Bucheinbinden

BuchBinderBilder: Extreme Grillparzering. 19. März 2017;
Soundtrack zum Tag der Arbeit: Hanns Eisler, Opus 28, 1930; Text: Erich Weinert, 1927:
Der heimliche Aufmarsch, gesungen von Ernst Busch mit Ernst-Busch-Chor,
o. J., jedenfalls nach Eisslers Neuvertonung 1938. In Musik, Text und Aufführung das Paradebeispiel für ein Arbeiterkampflied; die Wölfin nennt es Männerschimpflied:

Written by Wolf

1. Mai 2017 at 06:00

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Realismus