Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for Januar 2015

Break in college sick bay

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Ireland in the city: The subject of this poem is the death of Seamus Heaney’s younger brother Christopher, who was killed by a car at the age of four in 1963.

Ireland in the country: Nicole C. illustrated it with her forest picture in 2014.

——— Seamus Heaney:

Mid-Term Break

The Kilkenny Magazine, number 9, spring 1963:

I sat all morning in the college sick bay
Counting bells knelling classes to a close.
At two o’clock our neighbors drove me home.

In the porch I met my father crying–
He had always taken funerals in his stride–
And Big Jim Evans saying it was a hard blow.

The baby cooed and laughed and rocked the pram
When I came in, and I was embarrassed
By old men standing up to shake my hand

And tell me they were ’sorry for my trouble,‘
Whispers informed strangers I was the eldest,
Away at school, as my mother held my hand

In hers and coughed out angry tearless sighs.
At ten o’clock the ambulance arrived
With the corpse, stanched and bandaged by the nurses.

Next morning I went up into the room. Snowdrops
And candles soothed the bedside; I saw him
For the first time in six weeks. Paler now,

Wearing a poppy bruise on his left temple,
He lay in the four foot box as in his cot.
No gaudy scars, the bumper knocked him clear.

A four foot box, a foot for every year.

Nicole C., With Me, July 10th, 2014

Informed stranger. Nicole C.: With Me, 10. Juli 2014

Written by Wolf

29. Januar 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Novecento, Vier letzte Dinge: Tod

Ein Abend mit E.T.A. Hoffmann

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Der Mann ist jetzt immerhin 239, wollte früher Musiker sein und ist als Erzähler bekannt geblieben. Da kann man ihm ruhig eine Zeitlang zuhören.

Aber nicht dass ihr jetzt alle zwei oder gar mehr Videos gleichzeitig in Gang setzt, ihr Spielkinder.

… und zum gleichen Thema auch der Deutschlehrerin, die wir alle immer haben wollten:


Playlist: Grand Trio; Miserere; Harfenquintett; Das Kreuz an der Ostsee:

Written by Wolf

24. Januar 2015 at 19:21

Veröffentlicht in Romantik, Schall & Getöse

Wunderblatt 7: Die Vegetation ist der negative Lebensprozeß. Vom ursprünglichsten Gegensatz zwischen Pflanze und Tier — und Emily und Emily

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Update zu Tumultuantenharanguieren (sed iam satis), diesmal ernster gemeint:

In Zeiten der Globalität, wesentlicher Meinungsverschiedenheiten unter ganzen Kulturen und umwälzender weltweiter Migrationsbewegungen ist die Frage, ob verschiedene Ethnien besondere Volksseelen haben, das weitreichendste Politikum.

Die Kulturwissenschaften, die mit anderen, gewiss nicht weniger wichtigen Fragen befasst sind, schweigen dazu weitgehend seit der Zeit der deutschen Romantik, abgesehen von immer wieder auftretenden Außenseitern — wohl nicht zuletzt, weil das Themengebiet heillos vermint ist. Ab der Frühromantik, als kein Gedanke ohne den Hintergrund der Französischen Revolution zu fassen war, wurde dagegen sogar das Konzept einer umfassenden Weltseele diskutiert.

Und ab dem Punkt, an dem mit einer Weltseele zu rechnen ist, steht nicht nur das Zusammenleben von Menschen untereinander, sondern der Umgang mit der gesamten Schöpfung in Frage, der ethisch verantwortungsvolle und wünschbare gegenüber dem überhaupt noch menschenmöglichen und abermals: dem wünschbaren. Genau das aber ist sehr wohl Gegenstand aktueller Diskussionen, nur eben allermeistens aus anthropozentrischer bis volkswirtschaftlicher Sicht. Eine Zeitlang kann das noch tragen, aber nicht auf Dauer ohne das Fundament der Grundlagenforschung.

Bezeichnenderweise ist der Gründer der Naturphilosophie Schelling als Namenspatron einer ins Postkonsumkapitalistische verkommenden Ausgehstraße im Münchner Univiertel im Gedächtnis geblieben. Er müsste jeden Moment wieder virulent werden.

Emily Dozois, Don't Fight the Tides, They Rise, 22. Oktober 2014

——— Friedrich Wilhelm Joseph Schelling:

Von der Weltseele.

Eine Hypothese der höheren Physik zur Erklärung des allgemeinen Organismus.
Nebst einer Abhandlung über das Verhältnis des Realen und Idealen in der Natur
oder Entwicklung der ersten Grundsätze der Naturphilosophie an den Prinzipien der Schwere und des Lichts.
Über den Ursprung des allgemeinen Organismus
I. Vom ursprünglichsten Gegensatz zwischen Pflanze und Tier, 1798:

Man hat neuerlich oft gesagt, Vegetation und Leben seien als chemische Prozesse anzusehen; mit welchem Recht, werde ich späterhin untersuchen. Es ist auffallend übrigens, daß man diesen Gedanken nicht benutzt hat, um aus ihm den ursprünglichsten Unterschied des vegetativen und animalischen Lebens abzuleiten.

Vorerst kennen wir zwei Hauptprozesse, von welchen die meisten Veränderungen der Körper in der anorgischen Natur abhängig sind, Prozesse, die auf jenen durch die ganze Natur herrschenden Gegensatz zwischen dem positiven und negativen Prinzip des Verbrennens sich beziehen. Die Natur, welche sich in Mischungen gefällt, und ohne Zweifel in einer allgemeinen Neutralisation enden würde, wenn sie nicht durch den steten Einfluß fremder Prinzipien ihr eigen Werk hemmte, erhält sich selbst im ewigen Kreislauf, da sie auf der einen Seite trennt, was sie auf der andern verbindet, und hier verbindet, was sie dort getrennt hat.

So ist ein großer Teil ihrer Prozesse dephlogistisierend, diesen aber halten beständige phlogistisierende Prozesse das Gleichgewicht, so daß niemals eine allgemeine Uniformität entstehen kann.

Wir werden daher vorerst zwei Hauptklassen von Organisationen annehmen, davon die erste in einem von der Natur unterhaltenen Desoxydationsprozeß, die andere in einem kontinuierlichen Oxydationsprozeß Ursprung und Fortdauer findet.

Wir haben schon oben erinnert, daß oxydieren und dephlogistisieren, phlogistisieren und desoxydieren Wechselbegriffe sind, die in bezug aufeinander wechselseitig positiv und negativ sein können, wovon aber keiner etwas anderes als ein bestimmtes Verhältnis ausdrückt.

So wird also, wo die Natur einen Reduktions- oder Desoxydationsprozeß unterhält, kontinuierlich phlogistische Materie erzeugt, was bei den Pflanzen unleugbar ist; denn diese, dem Licht, d.h. dem allgemeinen Mittel der Reduktion, entzogen, werden bleich und farbelos; sobald sie dem Licht ausgesetzt werden, gewinnen sie Farbe, der offenbarste Beweis, daß phlogistischer Stoff in ihnen bereitet wird. Dieser (als das negative Prinzip) tritt hervor, sowie das positive verschwindet, und umgekehrt; und so existiert in der ganzen Natur keines dieser Prinzipien an sich, oder außerhalb des Wechselverhältnisses mit seinem entgegengesetzten.

So wie die Vegetation in einer steten Desoxydation besteht, wird umgekehrt der Lebensprozeß in einer kontinuierlichen Oxydation bestehen; wobei man nicht vergessen darf, daß Vegetation und Leben nur im Prozesse selbst bestehen, daher es Gegenstand einer besonderen Untersuchung ist, durch welche Mittel die Natur dem Prozeß Permanenz gebe, durch welche Mittel sie verhindere, daß es z.B. im tierischen Körper, solange er lebt, nie zum endlichen Produkt komme; denn es ist offenbar genug, daß das Leben in einem steten Werden besteht, und daß jedes Produkt, eben deswegen weil es dies ist, tot ist; daher das Schwanken der Natur zwischen entgegengesetzten Zwecken, das Gleichgewicht konträrer Prinzipien zu erreichen, und doch den Dualismus (in welchem allein sie selbst fortdauert) zu erhalten, in welchem Schwanken der Natur (wobei es nie zum Produkt kommt) eigentlich jedes belebte Wesen seine Fortdauer findet.

Zusatz

Seitdem man entdeckt hat, daß die Pflanzen dem Licht ausgesetzt Lebensluft aushauchen, und daß dagegen die Tiere beim Atmen Lebensluft zersetzen und eine irrespirable Luftart aushauchen, hat man, bei dieser ursprünglich-inneren Verschiedenheit beider Organisationen, nicht mehr nötig, äußere Unterscheidungsmerkmale aufzusuchen, z.B. (nach Hedwig), daß die Pflanzen nach der Befruchtung ihre Zeugungsteile verlieren; um so mehr, da alle diese Merkmale, wie die Unwillkürlichkeit der Pflanzenbewegungen (z.B. bei Aufnahme der Nahrung, da nach Boerhaves sinnreichem Ausdruck die Pflanze den Magen in der Wurzel, das Tier die Wurzel im Magen hat), oder die Nervenlosigkeit der Pflanzen – alle zusammen aus jenem ursprünglichen Gegensatz erst abgeleitet werden müssen, wie ich im folgenden zeigen werde.

Es erhellet nämlich zum voraus, daß, wenn die Pflanze das Lebensprinzip aushaucht, das Tier es zurückhält, im letztern bei weitem mehr Schein der Spontaneität und Fähigkeit seinen Zustand zu verändern sein muß als im erstern. Ferner, daß das Tier, da es das Lebensprinzip (durch Luftzersetzung) in sich selbst erzeugt, von Jahreszeit, Klima usw. bei weitem unabhängiger sein muß als die Pflanze, in welcher das Lebensprinzip nur durch den Einfluß des Lichts (aus dem Nahrungswasser) entwickelt und durch denselben Mechanismus, durch welchen es entwickelt wird, auch kontinuierlich ausgeführt wird.

Die Vegetation ist der negative Lebensprozeß. Die Pflanze selbst hat kein Leben, sie entsteht nur durch Entwicklung des Lebensprinzips, und hat nur den Schein des Lebens im Moment dieses negativen Prozesses. In der Pflanze trennt die Natur, was sie im Tier vereinigt. Das Tier hat Leben in sich selbst, denn es erzeugt selbst unaufhörlich das belebende Prinzip, das der Pflanze durch fremden Einfluß entzogen wird.

Wenn übrigens die Vegetation der umgekehrte Prozeß des Lebens ist, so wird man uns verstatten, im folgenden unsere Aufmerksamkeit hauptsächlich auf den positiven Prozeß zu richten, um so mehr, da unsere Pflanzenphysiologie noch höchst mangelhaft, und da es natürlicher ist, das Negative durch das Positive, als das Positive durch das Negative zu bestimmen.

So weit fürs erste die Ansicht Schellings. Dass Pflanzen kein eigenes Leben in sich tragen, ja dem Prinzip des Lebens geradezu als Negativum entgegenstehen, wird spätestens fragwürdig, wenn wir uns zu den Ansichten von Johann Gottlieb Fichte und vor allem Gustav Theodor Fechner vorarbeiten. — Das Erfreuliche zum Schluss:

Emily Dozois, The Peacekeeper. Untitled Series II, 30. November 2014

Für anstehende Illustrationen von Büchern und hübschen Mädchen, zweien der Kernthemen von DFWuH, konnte Emily Dozois aus Ottawa in Kanada gewonnen werden. Aus logistischen Gründen wird sie nicht das ganze nötige Material beisteuern können, ist aber bücher- und auch sonst freundlich und hübsch genug, ihr Bestes zu geben. Ihr Großvater stammt aus Ostermünchen zwischen München und Rosenheim, blättert seit kurzem begeistert in meinen Exemplaren der Schedelschen Weltchronik und Don Quixote und lässt seine alte deutsche Heimat recht schön grüßen.

Um Emily vorzustellen, war ich so frei, für dieses Wunderblatt zwei ihrer Selbstportraits zu verwenden, die sie nicht eigens dafür angefertigt hat. Wir werden noch viel von Emily hören.

Weltseele auf zwei Beinen: Emily Dozois: Don’t Fight the Tides, They Rise, 22. Oktober 2014;
The Peacekeeper (Untitled Series II), 30. November 2014:

Day 353. The second photo in my yet-to-be-named exploration of myself. (Suggestions are more than welcome!) Yasmin helped me plant the flowers here and then acted as human tripod! (thank you!)

Noch eine Emily aus Kanada zwischen vegetativem und animalischem Leben:
Emily Loizeau: L’autre bout du monde, de L’Autre Bout du monde, 2006.

Written by Wolf

23. Januar 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Grünzeug & Wunderblätter, Romantik

Unter sotanen Umständen

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Update zu allen anderen mit ihm:

Arno Schmidt ist 101. „’n Hunnerd’stn kann jeder feiern“, hätte er gesagt (eine Unterstellung, für die er mich schon wieder mit einem Blick & einem ausgespuckten Satz so runtergekanzelt hätte, dass ich bis zum Zweihunnerd’stn nix mehr brauch).

Überleben wird er mit der nicht beliebtesten, aber der wahrsten Arbeitsauffassung des Wortmetzen:

——— Arno Schmidt:

Piporakemes!‘

in: konkret, Nummer 10, Oktober 1962, cit Zürcher Kassette, Band 8: Kühe in Halbtrauer, Seite 265, Schluss:

Arno Schmidt, BargfeldAllgemein habe er dann noch krititsiert, wie das — seiner Ansicht nach wichtigste — Problem überhaupt nicht berührt worden sei : „’s Honno-rar natürlich ! Das’ss ooch so was, was die Verleger nie lern’n : wenn se 3 Tausnd Mark für ’ne Übersetzunk blechn, kriegn se ’ne 3-Tausnd-Mark-Übersetzunk; wenn se 6 Tausnd schmeißn, eene für 6 Tausnd : dann kann ich neemlich de doppelte Zeit dran wendn !“. Auf das vorsichtige Bedenken seines — verständlicherweise ungenannt bleiben wollenden — Bekannten : daß die meisten ‚Künstler‘ unter sotanen Umständen dann eben wohl doch nur für die 3 herstellen, und für die übrigen 3 schlicht faulenzen würden : ob die Gefahr nicht nahe läge ?, habe er kaltblütig erwidert : die läge freilich verdammt nahe.

Bild. Arno Schmidt, vermutlich in Bargfeld, Arno-Schmidt-Stiftung via Kultourist.

Written by Wolf

18. Januar 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Novecento

Über den Kirchplatz mit Lancelot: Die namenlosen Religionen zu Coburg

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Update zu Schreiet fort, Mißtöne, zerschreiet die Schatten: denn Er ist nicht!
und Der Widersacher. Ästhetischer Gaukler vs. unnahbarer Eispalast: Braucht die Welt noch Dichterfürsten im Krähwinkel? Alles ist erlaubt und willkommen. Keine 30 Prozent der Quellen:

Eine Literaturzeitschrift, die Das Lindenblatt heißt. Je genauer man das von allen Seiten abschmeckt, desto klarer wird, auf wie vielen Ebenen das raffiniert ist. Die Anklänge reichen von altgermanischer Magie bis zu altfränkischer Gemütlichkeit, ums Eck linsen die Verletzlichkeit des teutschesten aller Teutschen Siegfried und rituelles Volksvergnügen. Ungemein passend für ein Blatt, das von der ober-fränkischen Kulturmetropole Coburg aus, nicht viel verpennter und nicht viel großkotziger als die traditionelle Konkurrenz Bamberg, aber mit zählbar wenigen Hakenschlägen bis in den weltumspannenden Commonwealth, hergebrachte Werte ins Moderne übersetzt. Warum heißt man eigentlich „Weheklag“, wenn man bei gleichem Aufwand „Lindenblatt“ heißen könnte?

Von dort erreicht uns ein Leserkommentar des literaturschaffenden Nephrologen Hansjörg Rothe, wie man ihn sich als „Blogger“ wünscht. Endlich feiert mal jemand Jean Paul nicht als liebenswert verschrobenen Provinzkrautkopf, sondern verspannt ihn in einleuchtender Weise in der Weltliteratur, ohne verzweifelt zu beteuern, dass die Viktorianer auch bloß mit Wasser und Ruß aus Walnussschalen geschrieben haben. Eine Affenschande, den Kommentar aus Layout-Gründen löschen zu müssen, dafür haben wir jetzt einen wunderschönen Gastbeitrag, dem ich ein paar gewohnt sinnhaltige Illustrationen beigeselle.

Zum Dezember-Thema Jean Paul muss ich spontan eine Geschichte schicken, die im diesjährigen „Lindenblatt“ erschienen ist (nun sagen Sie bloss noch, dass Sie das nicht kennen…?)

Auf die Gefahr hin, damit den ganzen Server zum Absturz zu bringen, kopiere ich die ganze Geschichte einfach mal hier rein.

——— Hansjörg Rothe:

Über den Kirchplatz mit Lancelot – eine Annäherung an Jean Paul

in: Das Lindenblatt, Oktober 2013:

Ernst Dorn, Idyllischer Altstadtwinkel mit Brunnen und Blick auf die Morizkirche, Coburg 1919Neuerdings komme ich nicht mehr an ihm vorbei. Es sei denn, ich wollte den Kirchplatz vor St. Moriz umgehen, der evangelischen Stadtkirche, die in Coburg ziemlich zentral liegt. Dort steht jetzt die Jean-Paul-Litfasssäule und ich wohne und arbeite in Coburg, seit nunmehr drei Jahren. Das dritte dieser Jahre ist aber das Jean-Paul-Jahr, und zugegebenermaßen wäre mir andernfalls wohl nicht aufgefallen, dass ich mit diesem Herrn Richter gleich zwei Lebensstationen teile: in meiner Heimatstadt Leipzig hat er studiert. Wirklich gelesen, also von Seite 1 bis zum Schluss, habe ich noch nichts von Jean Paul, weder seinen in 4 „Bändchen“ gegliederten „Siebenkäs“, noch irgendetwas anderes. Ganz abgerissen ist die Lese-Tradition dennoch nicht zwischen uns beiden, gehören doch zum Beispiel die Bücher von Günter de Bruyn zu meiner Lektüre, der sich seinerseits sehr intensiv mit dem fränkischen Schriftsteller beschäftigt hat.

So kam es wohl auch, dass ich vor nicht allzu langer Zeit sofort hellhörig wurde beim Lesen einer Textpassage aus dem „Siebenkäs“. Fast hätte ich sie wegen der Kapitelüberschrift „Erstes Blumenstück“ sofort überblättert gehabt – und nun wissen die Kenner natürlich schon, was ich meine, doch für die Jean-Paul-Ignoranten (zu denen ich selbst wie gesagt auch zähle) will ich das Kapitel noch einmal schildern:

Siebenkäs ist auf einer Sommerwiese eingeschlafen. Im Traum findet er sich zunächst auf einem Friedhof in schauriger Atmosphäre, vergebens sucht der Titelheld die Sonne am Himmel und vermutet eine Sonnenfinsternis. „Alle Gräber waren aufgetan“, heisst es weiter, „und die eisernen Türen des Gebeinhauses gingen unter unsichtbaren Händen auf und zu.“ Mit den Toten gelangt der träumende Erzähler in einen Tempel, wo plötzlich Jesus Christus „mit einem unvergänglichen Schmerz“ aus der Höhe herabsteigt. „Und alle Toten riefen: ‚Christus! Ist kein Gott?‘ Er antwortete: ‚Es ist keiner.'“ In der nachfolgenden Passage berichtet Christus, wie er durch Welten, Universen und Himmel gegangen sei, aber keinen Gott gefunden habe: „Ich stieg herab, soweit das Sein seine Schatten wirft, und schauete in den Abgrund und rief: ‚Vater, wo bist du?‘, aber ich hörte nur den ewigen Sturm, den niemand regiert… Und als ich aufblickte zur unermesslichen Welt nach dem göttlichen Auge, starrte sie mich mit einer leeren bodenlosen Augenhöhle an; und die Ewigkeit lag auf dem Chaos und zernagte es und wiederkäuete sich. – Schreiet fort, Misstöne, zerschreiet die Schatten; denn Er ist nicht!'“

Beim Lesen überkam mich dieses Déjà-vu-Gefühl, das wohl jeder kennt – diese Szene habe ich doch schon einmal erlebt, oder nein: Ich habe sie auf der Bühne gesehen. Bilder aus dem Jahr 1989 tauchen auf, ich sitze im Theater in Halle, das Stück heisst „Die Ritter der Tafelrunde“ von Christoph Hein. Die inzwischen vergreisten Ritter um ihren Anführer Artus tagen nach wie vor an der legendären Tafel und beschwören die Ideale ihrer Jugend. Ausser ihnen scheint aber niemand mehr die Rituale ernst zu nehmen – selbst Ginevra, die Gattin des Artus, sitzt gleich zu Beginn des Stücks lesend an der Tafel – auf dem Freistuhl, auf welchem nur der Ritter Platz nehmen darf, der von der Ausfahrt zurückgekehrt neue Kunde vom Gral bringt! Parzival, der Schriftsteller, kommt schon lange nicht mehr zur Tafelrunde und verbreitet Texte, in denen er argumentiert, jeder müsse den Gral in sich selbst suchen. Keie bespitzelt alle und besonders Mordret, den Sohn von Artus, der so gar keine Hochachtung vor den Leistungen seines Vaters zeigt. Als eine Nachricht von Gawein eintrifft, in der dieser mitteilt, er habe die Gralssuche aufgegeben und sei nun zu Klingsor gewechselt, winken alle nur verächtlich ab. Umso mehr reden sie aber von Lancelot, der noch an den Gral glaubt und momentan „draussen im Land“ unterwegs ist, bald wird er hoffentlich neue Kunde bringen… Doch dann seine Ankunft am Ende des zweiten Aktes – ein Greis wie die andern, obwohl er doch gerade erst so tatenfrisch ausgeritten war, lässt er sich schwer in den Freistuhl fallen und antwortet den ihn mit Fragen bestürmenden Rittern … nichts. Als der Vorhang wieder aufgeht und Lancelot endlich zu sprechen beginnt, ahnen alle schon, was er sagen wird: „Kreuz und quer bin ich gefahren, doch Niemand will etwas vom Gral hören – sie haben mich bespuckt und vertrieben… ‚Ritter‘ gilt ihnen als Schimpfwort!“ Es gibt keinen Gral, lautet das bittere Fazit, denn Lancelot war der letzte Ritter der Tafelrunde gewesen, der noch nach ihm gesucht hatte.

Die Ähnlichkeit zwischen beiden Passagen ist nun sicher nicht darauf zurückzuführen, dass Christoph Hein etwa Jean Paul kopieren oder seinen Lancelot als neuen Christus zeichnen wollte. Zwar sagte der gebürtige Schlesier in einem Interview: „Ich zähle mich zu den deutschen Humoristen“, und sein Lehrer Hans Mayer hatte über Jean Paul geschrieben, Poesie sei für diesen, „… den Dichter wie den Ästhetiker, nur als humoristische Dichtung vorstellbar“ gewesen. Aber zwischen den Geburtsjahren der beiden deutschen Schriftsteller liegen mehr als 180 Jahre, in denen sich in Deutschland und Europa so einiges verändert hat.

Störfix, Morizkirche Coburg, davor Steingasse 16, 25. Dezember 2010Suchen wir also nach einem Bindeglied – und richtig: ziemlich genau zwischen 1796 und 1989, den Erscheinungsjahren des „Siebenkäs“ und der „Ritter der Tafelrunde“, wurde im Jahre 1892 der Roman „Yeast“ von Charles Kingsley in deutscher Übersetzung unter dem Titel „Gischt“ herausgegeben, das Standardwerk des Christian Socialism, in welchem Kingsley seinen Helden Lancelot Smith auf die Suche schickt nach einem Ausweg aus den Widersprüchen des industrialisierten Englands im 19. Jahrhundert. Nach vielen Begegnungen mit drastischen Schilderungen der Arbeitswelt Londons findet der junge Lancelot Smith am Ende einen Weisen, der ihm in einem langen Gespräch erklärt, dass die wahre Religion namenlos sei und der christliche Sozialismus die einzige Lösung. Da Charles Kingsley 1859 der Kaplan der in Coburg nicht ganz unbekannten Queen Victoria geworden war, kann auch das Ende von „Yeast“ nicht überraschen: Lancelot und sein weiser Lehrer schreiten einträchtig über den Platz vor der gewaltigen Londoner Kathedrale von St. Paul, um dieselbe im gerade anhebenden Glockengeläut zu betreten.

Apropos Glocken – die bringen uns zurück zu unserem Freund Siebenkäs im Ersten Blumenstück, denn davon erwacht er schliesslich aus seinem Albtraum. Um erfreut festzustellen, dass die ganzen hübschen Blumen auf seiner Wiese samt Bienchen, Käferchen und eben den im Tal läutenden Kirchenglocken alle noch da sind. „Meine Seele weinte vor Freude, dass sie wieder Gott anbeten konnte“, berichtet Siebenkäs, „… zwischen dem Himmel und der Erde streckte eine frohe vergängliche Welt ihre kurzen Flügel aus und lebte, wie ich, vor dem unendlichen Vater; und von der ganzen Natur um mich flossen friedliche Töne aus, wie von fernen Abendglocken.“ Wäre er vielleicht erschrocken, hätte statt dessen der Muezzin seinen Ruf vom nahen Minarett erschallen lassen? Die Frage ist natürlich unfair gegenüber dem Autor, der eben in seiner eigenen Zeit lebte und mit deren Problemen konfrontiert war wie wir mit unseren – auch könnte man Jean Pauls Credo durchaus so interpretieren, dass er den Ruf des Muezzins als eine weitere Lebensäusserung eines willkommenen Mitgeschöpfs begriffen hätte und die verschiedenen Religionslehren als jeweils legitime Übersetzungen der einen, namenlosen Religion.

Wie schwer die Kunst der Übersetzung aber zuweilen sein kann, zeigt sich schon am Titel „Gischt“, der 1892 für die deutsche Fassung von Kingsleys „Yeast“ gewählt worden war: Mag es auch eine komplizierte philologische Erklärung geben, warum „Gischt“ und „Yeast“ auf eine gemeinsame indogermanische Wurzel zurückgehen und deshalb eigentlich dasselbe Wort seien, so ist die Bedeutung im alltäglichen Leben doch durchaus unterschiedlich. „Yeast“ heisst „Hefe“ und war von Kingsley im Revolutionsjahr 1848 bewusst für das englische Original gewählt worden, um eine „Gärung der Ideen“ anzudeuten, von der er sich bezüglich des Christian Socialism viel versprochen hatte. Lancelot Smith ist kein von Anfang an fertiger Charakter, sondern durchläuft eine Entwicklung wie Goethes Wilhelm Meister, den Kingsleys Lehrer Thomas Carlyle ins Englische übersetzt und auf der Insel bekannt gemacht hatte. Nun haftete aber der Gärung der Ideen im deutschen Kaiserreich, zwei Jahre nach der Aufhebung des Verbots der SPD und des Rücktritts Otto von Bismarcks, noch ein durchaus delikater Beigeschmack an. Den Roman „Gischt“ zu nennen statt bei seinem wahren Namen, war ein Akt des Selbstbetrugs, eine Verlegenheitsgeste, um eine nicht vorhandene Harmonie herbeizureden und zu verbergen, dass hier Sachverhalte angesprochen wurden, die in nicht allzu ferner Zukunft noch zu gewaltigen Konflikten führen mussten. Die Lebensbedingungen der Arbeiter in den noch verhältnismässig jungen Industriezentren Deutschlands waren keineswegs um so viel besser als die Erlebnisse Lancelot Smiths, und wenn schon von der Gärung auf den dabei entstehenden Schaum abgelenkt werden sollte, dann wäre „Abschaum“ ein weitaus treffenderer Titel gewesen als „Gischt“.

Tilman2007, Hin geht die Zeit, her kommt der Tod, Gott schütze uns vor Krieg und Not, 1917. Evangelische Morizkirche Coburg, 2014Apropos Abschaum – das bringt uns zurück zu unserem Freund dem Ritter Lancelot von Christoph Hein. Den treffen wir nämlich im Gefängnis wieder: Sein Schöpfer hatte 10 Jahre nach 1989 einen Epilog, den wenig bekannten Einakter „In Acht und Bann“ verfasst. Ministerpräsident Mordret hat die alte Garde des Artus-Reichs inzwischen inhaftieren lassen und wird von Klingsor beraten, doch Lancelot und Keie tun so als sei nichts geschehen und die ganze bisherige Geschichte der vergeblichen Gralssuche sei keineswegs ein Hinweis, dass an ihrem Gedankengebäude irgendetwas geändert werden müsse, sondern lediglich auf das unzulängliche Menschenmaterial zurückzuführen. Beim Freigang im Gefängnishof lästern sie über ihren Mitgefangenen Orilus, der seiner Frau Jeschute eine Nachricht nach draussen schickt, er sei jetzt gläubiger Christ und würde sich gern mit ihr kirchlich trauen lassen – ein frommer Wunsch, war Jeschute doch noch im letzten Akt der „Ritter der Tafelrunde“ beim Fremdgehen mit Mordret erwischt worden. Parzival ist ebenfalls Mitgefangener, doch wie schon damals hält er sich weiterhin abseits von den alten Hardlinern und widmet die Freigangszeit dem von ihm im Gefängnishof angelegten Blumenbeet. Sein Ziel ist ein Beet, auf dem das ganze Jahr über Blumen blühen sollen – Artus gesellt sich zu ihm und sie rupfen schweigend das Unkraut.

Nach diesem glücklich vollzogenen Brückenschlag zurück zum alten Siebenkäs auf seiner Blumenwiese könnten wir uns zwar zufrieden zurücklehnen und das Jean-Paul-Jahr zu Ende feiern, doch schwant mir, dass diesem Johann Paul Friedrich Richter als passioniertem Satiriker ein solches Ende vielleicht nicht gerecht würde. Es wäre ihm durchaus zuzutrauen, dass er – durch eine Zeitmaschine ins heutige Coburg versetzt – unsere Fixiertheit auf Jahrestage einer gehörigen Behandlung mit den Produkten seiner „Essigfabrik“ unterzöge. Deshalb noch eine kleine Geschichte, die 10 Jahre vor 1989 in Leipzig die Runde machte – ein Mann kauft beim Bäcker 15 Brötchen und stellt sich danach sofort wieder hinten an. Als er, nach geduldigem Warten wieder bei der Verkäuferin angekommen, abermals 15 Brötchen verlangt und daraufhin die naheliegende Frage gestellt bekommt warum er nicht gleich 30 Brötchen gekauft habe, ruft er: „Hören Sie bloss auf – ich kann die Zahl nicht mehr hören!“

Wie schön, dass in Leipzig die Zeiten der überall plakatierten DDR-Jahrestage vorbei sind – und wie schön, dass in Bayreuth nicht nur Klingsors Zaubergarten im Rampenlicht des Festspielhauses steht, sondern daneben auch im Garten des Jean-Paul-Museums der Ritter Parzival von Christoph Hein und der alte Siebenkäs zusammen die Blumen giessen.

Keira Christina Knightley als Guinevere in King Arthur, 2004

Bilder: Ernst Dorn (1889-1927): Idyllischer Altstadtwinkel mit Brunnen u. Blick auf die Morizkirche, Öl auf Leinwand, 1919;
Störfix: Morizkirche in Coburg, davor Steingasse 16, 25. Dezember 2010<;
Tilman 2007:

Hin geht die Zeit
Her kommt der Tod
Gott schütze uns vor Krieg und Not!

1917: Evangelische Kirche (Morizkirche Coburg), für Wiki Loves Monuments 2014;
Keira Knightley als Guinevere in King Arthur, 2004 via Filmweb.

Written by Wolf

10. Januar 2015 at 00:01

Nous sommes Voltaire, Muhammad et Charlie

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Update zu Die west-östlichen Sofata:

Mesdames et Messieurs, die meinen uns. Egal wer die fehlgeleiteten Wurstel in Paris zu ihrem unheiligen Kriegszug beauftragt hat — es war niemand, dem etwas an irgend einer Religion liegt; es war jemand, der Errungenschaften wie die Encyclopédie und französische Comics endlich mal ernst nimmt — tödlich ernst.

——— Voltaire: Brief an Abbé Le Riche, 6. Februar 1770:

Portrait Muhammad Abduh, MoviesPictures.orgMonsieur l’abbé, je déteste ce que vous écrivez, mais je donnerai ma vie pour que vous puissiez continuer à écrire.

Mesdames et Messieurs, die meinen uns. In offen konsumkapitalistischen Gesellschaften sind solche wie wir nur volkswirtschaftlich so entbehrlich, dass wir von den Machtinhabern grundsätzlich gewürdigt und bis jetzt sogar ein bisschen schamhaft aussortiert werden; in religiös affirmativen Gesellschaften gehören wir offenbar dutzendweise abgeknallt.

——— Großmufti Muhammad Abduh,
1849 bis 11. Juli 1905:

Ich ging in den Westen und sah Islam, aber keine Muslime. Ich kehrte in den Osten zurück und sah Muslime, aber keinen Islam.

Mesdames et Messieurs, die meinen uns. Mein faustisch geprägter Pantheos und ich nehmen das persönlich. Wenn das Religion ist, nehm ich die Comics.

Bild: Biography of Abduh, Muhammad.

(Tim Neshitov: Irland, das islamischste Land der Welt erschien in der Süddeutschen Zeitung vom Mittwoch, 7. Januar 2015, entstand also noch ohne den Eindruck der gegen eine Pariser Witzheftchenbude, Denken, Sprechen, Schreiben, Kunst und Anstand gerichteten Nine-Eleven-Aktion.)

Written by Wolf

8. Januar 2015 at 06:44

Veröffentlicht in Aufklärung, Glaube & Eifer

Cit. Schmidt, A.: Faust IV, 1960

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Update zu Hastig die ärmlichen Verse:

——— Arno Schmidt:

Der Platz, an dem ich schreibe

Oktober 1960, Motto:

Mefista, (in männlicher Tracht; Faust präsentierend): ..:
der Herr ist Autor.

Sorbin, (jung, 15=jährig, in anmutig gebrochenem Deutsch):
Was iest ein ‚Au=torr‘?

Mefista, (rasch gefaßt): Ein Autor?: ist Derjenige, dem ‚ein Stock im Petticoat‘ beim Anblick dessen einfällt, wozu ein Leser zeitlebens ‚Schirm‘ sagt.

(Arno Schmidt, FAUST, IV. Teil, Szene 16)

Marguerite Gisele, Zettels Traum, 25. Mai 2011

In weiblicher Tracht: Marguerite Gisele: Zettels Traum, 25. Mai 2011 mit Zettel’s Traum, 1970, in Berlin.

PS: Marguerite Gisele ist Fotografin und Buchhändlerin in München und Berlin.

PPS: Ein Exemplar von Zettel’s Traum vor der Satzversion bei Suhrkamp zählt zu den ganz wenigen irdischen Besitztümern, die eine Person respektabler machen.

PPPS: Wenn die Schöpfung eine Krone hätte, so wären es rothaarige Buchhändlerinnen.

Written by Wolf

6. Januar 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Weisheit & Sophisterei