Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for the ‘Ehestand & Buhlschaft’ Category

Ein Nichts, ein Zwischenraum (Jedenfalls sie hattens nicht)

leave a comment »

Update zu Menschenhaß! Ein Haß über ein ganzes Menschengeschlecht! O Gott! Ist es möglich, daß ein Menschenherz weit genug für so viel Haß ist!
und Ich will mich wie mein Schwanz erheben:

Sinaida Serebrjakowa

Neues aus meiner Jugend: Als meine Eltern glaubten, in meinem verrammelten Zimmer läse ich das, was sie bis heute „hochgestochene Gedichtebücher“ nennen, so hatten sie recht. Ebenfalls bis heute wäre ihnen nie im Leben zu vermitteln, was da eigentlich drinsteht — und mir, wie man endlich einen russischen Roman über 800 Seiten durchhält. Anderes Thema.

Sinaida Serebrjakowa, Portrait of daughter Ekaterina Serebriakova, 1928Mit 14 gingen für mich allerdings die Kurzgeschichten von Čechov, Peter-Urban-Übersetzung von 1976, und die schmissigeren Gedichte von Puschkin klar. Bleiben wir bei letzterem. Wenn meine Eltern das geahnt hätten, dass mir eine Ballade von ihm — um sie nicht als Büttenrede abzuqualifizieren — eine Woche lang erspart hat, meine selbstverfertigten Ferkeleien auf dem Schulhof für 20 Pfennig pro Durchschlag zu verhökern.

1822 war Puschkin 23, ein adliger Offizierssohn in russischen Staatsdiensten in Saft und Kraft, und durfte dergleichen schreiben — gerade weil er den gleichen Fehler machte wie weiter westlich sein Schreiber- und Romantikerkollege E.T.A. Hoffmann und sich durch satirische Zusetzungen mit seinen Petersburger Vorgesetzten anlegte. Ich kannte mit 14 die Übersetzung aus seiner Gesamtausgabe bei Insel, die von 1968 stammt, und habe immer bedauert, mir diese Textmenge nie ganz auswendig gemerkt zu haben.

Vielleicht hat sich meine Faulheit beim Auswendiglernen gelohnt, weil mir heute eine Übersetzung von 1998 über den Weg läuft, die um einiges souveräner daherkommt. Menschen, die ziemlich viel von Russisch und speziell von Puschkin verstehen, geben mir die Einschätzung, die Übersetzung sei „stellenweise etwas künstlerisch freizüngig und modernisiert, erkennte da jeder noch seinen Puschkin? Nuja, andererseits: Warum nicht, könnte vielleicht als sowas wie der 40-Töchter-Rap durchgehen.“ — Wie ich sagte, ohne unmittelbar mit Puschkins Original vergleichen zu können: souverän.

Zusätzlich zu seinem Husarenstück liefert Dietrich Gerhardt seinen Fachartikel: X. Puschkins Gedicht „Zar Nikita und seine vierzig Töchter“, den ich zu Einordnung und Verständnis warm empfehle und auch von den o. a. puschkinverständigen Menschen als „erhellend und kurzweilig“ eingestuft wird. — Auszug:

Der Text des „Zaren Nikita“ ist ein interessantes Mittelding zwischen authentischer, d. h. handschriftlich gestützter Überlieferung und oraler Tradition. Bei abnormen, in diesem Falle gegen die Konvention gerichteten Produkten ist so etwas gar nicht so selten; man denke etwa an die vielen „normalen“ Texte mit „abnormalen“ und nur mündlich tradierten Fortsetzungen oder an das große Gebiet der politischen Dichtung. Nur Vers 1 bis 26 sind in einem Autographen Puschkins erhalten, alles übrige beruht auf dem, was vor allem Puschkins Bruder Lev Sergeevič und andere wie M. N. Longinov in ihren Gedächtnissen bewahrt haben und was von den verschiedensten Hörern in Nachschriften fixiert wurde. Bis Vers 76 stimmen zwar zahlreiche dieser Notate überein, aber von da an gibt die textliche Basis kein völlig klares Bild mehr von einem oder mehreren Textstadien. Da die zaristische Zensur, die Puschkin selbst am Schluß des authentischen Teils als fromme, allzu prüde Närrin angeht, gegen eine Veröffentlichung in Rußland sicherlich Einspruch, wenn nicht mehr, erhoben hätte, treten von der Jahrhundertmitte an ausländische Publikationen in die Bresche und führen zu den ersten Abdrucken. Dann beginnen die neueren Ausgaben bis hin zu der letzten akademischen Gesamtedition. Neuere Textzeugen sind nun wohl nicht mehr zu erwarten und der Wortlaut steht nach der dort geleisteten peniblen Puzzle-Arbeit im wesentlichen fest.

Die erwähnten Bilder von Nina Ivanovna Ljubavina und Elena Anatolevna Gliznecova sind mit meinen Mitteln — sprich: Russischkenntnissen — nicht aufzutreiben, aber eine Gegenüberstellung der zwei bekannten, sehr vergnüglichen Übersetzungen, das geht. — Für die Russen unter uns — zuvörderst zur Feststellung, warum die Übersetzungen unterschiedlich lang geraten mussten, — steht das kyrillische Original auf Wikisource und öfter.

Sinaida Serebrjakowa

——— Alexander Sergejewitsch Puschkin:

Zar Nikita und seine vierzig Töchter

1822:

Deutsche Übersetzung: Lieselotte Remané, 1968:

Zar Nikita, reich und mächtig,
Lebte lustig, lebte prächtig,
War vielleicht kein Bösewicht.
Doch auch Gutes tat er nicht.
Meistens mußte er sich plagen –
Tags mit Eß- und Trinkgelagen
Und mit seinen Fraun bei Nacht,
Bis sie ihm zur Welt gebracht
Vierzig Töchter, die vergleichbar
Gottes Engeln, unerreichbar
Klug und liebenswert und schön.
Welche Wonne, nur zu sehn
Diese Köpfchen, diese Haare,
Diene holden Augenpaare
Und die schlanken Beine gar!
All das schien bestimmt, fürwahr.
Männer auf die Knie zu zwingen
Und um den Verstand zu bringen,
Fehlte nicht – zu ihrem Leid –
Allen eine Kleinigkeit …
Doch wie soll ich das erklären? …
Soll ich’s wagen, mich nicht scheren
Um Gesittung und Moral?
Sei’s drum, schließlich ist’s egal.
Ob pedantische Zensoren,
Mucker, Heuchler und Pastoren
Lauthals gleich ihr Veto schrein!
Also: diesen Jüngferlein …
Fehlte zwischen ihren Beinen …
Nein! Das mag zu deutlich scheinen …
Lieber Gott, wie fang ich’s an?
Ob man’s so umschreiben kann?:
Venus, reizen mein Gelüste
Nur dein Mund und deine Brüste?
Ach, der Liebe letzter Traum
Ist ein Nichts, ein Zwischenraum.
Nun, den Töchterchen des Zaren,
Die so lieb und lustig waren,
Und so holden Angesichts,
Fehlte eben dieses Nichts.
Trog nicht solcherlei Entartung
Schließlich jedes Manns Erwartung?
Ach, der Zar war fassungslos,
Und nicht minder schwer verdroß
Es die mütterlichen Damen.
Als das Volk dann durch die Ammen
Diesen Hoffskandal erfuhr,
Sperrte jeder sprachlos nur
Auf das Maul, doch was er dachte,
Sagte keiner. Alles lachte
Heimlich bloß – man kann’s verstehn –
Um nicht nach Nertschinsk zu gehn.
Sämtliche Lakain und Ammen
Rief der Zar deshalb zusammen
Und verbot, daß irgendwer
Noch darob ein Wort verlor.
„Keiner soll sich mehr erfrechen,
Laut von Fleischeslust zu sprechen,
Damit meinen Töchtern nicht
Liebesgram die Herzen bricht.
Weibern, die sich lustig machen,
Über meine Töchter gar,
Über ihr Gebrechen lachen
– Drohte der erzürnte Zar –,
Schneide ich die Zunge raus.
Und den Männern – freiheraus
Sei’s gesagt, ihr sollt nicht meinen,
Daß ich scherze – das Gemächt!“
Hart war dies, jedoch gerecht,
Und so gab es schließlich keinen,
Der Gehorsam nicht gezeigt,
Dem Dekret sich nicht gebeugt.
Alle hielten steif die Ohren,
Waren um ihr höchstes Gut
Stets wohlweislich auf der Hut.
Manch ein Weib gab schon verloren
Ihren redseligen Mann,
Doch der dachte unverfroren:
Fing sie doch zu schwätzen an!
(Denn er wünschte sie zum Teufel).
Als die vierzig Jüngferlein
Heiratsfähig ohne Zweifel
Schienen allesamt zu sein,
Da berief der fromme Zar
Heimlich zu sich die Bojaren,
Denn kein Diener sollt’s erfahren –
Legte seinen Kummer dar,
Bat sie, Rat ihm zu erteilen,
Wie das Übel wär zu heilen.
Aus der Würdenträger Chor
Trat ein greiser Ratsherr vor.
Und verneigte sich vor allen.
Da ihm grad was eingefallen,
Tippte sich der alte Tropf
Plötzlich auf den kahlen Kopf
Und begann drauflos zu schwätzen:
„Weiser, edler Zar, verzeiht
Gnädigst mir die Dreistigkeit
Meiner Rede! Nicht verletzen
Möcht ich Anstand und Moral.
Doch ich kann in diesem Fall
Nicht vom Sumpf der Wollust schweigen,
Die vergangnen Zeiten eigen.
Eine üble Kupplerin,
Der ich einst begegnet bin
(Weiß nicht, wo sie dann geblieben,
Und was sie seitdem getrieben),
Galt als Hexe und verstand
Von der Heilkunst allerhand.
Sie zu finden muß gelingen,
Einzig sie kann Rettung bringen!“
„Sucht die Hexe, findet sie“,
Schrie der Zar, „gleichgültig, wie!“
Sollte uns das Weib belügen,
Hintergehen, frech betrügen,
Mag man mich ein Hundsfott nennen,
Gäb zum Rosenmontag ich
Nicht Befehl, sie zu verbrennen.
Doch Gott hilft uns sicherlich!“

Heimlich ließ er von Kurieren
Nach der Hexe spionieren,
Rundherum im ganzen Land
Wurden Boten ausgesandt.
Sie durchsuchten alles gründlich,
Doch wohin ihr Blick auch drang,
Allerwegen unauffindlich
Blieb das Weib zwei Jahre lang.
Endlich konnt nach wildem Ritte
Einer eine Spur erspähn,
Sah im Wald dann eine Hütte
Tief versteckt im Dickicht stehn
(Eigenhändig, ohne Zweifel,
Führte dorthin ihn der Teufel.),
Und, fürwahr, er fand darin
Die gesuchte Zauberin.
Als Gesandter seines Zaren
Konnt er Höflichkeit sich sparen,
Trat gleich ein ganz ungeniert,
Sagte, was ihn hergeführt.
Was den Zarentöchtern fehlte.
Eh, daß er’s zu End‘ erzählte,
War der Alten völlig klar,
Was des Zaren Auftrag war.
Aus dem Haus hieß sie ihn gehen,
Keinesfalls sich umzusehen.
„Fort“, schrie sie, „sonst packt dich Tropf
Böses Fieber gleich beim Schopf! …
Komme wieder nach drei Tagen.
Meine Antwort zu erfragen,
Doch beim ersten Frührotschein!“
Dann schloß sich die Hexe ein,
Unterm Kessel Glut zu schüren
Und den Satan zu zitieren.
Und der Teufel kam und gab
Selbst ein Kästchen bei ihr ab,
Voll von jenen Gottesgaben,
Dran sich Wollüstlinge laben.
Jede Farbe war parat.
Ganz zu schweigen vom Format.
Doch die Hexe reservierte
Für die Zarentöchterlein
Nur die schönsten und sortierte,
Wohlverpackt in Tüchlein fein,
Sie ins Kästchen wieder ein.
Als der Bote nach drei Tagen
Wiederkam, gab sie’s ihm mit,
Hieß ihn heimwärts schnell zu jagen,
Schenkte für den langen Ritt
Ihm ein Geldstück noch zum Lohn.
Eiligst brauste er davon.
Aber schon nach ein paar Stunden
Spürte Hunger er und Durst,
Machte Rast und ließ sich munden
Wodka, Brot und Speck und Wurst –
War als ordentlicher Mann
Wohlversorgt mit Trank und Essen.
Während auch sein Gaul indessen
Friedlich graste, fing er an,
Sich den Lohn schon auszumalen.
Den der Zar spendieren könnt.
Ob er Tausende wird zahlen
Und zum Grafen ihn ernennt?
Doch was schickt das Weib dem Zaren,
Was ist in dem Kasten drin?
Allzugern möcht er’s erfahren,
Leider, ach, verschloß sie ihn.
Neugier wachsen und Begehren.
Noch steht seine Furcht davor …
An das Schloß preßt er sein Ohr,
Aber nichts ist drin zu hören.
Schließlich schnuppert er daran …
Fährt zurück und ruft : „Beim Teufel
Ja, das ist doch … ohne Zweifel! …
Na, das seh ich mir gleich an!“
Doch kaum hat er aufgebrochen
Die Schatulle, schwirrte schon,
Was darin so gut gerochen.
Wie ein Vogelschwarm davon.
Ringsum ließen sie sich nieder.
Wiegten auf den Zweigen sich.
Rief nach ihnen flehentlich
Unser Bursch auch immer wieder,
Streute er auch Stück um Stück
Seinen Zwieback aus, vergebens!
Keines kam zu ihm zurück,
Alle freuten sich des Lebens
Mehr in Freiheit, statt im engen
Dunklen Käfig sich zu drängen.
Schließlich kam des Wegs gezogen
Just ein altes Weib daher,
Tief gebeugt, krumm wie ein Bogen,
An der Krücke keuchend schwer.
Und der Bursch fiel ihr zu Füßen:
„Meine Vögel“, schrie er, „sieh,
Ließ ich fliegen! Schrecklich büßen
Werd ich’s, Mutter! Sag mir, wie
Krieg ich sie ins Kästchen wieder?“
Und die Alte hob den Kopf,
Spuckte aus, sah auf ihn nieder,
Zischte nur: „Heul nicht, du Tropf,
Hast dich übel zwar vergangen,
Doch nicht schwer ist’s, sie zu fangen,
Denn sie wissen, wo ihr Platz,
Knöpf nur auf den Hosenlatz!“
„Danke“, sprach er – und ließ sehen,
Was man sonst nicht zeigt so frei.
Kaum jedoch war dies geschehen,
Flog der Schwarm auch schon herbei.
Um nicht Schlimmres zu erfahren,
Faßte er die Vögelein,
Sperrte alle wieder ein
Und ritt weiter, heim zum Zaren.
Von den Töchtern setzte jede
Fröhlich ohne Widerrede
Einen in ihr eignes Nest.
Und dann gab der Zar ein Fest.
Sieben Tage ging die Fete,
Zechte man in Saus und Braus,
Dreißig Tage schlief man aus,
Und dann kriegten alle Räte
Von des Zaren eigner Hand
Umgehängt ein Ordensband.
Auch der alten Hexe sandte
Zar Nikita, eingedenk
Ihrer Künste, als Geschenk
Eine ziemlich abgebrannte
Kerze, ein Museumsstück,
Und zu ihrem höchsten Glück,
Was Erstaunen wohl erregte,
Zwei in Spiritus gelegte
Schlangen, sowie zwei Skelette
Aus demselben Kabinette …
Auch der Bote ward bedacht.
Damit schließ ich, gute Nacht!

Deutsche Übersetzung: Dietrich Gerhardt, 1998:

Irgendwo auf dieser Welt,
Wo, das sei dahingestellt,
Lebte seine Dolce Vita
Einst ein Zar, genannt Nikita;
Machte seinem Musterlande
Nicht viel Ehre, nicht viel Schande,
Tat nicht viel und aß und trank,
Sagte seinem Schöpfer Dank,
Und zu vieler Mütter Glück
Zeugt’ er Töchter, vierzig Stück,
Vierzig Töchter ohne Mängel,
Vierzig Mädchen wie die Engel,
Schöne Mädchen, wie ich meine,
Lieber Himmel, was für Beine!
Was für Köpfchen, schwarzes Haar,
Augen, Stimme wunderbar,
Und ein Geist, der uns begeistert,
Herz und Sinne gleich bemeistert,
Kurz, von Kopf bis Fuß vollkommen –
Ihnen war nur Eins benommen.
Was denn? Eine – Bagatelle,
Fast ein Nichts auf alle Fälle,
Ganz egal, aus welcher Sicht.
Jedenfalls sie hattens nicht.
Ja wie soll mans nur erklären,
Ums moralisch zu bewähren
Vor der Mutter der Kultur,
Unsrer kitzlichen Zensur?
Nun, was solls, es muß wohl sein.
Zwischen ihren Beinen – Nein,
Das fällt allzu deutlich aus.
Anders wird ein Schuh daraus:
Venus zeigt mir nicht alleine
Busen, Lippen, schöne Beine,
Auch den Feuerherd der Liebe,
Ziel des heißesten der Triebe.
Nun, was ist wohl diese Stelle?
Eine kleine Bagatelle,
Und just diese hatten schlicht
Unsre schönen Töchter nicht.
Die genetische Bewendnis
Sahen ohne viel Verständnis
Alle höfischen Berater.
Traurig war es für den Vater
Und die Mütterschar zusammen.
Als von ihren Hebeammen
Man erfuhr, was da geschehen,
Ließ das Volk sich schmerzlich gehen,
Stöhnte, raufte sich das Haar,
Mancher fand es komisch gar,
Doch in aller Heimlichkeit,
Denn Sibirien war nicht weit.
Seinen Hofstaat zu erbauen,
Auch die frommen Kinderfrauen,
Gab der Zar nun dies Gebot:
„Wer es wagt und ohne Not
Meine Töchter Sünde lehrt,
Oder nicht zu denken wehrt,
Oder ihnen nicht verhehlt,
Daß bei ihnen etwas fehlt,
Oder mit obszönen Gesten
Oder Worten sie will testen,
Dem, das sollten Weiber wissen,
Wird die Zunge ausgerissen,
Wenns ein Er ist schlimmstenfalles
Etwas andres, manchmal pralles.
„So gerecht war unser Zar,
Wie er streng und deutlich war.
Das Gebot war recht und billig.
Jeder unterwarf sich willig,
Lebte nun mit Vorbedacht
Nahm sein Hab und Gut in Acht.
Zwar die armen Weiber hatten
In die Schweigsamkeit der Gatten
Nicht das nötige Vertrauen.
„Schuld sind immer nur die Frauen!“
Dachten jene ärgerlich
Und erbost ihr Teil für sich.
Und so wuchsen sie heran,
Was man nur bedauern kann.
Vor dem Rate legt der Zar
Schließlich seine Sache dar,
So und so, und ziemlich frei
Wenn kein Dienerohr dabei.
Viele dachten nach im Staat
Wie das wohl zu heilen sei.
Da erschien ein alter Rat
Grüßte, schlug sich vor die Glatze
Und begann ein Mordsgeschwatze:
Herr und Zar, du großes Licht,
Strafe meine Frechheit nicht,
Wenn ich sage, wie vor Zeiten
Man verfuhr mit Fleischlichkeiten.
Mir war einst in unserm Land
Eine Kupplerin bekannt.
Wo und was sie heute treibt
Sicher ist sie, was sie bleibt:
Weitberühmt durch Hexerei
Macht sie aller Krankheit frei,
Heilt so Leib- wie Gliederschwächen,
Husten, Brust- und Seitenstechen.
Diese muß man suchen lassen.
Sie wirds schon in Ordnung bringen,
Kennt sich aus in solchen Dingen.
„Also kriegt sie mir zu fassen!“
Rief der Zar mit Zornesblicken,
„Augenblicklich nach ihr schicken!
Doch wenn sie sich untersteht,
Nicht beschafft, worum es geht,
Uns mit Lügerei umgaukelt
Oder anderswie verschaukelt,
Werde ich, so wahr ich Zar bin
Und im Kopfe halbwegs klar bin,
Ihr den Scheiterhaufen schüren
Und damit den Himmel rühren.
„Also schickt man heimlich-leise
Per Expreß in größter Eile
Seine Häscher auf die Reise
Fort in alle Landesteile,
Und sie fahnden rings in Scharen
Nach der Hexe für den Zaren.
Ein-zwei Jahre gehn ins Land,
Nichts wird irgendwo bekannt.
Bis ein Junge, aufgeweckt,
Eine heiße Spur entdeckt.
Wie vom Teufel selbst gestoßen
Kam er in den Wald, den großen,
Sieht: Ein Häuschen steht im Wald,
Drin die Hexe, grau und alt,
Und als Bote seines Zaren
Achtlos möglicher Gefahren,
Tritt er ein und grüßt sie keck,
Spricht von seinem Reisezweck,
Stellt die vierzig Töchter dar,
Und was nicht vorhanden war.
Nun, die Alte riecht den Braten
Und befördert den Soldaten
Rasch zur Tür hinaus: „Verschwinde!
Und wirf keinen Blick zurück,
In drei Tagen hol ein Stück
Dir als Antwort-Angebinde.
Und vergiß nicht: Früh am Tage,
Sonst besiehst du Not und Plage!
„Hinter fest verschlossner Tür
Zaubert sie dann nach Gebühr,
Drei Mal vierundzwanzig Stunden,
Bis den Teufel sie gebunden,
Bis er für das Zarenschloß
Selber ihr ein Kästchen goß,
Voll mit frevelhaften Dingen,
Denen Männer Opfer bringen.
Alle gabs mit Zubehör,
Jede Größe und Couleur,
Auch gelockte, erste Wahl,
Von der ganzen großen Zahl
Nahm die Hexe sich heraus.
Sucht die vierzig schönsten aus,
Eine Serviette drum,
Dreht den Schlüssel um und um.
Schickt ihn damit auf die Reise,
Gibt ihm Geld für Trank und Speise.
Der geht los im Morgenrot,
Will mit seinem Früstücksbrot
Zur Siesta sich bequemen.
Etwas Wodka zu sich nehmen,
Hatte alles mit Bedacht
Für den Rückweg mitgebracht.
Bald ist alles aufgezehrt.
Ruhig dösen Mensch und Pferd
Nun in süßen Träumerein:
Loben wird ihn der Regent,
Wenn er ihn nicht gar ernennt …
Was schließt wohl das Kästchen ein?
Was ists wohl für ein Präsent?
Fruchtlos schaut er durch die Spalten.
Ärgerlich! Die Schlösser halten.
Und die Neugier plagt und brennt,
Fängt zu jucken an, zu bohren.
An das Schloß hält er die Ohren:
Nichts dringt aus dem Schlüsselloch.
Doch wies riecht – das kennt er doch?
Gott verdammt, was ist geschehen?
Etwas könnte man mal sehen.
Und den Jäger hielts nicht mehr.
Kaum kriegt er den Schlüssel her,
Sind die Vögel ausgeflogen,
Haben ringsum sich verzogen,
Husch! – im Kreise auf die Äste
Schwänzeln die befreiten Gäste.
Unser Jäger rief erschrocken,
Wollte sie mit Zwieback locken,
Streute Krümel aus – vergebens
(Klar: Sie brauchten andre Speise!),
Sangen, freuten sich des Lebens,
Und zurück auf keine Weise!
Doch da kommt den Weg entlang
Grad im Krücken-Humpelgang
Lahm die Beine, krumm die Knochen,
Eine alte Frau gekrochen.
Jener fällt ihr – bums! – zu Füßen:
„Muß mit meinem Kopfe büßen,
Hilf mir, Mutter, steht mir bei,
Sieh nur, diese Schweinerei!
Ich kann sie nicht wieder fangen.
Wie ist das bloß zugegangen?“
Als sies übersehen kann,
Spuckt sie aus und zischelt dann:
„Böses hast Du angestellt,
Doch sieh mutig in die Welt,
Brauchst den Vögeln nur zu zeigen …,
Runter sind sie von den Zweigen.“
„Danke“, sprach er, „sei gepriesen.“
Hat es ihnen kaum gewiesen,
Sind sie schon herab geflattert
Und zu neuer Haft vergattert.
Weil dies Pech genug gewesen,
Sperrt er ohne Federlesen
Alle vierzig in den Kasten,
Macht sich heimwärts ohne Rasten,
Um sie heil zu überbringen,
Wo die Mädchen sie empfingen,
Schnurstracks in den Käfig taten,
Sehr zur Lust des Potentaten.
Gleich gabs dann ein Festgelage,
Und man zechte sieben Tage,
Und erholte sich vier Wochen.
Lob und Dank ward ausgesprochen,
Auch der Hexe nicht vergessen.
Ihr ward nämlich zugemessen
Aus dem Wunderkabinette
Zwei Reptilien, zwei Skelette,
Und – man wunderte sich wohl –
Aschenbrand in Alkohol.
Auch der Jäger ging nicht leer aus.
Das ist meines Märchens Kehraus.

***

Viele werden mich wohl schmähen,
Weil sie gern begründet sähen,
Wie man so was schreiben kann.
Nun, ich kanns. Was geht sies an?

Sinaida Serebrjakowa

Bilder: Vaginalose russische Akte von Sinaida Serebrjakow, 1884–1967. Das zweite von oben, das Hochformat, ist ein Portrait von Ekaterina, der Künstlerinnentochter, 1928.

Sinaida Serebrjakowa

Soundtrack: Beloe Zlato („Weißes Gold“): Über den stillen Fluss: stubenreines, jugendfreies russisches Volksgut.

Written by Wolf

23. Juni 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Romantik

O süßes Lied

leave a comment »

Die Leute wollen neben der Politik und dem Aktuellen etwas haben, was sie ihrer Freundin schenken können. Sie glauben gar nicht, wie das fehlt.

(Riesenschnörkel) Ernst Rowohlt, in: Kurt Tucholsky: Schloss Gripsholm, 1931.

——— Rainer Maria Rilke:

Liebes-Lied

aus: Neue Gedichte, 1907:

Russian Academy of Painting, Repin & Surikov. PortraitsWie soll ich meine Seele halten, daß
sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie
hinheben über dich zu andern Dingen?
Ach gerne möcht ich sie bei irgendwas
Verlorenem im Dunkel unterbringen
an einer fremden stillen Stelle, die
nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen.
Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,
der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.
Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Geiger hat uns in der Hand?
O süßes Lied.

~~~\~~~~~~~/~~~

Und welche Geigerin: Repin & Surikov
via Russian Academy of Painting.

O süße Lieder: Soundtracks mit aufsteigendem Spaßfaktor:

  1. Vertonung: Schönherz & Fleer, Rezitation: Rudolph Moshammer (sic) in: Rilke Projekt I: Bis an alle Sterne, März 2001;
  2. weil die gültige Vertonung von Einojuhani Rautavaara: Die Liebenden. Liederzyklus für hohe Stimme und Streichorchester, 1958–1959, aus Liebes-Lied, Der Schauende, Die Liebende und Der Tod der Geliebten nicht realistisch aufzutreiben ist: Heinrich Ignaz Franz von Bibern: Passacaglia: Der Schutzengel, aus: Rosenkranz-Sonaten, 1676, von Elicia Silverstein auf Barockvioline;
  3. weil der Lieblingsdialog des musikalisch fühlenden Menschen zwischen Geige und Klavier, die Mozart-Violinsonaten, die eigentlich Doppelsonaten sind, in der Aufführung dem goldigsten aller Geschwisterpärchen Gil und Orli Shaham, nicht mehr realistisch aufzutreiben ist, jedenfalls nicht ohne die DVD, die man wie oben vom Herrn Verleger vorgeschlagen wunderbar seinen Freunden schenken kann: Mean Mary: Sea Red, Sea Blue, 2014;
  4. und jetzt alle: Anna Roberts-Gevalt, friends & family auf Full Moon Jam, daheim in Eggleston, Virginia: The Ballad of Sally Ann, September 2010:

~~~\~~~~~~~/~~~

~~~\~~~~~~~/~~~

~~~\~~~~~~~/~~~

Written by Wolf

5. Mai 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Novecento

Flämmchen

leave a comment »

Update zu Lasst mich scheinen, bis ich werde
und Ein holprichtes Lied mit tiefer und rauher Stimme:

Nichts ist törichter als die Frage, welcher Dichter größer sei als der andere. Flamme ist Flamme, und ihr Gewicht läßt sich nicht bestimmen nach Pfund und Unze. Nur platter Krämersinn kommt mit seiner schäbigen Käsewaage und will den Genius wiegen. Nicht bloß die Alten, sondern auch manche Neuere haben Dichtungen geliefert, worin die Flamme der Poesie ebenso prachtvoll lodert wie in den Meisterwerken von Shakespeare, Cervantes und Goethe.

Einleitung von Heinrich Heine in: Der sinnreiche Junker Don Quixote von La Mancha. Von Miguel Cervantes de Saavedra, Brodhagsche Buchhandlung, Stuttgart 1837.

Wie versprochen folgt einer der besten Gründe, sich auf Karl Immermann: Die Epigonen zu stürzen, wo man sie antrifft: die Figur Flämmchen.

Ganz und gar außergewöhnlich für Zeit und Genre, weil man derart umtriebige, sehr junge Mädchen nicht in fiktiven Chroniken der deutschen Romantik, sondern viel eher in Kinderbüchern ab dem 20. Jahrhundert suchen und antreffen würde, stünde Flämmchen heute im Verdacht, nur als Manic Pixie Dream Girl herzuhalten. Abgesehen aber davon, dass der begriffsprägende Filmkritiker Nathan Rabin sich nach sieben Jahren von seiner Prägung ausdrücklich distanziert hat, wird Flämmchen zunächst als eine Art Manövriermasse für die Handlungsträger eingeführt, wird später aber näher besehen aus sich heraus aktiv und treibt die Handlung wesentlich voran. Immermann bringt mehr Handlungsstränge, als seine angeblichen neun ausgewiesenen Bücher des Romans erfordern, Flämmchen wird bis zum Schluss als Protagonistin beibehalten: Wie außerhalb der Fiktionen wäre das Leben nicht das Leben ohne solche Flämmchen.

Nicht alle Fiamettas, Fiammettas, Flamettas, Flammettas, kurz: Flämmchen waren als Volltext aufzutreiben, was ich besonders im Falle Fouqué bedaure. Wahrscheinlich liegt das sogar recht passend in ihrem Wesen: Flatterhafte, flackernde Feengestalten sind sie alle. Stellen wir uns die Goethe’sche Mignon oder gleich Pippi Langstrumpf vor, dann erklärt sich die Motivation, alle wenigstens einmal gesehen zu haben, von selbst.

In der visuellen Reihe nimmt sich die Cicogna, die sich offensichtlich qua Künstlername aktiv Fiammetta nennt, noch am fremdartigsten aus; dafür hätte man auf die zwei sonnigen tomboyischen Elfenwesen, die weit und breit nichts mit Boccaccio und seinen Nachfolgern zu tun haben, am allerwenigsten verzichten wollen. Allein diese zwei Glücksmädchen sind jede menschliche und jede literarische Begegnung wert — und an dieser Stelle aufs freundlichste gegrüßt.

Stefano Masse, Fiammetta Cicogna, Wild Oltrenatura, 2016

  1. Fiammetta: Boccaccios Geliebte und Muse „Fiametta“ Maria d’Aquino aus Neapel. Bei Boccaccio in:

  2. Stefano Masse, Fiammetta Cicogna, Wild Oltrenatura, 2016

  3. Fiametta: Joseph Haydn, Musik verschollen, Text Joseph Felix von Kurz alias Bernardon: Der krumme Teufel, Operette ca. 1751. Pflegetochter des Arnoldus.

    ——— Carl Ferdinand Pohl: Joseph Haydn, Erster Band, Erste Abtheilung, Den Manen Otto Jahn’s, 6. Lehr- und Wanderjahre. Breitkopf & Härtel, Leipzig 1878:

    Und die Musik von Haydn? – wird der Leser schon längst gefragt haben. Die Musik zum neuen krummen Teufel wurde bis jetzt nicht aufgefunden. Die Partitur ist verschollen, obwohl die Operette an vielen Orten wiederholt gegeben wurde. […] Gleich dem Faust wurde auch Le diable boiteux immer wieder von Zeit zu Zeit von den Theaterdichtern als dankbarer Stoff neu bearbeitet. Noch im Jahre 1839 wurde in Wien „Asmodeus der hinkende Teufel, oder: die Promenade durch drei Jahrhunderte“ als Original-Posse von Karl Haffner im Theater an der Wien gegeben (Nestroy als Asmodeus). In demselben Jahre wurde im Kärnthnerthor-Theater „Der hinkende Teufel“ auch als pantomimisches Ballet in drei Acten von Coralli und Gurgy, Musik von Casimir Gide und Anderen, 27 mal aufgeführt. Dieses Ballet hatte zuvor in Paris Furore gemacht durch die Mitwirkung der gefeierten Fanny Elßler als Florinde. Durch eine artige Verkettung von Umständen tanzte demnach die Tochter des Johann Elßler, langjährigen Copisten und treuen Dieners Haydn’s, in demselben Sujet, das dem Meister und Vorgesetzten ihres Vaters als Folie seiner ersten öffentlichen Wirksamkeit gedient hatte.

  4. Flametta: Clemens Brentano: Godwi, Roman 1801. Zweiter Band, Zwölftes Kapitel u.ö.:

    Sara Trash-it, T-Shirt dipinta a mano – hand-painted, 28. Oktober 2011Haber ging mit dem Jägerburschen weiter vor uns, und unterhielt ihn in einem dringenden Gespräche. Es schien ihm etwas unheimlich im Walde zu sein. Der Jäger erzählte ihm allerlei Mordgeschichten, und vom wilden Heere. Das letzte wollte er nun gar nicht recht glauben, und sagte einmal über das andere Mal, das sei lauter Aberglauben. Im Walde ertönte dann und wann ein lauter Pfiff, und hatte Haber geschwiegen, so fuhr er dann schnell den Jäger an: „Hörst du? schon wieder, was mag das wohl sein, es lautet recht schön.“

    „Was mag es sein,“ sagte der Jäger, „Lumpengesindel; aus so einem Busche heraus fliegt einem mannichmal ein Knüppel an den Kopf, daß man gleich ans Verzeihen denken muß, ehe man sich noch recht geärgert hat.“

    „Wieso?“

    „Ei nun, was da pfeift, ist meistens niederträchtiges Volk, und schlägt einen tot; auf dem Todsbette aber muß man verzeihen – und wenns geschwinde geht, hat man keine Zeit sich zu ärgern.“

    Haber ging hier mehr in der Mitte des Weges, aber es pfiff wieder, und rief;

    „Was sprichst du böser Bube von Lumpengesindel?“

    Es war eine wunderliche Stimme, halb erzwungen derb, halb ängstlich und kindisch. Wir näherten uns, Haber wollte schon auf einen Baum klettern, als unser Schrecken durch die Worte des Jägers im Gebüsche aufgehoben wurde:

    „Du Waldteufelchen, für den Schrecken muß ich dich küssen.“

    Nun kamen mehrere Mädchen und Knaben aus dem Gebüsche und lachten; die älteste ging auf Godwi zu, und bat ihn um Verzeihung; die kleine Räuberin sagte: „Flametta hat mir es befohlen; weil ich mich fürchtete, als Sie gegangen kamen, so mußte ich Sie zur Strafe attakieren.“

    Hier kam Flametta auch mit dem Jäger, und Godwi sagte zu ihr, es sei nicht artig, die Leute zu erschrecken; aber sie lachte und bat ihn, ihr eine Buße aufzugeben.

    „Du sollst uns ein Stückchen Wegs Geleit geben“, sagte Godwi, „und etwas singen.“

    „Ich will Ihnen meine kleinen Gesellschafter etwas singen lassen, und dazu dann und wann ein wenig auf dem silbernen Horne blasen.“

    Sie zog an der Spitze ihres kleinen Heeres, und begleitete den Gesang mit ihrem Horne. Das größte Mädchen sang das Solo, und die Knaben das Chor.

    Die Kleine sagte vorher: „Mein Lied ist das Lied einer Jägerin, deren Schatz ungetreu, und stellen Sie sich vor – ein Peruckenmacher geworden ist.“

    Wir lachten, und der Gesang begann:

    Chor:

    O Tannebaum! o Tannebaum!
    Du bist mir ein edler Zweig,
    So treu bist du, man glaubt es kaum,
    Grünst sommers und winters gleich.

    […]

    So sangen die Kinder lustig in den Wald hinein, und das Wild, aufgeschreckt von dem Geräusche, stürzte tiefer in das Tal. Der Mond war aufgegangen, und schon in den Wald herein. Da wir auf der anderen Seite den Berg oben waren, sagten uns Flametta und die Kinder Gute Nacht, und wir hörten sie in der Ferne noch singen.

  5. Flämmchen: Valeria in Clemens Brentano: Ponce de Leon, Lustspiel 1803, tritt auch als Mohrenmädchen Flammetta auf. — Vierter Akt, Zweiundzwanzigster Auftritt:

    Valerio. Gute Kinder sind das, du dunkles Flämmchen, du hast dein Glück gemacht, und ein ehrliches, stilles Haus ist das; aber ich kann doch nicht recht froh werden, und war diesen Nachmittag sehr traurig.
    Valeria. Was fehlte Euch dann, Lieber?
    Valerio. Alles, ich bin eigentlich ganz allein.
    Valeria. Ei, bin ich dann nicht Eure gute Freundin?
    Valerio. Ja, aber meine gute Tochter nicht – und da habe ich heute nachmittag an einem Briefe für sie geschrieben, und wollte ihn heute abend hineinschicken; über dem Schreiben ging aber die Zeit so hin, daß es nun schon dunkel ist und er heute nicht kann hingetragen werden.
    Valeria giebt ihm die Hand. Glaubt, ich wäre Eure Tochter, und gebt mir den Brief; ich will Eure Tochter werden!
    Valerio. Warte noch ein wenig, da wird es ganz dunkel, da kann ich nicht sehen, daß du schwarz bist.
    Valeria. Ihr seid ein guter, höflicher Mann!
    Valerio. Ha, ha, hast du gemerkt, daß ich das Sprüchwort nicht vorbrachte: Bei der Nacht sind alle –
    Valeria hält ihm den Mund zu. Artig, Väterchen!
    Valerio. Du sagtest heute morgen, du hättest ein Lied für mich gemacht; singe mirs nun!
    Valeria. Setzt Euch hierher – ich verstecke mich, damit es Euch täuscht.
    Valerio setzt sich an die Seite der Statue, gegen die rechte Kulisse über.
    Valeria setzt sich auf die entgegengesetzte Seite, fängt an zu singen.

  6. Fiammetta: Sophie Brentano: Fiammetta; als: Boccaz, Fiametta. Aus dem Ital. von Sophie Brentano. 8. Berlin. Realschulbuchhandlung. Auf Druck- und Velinpapier, Roman, Berlin 1806. Übersetzung der Elegia di Madonna Fiammetta von Boccaccio, 1343 f. Aus der Perspektive der „Dame Fiammetta“. — Siebentes Buch: Die Dame Fiammetta vergleicht ihre Leiden mit den Leiden vieler Frauen des Altertums und zeigt, daß alle von den ihrigen übertroffen wurden, worauf sie zuletzt ihre Klage endigt. Schluss:

    Emma Sandys, Fiammetta, 1876Seht denn, ihr Frauen, wie elend ich geworden durch die Treulosigkeit Fortunens, und wie hart sie mich getroffen; gleichwie die Lampe nahe am Verlöschen noch eine plötzliche Flamme, heller als gewöhnlich, zu werfen pflegt, so gab sie mir scheinbaren Trost, um mich dann ganz in das Elend meiner einsamen Tränen zu verweisen. Um euch nun meinen Kummer mit einem einzigen Bilde anschaulich zu machen, so beteure ich euch mit demselben Ernst, der auf den Versicherungen anderer Unglücklicher ruht, daß meine Leiden nach dem Untergang jener eitlen Hoffnung um soviel schwerer geworden sind, als das zweite Fieber den rückfallenden Kranken heftiger zu erschüttern pflegt als das erste, ob es gleich ebensoheiß war.

    Da ich aber mit weiteren Klagen die Fülle eurer mitleidigen Schmerzen vergrößern würde, ohne doch neue Worte finden zu können, will ich still werden und keine Tränen mehr beanspruchen, deren ihr Leserinnen gewiß viele vergossen habt oder vergießt, und so habe ich mich denn entschlossen, auf daß ich die Zeit, die mich zu Tränen ruft, nicht mit Worten vergeuden möge, fortan zu schweigen, und zwar mit dem Zugeständnis, daß meine Erzählung der Empfindung selbst nur gleicht wie ein gemaltes Feuer einem wahrhaftig brennenden, welchem jener Gott, den ich anflehe, entweder um eures oder meines Gebetes willen eine wohltätige Flut löschend senden möge, sei es durch meinen Tod, sei es durch die freudige Rückkehr Panfilos.

  7. Fiametta: Achim von Arnim: Elegie aus einem Reisetagebuche in Schottland in: Armut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores, 1810:

    Elegie aus einem Reisetagebuche in Schottland

    Der Verfasser bittet, diese Verse nicht für Hexameter und Pentameter zu halten.

    Genua seh ich im Geist, so oft die unendlichen Wellen
    Halten den Himmel im Arm, halten die taumelnde Welt;
    Seh ich die klingenden Höhlen des nordischen Mohren-Basaltes,
    Seh ich die Erde gestützt auf den Armen der Höll;
    Dann, dann sehne ich mich in deine schimmernde Arme,
    Weisser Cararischer Stein, kühlend die schwühlige Luft,
    Denk ich der Treppen und Hallen von schreienden Menschen durchlaufen.
    Keiner staunet euch an, jedem seyd ihr vertraut.
    Fingal! Fingal! klinget so hell, mir wird doch so trübe,
    Frierend wähn ich mich alt, Jugend verlorene Zeit!
    Dreht sich die Achse der Welt? Wie führt mich Petrarca zu Fingal,
    War es doch gestern, ich mein, daß ich nach Genua kam.
    Ja dort sah ich zuerst das Meer, des nunmehr mir grauet,
    Weil es vom Vaterland mich, von den Freunden mich trennt.
    Damals von der Bochetta herab in des Frühroths Gewühle,
    Lag noch die Hoffnung darauf, weichlich im schwebenden Bett,
    Nicht am Anker gelehnt, nein sorgenlos schlummernd sie dreht sich,
    Daß die Schifflein so weiß, flogen wie Federn davon;
    Lässig band sich vor mir die Göttin das goldene Strumpfband,
    Zweifelnd daß frühe so hoch steige der lüsterne Mensch.
    Und so stehend und ziehend am Strumpfe sie bebte und schwebte
    Wie ein Flämmelein hin über die spiegelnde Welt.
    Fiametta! ich rief, mir schaudert, sie faßte mich selber,
    Ja ein Mädchen mich faßt, lächelnd ins Auge mir sieht.
    Hier! hier! sagt sie und peitschte den buntgepuschelten Esel,
    Daß aus dem ledernen Sack, schwitzte der röthliche Wein:
    Lieber, was willst du? sie fragt, du riefest mich eben bey Namen:
    Wenn sie nicht Blicke versteht, Worte die weiß ich noch nicht.
    Der Beschämung sich freuend sie strich mir die triefenden Haare,
    Thau und Mühe zugleich hatten die Stirne umhüllt.
    Wie ein Bursche der Schweiz ich schien ihr nieder zu wandeln,
    Um zu suchen mein Glück und sie wollte mir wohl,
    Als sie den Stein erblicket, den sorglich in zärtlicher Liebe
    Auf den Händen ich trug, daß der Anbruch nicht leid,
    Ey da lachte sie laut und riß mir den Stein aus den Händen,
    Warf ihn über den Weg, daß er zum Meere hinroll,
    Und dann spielte sie Ball sich freuend meiner Verwirrung
    Mit der Granate die schnell kehrte zu ihr aus der Luft.
    Nicht der schrecklichen eine, die rings viele Häuser zerschmettert,
    Doch die feurige Frucht, mystisch als Apfel bekannt.
    Sie verstand mich doch wohl? O Einverständniß der Völker,
    Das aus Babylons Bau blieb der zerstreuten Welt,
    Suchte doch jeder den Sack beym brennenden Thurme und fragte,
    Also blieb auch dies Wort, Sack den Sprachen gesammt,
    Also auch Zeichen der Lieb‘ im Blick, in guter Geberde,
    Scheidend sie winkten sich noch, fernhin trieb sie die Macht. –
    Folgend dem trabenden Esel, sie blickte sich um so gelenkig,
    Die Granate entfiel und ich grif sie geschickt.
    Kühle vielliebliche Frucht, einst Göttern und Menschen verderblich,
    Wohl du fielest auch mir, zaudr‘ ich, wo ich gehofft?
    Doch ich zögerte noch, gedenkend an Helena traurend,
    An Proserpina dann, beyde erschienen mir eins
    Mit der Eva, da wollt ich sie stille verscharren der Zukunft,
    Daß nur das Heute was mein, bleibe vom Frevel befreyt,
    Daß ich dem Zufall vermach zu treiben die Kerne in Aeste,
    Daß ich dem Zufall befehl, daß er die Blüthe verweht;
    Aber ich mocht nicht wühlen im Boden voll zierlicher Kräuter,
    Jegliches Moos noch zart, drängte sich üppig zum Tag.
    Zweifelnd ging ich so hin, nicht sehend stand ich am Meere,
    Fern mich weckte ihr Ruf, daß ich nicht stürze hinein:
    Nein zu seicht ist die Küste, sie würde nicht bergen das Uebel,
    Nur die Tiefe des Meers birgt ein unendlich Geschick.
    Also kam ich zum Meer und sahe die Fischer am Fischzug
    Springend durch kommende Well, ziehend ein bräunliches Netz,
    Roth die Mützen erschienen wie Kämme von tauchenden Hähnen,
    Bräunliche Mäntler umher, schrieen als jagten sie die.
    Andere stießen halbnackt ins Meer die schwarze Feluke,
    Trugen die Leute hinein, die zur Fahrt schon bereit.
    Auch mich trugen sie hin, ich dacht nur des Apfels des Bösen
    Und des unendlichen Meers, das mich zum erstenmal trug,
    Wie sie enthoben das Schiff begann in dem Schwanken und Schweben,
    Daß mir das Herz in der Brust recht wie von Heimweh zerfloß,
    Durch die fließenden Felsen erscholl ein liebliches Singen,
    Und ich verstopfte das Ohr, bin vor Sirenen gewarnt.
    Bald belehrte ich mich, es sang ein Weib in dem Kahne,
    Das im Mantel gehüllt deckte vier Knaben zugleich,
    Wechselnd die Händ bewegt sie wie Flügel der Windmühl
    Und als Zigeunerin singt, wie sie Maria begrüst.
    Sagt die Geschickne ihr wahr des heiligen Kinds, das sie anblickt,
    Wie es im Krippelein lag, Oechslein und Eslein es sah’n,
    Sahn wie der himmlische Stern wie Hirten und heilige König,
    Alles das sah sie sogleich an den Augen des Herrn,
    Auch das bittere Leiden, den Tod des Weltenerlösers;
    Hebt er den Stein von der Gruft, von der Erde den Leib.
    Alles Verderben mir schwand, ich sahe das Böse versöhnet,
    Statt zur Tiefe des Meers, warf ich den Kindern die Frucht:
    Engel versöhnt ihr das Herz, das tief arbeitende Böse,
    O so versöhnt auch die Frucht und vernichtet sie so!
    Dankend die Mutter sie nahm, hellsingend sie öffnet die Schale,
    Nahm mit der Nadel heraus jeglichen einzelnen Kern;
    Wie im Neste die Vöglein, also im Mantel die Kindlein
    Sperren die Schnäblein schon auf, eh ihr Futter noch da.
    Also sie warten der Kerne mit offenem Munde zur Mutter,
    Und die Mutter vertheilt gleich die kühlende Frucht.
    Wälze dich schäumendes Meer, ich habe die Frucht dir entzogen,
    Nichts vermagst du allhier, schaue die Engel bey mir,
    Stürze die Wellen auf Wellen, erheb dich höher und höher,
    Du erreichst uns nicht, höher treibst du uns nur,
    Schon vorbey dem brandenden Leuchtthurm schützt uns George,
    Der im sicheren Port zähmet den Drachen sogleich.
    Wie von Neugier ergriffen, so heben sich übereinander
    Grüßend der Strassen so viel, drüber hebt sich Gebirg,
    Höher noch Heldengebirg, da wachet der Festungen Reihe,
    Schützet uns gegen den Nord und wir schweben im Süd.
    Ey wie ists, ich glaubte zu schauen und werde beschauet,
    Amphitheater erscheint, hier die Erde gesammt:
    Spiel ich ein Schauspiel euch ihr bunten Türken und Mohren,
    Daß ihr so laufet und schreit an dem Circus umher?
    Kommen von Troja wir heim, am Ufer die Frauen und Kinder,
    Kennen den Vater nicht mehr, freuen sich seiner denn doch?
    Also befreundet ich wandle auf schwankendem Boden und zweifle,
    Aber sie kennen mich bald, bald erkenne ich sie.
    Fingal! Fingal! riefs schon, muß ich erwachen in Schottland,
    Bin ich noch immer kein Held, bin ich noch immer im Traum?
    Muß ich kehren zur Erdhütt, keinen der Schnarcher versteh ich,
    Muß mir schlachten ein Lamm, rösten das lebende Stück,
    Mehl von Haber so rauch mir backen zum Brodte im Pfännchen
    Und des wilden Getränks nehmen vieltüchtige Schluck:
    Wandrer Mond du schreitest die stumpfen Berge hinunter,
    Nimmer du brauchtest ein Haus, dich zu stärken mit Wein,
    Alle die Wolken sie tränken dich froh mit schimmernden Säften,
    Ja dein Ueberfluß fällt, thauend zur Erde herab.
    Nimmer du achtest der gleichenden Berge und Gräser und Seen
    Denn im wechselnden Schein, du dich selber erfreust;
    Siehe mein Leiden o Mond durch deine gerundete Scheibe,
    Schmutzig ist Speise und Trank, was ich mir wünsche das fehlt.

  8. Fiammetta: Friedrich de La Motte-Fouqué: Erdmann und Fiammetta. Novelle. Schlesinger, Berlin 1825.
  9. Hermine von Stilke, Joseph von Eichendorff, Sehnsucht, 1864 bis 1868Fiametta: Joseph von Eichendorff: Dichter und ihre Gesellen, Roman 1833. 14-jährige Tochter des italienischen Marchese A.

    ——— Hans Kaboth: Eichendorffs „Dichter und ihre Gesellen“. Zum hundertjährigen Erscheinen des Romans Weihnachten 1933, in: Aurora – Ein romantischer Almanach. Bd. 4. Jahresgabe der Deutschen Eichendorff-Stiftung. Karl Freiherr von Eichendorff in Zusammenarbeit mit Univ. Prof. Geheimrat Dr. Adolf Dyroff und Karl Sczodrok, Oppeln 1934:

    Fiametta ist das seelisch noch unerschlossene, verträumte junge Mädchen, das erst durch die Liebe zu Fortunat aus ihrem Phantasieleben geweckt wird. […] Seine Liebe zu Fiametta ist bei aller Gefühlsinnigkeit stets klar und bewußt. Wohl macht er auch aus seiner Liebe „ein langes Gedicht in vielen Gesängen“ und er verliebt sich selbst in die Hauptfigur, „ein schönes, schlankes italienisches Mädchen“, aber er vergißt darüber seine liebe Fiametta nicht.

  10. Flämmchen: Karl Leberecht Immermann: Die Epigonen, Roman 1836. Mignon-Figur:

    Flämmchens Fluchtgeschichte war einfach genug. Das Mädchen war die Tochter eines polnischen Offiziers, der, unter den Fahnen des Eroberers dienend, Mutter und Kind auf den Kriegszügen durch Deutschland mit sich umhergeführt hatte. Er blieb in einer großen Schlacht, bald nachher starb auch seine Geliebte, eine Spanierin, von Klima und Mangel aufgezehrt. Aus den Händen armer Leute empfing der Komödiant das elternlose Geschöpf. Er war ein gutmütiger Mensch und spielte schon damals edle Väter. Der Anblick des kleinen Wesens, dem die Augen wie Kohlen im Kopfe brannten, und welches aus seinen Lumpen so keck hervorsah, als sei es eine Prinzessin, rührte ihn. Er ließ das Kind sich abtreten, und beschloß, es zu seinem Gewerbe anzuführen. Indessen brachte ihm diese wohltätige Handlung keinen Segen, sondern nur Herzeleid. Fiametta, die lieber Flämmchen heißen wollte, war das eigensinnigste, widerspenstigste Ding, was polnisches und spanisches Blut, vereinigt erzeugen können. Die sogenannte Erziehung, welche ihr in jener Komödiantenwirtschaft zuteil wurde, fruchtete nichts, und unmöglich war es, sie zum Auftreten zu bewegen. Sie begreife nicht, sagte sie, wozu das dumme Zeug, wie sie das Schauspiel nannte, diene? der falsche Vater lüge ja den ganzen Tag über, warum er denn des Abends zu seinen Lügen die fremden Kleider anziehe?

    […]

    Einen Kranz auf dem Haupte, und einen in jeder Hand haltend, schritt das Mädchen gemessen, fast feierlich, erst rund um die Felsenplatte, als vollziehe sie die Weihe des Orts. Dann in die Mitte sich stellend, wandte sie ihr glänzendes Antlitz gegen den Mond, und begann nun, immer seiner leuchtenden Scheibe zugekehrt, ihren ausdrucksvollen Tanz. Bald neigte sie sich ihm mit zärtlicher Gebärde entgegen, bald schien sie vor ihm verstellterweise zu fliehn, jetzt hob sie den einen, dann den andern Kranz lockend empor, darauf ließ sie beide sinken, verwechselte sie, warf sie in die Luft, daß sie dort Bogen beschrieben, und fing sie jederzeit gewandt und zierlich wieder auf, während Füße und Leib ihr anmutiges Spiel fortsetzten. Der Sinn dieses Tanzes war ein liebliches Gedicht; der kalte hohe Freund da oben, sollte zur Erde herabgezogen werden, mit welcher er einst in größerer Vertraulichkeit gelebt habe, und auf der jede Sehnsucht nur eine Erinnrung an diese schöne Liebeszeit sei. Was ihre Bewegungen an diesem Mondscheinmärchen noch dunkel ließen, deuteten Strophen aus, die sie dazwischen absang, und womit sie sich den Takt anzugeben schien. Sie hatten alle ein gewisses Metrum, bestanden aber oft nur aus abgebrochnen Worten, deren Verbindung die Zuhörenden ergänzen mußten. Die Alte gab zuweilen in einer fremden Sprache, welche weder der Arzt, noch der Domherr verstand, eine Art von Refrain zu vernehmen.

    […]

    Nun, Ihre Erziehungsplane sind nicht geglückt, anstatt eines Kunstprodukts hat Natur das wundersamste, entzückendste Geschöpf ausgebildet. Ich behaupte, wer sie tanzen gesehn, kann nie wieder ganz unglücklich werden. Wäre ich ein Freund von Paradoxen, so würde ich sagen: Sie tanzt Geschichte, Fabel, Religion, ihre begeisterten Wendungen und Stellungen weihen uns in die geheimsten Dinge ein.

    Mit dem Rufe: „Liebster! Bester! Einziger!“ hing sie ihm am Halse und die leidenschaftlichsten Küsse brannten auf seinen Lippen. „Habe ich dich endlich wieder!“ rief sie, indem sie ihm Augen und Stirn küßte. „Nun aber werde ich dich nicht lassen, nun sollst du mein werden, sie mögen tun, was sie wollen.“

    […]

    Dave Strong, Olga, Papajis Tea Social, 27. Oktober 2010Was er in den folgenden Tagen von der Lebensweise Flämmchens hörte, war das Ausschweifendste von der Welt. Sie hatte wirklich in ihrem einsamen Landhause eine Art von Hof oder Menagerie, wie man es nennen will, versammelt, bestehend aus den wildesten jungen Leuten der Residenz, die, durch den Ruf ihrer Schönheit angelockt, dorthin geströmt waren. Mit ihnen wurden die tollsten Streiche verübt, zuweilen toste dieses wütende Heer bei Nacht auf schnellen Pferden unter entsetzlichem Geschrei durch die Gegend, so daß die Landleute in ihren stillen Hütten sich vor dem Unwesen segneten, oder man sprengte falsche Nachrichten von Räuberbanden und Unglücksfällen aus, welche Scharwachen und Beamte aufregten, so daß sich auch schon die Polizei hier in das Mittel hatte legen wollen, jedoch höheren Ortes bedeutet worden war, solches zu unterlassen, da sich denn doch alles außer dem Bereiche eigentlicher Vergehungen hielt. Am brausendsten aber schäumte Flämmchens üppige Lebenskraft im Tanze aus. […]

    Das ist nun der Tanz, den ich nicht lassen kann, der mich mir selbst wiedergibt, wenn der Weltgraus mich überwinden und in mir einziehen will. Könntest du mich lieben, und immer bei mir sein, so wäre alles gut, dann hätte ich eine Stütze und würde auch aufhören zu tanzen; leider wird es nicht so gut werden.“

  11. Fiametta: Ludwig Minkus: Fiametta, Ballett 1863.
  12. Fiammetta: Dante Gabriel Rossetti: A Vision of Fiammetta, 1878, Öl auf Leinwand, 140 cm × 91 cm, Sammlung Andrew Lloyd Webber, Gemälde, Boccaccio-Sonett, Boccaccio-Sonettübersetzung und eigenes Sonett 1878:

    On his Last Sight of Fiammetta

    Behold Fiammetta, shown in Vision here.

    Gloom-girt ‚mid Spring-flushed apple-growth she stands;
    And as she sways the branches with her hands,
    Along her arm the sundered bloom falls sheer,
    In separate petals shed, each like a tear;
    While from the quivering bough the bird expands
    His wings. And lo! thy spirit understands
    Life shaken and shower’d and flown, and Death drawn near.

    All stirs with change. Her garments beat the air:
    The angel circling round her aureole
    Shimmers in flight against the tree’s grey bole:
    While she, with reassuring eyes most fair,
    A presage and a promise stands; as ‚twere
    On Death’s dark storm the rainbow of the Soul.

    Dante Gabriel Rossetti, A Vision of Fiammetta, 1878

Bilder: Emma Sandys: Fiammetta, 1876;
Dante Gabriel Rossetti: A Vision of Fiammetta, 1878, Öl auf Leinwand, 140 cm × 91 cm, Sammlung Andrew Lloyd Webber;
Hermine von Stilke: Joseph von Eichendorff: Sehnsucht, 1864 bis 1868, zu: Es schienen so golden die Sterne, aus: Dichter und ihre Gesellen. Novelle von Joseph von Eichendorff, 1834. 3. Buch, 24. Kapitel, via Jutta Assel/Georg Jäger: Gedichte der Romantik in Randzeichnungen, Goethezeitportal Juni 2010;
Stefano Masse: Fiammetta Cicogna, Wild Oltrenatura, 2016;
Sara Trash-it: T-Shirt dipinta a mano — hand-painted, 28. Oktober 2011;
Dave Strong: Olga, Papajis Tea Social, 27. Oktober 2010.

Soundtrack: Blonde Redhead: Elephant Woman, aus: Misery is a Butterfly, 2004,
als Nachspann für: Hard Candy, 2005:

Written by Wolf

7. April 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Renaissance

Lache, liebez frowelîn

leave a comment »

Update zum weiland Weekly Wanderer 4:
Anneliese Braun: Goethe auf dem Kickelhahn bei Ilmenau:

——— Des Minnesangs Frühling 6,14; 6,20; 6,26,
Männerlied um 1200, falsche Zuschreibung an Walter von Mezze, anonym:

Der walt in grüener varwe stât

Der walt in grüener varwe stât.
wol der wunneclîchen zît!
mîner sorgen wirdet rât.
sælic sî daz beste wîp,
diu mich trœstet sunder spot.
ich bin frô, dêst ir gebot.

Ein winken und ein umbesehen
wart mir, dô ich si nâhest sach.
dâ moht anders niht geschehen,
wan daz so minneclîche sprach:
„vriunt, du wis vil hôchgemuot!“
wie sanfte daz mînem herzen tuot!

„Ich wil weinen von dir hân“,
sprach daz aller beste wîp,
„schiere soltu mich enpfân
unde trôsten mînen lîp.“
swie du wilt, sô wil ich sîn,
lache, liebez frowelîn.

Der Wald ist grün geworden

Der Wald ist grün geworden.
Oh, welch herrliche Zeit!
Von meinem Leid werd‘ ich befreit.
Gesegnet sei die beste der Frauen,
die mich wirklich tröstet.
Ich bin froh. Sie will es so.

Sie winkte und schaute zurück:
Das geschah, als ich sie jüngst sah.
Da konnte es nicht anders sein,
als daß sie liebevoll sagte:
„Liebster, sei du ganz hoffnungsfroh!“
Wie wohl das meinem Herzen tut!

„Ich will deinetwegen weinen“,
sagte die allerbeste Frau,
„damit du mich schnell in die Arme nehmen
und mich trösten kannst.“
Wie du es willst, so will ich sein,
lache, liebe kleine Frau.

Franziska meint: „Hui, das ist ja echt schön, Mensch. Wirklich Hochmittelalter?“

„Aber hallo. Kreuzgereimt mit Paarreim am Ende, wie als Refrain, dreimal durchgehalten. Richtig elaboriert. Du hast recht, so eine Stringenz wäre eigentlich erst kurz nachher ab Reinmar dem Alten dran.“

„Reinmar, Reinmar … Schon gehört, oder?“

„Nein, nicht der von Zweter. Übrigens auch nicht der von Brennenberg.“

„So wie Richard Wagner nicht gleich Richard Wagner ist.“

„Verachtet mir die Meister nicht und lobt mir ihre Werke.“

„Das ist schon Neuzeit.“

„Und erst in der Romantik formuliert und vertont.“

„Und außerdem falsch zitiert.“

„Sag bloß.“

„Verachtet mir die Meister nicht und ehrt mir ihre Kunst, wenn schon.“

„Kluges Kind.“

„Mediävist.“

„Vorsicht.“

Frances McClain, candid, mid-laugh, 21. Februar 2012

Lachendes Frowelîn: Frances McClain: Hey Look, I’m Laughing (candid, mid-laugh), 13-, aber mit Mutterns Lippenstift so gut wie volljährig, nach ihren Angaben ein echter Schnappschuss, 21. Februar 2012;
Soundtrack: Richard Wagner featuring Bernd Weikl: Die Meistersinger von Nürnberg, 1868,
Finale, Bayreuther Festspiele 1984:

Bonus Track mit mehr walt in grüener varwe: Faun: Federkleid, aus: Midgard, 2016
(natürlich schlimmer Mittelalterkitsch, aber wer mir von weitem eine Drehleier zeigt, kann mir alles vorspielen):

Written by Wolf

23. März 2017 at 00:01

Diu minne minnesam und die lieben passiv-aggressiven Lieben

leave a comment »

Update zu Dein pöschelochter roter mund:

——— Des Minnesangs Frühling 3,17,
Handschrift C (Codex Manesse), frühe Frauenstrophe, ca. 1160:

Mich dunket niht sô guotes

Mich dunket niht sô guotes     noch sô lobesam
sô diu liehte rôse     und diu minne minnesam.
diu kleinen vogellîn
diu singent in dem walde,     dêst manigem herzen liep.
mir enkome mîn holder geselle,     in hân der sumer wunne niet.

Mir scheint nichts so gut

Mir scheint nichts so gut     noch so des Lobes wert
wie die leuchtende Rose     und die liebe Liebe.
Die kleinen Vögel,
die singen im Wald,     das erfreut viele Herzen.
Wenn nicht mein Liebster kommt,     habe ich nicht teil an der Sommerfreude.

Katelyn by Sarah Lillian, Ankle Deep in Spring, 27. April 2011Katelyn meint: „Dauert das noch? Ich sitz hier knietief in Winterstiefeln zu deinem Frühlingskleidchen von der Vogelweide.“

„Zieh doch aus.“

„Ja, sofort. Witzig. Erzähl noch einen.“

„Später vielleicht. Der Bildausschnitt auf die Entfernung is‘ kein Kränzchenwinden.“

„Modellsitzen auch nicht.“

„Kannst du mal eine hundertfünfundzwanzigstel Sekunde lang so tun, als ob dir das Buch gefällt?“

„Die muffige Schwarte? Müsste es?“

„Wär besser für dich, das wird dein Honorar.“

„Aha. Heißt das, ich darf wenigstens umblättern?“

*

Lydia, 9. April 2011Lydia meint: „Dauert das noch?“

„Schon steifgesessen?“

„Ich hab dir die Idee geschenkt und zieh das jetzt durch mit dir, aber in echt ist das noch gar kein Wetter zum Barfußlaufen, sag mal selber.“

„Ich merk’s. Sei du froh, dass du so nicht rumrennen musst. Ich muss ja, aber die einzelnen Steinchen pieksen elendig. Und schau dir mal meinen T-Shirtbauch an.“

„Eine Runde Mitleid. Darf ich wenigstens umblättern?“

„Models. Nächstes Mal knips ich wieder Sukkulenten.“

„Au ja, aber diesmal lustige.“

*

BIlder: Katelyn by Sarah Lillian: Ankle Deep in Spring 27. April 2011;
Lydia, 9. April 2011.

Soundtrack 1: diu minne minnesam: Ougenweide: Willkommen, live 1976,
nach Walther von der Vogelweide: Ir sult sprechen willekomen, Ende 13. Jahrhundert:

Soundtrack 2: diu liehte rôse:

Carson Sage & the Black Riders: Red is the Rose,
aus: Skirl o’Carson, 1991; Walk With an Erection, 1993:

Written by Wolf

16. März 2017 at 00:01

Wære diu werlt alle mîn

leave a comment »

Update zu Frühlingsreigen Buranum:

——— Carmina Burana, 145,7; 175,6:

I     Wære diu werlt alle mîn

Wære diu werlt alle mîn
ven deme mere unze an den Rîn,
des wolt ich mich darben,
daz kunic von Engellant
læge an mînem arme.

*

II     Tougen minne diu ist guot

Tougen minne diu ist guot
si kan geben hôhen muot.
der sol man sich vlîzen.
swer mit triwen der niht pfliget,
deme sol man daz wîzen.

——— Carmina Burana, 145,7; 175,6:

I     Wäre die ganze Welt mein

Wäre die ganze Welt mein
vom Meer bis an den Rhein,
das gäb ich dafür hin,
daß der König von England
in meinem Arm läge.

*

II     Heimliche Liebe ist herrlich

Heimliche Liebe ist herrlich,
sie erhebt freudig das Herz.
Um die soll man sich bemühen.
Wer sie nicht beständig pflegt,
den soll man dafür tadeln.

El Erotismo de las Bibliotecas

BIld: Janina im damals 2. Semester Englische Philologie auf Magister Artium, WS 2010/2011 via El Erotismo de las Bibliotecas, 15. November 2016: „Die reden sich leicht in Benediktbeuern. Wenn mir die ganze Welt bis an den Rhein gehören würde, könnt ich mich auch grade noch zusammenreißen, mit dem König von England was anzufangen“;
Soundtrack: 5° G Liceo Artistico Michelangelo Guggenheim, Venezia:
Three different ways of Carl Orff: Were diu werlt alle min, 2015:

Bonus Track: Virginia Jetzt!: Mein Sein, 2002, in: Wer hat Angst vor Virginia Jetzt!, 2003;
Video von Benjamin „Nichts bereuen“ Quabeck mit Jung-Julia „Absolute Giganten“ Hummer:

Written by Wolf

2. März 2017 at 00:01

Ich will mich wie mein Schwanz erheben

leave a comment »

Update zu Menschenhaß! Ein Haß über ein ganzes Menschengeschlecht! O Gott! Ist es möglich, daß ein Menschenherz weit genug für so viel Haß ist!:

Mit seiner Ode à Priape von 1710 hatte Alexis Piron kein Glück. Noch 1718, als er das zugegeben reichlich ferkelige Gedicht als Jugendsünde führen konnte, wurde er wegen seiner Obszönitäten als Anwalt in Besançon des Amtes enthoben. Selbst 1753 — da zählte er 64 Jahre — schritt König Ludiwg XV. persönlich auf Anraten nachhaltig peinlich berührter Kleriker gegen Pirons wiederholte Kandidatur für die Académie française ein. 160 Verse, die ein Leben ruinieren konnten. Technisch gar nicht so schlecht gestrickte übrigens.

Agostino Carracci, Culte de Priape, Radierung ca. 1580Priapus, den muss man heute erklären. Den antiken Griechen diente er noch als Gott der Fruchtbarkeit (und der Knabenliebe, heute: Päderasmus), den meisten Späteren eher als Lizenz zum Herumschweinigeln, weil er als unterscheidendes Merkmal mit einem — jedes anderes Wort wäre unangemessen verhüllend — enormen Pimmel in dauerhafter Einsatzbereitschaft dargestellt wird.

Pirons schon gar nicht mehr anakreontische Dichtung, viel eher offene Sauerei erschien legal erst in den Poésies diverses d’Alexis Piron, ou Recueil de différentes pieces de cet Auteur, pour servir de suite à toutes les Editions desquelles on a supprimé les ouvrages libres de ce Poëte bei William Jackson, London 1787, ab Seite 59. Breiter bekannt wurde sie durch die Poésies badines et facétieuses, 1800, Seite 9 bis 14.

Von dort konnte Johann Heinrich Voß sie kennen — ja, genau: der Voß (geboren 20. Februar 1751), der 1781 die Odyssee und 1793 die Ilias genial genug übersetzt hat, dass die Fassungen erst dem jungen Herrn Werther, später seinen Nachahmern als Bestandteil der Werther-Tracht und heute noch mir selbst als „Taschen-Homer“ dienen konnten. Und von dort konnte er sie nachdichten, nach den Fingerübungen anhand Homers 15693 + 12110 = 27803 sperrigen Hexametern vermutlich das Werk eines Sonntagnachmittags.

Mistress Eva's Erotica & Art, 9. August 2016

Die Strophen bestehen bei Voß wie bei Piron aus je zehn Versen in einem Kreuz- und einem Schweifreim: sehr regelmäßig mit einer vorhersehbar wiederkehrenden Abwechslung — also der sexuellen Praxis, in der man sich ja gern auf einen gewissen nachvollziehbaren Rhythmus einigen möchte, in jeder Weise entsprechend.

Die empfohlene Fachliteratur ist der leider etwas verderbte Originaltext, Voß‘ Nachdichtung und eine aufschlussreiche Prosa-Übertragung in paralleler Übersicht mit Anmerkungen in Schwulencity.

Voß hat gekürzt. Wer gut genug Französisch kann (pubertär-priapische Kalauer bitte in den Kommentar), kann sich nach über zwei Jahrhunderten ja gern über den Rest hermachen.

Art of Barefoot, 13. August 2016

——— Alexis Piron:

Ode à Priape

1710,:

Foutre des neuf Grâces du Pinde,
Foutre de l’amant de Daphné,
Dont le flasque vit ne se guinde
Qu’à force d’être patiné :
C’est toi que j’invoque à mon aide,
Toi qui, dans les cons, d’un vit raide
Lance le foutre à gros bouillons,
Priape ! soutiens mon haleine,
Et pour un moment dans ma veine
Porte le feu de tes couillons.

Que tout bande !! que tout s’embrase
Accourez, putains et ribauds !
Que vois-je ? où suis-je ? ô douce extase !
Les cieux n’ont point d’objets si beaux :
Des couilles en bloc arrondies,
Des cuisses fermes et bondies,
Des bataillons de vits bandés,
Des culs ronds, sans poils et sans crottes,
Des cons, des tetons et des mottes,
D’un torrent de foutre inondés.

Restez, adorables images !
Restez à jamais sous mes yeux !
Soyez l’objet de mes hommages,
Mes législateurs et mes dieux.
Qu’à Priape, on élève un temple
Où jour et nuit l’on vous contemple,
Au gré des vigoureux fouteurs :
Le foutre y servira d’offrandes,
Les poils de couilles, de guirlandes,
Les vits, de sacrificateurs.

De fouteurs, la fable fourmille :
Le Soleil fout Leucothoé,
Cynire fout sa propre fille,
Un taureau fout Pasiphaé ;
Pygmalion fout sa statue,
Le brave Ixion fout la nue ;
On ne voit que foutre couler :
Le beau Narcisse pâle et blême,
Brûlant de se foutre lui-même,
Meurt en tâchant de s’enculer.

„Socrate, — direz-vous, — ce sage,
Dont on vante l’esprit divin ;
Socrate a vomi peste et rage
Contre le sexe féminin ;“
Mais pour cela le bon apôtre
N’en a pas moins foutu qu’un autre ;
Interprétons mieux ses leçons :
Contre le sexe il persuade ;
Mais sans le cul d’Alcibiade,
Il n’eût pas tant médit des cons.

Mais voyez ce brave cynique,
Qu’un bougre a mis au rang des chiens,
Se branler gravement la pique
A la barbe des Athéniens :
Rien ne l’émeut, rien ne l’étonne ;
L’éclair brille, Jupiter tonne,
Son vit n’en est pas démonté ;
Contre le ciel sa tête altière,
Au bout d’une courte carrière,
Décharge avec tranquillité.

Cependant Jupin dans l’Olympe,
Perce des culs, bourre des cons ;
Et Neptune au fond des eaux, grimpe
Nymphes, syrènes et tritons ;
L’ardent fouteur de Proserpine
Semble dans sa couille divine
Avoir tout le feu des enfers.
Amis, jouons les mêmes farces ;
Foutons, tant que le con des garces,
Ne nous foute l’âme à l’envers.

Tysiphone, Alecto, Mégère,
Si l’on foutait encore chez vous,
Vous, Parques, Caron et Cerbère,
De mon vit, vous tâteriez tous.
Mais puisque par un sort barbare,
On ne bande plus au Ténare,
Je veux y descendre en foutant ;
Là, mon plus grand tourment sans doute
Sera de voir que Pluton foute,
Et de n’en pouvoir faire autant.

Rangs, dignités, honneurs ?… foutaise !
Et toi, Crésus, tout le premier,
Tu ne vaux pas, ne t’en déplaise,
Yrus qui fout sur un fumier.
Le sage fut un bougre, en Grèce,
Et la sagesse une bougresse ;
Exemple qu’à Rome on suivit.
On y vit plus d’une matrone,
Préférant le bordel au trône,
Lâcher un sceptre pur un vit.

Quelle importante raison brouille
Achille avec Agamemnon ?
L’intérêt sacré de la couille ;
Briséis… une garce… un con !
Sur le fier amour de la gloire,
L’amour du foutre a la victoire,
Il traîne tout après son char.
Cette puissance à qui tout cède,
Devant le vit de Nicomède,
Fait tourner le cul à César.

Que l’or, que l’honneur vous chatouille,
Sots avares, vains conquérants ;
Vivent les plaisirs de la couille !
Et foutre des biens et des rangs !
Achille, aux rives du Scamandre
Ravage tout, met tout en cendre,
Ce n’est que feu, que sang, qu’horreur
Un con paraît : passe-t-il outre ?
Non, je vois bander mon jean-foutre ;
Ce héros n’est plus qu’un fouteur.

Jeunesse, au bordel aguerrie,
Ayez toujours le vit au con ;
Qu’on foute, l’on sert sa patrie,
Qu’on soit chaste, à quoi lui sert-on ?
Il fallait un trésor immense
Pour pouvoir de leur décadence
Relever les murs des Thébains :
Du gain de son con faisant offre,
Phryné le trouve dans son coffre !
Que servait Lucrèce aux Romains ?

Tout se répare et se succède,
Par ce plaisir qu’on nomme abus :
L’homme, l’oiseau, le quadrupède,
Sans ce plaisir, ne seraient plus.
Ainsi l’on fout par tout le monde
Le foutre est la source féconde
Qui rend l’univers éternel ;
Et ce beau tout, que l’on admire,
Ce vaste univers, à vrai dire,
N’est qu’un noble et vaste bordel.

Aigle, baleine, dromadaire,
Insecte, animal, homme, tout,
Dans les cieux, sous l’eau, sur la terre,
Tout nous annonce que l’on fout :
Le foutre tombe comme grêle ;
Raisonnable ou non, tout s’en mêle :
Le con met tous les vits en ruts ;
Le con du bonheur est la voie,
Dans le con gît toute la joie,
Mais hors le con point de salut.

Quoique plus gueux qu’un rat d’église,
Pourvu que mes couillons soient chauds.
Et que le poil de mon cul frise,
Je me fous du reste en repos.
Grands de la terre l’on se trompe,
Si l’on croit que de votre pompe,
Jamais je puisse être jaloux :
Faites grand bruit, vivez au large ;
Quand j’enconne et que je décharge,
Ai-je moins de plaisirs que vous ?

Redouble donc tes infortunes,
Sort, foutu sort, plein de rigueur ;
Ce n’est qu’à des âmes communes
Que tu pourrais foutre malheur ;
Mais la mienne que rien n’alarme,
Plus ferme que le vit d’un carme,
Rit des maux présents et passés.
Qu’on me méprise et me déteste,
Que m’importe ? mon vit me reste :
Je bande, je fous… c’est assez.

——— Johann Heinrich Voß:

An Priap

anonymer Druck um 1800, in: Friedrich Leopold Stolberg: München: Verlag der Nymphenburger Drucke, Band X, ca. 1924:

Leckt Votzen, Ihr neun Pindars-Luder,
Leckt mit Apoll, der schläfrig geigt;
Und dessen kleiner matter Bruder,
Nur durch das Fingern aufwärts steigt:
Priap! Beseele meine Leier,
Und gönne ihr das rege Feuer,
Das sich durch deine Köt ergeußt;
Und durch die aufgeschwollenen Röhren,
Um deine Wollust zu vermehren,
Dickschäumend in die Votze fleußt.

Kommt Hurenbuben, kommt zusammen,
Zeigt euren Mut und fuchst euch satt,
Ein Schauspiel setzt mich jetzt in Flammen,
Das nie der Himmel schöner hat:
Ich sehe Brüste, Zitzen strotzen,
Nebst tausend auserlesenen Votzen,
Von kaltem Bauer überschwemmt;
Ich sehe tausen Klöte glänzen,
Bei tausend auserlesenen Schwänzen,
In feiste Lenden eingestemmt.

O, reiz mich oft mit solchen Bildern,
Du meiner Sehnsucht Gegenstand;
Die Wollust ist nie genug zu schildern,
Die nur zu sehn mein Herz empfand.
Priap! Dir bau ich einen Tempel,
Und vögle andern zum Exempel
Zwölfmal, den Altar einzuweihn;
Statt Gold soll kalter Bauer glänzen,
Und Votzenhaar die Tür umkränzen,
Mein Schwanz soll Hoherpriester sein.

Mensch, Adler, Wolf und Walfisch lehren,
Wie man beständig vögeln soll;
Der Sperling ist nie genug zu ehren,
Denn der ist immer samenvoll.
Kurz, alles muß gevögelt werden,
Die Votz enthält, was man auf Erden
Erhabenes nur denken kann;
Sie zeigt sich,— tausend Schwänze starren,
Der Weise vögelt mitdem Narren,
Der Bürger mit dem Edelmann.

Sind meine Klöt nur voll von Feuer,
Und macht der Schwanz sein Meisterstück,
Dann bin ich reich bei einem Dreier,
Und scheiße fast auf alles Glück.
Zufrieden und entfernt vom Neide,
Seh ich in meinem schlechten Kleide
Die Pracht der großen Herren an,
Weil der, der auf dem Throne sitzet
Wenn er den Samen von sich sprützet,
Nicht mehr als ich, empfinden kann.

Seht auf Athens erhab’nen Plätzen,
Melkt sich ein Schwanz der Zyniker;
Die Menge sieht ihn mit Ergötzen
Und steht mit Ehrfurcht um ihn her.
Es läßt sich Sturm und Donner hören,
Doch nichts kann unsern Weisen stören,
Obgleich der Himmel kracht und blitzt;
Er fähret fort mit langen Zügen,
Bis daß er taumelnd vor Vergnügen
Den edlen Samen von sich sprützt.

O, fuchste man doch in der Hölle,
euch Furien — dich, Zerberus!
Euch Parzen — und dich Schiffsgeselle,
Euch fuchst ich bloß zum Überfluß.
Weil aber dieser Wunsch vergebens,
So fuchs ich hier die Zeit des Lebens,
Und tret alsdann die Wallfahrt an;
Doch wird es mich am meisten beugen,
Wenn ich den Pluto sehe geigen,
Und selber nicht mehr vögeln kann.

So magst du mich nur immer quälen,
Furcht, Unglück, wie auch du nur willst;
Mich rührst du nicht, nur niedern Seelen
Sind, wenn du Trost mit Gram erfüllst.
Ich will mich wie mein Schwanz erheben,
Und über Glück und Unglück schweben
Mit stoischer Gelassenheit;
Man mag mich fliehen, man mag mich hassen,
Wird mir mein steifer Schwanz gelassen,
So sterb ich mit Zufriedenheit.

Willow Rae, Treehugger, April 2016

Priapskult: Agostino Carracci: Culte de Priape, Radierung ca. 1580;
vegetale Phallussymbole: Paula via Mistress Eva’s Erotica & Art, 9. August 2016;
Art of Barefoot, 13. August 2016,
Willow Rae: Treehugger, April 2016;
Eylül Aslan, 8. April 2013.

Eylül Aslan, 8. April 2013

Soundtrack ist die putzigste Ferkelei, die es je auf Bayern 1 geschafft hat:
Bloodhound Gang: The Bad Touch aus: Hooray for Boobies, 1999. Dem aufmerksamen Betrachter entgeht nicht die Video-Location Paris.

Bonus Track für den schwulen Touch: Right Said Fred: You’re My Mate, aus: Fredhead, 2000:

Written by Wolf

23. Februar 2017 at 00:01