Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for the ‘Ehestand & Buhlschaft’ Category

Lästu dich zum Freien bitten?

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Update zu Fünfhundert Jahre Mädchengestaltung,
Wir rechnen jahr auff jahre / in dessen wirdt die bahre vns für die thüre bracht,
die Bilder zum Nachtstück 0016: Du nicht:

Astonish the World, 7. November 2018

Ganz von vorn: In Neunburg vorm Wald war ich im Saufalter öfters, weil sie in der Oberpfalz gern ein Bier brauen, dass ganz München sich ins Eck hocken und schämen darf. Aber da kennen sie ihn auch nicht, ihren Greflinger-Schorsch, der um 1620 da geboren sein soll und seitdem ganz arg lückenhaft erforscht. Die Wikipedia will bloß wissen, dass er erst am Regensburger Gymnasium Poeticum war und dann „nach langer Wanderschaft“ über Wien, Danzig und Frankfurt am Main in Hamburg herausgekommen ist, und was bitte soll das für das eine Wanderstrecke sein.

Oh Well, 7. Juni 2014Interessant wird alles erst in Hamburg: Da hat er 1664 den Nordischen Mercurius eröffnet und bis zuletzt herausgegeben, nicht ohne die Leitung innerhalb der Familie weiterzureichen — die erste modern geführte Zeitung, nicht allein in Deutschland, nicht allein von einem Oberpfälzer Moosbüffel vollgeschrieben, sondern überhaupt, weltweit. Modern meint: die Aufteilung in Ressorts zu Information und Unterhaltung — mithin schon das prodesse et delectare des 18. Jahrhunderts — mit feuilletonistischen und literarischen Elementen, Einführung einer Vorstufe des Leitartikels sowie die regelmäßige, wenngleich unregelmäßig geänderte Erscheinungsweise.

Das Gute und das Schlechte daran sind für unseren Fall die angeführten literarischen Elemente. Allein durch ihr Bestehen erschweren die nämlich die Einordnung eines petrarkischen Doppelgedichts, von dem allein belegt ist, dass es von Georg Greflinger selbst und nicht von einem seiner in ganz Europa auswärtigen Korrespondenten für den Nordischen Mercurius stammt — nicht aber, ob aus seiner Zeit der Wanderschaft oder schon fürs Feuilleton oder irgendwann dazwischen. Eine Textsuche im Digitalisat bei der Staats- und Universitätsbibliothek Bremen liefert jedenfalls genau 0 Ergebnisse.

Coisas de Terê, 10. Januar 2016Die Stelle, an der Greflingers Gedicht seinem verdoppelnden Gegensatz gegenübergestellt wird, ist eine schon wieder einnehmend antiquiert anmutenden Doppel-Homepage — schon „Website“ wäre übertrieben — der Literaten und Kulturwissenschaftler Siegfried Carl und Dr. Rüdiger Krüger; literaturwissenschaftlich dem Petrarkismus, genauer: dem Antipetrarkismus zugeordnet wird es im Lyrikwiki:

Das Gedicht nutzt die gängigen formellen Mittel des Petrarkismus, die Dame wird mit zahlreichen Vergleichen und Metaphern dargestellt, die Darstellung des Körpers erfolgt von oben nach unten, geht dabei auf einzelne Gesichtszüge aber auch Wesenszüge ein. Indes werden diese in diesem Gedicht ins Negative verkehrt, sowohl das Äußere („Aller Ungestalt ein Spiegel“, V. 15) als auch das Innere („Unhuld aller lieben Tugend“, V. 18). Greflinger schafft hier einen deutlichen Gegensatz zu seinem petrarkistischen Gedicht „An eine vortreffliche, schöne und tugendbegabte Jungfrau“. Er ahmt dieses nach, parodiert es jedoch. Diese Technik ist symptomatisch für zahlreiche Antipetrarkismen während der Geschichte des Petrarkismus. Die strikte Verwendung von aemulatio und imitatio [und superatio] wurde damit aufgebrochen oder auch verspottet. Der Antipetrarkismus geht bezeichnenderweise schon ab der ersten Hälfte des 16.Jahrhunderts Hand in Hand mit dem Petrarkismus.

Außerdem: musste natürlich wenigstens in der Antithese das allfällige Memento mori her, wie immer und überall bei allem Barocken. Viel mehr ist da nicht. Eigentlich schade, wenn man beide Fundstellen mal dem Direktvergleich aussetzt. Die petrarkische These halte ich aus einem weniger literaturwissenschaftlichen, viel eher regionalen Verständnis heraus für den hanseatischen, die antipetrarkische Antithese für Greflingers angeborenen Oberpfälzer Anteil:

Chania, Carpe Diem With Alexander the Great

——— Georg Greflinger:

An eine vortreffliche, schöne
und tugendbegabte Jungfrau

1 Gelbe Haare güldne Stricke,
Taubenaugen, Sonnenblicke,
Schönes Mündlein von Korallen,
Zähnlein, die wie Perlen fallen.

2 Lieblichs Zünglein, in dem Sprachen
Süßes Zörnen, süßes Lachen,
Schnee- und lilienweiße Wangen,
Die voll lauter Rosen hangen.

3 Weißes Hälslein, gleich den Schwanen,
Ärmlein, die mich recht gemahnen,
Wie ein Schnee, der frisch gefallen,
Brüstlein wie zween Zuckerballen.

4 Lebensvoller Alabaster,
Große Feindin aller Laster,
Frommer Herzen schöner Spiegel,
Aller Freiheit güldner Zügel.

5 Ausbund aller schönen Jugend,
Aufenthaltung aller Tugend,
Hofstatt aller edlen Sitten,
Ihr habt mir mein Herz bestritten.

Gegensatz: An eine
sehr häßliche Jungfrau

1 Graues Haar voll Läus und Nisse,
Augen von Scharlack, voll Flüsse,
Blaues Maul voll kleiner Knochen,
Halb verrost und halb zerbrochen.

2 Blatterzunge, krank zu sprachen,
Affischs Zörnen, Narrenlachen,
Runzelvolle magre Wangen,
Die wie gelbe Blätter hangen.

3 Halshaut gleich den Morianen,
Arme, die mich recht gemahnen,
Wie ein Kind ins Kot gefallen,
Brüste wie zween Druckerballen.

4 Du bist so ein Alabaster,
Als ein wolberegntes Pflaster,
Aller Ungestalt ein Spiegel,
Aller Schönen Steigebügel.

5 Schimpf der Jungfern und der Jugend,
Unhuld aller lieben Tugend,
Einöd aller plumpen Sitten,
Lästu dich zum Freien bitten?

Lost Girl, 30. Juli 2018

Bilder:

  1. Astonish the World, 7. November 2018;
  2. Oh Well, 7. Juni 2014;
  3. Coisas de Terê, 10. Januar 2016;
  4. Chania: Carpe Diem With Alexander the Great;
  5. Lost Girl, 30. Juli 2018.

Du bist schön und du bist frei und du hast unbegrenzte Liebe:
Maike Rosa Vogel: Ich sing für dich, aus: Trotzdem gut, 2015:

BonusBild („Du hältst uns jetzt in deinen Armen und vielleicht bist du gleich schon fort“),
weil’s das schönste zum Thema war: Paloma Lanna Wool, via Surmise-en-scene, 13. November 2014:

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Written by Wolf

29. März 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Barock, Ehestand & Buhlschaft

Rotstrumpf

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Update zum Weihnachtlied Faust 13 und
Hair as red as stockings blue:

Für V.

Marcin, JN, 23. September 2018

——— Friedrich Nicolai via Justus Möser:

Farbensport, myspace, ca. 2008

Eyn Lyd der Meydlein ym Osnabruckischen

Im Ton: Tzum Sterben bin ich usw.

aus: Eyn feyner kleyner Almanach, 1778:

Wack’r Meken ben yck
Roade Strumpe dreg yck
Kan strycken, kan näyhen
Kan’n Haspel goet dreyhen
Kan nock wol wat meer —

Das ist:

——— Clemens Brentano & Achim von Arnim:

Hast du auch was gelernt?

Des Knaben Wunderhorn, Anhang Kinderlieder,
Nr. KL 79 a, 1808:

Wacker Mägdlein bin ich ja,
Rothe Strümpflein hab ich an,
Kann stricken, kann nehen,
Kann Haspel gut drehen,
Kann noch wohl was mehr!

Jenni, Opposites attrct, 19. November 2008

Wacker Mädchen: Marcin, Warschau: JN, 23. September 2018;
Farbensport, Myspace, ca. 2008;
Jenni Holma, Helsinki: Opposites Attract, 19. November 2008.

Soundtrack: Deke Dickerson and the EccoFonics: Redheaded Woman,
WRFG FM 89.3 studios in Atlanta, Georgia, Sagebrush Boogie show, 10. Februar 2000:

Written by Wolf

31. Oktober 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Sturm & Drang

The admirable symmetry of her person

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Update for Zwischennetzsurferey:

Perhaps, after all, it is possible to read too many novels.

Jane Austen, op. cit., 1817.

Felicity Jones as Catherine Morland in Northanger Abbey, 2007

In Northanger-Abbey-the-book, the heroine „in training“ Catherine Morland is not in terms driven by Jane Austen’s society novels, but by Ann Radcliffe’s Gothic novels, explicitly by The Mysteries of Udolpho, 1794.

In Northanger-Abbey-the-film, Catherine Morland’s most circumstantial quotation is neither from Austen nor Radcliffe, but Matthew Gregory Lewis, explicitly from The Monk, 1796:

——— Matthew Gregory Lewis:

The Monk: A Romance

J. Saunders, Masterford 1796,
in: Jon Jones: Northanger Abbey, 2007,
as read by Felicity Jones as Catherine Morland:

Felicity Jones as Catherine Morland in Northanger Abbey, 2007The Friar pronounced the magic words and a thick smoke arose over the magic mirror. At length, he beheld Antonia’s lovely form. She was undressing to bathe herself and the amorous monk had full opportunity to observe the voluptuous contours and admirable symmetry of her person as she drew off her last garment.

At this moment, a tame linnet flew towards her, nestled its head between her breasts and nibbled them in wanton play. Ambrosio could bear no more. The blood boiled in his veins and a raging fire rushed through his limbs.

„l must possess her,“ he cried. „No, no, Ambrosio. I shall no longer be able to combat my passions. I am convinced with every moment, that I have but one alternative… I must enjoy you, or die!“

Today, we might regret Ms. Austen’s decision not to refer to herself in extent, since Northanger Abbey – her fifth, however first completed novel, and first one to be published posthumously, which is 19 years after its first draft –, offered plenty of space for self parody. We might even more regret Jon Jones‘ decision, due to dramatic brevity and tension, to feature only some neatly trimmed peak selections from Lewis‘ Chapters 2 and 7. Most of all, we might regret everybody’s decision not to feature Felicity Jones in a film adaptation of The Monk.

Film and images: Jon Jones: Northanger Abbey, ITV Studios London, WGBH-TV Boston, 2007.

Felicity Jones as Catherine Morland in Northanger Abbey, 2007

Written by Wolf

21. September 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Romantik

Nachtstück 0016: Du nicht

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Update zu Des eigenen Herzens süße Melodie und
Jean Paul, sein erster Kuss, meine Bedienung und ich:

Paloma Lanna Wool via Surmise-en-scene, 13. November 2014——— Peter Rosegger:

Heb Dich weg und küss mich nicht!

in: Mein Lied (Vollständige Sammlung).
Über 180 Titel in einem Buch:
Heimat + Liebe + Welt + Hölle + Himmel,
Musaicum Books — Innovative digitale Lösungen
& Optimale Formatierung —
2017 OK Publishing:

Heb‘ Dich weg und küss‘ mich nicht!
Du nicht, ich bitte Dich,
Ein Kuß von Dir — o, küss‘ mich nicht!
Ein Kuß, er wär‘ mein Tod.
Kleine Schelmin, lächle nicht!
Du nicht; — blick‘ mich nicht an!
Das traute Du, o nenn‘ es nicht!
Sprich nichts, kein Wort zu mir!
O laß mich gehn, berühr‘ mich nicht!
Ich weiß, mein Kind, Du liebst mich nicht.
Und ist nicht auch die Seele mein,
Den Leib allein, den mag ich nicht.

Sprich nichts, kein Wort zu mir:
Paloma Lanna Wool via Surmise-en-scene,
13. November 2014.

Den Leib allein, den mag ich nicht:
Hundreds: Spotless, aus: Wilderness, 2016:

Written by Wolf

7. September 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Realismus

Nachtstück 0015: Bis die Zeit auch Dich verspeist

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Update zu Damit du siehst, wie leicht sich’s leben läßt
und Nachtstück 0011: Weiß ich nur, wer ich bin:

——— Joseph von Eichendorff:

Intermezzo.

1810, gesammelt in: Gedichte, Berlin 1837:

Wie so leichte läßt sich’s leben!
Blond und roth und etwas feist,
Thue wie die andern eben,
Daß Dich jeder Bruder heißt,
Speise, was die Zeiten geben,
Bis die Zeit auch Dich verspeist!

Muss auch mal sein: ein vielfach Hurra für gestandene Weibsbilder in allen Farben und Formen!

Fotografia erotica

Die Wölfin meint: „Alle Achtung, mein Lieber. Die drei Grazien von hinten sehen, das feiert nicht jeder als Leichtigkeit und Lebenslust.“

„Man gewöhnt sich dran. Das Ende war schon immer nahe.“

„Aber selten so gut sichtbar.“

„Jetzt hab ich Angst.“

#MeToo.“

Dass dich jeder Schwester heißt: Fotografia erotica, autore: non trovato. Ein Jammer.

Blond und rothe Mutter & Tochter: The Judds Farewell Concert,
4. Dezember 1991 in Murfreesboro, Tennessee:

Written by Wolf

10. August 2018 at 00:03

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Romantik

Wenn er vom Blocksberg kehrt

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Update zu Bocksgestöhn und freche Lieder:

Ja, singe, singe nur, und lob‘ und rühme sie!
Ich will zu meiner Zeit schon lachen.
Sie hat mich angeführt, dir wird sie’s auch so machen.
Zum Liebsten sey ein Kobold ihr bescheert!
Der mag mit ihr auf einem Kreuzweg schäkern;
Ein alter Bock, wenn er vom Blocksberg kehrt,
Mag im Galopp noch gute Nacht ihr meckern!
Ein braver Kerl von echtem Fleisch und Blut
Ist für die Dirne viel zu gut.
Ich will von keinem Gruße wissen,
Als ihr die Fenster eingeschmissen!

Auerbachs Keller in Leipzig: Siebel, Vers 2108 bis 2118.

Jamiri, Anja, Marabo, 1993

Jamiri, Anja, Marabo, 1993

Zeche lustiger Gesellen: Jamiri: Anja, doppelseitige Version in: Marabo, 1993. Spätere Versionen ließen das erste Bild weg und verwendeten „Schlampe“.

Singe, singe nur, und lob‘ und rühme sie: Aerosmith: Cryin‘, aus: Get a Grip, April 1993:

Das ist, wie die Lagerfeuermusikanten unter uns schon vor 25 Jahren bemerkt haben, ein Dreiertakt. Und wo wir schon dabei sind, als Bonus Track noch den anderen Walzer aus der einzigen Platte der 1990er, die für gleich zwei Walzer als Sommerhits gut war, das Video zusätzlich zur selben Alicia Silverstone sogar noch mit Liv Tyler: Crazy:

Written by Wolf

1. Mai 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Novecento

Um meiner Mannheit Tiefgang auszuloten

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Update zu Meines Schooßes Lippen,
Ich will mich wie mein Schwanz erheben
und Krabbelröschen und in mehrerlei Hinsicht das Gegenteil
zu The boys and girls are one tonight (I marry the bed):

Ja, es wäre eine bessere Welt, wenn man unzulängliche Wikipedia-Beiträge einfach ändern könnte.

Kathrin Passig: Kommentar #9 zu: HM!, in: Riesenmaschine, 31. Oktober 2006, 00.42 Uhr.

Vensuberg, Fiedler's Skeleton series, TumblrMit den klassischen Schweinereien ist es so: Hinterher will sie keiner geschrieben haben. Friedrich Schlegel zum Beispiel kann aller Wahrscheinlichkeit nichts dafür, dem wurden die zehn Erotischen Sonette erst annähnernd hundert Jahre posthum an-gedichtet.

Im Verdacht der Urheberschaft stehen Alexander Bessmertny, Otto Julius Bierbaum, Franz Blei, Carl Georg von Maassen und eine ganze — siehe weiter unten — zwar vage auszumachende, aber nicht endgültig dingfest zu machende „Privatdruckszene“ nach 1900.

Nun ist ein Vorteil an eher abseitigen Wikipedia-Artikeln, dass sie keiner großen Änderungshistrorie unterliegen, sondern in Ruhe gelassen werden, bis sich nach mehreren Internet-Äonen endlich wieder ein Geek ihrer erbarmen kommt. So gesehen sind kontroverse Artikel wie etwa der über Donald Trump, Neoliberalismus oder Flug MH370 langweilig, weil man die so oder so sehen oder beides auch lassen kann, was sich in ihrer hibbeligen Fluktuation spiegelt. Alexander Bessmertny dagegen ist der Welt- und Zeit- fast so egal wie der Kulturgeschichte, weswegen sich ein engagierter und gut informierter Wikipedia-Nutzer über ein Nebenthema austoben konnte, das ihm proaktive Beobachter heißer Eisen aus einem Wiki-Smash-Hit längst wegen Irrelevanz herausgekürzt hätten.

Ich selber bin registrierer Wikipedia-Nutzer, wenngleich meine proaktive Zeit schon ein, zwei Betriebssysteme zurückliegt. Alle meine neu angelegten Artikel sind, sooft ich nachschaue, nicht ihrer eigenen Irrelevanz zum Opfer gefallen, sondern florieren still in ihren Nischen. Besonders stolz bin ich auf meine „Bernstein-Hypothese„, die heute gegenüber meiner Urversion von 2006 nicht wiederzuerkennen ist. Und deshalb werde ich mich hüten, so wichtige Nebensachen wie den Ausflug über die Erotischen Sonette innerhalb der Lebensdarstellung eines kurischen Juden, was technisch von jedem Telephon aus möglich wäre, vor lauter Themenstringenz zu unterbinden.

Woanders steht der nämlich nicht. Bis jetzt:

Vensuberg, Fiedler's Skeleton series, Tumblr

Bessmertny gilt als Verfasser der (pornographischen) „Zehn Sonette“, die seit ihrem erstmaligen Druck (1912?) dem romantischen Dichter Friedrich Schlegel (1772–1829) zugeschrieben worden sind. Einziger Zeuge für die Zuschreibung an Bessmertny ist der deutsche Literaturwissenschaftler Paul Englisch, der diese in den Jahren 1929 und 1931 an gleich fünf Stellen (in drei Publikationen) mit unterschiedlichen, teils voneinander abweichenden Formulierungen vorgenommen hat. Zunächst im 2. Band des „Bilderlexions der Erotik“ (1929) gleich zweimal, nämlich jeweils unter den Stichworten „Namensmissbrauch“ und „Franz Blei“; sodann im 2. Band seiner Geschichte der erotischen Literatur (Irrgarten der Erotik, Leipzig 1931; S. 190); und schließlich, im zuletzt genannten Band von ihm selbst als Quelle angegeben, in Bd. IX (= Ergänzungsband, erschienen 1929, hg. v. Paul Englisch) des sog. Hayn / Gotendorf (dort S. 530).

Fasst man die Aussagen P. Englischs zusammen, enthalten sie im Wesentlichen drei Behauptungen: 1. Der Erstherausgeber der „Zehn Sonette“ sei Franz Blei; dieser habe eine „niedliche Mystifikation“ vorgenommen, indem er die Sonette Friedrich Schlegel zuschrieb. 2. Erstmals gedruckt wurden die „Zehn Sonette“ in der Sammlung „Erbrochene Siegel“ im Jahr 1912. 3. Der wirkliche Autor sei Alexander Bessmertny. Soweit sich Englischs Darlegungen überprüfen lassen, treffen sie nur teilweise zu. Die genannte Sammlung von 1912 enthält tatsächlich die „Zehn Sonette“, und sie enthält auch (dort S. 35) die Zuschreibung an Schlegel. Doch die Sprache der „Zehn Sonette“ ist, das wird jeder Kenner bald spüren, eher die der Zeit um 1900 als die der Zeit um 1800. Insofern spricht auch sprachliche Plausibilität eher für 1912 als für eine Zeit vor 1829. Zahlreiche spätere Ausgaben des Textes lassen sich nachweisen (z.B. von 1926 und 1930), jedoch keine frühere.

Letztlich muss die Autorschaft der Sonette allerdings weiter als ungeklärt gelten. Denn die Sammlung „Erbrochene Siegel“ wurde keineswegs von Franz Blei herausgegeben, sondern gilt weithin als Werk des bekannten Bibliophilen und Literaturhistorikers Carl Georg von Maassen (1880–1940). Von diesem dürfte dann auch die Schlegel-Zuschreibung stammen – und letztlich vielleicht auch die „Zehn Sonette“ selbst. Maassen selbst hat um 1910 grotesk-satirische Gedichte im „Simplizissimus“ publiziert (vgl. NDB) und er gründete (u.a. zusammen mit Franz Blei!) die Gesellschaft der Münchener Bibliophilen (1907–1913) – beides würde zu Sonetten und Zuschreibung passen. Womöglich hat Maassen in „Erbrochene Siegel“ mit dieser fiktiven literarhistorischen Vignette ausprobiert, was er wenig später (in seinem „Grundgescheuten Antiquarius“, 1920–1923) mit realen Autoren der Romantik fortführte.

Ungeklärt bleibt auch, warum H. L. Arnold, der in seiner Sammlung „Dein Leib ist mein Gedicht“ (Bern u.a. 1970) die zehn Sonette ebenfalls abdruckt, als Quelle angibt: „Aus Zehn Sonette, o.O. o.J. (1880)“ (S. 208). Telefonisch dazu befragt (Januar 2011) besteht Arnold darauf, dass es sich bei dieser Angabe NICHT um eine neuerliche Mystifikation seinerseits gehandelt habe, sondern dass dies die Angaben zu einem entsprechenden Privatdruck der Zeit gewesen seien. Einzelheiten seien ihm nicht mehr erinnerlich. Falls die Jahresangabe 1880 stimmt, kann Bessmertny, der ja erst 1888 geboren wurde, NICHT der Autor der zehn Sonette sein, und natürlich auch nicht Maassen. Letzterer ist jedoch 1880 geboren – vielleicht kam es dadurch zu einer Verwechslung.- Arnold schreibt im übrigen in der Vorbemerkung seiner erwähnten Sammlung von 1970 (S. 7), „andere“ (konkrete Belege nennt er nicht) schrieben die Sonette dem Schriftsteller Otto Julius Bierbaum (1865–1910) zu. Falls Arnold wirklich ein Druck der Sonette aus dem Jahr 1880 vorgelegen haben sollte, dann muss ihm klar gewesen sein, dass zumindest diese Zuschreibung kaum stimmen konnte, da Bierbaum zu jenem Zeitpunkt erst 15 Jahre alt gewesen ist. Davon abgesehen, hätte jedoch eine Zuschreibung an Bierbaum einiges an Plausibilität für sich, denn er hinterließ u.a. ein breites lyrisches und erzählerisches Gesamtwerk, das weitgehend von Anlehnungen an ältere Vorbilder bestimmt ist und für seine gelegentliche „Schlüpfrigkeit“ bekannt.

Wer auch immer letztlich der Verfasser der „Zehn Sonette“ gewesen ist – Friedrich Schlegel war es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht. Ob Franz Blei, Alexander Bessmertny, Carl Georg von Maassen, Otto Julius Bierbaum oder vielleicht ein anderer aus der breiten „Privatdruckszene“ nach 1900 – in jedem Fall trifft zu, was Arnold im erwähnten Vorwort schreibt: „die philologische Akribie der späteren Herausgabe“ ist „eine ebenso ironische wie humorvolle Parodie auf die positivistischen Texteditionen des späteren 19. Jahrhunderts.“ (S. 7)“

Es folgen die pornographischen Primärtexte. Bitte trotz des Vintage-Charakters nur ab einer gewissen sittlichen Reife weiterlesen. Ab 18 Jahren:

Vensuberg, Fiedler's Skeleton series, Tumblr

——— Friedrich Schlegel (zugeschrieben):

Erotische Sonette

vor 1829, wahrscheinlicher aus: Erbrochene Siegel, ca. 1912:

Erstes Sonett

Vensuberg, Fiedler's Skeleton series, TumblrUm meiner Mannheit Tiefgang auszuloten,
Ging ich mit nacktem Glied zu Keuschgesinnten.
Ich glaubte, diese deutlichste der Finten
Sei zwingender als Zahlen oder Zoten.

Ich trat zu Mädchen unversehns von hinten,
Sprach sanft sie an und spielte den Zeloten.
Dann fragt‘ ich plötzlich, wann sie denn den roten
Gewaltherrn hätten, und wie lang sie minnten.

Sie sehn verdrehten Auges auf den Stecken,
Der ihnen doch galant entgegensteht.
Ich hebe sie, darauf zu stülpsen.

Zuerst wohl würgen, schreien sie, und rülpsen,
Dann fließt die Lust, und alles Weh vergeht.
Bis sie zutiefst gekitzelt drauf verrecken.

~~~\~~~~~~~/~~~

Zweites Sonett

Du meine Hand bist mehr als alle Weiber,
Du bist stets da, wie keine Frau erprobt,
Du hast noch nie in Eifersucht getobt,
Und bist auch nie zu weit, du enger Reiber.

Ovid, mein Lehrer weiland, hat dich recht gelobt,
Denn du verbirgst in dir ja alle Leiber,
Die ich mir wünsche. Kühler Glutvertreiber,
Dir hab ich mich für immer anverlobt.

Ich stehe stolz allein mir dir im Raume
Und streichle meine bläulichrote Glans.
Schon quirlt sich weiß der Saft zum Schaume,

So zieh ich aus Erfahrung die Bilanz:
Die Zweiheit paart sich nur im Wollusttraume,
Sonst paart sich meine Faust mit meinem Schwanz.

~~~\~~~~~~~/~~~

Drittes Sonett

Vensuberg, Fiedler's Skeleton series, TumblrDer rauhe Ost, der früh nach Rom mich jagte,
Ward dort zum Zephir hyacinthner Lüste.
Und keiner, der nur immer Mädchen küßte,
Rühm seinen Schwanz, daß er im Himmel ragte.

Auch mich erregen noch die herben Brüste
Kampan’scher Mädchen, doch wie oft verzagte
Mein Meerschaum an dem fremden Golf und klagte
Daß ohne recht‘ Verständnis diese Küste.

Wie anders schmiegte sich der Arsch des Knaben
dem Schwanz in lieblich-rundlichem Gehaben;
Kein Weib hat so behende mit der Zunge

Die Eichel mir geleckt wie dieser Junge.
Oh, könnt‘ ich doch an deinem Marmorhintern,
Mein Knabe, viele Monde überwintern … !

~~~\~~~~~~~/~~~

Viertes Sonett

Von allen Männern, die dich je bedrohten
Bin ich der geilste: sieh‘ mich zitternd an … !
Ich zerre deine Brüste Spann für Spann
Und werde sie auf deinem Rücken knoten.

Auch deine Füße knüpfe ich daran,
Und binde deine kleinen weißen Pfoten.
Und wenn den Leib du röchelnd mir geboten
Bewunderst du in mir den starken Mann.

Und wenn du schreist, so schlitz‘ ich deinen runden
Und weichen Leib mir auf mit kaltem Streiche.
Dann saugen sich die Lippen deiner Wunden

Um meinen Schwanz, daß ich vor Lust erbleiche.
Jedoch, mein Glück, es reift nicht aus zu Stunden:
Du riechst schon sehr, mein Torsoschatz, nach Leiche.

~~~\~~~~~~~/~~~

Fünftes Sonett

Vensuberg, Fiedler's Skeleton series, TumblrSo liegst du gut. Gleich wird sich’s prächtig zeigen
Wie klug mein Rat: ich schiebe meinen Dicken
In dein bemoostes Tor – man nennt das Ficken.
Du fragst warum? – Davon laß jetzt mich schweigen.

Schon seh‘ ich Schmerz in deinen blanken Blicken,
Das geht vorbei: du mußt zurück dich neigen,
Gleich wird dein Blut dir jubeln wie die Geigen
Von Engeln, welche ihre Brünste schicken

In bebender Musik zum Ohr der Welt.
Famos! … Du einst dich mir in bravem Schaukeln,
Die Schenkel schmiegen pressend, es umgaukeln

Mich Düfte, die mich locken in die Unterwelt.
Ein Stoß – ein Schrei! … Die weißen Glieder zittern
Im Kampf wie Apfelblüten in Gewittern.

~~~\~~~~~~~/~~~

Sechstes Sonett

Ich flehe dich um Wunden und um Male
Von deinen Händen, die mich heilig sprechen.
Du sollst das Glied, das du gesaugt, zerbrechen.
Das steif geragt in deine Kathedrale.

Schlürf‘ aus den Quell, der einst in weißen Bächen
In deinen Kelch gespritzt beim Bachanale! …
Gieß jetzt die letzte Kraft in deine Schale.
An meinem Blute magst du dich bezechen! …

Nimm scharfe Peitschen und geglühte Zwingen.
Schlag‘ fester zu und quäle meine Hoden! …
Laß tiefsten Schmerz das höchste Glück mir bringen.

Mein Stöhnen preist dich brünstiger als meine Oden.
Und wenn die letzten Schreie dich umklingen
Hörst du den Dank vom seligen Rhapsoden.

~~~\~~~~~~~/~~~

Siebentes Sonett

Vensuberg, Fiedler's Skeleton series, TumblrDer Müllerbursche schiebt hinauf zur Mühle
Auf seinem Karren einen Mühlenstein.
Und in die Öffnung schob er glatt hinein
Sein steifes Glied und schaffte so sich Kühle.

Die blonde Müll’rin sieht’s im Sonnenschein.
Und trotz der unerträglich dumpfen Schwüle
Läuft sie hinab, daß prüfend sie’s befühle:
Sie faßt und fühlt, es ist von Fleisch und Bein.

„Na hör‘, mein Junge“, ruft sie sehr brutal,
„Was soll die Schweinerei mit deinem Schweif? .. !
Ist das die Prüfung, die ich dir befahl.

Ob du auch würdig wärest für mein Bett?“
Doch er zeigt nur die Inschrift um den Reif.
Und ach, sie liest gerührt: Elisabeth … !

~~~\~~~~~~~/~~~

Achtes Sonett

Ich ward erlöst, zum Weltweib umgeschaffen,
Des irren Wanderns letzte höchste Feier.
Ich rag‘ ins Dämmerlicht, verhüllt vom Schleier
Der Sterne mit den bleichen Mondagraffen.

Zur Erde send‘ ich meinen Himmelsgeier,
Der ruft die letzten geilen Menschenaffen.
Ich werde meine Röcke höher raffen
Und alle grüßen als willkomm’ne Freier.

Ich höre schon ihr heis’res Brunstgeschrei.
Die Schwänze zucken und die Zungen lallen.
Begattend dünken sie sich schicksalsfrei.

Doch werden sie in meine Scheide fallen,
Dann will ich sie Kometen gleich mit kurzen
Und hellen Knallen in den Weltraum furzen.

~~~\~~~~~~~/~~~

Neuntes Sonett

Vensuberg, Fiedler's Skeleton series, TumblrVerschüchtert von des Purpurbett’s Umschattung
Horcht die Prinzessin in die schwarzen Ecken.
Ihr dünkt ein schalkhaft kichernd‘ Necken,
Ein seltsam‘ Künden fürstlicher Begattung.

Der Prinz harrt zweifelnd seiner Kraft Erwecken
Und früh vertaner Jugend Rückerstattung.
Wie peinlich würde heute die Ermattung
Die junge Frau aus der Umarmung schrecken.

Er droht des frechen Narren fröstelnd Lachen,
Flucht seiner Jugend mondbeglänzten Nachen
Und glaubt nicht mehr an schwarzer Kräuter Sieden.

Denn selbst die einst so treuen Canthariden,
Sie haben ihren Wirkungspol verrückt
Und reichen nur, daß er den Nachtstuhl schmückt.

~~~\~~~~~~~/~~~

Zehntes Sonett

Ich höre fern das Plätschern deiner Wasser.
Ich fühl‘ mein Herz in meine Hoden sinken.
Es drängt mich wieder, dein Pipi zu trinken,
Weil ich ein ruchlos raffinierter Prasser.

Man lügt, daß deine gelben Quellen stinken.
Mich macht ihr Duft, wenn ich sie trinke, blasser.
Ich möcht‘, ein Kieselstein, ein ewig nasser,
In deinen Fluten selig schimmernd blinken.

So wirst du mir, Geliebte, ganz zu eigen,
Wie mehr als in des Marterbergs Ersteigen
Im Abendmahle Einer Gott verwandt.

In deiner Krypta ein verschwieg’ner Brand,
Laß züngeln mich in allen roten Winkeln
Und zischend sterben in topas’nem Pinkeln.

Bilder: Vensuberg: Fiedler’s Skeleton Series, 17. Juni 2016;
Soundtrack: Mac Davis: It’s Hard to Be Humble, aus: Hard to Be Humble, 1980,
in: The Muppet Show 514, 22. November 1980:

Written by Wolf

27. April 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Romantik