Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for the ‘Ehestand & Buhlschaft’ Category

Wenn er vom Blocksberg kehrt

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Update zu Bocksgestöhn und freche Lieder:

Ja, singe, singe nur, und lob‘ und rühme sie!
Ich will zu meiner Zeit schon lachen.
Sie hat mich angeführt, dir wird sie’s auch so machen.
Zum Liebsten sey ein Kobold ihr bescheert!
Der mag mit ihr auf einem Kreuzweg schäkern;
Ein alter Bock, wenn er vom Blocksberg kehrt,
Mag im Galopp noch gute Nacht ihr meckern!
Ein braver Kerl von echtem Fleisch und Blut
Ist für die Dirne viel zu gut.
Ich will von keinem Gruße wissen,
Als ihr die Fenster eingeschmissen!

Auerbachs Keller in Leipzig: Siebel, Vers 2108 bis 2118.

Jamiri, Anja, Marabo, 1993

Jamiri, Anja, Marabo, 1993

Zeche lustiger Gesellen: Jamiri: Anja, doppelseitige Version in: Marabo, 1993. Spätere Versionen ließen das erste Bild weg und verwendeten „Schlampe“.

Singe, singe nur, und lob‘ und rühme sie: Aerosmith: Cryin‘, aus: Get a Grip, April 1993:

Das ist, wie die Lagerfeuermusikanten unter uns schon vor 25 Jahren bemerkt haben, ein Dreiertakt. Und wo wir schon dabei sind, als Bonus Track noch den anderen Walzer aus der einzigen Platte der 1990er, die für gleich zwei Walzer als Sommerhits gut war, das Video zusätzlich zur selben Alicia Silverstone sogar noch mit Liv Tyler: Crazy:

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Written by Wolf

1. Mai 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Novecento

Um meiner Mannheit Tiefgang auszuloten

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Update zu Meines Schooßes Lippen,
Ich will mich wie mein Schwanz erheben
und Krabbelröschen und in mehrerlei Hinsicht das Gegenteil
zu The boys and girls are one tonight (I marry the bed):

Ja, es wäre eine bessere Welt, wenn man unzulängliche Wikipedia-Beiträge einfach ändern könnte.

Kathrin Passig: Kommentar #9 zu: HM!, in: Riesenmaschine, 31. Oktober 2006, 00.42 Uhr.

Vensuberg, Fiedler's Skeleton series, TumblrMit den klassischen Schweinereien ist es so: Hinterher will sie keiner geschrieben haben. Friedrich Schlegel zum Beispiel kann aller Wahrscheinlichkeit nichts dafür, dem wurden die zehn Erotischen Sonette erst annähnernd hundert Jahre posthum an-gedichtet.

Im Verdacht der Urheberschaft stehen Alexander Bessmertny, Otto Julius Bierbaum, Franz Blei, Carl Georg von Maassen und eine ganze — siehe weiter unten — zwar vage auszumachende, aber nicht endgültig dingfest zu machende „Privatdruckszene“ nach 1900.

Nun ist ein Vorteil an eher abseitigen Wikipedia-Artikeln, dass sie keiner großen Änderungshistrorie unterliegen, sondern in Ruhe gelassen werden, bis sich nach mehreren Internet-Äonen endlich wieder ein Geek ihrer erbarmen kommt. So gesehen sind kontroverse Artikel wie etwa der über Donald Trump, Neoliberalismus oder Flug MH370 langweilig, weil man die so oder so sehen oder beides auch lassen kann, was sich in ihrer hibbeligen Fluktuation spiegelt. Alexander Bessmertny dagegen ist der Welt- und Zeit- fast so egal wie der Kulturgeschichte, weswegen sich ein engagierter und gut informierter Wikipedia-Nutzer über ein Nebenthema austoben konnte, das ihm proaktive Beobachter heißer Eisen aus einem Wiki-Smash-Hit längst wegen Irrelevanz herausgekürzt hätten.

Ich selber bin registrierer Wikipedia-Nutzer, wenngleich meine proaktive Zeit schon ein, zwei Betriebssysteme zurückliegt. Alle meine neu angelegten Artikel sind, sooft ich nachschaue, nicht ihrer eigenen Irrelevanz zum Opfer gefallen, sondern florieren still in ihren Nischen. Besonders stolz bin ich auf meine „Bernstein-Hypothese„, die heute gegenüber meiner Urversion von 2006 nicht wiederzuerkennen ist. Und deshalb werde ich mich hüten, so wichtige Nebensachen wie den Ausflug über die Erotischen Sonette innerhalb der Lebensdarstellung eines kurischen Juden, was technisch von jedem Telephon aus möglich wäre, vor lauter Themenstringenz zu unterbinden.

Woanders steht der nämlich nicht. Bis jetzt:

Vensuberg, Fiedler's Skeleton series, Tumblr

Bessmertny gilt als Verfasser der (pornographischen) „Zehn Sonette“, die seit ihrem erstmaligen Druck (1912?) dem romantischen Dichter Friedrich Schlegel (1772–1829) zugeschrieben worden sind. Einziger Zeuge für die Zuschreibung an Bessmertny ist der deutsche Literaturwissenschaftler Paul Englisch, der diese in den Jahren 1929 und 1931 an gleich fünf Stellen (in drei Publikationen) mit unterschiedlichen, teils voneinander abweichenden Formulierungen vorgenommen hat. Zunächst im 2. Band des „Bilderlexions der Erotik“ (1929) gleich zweimal, nämlich jeweils unter den Stichworten „Namensmissbrauch“ und „Franz Blei“; sodann im 2. Band seiner Geschichte der erotischen Literatur (Irrgarten der Erotik, Leipzig 1931; S. 190); und schließlich, im zuletzt genannten Band von ihm selbst als Quelle angegeben, in Bd. IX (= Ergänzungsband, erschienen 1929, hg. v. Paul Englisch) des sog. Hayn / Gotendorf (dort S. 530).

Fasst man die Aussagen P. Englischs zusammen, enthalten sie im Wesentlichen drei Behauptungen: 1. Der Erstherausgeber der „Zehn Sonette“ sei Franz Blei; dieser habe eine „niedliche Mystifikation“ vorgenommen, indem er die Sonette Friedrich Schlegel zuschrieb. 2. Erstmals gedruckt wurden die „Zehn Sonette“ in der Sammlung „Erbrochene Siegel“ im Jahr 1912. 3. Der wirkliche Autor sei Alexander Bessmertny. Soweit sich Englischs Darlegungen überprüfen lassen, treffen sie nur teilweise zu. Die genannte Sammlung von 1912 enthält tatsächlich die „Zehn Sonette“, und sie enthält auch (dort S. 35) die Zuschreibung an Schlegel. Doch die Sprache der „Zehn Sonette“ ist, das wird jeder Kenner bald spüren, eher die der Zeit um 1900 als die der Zeit um 1800. Insofern spricht auch sprachliche Plausibilität eher für 1912 als für eine Zeit vor 1829. Zahlreiche spätere Ausgaben des Textes lassen sich nachweisen (z.B. von 1926 und 1930), jedoch keine frühere.

Letztlich muss die Autorschaft der Sonette allerdings weiter als ungeklärt gelten. Denn die Sammlung „Erbrochene Siegel“ wurde keineswegs von Franz Blei herausgegeben, sondern gilt weithin als Werk des bekannten Bibliophilen und Literaturhistorikers Carl Georg von Maassen (1880–1940). Von diesem dürfte dann auch die Schlegel-Zuschreibung stammen – und letztlich vielleicht auch die „Zehn Sonette“ selbst. Maassen selbst hat um 1910 grotesk-satirische Gedichte im „Simplizissimus“ publiziert (vgl. NDB) und er gründete (u.a. zusammen mit Franz Blei!) die Gesellschaft der Münchener Bibliophilen (1907–1913) – beides würde zu Sonetten und Zuschreibung passen. Womöglich hat Maassen in „Erbrochene Siegel“ mit dieser fiktiven literarhistorischen Vignette ausprobiert, was er wenig später (in seinem „Grundgescheuten Antiquarius“, 1920–1923) mit realen Autoren der Romantik fortführte.

Ungeklärt bleibt auch, warum H. L. Arnold, der in seiner Sammlung „Dein Leib ist mein Gedicht“ (Bern u.a. 1970) die zehn Sonette ebenfalls abdruckt, als Quelle angibt: „Aus Zehn Sonette, o.O. o.J. (1880)“ (S. 208). Telefonisch dazu befragt (Januar 2011) besteht Arnold darauf, dass es sich bei dieser Angabe NICHT um eine neuerliche Mystifikation seinerseits gehandelt habe, sondern dass dies die Angaben zu einem entsprechenden Privatdruck der Zeit gewesen seien. Einzelheiten seien ihm nicht mehr erinnerlich. Falls die Jahresangabe 1880 stimmt, kann Bessmertny, der ja erst 1888 geboren wurde, NICHT der Autor der zehn Sonette sein, und natürlich auch nicht Maassen. Letzterer ist jedoch 1880 geboren – vielleicht kam es dadurch zu einer Verwechslung.- Arnold schreibt im übrigen in der Vorbemerkung seiner erwähnten Sammlung von 1970 (S. 7), „andere“ (konkrete Belege nennt er nicht) schrieben die Sonette dem Schriftsteller Otto Julius Bierbaum (1865–1910) zu. Falls Arnold wirklich ein Druck der Sonette aus dem Jahr 1880 vorgelegen haben sollte, dann muss ihm klar gewesen sein, dass zumindest diese Zuschreibung kaum stimmen konnte, da Bierbaum zu jenem Zeitpunkt erst 15 Jahre alt gewesen ist. Davon abgesehen, hätte jedoch eine Zuschreibung an Bierbaum einiges an Plausibilität für sich, denn er hinterließ u.a. ein breites lyrisches und erzählerisches Gesamtwerk, das weitgehend von Anlehnungen an ältere Vorbilder bestimmt ist und für seine gelegentliche „Schlüpfrigkeit“ bekannt.

Wer auch immer letztlich der Verfasser der „Zehn Sonette“ gewesen ist – Friedrich Schlegel war es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht. Ob Franz Blei, Alexander Bessmertny, Carl Georg von Maassen, Otto Julius Bierbaum oder vielleicht ein anderer aus der breiten „Privatdruckszene“ nach 1900 – in jedem Fall trifft zu, was Arnold im erwähnten Vorwort schreibt: „die philologische Akribie der späteren Herausgabe“ ist „eine ebenso ironische wie humorvolle Parodie auf die positivistischen Texteditionen des späteren 19. Jahrhunderts.“ (S. 7)“

Es folgen die pornographischen Primärtexte. Bitte trotz des Vintage-Charakters nur ab einer gewissen sittlichen Reife weiterlesen. Ab 18 Jahren:

Vensuberg, Fiedler's Skeleton series, Tumblr

——— Friedrich Schlegel (zugeschrieben):

Erotische Sonette

vor 1829, wahrscheinlicher aus: Erbrochene Siegel, ca. 1912:

Erstes Sonett

Vensuberg, Fiedler's Skeleton series, TumblrUm meiner Mannheit Tiefgang auszuloten,
Ging ich mit nacktem Glied zu Keuschgesinnten.
Ich glaubte, diese deutlichste der Finten
Sei zwingender als Zahlen oder Zoten.

Ich trat zu Mädchen unversehns von hinten,
Sprach sanft sie an und spielte den Zeloten.
Dann fragt‘ ich plötzlich, wann sie denn den roten
Gewaltherrn hätten, und wie lang sie minnten.

Sie sehn verdrehten Auges auf den Stecken,
Der ihnen doch galant entgegensteht.
Ich hebe sie, darauf zu stülpsen.

Zuerst wohl würgen, schreien sie, und rülpsen,
Dann fließt die Lust, und alles Weh vergeht.
Bis sie zutiefst gekitzelt drauf verrecken.

~~~\~~~~~~~/~~~

Zweites Sonett

Du meine Hand bist mehr als alle Weiber,
Du bist stets da, wie keine Frau erprobt,
Du hast noch nie in Eifersucht getobt,
Und bist auch nie zu weit, du enger Reiber.

Ovid, mein Lehrer weiland, hat dich recht gelobt,
Denn du verbirgst in dir ja alle Leiber,
Die ich mir wünsche. Kühler Glutvertreiber,
Dir hab ich mich für immer anverlobt.

Ich stehe stolz allein mir dir im Raume
Und streichle meine bläulichrote Glans.
Schon quirlt sich weiß der Saft zum Schaume,

So zieh ich aus Erfahrung die Bilanz:
Die Zweiheit paart sich nur im Wollusttraume,
Sonst paart sich meine Faust mit meinem Schwanz.

~~~\~~~~~~~/~~~

Drittes Sonett

Vensuberg, Fiedler's Skeleton series, TumblrDer rauhe Ost, der früh nach Rom mich jagte,
Ward dort zum Zephir hyacinthner Lüste.
Und keiner, der nur immer Mädchen küßte,
Rühm seinen Schwanz, daß er im Himmel ragte.

Auch mich erregen noch die herben Brüste
Kampan’scher Mädchen, doch wie oft verzagte
Mein Meerschaum an dem fremden Golf und klagte
Daß ohne recht‘ Verständnis diese Küste.

Wie anders schmiegte sich der Arsch des Knaben
dem Schwanz in lieblich-rundlichem Gehaben;
Kein Weib hat so behende mit der Zunge

Die Eichel mir geleckt wie dieser Junge.
Oh, könnt‘ ich doch an deinem Marmorhintern,
Mein Knabe, viele Monde überwintern … !

~~~\~~~~~~~/~~~

Viertes Sonett

Von allen Männern, die dich je bedrohten
Bin ich der geilste: sieh‘ mich zitternd an … !
Ich zerre deine Brüste Spann für Spann
Und werde sie auf deinem Rücken knoten.

Auch deine Füße knüpfe ich daran,
Und binde deine kleinen weißen Pfoten.
Und wenn den Leib du röchelnd mir geboten
Bewunderst du in mir den starken Mann.

Und wenn du schreist, so schlitz‘ ich deinen runden
Und weichen Leib mir auf mit kaltem Streiche.
Dann saugen sich die Lippen deiner Wunden

Um meinen Schwanz, daß ich vor Lust erbleiche.
Jedoch, mein Glück, es reift nicht aus zu Stunden:
Du riechst schon sehr, mein Torsoschatz, nach Leiche.

~~~\~~~~~~~/~~~

Fünftes Sonett

Vensuberg, Fiedler's Skeleton series, TumblrSo liegst du gut. Gleich wird sich’s prächtig zeigen
Wie klug mein Rat: ich schiebe meinen Dicken
In dein bemoostes Tor – man nennt das Ficken.
Du fragst warum? – Davon laß jetzt mich schweigen.

Schon seh‘ ich Schmerz in deinen blanken Blicken,
Das geht vorbei: du mußt zurück dich neigen,
Gleich wird dein Blut dir jubeln wie die Geigen
Von Engeln, welche ihre Brünste schicken

In bebender Musik zum Ohr der Welt.
Famos! … Du einst dich mir in bravem Schaukeln,
Die Schenkel schmiegen pressend, es umgaukeln

Mich Düfte, die mich locken in die Unterwelt.
Ein Stoß – ein Schrei! … Die weißen Glieder zittern
Im Kampf wie Apfelblüten in Gewittern.

~~~\~~~~~~~/~~~

Sechstes Sonett

Ich flehe dich um Wunden und um Male
Von deinen Händen, die mich heilig sprechen.
Du sollst das Glied, das du gesaugt, zerbrechen.
Das steif geragt in deine Kathedrale.

Schlürf‘ aus den Quell, der einst in weißen Bächen
In deinen Kelch gespritzt beim Bachanale! …
Gieß jetzt die letzte Kraft in deine Schale.
An meinem Blute magst du dich bezechen! …

Nimm scharfe Peitschen und geglühte Zwingen.
Schlag‘ fester zu und quäle meine Hoden! …
Laß tiefsten Schmerz das höchste Glück mir bringen.

Mein Stöhnen preist dich brünstiger als meine Oden.
Und wenn die letzten Schreie dich umklingen
Hörst du den Dank vom seligen Rhapsoden.

~~~\~~~~~~~/~~~

Siebentes Sonett

Vensuberg, Fiedler's Skeleton series, TumblrDer Müllerbursche schiebt hinauf zur Mühle
Auf seinem Karren einen Mühlenstein.
Und in die Öffnung schob er glatt hinein
Sein steifes Glied und schaffte so sich Kühle.

Die blonde Müll’rin sieht’s im Sonnenschein.
Und trotz der unerträglich dumpfen Schwüle
Läuft sie hinab, daß prüfend sie’s befühle:
Sie faßt und fühlt, es ist von Fleisch und Bein.

„Na hör‘, mein Junge“, ruft sie sehr brutal,
„Was soll die Schweinerei mit deinem Schweif? .. !
Ist das die Prüfung, die ich dir befahl.

Ob du auch würdig wärest für mein Bett?“
Doch er zeigt nur die Inschrift um den Reif.
Und ach, sie liest gerührt: Elisabeth … !

~~~\~~~~~~~/~~~

Achtes Sonett

Ich ward erlöst, zum Weltweib umgeschaffen,
Des irren Wanderns letzte höchste Feier.
Ich rag‘ ins Dämmerlicht, verhüllt vom Schleier
Der Sterne mit den bleichen Mondagraffen.

Zur Erde send‘ ich meinen Himmelsgeier,
Der ruft die letzten geilen Menschenaffen.
Ich werde meine Röcke höher raffen
Und alle grüßen als willkomm’ne Freier.

Ich höre schon ihr heis’res Brunstgeschrei.
Die Schwänze zucken und die Zungen lallen.
Begattend dünken sie sich schicksalsfrei.

Doch werden sie in meine Scheide fallen,
Dann will ich sie Kometen gleich mit kurzen
Und hellen Knallen in den Weltraum furzen.

~~~\~~~~~~~/~~~

Neuntes Sonett

Vensuberg, Fiedler's Skeleton series, TumblrVerschüchtert von des Purpurbett’s Umschattung
Horcht die Prinzessin in die schwarzen Ecken.
Ihr dünkt ein schalkhaft kichernd‘ Necken,
Ein seltsam‘ Künden fürstlicher Begattung.

Der Prinz harrt zweifelnd seiner Kraft Erwecken
Und früh vertaner Jugend Rückerstattung.
Wie peinlich würde heute die Ermattung
Die junge Frau aus der Umarmung schrecken.

Er droht des frechen Narren fröstelnd Lachen,
Flucht seiner Jugend mondbeglänzten Nachen
Und glaubt nicht mehr an schwarzer Kräuter Sieden.

Denn selbst die einst so treuen Canthariden,
Sie haben ihren Wirkungspol verrückt
Und reichen nur, daß er den Nachtstuhl schmückt.

~~~\~~~~~~~/~~~

Zehntes Sonett

Ich höre fern das Plätschern deiner Wasser.
Ich fühl‘ mein Herz in meine Hoden sinken.
Es drängt mich wieder, dein Pipi zu trinken,
Weil ich ein ruchlos raffinierter Prasser.

Man lügt, daß deine gelben Quellen stinken.
Mich macht ihr Duft, wenn ich sie trinke, blasser.
Ich möcht‘, ein Kieselstein, ein ewig nasser,
In deinen Fluten selig schimmernd blinken.

So wirst du mir, Geliebte, ganz zu eigen,
Wie mehr als in des Marterbergs Ersteigen
Im Abendmahle Einer Gott verwandt.

In deiner Krypta ein verschwieg’ner Brand,
Laß züngeln mich in allen roten Winkeln
Und zischend sterben in topas’nem Pinkeln.

Bilder: Vensuberg: Fiedler’s Skeleton Series, 17. Juni 2016;
Soundtrack: Mac Davis: It’s Hard to Be Humble, aus: Hard to Be Humble, 1980,
in: The Muppet Show 514, 22. November 1980:

Written by Wolf

27. April 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Romantik

The boys and girls are one tonight (I marry the bed)

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Update zu I am, I am, I am (your barefoot wench for a whole week):

Das Sexualverhalten von Frauen wird nie aufhören, mich zu faszinieren. Damit meine ich nicht ausdrücklich oder gar ausschließlich ihr Paarungsverhalten, das schon lange aufgehört hat, mich etwas anzugehen. Wie bitteschön können aber gerade die unbeobachteten Momente, in denen eine Lebensform, die sich weitgehend der Forschung und vor allem dem Verständnis entzieht, ihren hexenhaften Weiberkünsten nachgeht, einen fühlenden Menschen jemals kalt lassen?

Anne Sexton hat im Alter von 39 Jahren (und sieben Jahre vor ihrem Selbstmord) in ihren Love Poems 1967 eine Offenheit an den Tag — noch öfter wahrscheinlich: an die Nacht — gelegt, die erst drei Jahrzehnte später im Internet fällig war. Wer bis dahin aus seinen Erfahrungen schließen musste, dass Frauen gegen sexuelle Erregung ebenso immun sind wie gegen jene Form der Verliebtheit, deren Symptome sich eher ums Zwerchfell herum äußern, musste bei Anne Sexton lernen, dass die wahnsinnige Zeitspanne von 18 Tagen ohne ihren — angetrauten — Liebhaber Grund genug für ein Gedicht auf dem Weg zum Klassiker ist: Eighteen Days Without You.

Egal was man über Frauen im allgemeinen und die freiwillig verstorbene Anne Sexton im besonderen mutmaßen will, ist es kein Wunder, dass ihre Fans — jedenfalls solche, die sich als Fans bemerkbar machen — in der Überzahl weiblich sind. Dennoch beobachtet der bekennende Gedichtefreund Jamie H. sehr fein einen untergeordneten Gedichtzyklus innerhalb der Sammlung ihrer Love Poems: Poem(s) o’the Day: Anne Sexton, „For My Lover, Returning to His Wife,“ „The Ballad of the Lonely Masturbator“, Moments of Being, 10. Februar 2010:

„Barefoot“ (immediately after „Ballad“) begins anew and leads on the next affair until the final, powerful poem „Eighteen Days Without You“ remarks again upon grief after the souring of love.

Achtzehn Tage. Das sind keine drei Wochen. In der Zeit haben andere Leute noch gar nicht angefangen zu überlegen, ob vielleicht irgendwas fehlen könnte. Achtzehn Tage. Und das mit gesetzten 39, Frau Sexton. Lachhaft. Achtzehn Tage. Anfängerin.

Ellis Marell Photographiii Berlin, Vogue 2016

——— Anne Sexton:

The Ballad of the Lonely Masturbator

from: Love Poems, 1967:

Ellis Marell Photographiii Berlin, Vogue 2016The end of the affair is always death.
She’s my workshop. Slippery eye,
out of the tribe of myself my breath
finds you gone. I horrify
those who stand by. I am fed.
At night, alone, I marry the bed.

Finger to finger, now she’s mine.
She’s not too far. She’s my encounter.
I beat her like a bell. I recline
in the bower where you used to mount her.
You borrowed me on the flowered spread.
At night, alone, I marry the bed.

Take for instance this night, my love,
that every single couple puts together
with a joint overturning, beneath, above,
the abundant two on sponge and feather,
kneeling and pushing, head to head.
At night alone, I marry the bed.

I break out of my body this way,
an annoying miracle. Could I
put the dream market on display?
I am spread out. I crucify.
My little plum is what you said.
At night, alone, I marry the bed.

Then my black-eyed rival came.
The lady of water, rising on the breach,
a piano at her fingertips, shame
on her lips and a flute’s speech.
And I was the knock-kneed broom instead.
At night, alone, I marry the bed.

She took you the way a woman takes
a bargain dress off the rack
and I broke the way a stone breaks.
I give back your books and fishing tack.
Today’s paper says that you are wed.
At night, alone, I marry the bed.

The boys and girls are one tonight.
They unbutton blouses. They unzip flies.
They take off shoes. They turn off the light.
The glimmering creatures are full of lies.
They are eating each other. They are overfed.
At night, alone, I marry the bed.

Ellis Marell Photographiii Berlin, Vogue 2016

Bilder: Ellis Marell, Berlin, für Vogue, 2016, via Polki;
Anne Sexton at her home in Massachusetts via Alissa Fleck: The Protagonist: Was Sexton’s Suicide Preventable? A talk on poet Anne Sexton’s therapy tapes, Straus Media. Your Neighbourhood News Source, Manhattan, New York, 6. Juni 2013.

Anne Sexton at her home in Massachusetts

Soundtrack: Paradoxerweise ein Duett: Philippe Gaubert: Nocturne et allegro scherzando, 1906,
„a piano at her fingertips […] and a flute’s speech“: Karolin & Friederike Stegmann als Zwillingsduo, 2013:

Bonus Track: Cyndi „She Bop“ Lauper: True Colors, aus: True Colors, 1986
(„Es war das einzige Lied des gleichnamigen Albums, das nicht von Lauper zumindest mitverfasst wurde.“
Schade, das war eigentlich ganz ordentlich):

Written by Wolf

10. November 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Novecento

Krabbelröschen

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Update zu Dein pöschelochter roter mund
Spitz wie Wetzlarer Karotte
und Die Litaneien des Körpers:

Die Liebe war jung.

Und sie war eine Fernbeziehung. Als erstes ist mir beim Herumstrolchen in der neuen, fremden Stadt der Karton mit vergilbten Taschenbüchern aufgefallen: auf dem Fensterbrett eines Antiquitätenladens in der Ludwigstraße, unweit des Geburtshauses von Sissi, mit dem Schild: „Jedes Buch 1 DM“.

Als zweites ist mir in dem Karton Dein Leib ist mein Gedicht mit dem nicht unraffinierten Cover aufgefallen, als drittes in dem Buch das lockere Layout der fünf Seiten O Rösi du Nuß von Kurt Marti. Allein dafür hätte man die 1 DM bezahlt.

Als viertes — dann schon zu Hause mit meinem ersten in der neuen, fremden Stadt erstandenen Buch — ist mir aufgefallen, dass Kurt Marti für einen Schweizer Geistlichen des Jahrgangs 1921 eine ganz schön offenherzige Sexualität pflegt, und das so halböffentlich in obskuren Erotik-Anthologien; als fünftes: und zwar sehr wahrscheinlich mit der namentlich, nur leider nicht bildlich bekannten Johanna „Hanni“ Marti-Morgenthaler, die er 1950 geheiratet hatte und die auch 1970 noch, als er 49 war, als unmittelbares Vorbild für seine lyrische „Rösi“ gelten darf. Hochwürden Martis „Zyklus zärtlicher Albernheiten“ über das Zusammensein mit seiner bewunderten Gespielin erzählt in — sinnigerweise — wechselnden Rhythmen von unverbrauchter Liebe, ja richtiggehend frischer Verliebtheit, und sehr explizit, aber ohne pornographisch zu werden, von fröhlichem Sex. In seinem beneidenswerten Übermut hat es das Zeug zu einem Lieblingsgedicht, für das man sich — keine Selbstverständlichkeit bei erotischen Themen — nicht schämen muss. Hanni starb 2007.

Als sechstes: Kurt Marti ist 2017 gestorben, als ich 49 war. Die Liebe, wie man aus Martis Spätwerk weiß, war jung.

Als siebtes, was ich nicht gerne sage, hab ich über Dein Leib ist mein Gedicht den ehemals gleichfalls Schweizer, nämlich Züricher Haffmans Verlag bei einem Konzeptklau erwischt — aber 7a) nicht sicher und 7b) wenn doch, dann 7c) bei einem lässlichen und 7d) bei einem von sich selbst, denn wer wäre ich 7d) denn, dem verdienstreichen Haffmans Verlag, Gott hab ihn selig, Sachen zu unterstellen. Sachen wie:

Dein Leib ist mein Gedicht wurde 1970 von Heinz Ludwig Arnold herausgegeben. Als Motto für seine Deutsche erotische Lyrik aus fünf Jahrhunderten benutzt er eine Stelle von Günter Grass: den Schlussvers von März aus: Ausgefragt, Luchterhand 1967:

Ich hab genug. Komm. Zieh dich aus.

Komm. Zieh dich aus. heißt wiederum das Handbuch der lyrischen Hocherotik deutscher Zunge, mehrere Zeitenwenden später, nämlich 1991 bei Haffmans herausgegeben von — Überraschung — Heinz Ludwig Arnold. 1986 war vom selben Verlag schon Die klassische Sau. Das Handbuch der literarischen Hocherotik mit gleicher Thematik und in ähnlicher Aufmachung veranstaltet worden, nur eben mit säuischen Stellen in Prosa und herausgegeben von Hermann Kinder — die etliche Nachfolgerinnen hat, die direkten herausgegeben von „Eva Zutzel“ und „Adam Zausel“, die indirekten gerne ganz unabhängig von der Muttersau in anderen Verlagen. Aktuell von 2016 ist Die literarische Sau. Ein Aufkärungsbuch der Hocherotik beim Nachfolgeverlag Haffmans & Tolkemitt, herausgegeben von „Viktor & Viktoria“, und überhaupt hat sich das Konzept seit 1986 als recht tragfähig erwiesen. Meine persönlich empfohlenes Derivat ist das bibliophil gehaltene Liederlich! Die lüsterne Lyrik der Deutschen, bei Eichborn Berlin 2008 herausgegeben von Steffen Jacobs.

Garden of Venus, O., 30. Mai 2014

Inzwischen sind die klassische Sau und ihre Ferkel in die Erbmassen gealterter Bibliothekenbesitzer übergegangen und müssen von den Kindern, die unter ihrer Inspiration entstanden sind, an die Antiquariate des deutschen Sprachraums verscherbelt werden. Dort tauchen derzeit überraschend viele Exemplare auf. Nachdem die Bibliothekenbesitzer nie mit der erfreulichen Vollständigkeit ihrer klassischen Sau, neuen klassischen Sau und allerneuesten klassischen Sau plus Komm. Zieh dich aus hausieren gegangen sind, sie vielmehr in der zweiten Regalreihe verborgen haben, erhellt erst jetzt, was das für ein Verkaufserfolg für den alten Haffmans Verlag gewesen sein muss.

Ich war 1986 ff. nicht so verklemmt und hab mir von einer sehr lieben Freundin dankbar das Original zum Geschenk machen lassen, das von ihr ganz bestimmt nicht anzüglich gemeint war. Das Staunen darüber, dass ein Original ein übergeordnetes Original mit einem so schönen Namen wie Dein Leib ist mein Gedicht haben kann, hat sich selbst erst für heute aufgehoben, wo man aus dem Alter schon wieder raus ist.

Als achtes ist mir aufgefallen, dass sich auf „Krabbelröschen“ etwas Sinnvolles reimt. — Ab hier bis runter zu den Soundtracks: NSFW.

A Wolfe's Love, The screaming orgasm is the ultimate reassurance, Wolfe Sole Productions, 11. November 2015

——— Kurt Marti:

O Rösi du Nuß

Zyklus zärtlicher Albernheiten

Erstveröffentlichung: Heinz Ludwig Arnold (Hrsg.): Dein Leib ist mein Gedicht. Deutsche erotische Lyrik aus fünf Jahrhunderten, Ullstein 1970, Seite 161–163:

1
rösi
du
nuß
du
fee
du
feenuß
seit
je

2
o
rösi
du
eros
ion
meiner
ruh
du

3
rösi
wie
bohrst du
uns doch
in den zahn
dieser zeit
manch zeitloses
loch

4
blühst
im zehrosenteich
palamür
rösi
als schönste
zehrose
mir

5
rösi
du rilke-fan
rilkest doch viel zu schön
um immerzu brav
und allein
niemandes schlaf
unter so viel lidern
zu sein

6
mir wässert
o rösi
der mund
nach deinen
rund
hundert
rosigen
pfund

7
rösi
o spass
du wendig
und schnappenden munds
bis dass
wir vierhändig
spielen
mit uns

8
o rösi
wie rund
dein körper
mir aalt
damit
mein mund
ihn zärtlich
bemalt

9
AUU
ich bin
doch kein
schnitzel
rösi
zügle
die zähne
ein bitzel

10
welch ein gebimmel
o rösi
wenn du
dich selbst
lustig
als himmel
über mich
wölbst

11
küsse
die küssen begegnend
in deinem gesicht sich verloren
o rösi
wie schlägst du
die schenkel mir segnend
und weich um die ohren

12
im
ekstasen
fieber
wie süss
die rösigen
nasen
stüber
des knies

13
überstrahlst
die gewohnte
prosa
der triebe
o rösi
du monte
rosa
der liebe

14
hätte
nur jeder
ein krabbelröschen
wie dich
mit lustigem
zappelmöschen
bei sich —
ich glaube die leute
wären besser als heute

15
wer
o rösi
beschriebe
die wohllust
des wolllauts
der liebe?

16
ganz
von dir
durchdut
rösi
ruht
sich
gut

17
ach
wie weisst du
zärtlich durchtrieben
mit binnenmuskeln
den muskel der liebe
für und für
zu lieben
in dir

18
mit deinem
körper fühlen
zu können
rösi
ach wunderbare
das wäre
erst die wahre
liebe zu nennen

19
o rösi
wie hat mir
liebe sublim
ihr sehr schönes bein
gestellt —
die härchen an ihm
sind fein
die feinsten
der welt

20
komm
wir zwei
wir gründen
eine partei
deren parole
programmt:
WERDET MITEINANDER
ZÄRTLICH
WIE SAMT

21
stolzer
als ein monarch
wache ich
rösi
über dein
sanftes
geschnarch

22
leuchtender noch
trat der vollmond
herfür
rösi
ach träumte ich doch
deine träume
mit dir

23
so traut da
umbeint
wenn atem
und schlaf
uns hautnah
vereint

24
morgenstund
hat
blond
im mund

25
o rösi
wie zappelst
du bäuchlings
und streckst
mir den po
damit
ich dich so

26
ein tag
mit liebesakt
begonnen
ist
rösi
schon so gut
wie ganz gewonnen

Let Me Do This to You

Bilder:

  1. Garden of Venus: O., 30. Mai 2014;
  2. A Wolfe’s Love: The screaming orgasm is the ultimate reassurance,
    Wolfe Sole Productions, 11. November 2015;
  3. Let Me Do This to You;
  4. Luci Marti: Algazara, 26. Mai 2015.

Lucy Marti, Algazara, 26. Mai 2015

Soundtrack: The Kinks: Strangers, aus: Lola Versus Powerman and the Moneygoround, Part One, 1970,
mit Bildern aus Wes Anderson: The Royal Tenenbaums, 2001:

Strangers on this road we are on:
We are not two, we are one.

Bonus Track: dasselbe nochmal als anrührend verliebtes, häusliches Live-Cover
von Christina Bowers und Henry Toland, 6. Dezember 2015. Man beachte den Hund:

Written by Wolf

28. September 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Novecento

Am selben Tag, da ich erfuhr, man habe mich entmündigt

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Update zu den beiden Mädchen auf dem Felde:

Erstens feiern wir am 7. August 2017 den 134. Geburtstag von Joachim Ringelnatz. Das ist am Montag, der sich zum Feiern etwas ungünstig ausnimmt, daher schon heute.

Zweitens sammle ich, wie wiederholt ausgerufen, Gedichte mit siebenzeiligen Strophen. Wenn jemandem in der Richtung was Schönes auffällt: Die Kommentarfunktion ist offen.

Die Idee kam mir drittens dermaleinst angesichts von Das Mädchen mit dem Muttermal, Ringelnatz 1928. Das ist für Ringelnatzische Verhältnisse schon verstörend streng komponiert — am Reimschema erkennbar in Lutherstophe — und herzanrührend schön. Außerdem das einzige Gedicht, das ich mal auf einer besoffenen Geburtstagsfeier (weder Ringelnatz‘ noch meiner eigenen) auswendig hersagen konnte, ohne mich zu blamieren oder Dritte zu langweilen, ich sollte ihm also dankbar sein.

Viertens war es Zeit, das Gedicht angemessen zu illustrieren. Bis 2013 hat es gedauert, dass die seinerzeit noch studierende Hamburger Illustratorin Katarina Kühl mit der Arbeitskraft eines ganzen Semesters eine Broschüre mit zwei Gedichten von Joachim Ringelnatz: Ein Liebesbrief & Das Mädchen mit dem Muttermal durchgestaltete. Das betreffende Mädchen hab ich mir sogar immer in diesem schwarzhaarlackierten Garçonne-Stil vorgestellt.

——— Joachim Ringelnatz:

Das Mädchen mit dem Muttermal

Chanson

aus: Allerdings, Ernst Rowohlt Verlag, Berlin 1928:

Woher sie kam, wohin sie ging,
Das hab‘ ich nie erfahren.
Sie war ein namenloses Ding
Von etwa achtzehn Jahren.
Sie küßte selten ungestüm.
Dann duftete es wie Parfüm
Aus ihren keuschen Haaren.

Wir spielten nur, wir scherzten nur;
Wir haben nie gesündigt.
Sie leistete mir jeden Schwur
Und floh dann ungekündigt,
Entfloh mit meiner goldnen Uhr
Am selben Tag, da ich erfuhr,
Man habe mich entmündigt.

Verschwunden war mein Siegelring
Beim Spielen oder Scherzen.
Sie war ein zarter Schmetterling.
Ich werde nie verschmerzen,
Wie vieles Goldene sie stahl,
Das Mädchen mit dem Muttermal
Zwei Handbreit unterm Herzen.

Katarina Kühl, Joachim Ringelnatz, Das Mädchen mit dem Muttermal, 1932, 2013

Katarina Kühl, Joachim Ringelnatz, Das Mädchen mit dem Muttermal, 1932, 2013

Katarina Kühl, Joachim Ringelnatz, Das Mädchen mit dem Muttermal, 1932, 2013

Katarina Kühl, Joachim Ringelnatz, Das Mädchen mit dem Muttermal, 1932, 2013

Den Liebesbrief von Katarina Kühl 2013 kriegen wir fünftens später, wie das sechstens so ist mit Liebesbriefen.

Siebtens endlich: Alles Gute, Ringel.

Katarina Kühl, Joachim Ringelnatz, Das Mädchen mit dem Muttermal, 1932, 2013

Bilder: Katarina Kühl: Ein Liebesbrief & Das Mädchen mit dem Muttermal, 25. September 2013.

Eine sehr würdevolle Vertonung, die Ringelnatz einschließlich seiner hinterkünftig verhuschten Pointe verstanden hat (nur leider nicht die sehr wohl sangbare Lutherstrophe), stammt ebenfalls 2013 von Notenix, nachdem seit 1928 der Untertitel notorisch vernachlässigt wurde: Chanson:

Chanson bonus: Carla Bruni: Quelqu’un m’a dit, aus: Quelqu’un m’a dit, 2002:

Mais qui est-ce qui m’a dit que toujours tu m’aimais?
Je ne me souviens plus, c’était tard dans la nuit.
J’entends encore la voix, mais je ne vois plus les traits:
„Il vous aime, c’est secret. Lui dites pas que je vous l’ai dit.“

Written by Wolf

4. August 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Novecento

Ahnung und Gegenwart. Jeune femme assise. Wie sie ist

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Update zu Fräulein Rosa Martin aus Nürnberg (18),
Candida Terpin und
Welcome, proud Mary:

I.

——— Joseph von Eichendorff:

Ahnung und Gegenwart

Erstes Buch, Zweites Kapitel, 1812, Johann Leonhard Schrag, Nürnberg 1815:

Antoine Watteau, Jeune femme assise, tournée vers la droite, la jambe droite repliée, les épaules dénudées, 1716--1717, via Dave für Madame Pickwick Art BlogDas Rauschen und Klappern einer Waldmühle bestimmte seine Richtung. Ein ungeheurer Hund empfing ihn dort an dem Hofe der Mühle. Friedrich und sein Pferd waren zu ermattet, um noch weiterzureisen. Er pochte daher an die Haustüre. Eine rauhe Stimme antwortete von innen, bald darauf ging die Türe auf, und ein langer, hagerer Mann trat heraus. Er sah Friedrich, der ihn um Herberge bat, von oben bis unten an, nahm dann Sein Pferd und führte es stillschweigend nach dem Stalle. Friedrich ging nun in die Stube hinein. Ein Frauenzimmer stand drinnen und pickte Feuer. Er bemerkte bei den Blitzen der Funken ein junges und schönes Mädchengesicht. Als sie das Licht angezündet hatte, betrachtete sie den Grafen mit einem freudigen Erstaunen, das ihr fast den Atem zu verhalten schien. Darauf ergriff sie das Licht und führte ihn, ohne ein Wort zu sagen, die Stiege hinauf in ein geräumiges Zimmer mit mehreren Betten. Sie war barfuß und Friedrich bemerkte, als sie so vor ihm herging, daß sie nur im Hemde war und den Busen fast ganz bloß hatte. Er ärgerte sich über die Frechheit bei solcher zarten Jugend. Als sie oben in der Stube waren, blieb das Mädchen stehen und sah den Grafen furchtsam an. Er hielt sie für ein verliebtes Ding. „Geh“, sagte er gutmütig, „geh schlafen, liebes Kind.“ Sie sah sich nach der Türe um, dann wieder nach Friedrich. „Ach, Gott!“ sagte sie endlich, legte die Hand aufs Herz und ging zaudernd fort. Friedrich kam ihr Benehmen sehr sonderbar vor, denn es war ihm nicht entgangen, daß sie beim Hinausgehen an allen Gliedern zitterte.

Antoine Watteau, Jeune femme assise

~~~\~~~~~~~/~~~

II.

Auf dem einzigen Nacktfoto, das von Maria existieren darf, sieht sie älter aus. Der extraharte Kontrast macht alles künstlich und beweist alles und das Gegenteil.

Riccardo Arriola, Maria, 2016. Silver gelatin, Ilford Genuine Silver Gelatin Art PaperEs ist genau das geworden, was der Lateiner ein intense portrait nennt: Wer sie nicht kennt, fragt umgehend, wer das denn sei, weil es auf jeden Fall ein Jemand ist, nicht etwa ein Modell für oder von etwas. Gut so, sonst hätte Maria auch dieses einzige sofort aus dem Verkehr gezogen, die ersten Abzüge und das Negativ verlangt und sogar dem Fotografen das bloße Betrachten untersagt.

Maria wurde zum ersten Mal in ihrem jungen Leben von ihrem zweiten Freund, der Fotograf ist, nackt fotografiert; soviel sie weiß, wurden von ihr nicht einmal in der Kindheit die typischen Babyfotos auf Eisbärenfellen oder beim Spielen im Planschbecken gemacht. So sieht die Nacktheit an ihr aus wie ein Kostüm. Ist es, weil sie so misstrauisch guckt? Sie hat kein gesteigertes Interesse daran, ihr Nacktbild kunsthistorisch zu interpretieren, schon gar nicht, wenn sie mit dem Fotografen zusammen ist.

Ihr Bild, das ist nicht sie, das ist ihr klar. Sie setzt die Frau auf dem Bild nicht mit der Maria, die sie ist, gleich; nur deswegen kann sie damit leben. Etwas anderes als ihre Passfotos in Abständen von fast einem Lebensalter ist sie nicht gewohnt, und auch die waren ihr noch nie ähnlich.

Eigentlich sollte die Frau auf dem Bild Kleider tragen; sie schreit sichtlich am natürlichsten nach einem zu großen grauen Flauschpullover, nach Jeans? Gar nicht einmal so selbstverständlich. Vielleicht passender Cordhosen? Gar einem langen Rock? Es kann sein, weil allein ihr Gesicht ein Häppchen Wetter abgekriegt hat und der Restkörper von aller Sonnenfärbung unbeleckt ist.

Ihre Füße sind Größe 42, obwohl sie nach der Körperlänge nie die Größte in einer Gruppe war — worüber sich jede andere Frau ihr Leben lang „Gedanken gemacht“ hätte. Schuhe kaufen war gerade deswegen immer leicht: Sie nahm einfach immer die größten vorrätigen, genau eine Nummer vor den Schuhgeschfäten für Übergrößen. Sie fand ihre Füße immer ganz gut: haben immer getan, was sie sollten, fielen niemandem unangenehm auf, und als Kind trug sie erst dann Schuhe, wenn das Anziehen weniger lästig wurde als die kalten Füße vom Barfußgehen. Ihre Füße sind langzehig hübsch, aber davon weiß sie schon gar nichts mehr, und wenn man es ihr sagte, würde sie einen befremdet anschauen und unauffällig fliehen.

Riccardo Arriola, Maria, 2016. Silver gelatin, Ilford Genuine Silver Gelatin Art PaperAuf ein Nacktportrait hat sie sich eingelassen, um ihrem Freund den Gefallen zu tun, wird dergleichen aber künftig lassen: „Du hast doch schon eins.“ Und: „Warte doch bis Samstag, wenn du wieder mit mir schläfst“ — Jawohl, sie sagt nicht etwa: „bis wir wieder miteinander schlafen“ –, „da siehst du mich noch nackig genug.“

Sandalenträgerin war sie nie. Dazu sind ihr Füße, die sie nicht ausdrücklich als Element erotischen Interesses begreift, denn doch zu intim. Nicht einmal offenzehige Hausschuhe hat sie je besessen.

Ihr Freund sieht in seinem Beruf jeden Tag ungefähr zehn nackte Mädchen, die allesamt viel schöner sind als sie, jedenfalls nach Model-Maßstäben, die man nun mal an kommerziell verwendbare Fotos legen muss. Die sind ihm aber erotisch egal, er hat über sie nur ein nüchternes Urteil, auf das er sich verlassen kann, und in ihr auf ähnliche Weise eine zuverlässige Freundin mit völlig anderem Beruf, auf die er sich verlassen kann. Etwas Unspektakuläres bei der Spedition ist sie, 8 bis 17 Uhr, ausgelernt, fest übernommen. Er betrachtet sie als sehr ernstes, sehr gutes großes Mädchen.

Von dem Gefallen mit dem Nacktfoto nimmt sie für sich persönlich mit, wie es für die ganzen Profimodeletten so ist, mit ihrem Freund im selben Job zu arbeiten. In jeder Sekunde ist ihr ganz ohne Bedauern klar, dass sie das mit dem Modeln gar nicht richtig „kann“ und dass sie auch keinen Ehrgeiz dazu hat.

Einmal hat er ihr gesagt, was sie für schöne Zehen hat: ohne Schwielen oder Verwachsungen, weder kurze Knubbel noch lange schlackernde Knochengespenster, so sieht man das selten, direkt fotografieren müsste man die mal … Da hat sie ihm angesehen, wie er ihre Füße geistig in seinem Profifotoportfoliodings unterzubringen versucht, und das wird sie nicht mitmachen. Ein Fetischist in ihrem Bett, auf Füße oder Ledersachen oder Spielzeuge, das fehlte ihr noch. Da hat sie ganz schnell und unauffällig die Füße unter die Bettdecke versteckt und das Thema gewechselt. Sie fand das beklemmend, er soll doch sie lieben, seine Freundin, und nicht ihre — Füße. Da hat sie fast geweint.

Riccardo Arriola, Maria, 2016. Silver gelatin, Ilford Genuine Silver Gelatin Art PaperAm Samstag zur Liebeszeit will sie das Licht dabei ausmachen, weil sie Skrupel ob ihres nicht-modelkonformen mammalen Bindegewebes hat. Ihr Freund, der allein ihr Fotograf sein durfte, und das nur einmal, liebt sie trotzdem, wenn nicht gar deswegen — weil ihr Naturzustand eine Seltenheit ist, den sie immer nur ihm schenken wird. Sie muss lange und jede Woche aufs neue wie zum ersten Mal beschlafen werden, damit sie zu ihrem sexuellen Recht kommt. Das ist anstrengend, aber auf eine schöne Weise, die er nicht sportlich nennen will. Er ist nicht ihr erster Freund, wahrscheinlich aber nicht einmal der dritte, und auf jeden Fall der erste, der sie so lieben kann — weil sie es ihm nach ihrer eher durchwachsenen ersten Erfahrung erlaubt.

Er heißt Richard. Ein Name, sagt sie ihm, mit dem man ruhig berühmt werden kann: ein Künstlername. Maria auch, findet er. Er ist ein paar Jahre älter als sie, so viel, dass sie als schönes Paar akzeptiert werden. Ach was, sagt sie. Nichts will sie weniger sein als berühmt.

Sie mag: öffentlich küssen, das macht ihr ein Herzklopfen, von dem sie wacher und klarer im Kopf wird. Aber nicht zuviel davon, sonst hält sie nicht durch bis Samstag. Was sie nicht müsste, aber sie schätzt eine gewisse Ordnung. Sie kann, glaubt sie fest, schlecht einordnen, wann ein richtiger Moment zum Küssen im Bus oder im Supermarkt ist, darum schlägt sie es nie von sich aus vor.

O ja, sie hat Orgasmen — nicht selbstverständlich für eine Frau, die der Falsche verklemmt hieße. Markieren würde sie niemals, darauf käme sie gar nicht — im Gegenteil: Ihr Höhepunkt ist still, geradezu introvertiert. Ihr Freund bemerkt ihn daran, dass sie erschrocken einatmet, was sie aber während einer Liebesrunde öfter tut und was darum kein sicheres Zeichen ist — gekommen ist sie erst, wenn sie es ihm sagt, indem sie ihn bei den Ohren schnappt und zu einem neuen Kuss ansetzt. Übrigens küsst sie besonders gut, aber wenn man ihr das sagt, wehrt sie ab: „Ach komm. Wie küsst man denn schlecht?“

Nach dem Liebesspiel ist sie immer zittrig und so erschöpft, wie sie sich eigentlich nicht vor ihrem Freund zeigen will. Deshalb lässt sie sich — nur manchmal — zu einer zweiten Runde verführen, weil sie in diesen Momenten auf eine freudige Art wehrlos ist. Diese zweiten Male sind immer die schöneren. Das weiß sie, aber sie benutzt es nicht. Sie ahnt, dass sie deswegen etwas verpasst, aber sie vermisst es nicht schmerzlich. Ihre zweiten Orgasmen fallen etwas lauter aus, weil ihr Körper schon ganz labbrig ist und quasi unter seinen Händen zerfließt, dann kann sie schon nicht mehr verhindern, dass etwas mehr Stöhnen aus ihr hervorströmt. Diese Wehrlosigkeit genießt sie sehr bewusst, aber eigentlich will sie sich so nicht erleben, so versteht sie sich nicht.

Unten geleckt werden, das mag sie. Das hätte sie nie im Leben von ihrem Freund verlangt, aber er mag es von selbst. Sie strubbelt ihm durch die Haare dabei und nimmt beim Sex zu zweit ihre Zeit für sich. Wenn sie ihm dabei mit den Zehen den Rücken streichelt, kommt sie sich schon verruchter vor, als sie sein will.

Umgekehrt ihn blasen ist ihr eher eine Schuldigkeit, weil es schon das Allerverruchteste ist, das sie sich jemals für sich vorstellen kann. O doch, sie mag seinen Schwanz sehr, so aus der Nähe, wie sie ihn mit Lippen und Zunge erkunden und sogar seinen Aggregatzustand steuern kann — findet aber, dass sie sich eigentlich ekeln sollte. Das ist keine Scham, es ist eher Selbstbeherrschung.

Sie kann ihn mit dem Mund zu Ende bringen und schluckt sogar, nicht ungern. Meistens will sie ihn aber noch vor seinem ersten Verströmen „richtig“ in sich spüren. Seine Schwanzmaße sind genau richtig, Länge und Umfang, nur hart genug kann er gar nicht sein. Auch das ist eine Art Steuern.

Seine Eichel könnte ihr Lieblingskörperteil auf der ganzen Welt sein, wenn sie sich das gestatten würde. Sie hat sowas ja nicht, da ist ihr seine Eichel so schön zwischen fremd und vertraut. Ihre Mischung aus Härte und Weichheit entzückt sie nimmermüde, damit wird sie niemals fertig werden. Weder mit dem Mund, in dem sie dieses fremde Stück vertrauter Lieblingsmensch bis zur Wurzel hinab herumkugelt wie einen unanständig großen Schluck Pistazieneis, noch wenn er es in ihr auf und ab pumpt, so fest sie will, so lange sie will. Das Einführen, das Zurechtkuscheln seiner Eichel, wie sie ihren Weg in ihre feuchtwarme und dann immer besonders tiefe Muschel hinauf bahnt und seine ersten Stöße, das ist ihr das Schönste in jeder Woche. An diese Augenblicke ist sie nie ganz gewöhnt, die kostet sie immer bewusst aus.

Er sagt, ihre Muschel riecht und schmeckt ungewöhnlich gut, überhaupt nicht nach abgestandenem Fisch, vielmehr nach frischer Seeluft, und ihr Mädchensaft ist schön flüssig und fast gar nicht sämig, und er ist kristallen durchsichtig und immer so viel, eher Gebirgsbachwasser als ein Schleim. Sie rasiert sich unten, extra penibel und nicht ungern, mit altmodischen Rasierklingen und der ein bisschen zu teuren Creme, hat es irgendwann ins Ritual ihrer Waschungen aufgenommen. Es gibt ihr ein sauberes Gefühl selbstbewusster Weiblichkeit, das ihr beim Lieben hilft. Wie seine Eichel schmeckt, kann sie nicht gut sagen, sie hat zuwenig vergleichende Erfahrung. Ein bisschen durch die Nase, nach Bittermandeln.

Ihr fürchterlichstes Geheimnis ist: Sie hat schon mal in der Arbeit masturbiert, bis zu Ende, als sie einen Rock trug. Das war in der Urlaubszeit, als sie das Büro allein hatte, am ersten Tag nach ihrer eigenen Woche auf Rügen, wo ihre Haut noch mit Sonne aufgeladen war, und kurz nachdem sie mit den Intimrasuren angefangen hatte. Sie hatte die Schuhe ausgezogen, um eine letzte Prise Sand aus dem Urlaub auf den Boden zu leeren, und wurde erregt von ihrer eigenen glatten Haut. Da hakte sie den einen Fuß auf der Schreibtischplatte ein und schlüpfte mit den Fingern zwischen ihre Lippen, die sie von selbst einsaugten. Sie schaute auf ihre natürlich unlackierten Zehen dabei, die sich an den Strand erinnerten, und schenkte sich den verbotenen Genuss. O Gott, wenn das jemand mitgekriegt hätte. Im Moment, als sie die Zehen vom Tisch nahm, blickte sie eine einzelne offene E-Mail an, schon davon fühlte sie sich ewischt. Kein Kollege, kein Vorgesetzter, nicht einmal Richard weiß davon. Es war bestimmt wichtig, entschuldigt sie sich, für ihre Selbstwahrnehmung.

Von hinten, das mag sie nicht, weil er dann nicht so tief in sie reicht, aber sie versucht sich so lebhaft zu schlängeln oder so ruhig zu liegen, dass es möglichst lange dauert. Schon im letzten Jahr hat sie sich vorgenommen, es doch einmal auf ihre Initiative hin von hinten zu versuchen, weil sie gelesen hat, dass er dann leichter an ihren G-Punkt reicht, und sie herausfinden will, ob es den gibt. Sie wird es ihm nicht vorher sagen, er wird es bemerken. Wenn sie ihm damit eine Freude machen kann, sollte es nicht ihre Absicht sein, aber umso besser. Beschlossen hat sie das in einem Moment, in dem sie kurz vor unbeherrschtem Herumstöhnen stand, nach einem zweiten Höhepunkt — worüber sie sich selbst wundert: Den Einfällen, die sie in entzündetem Zustand hatte, misstraut sie, vergisst sie auch meistens schnell wie Träume. Erklären könnte sie das nicht, und wozu sollte sie auch? Sie kann das eben. Sie schläft gern mit ihrem Freund und freut sich jede Woche darauf, und damit gut.

Betrunken mit ihm schlafen, das mag sie auch nicht. Einmal hat sie ihn in ihrer Liebesnacht nach einer Geburtstagsfeier, auf der sie zuviel erwischt hatte, mit den Armen umklammert, ins Ohr gebissen, mit lasziv gesenkter Stimme das Wort „Ssseeex!“ hineingeflüstert, wie die Nymphomanin in einem Serienporno mit dem Hintern gekreist und dann albern gekichert, so geht das doch nicht. Ihm schien es zu gefallen, regelmäßig einfordern wird er es nicht.

Den letzten Samstag, als beide betrunken waren, lagen sie nur nebeneinander im Bett und hielten sich an den Händen. Sie lag geduscht und nackt auf dem Rücken und fingerte sich selbst mit der Rechten. Sie war bedacht, die Welle der Bewegungen auf nur einer Seite der Matratze und ihers Körpers zu halten. Mit der Linken machte sie synchron die gleichen Fingerbewegungen in seiner Handfläche nach. So lange, bis ihr Höhepunkt einsetzte, worüber sie sehr erschrak, weil sie das nicht geplant hatte. Sie bäumte sich mit dem Becken auf und stöhnte laut, es war nicht zu verhindern. Und noch einmal. Sie hörte nicht auf, sich zu fingern, mit zwei, dann drei Fingern der Rechten in ihrer nass überlaufenden Höhle, und links in seiner Hand. In ihr stand eine Säule aus Lust, die oben als Stöhnen aus ihr wuchs. Wollte noch einmal, weil es so ein ungekannt schönes Gefühl war. Seufzte beim dritten Mal nur noch leise, bis sie merkte, dass sie schluchzte. Dann drehte sie sich zu ihm und wollte ihn küssen vor Glück, bestimmt mochte er sie jetzt auch richtig lieben. Er schlief schon.

Händchenhalten, das mag sie auch. Zum Beispiel an jenem sonnenhellen frühen Nachmittag, als sie ihr Nacktfoto machen wollten, waren sie händchenhaltend in Richards Altbauwohnung gekommen. Die Verständigung zwischen ihnen lief wortlos, was sie normalerweise überschätzt findet, weil man doch bitte reden kann, wenn man sich liebt. Diesmal war es passend. Auch er zog sich dazu nackt aus, wohl um einen Unterschied zu seinen professionellen Shootings zu machen, und mit einem schweigend auffordernden Blick: Komm, du auch, zieh dich jetzt aus. Dann standen sie im größten Zimmer und legten ihre Kleider sorgfältig auf Stühle zusammen. Unnötig zu vereinbaren, dass sie hinterher natürlich miteinander schlafen wollten.

Riccardo Arriola, Maria, 2016. Silver gelatin, Ilford Genuine Silver Gelatin Art PaperAls er ihr Bild nach wenigen Probeschüssen eingefangen hatte, wusste er sofort, dass es gelungen war: Profiblick. Der Ausschuss ruht heute irgendwo in Richards Beständen; sie weiß gar nicht, ob er digital, als Negativ oder als Abzug archiviert. Dann sprach er das einzige Wort während ihrer Sitzung:

„Maria.“

Darauf schlang sie die Beine unter sich hervor und ging auf ihn zu, um zu verführen und sich verführen zu lassen, es war Zeit. Er wies sie zärtlich ab, mit einem kleinen Kuss auf den Mund, und schraubte noch die Kamera vom Stativ.

Entnahm den Film. Verstaute die Kamera. Baute das Stativ ab. Trug den Film ins Bad, das zugleich seine Dunkelkammer war. Hieß sie mit einem Blick folgen.

Sie verstand, dass er das Vorspiel verlängern wollte, indem sie erst gemeinsam den Film entwickelten. Sie machte gerne mit. Das folgende Liebesspiel erinnert sie als besonders lange und besonders langsam, geradezu in Zeitlupe.

Die letzten Meter ins Bett hatte er sie auf seinen Armen getragen, ihre Haut war warm. Er bettete sie so behutsam aufs Bett, dass sie gar nicht sagen konnte, in welchem Moment sie noch schwebte und schon auf der Federdecke lag. Er begann mit ihr an den Füßen, weil sie in Reichweite seiner Hände lagen. Nippte kleine Küsse von ihren Zehen. Sie ließ es geschehen, weil es um ihren ganzen Körper gehen sollte, dazu gehörten heute auch ihre — Füße. Das letzte, was sie in Worten dachte, war: Größe 42.

Die Schlafzimmertür stand offen, ebenso im größten Zimmer das Fenster zur Straße. Als ihre Lust um den zweiten oder dritten Höhepunkt herum immer lauter wurde, war es noch nicht richtig Abend. Er selbst hatte sich den Höhepunkt offenbar verboten, denn er ließ immer nur sie aufs neue und noch einmal und dann noch ein letztes Mal kommen. Erst als von draußen kühle Abendluft an ihren Hintern fächelte, merkte sie, wie erschöpft sie war. Sie fing seinen Blick ein und blinzelte ihm die Erlaubnis zu: „Komm.“ Während in ihr sein Schwanz zu pumpen begann, flüsterte er ihr oben ein weiteres Mal ins Ohr:

„Maria.“

Ohne Hilfe der Hände entließ sie seinen erschlafften Schwanz aus ihrer Muschel. Scheidenmuskeln, dachte sie heimlich, Scheidenwände, Vaginalmuskulatur, der seltsamen, fremdartig erregenden Wörter wegen, und: Beckenbodengymnastik, und lächelte glücklich. Wie aus Versehen überlegte sie, wie das Nacktfoto von ihr wohl jetzt, nachher, ausfallen würde, brachte ihn aber auf keine weiteren Ideen. Sie bekam Lust auf etwas Süßes, Starkes. Portwein. Sie fasste ihn um den Nacken und zog seinen Kopf zu sich, um ihn noch einmal zu küssen. So, dass ihre Dankbarkeit und Liebe für ihn darin lag.

Beim Aufstehen spannte ihre Haut am ganzen Körper elektrisch, ihre Gehversuche fühlten sich jetzt schon an wie nach zwei Gläsern Portwein. Ihre Fußsohlen mussten sich erst an die Parkettbohlen gewöhnen. Sie sah nicht, sie fühlte nur ohne Scham, dass sie noch aus der Muschel tröpfelte. Sie fuhr nicht einmal ertappt zusammen, als sie gegenüber das offene Fenster zur Straße bemerkte, freute sich sogar darüber, mit einem leisen Anflug von Stolz. Sie tapste tiefer in die Wohnung, verschwand aus dem Sichtfeld des Schlafzimmers, durchbefriedigt, barfuß, nackt.

Hinter ihr stützte Richard den Kopf auf einen Arm und beobachtete sie, als ob sie sein Fotomodell wäre. Er versuchte nicht zu breit zu grinsen, denn es war ihm nicht entgangen, daß sie beim Hinausgehen an allen Gliedern zitterte.

Riccardo Arriola, Maria, 2016. Silver gelatin, Ilford Genuine Silver Gelatin Art Paper

Bilder: Antoine Watteau: Jeune femme assise, tournée vers la droite, la jambe droite repliée, les épaules dénudées, 1716–1717, via Dave für Madame Pickwick Art Blog: Watteau & Utopia on Standby: The Ghosts of Style, 15. Oktober 2010;
Jeune femme assise, via The Morgan Library & Museum, wie üblich bei Watteau ausschließich Holzkohle mit Rötel als einziger Farbe, mit Weiß gehöht;
Marienbilder: Riccardo Arriola: Maria, 2016. Silver gelatin, Ilford Genuine Silver Gelatin Art Paper, via Grand Studio Atelier, Dezember 2016.

Marias Lieblingsband: First Aid Kit (Klara, 15, und und Johanna Söderberg, genau am Tag zuvor 18 geworden) live für ihre erste EP Drunken Trees im schwedischen Wald von Oppunda, 1. November 2008: You’re Not Coming Home Tonight; Our Own Pretty Ways; Jagadamba, You Might:

Written by Wolf

2. Juli 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Romantik

Ein Nichts, ein Zwischenraum (Jedenfalls sie hattens nicht)

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Update zu Menschenhaß! Ein Haß über ein ganzes Menschengeschlecht! O Gott! Ist es möglich, daß ein Menschenherz weit genug für so viel Haß ist!
und Ich will mich wie mein Schwanz erheben:

Sinaida Serebrjakowa

Neues aus meiner Jugend: Als meine Eltern glaubten, in meinem verrammelten Zimmer läse ich das, was sie bis heute „hochgestochene Gedichtebücher“ nennen, so hatten sie recht. Ebenfalls bis heute wäre ihnen nie im Leben zu vermitteln, was da eigentlich drinsteht — und mir, wie man endlich einen russischen Roman über 800 Seiten durchhält. Anderes Thema.

Sinaida Serebrjakowa, Portrait of daughter Ekaterina Serebriakova, 1928Mit 14 gingen für mich allerdings die Kurzgeschichten von Čechov, Peter-Urban-Übersetzung von 1976, und die schmissigeren Gedichte von Puschkin klar. Bleiben wir bei letzterem. Wenn meine Eltern das geahnt hätten, dass mir eine Ballade von ihm — um sie nicht als Büttenrede abzuqualifizieren — eine Woche lang erspart hat, meine selbstverfertigten Ferkeleien auf dem Schulhof für 20 Pfennig pro Durchschlag zu verhökern.

1822 war Puschkin 23, ein adliger Offizierssohn in russischen Staatsdiensten in Saft und Kraft, und durfte dergleichen schreiben — gerade weil er den gleichen Fehler machte wie weiter westlich sein Schreiber- und Romantikerkollege E.T.A. Hoffmann und sich durch satirische Zusetzungen mit seinen Petersburger Vorgesetzten anlegte. Ich kannte mit 14 die Übersetzung aus seiner Gesamtausgabe bei Insel, die von 1968 stammt, und habe immer bedauert, mir diese Textmenge nie ganz auswendig gemerkt zu haben.

Vielleicht hat sich meine Faulheit beim Auswendiglernen gelohnt, weil mir heute eine Übersetzung von 1998 über den Weg läuft, die um einiges souveräner daherkommt. Menschen, die ziemlich viel von Russisch und speziell von Puschkin verstehen, geben mir die Einschätzung, die Übersetzung sei „stellenweise etwas künstlerisch freizüngig und modernisiert, erkennte da jeder noch seinen Puschkin? Nuja, andererseits: Warum nicht, könnte vielleicht als sowas wie der 40-Töchter-Rap durchgehen.“ — Wie ich sagte, ohne unmittelbar mit Puschkins Original vergleichen zu können: souverän.

Zusätzlich zu seinem Husarenstück liefert Dietrich Gerhardt seinen Fachartikel: X. Puschkins Gedicht „Zar Nikita und seine vierzig Töchter“, den ich zu Einordnung und Verständnis warm empfehle und auch von den o. a. puschkinverständigen Menschen als „erhellend und kurzweilig“ eingestuft wird. — Auszug:

Der Text des „Zaren Nikita“ ist ein interessantes Mittelding zwischen authentischer, d. h. handschriftlich gestützter Überlieferung und oraler Tradition. Bei abnormen, in diesem Falle gegen die Konvention gerichteten Produkten ist so etwas gar nicht so selten; man denke etwa an die vielen „normalen“ Texte mit „abnormalen“ und nur mündlich tradierten Fortsetzungen oder an das große Gebiet der politischen Dichtung. Nur Vers 1 bis 26 sind in einem Autographen Puschkins erhalten, alles übrige beruht auf dem, was vor allem Puschkins Bruder Lev Sergeevič und andere wie M. N. Longinov in ihren Gedächtnissen bewahrt haben und was von den verschiedensten Hörern in Nachschriften fixiert wurde. Bis Vers 76 stimmen zwar zahlreiche dieser Notate überein, aber von da an gibt die textliche Basis kein völlig klares Bild mehr von einem oder mehreren Textstadien. Da die zaristische Zensur, die Puschkin selbst am Schluß des authentischen Teils als fromme, allzu prüde Närrin angeht, gegen eine Veröffentlichung in Rußland sicherlich Einspruch, wenn nicht mehr, erhoben hätte, treten von der Jahrhundertmitte an ausländische Publikationen in die Bresche und führen zu den ersten Abdrucken. Dann beginnen die neueren Ausgaben bis hin zu der letzten akademischen Gesamtedition. Neuere Textzeugen sind nun wohl nicht mehr zu erwarten und der Wortlaut steht nach der dort geleisteten peniblen Puzzle-Arbeit im wesentlichen fest.

Die erwähnten Bilder von Nina Ivanovna Ljubavina und Elena Anatolevna Gliznecova sind mit meinen Mitteln — sprich: Russischkenntnissen — nicht aufzutreiben, aber eine Gegenüberstellung der zwei bekannten, sehr vergnüglichen Übersetzungen, das geht. — Für die Russen unter uns — zuvörderst zur Feststellung, warum die Übersetzungen unterschiedlich lang geraten mussten, — steht das kyrillische Original auf Wikisource und öfter.

Sinaida Serebrjakowa

——— Alexander Sergejewitsch Puschkin:

Zar Nikita und seine vierzig Töchter

1822:

Deutsche Übersetzung: Lieselotte Remané, 1968:

Zar Nikita, reich und mächtig,
Lebte lustig, lebte prächtig,
War vielleicht kein Bösewicht.
Doch auch Gutes tat er nicht.
Meistens mußte er sich plagen –
Tags mit Eß- und Trinkgelagen
Und mit seinen Fraun bei Nacht,
Bis sie ihm zur Welt gebracht
Vierzig Töchter, die vergleichbar
Gottes Engeln, unerreichbar
Klug und liebenswert und schön.
Welche Wonne, nur zu sehn
Diese Köpfchen, diese Haare,
Diene holden Augenpaare
Und die schlanken Beine gar!
All das schien bestimmt, fürwahr.
Männer auf die Knie zu zwingen
Und um den Verstand zu bringen,
Fehlte nicht – zu ihrem Leid –
Allen eine Kleinigkeit …
Doch wie soll ich das erklären? …
Soll ich’s wagen, mich nicht scheren
Um Gesittung und Moral?
Sei’s drum, schließlich ist’s egal.
Ob pedantische Zensoren,
Mucker, Heuchler und Pastoren
Lauthals gleich ihr Veto schrein!
Also: diesen Jüngferlein …
Fehlte zwischen ihren Beinen …
Nein! Das mag zu deutlich scheinen …
Lieber Gott, wie fang ich’s an?
Ob man’s so umschreiben kann?:
Venus, reizen mein Gelüste
Nur dein Mund und deine Brüste?
Ach, der Liebe letzter Traum
Ist ein Nichts, ein Zwischenraum.
Nun, den Töchterchen des Zaren,
Die so lieb und lustig waren,
Und so holden Angesichts,
Fehlte eben dieses Nichts.
Trog nicht solcherlei Entartung
Schließlich jedes Manns Erwartung?
Ach, der Zar war fassungslos,
Und nicht minder schwer verdroß
Es die mütterlichen Damen.
Als das Volk dann durch die Ammen
Diesen Hoffskandal erfuhr,
Sperrte jeder sprachlos nur
Auf das Maul, doch was er dachte,
Sagte keiner. Alles lachte
Heimlich bloß – man kann’s verstehn –
Um nicht nach Nertschinsk zu gehn.
Sämtliche Lakain und Ammen
Rief der Zar deshalb zusammen
Und verbot, daß irgendwer
Noch darob ein Wort verlor.
„Keiner soll sich mehr erfrechen,
Laut von Fleischeslust zu sprechen,
Damit meinen Töchtern nicht
Liebesgram die Herzen bricht.
Weibern, die sich lustig machen,
Über meine Töchter gar,
Über ihr Gebrechen lachen
– Drohte der erzürnte Zar –,
Schneide ich die Zunge raus.
Und den Männern – freiheraus
Sei’s gesagt, ihr sollt nicht meinen,
Daß ich scherze – das Gemächt!“
Hart war dies, jedoch gerecht,
Und so gab es schließlich keinen,
Der Gehorsam nicht gezeigt,
Dem Dekret sich nicht gebeugt.
Alle hielten steif die Ohren,
Waren um ihr höchstes Gut
Stets wohlweislich auf der Hut.
Manch ein Weib gab schon verloren
Ihren redseligen Mann,
Doch der dachte unverfroren:
Fing sie doch zu schwätzen an!
(Denn er wünschte sie zum Teufel).
Als die vierzig Jüngferlein
Heiratsfähig ohne Zweifel
Schienen allesamt zu sein,
Da berief der fromme Zar
Heimlich zu sich die Bojaren,
Denn kein Diener sollt’s erfahren –
Legte seinen Kummer dar,
Bat sie, Rat ihm zu erteilen,
Wie das Übel wär zu heilen.
Aus der Würdenträger Chor
Trat ein greiser Ratsherr vor.
Und verneigte sich vor allen.
Da ihm grad was eingefallen,
Tippte sich der alte Tropf
Plötzlich auf den kahlen Kopf
Und begann drauflos zu schwätzen:
„Weiser, edler Zar, verzeiht
Gnädigst mir die Dreistigkeit
Meiner Rede! Nicht verletzen
Möcht ich Anstand und Moral.
Doch ich kann in diesem Fall
Nicht vom Sumpf der Wollust schweigen,
Die vergangnen Zeiten eigen.
Eine üble Kupplerin,
Der ich einst begegnet bin
(Weiß nicht, wo sie dann geblieben,
Und was sie seitdem getrieben),
Galt als Hexe und verstand
Von der Heilkunst allerhand.
Sie zu finden muß gelingen,
Einzig sie kann Rettung bringen!“
„Sucht die Hexe, findet sie“,
Schrie der Zar, „gleichgültig, wie!“
Sollte uns das Weib belügen,
Hintergehen, frech betrügen,
Mag man mich ein Hundsfott nennen,
Gäb zum Rosenmontag ich
Nicht Befehl, sie zu verbrennen.
Doch Gott hilft uns sicherlich!“

Heimlich ließ er von Kurieren
Nach der Hexe spionieren,
Rundherum im ganzen Land
Wurden Boten ausgesandt.
Sie durchsuchten alles gründlich,
Doch wohin ihr Blick auch drang,
Allerwegen unauffindlich
Blieb das Weib zwei Jahre lang.
Endlich konnt nach wildem Ritte
Einer eine Spur erspähn,
Sah im Wald dann eine Hütte
Tief versteckt im Dickicht stehn
(Eigenhändig, ohne Zweifel,
Führte dorthin ihn der Teufel.),
Und, fürwahr, er fand darin
Die gesuchte Zauberin.
Als Gesandter seines Zaren
Konnt er Höflichkeit sich sparen,
Trat gleich ein ganz ungeniert,
Sagte, was ihn hergeführt.
Was den Zarentöchtern fehlte.
Eh, daß er’s zu End‘ erzählte,
War der Alten völlig klar,
Was des Zaren Auftrag war.
Aus dem Haus hieß sie ihn gehen,
Keinesfalls sich umzusehen.
„Fort“, schrie sie, „sonst packt dich Tropf
Böses Fieber gleich beim Schopf! …
Komme wieder nach drei Tagen.
Meine Antwort zu erfragen,
Doch beim ersten Frührotschein!“
Dann schloß sich die Hexe ein,
Unterm Kessel Glut zu schüren
Und den Satan zu zitieren.
Und der Teufel kam und gab
Selbst ein Kästchen bei ihr ab,
Voll von jenen Gottesgaben,
Dran sich Wollüstlinge laben.
Jede Farbe war parat.
Ganz zu schweigen vom Format.
Doch die Hexe reservierte
Für die Zarentöchterlein
Nur die schönsten und sortierte,
Wohlverpackt in Tüchlein fein,
Sie ins Kästchen wieder ein.
Als der Bote nach drei Tagen
Wiederkam, gab sie’s ihm mit,
Hieß ihn heimwärts schnell zu jagen,
Schenkte für den langen Ritt
Ihm ein Geldstück noch zum Lohn.
Eiligst brauste er davon.
Aber schon nach ein paar Stunden
Spürte Hunger er und Durst,
Machte Rast und ließ sich munden
Wodka, Brot und Speck und Wurst –
War als ordentlicher Mann
Wohlversorgt mit Trank und Essen.
Während auch sein Gaul indessen
Friedlich graste, fing er an,
Sich den Lohn schon auszumalen.
Den der Zar spendieren könnt.
Ob er Tausende wird zahlen
Und zum Grafen ihn ernennt?
Doch was schickt das Weib dem Zaren,
Was ist in dem Kasten drin?
Allzugern möcht er’s erfahren,
Leider, ach, verschloß sie ihn.
Neugier wachsen und Begehren.
Noch steht seine Furcht davor …
An das Schloß preßt er sein Ohr,
Aber nichts ist drin zu hören.
Schließlich schnuppert er daran …
Fährt zurück und ruft : „Beim Teufel
Ja, das ist doch … ohne Zweifel! …
Na, das seh ich mir gleich an!“
Doch kaum hat er aufgebrochen
Die Schatulle, schwirrte schon,
Was darin so gut gerochen.
Wie ein Vogelschwarm davon.
Ringsum ließen sie sich nieder.
Wiegten auf den Zweigen sich.
Rief nach ihnen flehentlich
Unser Bursch auch immer wieder,
Streute er auch Stück um Stück
Seinen Zwieback aus, vergebens!
Keines kam zu ihm zurück,
Alle freuten sich des Lebens
Mehr in Freiheit, statt im engen
Dunklen Käfig sich zu drängen.
Schließlich kam des Wegs gezogen
Just ein altes Weib daher,
Tief gebeugt, krumm wie ein Bogen,
An der Krücke keuchend schwer.
Und der Bursch fiel ihr zu Füßen:
„Meine Vögel“, schrie er, „sieh,
Ließ ich fliegen! Schrecklich büßen
Werd ich’s, Mutter! Sag mir, wie
Krieg ich sie ins Kästchen wieder?“
Und die Alte hob den Kopf,
Spuckte aus, sah auf ihn nieder,
Zischte nur: „Heul nicht, du Tropf,
Hast dich übel zwar vergangen,
Doch nicht schwer ist’s, sie zu fangen,
Denn sie wissen, wo ihr Platz,
Knöpf nur auf den Hosenlatz!“
„Danke“, sprach er – und ließ sehen,
Was man sonst nicht zeigt so frei.
Kaum jedoch war dies geschehen,
Flog der Schwarm auch schon herbei.
Um nicht Schlimmres zu erfahren,
Faßte er die Vögelein,
Sperrte alle wieder ein
Und ritt weiter, heim zum Zaren.
Von den Töchtern setzte jede
Fröhlich ohne Widerrede
Einen in ihr eignes Nest.
Und dann gab der Zar ein Fest.
Sieben Tage ging die Fete,
Zechte man in Saus und Braus,
Dreißig Tage schlief man aus,
Und dann kriegten alle Räte
Von des Zaren eigner Hand
Umgehängt ein Ordensband.
Auch der alten Hexe sandte
Zar Nikita, eingedenk
Ihrer Künste, als Geschenk
Eine ziemlich abgebrannte
Kerze, ein Museumsstück,
Und zu ihrem höchsten Glück,
Was Erstaunen wohl erregte,
Zwei in Spiritus gelegte
Schlangen, sowie zwei Skelette
Aus demselben Kabinette …
Auch der Bote ward bedacht.
Damit schließ ich, gute Nacht!

Deutsche Übersetzung: Dietrich Gerhardt, 1998:

Irgendwo auf dieser Welt,
Wo, das sei dahingestellt,
Lebte seine Dolce Vita
Einst ein Zar, genannt Nikita;
Machte seinem Musterlande
Nicht viel Ehre, nicht viel Schande,
Tat nicht viel und aß und trank,
Sagte seinem Schöpfer Dank,
Und zu vieler Mütter Glück
Zeugt’ er Töchter, vierzig Stück,
Vierzig Töchter ohne Mängel,
Vierzig Mädchen wie die Engel,
Schöne Mädchen, wie ich meine,
Lieber Himmel, was für Beine!
Was für Köpfchen, schwarzes Haar,
Augen, Stimme wunderbar,
Und ein Geist, der uns begeistert,
Herz und Sinne gleich bemeistert,
Kurz, von Kopf bis Fuß vollkommen –
Ihnen war nur Eins benommen.
Was denn? Eine – Bagatelle,
Fast ein Nichts auf alle Fälle,
Ganz egal, aus welcher Sicht.
Jedenfalls sie hattens nicht.
Ja wie soll mans nur erklären,
Ums moralisch zu bewähren
Vor der Mutter der Kultur,
Unsrer kitzlichen Zensur?
Nun, was solls, es muß wohl sein.
Zwischen ihren Beinen – Nein,
Das fällt allzu deutlich aus.
Anders wird ein Schuh daraus:
Venus zeigt mir nicht alleine
Busen, Lippen, schöne Beine,
Auch den Feuerherd der Liebe,
Ziel des heißesten der Triebe.
Nun, was ist wohl diese Stelle?
Eine kleine Bagatelle,
Und just diese hatten schlicht
Unsre schönen Töchter nicht.
Die genetische Bewendnis
Sahen ohne viel Verständnis
Alle höfischen Berater.
Traurig war es für den Vater
Und die Mütterschar zusammen.
Als von ihren Hebeammen
Man erfuhr, was da geschehen,
Ließ das Volk sich schmerzlich gehen,
Stöhnte, raufte sich das Haar,
Mancher fand es komisch gar,
Doch in aller Heimlichkeit,
Denn Sibirien war nicht weit.
Seinen Hofstaat zu erbauen,
Auch die frommen Kinderfrauen,
Gab der Zar nun dies Gebot:
„Wer es wagt und ohne Not
Meine Töchter Sünde lehrt,
Oder nicht zu denken wehrt,
Oder ihnen nicht verhehlt,
Daß bei ihnen etwas fehlt,
Oder mit obszönen Gesten
Oder Worten sie will testen,
Dem, das sollten Weiber wissen,
Wird die Zunge ausgerissen,
Wenns ein Er ist schlimmstenfalles
Etwas andres, manchmal pralles.
„So gerecht war unser Zar,
Wie er streng und deutlich war.
Das Gebot war recht und billig.
Jeder unterwarf sich willig,
Lebte nun mit Vorbedacht
Nahm sein Hab und Gut in Acht.
Zwar die armen Weiber hatten
In die Schweigsamkeit der Gatten
Nicht das nötige Vertrauen.
„Schuld sind immer nur die Frauen!“
Dachten jene ärgerlich
Und erbost ihr Teil für sich.
Und so wuchsen sie heran,
Was man nur bedauern kann.
Vor dem Rate legt der Zar
Schließlich seine Sache dar,
So und so, und ziemlich frei
Wenn kein Dienerohr dabei.
Viele dachten nach im Staat
Wie das wohl zu heilen sei.
Da erschien ein alter Rat
Grüßte, schlug sich vor die Glatze
Und begann ein Mordsgeschwatze:
Herr und Zar, du großes Licht,
Strafe meine Frechheit nicht,
Wenn ich sage, wie vor Zeiten
Man verfuhr mit Fleischlichkeiten.
Mir war einst in unserm Land
Eine Kupplerin bekannt.
Wo und was sie heute treibt
Sicher ist sie, was sie bleibt:
Weitberühmt durch Hexerei
Macht sie aller Krankheit frei,
Heilt so Leib- wie Gliederschwächen,
Husten, Brust- und Seitenstechen.
Diese muß man suchen lassen.
Sie wirds schon in Ordnung bringen,
Kennt sich aus in solchen Dingen.
„Also kriegt sie mir zu fassen!“
Rief der Zar mit Zornesblicken,
„Augenblicklich nach ihr schicken!
Doch wenn sie sich untersteht,
Nicht beschafft, worum es geht,
Uns mit Lügerei umgaukelt
Oder anderswie verschaukelt,
Werde ich, so wahr ich Zar bin
Und im Kopfe halbwegs klar bin,
Ihr den Scheiterhaufen schüren
Und damit den Himmel rühren.
„Also schickt man heimlich-leise
Per Expreß in größter Eile
Seine Häscher auf die Reise
Fort in alle Landesteile,
Und sie fahnden rings in Scharen
Nach der Hexe für den Zaren.
Ein-zwei Jahre gehn ins Land,
Nichts wird irgendwo bekannt.
Bis ein Junge, aufgeweckt,
Eine heiße Spur entdeckt.
Wie vom Teufel selbst gestoßen
Kam er in den Wald, den großen,
Sieht: Ein Häuschen steht im Wald,
Drin die Hexe, grau und alt,
Und als Bote seines Zaren
Achtlos möglicher Gefahren,
Tritt er ein und grüßt sie keck,
Spricht von seinem Reisezweck,
Stellt die vierzig Töchter dar,
Und was nicht vorhanden war.
Nun, die Alte riecht den Braten
Und befördert den Soldaten
Rasch zur Tür hinaus: „Verschwinde!
Und wirf keinen Blick zurück,
In drei Tagen hol ein Stück
Dir als Antwort-Angebinde.
Und vergiß nicht: Früh am Tage,
Sonst besiehst du Not und Plage!
„Hinter fest verschlossner Tür
Zaubert sie dann nach Gebühr,
Drei Mal vierundzwanzig Stunden,
Bis den Teufel sie gebunden,
Bis er für das Zarenschloß
Selber ihr ein Kästchen goß,
Voll mit frevelhaften Dingen,
Denen Männer Opfer bringen.
Alle gabs mit Zubehör,
Jede Größe und Couleur,
Auch gelockte, erste Wahl,
Von der ganzen großen Zahl
Nahm die Hexe sich heraus.
Sucht die vierzig schönsten aus,
Eine Serviette drum,
Dreht den Schlüssel um und um.
Schickt ihn damit auf die Reise,
Gibt ihm Geld für Trank und Speise.
Der geht los im Morgenrot,
Will mit seinem Früstücksbrot
Zur Siesta sich bequemen.
Etwas Wodka zu sich nehmen,
Hatte alles mit Bedacht
Für den Rückweg mitgebracht.
Bald ist alles aufgezehrt.
Ruhig dösen Mensch und Pferd
Nun in süßen Träumerein:
Loben wird ihn der Regent,
Wenn er ihn nicht gar ernennt …
Was schließt wohl das Kästchen ein?
Was ists wohl für ein Präsent?
Fruchtlos schaut er durch die Spalten.
Ärgerlich! Die Schlösser halten.
Und die Neugier plagt und brennt,
Fängt zu jucken an, zu bohren.
An das Schloß hält er die Ohren:
Nichts dringt aus dem Schlüsselloch.
Doch wies riecht – das kennt er doch?
Gott verdammt, was ist geschehen?
Etwas könnte man mal sehen.
Und den Jäger hielts nicht mehr.
Kaum kriegt er den Schlüssel her,
Sind die Vögel ausgeflogen,
Haben ringsum sich verzogen,
Husch! – im Kreise auf die Äste
Schwänzeln die befreiten Gäste.
Unser Jäger rief erschrocken,
Wollte sie mit Zwieback locken,
Streute Krümel aus – vergebens
(Klar: Sie brauchten andre Speise!),
Sangen, freuten sich des Lebens,
Und zurück auf keine Weise!
Doch da kommt den Weg entlang
Grad im Krücken-Humpelgang
Lahm die Beine, krumm die Knochen,
Eine alte Frau gekrochen.
Jener fällt ihr – bums! – zu Füßen:
„Muß mit meinem Kopfe büßen,
Hilf mir, Mutter, steht mir bei,
Sieh nur, diese Schweinerei!
Ich kann sie nicht wieder fangen.
Wie ist das bloß zugegangen?“
Als sies übersehen kann,
Spuckt sie aus und zischelt dann:
„Böses hast Du angestellt,
Doch sieh mutig in die Welt,
Brauchst den Vögeln nur zu zeigen …,
Runter sind sie von den Zweigen.“
„Danke“, sprach er, „sei gepriesen.“
Hat es ihnen kaum gewiesen,
Sind sie schon herab geflattert
Und zu neuer Haft vergattert.
Weil dies Pech genug gewesen,
Sperrt er ohne Federlesen
Alle vierzig in den Kasten,
Macht sich heimwärts ohne Rasten,
Um sie heil zu überbringen,
Wo die Mädchen sie empfingen,
Schnurstracks in den Käfig taten,
Sehr zur Lust des Potentaten.
Gleich gabs dann ein Festgelage,
Und man zechte sieben Tage,
Und erholte sich vier Wochen.
Lob und Dank ward ausgesprochen,
Auch der Hexe nicht vergessen.
Ihr ward nämlich zugemessen
Aus dem Wunderkabinette
Zwei Reptilien, zwei Skelette,
Und – man wunderte sich wohl –
Aschenbrand in Alkohol.
Auch der Jäger ging nicht leer aus.
Das ist meines Märchens Kehraus.

***

Viele werden mich wohl schmähen,
Weil sie gern begründet sähen,
Wie man so was schreiben kann.
Nun, ich kanns. Was geht sies an?

Sinaida Serebrjakowa

Bilder: Vaginalose russische Akte von Sinaida Serebrjakow, 1884–1967. Das zweite von oben, das Hochformat, ist ein Portrait von Ekaterina, der Künstlerinnentochter, 1928.

Sinaida Serebrjakowa

Soundtrack: Beloe Zlato („Weißes Gold“): Über den stillen Fluss: stubenreines, jugendfreies russisches Volksgut.

Written by Wolf

23. Juni 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Romantik