Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for the ‘Ehestand & Buhlschaft’ Category

Das glänzende Gold und der weibliche Schoos

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Update zu Frames in Zitaten (in Frames),
Bocksgestöhn und freche Lieder,
Wenn er vom Blocksberg kehrt und
Werkstattbericht: Da kann jeder gedenken, in was Schrecken und Forcht ich gesteckt:

WEnn aber des menschen son komen wird / in seiner Herrligkeit / vnd alle heilige Engel mit jm / Denn wird er sitzen auff dem stuel seiner Herrligkeit / vnd werden fur jm alle Völcker versamlet werden / Vnd er wird sie von einander scheiden / gleich als ein Hirte die Schafe von den Böcken scheidet / vnd wird die Schafe zu seiner Rechten stellen / vnd die Böcke zur Lincken.

Matthäus 25, 31 bis 33.

Goethe, Walpurgisnacht, Bleistiftzeichnung 1787

Keine populäre Anthologie über den vom Olymp herabgestiegenen, einst unter den Menschen wandelnden Goethe kommt ohne „Seid reinlich bei Tage und säuisch bei Nacht, so habt ihr’s auf Erden am weitsten gebracht“ am Lektorat vorbei. Weisen wir die Stelle doch mal nach.

Sie ist aus dem Faust und doch wieder nicht: Goethe hat sie nach fröhlichem Reimen und Dichten und Denken wieder aussortiert. Nicht anders denn fröhlich kann man sich Goethes immer wieder aufgenommene und liegengelassene Arbeit am Komplex über die Walpurgisnacht im Faust vorstellen; die „säuische“ Stelle stammt aus dem bedeutendsten Outtake, nein: Paralipomenon H P50, gesichert durch Albrecht Schöne in der Faust-Edition online und gut erreichbar gedruckt in seiner Faust-Ausgabe für die Bibliothek Deutscher Klassiker. Im Zusammenhang stehen da noch viel anzüglichere Sachen drin, übrigens nicht ohne Brillanz.

Allein die posthume Begründung, Goethes „Nuditäten und Cuditäten“ — so Riemer brieflich an von Müller erst 1836, bei Schöne im Kommentarband Seite 123 — in der Satansmesse auf dem Blocksberg für die Bühne auszuschließen, wohl aber für Gesamtausgaben zugänglich zu machen, liest sich nicht erst literaturwissenschaftlich recht süffig:

Johannes Praetorius, Blockes-Berges Verrichtung, 1668Unser Publicum, das zum größern Theil aus Frauen und Mädchen, Jünglingen und Knaben besteht, und unsre Zeit die den Heiligen die Zehen abfrißt, kann freylich durch solche Aristophanismen, ie sie die Blocksbergsscene darbietet, nicht erbaut sondern nur geärgert werden. Ich bin daher ursrprünglich und sponte nicht für die Veröffentlichung diese Scene gewesen.

Aber — ebenda Seite 122 f.:

Ein so bedeutendes, von de Volksmährchen selbst aufgenommenes und noch weiter ausgesponnenes Motiv, wie die Erscheinung des Satans auf dem Blocksberg, samt dem Hexenunfug — den sogar unsere keuschesten Künstler mit unaussprechlichen (inexpressibles!) Nuditäten ausschmückten — darf schon Künslerischer Hinsicht — gleichsam als Contrapunct und Gegenstück zu der Erscheinung [des HErrn] im [Prolog im] Himmel, nicht unbenutzt bleiben und muß wenigstens angedeutet werden; freylich, da das Ohr keuscher ist als das Auge, nicht mit den Nuditäten und Cuditäten, die sich vom bildenden Künstler eher verstecken und in den Hintergrund bringen lassen; aber das Scenario, die Angabe der Personen oder Figuren, mit abgerissenen Worten müßte allerdings beybehalten werden, damit ein Kunstverständiger, Dichter oder Bildner, sehe der Poet habe ein Wesentliches seiner Fabel nicht übersehen, sondern diese Partieen nur angedeutet und nichr detaillirt.

Vermutlich daher die ganzen zartfühlend zensierten Goethe-Ausgaben. Albrecht Schöne ist mit seiner historisch-kritischen Herangehensweise frühestens auf dem Stand von 2017 und schont uns nicht. Für uns ist das etwas zum Auswendiglernen und Angeben:

——— Johann Wolfgang Goethe:

Walpurgisnacht

Paralipomenon H P50, Arbeitsmedium eigenhändig, bis auf die Paginierung unbeschriebenes Blatt, mutmaßlich 1797,
cit. nach Albrecht Schöne, Hrsg.: Frankfurter Ausgabe, abschließender Stand 2017:

Gipfel Nacht
Feuer Koloss. nächste Umgebung
Massen, Gruppen. Rede.

Albrecht Dürer, Blocksberg, 1500, 1501       Satan.
Die Böcke zur rechten,
Die Ziegen zur lincken
Die Ziegen sie riechen
Die Bocke sie stincken
Und wenn auch die Böcke
Noch stinckiger wären
So kann doch die Ziege
Des Bocks nicht entbehren.

       Chor.
Aufs Angesicht nieder
Verehret den Herrn
Er lehret die Völcker
Und lehret sie gern
Vernehmet die Worte
Er zeigt euch die Spur
Des ewigen Lebens
Der tiefsten Natur.

       Satan rechts gewendet.
Euch giebt es zwey Dinge
So herrlich und groß
Das glänzende Gold
Und der weibliche Schoos.
Das eine verschaffet
Das andre verschlingt
Drum glücklich wer beyde
Zusammen erringt.

       Eine Stimme.
Was sagte der Herr denn? –
Entfernt von dem Orte
Vernahm ich nicht deutlich
Die köstlichen Worte
Mir bleibet noch dunckel
Die herrliche Spur
Nicht seh ich das Leben
Der tiefen Natur.

Hans Baldung Grien, Gruppe dreier wildbewegter Hexen, 1514       Satan lincks gewendet.
Für euch sind zwey Dinge
Von köstlichem Glanz
Das leuchtende Gold
Und ein glänzender Schwanz
Drum wißt euch ihr Weiber
Am Gold zu ergötzen
Und mehr als das Gold
Noch die Schwänze zu schätzen.

       Chor
Aufs Angesicht nieder
Am heiligen Ort.
O glücklich wer nah steht
Und höret das Wort.

       Eine Stimme
Ich stehe von ferne
Und stutze die Ohren
Doch hab ich schon manches
Der Worte verlohren
Wer sagt mir es deutlich
Wer zeigt mir die Spur
Des ewigen Lebens
Der tiefsten Natur.

       Meph zu einem jungen Mädchen.
Was weinst du? artger kleiner Schatz
Die Thränen sind hier nicht am Plaz
Du wirst in dem Gedräng wohl gar zu arg gestoßen?

       Mädchen.
Ach nein! der Herr dort spricht so gar kurios,
Von Gold u Schwanz von Gold u Schoos,
Und alles freut sich wie es scheint!
Doch das verstehn wohl nur die Großen?

       Meph.
Nein liebes Kind nur nicht geweint.
Denn willst du wissen was der Teufel meynt,
So greife nur dem Nachbar in die Hosen.

       Satan grad aus.
Ihr Mägdlein ihr stehet
Hier grad in der Mitten
Ich seh ihr kommt alle
auf Besmen geritten
Seyd reinlich bey Tage
Und säuisch bey Nacht
So habt ihrs auf Erden
Am weitsten gebracht.

Einzelne Audienzen.
Ceremonien Meister.

Matthäus Merian der Jüngere, Eigentlicher Entwurf und Abbildung deß gottlosen und verfluchten Zauber Festes, 1626, Nürnberger Flugblatt

Bilder: Goethe: Walpurgisnacht, Bleistiftzeichnung 1797;
Johannes Praetorius: Blockes-Berges Verrichtung, Holzschnitt, Leipzig u. a. 1668,
Abb. in Bandini: Kleines Lexikon des Aberglaubens, München 1998;
Albrecht Dürer: Rückwärts reitende Hexe auf einem Ziegenbock. Kupferstich, um 1500,
Wiedergabe in Wikimedia Commons nach der Signatur in Photoshop gespiegelt;
Hans Baldung Grien: Gruppe dreier wildbewegter Hexen, Federzeichnung, 1514:
via Thomas Arnt: Goethes Faust I und die Magie, Hexen und Teufel in der Kunst, 1996/2014;
in der Frankfurter Goethe-Ausgabe von Albrecht Schöne angeführt: Matthäus Merian der Jüngere: Eigentlicher Entwurf und Abbildung deß gottlosen und verfluchten Zauber Festes, 1626, Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz, als Flugblatt Zaubereÿ, Nürnberg 1626, Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg, Einblattdruck mit der Signatur A II 10.

Soundtrack: Tautumeitas: Raganu Nakts (Hexennacht), aus: Tautumeitas, 2018:

Written by Wolf

30. April 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Klassik

Coronadvent 0: Wie Wein in den Muscheln

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Update zum Адвент 1: Über Nacht bin ich tot:

Versäumte Gedenktage: Zuerst im unseligen Jahr 2020 hatte Paul Celan (* 23. November 1920 im seinerzeit großrumänischen, inzwischen ukrainischen Czernowitz; † vermutlich 20. April 1970 in Paris) seinen 50. Todestag, „vermutlich“ sinnigerweise an Führers Geburtstag; und weil er da gerade einmal 50 Jahre alt war, hat er als letztes im unseligen Jahr 2020 seinen 100. Geburtstag.

מן השמים תנוחמו und מזל טוב!

——— Paul Celan:

Corona

für Ingeborg Bachmann,
aus: Mohn und Gedächtnis, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1952:

Ingeborg Bachmann und Paul Celan, via Thalia Theater, Hamburg 2009Aus der Hand frißt der Herbst mir sein Blatt: wir sind Freunde.
Wir schälen die Zeit aus den Nüssen und lehren sie gehn:
die Zeit kehrt zurück in die Schale.

Im Spiegel ist Sonntag,
im Traum wird geschlafen,
der Mund redet wahr.

Mein Aug steigt hinab zum Geschlecht der Geliebten:
wir sehen uns an,
wir sagen uns Dunkles,
wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis,
wir schlafen wie Wein in den Muscheln,
wie das Meer im Blutstrahl des Mondes.

Wir stehen umschlungen im Fenster, sie sehen uns zu von der Straße:
es ist Zeit, daß man weiß!
Es ist Zeit, daß der Stein sich zu blühen bequemt,
daß der Unrast ein Herz schlägt.
Es ist Zeit, daß es Zeit wird.

Es ist Zeit.

Bild: Paul Celan und Ingeborg Bachmann, via Thalia Theater: Bachmann — Celan, Hamburg 2009.

Dankeschön an לאה זאננעכער!
— mit dem Bonus Track: ДахаБраха: Карпатський реп, aus: Light, 2010:

Written by Wolf

23. November 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Novecento

Nachtstück 0026: Heut hat der Sommer Schnaps gesoffen

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Update zu The boys and girls are one tonight (I marry the bed)
und Du warst den Meeren mitternachts entstiegen:

——— Barbara Maria Kloos:

Münchner Honeymoon

aus: Solo. Gedichte, Piper Verlag, München 1986,
cit. nach Hans Ulrich Hirschfelder und Gert Nieke, Hrsgg.: Nachtstücke. Ein Lesebuch, Suhrkamp 1988:

Himmel, hat der Halbmond
einen Ständer! Die Sterne
reiben sich in Scharen
an seinem gelben Schwanz.

Ich glaub, heut hat der
Sommer Schnaps gesoffen.
Die heiße Nacht nimmt mich
von hinten: voll und ganz!

Maxine Anastasia für Instagram

Buidl: Maxine Anastasia für Instagram.

Soundtrack: Frank Zappa: Satumaa (Finnish Tango), live 1974,
aus: You Can’t Do That on Stage Anymore, Vol. 2, Juli 1988:

Written by Wolf

24. Juli 2020 at 00:01

Doch jene Wolke blühte nur Minuten

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Update zu Mille tre und
Meine Urgroßmutter und die Wolken:

Nach neuesten Forschungsergebnissen war eine literarisch wirksam gewordene Wolke im Jahr 1920, vielleicht auch schon, man weiß es nicht, 1919, eine Cirrocumulus-Wolke. Literarisch wirksam ist sie durch das Gedicht Erinnerung an die Marie A. von Bertolt Brecht, und eine Cirrocumulus oder „Kleine Schäfchenwolke“ ist sie durch die Eigenschaften der Cirrocumulorum: Sie entstehen in großen Höhen von sechs bis zehn Kilometern — daher ihre Charakterisierung als „ungeheuer oben“ —, gern auch in ansonsten wolkenfreien Räumen, sind eher selten, dann aber bei ihrem Aufzug aus westlichen Richtungen unter der Sonneneinstrahlung „sehr weiß“ und lösen sich schnell auf — denn „als ich aufsah, war sie nimmer da“ (1. Strophe, Schluss) oder „schwand sie schon im Wind“ (3. Strophe, Schluss).

Brecht schrieb die Urfassung des vielleicht schönsten Gedichts von allen, bestimmt aber sein eigenes schönstes, am 21. Februar 1920 auf einer Zugfahrt nach Berlin als Sentimentales Lied Nr. 1004 über Marie Rose Amann — also frisch 22-jährig über eine Jugendliebe, die er als 18-jähriger Schüler erlebt hatte. Die dazuerfundene Melodie richtete sich bei Brechts eigenen Wiedergaben zur Klampfe nach Verlor’nes Glück von Leopold Sprowacker 1896.

Cirrocumuli weisen auf einen Wetterumschwung hin, im Sommer — also in seinen letzten Ausläufern durchaus noch „im blauen Mond September“ — auf eine Kaltfront innerhalb eines Tiefdruckgebietes oder Hitzegewitters. Vor allem wenn sich im Tagesverlauf Cumulus-Wolken hinzugesellen, droht ein Gewitter, wie wir Was die zehn wichtigsten Wolkentypen verkünden von Wolfgang W. Merkel in der Welt vom 21. August 2011 entnehmen.

Rechnen wir mal nach: Brecht hat vier Jahre nach dem Geschehen, im Alter von 22 Jahren, eine Jugendliebe in Verse gefasst, die prozentual auf seine Lebenszeit umgerechnet eine Ewigkeit zurücklag. Dafür hat er in einem „sentimentalen Lied Nr. 1004“ — das ist: eine mehr als die mille tre, die Don Giovanni bei Mozart in Spanien „hatte“ — ganz schön kaltherzig über eine Mitschülerin vom Leder gezogen, die vier Jahre später rein rechnerisch noch keine sieben Kinder haben kann. „Sie war es, die das Verhältnis beendete“, erfahren wir erst 1979 im Interview mit Kurt Tetzlaff. Der Wetterumschwung, von dem Cirrocumulus kündet, ist ein Umschwung vom sommerheiß verknallten Schulbuben zur Kaltschnauze.

Ich finde ja, solche Wetterhinweise wurden bislang für die Interpretation von Gedichten viel zu leichtfertig vernachlässigt.

Filipp Chilov, Cirrocumulus virga, Hamburg, 24. Juli 2012 für den Wolkenatlas in Wolken Online

——— Bertolt Brecht:

Erinnerung an die Marie A.

21. Februar 1920, in: Bertolt Brechts Hauspostille, Propyläen Verlag, Berlin 1927<:

Maria Rose Amann1
An jenem Tag im blauen Mond September
Still unter einem jungen Pflaumenbaum
Da hielt ich sie, die stille bleiche Liebe
In meinem Arm wie einen holden Traum.
Und über uns im schönen Sommerhimmel
War eine Wolke, die ich lange sah
Sie war sehr weiß und ungeheuer oben
Und als ich aufsah, war sie nimmer da.

2
Seit jenem Tag sind viele, viele Monde
Geschwommen still hinunter und vorbei
Die Pflaumenbäume sind wohl abgehauen
Und fragst du mich, was mit der Liebe sei?
So sag ich dir: Ich kann mich nicht erinnern.
Und doch, gewiß, ich weiß schon, was du meinst
Doch ihr Gesicht, das weiß ich wirklich nimmer
Ich weiß nur mehr: Ich küsste es dereinst.

3
Und auch den Kuss, ich hätt‘ ihn längst vergessen
Wenn nicht die Wolke da gewesen wär
Die weiß ich noch und werd ich immer wissen
Sie war sehr weiß und kam von oben her.
Die Pflaumenbäume blühn vielleicht noch immer
Und jene Frau hat jetzt vielleicht das siebte Kind
Doch jene Wolke blühte nur Minuten
Und als ich aufsah, schwand sie schon im Wind.

Maria Rose Amann in Kurt Tetzlaff, Die Pflaumenbäume sind wohl abgehauen..., DEFA 1979

Die weiß ich noch und werd ich immer wissen: Filipp Chilov: Cirrocumulus virga in Hamburg, 24. Juli 2012:

Niederschlag, der den Erdboden nicht erreicht: Das ist eine Beschreibung vom sog. virga. Hier äußert sich der Niederschlag in Form von Eiskristallen als Streifen unterhalb der Wolke: Cirrocumulus virga.

Doch ihr Gesicht, das weiß ich wirklich nimmer: Marie Rose Amann, via Liebte Brecht die Marie A.?, Augburger Allgemeine, 3. Januar 2017.

Die Pflaumenbäume sind wohl abgehauen…: Kurt Tetzlaff, Dokumentarfilm, 10 Minuten, DDR 1979:

Vor der Kamera äußert sich die heute fast 80jährige Marie Amann, eine Jugendliebe des damals 18jährigen Bertolt Brechts. Sie erinnert sich an den jungen Dichter und an ihre eigenen Gefühle für ihn, die aus Neugier, Stolz, Liebe, Unverständnis und auch Angst zusammengesetzt waren. Sie war es die das Verhältnis beendete. Brecht widmete ihr eines seiner schönsten Gedichte „Einnerungen an Marie A.“. Aus dem Gedicht wurde ein Lied, das von Ernst Busch im Film gesungen wird. Die einzelnen Strophen kommentieren die Erinnerungen der alten Dame, die durch Fotografien anschaulich gemacht werden.

Soundtrack: Ernst Busch: Erinnerung an die Marie A.,
für Konrad Wolf: Busch singt — Sechs Filme über die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts, DDR 1982:

Written by Wolf

29. Mai 2020 at 00:01

She won’t do any favors when she’s doing her waltz

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Update zu Gib ihr das grüne Schlauchkleid retour:

O, when she’s angry, she is keen and shrewd!
She was a vixen when she went to school;
And though she be but little, she is fierce.

Helena about Hermia, in: A Midsummer Night’s Dream,
Act III, Scene 2, lines 1373–1375: Another part of the wood, 1595–1600.

Unter Ohrwurm eines ideellen Walzers getextet am Sonntag, 5. Januar 2020 und für jeden, der sich das zutraut, zur Vertonung freigegeben. Ein Walzer ist bei dem Versmaß unvermeidlich, ich wünsche mir Nennung als Texter und Zugang zu einer fertigen Aufnahme. Bei Bedarf kann ich noch eine Bridge nachliefern oder was immer sich anbietet; Texten nach Anschlag bin ich gewohnt.

Mehran Djojan, Body Studies, 6. Juni 2016

Her Waltz

Mehran Djojan, Body Studies, 3. Juni 20161.: My true love’s hands are sturdy and tender,
her heart’s not for feeling nor her eyes for to see.
None of my actions can ever offend her,
she cares for her own affairs, not about me.

Chorus:
She’s aware of the boys and the girls whom she kisses,
of her breasts and her loins and her blessings and faults,
and spending her time with me, the time that she misses.
She won’t do any favors when she’s doing her waltz.

2.: My true love’s words are wise when she’s playing,
heating my body, and warming my soul.
She leaves her footprints on me when she’s staying,
and has only love to award that she stole.

3.: My true love’s teeth are pure and shiny,
gilding her smiles however rare they occur.
My true love’s fists are as hard as they’re tiny,
she doesn’t love me, but I’ll marry her.

Mehran Djojan, Mrs. Curiosity, 25. Mai 2016

Bilder: Mehran Djojan: Body Studies, 3. und 6. Juni 2016; Mrs. Curiosity, Berlin, 25. Mai 2016.

Eine Richtung wird man noch vorgeben dürfen, aber Country oder Folk tut’s auch:
Mazzy Star: Be My Angel, aus: She Hangs Brightly, 1990:

Written by Wolf

3. April 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, ~ Weheklag ~

O Julie – Giulietta – Himmelsbild – Höllengeist – Entzücken und Qual – Sehnsucht und Verzweiflung

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Update zu Weinfassreiten an der Küste der Nacht (oder geschah es bei Tage):

Gedeihliches neues Jahr uns allen! Egal was Sie Silvester angestellt haben: Solange Sie sich daran erinnern können, muss schon was kommen, damit es falsch war. Die Wölfin zum Beispiel hat Silvester Bananeneis gemacht, was man guten Gewissens so weiterempfehlen kann.

Ad vocem Bananen: Zu Zeiten des Kalten Krieges musste immer ein Päckchen nach drüben verschickt werden — die Älteren entsinnen sich, vor allem die mit Verwandtschaft in der DDR — und es musste Weihnachten geschehen und unterm Jahr zu jedem Geburtstag besagter Verwandtschaft. Außen auf dem Päckchen musste gut sichtbar „Geschenkware, keine Handelsware“ geschrieben stehen, und drin musste außer den Bananen sein: Orangen, möglichst Jaffa, Kaffee, möglichst Jacobs Krönung, Seife und Strumpfhosen.

Im Gegenzug kamen Schallplatten und Bücher zurück — die „gab’s“ immer: schwer verderbliche Ware, über den Fünfjahresplan hinaus auf Vorrat produzierbar, für die deutsch-russische Freundschaft und die Konkurrenz zum „Westen“, sprich: die BRD, zum Renommieren geeignet, und die Kulturschaffenden konnten anhand ihrer Arbeit beweisen, dass sie das System liebten. Und Dresdner Christstollen und Danziger Goldwasser.

Die Schallplatten und Bücher waren oft gar nicht schlecht: Ein paar Einspielungen in prächtigen LP-Boxen des Ossis Johann Sebastian Bach sind bis heute beispiellos und kommen einer historisch-kritischen Ausgabe einzelner Werke gleich; die Bücher waren auf holzhaltigem, also stark gilbendem Papier, aber vorbildlich lektoriert und ausgestattet. Für bestimmte Schreiber in ordentlich kommentierten Ausgaben muss man heute noch auf die inzwischen dunkelbraun vefärbten DDR-Schwarten zurückgreifen, zumal bei abseitigen Russen oder gängiger Weltliteratur, die man sich ordentlich, also so respekt- wie liebevoll illustriert wünscht. Ich erinnere mich an eine wunderschöne, leider nicht ganz vollständige Ausgabe der Grimmschen Märchen mit Illustrationen von Professor Werner Klemke, die vom Beltz Verlag vorgehalten wird, an einen ganzen Stapel Kinderbücher mit Bildern von Manfred Bofinger, und ich erinnere mich an den ungebändigt produktiven, ehrfurchtgebietenden, hochverdienten und in allen mir zugänglichen Bücherschränken allgegenwärtigen Klaus Ensikat, den letzten überlebenden Großrecken der Buchgestaltung in der DDR.

Gerade 2019 hat Ensikat — endlich — Die Abentheuer der Sylvester-Nacht von E.T.A. Hoffmann für die Bayreuther Pressendrucke bei The Bear Press illustriert. Sollten Sie noch Weihnachtsgeld übrig behalten haben: Schön sind Ensikat-Illustrationen ohnedies, ihren Preis wert scheinen sie allemal:

Imprint Antiqua, 68 S., 19 x 28 cm:

  • Edition de Tête: 83 Exemplare, Halbpergament. Subskriptionspreis bis 30.06.2020: € 800,00;
  • Vorzugsausgabe: 25 Exemplare, eine zusätzliche Radierung, anthrazitfarbenes Maroquin. Subskriptionspreis bis 30.06.2020: € 1200,00;
  • Luxusausgabe: 12 Exemplare, alle 12 Radierungen vom Künstler aquarelliert. Preis auf Anfrage;
  • Suitenausgabe: 12 Exemplare mit 12 einzeln signierten Radierungen, dunkelrote Leinenkasette. Subskriptionspreis bis 30.06.2020: € 1200,00.

Niemand konnte so passend die Raserey der Eifersucht und unerwiderten Liebe ausbreiten wie E. T. A. Hoffmann — nicht ohne lebendigen Grund. Für die Sylvester-Nacht schien es am passendsten, um eine Handlung, die sich offen — mit Namensnennung — an den Peter Schlemihl seines persönlichen Kumpels Adalbert von Chamisso sowie versteckter an den Fauststoff anlehnt, seinen öfter verwendeten „reisenden Enthusiasten“ zu schlingen, um klarzumachen, wie er sich doch als noch aufstrebender Schriftsteller von dergleichen Wahnsinn distanziere.

Aufkommende Schwarzromantik mit Rahmenhandlung eines fiktiven generischen Ich-Erzählers, veräußerte Schatten, drei Kapitel lang hinausgezögerte Spannung auf eine Allegorie zu, aus der nachmals nur noch ein Opernstoff werden konnte — soviel Verfremdung musste sein. Immerhin war der Mann verheiratet, und zwar mit der zur Zeit der Sylvester-Nacht 37-jährigen Marianne Thekla Michaelina „Mischa“ Rorer-Trzcińska und nicht etwa mit einer 19-jährigen Lieblingsklavierschülerin namens Giulietta, nicht doch: Julia.

Übigens feiert Klaus Ensikat, * 1937, am 16. Januar Geburtstag (wir wollen ihm wünschen: sehr aktiv), E. T. A. Hoffmann, * 1776, am 24. Januar (passiv). Beiden traue ich in ihren besten Phasen jederzeit zu, dass sie eine Silvestergeschichte dieses Umfangs am 3. Januar fertig haben. — Im Volltext:

——— E. T. A. Hoffmann:

Die Abentheuer der Sylvester-Nacht

aus: Fantasiestücke in Callot’s Manier. Vierter und letzter Band. C. F. Kunz, Bamberg 1815, Seite 1 bis 104:

1.
Die Geliebte.

Klaus Ensikat, Die Abentheuer der Sylvester-Nacht, Pressendrucke bei The Bear Press, 2019Ich hatte den Tod, den eiskalten Tod im Herzen, ja aus dem Innersten, aus dem Herzen heraus stach es wie mit spitzigen Eiszapfen in die gluthdurchströmten Nerven. Wild rannte ich, Hut und Mantel vergessend, hinaus in die finstre stürmische Nacht! – Die Thurmfahnen knarrten, es war, als rühre die Zeit hörbar ihr ewiges furchtbares Räderwerk und gleich werde das alte Jahr wie ein schweres Gewicht dumpf hinabrollen in den dunkeln Abgrund. – Du weißt es ja, daß diese Zeit, Weihnachten und Neujahr, die Euch Allen in solch heller herrlicher Freudigkeit aufgeht, mich immer aus friedlicher Klause hinauswirft auf ein wogendes, tosendes Meer. Weihnachten! das sind Festtage, die mir in freundlichem Schimmer lange entgegenleuchten. Ich kann es nicht erwarten – ich bin besser, kindlicher als das ganze Jahr über, keinen finstern, gehässigen Gedanken nährt die der wahren Himmelsfreude geöffnete Brust; ich bin wieder ein vor Lust jauchzender Knabe. Aus dem bunten vergoldeten Schnittwerk in den lichten Christbuden lachen mich holde Engelgesichter an, und durch das lärmende Gewühl auf den Straßen gehen, wie aus weiter Ferne kommend, heilige Orgelklänge: „denn es ist uns ein Kind geboren!“ – Aber nach dem Feste ist Alles verhallt, erloschen der Schimmer im trüben Dunkel. Immer mehr und mehr Blüthen fallen jedes Jahr verwelkt herab, ihr Keim erlosch auf ewig, keine Frühlingssonne entzündet neues Leben in den verdorrten Aesten. Das weiß ich recht gut, aber die feindliche Macht rückt mir das, wenn das Jahr sich zu Ende neigt, mit hämischer Schadenfreude unaufhörlich vor. „Siehe,“ lispelt’s mir in die Ohren, „siehe, wie viel Freuden schieden in diesem Jahr von Dir, die nie wiederkehren, aber dafür bist Du auch klüger geworden und hältst überhaupt nicht mehr viel auf schnöde Lustigkeit, sondern wirst immer mehr ein ernster Mann – gänzlich ohne Freude.“ Für den Sylvester-Abend spart mir der Teufel jedesmal ein ganz besonderes Feststück auf. Er weiß im richtigen Moment, recht furchtbar höhnend, mit der scharfen Kralle in die Brust hineinzufahren und weidet sich an dem Herzblut, das ihr entquillt. Hülfe findet er überall, so wie gestern der Justizrath ihm wacker zur Hand ging. Bei dem (dem Justizrath, meine ich) giebt es am Sylvester-Abend immer große Gesellschaft, und dann will er zum lieben Neujahr Jedem eine besondere Freude bereiten, wobei er sich so ungeschickt und täppisch anstellt, daß alles Lustige, was er mühsam ersonnen, untergeht in komischem Jammer. – Als ich in’s Vorzimmer trat, kam mir der Justizrath schnell entgegen, meinen Eingang in’s Heiligthum, aus dem Thee und feines Räucherwerk herausdampfte, hindernd. Er sah überaus wohlgefällig und schlau aus, er lächelte mich ganz seltsam an, sprechend: „Freundchen, Freundchen, etwas Köstliches wartet Ihrer im Zimmer – eine Ueberraschung sonder gleichen am lieben Sylvester-Abend – erschrecken Sie nur nicht!“ – Das fiel mir auf’s Herz, düstre Ahnungen stiegen auf und es war mir ganz beklommen und ängstlich zu Muthe. Die Thüren wurden geöffnet, rasch schritt ich vorwärts, ich trat hinein, aus der Mitte der Damen auf dem Sopha strahlte mir ihre Gestalt entgegen. Sie war es – Sie selbst, die ich seit Jahren nicht gesehen, die seligsten Momente des Lebens blitzten in einem mächtigen zündenden Strahl durch mein Innres – kein tödtender Verlust mehr – vernichtet der Gedanke des Scheidens! – Durch welchen wunderbaren Zufall sie hergekommen, welches Ereigniß sie in die Gesellschaft des Justizraths, von dem ich gar nicht wußte, daß er sie jemals gekannt, gebracht, an das Alles dachte ich nicht – ich hatte sie wieder! – Regungslos, wie von einem Zauberschlag plötzlich getroffen, mag ich da gestanden haben; der Justizrath stieß mich leise an: „Nun, Freundchen – Freundchen?“ Mechanisch trat ich weiter, aber nur sie sah ich, und der gepreßten Brust entflohen mühsam die Worte: „Mein Gott – mein Gott, Julie hier?“ Ich stand dicht am Theetisch, da erst wurde mich Julie gewahr. Sie stand auf und sprach in beinahe fremden Ton: „Es freuet mich recht sehr, Sie hier zu sehen – Sie sehen recht wohl aus!“ – und damit setzte sie sich wieder und fragte die neben ihr sitzende Dame: „Haben wir künftige Woche interessantes Theater zu erwarten?“ – Du nahst Dich der herrlichen Blume, die in süßen heimischen Düften Dir entgegenleuchtet, aber so wie Du Dich beugst, ihr liebliches Antlitz recht nahe zu schauen, schießt aus den schimmernden Blättern heraus ein glatter, kalter Basilisk und will Dich tödten mit feindlichen Blicken! – Das war mir jetzt geschehen! – Täppisch verbeugte ich mich gegen die Damen, und damit dem Giftigen auch noch das Alberne hinzugefügt werde, warf ich, schnell zurücktretend, dem Justizrath, der dicht hinter mir stand, die dampfende Tasse Thee aus der Hand in das zierlich gefaltete Jabot. Man lachte über des Justizraths Unstern und wol noch mehr über meine Tölpelhaftigkeit. So war Alles zu gehöriger Tollheit vorbereitet, aber ich ermannte mich in resignirter Verzweiflung. Julie hatte nicht gelacht, meine irren Blicke trafen sie, und es war, als ginge ein Strahl aus herrlicher Vergangenheit, aus dem Leben voll Liebe und Poesie zu mir herüber. Da fing Einer an im Nebenzimmer auf dem Flügel zu fantasiren, das brachte die ganze Gesellschaft in Bewegung. Es hieß, Jener sey ein fremder großer Virtuose, Namens Berger, der ganz göttlich spiele und dem man aufmerksam zuhören müsse. „Klappre nicht so gräßlich mit den Theelöffeln, Mienchen,“ rief der Justizrath und lud, mit sanft gebeugter Hand nach der Thür zeigend und einem süßen: „Eh bien!“ die Damen ein, dem Virtuosen näher zu treten. Auch Julie war aufgestanden und schritt langsam nach dem Nebenzimmer. Ihre ganze Gestalt hat etwas Fremdartiges angenommen, sie schien mir größer, herausgeformter in fast üppiger Schönheit, als sonst. Der besondere Schnitt ihres weißen, faltenreichen Kleides, Brust, Schultern und Nacken nur halb verhüllend, mit weiten bauschigen, bis an die Ellbogen reichenden Aermeln, das vorn an der Stirn gescheitelte, hinten in vielen Flechten sonderbar heraufgenestelte Haar gab ihr etwas Alterthümliches, sie war beinahe abzusehen, wie die Jungfrauen auf den Gemälden von Mierís – und doch auch wieder war es mir, als hab‘ ich irgendwo deutlich mit hellen Augen das Wesen gesehen, in das Julie verwandelt. Sie hatte die Handschuhe herabgezogen und selbst die künstlichen um die Handgelenke gewundenen Armgehänge fehlten nicht, um durch die völlige Gleichheit der Tracht jene dunkle Erinnerung immer lebendiger und farbiger hervorzurufen. Julie wandte sich, ehe sie in das Nebenzimmer trat, nach mir herum, und es war mir, als sey das engelschöne, jugendlich anmuthige Gesicht verzerrt zum höhnenden Spott; etwas Entsetzliches, Grauenvolles regte sich in mir, wie ein alle Nerven durchzuckender Krampf. „O er spielt himmlisch!“ lispelte eine durch süßen Thee begeisterte Demoiselle, und ich weiß selbst nicht, wie es kam, daß ihr Arm in dem meinigen hing, und ich sie, oder vielmehr sie mich in das Nebenzimmer führte. Berger ließ gerade den wildesten Orkan daher brausen; wie donnernde Meereswellen stiegen und sanken die mächtigen Akkorde, das that mir wohl! – Da stand Julie neben mir und sprach mit süßerer, lieblicherer Stimme, als je: „Ich wollte, Du säßest am Flügel und sängest milder von vergangener Lust und Hoffnung!“ – Der Feind war von mir gewichen und in dem einzigen Namen, Julie! wollte ich alle Himmelsseligkeit aussprechen, die in mich gekommen. – Andere dazwischen tretende Personen hatten sie aber von mir entfernt. – Sie vermied mich nun sichtlich, aber es gelang mir, bald ihr Kleid zu berühren, bald dicht bei ihr ihren Hauch einzuathmen, und mir ging in tausend blinkenden Farben die vergangene Frühlingszeit auf. – Berger hatte den Orkan ausbrausen lassen, der Himmel war hell worden, wie kleine goldne Morgenwölkchen zogen liebliche Melodien daher und verschwebten im Pianissimo. Dem Virtuosen wurde reichlich verdienter Beifall zu Theil, die Gesellschaft wogte durch einander, und so kam es, daß ich unversehens dicht vor Julien stand. Der Geist wurde mächtiger in mir, ich wollte sie festhalten, sie umfassen im wahnsinnigen Schmerz der Liebe, aber das verfluchte Gesicht eines geschäftigen Bedienten drängte sich zwischen uns hinein, der, einen großen Präsentirteller hinhaltend, recht widrig rief: „Befehlen Sie?“ – In der Mitte der mit dampfendem Punsch gefüllten Gläser stand ein zierlich geschliffener Pokal, voll desselben Getränkes, wie es schien. Wie der unter die gewöhnlichen Gläser kam, weiß jener am besten, den ich allmälig kennen lerne; er macht, wie der Clemens im Oktavian daherschreitend, mit einem Fuß einen angenehmen Schnörkel und liebt ungemein rothe Mäntelchen und rothe Federn. Diesen fein geschliffenen und seltsam blinkenden Pokal nahm Julie und bot ihn mir dar, sprechend: „Nimmst Du denn noch so gern, wie sonst das Glas aus meiner Hand?“ – „Julia – Julia,“ seufzte ich auf. Den Pokal erfassend berührte ich ihre zarten Finger, elektrische Feuerstrahlen blitzten durch alle Pulse und Adern – ich trank und trank – es war mir, als knisterten und leckten kleine blaue Flämmchen um Glas und Lippe. Geleert war der Pokal, und ich weiß selbst nicht, wie es kam, daß ich in dem nur von einer Alabaster-Lampe erleuchteten Kabinet auf der Ottomane saß – Julie – Julie neben mir, kindlich und fromm mich anblickend, wie sonst. Berger war auf’s Neue am Flügel, er spielte das Andante aus Mozarts sublimer Esdur-Sinfonie, und auf den Schwanenfittigen des Gesanges regte und erhob sich alle Liebe und Lust meines höchsten Sonnenlebens. – Ja es war Julie – Julie selbst, engelschön und mild – unser Gespräch, sehnsüchtige Liebesklage, mehr Blick als Wort, ihre Hand ruhte in der meinigen. – „Nun lasse ich Dich nimmer, Deine Liebe ist der Funke, der in mir glüht, höheres Leben in Kunst und Poesie entzündend – ohne Dich – ohne Deine Liebe Alles todt und starr – aber bist Du denn nicht auch gekommen, damit Du mein bleibest immerdar?“ – In dem Augenblick schwankte eine tölpische, spinnenbeinichte Figur mit herausstehenden Froschaugen herein und rief, recht widrig kreischend und dämisch lachend: „Wo der Tausend ist denn meine Frau geblieben?“ Julie stand auf und sprach mit fremder Stimme: „Wollen wir nicht zur Gesellschaft gehen? mein Mann sucht mich. – Sie waren wieder recht amüsant, mein Lieber, immer noch bei Laune wie vormals, menagiren Sie sich nur im Trinken“ – und der spinnenbeinichte Kleinmeister griff nach ihrer Hand; sie folgte ihm lachend in den Saal. – „Auf ewig verloren!“ schrie ich auf – „Ja gewiß, Codille, Liebster!“ meckerte eine l’Hombre spielende Bestie. Hinaus – hinaus rannte ich in die stürmische Nacht. –

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2.
Die Gesellschaft im Keller.

Klaus Ensikat, Die Abentheuer der Sylvester-Nacht, Pressendrucke bei The Bear Press, 2019Unter den Linden auf und ab zu wandeln mag sonst ganz angenehm seyn, nur nicht in der Sylvester-Nacht bei tüchtigem Frost und Schneegestöber. Das fühlte ich Baarköpfiger und Unbemäntelter doch zuletzt, als durch die Fiebergluth Eisschauer fuhren. Fort ging es über die Opernbrücke, bei dem Schlosse vorbei – ich bog ein, lief über die Schleusenbrücke bei der Münze vorüber. – Ich war in der Jägerstraße dicht am Thiermannschen Laden. Da brannten freundliche Lichter in den Zimmern; schon wollte ich hinein, weil zu sehr mich fror und ich nach einem tüchtigen Schluck starken Getränkes durstete; eben strömte eine Gesellschaft in heller Fröhlichkeit heraus. Sie sprachen von prächtigen Austern und dem guten Eilfer-Wein. „Recht hatte Jener doch,“ rief Einer von ihnen, wie ich beim Laternenschein bemerkte, ein stattlicher Uhlanenoffizier, „Recht hatte Jener doch, der voriges Jahr in Mainz auf die verfluchten Kerle schimpfte, welche Anno 1794 durchaus nicht mit dem Eilfer herausrücken wollten.“ – Alle lachten aus voller Kehle. Unwillkührlich war ich einige Schritte weiter gekommen, ich blieb vor einem Keller stehen, aus dem ein einsames Licht herausstrahlte. Fühlte sich der Schakspearsche Heinrich nicht einmal so ermattet und demüthig, daß ihm die arme Creatur Dünnbier in den Sinn kam? In der That, mir geschah Gleiches, meine Zunge lechzte nach einer Flasche guten englischen Biers. Schnell fuhr ich in den Keller hinein. „Was beliebt?“ kam mir der Wirth, freundlich die Mütze rückend, entgegen. Ich forderte eine Flasche guten englischen Biers nebst einer tüchtigen Pfeife guten Tabaks, und befand mich bald in solch einem sublimen Philistrismus, vor dem selbst der Teufel Respekt hatte und von mir abließ. – O Justizrath! hättest du mich gesehen, wie ich aus deinem hellen Theezimmer herabgestiegen war in den dunkeln Bierkeller, du hättest dich mit recht stolzer verächtlicher Miene von mir abgewendet und gemurmelt: „Ist es denn ein Wunder, daß ein solcher Mensch die zierlichsten Jabots ruinirt?“ –

Klaus Ensikat, Die Abentheuer der Sylvester-Nacht, Pressendrucke bei The Bear Press, 2019Ich mochte ohne Hut und Mantel den Leuten etwas verwunderlich vorkommen. Dem Manne schwebte eine Frage auf den Lippen, da pochte es an’s Fenster und eine Stimme rief herab: „Macht auf, macht auf, ich bin da!“ Der Wirth lief hinaus und trat bald wieder herein, zwei brennende Lichter hoch in den Händen tragend, ihm folgte ein sehr langer, schlanker Mann. In der niedrigen Thür vergaß er sich zu bücken und stieß sich den Kopf recht derb; eine baretartige schwarze Mütze, die er trug, verhinderte jedoch Beschädigung. Er drückte sich auf ganz eigene Weise der Wand entlang und setzte sich mir gegenüber, indem die Lichter auf den Tisch gestellt wurden. Man hätte beinahe von ihm sagen können, daß er vornehm und unzufrieden aussähe. Er forderte verdrießlich Bier und Pfeife, und erregte mit wenigen Zügen einen solchen Dampf, daß wir bald in einer Wolke schwammen. Uebrigens hatte sein Gesicht so etwas Charakteristisches und Anziehendes, daß ich ihn trotz seines finstern Wesens sogleich liebgewann. Die schwarzen reichen Haare trug er gescheitelt und von beiden Seiten in vielen kleinen Locken herabhängend, so daß er den Bildern von Rubens glich. Als er den großen Mantelkragen abgeworfen, sah ich, daß er in eine schwarze Kurtka mit vielen Schnüren gekleidet war, sehr fiel es mir aber auf, daß er über die Stiefeln zierliche Pantoffeln gezogen hatte. Ich wurde das gewahr, als er die Pfeife ausklopfte, die er in fünf Minuten ausgeraucht. Unser Gespräch wollte nicht recht von Statten gehen, der Fremde schien sehr mit allerlei seltenen Pflanzen beschäftigt, die er aus einer Kapsel genommen hatte und wohlgefällig betrachtete. Ich bezeigte ihm meine Verwunderung über die schönen Gewächse und fragte, da sie ganz frisch gepflückt zu seyn schienen, ob er vielleicht im botanischen Garten oder bei Boucher gewesen. Er lächelte ziemlich seltsam und antwortete: „Botanik scheint nicht eben Ihr Fach zu seyn, sonst hätten Sie nicht so“ – Er stockte, ich lispelte kleinlaut: „albern“ – „gefragt“ setzte er treuherzig hinzu. „Sie würden,“ fuhr er fort, „auf den ersten Blick Alpenpflanzen erkannt haben, und zwar, wie sie auf dem Tschimborasso wachsen.“ Die letzten Worte sagte der Fremde leise vor sich hin, und Du kannst denken, daß mir dabei gar wunderlich zu Muthe wurde. Jede Frage erstarb mir auf den Lippen; aber immer mehr regte sich eine Ahnung in meinem Innern, und es war mir, als habe ich den Fremden nicht sowol oft gesehen, als oft gedacht. Da pochte es aufs Neue ans Fenster, der Wirth öffnete die Thür und eine Stimme rief: „Seyd so gut Euern Spiegel zu verhängen.“ – „Aha!“ sagte der Wirth, „da kommt noch recht spät der General Suwarow.“ Der Wirth verhing den Spiegel, und nun sprang mit einer täppischen Geschwindigkeit, schwerfällig hurtig, möcht‘ ich sagen, ein kleiner dürrer Mann herein, in einem Mantel von ganz seltsam bräunlicher Farbe, der, indem der Mann in der Stube herumhüpfte, in vielen Falten und Fältchen auf ganz eigene Weise um den Körper wehte, so daß es im Schein der Lichter beinahe anzusehen war, als führen viele Gestalten aus und in einander, wie bei den Enslerschen Fantasmagorien. Dabei rieb er die in den weiten Aermeln versteckten Hände und rief: „Kalt! – kalt – o wie kalt! In Italia ist es anders, anders!“ Endlich setzte er sich zwischen mir und dem Großen, sprechend: „Das ist ein entsetzlicher Dampf – Tabak gegen Tabak – hätt‘ ich nur eine Priese!“ – Ich trug die spiegelblank geschliffene Stahldose in der Tasche, die Du mir einst schenktest, die zog ich gleich heraus und wollte dem Kleinen Tabak anbieten. Kaum erblickte er die, als er mit beiden Händen darauf zufuhr und, sie wegstoßend, rief: „Weg – weg mit dem abscheulichen Spiegel!“ Seine Stimme hatte etwas Entsetzliches, und als ich ihn verwundert ansah, war er ein Andrer worden. Mit einem gemüthlichen jugendlichen Gesicht sprang der Kleine herein, aber nun starrte mich das todtblasse, welke, eingefurchte Antlitz eines Greises mit hohlen Augen an. Voll Entsetzen rückte ich hin zum Großen. „Ums Himmelswillen, schauen Sie doch,“ wollt‘ ich rufen, aber der Große nahm an Allem keinen Antheil, sondern war ganz vertieft in seine Tschimborasso-Pflanzen, und in dem Augenblick forderte der Kleine: „Wein des Nordens,“ wie er sich preziös ausdrückte. Nach und nach wurde das Gespräch lebendiger. Der Kleine war mir zwar sehr unheimlich, aber der Große wußte über geringfügig scheinende Dinge recht viel Tiefes und Ergötzliches zu sagen, unerachtet er mit dem Ausdruck zu kämpfen schien, manchmal auch wol ein ungehöriges Wort einmischte, das aber oft der Sache eben eine drollige Originalität gab, und so milderte er, mit meinem Innern sich immer mehr befreundend, den übeln Eindruck des Kleinen. Dieser schien wie von lauter Springfedern getrieben, denn er rückte auf dem Stuhle hin und her, gestikulirte viel mit den Händen, und wol rieselte mir ein Eisstrom durch die Haare über den Rücken, wenn ich es deutlich bemerkte, daß er wie aus zwei verschiedenen Gesichtern heraussah. Vorzüglich blickte er oft den Großen, dessen bequeme Ruhe sonderbar gegen des Kleinen Beweglichkeit abstach, mit dem alten Gesicht an, wiewol nicht so entsetzlich, als zuvor mich. – In dem Maskenspiel des irdischen Lebens sieht oft der innere Geist mit leuchtenden Augen aus der Larve heraus, das Verwandte erkennend, und so mag es geschehen seyn, daß wir drei absonderliche Menschen im Keller uns auch so angeschaut und erkannt hatten. Unser Gespräch fiel in jenen Humor, der nur aus dem tief bis auf den Tod verletzten Gemüthe kommt. „Das hat auch seinen Haken,“ sagte der Große. „Ach Gott,“ fiel ich ein, „wie viel Haken hat der Teufel überall für uns eingeschlagen, in Zimmerwänden, Lauben, Rosenhecken, woran vorbeistreifend wir etwas von unserm theuern Selbst hängen lassen. Es scheint, Verehrte! als ob uns Allen auf diese Weise schon etwas abhanden gekommen, wiewol mir diese Nacht vorzüglich Hut und Mantel fehlte. Beides hängt an einem Haken in des Justizraths Vorzimmer, wie Sie wissen!“ Der Kleine und der Große fuhren sichtlich auf, als träfe sie unversehens ein Schlag. Der Kleine schaute mich recht häßlich mit seinem alten Gesichte an, sprang aber gleich auf einen Stuhl und zog das Tuch fester über den Spiegel, während der Große sorgfältig die Lichter putzte. Das Gespräch lebte mühsam wieder auf, man erwähnte eines jungen wackern Malers, Namens Philipp, und des Bildes einer Prinzessin, das er mit dem Geist der Liebe und dem frommen Sehnen nach dem Höchsten, wie der Herrinn tiefer heiliger Sinn es ihm entzündet, vollendet hatte. „Zum Sprechen ähnlich, und doch kein Portrait, sondern ein Bild,“ meinte der Große. „Es ist so ganz wahr,“ sprach ich, „man möchte sagen, wie aus dem Spiegel gestohlen.“ Da sprang der Kleine wild auf, mit dem alten Gesicht und funkelnden Augen mich anstarrend schrie er: „Das ist albern, das ist toll, wer vermag aus dem Spiegel Bilder zu stehlen? – wer vermag das? meinst Du, vielleicht der Teufel? – Hoho Bruder, der zerbricht das Glas mit der tölpischen Kralle, und die feinen weißen Hände des Frauenbildes werden auch wund und bluten. Albern ist das. Heisa! – zeig mir das Spiegelbild, das gestohlne Spiegelbild, und ich mache Dir den Meistersprung von tausend Klafter hinab, du betrübter Bursche!“ – Der Große erhob sich, schritt auf den Kleinen los und sprach: „Mache Er sich nicht so unnütz, mein Freund! sonst wird Er die Treppe hinaufgeworfen, es mag wol miserabel aussehen mit Seinem eignen Spiegelbilde.“ – „Ha ha ha ha!“ lachte und kreischte der Kleine in tollem Hohn, „ha ha ha – meinst Du? meinst Du? Hab‘ ich doch meinen schönen Schlagschatten, o Du jämmerlicher Geselle, hab‘ ich doch meinen Schlagschatten!“ – Und damit sprang er fort, noch draußen hörten wir ihn recht hämisch meckern und lachen: „hab‘ ich doch meinen Schlagschatten!“ Der Große war, wie vernichtet, todtenbleich in den Stuhl zurückgesunken, er hatte den Kopf in beide Hände gestützt und aus der tiefsten Brust athmete schwer ein Seufzer auf. „Was ist Ihnen?“ fragte ich theilnehmend. „O mein Herr,“ erwiederte der Große, „jener böse Mensch, der uns so feindselig erschien, der mich bis hieher, bis in meine Normalkneipe verfolgte, wo ich sonst einsam blieb, da höchstens nur etwa ein Erdgeist unter dem Tisch aufduckte und Brodkrümchen naschte – jener böse Mensch hat mich zurückgeführt in mein tiefstes Elend. Ach – verloren, unwiederbringlich verloren habe ich meinen – Leben Sie wohl!“ – Er stand auf und schritt mitten durch die Stube zur Thür hinaus. Alles blieb hell um ihn – er warf keinen Schlagschatten. Voll Entzücken rannte ich nach – „Peter Schlemihl – Peter Schlemihl!“ rief ich freudig, aber der hatte die Pantoffeln weggeworfen. Ich sah, wie er über den Gensdarmesthurm hinwegschritt und in der Nacht verschwand.

Als ich in den Keller zurück wollte, warf mir der Wirth die Thür vor der Nase zu, sprechend: „Vor solchen Gästen bewahre mich der liebe Herr Gott!“ –

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3.
Erscheinungen.

Klaus Ensikat, Die Abentheuer der Sylvester-Nacht, Pressendrucke bei The Bear Press, 2019Herr Mathieu ist mein guter Freund, und sein Thürsteher ein wachsamer Mann. Der machte mir gleich auf, als ich im goldnen Adler an der Hausklingel zog. Ich erklärte, wie ich mich aus einer Gesellschaft fortgeschlichen ohne Hut und Mantel, im letztern stecke aber mein Hausschlüssel, und die taube Aufwärterinn herauszupochen, sey unmöglich. Der freundliche Mann (den Thürsteher mein‘ ich) öffnete ein Zimmer, stellte die Lichter hin und wünschte mir eine gute Nacht. Der schöne breite Spiegel war verhängt, ich weiß selbst nicht, wie ich darauf kam, das Tuch herabzuziehen und beide Lichter auf den Spiegeltisch zu setzen. Ich fand mich, da ich in den Spiegel schaute, so blaß und entstellt, daß ich mich kaum selbst wiedererkannte. – Es war mir, als schwebe aus des Spiegels tiefstem Hintergrunde eine dunkle Gestalt hervor; so wie ich fester und fester Blick und Sinn darauf richtete, entwickelten sich in seltsam magischem Schimmer deutlicher die Züge eines holden Frauenbildes – ich erkannte Julien. Von inbrünstiger Liebe und Sehnsucht befangen, seufzte ich laut auf: „Julia! Julia!“ Da stöhnte und ächzte es hinter den Gardinen eines Bettes in des Zimmers äußerster Ecke. Ich horchte auf, immer ängstlicher wurde das Stöhnen. Juliens Bild war verschwunden, entschlossen ergriff ich ein Licht, riß die Gardinen des Bettes rasch auf und schaute hinein. Wie kann ich Dir denn das Gefühl beschreiben, das mich durchbebte, als ich den Kleinen erblickte, der mit dem jugendlichen, wiewol schmerzlich verzogenen Gesicht da lag und im Schlaf recht aus tiefster Brust aufseufzte: „Giulietta – Giulietta!“ – Der Name fiel zündend in mein Inneres – das Grauen war von mir gewichen, ich faßte und rüttelte den Kleinen recht derb, rufend: „he – guter Freund, wie kommen Sie in mein Zimmer, erwachen Sie und scheren Sie sich gefälligst zum Teufel!“ – Der Kleine schlug die Augen auf und blickte mich mit dunklen Blicken an: „Das war ein böser Traum,“ sprach er, „Dank sey Ihnen, daß Sie mich weckten.“ Die Worte klangen nur wie leise Seufzer. Ich weiß nicht, wie es kam, daß der Kleine mir jetzt ganz anders erschien, ja daß der Schmerz, von dem er ergriffen, in mein eignes Innres drang und all‘ mein Zorn in tiefer Wehmuth verging. Weniger Worte bedurfte es nur, um zu erfahren, daß der Thürsteher mir aus Versehen dasselbe Zimmer aufgeschlossen, welches der Kleine schon eingenommen hatte, daß ich es also war, der, unziemlich eingedrungen, den Kleinen aus dem Schlafe aufstörte.

Klaus Ensikat, Die Abentheuer der Sylvester-Nacht, Pressendrucke bei The Bear Press, 2019„Mein Herr,“ sprach der Kleine, „ich mag Ihnen im Keller wol recht toll und ausgelassen vorgekommen seyn, schieben Sie mein Betragen darauf, daß mich, wie ich nicht läugnen kann, zuweilen ein toller Spuk befängt, der mich aus allen Kreisen des Sittigen und Gehörigen hinaustreibt. Sollte Ihnen denn nicht zuweilen Gleiches widerfahren?“ – „Ach Gott ja,“ erwiederte ich kleinmüthig, „nur noch heute Abend, als ich Julien wiedersah.“ – „Julia?“ krächzte der Kleine mit widriger Stimme und es zuckte über sein Gesicht hin, das wieder plötzlich alt wurde. „O lassen Sie mich ruhen – verhängen Sie doch gütigst den Spiegel, Bester!“ – dies sagte er ganz matt aufs Kissen zurückblickend. „Mein Herr,“ sprach ich, „der Name meiner auf ewig verlornen Liebe scheint seltsame Erinnerungen in Ihnen zu wecken, auch variiren Sie merklich mit Dero angenehmen Gesichtszügen. Doch hoffe ich mit Ihnen ruhig die Nacht zu verbringen, weshalb ich gleich den Spiegel verhängen und mich ins Bett begeben will.“ Der Kleine richtete sich auf, sah mich mit überaus milden, gutmüthigen Blicken seines Jünglings Gesichts an, faßte meine Hand und sprach, sie leise drückend: „Schlafen Sie ruhig, mein Herr, ich merke, daß wir Unglücksgefährten sind. – Sollten Sie auch? – Julia – Giulietta – Nun dem sey, wie ihm wolle, Sie üben eine unwiderstehliche Gewalt über mich aus – ich kann nicht anders, ich muß Ihnen mein tiefstes Geheimniß entdecken – dann hassen, dann verachten Sie mich.“ Mit diesen Worten stand der Kleine langsam auf, hüllte sich in einen weißen weiten Schlafrock und schlich leise und recht gespensterartig nach dem Spiegel, vor den er sich hinstellte. Ach! – rein und klar warf der Spiegel die beiden Lichter, die Gegenstände im Zimmer, mich selbst zurück, die Gestalt des Kleinen war nicht zu sehen im Spiegel, kein Strahl reflektirte sein dicht herangebogenes Gesicht. Er wandte sich zu mir, die tiefste Verzweiflung in den Mienen, er drückte meine Hände: „Sie kennen nun mein grenzenloses Elend,“ sprach er, „Schlemihl, die reine gute Seele, ist beneidenswerth gegen mich Verworfenen. Leichtsinnig verkaufte er seinen Schlagschatten, aber ich! – ich gab mein Spiegelbild ihrihr! – oh – oh – oh!“ – So tief aufstöhnend, die Hände vor die Augen gedrückt, wankte der Kleine nach dem Bette, in das er sich schnell warf. Erstarrt blieb ich stehen, Argwohn, Verachtung, Grauen, Theilnahme, Mitleiden, ich weiß selbst nicht, was sich alles für und wider den Kleinen in meiner Brust regte. Der Kleine fing indeß bald an so anmuthig und melodiös zu schnarchen, daß ich der narkotischen Kraft dieser Töne nicht widerstehen konnte. Schnell verhing ich den Spiegel, löschte die Lichter aus, warf mich so wie der Kleine, ins Bett und fiel bald in tiefen Schlaf. Es machte wol schon Morgen seyn, als ein blendender Schimmer mich weckte. Ich schlug die Augen auf und erblickte den Kleinen, der im weißen Schlafrock, die Nachtmütze auf dem Kopf, den Rücken mir zugewendet, am Tische saß und bei beiden angezündeten Lichtern emsig schrieb. Er sah recht spukhaft aus, mir wandelte ein Grauen an; der Traum erfaßte mich plötzlich und trug mich wieder zum Justizrath, wo ich neben Julien auf der Ottomane saß. Doch bald war es mir, als sey die ganze Gesellschaft eine spaßhafte Weihnachtsausstellung bei Fuchs, Weide, Schoch oder sonst, der Justizrath eine zierliche Figur von Dragant mit postpapiernem Jabot. Höher und höher wurden die Bäume und Rosenbüsche. Julie stand auf und reichte mir den kristallnen Pokal, aus dem blaue Flammen emporleckten. Da zog es mich am Arm, der Kleine stand hinter mir mit dem alten Gesicht und lispelte: „Trink nicht, trink nicht – sieh sie doch recht an! – hast Du sie nicht schon gesehen auf den Warnungstafeln von Breughel, von Callot oder von Rembrandt?“ – Mir schauerte vor Julien, denn freilich war sie in ihrem faltenreichen Gewande mit den bauschigen Aermeln, in ihrem Haarschmuck so anzusehen, wie die von höllischen Unthieren umgebenen lockenden Jungfrauen auf den Bildern jener Meister. „Warum fürchtest Du Dich denn,“ sprach Julie, „ich habe Dich und Dein Spiegelbild doch ganz und gar.“ Ich ergriff den Pokal, aber der Kleine hüpfte wie ein Eichhörnchen auf meine Schultern und wehte mit dem Schweife in die Flammen, widrig quiekend: „Trink nicht – trink nicht.“ Doch nun wurden alle Zuckerfiguren der Ausstellung lebendig und bewegten komisch die Händchen und Füßchen, der dragantne Justizrath trippelte auf mich zu und rief mit einem ganz feinen Stimmchen: „warum der ganze Rumor, mein Bester? warum der ganze Rumor? Stellen Sie sich doch nur auf Ihre lieben Füße, denn schon lange bemerke ich, daß Sie in den Lüften über Stühle und Tische wegschreiten.“ Der Kleine war verschwunden, Julie hatte nicht mehr den Pokal in der Hand. „Warum wolltest Du denn nicht trinken?“ sprach sie, „war denn die reine herrliche Flamme, die Dir aus dem Pokal entgegenstrahlte, nicht der Kuß, wie Du ihn einst von mir empfingst?“ Ich wollte sie an mich drücken, Schlemihl trat aber dazwischen, sprechend: „Das ist Mina, die den Raskal geheirathet.“ Er hatte einige Zuckerfiguren getreten, die ächzten sehr. – Aber bald vermehrten diese sich zu Hunderten und Tausenden, und trippelten um mich her und an mir herauf im bunten häßlichen Gewimmel und umsummten mich wie ein Bienenschwarm. – Der dragantne Justizrath hatte sich bis zur Halsbinde heraufgeschwungen, die zog er immer fester und fester an. „Verdammter dragantner Justizrath!“ schrie ich laut und fuhr auf aus dem Schlafe. Es war heller lichter Tag, schon eilf Uhr Mittags. „Das ganze Ding mit dem Kleinen war auch wol nur ein lebhafter Traum,“ dachte ich eben, als der mit dem Frühstück eintretende Kellner mir sagte, daß der fremde Herr, der mit mir in einem Zimmer geschlafen, am frühen Morgen abgereiset sey und sich mir sehr empfehlen lasse. Auf dem Tische, an dem Nachts der spukhafte Kleine saß, fand ich ein frisch beschriebenes Blatt, dessen Inhalt ich Dir mittheile, da es unbezweifelt des Kleinen wundersame Geschichte ist.

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4.
Die Geschichte vom verlornen Spiegelbilde.

Klaus Ensikat, Die Abentheuer der Sylvester-Nacht, Pressendrucke bei The Bear Press, 2019Endlich war es doch so weit gekommen, daß Erasmus Spikher den Wunsch, den er sein Leben lang im Herzen genährt, erfüllen konnte. Mit frohem Herzen und wohlgefülltem Beutel setzte er sich in den Wagen, um die nördliche Heimath zu verlassen und nach dem schönen warmen Welschland zu reisen. Die liebe fromme Hausfrau vergoß tausend Thränen, sie hob den kleinen Rasmus, nachdem sie ihm Nase und Mund sorgfältig geputzt, in den Wagen hinein, damit der Vater zum Abschiede ihn noch sehr küsse. „Lebe wohl, mein lieber Erasmus Spikher,“ sprach die Frau schluchzend, „das Haus will ich Dir gut bewahren, denke fein fleißig an mich, bleibe mir treu und verliere nicht die schöne Reisemütze, wenn Du, wie Du wol pflegst, schlafend zum Wagen herausnickst.“ – Spikher versprach das. –

In dem schönen Florenz fand Erasmus einige Landsleute, die voll Lebenslust und jugendlichen Muths in den üppigen Genüssen, wie sie das herrliche Land reichlich darbot, schwelgten. Er bewies sich ihnen als ein wackrer Kumpan und es wurden allerlei ergötzliche Gelage veranstaltet, denen Spikhers besonders muntrer Geist und das Talent, dem tollen Ausgelassenen das Sinnige beizufügen, einen eignen Schwung gaben. So kam es denn, daß die jungen Leute (Erasmus erst sieben und zwanzig Jahr alt, war wol dazu zu rechnen) einmal zur Nachtzeit in eines herrlichen, duftenden Gartens erleuchtetem Boskett ein gar fröhliches Fest begingen. Jeder, nur nicht Erasmus, hatte eine liebliche Donna mitgebracht. Die Männer gingen in zierlicher altteutscher Tracht, die Frauen waren in bunten leuchtenden Gewändern, jede auf andere Art, ganz fantastisch gekleidet, so daß sie erschienen wie liebliche wandelnde Blumen. Hatte Diese oder Jene zu dem Saitengelispel der Mandolinen ein italienisches Liebeslied gesungen, so stimmten die Männer unter dem lustigen Geklingel der mit Syrakuser gefüllten Gläser einen kräftigen deutschen Rundgesang an. – Ist ja doch Italien das Land der Liebe. Der Abendwind säuselte wie in sehnsüchtigen Seufzern, wie Liebeslaute durchwallten die Orange- und Jasmindüfte das Boskett, sich mischend in das lose neckhafte Spiel, das die holden Frauenbilder, all‘ die kleinen zarten Buffonerien, wie sie nur den italienischen Weibern eigen, aufbietend, begonnen hatten. Immer reger und lauter wurde die Lust. Friedrich, der Glühendste vor Allen, stand auf mit einem Arm hatte er seine Donna umschlungen, und das mit perlendem Syrakuser gefüllte Glas mit der andern Hand hoch schwingend, rief er: „Wo ist denn Himmelslust und Seligkeit zu finden als bei Euch, Ihr holden, herrlichen, italienischen Frauen, Ihr seyd ja die Liebe selbst. – Aber Du, Erasmus,“ fuhr er fort, sich zu Spikher wendend, „scheinst das nicht sonderlich zu fühlen, denn nicht allein, daß Du, aller Verabredung, Ordnung und Sitte entgegen, keine Donna zu unserm Feste geladen hast, so bist Du auch heute so trübe und in Dich gekehrt, daß, hättest Du nicht wenigstens tapfer getrunken und gesungen, ich glauben würde, Du seyst mit einem Mal ein langweiliger Melancholikus geworden.“ – „Ich muß Dir gestehen, Friedrich,“ erwiederte Erasmus, „daß ich mich auf die Weise nun einmal nicht freuen kann. Du weißt ja, daß ich eine liebe, fromme Hausfrau zurückgelassen habe, die ich recht aus tiefer Seele liebe, und an der ich ja offenbar einen Verrath beginge, wenn ich im losen Spiel auch nur für einen Abend mir eine Donna wählte. Mit Euch unbeweibten Jünglingen ist das ein Andres, aber ich, als Familienvater“ – Die Jünglinge lachten hell auf, da Erasmus bei dem Worte „Familienvater“ sich bemühte, das jugendliche gemüthliche Gesicht in ernste Falten zu ziehen, welches denn eben sehr possierlich herauskam. Friedrichs Donna ließ sich das, was Erasmus teutsch gesprochen, in das Italienische übersetzen, dann wandte sie sich ernsten Blickes zum Erasmus und sprach, mit aufgehobenem Finger leise drohend: „Du kalter, kalter Teutscher! – verwahre Dich wohl, noch hast Du Giulietta nicht gesehen!“

Klaus Ensikat, Die Abentheuer der Sylvester-Nacht, Pressendrucke bei The Bear Press, 2019In dem Augenblick rauschte es beim Eingange des Bosketts, und aus dunkler Nacht trat in den lichten Kerzenschimmer hinein ein wunderherrliches Frauenbild. Das weiße, Busen, Schultern und Nacken nur halb verhüllende Gewand, mit bauschigen bis an die Ellbogen streifenden Aermeln, floß in reichen breiten Falten herab, die Haare vorn an der Stirn gescheitelt, hinten in vielen Flechten heraufgenestelt. – Goldene Ketten um den Hals, reiche Armbänder um die Handgelenke geschlungen, vollendeten den alterthümlichen Putz der Jungfrau, die anzusehen war, als wandle ein Frauenbild von Rubens oder dem zierlichen Mieris daher. „Giulietta!“ riefen die Mädchen voll Erstaunen. Giulietta, deren Engelsschönheit Alle überstrahlte, sprach mit süßer lieblicher Stimme: „Laßt mich doch Theil nehmen an Euerm schönen Fest, ihr wackern teutschen Jünglinge. Ich will hin zu Jenem dort, der unter Euch ist so ohne Lust und ohne Liebe.“ Damit wandelte sie in hoher Anmuth zum Erasmus und setzte sich auf den Sessel, der neben ihm leer geblieben, da man vorausgesetzt hatte, daß auch er eine Donna mitbringen werde. Die Mädchen lispelten unter einander: „Seht, o seht, wie Giulietta heute wieder so schön ist!“ und die Jünglinge sprachen: „Was ist denn das mit dem Erasmus, er hat ja die Schönste gewonnen und uns nur wol verhöhnt?“

Dem Erasmus war bei dem ersten Blick, den er auf Giulietta warf, so ganz besonders zu Muthe geworden, daß er selbst nicht wußte, was sich denn so gewaltsam in seinem Innern rege. Als sie sich ihm näherte, faßte ihn eine fremde Gewalt und drückte seine Brust zusammen, daß sein Athem stockte. Das Auge fest geheftet auf Giulietta mit erstarrten Lippen saß er da und konnte kein Wort hervorbringen, als die Jünglinge laut Giulietta’s Anmuth und Schönheit priesen. Giulietta nahm einen vollgeschenkten Pokal und stand auf, ihn dem Erasmus freundlich darreichend; der ergriff den Pokal, Giulietta’s zarte Finger leise berührend. Er trank, Gluth strömte durch seine Adern. Da fragte Giulietta scherzend: „Soll ich denn Eure Donna seyn?“ Aber Erasmus warf sich wie im Wahnsinn vor Giulietta nieder, drückte ihre beiden Hände an seine Brust und rief: „Ja, Du bist es, Dich habe ich geliebt immerdar, Dich, Du Engelsbild! – Dich habe ich geschaut in meinen Träumen, Du bist mein Glück, meine Seligkeit, mein höheres Leben!“ – Alle glaubten, der Wein sey dem Erasmus zu Kopf gestiegen, denn so hatten sie ihn nie gesehen, er schien ein Anderer worden. „Ja, Du – Du bist mein Leben, Du flammst in mir mit verzehrender Gluth. Laß mich untergehen – untergehen, nur in Dir, nur Du will ich seyn,“ – so schrie Erasmus, aber Giulietta nahm ihn sanft in die Arme; ruhiger geworden, setzte er sich an ihre Seite, und bald begann wieder das heitre Liebesspiel in munteren Scherzen und Liedern, das durch Giulietta und Erasmus unterbrochen worden. Wenn Giulietta sang, war es, als gingen aus tiefster Brust Himmelstöne hervor, nie gekannte, nur geahnte Lust in Allen entzündend. Ihre volle wunderbare Kristallstimme trug eine geheimnißvolle Gluth in sich, die jedes Gemüth ganz und gar befing. Fester hielt jeder Jüngling seine Donna umschlungen, und feuriger strahlte Aug‘ in Auge. Schon verkündete ein rother Schimmer den Anbruch der Morgenröthe, da rieth Giulietta das Fest zu enden. Es geschah. Erasmus schickte sich an, Giulietta zu begleiten, sie schlug das ab und bezeichnete ihm das Haus, wo er sie künftig finden könne. Während des teutschen Rundgesanges, den die Jünglinge noch zum Beschluß des Festes anstimmten, war Giulietta aus dem Boskett verschwunden; man sah sie hinter zwei Bedienten, die mit Fackeln voranschritten, durch einen fernen Laubgang wandeln. Erasmus wagte nicht, ihr zu folgen. Die Jünglinge nahmen nun jeder seine Donna unter den Arm und schritten in voller heller Lust von dannen. Ganz verstört und im Innern zerrissen von Sehnsucht und Liebesqual folgte ihnen endlich Erasmus, dem sein kleiner Diener mit der Fackel vorleuchtete. So ging er, da die Freunde ihn verlassen, durch eine entlegene Straße, die nach seiner Wohnung führte. Die Morgenröthe war hoch heraufgestiegen, der Diener stieß die Fackel auf dem Steinpflaster aus, aber in den aufsprühenden Funken stand plötzlich eine seltsame Figur vor Erasmus, ein langer dürrer Mann mit spitzer Habichtsnase, funkelnden Augen, hämisch verzogenem Munde, im feuerrothen Rock mit strahlenden Stahlknöpfen. Der lachte und rief mit unangenehm gellender Stimme: „Ho, ho! – Ihr seyd wol aus einem alten Bilderbuch herausgestiegen mit Euerm Mantel, Euerm geschlitzten Wamms und Euerm Federnbarett. – Ihr seht recht schnakisch aus, Hr. Erasmus, aber wollt Ihr denn auf der Straße der Leute Spott werden? Kehrt doch nur ruhig zurück in Euern Pergamentband.“ – „Was geht Euch meine Kleidung an,“ sprach Erasmus verdrießlich und wollte, den rothen Kerl bei Seite schiebend, vorübergehen, der schrie ihm nach: „Nun, nun – eilt nur nicht so, zur Giulietta könnt Ihr doch jetzt gleich nicht hin.“ Erasmus drehte sich rasch um. „Was sprecht Ihr von Giulietta,“ rief er mit wilder Stimme, den rothen Kerl bei der Brust packend. Der wandte sich aber pfeilschnell und war, ehe sich’s Erasmus versah, verschwunden. Erasmus blieb ganz verblüfft stehen, mit dem Stahlknopf in der Hand, den er dem Rothen abgerissen. „Das war der Wunderdoktor, Signor Dapertutto; was der nur von Euch wollte?“ sprach der Diener, aber dem Erasmus wandelte ein Grauen an, er eilte sein Haus zu erreichen. –

Klaus Ensikat, Die Abentheuer der Sylvester-Nacht, Pressendrucke bei The Bear Press, 2019Giulietta empfing den Erasmus mit all‘ der wunderbaren Anmuth und Freundlichkeit, die ihr eigen. Der wahnsinnigen Leidenschaft, die den Erasmus entflammt, setzte sie ein mildes, gleichmüthiges Betragen entgegen. Nur dann und wann funkelten ihre Augen höher auf, und Erasmus fühlte, wie leise Schauer aus dem Innersten heraus ihn durchbebten, wenn sie manchmal ihn mit einem recht seltsamen Blicke traf. Nie sagte sie ihm, daß sie ihn liebe, aber ihre ganze Art und Weise mit ihm umzugehen, ließ es ihn deutlich ahnen, und so kam es, daß immer festere und festere Bande ihn umstrickten. Ein wahres Sonnenleben ging ihm auf; die Freunde sah er selten, da Giulietta ihn in andere fremde Gesellschaft eingeführt. –

Einst begegnete ihm Friedrich, der ließ ihn nicht los, und als der Erasmus durch manche Erinnerung an sein Vaterland und an sein Haus recht mild und weich geworden, da sagte Friedrich: „Weißt Du wol, Spikher, daß Du in recht gefährliche Bekanntschaft gerathen bist? Du mußt es doch wol schon gemerkt haben, daß die schöne Giulietta eine der schlauesten Courtisanen ist, die es je gab. Man trägt sich dabei mit allerlei geheimnißvollen, seltsamen Geschichten, die sie in gar besonderm Lichte erscheinen lassen. Daß sie über die Menschen, wenn sie will, eine unwiderstehliche Macht übt und sie in unauflösliche Bande verstrickt, seh‘ ich an Dir, Du bist ganz und gar verändert, Du bist ganz der verführerischen Giulietta hingegeben, Du denkst nicht mehr an Deine liebe fromme Hausfrau.“ – Da hielt Erasmus beide Hände vors Gesicht, er schluchzte laut, er rief den Namen seiner Frau. Friedrich merkte wol, wie ein innerer harter Kampf begonnen. „Spikher,“ fuhr er fort, „laß uns schnell abreisen.“ „Ja, Friedrich,“ rief Spikher heftig, „Du hast Recht. Ich weiß nicht, wie mich so finstre gräßliche Ahnungen plötzlich ergreifen, – ich muß fort, noch heute fort.“ Beide Freunde eilten über die Straße, quer vorüber schritt Signor Dapertutto, der lachte dem Erasmus ins Gesicht und rief: „Ach, eilt doch, eilt doch nur schnell, Giulietta wartet schon, das Herz voll Sehnsucht, die Augen voll Thränen. – Ach, eilt doch, eilt doch!“ Erasmus wurde wie vom Blitz getroffen. „Dieser Kerl,“ sprach Friedrich, „dieser Ciarlatano ist mir im Grunde der Seele zuwider, und daß der bei Giulietta aus- und eingeht und ihr seine Wunderessenzen verkauft“ – „Was!“ rief Erasmus, „dieser abscheuliche Kerl bei Giulietta – bei Giulietta?“ – „Wo bleibt Ihr aber auch so lange, Alles wartet auf Euch, habt Ihr denn gar nicht an mich gedacht?“ so rief eine sanfte Stimme vom Balkon herab. Es war Giulietta, vor deren Hause die Freunde, ohne es bemerkt zu haben, standen. Mit einem Sprunge war Erasmus im Hause. „Der ist nun einmal hin und nicht mehr zu retten,“ sprach Friedrich leise und schlich über die Straße fort. –

Klaus Ensikat, Die Abentheuer der Sylvester-Nacht, Pressendrucke bei The Bear Press, 2019Nie war Giulietta liebenswürdiger gewesen, sie trug dieselbe Kleidung als damals in dem Garten, sie strahlte in voller Schönheit und jugendlicher Anmuth. Erasmus hatte Alles vergessen, was er mit Friedrich gesprochen, mehr als je riß ihn die höchste Wonne, das höchste Entzücken unwiderstehlich hin, aber auch noch niemals hatte Giulietta so ohne allen Rückhalt ihm ihre innigste Liebe merken lassen. Nur ihn schien sie zu beachten, nur für ihn zu seyn. – Auf einer Villa, die Giulietta für den Sommer gemiethet, sollte ein Fest gefeiert werden. Man begab sich dahin. In der Gesellschaft befand sich ein junger Italiener von recht häßlicher Gestalt und noch häßlicheren Sitten, der bemühte sich viel um Giulietta und erregte die Eifersucht des Erasmus, der voll Ingrimm sich von den Andern entfernte und einsam in einer Seiten-Allee des Gartens auf- und abschlich. Giulietta suchte ihn auf. „Was ist Dir? – bist Du denn nicht ganz mein?“ Damit umfing sie ihn mit den zarten Armen und drückte einen Kuß auf seine Lippen. Feuerstrahlen durchblitzten ihn, in rasender Liebeswuth drückte er die Geliebte an sich und rief: „Nein, ich lasse Dich nicht, und sollte ich untergehen im schmachvollsten Verderben!“ Giulietta lächelte seltsam bei diesen Worten, und ihn traf jener sonderbare Blick, der ihm jederzeit innern Schauer erregte. Sie gingen wieder zur Gesellschaft. Der widrige junge Italiener trat jetzt in die Rolle des Erasmus; von Eifersucht getrieben, stieß er allerlei spitze beleidigende Reden gegen Teutsche und insbesondere gegen Spikher aus. Der konnte es endlich nicht länger ertragen; rasch schritt er auf den Italiener los. „Haltet ein,“ sprach er, „mit Euern nichtswürdigen Sticheleien auf Teutsche und auf mich, sonst werfe ich Euch in jenen Teich, und Ihr könnt Euch im Schwimmen versuchen.“ In dem Augenblick blitzte ein Dolch in des Italieners Hand, da packte Erasmus ihn wüthend bei der Kehle und warf ihn nieder, ein kräftiger Fußtritt ins Genick, und der Italiener gab röchelnd seinen Geist auf. – Alles stürzte auf den Erasmus los, er war ohne Besinnung – er fühlte sich ergriffen, fortgerissen. Als er wie aus tiefer Betäubung erwachte, lag er in einem kleinen Cabinet zu Giulietta’s Füßen, die, das Haupt über ihn herabgebeugt, ihn mit beiden Armen umfaßt hielt. „Du böser, böser Teutscher,“ sprach sie unendlich sanft und mild, „welche Angst hast Du mir verursacht! Aus der nächsten Gefahr habe ich Dich errettet, aber nicht sicher bist Du mehr in Florenz, in Italien. Du mußt fort, Du mußt mich, die Dich so sehr liebt, verlassen.“ Der Gedanke der Trennung zerriß den Erasmus in namenlosem Schmerz und Jammer. „Laß mich bleiben,“ schrie er, „ich will ja gern den Tod leiden, heißt denn sterben mehr als leben ohne Dich?“ Da war es ihm, als rufe eine leise ferne Stimme schmerzlich seinen Namen. Ach! es war die Stimme der frommen teutschen Hausfrau. Erasmus verstummte, und auf ganz seltsame Weise fragte Giulietta: „Du denkst wol an Dein Weib? – Ach, Erasmus, Du wirst mich nur zu bald vergessen.“ – „Könnte ich nur ewig und immerdar ganz Dein seyn,“ sprach Erasmus. Sie standen gerade vor dem schönen breiten Spiegel, der in der Wand des Cabinets angebracht war und an dessen beiden Seiten helle Kerzen brannten. Fester, inniger drückte Giulietta den Erasmus an sich, indem sie leise lispelte: „Laß mir Dein Spiegelbild, Du innig Geliebter, es soll mein und bei mir bleiben immerdar.“ – „Giulietta,“ rief Erasmus ganz verwundert, „was meinst Du denn? – mein Spiegelbild?“ – Er sah dabei in den Spiegel, der ihn und Giulietta in süßer Liebesumarmung zurückwarf. „Wie kannst Du denn mein Spiegelbild behalten,“ fuhr er fort, „das mit mir wandelt überall, und aus jedem klaren Wasser, aus jeder hellgeschliffnen Fläche mir entgegentritt?“ – „Nicht einmal,“ sprach Giulietta, „nicht einmal diesen Traum Deines Ichs, wie er aus dem Spiegel hervorschimmert, gönnst Du mir, der Du sonst mein mit Leib und Leben seyn wolltest? Nicht einmal Dein unstetes Bild soll bei mir bleiben und mit mir wandeln durch das arme Leben, das nun wol, da Du fliehst, ohne Lust und Liebe bleiben wird?“ Die heißen Thränen stürzten der Giulietta aus den schönen dunklen Augen. Da rief Erasmus, wahnsinnig vor tödtendem Liebesschmerz: „Muß ich denn fort von Dir? – muß ich fort, so soll mein Spiegelbild Dein bleiben auf ewig und immerdar. Keine Macht – der Teufel soll es Dir nicht entreißen, bis Du mich selbst hast mit Seele und Leib.“ – Giulietta’s Küsse brannten wie Feuer auf seinem Munde, als er dies gesprochen, dann ließ sie ihn los und streckte sehnsuchtsvoll die Arme aus nach dem Spiegel. Erasmus sah, wie sein Bild unabhängig von seinen Bewegungen hervortrat, wie es in Giulietta’s Arme glitt, wie es mit ihr im seltsamen Duft verschwand. Allerlei häßliche Stimmen meckerten und lachten in teuflischem Hohn; erfaßt von dem Todeskrampf des tiefsten Entsetzens sank er bewußtlos zu Boden, aber die fürchterliche Angst – das Grausen riß ihn auf aus der Betäubung, in dicker dichter Finsterniß taumelte er zur Thür hinaus, die Treppe hinab. Vor dem Hause ergriff man ihn und hob ihn in einen Wagen, der schnell fortrollte. „Dieselben haben sich etwas alterirt, wie es scheint,“ sprach der Mann, der sich neben ihn gesetzt hatte, in teutscher Sprache, „Dieselben haben sich etwas alterirt, indessen wird jetzt Alles ganz vortrefflich gehen, wenn Sie sich nur mir ganz überlassen wollen. Giuliettchen hat schon das Ihrige gethan und mir Sie empfohlen. Sie sind auch ein recht lieber junger Mann und inkliniren erstaunlich zu angenehmen Späßen, wie sie uns, mir und Giuliettchen, sehr behagen. Das war mir ein recht tüchtiger teutscher Tritt in den Nacken. Wie dem Amoroso die Zunge kirschblau zum Halse heraushing – es sah recht possierlich aus, und wie er so krächzte und ächzte und nicht gleich abfahren konnte – ha – ha – ha –“ Die Stimme des Mannes war so widrig höhnend, sein Schnickschnack so gräßlich, daß die Worte Dolchstichen gleich in des Erasmus Brust fuhren. „Wer Ihr auch seyn mögt,“ sprach Erasmus, „schweigt, schweigt von der entsetzlichen That, die ich bereue!“ – „Bereuen, bereuen!“ erwiederte der Mann, „so bereut Ihr auch wol, daß Ihr Giulietta kennen gelernt und ihre süße Liebe erworben habt?“ – „Ach, Giulietta, Giulietta!“ seufzte Erasmus. „Nun ja,“ fuhr der Mann fort, „so seyd Ihr nun kindisch, Ihr wünscht und wollt, aber Alles soll auf gleichem glatten Wege bleiben. Fatal ist es zwar, daß Ihr Giulietta habt verlassen müssen, aber doch könnte ich wol, bliebet Ihr hier, Euch allen Dolchen Eurer Verfolger und auch der lieben Justiz entziehen.“ Der Gedanke bei Giulietta bleiben zu können, ergriff den Erasmus gar mächtig. „Wie wäre das möglich?“ fragte er. – „Ich kenne,“ fuhr der Mann fort, „ein sympathetisches Mittel, das Eure Verfolger mit Blindheit schlägt, kurz, welches bewirkt, daß Ihr ihnen immer mit einem andern Gesichte erscheint und sie Euch niemals wieder erkennen. So wie es Tag ist, werdet Ihr so gut seyn recht lange und aufmerksam in irgend einen Spiegel zu schauen, mit Euerm Spiegelbilde nehme ich dann, ohne es im mindesten zu versehren, gewisse Operationen vor und Ihr seyd geborgen, Ihr könnt dann leben mit Giulietta ohne alle Gefahr in aller Lust und Freudigkeit.“ – „Fürchterlich, fürchterlich!“ schrie Erasmus auf. „Was ist denn fürchterlich, mein Werthester?“ fragte der Mann höhnisch. „Ach, ich – habe, ich – habe,“ fing Erasmus an – „Euer Spiegelbild sitzen lassen,“ fiel der Mann schnell ein, „sitzen lassen bei Giulietta? – ha, ha, ha! Bravissimo, mein Bester! Nun könnt Ihr durch Fluren und Wälder, Städte und Dörfer laufen, bis Ihr Euer Weib gefunden nebst dem kleinen Rasmus und wieder ein Familienvater seyd, wiewol ohne Spiegelbild, worauf es Eurer Frau auch weiter wol nicht ankommen wird, da sie Euch leiblich hat, Giulietta aber nur Euer schimmerndes Traum-Ich.“ – „Schweige, Du entsetzlicher Mensch,“ schrie Erasmus. In dem Augenblick nahte sich ein fröhlich singender Zug mit Fackeln, die ihren Glanz in den Wagen warfen. Erasmus sah seinem Begleiter ins Gesicht und erkannte den häßlichen Doktor Dapertutto. Mit einem Satz sprang er aus dem Wagen und lief dem Zuge entgegen, da er schon in der Ferne Friedrichs wohltönenden Baß erkannt hatte. Die Freunde kehrten von einem ländlichen Mahle zurück. Schnell unterrichtete Erasmus Friedrichen von Allem was geschehen, und verschwieg nur den Verlust seines Spiegelbildes. Friedrich eilte mit ihm voran nach der Stadt, und so schnell wurde alles Nöthige veranstaltet, daß, als die Morgenröthe aufgegangen, Erasmus auf einem raschen Pferde sich schon weit von Florenz entfernt hatte. – Spikher hat manches Abentheuer aufgeschrieben, das ihm auf seiner Reise begegnete. Am merkwürdigsten ist der Vorfall, welcher zuerst den Verlust seines Spiegelbildes ihm recht seltsam fühlen ließ. Er war nämlich gerade, weil sein müdes Pferd Erholung bedurfte, in einer großen Stadt geblieben, und setzte sich ohne Arg an die stark besetzte Wirthstafel, nicht achtend, daß ihm gegenüber ein schöner klarer Spiegel hing. Ein Satan von Kellner, der hinter seinem Stuhle stand, wurde gewahr, daß drüben im Spiegel der Stuhl leer geblieben und sich nichts von der darauf sitzenden Person reflektire. Er theilte seine Bemerkung dem Nachbar des Erasmus mit, der seinem Nebenmann, es lief durch die ganze Tischreihe ein Gemurmel und Geflüster, man sah den Erasmus an, dann in den Spiegel. Noch hatte Erasmus gar nicht bemerkt, daß ihm das Alles galt, als ein ernsthafter Mann vom Tische aufstand, ihn vor den Spiegel führte, hineinsah und dann sich zur Gesellschaft wendend laut rief: Wahrhaftig, er hat kein Spiegelbild! „Er hat kein Spiegelbild – er hat kein Spiegelbild!“ schrie Alles durch einander; „ein mauvais sujet, ein homo nefas, werft ihn zur Thür hinaus!“ – Voll Wuth und Schaam flüchtete Erasmus auf sein Zimmer; aber kaum war er dort, als ihm von Polizei wegen angekündigt wurde, daß er binnen einer Stunde mit seinem vollständigen, völlig ähnlichen Spiegelbilde vor der Obrigkeit erscheinen oder die Stadt verlassen müsse. Er eilte von dannen, vom müssigen Pöbel, von den Straßenjungen verfolgt, die ihm nachschrieen: „da reitet er hin, der dem Teufel sein Spiegelbild verkauft hat, da reitet er hin!“ – Endlich war er im Freien. Nun ließ er überall wo er hinkam, unter dem Vorwande eines natürlichen Abscheu’s gegen jede Abspiegelung, alle Spiegel schnell verhängen, und man nannte ihn daher spottweise den General Suwarow, der ein Gleiches that. –

Klaus Ensikat, Die Abentheuer der Sylvester-Nacht, Pressendrucke bei The Bear Press, 2019Freudig empfing ihn, als er seine Vaterstadt und sein Haus erreicht, die liebe Frau mit dem kleinen Rasmus, und bald schien es ihm, als sey in ruhiger, friedlicher Häuslichkeit der Verlust des Spiegelbildes wol zu verschmerzen. Es begab sich eines Tages, daß Spikher, der die schöne Giulietta ganz aus Sinn und Gedanken verloren, mit dem kleinen Rasmus spielte; der hatte die Händchen voll Ofenruß und fuhr damit dem Papa ins Angesicht. „Ach, Vater, Vater, wie hab‘ ich Dich schwarz gemacht, schau mal her!“ So rief der Kleine und holte, ehe Spikher es hindern konnte, einen Spiegel herbei, den er, ebenfalls hineinschauend, dem Vater vorhielt. – Aber gleich ließ er den Spiegel weinend fallen und lief schnell zum Zimmer hinaus. Bald darauf trat die Frau herein, Staunen und Schreck in den Mienen. „Was hat mir der Rasmus von Dir erzählt,“ sprach sie. „Daß ich kein Spiegelbild hätte, nicht wahr, mein Liebchen?“ fiel Spikher mit erzwungenem Lächeln ein, und bemühte sich zu beweisen, daß es zwar unsinnig sey zu glauben, man könne überhaupt sein Spiegelbild verlieren, im Ganzen sey aber nicht viel daran verloren, da jedes Spiegelbild doch nur eine Illusion sey, Selbstbetrachtung zur Eitelkeit führe, und noch dazu ein solches Bild, das eigne Ich, spalte in Wahrheit und Traum. Indem er so sprach, hatte die Frau von einem verhängten Spiegel, der sich in dem Wohnzimmer befand, schnell das Tuch herabgezogen. Sie schaute hinein, und als träfe sie ein Blitzstrahl sank sie zu Boden. Spikher hob sie auf, aber kaum hatte die Frau das Bewußtseyn wieder, als sie ihn mit Abscheu von sich stieß. „Verlasse mich,“ schrie sie, „verlasse mich, fürchterlicher Mensch! Du bist es nicht, Du bist nicht mein Mann, nein – ein höllischer Geist bist Du, der mich um meine Seligkeit bringen, der mich verderben will. – Fort, verlasse mich, Du hast keine Macht über mich, Verdammter!“ Ihre Stimme gellte durch das Zimmer, durch den Saal, die Hausleute liefen entsetzt herbei, in voller Wuth und Verzweiflung stürzte Erasmus zum Hause hinaus. Wie von wilder Raserei getrieben rannte er durch die einsamen Gänge des Parks, der sich bei der Stadt befand. Giulietta’s Gestalt stieg vor ihm auf in Engelsschönheit, da rief er laut: „Rächst Du Dich so, Giulietta, dafür, daß ich Dich verließ und Dir statt meines Selbst nur mein Spiegelbild gab? Ha, Giulietta, ich will ja Dein seyn mit Leib und Seele, Sie hat mich verstoßen, Sie, der ich Dich opferte. Giulietta, Giulietta, ich will ja Dein seyn mit Leib und Leben und Seele.“ – „Das können Sie ganz füglich, mein Werthester,“ sprach Signor Dapertutto, der auf einmal in seinem scharlachrothen Rocke mit den blitzenden Stahlknöpfen dicht neben ihm stand. Es waren Trostesworte für den unglücklichen Erasmus, deshalb achtete er nicht Dapertutto’s hämisches, häßliches Gesicht, er blieb stehen und fragte mit recht kläglichem Ton: „Wie soll ich Sie denn wieder finden, Sie, die wol auf immer für mich verloren ist!“ – „Mit nichten,“ erwiederte Dapertutto, „Sie ist gar nicht weit von hier und sehnt sich erstaunlich nach Ihrem werthen Selbst, Verehrter, da doch, wie Sie einsehen, ein Spiegelbild nur eine schnöde Illusion ist. Uebrigens giebt sie Ihnen, sobald sie sich Ihrer werthen Person, nämlich mit Leib, Leben und Seele sicher weiß, Ihr angenehmes Spiegelbild glatt und unversehrt dankbarlichst zurück.“ „Führe mich zu ihr – zu ihr hin!“ rief Erasmus, „wo ist sie?“ „Noch einer Kleinigkeit bedarf es,“ fiel Dapertutto ein, „bevor Sie Giulietta sehen und sich ihr gegen Erstattung des Spiegelbildes ganz ergeben können. Dieselben vermögen nicht so ganz über Dero werthe Person zu disponiren, da Sie noch durch gewisse Bande gefesselt sind, die erst gelöset werden müssen. – Dero liebe Frau nebst dem hoffnungsvollen Söhnlein“ – „Was soll das?“ – fuhr Erasmus wild auf. „Eine unmaßgebliche Trennung dieser Bande,“ fuhr Dapertutto fort, „könnte auf ganz leicht menschliche Weise bewirkt werden. Sie wissen ja von Florenz aus, daß ich wundersame Medikamente geschickt zu bereiten weiß, da hab‘ ich denn hier so ein Hausmittelchen in der Hand. Nur ein paar Tropfen dürfen die genießen, welche Ihnen und der lieben Giulietta im Wege sind, und sie sinken ohne schmerzliche Gebehrde lautlos zusammen. Man nennt das zwar sterben, und der Tod soll bitter seyn; aber ist denn der Geschmack bittrer Mandeln nicht lieblich, und nur diese Bitterkeit hat der Tod, den dieses Fläschchen verschließt. Sogleich nach dem fröhlichen Hinsinken wird die werthe Familie einen angenehmen Geruch von bittern Mandeln verbreiten. – Nehmen Sie, Geehrtester.“ – Er reichte dem Erasmus eine kleine Phiole hin.[Fußnote] 1 „Entsetzlicher Mensch,“ schrie dieser, „vergiften soll ich Weib und Kind?“ „Wer spricht denn von Gift,“ fiel der Rothe ein, „nur ein wohlschmeckendes Hausmittel ist in der Phiole enthalten. Mir stünden andere Mittel, Ihnen Freiheit zu schaffen, zu Gebote, aber durch Sie selbst möcht‘ ich so ganz natürlich, so ganz menschlich wirken, das ist nun einmal meine Liebhaberei. Nehmen Sie getrost, mein Bester!“ – Erasmus hatte die Phiole in der Hand, er wußte selbst nicht wie. Gedankenlos rannte er nach Hause in sein Zimmer. Die ganze Nacht hatte die Frau unter tausend Aengsten und Qualen zugebracht, sie behauptete fortwährend, der Zurückgekommene sey nicht ihr Mann, sondern ein höllischer Geist, der ihres Mannes Gestalt angenommen. So wie Spikher ins Haus trat, floh Alles scheu zurück, nur der kleine Rasmus wagte es, ihm nahe zu treten und kindisch zu fragen, warum er denn sein Spiegelbild nicht mitgebracht habe, die Mutter würde sich darüber zu Tode grämen. Erasmus starrte den Kleinen wild an, er hatte noch Dapertutto’s Phiole in der Hand. Der Kleine trug seine Lieblingstaube auf dem Arm, und so kam es, daß diese mit dem Schnabel sich der Phiole näherte und an dem Pfropfe pickte; sogleich ließ sie den Kopf sinken, sie war todt. Entsetzt sprang Erasmus auf. „Verräther,“ schrie er, „Du sollst mich nicht verführen zur Höllenthat!“ – Er schleuderte die Phiole durch das offene Fenster, daß sie auf dem Steinpflaster des Hofes in tausend Stücke zersprang. Ein lieblicher Mandelgeruch stieg auf und verbreitete sich bis ins Zimmer. Der kleine Rasmus war erschrocken davon gelaufen. Spikher brachte den ganzen Tag von tausend Qualen gefoltert zu, bis die Mitternacht eingebrochen. Da wurde immer reger und reger in seinem Innern Giulietta’s Bild. Einst zersprang ihr in seiner Gegenwart eine Halsschnur, von jenen kleinen rothen Beeren aufgezogen, die die Frauen wie Perlen tragen. Die Beeren auflesend verbarg er schnell eine, weil sie an Giulietta’s Halse gelegen, und bewahrte sie treulich. Die zog er jetzt hervor, und sie anstarrend, richtete er Sinn und Gedanken auf die verlorne Geliebte. Da war es, als ginge aus der Perle der magische Duft hervor, der ihn sonst umfloß in Giulietta’s Nähe. „Ach, Giulietta, Dich nur noch ein einziges Mal sehen und dann untergehen in Verderben und Schmach.“ – Kaum hatte er diese Worte gesprochen, als es auf dem Gange vor der Thür leise zu rischeln und zu rascheln begann. Er vernahm Fußtritte – es klopfte an die Thür des Zimmers. Der Athem stockte dem Erasmus vor ahnender Angst und Hoffnung. Er öffnete. Giulietta trat herein, in hoher Schönheit und Anmuth. Wahnsinnig vor Liebe und Lust schloß er sie in seine Arme. „Nun bin ich da, mein Geliebter,“ sprach sie leise und sanft, „aber sieh, wie getreu ich Dein Spiegelbild bewahrt!“ Sie zog das Tuch vom Spiegel herab, Erasmus sah mit Entzücken sein Bild der Giulietta sich anschmiegend; unabhängig von ihm selbst warf es aber keine seiner Bewegungen zurück. Schauer durchbebten den Erasmus. „Giulietta,“ rief er, „soll ich denn rasend werden in der Liebe zu Dir? – Gieb mir das Spiegelbild, nimm mich selbst mit Leib, Leben und Seele.“ – „Es ist noch etwas zwischen uns, lieber Erasmus,“ sprach Giulietta, „Du weißt es – hat Dapertutto Dir nicht gesagt – Um Gott, Giulietta,“ fiel Erasmus ein, „kann ich nur auf diese Weise Dein werden, so will ich lieber sterben.“ – „Auch soll Dich,“ fuhr Giulietta fort, „Dapertutto keineswegs verleiten zu solcher That. Schlimm ist es freilich, daß ein Gelübde und ein Priestersegen nun einmal so viel vermag, aber lösen mußt Du das Band, was Dich bindet, denn sonst wirst Du niemals gänzlich mein, und dazu giebt es ein anderes besseres Mittel, als Dapertutto vorgeschlagen.“ – „Worin besteht das?“ fragte Erasmus heftig. Da schlang Giulietta den Arm um seinen Nacken, und den Kopf an seine Brust gelehnt lispelte sie leise: „Du schreibst auf ein kleines Blättchen Deinen Namen Erasmus Spikher unter die wenigen Worte: Ich gebe meinem guten Freunde Dapertutto Macht über meine Frau und über mein Kind, daß er mit ihnen schalte und walte nach Willkühr und löse das Band, das mich bindet, weil ich fortan mit meinem Leibe und mit meiner unsterblichen Seele angehören will der Giulietta, die ich mir zum Weibe erkohren, und der ich mich noch durch ein besonderes Gelübde auf immerdar verbinden werde.“ Es rieselte und zuckte dem Erasmus durch alle Nerven. Feuerküsse brannten auf seinen Lippen, er hatte das Blättchen, das ihm Giulietta gegeben, in der Hand. Riesengroß stand plötzlich Dapertutto hinter Giulietta und reichte ihm eine metallene Feder. In dem Augenblick sprang dem Erasmus ein Aederchen an der linken Hand und das Blut spritzte heraus. „Tunke ein, tunke ein – schreib‘, schreib‘,“ krächzte der Rothe. – „Schreib‘, schreib‘, mein ewig, einzig Geliebter,“ lispelte Giulietta. Schon hatte er die Feder mit Blut gefüllt, er setzte zum Schreiben an – da ging die Thür auf, eine weiße Gestalt trat herein, die gespenstisch starren Augen auf Erasmus gerichtet, rief sie schmerzvoll und dumpf: „Erasmus, Erasmus, was beginnst Du – um des Heilandes willen, laß ab von gräßlicher That!“ – Erasmus in der warnenden Gestalt sein Weib erkennend, warf Blatt und Feder weit von sich. – Funkelnde Blitze schossen aus Giulietta’s Augen, gräßlich verzerrt war das Gesicht, brennende Gluth ihr Körper. „Laß ab von mir, Höllengesindel, Du sollst keinen Theil haben an meiner Seele. In des Heilandes Namen, hebe Dich von mir hinweg, Schlange – die Hölle glüht aus Dir.“ – So schrie Erasmus und stieß mit kräftiger Faust Giulietta, die ihn noch immer umschlungen hielt, zurück. Da gellte und heulte es in schneidenden Mißtönen, und es rauschte wie mit schwarzen Rabenfittigen im Zimmer umher. – Giulietta – Dapertutto verschwanden im dicken stinkenden Dampf, der wie aus den Wänden quoll, die Lichter verlöschend. Endlich brachen die Strahlen des Morgenroths durch die Fenster. Erasmus begab sich gleich zu seiner Frau. Er fand sie ganz milde und sanftmüthig. Der kleine Rasmus saß schon ganz munter auf ihrem Bette; sie reichte dem erschöpften Mann die Hand, sprechend: „Ich weiß nun Alles, was Dir in Italien Schlimmes begegnet, und bedaure Dich von ganzem Herzen. Die Gewalt des Feindes ist sehr groß, und wie er denn nun allen möglichen Lastern ergeben ist, so stiehlt er auch sehr, und hat dem Gelüst nicht widerstehen können, Dir Dein schönes, vollkommen ähnliches Spiegelbild auf recht hämische Weise zu entwenden. – Sieh doch einmal in jenen Spiegel dort, lieber, guter Mann!“ – Spikher that es, am ganzen Leibe zitternd, mit recht kläglicher Miene. Blank und klar blieb der Spiegel, kein Erasmus Spikher schaute heraus. „Diesmal,“ fuhr die Frau fort: „ist es recht gut, daß der Spiegel Dein Bild nicht zurückwirft, denn Du siehst sehr albern aus, lieber Erasmus. Begreifen wirst Du aber übrigens wol selbst, daß Du ohne Spiegelbild ein Spott der Leute bist und kein ordentlicher, vollständiger Familienvater seyn kannst, der Respekt einflößt der Frau und den Kindern. Rasmuschen lacht Dich auch schon aus, und will Dir nächstens einen Schnauzbart mahlen mit Kohle, weil Du das nicht bemerken kannst. Wandre also nur noch ein bischen in der Welt herum und suche gelegentlich dem Teufel Dein Spiegelbild abzujagen. Hast Du’s wieder, so sollst Du mir recht herzlich willkommen seyn. Küsse mich, (Spikher that es) und nun – glückliche Reise! Schicke dem Rasmus dann und wann ein Paar neue Höschen, denn er rutscht sehr auf den Knieen und braucht dergleichen viel. Kommst Du aber nach Nürnberg, so füge einen bunten Husaren hinzu und einen Pfefferkuchen, als liebender Vater. Lebe recht wohl, lieber Erasmus!“ – Die Frau drehte sich auf die andere Seite und schlief ein. Spikher hob den kleinen Rasmus in die Höhe und drückte ihn an’s Herz; der schrie aber sehr, da setzte Spikher ihn wieder auf die Erde und ging in die weite Welt. Er traf einmal auf einen gewissen Peter Schlemihl, der hatte seinen Schlagschatten verkauft; Beide wollten Compagnie gehen, so daß Erasmus Spikher den nöthigen Schlagschatten werfen, Peter Schlemihl dagegen das gehörige Spiegelbild reflektiren sollte; es wurde aber nichts daraus.

Ende der Geschichte vom verlornen Spiegelbilde.

~~~\~~~~~~~/~~~

Postskript des reisenden Enthusiasten.

– Was schaut denn dort aus jenem Spiegel heraus? – Bin ich es auch wirklich? – O Julie – Giulietta – Himmelsbild – Höllengeist – Entzücken und Qual – Sehnsucht und Verzweiflung. – Du siehst, mein lieber Theodor Amadäus Hoffmann! daß nur zu oft eine fremde dunkle Macht sichtbarlich in mein Leben tritt, und den Schlaf um die besten Träume betrügend, mir gar seltsame Gestalten in den Weg schiebt. Ganz erfüllt von den Erscheinungen der Sylvesternacht, glaube ich beinahe, daß jener Justizrath wirklich von Dragant, sein Thee eine Weihnachts- oder Neujahrsausstellung, die holde Julie aber jenes verführerische Frauenbild von Rembrandt oder Callot war, das den unglücklichen Erasmus Spikher um sein schönes ähnliches Spiegelbild betrog. Vergieb mir das!

Klaus Ensikat, Die Abentheuer der Sylvester-Nacht, Pressendrucke bei The Bear Press, 2019

[Fußnote] 1 Dapertutto’s Phiole enthielt gewiß rektifizirtes Kirschlorbeerwasser, sogenannte Blausäure. Der Genuß einer sehr geringen Quantität dieses Wassers (weniger als eine Unze) bringt die beschriebenen Wirkungen hervor. Horns Archiv für mediz. Erfahr. 1813. Mai bis Dez. Seite 510.

Bilder: Klaus Ensikat: E.T.A. Hoffmann. Die Abentheuer der Sylvester-Nacht.
Imprint Antiqua, 68 S., 19 x 28 cm, Pressendrucke in The Bear Press, Bayreuth 2019.

Soundtrack: Bryn Terfel für ORF 2 aus der Staatsoper Wien, 1995:
Jacques Offenbach: Spiegelarie „Scintille diamant“, aus: Les contes d’Hoffmann, 1881:

Bonus Track: A Gschicht zum verzähln: Anti Cornettos: Korsakov Syndrom, aus: Dohuggandedeoiweidohuggan, 2014:

Written by Wolf

3. Januar 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Romantik

Du warst den Meeren mitternachts entstiegen

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Update zu Schön spricht der Physiologus: Von den Sirenen und Eselskentauren,
Nackt fällt sie ihm an seinen Mund
und Laß mich die Aschengruttel sein in deinem Märchen:

Gertrud Kolamr 1928, via Olivier Ypsilantis, via Zakhor Online, 25. April 2011Unklar bleibt, wieso Gertrud Käthe „Gertrud Kolmar“ Chodziesner eine Übersetzung aus dem Englischen so weitgehend hätte vortäuschen sollen, dass sie sogar die Dichterin des Originals gleich mit dazuerfinden musste: Aus politischen Gründen konnte es nicht einmal für die Jüdin, die Anfang März 1943 doch noch in Auschwitz blieb, gewesen sein, weil sie vorher und nachher sehr wohl ihre politisch denkbar unverfänglichen Gedichtbände unter ihrem seit 1917 etablierten Pseudonym veröffentlichte.

SIEBEN GEDICHTE aus „German Sea“ von Helen Lodgers. Nach dem Englischen entstand vermutlich 1934 in Form eines Reisetagebuchs über Hamburg, Lübeck und Travemünde, als Gestaltung einer Liebesbeziehung zum ansonsten weithin vergessenen Dichter Karl Joseph Keller. Dieter Kühn hat 2008 die Frage nach dem auf den ersten Blick unnötigen Pseudonym nicht endgültig, aber glaubwürdig aufgelöst: Sie musste sich vor ihrem Vater tarnen, der eine Liebschaft missbilligt hätte. Mit einem acht Jahre jüngeren Nichtjuden. Weil sie sich damit von ihrem Vater weg zu einem anderen Mann entfernt hätte. Mit gestandenen 40 Jahren.

Sie sieht sogar aus wie Kafka.

——— Gertrud Kolmar:

Meerwunder

:

Als ich das Kind mit grünen Augensternen,
Dein zartes, wunderbares Kind empfing,
Erbrausten salz’ge Wasser in Zisternen,
Elmsfeuer funkelten aus Hoflaternen,
Und Nacht trug den Korallenring.

Und deiner Brust entwehte Algenmähne
So grün, so grün mit stummer Melodie.
Sehr sachte Fluten plätscherten um Kähne,
Im schwarzen Traumschilf sangen große Schwäne,
Und nur wir beide hörten sie.

Albrecht Dürer, Das Meerwunder, um 1498, via Albrecht Dürer ApokalypseDu warst den Meeren mitternachts entstiegen
Mit eisig blankem, triefend kühlem Leib.
Und Wellenwiegen sprach zu Wellenwiegen
Von unserm sanften Beieinanderliegen,
Von deinen Armen um ein Weib.

Seejungfern hoben ungeschaute Tänze,
Und wilde Harfen tönten dunkel her,
Und Mond vergoß sein silbernes Geglänze
Um den Perlmutterglast der Schuppenschwänze;
Mein Linnen duftete vom Meer.

Und wieder wachten Hirten bei den Schafen
Wie einst … und glomm ein niebenannter Stern.
Und Schiffe, die an fremder Küste schlafen,
Erbebten leis und träumten von dem Hafen
Der Heimat, die nun klein und fern.

Tierblumen waren fächelnd aufgebrochen,
In meinen Schoß verstreut von deiner Hand;
Um meine Füße zuckte Adlerrochen,
Und Kinkhorn und Olivenschnecke krochen
Auf meiner Hüfte weißen Sand.

Und deine blaß beryllnen Augen scheuchten
Gekrönte Nattern heim in Felsenschacht,
Doch Lachse sprangen schimmernder im Feuchten
An Wogenkämmen sprühte blaues Leuchten
Wie aus dem Rabenhaar der Nacht.

O du! … Nur du! … Ich spülte deine Glieder
Und warb und klang und schäumte über dir.
Und alle Winde küßten meine Lider,
Und alle Wälder stürzten in mich nieder,
Und alle Ströme mündeten in mir.

Bilder: Gertrud Kolmar 1928, via Olivier Ypsilantis für Zakhor Online, 25. April 2011.
Das Meerwunder heißt auch ein Kupferstich von Albrecht Dürer von 24,6 cm × 14,7 cm um 1498 — eine erfreulich detailreiche Arbeit, heute mit originalen Abdrucken im Kupferstichkabinett der Karlsruher Staatlichen Kunsthalle und im New Yorker Metropolitan Museum of Art, deren größte Wiedergaben man sich ruhig mal ein Weilchen bei Karl & Faber oder bei Zeno angucken kann; beide werden größer hinter der, so man hat, rechten Maustaste. Da sitzt man länger dran als an Kolmars Gedicht.

Soundtrack: Cat Power: Sea of Love, aus: The Covers Record, 2000,
Original: John Phillip „Phil Phillips“ Baptiste, aus: Sea of Love, 1959:

#gothiclyrik

Written by Wolf

30. Oktober 2019 at 03:00

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Novecento

Gib ihr das grüne Schlauchkleid retour

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Update zu Anaximander’s Revenge:

Für mich isch des alles gar nemmer wichdig. Wenn’s dich amol hundert Meter so des Geröllfeld am Watzmann obebröselt hat, no weisch, dass es gewaldigere Dinge im Läbe gibt als wie die Erodik.

Uli Keuler.

Mir war nicht klar, dass ich selber Gedichte mit siebenzeiligen Strophen kann. Es gibt keine Beweise dafür, dass ich das jemals geschrieben hab.

Das grüne Schlauchkleid

Will Hollis Snider, Emily Mae, 11. Januar 2014Sie war dir zu groß. Lass sie los. Lass sie nur.
Sie war 3 D und nicht sie, sondern du warst zu flach.
Sie war dünn wie ein Stück Wäscheschnur
und passte nicht unter dein Schädeldach.
Gib ihr das grüne Schlauchkleid retour:
Die Zeit vergeht rund um die Uhr
und du hängst einem Mädchen nach.

Sie war zu groß, sie war zu lang — kein Aufhebens:
Du kennst vier Dimensionen. Mach
dir jetzt neue des irdischen Strebens.
Als der Leuchtturm von Pharos niederbrach,
war er dir gleich wie die Tore Thebens.
Im Meer schwimmen neunzig Prozent allen Lebens
und du hängst einem Mädchen nach.

Sie war dir zu groß. Sie hatte nie Angst, sie verlör dich.
Sie war zu lang, und zu kurz reichte das, was sie sprach.
Du klingst nicht aus ihr: Was du sagst, stört nicht.
Du küsst ihr Epigramme in den Schlund, pfeifst beim Bumsen Bach
und vertonst Gorgias und Hawking, drum hör mich:
Die Vergangenheit ist birnenförmig
und du hängst einem Mädchen nach.

Will Hollis Snider, Emily Mae, 11. Januar 2014

Bilder: Will Hollis Snider: Emily Mae 1 und 2, 11. Januar 2014.

Soundtrack: Chumbawamba: This Girl, aus: Swingin‘ with Raymond, 1995
(„This girl, she got caught out on the multi-storey car park
Throwing goodbye notes wrapped up in bricks“):

Bonus Track: Chumbawamba: Georgina, aus: Anarchy, 1994. Ohrwurmalarm — und was man da den ganzen Tag drauf singen kann, finden Sie schnell selber raus:

Written by Wolf

12. Juli 2019 at 00:01

Liliensamm(e)t

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Update zu Deine so oft entweihte Frühlingsfeier:

Das mussten wir in der neuten Klasse lesen, als kopiertes Handout, auf das nicht mehr als dieser eine Absatz passte. Später und auf eigene Fachbuchrechnung konnte man in der einzigen halbwegs ernstzunehmenden Gesamtausgabe von Wilhelm Hauff, in denen noch etwas anderes als die angeblich „Sämtlichen“ Märchen steht, in den satirischen Schriften ausführlich lernen, was Heinrich Clauren für ein Schädling am deutschen Literaturschaffen ist.

Der Name Heinrich Claurens hat sich in unseren neuntklassigen Hirnen nicht weiter festgesetzt, vielmehr gehörte eins davon dem Volker. Der Volker hieß Sammet, saß zeitweise neben mir und malte mir immer blitzschnell enorme Pimmel über die ganze Buchseite in die Schulbücher uns auf die Handouts, bestimmt auch auf das vom Clauren. Nachweisen lässt sich das nicht, weil meine Schulunterlagen nach dem Abitur einem durch Weißenoher Klosterbräu befeuerten Autodafé zum Opfer gefallen sind, aber es besteht kein Grund, warum der Volker ausgerechnet den Clauren ausgelassen haben sollte.

Im Gegenteil hatte der Volker gerade in Claurens Fall besonderen Grund, mit seinen einfachen Mitteln Missbilligung auszudrücken. Sein Nachname Sammet erschien nämlich in verballhornender Form in dem Trivialtext aus dem 19. Jahrhundert — so das Thema der Deutschstunde. Alkoholischer Konsum und unter den ganz Verwegenen — darunter dem Volker — kamen bei den Fünfzehnjähirgen gerade in Mode, da ließ der uns unbekannte Clauren nach „Champagner und die Freude“ auch noch den „Liliensammet“ krachen. In einem literarischen Salon von 1819 wäre er auf so einen Lachschlager entweder stolz gewesen oder hätte sich richtiger Literatur zugewandt, und der Volker hieß paar Wochen lang der Liliensammet.

Alles was recht ist: Der Ausschnitt aus Unterirdische Liebe von Heinrich Clauren war von einem nicht mehr ermittelbaren Beauftragten des bayerischen Kultusministeriums geschickt gewählt, um Trivialtexte aus dem 19. Jahrhundert zu repräsentieren. Auf die Adjektivdichte hätte sich Goethe beim Verfertigen des Werther was einbilden können, und dieser Ehrgeiz besteht unter den Schreibern zum Abverkauf gedachter Literatur fort und fort.

Woher ich das weiß? Ach Gott, ich gehe halt einkaufen und lese Romanheftchen. Kurz vor der Kasse im Supermarkt auch Ihres Vertrauens stehen die in reicher Auswahl, und da soll sich niemand rausreden, dass er nie zum Lesen kommt. — Der Volker Liliensammet muss das nicht, der soll nach dem Abi Pilot gelernt haben.

Carl Friedrich Wilhelm Trautschold, Die Kunstlektion, Aquarell mit Weiß, 1870

——— Heinrich Clauren:

Unterirdische Liebe

in: W. G. Beckers Taschenbuch zum geselligen Vergnügen,
hg. W. G. Becker und Johann Friedrich Kind, Verlag Roch, Leipzig 1819,
Seite 165 bis 292, hier Seite 204 bis 207:

Adolphine streckte ihre zarten Glieder auf das weiche Moos; das heilige Rauschen in den Wipfeln der uralten Bäume, das Plätschern des zum Vater Rhein hinabeilenden Baches, lullten die Schlummermüde ein. Der Champagner und die Freude hatten den Liliensammt ihrer Wange geröthet; das Köpfchen lag in der rechten Schwanenhand; die linke ruhte auf dem schwellenden Moose. Freundlich lächelten die Purpurlippen, als schwebe ihr der Scherz des Tages vor der Freudetrunkenen Seele, der kleine Mund war halb geöffnet, wie eine eben sich entfaltende Rosenknospe; der Lilien=Busen wogte ruhig, und das niedlichste aller Füßchen im ganzen Rheingau war nur bis zur Zwickelspitze des blüthenweißen Strümpfchens sichtbar. Leise Lüfte vom fluthenden Rhein herauf, küßten ihr kühlend die brennende Stirn und das geschlossene Auge, und spielten heimlich mit dem lockigen Haar und den flatternden Bändern, und der lose Gott der Träume, der ihr auf des Champagners leichtem Schaume ein ganzes, mit mancherlei Gaukelwerk der Phantasie befrachtetes, bunt geflaggtes Schiffchen in des Herzens stillen Hafen gesandt, umfing sie jetzt mit seinen Blumenarmen.

Wohl mochte sie Dreiviertelstunden geschlafen haben, da rauschte es stärker im Gebüsch; sie ward nur halbwach, und gewahrte einen der kleinen hier heimischen Zwerghirsche, der sich durch das Gesträuch Bahn machte, und ihrem Lager sich näherte. Das niedliche Thier stutzte, als es Adolphinen in das Auge faßte; als sie aber mit leisen Schmeichelworten es kirrte, ganz still liegen blieb, und ihm kosend die Flaumenhand entgegen streckte, kam es, zahm und des Fütterns gewohnt, vertraulich heran, und leckte an den rosenen Fingern.

Ein zufälliges Geräusch in der Nähe verscheuchte den kleinen hübschen Hirsch; mit einem behenden Satz flog er seitwärts in das Gebüsch, und Adolphine entschlummerte bald wieder, doch währte es nicht lange, als sie wieder etwas rascheln hörte; Sie schlug die Augen, noch voll tiefen Schlafs, halb auf, und blinzelte durch die langen Wimpern, und wähnte, das dreuste Thierchen zurückkommen zu sehen; aber statt dessen lag der vermeintliche junge Graf Waldohna zu ihren Füßen, die Hände, in süßem Entzücken der Uiberraschung, vor der kühnen Brust gefaltet und im stummen Anschauen selig verloren.

War es des Champagner=Schaumes sanft brausender Rausch, oder die Feengewalt des seligen Augenblicks, oder die Macht des Schrecks, oder das Zauberspiel irgend eines wohlthätigen Liebesgottes, oder ein wundersamer Zug von natürlicher Frauen=List, — Adolphine gewann augenblicklich so viel Besinnung, sich den elektrischen Schlag, der sie mit dieser unvermutheten Erscheinung duchbebte, nicht im mindesten merken zu lassen; sie that, als ob sie fortschliefe, und lugte durch die Wimpern. Immer wacher und wacher wurden ihre Sinne; des brüselnden Schaumes bedrückende Nebel verflogen, sie sah und hörte alles deutlich, sie war sich ihrer selbst vollkommen bewußt, aber keiner ihrer Züge verrieth, was sich in ihrem Innern entfaltete; der Fremde glaubte, sie schliefe ruhig und fest.

Es war derselbe schöne junge Mann, den sie als Kind schon lieb gewonnen hatte, derselbe, der vor der Nonne und dem Klostergeschmeide kniete; derselbe, dessen Bild, ohne daß sie es damals ahnete, als das Ideal ihrer Liebe in ihrem jungfräulichen Herzen seit Jahren gewohnt; derselbe, den sie im Herrengarten gesehen hatte. Jetzt war es keine Täuschung mehr, sie sah ihn ja vor sich; sie sah ihm ja in das schmachtende Auge, in das männliche Gesicht voller Ernst und Milde; das waren jene schwärmerischen Züge, die sie so oft so wunderbar ergriffen hatten. Dieß der selbst im Schweigen beredete Mund; dieß die breite hochgewölbte Brust; dieß der nervige feste Arm; dieß die kräftige Gestalt, dieß die sanfte Anmuth im ganzen Wesen. —

„Du holdseliges, angebetetes Mädchen,“ rief er mit gedämpfter Stimme, und verschlang die Liebesfülle ihrer zauberischen Reize mit seinen glühenden Blicken; im Drange der ihn bestürmenden Gefühle bog er sich näher, und berührte mit dem Saume seiner Lippen, die wie frisch aufgeplatzte Granatblüthen zitternd bebten, leise die äußersten Kuppchen der rosigen Finger.

Adolphine schlief.

Kühner drückte er in die kleine Schneetiefe der weichen Flaumenhand, heimlich und verstohlen, einen sanften Kuß.

Adolphine schlief.

Und wenn alle Vierundzwanzigpfünder auf den Wällen der Feste Mainz, dicht neben ihrem Ohr, in einem Nu losgebrannt wären, sie hätte fortgeschlafen. So wohl, so unaussprechlich wohl that der still Verzückten die zarte Huldigung des, aus frühern Kindesträumen her, längst vertrauten heiß Geliebten.

Und so geht das weiter. Zugegeben ist diese ausgewalzte Unhandlung nicht ganz reizlos, dennoch darf man nach 1819 spoilern, dass Adolphine beim Ausschlafen ihren champagnerbedingten Damenspitzes vorerst ihre Unschuld behält.

Flaumenhand. Brüselnder Schaum. Das niedlichste aller Füßchen im ganzen Rheingau. Und — Uiberraschung: Liliensammet.

The Reconstruction of MyFlyAway, Fly Fly Fly, 15. November 2009

Bilder: Carl Friedrich Wilhelm Trautschold: Die Kunstlektion, Aquarell mit Weiß, 1870;
The Reconstruction of MyFlyAway, Fly Fly Fly, 15. November 2009.

Soundtrack: Friedel Hensch und die Cyprys: Die Försterlieserl, Walzerlied mit Instrumental-Begleitung, 1952:

Written by Wolf

5. Juli 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Biedermeier, Ehestand & Buhlschaft

Nachtstück 0021: Нет хуже ада

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Update zu Lästu dich zum Freien bitten?:

——— Richard Brautigan:

Phantom Kiss

mid-1950s, from:
I Watched the World Glide Effortlessly Bye
and Other Pieces
,
Burton Weiss &
James Musser, 1996,
in: The Edna Webster Collection of Undiscovered Writings, 1999:

There
is no worse
hell
than
to remember
vividly
a kiss
that
never occurred.

     

——— Richard Brautigan:

Phantomkuß

deutsche Übersetzung:
Günter Ohnemus,
in: Das Geschenk
für Edna Webster —
Stories und Gedichte,
Kartaus Verlag,
Regensburg 2005:

Es gibt
keine schlimmere
Hölle
als die
heftige
Erinnerung
an einen Kuß,
den man
nie bekommen hat.

     

 

Missed Crimes. Pulp Rehash. Resurrection by Lev Tolstoy, L'ombelico di Svesda, 31. März 2012

eronsk.xxx

Images: Illustration zum 1. Kapitel aus Leo N. Tolstoi: Auferstehung:
Missed Crimes. Pulp Rehash. Resurrection by Lev Tolstoy,
L’ombelico di Svesda, 31. März 2012;
eronsk.xxx, 30. November 2014.

Soundtrack: Patricia Kopatchinskaja & Fazıl Say: Beethoven: Kreutzersonate, Opus 47, 1802:

Written by Wolf

1. Juli 2019 at 00:01

Sonntag 3 von 7: Wir wollen ihm klingen ein böses Lied; die Ohren sollen ihm gellen

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Update zu Den Bach runter
und Du bist’s (Er ist’s):

Um unsere eigene Leitkultur auszukosten, feiern wir einmal alle sieben Sonntage der Osterzeit durch. Am sinnvollsten geschieht das anhand siebenzeiliger Strophen.

3. Sonntag nach Ostern: Jubilate

Iubilate Deo, omnis terra.

Ein Psalmlied / vor zu singen.
JAuchzet Gott alle Lande /

Psalm 66,1.

Ein so gar nicht biedermeierliches und erst recht nicht jubilierendes Gedicht von Hochwürden Eduard Mörike klingt, seiner Struppigkeit und seinem Mut zum Spiel mit der Volksliedform nach — 1 + 6 Verse! trotzige Lebens- und Mordlust in einem Hochzeitslied! — zu schließen, nach dem Jugendwerk eines frühen Dorfpunkers, entstand dem 58-jährigen Dorfpfarrer aber für eine obskur gewordene Zeitschrift zu einem obskur bleibenden Holzschnitt.

——— Eduard Mörike:

Die Tochter der Heide

Erstdruck zu einem Holzschnitt in: Freya. Illustrirte Blätter für die gebildete Welt. Zweiter Jahrgang.
Mit 125 Holzschnitten und 18 Kunstblättern in Stahlstich und Farbendruck,
Krais und Hoffmann, Stuttgart 1862,
gesammelt in: Gedichte, 1867:

Zinaida Serebriakowa, Selbstporträt am Toilettentisch, 1909     Wasch dich, mein Schwesterchen, wasch dich!
Zu Robins Hochzeit gehn wir heut:
Er hat die stolze Ruth gefreit.
     Wir kommen ungebeten;
Wir schmausen nicht, wir tanzen nicht
Und nicht mit lachendem Gesicht
     Komm ich vor ihn zu treten.

     Strähl dich, mein Schwesterchen, strähl dich!
Wir wollen ihm singen ein Rätsel-Lied,
Wir wollen ihm klingen ein böses Lied;
     Die Ohren sollen ihm gellen.
Ich will ihr schenken einen Kranz
Von Nesseln und von Dornen ganz:
     Damit fährt sie zur Hölle!

     Schick dich, mein Schwesterchen, schmück dich!
Derweil sie alle sind am Schmaus,
Soll rot in Flammen stehn das Haus,
     Die Gäste schreien und rennen.
Zwei sollen sitzen unverwandt,
Zwei hat ein Sprüchlein festgebannt;
     Zu Kohle müssen sie brennen.

     Lustig, mein Schwesterchen, lustig!
Das war ein alter Ammensang.
Den falschen Rob vergaß ich lang.
     Er soll mich sehen lachen!
Hab ich doch einen andern Schatz,
Der mit mir tanzet auf dem Platz –
     Sie werden Augen machen!

Sich strählende russische Schwester aus der empfohlenen Fachliteratur:
Sinaida Jewgenjewna Serebrjakowa: Selbstporträt am Toilettentisch, 1909,
Öl auf Leinwand, 75 cm auf 65 cm, Staatliche Tretjakow-Galerie Moskau,
via Karin Sagner: Schöne Frauen: Von Haut und Haaren, Samt und Seife – die gepflegte Frau in der Kunst,
Elisabeth Sandmann Verlag, München 2011.

Soundtracks: die Bach-Kantaten zu Jubilate:
Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen, BWV 12, 1714;
Ihr werdet weinen und heulen, BWV 103, 1725;
Wir müssen durch viel Trübsal, BWV 146, ca. 1726:


Written by Wolf

10. Mai 2019 at 00:01

Lästu dich zum Freien bitten?

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Update zu Fünfhundert Jahre Mädchengestaltung,
Wir rechnen jahr auff jahre / in dessen wirdt die bahre vns für die thüre bracht,
die Bilder zum Nachtstück 0016: Du nicht:

Astonish the World, 7. November 2018

Ganz von vorn: In Neunburg vorm Wald war ich im Saufalter öfters, weil sie in der Oberpfalz gern ein Bier brauen, dass ganz München sich ins Eck hocken und schämen darf. Aber da kennen sie ihn auch nicht, ihren Greflinger-Schorsch, der um 1620 da geboren sein soll und seitdem ganz arg lückenhaft erforscht. Die Wikipedia will bloß wissen, dass er erst am Regensburger Gymnasium Poeticum war und dann „nach langer Wanderschaft“ über Wien, Danzig und Frankfurt am Main in Hamburg herausgekommen ist, und was bitte soll das für das eine Wanderstrecke sein.

Oh Well, 7. Juni 2014Interessant wird alles erst in Hamburg: Da hat er 1664 den Nordischen Mercurius eröffnet und bis zuletzt herausgegeben, nicht ohne die Leitung innerhalb der Familie weiterzureichen — die erste modern geführte Zeitung, nicht allein in Deutschland, nicht allein von einem Oberpfälzer Moosbüffel vollgeschrieben, sondern überhaupt, weltweit. Modern meint: die Aufteilung in Ressorts zu Information und Unterhaltung — mithin schon das prodesse et delectare des 18. Jahrhunderts — mit feuilletonistischen und literarischen Elementen, Einführung einer Vorstufe des Leitartikels sowie die regelmäßige, wenngleich unregelmäßig geänderte Erscheinungsweise.

Das Gute und das Schlechte daran sind für unseren Fall die angeführten literarischen Elemente. Allein durch ihr Bestehen erschweren die nämlich die Einordnung eines petrarkischen Doppelgedichts, von dem allein belegt ist, dass es von Georg Greflinger selbst und nicht von einem seiner in ganz Europa auswärtigen Korrespondenten für den Nordischen Mercurius stammt — nicht aber, ob aus seiner Zeit der Wanderschaft oder schon fürs Feuilleton oder irgendwann dazwischen. Eine Textsuche im Digitalisat bei der Staats- und Universitätsbibliothek Bremen liefert jedenfalls genau 0 Ergebnisse.

Coisas de Terê, 10. Januar 2016Die Stelle, an der Greflingers Gedicht seinem verdoppelnden Gegensatz gegenübergestellt wird, ist eine schon wieder einnehmend antiquiert anmutenden Doppel-Homepage — schon „Website“ wäre übertrieben — der Literaten und Kulturwissenschaftler Siegfried Carl und Dr. Rüdiger Krüger; literaturwissenschaftlich dem Petrarkismus, genauer: dem Antipetrarkismus zugeordnet wird es im Lyrikwiki:

Das Gedicht nutzt die gängigen formellen Mittel des Petrarkismus, die Dame wird mit zahlreichen Vergleichen und Metaphern dargestellt, die Darstellung des Körpers erfolgt von oben nach unten, geht dabei auf einzelne Gesichtszüge aber auch Wesenszüge ein. Indes werden diese in diesem Gedicht ins Negative verkehrt, sowohl das Äußere („Aller Ungestalt ein Spiegel“, V. 15) als auch das Innere („Unhuld aller lieben Tugend“, V. 18). Greflinger schafft hier einen deutlichen Gegensatz zu seinem petrarkistischen Gedicht „An eine vortreffliche, schöne und tugendbegabte Jungfrau“. Er ahmt dieses nach, parodiert es jedoch. Diese Technik ist symptomatisch für zahlreiche Antipetrarkismen während der Geschichte des Petrarkismus. Die strikte Verwendung von aemulatio und imitatio [und superatio] wurde damit aufgebrochen oder auch verspottet. Der Antipetrarkismus geht bezeichnenderweise schon ab der ersten Hälfte des 16.Jahrhunderts Hand in Hand mit dem Petrarkismus.

Außerdem: musste natürlich wenigstens in der Antithese das allfällige Memento mori her, wie immer und überall bei allem Barocken. Viel mehr ist da nicht. Eigentlich schade, wenn man beide Fundstellen mal dem Direktvergleich aussetzt. Die petrarkische These halte ich aus einem weniger literaturwissenschaftlichen, viel eher regionalen Verständnis heraus für den hanseatischen, die antipetrarkische Antithese für Greflingers angeborenen Oberpfälzer Anteil:

Chania, Carpe Diem With Alexander the Great

——— Georg Greflinger:

An eine vortreffliche, schöne
und tugendbegabte Jungfrau

1 Gelbe Haare güldne Stricke,
Taubenaugen, Sonnenblicke,
Schönes Mündlein von Korallen,
Zähnlein, die wie Perlen fallen.

2 Lieblichs Zünglein, in dem Sprachen
Süßes Zörnen, süßes Lachen,
Schnee- und lilienweiße Wangen,
Die voll lauter Rosen hangen.

3 Weißes Hälslein, gleich den Schwanen,
Ärmlein, die mich recht gemahnen,
Wie ein Schnee, der frisch gefallen,
Brüstlein wie zween Zuckerballen.

4 Lebensvoller Alabaster,
Große Feindin aller Laster,
Frommer Herzen schöner Spiegel,
Aller Freiheit güldner Zügel.

5 Ausbund aller schönen Jugend,
Aufenthaltung aller Tugend,
Hofstatt aller edlen Sitten,
Ihr habt mir mein Herz bestritten.

Gegensatz: An eine
sehr häßliche Jungfrau

1 Graues Haar voll Läus und Nisse,
Augen von Scharlack, voll Flüsse,
Blaues Maul voll kleiner Knochen,
Halb verrost und halb zerbrochen.

2 Blatterzunge, krank zu sprachen,
Affischs Zörnen, Narrenlachen,
Runzelvolle magre Wangen,
Die wie gelbe Blätter hangen.

3 Halshaut gleich den Morianen,
Arme, die mich recht gemahnen,
Wie ein Kind ins Kot gefallen,
Brüste wie zween Druckerballen.

4 Du bist so ein Alabaster,
Als ein wolberegntes Pflaster,
Aller Ungestalt ein Spiegel,
Aller Schönen Steigebügel.

5 Schimpf der Jungfern und der Jugend,
Unhuld aller lieben Tugend,
Einöd aller plumpen Sitten,
Lästu dich zum Freien bitten?

Lost Girl, 30. Juli 2018

Bilder:

  1. Astonish the World, 7. November 2018;
  2. Oh Well, 7. Juni 2014;
  3. Coisas de Terê, 10. Januar 2016;
  4. Chania: Carpe Diem With Alexander the Great;
  5. Lost Girl, 30. Juli 2018.

Du bist schön und du bist frei und du hast unbegrenzte Liebe:
Maike Rosa Vogel: Ich sing für dich, aus: Trotzdem gut, 2015:

BonusBild („Du hältst uns jetzt in deinen Armen und vielleicht bist du gleich schon fort“),
weil’s das schönste zum Thema war: Paloma Lanna Wool, via Surmise-en-scene, 13. November 2014:

Written by Wolf

29. März 2019 at 00:01

Veröffentlicht in Barock, Ehestand & Buhlschaft

Rotstrumpf

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Update zum Weihnachtlied Faust 13 und
Hair as red as stockings blue:

Für V.

Marcin, JN, 23. September 2018

——— Friedrich Nicolai via Justus Möser:

Farbensport, myspace, ca. 2008

Eyn Lyd der Meydlein ym Osnabruckischen

Im Ton: Tzum Sterben bin ich usw.

aus: Eyn feyner kleyner Almanach, 1778:

Wack’r Meken ben yck
Roade Strumpe dreg yck
Kan strycken, kan näyhen
Kan’n Haspel goet dreyhen
Kan nock wol wat meer —

Das ist:

——— Clemens Brentano & Achim von Arnim:

Hast du auch was gelernt?

Des Knaben Wunderhorn, Anhang Kinderlieder,
Nr. KL 79 a, 1808:

Wacker Mägdlein bin ich ja,
Rothe Strümpflein hab ich an,
Kann stricken, kann nehen,
Kann Haspel gut drehen,
Kann noch wohl was mehr!

Jenni, Opposites attrct, 19. November 2008

Wacker Mädchen: Marcin, Warschau: JN, 23. September 2018;
Farbensport, Myspace, ca. 2008;
Jenni Holma, Helsinki: Opposites Attract, 19. November 2008.

Soundtrack: Deke Dickerson and the EccoFonics: Redheaded Woman,
WRFG FM 89.3 studios in Atlanta, Georgia, Sagebrush Boogie show, 10. Februar 2000:

Written by Wolf

31. Oktober 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Sturm & Drang

The admirable symmetry of her person

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Update for Zwischennetzsurferey:

Perhaps, after all, it is possible to read too many novels.

Jane Austen, op. cit., 1817.

Felicity Jones as Catherine Morland in Northanger Abbey, 2007

In Northanger-Abbey-the-book, the heroine „in training“ Catherine Morland is not in terms driven by Jane Austen’s society novels, but by Ann Radcliffe’s Gothic novels, explicitly by The Mysteries of Udolpho, 1794.

In Northanger-Abbey-the-film, Catherine Morland’s most circumstantial quotation is neither from Austen nor Radcliffe, but Matthew Gregory Lewis, explicitly from The Monk, 1796:

——— Matthew Gregory Lewis:

The Monk: A Romance

J. Saunders, Masterford 1796,
in: Jon Jones: Northanger Abbey, 2007,
as read by Felicity Jones as Catherine Morland:

Felicity Jones as Catherine Morland in Northanger Abbey, 2007The Friar pronounced the magic words and a thick smoke arose over the magic mirror. At length, he beheld Antonia’s lovely form. She was undressing to bathe herself and the amorous monk had full opportunity to observe the voluptuous contours and admirable symmetry of her person as she drew off her last garment.

At this moment, a tame linnet flew towards her, nestled its head between her breasts and nibbled them in wanton play. Ambrosio could bear no more. The blood boiled in his veins and a raging fire rushed through his limbs.

„l must possess her,“ he cried. „No, no, Ambrosio. I shall no longer be able to combat my passions. I am convinced with every moment, that I have but one alternative… I must enjoy you, or die!“

Today, we might regret Ms. Austen’s decision not to refer to herself in extent, since Northanger Abbey – her fifth, however first completed novel, and first one to be published posthumously, which is 19 years after its first draft –, offered plenty of space for self parody. We might even more regret Jon Jones‘ decision, due to dramatic brevity and tension, to feature only some neatly trimmed peak selections from Lewis‘ Chapters 2 and 7. Most of all, we might regret everybody’s decision not to feature Felicity Jones in a film adaptation of The Monk.

Film and images: Jon Jones: Northanger Abbey, ITV Studios London, WGBH-TV Boston, 2007.

Felicity Jones as Catherine Morland in Northanger Abbey, 2007

Written by Wolf

21. September 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Romantik

Nachtstück 0016: Du nicht

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Update zu Des eigenen Herzens süße Melodie und
Jean Paul, sein erster Kuss, meine Bedienung und ich:

Paloma Lanna Wool via Surmise-en-scene, 13. November 2014——— Peter Rosegger:

Heb Dich weg und küss mich nicht!

in: Mein Lied (Vollständige Sammlung).
Über 180 Titel in einem Buch:
Heimat + Liebe + Welt + Hölle + Himmel,
Musaicum Books — Innovative digitale Lösungen
& Optimale Formatierung —
2017 OK Publishing:

Heb‘ Dich weg und küss‘ mich nicht!
Du nicht, ich bitte Dich,
Ein Kuß von Dir — o, küss‘ mich nicht!
Ein Kuß, er wär‘ mein Tod.
Kleine Schelmin, lächle nicht!
Du nicht; — blick‘ mich nicht an!
Das traute Du, o nenn‘ es nicht!
Sprich nichts, kein Wort zu mir!
O laß mich gehn, berühr‘ mich nicht!
Ich weiß, mein Kind, Du liebst mich nicht.
Und ist nicht auch die Seele mein,
Den Leib allein, den mag ich nicht.

Sprich nichts, kein Wort zu mir:
Paloma Lanna Wool via Surmise-en-scene,
13. November 2014.

Den Leib allein, den mag ich nicht:
Hundreds: Spotless, aus: Wilderness, 2016:

Written by Wolf

7. September 2018 at 00:01

Nachtstück 0015: Bis die Zeit auch Dich verspeist

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Update zu Damit du siehst, wie leicht sich’s leben läßt
und Nachtstück 0011: Weiß ich nur, wer ich bin:

——— Joseph von Eichendorff:

Intermezzo.

1810, gesammelt in: Gedichte, Berlin 1837:

Wie so leichte läßt sich’s leben!
Blond und roth und etwas feist,
Thue wie die andern eben,
Daß Dich jeder Bruder heißt,
Speise, was die Zeiten geben,
Bis die Zeit auch Dich verspeist!

Muss auch mal sein: ein vielfach Hurra für gestandene Weibsbilder in allen Farben und Formen!

Fotografia erotica

Die Wölfin meint: „Alle Achtung, mein Lieber. Die drei Grazien von hinten sehen, das feiert nicht jeder als Leichtigkeit und Lebenslust.“

„Man gewöhnt sich dran. Das Ende war schon immer nahe.“

„Aber selten so gut sichtbar.“

„Jetzt hab ich Angst.“

#MeToo.“

Dass dich jeder Schwester heißt: Fotografia erotica, autore: non trovato. Ein Jammer.

Blond und rothe Mutter & Tochter: The Judds Farewell Concert,
4. Dezember 1991 in Murfreesboro, Tennessee:

Written by Wolf

10. August 2018 at 00:03

Wenn er vom Blocksberg kehrt

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Update zu Bocksgestöhn und freche Lieder:

Ja, singe, singe nur, und lob‘ und rühme sie!
Ich will zu meiner Zeit schon lachen.
Sie hat mich angeführt, dir wird sie’s auch so machen.
Zum Liebsten sey ein Kobold ihr bescheert!
Der mag mit ihr auf einem Kreuzweg schäkern;
Ein alter Bock, wenn er vom Blocksberg kehrt,
Mag im Galopp noch gute Nacht ihr meckern!
Ein braver Kerl von echtem Fleisch und Blut
Ist für die Dirne viel zu gut.
Ich will von keinem Gruße wissen,
Als ihr die Fenster eingeschmissen!

Auerbachs Keller in Leipzig: Siebel, Vers 2108 bis 2118.

Jamiri, Anja, Marabo, 1993

Jamiri, Anja, Marabo, 1993

Zeche lustiger Gesellen: Jamiri: Anja, doppelseitige Version in: Marabo, 1993. Spätere Versionen ließen das erste Bild weg und verwendeten „Schlampe“.

Singe, singe nur, und lob‘ und rühme sie: Aerosmith: Cryin‘, aus: Get a Grip, April 1993:

Das ist, wie die Lagerfeuermusikanten unter uns schon vor 25 Jahren bemerkt haben, ein Dreiertakt. Und wo wir schon dabei sind, als Bonus Track noch den anderen Walzer aus der einzigen Platte der 1990er, die für gleich zwei Walzer als Sommerhits gut war, das Video zusätzlich zur selben Alicia Silverstone sogar noch mit Liv Tyler: Crazy:

Written by Wolf

1. Mai 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Novecento

Um meiner Mannheit Tiefgang auszuloten

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Update zu Meines Schooßes Lippen,
Ich will mich wie mein Schwanz erheben
und Krabbelröschen und in mehrerlei Hinsicht das Gegenteil
zu The boys and girls are one tonight (I marry the bed):

Ja, es wäre eine bessere Welt, wenn man unzulängliche Wikipedia-Beiträge einfach ändern könnte.

Kathrin Passig: Kommentar #9 zu: HM!, in: Riesenmaschine, 31. Oktober 2006, 00.42 Uhr.

Vensuberg, Fiedler's Skeleton series, TumblrMit den klassischen Schweinereien ist es so: Hinterher will sie keiner geschrieben haben. Friedrich Schlegel zum Beispiel kann aller Wahrscheinlichkeit nichts dafür, dem wurden die zehn Erotischen Sonette erst annähnernd hundert Jahre posthum an-gedichtet.

Im Verdacht der Urheberschaft stehen Alexander Bessmertny, Otto Julius Bierbaum, Franz Blei, Carl Georg von Maassen und eine ganze — siehe weiter unten — zwar vage auszumachende, aber nicht endgültig dingfest zu machende „Privatdruckszene“ nach 1900.

Nun ist ein Vorteil an eher abseitigen Wikipedia-Artikeln, dass sie keiner großen Änderungshistrorie unterliegen, sondern in Ruhe gelassen werden, bis sich nach mehreren Internet-Äonen endlich wieder ein Geek ihrer erbarmen kommt. So gesehen sind kontroverse Artikel wie etwa der über Donald Trump, Neoliberalismus oder Flug MH370 langweilig, weil man die so oder so sehen oder beides auch lassen kann, was sich in ihrer hibbeligen Fluktuation spiegelt. Alexander Bessmertny dagegen ist der Welt- und Zeit- fast so egal wie der Kulturgeschichte, weswegen sich ein engagierter und gut informierter Wikipedia-Nutzer über ein Nebenthema austoben konnte, das ihm proaktive Beobachter heißer Eisen aus einem Wiki-Smash-Hit längst wegen Irrelevanz herausgekürzt hätten.

Ich selber bin registrierer Wikipedia-Nutzer, wenngleich meine proaktive Zeit schon ein, zwei Betriebssysteme zurückliegt. Alle meine neu angelegten Artikel sind, sooft ich nachschaue, nicht ihrer eigenen Irrelevanz zum Opfer gefallen, sondern florieren still in ihren Nischen. Besonders stolz bin ich auf meine „Bernstein-Hypothese„, die heute gegenüber meiner Urversion von 2006 nicht wiederzuerkennen ist. Und deshalb werde ich mich hüten, so wichtige Nebensachen wie den Ausflug über die Erotischen Sonette innerhalb der Lebensdarstellung eines kurischen Juden, was technisch von jedem Telephon aus möglich wäre, vor lauter Themenstringenz zu unterbinden.

Woanders steht der nämlich nicht. Bis jetzt:

Vensuberg, Fiedler's Skeleton series, Tumblr

Bessmertny gilt als Verfasser der (pornographischen) „Zehn Sonette“, die seit ihrem erstmaligen Druck (1912?) dem romantischen Dichter Friedrich Schlegel (1772–1829) zugeschrieben worden sind. Einziger Zeuge für die Zuschreibung an Bessmertny ist der deutsche Literaturwissenschaftler Paul Englisch, der diese in den Jahren 1929 und 1931 an gleich fünf Stellen (in drei Publikationen) mit unterschiedlichen, teils voneinander abweichenden Formulierungen vorgenommen hat. Zunächst im 2. Band des „Bilderlexions der Erotik“ (1929) gleich zweimal, nämlich jeweils unter den Stichworten „Namensmissbrauch“ und „Franz Blei“; sodann im 2. Band seiner Geschichte der erotischen Literatur (Irrgarten der Erotik, Leipzig 1931; S. 190); und schließlich, im zuletzt genannten Band von ihm selbst als Quelle angegeben, in Bd. IX (= Ergänzungsband, erschienen 1929, hg. v. Paul Englisch) des sog. Hayn / Gotendorf (dort S. 530).

Fasst man die Aussagen P. Englischs zusammen, enthalten sie im Wesentlichen drei Behauptungen: 1. Der Erstherausgeber der „Zehn Sonette“ sei Franz Blei; dieser habe eine „niedliche Mystifikation“ vorgenommen, indem er die Sonette Friedrich Schlegel zuschrieb. 2. Erstmals gedruckt wurden die „Zehn Sonette“ in der Sammlung „Erbrochene Siegel“ im Jahr 1912. 3. Der wirkliche Autor sei Alexander Bessmertny. Soweit sich Englischs Darlegungen überprüfen lassen, treffen sie nur teilweise zu. Die genannte Sammlung von 1912 enthält tatsächlich die „Zehn Sonette“, und sie enthält auch (dort S. 35) die Zuschreibung an Schlegel. Doch die Sprache der „Zehn Sonette“ ist, das wird jeder Kenner bald spüren, eher die der Zeit um 1900 als die der Zeit um 1800. Insofern spricht auch sprachliche Plausibilität eher für 1912 als für eine Zeit vor 1829. Zahlreiche spätere Ausgaben des Textes lassen sich nachweisen (z.B. von 1926 und 1930), jedoch keine frühere.

Letztlich muss die Autorschaft der Sonette allerdings weiter als ungeklärt gelten. Denn die Sammlung „Erbrochene Siegel“ wurde keineswegs von Franz Blei herausgegeben, sondern gilt weithin als Werk des bekannten Bibliophilen und Literaturhistorikers Carl Georg von Maassen (1880–1940). Von diesem dürfte dann auch die Schlegel-Zuschreibung stammen – und letztlich vielleicht auch die „Zehn Sonette“ selbst. Maassen selbst hat um 1910 grotesk-satirische Gedichte im „Simplizissimus“ publiziert (vgl. NDB) und er gründete (u.a. zusammen mit Franz Blei!) die Gesellschaft der Münchener Bibliophilen (1907–1913) – beides würde zu Sonetten und Zuschreibung passen. Womöglich hat Maassen in „Erbrochene Siegel“ mit dieser fiktiven literarhistorischen Vignette ausprobiert, was er wenig später (in seinem „Grundgescheuten Antiquarius“, 1920–1923) mit realen Autoren der Romantik fortführte.

Ungeklärt bleibt auch, warum H. L. Arnold, der in seiner Sammlung „Dein Leib ist mein Gedicht“ (Bern u.a. 1970) die zehn Sonette ebenfalls abdruckt, als Quelle angibt: „Aus Zehn Sonette, o.O. o.J. (1880)“ (S. 208). Telefonisch dazu befragt (Januar 2011) besteht Arnold darauf, dass es sich bei dieser Angabe NICHT um eine neuerliche Mystifikation seinerseits gehandelt habe, sondern dass dies die Angaben zu einem entsprechenden Privatdruck der Zeit gewesen seien. Einzelheiten seien ihm nicht mehr erinnerlich. Falls die Jahresangabe 1880 stimmt, kann Bessmertny, der ja erst 1888 geboren wurde, NICHT der Autor der zehn Sonette sein, und natürlich auch nicht Maassen. Letzterer ist jedoch 1880 geboren – vielleicht kam es dadurch zu einer Verwechslung.- Arnold schreibt im übrigen in der Vorbemerkung seiner erwähnten Sammlung von 1970 (S. 7), „andere“ (konkrete Belege nennt er nicht) schrieben die Sonette dem Schriftsteller Otto Julius Bierbaum (1865–1910) zu. Falls Arnold wirklich ein Druck der Sonette aus dem Jahr 1880 vorgelegen haben sollte, dann muss ihm klar gewesen sein, dass zumindest diese Zuschreibung kaum stimmen konnte, da Bierbaum zu jenem Zeitpunkt erst 15 Jahre alt gewesen ist. Davon abgesehen, hätte jedoch eine Zuschreibung an Bierbaum einiges an Plausibilität für sich, denn er hinterließ u.a. ein breites lyrisches und erzählerisches Gesamtwerk, das weitgehend von Anlehnungen an ältere Vorbilder bestimmt ist und für seine gelegentliche „Schlüpfrigkeit“ bekannt.

Wer auch immer letztlich der Verfasser der „Zehn Sonette“ gewesen ist – Friedrich Schlegel war es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht. Ob Franz Blei, Alexander Bessmertny, Carl Georg von Maassen, Otto Julius Bierbaum oder vielleicht ein anderer aus der breiten „Privatdruckszene“ nach 1900 – in jedem Fall trifft zu, was Arnold im erwähnten Vorwort schreibt: „die philologische Akribie der späteren Herausgabe“ ist „eine ebenso ironische wie humorvolle Parodie auf die positivistischen Texteditionen des späteren 19. Jahrhunderts.“ (S. 7)“

Es folgen die pornographischen Primärtexte. Bitte trotz des Vintage-Charakters nur ab einer gewissen sittlichen Reife weiterlesen. Ab 18 Jahren:

Vensuberg, Fiedler's Skeleton series, Tumblr

——— Friedrich Schlegel (zugeschrieben):

Erotische Sonette

vor 1829, wahrscheinlicher aus: Erbrochene Siegel, ca. 1912:

Erstes Sonett

Vensuberg, Fiedler's Skeleton series, TumblrUm meiner Mannheit Tiefgang auszuloten,
Ging ich mit nacktem Glied zu Keuschgesinnten.
Ich glaubte, diese deutlichste der Finten
Sei zwingender als Zahlen oder Zoten.

Ich trat zu Mädchen unversehns von hinten,
Sprach sanft sie an und spielte den Zeloten.
Dann fragt‘ ich plötzlich, wann sie denn den roten
Gewaltherrn hätten, und wie lang sie minnten.

Sie sehn verdrehten Auges auf den Stecken,
Der ihnen doch galant entgegensteht.
Ich hebe sie, darauf zu stülpsen.

Zuerst wohl würgen, schreien sie, und rülpsen,
Dann fließt die Lust, und alles Weh vergeht.
Bis sie zutiefst gekitzelt drauf verrecken.

~~~\~~~~~~~/~~~

Zweites Sonett

Du meine Hand bist mehr als alle Weiber,
Du bist stets da, wie keine Frau erprobt,
Du hast noch nie in Eifersucht getobt,
Und bist auch nie zu weit, du enger Reiber.

Ovid, mein Lehrer weiland, hat dich recht gelobt,
Denn du verbirgst in dir ja alle Leiber,
Die ich mir wünsche. Kühler Glutvertreiber,
Dir hab ich mich für immer anverlobt.

Ich stehe stolz allein mir dir im Raume
Und streichle meine bläulichrote Glans.
Schon quirlt sich weiß der Saft zum Schaume,

So zieh ich aus Erfahrung die Bilanz:
Die Zweiheit paart sich nur im Wollusttraume,
Sonst paart sich meine Faust mit meinem Schwanz.

~~~\~~~~~~~/~~~

Drittes Sonett

Vensuberg, Fiedler's Skeleton series, TumblrDer rauhe Ost, der früh nach Rom mich jagte,
Ward dort zum Zephir hyacinthner Lüste.
Und keiner, der nur immer Mädchen küßte,
Rühm seinen Schwanz, daß er im Himmel ragte.

Auch mich erregen noch die herben Brüste
Kampan’scher Mädchen, doch wie oft verzagte
Mein Meerschaum an dem fremden Golf und klagte
Daß ohne recht‘ Verständnis diese Küste.

Wie anders schmiegte sich der Arsch des Knaben
dem Schwanz in lieblich-rundlichem Gehaben;
Kein Weib hat so behende mit der Zunge

Die Eichel mir geleckt wie dieser Junge.
Oh, könnt‘ ich doch an deinem Marmorhintern,
Mein Knabe, viele Monde überwintern … !

~~~\~~~~~~~/~~~

Viertes Sonett

Von allen Männern, die dich je bedrohten
Bin ich der geilste: sieh‘ mich zitternd an … !
Ich zerre deine Brüste Spann für Spann
Und werde sie auf deinem Rücken knoten.

Auch deine Füße knüpfe ich daran,
Und binde deine kleinen weißen Pfoten.
Und wenn den Leib du röchelnd mir geboten
Bewunderst du in mir den starken Mann.

Und wenn du schreist, so schlitz‘ ich deinen runden
Und weichen Leib mir auf mit kaltem Streiche.
Dann saugen sich die Lippen deiner Wunden

Um meinen Schwanz, daß ich vor Lust erbleiche.
Jedoch, mein Glück, es reift nicht aus zu Stunden:
Du riechst schon sehr, mein Torsoschatz, nach Leiche.

~~~\~~~~~~~/~~~

Fünftes Sonett

Vensuberg, Fiedler's Skeleton series, TumblrSo liegst du gut. Gleich wird sich’s prächtig zeigen
Wie klug mein Rat: ich schiebe meinen Dicken
In dein bemoostes Tor – man nennt das Ficken.
Du fragst warum? – Davon laß jetzt mich schweigen.

Schon seh‘ ich Schmerz in deinen blanken Blicken,
Das geht vorbei: du mußt zurück dich neigen,
Gleich wird dein Blut dir jubeln wie die Geigen
Von Engeln, welche ihre Brünste schicken

In bebender Musik zum Ohr der Welt.
Famos! … Du einst dich mir in bravem Schaukeln,
Die Schenkel schmiegen pressend, es umgaukeln

Mich Düfte, die mich locken in die Unterwelt.
Ein Stoß – ein Schrei! … Die weißen Glieder zittern
Im Kampf wie Apfelblüten in Gewittern.

~~~\~~~~~~~/~~~

Sechstes Sonett

Ich flehe dich um Wunden und um Male
Von deinen Händen, die mich heilig sprechen.
Du sollst das Glied, das du gesaugt, zerbrechen.
Das steif geragt in deine Kathedrale.

Schlürf‘ aus den Quell, der einst in weißen Bächen
In deinen Kelch gespritzt beim Bachanale! …
Gieß jetzt die letzte Kraft in deine Schale.
An meinem Blute magst du dich bezechen! …

Nimm scharfe Peitschen und geglühte Zwingen.
Schlag‘ fester zu und quäle meine Hoden! …
Laß tiefsten Schmerz das höchste Glück mir bringen.

Mein Stöhnen preist dich brünstiger als meine Oden.
Und wenn die letzten Schreie dich umklingen
Hörst du den Dank vom seligen Rhapsoden.

~~~\~~~~~~~/~~~

Siebentes Sonett

Vensuberg, Fiedler's Skeleton series, TumblrDer Müllerbursche schiebt hinauf zur Mühle
Auf seinem Karren einen Mühlenstein.
Und in die Öffnung schob er glatt hinein
Sein steifes Glied und schaffte so sich Kühle.

Die blonde Müll’rin sieht’s im Sonnenschein.
Und trotz der unerträglich dumpfen Schwüle
Läuft sie hinab, daß prüfend sie’s befühle:
Sie faßt und fühlt, es ist von Fleisch und Bein.

„Na hör‘, mein Junge“, ruft sie sehr brutal,
„Was soll die Schweinerei mit deinem Schweif? .. !
Ist das die Prüfung, die ich dir befahl.

Ob du auch würdig wärest für mein Bett?“
Doch er zeigt nur die Inschrift um den Reif.
Und ach, sie liest gerührt: Elisabeth … !

~~~\~~~~~~~/~~~

Achtes Sonett

Ich ward erlöst, zum Weltweib umgeschaffen,
Des irren Wanderns letzte höchste Feier.
Ich rag‘ ins Dämmerlicht, verhüllt vom Schleier
Der Sterne mit den bleichen Mondagraffen.

Zur Erde send‘ ich meinen Himmelsgeier,
Der ruft die letzten geilen Menschenaffen.
Ich werde meine Röcke höher raffen
Und alle grüßen als willkomm’ne Freier.

Ich höre schon ihr heis’res Brunstgeschrei.
Die Schwänze zucken und die Zungen lallen.
Begattend dünken sie sich schicksalsfrei.

Doch werden sie in meine Scheide fallen,
Dann will ich sie Kometen gleich mit kurzen
Und hellen Knallen in den Weltraum furzen.

~~~\~~~~~~~/~~~

Neuntes Sonett

Vensuberg, Fiedler's Skeleton series, TumblrVerschüchtert von des Purpurbett’s Umschattung
Horcht die Prinzessin in die schwarzen Ecken.
Ihr dünkt ein schalkhaft kichernd‘ Necken,
Ein seltsam‘ Künden fürstlicher Begattung.

Der Prinz harrt zweifelnd seiner Kraft Erwecken
Und früh vertaner Jugend Rückerstattung.
Wie peinlich würde heute die Ermattung
Die junge Frau aus der Umarmung schrecken.

Er droht des frechen Narren fröstelnd Lachen,
Flucht seiner Jugend mondbeglänzten Nachen
Und glaubt nicht mehr an schwarzer Kräuter Sieden.

Denn selbst die einst so treuen Canthariden,
Sie haben ihren Wirkungspol verrückt
Und reichen nur, daß er den Nachtstuhl schmückt.

~~~\~~~~~~~/~~~

Zehntes Sonett

Ich höre fern das Plätschern deiner Wasser.
Ich fühl‘ mein Herz in meine Hoden sinken.
Es drängt mich wieder, dein Pipi zu trinken,
Weil ich ein ruchlos raffinierter Prasser.

Man lügt, daß deine gelben Quellen stinken.
Mich macht ihr Duft, wenn ich sie trinke, blasser.
Ich möcht‘, ein Kieselstein, ein ewig nasser,
In deinen Fluten selig schimmernd blinken.

So wirst du mir, Geliebte, ganz zu eigen,
Wie mehr als in des Marterbergs Ersteigen
Im Abendmahle Einer Gott verwandt.

In deiner Krypta ein verschwieg’ner Brand,
Laß züngeln mich in allen roten Winkeln
Und zischend sterben in topas’nem Pinkeln.

Bilder: Vensuberg: Fiedler’s Skeleton Series, 17. Juni 2016;
Soundtrack: Mac Davis: It’s Hard to Be Humble, aus: Hard to Be Humble, 1980,
in: The Muppet Show 514, 22. November 1980:

Written by Wolf

27. April 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Romantik

The boys and girls are one tonight (I marry the bed)

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Update zu I am, I am, I am (your barefoot wench for a whole week):

Das Sexualverhalten von Frauen wird nie aufhören, mich zu faszinieren. Damit meine ich nicht ausdrücklich oder gar ausschließlich ihr Paarungsverhalten, das schon lange aufgehört hat, mich etwas anzugehen. Wie bitteschön können aber gerade die unbeobachteten Momente, in denen eine Lebensform, die sich weitgehend der Forschung und vor allem dem Verständnis entzieht, ihren hexenhaften Weiberkünsten nachgeht, einen fühlenden Menschen jemals kalt lassen?

Anne Sexton hat im Alter von 39 Jahren (und sieben Jahre vor ihrem Selbstmord) in ihren Love Poems 1967 eine Offenheit an den Tag — noch öfter wahrscheinlich: an die Nacht — gelegt, die erst drei Jahrzehnte später im Internet fällig war. Wer bis dahin aus seinen Erfahrungen schließen musste, dass Frauen gegen sexuelle Erregung ebenso immun sind wie gegen jene Form der Verliebtheit, deren Symptome sich eher ums Zwerchfell herum äußern, musste bei Anne Sexton lernen, dass die wahnsinnige Zeitspanne von 18 Tagen ohne ihren — angetrauten — Liebhaber Grund genug für ein Gedicht auf dem Weg zum Klassiker ist: Eighteen Days Without You.

Egal was man über Frauen im allgemeinen und die freiwillig verstorbene Anne Sexton im besonderen mutmaßen will, ist es kein Wunder, dass ihre Fans — jedenfalls solche, die sich als Fans bemerkbar machen — in der Überzahl weiblich sind. Dennoch beobachtet der bekennende Gedichtefreund Jamie H. sehr fein einen untergeordneten Gedichtzyklus innerhalb der Sammlung ihrer Love Poems: Poem(s) o’the Day: Anne Sexton, „For My Lover, Returning to His Wife,“ „The Ballad of the Lonely Masturbator“, Moments of Being, 10. Februar 2010:

„Barefoot“ (immediately after „Ballad“) begins anew and leads on the next affair until the final, powerful poem „Eighteen Days Without You“ remarks again upon grief after the souring of love.

Achtzehn Tage. Das sind keine drei Wochen. In der Zeit haben andere Leute noch gar nicht angefangen zu überlegen, ob vielleicht irgendwas fehlen könnte. Achtzehn Tage. Und das mit gesetzten 39, Frau Sexton. Lachhaft. Achtzehn Tage. Anfängerin.

Ellis Marell Photographiii Berlin, Vogue 2016

——— Anne Sexton:

The Ballad of the Lonely Masturbator

from: Love Poems, 1967:

Ellis Marell Photographiii Berlin, Vogue 2016The end of the affair is always death.
She’s my workshop. Slippery eye,
out of the tribe of myself my breath
finds you gone. I horrify
those who stand by. I am fed.
At night, alone, I marry the bed.

Finger to finger, now she’s mine.
She’s not too far. She’s my encounter.
I beat her like a bell. I recline
in the bower where you used to mount her.
You borrowed me on the flowered spread.
At night, alone, I marry the bed.

Take for instance this night, my love,
that every single couple puts together
with a joint overturning, beneath, above,
the abundant two on sponge and feather,
kneeling and pushing, head to head.
At night alone, I marry the bed.

I break out of my body this way,
an annoying miracle. Could I
put the dream market on display?
I am spread out. I crucify.
My little plum is what you said.
At night, alone, I marry the bed.

Then my black-eyed rival came.
The lady of water, rising on the breach,
a piano at her fingertips, shame
on her lips and a flute’s speech.
And I was the knock-kneed broom instead.
At night, alone, I marry the bed.

She took you the way a woman takes
a bargain dress off the rack
and I broke the way a stone breaks.
I give back your books and fishing tack.
Today’s paper says that you are wed.
At night, alone, I marry the bed.

The boys and girls are one tonight.
They unbutton blouses. They unzip flies.
They take off shoes. They turn off the light.
The glimmering creatures are full of lies.
They are eating each other. They are overfed.
At night, alone, I marry the bed.

Ellis Marell Photographiii Berlin, Vogue 2016

Bilder: Ellis Marell, Berlin, für Vogue, 2016, via Polki;
Anne Sexton at her home in Massachusetts via Alissa Fleck: The Protagonist: Was Sexton’s Suicide Preventable? A talk on poet Anne Sexton’s therapy tapes, Straus Media. Your Neighbourhood News Source, Manhattan, New York, 6. Juni 2013.

Anne Sexton at her home in Massachusetts

Soundtrack: Paradoxerweise ein Duett: Philippe Gaubert: Nocturne et allegro scherzando, 1906,
„a piano at her fingertips […] and a flute’s speech“: Karolin & Friederike Stegmann als Zwillingsduo, 2013:

Bonus Track: Cyndi „She Bop“ Lauper: True Colors, aus: True Colors, 1986
(„Es war das einzige Lied des gleichnamigen Albums, das nicht von Lauper zumindest mitverfasst wurde.“
Schade, das war eigentlich ganz ordentlich):

Written by Wolf

10. November 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Novecento

Krabbelröschen

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Update zu Dein pöschelochter roter mund
Spitz wie Wetzlarer Karotte
und Die Litaneien des Körpers:

Die Liebe war jung.

Und sie war eine Fernbeziehung. Als erstes ist mir beim Herumstrolchen in der neuen, fremden Stadt der Karton mit vergilbten Taschenbüchern aufgefallen: auf dem Fensterbrett eines Antiquitätenladens in der Ludwigstraße, unweit des Geburtshauses von Sissi, mit dem Schild: „Jedes Buch 1 DM“.

Als zweites ist mir in dem Karton Dein Leib ist mein Gedicht mit dem nicht unraffinierten Cover aufgefallen, als drittes in dem Buch das lockere Layout der fünf Seiten O Rösi du Nuß von Kurt Marti. Allein dafür hätte man die 1 DM bezahlt.

Als viertes — dann schon zu Hause mit meinem ersten in der neuen, fremden Stadt erstandenen Buch — ist mir aufgefallen, dass Kurt Marti für einen Schweizer Geistlichen des Jahrgangs 1921 eine ganz schön offenherzige Sexualität pflegt, und das so halböffentlich in obskuren Erotik-Anthologien; als fünftes: und zwar sehr wahrscheinlich mit der namentlich, nur leider nicht bildlich bekannten Johanna „Hanni“ Marti-Morgenthaler, die er 1950 geheiratet hatte und die auch 1970 noch, als er 49 war, als unmittelbares Vorbild für seine lyrische „Rösi“ gelten darf. Hochwürden Martis „Zyklus zärtlicher Albernheiten“ über das Zusammensein mit seiner bewunderten Gespielin erzählt in — sinnigerweise — wechselnden Rhythmen von unverbrauchter Liebe, ja richtiggehend frischer Verliebtheit, und sehr explizit, aber ohne pornographisch zu werden, von fröhlichem Sex. In seinem beneidenswerten Übermut hat es das Zeug zu einem Lieblingsgedicht, für das man sich — keine Selbstverständlichkeit bei erotischen Themen — nicht schämen muss. Hanni starb 2007.

Als sechstes: Kurt Marti ist 2017 gestorben, als ich 49 war. Die Liebe, wie man aus Martis Spätwerk weiß, war jung.

Als siebtes, was ich nicht gerne sage, hab ich über Dein Leib ist mein Gedicht den ehemals gleichfalls Schweizer, nämlich Züricher Haffmans Verlag bei einem Konzeptklau erwischt — aber 7a) nicht sicher und 7b) wenn doch, dann 7c) bei einem lässlichen und 7d) bei einem von sich selbst, denn wer wäre ich 7d) denn, dem verdienstreichen Haffmans Verlag, Gott hab ihn selig, Sachen zu unterstellen. Sachen wie:

Dein Leib ist mein Gedicht wurde 1970 von Heinz Ludwig Arnold herausgegeben. Als Motto für seine Deutsche erotische Lyrik aus fünf Jahrhunderten benutzt er eine Stelle von Günter Grass: den Schlussvers von März aus: Ausgefragt, Luchterhand 1967:

Ich hab genug. Komm. Zieh dich aus.

Komm. Zieh dich aus. heißt wiederum das Handbuch der lyrischen Hocherotik deutscher Zunge, mehrere Zeitenwenden später, nämlich 1991 bei Haffmans herausgegeben von — Überraschung — Heinz Ludwig Arnold. 1986 war vom selben Verlag schon Die klassische Sau. Das Handbuch der literarischen Hocherotik mit gleicher Thematik und in ähnlicher Aufmachung veranstaltet worden, nur eben mit säuischen Stellen in Prosa und herausgegeben von Hermann Kinder — die etliche Nachfolgerinnen hat, die direkten herausgegeben von „Eva Zutzel“ und „Adam Zausel“, die indirekten gerne ganz unabhängig von der Muttersau in anderen Verlagen. Aktuell von 2016 ist Die literarische Sau. Ein Aufkärungsbuch der Hocherotik beim Nachfolgeverlag Haffmans & Tolkemitt, herausgegeben von „Viktor & Viktoria“, und überhaupt hat sich das Konzept seit 1986 als recht tragfähig erwiesen. Meine persönlich empfohlenes Derivat ist das bibliophil gehaltene Liederlich! Die lüsterne Lyrik der Deutschen, bei Eichborn Berlin 2008 herausgegeben von Steffen Jacobs.

Garden of Venus, O., 30. Mai 2014

Inzwischen sind die klassische Sau und ihre Ferkel in die Erbmassen gealterter Bibliothekenbesitzer übergegangen und müssen von den Kindern, die unter ihrer Inspiration entstanden sind, an die Antiquariate des deutschen Sprachraums verscherbelt werden. Dort tauchen derzeit überraschend viele Exemplare auf. Nachdem die Bibliothekenbesitzer nie mit der erfreulichen Vollständigkeit ihrer klassischen Sau, neuen klassischen Sau und allerneuesten klassischen Sau plus Komm. Zieh dich aus hausieren gegangen sind, sie vielmehr in der zweiten Regalreihe verborgen haben, erhellt erst jetzt, was das für ein Verkaufserfolg für den alten Haffmans Verlag gewesen sein muss.

Ich war 1986 ff. nicht so verklemmt und hab mir von einer sehr lieben Freundin dankbar das Original zum Geschenk machen lassen, das von ihr ganz bestimmt nicht anzüglich gemeint war. Das Staunen darüber, dass ein Original ein übergeordnetes Original mit einem so schönen Namen wie Dein Leib ist mein Gedicht haben kann, hat sich selbst erst für heute aufgehoben, wo man aus dem Alter schon wieder raus ist.

Als achtes ist mir aufgefallen, dass sich auf „Krabbelröschen“ etwas Sinnvolles reimt. — Ab hier bis runter zu den Soundtracks: NSFW.

A Wolfe's Love, The screaming orgasm is the ultimate reassurance, Wolfe Sole Productions, 11. November 2015

——— Kurt Marti:

O Rösi du Nuß

Zyklus zärtlicher Albernheiten

Erstveröffentlichung: Heinz Ludwig Arnold (Hrsg.): Dein Leib ist mein Gedicht. Deutsche erotische Lyrik aus fünf Jahrhunderten, Ullstein 1970, Seite 161–163:

1
rösi
du
nuß
du
fee
du
feenuß
seit
je

2
o
rösi
du
eros
ion
meiner
ruh
du

3
rösi
wie
bohrst du
uns doch
in den zahn
dieser zeit
manch zeitloses
loch

4
blühst
im zehrosenteich
palamür
rösi
als schönste
zehrose
mir

5
rösi
du rilke-fan
rilkest doch viel zu schön
um immerzu brav
und allein
niemandes schlaf
unter so viel lidern
zu sein

6
mir wässert
o rösi
der mund
nach deinen
rund
hundert
rosigen
pfund

7
rösi
o spass
du wendig
und schnappenden munds
bis dass
wir vierhändig
spielen
mit uns

8
o rösi
wie rund
dein körper
mir aalt
damit
mein mund
ihn zärtlich
bemalt

9
AUU
ich bin
doch kein
schnitzel
rösi
zügle
die zähne
ein bitzel

10
welch ein gebimmel
o rösi
wenn du
dich selbst
lustig
als himmel
über mich
wölbst

11
küsse
die küssen begegnend
in deinem gesicht sich verloren
o rösi
wie schlägst du
die schenkel mir segnend
und weich um die ohren

12
im
ekstasen
fieber
wie süss
die rösigen
nasen
stüber
des knies

13
überstrahlst
die gewohnte
prosa
der triebe
o rösi
du monte
rosa
der liebe

14
hätte
nur jeder
ein krabbelröschen
wie dich
mit lustigem
zappelmöschen
bei sich —
ich glaube die leute
wären besser als heute

15
wer
o rösi
beschriebe
die wohllust
des wolllauts
der liebe?

16
ganz
von dir
durchdut
rösi
ruht
sich
gut

17
ach
wie weisst du
zärtlich durchtrieben
mit binnenmuskeln
den muskel der liebe
für und für
zu lieben
in dir

18
mit deinem
körper fühlen
zu können
rösi
ach wunderbare
das wäre
erst die wahre
liebe zu nennen

19
o rösi
wie hat mir
liebe sublim
ihr sehr schönes bein
gestellt —
die härchen an ihm
sind fein
die feinsten
der welt

20
komm
wir zwei
wir gründen
eine partei
deren parole
programmt:
WERDET MITEINANDER
ZÄRTLICH
WIE SAMT

21
stolzer
als ein monarch
wache ich
rösi
über dein
sanftes
geschnarch

22
leuchtender noch
trat der vollmond
herfür
rösi
ach träumte ich doch
deine träume
mit dir

23
so traut da
umbeint
wenn atem
und schlaf
uns hautnah
vereint

24
morgenstund
hat
blond
im mund

25
o rösi
wie zappelst
du bäuchlings
und streckst
mir den po
damit
ich dich so

26
ein tag
mit liebesakt
begonnen
ist
rösi
schon so gut
wie ganz gewonnen

Let Me Do This to You

Bilder:

  1. Garden of Venus: O., 30. Mai 2014;
  2. A Wolfe’s Love: The screaming orgasm is the ultimate reassurance,
    Wolfe Sole Productions, 11. November 2015;
  3. Let Me Do This to You;
  4. Luci Marti: Algazara, 26. Mai 2015.

Lucy Marti, Algazara, 26. Mai 2015

Soundtrack: The Kinks: Strangers, aus: Lola Versus Powerman and the Moneygoround, Part One, 1970,
mit Bildern aus Wes Anderson: The Royal Tenenbaums, 2001:

Strangers on this road we are on:
We are not two, we are one.

Bonus Track: dasselbe nochmal als anrührend verliebtes, häusliches Live-Cover
von Christina Bowers und Henry Toland, 6. Dezember 2015. Man beachte den Hund:

Written by Wolf

28. September 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Novecento

Am selben Tag, da ich erfuhr, man habe mich entmündigt

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Update zu den beiden Mädchen auf dem Felde:

Erstens feiern wir am 7. August 2017 den 134. Geburtstag von Joachim Ringelnatz. Das ist am Montag, der sich zum Feiern etwas ungünstig ausnimmt, daher schon heute.

Zweitens sammle ich, wie wiederholt ausgerufen, Gedichte mit siebenzeiligen Strophen. Wenn jemandem in der Richtung was Schönes auffällt: Die Kommentarfunktion ist offen.

Die Idee kam mir drittens dermaleinst angesichts von Das Mädchen mit dem Muttermal, Ringelnatz 1928. Das ist für Ringelnatzische Verhältnisse schon verstörend streng komponiert — am Reimschema erkennbar in Lutherstophe — und herzanrührend schön. Außerdem das einzige Gedicht, das ich mal auf einer besoffenen Geburtstagsfeier (weder Ringelnatz‘ noch meiner eigenen) auswendig hersagen konnte, ohne mich zu blamieren oder Dritte zu langweilen, ich sollte ihm also dankbar sein.

Viertens war es Zeit, das Gedicht angemessen zu illustrieren. Bis 2013 hat es gedauert, dass die seinerzeit noch studierende Hamburger Illustratorin Katarina Kühl mit der Arbeitskraft eines ganzen Semesters eine Broschüre mit zwei Gedichten von Joachim Ringelnatz: Ein Liebesbrief & Das Mädchen mit dem Muttermal durchgestaltete. Das betreffende Mädchen hab ich mir sogar immer in diesem schwarzhaarlackierten Garçonne-Stil vorgestellt.

——— Joachim Ringelnatz:

Das Mädchen mit dem Muttermal

Chanson

aus: Allerdings, Ernst Rowohlt Verlag, Berlin 1928:

Woher sie kam, wohin sie ging,
Das hab‘ ich nie erfahren.
Sie war ein namenloses Ding
Von etwa achtzehn Jahren.
Sie küßte selten ungestüm.
Dann duftete es wie Parfüm
Aus ihren keuschen Haaren.

Wir spielten nur, wir scherzten nur;
Wir haben nie gesündigt.
Sie leistete mir jeden Schwur
Und floh dann ungekündigt,
Entfloh mit meiner goldnen Uhr
Am selben Tag, da ich erfuhr,
Man habe mich entmündigt.

Verschwunden war mein Siegelring
Beim Spielen oder Scherzen.
Sie war ein zarter Schmetterling.
Ich werde nie verschmerzen,
Wie vieles Goldene sie stahl,
Das Mädchen mit dem Muttermal
Zwei Handbreit unterm Herzen.

Katarina Kühl, Joachim Ringelnatz, Das Mädchen mit dem Muttermal, 1932, 2013

Katarina Kühl, Joachim Ringelnatz, Das Mädchen mit dem Muttermal, 1932, 2013

Katarina Kühl, Joachim Ringelnatz, Das Mädchen mit dem Muttermal, 1932, 2013

Katarina Kühl, Joachim Ringelnatz, Das Mädchen mit dem Muttermal, 1932, 2013

Den Liebesbrief von Katarina Kühl 2013 kriegen wir fünftens später, wie das sechstens so ist mit Liebesbriefen.

Siebtens endlich: Alles Gute, Ringel.

Katarina Kühl, Joachim Ringelnatz, Das Mädchen mit dem Muttermal, 1932, 2013

Bilder: Katarina Kühl: Ein Liebesbrief & Das Mädchen mit dem Muttermal, 25. September 2013.

Eine sehr würdevolle Vertonung, die Ringelnatz einschließlich seiner hinterkünftig verhuschten Pointe verstanden hat (nur leider nicht die sehr wohl sangbare Lutherstrophe), stammt ebenfalls 2013 von Notenix, nachdem seit 1928 der Untertitel notorisch vernachlässigt wurde: Chanson:

Chanson bonus: Carla Bruni: Quelqu’un m’a dit, aus: Quelqu’un m’a dit, 2002:

Mais qui est-ce qui m’a dit que toujours tu m’aimais?
Je ne me souviens plus, c’était tard dans la nuit.
J’entends encore la voix, mais je ne vois plus les traits:
„Il vous aime, c’est secret. Lui dites pas que je vous l’ai dit.“

Written by Wolf

4. August 2017 at 00:01

Ahnung und Gegenwart. Jeune femme assise. Wie sie ist

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Update zu Fräulein Rosa Martin aus Nürnberg (18),
Candida Terpin und
Welcome, proud Mary:

I.

——— Joseph von Eichendorff:

Ahnung und Gegenwart

Erstes Buch, Zweites Kapitel, 1812, Johann Leonhard Schrag, Nürnberg 1815:

Antoine Watteau, Jeune femme assise, tournée vers la droite, la jambe droite repliée, les épaules dénudées, 1716--1717, via Dave für Madame Pickwick Art BlogDas Rauschen und Klappern einer Waldmühle bestimmte seine Richtung. Ein ungeheurer Hund empfing ihn dort an dem Hofe der Mühle. Friedrich und sein Pferd waren zu ermattet, um noch weiterzureisen. Er pochte daher an die Haustüre. Eine rauhe Stimme antwortete von innen, bald darauf ging die Türe auf, und ein langer, hagerer Mann trat heraus. Er sah Friedrich, der ihn um Herberge bat, von oben bis unten an, nahm dann Sein Pferd und führte es stillschweigend nach dem Stalle. Friedrich ging nun in die Stube hinein. Ein Frauenzimmer stand drinnen und pickte Feuer. Er bemerkte bei den Blitzen der Funken ein junges und schönes Mädchengesicht. Als sie das Licht angezündet hatte, betrachtete sie den Grafen mit einem freudigen Erstaunen, das ihr fast den Atem zu verhalten schien. Darauf ergriff sie das Licht und führte ihn, ohne ein Wort zu sagen, die Stiege hinauf in ein geräumiges Zimmer mit mehreren Betten. Sie war barfuß und Friedrich bemerkte, als sie so vor ihm herging, daß sie nur im Hemde war und den Busen fast ganz bloß hatte. Er ärgerte sich über die Frechheit bei solcher zarten Jugend. Als sie oben in der Stube waren, blieb das Mädchen stehen und sah den Grafen furchtsam an. Er hielt sie für ein verliebtes Ding. „Geh“, sagte er gutmütig, „geh schlafen, liebes Kind.“ Sie sah sich nach der Türe um, dann wieder nach Friedrich. „Ach, Gott!“ sagte sie endlich, legte die Hand aufs Herz und ging zaudernd fort. Friedrich kam ihr Benehmen sehr sonderbar vor, denn es war ihm nicht entgangen, daß sie beim Hinausgehen an allen Gliedern zitterte.

Antoine Watteau, Jeune femme assise

~~~\~~~~~~~/~~~

II.

Auf dem einzigen Nacktfoto, das von Maria existieren darf, sieht sie älter aus. Der extraharte Kontrast macht alles künstlich und beweist alles und das Gegenteil.

Riccardo Arriola, Maria, 2016. Silver gelatin, Ilford Genuine Silver Gelatin Art PaperEs ist genau das geworden, was der Lateiner ein intense portrait nennt: Wer sie nicht kennt, fragt umgehend, wer das denn sei, weil es auf jeden Fall ein Jemand ist, nicht etwa ein Modell für oder von etwas. Gut so, sonst hätte Maria auch dieses einzige sofort aus dem Verkehr gezogen, die ersten Abzüge und das Negativ verlangt und sogar dem Fotografen das bloße Betrachten untersagt.

Maria wurde zum ersten Mal in ihrem jungen Leben von ihrem zweiten Freund, der Fotograf ist, nackt fotografiert; soviel sie weiß, wurden von ihr nicht einmal in der Kindheit die typischen Babyfotos auf Eisbärenfellen oder beim Spielen im Planschbecken gemacht. So sieht die Nacktheit an ihr aus wie ein Kostüm. Ist es, weil sie so misstrauisch guckt? Sie hat kein gesteigertes Interesse daran, ihr Nacktbild kunsthistorisch zu interpretieren, schon gar nicht, wenn sie mit dem Fotografen zusammen ist.

Ihr Bild, das ist nicht sie, das ist ihr klar. Sie setzt die Frau auf dem Bild nicht mit der Maria, die sie ist, gleich; nur deswegen kann sie damit leben. Etwas anderes als ihre Passfotos in Abständen von fast einem Lebensalter ist sie nicht gewohnt, und auch die waren ihr noch nie ähnlich.

Eigentlich sollte die Frau auf dem Bild Kleider tragen; sie schreit sichtlich am natürlichsten nach einem zu großen grauen Flauschpullover, nach Jeans? Gar nicht einmal so selbstverständlich. Vielleicht passender Cordhosen? Gar einem langen Rock? Es kann sein, weil allein ihr Gesicht ein Häppchen Wetter abgekriegt hat und der Restkörper von aller Sonnenfärbung unbeleckt ist.

Ihre Füße sind Größe 42, obwohl sie nach der Körperlänge nie die Größte in einer Gruppe war — worüber sich jede andere Frau ihr Leben lang „Gedanken gemacht“ hätte. Schuhe kaufen war gerade deswegen immer leicht: Sie nahm einfach immer die größten vorrätigen, genau eine Nummer vor den Schuhgeschfäten für Übergrößen. Sie fand ihre Füße immer ganz gut: haben immer getan, was sie sollten, fielen niemandem unangenehm auf, und als Kind trug sie erst dann Schuhe, wenn das Anziehen weniger lästig wurde als die kalten Füße vom Barfußgehen. Ihre Füße sind langzehig hübsch, aber davon weiß sie schon gar nichts mehr, und wenn man es ihr sagte, würde sie einen befremdet anschauen und unauffällig fliehen.

Riccardo Arriola, Maria, 2016. Silver gelatin, Ilford Genuine Silver Gelatin Art PaperAuf ein Nacktportrait hat sie sich eingelassen, um ihrem Freund den Gefallen zu tun, wird dergleichen aber künftig lassen: „Du hast doch schon eins.“ Und: „Warte doch bis Samstag, wenn du wieder mit mir schläfst“ — Jawohl, sie sagt nicht etwa: „bis wir wieder miteinander schlafen“ –, „da siehst du mich noch nackig genug.“

Sandalenträgerin war sie nie. Dazu sind ihr Füße, die sie nicht ausdrücklich als Element erotischen Interesses begreift, denn doch zu intim. Nicht einmal offenzehige Hausschuhe hat sie je besessen.

Ihr Freund sieht in seinem Beruf jeden Tag ungefähr zehn nackte Mädchen, die allesamt viel schöner sind als sie, jedenfalls nach Model-Maßstäben, die man nun mal an kommerziell verwendbare Fotos legen muss. Die sind ihm aber erotisch egal, er hat über sie nur ein nüchternes Urteil, auf das er sich verlassen kann, und in ihr auf ähnliche Weise eine zuverlässige Freundin mit völlig anderem Beruf, auf die er sich verlassen kann. Etwas Unspektakuläres bei der Spedition ist sie, 8 bis 17 Uhr, ausgelernt, fest übernommen. Er betrachtet sie als sehr ernstes, sehr gutes großes Mädchen.

Von dem Gefallen mit dem Nacktfoto nimmt sie für sich persönlich mit, wie es für die ganzen Profimodeletten so ist, mit ihrem Freund im selben Job zu arbeiten. In jeder Sekunde ist ihr ganz ohne Bedauern klar, dass sie das mit dem Modeln gar nicht richtig „kann“ und dass sie auch keinen Ehrgeiz dazu hat.

Einmal hat er ihr gesagt, was sie für schöne Zehen hat: ohne Schwielen oder Verwachsungen, weder kurze Knubbel noch lange schlackernde Knochengespenster, so sieht man das selten, direkt fotografieren müsste man die mal … Da hat sie ihm angesehen, wie er ihre Füße geistig in seinem Profifotoportfoliodings unterzubringen versucht, und das wird sie nicht mitmachen. Ein Fetischist in ihrem Bett, auf Füße oder Ledersachen oder Spielzeuge, das fehlte ihr noch. Da hat sie ganz schnell und unauffällig die Füße unter die Bettdecke versteckt und das Thema gewechselt. Sie fand das beklemmend, er soll doch sie lieben, seine Freundin, und nicht ihre — Füße. Da hat sie fast geweint.

Riccardo Arriola, Maria, 2016. Silver gelatin, Ilford Genuine Silver Gelatin Art PaperAm Samstag zur Liebeszeit will sie das Licht dabei ausmachen, weil sie Skrupel ob ihres nicht-modelkonformen mammalen Bindegewebes hat. Ihr Freund, der allein ihr Fotograf sein durfte, und das nur einmal, liebt sie trotzdem, wenn nicht gar deswegen — weil ihr Naturzustand eine Seltenheit ist, den sie immer nur ihm schenken wird. Sie muss lange und jede Woche aufs neue wie zum ersten Mal beschlafen werden, damit sie zu ihrem sexuellen Recht kommt. Das ist anstrengend, aber auf eine schöne Weise, die er nicht sportlich nennen will. Er ist nicht ihr erster Freund, wahrscheinlich aber nicht einmal der dritte, und auf jeden Fall der erste, der sie so lieben kann — weil sie es ihm nach ihrer eher durchwachsenen ersten Erfahrung erlaubt.

Er heißt Richard. Ein Name, sagt sie ihm, mit dem man ruhig berühmt werden kann: ein Künstlername. Maria auch, findet er. Er ist ein paar Jahre älter als sie, so viel, dass sie als schönes Paar akzeptiert werden. Ach was, sagt sie. Nichts will sie weniger sein als berühmt.

Sie mag: öffentlich küssen, das macht ihr ein Herzklopfen, von dem sie wacher und klarer im Kopf wird. Aber nicht zuviel davon, sonst hält sie nicht durch bis Samstag. Was sie nicht müsste, aber sie schätzt eine gewisse Ordnung. Sie kann, glaubt sie fest, schlecht einordnen, wann ein richtiger Moment zum Küssen im Bus oder im Supermarkt ist, darum schlägt sie es nie von sich aus vor.

O ja, sie hat Orgasmen — nicht selbstverständlich für eine Frau, die der Falsche verklemmt hieße. Markieren würde sie niemals, darauf käme sie gar nicht — im Gegenteil: Ihr Höhepunkt ist still, geradezu introvertiert. Ihr Freund bemerkt ihn daran, dass sie erschrocken einatmet, was sie aber während einer Liebesrunde öfter tut und was darum kein sicheres Zeichen ist — gekommen ist sie erst, wenn sie es ihm sagt, indem sie ihn bei den Ohren schnappt und zu einem neuen Kuss ansetzt. Übrigens küsst sie besonders gut, aber wenn man ihr das sagt, wehrt sie ab: „Ach komm. Wie küsst man denn schlecht?“

Nach dem Liebesspiel ist sie immer zittrig und so erschöpft, wie sie sich eigentlich nicht vor ihrem Freund zeigen will. Deshalb lässt sie sich — nur manchmal — zu einer zweiten Runde verführen, weil sie in diesen Momenten auf eine freudige Art wehrlos ist. Diese zweiten Male sind immer die schöneren. Das weiß sie, aber sie benutzt es nicht. Sie ahnt, dass sie deswegen etwas verpasst, aber sie vermisst es nicht schmerzlich. Ihre zweiten Orgasmen fallen etwas lauter aus, weil ihr Körper schon ganz labbrig ist und quasi unter seinen Händen zerfließt, dann kann sie schon nicht mehr verhindern, dass etwas mehr Stöhnen aus ihr hervorströmt. Diese Wehrlosigkeit genießt sie sehr bewusst, aber eigentlich will sie sich so nicht erleben, so versteht sie sich nicht.

Unten geleckt werden, das mag sie. Das hätte sie nie im Leben von ihrem Freund verlangt, aber er mag es von selbst. Sie strubbelt ihm durch die Haare dabei und nimmt beim Sex zu zweit ihre Zeit für sich. Wenn sie ihm dabei mit den Zehen den Rücken streichelt, kommt sie sich schon verruchter vor, als sie sein will.

Umgekehrt ihn blasen ist ihr eher eine Schuldigkeit, weil es schon das Allerverruchteste ist, das sie sich jemals für sich vorstellen kann. O doch, sie mag seinen Schwanz sehr, so aus der Nähe, wie sie ihn mit Lippen und Zunge erkunden und sogar seinen Aggregatzustand steuern kann — findet aber, dass sie sich eigentlich ekeln sollte. Das ist keine Scham, es ist eher Selbstbeherrschung.

Sie kann ihn mit dem Mund zu Ende bringen und schluckt sogar, nicht ungern. Meistens will sie ihn aber noch vor seinem ersten Verströmen „richtig“ in sich spüren. Seine Schwanzmaße sind genau richtig, Länge und Umfang, nur hart genug kann er gar nicht sein. Auch das ist eine Art Steuern.

Seine Eichel könnte ihr Lieblingskörperteil auf der ganzen Welt sein, wenn sie sich das gestatten würde. Sie hat sowas ja nicht, da ist ihr seine Eichel so schön zwischen fremd und vertraut. Ihre Mischung aus Härte und Weichheit entzückt sie nimmermüde, damit wird sie niemals fertig werden. Weder mit dem Mund, in dem sie dieses fremde Stück vertrauter Lieblingsmensch bis zur Wurzel hinab herumkugelt wie einen unanständig großen Schluck Pistazieneis, noch wenn er es in ihr auf und ab pumpt, so fest sie will, so lange sie will. Das Einführen, das Zurechtkuscheln seiner Eichel, wie sie ihren Weg in ihre feuchtwarme und dann immer besonders tiefe Muschel hinauf bahnt und seine ersten Stöße, das ist ihr das Schönste in jeder Woche. An diese Augenblicke ist sie nie ganz gewöhnt, die kostet sie immer bewusst aus.

Er sagt, ihre Muschel riecht und schmeckt ungewöhnlich gut, überhaupt nicht nach abgestandenem Fisch, vielmehr nach frischer Seeluft, und ihr Mädchensaft ist schön flüssig und fast gar nicht sämig, und er ist kristallen durchsichtig und immer so viel, eher Gebirgsbachwasser als ein Schleim. Sie rasiert sich unten, extra penibel und nicht ungern, mit altmodischen Rasierklingen und der ein bisschen zu teuren Creme, hat es irgendwann ins Ritual ihrer Waschungen aufgenommen. Es gibt ihr ein sauberes Gefühl selbstbewusster Weiblichkeit, das ihr beim Lieben hilft. Wie seine Eichel schmeckt, kann sie nicht gut sagen, sie hat zuwenig vergleichende Erfahrung. Ein bisschen durch die Nase, nach Bittermandeln.

Ihr fürchterlichstes Geheimnis ist: Sie hat schon mal in der Arbeit masturbiert, bis zu Ende, als sie einen Rock trug. Das war in der Urlaubszeit, als sie das Büro allein hatte, am ersten Tag nach ihrer eigenen Woche auf Rügen, wo ihre Haut noch mit Sonne aufgeladen war, und kurz nachdem sie mit den Intimrasuren angefangen hatte. Sie hatte die Schuhe ausgezogen, um eine letzte Prise Sand aus dem Urlaub auf den Boden zu leeren, und wurde erregt von ihrer eigenen glatten Haut. Da hakte sie den einen Fuß auf der Schreibtischplatte ein und schlüpfte mit den Fingern zwischen ihre Lippen, die sie von selbst einsaugten. Sie schaute auf ihre natürlich unlackierten Zehen dabei, die sich an den Strand erinnerten, und schenkte sich den verbotenen Genuss. O Gott, wenn das jemand mitgekriegt hätte. Im Moment, als sie die Zehen vom Tisch nahm, blickte sie eine einzelne offene E-Mail an, schon davon fühlte sie sich ewischt. Kein Kollege, kein Vorgesetzter, nicht einmal Richard weiß davon. Es war bestimmt wichtig, entschuldigt sie sich, für ihre Selbstwahrnehmung.

Von hinten, das mag sie nicht, weil er dann nicht so tief in sie reicht, aber sie versucht sich so lebhaft zu schlängeln oder so ruhig zu liegen, dass es möglichst lange dauert. Schon im letzten Jahr hat sie sich vorgenommen, es doch einmal auf ihre Initiative hin von hinten zu versuchen, weil sie gelesen hat, dass er dann leichter an ihren G-Punkt reicht, und sie herausfinden will, ob es den gibt. Sie wird es ihm nicht vorher sagen, er wird es bemerken. Wenn sie ihm damit eine Freude machen kann, sollte es nicht ihre Absicht sein, aber umso besser. Beschlossen hat sie das in einem Moment, in dem sie kurz vor unbeherrschtem Herumstöhnen stand, nach einem zweiten Höhepunkt — worüber sie sich selbst wundert: Den Einfällen, die sie in entzündetem Zustand hatte, misstraut sie, vergisst sie auch meistens schnell wie Träume. Erklären könnte sie das nicht, und wozu sollte sie auch? Sie kann das eben. Sie schläft gern mit ihrem Freund und freut sich jede Woche darauf, und damit gut.

Betrunken mit ihm schlafen, das mag sie auch nicht. Einmal hat sie ihn in ihrer Liebesnacht nach einer Geburtstagsfeier, auf der sie zuviel erwischt hatte, mit den Armen umklammert, ins Ohr gebissen, mit lasziv gesenkter Stimme das Wort „Ssseeex!“ hineingeflüstert, wie die Nymphomanin in einem Serienporno mit dem Hintern gekreist und dann albern gekichert, so geht das doch nicht. Ihm schien es zu gefallen, regelmäßig einfordern wird er es nicht.

Den letzten Samstag, als beide betrunken waren, lagen sie nur nebeneinander im Bett und hielten sich an den Händen. Sie lag geduscht und nackt auf dem Rücken und fingerte sich selbst mit der Rechten. Sie war bedacht, die Welle der Bewegungen auf nur einer Seite der Matratze und ihers Körpers zu halten. Mit der Linken machte sie synchron die gleichen Fingerbewegungen in seiner Handfläche nach. So lange, bis ihr Höhepunkt einsetzte, worüber sie sehr erschrak, weil sie das nicht geplant hatte. Sie bäumte sich mit dem Becken auf und stöhnte laut, es war nicht zu verhindern. Und noch einmal. Sie hörte nicht auf, sich zu fingern, mit zwei, dann drei Fingern der Rechten in ihrer nass überlaufenden Höhle, und links in seiner Hand. In ihr stand eine Säule aus Lust, die oben als Stöhnen aus ihr wuchs. Wollte noch einmal, weil es so ein ungekannt schönes Gefühl war. Seufzte beim dritten Mal nur noch leise, bis sie merkte, dass sie schluchzte. Dann drehte sie sich zu ihm und wollte ihn küssen vor Glück, bestimmt mochte er sie jetzt auch richtig lieben. Er schlief schon.

Händchenhalten, das mag sie auch. Zum Beispiel an jenem sonnenhellen frühen Nachmittag, als sie ihr Nacktfoto machen wollten, waren sie händchenhaltend in Richards Altbauwohnung gekommen. Die Verständigung zwischen ihnen lief wortlos, was sie normalerweise überschätzt findet, weil man doch bitte reden kann, wenn man sich liebt. Diesmal war es passend. Auch er zog sich dazu nackt aus, wohl um einen Unterschied zu seinen professionellen Shootings zu machen, und mit einem schweigend auffordernden Blick: Komm, du auch, zieh dich jetzt aus. Dann standen sie im größten Zimmer und legten ihre Kleider sorgfältig auf Stühle zusammen. Unnötig zu vereinbaren, dass sie hinterher natürlich miteinander schlafen wollten.

Riccardo Arriola, Maria, 2016. Silver gelatin, Ilford Genuine Silver Gelatin Art PaperAls er ihr Bild nach wenigen Probeschüssen eingefangen hatte, wusste er sofort, dass es gelungen war: Profiblick. Der Ausschuss ruht heute irgendwo in Richards Beständen; sie weiß gar nicht, ob er digital, als Negativ oder als Abzug archiviert. Dann sprach er das einzige Wort während ihrer Sitzung:

„Maria.“

Darauf schlang sie die Beine unter sich hervor und ging auf ihn zu, um zu verführen und sich verführen zu lassen, es war Zeit. Er wies sie zärtlich ab, mit einem kleinen Kuss auf den Mund, und schraubte noch die Kamera vom Stativ.

Entnahm den Film. Verstaute die Kamera. Baute das Stativ ab. Trug den Film ins Bad, das zugleich seine Dunkelkammer war. Hieß sie mit einem Blick folgen.

Sie verstand, dass er das Vorspiel verlängern wollte, indem sie erst gemeinsam den Film entwickelten. Sie machte gerne mit. Das folgende Liebesspiel erinnert sie als besonders lange und besonders langsam, geradezu in Zeitlupe.

Die letzten Meter ins Bett hatte er sie auf seinen Armen getragen, ihre Haut war warm. Er bettete sie so behutsam aufs Bett, dass sie gar nicht sagen konnte, in welchem Moment sie noch schwebte und schon auf der Federdecke lag. Er begann mit ihr an den Füßen, weil sie in Reichweite seiner Hände lagen. Nippte kleine Küsse von ihren Zehen. Sie ließ es geschehen, weil es um ihren ganzen Körper gehen sollte, dazu gehörten heute auch ihre — Füße. Das letzte, was sie in Worten dachte, war: Größe 42.

Die Schlafzimmertür stand offen, ebenso im größten Zimmer das Fenster zur Straße. Als ihre Lust um den zweiten oder dritten Höhepunkt herum immer lauter wurde, war es noch nicht richtig Abend. Er selbst hatte sich den Höhepunkt offenbar verboten, denn er ließ immer nur sie aufs neue und noch einmal und dann noch ein letztes Mal kommen. Erst als von draußen kühle Abendluft an ihren Hintern fächelte, merkte sie, wie erschöpft sie war. Sie fing seinen Blick ein und blinzelte ihm die Erlaubnis zu: „Komm.“ Während in ihr sein Schwanz zu pumpen begann, flüsterte er ihr oben ein weiteres Mal ins Ohr:

„Maria.“

Ohne Hilfe der Hände entließ sie seinen erschlafften Schwanz aus ihrer Muschel. Scheidenmuskeln, dachte sie heimlich, Scheidenwände, Vaginalmuskulatur, der seltsamen, fremdartig erregenden Wörter wegen, und: Beckenbodengymnastik, und lächelte glücklich. Wie aus Versehen überlegte sie, wie das Nacktfoto von ihr wohl jetzt, nachher, ausfallen würde, brachte ihn aber auf keine weiteren Ideen. Sie bekam Lust auf etwas Süßes, Starkes. Portwein. Sie fasste ihn um den Nacken und zog seinen Kopf zu sich, um ihn noch einmal zu küssen. So, dass ihre Dankbarkeit und Liebe für ihn darin lag.

Beim Aufstehen spannte ihre Haut am ganzen Körper elektrisch, ihre Gehversuche fühlten sich jetzt schon an wie nach zwei Gläsern Portwein. Ihre Fußsohlen mussten sich erst an die Parkettbohlen gewöhnen. Sie sah nicht, sie fühlte nur ohne Scham, dass sie noch aus der Muschel tröpfelte. Sie fuhr nicht einmal ertappt zusammen, als sie gegenüber das offene Fenster zur Straße bemerkte, freute sich sogar darüber, mit einem leisen Anflug von Stolz. Sie tapste tiefer in die Wohnung, verschwand aus dem Sichtfeld des Schlafzimmers, durchbefriedigt, barfuß, nackt.

Hinter ihr stützte Richard den Kopf auf einen Arm und beobachtete sie, als ob sie sein Fotomodell wäre. Er versuchte nicht zu breit zu grinsen, denn es war ihm nicht entgangen, daß sie beim Hinausgehen an allen Gliedern zitterte.

Riccardo Arriola, Maria, 2016. Silver gelatin, Ilford Genuine Silver Gelatin Art Paper

Bilder: Antoine Watteau: Jeune femme assise, tournée vers la droite, la jambe droite repliée, les épaules dénudées, 1716–1717, via Dave für Madame Pickwick Art Blog: Watteau & Utopia on Standby: The Ghosts of Style, 15. Oktober 2010;
Jeune femme assise, via The Morgan Library & Museum, wie üblich bei Watteau ausschließich Holzkohle mit Rötel als einziger Farbe, mit Weiß gehöht;
Marienbilder: Riccardo Arriola: Maria, 2016. Silver gelatin, Ilford Genuine Silver Gelatin Art Paper, via Grand Studio Atelier, Dezember 2016.

Marias Lieblingsband: First Aid Kit (Klara, 15, und und Johanna Söderberg, genau am Tag zuvor 18 geworden) live für ihre erste EP Drunken Trees im schwedischen Wald von Oppunda, 1. November 2008: You’re Not Coming Home Tonight; Our Own Pretty Ways; Jagadamba, You Might:

Written by Wolf

2. Juli 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Romantik

Ein Nichts, ein Zwischenraum (Jedenfalls sie hattens nicht)

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Update zu Menschenhaß! Ein Haß über ein ganzes Menschengeschlecht! O Gott! Ist es möglich, daß ein Menschenherz weit genug für so viel Haß ist!
und Ich will mich wie mein Schwanz erheben:

Sinaida Serebrjakowa

Neues aus meiner Jugend: Als meine Eltern glaubten, in meinem verrammelten Zimmer läse ich das, was sie bis heute „hochgestochene Gedichtebücher“ nennen, so hatten sie recht. Ebenfalls bis heute wäre ihnen nie im Leben zu vermitteln, was da eigentlich drinsteht — und mir, wie man endlich einen russischen Roman über 800 Seiten durchhält. Anderes Thema.

Sinaida Serebrjakowa, Portrait of daughter Ekaterina Serebriakova, 1928Mit 14 gingen für mich allerdings die Kurzgeschichten von Čechov, Peter-Urban-Übersetzung von 1976, und die schmissigeren Gedichte von Puschkin klar. Bleiben wir bei letzterem. Wenn meine Eltern das geahnt hätten, dass mir eine Ballade von ihm — um sie nicht als Büttenrede abzuqualifizieren — eine Woche lang erspart hat, meine selbstverfertigten Ferkeleien auf dem Schulhof für 20 Pfennig pro Durchschlag zu verhökern.

1822 war Puschkin 23, ein adliger Offizierssohn in russischen Staatsdiensten in Saft und Kraft, und durfte dergleichen schreiben — gerade weil er den gleichen Fehler machte wie weiter westlich sein Schreiber- und Romantikerkollege E.T.A. Hoffmann und sich durch satirische Zusetzungen mit seinen Petersburger Vorgesetzten anlegte. Ich kannte mit 14 die Übersetzung aus seiner Gesamtausgabe bei Insel, die von 1968 stammt, und habe immer bedauert, mir diese Textmenge nie ganz auswendig gemerkt zu haben.

Vielleicht hat sich meine Faulheit beim Auswendiglernen gelohnt, weil mir heute eine Übersetzung von 1998 über den Weg läuft, die um einiges souveräner daherkommt. Menschen, die ziemlich viel von Russisch und speziell von Puschkin verstehen, geben mir die Einschätzung, die Übersetzung sei „stellenweise etwas künstlerisch freizüngig und modernisiert, erkennte da jeder noch seinen Puschkin? Nuja, andererseits: Warum nicht, könnte vielleicht als sowas wie der 40-Töchter-Rap durchgehen.“ — Wie ich sagte, ohne unmittelbar mit Puschkins Original vergleichen zu können: souverän.

Zusätzlich zu seinem Husarenstück liefert Dietrich Gerhardt seinen Fachartikel: X. Puschkins Gedicht „Zar Nikita und seine vierzig Töchter“, den ich zu Einordnung und Verständnis warm empfehle und auch von den o. a. puschkinverständigen Menschen als „erhellend und kurzweilig“ eingestuft wird. — Auszug:

Der Text des „Zaren Nikita“ ist ein interessantes Mittelding zwischen authentischer, d. h. handschriftlich gestützter Überlieferung und oraler Tradition. Bei abnormen, in diesem Falle gegen die Konvention gerichteten Produkten ist so etwas gar nicht so selten; man denke etwa an die vielen „normalen“ Texte mit „abnormalen“ und nur mündlich tradierten Fortsetzungen oder an das große Gebiet der politischen Dichtung. Nur Vers 1 bis 26 sind in einem Autographen Puschkins erhalten, alles übrige beruht auf dem, was vor allem Puschkins Bruder Lev Sergeevič und andere wie M. N. Longinov in ihren Gedächtnissen bewahrt haben und was von den verschiedensten Hörern in Nachschriften fixiert wurde. Bis Vers 76 stimmen zwar zahlreiche dieser Notate überein, aber von da an gibt die textliche Basis kein völlig klares Bild mehr von einem oder mehreren Textstadien. Da die zaristische Zensur, die Puschkin selbst am Schluß des authentischen Teils als fromme, allzu prüde Närrin angeht, gegen eine Veröffentlichung in Rußland sicherlich Einspruch, wenn nicht mehr, erhoben hätte, treten von der Jahrhundertmitte an ausländische Publikationen in die Bresche und führen zu den ersten Abdrucken. Dann beginnen die neueren Ausgaben bis hin zu der letzten akademischen Gesamtedition. Neuere Textzeugen sind nun wohl nicht mehr zu erwarten und der Wortlaut steht nach der dort geleisteten peniblen Puzzle-Arbeit im wesentlichen fest.

Die erwähnten Bilder von Nina Ivanovna Ljubavina und Elena Anatolevna Gliznecova sind mit meinen Mitteln — sprich: Russischkenntnissen — nicht aufzutreiben, aber eine Gegenüberstellung der zwei bekannten, sehr vergnüglichen Übersetzungen, das geht. — Für die Russen unter uns — zuvörderst zur Feststellung, warum die Übersetzungen unterschiedlich lang geraten mussten, — steht das kyrillische Original auf Wikisource und öfter.

Sinaida Serebrjakowa

——— Alexander Sergejewitsch Puschkin:

Zar Nikita und seine vierzig Töchter

1822:

Deutsche Übersetzung: Lieselotte Remané, 1968:

Zar Nikita, reich und mächtig,
Lebte lustig, lebte prächtig,
War vielleicht kein Bösewicht.
Doch auch Gutes tat er nicht.
Meistens mußte er sich plagen –
Tags mit Eß- und Trinkgelagen
Und mit seinen Fraun bei Nacht,
Bis sie ihm zur Welt gebracht
Vierzig Töchter, die vergleichbar
Gottes Engeln, unerreichbar
Klug und liebenswert und schön.
Welche Wonne, nur zu sehn
Diese Köpfchen, diese Haare,
Diene holden Augenpaare
Und die schlanken Beine gar!
All das schien bestimmt, fürwahr.
Männer auf die Knie zu zwingen
Und um den Verstand zu bringen,
Fehlte nicht – zu ihrem Leid –
Allen eine Kleinigkeit …
Doch wie soll ich das erklären? …
Soll ich’s wagen, mich nicht scheren
Um Gesittung und Moral?
Sei’s drum, schließlich ist’s egal.
Ob pedantische Zensoren,
Mucker, Heuchler und Pastoren
Lauthals gleich ihr Veto schrein!
Also: diesen Jüngferlein …
Fehlte zwischen ihren Beinen …
Nein! Das mag zu deutlich scheinen …
Lieber Gott, wie fang ich’s an?
Ob man’s so umschreiben kann?:
Venus, reizen mein Gelüste
Nur dein Mund und deine Brüste?
Ach, der Liebe letzter Traum
Ist ein Nichts, ein Zwischenraum.
Nun, den Töchterchen des Zaren,
Die so lieb und lustig waren,
Und so holden Angesichts,
Fehlte eben dieses Nichts.
Trog nicht solcherlei Entartung
Schließlich jedes Manns Erwartung?
Ach, der Zar war fassungslos,
Und nicht minder schwer verdroß
Es die mütterlichen Damen.
Als das Volk dann durch die Ammen
Diesen Hoffskandal erfuhr,
Sperrte jeder sprachlos nur
Auf das Maul, doch was er dachte,
Sagte keiner. Alles lachte
Heimlich bloß – man kann’s verstehn –
Um nicht nach Nertschinsk zu gehn.
Sämtliche Lakain und Ammen
Rief der Zar deshalb zusammen
Und verbot, daß irgendwer
Noch darob ein Wort verlor.
„Keiner soll sich mehr erfrechen,
Laut von Fleischeslust zu sprechen,
Damit meinen Töchtern nicht
Liebesgram die Herzen bricht.
Weibern, die sich lustig machen,
Über meine Töchter gar,
Über ihr Gebrechen lachen
– Drohte der erzürnte Zar –,
Schneide ich die Zunge raus.
Und den Männern – freiheraus
Sei’s gesagt, ihr sollt nicht meinen,
Daß ich scherze – das Gemächt!“
Hart war dies, jedoch gerecht,
Und so gab es schließlich keinen,
Der Gehorsam nicht gezeigt,
Dem Dekret sich nicht gebeugt.
Alle hielten steif die Ohren,
Waren um ihr höchstes Gut
Stets wohlweislich auf der Hut.
Manch ein Weib gab schon verloren
Ihren redseligen Mann,
Doch der dachte unverfroren:
Fing sie doch zu schwätzen an!
(Denn er wünschte sie zum Teufel).
Als die vierzig Jüngferlein
Heiratsfähig ohne Zweifel
Schienen allesamt zu sein,
Da berief der fromme Zar
Heimlich zu sich die Bojaren,
Denn kein Diener sollt’s erfahren –
Legte seinen Kummer dar,
Bat sie, Rat ihm zu erteilen,
Wie das Übel wär zu heilen.
Aus der Würdenträger Chor
Trat ein greiser Ratsherr vor.
Und verneigte sich vor allen.
Da ihm grad was eingefallen,
Tippte sich der alte Tropf
Plötzlich auf den kahlen Kopf
Und begann drauflos zu schwätzen:
„Weiser, edler Zar, verzeiht
Gnädigst mir die Dreistigkeit
Meiner Rede! Nicht verletzen
Möcht ich Anstand und Moral.
Doch ich kann in diesem Fall
Nicht vom Sumpf der Wollust schweigen,
Die vergangnen Zeiten eigen.
Eine üble Kupplerin,
Der ich einst begegnet bin
(Weiß nicht, wo sie dann geblieben,
Und was sie seitdem getrieben),
Galt als Hexe und verstand
Von der Heilkunst allerhand.
Sie zu finden muß gelingen,
Einzig sie kann Rettung bringen!“
„Sucht die Hexe, findet sie“,
Schrie der Zar, „gleichgültig, wie!“
Sollte uns das Weib belügen,
Hintergehen, frech betrügen,
Mag man mich ein Hundsfott nennen,
Gäb zum Rosenmontag ich
Nicht Befehl, sie zu verbrennen.
Doch Gott hilft uns sicherlich!“

Heimlich ließ er von Kurieren
Nach der Hexe spionieren,
Rundherum im ganzen Land
Wurden Boten ausgesandt.
Sie durchsuchten alles gründlich,
Doch wohin ihr Blick auch drang,
Allerwegen unauffindlich
Blieb das Weib zwei Jahre lang.
Endlich konnt nach wildem Ritte
Einer eine Spur erspähn,
Sah im Wald dann eine Hütte
Tief versteckt im Dickicht stehn
(Eigenhändig, ohne Zweifel,
Führte dorthin ihn der Teufel.),
Und, fürwahr, er fand darin
Die gesuchte Zauberin.
Als Gesandter seines Zaren
Konnt er Höflichkeit sich sparen,
Trat gleich ein ganz ungeniert,
Sagte, was ihn hergeführt.
Was den Zarentöchtern fehlte.
Eh, daß er’s zu End‘ erzählte,
War der Alten völlig klar,
Was des Zaren Auftrag war.
Aus dem Haus hieß sie ihn gehen,
Keinesfalls sich umzusehen.
„Fort“, schrie sie, „sonst packt dich Tropf
Böses Fieber gleich beim Schopf! …
Komme wieder nach drei Tagen.
Meine Antwort zu erfragen,
Doch beim ersten Frührotschein!“
Dann schloß sich die Hexe ein,
Unterm Kessel Glut zu schüren
Und den Satan zu zitieren.
Und der Teufel kam und gab
Selbst ein Kästchen bei ihr ab,
Voll von jenen Gottesgaben,
Dran sich Wollüstlinge laben.
Jede Farbe war parat.
Ganz zu schweigen vom Format.
Doch die Hexe reservierte
Für die Zarentöchterlein
Nur die schönsten und sortierte,
Wohlverpackt in Tüchlein fein,
Sie ins Kästchen wieder ein.
Als der Bote nach drei Tagen
Wiederkam, gab sie’s ihm mit,
Hieß ihn heimwärts schnell zu jagen,
Schenkte für den langen Ritt
Ihm ein Geldstück noch zum Lohn.
Eiligst brauste er davon.
Aber schon nach ein paar Stunden
Spürte Hunger er und Durst,
Machte Rast und ließ sich munden
Wodka, Brot und Speck und Wurst –
War als ordentlicher Mann
Wohlversorgt mit Trank und Essen.
Während auch sein Gaul indessen
Friedlich graste, fing er an,
Sich den Lohn schon auszumalen.
Den der Zar spendieren könnt.
Ob er Tausende wird zahlen
Und zum Grafen ihn ernennt?
Doch was schickt das Weib dem Zaren,
Was ist in dem Kasten drin?
Allzugern möcht er’s erfahren,
Leider, ach, verschloß sie ihn.
Neugier wachsen und Begehren.
Noch steht seine Furcht davor …
An das Schloß preßt er sein Ohr,
Aber nichts ist drin zu hören.
Schließlich schnuppert er daran …
Fährt zurück und ruft : „Beim Teufel
Ja, das ist doch … ohne Zweifel! …
Na, das seh ich mir gleich an!“
Doch kaum hat er aufgebrochen
Die Schatulle, schwirrte schon,
Was darin so gut gerochen.
Wie ein Vogelschwarm davon.
Ringsum ließen sie sich nieder.
Wiegten auf den Zweigen sich.
Rief nach ihnen flehentlich
Unser Bursch auch immer wieder,
Streute er auch Stück um Stück
Seinen Zwieback aus, vergebens!
Keines kam zu ihm zurück,
Alle freuten sich des Lebens
Mehr in Freiheit, statt im engen
Dunklen Käfig sich zu drängen.
Schließlich kam des Wegs gezogen
Just ein altes Weib daher,
Tief gebeugt, krumm wie ein Bogen,
An der Krücke keuchend schwer.
Und der Bursch fiel ihr zu Füßen:
„Meine Vögel“, schrie er, „sieh,
Ließ ich fliegen! Schrecklich büßen
Werd ich’s, Mutter! Sag mir, wie
Krieg ich sie ins Kästchen wieder?“
Und die Alte hob den Kopf,
Spuckte aus, sah auf ihn nieder,
Zischte nur: „Heul nicht, du Tropf,
Hast dich übel zwar vergangen,
Doch nicht schwer ist’s, sie zu fangen,
Denn sie wissen, wo ihr Platz,
Knöpf nur auf den Hosenlatz!“
„Danke“, sprach er – und ließ sehen,
Was man sonst nicht zeigt so frei.
Kaum jedoch war dies geschehen,
Flog der Schwarm auch schon herbei.
Um nicht Schlimmres zu erfahren,
Faßte er die Vögelein,
Sperrte alle wieder ein
Und ritt weiter, heim zum Zaren.
Von den Töchtern setzte jede
Fröhlich ohne Widerrede
Einen in ihr eignes Nest.
Und dann gab der Zar ein Fest.
Sieben Tage ging die Fete,
Zechte man in Saus und Braus,
Dreißig Tage schlief man aus,
Und dann kriegten alle Räte
Von des Zaren eigner Hand
Umgehängt ein Ordensband.
Auch der alten Hexe sandte
Zar Nikita, eingedenk
Ihrer Künste, als Geschenk
Eine ziemlich abgebrannte
Kerze, ein Museumsstück,
Und zu ihrem höchsten Glück,
Was Erstaunen wohl erregte,
Zwei in Spiritus gelegte
Schlangen, sowie zwei Skelette
Aus demselben Kabinette …
Auch der Bote ward bedacht.
Damit schließ ich, gute Nacht!

Deutsche Übersetzung: Dietrich Gerhardt, 1998:

Irgendwo auf dieser Welt,
Wo, das sei dahingestellt,
Lebte seine Dolce Vita
Einst ein Zar, genannt Nikita;
Machte seinem Musterlande
Nicht viel Ehre, nicht viel Schande,
Tat nicht viel und aß und trank,
Sagte seinem Schöpfer Dank,
Und zu vieler Mütter Glück
Zeugt’ er Töchter, vierzig Stück,
Vierzig Töchter ohne Mängel,
Vierzig Mädchen wie die Engel,
Schöne Mädchen, wie ich meine,
Lieber Himmel, was für Beine!
Was für Köpfchen, schwarzes Haar,
Augen, Stimme wunderbar,
Und ein Geist, der uns begeistert,
Herz und Sinne gleich bemeistert,
Kurz, von Kopf bis Fuß vollkommen –
Ihnen war nur Eins benommen.
Was denn? Eine – Bagatelle,
Fast ein Nichts auf alle Fälle,
Ganz egal, aus welcher Sicht.
Jedenfalls sie hattens nicht.
Ja wie soll mans nur erklären,
Ums moralisch zu bewähren
Vor der Mutter der Kultur,
Unsrer kitzlichen Zensur?
Nun, was solls, es muß wohl sein.
Zwischen ihren Beinen – Nein,
Das fällt allzu deutlich aus.
Anders wird ein Schuh daraus:
Venus zeigt mir nicht alleine
Busen, Lippen, schöne Beine,
Auch den Feuerherd der Liebe,
Ziel des heißesten der Triebe.
Nun, was ist wohl diese Stelle?
Eine kleine Bagatelle,
Und just diese hatten schlicht
Unsre schönen Töchter nicht.
Die genetische Bewendnis
Sahen ohne viel Verständnis
Alle höfischen Berater.
Traurig war es für den Vater
Und die Mütterschar zusammen.
Als von ihren Hebeammen
Man erfuhr, was da geschehen,
Ließ das Volk sich schmerzlich gehen,
Stöhnte, raufte sich das Haar,
Mancher fand es komisch gar,
Doch in aller Heimlichkeit,
Denn Sibirien war nicht weit.
Seinen Hofstaat zu erbauen,
Auch die frommen Kinderfrauen,
Gab der Zar nun dies Gebot:
„Wer es wagt und ohne Not
Meine Töchter Sünde lehrt,
Oder nicht zu denken wehrt,
Oder ihnen nicht verhehlt,
Daß bei ihnen etwas fehlt,
Oder mit obszönen Gesten
Oder Worten sie will testen,
Dem, das sollten Weiber wissen,
Wird die Zunge ausgerissen,
Wenns ein Er ist schlimmstenfalles
Etwas andres, manchmal pralles.
„So gerecht war unser Zar,
Wie er streng und deutlich war.
Das Gebot war recht und billig.
Jeder unterwarf sich willig,
Lebte nun mit Vorbedacht
Nahm sein Hab und Gut in Acht.
Zwar die armen Weiber hatten
In die Schweigsamkeit der Gatten
Nicht das nötige Vertrauen.
„Schuld sind immer nur die Frauen!“
Dachten jene ärgerlich
Und erbost ihr Teil für sich.
Und so wuchsen sie heran,
Was man nur bedauern kann.
Vor dem Rate legt der Zar
Schließlich seine Sache dar,
So und so, und ziemlich frei
Wenn kein Dienerohr dabei.
Viele dachten nach im Staat
Wie das wohl zu heilen sei.
Da erschien ein alter Rat
Grüßte, schlug sich vor die Glatze
Und begann ein Mordsgeschwatze:
Herr und Zar, du großes Licht,
Strafe meine Frechheit nicht,
Wenn ich sage, wie vor Zeiten
Man verfuhr mit Fleischlichkeiten.
Mir war einst in unserm Land
Eine Kupplerin bekannt.
Wo und was sie heute treibt
Sicher ist sie, was sie bleibt:
Weitberühmt durch Hexerei
Macht sie aller Krankheit frei,
Heilt so Leib- wie Gliederschwächen,
Husten, Brust- und Seitenstechen.
Diese muß man suchen lassen.
Sie wirds schon in Ordnung bringen,
Kennt sich aus in solchen Dingen.
„Also kriegt sie mir zu fassen!“
Rief der Zar mit Zornesblicken,
„Augenblicklich nach ihr schicken!
Doch wenn sie sich untersteht,
Nicht beschafft, worum es geht,
Uns mit Lügerei umgaukelt
Oder anderswie verschaukelt,
Werde ich, so wahr ich Zar bin
Und im Kopfe halbwegs klar bin,
Ihr den Scheiterhaufen schüren
Und damit den Himmel rühren.
„Also schickt man heimlich-leise
Per Expreß in größter Eile
Seine Häscher auf die Reise
Fort in alle Landesteile,
Und sie fahnden rings in Scharen
Nach der Hexe für den Zaren.
Ein-zwei Jahre gehn ins Land,
Nichts wird irgendwo bekannt.
Bis ein Junge, aufgeweckt,
Eine heiße Spur entdeckt.
Wie vom Teufel selbst gestoßen
Kam er in den Wald, den großen,
Sieht: Ein Häuschen steht im Wald,
Drin die Hexe, grau und alt,
Und als Bote seines Zaren
Achtlos möglicher Gefahren,
Tritt er ein und grüßt sie keck,
Spricht von seinem Reisezweck,
Stellt die vierzig Töchter dar,
Und was nicht vorhanden war.
Nun, die Alte riecht den Braten
Und befördert den Soldaten
Rasch zur Tür hinaus: „Verschwinde!
Und wirf keinen Blick zurück,
In drei Tagen hol ein Stück
Dir als Antwort-Angebinde.
Und vergiß nicht: Früh am Tage,
Sonst besiehst du Not und Plage!
„Hinter fest verschlossner Tür
Zaubert sie dann nach Gebühr,
Drei Mal vierundzwanzig Stunden,
Bis den Teufel sie gebunden,
Bis er für das Zarenschloß
Selber ihr ein Kästchen goß,
Voll mit frevelhaften Dingen,
Denen Männer Opfer bringen.
Alle gabs mit Zubehör,
Jede Größe und Couleur,
Auch gelockte, erste Wahl,
Von der ganzen großen Zahl
Nahm die Hexe sich heraus.
Sucht die vierzig schönsten aus,
Eine Serviette drum,
Dreht den Schlüssel um und um.
Schickt ihn damit auf die Reise,
Gibt ihm Geld für Trank und Speise.
Der geht los im Morgenrot,
Will mit seinem Früstücksbrot
Zur Siesta sich bequemen.
Etwas Wodka zu sich nehmen,
Hatte alles mit Bedacht
Für den Rückweg mitgebracht.
Bald ist alles aufgezehrt.
Ruhig dösen Mensch und Pferd
Nun in süßen Träumerein:
Loben wird ihn der Regent,
Wenn er ihn nicht gar ernennt …
Was schließt wohl das Kästchen ein?
Was ists wohl für ein Präsent?
Fruchtlos schaut er durch die Spalten.
Ärgerlich! Die Schlösser halten.
Und die Neugier plagt und brennt,
Fängt zu jucken an, zu bohren.
An das Schloß hält er die Ohren:
Nichts dringt aus dem Schlüsselloch.
Doch wies riecht – das kennt er doch?
Gott verdammt, was ist geschehen?
Etwas könnte man mal sehen.
Und den Jäger hielts nicht mehr.
Kaum kriegt er den Schlüssel her,
Sind die Vögel ausgeflogen,
Haben ringsum sich verzogen,
Husch! – im Kreise auf die Äste
Schwänzeln die befreiten Gäste.
Unser Jäger rief erschrocken,
Wollte sie mit Zwieback locken,
Streute Krümel aus – vergebens
(Klar: Sie brauchten andre Speise!),
Sangen, freuten sich des Lebens,
Und zurück auf keine Weise!
Doch da kommt den Weg entlang
Grad im Krücken-Humpelgang
Lahm die Beine, krumm die Knochen,
Eine alte Frau gekrochen.
Jener fällt ihr – bums! – zu Füßen:
„Muß mit meinem Kopfe büßen,
Hilf mir, Mutter, steht mir bei,
Sieh nur, diese Schweinerei!
Ich kann sie nicht wieder fangen.
Wie ist das bloß zugegangen?“
Als sies übersehen kann,
Spuckt sie aus und zischelt dann:
„Böses hast Du angestellt,
Doch sieh mutig in die Welt,
Brauchst den Vögeln nur zu zeigen …,
Runter sind sie von den Zweigen.“
„Danke“, sprach er, „sei gepriesen.“
Hat es ihnen kaum gewiesen,
Sind sie schon herab geflattert
Und zu neuer Haft vergattert.
Weil dies Pech genug gewesen,
Sperrt er ohne Federlesen
Alle vierzig in den Kasten,
Macht sich heimwärts ohne Rasten,
Um sie heil zu überbringen,
Wo die Mädchen sie empfingen,
Schnurstracks in den Käfig taten,
Sehr zur Lust des Potentaten.
Gleich gabs dann ein Festgelage,
Und man zechte sieben Tage,
Und erholte sich vier Wochen.
Lob und Dank ward ausgesprochen,
Auch der Hexe nicht vergessen.
Ihr ward nämlich zugemessen
Aus dem Wunderkabinette
Zwei Reptilien, zwei Skelette,
Und – man wunderte sich wohl –
Aschenbrand in Alkohol.
Auch der Jäger ging nicht leer aus.
Das ist meines Märchens Kehraus.

***

Viele werden mich wohl schmähen,
Weil sie gern begründet sähen,
Wie man so was schreiben kann.
Nun, ich kanns. Was geht sies an?

Sinaida Serebrjakowa

Bilder: Vaginalose russische Akte von Sinaida Serebrjakow, 1884–1967. Das zweite von oben, das Hochformat, ist ein Portrait von Ekaterina, der Künstlerinnentochter, 1928.

Sinaida Serebrjakowa

Soundtrack: Beloe Zlato („Weißes Gold“): Über den stillen Fluss:
stubenreines, jugendfreies russisches Volksgut.

Written by Wolf

23. Juni 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Romantik

O süßes Lied

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Die Leute wollen neben der Politik und dem Aktuellen etwas haben, was sie ihrer Freundin schenken können. Sie glauben gar nicht, wie das fehlt.

(Riesenschnörkel) Ernst Rowohlt, in: Kurt Tucholsky: Schloss Gripsholm, 1931.

——— Rainer Maria Rilke:

Liebes-Lied

aus: Neue Gedichte, 1907:

Russian Academy of Painting, Repin & Surikov. PortraitsWie soll ich meine Seele halten, daß
sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie
hinheben über dich zu andern Dingen?
Ach gerne möcht ich sie bei irgendwas
Verlorenem im Dunkel unterbringen
an einer fremden stillen Stelle, die
nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen.
Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,
der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.
Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Geiger hat uns in der Hand?
O süßes Lied.

~~~\~~~~~~~/~~~

Und welche Geigerin: Repin & Surikov
via Russian Academy of Painting.

O süßes Lied: Anna Roberts-Gevalt, friends & family
auf Full Moon Jam, daheim in Eggleston, Virginia:
The Ballad of Sally Ann, September 2010:

Written by Wolf

5. Mai 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Novecento

Flämmchen

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Update zu Lasst mich scheinen, bis ich werde
und Ein holprichtes Lied mit tiefer und rauher Stimme:

Nichts ist törichter als die Frage, welcher Dichter größer sei als der andere. Flamme ist Flamme, und ihr Gewicht läßt sich nicht bestimmen nach Pfund und Unze. Nur platter Krämersinn kommt mit seiner schäbigen Käsewaage und will den Genius wiegen. Nicht bloß die Alten, sondern auch manche Neuere haben Dichtungen geliefert, worin die Flamme der Poesie ebenso prachtvoll lodert wie in den Meisterwerken von Shakespeare, Cervantes und Goethe.

Einleitung von Heinrich Heine in: Der sinnreiche Junker Don Quixote von La Mancha. Von Miguel Cervantes de Saavedra, Brodhagsche Buchhandlung, Stuttgart 1837.

Wie versprochen folgt einer der besten Gründe, sich auf Karl Immermann: Die Epigonen zu stürzen, wo man sie antrifft: die Figur Flämmchen.

Ganz und gar außergewöhnlich für Zeit und Genre, weil man derart umtriebige, sehr junge Mädchen nicht in fiktiven Chroniken der deutschen Romantik, sondern viel eher in Kinderbüchern ab dem 20. Jahrhundert suchen und antreffen würde, stünde Flämmchen heute im Verdacht, nur als Manic Pixie Dream Girl herzuhalten. Abgesehen aber davon, dass der begriffsprägende Filmkritiker Nathan Rabin sich nach sieben Jahren von seiner Prägung ausdrücklich distanziert hat, wird Flämmchen zunächst als eine Art Manövriermasse für die Handlungsträger eingeführt, wird später aber näher besehen aus sich heraus aktiv und treibt die Handlung wesentlich voran. Immermann bringt mehr Handlungsstränge, als seine angeblichen neun ausgewiesenen Bücher des Romans erfordern, Flämmchen wird bis zum Schluss als Protagonistin beibehalten: Wie außerhalb der Fiktionen wäre das Leben nicht das Leben ohne solche Flämmchen.

Nicht alle Fiamettas, Fiammettas, Flamettas, Flammettas, kurz: Flämmchen waren als Volltext aufzutreiben, was ich besonders im Falle Fouqué bedaure. Wahrscheinlich liegt das sogar recht passend in ihrem Wesen: Flatterhafte, flackernde Feengestalten sind sie alle. Stellen wir uns die Goethe’sche Mignon oder gleich Pippi Langstrumpf vor, dann erklärt sich die Motivation, alle wenigstens einmal gesehen zu haben, von selbst.

In der visuellen Reihe nimmt sich die Cicogna, die sich offensichtlich qua Künstlername aktiv Fiammetta nennt, noch am fremdartigsten aus; dafür hätte man auf die zwei sonnigen tomboyischen Elfenwesen, die weit und breit nichts mit Boccaccio und seinen Nachfolgern zu tun haben, am allerwenigsten verzichten wollen. Allein diese zwei Glücksmädchen sind jede menschliche und jede literarische Begegnung wert — und an dieser Stelle aufs freundlichste gegrüßt.

Stefano Masse, Fiammetta Cicogna, Wild Oltrenatura, 2016

  1. Fiammetta: Boccaccios Geliebte und Muse „Fiametta“ Maria d’Aquino aus Neapel. Bei Boccaccio in:

  2. Stefano Masse, Fiammetta Cicogna, Wild Oltrenatura, 2016

  3. Fiametta: Joseph Haydn, Musik verschollen, Text Joseph Felix von Kurz alias Bernardon: Der krumme Teufel, Operette ca. 1751. Pflegetochter des Arnoldus.

    ——— Carl Ferdinand Pohl: Joseph Haydn, Erster Band, Erste Abtheilung, Den Manen Otto Jahn’s, 6. Lehr- und Wanderjahre. Breitkopf & Härtel, Leipzig 1878:

    Und die Musik von Haydn? – wird der Leser schon längst gefragt haben. Die Musik zum neuen krummen Teufel wurde bis jetzt nicht aufgefunden. Die Partitur ist verschollen, obwohl die Operette an vielen Orten wiederholt gegeben wurde. […] Gleich dem Faust wurde auch Le diable boiteux immer wieder von Zeit zu Zeit von den Theaterdichtern als dankbarer Stoff neu bearbeitet. Noch im Jahre 1839 wurde in Wien „Asmodeus der hinkende Teufel, oder: die Promenade durch drei Jahrhunderte“ als Original-Posse von Karl Haffner im Theater an der Wien gegeben (Nestroy als Asmodeus). In demselben Jahre wurde im Kärnthnerthor-Theater „Der hinkende Teufel“ auch als pantomimisches Ballet in drei Acten von Coralli und Gurgy, Musik von Casimir Gide und Anderen, 27 mal aufgeführt. Dieses Ballet hatte zuvor in Paris Furore gemacht durch die Mitwirkung der gefeierten Fanny Elßler als Florinde. Durch eine artige Verkettung von Umständen tanzte demnach die Tochter des Johann Elßler, langjährigen Copisten und treuen Dieners Haydn’s, in demselben Sujet, das dem Meister und Vorgesetzten ihres Vaters als Folie seiner ersten öffentlichen Wirksamkeit gedient hatte.

  4. Flametta: Clemens Brentano: Godwi, Roman 1801. Zweiter Band, Zwölftes Kapitel u.ö.:

    Sara Trash-it, T-Shirt dipinta a mano – hand-painted, 28. Oktober 2011Haber ging mit dem Jägerburschen weiter vor uns, und unterhielt ihn in einem dringenden Gespräche. Es schien ihm etwas unheimlich im Walde zu sein. Der Jäger erzählte ihm allerlei Mordgeschichten, und vom wilden Heere. Das letzte wollte er nun gar nicht recht glauben, und sagte einmal über das andere Mal, das sei lauter Aberglauben. Im Walde ertönte dann und wann ein lauter Pfiff, und hatte Haber geschwiegen, so fuhr er dann schnell den Jäger an: „Hörst du? schon wieder, was mag das wohl sein, es lautet recht schön.“

    „Was mag es sein,“ sagte der Jäger, „Lumpengesindel; aus so einem Busche heraus fliegt einem mannichmal ein Knüppel an den Kopf, daß man gleich ans Verzeihen denken muß, ehe man sich noch recht geärgert hat.“

    „Wieso?“

    „Ei nun, was da pfeift, ist meistens niederträchtiges Volk, und schlägt einen tot; auf dem Todsbette aber muß man verzeihen – und wenns geschwinde geht, hat man keine Zeit sich zu ärgern.“

    Haber ging hier mehr in der Mitte des Weges, aber es pfiff wieder, und rief;

    „Was sprichst du böser Bube von Lumpengesindel?“

    Es war eine wunderliche Stimme, halb erzwungen derb, halb ängstlich und kindisch. Wir näherten uns, Haber wollte schon auf einen Baum klettern, als unser Schrecken durch die Worte des Jägers im Gebüsche aufgehoben wurde:

    „Du Waldteufelchen, für den Schrecken muß ich dich küssen.“

    Nun kamen mehrere Mädchen und Knaben aus dem Gebüsche und lachten; die älteste ging auf Godwi zu, und bat ihn um Verzeihung; die kleine Räuberin sagte: „Flametta hat mir es befohlen; weil ich mich fürchtete, als Sie gegangen kamen, so mußte ich Sie zur Strafe attakieren.“

    Hier kam Flametta auch mit dem Jäger, und Godwi sagte zu ihr, es sei nicht artig, die Leute zu erschrecken; aber sie lachte und bat ihn, ihr eine Buße aufzugeben.

    „Du sollst uns ein Stückchen Wegs Geleit geben“, sagte Godwi, „und etwas singen.“

    „Ich will Ihnen meine kleinen Gesellschafter etwas singen lassen, und dazu dann und wann ein wenig auf dem silbernen Horne blasen.“

    Sie zog an der Spitze ihres kleinen Heeres, und begleitete den Gesang mit ihrem Horne. Das größte Mädchen sang das Solo, und die Knaben das Chor.

    Die Kleine sagte vorher: „Mein Lied ist das Lied einer Jägerin, deren Schatz ungetreu, und stellen Sie sich vor – ein Peruckenmacher geworden ist.“

    Wir lachten, und der Gesang begann:

    Chor:

    O Tannebaum! o Tannebaum!
    Du bist mir ein edler Zweig,
    So treu bist du, man glaubt es kaum,
    Grünst sommers und winters gleich.

    […]

    So sangen die Kinder lustig in den Wald hinein, und das Wild, aufgeschreckt von dem Geräusche, stürzte tiefer in das Tal. Der Mond war aufgegangen, und schon in den Wald herein. Da wir auf der anderen Seite den Berg oben waren, sagten uns Flametta und die Kinder Gute Nacht, und wir hörten sie in der Ferne noch singen.

  5. Flämmchen: Valeria in Clemens Brentano: Ponce de Leon, Lustspiel 1803, tritt auch als Mohrenmädchen Flammetta auf. — Vierter Akt, Zweiundzwanzigster Auftritt:

    Valerio. Gute Kinder sind das, du dunkles Flämmchen, du hast dein Glück gemacht, und ein ehrliches, stilles Haus ist das; aber ich kann doch nicht recht froh werden, und war diesen Nachmittag sehr traurig.
    Valeria. Was fehlte Euch dann, Lieber?
    Valerio. Alles, ich bin eigentlich ganz allein.
    Valeria. Ei, bin ich dann nicht Eure gute Freundin?
    Valerio. Ja, aber meine gute Tochter nicht – und da habe ich heute nachmittag an einem Briefe für sie geschrieben, und wollte ihn heute abend hineinschicken; über dem Schreiben ging aber die Zeit so hin, daß es nun schon dunkel ist und er heute nicht kann hingetragen werden.
    Valeria giebt ihm die Hand. Glaubt, ich wäre Eure Tochter, und gebt mir den Brief; ich will Eure Tochter werden!
    Valerio. Warte noch ein wenig, da wird es ganz dunkel, da kann ich nicht sehen, daß du schwarz bist.
    Valeria. Ihr seid ein guter, höflicher Mann!
    Valerio. Ha, ha, hast du gemerkt, daß ich das Sprüchwort nicht vorbrachte: Bei der Nacht sind alle –
    Valeria hält ihm den Mund zu. Artig, Väterchen!
    Valerio. Du sagtest heute morgen, du hättest ein Lied für mich gemacht; singe mirs nun!
    Valeria. Setzt Euch hierher – ich verstecke mich, damit es Euch täuscht.
    Valerio setzt sich an die Seite der Statue, gegen die rechte Kulisse über.
    Valeria setzt sich auf die entgegengesetzte Seite, fängt an zu singen.

  6. Fiammetta: Sophie Brentano: Fiammetta; als: Boccaz, Fiametta. Aus dem Ital. von Sophie Brentano. 8. Berlin. Realschulbuchhandlung. Auf Druck- und Velinpapier, Roman, Berlin 1806. Übersetzung der Elegia di Madonna Fiammetta von Boccaccio, 1343 f. Aus der Perspektive der „Dame Fiammetta“. — Siebentes Buch: Die Dame Fiammetta vergleicht ihre Leiden mit den Leiden vieler Frauen des Altertums und zeigt, daß alle von den ihrigen übertroffen wurden, worauf sie zuletzt ihre Klage endigt. Schluss:

    Emma Sandys, Fiammetta, 1876Seht denn, ihr Frauen, wie elend ich geworden durch die Treulosigkeit Fortunens, und wie hart sie mich getroffen; gleichwie die Lampe nahe am Verlöschen noch eine plötzliche Flamme, heller als gewöhnlich, zu werfen pflegt, so gab sie mir scheinbaren Trost, um mich dann ganz in das Elend meiner einsamen Tränen zu verweisen. Um euch nun meinen Kummer mit einem einzigen Bilde anschaulich zu machen, so beteure ich euch mit demselben Ernst, der auf den Versicherungen anderer Unglücklicher ruht, daß meine Leiden nach dem Untergang jener eitlen Hoffnung um soviel schwerer geworden sind, als das zweite Fieber den rückfallenden Kranken heftiger zu erschüttern pflegt als das erste, ob es gleich ebensoheiß war.

    Da ich aber mit weiteren Klagen die Fülle eurer mitleidigen Schmerzen vergrößern würde, ohne doch neue Worte finden zu können, will ich still werden und keine Tränen mehr beanspruchen, deren ihr Leserinnen gewiß viele vergossen habt oder vergießt, und so habe ich mich denn entschlossen, auf daß ich die Zeit, die mich zu Tränen ruft, nicht mit Worten vergeuden möge, fortan zu schweigen, und zwar mit dem Zugeständnis, daß meine Erzählung der Empfindung selbst nur gleicht wie ein gemaltes Feuer einem wahrhaftig brennenden, welchem jener Gott, den ich anflehe, entweder um eures oder meines Gebetes willen eine wohltätige Flut löschend senden möge, sei es durch meinen Tod, sei es durch die freudige Rückkehr Panfilos.

  7. Fiametta: Achim von Arnim: Elegie aus einem Reisetagebuche in Schottland in: Armut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores, 1810:

    Elegie aus einem Reisetagebuche in Schottland

    Der Verfasser bittet, diese Verse nicht für Hexameter und Pentameter zu halten.

    Genua seh ich im Geist, so oft die unendlichen Wellen
    Halten den Himmel im Arm, halten die taumelnde Welt;
    Seh ich die klingenden Höhlen des nordischen Mohren-Basaltes,
    Seh ich die Erde gestützt auf den Armen der Höll;
    Dann, dann sehne ich mich in deine schimmernde Arme,
    Weisser Cararischer Stein, kühlend die schwühlige Luft,
    Denk ich der Treppen und Hallen von schreienden Menschen durchlaufen.
    Keiner staunet euch an, jedem seyd ihr vertraut.
    Fingal! Fingal! klinget so hell, mir wird doch so trübe,
    Frierend wähn ich mich alt, Jugend verlorene Zeit!
    Dreht sich die Achse der Welt? Wie führt mich Petrarca zu Fingal,
    War es doch gestern, ich mein, daß ich nach Genua kam.
    Ja dort sah ich zuerst das Meer, des nunmehr mir grauet,
    Weil es vom Vaterland mich, von den Freunden mich trennt.
    Damals von der Bochetta herab in des Frühroths Gewühle,
    Lag noch die Hoffnung darauf, weichlich im schwebenden Bett,
    Nicht am Anker gelehnt, nein sorgenlos schlummernd sie dreht sich,
    Daß die Schifflein so weiß, flogen wie Federn davon;
    Lässig band sich vor mir die Göttin das goldene Strumpfband,
    Zweifelnd daß frühe so hoch steige der lüsterne Mensch.
    Und so stehend und ziehend am Strumpfe sie bebte und schwebte
    Wie ein Flämmelein hin über die spiegelnde Welt.
    Fiametta! ich rief, mir schaudert, sie faßte mich selber,
    Ja ein Mädchen mich faßt, lächelnd ins Auge mir sieht.
    Hier! hier! sagt sie und peitschte den buntgepuschelten Esel,
    Daß aus dem ledernen Sack, schwitzte der röthliche Wein:
    Lieber, was willst du? sie fragt, du riefest mich eben bey Namen:
    Wenn sie nicht Blicke versteht, Worte die weiß ich noch nicht.
    Der Beschämung sich freuend sie strich mir die triefenden Haare,
    Thau und Mühe zugleich hatten die Stirne umhüllt.
    Wie ein Bursche der Schweiz ich schien ihr nieder zu wandeln,
    Um zu suchen mein Glück und sie wollte mir wohl,
    Als sie den Stein erblicket, den sorglich in zärtlicher Liebe
    Auf den Händen ich trug, daß der Anbruch nicht leid,
    Ey da lachte sie laut und riß mir den Stein aus den Händen,
    Warf ihn über den Weg, daß er zum Meere hinroll,
    Und dann spielte sie Ball sich freuend meiner Verwirrung
    Mit der Granate die schnell kehrte zu ihr aus der Luft.
    Nicht der schrecklichen eine, die rings viele Häuser zerschmettert,
    Doch die feurige Frucht, mystisch als Apfel bekannt.
    Sie verstand mich doch wohl? O Einverständniß der Völker,
    Das aus Babylons Bau blieb der zerstreuten Welt,
    Suchte doch jeder den Sack beym brennenden Thurme und fragte,
    Also blieb auch dies Wort, Sack den Sprachen gesammt,
    Also auch Zeichen der Lieb‘ im Blick, in guter Geberde,
    Scheidend sie winkten sich noch, fernhin trieb sie die Macht. –
    Folgend dem trabenden Esel, sie blickte sich um so gelenkig,
    Die Granate entfiel und ich grif sie geschickt.
    Kühle vielliebliche Frucht, einst Göttern und Menschen verderblich,
    Wohl du fielest auch mir, zaudr‘ ich, wo ich gehofft?
    Doch ich zögerte noch, gedenkend an Helena traurend,
    An Proserpina dann, beyde erschienen mir eins
    Mit der Eva, da wollt ich sie stille verscharren der Zukunft,
    Daß nur das Heute was mein, bleibe vom Frevel befreyt,
    Daß ich dem Zufall vermach zu treiben die Kerne in Aeste,
    Daß ich dem Zufall befehl, daß er die Blüthe verweht;
    Aber ich mocht nicht wühlen im Boden voll zierlicher Kräuter,
    Jegliches Moos noch zart, drängte sich üppig zum Tag.
    Zweifelnd ging ich so hin, nicht sehend stand ich am Meere,
    Fern mich weckte ihr Ruf, daß ich nicht stürze hinein:
    Nein zu seicht ist die Küste, sie würde nicht bergen das Uebel,
    Nur die Tiefe des Meers birgt ein unendlich Geschick.
    Also kam ich zum Meer und sahe die Fischer am Fischzug
    Springend durch kommende Well, ziehend ein bräunliches Netz,
    Roth die Mützen erschienen wie Kämme von tauchenden Hähnen,
    Bräunliche Mäntler umher, schrieen als jagten sie die.
    Andere stießen halbnackt ins Meer die schwarze Feluke,
    Trugen die Leute hinein, die zur Fahrt schon bereit.
    Auch mich trugen sie hin, ich dacht nur des Apfels des Bösen
    Und des unendlichen Meers, das mich zum erstenmal trug,
    Wie sie enthoben das Schiff begann in dem Schwanken und Schweben,
    Daß mir das Herz in der Brust recht wie von Heimweh zerfloß,
    Durch die fließenden Felsen erscholl ein liebliches Singen,
    Und ich verstopfte das Ohr, bin vor Sirenen gewarnt.
    Bald belehrte ich mich, es sang ein Weib in dem Kahne,
    Das im Mantel gehüllt deckte vier Knaben zugleich,
    Wechselnd die Händ bewegt sie wie Flügel der Windmühl
    Und als Zigeunerin singt, wie sie Maria begrüst.
    Sagt die Geschickne ihr wahr des heiligen Kinds, das sie anblickt,
    Wie es im Krippelein lag, Oechslein und Eslein es sah’n,
    Sahn wie der himmlische Stern wie Hirten und heilige König,
    Alles das sah sie sogleich an den Augen des Herrn,
    Auch das bittere Leiden, den Tod des Weltenerlösers;
    Hebt er den Stein von der Gruft, von der Erde den Leib.
    Alles Verderben mir schwand, ich sahe das Böse versöhnet,
    Statt zur Tiefe des Meers, warf ich den Kindern die Frucht:
    Engel versöhnt ihr das Herz, das tief arbeitende Böse,
    O so versöhnt auch die Frucht und vernichtet sie so!
    Dankend die Mutter sie nahm, hellsingend sie öffnet die Schale,
    Nahm mit der Nadel heraus jeglichen einzelnen Kern;
    Wie im Neste die Vöglein, also im Mantel die Kindlein
    Sperren die Schnäblein schon auf, eh ihr Futter noch da.
    Also sie warten der Kerne mit offenem Munde zur Mutter,
    Und die Mutter vertheilt gleich die kühlende Frucht.
    Wälze dich schäumendes Meer, ich habe die Frucht dir entzogen,
    Nichts vermagst du allhier, schaue die Engel bey mir,
    Stürze die Wellen auf Wellen, erheb dich höher und höher,
    Du erreichst uns nicht, höher treibst du uns nur,
    Schon vorbey dem brandenden Leuchtthurm schützt uns George,
    Der im sicheren Port zähmet den Drachen sogleich.
    Wie von Neugier ergriffen, so heben sich übereinander
    Grüßend der Strassen so viel, drüber hebt sich Gebirg,
    Höher noch Heldengebirg, da wachet der Festungen Reihe,
    Schützet uns gegen den Nord und wir schweben im Süd.
    Ey wie ists, ich glaubte zu schauen und werde beschauet,
    Amphitheater erscheint, hier die Erde gesammt:
    Spiel ich ein Schauspiel euch ihr bunten Türken und Mohren,
    Daß ihr so laufet und schreit an dem Circus umher?
    Kommen von Troja wir heim, am Ufer die Frauen und Kinder,
    Kennen den Vater nicht mehr, freuen sich seiner denn doch?
    Also befreundet ich wandle auf schwankendem Boden und zweifle,
    Aber sie kennen mich bald, bald erkenne ich sie.
    Fingal! Fingal! riefs schon, muß ich erwachen in Schottland,
    Bin ich noch immer kein Held, bin ich noch immer im Traum?
    Muß ich kehren zur Erdhütt, keinen der Schnarcher versteh ich,
    Muß mir schlachten ein Lamm, rösten das lebende Stück,
    Mehl von Haber so rauch mir backen zum Brodte im Pfännchen
    Und des wilden Getränks nehmen vieltüchtige Schluck:
    Wandrer Mond du schreitest die stumpfen Berge hinunter,
    Nimmer du brauchtest ein Haus, dich zu stärken mit Wein,
    Alle die Wolken sie tränken dich froh mit schimmernden Säften,
    Ja dein Ueberfluß fällt, thauend zur Erde herab.
    Nimmer du achtest der gleichenden Berge und Gräser und Seen
    Denn im wechselnden Schein, du dich selber erfreust;
    Siehe mein Leiden o Mond durch deine gerundete Scheibe,
    Schmutzig ist Speise und Trank, was ich mir wünsche das fehlt.

  8. Fiammetta: Friedrich de La Motte-Fouqué: Erdmann und Fiammetta. Novelle. Schlesinger, Berlin 1825.
  9. Hermine von Stilke, Joseph von Eichendorff, Sehnsucht, 1864 bis 1868Fiametta: Joseph von Eichendorff: Dichter und ihre Gesellen, Roman 1833. 14-jährige Tochter des italienischen Marchese A.

    ——— Hans Kaboth: Eichendorffs „Dichter und ihre Gesellen“. Zum hundertjährigen Erscheinen des Romans Weihnachten 1933, in: Aurora – Ein romantischer Almanach. Bd. 4. Jahresgabe der Deutschen Eichendorff-Stiftung. Karl Freiherr von Eichendorff in Zusammenarbeit mit Univ. Prof. Geheimrat Dr. Adolf Dyroff und Karl Sczodrok, Oppeln 1934:

    Fiametta ist das seelisch noch unerschlossene, verträumte junge Mädchen, das erst durch die Liebe zu Fortunat aus ihrem Phantasieleben geweckt wird. […] Seine Liebe zu Fiametta ist bei aller Gefühlsinnigkeit stets klar und bewußt. Wohl macht er auch aus seiner Liebe „ein langes Gedicht in vielen Gesängen“ und er verliebt sich selbst in die Hauptfigur, „ein schönes, schlankes italienisches Mädchen“, aber er vergißt darüber seine liebe Fiametta nicht.

  10. Flämmchen: Karl Leberecht Immermann: Die Epigonen, Roman 1836. Mignon-Figur:

    Flämmchens Fluchtgeschichte war einfach genug. Das Mädchen war die Tochter eines polnischen Offiziers, der, unter den Fahnen des Eroberers dienend, Mutter und Kind auf den Kriegszügen durch Deutschland mit sich umhergeführt hatte. Er blieb in einer großen Schlacht, bald nachher starb auch seine Geliebte, eine Spanierin, von Klima und Mangel aufgezehrt. Aus den Händen armer Leute empfing der Komödiant das elternlose Geschöpf. Er war ein gutmütiger Mensch und spielte schon damals edle Väter. Der Anblick des kleinen Wesens, dem die Augen wie Kohlen im Kopfe brannten, und welches aus seinen Lumpen so keck hervorsah, als sei es eine Prinzessin, rührte ihn. Er ließ das Kind sich abtreten, und beschloß, es zu seinem Gewerbe anzuführen. Indessen brachte ihm diese wohltätige Handlung keinen Segen, sondern nur Herzeleid. Fiametta, die lieber Flämmchen heißen wollte, war das eigensinnigste, widerspenstigste Ding, was polnisches und spanisches Blut, vereinigt erzeugen können. Die sogenannte Erziehung, welche ihr in jener Komödiantenwirtschaft zuteil wurde, fruchtete nichts, und unmöglich war es, sie zum Auftreten zu bewegen. Sie begreife nicht, sagte sie, wozu das dumme Zeug, wie sie das Schauspiel nannte, diene? der falsche Vater lüge ja den ganzen Tag über, warum er denn des Abends zu seinen Lügen die fremden Kleider anziehe?

    […]

    Einen Kranz auf dem Haupte, und einen in jeder Hand haltend, schritt das Mädchen gemessen, fast feierlich, erst rund um die Felsenplatte, als vollziehe sie die Weihe des Orts. Dann in die Mitte sich stellend, wandte sie ihr glänzendes Antlitz gegen den Mond, und begann nun, immer seiner leuchtenden Scheibe zugekehrt, ihren ausdrucksvollen Tanz. Bald neigte sie sich ihm mit zärtlicher Gebärde entgegen, bald schien sie vor ihm verstellterweise zu fliehn, jetzt hob sie den einen, dann den andern Kranz lockend empor, darauf ließ sie beide sinken, verwechselte sie, warf sie in die Luft, daß sie dort Bogen beschrieben, und fing sie jederzeit gewandt und zierlich wieder auf, während Füße und Leib ihr anmutiges Spiel fortsetzten. Der Sinn dieses Tanzes war ein liebliches Gedicht; der kalte hohe Freund da oben, sollte zur Erde herabgezogen werden, mit welcher er einst in größerer Vertraulichkeit gelebt habe, und auf der jede Sehnsucht nur eine Erinnrung an diese schöne Liebeszeit sei. Was ihre Bewegungen an diesem Mondscheinmärchen noch dunkel ließen, deuteten Strophen aus, die sie dazwischen absang, und womit sie sich den Takt anzugeben schien. Sie hatten alle ein gewisses Metrum, bestanden aber oft nur aus abgebrochnen Worten, deren Verbindung die Zuhörenden ergänzen mußten. Die Alte gab zuweilen in einer fremden Sprache, welche weder der Arzt, noch der Domherr verstand, eine Art von Refrain zu vernehmen.

    […]

    Nun, Ihre Erziehungsplane sind nicht geglückt, anstatt eines Kunstprodukts hat Natur das wundersamste, entzückendste Geschöpf ausgebildet. Ich behaupte, wer sie tanzen gesehn, kann nie wieder ganz unglücklich werden. Wäre ich ein Freund von Paradoxen, so würde ich sagen: Sie tanzt Geschichte, Fabel, Religion, ihre begeisterten Wendungen und Stellungen weihen uns in die geheimsten Dinge ein.

    Mit dem Rufe: „Liebster! Bester! Einziger!“ hing sie ihm am Halse und die leidenschaftlichsten Küsse brannten auf seinen Lippen. „Habe ich dich endlich wieder!“ rief sie, indem sie ihm Augen und Stirn küßte. „Nun aber werde ich dich nicht lassen, nun sollst du mein werden, sie mögen tun, was sie wollen.“

    […]

    Dave Strong, Olga, Papajis Tea Social, 27. Oktober 2010Was er in den folgenden Tagen von der Lebensweise Flämmchens hörte, war das Ausschweifendste von der Welt. Sie hatte wirklich in ihrem einsamen Landhause eine Art von Hof oder Menagerie, wie man es nennen will, versammelt, bestehend aus den wildesten jungen Leuten der Residenz, die, durch den Ruf ihrer Schönheit angelockt, dorthin geströmt waren. Mit ihnen wurden die tollsten Streiche verübt, zuweilen toste dieses wütende Heer bei Nacht auf schnellen Pferden unter entsetzlichem Geschrei durch die Gegend, so daß die Landleute in ihren stillen Hütten sich vor dem Unwesen segneten, oder man sprengte falsche Nachrichten von Räuberbanden und Unglücksfällen aus, welche Scharwachen und Beamte aufregten, so daß sich auch schon die Polizei hier in das Mittel hatte legen wollen, jedoch höheren Ortes bedeutet worden war, solches zu unterlassen, da sich denn doch alles außer dem Bereiche eigentlicher Vergehungen hielt. Am brausendsten aber schäumte Flämmchens üppige Lebenskraft im Tanze aus. […]

    Das ist nun der Tanz, den ich nicht lassen kann, der mich mir selbst wiedergibt, wenn der Weltgraus mich überwinden und in mir einziehen will. Könntest du mich lieben, und immer bei mir sein, so wäre alles gut, dann hätte ich eine Stütze und würde auch aufhören zu tanzen; leider wird es nicht so gut werden.“

  11. Fiametta: Ludwig Minkus: Fiametta, Ballett 1863.
  12. Fiammetta: Dante Gabriel Rossetti: A Vision of Fiammetta, 1878, Öl auf Leinwand, 140 cm × 91 cm, Sammlung Andrew Lloyd Webber, Gemälde, Boccaccio-Sonett, Boccaccio-Sonettübersetzung und eigenes Sonett 1878:

    On his Last Sight of Fiammetta

    Behold Fiammetta, shown in Vision here.

    Gloom-girt ‚mid Spring-flushed apple-growth she stands;
    And as she sways the branches with her hands,
    Along her arm the sundered bloom falls sheer,
    In separate petals shed, each like a tear;
    While from the quivering bough the bird expands
    His wings. And lo! thy spirit understands
    Life shaken and shower’d and flown, and Death drawn near.

    All stirs with change. Her garments beat the air:
    The angel circling round her aureole
    Shimmers in flight against the tree’s grey bole:
    While she, with reassuring eyes most fair,
    A presage and a promise stands; as ‚twere
    On Death’s dark storm the rainbow of the Soul.

    Dante Gabriel Rossetti, A Vision of Fiammetta, 1878

Bilder: Emma Sandys: Fiammetta, 1876;
Dante Gabriel Rossetti: A Vision of Fiammetta, 1878, Öl auf Leinwand, 140 cm × 91 cm, Sammlung Andrew Lloyd Webber;
Hermine von Stilke: Joseph von Eichendorff: Sehnsucht, 1864 bis 1868, zu: Es schienen so golden die Sterne, aus: Dichter und ihre Gesellen. Novelle von Joseph von Eichendorff, 1834. 3. Buch, 24. Kapitel, via Jutta Assel/Georg Jäger: Gedichte der Romantik in Randzeichnungen, Goethezeitportal Juni 2010;
Stefano Masse: Fiammetta Cicogna, Wild Oltrenatura, 2016;
Sara Trash-it: T-Shirt dipinta a mano — hand-painted, 28. Oktober 2011;
Dave Strong: Olga, Papajis Tea Social, 27. Oktober 2010.

Soundtrack: Blonde Redhead: Elephant Woman, aus: Misery is a Butterfly, 2004,
als Nachspann für: Hard Candy, 2005:

Written by Wolf

7. April 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Renaissance

Lache, liebez frowelîn

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Update zum weiland Weekly Wanderer 4:
Anneliese Braun: Goethe auf dem Kickelhahn bei Ilmenau:

——— Des Minnesangs Frühling 6,14; 6,20; 6,26,
Männerlied um 1200, falsche Zuschreibung an Walter von Mezze, anonym:

Der walt in grüener varwe stât

Der walt in grüener varwe stât.
wol der wunneclîchen zît!
mîner sorgen wirdet rât.
sælic sî daz beste wîp,
diu mich trœstet sunder spot.
ich bin frô, dêst ir gebot.

Ein winken und ein umbesehen
wart mir, dô ich si nâhest sach.
dâ moht anders niht geschehen,
wan daz so minneclîche sprach:
„vriunt, du wis vil hôchgemuot!“
wie sanfte daz mînem herzen tuot!

„Ich wil weinen von dir hân“,
sprach daz aller beste wîp,
„schiere soltu mich enpfân
unde trôsten mînen lîp.“
swie du wilt, sô wil ich sîn,
lache, liebez frowelîn.

Der Wald ist grün geworden

Der Wald ist grün geworden.
Oh, welch herrliche Zeit!
Von meinem Leid werd‘ ich befreit.
Gesegnet sei die beste der Frauen,
die mich wirklich tröstet.
Ich bin froh. Sie will es so.

Sie winkte und schaute zurück:
Das geschah, als ich sie jüngst sah.
Da konnte es nicht anders sein,
als daß sie liebevoll sagte:
„Liebster, sei du ganz hoffnungsfroh!“
Wie wohl das meinem Herzen tut!

„Ich will deinetwegen weinen“,
sagte die allerbeste Frau,
„damit du mich schnell in die Arme nehmen
und mich trösten kannst.“
Wie du es willst, so will ich sein,
lache, liebe kleine Frau.

Franziska meint: „Hui, das ist ja echt schön, Mensch. Wirklich Hochmittelalter?“

„Aber hallo. Kreuzgereimt mit Paarreim am Ende, wie als Refrain, dreimal durchgehalten. Richtig elaboriert. Du hast recht, so eine Stringenz wäre eigentlich erst kurz nachher ab Reinmar dem Alten dran.“

„Reinmar, Reinmar … Schon gehört, oder?“

„Nein, nicht der von Zweter. Übrigens auch nicht der von Brennenberg.“

„So wie Richard Wagner nicht gleich Richard Wagner ist.“

„Verachtet mir die Meister nicht und lobt mir ihre Werke.“

„Das ist schon Neuzeit.“

„Und erst in der Romantik formuliert und vertont.“

„Und außerdem falsch zitiert.“

„Sag bloß.“

„Verachtet mir die Meister nicht und ehrt mir ihre Kunst, wenn schon.“

„Kluges Kind.“

„Mediävist.“

„Vorsicht.“

Frances McClain, candid, mid-laugh, 21. Februar 2012

Lachendes Frowelîn: Frances McClain: Hey Look, I’m Smiling (candid, mid-laugh), 13-, aber mit Mutterns Lippenstift so gut wie volljährig, nach ihren Angaben ein echter Schnappschuss, 21. Februar 2012;
Soundtrack: Richard Wagner featuring Bernd Weikl: Die Meistersinger von Nürnberg, 1868,
Finale, Bayreuther Festspiele 1984:

Bonus Track mit mehr walt in grüener varwe: Faun: Federkleid, aus: Midgard, 2016
(natürlich schlimmer Mittelalterkitsch, aber wer mir von weitem eine Drehleier zeigt, kann mir alles vorspielen):

Written by Wolf

23. März 2017 at 00:01

Diu minne minnesam und die lieben passiv-aggressiven Lieben

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Update zu Dein pöschelochter roter mund:

——— Des Minnesangs Frühling 3,17,
Handschrift C (Codex Manesse), frühe Frauenstrophe, ca. 1160:

Mich dunket niht sô guotes

Mich dunket niht sô guotes     noch sô lobesam
sô diu liehte rôse     und diu minne minnesam.
diu kleinen vogellîn
diu singent in dem walde,     dêst manigem herzen liep.
mir enkome mîn holder geselle,     in hân der sumer wunne niet.

Mir scheint nichts so gut

Mir scheint nichts so gut     noch so des Lobes wert
wie die leuchtende Rose     und die liebe Liebe.
Die kleinen Vögel,
die singen im Wald,     das erfreut viele Herzen.
Wenn nicht mein Liebster kommt,     habe ich nicht teil an der Sommerfreude.

Katelyn by Sarah Lillian, Ankle Deep in Spring, 27. April 2011Katelyn meint: „Dauert das noch? Ich sitz hier knietief in Winterstiefeln zu deinem Frühlingskleidchen von der Vogelweide.“

„Zieh doch aus.“

„Ja, sofort. Witzig. Erzähl noch einen.“

„Später vielleicht. Der Bildausschnitt auf die Entfernung is‘ kein Kränzchenwinden.“

„Modellsitzen auch nicht.“

„Kannst du mal eine hundertfünfundzwanzigstel Sekunde lang so tun, als ob dir das Buch gefällt?“

„Die muffige Schwarte? Müsste es?“

„Wär besser für dich, das wird dein Honorar.“

„Aha. Heißt das, ich darf wenigstens umblättern?“

*

Lydia, 9. April 2011Lydia meint: „Dauert das noch?“

„Schon steifgesessen?“

„Ich hab dir die Idee geschenkt und zieh das jetzt durch mit dir, aber in echt ist das noch gar kein Wetter zum Barfußlaufen, sag mal selber.“

„Ich merk’s. Sei du froh, dass du so nicht rumrennen musst. Ich muss ja, aber die einzelnen Steinchen pieksen elendig. Und schau dir mal meinen T-Shirtbauch an.“

„Eine Runde Mitleid. Darf ich wenigstens umblättern?“

„Models. Nächstes Mal knips ich wieder Sukkulenten.“

„Au ja, aber diesmal lustige.“

*

BIlder: Katelyn by Sarah Lillian: Ankle Deep in Spring 27. April 2011;
Lydia, 9. April 2011.

Soundtrack 1: diu minne minnesam: Ougenweide: Willkommen, live 1976,
nach Walther von der Vogelweide: Ir sult sprechen willekomen, Ende 13. Jahrhundert:

Soundtrack 2: diu liehte rôse:

Carson Sage & the Black Riders: Red is the Rose,
aus: Skirl o’Carson, 1991; Walk With an Erection, 1993:

Written by Wolf

16. März 2017 at 00:01

Wære diu werlt alle mîn

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Update zu Frühlingsreigen Buranum:

——— Carmina Burana, 145,7; 175,6:

I     Wære diu werlt alle mîn

Wære diu werlt alle mîn
ven deme mere unze an den Rîn,
des wolt ich mich darben,
daz kunic von Engellant
læge an mînem arme.

*

II     Tougen minne diu ist guot

Tougen minne diu ist guot
si kan geben hôhen muot.
der sol man sich vlîzen.
swer mit triwen der niht pfliget,
deme sol man daz wîzen.

——— Carmina Burana, 145,7; 175,6:

I     Wäre die ganze Welt mein

Wäre die ganze Welt mein
vom Meer bis an den Rhein,
das gäb ich dafür hin,
daß der König von England
in meinem Arm läge.

*

II     Heimliche Liebe ist herrlich

Heimliche Liebe ist herrlich,
sie erhebt freudig das Herz.
Um die soll man sich bemühen.
Wer sie nicht beständig pflegt,
den soll man dafür tadeln.

El Erotismo de las Bibliotecas

BIld: Janina im damals 2. Semester Englische Philologie auf Magister Artium, WS 2010/2011 via El Erotismo de las Bibliotecas, 15. November 2016: „Die reden sich leicht in Benediktbeuern. Wenn mir die ganze Welt bis an den Rhein gehören würde, könnt ich mich auch grade noch zusammenreißen, mit dem König von England was anzufangen“;
Soundtrack: 5° G Liceo Artistico Michelangelo Guggenheim, Venezia:
Three different ways of Carl Orff: Were diu werlt alle min, 2015:

Bonus Track: Virginia Jetzt!: Mein Sein, 2002, in: Wer hat Angst vor Virginia Jetzt!, 2003;
Video von Benjamin „Nichts bereuen“ Quabeck mit Jung-Julia „Absolute Giganten“ Hummer:

Written by Wolf

2. März 2017 at 00:01

Ich will mich wie mein Schwanz erheben

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Update zu Menschenhaß! Ein Haß über ein ganzes Menschengeschlecht! O Gott! Ist es möglich, daß ein Menschenherz weit genug für so viel Haß ist!:

Mit seiner Ode à Priape von 1710 hatte Alexis Piron kein Glück. Noch 1718, als er das zugegeben reichlich ferkelige Gedicht als Jugendsünde führen konnte, wurde er wegen seiner Obszönitäten als Anwalt in Besançon des Amtes enthoben. Selbst 1753 — da zählte er 64 Jahre — schritt König Ludiwg XV. persönlich auf Anraten nachhaltig peinlich berührter Kleriker gegen Pirons wiederholte Kandidatur für die Académie française ein. 160 Verse, die ein Leben ruinieren konnten. Technisch gar nicht so schlecht gestrickte übrigens.

Agostino Carracci, Culte de Priape, Radierung ca. 1580Priapus, den muss man heute erklären. Den antiken Griechen diente er noch als Gott der Fruchtbarkeit (und der Knabenliebe, heute: Päderasmus), den meisten Späteren eher als Lizenz zum Herumschweinigeln, weil er als unterscheidendes Merkmal mit einem — jedes anderes Wort wäre unangemessen verhüllend — enormen Pimmel in dauerhafter Einsatzbereitschaft dargestellt wird.

Pirons schon gar nicht mehr anakreontische Dichtung, viel eher offene Sauerei erschien legal erst in den Poésies diverses d’Alexis Piron, ou Recueil de différentes pieces de cet Auteur, pour servir de suite à toutes les Editions desquelles on a supprimé les ouvrages libres de ce Poëte bei William Jackson, London 1787, ab Seite 59. Breiter bekannt wurde sie durch die Poésies badines et facétieuses, 1800, Seite 9 bis 14.

Von dort konnte Johann Heinrich Voß sie kennen — ja, genau: der Voß (geboren 20. Februar 1751), der 1781 die Odyssee und 1793 die Ilias genial genug übersetzt hat, dass die Fassungen erst dem jungen Herrn Werther, später seinen Nachahmern als Bestandteil der Werther-Tracht und heute noch mir selbst als „Taschen-Homer“ dienen konnten. Und von dort konnte er sie nachdichten, nach den Fingerübungen anhand Homers 15693 + 12110 = 27803 sperrigen Hexametern vermutlich das Werk eines Sonntagnachmittags.

Mistress Eva's Erotica & Art, 9. August 2016

Die Strophen bestehen bei Voß wie bei Piron aus je zehn Versen in einem Kreuz- und einem Schweifreim: sehr regelmäßig mit einer vorhersehbar wiederkehrenden Abwechslung — also der sexuellen Praxis, in der man sich ja gern auf einen gewissen nachvollziehbaren Rhythmus einigen möchte, in jeder Weise entsprechend.

Die empfohlene Fachliteratur ist der leider etwas verderbte Originaltext, Voß‘ Nachdichtung und eine aufschlussreiche Prosa-Übertragung in paralleler Übersicht mit Anmerkungen in Schwulencity.

Voß hat gekürzt. Wer gut genug Französisch kann (pubertär-priapische Kalauer bitte in den Kommentar), kann sich nach über zwei Jahrhunderten ja gern über den Rest hermachen.

Art of Barefoot, 13. August 2016

——— Alexis Piron:

Ode à Priape

1710,:

Foutre des neuf Grâces du Pinde,
Foutre de l’amant de Daphné,
Dont le flasque vit ne se guinde
Qu’à force d’être patiné :
C’est toi que j’invoque à mon aide,
Toi qui, dans les cons, d’un vit raide
Lance le foutre à gros bouillons,
Priape ! soutiens mon haleine,
Et pour un moment dans ma veine
Porte le feu de tes couillons.

Que tout bande !! que tout s’embrase
Accourez, putains et ribauds !
Que vois-je ? où suis-je ? ô douce extase !
Les cieux n’ont point d’objets si beaux :
Des couilles en bloc arrondies,
Des cuisses fermes et bondies,
Des bataillons de vits bandés,
Des culs ronds, sans poils et sans crottes,
Des cons, des tetons et des mottes,
D’un torrent de foutre inondés.

Restez, adorables images !
Restez à jamais sous mes yeux !
Soyez l’objet de mes hommages,
Mes législateurs et mes dieux.
Qu’à Priape, on élève un temple
Où jour et nuit l’on vous contemple,
Au gré des vigoureux fouteurs :
Le foutre y servira d’offrandes,
Les poils de couilles, de guirlandes,
Les vits, de sacrificateurs.

De fouteurs, la fable fourmille :
Le Soleil fout Leucothoé,
Cynire fout sa propre fille,
Un taureau fout Pasiphaé ;
Pygmalion fout sa statue,
Le brave Ixion fout la nue ;
On ne voit que foutre couler :
Le beau Narcisse pâle et blême,
Brûlant de se foutre lui-même,
Meurt en tâchant de s’enculer.

„Socrate, — direz-vous, — ce sage,
Dont on vante l’esprit divin ;
Socrate a vomi peste et rage
Contre le sexe féminin ;“
Mais pour cela le bon apôtre
N’en a pas moins foutu qu’un autre ;
Interprétons mieux ses leçons :
Contre le sexe il persuade ;
Mais sans le cul d’Alcibiade,
Il n’eût pas tant médit des cons.

Mais voyez ce brave cynique,
Qu’un bougre a mis au rang des chiens,
Se branler gravement la pique
A la barbe des Athéniens :
Rien ne l’émeut, rien ne l’étonne ;
L’éclair brille, Jupiter tonne,
Son vit n’en est pas démonté ;
Contre le ciel sa tête altière,
Au bout d’une courte carrière,
Décharge avec tranquillité.

Cependant Jupin dans l’Olympe,
Perce des culs, bourre des cons ;
Et Neptune au fond des eaux, grimpe
Nymphes, syrènes et tritons ;
L’ardent fouteur de Proserpine
Semble dans sa couille divine
Avoir tout le feu des enfers.
Amis, jouons les mêmes farces ;
Foutons, tant que le con des garces,
Ne nous foute l’âme à l’envers.

Tysiphone, Alecto, Mégère,
Si l’on foutait encore chez vous,
Vous, Parques, Caron et Cerbère,
De mon vit, vous tâteriez tous.
Mais puisque par un sort barbare,
On ne bande plus au Ténare,
Je veux y descendre en foutant ;
Là, mon plus grand tourment sans doute
Sera de voir que Pluton foute,
Et de n’en pouvoir faire autant.

Rangs, dignités, honneurs ?… foutaise !
Et toi, Crésus, tout le premier,
Tu ne vaux pas, ne t’en déplaise,
Yrus qui fout sur un fumier.
Le sage fut un bougre, en Grèce,
Et la sagesse une bougresse ;
Exemple qu’à Rome on suivit.
On y vit plus d’une matrone,
Préférant le bordel au trône,
Lâcher un sceptre pur un vit.

Quelle importante raison brouille
Achille avec Agamemnon ?
L’intérêt sacré de la couille ;
Briséis… une garce… un con !
Sur le fier amour de la gloire,
L’amour du foutre a la victoire,
Il traîne tout après son char.
Cette puissance à qui tout cède,
Devant le vit de Nicomède,
Fait tourner le cul à César.

Que l’or, que l’honneur vous chatouille,
Sots avares, vains conquérants ;
Vivent les plaisirs de la couille !
Et foutre des biens et des rangs !
Achille, aux rives du Scamandre
Ravage tout, met tout en cendre,
Ce n’est que feu, que sang, qu’horreur
Un con paraît : passe-t-il outre ?
Non, je vois bander mon jean-foutre ;
Ce héros n’est plus qu’un fouteur.

Jeunesse, au bordel aguerrie,
Ayez toujours le vit au con ;
Qu’on foute, l’on sert sa patrie,
Qu’on soit chaste, à quoi lui sert-on ?
Il fallait un trésor immense
Pour pouvoir de leur décadence
Relever les murs des Thébains :
Du gain de son con faisant offre,
Phryné le trouve dans son coffre !
Que servait Lucrèce aux Romains ?

Tout se répare et se succède,
Par ce plaisir qu’on nomme abus :
L’homme, l’oiseau, le quadrupède,
Sans ce plaisir, ne seraient plus.
Ainsi l’on fout par tout le monde
Le foutre est la source féconde
Qui rend l’univers éternel ;
Et ce beau tout, que l’on admire,
Ce vaste univers, à vrai dire,
N’est qu’un noble et vaste bordel.

Aigle, baleine, dromadaire,
Insecte, animal, homme, tout,
Dans les cieux, sous l’eau, sur la terre,
Tout nous annonce que l’on fout :
Le foutre tombe comme grêle ;
Raisonnable ou non, tout s’en mêle :
Le con met tous les vits en ruts ;
Le con du bonheur est la voie,
Dans le con gît toute la joie,
Mais hors le con point de salut.

Quoique plus gueux qu’un rat d’église,
Pourvu que mes couillons soient chauds.
Et que le poil de mon cul frise,
Je me fous du reste en repos.
Grands de la terre l’on se trompe,
Si l’on croit que de votre pompe,
Jamais je puisse être jaloux :
Faites grand bruit, vivez au large ;
Quand j’enconne et que je décharge,
Ai-je moins de plaisirs que vous ?

Redouble donc tes infortunes,
Sort, foutu sort, plein de rigueur ;
Ce n’est qu’à des âmes communes
Que tu pourrais foutre malheur ;
Mais la mienne que rien n’alarme,
Plus ferme que le vit d’un carme,
Rit des maux présents et passés.
Qu’on me méprise et me déteste,
Que m’importe ? mon vit me reste :
Je bande, je fous… c’est assez.

——— Johann Heinrich Voß:

An Priap

anonymer Druck um 1800, in: Friedrich Leopold Stolberg: München: Verlag der Nymphenburger Drucke, Band X, ca. 1924:

Leckt Votzen, Ihr neun Pindars-Luder,
Leckt mit Apoll, der schläfrig geigt;
Und dessen kleiner matter Bruder,
Nur durch das Fingern aufwärts steigt:
Priap! Beseele meine Leier,
Und gönne ihr das rege Feuer,
Das sich durch deine Köt ergeußt;
Und durch die aufgeschwollenen Röhren,
Um deine Wollust zu vermehren,
Dickschäumend in die Votze fleußt.

Kommt Hurenbuben, kommt zusammen,
Zeigt euren Mut und fuchst euch satt,
Ein Schauspiel setzt mich jetzt in Flammen,
Das nie der Himmel schöner hat:
Ich sehe Brüste, Zitzen strotzen,
Nebst tausend auserlesenen Votzen,
Von kaltem Bauer überschwemmt;
Ich sehe tausen Klöte glänzen,
Bei tausend auserlesenen Schwänzen,
In feiste Lenden eingestemmt.

O, reiz mich oft mit solchen Bildern,
Du meiner Sehnsucht Gegenstand;
Die Wollust ist nie genug zu schildern,
Die nur zu sehn mein Herz empfand.
Priap! Dir bau ich einen Tempel,
Und vögle andern zum Exempel
Zwölfmal, den Altar einzuweihn;
Statt Gold soll kalter Bauer glänzen,
Und Votzenhaar die Tür umkränzen,
Mein Schwanz soll Hoherpriester sein.

Mensch, Adler, Wolf und Walfisch lehren,
Wie man beständig vögeln soll;
Der Sperling ist nie genug zu ehren,
Denn der ist immer samenvoll.
Kurz, alles muß gevögelt werden,
Die Votz enthält, was man auf Erden
Erhabenes nur denken kann;
Sie zeigt sich,— tausend Schwänze starren,
Der Weise vögelt mitdem Narren,
Der Bürger mit dem Edelmann.

Sind meine Klöt nur voll von Feuer,
Und macht der Schwanz sein Meisterstück,
Dann bin ich reich bei einem Dreier,
Und scheiße fast auf alles Glück.
Zufrieden und entfernt vom Neide,
Seh ich in meinem schlechten Kleide
Die Pracht der großen Herren an,
Weil der, der auf dem Throne sitzet
Wenn er den Samen von sich sprützet,
Nicht mehr als ich, empfinden kann.

Seht auf Athens erhab’nen Plätzen,
Melkt sich ein Schwanz der Zyniker;
Die Menge sieht ihn mit Ergötzen
Und steht mit Ehrfurcht um ihn her.
Es läßt sich Sturm und Donner hören,
Doch nichts kann unsern Weisen stören,
Obgleich der Himmel kracht und blitzt;
Er fähret fort mit langen Zügen,
Bis daß er taumelnd vor Vergnügen
Den edlen Samen von sich sprützt.

O, fuchste man doch in der Hölle,
euch Furien — dich, Zerberus!
Euch Parzen — und dich Schiffsgeselle,
Euch fuchst ich bloß zum Überfluß.
Weil aber dieser Wunsch vergebens,
So fuchs ich hier die Zeit des Lebens,
Und tret alsdann die Wallfahrt an;
Doch wird es mich am meisten beugen,
Wenn ich den Pluto sehe geigen,
Und selber nicht mehr vögeln kann.

So magst du mich nur immer quälen,
Furcht, Unglück, wie auch du nur willst;
Mich rührst du nicht, nur niedern Seelen
Sind, wenn du Trost mit Gram erfüllst.
Ich will mich wie mein Schwanz erheben,
Und über Glück und Unglück schweben
Mit stoischer Gelassenheit;
Man mag mich fliehen, man mag mich hassen,
Wird mir mein steifer Schwanz gelassen,
So sterb ich mit Zufriedenheit.

Willow Rae, Treehugger, April 2016

Priapskult: Agostino Carracci: Culte de Priape, Radierung ca. 1580;
vegetale Phallussymbole: Paula via Mistress Eva’s Erotica & Art, 9. August 2016;
Art of Barefoot, 13. August 2016,
Willow Rae: Treehugger, April 2016;
Eylül Aslan, 8. April 2013.

Eylül Aslan, 8. April 2013

Soundtrack ist die putzigste Ferkelei, die es je auf Bayern 1 geschafft hat:
Bloodhound Gang: The Bad Touch aus: Hooray for Boobies, 1999. Dem aufmerksamen Betrachter entgeht nicht die Video-Location Paris.

Bonus Track für den schwulen Touch: Right Said Fred: You’re My Mate, aus: Fredhead, 2000:

Written by Wolf

23. Februar 2017 at 00:01

Schlüsselein

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——— Kloster Tegernsee:

Tegernseer Liebesgruß

Ludus de aventu et interitu Antichristi. Literae multae et alia excerpta ex Ottonis Frisingensis Gestis Imperatoris Friderici, Anfang 12. Jahrhundert:

Du pist min ih bin din.
des solt du gewis sin.
Du bist beslossen in minem herzen.
verlorn ist daz sluzzelin.
du muost och immer darinne sin.

Die Tegernseer Handschrift — Bayerische Staatsbibliothek München, Clm 19411, hier: Blatt 114 verso = Seite 230 — versammelt lateinische Briefe; das Gedicht ist eine Zusammenfassung des vorhergehenden Briefes, die übliche Zuschreibung an Walther von der Vogelweide also hinfällig. Die Zugehörigkeit eines Menschen zu einem anderen auf Gegenseitigkeit wird in der mittlalterlichen Literatur variantenreich formuliert, das Bild des Herzensschlüssels ist seit der Antike nachweisbar und setzt sich über Dante und Petrarca ins Volkslied fort. Die Briefschreiberin, mutmaßlich eine anonym gebliebene Benediktinernonne, verbindet wahrscheinlich selbstständig beide Topoi und zitiert eben nicht ein schon bestehendes Volkslied, weil der Inhalt des lateinischen Briefes und die deutschen Verse eng zusammenhängen. Möglicherweise sind es gar keine Verse, sondern Reimprosa, worauf das Layout der Handschrift deutet.

Bild & Text: Bayerische Staatsbibliothek/Bavarikon.

Fachliteratur: Ingrid Kasten (Hrsg.): Deutsche Lyrik des frühen und hohen Mittelalters, Deutscher Klassiker Verlag im Taschenbuch, Band 6, Frankfurt am Main 2005, Kommentar Seite 575 f.

Written by Wolf

14. Februar 2017 at 15:38

Volksfaust 1 & 2

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Update zu Die Litaneien des Körpers:

Sybil Volks wurde 1965 geboren, lebt als freie Autorin und Lektorin in Berlin und kennt sich deshalb in Faust- und Gretchendingen aus.

Ihr angenehm knapper Gedichtzyklus über Faust als Gretchen hätte seinen geeigneten Platz im nicht genug zu lobenden Unser Goethe der alten Haudegen F. W. Bernstein und Eckhard Henscheid gehabt, das aber zum 150. Todestag 1982 abgeschlossen war, und ergänzt jetzt als Original ähnlich passend das rar gewordene Liederlich! von Steffen Jacobs. Bitte kaufen, leihen oder entwenden Sie jemandem, der sowieso nix damit anzufangen weiß, umgehend beides und lesen Sie aufmerksam darin. Ich frage das nächstes Mal ab.

Frau Volks wirkt als Autorin und Lektorin, versprochen.

——— Sybil Volks:

Erstveröffentlichung in: Steffen Jacobs (Hg.):
Liederlich! Die lüsterne Lyrik der Deutschen, Eichborn Berlin, 2008:

Faust I

Bin weder Mädchen, weder Mann,
zieh heute andersrum mich an

Das Kleid von feinster Schlangenhaut, das Haar
von einer Höllenbraut, die Wimpern
einer abgeschaut, der Arsch
im Paradies gebaut

Die Herren sinken auf die Knie, besamen
sich die Hände, die Damen wissen
auch nicht wie ihnen geschieht am Ende

Bin zwar kein Mädchen, aber schön
Kann ungefickt
nicht nach Hause gehn

*

Faust II

Ich halt um deine Hand an
die Welt steht still
Denn deine Hand liegt in mir
und ja, ich will
Du gibst mir alle Finger
damit sich’s lohnt
Behaust ist deine Faust und
ich bin bewohnt

*

Stoya, Very Special Porn, 2016Stoya, Very Special Porn, 2016Stoya, Very Special Porn, 2016

Nicht nach Hause gehn: Stoya für Very Special Porn, 2016;
Soundtrack: Madonna (ja, ja, ich weiß …): Justify My Love, aus: The Immaculate Collection, 1990:

Written by Wolf

9. Februar 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Klassik

Leider mit Vergeßlichkeit angefüllt ist dein Gehirne

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Weheklagen mag niemand, schon gar nicht, wenn der Klagende „Lamentationen“ dazu sagt. Außer sie sind so brillant wie die von Heine oder gar wirklich von Heine.

Die Gedichtnummern 19 bis 28 aus dem dritten Teil der Nachgelassenen Gedichte 1845–1856 namens Lamentationen richten sich nachweislich an Heines Frau Augustine Crescence, vulgo Mathilde. Das Paar hielt sich gegenseitig für nicht besonders helle: Sie verstand weder, was ihr Heinrich andauernd zu schreiben hatte, wofür ihm gar noch jemand Geld zahlen sollte, noch konnte oder wollte sie kochen und haushalten, dafür verbreitete sie: „Henri, c’est un très bon garcon, très bon enfant, mais quant à l’esprit, il n’en a pas beaucoup!“

Heines resignierte Anti-Liebesgedichte gehören zum Schönsten, was sich ihm entrungen hat. Vom höchsten bleibenden Gebrauchswert finde ich die Nummern 20, 21 und 24. Man sollte wählerisch sein, wem man sie zitiert.

Die Reihenfolge, die von einer Sammlung zur anderen umsortiert wird, weil sie vom todkranken Heine nicht mehr als Zyklus festgelegt wurde, richtet sich nach der Hanser-Gesamtausgabe von Klaus Briegleb. „Celimene“ bezieht sich auf die kokette Célimène aus Molière: Le Misanthrope. Das 1486 bis 1993 chronologisch geordnete Bildmaterial illustriert das mittelalterliche Märe Aristoteles und Phyllis. Ein zeitloses Thema.

——— Heinrich Heine:

Lamentationen

aus: Nachgelesene Gedichte 1845–1856, Auszüge Nr. 19 bis 28:

19

Aristoteles und PhyllisHab eine Jungfrau nie verführet
Mit Liebeswort, mit Schmeichelei;
Ich hab auch nie ein Weib berühret,
Wußt ich, daß sie vermählet sei.

Wahrhaftig, wenn es anders wäre,
Mein Name, er verdiente nicht
Zu strahlen in dem Buch der Ehre;
Man dürft mir spucken ins Gesicht.

20

Celimene

Glaube nicht, daß ich aus Dummheit
Dulde deine Teufeleien;
Glaub auch nicht, ich sei ein Herrgott,
Der gewohnt ist zu verzeihen.

Deine Nücken, deine Tücken
Hab ich freilich still ertragen.
Andre Leut an meinem Platze
Hätten längst dich tot geschlagen.

Schweres Kreuz! Gleichviel, ich schlepp es!
Wirst mich stets geduldig finden —
Wisse, Weib, daß ich dich liebe,
Um zu büßen meine Sünden.

Ja, du bist mein Fegefeuer,
Doch aus deinen schlimmen Armen
Wird geläutert mich erlösen
Gottes Gnade und Erbarmen.

21

Aristoteles und PhyllisEs geht am End, es ist kein Zweifel,
Der Liebe Glut, sie geht zum Teufel.
Sind wir einmal von ihr befreit,
Beginnt für uns die beßre Zeit,
Das Glück der kühlen Häuslichkeit.

Der Mensch genießet dann die Welt,
Die immer lacht fürs liebe Geld.
Er speist vergnügt sein Leibgericht,
Und in den Nächten wälzt er nicht
Schlaflos sein Haupt, er ruhet warm
In seiner treuen Gattin Arm.

22

Die Liebesgluten, die so lodernd flammten,
Wo gehn sie hin, wenn unser Herz verglommen?
Sie gehn dahin, woher sie einst gekommen,
Zur Hölle, wo sie braten, die Verdammten.

23

Aristoteles und PhyllisGeleert hab ich nach Herzenswunsch
Der Liebe Kelch, ganz ausgeleert;
Das ist ein Trank, der uns verzehrt
Wie flammenheißer Kognakpunsch.

Da lob ich mir die laue Wärme
Der Freundschaft; jedes Seelenweh
Stillt sie, erquickend die Gedärme
Wie eine fromme Tasse Tee.

24

Lebewohl

Hatte wie ein Pelikan
Dich mit eignem Blut getränket,
Und du hast mir jetzt zum Dank
Gall und Wermut eingeschenket.

Böse war es nicht gemeint,
Und so heiter blieb die Stirne;
Leider mit Vergeßlichkeit
Angefüllt ist dein Gehirne.

Nun leb wohl — du merkst es kaum,
Daß ich weinend von dir scheide.
Gott erhalte, Törin, dir
Flattersinn und Lebensfreude!

25

Aristoteles und PhyllisIch war, o Lamm, als Hirt bestellt,
Zu hüten dich auf dieser Welt;
Hab dich mit meinem Brot geätzt,
Mit Wasser aus dem Born geletzt.
Wenn kalt der Wintersturm gelärmt,
Hab ich dich an der Brust erwärmt.
Hier hielt ich fest dich angeschlossen,
Wenn Regengüsse sich ergossen
Und Wolf und Waldbach um die Wette
Geheult im dunkeln Felsenbette.
Du bangtest nicht, hast nicht gezittert.
Selbst wenn den höchsten Tann zersplittert
Der Wetterstrahl – in meinem Schoß
Du schliefest still und sorgenlos.

Mein Arm wird schwach, es schleicht herbei
Der blasse Tod! Die Schäferei,
Das Hirtenspiel, es hat ein Ende.
O Gott, ich leg in deine Hände
Zurück den Stab. — Behüte du
Mein armes Lamm, wenn ich zur Ruh
Bestattet bin — und dulde nicht,
Daß irgendwo ein Dorn sie sticht —
O schütz ihr Vlies vor Dornenhecken
Und auch vor Sümpfen, die beflecken;
Laß überall zu ihren Füßen
Das allerbeste Futter sprießen;
Und laß sie schlafen, sorgenlos,
Wie einst sie schlief in meinem Schoß.

26

Aristoteles und PhyllisIch seh im Stundenglase schon
Den kargen Sand zerrinnen.
Mein Weib, du engelsüße Person!
Mich reißt der Tod von hinnen.

Er reißt mich aus deinem Arm, mein Weib,
Da hilft kein Widerstehen,
Er reißt die Seele aus dem Leib —
Sie will vor Angst vergehen.

Er jagt sie aus dem alten Haus,
Wo sie so gerne bliebe.
Sie zittert und flattert — Wo soll ich hinaus?
Ihr ist wie dem Floh im Siebe.

Das kann ich nicht ändern, wie sehr ich mich sträub,
Wie sehr ich mich winde und wende;
Der Mann und das Weib, die Seel und der Leib,
Sie müssen sich trennen am Ende.

27

Aristoteles und PhyllisDen Strauß, den mir Mathilde band
Und lächelnd brachte, mit bittender Hand
Weis ich ihn ab — Nicht ohne Grauen
Kann ich die blühenden Blumen schauen.

Sie sagen mir, daß ich nicht mehr
Dem schönen Leben angehör,
Daß ich verfallen dem Totenreiche,
Ich arme unbegrabene Leiche.

Wenn ich die Blumen rieche, befällt
Mich heftiges Weinen — Von dieser Welt
Voll Schönheit und Sonne, voll Lust und Lieben,
Sind mir die Tränen nur geblieben.

Wie glücklich war ich, wenn ich sah
Den Tanz der Ratten der Opera —
Jetzt hör ich schon das fatale Geschlürfe
Der Kirchhofratten und Grab-Maulwürfe.

O Blumendüfte, ihr ruft empor
Ein ganzes Ballett, ein ganzes Chor
Von parfümierten Erinnerungen —
Das kommt auf einmal herangesprungen,

Mit Kastagnetten und Zimbelklang,
In flittrigen Röckchen, die nicht zu lang;
Doch all ihr Tändeln und Kichern und Lachen,
Es kann mich nur noch verdrießlicher machen!

Fort mit den Blumen! Ich kann nicht ertragen
Die Düfte, die von alten Tagen
Mir boshaft erzählt viel holde Schwänke —
Ich weine, wenn ich ihrer gedenke. —

28

Aristoteles und PhyllisEs kommt der Tod — jetzt will ich sagen,
Was zu verschweigen ewiglich
Mein Stolz gebot: für dich, für dich,
Es hat mein Herz für dich geschlagen!

Der Sarg ist fertig, sie versenken
Mich in die Gruft. Da hab ich Ruh.
Doch du, doch du, Maria, du
Wirst weinen oft und mein gedenken.

Du ringst sogar die schönen Hände –
O tröste dich — Das ist das Los,
Das Menschenlos: — was gut und groß
Und schön, das nimmt ein schlechtes Ende.

Soundtrack: Wolfgang Ambros: Denk ned noch (des geht vurbei) aus: Live … auf ana langen finstern Stross’n, 1979, nach Bob Dylan: Don’t Think Twice, It’s All Right, 1963.

Written by Wolf

27. Januar 2017 at 00:01

Die Sonne sinkt, bald leuchten mir die Sterne

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Update zu Willkomm und dervoo und
Keine Geschichte über Blut, Krieg und Verwandlungen:

Meine schönste Entdeckung 2016 war, woran ich nicht lange herumrelativieren will, Goethe’s Song von Colum Sands. Das ist schon von 1996, aber deswegen nicht weniger beeindruckend, im Gegenteil. Darauf gekommen bin ich auf der Suche nach einem „Soundtrack“ für den Beitrag über Daniel Kehlmann und durfte feststellen, dass offenbar die notorisch hochkulturkritischen F. W. Bernstein und Eckhard Henscheid Fans des Originals von 1795 ist — das haben sie nämlich 1982 für Unser Goethe (Kaufbefehl!) samt seinen Vorbildern und Parodien vorgestellt und fast heimlich als ironiefreien Rausschmeißer verwendet. Das heißt einiges, es scheint wirklich was dran zu sein.

Alexander Fehlung und Miriam Stein, Goethe, 2010, Wiese

Colum Sands bringt auf All My Winding Journeys eine zweisprachige und seiner Melodie angepasste Version, behält aber allen Respekt. Auf seinem eigenen, zu YouTube-Zeiten selbst gebauten Video erklärt er dazu:

An English translation and setting to music of Goethe’s „Naehe des Geliebten“ that I attempted around 1996. Scarlett O‘ from Berlin sings the original German words. I’ve added photos taken on travels through Ireland and Germany.

Alexander Fehling und Miriam Stein, Goethe, 2010, Kuss in der Ruine

Die Gitarrengriffe für die ungeraden Strophen sind D / G / A–A7 / D // D / G / A–A7 / D, für die geraden Strophen A / G / D / e / D // D / G / A–A7 / D; nach der 4. Strophe bietet sich ein Solo über viermal den Teil D / G / A–A7 / D an, die Schwierigkeit liegt also im verspielten Zupf der rechten Hand. Natürlich empfehle ich es als gemischtes Duett zu singen. Wer keine so saubere Frauenstimme wie Scarlett O‘ hat, darf über die Männerstimme auf der Mundharmonika improvisieren. Es spielt sich ausgesprochen leicht, nur Mut.

Ist ein engelschöneres Lied ausdenkbar? Heuer nicht mehr. Und: Ja, natürlich ist es Kitsch. Das gehört so.

——— Colum Sands & Scarlett O‘:

Goethe’s Song

aus: All My Winding Journeys, 1996:

I watch the sun rise on another journey
Away from you, away from you
And when the moon paints midnight streams before me
I’ll think of you, I’ll think of you.

Ich denke dein, wenn mir der Sonne Schimmer
Vom Meere strahlt, vom Meere strahlt;
Ich denke dein, wenn sich des Mondes Flimmer
In Quellen malt, in Quellen malt.

And I see you on every road I travel
On the laughing street, and down the lonely mile,
Through the darkest nights of all my winding journeys
I see your smile; I see your smile.

Ich sehe dich, wenn auf den fernen Wege,
Der Staub sich hebt, der Staub sich hebt;
In tiefe Nacht, wenn auf dem schmalen Stege
Der Wandrer bebt, der Wandrer bebt.

I hear your voice from the rustling leaves of morning
Til the winds of evening knock my window pane
And in the silence of the deepest forest
I hear your name, I hear your name.

Ich höre dich, wenn dort mit dumpfem Rauschen
Die Welle steigt, die Welle steigt.
Im stillen Haine geh ich oft zu lauschen,
Wenn alles schweigt, wenn alles schweigt.

You’re by my side, though distance stands between us
I know you’re near, I know you’re near
The sun goes down, but the stars will walk beside us
Til you are here, til you are here.

Ich bin bei dir, du seist auch noch so ferne,
Du bist mir nah, Du bist mir nah.
Die Sonne sinkt, bald leuchten mir die Sterne.
O wärst du da, o wärst du da.

Miriam Stein, Goethe, 2010, Zuhören

Um Colum Sands‘ Element der Kulturenverständigung zu entsprechen, folgt der Direktvergleich zwischen Übersetzung und Original:

——— Goethe:

The Nearness of the Belovèd

1795, translation by David Paley:

I think of you when the gleam of sunlight
       Shines upon the sea;
I think of you when the shimmer of the moon
       Is painted on the fountains.

I see you when the dust is rising
       From the distant path;
When in the deep of night upon the narrow way
       The wanderer trembles.

I hear you when the muffled wave
       Is rising there.
In the quiet grove I often go to listen
       When all is silent.

I am with you. Be you yet so far away,
       You are near me.
The sun declines, soon the stars will shine on me.
       O! If only you were there!

——— Goethe:

Nähe des Geliebten

1795, in: Musen-Almanach, 1796:

Ich denke dein, wenn mir der Sonne Schimmer
       Vom Meere strahlt;
Ich denke dein, wenn sich des Mondes Flimmer
       In Quellen malt.

Ich sehe dich, wenn auf dem fernen Wege
       Der Staub sich hebt;
In tiefer Nacht, wenn auf dem schmalen Stege
       Der Wandrer bebt.

Ich höre dich, wenn dort mit dumpfem Rauschen
       Die Welle steigt.
Im stillen Haine geh‘ ich oft zu lauschen,
       Wenn alles schweigt.

Ich bin bei dir; du seist auch noch so ferne,
       Du bist mir nah!
Die Sonne sinkt, bald leuchten mir die Sterne.
       O, wärst du da!

Miriam Stein, Goethe, 2010, Portrait mit Dekolleté

BIlder: Miriam Stein und Alexander Fehling in Philipp Stölzl: Goethe!, 2010.

Miriam Stein, Goethe, 2010, Regen

Written by Wolf

1. Januar 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Klassik

Die Litaneien des Körpers

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Zeit für uns.

Faces of Bliss, 2016

——— Anna Real:

Das tristere Tier

Erstveröffentlichung in: Steffen Jacobs (Hg.): Liederlich! Die lüsterne Lyrik der Deutschen,
Eichborn Berlin, 2008:

Die Erde stellt sich ein bißchen schräger.
Die Sonne scheint auf mein Bett.
Die ganze Nacht war es waagrecht, integer.
Wir haben’s versaut. Wir waren nicht nett.
Was haben wir ihm in die Kissen gestöhnt,
vereint uns, entzweit und gleich wieder versöhnt,
gesuhlt uns, geaalt und herumtrompetet,
was weich ist, immer noch weicher geknetet,
die Litaneien des Körpers rauf und runter gesungen,
was hart bleiben soll ohne Stahlbad gestählt.
Die siebenbürgische Arbeitsteilung:
gebissen hab ich
und du hast
gepfählt.

Das Bett wär‘ am liebsten schamrot lackiert.
Für das Tier mit zwei Rücken sei es nicht konstruiert.
Dabei kommt’s aus Schweden, heißt wie eine Schäre,
hat den Elchtest bestanden und die ungefähre
Tragkraft von plusminus von dir und mir.
Die Laken verzwirbelt, anstatt glatt gebügelt,
und auch die Kissen getalt und gehügelt,
eine Winzigkeit übers Parkett verschoben,
durch unser kleines, gepflegtes Toben.
Tief drinnen noch warm und feucht in den Falten,
hängt’s jetzt halt ein bisserl durch.
Muss erkalten.
Wie wir.

Für V. mit den schamrot lackierten Low-Highlights.

Faces of Bliss, 2016

Bilder: Faces of Bliss, 2016;
Soundtrack: immer wieder Placebo: Every You Every Me aus: Without You I’m Nothing, 1999:

Written by Wolf

26. Dezember 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Postironismus

Impotence proved I’m superman

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Update for Letzte Hand:

This is not a kidding article, no satire, nor parody: Goethe’s poem Das Tagebuch (The Diary), finished by the author on April 30th, 1810, was first published in a translation from German language by John Frederick Nims, in December 1968 — in the US American Playboy magazine.

For centuries, the poem was concealed in Goethe’s complete work editions, including the popular Hamburger and Jubiläumsausgabe; only the legendary 143-volume Weimarer Ausgabe has it „secreted“ into the appendices, for being an „obscenity“. It was not before September 23rd, 1920 that Kurt Tucholsky made it more public in a broader essay named Iste Goethe in Die Weltbühne. Today, German texts can be found in Projekt Gutenberg or Wikisource. Most versions are still illegible and full of flaws. For intense history and interpretation, consult the Frankfurter Ausgabe by Karl Eibl, the only reasonable — and availbale — edition of all of Goethe’s poems. Deep in the 21st century, scholars still have to stumble across it in old boys‘ jokes webpages (see here), the Frankfurter Ausgabe, Tucholsky’s Iste Goethe essay, or the American Playboy magazine.

Germans traditionally tend to think of Americans as philistine.

——— Johann Wolfgang von Goethe:

The Diary

By JOHANN WOLFGANG VON GOETHE
for the first time in English, a verse rendering
of a light yet tenderhearted poem
from the pen of Germany’s greatest writer
Ribald Classic

in: Playboy USA, December 1968, page 212 to 213,
collected in: John Frederick Nims: Sappho to Valéry: Poems in Translation, Rutgers University Press, 1971;
——— Translated by John Frederick Nims:

Goethe, The Diary, Playboy December 1968, page 212Goethe, The Diary, Playboy December 1968, page 213

[Motto, not translated for Playboy:]

— aliam tenui, sed iam quum gaudia adirem,
Admonuit dominae deseruitque Venus.

I had another girl, but as I was getting close to the blissful moment,
Venus reminded me about my true love, and went away.

Tibullus, I, 5, 39/40.

We’ve heard and heard, and finally believe:
There’s no enigma like the heart of man.
The things we do! No good to twist or weave —
We’re human yet, in Rome as Turkistan,
What’s my advice? Forget it. Maybe heave
One sigh, and then live with it if you can.
Also, when sins come nudging with that leer,
Count on some Sturdy Virtue to appear.

Once, when I left my love and had to travel
Off on affairs a traveling man transacts,
Collecting facts and figures to unravel
(Thinking of her, her figure and its facts),
As always, when the night spread, thick as gravel,
Its load of stars, my mind went starry. Stacks
Of paper (balanced on my solar plexus)
Told of the day, in mostly Os and Xs.

Finally I’m rolling homeward, when—you’d know it!—
Cru-ungk! and the axle goes. So one less night
Back in the bed I’m dreaming of—but stow it!
There’s work now. Cross your fingers and sit tight.
Two blacksmiths come. I’m grumpy, and I show it.
Shrugging, the one spits left, the other right.
„It’ll be done when done,“ they grunt, and batter.
Whang! at the wheel. Sparks flying. Clang and clatter.

Stuck in the sticks! With just an inn; The Star,
It says outside. Looks bearable. I’m glad
To see a girl with lantern there. So far
So good. She lifts it higher and—not bad!—
Beckons me in: nice lounge, a decent bar.
The bedroom’s cozy as a travel ad.
In such a place, where pleasant things all mingle,
A married man begins to dream he’s single.

I take the room, unpack, get candlelight
And start to bring my diary up to date.
I like to put my thoughts down every night:
Once home again, I share them with my mate.
But something makes me nervous, I can’t write.
Impressions of my day evaporate.
That girl again. She lays the table first,
Hands deft and cool, nice manner. I’m immersed

In studying her skirt, flung out and in,
I talk, she answers. What a lovely sight
To see her carve the chicken, slice the skin.
Her pretty hands and fingers are so light
I feel that certain sprouting up begin—
And sudden I’m dizzy, drunken, tight;
I’m up; I kick the chair; she’s in my arms,
Pressed hard against me all those bouncy charms.

She murmurs, „Mister, cut it out! My aunt,
Old hatchet face, is listening all the time.
She’s down there guessing what I can or can’t
Be up to every minute. Next she’ll climb
Up with that cane of hers, sniff, snuffle, pant!
But look, don’t lock your door. At midnight I’m
More on my own——“ Untwisting (it’s delicious!),
She hurries out. And hurries back with dishes.

Dishes—and warmer eyes. I’m in a blur,
The heavens open and the angels sing.
She sighs, and every sigh looks good on her:
It makes the heaving breast a pretty thing.
She loves me, I can tell: Such colors stir
Deeper on neck and ear—she’s crimsoning!
Then sad, „Well, dinner’s over, I suppose.“
She goes. She doesn’t want to, but she goes.

The chimes at midnight on the sleeping town!
My double bed looks wider by the minute.
„Leave half for her. That’s friendlier, you clown!“
I say, and squiggle over. To begin it,
We’ll leave the candles lit, I plan—when down
The hall a rustle! Slinky silk—she’s in it!
My eyes devour that fully blossomed flesh.
She settles by me and our fingers mesh.

Then sweet and low: „First tell me once or twice
You love me as a person? Say you do.
As girls around here go, I’m rather nice.
Said no to every man, till I saw you.
Why do you think they call me ‚Piece of Ice‘?
Of ice, indeed! Feel here: I’m melting through,
You did it to me, darling. So be good.
And let’s be lovers, do as lovers should.

„It’s my First time, remember. Make it sweet.
Do anything you want to—I don’t care.“
She pressed her cooler breasts against my heat
As if she liked it and felt safer there.
Lips linger on her lips; toes reach and meet,
But—something funny happening elsewhere.
What always used to play the conquering hero
Now shrank like some beginner, down to zero,

The girl seemed happy with a kiss, a word,
Smiling as if she couldn’t ask for more.
So pure a gaze—yet every limb concurred.
So sweet a blossom, and not picked before.
Oh, but she looked ecstatic when she stirred!
And then lay back relaxing, to adore.
Me, I lay back a bit and … beamed away.
Nagged at my dragging actor, „Do the play!“

I cursed the coward, cursed the situation,
Raged at myself (but all this silently),
Laughed like an idiot, without elation,
And almost wept to watch how, sleeping, she
Lay lovelier yet, a gilt-edged invitation.
The lusty candle burned derisively.
Girls who work hard to earn their little pay
Bed down to sleep more often than to play.

She dreamed—I’d swear, an angel—flushed and snug;
Breathed easily, as if the bed were hers.
I’m scrunched up by the wall—there’s that to hug!
Can’t lift a finger. It’s like what occurs
To thirsty travelers in the sands when—glug!—
There’s water bubbling. But a rattler whirs!
Her lips stir softly, talking to a dream.
I hold my breath: O honeychild! And beam.

Detached—for you couId call it that—I say.
Well, it’s a new experience. Now you know
Why bridegrooms in a panic start to pray
They won’t get spooked and see their chances go.
I’d rather be cut up in saberplay
Than in a bind like this. It wasn’t so
When first I saw my real love: from the gloom
Stared at her, brilliant in the brilliant room.

Ah, but my heart leaped then, and every sense,
My whole man’s-shape a pulsing of delight.
Lord, how I swept her off in a wild dance
Light in my arms, her weight against me tight.
You’d think I fought myself for her. One glance
Would tell how I grew greater, gathered might
For her sake, mind and body, heart and soul.
That was the day my actor lived his role!

Worship and lovely lust—with both in view
I wooed her all that year, until the spring
{Violins, maestro!), when the world was new
And she outflowered, in June, the floweriest thing,
The date was set. So great our passion grew
That even in church (I blush) with heaven’s King
Racked on His cross, before the priest and all,
My impudent hero made his curtain call!

And you, four-posters of the wedding night,
You pillows, that were tossed and rumpled soon,
You blankets, drawn around so our delight
Was ours alone, through morning, afternoon;
You parakeets in cages, rose and white,
Whose twitter music perked our deeper tune—
Could even you, who played your minor part,
Tell which of us was which? Or end from start?

The days of make-believe! The „Let’s pretend,
Honey, we’re sexy tramps!“ I’d toss her there
Laughing, among the cornstalks, or we’d band
Reeds by the river, threshing who knows where?
In public places, nearly. What a friend
My sturdy plowboy then! He wouldn’t scare!
But now, with all the virgin field to reap,
Look at the lousy helper sound asleep.

Or was. But now he’s rousing. Here’s the one!
You can’t ignore him, and you can’t command.
He’s suddenly himself. And like the sun,
Is soaring full of splendor, Suave and bland.
You mean the long thirst’s over with and done?
The desert traveler’s at the promised land?
I lean across to kiss my sleeping girl
And—hey!—the glorious banner starts to furl!

What made him tough and proud a moment? She,
His only idol now, as long ago;
The one he took in marriage fervidly.
From worlds away it comes, that rosy glow,
And, as before it worried him to be
Meager, so now he’s vexed at swelling so
With her afar. Soft, soft, he shrinks away
Out of that magic circle, all dismay.

That’s that. I’m up and scribbling, „Close to home,
I almost thought I wouldn’t make it there.
Honey, I’m yours, in Turkistan or Rome.
I’m writing you in bed, and by a bare
Chance—never mind. A riddle, honeycomb:
Impotence proved I’m superman. I swear
This diary says a lot you’ll reckon good.
The best I wouldn’t tell you. If I could.“

Then cock-a-doodle-doo! At once the girl’s
Thrown off a bed sheet and thrown on a slip;
She rubs her eyes, shakes out her tousled curls,
Looks blushing at bare feet and bites her lip.
Without a word she’s vanishing in swirls
Of underpretties over breast and hip.
She’s dear, I murmur—rushing from above
Down to my coach. And on the road for love!

I’ll tell you what, we writers like to bumble
Onto a moral somewhere, ahing, ohing
Over a Noble Truth. Some readers grumble
Unless they feel improved, My moral’s showing:
Look, it’s a crazy world. We slip and stumble,
But two things, Love and Duty, keep us going.
I couldn’t rightly call them hand in glove.
Duty?—who really needs it? Trust your Love.

US-Playboy December 1968, cover

Soundtrack: Green Day: Good Riddance (Time of Your Life), from: Nimrod, 1997:

It’s something unpredictable, but in the end it’s right —
I hope you had the time of your life.

Written by Wolf

25. November 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Klassik

Mehr nicht

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Update zu Touristengeheimtipp mit Gewinnspiel: Meide das Oktoberfest! und
Ach Kind, wenn du ahntest, wie Kunitzburger Eierkuchen schmeckt!:

„Jetzt schon an Weihnachten denken!“ wie Amazon.de sagt. Für mich zum Beispiel ist Weihnachten praktisch schon wieder rum. Ich war wie jedes Jahr der erste, der sich an Marzipan überfressen hat, sobald einem das Zeug in allen Supermärkten auflauert, und was mir geschenkt werden wird, wurde mir geschenkt. Nach Heiligabend muss ich noch eine Runde Erniedrigungen („Wird das jetzt bald was mit deiner ‚Arbeit‘?“) und emotionaler Erpressungen („Du warst ja bloß unser Einziger, unterhältst du dich da nicht gern mit uns?“) seitens meiner Herren Eltern, lange sollen sie leben, durchstehen, wenn ich Glück hab, ohne Übernachtung („damit du mal eine warme Mahlzeit hast“); kurz: Eigentlich können wir von mir aus gern mit dem Frühling weitermachen, das macht mehr Spaß als Schneeräumen und darauf zu warten, ob eine tourettekranke Gelbbauchunke in Amerika noch vor Weihnachten einen Atomkrieg anfängt — und Amazon.de kann aufhören, mir seine vier Sorten Strombücher anzudienen.

Geschenkt wurden mir die ersten zwei Bände der Memphisto-Pentalogie von Sebastian Keller, und zwar von niemand Geringerem als Sebastian Keller.

Zu fünft umfasst die Pentalogie:

  • Sex and Poetry, 2009;
  • Alice on Speed, 2009;
  • Times of Honor, 2010;
  • Amok Symphony, 2011;
  • Non serviamus, 2013,

allesamt erschienen bei King of Fools in Birmigham, München und Ismaning, und nach dem Querlesen der ersten zwei Bände lässt sich sagen, dass es eine unfaire Unterstellung wäre zu meinen, hier versuche ein seiner Berufung entwachsener Schriftsteller auf dem Rückweg in die Realität seine Freiexemplare loszuwerden.

Angemessen ist vielmehr zu sagen: Dankeschön! Freut mich, lese ich bestimmt sogar.

Es riecht nämlich nach allerhand Stoff zum Weheklagen und Höllenfahren. Der „Memphisto“ ist nicht von mir vertippt, sondern schon richtig geschrieben, nach dem ägyptischen Memphis und am Ende sogar dem tenneseeischen Elvis-Memphis.

Vorerst zitiere ich ungekürzt die Goethe-Biographie aus dem ersten Band. Die kann man ruhig auch mal so sehen.

——— Sebastian Keller jun.:

Nachwort

aus: Sex and Poetry oder Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit und Memphisto. Roman von Sebastian Keller jun. in Zusammenarbeit mit Johann Wolfgang Goethe. Die Memphisto-Pentalogie, Teil I, King of Fools, Birmigham/München/Ismaning, 1. Auflage 2013, Seite 198 f.:

Sebastian Keller, KönigsportraitJohann Wolfgang Goethe traf im November 1775 in Weimar ein und wurde dort schnell zum Vertrauten des fast ein Jahrzehnt jüngeren Herzogs Karl August. Von diesem wurde ihm angetragen das Herzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach mitzugestalten. Genauer gesagt, drückte man ihm das Wegebau-Ministerium und das Kriegsministerium aufs Auge.

Immerhin wurde er dafür 1776 Geheimer Legationsrat. Weil er nun ein wichtiger, viel beschäftigter Mann war, verwarf er für einige Zeit seinen Plan, sich nur noch der Literatur zu widmen. Aber ganz konnte er das Schreiben nicht lassen und 1777 begann er den Roman „Wilhelm Meisters theatralische Sendung“ und schrieb 1779 die „Iphigenie“, bei deren Uraufführung er selbst den Orest gab.

1780 trat er in die Freimaurerloge „Amalia“ ein. Als ehemaliges Mitglied des komischen Ritterordens von Frankfurt hatte er keine Probleme sich in die Rituale der Freimaurer einzufinden. Echte Magie war nun allerdings nicht im Spiel.

1782 wurde Goethe Finanzminister und saß außerdem im Aufsichtsrat der Uni Jena. In der Zeit wurde er geadelt und man hängte ihm das „von“ an, damit man sich nicht länger mit einem Bürgerlichen abgeben musste. Aber seine Reformen am Hof kamen trotzdem nicht so recht voran.

Bis 1786 begann er sich am Hof immer mehr Feinde zu machen und so machte Goethe Erholungsurlaub in Italien, was viele empfindsame Menschen bis in die heutige Zeit sehr toll finden. Goethe fand es auch ganz super, das kann man in seinen Reisebeschreibungen und den Römischen Elegien nachlesen. Was anderes darf man auch nicht erwarten, schließlich hat er sein Gehalt weiter bezahlt bekommen, das er gewinnbringend in die Künste mancher italienischen Artistin anlegte. Besonders Schlangenfrauen scheinen es ihm angetan zu haben, wie folgende Notiz zeigt:

Was ich am meisten bewundre: Bettina wird immer geschickter,
Immer beweglicher wird jegliches Gliedchen an ihr.
Endlich bringt sie das Züngelchen noch ins zierliche Fötzchen,
Spielt mit dem artigen Selbst, achtet die Männer nicht viel.

Memphisto Inc. Logo1788 lernt er Friedrich Schiller kennen, erzählt ihm aber nie die Sache mit dessen Geist, den er in Berlin getroffen hatte und wahrscheinlich auch nichts von der gelenkigen Bettina. Stattdessen verhalf er ihm zu einer Professorenstelle in Jena. Bis zu Schillers Tdo 1805 verband die beiden eine produktive Feundschaft, es hätet aber mehr daraus werden können, wenn die beiden mal gemeinsam nach Italien gefahren wären.

Aber Euch interessiert wahrscheinlich mehr, dass Charlotte von Stein auch nach Goethes Rückkehr nicht mehr viel von ihm wissen wollte und er — glückliche Fügung — sich mit der 23jährigen Christiane Vulpius austoben konnte. Die Rechnungen des Schlossers Spangenberg, der ständig Goethes Bett reparieren musste, sind erhalten.

Bei so viel Fleiß ist es nicht verwunderlich, dass er das 16 Jahre jüngere Mädchen bald schwängerte. Das hielt ihn aber nicht davon ab 1790 Henriette von Lüttwitz einen Heiratsantrag zu machen. Daraus wurde aber nichts und da sich auch keine andere standesgemäße Dame fand, gab er schließlich 1806 Christiane das Ja-Wort. Ganz Weimar hatte sich jahrelnag über Goethes „H.“ (keiner wollte das Schimpfwort laut aussprechen) das Maul zerrissen. Durch die Heirat wurde es dann aber auch nicht besser, man hatte nur neuen Stoff zum Lästern.

Immerhin muss man ihm aber auch zugute halten, dass er sich stets zu Christiane bekannte, auch wenn er deshalb mit ihr sein Häuschen am Frauenplan mitten im Weimar verlassen musste. Er konnte sich halt wie so oft nicht recht entscheiden und war zeitlebens an jungen Damen interessiert. 1807 bandelte er mit der 18-jährigen Minna Herzlieb an und noch 1823 wirbt er als alter Sack mit 74 Jahren um die 19-jährige Ulrike von Leveltzow.

Am 22. März 1832 stirbt er in Weimar.

Mehr nicht.

Soundtrack: Das Beste an Memphis/Tennessee: Mystery Train von 1989, als man bei den Jim-Jarmusch-Filmen noch pausenlos durchgrinsen konnte:

Und weil es nur der Trailer ist, noch das Wichtigste vom Besten an Memphis/Tennessee: die Ausrisse mit Screamin‘ Jay Hawkins und Cinqué Lee als unschlagbar coole Nachtportiers:

Nicht dass eins davon irgendetwas mit Sebastian Kellers Memphisto-Pentalogie zu tun hätte.
Trotzdem nochmal: Dankeschön!

Written by Wolf

18. November 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Klassik

Wie der Schnee so weiß, aber kalt wie Eis ist das Liebchen, das du dir erwählt

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Update zu Vampire Lilith: Obenauf mit 34:

Lasse dich es nit wundern / lieber Machates / ich bin deines Wirths Tochter / und dieweil ich deine Zukunfft vernommen / bin ich in Ansehung deiner Vortrefflichkeit und Tugenden / vorlängst in Liebe gegen dir entzündet und bewegt worden / wiewohl es meinem weiblichen Geschlecht nicht wohl geziemen wollen / dich unterthänig zu ersuchen / daß du dich meiner Beywohnung nicht entziehen wollest / denn ich im wiedrigen Fall und dessen Verbleibung / nicht wegen deiner Unfreundlichkeit und bäurischen Grobheit füglich werde beklagen können / zu dem Ende aber unserer beyder Liebe desto füglicher zu genießen / habe ich diese bequeme Stunde zu unserem Beyschlaff ersehen in dem niemand mehr wachend / unnd beyde Eltern sich zu Bette allbereit verfüget haben.

Die vor sechs Monaten verstorbene Tochter der Wirtsleute zum Gastfreund in: Phlegon aus Tralles nach Johannes Praetorius: Anthropodemus plutonicus, das ist Eine neue Weltbeschreibung von allerlei wunderbaren Menschen, Magdeburg 1666, Kapitel VII: Von gestorbenen Leuten oder Larvis, nach Albert Leitzmann (Hg.): Die Quellen von Schillers und Goethes Balladen, Bonn 1911, Seite 34 f., nach Karl Eibl (Hg.): Goethe: Gedichte 1756–1799, Frankfurter Ausgabe, Seite 1234.

Ein Heidenjüngling mit seiner christlichen Braut, die als Gespenst zu ihm kommt und die er, eine kalte Leiche ohne Herz, zum warmen Leben priapisiert — das sind Heldenballaden!

Herder, 5. August 1798.

Tim Burton, Corpse Bride, 2005

Wer mich, wie es in der Geschichte des 20. Jahrhunderts durchaus vorkam, kennen und verstehen lernen will, darf sich gerne zuerst vergegenwärtigen, dass ich siebenzeilige Strophen mag; das macht mich zu einem großen Teil aus. Was sich im ersten Moment befremdlich anhört, verhält sich wie mit dem bevorzugten Frauentyp: Dralle große Mädchen mit blonden Gretchenzöpfen sind sehr oft ganz wunderbare Menschen, und die jambische, kreuzgereimte Volksliedstrophe in vier Zeilen blickt auf die schätzbarsten Verdienste zurück. Echte Rothaarige und siebenzeilige Strophen aber sind für Gentlemen: separating the men from the boys.

Tim Burton, Corpse Bride, 2005

Seit ich von Goethes & Schillers Balladenjahr 1797 weiß, machen ihre scheinbar tiefernsten Balladen viel mehr Spaß. Die angeblichen Weimarer Giganten haben auch nur gespielt wie die Lausbuben — weil sie es in ihrer hochprivilegierten Stellung konnten — und endlich hat man was von diesen teuer gemieteten Dichtungshöflingen. Die aufkeimende Dichterfreundschaft äußerte sich zuerst und nächst dem persönlichen Briefwechsel am deutlichsten in dem kreativen Ping-Pong, den sie im Jahr darauf in Schillers Musenalmanach veröffentlichen konnten. Praktisch für alle Beteiligten und die davon wissen (müssen).

Die Braut von Korinth war nie Schulstoff, wahrscheinlich weil sie von Anfang an mittleren Skandal erregte, wegen der Unzucht mit Leichen und laxen Umgangs mit dem Christentum, auch wenn beim besten Willen niemals jemand die technische Qualität bestreiten konnte. — August Böttiger am 18. Oktober 1798:

Über nichts sind die Meinungen geteilter als über Goethes „Braut von Korinth“. Während die eine Partei sie die ekelhafteste aller Bordellszenen nennt und die Entweihung des Christentums hoch aufnimmt, nennen andere sie das vollendetste aller kleinen Kunstwerke Goethes.

Wie immer stimmt beides, je nachdem, nach welcher Seite hin man übertreiben will. 1998 — genau zwei Jahrhunderte später — merkt sogar die Autorität Karl Eibl in der maßgeblichen Frankfurter Ausgabe zu den Balladen und Romanzen an (a.a.O. Seite 1220):

Für die Rezeption sollte man immer bedenken, daß solche ‚Balladen‘, ihrer Tradition entsprechend, laut vorgetragen werden wollen und daß es dieser Tradition entspricht, wenn der Vortrag etwas ironisch die reißerische Art der Bänkelsänger imitiert.

und zum Einzelgedicht (Seite 1235):

Die Anknüpfung bei einem durchaus trivialen Stoff rechtfertigt Goethes Bezeichnung „Gespensterromanze“, reiht das Gedicht ein in das zeitgenössische Gespenster-Balladen-Wesen und gibt ihm eine leicht parodistische Note. […] Die hinzutretenden Motive der Brautschaft, der Konfrontation von Heidentum und naturwidrigem Christentum und des gemeinsamen Endes im Feuer jedoch geben geben ihm eine ernsthafte, esoterische Seite.

Wir haben hier also nicht weniger als Goethes Vorgriff auf die Schwarze Romantik, die er nach ihrem „offiziellen“ Ausbruch missbilligen sollte, wenn nicht gar seinen Ausweis einer gothic Seele. Eine solche hätte er empört von sich gewiesen oder wenigstens fürnehm übergangen, ein vollwertiger Beitrag zur heutigen Form von Halloween ist es aber allemal. Ein Schatz.

Die ach so priapische Gespensterballade ist das, wofür Goethe hätte gut sein können, wenn man ihn öfter gelassen hätte; besonderer Dank dafür geht deshalb auch an Schiller. Außerdem stelle ich mir die Braut automatisch als rothaarig vor, und das Ding hat geschlagene 28 (in Worten: achtundzwanzig!) siebenzeilige Strophen.

Carl Mayer nach Alexander Simon, Die Braut von Korinth, um 1880

——— Goethe:

Die Braut von Corinth.

Romanze.

Balladenjahr 1797, in: Schiller, Hg.: Musenalmanach für das Jahr 1798, Seite 88 bis 99:

     Nach Corinthus von Athen gezogen
Kam ein Jüngling, dort noch unbekannt,
Einen Bürger hofft er sich gewogen,
Beyde Väter waren gastverwandt,
Hatten frühe schon
Töchterchen und Sohn
Braut und Bräutigam, in Ernst, genannt.

     Aber wird er auch willkommen scheinen,
Wenn er theuer nicht die Gunst erkauft?
Er ist noch ein Heide mit den Seinen,
Und sie sind schon Christen und getauft.
Keimt ein Glaube neu,
Wird oft Lieb und Treu
Wie ein böses Unkraut ausgerauft.

     Und schon lag das ganze Haus im stillen,
Vater, Töchter, nur die Mutter wacht,
Sie empfängt den Gast mit bestem Willen,
Gleich ins Prunkgemach wird er gebracht
Wein und Essen prangt
Eh er es verlangt,
So versorgend wünscht sie gute Nacht.

     Aber bey dem wohlbestellten Essen
Wird die Lust der Speise nicht erregt,
Müdigkeit lässt Speis‘ und Trank vergessen,
Dass er angekleidet sich aufs Bette legt,
Und er schlummert fast,
Als ein seltner Gast
Sich zur offnen Thür hereinbewegt.

     Denn er sieht, bey seiner Lampe Schimmer
Tritt mit weissem Schleyer und Gewand,
Sittsam still ein Mädchen in das Zimmer
Um die Stirn ein schwarz und goldnes Band.
Wie sie ihn erblickt,
Hebt sie, die erschrickt,
Mit Erstaunen eine weisse Hand.

     Bin ich, rief sie aus, so fremd im Hause
Dass ich von dem Gaste nicht vernahm?
Ach! so hält man mich in meiner Klause!
Und nun überfällt mich hier die Schaam.
Ruhe nur so fort,
Auf dem Lager dort
Und ich gehe schnell so wie ich kam.

     Bleibe schönes Mädchen! ruft der Knabe,
Rafft von seinem Lager sich geschwind,
Hier ist Ceres, hier ist Bacchus Gabe
Und du bringst den Amor liebes Kind.
Bist vor Schrecken blass,
Liebe komm und lass
Lass uns sehn, wie froh die Götter sind.

     Ferne bleib, o Jüngling! bleibe stehen,
Ich gehöre nicht den Freuden an
Schon der letzte Schritt ist, ach! geschehen,
Durch der guten Mutter kranken Wahn,
Die genesend schwur:
Jugend und Natur
Sey dem Himmel künftig unterthan.

     Und der alten Götter bunt Gewimmel
Hat sogleich das stille Haus geleert,
Unsichtbar wird einer nur im Himmel,
Und ein Heiland wird am Kreuz verehrt;
Opfer fallen hier,
Weder Lamm noch Stier,
Aber Menschenopfer unerhört.

     Und er fragt und wäget alle Worte,
Deren keines seinem Geist entgeht,
Ist es möglich? dass am stillen Orte
Die geliebte Braut hier vor mir steht!
Sey die meine nur!
Unsrer Väter Schwur
Hat vom Himmel Segen uns erfleht.

     Mich erhältst du nicht, du gute Seele,
Meiner zweyten Schwester gönnt man dich,
Wenn ich mich in stiller Klause quäle,
Ach! in ihren Armen denk an mich,
Die an dich nur denkt,
Die sich liebend kränkt,
In die Erde bald verbirgt sie sich.

     Nein! bey dieser Flamme seys geschworen,
Gütig zeigt die Hymen uns voraus,
Bist der Freude nicht und mir verlohren,
Kommst mit mir in meines Vaters Haus.
Liebchen bleibe hier,
Feyre gleich mit mir
Unerwartet unsern Hochzeitschmaus.

     Und schon wechseln sie der Treue Zeichen,
Golden reicht sie ihm die Kette dar,
Und er will ihr eine Schale reichen,
Silbern, künstlich wie nicht eine war.
Die ist nicht für mich,
Doch ich bitte dich
Eine Locke gieb von deinem Haar.

     Eben schlug die dumpfe Geisterstunde
Und nun schien es ihr erst wohl zu seyn.
Gierig schlürfte sie mit blassem Munde
Nun den dunkel blutgefärbten Wein,
Doch vom Weizenbrot
Das er freundlich bot,
Nahm sie nicht den kleinsten Bissen ein.

     Und dem Jüngling reichte sie die Schale,
Der wie sie nun hastig lüstern trank,
Liebe fordert er beym stillen Mahle,
Ach! sein armes Herz war Liebekrank,
Doch sie widersteht,
Wie er immer fleht,
Bis er weinend auf das Bette sank.

     Und sie kommt und wirft sich zu ihm nieder:
Ach! wie ungern seh ich dich gequält!
Aber ach! berührst du meine Glieder,
Fühlst du schaudernd, was ich dir verhehlt.
Wie der Schnee so weiss,
Aber kalt wie Eis
Ist das Liebchen, das du dir erwählt.

     Heftig fasst er sie mit starken Armen,
Von der Liebe Jugendkraft durchmannt:
Hoffe doch bey mir noch zu erwarmen
Wärst du selbst mir aus dem Grab gesandt!
Wechselhauch und Kuss!
Liebesüberfluss!
Brennst du nicht und fühlest mich entbrannt?

     Liebe schliesset fester sie zusammen,
Thränen mischen sich in ihre Lust,
Gierig saugt sie seines Mundes Flammen
Eins ist nur im andern sich bewusst;
Seine Liebeswuth
Wärmt ihr starres Blut,
Doch es schlägt kein Herz in ihrer Brust.

     Unterdessen schleichet auf dem Gange
Häuslich spät die Mutter noch vorbey,
Horchet an der Thür und horchet lange,
Welch ein sonderbarer Ton es sey?
Klag und Wonne Laut,
Bräutigams und Braut,
Und des Liebestammelns Raserey.

     Unbeweglich bleibt sie an der Thüre
Weil sie erst sich überzeugen muss,
Und sie hört die höchsten Liebesschwure
Lieb und Schmeichelworte mit Verdruss –
Still der Hahn erwacht
Aber Morgennacht
Bist du wieder da? – Und Kuss auf Kuss.

     Länger hält die Mutter nicht das Zürnen
Oeffnet das bekannte Schloss geschwind –
Giebt es hier im Hause solche Dirnen
Die dem Fremden gleich zu Willen sind? –
So zur Thür hinein!
Bey der Lampe Schein
Sieht sie, Gott! sie sieht ihr eigen Kind.

     Und der Jüngling will im ersten Schrecken
Mit des Mädchens eignem Schleierflor,
Mit dem Teppich die Geliebte decken,
Doch sie windet gleich sich selbst hervor;
Wie mit Geists Gewalt
Hebet die Gestalt,
Lang und langsam sich im Bett’ empor.

     Mutter! Mutter! spricht sie hohle Worte,
So missgönnt ihr mir die schöne Nacht!
Ihr vertreibt mich von dem warmen Orte,
Bin ich zur Verzweiflung nur erwacht?
Ists euch nicht genug;
Dass ins Leichentuch
Dass ihr früh mich in das Grab gebracht?

     Aber aus der schwerbedeckten Enge
Treibet mich ein eigenes Gericht,
Eurer Priester summende Gesänge,
Und ihr Segen haben kein Gewicht;
Salz und Wasser kühlt
Nicht wo Jugend fühlt,
Ach, die Erde kühlt die Liebe nicht.

     Dieser Jüngling war mir erst versprochen,
Als noch Venus heitrer Tempel stand.
Mutter habt ihr doch das Wort gebrochen
Weil ein fremd, ein falsch Gelübd euch band!
Doch kein Gott erhört,
Wenn die Mutter schwört
Zu versagen ihrer Tochter Hand.

     Aus dem Grabe werd ich ausgetrieben,
Noch zu suchen das vermisste Gut,
Noch den schon verlohrnen Mann zu lieben,
Und zu saugen seines Herzens Blut.
Ists um den geschehn,
Muss nach andern gehn
Und das junge Volk erliegt der Wuth.

     Schöner Jüngling, kannst nicht länger leben,
Du versiechest nun an diesem Ort,
Meine Kette hab‘ ich dir gegeben,
Deine Locke nehm ich mit mir fort.
Sieh sie an genau,
Morgen bist du grau,
Und nur braun erscheinst du wieder dort.

     Höre Mutter nun die letzte Bitte
Einen Scheiterhaufen schichte du,
Oefne meine bange kleine Hütte,
Bring in Flammen Liebende zur Ruh.
Wenn der Funke sprüht,
Wenn die Asche glüht,
Eilen wir den alten Göttern zu.

Le Quichotte, La Fiancée de Corinthe, AUTOUR DE QUELQUES CARICATURES DE CHAM PAS TRÈS CHAMARRÉES

Bilder: Stahlstich von Carl Mayer nach einer Zeichnung von Alexander Simon: Die Braut von Korinth, in: A. Schott (Hg.): Panorama der deutschen Klassiker, 2. Band, Verlag von Karl Göpel, Stuttgart o. J., um 1880, nach Seite 50, Berlin, Sammlung Archiv für Kunst und Geschichte via Wehrgang-Bücher;
Le Quichotte: Autour de quelques caricatures de cham pas très chamarrées, 21 décembre 2014:

Cette peinture fait référence à La Fiancée de Corinthe (Die Braut von Korinth), poème de Goethe de 1797. Nous sommes ici — eh, oui ! qui l’eut cru — au second siècle sur un argument de Phlégon, affranchi de l’empereur Hadrien, auteur du recueil Les Merveilles (mais plus connu pour ses Olympiades). Goethe aurait repris la trame de « l’histoire de vampire » contée par Phlégon : au milieu des affrontements entre paganisme et christianisme, et sur un fond érotique, le poème raconte l’histoire d’une jeune morte qui revient voir son fiancé. On peut trouver dans Le Roman de la Momie, et surtout dans La Morte Amoureuse de Théophile Gautier, l’exploitation d’un même fond très romantique;

Tim Burton: Corpse Bride (deutsch: Hochzeit mit einer Leiche), 2005.

Tim Burton, Corpse Bride, 2005

Soundtrack: ebenda.

Written by Wolf

28. Oktober 2016 at 00:01

Amy and Hir Nether Ye

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Get smart by watching TV: I liked Dr. Amy Farrah Fowler, played by real-life neuroscience Ph. D. Mayim Bialik, from the beginning, which was in the final episode of season 3, The Lunar Excitation from May 24th, 2010.

Chaucer has been fun since 2001 A Knight’s Tale, with Paul Bettany prancing around naked and doing his stirring declamations for Sir Ulrich Von Lichtenstein (who does exist). By reciting The Miller’s Tale on a casual basis, Mayim Bialik gives the heteronormal male nerd something to fall in love with. And everybody else into smart big girls, of course.

——— Geoffrey Chaucer:

The Miller’s Tale

end: verse 3850–3854, c. 1385:

Thus swyved was this carpenteris wyf,
For al his kepyng and his jalousye;
And Absolon hath kist hir nether ye;
And Nicholas is scalded in the towte.
This tale is doon, and God save al the rowte!

The Big Bang Theory, The 21-Second Excitation, 2010

In language …:

And that is how the carpenter’s wife was screwed, for all the carpenter’s watchfulness and paranoia; how Absolom kissed her nether eye; and how Nicholas got his ass burned. Thank you, and God bless every one of us!

The Big Bang Theory, The 21-Second Excitation, 2010

… and explained …:

This passage, the rhyming conclusion to the Miller’s Tale, neatly resolves the story by offering a reckoning of accounts. Everyone in the story has learned his or her lesson and gotten the physical punishment he or she deserves. The carpenter’s wife, Alisoun, was “swyved,” or possessed in bed by another man, in this case, Nicholas. John, the ignorant and jealous carpenter, has been made a cuckold, despite his watchful and possessive eye. Absolon, the foolish and foppish parish clerk, has kissed Alisoun’s behind, fair punishment for evading his clerical duties. Nicholas, the smart-alecky student who cheated on the carpenter with Alisoun, has been burned on his bottom with a red-hot poker as payback for farting in Absolon’s face. Still, the distribution of punishments is not entirely equal. John is dealt the worst lot—he ends up with a broken arm and the whole town believing he has gone insane. Alisoun’s “swyving” is a double punishment for John, while Alisoun herself escapes unscathed.

The Big Bang Theory, The 21-Second Excitation, 2010

… and in heavy use on girls‘ night as in The Big bang Theory, season 4, episode 8: The 21-Second Excitation, November 11th, 2010:

Amy: „And Absolon hath kist hir nether ye;
And Nicholas is scalded in the towte.
This tale is doon, and God save al the rowte!“

Penny: What the hell was that?

Amy: Bernadette dared me to tell a dirty story. The Miller’s Tale by Chaucer is the dirtiest story I know. It would have been hidden in sock drawers if people in the 14th century had worn socks.

The Big Bang Theory, The 21-Second Excitation, 2010

HERE ENDETH THE MILLERE HIS TALE.

The Big Bang Theory, The 21-Second Excitation, 2010

Images: Quirks and All, December 28th, 2013.

The Big Bang Theory, The 21-Second Excitation, 2010

Written by Wolf

30. September 2016 at 00:01

In blonder Scheinheiligkeit

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Update zu Untergehn mit Faust und Maus und Ach! schrei’n (Typisch deutsch!),
Was hilft euch Schönheit, junges Blut?
und Der Frühling liebt das Flötenspiel, doch auch auf der Posaune:

Faustische Momente finden sich überall.

——— Heinrich Spoerl:

Die Feuerzangenbowle

Ein Lausbüberei in der Kleinstadt. Der erste im Droste Verlag erschienene Roman,
als Vorabdruck in Der Mittag, Düsseldorf 1933
in der Bertelsmann-Ausgabe 1962 auf Seite 135:

Harry Clarke, Faust by Goethe. From the German by John Anster, George G. Harrap & Co., London 1925Am nächsten Tag erschien ein eisgraues Männlein, stellte sich als Baurat vor und suchte die Ursache der Duftei zu ergründen. Er ergründete sie. Dann meldete er sich bei der Direktorin, um zu berichten. Die Direktorin gab Deutsch und war intensiv, aber nicht angenehm beschäftigt. In blonder Scheinheiligkeit hatte Eva die Frage aufgeworfen, warum Faust nicht um Gretchens Hand angehalten habe. Die Direktorin konnte nicht antworten. Diese Frage war in den Kommentaren unbehandelt geblieben, und nun tat sie, was jeder erfahrene Lehrer in solchen Fällen tut: Sie fragte die Klasse. Der Erfolg war entsprechend.

„Faust wollte nicht. Weil Gretchen ein Kind hatte.“

„Setzen. — Bitte?“

Faust konnte nicht. Weil Gretchen schon verheiratet war.“

„– ? –„

„Natürlich. Denn sie hatte doch ein Kind.“

Es klopfte im rechten Augenblick. Herr Baurat ließ bitten.

So scheinheilig finde ich Evas Frage übrigens gar nicht, wenn man sie ernst nimmt. Ein alter Geschichtslehrer von mir, der mich nicht leiden konnte, hatte sich auf die unvermeidliche Frage: „Wie lange hat denn der Dreißigjährige Krieg gedauert?“ einen ausufernden, gar nicht mal so langweiligen Vortrag zurechtgelegt, der den Rest der Stunde retten konnte. Zusammengefasst lautete seine Antwort: netto ungefähr zwei, drei Jahre.

Herrn Doktor Rossmeissls Umgang mit dummen Fragen folgend, blättere ich demnächst mal im etwa tausendseitigen Fanpaket-Kommentar von Albrecht Schöne nach, auf den die Direktorin anno 1933 noch über 60 Jahre warten musste, warum Faust Gretchen nicht einfach gefragt hat. Und ob sie angenommen hätte, und für wen das ein Gewinn gewesen wäre.

Sollen wir schon mal raten?

Hochzeitsbild: Faust by Goethe. From the German by John Anster, illustrated by Harry Clarke, George G. Harrap & Co., London 1925, via UW-Milwaukee Special Collections, 19. Mai 2016. Das ganze Buch zum Blättern in archive.org.

Soundtrack: ADAM: Go to Go („All I really want to know is if you’re ever gonna show, ‚cause now we’re moving too slow. If you want to go, then go.“), auf einem Sybian (hoffentlich nicht dem selben), 2014:

Written by Wolf

1. August 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Klassik

Siehst du

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Update zu Warum wir trotz allem Thomas Mann lieb haben:

Death in Venice, 1971, via Moments of Being

Thomas Mann als Lyriker.

Death in Venice, 1971, via Moments of Being

——— Thomas Mann:

Siehst du, Kind, ich liebe dich

in: Die Gesellschaft, Jahrgang 11, Band 1, Leipzig, Januar 1895;
in Buchform: Thomas Mann: Die Erzählungen, Stockholmer Gesamtausgabe;
wiederabgedruckt in: Gesammelte Werke VIII, 1105;
cit. Große Kommentierte Frankfurter Ausgabe, Band Fiorenza/Gedichte/Filmentwürfe, 2014:

Siehst du, Kind, ich liebe dich,
Da ist nichts zu machen;
Wollen halt ein Weilchen noch
Beide drüber lachen.

Aber einmal, unverhofft,
Kommen ernste Sachen, —
Siehst du, Kind, ich liebe dich,
Da ist nichts zu machen!

Thomas Mann.

Death in Venice, 1971, via Moments of Being

Bilder: Dirk Bogarde als Gustav von Aschenbach, Björn Andrésen als Tadzio und ein venezianischer Papagallo als venezianischer Papagallo in Luchino Visconti: Tod in Venedig, 1971,
via Moments of Being, 13. September 2015.

Death in Venice, 1971, via Moments of Being

Soundtrack: Gustav Mahler: 5. Symphonie, III. Abteilung: Adagietto, ebenda.

Fachliteratur: Silvae: Fickfackerei, 25. April 2015.

Death in Venice, 1971, via Moments of Being

Bonus Track: The Proclaimers, nicht schwul, sondern Zwillinge: I’m Gonna Be (500 Miles), nicht aus How I Met Your Mother, 2005 ff. und nicht einmal aus Benny & Joon, 1993, sondern: Sunshine on Leith, nicht genuschelt, sondern schottisch, 1988.

Written by Wolf

24. Juni 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Novecento

Umfing ihn sein feins Liebchen: Leb wol, du Herzensbübchen! Leb wol! Viel Heil und Sieg!

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Update zum Weekly Wanderer 8: Horst Bingel: Feinsliebchen:

Die Welt tut vorbildlich meinen Job und bringt eingehende Analysen der deutschen Romantik. Ich tue ein übriges und verfälsche planvoll den Artikel von Matthias Heine, den ich vollständig zitiere, indem ich die Literaturzitate vervollständigt in den Fließtext rücke.

Einzig Heines (sic) Conclusio, das einzige Gesicht des katexochenen Feinsliebchens sei das eines Staffage-Details auf einem verschollenen Bild, erscheint mir etwas willkürlich — aber ziemlich schön. Entweder zum Trost oder zur Belohnung finden sich die aufschlussreichsten Feinsliebchen-Lieder, für die nicht einmal in den Bonus Tracks Platz war, in der Sammlung Ludwig Erk, 1856.

Feinsliebchen, ich bleibe Dir treu, Bildpostkarte Gruß von der Front, 19. Februar 1916, Universität Osnabrück, via Europeana 1914–1918

——— Matthias Heine:

Die Blaue Blume unter den Wörtern

in: Die Welt, Mittwoch, 23. März 2016, Feuilleton Seite 22:

Auf der Suche nach dem, was deutsch ist, stößt man auf das volksliedhafte „Feinsliebchen“. Populär gemacht haben es zwei Intellektuelle

Was ist eigentlich deutsch? Diese Frage wird gerade auf ziemlich verwirrende Weise neu verhandelt. Mitglieder und Sympathisanten von Bewegungen wie Pegida und AfD sehen sich selbst als Erben antidiktatorischer Widerstandskämpfer wie Sophie Scholl und Graf Stauffenberg. Einwanderer aus Osteuropa, die in ihrem Schrebergarten Russlandfahnen hissen und deren hier geborenen Kinder untereinander immer noch Russisch reden, empfinden sich als deutscher als die meisten hier Geborenen.

Irritiert von so bizarren Ansprucherhebern auf das wahre Deutschland, wendet man suchend wieder den Blick zu denjenigen, die das, was wir heute für deutsch halten, erst definiert haben: den Romantikern. Und man stößt dort auf ein Wort, das wie ein Signal war, mit der sich die Vertreter der neuen und revolutionären Denk- und Empfindungsweise in ihrer Poesie zu erkennen gaben: Feinsliebchen. So nannte ein wahrer Romantiker die Geliebte.

Diese Blaue Blume unter den Wörtern haben Achim von Arnim und Clemens Brentano gezüchtet – mit gärtnerischer Vorarbeit von Gottfried August Bürger. 1805 bis 1808 veröffentlichten Arnim und Brentano eine Sammlung namens „Des Knaben Wunderhorn„, die im Untertitel „Alte deutsche Lieder“ versprach. Feinsliebchen – mal zusammengeschrieben, mal auseinander: feins Liebchen oder feines Liebchen – ist darin ein Zauberwort, dessen Nennung den Traum von einem schöneren Deutschland beschwört. Dieses Land der Seele liegt „wohl unterm grünen Tannenbaum, allda ich fröhlich lag, in mein feins Liebchens Armen die lange liebe Nacht.“

Abendlied.

Mündlich.

Nun laßt uns singen das Abendlied,
Denn wir müssen gehn,
Das Kännchen mit dem Weine,
Lassen wir nun stehn.

Das Kännchen mit dem Weine,
Das muß geleeret sein,
Also muß auch das Abendlied
Wohl fein gesungen sein.

Wohl unterm grünen Tannenbaum,
Allda ich fröhlich lag,
In mein feins Liebchens Armen
Die lange liebe Nacht.

Die Blätter von den Bäumen
Die fallen nun auf mich,
Daß mich mein Schatz verlassen hat,
Das freuet wohl mich.

Daß mich mein Schatz verlassen hat,
Das kömmt wohl daher,
Sie dacht sich zu verbessern,
Betrog sich gar sehr.

Des Abends, wenn es dunkel wird,
Steht er wohl vor der Tür,
Mit seinem blanken Schwerdte,
Als wie ein Offizier.

Mit seinem blanken Schwerdte,
Gleich einem rechten Held,
Mit ihm will ich es wagen,
Ins weite, weite Feld.

Mit ihm will ich es wagen,
Zu Wasser und zu Land,
Daß mich mein Schatz verlassen hat,
Das bringt mir keine Schand.

Das Abendlied gesungen ist,
Das Kännchen ist geleert,
Laß sehn nun wie du Kerl aussiehst,
Mit deinem blanken Schwerdt.

Der Nachtwächter wandelt darin durch hutzelige Kleinstädte, aber ganz anders, als wir uns heute die Romantik zurechtkastriert haben, wird Sexualität recht offen angesprochen: „Der Wächter fing zu läuten an: ,Steh auf, wer bey Feinsliebchen liegt, der Tag kommt angeschlichen.“

Das Wiedersehen am Brunnen.

Mündlich.

Es war einmal ein junger Knab,
Der hat gefreit schon sieben Jahr
Um ein fein Mädlein, das ist wahr,
Er konnt sie nicht erfreien.

„Ey komm den Abend junger Knab,
Wenn finstre Nacht und Regen ist,
Wenn niemand auf der Gasse ist,
Herein will ich dich lassen.“

Der Tag verging, der Abend kam,
Der junge Knab geschlichen kam,
Er klopfet leise an die Thür:
„Steh auf, ich bin dafüre.

Ich hab schon lang gestanden hier
Ich stand allhier wohl sieben Jahr.“
„Hast lang gestanden, das ist nicht wahr,
Ich hab noch nicht geschlafen.

Ich hab gelegn und hab gedacht,
Wo nur mein Schatz noch bleiben mag,
Er macht mir allzulang, zu lang,
Mir wird ganz angst und bange.“

„Wo ich so lang geblieben bin,
Das darf dir wohl gesaget seyn,
Bey Bier und Wein, wo Jungfern seyn,
Da bin ich allzeit gerne.“

Es war wohl um die Mitternacht,
Der Wächter fing zu läuten an:
„Steh auf, wer bey Feinsliebchen liegt,
Der Tag kommt angeschlichen.“

Das Bürschlein auf die Leiter sprang,
Und schaut die Stern am Himmel dicht:
„Ich scheide nicht bis Tag anbricht,
Bis alle Sterne schwanden.“

Er sah das Morgensternlein nur,
Als sich der Knab von ihr gewandt,
Das Mägdlein Morgens früh aufstand,
Ging an den kühlen Brunnen.

Begegnet ihr derselbig Knab,
Der Nachts bey ihr geschlafen hat,
Viel guten Morgen boten hat:
„Gut Morgen mein Feinsliebchen.

Wie hast geschlafen heute Nacht?“
„Ich hab gelegn in Liebchens Arm!
Ich hab geschlafen, daß Gott erbarm,
Mein Ehr hab ich verschlafen!“

Die Romantik war auch sonst nicht immer so romantisch, wie es unser Klischee will: „Feins Liebchen, ihr müsset mich lausen, mein gelbkrauß Härlein durchzausen“, sagt der fahrende Ritter zur schönen Königstochter, die mit ihm wegen seines schönen Gesanges durchgebrannt ist.

Liebe ohne Stand.

Feiner Almanach II. Band S. 100.

Es ritt ein Ritter wohl durch das Ried,
Er hob wohl an ein neues Lied,
Gar schöne thät er singen,
Daß Berg und Thal erklingen.

Das hört des Königs sein Töchterlein
In ihres Vaters Lustkämmerlein,
Sie flochte ihr Härlein in Seiden,
Mit dem Ritter wollte sie reiten.

Er nahm sie bey ihrem seidenen Schopf
Und schwung sie hinter sich auf sein Roß.
Sie ritten in einer kleinen Weile
Wohl vier und zwanzig Meilen.

Und da sie zu dem Wald ’naus kamen,
Das Rößlein das will Futter han.
„Feins Liebchen, hier wollen wir ruhen,
Das Rößlein, das will Futter.“

Er spreit sein Mantel ins grüne Gras,
Er bat sie, daß sie zu ihm saß,
„Feins Liebchen, ihr müsset mich lausen,
Mein gelbkrauß Härlein durchzausen.“

Des härmt sich des Königs sein Töchterlein,
Viel heiße Thränen sie fallen ließ,
Er schaut ihr wohl unter die Augen,
„Warum weinet ihr, schöne Jungfraue?“

„Warum sollt ich nicht weinen und traurig seyn,
Ich bin ja des Königs sein Töchterlein;
Hätt ich meinem Vater gefolget,
Frau Kayserin wär ich geworden.“

Kaum hätt sie das Wörtlein ausgesagt,
Ihr Häuptlein auf der Erden lag,
„Jungfräulein hättst du geschwiegen,
Dein Häuptlein wär dir geblieben.“

Er kriegt sie bey ihrem seidenen Schopf,
Und schlenkert sie hinter den Hollerstock:
„Da liege feins Liebchen und faule,
Mein junges Herze muß trauren.“

Er nahm sein Rößlein bei dem Zaum,
Und band es an einen Wasserstrom.
„Hier steh mein Rößlein und trinke,
Mein jung frisch Herze muß sinken.“

Mindestens sechsundzwanzigmal kommt Feinsliebchen in „Des Knaben Wunderhorn“ vor. Wie wir heute wissen, waren die Lieder nicht so „alt“ wie der Titel versprach, sondern oft stark von Arnim bearbeitet. Der massenhafte Gebrauch von Feinsliebchen ist also nicht unbedingt Ausdruck des authentischen Volksmunds, sondern eine literarische Strategie. Schon Gottfried August Bürger hatte es in seinen 1778 erschienenen Gedichten dreifach codiert benutzt: Als Chiffre einer Liebeskonzeption, die aufklärerischer Rationalität Hohn sprach, als Verweis auf ein idealisiertes Mittelalter und als Kostüm, mit dem das von Intellektuellen hergestellte Poem sich das Ansehen eines Volksliedes gab: „Ein Ritter rit wol in den Krieg, und als er seinen Hengst bestieg, Umfing ihn sein feins Liebchen: „Leb wol, du Herzensbübchen! Leb wol! Viel Heil und Sieg!“ Bürger hatte das Wort, das zum ersten Mal in den Fastnachtspielen des fünfzehnten Jahrhunderts belegt ist, wohl tatsächlich aus der Volkspoesie übernommen.

Der Ritter und sein Liebchen

1775, in: Gedichte, Johann Christian Dieterich, Göttingen 1778:

     Ein Ritter rit wol in den Krieg,
Und als er seinen Hengst bestieg,
Umfing ihn sein feins Liebchen:
„Leb wol, du Herzensbübchen!
Leb wol! Viel Heil und Sieg!

     Kom fein bald wieder heim ins Land,
Daß uns umschling‘ ein schönres Band,
Als Band von Gold und Seide:
Ein Band aus Lust und Freude,
Gewirkt von Priestershand!“ –

     „Ho ho! Käm‘ ich auch wieder hier,
Du Närrchen du, was hülf‘ es dir?
Magst meinen Trieb zwar weiden;
Allein dein Band aus Freuden
Behagt mit nichten mir.“ –

     „O weh! So weid‘ ich deinen Trieb,
Und wilst doch, falscher Herzensdieb,
Ins Ehband dich nicht fügen!
Warum mich denn betrügen,
Treuloser Unschuldsdieb?“ –

     „Ho ho! du Närrchen, welch ein Wahn!
Was ich that, hast du mitgethan.
Kein Schlos hab‘ ich erbrochen.
Wann ich kam anzupochen,
So war schon aufgethan.“ –

     „O weh! So trugst du das im Sin?
Was schmeicheltest du mir um’s Kin?
Was mustest du die Krone,
So zu Betrug und Hohne,
Mir aus den Locken ziehn?“ –

     „Ho ho! Jüngst flog in jenem Hain
Ein kirres Täubchen zu mir ein.
Hätt‘ ich es nicht gefangen,
So müsten mir entgangen
Verstand und Sinnen seyn.“ – –

     Drauf rit der Ritter hop sa sa!
Und strich sein Bärtchen trallala!
Sein Liebchen sah ihn reiten,
Und hörte noch vom weiten
Sein Lachen ha ha ha! – –

     Traut, Mädchen, leichten Rittern nicht!
Manch Ritter ist ein Bösewicht.
Sie löffeln wol und wandern,
Von Einer zu der Andern,
Und freien Keine nicht.

Auch wenn Feinsliebchen gelegentlich als Anrede für den männlichen Geliebten auftaucht, ist doch meist eine Frau damit gemeint. Und das ist ganz folgerichtig. In einem Land, in dem die nationale Identität mit der Mutter(!)sprache aufgesogen wird, ist die Frau der Inbegriff des Deutschen – da können die Männer noch so sehr mit den Schwertern klirren. Bei Hoffmann von Fallersleben ist im „Lied der Deutschen“ von Männern keine Rede, stattdessen heißt es: „Deutsche Frauen, deutsche Treue, deutscher Wein und deutscher Sang“.

Der gedachte mysteriöse Zusammenhang zwischen deutschen Frauen und dem alten schönen Klang war nirgendwo sinnfälliger als beim Feinsliebchen. Das Wort wurde, nachdem es einmal mit dem Wunderhorn in die dichterische Welt hinausgeblasen worden war, begeistert aufgegriffen. Es hatte die gleiche Wirkung wie ein Facebook-Profilfoto, mit dem man seine Sympathie für eine Bewegung bekundet. Der junge Heinrich Heine übertrifft 1827 in seinem lyrischen Bestseller „Buch der Lieder“ Arnim und Brentano noch mit der Zahl seiner Feinsliebchen: „Feins Liebchen weint; ich weiß warum, und küß‘ ihr Rosenmündlein stumm.“

Traumbilder.

VI.

Im süßen Traum, bei stiller Nacht,
Da kam zu mir, mit Zaubermacht,
Mit Zaubermacht, die Liebste mein,
Sie kam zu mir ins Kämmerlein.

Ich schau sie an, das holde Bild!
Ich schau sie an, sie lächelt mild,
Und lächelt, bis das Herz mir schwoll,
Und stürmisch kühn das Wort entquoll:

„Nimm hin, nimm alles was ich hab,
Mein Liebstes tret ich gern dir ab,
Dürft ich dafür dein Buhle sein,
Von Mitternacht bis Hahnenschrein.“

Da staunt‘ mich an gar seltsamlich,
So lieb, so weh und inniglich,
Und sprach zu mir die schöne Maid:
O, gib mir deine Seligkeit!

„Mein Leben süß, mein junges Blut,
Gäb ich, mit Freud und wohlgemut,
Für dich, o Mädchen engelgleich –
Doch nimmermehr das Himmelreich.“

Wohl braust hervor mein rasches Wort,
Doch blühet schöner immerfort,
Und immer spricht die schöne Maid:
O, gib mir deine Seligkeit!

Dumpf dröhnt dies Wort mir ins Gehör,
Und schleudert mir ein Glutenmeer
Wohl in der Seele tiefsten Raum;
Ich atme schwer, ich atme kaum. –

Das waren weiße Engelein,
Umglänzt von goldnem Glorienschein;
Nun aber stürmte wild herauf
Ein greulich schwarzer Koboldhauf.

Die rangen mit den Engelein,
Und drängten fort die Engelein;
Und endlich auch die schwarze Schar
In Nebelduft zerronnen war. –

Ich aber wollt in Lust vergehn,
Ich hielt im Arm mein Liebchen schön;
Sie schmiegt sich an mich wie ein Reh,
Doch weint sie auch mit bitterm Weh.

Feins Liebchen weint; ich weiß warum,
Und küß ihr Rosenmündlein stumm. –
„O still‘, feins Lieb, die Tränenflut,
Ergib dich meiner Liebesglut!“

„Ergib dich meiner Liebesglut –“
Da plötzlich starrt zu Eis mein Blut;
Laut bebet auf der Erde Grund,
Und öffnet gähnend sich ein Schlund.

Und aus dem schwarzen Schlunde steigt
Die schwarze Schar; – feins Lieb erbleicht!
Aus meinen Armen schwand feins Lieb;
Ich ganz alleine stehen blieb.

Da tanzt im Kreise wunderbar,
Um mich herum, die schwarze Schar,
Und drängt heran, erfaßt mich bald,
Und gellend Hohngelächter schallt.

Und immer enger wird der Kreis,
Und immer summt die Schauerweis:
Du gabest hin die Seligkeit,
Gehörst uns nun in Ewigkeit!

Im traurigsten Liebesliederzyklus aller Zeiten lässt Wilhelm Müller 1823 seinen Wanderer die „Winterreise“ antreten, indem er vor dem Haus der verlorenen Geliebten seufzt: „Laß irre Hunde heulen vor ihres Herren Haus! Die Liebe liebt das Wandern, Gott hat sie so gemacht – von einem zu dem andern – Fein Liebchen, gute Nacht!“

Gute Nacht

Fremd bin ich eingezogen,
Fremd zieh‘ ich wieder aus.
Der Mai war mir gewogen
Mit manchem Blumenstrauß.
Das Mädchen sprach von Liebe,
Die Mutter gar von Eh‘, –
Nun ist die Welt so trübe,
Der Weg gehüllt in Schnee.

Ich kann zu meiner Reisen
Nicht wählen mit der Zeit,
Muß selbst den Weg mir weisen
In dieser Dunkelheit.
Es zieht ein Mondenschatten
Als mein Gefährte mit,
Und auf den weißen Matten
Such‘ ich des Wildes Tritt.

Was soll ich länger weilen,
Daß man mich trieb hinaus?
Laß irre Hunde heulen
Vor ihres Herren Haus;
Die Liebe liebt das Wandern –
Gott hat sie so gemacht –
Von einem zu dem andern.
Fein Liebchen, gute Nacht!

Will dich im Traum nicht stören,
Wär schad‘ um deine Ruh‘,
Sollst meinen Tritt nicht hören –
Sacht, sacht die Türe zu!
Schreib‘ im Vorübergehen
Ans Tor dir: Gute Nacht,
Damit du mögest sehen,
An dich hab‘ ich gedacht.

Und sogar der vermeintlich unromantische Georg Büchner braucht 1835 das Wort, um Volksliedkolorit zu schaffen, wenn er in „Danton’s Tod“ die verrückte Lucile unter dem Fenster ihres eingekerkerten Camille singen lässt: „Es stehen zwei Sternlein an dem Himmel, scheinen heller als der Mond, Der ein‘ scheint vor Feinsliebchens Fenster, Der andere vor die Kammerthür.“

Lucile (tritt auf. Sie setzt sich auf einen Stein unter die Fenster der Gefangenen). Camille, Camille! (Camille erscheint am Fenster.) – Höre, Camille, du machst mich lachen mit dem langen Steinrock und der eisernen Maske vor dem Gesicht; kannst du dich nicht bücken? Wo sind deine Arme? – Ich will dich locken, lieber Vogel. (Singt:)

Es stehen zwei Sternlein an dem Himmel
Scheinen heller als der Mond,
Der ein‘ scheint vor Feinsliebchens Fenster,
Der andere vor die Kammerthür.

Komm, komm, mein Freund! leise die Treppe hinauf, sie schlafen Alle. Der Mond hilft mir schon lange warten. Aber du kannst nicht zum Thor herein, das ist eine unleidliche Tracht. Das ist zu arg für den Spaß, mach ein Ende. Du rührst dich auch gar nicht, warum sprichst du nicht? Du macht mir Angst. –

Höre! die Leute sagen, du müßtest sterben, und machen dazu so ernsthafte Gesichter. – Sterben! ich muß lachen über die Gesichter. Sterben! Was ist das für ein Wort? Sag‘ mir es, Camille. Sterben! Ich will nachdenken, da, da ist’s. Ich will ihm nachlaufen; komm, süßer Freund, hilf mir fangen, komm! komm! (Sie läuft weg.)

Camille (ruft). Lucile ! Lucile!

In Wirklichkeit hat nie ein Feinsliebchen außerhalb der Poesie gelebt. Sein einziges Gesicht ist das der jungen Frau, die in Schinkels „Gotischer Dom am Fluss“ mit den Schiffern schäkert. Die Spur des Gemäldes verliert sich in Hitlers Reichskanzlei 1945. Die Szenerie darauf ist frei erfunden, eine Sehnsuchtsgeburt des Malers, und gerade deshalb hat nie ein deutscheres Bild existiert. Eine Kirche, die es nicht gibt, an einem Fluss, der nirgendwo fließt, unter einer Sonne, die so niemals aus einem deutschen Himmel scheint, auf einem Bild, das verbrannt ist – das ist das wahre Deutschland.

Was hab ich denn meinem Feinsliebchen gethan, Postkarte mit Alt-Betzinger Motiv, Julius Schlotterbeck an Pauline Hipp, 1902

Soundtrack: Johannes Brahms: Feinsliebchen, du sollst mir nicht barfuß gehn, WoO 33 Nr. 12, 1894. Melodie und Text: kuhländisches Volkslied aus Mähren, 1814 veröffentlicht. Hochdeutsch auf die Melodie der westfälischen Ballade Winterrosen gesetzt von Wilhelm von Zuccalmaglio, um 1840. — Aufzutreiben waren bis zu zwölf Strophen für das Volkslied; bei Schubert fehlen die siebte bis elfte:

  1. „Feinsliebchen, du sollst mir nicht barfuß gehn!
    Du zertrittst dir die zarten Füßlein schön!“
  2. „Wie sollte ich denn nicht barfuß gehen?
    Hab keine Schuh‘ ja anzuziehn.“
  3. „Feinsliebchen, willst du mein Eigen sein,
    so kaufe ich dir ein Paar Schühelein.“
  4. „Wie könnte ich denn Euer Eigen sein?
    Ich bin ein armes Mägdelein.“
  5. „Und bist du auch arm, so nehm ich dich doch –
    du hast ja die Ehr‘ und die Treue noch!“
  6. „Die Ehr‘ und die Treue mir keiner nahm;
    ich bin wie ich von der Mutter kam.“
  7. „Und Ehr und Treu ist besser wie Geld!
    Ich nehm mir ein Weib, das mir gefällt!“
  8. Was zog er aus seiner Tasche fein?
    Von blauer Seide sind’s Strümpfelein.
  9. Sie setzte sich nieder auf einen Stein
    und zog die Strümpfe an ihre Bein‘.
  10. Was zog er aus seiner Tasche dazu?
    Von blauem Leder ein Paar Schuh‘.
  11. Sie zog die Schühlein an den Fuß
    und dankte ihm gar sehr dazu.
  12. Was zog er aus seiner Tasche fein?
    Mein Herz! Von Gold ein Ringelein!

Bonus Track:

Ich habe mein Feinsliebchen

Musik: anonym aus dem 18. Jahrhundert , die Melodie als „vielfach mündlich überliefert, durch ganz Deutschland bekannt“; Text: Verfasser unbekannt, 1807 abgedruckt bei Büsching u . v. d. Hagen – auch in Deutscher Liederhort, 1856, Nachweise und Variationen im Volksliederarchiv:

Ich habe mein Feinsliebchen,
Ich hab mein schön Feinsliebchen
So lange nicht gesehn,
Schon lang nicht mehr gesehn.

Ich sah sie gestern Abend,
Ich sah sie gestern Abend
Wohl in der Haustür stehn,
Wohl unter der Haustür stehn.

Sie sagt, ich sollt sie küssen,
Der Vater darf’s nicht wissen.
Die Mutter nahm’s gewahr,
daß jemand bei ihr war.

„Ach, Tochter, willst du freien?
Es wird dich schon gereuen,
gereuen wird es dich,
gereuen wird es dich.

Wenn andre junge Mädchen
mit ihren grünen Kränzchen
(mit ihren holden Schätzchen)
wohl auf den Tanzboden geh’n,
Wohl auf den Tanzboden geh’n.

So mußt du junges Weibchen
mit deinem zarten Leibchen
wohl bei der Wiegen stehn,
wohl bei der Wiegen stehn.

Mußt singen: Ri-Ra-Ritzchen,
schlaf ein mein liebes Fritzchen,
schlaf ein in süßer Ruh,
mach deine Äuglein zu.

Ach hätt das Feu’r nicht so gebrannt,
so wär die Lieb‘ nicht ang’rannt.
Das Feuer brennt so sehr,
die Liebe noch viel mehr.

Das Feuer kann man löschen,
die Liebe nicht vergessen,
ja nun und nimmermehr,
ja nun und nimmermehr.“

„Hättst du ihn fahren lassen,
den Fuhrmann auf den Straßen,
den Reiter auf sei’m Roß,
ein Jungfrau wärst du noch.“

Dienstmägdleins edler Retter. Deutsche Volkslieder – Feinsliebchen, du sollst mir nicht barfuß gehn, Entstehungsgeschichte, via BR Klassik, picture-alliance, dpa

Bilder:

  1. Feinsliebchen, ich bleibe Dir treu, Bildpostkarte Gruß von der Front, Prägedruck, Höhe: 1204 mm; Breite: 1778 mm, gelaufen 19. Februar 1916, Universität Osnabrück | Historische Bildpostkarten, via Europeana 1914–1918;
  2. Was hab ich denn meinem Feinsliebchen gethan?

    Eine Postkarte mit Alt-Betzinger Motiv zum Thema verschmähte Liebe, geschrieben im Jahr 1902 von einem Julius Schlotterbeck an eine Pauline Hipp. Auf der Karte ist noch aufgedruckt:

    Was hab ich denn meinem Feinsliebchen gethan?
    Es geht ja vorüber und schaut mich nicht an;
    Es schlägt seine Äuglein wohl unter sich
    Und hat einen andern viel lieber als mich.

    BildeRTanzquelle Sammlung Werner Früh;

  3. Dienstmägdleins edler Retter. Deutsche Volkslieder – Feinsliebchen, du sollst mir nicht barfuß gehn, Entstehungsgeschichte, via BR Klassik, picture-alliance/dpa.

Bonus Track:Horch, was kommt draußen rein? Wird wohl mein Feinsliebchen sein.“

Written by Wolf

20. Mai 2016 at 00:01

Welcome, proud Mary

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Update for Fräulein Rosa Martin aus Nürnberg (18) and Candida Terpin:

Frederick Sandys: Proud Maisie, 1868, pencil and crayon on paper, Victoria and Albert Museum, London

——— Sir Walter Scott:

Proud Maisie

from: The Heart of Midlothian, 1818:

Proud Maisie is in the wood,
   Walking so early;
Sweet Robin sits on the bush,
   Singing so rarely.

‚Tell me, thou bonny bird,
   When shall I marry me?’—
‚When six braw gentlemen
   Kirkward shall carry ye.‘

‚Who makes the bridal bed,
   Birdie, say truly?’—
‘The grey-headed sexton
   That delves the grave duly.

‚The glow-worm o’er grave and stone
   Shall light thee steady;
The owl from the steeple sing,—
   „Welcome, proud lady!“‚

Image: Frederick Sandys: Proud Maisie, 1868, pencil and crayon on paper, Victoria and Albert Museum, London:

Sandys often returned to the subject of a woman biting a lock of curling hair.

1902, black chalks on wove paper, laid down on cardboard, 39.2 cm x 33.4 cm, National Gallery of Canada:

This drawing is one of a series [of at least 11 versions, made between 1867 and 1904] representing the artist’s mistress in the pose of a brooding „femme fatale“. The title, deriving from a poem by Sir Walter Scott, was a later addition, and the image is less an illustration than the artist’s giving visual expression to his personal and provocative obsession with this individual woman.

Frederick Sandys: Proud Maisie, 1868, detail, pencil and crayon on paper, Victoria and Albert Museum, London

Bonus track: Creedence Clearwater Revival: Proud Mary from: Bayou Country, 1969.

Written by Wolf

8. April 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Romantik

Busenalmanach

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Update zu Also, Volk: Singe mit, lerne auswendig und verbreite!:

Heute ist meteorologischer Frühlingsanfang, da mag ich ein bissel spaßigen Schweinkram machen.

Wozu mir als erstes einfällt: Ich wusste gar nicht, dass wirklich schon mal jemand bildlich dargestellt hat, wie Säfte steigen; bisher dachte ich, das soll sich immer nur auf „Kräfte zeigen“ reimen.

Was von Parodien in der Titanic zu halten ist, muss ich hier nicht ausbreiten, schließlich hab ich lauter selbstständig denkende Leser. Die unauffällige, weil dankenswerterweise nicht illustrierte Seite 54 in der Januar-Nummer 2016 bringt so geballt wertfreie Kalauer, präpubertäre Schweinigeleien und haltloses Herumgewitzel um des albernen Gekichers willen, dass es eine Freude ist. Das ausformulierte „Eichendorff“-Gedicht darunter ist leider in dem gedrängten Layout nur als Fließtext durch Schrägstriche unterteilt. Das musste ich mal als Lyrik anschauen. — Die unvollständigen Highlights:

——— Valentin Witt:

Peinliche Pervers-Geheimnisse

Die total versexte Welt der Literaten

in: Titanic Nr. 1, Januar 2016, Seite 54:

Die wahre Natur Joseph von Eichendorffs zeigt sich in diesen bislang verborgen gehaltenen Versen:

An einem Mühlenrädchen
Zum Abschied ganz bedrückt
Hat mir mein liebes Mädchen
Ein Ringlein angesteckt.

Doch als in stiller Stunde
Ich an dem Rade stand,
Von ferne frohe Kunde
Sich mir ums Herze wand.

Da hat’s mir glatt beim Schiffen,
Als ich dran dacht‘ zu lochen,
Von Geilheit ganz ergriffen
Das Cockringlein zerbrochen.

Von dennoch profunden literaturgeschichtlichen Kenntnissen zeugt der Absatz über Schiller: Die Reste des Musen-Almanachs sind jedenfalls im Weimarer Friedrich-Schiller-Archiv geblieben, und den Kalauer mit den Horen hat 1788 schon Böttiger gebracht. Die Leserzahl dürfte grob hinkommen.

Friedrich Schiller betätigte sich als Autor und Herausgeber der Zeitschriften „Busenalmanach“ und „Die Huren“, deren einziger Leser er selbst war und die er nach Gebrauch sofort wieder vernichtete.

In so einem Sauhaufen darf auf keinen Fall die Arnim fehlen, die in jungen Jahren unbestritten die Hübscheste im ganzen Autorenlexikon war. Was man allerdings nicht sagen darf, weil sie unbestritten die einzige Hübsche war; siehe den letzten Fünf-Mark-Schein. Für mich ist die „Bettine“ in Damenstrumpfhosen nämlich gar keine so „perverse“ Vorstellung, sondern ein Typ für weiße, und zwar nicht über 30 Denier und ohne Zehenzwickel. Trotz ihres nachweislichen Sexuallebens kommt sie bei Witt ganz ungewohnt respektvoll weg.

Eine exquisite Sammlung an Korsetts, Damenstrumpfhosen und Unterröcken besaß und trug regelmäßig — sogar in der Öffentlichkeit und vor Kindern — die Romantikerin Bettina von Arnim.

Irgendwer bei der Titanic scheint irgendwas von der Droste (siehe auch den letzten 20-Mark-Schein) zu halten, worauf man nicht in einem Deutsch-Kurrikulum kommt: Ich trauere, wie erwähnt, immer noch der entweder Altmänner- oder genauso präpubertären Phantasie des Nacktbildes von der Freifrau hinterher und trau mich nicht die Künstler Greser & Lenz zu fragen, in welcher Nummer das war, wie sieht denn das aus.

Der biederen Erscheinung zum Trotz war Annette von Droste-Hülshoff zwischen den Laken eine ganz schöne Wildkatze, ja eine richtige kleine Squirtmaschine.

Und dann noch mein Zweitliebling cit. Witt:

Viele haben sich an Goethe gerieben.

Valentin Witt bringt a.a.O. noch Unerhörtes über Baudelaire, Beauvoir, Bernhard, Böll, de la Fontaine, Fontane, Kafka, Kehlmann, Thomas Mann, Herta Müller, Poe, Pirinçci, Wilde, Woolf („Virginia Woolf hatte Brüste, einen Po und eine Woolfa“, au weh) und Stefan Zweig; für unseren Zweck (welchen eigentlich?) sollte das vorerst reichen.

Puss in Boots

Katzenbild: Möglicherweise Kristen Stewart, rothaarig in Puss in Boots, 2015.

Wenigstens jetzt keine Kalauer, bitte.

Soundtrack: Placebo: Every You Every Me, aus: Without You I’m Nothing, 1999.

Der Film war klasse.

Written by Wolf

1. März 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Klassik

Invisible Girls

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Obscure poem mentioned by Arno Schmidt in Julia, oder die Gemälde. Scenen aus dem Novecento, 1976, published posthumously 1983. One of the poet’s Cara poems.

Stepan Nesmiyan, ivisible Girl, August 4th, 2015

——— Thomas Moore:

To the Invisible Girl

January 1804,
in: The Poetical Works of Thomas Moore: Juvenile poems; Poems relating to America:

They try to persuade me, my dear little sprite,
That you’re not a true daughter of ether and light,
Nor have any concern with those fanciful forms
That dance upon rainbows and ride upon storms;
That, in short, you’re a woman; your lip and your eye
As mortal as ever drew gods from the sky.
But I will not believe them—no, Science, to you
I have long bid a last and a careless adieu:
Still flying from Nature to study her laws,
And dulling delight by exploring its cause,
You forget how superior, for mortals below,
Is the fiction they dream to the truth that they know.
Oh! who, that has e’er enjoyed rapture complete,
Would ask how we feel it, or why it is sweet;
How rays are confused, or how particles fly
Through the medium refined of a glance or a sigh;
Is there one, who but once would not rather have known it,
Than written, with Harvey, whole volumes upon it?

Invisible Woman by slangmeadAs for you, my sweet-voiced and invisible love,
You must surely be one of those spirits, that rove
By the bank where, at twilight, the poet reclines,
When the star of the west on his solitude shines,
And the magical fingers of fancy have hung
Every breeze with a sigh, every leaf with a tongue.
Oh! hint to him then, ‚tis retirement alone
Can hallow his harp or ennoble its tone;
Like you, with a veil of seclusion between,
His song to the world let him utter unseen,
And like you, a legitimate child of the spheres,
Escape from the eye to enrapture the ears.

Sweet spirit of mystery! how I should love,
In the wearisome ways I am fated to rove,
To have you thus ever invisibly nigh,
Inhaling for ever your song and your sigh!
Mid the crowds of the world and the murmurs of care,
I might sometimes converse with my nymph of the air,
And turn with distaste from the clamorous crew,
To steal in the pauses one whisper from you.
Then, come and be near me, for ever be mine,
We shall hold in the air a communion divine,
As sweet as, of old, was imagined to dwell
In the grotto of Numa, or Socrates‘ cell.
And oft, at those lingering moments of night,
When the heart’s busy thoughts have put slumber to flight,
You shall come to my pillow and tell me of love,
Such as angel to angel might whisper above.
Sweet spirit!–and then, could you borrow the tone
Of that voice, to my ear like some fairy-song known,
The voice of the one upon earth, who has twined
With her being for ever my heart and my mind,
Though lonely and far from the light of her smile,
An exile, and weary and hopeless the while,
Could you shed for a moment her voice on my ear.
I will think, for that moment, that Cara is near;
That she comes with consoling enchantment to speak,
And kisses my eyelid and breathes on my cheek,
And tells me the night shall go rapidly by,
For the dawn of our hope, of our heaven is nigh.

Fair spirit! if such be your magical power,
It will lighten the lapse of full many an hour;
And, let fortune’s realities frown as they will,
Hope, fancy, and Cara may smile for me still.

Stepan Nesmiyan, ivisible Girl, August 4th, 2015

Invisible Girl 1 & 3: Stepan Nesmiyan, August 4th, 2015; 2: Slangmead, July 2014.
Soundtrack: The King Khan & BBQ Show: Invisible Girl from: Invisible Girl, 2009.

Bonus Girl: from the album 2009, via Ratboy ’69, Friday, September 13th, 2013.

The King Khan & BBQ Show, Invisible Girl, 2009, cover

Written by Wolf

22. Januar 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Romantik

Der goldene Ginster der Sonne auf dem Strand und dem Meer

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——— Sappho

übersetzt und herausgegeben in:

Raoul Schrott: Die Erfindung der Poesie. Gedichte aus den ersten viertausend Jahren,
Die andere Bibliothek, Frankfurt am Main 1997:

Sir Lawrence Alma-Tadema, Sappho and Alcaeus, 1881, Öl auf Leinwand, 66 cm x 122 cm, The Walters Art Museum

I

Charles August Mengin, Sappho, 1877, oil in canvas, 230,7 cm × 151,1 cm, Manchester Art GalleryAn meinem bett stand sie

die dämmerung in ihren
sandalen und weckte mich
gerade in diesem moment

~~~\~~~~~~~/~~~

II

Dieser morgen war

der goldene ginster
der sonne auf dem
strand und dem meer

~~~\~~~~~~~/~~~

III

Marc-Charles-Gabriel Gleyre: Le coucher de Sappho, 1867, Öl auf Leinwand 108 cm × 72 cm, Musée cantonal des Beaux-Arts, LausanneIn der mitte des tages

wenn in der senkrecht
herab fallenden hitze
die erde glüht dann

schlagen die zikaden
das lied aus ihren
flügeln noch einen
halben ton höher an

~~~\~~~~~~~/~~~

IV

An diesem nachmittag

flochten die mädchen
blumen zu girlanden
nur für ihre hochzeit

~~~\~~~~~~~/~~~

VI

Léon Bazille Perrault, Sapho, 1891Der mond in der dämmerung

und die mädchen nehmen ihren
platz ein wie um einen altar

~~~\~~~~~~~/~~~

VIII

Die fetten schenkelknochen

einer weißen ziege werde ich
dir opfern auf deinem altar

~~~\~~~~~~~/~~~

X

Léon Bazille Perrault, Sapho, 1891Der schlaf gießt auf ihre augen
sein dichtes dunkel

@~>~~

Mit dem kopf
auf der brust eines mädchens

~~~\~~~~~~~/~~~

XIV

Ich glaube selbst die arme ausgestreckt
könnte ich den himmel nicht berühren

~~~\~~~~~~~/~~~

XV

Ich verlange und ich brenne

@~>~~

Du bist es der mich brät …

~~~\~~~~~~~/~~~

XVI

SapphoIch weiß nicht warum
ich bin entzweigerissen

~~~\~~~~~~~/~~~

XVII

Ich liebe was mich liebt • die liebe hat
glaube ich ihren anteil an der sonne

~~~\~~~~~~~/~~~

XVIII

Ego Rodriguez, Sappho, January 4th, 2013Im traum hab ich mit dir
geredet • göttin • Kypris

~~~\~~~~~~~/~~~

XXX

Ich habe dich lange schon geliebt
Atthis als du noch ein mädchen
warst und nicht einmal hübsch

~~~\~~~~~~~/~~~

XXXIX

Wie eine rebe die sich um einen pfahl
nach oben rankt

~~~\~~~~~~~/~~~

XXXXIV

Muß ich dich daran erinnern

Kleïs daß im haus eines dichters
niemand vor schmerz schreit?

~~~\~~~~~~~/~~~

XXXXVIII

Ein bauerntrampel hat es dir angetan
eine die nicht einmal weiß wie man
ein kleid leicht über die knöchel hebt

~~~\~~~~~~~/~~~

LII

[Alkaios zu Sappho]

Ich möchte dir etwas sagen doch
eigentlich trau ich mich nicht —

[Sappho zu Alkaios]

Alles was gut und recht ist mein lieber
wenn du was anderes als bumsen
im kopf hättest dann wäre es dir längst
schon über die lippen gekommen

Laurence Koe, Sappho. Öl auf Leinwand, 103 cm x 27,5 cm, Bonhams, London

Ansichten von Sappho (chronologisch, zum selbstständigen Zuordnen):

  1. Marc-Charles-Gabriel Gleyre: Le coucher de Sappho, 1867,
    Öl auf Leinwand, 108 cm × 72 cm, Musée cantonal des Beaux-Arts, Lausanne;
  2. Charles August Mengin: Sappho, 1877, Öl auf Leinwand,
    230,7 cm × 151,1 cm, Manchester Art Gallery;
  3. Sir Lawrence Alma-Tadema: Sappho and Alcaeus, 1881,
    Öl auf Leinwand, 66 cm x 122 cm, The Walters Art Museum;
  4. Léon Bazille Perrault: Sapho (sic), 1891;
  5. uncredited;
  6. uncredited;
  7. Laurence Koe: Sappho, Öl auf Leinwand, 103 cm x 27,5 cm, Bonhams, London;
  8. Ego Rodriguez: Sappho, January 4th, 2013.

Written by Wolf

1. Oktober 2015 at 00:01

Wenn andere bluten

with 6 comments

Update zu Mephisto ist ein mieser Verräter:

Faust.
Auch was geschriebnes forderst du Pedant?
Hast du noch keinen Mann, nicht Mannes-Wort gekannt?
Ist’s nicht genug, daß mein gesprochnes Wort
Auf ewig soll mit meinen Tagen schalten?
Ras’t nicht die Welt in allen Strömen fort,
Und mich soll ein Versprechen halten?
Doch dieser Wahn ist uns ins Herz gelegt,
Wer mag sich gern davon befreyen?
Beglückt, wer Treue rein im Busen trägt,
Kein Opfer wird ihn je gereuen!
Allein ein Pergament, beschrieben und beprägt,
Ist ein Gespenst vor dem sich alle scheuen.
Das Wort erstirbt schon in der Feder,
Die Herrschaft führen Wachs und Leder.
Was willst du böser Geist von mir?
Erz, Marmor, Pergament, Papier?
Soll ich mit Griffel, Meißel, Feder schreiben?
Ich gebe jede Wahl dir frey.

Mephistopheles.
Wie magst du deine Rednerey
Nur gleich so hitzig übertreiben?
Ist doch ein jedes Blättchen gut.
Du unterzeichnest dich mit einem Tröpfchen Blut.

Faust.
Wenn dieß dir völlig G’nüge thut,
So mag es bey der Fratze bleiben.

Mephistopheles.
Blut ist ein ganz besondrer Saft.

Faust.
Nur keine Furcht, daß ich dieß Bündniß breche!
Das Streben meiner ganzen Kraft
Ist g’rade das was ich verspreche.

Studirzimmer.

Meine erste Ausweisnummer in der Stadtbibliothek meiner Kindheit, derjenigen in – voller Ortsname –: Röthenbach an der Pegnitz, war 3316.

Das hat sich über die Jahrzehnte hinweg leicht gemerkt, weil man fern des EDV-Zeitalters seine Ausweisnummer jedesmal mit einem angeketten Kugelschreiber auf die Karte hinten in den Büchern, die noch nicht „Medien“ hießen, eintragen musste. Und wie der leitende Bibliothekar einzuschätzen ist (jawoll, der macht den Job bis heute!), war er der letzte in Bayern, der seinen Laden auf Computer umgestellt hat. Dabei konnte ich mich bei meinem Ausleihvolumen noch glücklich schätzen, so zeitig beigetreten zu sein, dass meine Nummer nur vierstellig war.

Den Faust musste ich dort nie entleihen, weil mir die bei meinen Eltern herumgilbende unkommentierte Ausgabe genügte, die fast so schön gereimt war wie Wilhelm Busch. Dennoch hat sich mir bis heute die Zahl 3316 mit allem verbunden, „was man gelesen haben muss“ — unter anderem mit jener „einzige[n] Phiole! Die ich mit Andacht nun herunterhole“, und in der Faust einen „Saft“ sucht, mit dem er sich zu entleiben gedenkt. Wie man sich erinnert, scheitert das Vorhaben am ostersonntäglichen Sonnenaufgang — aber dass „Saft“ an späterer Stelle außer für Gift auch noch für Blut steht, fand schon der 14-jährige Welpe, damals durchaus vertraut mit Gedanken an die eigene Endlichkeit, Saft und Herunterholen, dramaturgisch etwas gewagt.

Sehr viel später trat das Internet in mein Leben. Alsbald wurde klar, dass es seine Kernkompetenzen in genau dieser erwähnten Gedankenwelt fand. Von den herkömmlichen Formen der Pornographie war ich schon mit 14 teils über- und teils unterfordert, erst im Internet schloss ich Beautiful Agony aus einer Art soziologischem Interesse spontan ins Herz.

Aus solchen gedanklichen Verbindungen, die alle Ebenen des menschlichen Erlebens gleichermaßen einbeziehen, hab ich lange auf Beatiful-Agony-Artist Nummer 3316 gewartet. Und siehe: Sie spricht von Blut.

3316 auf Beautiful Agony

——— Artist 3316 auf Beautiful Agony:

„I always thought blood was really, really attractive and sexy. I like it when other people bleed, and I like it when I bleed. I think I’m one the only person I know that actually likes being on her period!“

In eigener Übersetzung:

„Ich finde Blut schon immer wirklich und ehrlich attraktiv und sexy. Ich mag es, wenn andere bluten, und ich mag, wenn ich selbst blute. Jedenfalls bin ich die einzige, die ich kenne, die richtig gern ihre Periode hat!“

Die junge Dame, wie die meisten Beatiful-Agony-Artists vermutlich aus Amerika, breitet hier in der ihre Vorstellung vertiefenden Befragung, die im Projekt Beautiful Agony confession heißt, also etwas betont Persönliches, gar ein Geheimnis sein soll, ihre erotische Vorliebe aus, die bei einer so aufgeschlossenen Frau ihre besonders ausgeprägte Weiblichkeit und ihre Affinität zu urwüchsigen, gar hexenhaften und genderpolitischen Belangen ausdrückt.

Das Blut dagegen, mit dem Faust den endgültigen Vertrag unterschreibt, aus dem ihn in der Tragödie zweitem Theil kein allzu erwartbarer Sonnenaufgang mehr retten kann, hat als Mittel zur Unterschrift eine ehrwürdige Tradition, die Goethe dem Artikel Unterschrifft im nicht viel weniger ehrwürdigen 68-bändigen Universallexikon von Johann Heinrich Zedler entnehmen konnte:

——— Johann Heinrich Zedler:

Grosses vollständiges Universal Lexicon aller Wissenschafften und Künste : Welche bißhero durch menschlichen Verstand und Witz erfunden und verbessert worden ; Darinnen so wohl die Geographisch-Politische Beschreibung des Erd-Creyses, nach allen Monarchien, Käyserthümern, samt der natürlichen Abhandlung von dem Reich der Natur, Als auch eine ausführliche Historisch-Genealogische Nachricht von den berühmtesten Geschlechtern in der Welt, Ingleichen von allen Staats- Kriegs- Rechts- Policey und Haußhaltungs-Geschäfften des Adelichen und bürgerlichen Standes, Wie nicht weniger die völlige Vorstellung aller in den Kirchen-Geschichten berühmten Alt-Väter, Propheten, Apostel, Päbste, Cardinäle, Endlich auch ein vollkommener Inbegriff der allergelehrtesten Männer, berühmter Universitäten enthalten ist

64 Bände und 4 Supplement-Bände, Halle und Leipzig 1731–1754:

Nicht weniger von denen mit fremden oder eigenem Blute oder aus dem Kelch des Heil. Abendmahls in die Feder genommenen Sacrament gemachten Unterschrifften, und Dero absonderlichen Verbindung gehandelt. Denn gleichwie im alten Heydenthum die Bündnisse mit Menschen-Blute bestätiget worden ; also hat der Aberglaube auch unter den Christen sich vielfältig geäussert. Etliche haben die Bann-Brieffe wieder die Ketzer mit dem Blute CHristi aus dem gesegneten Kelche, ihrer Meynung nach, geschrieben ; andere in Gebet-Büchern sich CHristo Mit ihrem eigenen Blute verschrieben. Gar viele Exempel hat man auch, da der Satan melancholische oder gottlosse Leute beredet, ihre Handschrifften von ihrem eigenen Blute zu geben. Endlich so pflegen auch Verliebte einander die Liebe und künfftige Ehe mit dergleichen zu versichern. Von welchen allen auch Herr D. Georg Heinrich Götze in seiner Eccloga Historico Theologica de Subscriptionibus sanguine humano firmatis, Lübeck und Leipzig 1724 in 4 seine Gedancken mittheilet.

Erwähnten Dr. Götzes Gedanken über Verliebte in seiner Eccloga Historico Theologica sind nicht so leicht erreichbar überliefert – was heute bedeutet: sie stehen nicht online –, aber gewiss auf Exodus 24,6–8 gestützt:

VND Mose nam die helffte des Bluts / vnd thets in ein becken / Die an der helfft sprenget er auff den Altar. Vnd nam das buch des Bunds / vnd las es fur den ohren des volcks / Vnd da sie sprachen / Alles was der HERR gesagt hat / wollen wir thun vnd gehorchen / Da nam Mose das Blut vnd sprenget das Volck damit / vnd sprach / Sehet / Das ist blut des Bunds / den der HERR mit euch macht / vber allen diesen worten.

Allein diese alttestamentarische Stelle begründet weder – nach Zedler – die eheliche noch – nach Beautiful Agony – die körperliche Eigenliebe, wohl aber als älteste und maßgeblichste Autorität die kultische Verwendung von Blut, die Identität stiften und einen Vertrag besiegeln kann. Und Goethe hatte nachweislich Einblick in Zedlers Universallexikon und in die Bibel (in Beautiful Agony, das er missbilligt hätte, nicht).

Wenn sie das in der Stadtbücherei geahnt hätten, sie hätten den Faust samt der Bibel diskret, aber mit ihrem Stempelkissen in der Farbe arteriellen Blutes „Ab 18!“ ausgewiesen und es besonders bei der Ausweisnummer 3316 auch so gemeint.

3316 auf Beautiful Agony

Bilder: Beautiful Agony, Frühjahr 2015;
Soundtrack: Type O Negative: Wolf Moon, aus October Rust, 1996,
mit speziellem Dank an Hannah.

Written by Wolf

11. September 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Klassik

Spitz wie Wetzlarer Karotte

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Update zu Deine so oft entweihte Frühlingsfeier:

Hinter die meisten Anspielungen kommt, wer sich freiwillig auf Weblogs wie diesem herumtreibt, ungegoogelt. Allein einen Pfarrer Jochen Hiebel konnte ich nicht nachweisen, und die Wetzlarer Karotte scheint mir eine entfernte Verwandte des Kunitzburger Eierkuchens. Wenn sie groß ist, wird sie bestimmt mal sprichwörtlich, falls die alten Jungs der Neuen Frankfurter Schule auf dem Gebiet der Sprichwörtlichkeit noch nicht genug geleistet haben sollten. Unser Goethe gehört, ich mag es vereinzelt schon zwischen den Zähnen gemurmelt haben, heute noch in jeden Haushalt.

Vicente Romero Redondo, 2015

——— Eckhard Henscheid:

Charlottens Brief

1981, aus: Eckhard Henscheid & F. W. Bernstein (Hg.): Unser Goethe, Diogenes 1982,
verwendet in: An krummen Wegen. Gedichte und Anverwandtes, Zürich 1994:

Werter Werther,
Denkst Du noch des Camembert, der
Unsre Liebe sanktionierte,
Während ich Dich deflorierte —
Wart einmal: beziehungsweise
Du mich. Ach, du Scheiße,
Beinahe hätt ich’s vergessen
(so geht’s halt den Topmätressen)
Dir zu sagen, wie ich Dich
Liebe ganz herztausiglich!
Du, mein kleiner Gardeoberst,
Du mein Scheißer! Warte, ob erst
Albert aus dem Hause fort —
Nein, er hockt auf dem Abort —
Trotzdem wag ich diesen Brief!
Ja, der Camembert hat tief
Mir damals das Herz durchbohrt.
Glaub’s mir, Werther, jedes Wort
Dieses Klopstock, den wir lasen,
Und du tät’st so artig blasen,
Ging mir an die Eier mein —
Stop! Die Eier sind ja Dein
Ein und Alles — hen kai pan,
Wie Du’s ausdrückst, werter Mann.
Kurz, wie man’s auch dreht und wendet —
Albert scheint am Klo verendet —
Ich bin Din und Du bist min!
Ach, ich möcht‘ nach Westberlin!
Sightseeing mit Dir, das wär’s,
Unter des Berliner Bärs
Tatzenpratzen Dich zu knutschen,
Schnell in‘ Grunewald zu rutschen —
Ach, wie wird mir Wetzlar öde,
„Lar“ fürwahr — und dann die blöde
Hühnerfickerei des Pfarrers
Hiebel Jochen, dieses Schmarrers,
Der mich ständig hacken will,
Und ich halt auch schon brav still,
Bis Du wiederkömmst, mein Sauschwanz,
Bleib ich ewig treu und Dein ganz;
Spitz wie Wetzlarer Karotte
Wartet Dein — mmmh Bussi!
                                  Lotte.

Hannah Holmes via The Art of Animation, July 5th, 2014

Briefleserinnen: Vicente Romero Redondo, 2015;
Hannah Holmes via The Art of Animation, 5. Juli 2014.

Written by Wolf

4. September 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Sturm & Drang

So mochte mir und dir, die wir nicht zu den Überschwenglichen gehören, das Mädchen eben ganz recht sein.

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Update zu Fräulein Rosa Martin aus Nürnberg (18):

Christian Werdin, Candida Terpin aus “Klein Zaches, genannt Zinnober”, Puppentheater Dresden, 1998In diesen unheiligen Hallen sollte es sehr viel öfter um Gretchen gehen denn um E.T.A. Hoffmanns Mädchengestalten. Was aber, bitte, weiß man über Gretchen aus Goethes erster Meisterhand, als dass sie ein durchaus zeittypisch frommes, gutbürgerlich gebildetes, also ungebildetes, aber reichlich zickiges Material Girl war?

Man muss das nicht der gefallenen, weder-Fräulein-weder-schönen Margarete Schwerdtlein ankreiden, wir haben ja nur Goethes tendenziöse Darstellung von ihr. Es mag wiederum an dem zeittypisch weiterentwickelten Blick für Einzelcharaktere liegen oder an einem „Märchen“, das satirisch gedacht war und deshalb auch den einen oder anderen Umstand bloßstellen, enthüllen, entlarven, in wertfreiem Sinne jedenfalls aufdecken will, dass E.T.A. Hoffmann – der sich im übrigen nicht scheut, seine Mädchengestalten gerade mit dem Goethischen Gretchen zu vergleichen, wenn’s der Wahrheitsfindung dient – zu Zeiten der deutschen Spätromantik da ganz ungleich genauer hinschaut: Candida Terpin aus Klein Zaches genannt Zinnober wird 1819 als Person ernst genommen und ersteht in höchst moderner Weise mit ihren äußerlichen und inneren Eigenheiten plastisch vor Lesers Augen.

——— E.T.A. Hoffmann:

Klein Zaches genannt Zinnober.
Ein Mährchen

herausgegeben von E. T. A. Hoffmann. Berlin 1819. Bei Ferdinand Dümmler.

Drittes Kapitel.

Wie Fabian nicht wußte, was er sagen sollte. – Candida und Jungfrauen, die nicht Fische essen dürfen. – Mosch Terpins literarischer Tee. – Der junge Prinz.

cit. Hartmut Steinecke (Hg.): E.T.A. Hoffmann, Sämtliche Werke in sieben Bänden,
Frankfurt am Main 1985: Nachtstücke. Klein Zaches. Prinzessin Brambilla. Werke 1816–1820,
Deutscher Klassiker Verlag im Taschenbuch, Band 36, Seite 565 ff.:

Otto Michael Schmitt Die holde Candida, aus: 35 Zeichnungen zu Klein Zaches von E.T.A. Hoffmann, 1971 im Auftrag von Norbert ChateletCandida war, jeder mußte das eingestehen, ein bildhübsches Mädchen, mit recht ins Herz hinein strahlenden Augen und etwas aufgeworfenen Rosenlippen. Ob ihre übrigens schönen Haare, die sie in wunderlichen Flechten gar fantastisch aufzunesteln wußte, mehr blond oder mehr braun zu nennen, habe ich vergessen, nur erinnere ich mich sehr gut der seltsamen Eigenschaft, daß sie immer dunkler und dunkler wurden, je länger man sie anschaute. Von schlankem hohen Wuchs, leichter Bewegung, war das Mädchen, zumal in lebenslustiger Umgebung die Huld, die Anmut selbst, und man übersah es bei so vielem körperlichen Reiz sehr gern, daß Hand und Fuß vielleicht kleiner und zierlicher hätten gebaut sein können. Dabei hatte Candida Goethe’s Wilhelm Meister, Schillers Gedichte und Fouqué’s Zauberring gelesen, und beinahe alles, was darin enthalten, wieder vergessen; spielte ganz passabel das Pianoforte, sang sogar zuweilen dazu; tanzte die neuesten Francoisen und Gavotten und schrieb die Waschzettel mit einer feinen leserlichen Hand. Wollte man durchaus an dem lieben Mädchen etwas aussetzen, so war es vielleicht, daß sie etwas zu tief sprach, sich zu fest einschnürte, sich zu lange über einen neuen Hut freute und zu viel Kuchen zum Tee verzehrte. Überschwenglichen Dichtern war freilich noch vieles andere an der hübschen Candida nicht recht, aber was verlangen die auch alles. Fürs erste wollen sie, daß das Fräulein über alles, was sie von sich verlauten lassen, in ein somnambüles Entzücken gerate, tief seufze, die Augen verdrehe, gelegentlich auch wohl was weniges ohnmächtle oder gar zur Zeit erblinde als höchste Stufe der weiblichsten Weiblichkeit. Dann muß besagtes Fräulein des Dichters Lieder singen nach der Melodie, die ihm (dem Fräulein) selbst aus dem Herzen geströmt, augenblicklich aber davon krank werden, und selbst auch wohl Verse machen, sich aber sehr schämen wenn es herauskommt, ungeachtet die Dame dem Dichter ihre Verse, auf sehr feinem wohlriechenden Papier mit zarten Buchstaben geschrieben selbst in die Hände spielte, der dann auch seiner Seits vor Entzücken darüber erkrankt, welches ihm gar nicht zu verdenken ist. Es gibt poetische Aszetiker, die noch weiter gehen und es aller weiblichen Zartheit entgegen finden, daß ein Mädchen lachen, essen und trinken und sich zierlich nach der Mode kleiden sollte. Sie gleichen beinahe dem heiligen Hieronymus, der den Jungfrauen verbietet Ohrgehänge zu tragen und Fische zu essen. Sie sollen, so gebietet der Heilige, nur etwas zubereitetes Gras genießen, beständig hungrig sein ohne es zu fühlen, sich in grobe, schlecht genähte Kleider hüllen, die ihren Wuchs verbergen, vorzüglich aber eine Person zur Gefährtin wählen, die ernsthaft, bleich, traurig und etwas schmutzig ist! –

Otto Michael Schmitt: Zinnober und die verblendete Candida, aus: 35 Zeichnungen zu “Klein Zaches” von E.T.A. Hoffmann, 1971 im Auftrag von Norbert ChateletCandida war durch und durch ein heitres unbefangenes Wesen, deshalb ging ihr nichts über ein Gespräch, das sich auf den leichten luftigen Schwingen des unverfänglichsten Humors bewegte. Sie lachte recht herzlich über alles Drollige; sie seufzte nie, als wenn Regenwetter ihr den gehofften Spaziergang verdarb, oder aller Vorsicht ungeachtet, der neue Shawl einen Fleck bekommen hatte. Dabei blickte, gab es wirklichen Anlaß dazu, ein tiefes inniges Gefühl hindurch, daß nie in schale Empfindelei ausarten durfte, und so mochte mir und dir, geliebter Leser! die wir nicht zu den Überschwenglichen gehören, das Mädchen eben ganz recht sein. Sehr leicht konnte es mit Balthasar sich anders verhalten! – Doch bald muß es sich ja wohl zeigen, in wie fern der prosaische Fabian richtig prophezeiht hatte oder nicht! –

Bilder: Christian Werdin: Candida Terpin aus „Klein Zaches, genannt Zinnober“,
Puppentheater Dresden, 1998. Lindenholz, geschnitzt, ausgehöhlt und bemalt, 20 x 16 x 13 cm, Schenkung Theater Junge Generation, Dresden, Staatliche Kunstsammlungen Dresden;
Otto Michael Schmitt: Die holde Candida und Zinnober und die verblendete Candida
aus: 35 Zeichnungen zu “Klein Zaches” von E.T.A. Hoffmann, 1971 im Auftrag von Norbert Chatelet.
Das scheint tatsächlich die gesamte bildliche Coverage zur Candida; nicht einmal Hoffmann selbst hat sie je gestaltet.

Soundtrack: Die Ärzte: Mädchen, aus: Debil (Mädchenseite), 1984.

Bonus Track: dasselbe mit mehr Mädchen.

Written by Wolf

30. Juli 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Romantik

Julia und ihr rechter Fuß

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Update zu Barfußläufte und Dein pöschelochter roter Mund:

Welcome, gentlemen! ladies that have their toes
Unplagued with corns will have a bout with you.

Capulet in Shakespeare: Romeo and Juliet, Act I, Scene 5: A hall in Capulet’s house, 1597.

Juliet —
when we made love,
we used to cry.

Dire Straits: Romeo and Juliet, aus: Making Movies, 1980.

Die Geschichte in einem Satz: 1974 bekam die Stadtsparkasse München von der Sparkasse Fondazione Cassa Di Risparmio Di Verona Vicenza Belluno E Ancona aus Münchens italienischer Partnerstadt Verona zum 150. Jahrestag ihres Bestehens eine Kopie der überlebensgroßen (2,65 Meter) Statue Giulietta geschenkt, die dort im Innenhof, der seit Sommer 2014 drei Euro Eintritt kostet, unter einem Balkon im Innenhof der Casa di Giulietta steht, den nach fadenscheinigster Quellenlage Shakespeare für Romeo and Juliet verewigt haben soll, der aber nicht einmal ein Balkon, sondern ein 1922 umfunktionierter und in dramaturgisch halbwegs glaubwürdiger Höhe angebrachter Sarkophag ist.

Bjs, St. Mary's Place, Munich. Statue of Juliet in front of the Old Townhall, Oktober 2004Das Original in Verona stammt von Nereo Costantini 1972 und war damit zur Zeit seiner Stiftung durch den Veroneser Lions Club noch nicht gerade historisch. Für zeitgenössische Kunst am Bau zeigte die Statue dennoch sofort ungewöhnlich viel Herzenspotenzial: Giulietta blickt wegen ihres bekannten Schicksals traurig, in trotzigem Kontrast dazu hat sie die linke Faust zu einer kraftvollen Geste erhoben. Immerhin hielten Sparkassenleute eine Replik davon zwei Jahre nach ihrer Aufstellung als Geschenk an befreundete Kollegen im Ausland für geeignet. Seitdem steht „die Münchner Julia“ frei zugänglich am Durchgang unter dem Alten Rathaus gleich neben dem Marienplatz und ist eins der volkstümlichsten Denkmäler Münchens geworden.

Zu allen Jahreszeiten wird Julia gern mit frischen Blumen und Gestecken geschmückt; offenbar sehen verliebte Menschen in ihr eine Patronin ihres Leidens. In jeder Stadtführung, die dort Station macht — und das sind viele — lernen Touristen vom Fremdenführer, dass es Glück bringt, Julias Brüste zu berühren. Besonders auffallend haben sich deshalb im Laufe der Zeit zwei blankgewienerte Stellen an ihrem Körper herausgebildet, an denen die Touristen beim Posieren mit ihr besonders gern herumfingern: ihre gut erreichbare rechte Brust und ihre beim Rasten auf dem Sockel noch besser erreichbare rechte große Zehe.

Ich persönlich mag die Münchner Julia. Sooft ich sie nicht zu lebhaft touristisch umlagert finde, bin ich einer von denen, die sie in etwas abergläubischer Absicht an die Zehe fassen. Das ist nicht so aufwändig und anzüglich wie den Sockel zu erklimmen, um ihre Brust zu betatschen. Außerdem mag ich Mädchenzehen, und die der Julia sehen denen meiner Frau derart ähnlich, als ob Nereo Costantini sie 1972, als meine Frau in Julias Alter war, nach deren Modell geschaffen hätte.

Buchstäblich zu Julias Füßen entspann sich deshalb im Winter 2014 folgender Dialog:

Julia-Statue in München, 1974, Portrait

„Wolf!“

„Mein halbes Leben?“

„Du knipst Füße!“

„Gar nicht wahr. Ich knipse einen einzelnen Fuß.“

„Ja — weil man an der Statue bloß den einen sieht!“

„Steck einer in der Kunst. Überhaupt knipse ich gar nicht, ich dokumentiere.“

„Weißt du, wer Füße fotografiert?“

„Im Moment seh ich bloß mich …“

„Fußfetischisten fotografieren Füße! Schwitzende alte Säcke mit einer infantilen Sexualität!“

„Sie schwitzen?“

„Sie ächzen und sabbern sogar!“

„So anstrengend hab ich’s jetzt gar nicht gefunden. Ich muss ihn ja nicht aus Bronze nachmeißeln.“

„Jedenfalls machen sie heimlich Fotos von wehr- und ahnungslosen Frauen, tragen feige Beute nach Hause und ergötzen sich an Geschlechtsmerkmalen, die gar keine sind!“

„Wölfin, mein pochend Herz, flackernde Funzel meiner trüben Tage, gefügiges Gefäß meiner tätigen Liebe, weißt du, warum ich den ehernen Fuß unserer ebensolchen Statue dokumentiere?“

„Hab ich doch grade gesagt!“

„Hast du nicht. Ich dokumentiere das Detail der Münchner Julia, weil er deinem — jawohl, deinem — Fuß verblüffend ähnlich sieht.“

„Ach was.“

„Ja, guck doch.“

„Solche Gnubbelzehen soll ich haben?“

„Sag das nicht. Das ist nur weder ägyptische noch griechische noch römische Zehenform — eben nicht nach einem künstlerischen Ideal der Renaissance gebildet. Den Fuß unserer wegen ihres zeitigen Liebestodes so betrübt dreinschauenden Münchner Julia halte ich demnach wie ihre gesamte Gestalt für den Abguss einer lebendig barfuß einhergehenden Veronseserin. Die sogar dein Jahrgang sein müsste.“

„Und die Füße hat wie ich.“

„Warum nicht? Die in München, deren Fetischqualität du mir vorwirfst, ist ja selber eine Kopie. Von der in Verona.“

„Ich hab Zehen wie ein Model für Kunst am Bau, wenn nicht gar wie eine seit der Renaissance tote dreizehnjährige Italienerin. Toll, du Charmeur.“

„Und wenn du, leichtfüßiges Licht meines Lebens, die du noch jahrzehntelang lebendig barfuß einhergehen sollst, deine Füße nebeneinander zusammenstellst, bilden sie ein nahezu makelloses Rund.“

„Zehen wie ein Model für Kunst am Bau, wenn nicht gar wie eine seit der Renaissance tote dreizehnjährige Italienerin mit halbkreisförmigen Füßen. Überleg dir langsam, was du sagst.“

„Was du nur hast. Das heißt doch nur, dass sie von der großen zur kleinen Zehe gleichmäßig absteigend kleiner werden. Wie sich das gehört.“

„Und der Rest?“

„Der Rest zehenaufwärts von der Julia? Ach, lang nicht so hübsch wie du.“

„Red dich nur raus.“

„Muss ich gar nicht. Ich mag meine Mädels lieber lebendig und nicht so suizidal, meine rosenzehige, -fingrige und -wangige Gespielin. Die Julia da ist schon ungefähr dein Typ. Die Frisur stimmt halt nicht. Und das Kleid.“

„Soll ich jetzt auch noch den ganzen Tag bodenlange Nachthemden tragen?“

„Quark, außer, du willst. Findest du den julianischen Fuß, den uns Signor Costantini überliefert hat, denn echt so grausig?“

„Gnubbelzehen hast du gesagt!“

„Ich?“

Julia-Statue in München, 1974, Fuß

Komplimente sind Glückssache. Daheim wird’s spannend. Wenn wir durch die Haustür sind, vernascht sie mich entweder gleich im Korridor oder das ganze Jahr nicht mehr, je nachdem, was zuerst kommt. Es wird ein langer Sommer. Hätten die dussligen Veroneser ihre Julia nicht zu Weihnachten verschenken können?

Julia-Statue in München, 1974

Bilder: Das Nachtbild ist von Bjs: Statue of Juliet in front of the Old Townhall, Oktober 2004;
die anderen sind selber gemacht, Winter 2014, in aller Frühe in den seltenen Minuten zwischen nicht mehr finster und noch nicht bevölkert.

(Eigentlich hab ich das alles nur wegen der Dobro-Läufe von Mark Knopfler geschrieben.)

Written by Wolf

1. April 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Renaissance

Engführung in mikrokosmisch strukturiertem Material (musikalisches Lustspiel)

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——— Knut Franke:

Liner Notes

zu Glenn Gould: Die zwei- und dreistimmigen Inventionen. Inventionen und Sinfonien Nr. 1–15 BWV 772–801, Aufnahme 1963–1964, LP 1975:

Zwar sind auch den Inventionen und Sinfonien „Deutungen“ widerfahren, die uns Heutigen in ihrer spekulativen Anschaulichkeit zutiefst widerstreben. Es sei hier ein Beispiel genannt: die Invention in B-Dur hat gegen Ende eine Engführung, die Steglich dazu veranlaßte zu schreiben, sie zeige, „wie friedlich und fröhlich zwei, zwar wie Mann und Weib verschiedene, aber wesensverwandte, zur gegenseitigen Ergänzung bestimmte Motive durchs Leben gehen können. Die Invention ist ein Musterstück eines musikalischen Lustspiels“ (zitiert nach Keller, Seite 116). Das Fragezeichen, das Keller hinter diesen Satz in Klammern setzt, ist mehr als Forscher-Ironie. Es zeigt, daß man sich gerade in so mikrokosmisch strukturiertem Material, wie es die beiden Zyklen sind, an die Sache halten soll.

Engführung: Jenni Tapanila: Grand Piano, 2002.

Jenni Tapanila, Grand Piano

Written by Wolf

29. März 2015 at 16:56

Veröffentlicht in Barock, Ehestand & Buhlschaft

She looked so sweet from her two bare feet to the sheen of her nut brown hair

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Update zu Weder Schuh und weder Strümpf (und einen Striffel um den Hals):

——— Sina Opalka, 23. November 2006:

detail

nichts von alledem gehört dir.
das wollt ich dir nur sagen.
aber heut kannst du mich haben.
das wollten sie dir verschweigen.

Sina Opalka 2006

Text & Bild: Sina Opalka, 2006;
Die Überschrift ist einer wie immer unentwirrbaren Assoziationskette, wie sie Sina gleichsieht, dem Irikum Star Of The County Down entnommen; meine empfohlene Version ist die von den Orthodox Celts, 1997;
Soundtrack: Sigur Rós: Glósóli, aus: Takk, 2005:

Written by Wolf

13. März 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Postironismus

Fünfhundert Jahre Mädchengestaltung

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Neulich im Südstadt:

„Und was machst du so?“

„Mediengestaltung.“

„Mädchengestaltung? Coooool …“

„Me … di … en!“

„Ach so. Na, is ja auch schön.“

——— Andreas Gryphius:

An eine Geschminckte

ca. 1650:

Quentin Massys, Eine groteske alte Frau, ca. 1513--1530Was ist an Euch / das Ihr Eur Eigen möget nennen?
Die Zähne sind durch Kunst in leeren Mund gebracht;
Euch hat der Schmincke Dunst das Antlitz schön gemacht /
Dass Ihr tragt frembdes Haar / kan leicht ein jeder kennen /

Und dass Eur Wangen von gezwungner Röte brennen /
Ist allen offenbahr / des Halses falsche Pracht /
Und die polirte Stirn wird billich ausgelacht /
Wenn man die Salben sich schaut umb die Runtzeln trennen.

Wenn diß von aussen ist / was mag wol in Euch sein /
Als List und Trügerey? Ich bild mir sicher ein /
Dass unter einem Haupt / das sich so falsch gezieret /

Auch ein falsch Hertze steh / voll schnöder Heucheley.
Sambt eim geschminckten Sin und Gleißnerey darbey /
Durch welche (wer Euch traut) wird jammerlich verführet.

——— Philip Scott Johnson: 500 Years of Female Portraits in Western Art, 2007:

  1. Mit Bach: 1. Cello-Suite G-Dur, BWV 1007, Sarabande;
    Cello: Yo-Yo Ma:

  2. Mit Händel: 2. Violinsonate g-Moll, 1.: Andante;
    Violine: Javid Asadov, Klavier: Ayna Isababayeva:

Bild: Quentin Massys: Eine groteske alte Frau, ca. 1513–1530, Öl auf Holz, 64,2 cm × 45,4 cm, National Gallery London, bekannt als „Hässliche Herzogin“, möglicherweise Portrait von Margarete „Maultasch“ von Tirol-Görz (1318–1369), sicher aber Vorbild für die Königin in Alice im Wunderland, 1865.

Written by Wolf

6. März 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Barock, Ehestand & Buhlschaft

Jean Paul, sein erster Kuss, meine Bedienung und ich

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Update zu Willkomm und dervoo und Totensonntag:

Als letzte Geschichte des Jahres bringt Jean Paul eine meiner eigenen Jugenderinnerungen, die er schon Ende Dezember 1818 niedergeschrieben haben muss, 170 Jahre vor meiner.

Agata Serge Photography, Luca HollestelleIm Textteil unten beschreibt er seine Verliebtheit als blatternarbig – eine damals verbreitete Spur meist kindlicher Erfahrungen, mit der er sich an seinen Verliebtheiten nach wiederholtem Bekunden öfter und nicht ungern auseinandersetzte –, meine war sommersprossig – eine viel zu wenig verbreitete Spur segnender Berührungen der Engel, mit der man sich gar nicht genug auseinandersetzen kann. Im dazwischengeflochtenen Bildteil dokumentiere ich deshalb eine junge Dame, die der Erinnerung an meine Verliebtheit erschreckend nahekommt. Jean Pauls Text bleibt im Vergleich zu Luca Hollestelle von Agata Serge in seinen Abweichungen von meiner Lebenswirklichkeit angenehm diskret.

Der literaturwissenschaftliche Absatz: Eine Selberlebensbeschreibung, wie die Autobiographie eines so grundteutschen, nämlich fränkischen Schreibers heißen sollte, plante Jean Paul als Schlüssel zu seinen „opera omnia“, wie die gesammelten Werke eines sehr belesenen Schreibers heißen sollten, ab etwa 1800 als erklärten Lieblingsgedanken. Ein Versuch 1781, als er 18 war, war mangels verbrachtem Leben gescheitert. Viel wurde auch mit 37 bis 55 Jahren nicht daraus, denn „er sei durch seine Romane so sehr ans Lügen gewöhnt, daß er zehnmal lieber jedes andere Leben beschriebe als sein eigenes“ (3. August 1818 nach der Hanser-Gesamtausgabe Band 6, Seite 1312). Nach drei „Vorlesungen“ brach er die Arbeit am 22. Januar 1819 zugunsten mehrversprechender Alterswerke ab, die ausgearbeiteten Teile des Manuskripts wurden posthum von seinem Freund Christian Otto im ersten „Heftlein“ von Wahrheit aus Jean Pauls Leben bei Joseph Max in Breslau 1826 herausgegeben. Auf diese Bearbeitung in einer abgelegenen Nebenveröffentlichung gehen alle folgenden Ausgaben zurück; die Hanser-Ausgabe folgt der Kritischen Ausgabe, die sich ihrerseits auf Christian Otto bezieht. Ende des literaturwissenschaftlichen Absatzes.

In meiner Biographie war es Winter, zwischen den Jahren 1988 und 1989, im Pêle Mêle, einer Kneipe direkt am Ufer der Pegnitz im Nürnberger Stadtteil Sankt Johannis. Damals war es üblich, dass um Weihnachten und Silvester in deutschen Städten Schnee fiel, Nürnberg nicht ausgenommen, und dass Menschen in Gaststätten öffentlich Zigaretten rauchten, sogar selbstgedrehte. Beides wurde als harmlos bis normal, ja wünschenswert angesehen. Das Pêle Mêle sollte erst 2008 als die erste Kneipe in Bayern hervortreten, die wegen eines erzwungenen Tabakrauchverbots schließen musste. Und das Wetter war früher auch besser.

Ich probierte gerade neue Kneipen aus, wobei meine Kriterien für eine Lieblingskneipe waren: freundliche Bedienung, große Tische, damit man daran auf DIN A4 schreiben konnte, freundliche Bedienung, 0,5 Liter Bier für 2,60, keinesfalls über 3,50 Mark, freundliche Bedienung, andere Musik als Radio Gong, vorzugsweise ohne falsche Scheu vor Blues, der ein umgänglicher Gast schon mal eine eigene Platte beisteuern durfte, freundliche Bedienung, ein Publikumsschwerpunkt, der etwas anderes als BWL studierte, und freundliche Bedienung.

Agata Serge Photography, Luca HollestelleDie Bedienung im Pêle Mêle war nicht weniger rothaarig und sommersprossig als die auf den Bildern, eher noch hübscher, falls das geht, stellte mir spätestens das dritte Bier (2,80 Mark, damit jeder wusste, wieviel Trinkgeld er geben musste) nach weniger als einer Zigarettenlänge unaufgefordert hin, drehte die LPs (wir sprechen von 1988), die sie mit aus Rotbuche geschnitzten Fingern fast liebevoll nur am Rand anfasste, immer sofort um, besaß zwei kaum verschiedene, wahrscheinlich selbstgestrickte Pullover in allen Farben auf einmal, in denen sie größtenteils verschwand, und nahm sich viel Zeit zum Quatschen an den Tischen, deren das Pêle Mêle Stücker vier zählte. Folglich kam ich zweimal die Woche.

Ich schaute von meinem DIN-A4-Blätterhaufen auf, drehte den Kolbenfüller nach und überlegte in die Luft.

„Was schaust?“ lächelte die Bedienung. Ich merkte erst jetzt, dass ich seit Wochen in sie verliebt war, weil sie mich damit so entwaffnen konnte.

„Lass mich halt schauen.“ Diese Art von Schlagfertigkeit erwirbt sich nur durch jahrelanges Training in knallharten sozialen Situationen.

Sie lachte hell und schätzte kurz ab, ob sie schon mein Bier nachschenken sollte. – „Ja“, schoss ich vorsorglich nach.

Diesen Abend zwischen den Jahren brach ein Schneesturm über der Pegnitz los. Aus den raumhohen Schaufenstern vom Pêle Mêle sah es jedenfalls aus wie ein Schneesturm, weil Freitag war und sich niemand ernsthaft darum riss, das Lokal vor Sperrstunde zu verlassen. Das Flockengestöber über der Großweidenmühle bei Nacht sah dermaßen gut aus, dass ich kaum zum Schreiben kam. Das Pêle Mêle war voll, das heißt, an jedem der vier Tische saß jemand, alle folgten wir dem Naturschauspiel, und die Bedienung hatte kraft ihrer Autorität über den Plattenspieler ein Special mit den schnulzigeren Werken von Tom Waits beschlossen. Das klingt immer noch weihnachtlich und wirkt gegen die Übelkeit von zuviel vorausgegangenem Gänsefett.

„Lieber im Pêle Mêle hocken“, erhob jemand in einer Musikpause seine trunkene Stimme, „lieber im Pêle Mêle hocken und da drüben die Lichter von der Erler-Klinik anschauen, als in der Erler-Klinik hocken und da herüben das Licht vom Pêle Mêle anschauen.“

Niemand wagte zu lachen ob so geballter Weisheit.

„So ein Schmarrn“, erhob sich eine andere trunkene Stimme, „das Pêle Mêle sieht man von der Erler-Klinik aus gar nicht. So ein Schmarrn.“

„Ist doch wurscht.“

„Wieso? Warst du da schon?“ Eine dritte Stimme.

„In der Erler-Klinik? Freilich, da bin ich drin geboren.“

„Schön schaut’s aus.“

„Auch wieder wahr.“

Wenn jetzt nicht ins unterdrückte Losprusten der Bedienung hinein A Sight for Sore Eyes losgegangen wäre, hätten wir womöglich gemeinsam Stille Nacht gesungen. Ab hier verschwimmt meine Erinnerung, weil die Bedienung mir das siebte und keineswegs letzte Bier des Abends hinstellte.

Agata Serge Photography, Luca HollestelleMeine Erinnerung setzt wieder am selben Abend ein, als die Bedienung mich anlächelte: „Was schaust?“

„Auf deine Hosen.“ Ich musste jedesmal etwas anderes antworten, damit sie nie aufhörte zu fragen. Außerdem stimmte es.

„Was soll sein mit meinen Hosen?“

„Durch dein Loch in der Jeans schaut die schwarze Strumpfhose durch. Durch dein Loch im Socken schaut der blanke Zeh durch. Da fragt sich halt: Was sollen das für Strumpfhosen sein?“

Sie schaute auf ihre offenen Birkenstocksandalen, in die sie auch winters zur Arbeit wechselte: „Sehr aufmerksam, Schlauberger. Das nennt man Leggings.“

„Sag bloß, ich bin der einzige, dem das auffällt.“

„Ist ja sonst keiner mehr da.“

„Warum sagt einem überhaupt keiner, dass ich schon der Letzte bin?“

„Weil du bloß schaust und nicht hörst. Zweimal hab ich dich gefragt.“

„Echt?“

„Ja, echt. Also – noch ein letztes Seidel?“

„Gern auch ein vorletztes.“

„Nix da. Das mein ich schon so, mit dem letzten. Ich hör heut auf.“

„…“

„Ja, so richtig. Ich hab längst meinen letzten Feierabend.“

„Wie soll das gehen?“

„Ganz einfach geht das. Ich hab ein Stipendium an der Uni Cardiff.“

„Und die Kneipe …“

„… findet bestimmt eine andere Bedienung. Ab morgen bedient erst mal der Wirt persönlich. Er kocht auch nicht, hat er versprochen.“

„Aber eine Bedienung ohne Sommersprossen ist doch …“

„… wie eine Nacht ohne Sterne, weiß schon.“

„Und ohne Schneegestöber“, sagte ich mit einem Blick über die Pegnitz. Vor mir stand wie aus der Theke gewachsen ein Seidel.

„Das werd ich jetzt öfter haben, so ein malerisches Sauwetter.“ Ihr Blick fing an zu leuchten. „Cardiff, ist dir das klar? Uralte gälische Unistadt. Vorne dran das Meer, hinten dran die rolling Hills. Büchereien, Pubs, kauzige Profs, einfach jeder, jeder, jeder kann lesen und schreiben und Geschichten erzählen und Musik machen, und sie haben mich sofort genommen und ich fahr hin und treib Gaelic Studies. Und hinter jeder Mauer und jedem Grashügel eine Feenwohnung.“

„Da gehörst du hin.“

„Schön, dass du’s einsiehst.“

„So plötzlich? Fängt denn da jetzt ein Semester an?“

„Trimester haben die. Außerdem hab ich auch schon einen Kneipenjob. Silvester bedien ich schon die Elfen und Trolle.“

„Ein Laden, den man kennt?“

„Die richtigen Leute schon. Heißt aber kymrisch, kann außerhalb Wales kein Mensch aussprechen oder schreiben.“

„Gibst du mir was mit?“

„Na, was denn?“

„Sag ich dir gleich, wenn du mir aufsperrst.“ Bis heute bin ich stolz, dass ich die Würde aufbrachte, das selber zu sagen.

„Ist recht. Trink aus, wir wollen ins Bett.“

„…“

„Jeder in seins, du Dings. Hinterzimmer hab ich hier keins.“

„Hast du gewusst, dass Jean Paul in seiner Stammkneipe ein eigenes Schreibzimmer eingerichtet hat? Im ersten Stock, und die Bedienung hat ihm immer seinen Biernachschub gebracht?“

„Das könnte dir so passen.“

„Den fünften Tisch schaffst du auch noch.“

„Jean Paul? Der von Bayreuth?“

„Wunsiedel, Joditz, Schwarzenbach an der Saale, Hof, Meiningen, Coburg, Bayreuth. Ganz kurz in Weimar und Berlin.“

„Ein Mann von Welt.“

„Ein Mann von Oberfranken.“

„Da war ich noch nie.“

„Dafür in Cardiff.“ Ich trank aus.

„Du wirst lachen, nicht mal da. Erst morgen.“

„Was zahl ich?“

„Du zahlst nix, ich hab dich schon abgerechnet. Das geht auf, so oder so.“

„Dann nimmst du zwanzig, damit man den guten Willen sieht, und wir reden nicht mehr drüber.“

Diolch yn fawr.“

„Eich bod yn croesawu.“

Dann standen wir an der Tür. Sie war fast so groß wie ich, was mir gar nie aufgefallen war, solange ich an der Theke saß. Sie sperrte auf, um mich heimzuschicken.

„Was schaust?“ lächelte sie.

„Dich an. Weißt du, was du bist?“

„Eine walisische Elfe?“

„Ein Mädchen, das Glück bringt.“

„Ich weiß.“

„Und ein kluges Mädchen.“

„Deswegen hab ich auch ein Stipendium.“

„Wenn ich groß bin, will ich auch ein Stipendium.“

„Groß bist du schon. Kannst sitzen und sprechen.“

„Und lesen und schreiben.“

„Dann lernst du jetzt noch weniger zu lallen und mehr zu verstehen, was man dir sagt, dann wird das auch was mit dem Stipendium.“

„Ich hab dich schon verstanden.“

„Du wolltest was mithaben.“

„Ich weiß.“

„Ich auch. Also halt den Mund.“

Dann nahm sie mich in den Arm und küsste mich.

„Man sieht sich immer zweimal im Leben.“

„Wenn nicht zweimal die Woche.“

„Mach’s gut.“

„Mach ich.“

Draußen war wieder Winter.

Dass die Bedienung wie Jean Pauls erste Liebe tatsächlich Katharina hieß, glaubt mir jetzt sowieso kein Mensch mehr.

— Pausenlied. Drunter geht’s weiter mit dem Primärtext Jean Paul und mehr Bildern von Luca Hollestelle.

~~~\~~~~~~~/~~~

——— Jean Paul:

Kuß

aus: Selberlebensbeschreibung, Dritte Vorlesung. Schwarzenbach an der Saale, 1818:

Agata Serge Photography, Luca HollestelleWie früher dem Kirchenstuhl gegenüber, so konnt‘ ich nicht anders als zur erhöhten Schulbank hinauf – denn sie saß ganz oben, die Katharina Bärin – mich verlieben, in ihr niedliches rundes rotes blatternarbiges Gesichtchen mit blitzenden Augen und in ihre artige Hastigkeit, womit sie sprach und davonlief. Am Schulkarneval, das den ganzen Fastnachtvormittag einnahm und in Tänzen und Spielen bestand, hatt‘ ich die Freude, mit ihr den unregelmäßigen Hopstanz zu machen und so dem regelrechten gleichsam vorzuarbeiten und vorzutanzen. Ja bei dem Spiele „wie gefällt dir dein Nachbar“ – wo man auf das Bejahen des Gefallens zu küssen befehligt wird und auf das Verneinen einem Hergerufnen unter einigen Ritterschlägen des Klumpsackes laufend Platz zu machen hat – trug ich letzte häufig neben ihr davon; eine Goldschlägerei, durch die meine Liebe wie das edelste Metall größer wurde, und ein unterhaltendes Abwechseln wie sie mir immer den Hof verbot und ich sie immer an den Hof rief, waltete ob.

Alle diese böslichen Verlassungen (desertio malitiosa) konnten mir die Seligkeit nicht abschneiden, ihr täglich zu begegnen, wenn sie mit ihrem schneeweißen Schürzchen und Häubchen über die lange Brücke dem Pfarrhause entgegenlief, aus dessen Fenster ich schauete. Sie freilich zu erwischen, um ihr etwas Süßes nicht sowohl zu sagen, als zu geben, z.B. einen Mundvoll Obst – dies war ich, so schnell ich auch durch den Pfarrhof eine kleine Treppe hinablief, um die Vorbeilaufende unten im Fluge zu empfangen, meines Wissens nie imstande. Aber ich genoß genug, daß ich sie vom Fenster aus auf der Brücke lieben konnte, was, hoff‘ ich, für mich nahe genug war, da ich gewöhnlich immer hinter langen Seh- und Hörröhren mit meinem Herzen und Munde stand. Ferne schadet der rechten Liebe weniger als Nähe. Wäre mir auf der Venus eine Venus zu Gesicht gekommen: ich hätte das himmlische Wesen mit seinen in solcher Ferne so sehr bezaubernden Reizen warm geliebt und es ohne Umstände zu meinem Morgen- und Abendstern erwählt zum Verehren.

Agata Serge Photography, Luca HollestelleInzwischen hab‘ ich das Vergnügen, alle, welche in Schwarzenbach bloß ein wiederholtes Joditz der Liebe erwarten, aus ihrem Irrtum zu ziehen und ihnen zu melden, daß ich es zu etwas brachte. An einem Winterabende, wo ich meine Prinzessinsteuer von Süßigkeiten schon vorrätig hatte, der gewöhnlich nur die Einnehmerin fehlte, beredete der Pfarrsohn, der unter allen meinen Schulkameraden der schlechteste war, mich zum verbotenen Wagstücke, während ein Besuch des Kaplans meinen Vater beschäftigte, im Finstern das Pfarrhaus zu verlassen, die Brücke zu passieren und geradezu (was ich noch nie gewagt) in das Haus, wo die Geliebte mit ihrer armen Mutter oben in einem Eckzimmerchen wohnte, zu marschieren und unten in eine Art von Schenkstube einzudringen. Ob Katharina aber zufällig da war und wieder hinaufging, oder ob sie der Schelm mit seiner Bedientenanlage unter einem Vorwande herunterlockte, auf die Mitte der Treppe; oder kurz wie es dahinkam, daß ich sie auf der Mitte fand: dies ist mir alles nur zu einer träumerischen Erinnerung auseinandergeronnen; denn eine plötzlich aufblitzende Gegenwart verdunkelt dem Erinnern alles was hinter ihr ging. So stürmisch wie ein Räuber war ich zuerst der Geber meiner Eßgeschenke, und dann drückt‘ ich – der ich in Joditz nie in den Himmel des ersten Kusses kommen konnte, und der nie die geliebte Hand berühren durfte – zum ersten Male ein lange geliebtes Wesen an Brust und Mund. Weiter wüßt‘ ich auch nichts zu sagen, es war eine Einzigperle von Minute, etwas, das nie da war, nie wiederkam; eine ganze sehnsüchtige Vergangenheit und Zukunft-Traum war in einen Augenblick zusammen eingepreßt; – und im Finstern hinter den geschloßnen Augen entfaltete sich das Feuerwerk des Lebens für einen Blick und war dahin. Aber ich hab‘ es doch nicht vergessen, das Unvergeßliche.

Agata Serge Photography, Luca HollestelleIch kehre wie eine Hellseherin aus dem Himmel auf die Erde zurück und bemerke nur, daß diesem zweiten Weihnachtfest der Ruprecht, da er ihm nicht vorlief, nachlief und ich nach Hause kommend schon unterwegs den Boten fand und zu Hause stark gescholten wurde über mein Auslaufen. Gewöhnlich fällt immer nach zu heißen Silberblicken der Glücksonne ein solcher Schlossen- und Schlackenguß. Was tat es mir? Mein Paradies war durch nichts zu ersäufen; denn blüht es nicht noch heute fort bis an diese Feder heran?

Es war, wie gesagt, der erste Kuß, und zugleich, wie ich glaube, der letzte dazu, wenn ich nicht absichtlich, da sie noch lebt, nach Schwarzenbach fahren und da einen zweiten geben will. Wie gewöhnlich nahm ich während meines ganzen Schwarzenbacher Lebens mit meiner telegraphischen Liebe vorlieb, welche noch dazu ohne einen antwortenden Telegraphen sich erhalten und beantworten mußte. Aber wahrlich, niemand tadelt die Gute weniger als ich, wenn sie damals schwieg oder jetzo noch – nach ihres Mannes Tode –; denn ich mußte mich später in fremdes Lieben und Herz immer erst langsam hineinreden; es half mir nichts, daß ich sogleich mit fertigem Gesicht und allem Außen schon dastand; allen diesen körperlichen Reizen mußte später erst die Folie der geistigen von mir unterlegt werden, bevor sie genugsam glänzten und blendeten und zündeten. Aber dies war eben das Fehlerhafte in meiner unschuldigen Liebezeit, daß ich, ohne Umgang mit der Geliebten, ohne Gespräche und Einleitung, ihr bei meiner dürren Außenseite die ganze Liebe auf einmal hervorgefahren zeigte und kurz daß ich ordentlich als der Judenbaum vor ihr stand, der ohne den Umschweif von Ästen und Blättern die weiche feine Blüte aus der unansehnlichen Rinde hervortreibt.

Bilder: Agata Serge: Luca Hollestelle,
Tracklist: Deke Dickerson and the EccoFonics: Redheaded Woman,
live in Sagebrush Boogie aus den WRFG FM 89.3 Studios in Atlanta, Georgia, 10. Februar 2000;
Tom Waits: A Sight for Sore Eyes, aus: Foreign Affairs, 1977,
als letztes Lied des Jahres:

Alles Gute für 2015.

Written by Wolf

30. Dezember 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Romantik

Zu Lolitas Verteidigung

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Update zu Cats in the Cradle and the Silver Spoon, Little Boy Blue and the Aufmerksamkeitsspanne:

Reihen mit unterschätzten Büchern gibt es genug, genau genommen sind wir selber eine. Also eröffnen wir eine Binnenreihe mit missverstandenen Büchern. Am Anfang jeder solchen Reihe kann nur die Lolita von Vladimir Nabokov stehen. Am Ende eigentlich auch.

In Tumblr, das die jungen Leute jetzt statt eines ordentlichen Weblogs benutzen, kann man andere Leute etwas fragen und bestehende Einträge kommentieren. Das kann man in WordPress auch, der Unterschied ist nur: In Tumblr wird es getan. So geschah es am 30. August 2014 beim Glimmering Darling:

Was genau soll denn an dieser Lolita so anbetungswürdig sein? Dolores Haze ist doch niemand, den man aufrichtig bewundern kann …

Lolita's Lipstick

Die Antwort einer lolitabegeisterten, ihrem eigenen Lolita-Alter knapp entwachsenen Engländerin (16) räumt dieses größte der Missverständnisse über die Figur Lolita aus. Das schaffen die wenigsten Literaturwissenschaftler, die sich zu sehr mit Lolitafiguren beschäftigen. Darüber soll sie im Schuljahr 2013/2014 ein Schulreferat gehalten haben, bedient sich also aktueller Forschung und vor allem authentischer Meinungen rezenter junger Menschen. Ich versuche ihre Antwort deshalb möglichst lebensnah zu übersetzen:

Uh, doch, ist sie wohl. Da haben wir ihn wieder, den Fluch von „Ich hab keine Ahnung, was ein unzuverlässiger Erzähler ist!“ und „Jeremy Irons als Humbert Humbert ist so traumhaft und Lolita so ein undankbares Luder!“

Dolores Haze ist zweifellos jemand, den man aufrichtig bewundern muss. Sie wurde von ihrer Mutter mit der Botschaft, dass ihr verstorbener Bruder am Leben sein sollte und nicht sie, seelisch misshandelt (auch körperlich? Ich weiß nicht mehr), bekommt zu kleine Kleider, um sie zu demütigen, und ist dabei ein glückliches, fröhliches kleines Mädchen geblieben. Und das war noch vor der Zeit mit diesem Fickfrosch Humbert Humbert.

Charlotte ist nicht einmal wütend, weil Humbert Dolores liebt. Sie ist wütend, weil er nicht sie selbst liebt! Es ist ihr scheißwurschtegal. So viel Liebe wird ihr zuteil, und sie ist immer noch ein wunderbares, temperamentvolles Kind.

Weiter im Text: Obwohl Humbert sie vergewaltigt und missbraucht, bleibt sie ein liebenswertes, intelligentes kleines Mädchen. Sie ist nicht mehr ganz so glücklich und wäre allzugern entkommen, aber der Schlüssel liegt in dem Satz: „Sie konnte nirgendwo anders hin.“ [„She had absolutely nowhere else to go“, hier ohne die gängige Übersetzung von Dieter Zimmer] Sie wäre ja weg von Humberts Schwanz, aber sie kann es nicht. Kein Geld, keine Familie, zwölfjährig irgendwo in Miami (oder so).

Und als sie schließlich ihren Misshandler verlässt und mit Quilty dasteht, der auch nicht viel besser ist, dreht sie ihr Leben um 180 Grad und gründet mit einem ehrbaren, gutherzigen Mann eine Familie. Sie lebt bescheiden und ist ein kluges Mädchen. Die Figur Dolores hat so viel Scheiße mitgemacht und dann ihr Leben herumgerissen. Sie will Humbert nur wiedersehen, damit sie sich ein besseres Leben für ihre Familie leisten kann.

So wie ich das sehe, heißt die Aussage „Dolores ist doch niemand, den man bewundern kann“ nichts anderes als „Ein Vergewaltigungs- und Missbrauchsopfer ist doch niemand, den man bewundern kann, weil es vergewaltigt und missbraucht wurde“. Und das ist scheiße. Dolores Haze hat nichts Falsches getan.

Ich wiederhole: Dolores Haze hat nichts Falsches getan.

Dolores! Haze! Hat! Nichts! Falsches! Getan!

Sie ist stark, intelligent, gescheit, witzig und charismatisch. Na bitte. Sie ist jemand, den man aufrichtig bewundern muss.

Chapeau! Ungestützt hätte ich einfach nur gesagt: Lolita ist in ihrer durchgehenden Unschuld der Sympathieträger des ganzen Buches, an dem der eigentliche Skandal nicht darin besteht, dass eine Elfjährige mit sexueller Erfahrung vorkommt, sondern dass der Ich-Erzähler Pädophilie, Kindesmissbrauch und Mord das Wort redet und einen mit seiner einnehmenden Eloquenz gar noch auf seine Seite bringt.

Und das ist wahrhaft teuflisch. Es ist der Trick, den nicht Satan, Luzifer oder Beelzebub, wohl aber Mephistopheles abziehen würde, der sich an die denkenden unter den verlorenen Seelen wendet.

Und dass die wirkliche Teufelei an dem Buch nur selten jemand merkt. Und dass sie in der Kriminalgeschichte, der Liebesgeschichte und dem Road-Movie, die bei Nabokov allesamt zu ihrem Recht kommen, virtuos ausgewalzt ist. Und dass die Verfilmung von 1997 um Klassen besser ist als die von 1962 vom weithin überchätzten Stanley Kubrick, weil 1962 als Filmskandal schon gereicht hat, wenn eine — für die Rolle zu „alte“ — Minderjährige (zur Drehzeit 14) barfuß im Nachthemd herumhupft. Und weil man Jeremy „Qualitätsmerkmal“ Irons eigentlich in jedem Film zuschauen kann, auch wenn die Minderjährige schon wieder für die Rolle zu „alt“ war (zur Drehzeit 16).

Das hätte ich gesagt, lauter verkopftes Zeug. Aber wo die Glimmering Darling recht hat, vielleicht weil sie aufgrund ihrer bloßen Beschaffenheit und Lebensumstände besser im Thema drinsteckt, hat sie recht. Encore une fois: Chapeau.

Dankenswerterweise veröffentlicht sie einiges Unterrichtsmaterial zu ihrem Referat: ihre selbst erstellten Powerpoint-Folien zur Einführung in den Lolita-Stoff — in der die Vorgeschichte mit Lola Montez fehlt, aber wir schielen hier in einen britischen Schulunterricht, keine europäische Kulturgeschichte.

Der Referentin lag nach eigenem Bekunden an Dolores Hazes Darstellung als Opfer, nicht als frühreifes „Nymphchen“. Ihren Versuch, das Thema lustig zu vermitteln, betrachtet sie selbst als gescheitert. Die schulische Bewertung überliefert sie nicht.

Glimmering Darling, Powerpoint-Folie zum Referat Lolita in Tumblr

Demnächst an dieser Stelle in unserer Reihe mit missverstandenen Büchern: Der kleine Prinz. Wenn mir nicht zu sehr graust.

Bilder: Dominique Swain mit Lolita’s Lipstick;
Diaries of a Nymphette mit Dominique Swain.

Written by Wolf

24. Oktober 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Novecento

Traume-trunkene feministische Ikonen, der lange Weg zum Eros und ein Stück weiter (oder vierzehn)

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Die Gabe des Eros, ist die einzig genialische Berührung, die den Genius weckt; aber die andern, die den Genius in sich entbehren nennen sie Wahnsinn.

Bettine von Arnim: An Goethe, in: Goethes Briefwechsel mit einem Kinde, Juli 1822.

Niemand kann mehr sagen, ich hätte es nicht versucht. Es ist nicht mehr meine Schuld, wenn ich nicht genau die Quelle von Eros, dem aus leichtfertigen Gründen und in geringfügig unterschiedlichen Versionen durchs Internet wabernden Sonett von Bettine von Arnim, angeben kann. Es ist wirklich nicht mit den Mitteln des akademisch gebildeten Laien herauszufinden.

Internet-Recherche mit zwei verschiedenen Suchmaschinen anhand je dreier verschiedener „genauer Wortgruppen“ ergibt die besagten unterschiedlichen Versionen, die meisten davon garniert mit Bildern von Blumen mit Hamilton-Weichzeichner, gestaltet wie von Zahnarztfrauen, die sich zum Baden den Wannenrand mit Teelichtern vollstellen und es dafür nicht so genau mit dem Layout von Sonetten nehmen. Die erfahrungsgemäß zuverlässigste Fundstelle bei Zeno würde auf Buch, Herausgeber und Datum verweisen; leider existiert sie gar nicht.

Das Gutenberg-Projekt gibt endlich hinter einem Aufklappmenü verborgen überhaupt eine Quelle an: eine „Bettine“-Anthologie (prominente Frauen heißen abgekürzt ja immer mit ihrem Vornamen: die Bettine, die Janis und die Scarlett pp., nicht etwa die Brentano oder die von Arnim, die Joplin und die Johansson, außer „die Duse„) von 1984: Die Sehnsucht hat allemal recht. Gedichte, Prosa, Briefe mit zeitgenössischen Illustrationen, aus einer Reihe namens Märkischer Dichtergarten von Günter de Bruyn und Gerhard Wolf bei einem DDR-Verlag: Der Morgen, Berlin — schon 1985 vom bundesdeutschen Fischer Verlag ungekürzt übernommen, wie laut Verlagswerbung auch die anderen Gewächse aus dem Märkischen Dichtergarten, darunter so stark gefährdete Bestände wie Anna Louisa Karschin, Christoph Friedrich Nicolai, Schmidt von Werneuchen und der notorisch vernachlässigte Fouqué. Fischer residerte auch damals in Frankfurt am Main, das Buch ist aber ausdrücklich printed in the German Democratic Republic, ohne die Springer-Anführungszeichen, dafür auf DDR-typisch holzhaltigem Papier. Da hat sich anscheinend ein namhafter Verlag einiges von der Arbeit der Brüder und Schwestern beim Klassenfeind versprochen.

Der Einband von Fischer war allen Ernstes mädchenrosa und stand zu Zeiten, als es die DDR mit ihrer Mark Brandenburg noch gab, bestimmt gern als „ganz besonderes“ Fundstück in der Bücherabteilung bei Hertie — heute natürlich heillos vergriffen. Und derart knallrosa Einbände kenne ich sinnigerweise nur noch von Bettines Busenfreundin: um die Gesamtausgabe der Günder(r)ode.

Die derzeitige Bettine-Gesamtausgabe, die sich immer noch mit dem Wort „Auswahl“ beschreibt, aber bis auf weiteres maßgeblich bleiben wird, ist ab 1986, ein Jahr nach dem Märkischen Dichtergarten, im Deutschen Klassiker Verlag in der Bibliothek Deutscher Klassiker erschienen und zählt vier Bände, die jeweils 80 bis 95 Euro kosten (in Leder: 142 bis 154) und deshalb nicht einmal von allgemein zugänglichen Leihbibliotheken erschwungen werden. Außerdem fehlen da drin sowieso der 1840er Märchenroman Das Leben der Hochgräfin Gritta von Rattenzuhausbeiuns — wahrscheinlich weil Frau von Arnim den in Koautorschaft mit ihrer Tochter Gisela geschrieben hat oder die Bibliothek Deutscher Klassiker sich zu fein für Kinderbücher ist oder man weiß es nicht — und die Gedichte.

Bettina von Arnim, posthum um 1890, anonymNach ihrem Schlaganfall 1854 ist Bettine erst wieder 1979 so richtig bekannt geworden: als die feministische Ikone Christa Wolf die hoffnungsvolle Dichterin, zugleich leider frühe Selbstmörderin Karoline von Günderrode als Figur in ihr Kein Ort. Nirgends anstellte und in Der Schatten eines Traumes in einem ausführlichen Essay vorstellte, den sie für Bettines frisierten Briefwechsel namens Die Günderode gut gebrauchen konnte. Auf einmal galten die Günderode, die nach dem Briefroman ganz unüblich mit ihrem Nachnamen genannt wird, und Bettine nach Christa Wolfs tiefschürfender Einführung weithin als protofeministische Ikonen. Das hat breitenwirksam funktioniert — so gut, dass Bettine mit ihrem posthumen und anonymen Jugendbild (um 1890 nach einem Medaillon von 1810, also 25-jährig) ab 1992 als Alibifrau für die letzte Serie der Fünf-DM-Scheine herhalten durfte. Dadurch hat sie es immer noch zu keiner anständigen Buchausgabe gebracht, aber so augenfällig wie keine andere Dichterin zu Geld — außer der protofeministischen Ikone Droste, die bis zuletzt auf dem Zwanzig-DM-Schein prangte, günderodeartig mit ihrem Nachnamen heißt, und deren Kaufhof-Ausgaben wir ein andermal in der Luft zerreißen wollen.

Also Die Sehnsucht hat allemal recht beschaffen. Hier ist Amazon.de nützlicher als alle lieferbaren Bücher und die gesamte Münchner Stadtbibliothek zusammen: Antiquarische Einzelstücke gibt es auf dem Marketplace ab 1 Cent plus 3 Euro Porto — und der Sortimentsbuchhandel wundert sich mit dem Bibliothekarswesen um die Wette.

Cover Bettina von Arnim, Gerhard Wolf, Die Sehnsucht hat allemal recht. Gedichte, Prosa, Briefe. Gedichte, Prosa, Briefe, Märkischer Dichtergarten, Fischer 1985Der Marketplace-Händler verdient sich alle fünf von fünf möglichen Sternchen: Die 3,01 Euro fehlen sofort auf dem Konto, die Bestellbestätigung von Amazon.de kommt automatisch sofort, die vom Händler nach wenigen Samstagmorgenstunden, die Versandbestätigung ebenfalls am selben Samstagvormittag, nach keiner ganzen Woche die Büchersendung mitsamt ihrem rosa Buchdeckel und den zeitgenössischen Illustrationen wie beschrieben, für den einzigen Cent seit 1985 einwandfrei erhalten. Alle Achtung, zügiger wär’s nicht gegangen.

Alles andere denn eine Gesamtausgabe, klar, nichts anderes war versprochen. Das Nachwort, eine selbstverständlich grundsolide Dreingabe der stolzen Arbeiter und Bauern des Ost-Berliner Morgen, stammt von einem der Reihenherausgeber: Gerhard Wolf. Unter „Zu dieser Auswahl und zur Textgestaltung“ vermerkt er:

Bettina von Arnims Bekenntnisse zu Hölderlin entnehmen wir den Büchern „Die Günderode“ uns „Ilius Pamphilius und die Ambrosia“ in der Ausgabe „Bettina von Arnim — Werke und Briefe“, herausgegeben von Gustav Konrad (siehe Bibliographie), nach der wir auch die meisten hier versammelten wenigen Gedichte der Autorin wiedergeben.

Wenige Gedichte kann man wohl sagen. Zehn sind es an der Zahl — darunter auf Seite 12: tatsächlich das Sonett Eros — danke, Gutenberg-Projekt. Genauer wird der Kommentar allerdings nicht: Immer noch keine Sammlung, zeitliche Einordnung, Gelegenheit. Die Gesamtausgabe von Gustav Konrad ist, „siehe Bibliographie“, wurde herausgegeben von Gustav Konrad und Johannes Müller, in 5 Bänden, Frechen 1958–1963. Das müsste die maßgebliche vor der aktuellen beim Deutschen Klassiker Verlag gewesen sein; vorher gab’s noch eine in satten 7 Bänden von Waldemar Oehlke, Berlin 1920–1922, das war’s.

Das reicht aber nicht. Weder gibt mir jemand eine Garantie, dass in einer Gesamtausgabe der Adenauerzeit die Gedichte der kleinen Schwester eines verachteten Romantikers getreulich nachgewiesen sind, noch bin ich in einer realistischen Lage, sie zu beschaffen — siehe Sortimentsbuchhandel und Bibliothekarswesen; das ist der Punkt, an dem mich auch der Marketplace von Amazon.de im Stich lässt, auf dem immerhin ab und zu der Weimarer Sophien-Goethe auftaucht. Nur um die Lücken in der aktuellen Ausgabe festzustellen, die ein halbes germanistisches Monatsgehalt kostet, war meine Lage offenbar realistisch genug.

Ist das erbärmlich von mir? Oder vom Buchhandel — wer auch immer in dieser Eigenschaft anzuklagen wäre? Von der Literaturwissenschaft? Vom System? In irgendeinem Archiv, sei es in Berlin, Wiepersdorf, Marbach oder anderswo, lagert das Manuskript; schließlich muss das Gedicht irgendwoher in die Ausgabe von Gustav Konrad und Johannes Müller hineingeraten sein, und wie man hört, sind noch viel mehr Gedichte zu erschließen.

Bettina Brentano wurde 1785 geboren und hieß ab 1811 nach ihrer Hochzeit mit Achim von Arnim, dem besten Freund ihres Bruders Clemens, Bettina von Arnim; ob man sie Bettina oder Bettine nennen soll, ist eine Entscheidung aus biographischen Details. Ihr Sonett Eros handelt für damalige Verhältnisse reichlich unverschlüsselt von eigener sexueller Erfahrung und dürfte mithin zwischen der Hochzeit am 11. März 1811 und dem 21. Januar 1831 entstanden sein, nachdem Bettine Witwe wurde — und bevor sie, mit 46 Jahren so sozial- wie selbstbewusst und autonom geworden, als Schriftstellerin hervortrat. Ihr Sexualleben, man mag von diesem lebenslang entzückenden und verstörenden großen Mädchen ansonsten halten, was man will (ich mag sie), erstreckt sich wohl nach keiner Seite über diese zwanzig Jahre hinaus und steht von ihrem Schreiber- und Revoluzzerleben streng getrennt. Das Paar lebte die meiste Zeit in Fernbeziehung zwischen Berlin und dem Brandenburger Gut Wiepersdorf, das Sonett liegt also der jungverheirateten Dichterfreundin und bis dahin 26-jährigen Jungfrau von 1811 näher als der nicht mehr richtig blutjungen Gutsverwaltersgattin mit siebenfachem Kindersegen von 1831.

Um das herauszufinden, hätte es allerdings weder eine Gesamtausgabe noch eine Gedichtauswahl gebraucht, dafür reicht Wikipedia in den Absätzen, in die man nicht einmal hinunterscrollen muss. Egal, das Buch ist seinen Cent wirklich wert. Und außerdem, jetzt kann ich’s ja sagen, immer noch bei bei Insel.

Eine andere erreichbare Stelle als das etwas umständlich erworbene, aber für Centbeträge oder unter Buchpreisbindung in jedem Buchladen Ihres Vertrauens innerhalb 24 Stunden lieferbare Die Sehnsucht hat allemal recht und einige rosenumrankte Internetseiten fällt mir nicht ein. Die schönste von den letzteren war die schlichteste: im verdienstreichen Fulgura Frango, Robert Wohllebens digitalen Fachblatt für „Sonettwesen & andere Excentricitäten“. Eine gewisse Gabriella La Crimosa Wollenhaupt, mutmaßliche Amateurdichterin gleich Bettine zur Zeit ihres Sonetts, hielt offenbar zumindest anno 2003 ebenjene Bettinen-Auswahl in Händen, fand das Sonett und machte das Schönste daraus, was dereinst als eine Art geistige Sportart unter gebildeten Menschen galt: Sie wand einen Sonettenkranz daraus, der jeder kleinen Schwester von großen Dichtern würdig ist. Wenn schon sonst nichts an Erkenntnis herumkommt als eine ausgeuferte Anklage von Missständen, gebe ich ihn unten hübsch zurechtgemacht wieder. Immerhin verstehe ich so den ganzen Blumenschmuck um ein Gedicht, das sich nicht anders festnageln lässt.

Gabriella La Crimosa konnte 2003 sehr viel unverblümter auftreten, als es sich Bettine zwischen 1811 und 1831 leisten durfte, und schlägt sich wacker bei ihrem anspruchsvollen Dichtwerk. Was ein Sonettenkranz ist, wird in Wikipedia erschöpfend erklärt und in Omnipoesie anschaulich dargestellt. Pippi Pumuckl aus Berlin, die mir freundlicherweise ihre neckische Bilderserie ausleiht, meint dazu: „Mir fällt gerade auf, wie lange ich schon keine Gedichte mehr gelesen habe.“ Danke, die Damen Gabriella La Crimosa und Carolin — und natürlich Bettine!

——— Bettine von Arnim:

Eros

zwischen 1811 und 1831; hier: Meistersonett:

Im Bett der Rose lag er eingeschlossen,
Im Wechselschimmer ihrer zarten Seiten,
Die taugebrochnen Strahlen schmeichelnd gleiten
Hinein zu ihm, von Geisterhauch umflossen.

Mich dünkt, in Schlummer waren hingegossen
Die reinen Glieder, durch des Dufts Verbreiten
Und durch der Biene Summen, die zuzeiten
Vorüberstreift an zitternden Geschossen.

Doch da beginnt mit einemmal zu schwellen
Der Blume Kelch! Ins Freie nun gehoben,
Erkenn ich ihn im Tagesglanz, dem hellen.

Es ist mein Auge vor ihm zugesunken,
Der mich so seltsam mit dem Blick umwoben,
In seinem Lichte lieg ich traume-trunken.

——— Gabriella Lacrimosa Wollenhaupt:

Eros-Sonettenkranz

abgeschickt 27. April 2003, 13:48:42 Uhr:

Carolin Pippi Pumuckl Gutt, 7 Days a Week, MondayEros (1)

Im Bett der Rose lag er eingeschlossen,
Fast nicht zu sehen unter soviel Lidern,
Im Widerspruch nicht zu zergliedern.
Der Schutz der Nacht ist fort geflossen.

Wie kommt ein Gott in meine Kissen?
Hat ihn die Lust etwa dorthin gebracht?
Und ich hab‘ einfach da so mitgemacht?
Ich frag ihn jetzt, ich muss es wissen.

Bellezzo, sag ich, leih mir mal dein Ohr:
Kann denn ein Gott wie du mir Lust bereiten?
Hab ich geöffnet dir mein Himmelstor?

Ich will ja kein Gerücht verbreiten,
Sagt Eros, lacht, und zeigt die Brust hervor
Im Wechselschimmer ihrer zarten Seiten.

Eros (2)

Im Wechselschimmer ihrer zarten Seiten
Tritt Aphrodite an das Bett der Rosen:
Verdammter Lüstling, wo sind deine Hosen?
Lässt du dich nur von Wollust leiten?

Bellezzo lächelt seine Mutter eitel an,
Die Kohlenaugen schleudern Funkenglut:
Ich kann halt lieben nur – und das mit Mut
Im Götterreich ist lange Weile wieder dran.

Die Göttin mustert mich. Will mich verstecken.
Lässt ihren Blick streng über meinen Körper reiten.
Versuche hektisch, mich mit Rosen zu bedecken.

Gott Helios spannt an – will mich dazu verleiten
Eros zu küssen – damit in seine exquisiten Ecken
Die taugebroch’nen Strahlen schmeichelnd gleiten.

Carolin Pippi Pumuckl Gutt, 7 Days a Week, TuesdayEros (3)

Die taugebroch’nen Strahlen schmeichelnd gleiten
In jede feine Falte seiner bronzefarb’nen Haut.
Auf der hat sich jetzt süße Hitze angestaut
Die Göttin ärgert sich und wird sich vorbereiten,

Den schönen Sohn mir aus dem Bett zu scheuchen.
Nur weil sie mir kein geiles Spielzeug gönnen will,
Mir Erdenfrau! Ich werde wütend und bin nicht mehr still
Lass manches Schimpfwort meinem Mund entfleuchen.

Der Sonnengott lässt lachend seine Pfeile prallen.
Jetzt peinigt mich die Göttin auch noch mit Geschossen!
Das Sahneteil im Lotterbett beginnt debil zu lallen.

Du bist ganz ruhig!, sag ich ihm ziemlich unverdrossen.
Tret hin zum Rosenbett und lass mich einfach fallen
Hinein zu ihm, von Geisterhauch umflossen.

Eros (4)

Hinein zu ihm, von Geisterhauch umflossen
Lieg ich jetzt steif an seiner Gottesbrust.
Er ist zwar schön, doch hab ich keine Lust
Auf ihn. Hab oft genug so frisches Fleisch genossen,

Das noch im Laden konnte meine Gunst sich rauben.
Doch immer schwerer wurde in der Einkaufstüte
Dass später nicht einmal der Wunsch mehr in mir glühte
Ihm lustvoll die Verpackungen vom Leib zu klauben.

Ich heb das Haupt und blicke auf die eitle Aphrodite
Und frage mich, was in der Nacht, die ja verflossen
Wirklich geschah. Er wär kein Mann, wenn er’s verriete.

Ich weiß nur noch, dass ich naiv und unverdrossen
Ihm Obdach gab, weil seine Gelder für die Miete,
Mich dünkt, in Schlummer waren hingegossen.

Carolin Pippi Pumuckl Gutt, 7 Days a Week, WednesdayEros (5)

Mich dünkt, in Schlummer waren hingegossen
Die müden Glieder, seine und auch meine.
Wir schliefen nur, und Liebe gab es keine
Da uns’re Seelen waren weggeflossen.

Doch neben einem echten Gott zu liegen
Besonders, wenn er schweigend bleibt
Und sich am Morgen nett die Augen reibt
Ist einfach schön und schwer zu kriegen.

„Hör zu, du schwarzgelockter Liebesgott,
Ich werd‘ dich jetzt hinausgeleiten
In diese Erdenwelt voll Hohn und Spott,

Dort, wo ein Sturm dich kann begleiten.
Du liegst noch flach? Dann heb jetzt flott
Die reinen Glieder, durch des Dufts Verbreiten.“

Eros (6)

Die reinen Glieder, durch des Dufts Verbreiten,
Sie liegen matt in meinen weichen Kissen.
Die Rosenblätter knicken hin in klarem Wissen,
Dass ihnen Eros wird den Tod bereiten.

Ich will den Gott jetzt aus der Hütte kriegen,
Trotz seiner präsentablen Männlichkeit.
Ich rechne nicht mehr mit viel Widerstreit.
Doch er bleibt leider schwer im Bette liegen.

Ich muss jetzt doch mit seiner Mutter reden,
Sie muss den trägen Sohn drauf vorbereiten:
Denn mit ’nem Liebesgott kann ich nicht leben.

Hab keine Lust, nur Süße zu verbreiten!
Die Göttin stutzt, will ihre Stimme grell erheben:
„Und durch der Biene Summen, die zuzeiten..?“

Carolin Pippi Pumuckl Gutt, 7 Days a Week, ThursdayEros (7)

„Und durch der Biene Summen, die zuzeiten …?“
Doch Aphrodite fehlen immer noch die Worte,
Bei denen auch manch Dichter sich am Orte
vergeblich mühte. Es sei denn, er ließ‘ sich verleiten

Die fehlende Idee durch Pfusch perfekt zu machen,
Was nicht besonders göttlich scheint.
Die strengen Musen nämlich sind vereint
Um über Ebenmaß und Form zu wachen.

Die Biene tändelt trunken durch den Flieder.
Sie ist – warum? – zum Stich entschlossen
Und schändet Liebesgottes schöne Glieder.

Der Gottesmutter Miene ist total verdrossen:
Sie killt den dreisten Flieger, bevor er wieder
Vorüberstreift an zitternden Geschossen.

Eros (8)

Vorüberstreift an zitternden Geschossen
Mit Eleganz und harschem Peitschenknall:
Es ist Gott Ares auf der Fahrt durchs Weltenall
Er ist der Vater und er hat beschlossen

Den Widerspruch in seinem Sohn zu kitten,
Das Honigblut mit strengem Mut zu mischen,
Und die Kritiken vom Olymp so zu verwischen,
Dass Götter nicht mehr um den Eros stritten,

Der immer wieder heiter die Gesetze bricht.
Eros steht stramm, will Ares nicht verprellen,
Der greift nach meiner Hand, und ich merk nicht,

Dass Kriegsgotts Miene beginnt aufzuhellen,
Und seine Lippen kosen zärtlich mein Gesicht
Doch da beginnt mit einemmal zu schwellen.

Carolin Pippi Pumuckl Gutt, 7 Days a Week, FridayEros (9)

Doch da beginnt mit einemmal zu schwellen
schöne Musik aus fernen, lyrischen Gefilden
Die Kriegerrüstung bricht entzwei – es bilden
Sich nun Wolkenschäfchen über klaren Quellen.

Ich seh in Ares‘ stahlverzinkte, blaue Augen,
Die herrisch, grausam und verdorben denken
Und fange an, mich tief in ihnen zu versenken
Und wie ein Wurm in seine Seele mich zu saugen.

Er lässt es zu. Und Eros fängt laut an zu lachen
Und schmäht den Vater. Ich fang an zu loben
Des Kriegsgotts Fähigkeit sich sanft zu machen.

Mein Körper ist mit seinem jetzt verwoben
Der Himmel tut sich auf – ich hör erwachen
Der Blume Kelch! Ins Freie nun gehoben.

Eros (10)

Der Blume Kelch! Ins Freie nun gehoben
Mein Inneres bricht auf durch warmen Regen
Entfaltet sich und kann sich nun bewegen
Und wird schon in die Ewigkeit verschoben,

Im Takt der überschweren Wolkengüsse.
Der kleine Eros schaut den Vater an
Begreift, dass dieser doch mehr kann
Als nur der Welten übervoller Flüsse

Durch Ruderschlag den Takt zu rauben.
Er labt sich an den wilden schönen Stellen
Wie eine Lerche beim Sichhöherschrauben.

Ich lasse meine Zunge heftig tiefer schnellen
Und heb den Blick und kann es noch nicht glauben:
Erkenn ich ihn im Tagesglanz, dem hellen!

Carolin Pippi Pumuckl Gutt, 7 Days a Week, SaturdayEros (11)

Erkenn ich ihn im Tagesglanz, dem hellen,
Den safrangelben Berg der Berge in der Sonne
Als ob sich Gold mit Heiterkeit versponne,
Und sich die Wollust in den schönen Quellen

Scharf widerspiegle, um mein Auge zu erquicken.
Jetzt steht der Eros bei der Mutter – nichts am Leibe
Und blickt empört, was ich mit seinem Vater treibe
Es stört mich nicht, denn ich will Ares doch nur ERFREUEN.

Er nimmt die Peitsche, ich benutz die Sporen.
Das Ziel vom Berg hat uns jetzt zugewunken!
Wir sind zu schnell und haben Takt verloren,

Der Wind in meinem Haar schlägt Funken
Er greift die Zügel, stoppt uns unverfroren:
Es ist mein Auge vor ihm zugesunken.

Eros (12)

Es ist mein Auge vor ihm zugesunken.
Und die Gedanken sind wie Spinneweben
So klebrig-zart und voller Zappelleben,
Das einstmals munter saß in den Spelunken,

In denen Menschenkinder ihre Zeit verschwenden.
Die einen saufen, andere streiten, spielen Karten
Noch andere wollen Liebe, doch sie alle warten
Sich jenem seltnen Augenblicke zuzuwenden,

An dem ein starker Gott sie in die Höhe hebt.
Auch ich fühl mich ins Blaue jetzt geschoben
Von Ares, der mit mir in unbegrenzte Reiche schwebt.

Ich lass es zu. Will Spielball sein, der hochgehoben
Wird und dennoch weiß, dass jener weiterstrebt
Der mich so seltsam mit dem Blick umwoben.

Carolin Pippi Pumuckl Gutt, 7 Days a Week, SundayEros (13)

Der mich so seltsam mit dem Blick umwoben
Und seine Schwermut mich zu trinken zwang.
So bittres Zeug! Doch wild und stark. Es drang
In meinen Mund und ich bin zielvoll losgestoben

Nicht zum Olymp. Ich fand die lyrischen Gefilde,
Die mehr Erfüllung bringen als die satten, übervollen
Götterwiesen, auf denen dumme Menschen tollen.
Ich küsse Ares zart und setz ihn dann ins Bilde,

Dass ich muss fort. Will nicht mehr länger bleiben
Bei diesen dummen Götterspielen. Und tief versunken
Entdecke ich dein Zeichen hinter blinden Scheiben.

Die Zeit ist reif! Noch schnell den Göttern zugewunken.
Ich nehm die Rosen und beginn das Glas zu reiben:
In seinem Lichte lieg ich traume-trunken.

Eros (14)

In seinem Lichte lieg ich traume-trunken.
Er ist kein Gott voll Schönheit und Esprit
Die Welt, in der er lebt, ist keine Phantasie
Mit grellen Wesen, Geistern und auch Unken

Und diesen weißen Pferden mit dem Solohorn.
Ja, sterblich zwar, doch warm und weich
Nicht göttlich sein, sondern im Leben reich,
Nur für die Liebe, nicht die Macht geborn.

Ich ziehe seinen Kopf an meinen Busen:
Die Augen sind in tiefer Ruh geschlossen
Ich küsse seine Lider und beschwör die Musen

Dass sie ihn wecken, meinen Bettgenossen.
Denn ich will endlich mit ihm schmusen:
Im Bett der Rose lag er eingeschlossen.

Bilder: Carolin „Pippi Pumuckl“ Gutt: 7 Days a Week, 19. bis 21. Juli 2014:
On Monday I’m your bunny!;
Tuesday you work hard for me!;
Wednesday, we sway!;
On Thursday I’m too sleepy!;
Friday takes the Heartache away!;
Saturday, I’ll do my „Good-Wife-Dutie“!;
… and Sunday, I pretend virginity!

Traume-trunkenes Belohnungslied: Evelyn Evelyn: Have You Seen My Sister Evelyn?, 2012:

Written by Wolf

21. August 2014 at 00:01

Vergleichende Ikonographie: Mephisto ist ein mieser Verräter

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Update zu Die Zueignung der Zuneigung:

So kann man’s nämlich auch sehen.

Das Schicksal ist ein mieser Verräter, 2014

——— Wald und Höhle:

Faust.
Pfuy über dich!

Mephistopheles.
            Das will euch nicht behagen;
Ihr habt das Recht, gesittet pfuy zu sagen.
Man darf das nicht vor keuschen Ohren nennen,
Was keusche Herzen nicht entbehren können.
Und kurz und gut, ich gönn’ Ihm das Vergnügen,
Gelegentlich sich etwas vorzulügen;
Doch lange hält Er das nicht aus.
Du bist schon wieder abgetrieben,
Und, währt es länger, aufgerieben
In Tollheit oder Angst und Graus.
Genug damit! dein Liebchen sitzt dadrinne,
Und alles wird ihr eng’ und trüb’.
Du kommst ihr gar nicht aus dem Sinne,
Sie hat dich übermächtig lieb.
Erst kam deine Liebeswuth übergeflossen,
Wie vom geschmolznen Schnee ein Bächlein übersteigt;
Du hast sie ihr in’s Herz gegossen,
Nun ist dein Bächlein wieder seicht.
Mich dünkt, anstatt in Wäldern zu thronen,
Ließ es dem großen Herren gut,
Das arme affenjunge Blut
Für seine Liebe zu belohnen.
Die Zeit wird ihr erbärmlich lang;
Sie steht am Fenster, sieht die Wolken ziehn
Ueber die alte Stadtmauer hin.
Wenn ich ein Vöglein wär’! so geht ihr Gesang
Tagelang, halbe Nächte lang.
Einmal ist sie munter, meist betrübt,
Einmal recht ausgeweint,
Dann wieder ruhig, wie’s scheint,
Und immer verliebt.

Faust, 1960

Stills: Shailene Woodley und Ansel Elgort in Das Schicksal ist ein mieser Verräter, 2014;
Will Quadflieg und Gustaf Gründgens in Faust, 1960,
via The Media Tourist: We Are Stardust, 6. Juni 2014;
Hans-Ulrich Stoldt: Erfinder & Pioniere: Der Mogeldoktor in: Der Spiegel, 29. September 2009.

Wenn ich ein Vöglein wär: Grouplove: Let Me In, aus: The Fault in Our Stars, 2014.

Written by Wolf

1. August 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Klassik

Barfußwochen 05: Weder Schuh und weder Strümpf (und einen Striffel um den Hals)

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Update zu Wer fühlt den Krampf der Freuden und der Schmerzen nicht:

Sommer allzumal — machen wir wieder eine Gaudi und ein paar neue Barfußwochen. Die letzten haben sich nach dem vierten Teil I am, I am, I am (your barefoot wench for a whole week) … nun ja: verlaufen und waren überhaupt etwas fremdsprachlich geprägt. Inzwischen sind einige deutsche Stellen aufgefallen, die in überraschende Tiefen führen.

Die befreundete Künstlerin Sina Opalka, die der Literatur (Weil es mich morgen noch gibt, Books on Demand 2008) und dem Barfußlaufen nahe steht, wurde angefragt, für den weiteren Verlauf unserer Weheklagen und Höllenfahrten eigene Illustrationen beizusteuern. Leider zeigt sich, dass die Führung einer typisch hipströsen Berliner Existenz mehr Zeit und das regelmäßige Entkommen aus Berlin mehr Geld erfordern, als die Unterstützung eines Weblogs mit rund zwanzig Lesern pro Tag erübrigt. Das ist in Ordnung so, das sind die Dinge, die Sina ausmachen.

Besonders beeindruckt war Sina von meinem Beispiel für ein weithin vergessenes Volkslied, zu dem ich nicht einmal eine Melodie auftreiben konnte. Auch mit den Anmerkungen im Volksliederarchiv bleibt es obskur genug, das verborgene Thema sollte jedoch mindestens die Anbahnung einer unpassenden Ehe, wo nicht gar häusliche Gewalt sein — jedenfalls nichts, was sich als Hochzeitslied eignete.

Sina, die in ihrem jungen Leben nicht immer ein Schoßkind des Glücks war, wurde davon zu einem partiellen Selbstportrait inspiriert, das sich zur Wiederaufnahme unserer Barfußwochen aufdrängt. Danke, Sina, fürs Zehennägeltrimmen, Füßewaschen, Badewanneputzen und Überlassen deines getreuen Abbildes, vielleicht wird’s ja doch noch mehr mit deinen Illus!

——— Volkslied: Komm heraus, du traurige Braut,
DVA A 101419 (Heringen, Nassau): „Das Brautpaar erscheint an der Türe“,
vgl. EB .870, VI. dt. Landsch. III, Nr.86, Rölleke Wh. 9, 2, S. 25–27;
nach: Schürz dich, Gretlein:

Komm heraus, komm heraus, du traurige Braut!
Wir steh’n hier vor dem Hochzeitshaus.
0 weh, o weh! Wie weinet diese Braut so sehr!

Dieses Jahr trägt sie eine Kron‘ auf ihrem Kopf;
übers Jahr werden ihr die Haare ausgeropft.

Dieses Jahr trägt sie einen Striffel um den Hals;
übers Jahr hat sie weder Salz und weder Schmalz.

Dieses Jahr trägt sie noch schöne Zwickelstrümpf;
übers Jahr hat sie weder Schuh und weder Strümpf.

Dieses Jahr trägt sie noch schöne gewichste Schuh;
übers Jahr, da läuft sie barfuß-barfuß zu.

Dieses Jahr trägt sie ein Ringlein an der Hand;
übers Jahr führt sie ein Kindlein an der Hand.

Sina Opalka, Lesen lassen, 19. März 2014

Barfuß-barfüßige traurige Braut: Sina Opalka: Lesen lassen, 19. März 2014.

Soundtrack ist aus Gründen nicht das vorgestellte Volkslied, sondern eine ganz und gar unerwartete Version von Jolene von Miley Cyrus. Das war 2012, also noch vor ihrem unnötigen „Wrecking Ball“-Gekasper. Jolene von Dolly Parton 1973 hat ein vergleichbares Thema aus der Sicht einer traurigen Braut; Frau Cyrus singt ihre Backyard Sessions barfuß.

Written by Wolf

2. Juli 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Romantik

Auf der Suche nach den aufgegebenen Blogs

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Varvara Lozenko, Aspiration, 15. Juni 2011——— Jochen Schmidt: 18. Fr, 4.8., Odessa, Uspanskaja 13; In Swanns Welt, Seite 355–376,
in: Schmidt liest Proust. Quadratur der Krise, Voland & Quist, Dresden und Leipzig 2008, Seite 50:

Was hilft es Swann, wenn Odette sich gemein verhält und die erste Frische ihrer Jugend bereits eingebüßt hat?

Ja genau: Was frommt’s? Ihm wahrscheinlich nichts, ihr schon eher.

Wenn vor zehn Jahren jemand Marcel Proust gelesen hat, musste er unweigerlich gleich darüber bloggen. Mir fallen ungestützt vier Weblogs zu dem Thema ein aus der Zeit, als das Internet nicht aus Apps bestand und seine Nutzer weiter als 140 Zeichen dachten, bei Jochen Schmidt aus dem Land der Literaturverächter und Langweiler ist sogar ein kostenpflichtiges P-Book draus geworden. Inzwischen wäre Gelegenheit nachzuschauen, ob einer von denen jusqu’au fin durchgehalten hat:

Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Sääle? Eigentlich kann er gleich Proust lesen.

Im Schatten junger Mädchenblüte: Varvara Lozenko: Aspiration, 15. Juni 2011.

Written by Wolf

30. Mai 2014 at 00:01

Dein pöschelochter roter mund

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Update zu Frühlingsreigen Buranum:

Postkoital krabbelt die Wölfin auf einen weichen Wiesenflecken, lehnt sich an unseren Baumstamm, stopft sich zum gemütlicheren Sitzen eine Handvoll erreichbar herumliegender Unterwäsche unter den Hintern, schlingt sich die Arme um die Knie und knipst von innen ihr „Tu’s doch“ auf den Rückseiten ihrer Augäpfel an.

„Du wolltest mir was singen“, beschließt sie.

„Ach“, sag ich.

„Dochdoch, glaub schon.“

„Was genau wollte ich gleich wieder singen?“

„Bloß nicht das Under der linden-Tandaradei, bloß weil wir grade …“ Sie deutet in die Baumkrone.

„Gut. Sondern?“

„Was Neueres.“

„Neuer als der Vogelweide. Ganz klar – der Wolkensteiner.“

Sie sackt zusammen. „Man wird so bescheiden, wenn man immer nur nehmen kann, was man kriegt.“

„Danke, du warst auch gut, Schatz.“

——— Oswald von Wolkenstein: Fröhlich / zärtlich, um 1411,
Urtext nach dem Innsbrucker Codex „Handschrift B“, 1432,
in: Klaus J. Schönmetzler: Oswald von Wolkenstein. Die Lieder mittelhochdeutsch–deutsch, Phaidon, Essen 1979, 21990:

Tenor

FRölich / zärtlich / lieplich / und klärlich / lustlich / stille / leyse / jnsenffter / süsser / keusch‘ /sainer weyse / wach du mīnikliches schönes weib / reck / streck / breys dein zarten stolczen leib /

2a pars

Sleuss auf dein uil liechte öglin klar / taugenlich nym war / wie sich uerschart / der sterne gart / jnn der schönen / hayttren / klaren / sunne glancz / wol auff zu dem tancz / machen einen schönen krancz / uon schawnen / prawnen / plawen / grawen / gel / rot weyss / viol plümlin sprancz /

LÜnczlot / münczlot / klünczlot / und zysplot / wysplot freuntlich sprachen / auss waidelichen / güten / rainen / sachen / sol dein pösschelochter / rotter mund / der ser mein hercz lieplich hat erzunt / Vnd mich fürwar tausent mal erweckt / freuntlichen erschreckt / auss slauffes träm / so ich ergäm / ain so wolgezierte rotte engespalt / lächerlich gestalt / zendlin weyss dorjn gezalt / trielisch / mielisch / vöslocht / röslocht / hel/ zu vleiss waidelich gemalt /

WOlt sy / solt sy / tät sy / und käm sy / näm sy / meinem hertzen / den seniklichen grossen hertten / smertzen / und ein brüstlin weyss darauff gedruckt / secht / slecht / so w&eeml;r mein trauren gar verruckt / Wie möcht ein zart seuberliche diern / lustlicher geziern / das hercze mein / an argen pein / mit so wunniklichem zarten rainen lust / mund mündlin gekusst / zung an zünglin / brüstlin an brust / bauch an beuchlin / rauch an reuchlin / snel / zu fleiss / allczeit frisch getusst /     Amen –

„Um Gottes willen“, entsetzt sich die Wölfin in ihrer sagenhaften sonnenbeschienenen Nacktheit, „hat das schon mal jemand verstanden?“

„Gegen anno 1411 noch ad multos annos. Das soll sogar beliebt sein.“

„Warum?“

„Die Variante eines Tagelieds„, erkläre ich, „ist laut Schönmetzler

eine zweistimmige Kontrafaktur des ursprünglich dreistimmigen Rondeaus „En tres doulz flans„. Beide Handschriften [das sind Wiener Handschrift „A“ und Innsbrucker Codex „B“] weisen gravierende Schlüsselfehler auf. Nur der Tenor von Hs.A gibt den korrekten lydischen Modus an. Die Übertragung [der Notenschrift] folgt Hs.B und gleicht die dortige Terzierung durch Akzidenz aus.

Eine Darstellung des Liedes in rekonstruierter Dreistimmigkeit findet sich bei Ganser/Herpichböhm.

Klar, oder?“

„Klar wie Eisengallustinte. Was für Ganserherpichböhm?“

„Hans Ganser und Rainer Herpichböhm: Oswald von Wolkenstein-Liederbuch. Eine Auswahl von Melodien, Göppinger Arbeiten zur Germanistik 240, Göppingen 1978. Nicht so richtig im Handel zur Zeit, aber Fernleihe ist immer mal einen Versuch wert.“

„Ja dann!“

Laura Clarke, Midsummer Dreaming, 30. April 2013

„Schön, dich so befriedigt zu haben. Normalerweise singe ich nur zur Schalmei.“

„Das war nicht gesungen. Das war doziert. Sing für mich, Page!“

„Das gleiche nochmal auf Verständlich?“

„Hab ich’s nicht geahnt, dass du das kannst?“

——— Oswald von Wolkenstein:

Frölich, zärtlich

um 1411:

Frölich, zärtlich, lieplich und klärlich,
lustlich, stille, leise
in senfter, süesser, keuscher, sainer weise
wach, du minnikliches, schönes weib
reck,   streck,   preis dein zarten, stolzen leip!
Sleuss auf dein vil liechte euglin klar!
taugenlich nim war,
wie sich verschart   der sterne gart
in der schönen, haitren, claren sunnen glanz!
Wol auf zue dem tanz!
machen einen schönen kranz
von schaunen,   praunen,   plauwen,    grauwen,
gel,   rot, weiss,   viol plüemblin spranz!

Lünzlocht, münzlocht, klünzlocht und zisplocht,
wisplocht, freuntlich sprachen
auss waidelichen, gueten, rainen sachen
sol dein pöschelochter roter munt,
der   ser   mein herz tiefflich hat erzunt
Und mich fürwar tausend mal erweckt,
freuntlichen erschreckt
auss slaffes traum,    so ich ergaum
ain so wol gezierte rote enge spalt,
Lächerlich gestalt,
zendlin weiss darin gezalt,
trielisch,    mielisch,    vöslocht,    röslocht,
hel   zu fleiss   waidelich gemalt.

Wolt si, solt si, tät si und käm si,
näm si meinem herzen
den senikleichen, grossen, herten smerzen,
und ein brüstlin weiss darauf gesmuckt,
secht,   slecht   wer mein trauren da verruckt.
Wie möcht ain zart seuberliche diern
tröstlicher geziern
das herze mein   an allen pein
mit so wunniklichem, lieben, rainen lust?
Mund mündlin gekusst,
zung an zünglin, prüstlin an prust,
pauch   an peuchlin,   rauch   an reuchlin
snell   zu fleiss   allzeit frisch getusst.

——— Oswald von Wolkenstein:

Fröhlich, zärtlich

um 1411:

Fröhlich, zärtlich,anmutig und hell,
lustvoll, still und sanft,
ruhig, süß, rein und gemächlich:
so wache auf, du liebenswerte schöne Frau!
Reck, streck, schmücke deinen feinen, herrlichen Leib!
Öffne deine strahlend blanken Äuglein!
Nimm verstohlen wahr,
wie sich auflöst der Sternengarten
im Glanz der schönen, heiteren, klaren Sonne!
Auf zum Tanz!
Machen wir einen schönen Kranz
Aus dem Schimmer beiger, brauner, blauer, grauer,
gelber, roter, weißer, violetter Blüten!

Schlaflich, küßlich, schmeichlerisch und flüsterlich,
wisperlich, herzlich reden
aus köstlichem, gutem, schönem Grund
soll dein üppiger roter Mund,
der mein Herz tief drin heftig entzündet hat
und mich wahrlich tausendmal aufweckt,
liebevoll aufgeschreckt
aus Schlaf und Traum, wenn ich erblicke
eine so schön geformte rote, feine Spalte,
zum Lächeln geschaffen,
Zähnlein weiß darin in Reihe,
lippenschön, lächelnd, blühend, rosig,
leuchtend, ein trefflich gemaltes Bild.

Wollt sie, würd sie, tät sie’s und käm sie,
nähm sie mir vom Herzen
den schweren, bitteren Sehnsuchtsschmerz
und ein weißes Brüstlein drauf gedrückt –
schaut, da wär mein Leid geglättet.
Wie könnte ein zartes, hübsches Mädchen
mein Herz heilsamer schmücken,
vom Schmerz befreien,
als mit so süßer, wonniger, reiner Lust?
Mund Mündlein geküßt,
Zung an Zünglein, Brüstlein an Brust,
Bauch an Bäuchlein, Pelz an Pelzlein,
frisch und eifrig, nimmermüd gestoßen.

„Horch an. Woher hast du das so plötzlich?“

„Die neuere Schreibung mit der Umverteilung auf Strophen müsste beizeiten angefangen haben und ist ganz üblich, Fassungen gibt’s fast so viele wie Abschriften. Ich hab ja selber grade eine neue eingeführt: In dem Urtext sollte das ‚LÜnczlot‘ statt des großen Ü ein großes V mit Trema haben.“

„Ein Pünktchen-V?“

„Einen V-Umlaut, genau. Das &Vuml; wird aber in HTML nicht genommen, ist also nicht zu bloggen, und schon ist eine Textvariante in die Welt gesetzt. Meine Übertragungen hab ich aus der Deutschen Lyrik des späten Mittelalters – weißt schon, die grandiosen weißen Taschenbücher nach der Bibliothek Deutscher Klassiker. Die Übersetzung wäre damit von Burghart Wachinger.“

„Aber schön!“

„Jaja. Man wird so bescheiden, wenn man immer nur nehmen kann, was man kriegt.“

„Ach hör auf.“

Die Zehennägel der Wölfin haben den gleichen rosigen Farbverlauf wie der innere Ring der Gänseblümchen, zwischen denen sie stehen. Eins davon wächst durch das Guckloch zwischen ihren Zehen Nummer 1 und 2 links. Sie hat ihre Knie losgelassen, äugt in die Runde und klaubt noch mehr umherliegende Wäsche unter ihren allzeit frisch getussten Hintern.

Lotterbett,

Jnn der schönen hayttren klaren sunne glancz: Laura Clarke: Midsummer Dreaming, 30. April 2013;
lünczlot münczlot klünczlot und zysplot: Lotterbett, Sommer 2011, Graphit und Rötel, gemeinfrei.
Die Vorführung des Wiener Ensemble Unicorn (Leitung: Michael Posch, Altus: Markus Forster): Oswald von Wolkenstein. Liebeslieder, Raumklang, Goseck 2011 gilt dem bisher einzigen Laienrezensenten auf Amazon.de schon als „musikalisch überzeugend, mit Schwung und Gefühl interpretiert“, ein viersprachig seitengeschundenes Booklet als „sehr informativ“. Man wird so bescheiden, wenn man immer nur nehmen kann, was man kriegt.

Written by Wolf

1. Mai 2014 at 00:01

I am, I am, I am (your barefoot wench for a whole week)

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Barefoot Weeks in DFWuH, part 4:

——— Anne Sexton:

Barefoot

from: Love Poems, 1967:

Cover Anne Sexton, The Complete Poems. With a foreword by Maxine Kumin, Mariner Books 1999Loving me with my shoes off
means loving my long brown legs,
sweet dears, as good as spoons;
and my feet, those two children
let out to play naked. Intricate nubs,
my toes. No longer bound.
And what’s more, see toenails and
all ten stages, root by root.
All spirited and wild, this little
piggy went to market and this little piggy
stayed. Long brown legs and long brown toes.
Further up, my darling, the woman
is calling her secrets, little houses,
little tongues that tell you.

There is no one else but us
in this house on the land spit.
The sea wears a bell in its navel.
And I’m your barefoot wench for a
whole week. Do you care for salami?
No. You’d rather not have a scotch?
No. You don’t really drink. You do
drink me. The gulls kill fish,
crying out like three-year-olds.
The surf’s a narcotic, calling out,
I am, I am, I am
all night long. Barefoot,
I drum up and down your back.
In the morning I run from door to door
of the cabin playing chase me.
Now you grab me by the ankles.
Now you work your way up the legs
and come to pierce me at my hunger mark.

Amanda Pasqual By Matt Fry, Little Tokyo, Los Angeles, visiting from New York, 2013

With her shoes on: Anne Sexton: The Complete Poems.
With a foreword by Maxine Kumin, Mariner Books 1999;
Intricate-nubbed wench: Matt Fry: Amanda Pasqual in Little Tokyo, L.A., visiting from New York, 2013.

Written by Wolf

25. März 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Novecento

Frühlingsreigen Buranum

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Update zu Meteorologischer Frühlingsbeginn:

Tree-hugging dirt worshipper

——— Carmina Burana: 167a, überliefert um 1230:

Swaz hie gât umbe,
daz sint allez megede,
die wellent ân man
allen disen sumer gân.

——— Carmina Burana: 167a:

Was sich hier im Reigen dreht,
das sind alles Mädchen,
die wollen ohne Mann
den ganzen Sommer im Tanze gehen.

Study from The Model, 1925 via Dreams N Fantasies

Nicht einmal im Mittelalter — gerade nicht im Mittelalter — waren Frauen und Mädchen, für die Männer ein Lebensthema geworden sind, wahnsinnig genug, mit voller Absicht auf Zeit ohne Männer auszukommen: Es drohten Ächtung, Prostitution, Verarmung.

Die vier paarweise assonierenden Vierheber stehen im Codex Buranus in der Gruppe der Liebeslieder am Ende eines Liedes, mit dem sie sonst nichts verbindet: weder die Sprache (Latein), die Form noch der Inhalt. Darum ist das vermutlich ein brauchtümliches Tanzlied, das von Männern als Spottlied gesungen wurde, sich aber keinesfalls im Ernst auf weibliche Lebensentwürfe auswirkte. Möglicherweise ist es auch nur eine schlichte Ansage zum Festtanz, die sich dann auch von Frauen singen lässt.

Immerhin deuten die Freiheiten in der Reimgestaltung auf eine frühe Entstehungszeit — innerhalb der Carmina Burana also eher 11. als 13. Jahrhundert. Wenn man die Übersetzungen von Margherita Kuhn und Hugo Kuhn miteinander verheiratet, bekommt man eine richtig schöne Version und kann darüber nachsinnen, ob die beiden Übersetzer ebenfalls miteinander verheiratet sind oder seit wie vielen Sommern sie sich in ihren respektiven Reigen drehen.

Veruk, Nailas en Butoh, 4. August 2007

Fachliteratur: Max Ittenbach: Der frühe deutsche Minnesang. Strophenfügung und Dichtersprache,
Max Niemeyer Verlag, Halle an der Saale 1939, Seite 185 f.

Megede: Tree-hugging dirt worshipper;
Dreams N Fantasies: Studie The Model, 1925;
Veruk: Nailas en Butoh, 4. August 2007.

Soundtrack: Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch: Klaviertrio Nr. 2 e-Moll op. 67, IV.: Allegretto, 1944.
Die Carmina Burana von Carl Orff wären an dieser Stelle zu pompös und zu naheliegend.

Written by Wolf

1. März 2014 at 00:01

Valentinsgewinnspiel: Ich bin nichts Offizielles (geschlossen)

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Eingang Lyrik-Kabinett, Amalienstraße 83a, München

Als Organ für zeitlose Belange sollte DFWuH der Weltbumstag egal sein. Als Habe-nun-Ach für angewandte Poesie aber nicht: Verschenkt man doch am Valentinstag gemeinhin die abgeschnittenen Leichen von Blumen, sehr viel zielführender — hin auf eine gemeinsame Lotterstätte nämlich — Gedichte.

Sinnvoller war das Lyrik-Kabinett noch nie: Man verzeichnet dort etwa sieben Besucher am Tag, hat also seine Ruhe. Wenn man schon mal reinkommt, sollte man das überragende Arbeitsethos und die Kompetenz der anwesenden Stiftungsmitarbeiter fleißig nutzen und nicht bloß lustlos durchblättern, was so rumliegt. Sie sind dort großzügig mit dem Kaffee und vor allem: Man lernt wirklich jedes Mal was. Bei den abstrusen Öffnungszeiten passiert es einem schlimmstenfalls, dass man um 18 Uhr entweder hinausgebeten wird oder in eine Dichterlesung hineingerät, also kein Schaden.

Dokumentiert gehörten schon längst mal die Schilder im Durchgang zum Hinterhof der Amalienstraße 83a, in dem man zum Lyrik-Kabinett gelangt. Und weil wir alle zum Valentinstag ein Gedicht verschenken wollen, aber niemand anderem als unserem eigenen Lotterpartner, verschenke ich ganze Bücher. Das geht so:

Sie suchen sich aus den Schilderbildern unten Ihren Lieblingsgedichtfetzen aus, schreiben in den Kommentar, woher und von wem das ist, und haben schon gewonnen. Bitte bis Sonntag, den 23. Februar 2014 um 23.59 Uhr, das sollte reichen.

Es sind genug Bücher für den zu erwartenden Ansturm da. Gedichte stehen in den wenigsten, das wäre nach dieser Themenstellung zu anzüglich. Leider müssen Sie die laienhaft ausgeleuchteten und bearbeiteten Fotos lesen, weil ich davon ausgehe, dass die Leser von DFWuH auch dann lesen können, wenn sie nicht jedes Bildchen abgetippt kriegen. Viel besseres Licht herrscht in den Hauseingängen der Amalienstraße auch im Original nicht.

Es sind ganz hinreißende Fitzelchen darunter. Das erste: „Ich bin nichts Offizielles. Ich bin ein kleines Helles“ hat mich selber interessiert: Es ist das Bierlied mit Benn von Dirk von Petersdorff aus: Nimm den langen Weg nach Haus, noch ganz frisch: von 2010. Das ist also schon weg. Nur wenn Sie Ihre Liebsten mit „Es gibt Dinge, die Worte schrecken vor ihnen zurück“ zu sexuellen Handlungen zu animieren suchen, kann ich Ihnen wirklich nicht mehr helfen.

Eingang Lyrik-Kabinett, Amalienstraße 83a, München

Eingang Lyrik-Kabinett, Amalienstraße 83a, München

Eingang Lyrik-Kabinett, Amalienstraße 83a, München

Eingang Lyrik-Kabinett, Amalienstraße 83a, München

Eingang Lyrik-Kabinett, Amalienstraße 83a, München

Eingang Lyrik-Kabinett, Amalienstraße 83a, München

Eingang Lyrik-Kabinett, Amalienstraße 83a, München

Eingang Lyrik-Kabinett, Amalienstraße 83a, München

Eingang Lyrik-Kabinett, Amalienstraße 83a, München

Soundtrack für den langen Heimweg: Tom Waits: Long Way Home aus: Orphans. Disc 2: Bawlers, 2006,
hier als seltenes Mashup-Duett mit Norah Jones, das so nie aufgenommen wurde, aber „with a little computer magic“ den Valentinstag zum Tanzen bringt. Voll süüüß.

Written by Wolf

14. Februar 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Novecento

Die Tragik des Mannes

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Update zu Before Frühstück:

——— Heinrich Heine: Buch der Lieder — Junge Leiden — Lieder — VIII:

Anfangs wollt ich fast verzagen,
Und ich glaubt, ich trüg es nie;
Und ich hab es doch getragen –
Aber fragt mich nur nicht, wie?

Cover Nichts für zarte Seelen, ca. 1959

Das kennt man nun. Viel tiefer ins Vergessen versunken ist Will Höhne: Als Ersatz für den gealterten Hans Albers gedacht, dann in seinen Texten zu frech geworden, aus dem Radioprogramm des bayerischen Rundfunks getilgt (siehe auch: Falco: Jeanny; Scheibenwischer), den Lebensabend als Kellner in München gefristet; unterschiedliche Todesdaten in Wikipedia und Erinnerungen an die Sänger der fünfziger Jahre.

So einen Platz an der Sonne würde ich mir schön verbitten, wenn ich gar nicht mal so unlustige Lieder geschrieben hätte wie das vom Wüstensand, das wir bestimmt noch durchnehmen werden, oder Der Mann, der vor mir war. Ich bringe die erste, die Studioaufnahme 1958:

Das Plattencover fällt natürlich auf und erfreut durch LP-Format, in den CD-Zustand ist das Stück nie übergegangen. Auf Nichts für zarte Seelen ist eine angenehm jazzkellerige Live-Version von Der Mann, der vor mir war. Das Lied ist von 1958, die LP apokryph genug, um zu ihrer Bestellnummer (Marcato 73 953) nicht einmal eine Jahreszahl zu überliefern. Die Fotos vom real existierenden Vinyl weisen nur „Aufnahmen aus dem Electrola-Repertoire“ und die nötigen Copyright-Verbote aus. Sie muss aber ziemlich genau von 1959 sein, um noch unter die Fünfziger Jahre zu zählen und zugleich als dritte Aufnahme nach einer 1959 ausgewiesenen Version auf der EP Bei Will Höhne zu Gast im Pferdestall. Es war eine Zeit, die kannte noch Herrenabende.

Das Bild mit der Nackten ist erst innen, Seite 3 des Gatefolds. Rechts unten steht unkommentiert das Gedicht von Heine, einfach so. Aus heutiger Sicht ist das gestalterischer und marketingtechnischer Harakiri, aus meiner Sicht ist es anrührend.

Written by Wolf

16. November 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Novecento

Jawohl!

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Jawohl, ich bin ein Schreiber!
Der Wirt gibt mir ein Freibier aus,
mich fährt ein fetter Bus nach Haus,
ich krieg die besten Weiber!

Jawohl, ich bin ein Dichter!,
lieb Moni, Maus und Melanie,
auf ihre Lippen küss ich sie
und nicht in die Gesichter!

Jawohl, ich bin ein Dichterfürst!
Ich geh den Mädels unverschämt
ins Höschen und ans Unterhemd,
dass, Leser, du ganz neidisch wirst!

Jawohl, ich bin ein Texter!
Der konzipiert ganz unerhört,
wuppt Excel, Photoshop und Word
und mit der Dinten kleckst er!

Jawohl, ich bin ein Rockpoet!
Verlegern bin ich schwierig.
Wo’s sein muss, kalkulier ich
scharf und zock, wo geht.

Ja, ich bin schon ein Himmelhund!,
komm jeden Tag zum Schusse
und unterm Tisch kniet meine Muse
und nuckelt mir den Pimmel wund.

Jawohl, ich bin ein Schreiber!
Der Wirt gibt mir ein Freibier aus,
mich fährt ein fetter Bus nach Haus,
ich krieg die besten Weiber!

Emillie Ferris, People should smile more, 12. Januar 2009

Moni, Maus und Melanie: Emillie Ferris: People Should Smile More, 12. Januar 2009.

Written by Wolf

11. November 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, ~ Weheklag ~

Der Kalauer des Monats

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Partiten:

Paar Titten:

Die besten Titten der Welt

~~~\~~~~~~/~~~

Die etwas rüpel-nerdigere, dafür eindeutigere Version mit der vollständigen Musik:

Partiten:

Paar Titten:

TitsDie Bilder stammen von Ralf, der auch die Kamera gestiftet hat, und aus dem frühen Internet, das aus Funny Forwards bestand.
Das Tiny Desk Concert wurde von Hilary Hahn am 21. Oktober 2011 im Büro von NPR Music gegeben: Die Bourrée aus der Partita 3 und Siciliana aus der Sonate 1 von Bach, mit dem Hut auf dann noch ein Medley von Charles Ives und irischen Traditionals. Eine auch sonst empfehlenswerte Reihe.

Written by Wolf

2. November 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Barock, Ehestand & Buhlschaft

Fräulein Rosa Martin aus Nürnberg (18)

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——— E.T.A. Hoffmann: Meister Martin der Küfner und seine Gesellen
in: Die Serapionsbrüder, Zweiter Band, Vierter Abschnitt;
Erstdruck in Taschenbuch zum geselligen Vergnügen auf das Jahr 1819, Leipzig 1818:

Kaum eingetreten, rief Meister Martin mit lauter Stimme: Rosa — Rosa! — alsbald öffnete sich denn auch die Tür und Rosa, Meister Martins einzige Tochter, kam hineingegangen.

Möchtest Du, vielgeliebter Leser! in diesem Augenblick doch recht lebhaft Dich der Meisterwerke unseres großen Albrecht Dürers erinnern. Möchten Dir doch die herrlichen Jungfrauengestalten voll hoher Anmut, voll süßer Milde und Frömmigkeit, wie sie dort zu finden, recht lebendig aufgehen. Denk‘ an den edlen zarten Wuchs, an die schön gewölbte, lilienweiße Stirn, an das Inkarnat, das wie Rosenhauch die Wangen überfliegt, an die feinen kirschrot brennenden Lippen, an das in frommer Sehnsucht hinschauende Auge von dunkler Wimper halb verhängt, wie Mondesstrahl von düsterm Laube – denk‘ an das seidne Haar in zierlichen Flechten kunstreich aufgenestelt — denk‘ an alle Himmelsschönheit jener Jungfrauen und du schauest die holde Rosa. Wie vermöchte auch sonst der Erzähler Dir das liebe Himmelskind zu schildern? — Doch sei es erlaubt hier noch eines wackern jungen Künstlers zu gedenken, in dessen Brust ein leuchtender Strahl aus jener schönen alten Zeit gedrungen. Es ist der deutsche Maler Cornelius in Rom gemeint. — „Bin weder Fräulein noch schön!“ — So wie in Cornelius‘ Zeichnungen zu Goethes gewaltigem Faust Margarethe anzuschauen ist, als sie diese Worte spricht, so mochte auch wohl Rosa anzusehen sein, wenn sie in frommer züchtiger Scheu übermütigen Bewerbungen auszuweichen sich gedrungen fühlte.

Peter von Cornelius, Faust bietet Gretchen den Arm, 1811

Weder Fräulein noch schön: Peter von Cornelius, Faust bietet Gretchen den Arm, 1811,
gestochen 1816 von Ferdinand Ruscheweyh.

Written by Wolf

29. Juli 2013 at 14:37

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Romantik

Du hast mir mein Gerät verstellt und verschoben

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In unserer halbjährlich fortgesetzten Chronik des Verfalls hat Goethe als Stürmer und Dränger ein Gedicht verfasst, als Klassiker sinnstiftend verwendet und als Nachlassverwalter seiner selbst besprochen. Inhaltlich und biographisch ist deshalb die interessante Frage, was während des zweiten Aufenthalts in Rom geschah:

Eckermann, Montag, 6. April 1829:

„Ich kann das Gedicht nicht wieder loswerden,“ sagte ich, „es ist durchaus eigenartig und drückt die Unordnung so gut aus, die durch die Liebe in unser Leben gebracht wird.“

Dreimal von Goethe: An Cupido:

  1. Claudine von Villa Bella. Ein Singspiel, 1776, uraufgeführt 1795, Zweiter Aufzug;
  2. Italienische Reise, Zweiter Teil. Zweiter römischer Aufenthalt. Bericht. Rom, den 10. Januar [1788];
  3. Eckermann: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens, Sonntag, den 5. April 1829.

Rugantino sich begleitend [in Claudine von Villa Bella; dort nur 3. Strophe]

Cupido, loser, eigensinniger Knabe!
Du batst mich um Quartier auf einige Stunden.
Wie viele Tag‘ und Nächte bist du geblieben!
Und bist nun herrisch und Meister im Hause geworden.

Von meinem breiten Lager bin ich vertrieben;
Nun sitz ich an der Erde, Nächte gequälet.
Dein Mutwill schüret Flamm‘ auf Flamme des Herdes,
Verbrennet den Vorrat des Winters und senget mich Armen.

Du hast mir mein Gerät verstellt und verschoben.
Ich such‘, und bin wie blind und irre geworden;
Du lärmst so ungeschickt; ich fürchte, das Seelchen
Entflieht, um dir zu entfliehn, und räumet die Hütte.

Du lärmst so ungeschickt

Lärmen höchst geschickt: The Muffs: Outer Space aus: Happy Birthday to Me, 1997.
Das war live viel schöner als auf dem Studioalbum: Da kommt Kim Shattucks Urschrei am Schluss viel besser, und wenn sie die Gitarre an den Verstärker lehnt, ergibt die Rückkopplung ein eigenes Fade-out, das bis nach ihrem Abtritt dauert: verstellt und verschoben. Und außerdem in seiner klassischen Stringenz und Schlichtheit eins meiner ewigen Lieblingslieder:

Written by Wolf

6. Mai 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Klassik

Meines Schooßes Lippen

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Titelbild Schwester Monika 1815E.T.A. Hoffmann „zugeschrieben“ bedeutet, wahrscheinlich ist es nicht von ihm. Es ist 1815 anonym in Posen erschienen, wohin Hoffmann alte Beziehungen hatte, aber auch ohne Softpornos in der erotischen Auffassung von Fanny Hill (1749) genug Schreibaufträge. Ohne Hoffmann gegen eine Triebhaftigkeit zu verteidigen, für die er einem zu gut und hehr erscheint – der Mann war wie nahezu alle Romantiker einmal schwer in eine Vierzehnjährige verliebt –, ist das nicht sein Stil. Aber ihm wurden ja auch die Nachtwachen von Bonaventura zugeschrieben.

Schwester Monika gilt immer noch als apokrypher Geheimtipp, ist aber seit dem 20. Jahrhundert in einigen Ausgaben erhältlich, zuletzt auch als Kindle-Edition.

Zitiert wird nach der Bibliotheca Erotica et Curiosa bei Rogner & Bernhard 1970 in ursprünglicher Rechtschreibung.

Das eingeschobene Gedicht, eine übermütige lesbische Ferkelei, finde ich ganz hübsch. Ist doch Mai.

——— E.T.A. Hoffmann (zugeschrieben): Schwester Monika. Eine erotisch-psychisch physisch-philantropisch-philantropinische Urkunde des säkularisierten Klosters X. in S…,
editio princeps Kühn, Posen 1815:

Aurelie trat leise zu ihr hin, bückte sich, griff ihr unter die Kleider und entblößte sie bis an den Gürtel, ihr dann die Lenden voneinander ziehend und den geheimsten aller Reize betrachtend, erkennt sie an den hervorstehenden üppigen glühendrothen Lippen der Wollust, in der zarten und naiven Volanges keine Venus, die züchtig verbirgt, was sich verbergen läßt, sondern eine keusche Diana, die natürlich enthüllt, was die Natur an ihr nicht ins Verborgene zeichnete.

Noch weiter voneinander zog Lucilie ihre Lenden und fragte lächelnd: Nun, was bin ich? und riß Aurelien die aufgehobene Kleidung aus den Händen.

Ein Engel bist du, – rief entzückt Aurelie, eine Diana! – ein offenes Geheimnis der Natur – und küßte ihren Mund.

Lucilie lachte, schob Aurelie auf die Seite und sang und spielte:

Rasch, Geliebter! öffne meines Schooßes Lippen –
Eh‘ noch Sappho von Leucatens Klippen
Ihrem Phaon krampfhaft jetzt entgegenstöhnt –
Jede Lust der herbe Schmerz verhöhnt.

Frech zerreiß den Schleier meiner weißen Lenden;
Laß dich nicht von ihrem Glänze blenden.
Zwischen ihnen thronet Amors Lebenskraft,
Stirbt des Herzens blöde Leidenschaft.

Leg‘ die Kleidung mir auf den gebeugten Rücken,
Meinen bloßen Hintern zu erblicken,
Den selbst Venus schöner, fester nicht ausspannt,
Wenn ihn züchtigt Mavors harte Hand.

Gute Götter! o! laßt mich in Lust und Schmerzen,
Laßt mich sterben unter Amors Schmerzen –
Dir! Geliebter! weih‘ ich meinen Jungfraukranz!
Dir! Verhaßter, einen – Eselsschwanz!

Wir lachten Alle, und Aurelie führte mich zu Lucilie und deckte mich auf.

Was hältst du von diesem weiblichen Amor – fragte sie diese schäckernd und gab ihn ihr in die zarten Hände, indem sie Clementine winkte, uns zu verlassen. –

Lucilie errötete und manipulierte mein Glied unter ihrer hohlen Hand so ausnehmend reizend, daß es sich zwischen ihren Fingern durchdrängte und seinen Balsam über ihre Lebenslinie ausgoß –

Schwester: Titelbild 1815.

Written by Wolf

1. Mai 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Romantik

Blumenstück 001: Streckvers bei Nacht

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Das NDL-Latein zuerst, damit wir’s hinter uns haben:

——— Hermann Meyer: Jean Pauls „Flegeljahre“. Äther der Einbildung und Entzauberung.
Erstdruck in Benno von Wiese (Hg.): Der deutsche Roman vom Barock bis zur Gegenwart, Band 1, 1963, Seite 210 bis 251:

Eine noch barockere Steigerung finden wir in Walts Gesang an Wina, der den Schluß des Kapitels „Träume aus Träumen“ bildet und zu Jean Pauls bekanntesten und am meisten vertonten Polymetern gehört. […] Während die drei ersten schmachtenden Wünsche noch im Bereich der normalen lyrischen Bildlichkeit bleiben, wird in den beiden letzten Wünschen die Bildlichkeit ins völlig Unvorstellbare gesteigert. Als Ausdruck höchster lyrischer Ekstase wird man dies immerhin willig hinnehmen. Der Schlußsatz des Kapitels überbietet dann aber noch diese Unvorstellbarkeit durch Hinzufügung einer neuen Dimension: der Wunsch, Winas Traum zu sein, wird zum möglichen Inhalt von Walts Traum gemacht. […] Auch der willigste Leser wird diese überschwengliche Potenzierung kaum nachvollziehen können und wird sich fragen, ob sie nicht letztlich bloß verbaler Art sei.

O ja: Ob nicht die ganzen Romane vom Barock bis zur Gegenwart samt ihren Interpretationen nicht letztlich bloß verbaler Art sind? Alle Arten von Ekstasen habe ich immer willig hingenommen, deshalb lerne ich als überschwengliche Potenzierung: Holla, die Polymeter von Jen Paul sind vertont, gar mehrfach?

YouTube, das auch sonst seiner Ausrichtung zur Quelle von Ärgernis mehr als von Information täglich näher kommt, gibt natürlich in dieser Richtung wieder nichts her; recht so: Musikhören ist das neue Rauchen. Hören wir also in die drei ersten schmachtenden Wünsche samt völlig unvorstellbaren Bildlichkeiten ins Original rein:

——— Jean Paul: Nro. 36: Kompaßmuschel. Träume aus Träumen
in: Flegeljahre, Drittes Bändchen, Schluss des Kapitels, 1804:

Er ging die Gasse herab, an Zablockis Haus. Alle Lichter waren ausgelöscht. Eine kernschwarze Wolke hing sich über das Dach, er hätte sie gern herabgerissen. Alles war so still, daß er die Wanduhren gehen hörte. Der Mond schüttete seinen fremden Tag in die Fenster des dritten Stockwerks. „O wär‘ ich ein Stern,“ – so sang es in ihm, und er hörte nur zu – „ich wollte ihr leuchten; – wär‘ ich eine Rose, ich wollte ihr blühen; – wär‘ ich ein Ton, ich dräng‘ in ihr Herz; – wär‘ ich die Liebe, die glücklichste, ich bliebe darin; – ja wär‘ ich nur der Traum, ich wollt‘ in ihren Schlummer ziehen und der Stern und die Rose und die Liebe und alles sein und gern verschwinden, wenn sie erwachte.“

Er ging nach Hause zum ernsten Schlaf und hoffte, daß ihm vielleicht träume, er sei der Traum.

Und dann immerhin noch ein Frühwerk — opus 2 — von Robert Schumann, das immerhin an die Flegeljahre — von Jean Paul, nicht Schumanns eigene — angelehnt ist: Papillons zum Mitlesen. Da sollten also auch alle Polymeter drin aufgegangen sein:

Schon klasse. Wenn ich Stanka nicht hätte, hinge das heute noch in meinem alten Skizzenheft fest.

Stankas Flegeljahre

Bild: Die bezaubernde Stanka featuring die respektgebietende Anne van der B.,
Nijmegen 2009/München 27. März 2013.

Written by Wolf

29. März 2013 at 00:01

Mille tre

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Beim Nachlesen in Büchern, die mehr als zweihundert Jahre alt sind, macht immer die Anakreontik den meisten Spaß: Schulhof-, Kneipen- und Altherrenwitze, da ist für alle Generationen was dabei, und alles mit kulturhistorischem Anspruch.

Mich frappiert unter der ganzen Fülle der Leporellos auf YouTube etwas, dass Leporello kaum je Leporellos benutzt. In der größten, schönsten, vielschichtigsten und seit 1787 erfolgreich durchgenudeltsten aller Opern musste man einem interessierten Publikum noch nicht erklären, wer dieser Anakreon überhaupt ist, die konnten wahrscheinlich sogar das richtige Gedicht hersagen.

——— Anakreon: XXXII. Auf seine Mädgens, ca. 550 vor Christus,
nach: Johann Nikolaus Götz (Hg.): Die Gedichte Anakreons und der Sappho Oden, Carlsruhe 1760:

Beata Rydén by Benjamin Benchan, A Song to Illuminate Humanity, 14. Januar 2012Kannstu in allen Wäldern
Der Bäume Blätter zehlen;
Kannstu die Zahl der Körner
Des Sandes am Meere finden;
Dann bistu auch im Stande,
Und du allein, die Menge
der Mädgens, die mich lieben,
Gehörig auszurechen.
Zum ersten setze zwanzig,
Die aus Athen gebürtig;
Hernach noch funfzehn andre.
Dann setze ganze Schaaren
Von Liebsten aus Korinthus,
Das in Achaja lieget;
Denn da sind schöne Mädgens.
Dann zehle mir die Mädgens
Aus Ionien und Lesbos,
Aus Karien und Rhodus,
Zum wenigsten zwey tausend.
Was! sprichstu, so viel Mädgens!
Die Mädgens aus Kanobus,
Aus Syrien, und Kreta,
Wo Amor in den Städten
Geheime Feste feyert,
Verschwieg ich noch mit Fleiße.
Wie wilstu meine Liebsten
Aus Indien und Baktra
Und die um Kadix zehlen?

Registerarie Madamina, il catalogo è questo: Ferruccio Furlanetto unter Herbert von Karajan, 1987;
A song to illuminate humanity: Beata Rydén aus Göteborg
von Benjamin Benchan aus Neuchâtel, 14. Januar 2012.

Written by Wolf

14. Februar 2013 at 00:01

Barfußläufte

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(Shakespeare im Freibad)

(Update zu Totensonntag:)

 

Ob man dazu Mariä Lichtmess, Darstellung des Herrn, Purificatio Mariae, Imbolg, Samhain oder Groundhog Day sagt, läuft aufs gleiche hinaus: Der letzte Tag der liturgischen Weihnachtszeit ist der erste offizielle Frühlingsbote. Mit so einfachen Mitteln wie einem Blick aus dem Fenster kann ab sofort Christ und Heid‘ feststellen, dass die Tage sichtbar länger als die Nächte geworden sind. Nun muss sich alles, alles wenden.

Zum Beispiel die zwei Mädchen, die zehn Schritt vor mir den Gehsteig nutzen. Zusammen sind sie ungefähr so alt wie ich alleine, dafür zwanzigmal schöner. Sie halten Händchen und begehen den Frühling. Unter ihren leichten Übergangsparkas weisen kniekurze Hängekleidchen unübersehbar auf ihr Schuhwerk:

Beide Mädchen tragen Flip-Flops. Anfang Februar.

Flip. Flop. Flip. Flop. Flip. Flop. Flip. Flop, macht es, jeweils zweistimmig, einen Achtelschlag versetzt. Es ist ein Ritual, die machen das bestimmt jedes Jahr, vielleicht für Mariä Lichtmess, Imbolg, Samhain oder Groundhog Day. Vorne zeigt die Fußgängerampel Rot: Flip. Flop. Flip. Flop. Flip.

Ich schließe auf: Beide haben sich die Zehennägel frisch lackiert, abwechselnd zweifarbig, mädchenrosa und ein frisches Frühlingsblau, die linke große Zehe rosa, die rechte blau, danach absteigend. Dahinter ziehen sich vier Paar dunkelgrüne Flip-Flop-Riemchen wie Rallyestreifen über die vier winterblassen Jungmädchenfüße. Wenn sie nebeneinanderstehen, ergibt das eine Farbenreihe, die auf dem Pflastergrau, von dem die Schneematschreste endlich weichen sollen, tatsächlich nach sprießenden Blümchen auf einer Frühlingswiese aussieht. Sie zeigen ihre aufgemöbelten Zehen stolz der Welt vor. Es hat etwas Siegessicheres.

~~~\~~~~~~~/~~~

Meine erste Freundin, fällt mir davon ein, hatte winzige, rundliche Füßchen. Damit bohrte sie beim Spielen im Sandkasten herum, bis sie wie paniert aussahen.

Drei Jahrzehnte später tat ich auf dem Grundschulklassentreffen so, als ob ich sie nicht erkannte. Nach Mitternacht fand sie heraus, wer ich war, und konnte mir fast ausreden, dass meine Eltern mit mir nur aus der Stadt gezogen waren, weil sie mich dauernd mit dem Bagger verdroschen hatte. Sie raubte mir einen Kuss. Er schmeckte nach dem Tod, der in der Bittermandel lauert. Ich hatte noch ihre panierten Kinderfüßchen vor Augen, auf denen sie Plastikwerkzeug für den Bau ihrer monumentalen Sandburgen um sich herum sortierte. Diese Nacht trug sie mörderspitze Peeptoes. Manche verstehen es nie. Sie bestellte noch Bittermandellikör.

Meine zweite Freundin musste von ihren Eltern beständig ermahnt werden, hier nicht dauernd barfuß rumzurennen, weil sie sich’s sonst auf der Blase holt. Allein in den fünf Minuten, die ich im Korridor auf sie wartete, ließ sie zweimal ihr genervtes „Nänänänänä“ vernehmen, mit dem sie alle Anweisungen ihrer Eltern zu kontern pflegte.

Zwei Sommer später traf ich sie mit zwei Punks, einem Schäferhund und mehreren Flaschen Bier vor der Lorenzkirche lümmelnd und schloss, dass sie Barfußgehen immer noch als Ausdruck der Rebellion begriff. Damals gab es gegenüber der Lorenzkirche noch den großen Schuhladen.

Die Haare, Kleider und Zehenschildchen meiner dritten Freundin waren nicht einfach schwarz. Die Haare, Kleider und Zehenschildchen meiner dritten Freundin waren vor Menschenaltern in einen Zustand des Lichts eingetreten, der sich beim Hinschauen wie ein Loch in der Nacht anfühlte und beim Drandenken im Hinterkopf dröhnte. Dafür ersparte der Schneewittchenschimmer ihrer Haut nachts das Leselicht.

Von ihr erfuhr ich, dass meine zweite Freundin gar nicht so unordentlich gewesen war, weil schwarzer Nagellack praktisch sofort nach dem Trocknen anfängt abzublättern, und dass dieser Effekt häufig sogar erwünscht ist. So viel verstand ich zur Not. Das runenartige Gekrakel, das sie sich mit einem eigens für diesen Zweck angeschafften Skalpell aus dem Ärztebedarf in beide Unterarme, Schenkel, Waden und Fußrücken ritzte, überforderte mich.

Meine vierte Freundin zog sich immer weiße Socken mit dünnen roten Ringeln in die Sandalen. Im Freibad kam sie immer im Bikini, aber noch in Socken und Sandalen aus der Umkleidekabine, um unseren Platz auf der Wiese zu suchen. Wegen der Fußpilzgefahr, wie sie vorgab.

Auf der ausgebreiteten Decke streifte sie ihre Socken mit verschämten Blicken, doch einer besonderen Feierlichkeit ab, schlang ohne Versäumnis, doch mit geübtem Schwung ihre entblößten Fersen als Sitzgelegenheit unter ihren spitzigen Hintern und kramte nach einem Buch, aus dem sie mir kniend vorlas. Einmal war es der ganze Shakespeare in einem Band.

Gegen ihren peinlich berührten Widerstand fand ich heraus, dass ihre zweiten Zehen genauso lang waren wie ihre großen Zehen. Ich fand, das sah irgendwie erwachsen aus, sie fand es hässlich — eine abscheuliche Entstellung ihres jugendlichen Körpers, gegen die sie mit aller Kosmetik und plastischen Chirurgie ein Leben lang machtlos bleiben musste. Sie war noch nicht in ihre Füße hineingewachsen.

Danach bekam ich eine Brille und achtete in der Folge sehr viel mehr auf Mädchen. Allerdings bekam ich nur noch Freundinnen, die ebenfalls Brille trugen. Das hat den Vorteil, dass zwei Brillen stark beim Küssen stören. Wenn man über vier Brillengläser voller Nasentapser nicht lachen kann, hält die Beziehung keine zehn Minuten. So kam ich immer mit jungen Damen zusammen, denen das Lachen locker in Mundwinkeln und Wangen saß. Und das, lassen Sie sich gesagt sein, ist ein Aspekt, der einem Kerl, der sehenden Auges der Philosophischen Fakultät zustrebt, das Leben noch sehr erleichtern wird.

Meine fünfte Freundin machte sich genau daraus geradezu einen Sport. Ich bockte sie auf einen Sandsteinsockel unterhalb der Nürnberger Burg und ließ sie stundenlang meine Brille blindküssen. Leider endete ihr Körpergefühl unterhalb des Kruzifixums an ihrer Halskette. Bis heute glaube ich fest, dass sie die Worte „barfuß“ und „Zehen“ nicht aussprechen konnte; ein verbreiteter Sprachfehler. Es hielt nicht lange.

Meine sechste Freundin war eine reine Brieffreundschaft. Sie besaß ein Buch über das Zehenlesen und schickte mir deshalb immerzu filmeweise Portraitaufnahmen von ihren Füßen in allen Perspektiven und Lebenslagen, die charaktervollsten auf 13×18, drei gar nicht mal so schlecht ausgeleuchtete auf 30×45.

Zehenleserei, lernte ich von ihr, ist so seriös und so hanebüchen wie Handlesen oder Astrologie auch, funktioniert mit einem Minimum an Menschenkenntnis einwandfrei anhand von Bildern und ist unschlagbar, wenn man mal auf einer Hochzeitsfeier mit lauter Fremden von horoskopgläubigen, aber wenigstens barfüßigen Frauen umringt sein will (das war ein Tipp, Jungs!).

Als wir zum ersten Mal telefonierten, um uns auf halbem Reiseweg in einem verschwiegenen Provinzgasthof zu verabreden, war sie über meinen fränkischen Zungenschlag mindestens so entsetzt wie ich über ihren sächsischen. Noch am Telefon suchten wir um die Wette nach einem Vorwand, voreinander zu fliehen, und nahmen einen verhuschten Abschied.

Ich fand es sinnig, den Stapel mit ihren knubbelzehigen Selbstportraits in einem Schuhkarton zu horten. Er wurde voll und wog ungefähr fünf einbändige Shakespeares. Vor meinem nächsten Umzug setzte ich ihn in der Stadtbücherei aus. Zweifellos benutzt ihn heute halb Nürnberg als Lesezeichen.

Ab meiner siebten Freundin war nicht länger zu verhindern, dass es ernsthaft ans Sexuelle ging. Außer über einen karottenroten Wuschelschopf verfügte sie über große, fröhliche Flitschflatschfüße mit den ausdrucksvollsten Zehen der Welt. Damit konnte sie so vergnügte und so verdrossene Mienen schneiden wie mit den Augenbrauen. Ausdauernd und taktfest konnte sie damit zur Musik schnipsen und Bücher umblättern; Dünndruckpapier! Auf meine Frage, ob sie damit auch Flieger falten und Zigaretten drehen konnte, musste sie ungelogen erst nachdenken.

Nie kapiert hab ich, woher sie stammte. Sie legte offenkundig auch keinen Wert darauf, es muss aber westlich der Sonne und östlich vom Mond gewesen sein, irgendwo nördlich von Oslo jedenfalls, aus dem Skandinavischen, in der Gegend von Thule. Sie stellte es als eine Art Elfenreich dar. Deshalb hatte sie sich etliche deutsche Lieblingswörter zugelegt, verwendete etwa die Wörter „barfuß“ und „meine Zehen“ auffallend gerne, wobei sie mit den Lippen den Verlauf der Vokale besonders sorgfältig formte. Meist hob sie dazu andeutungsweise einen Fuß, um an der realen Entsprechung vorzuweisen, wovon sie sprach.

„Ich kann dir doch nicht gleichzeitig in die Augen und auf die Füße schauen“, bedauerte ich.

Language, Süßi!“

„Auf deine Zeeeeehen.“

„Na bitte, du kannst es ja. Auf mich musst du besser aufpassen, ich bin für die ganze Welt baaaaarfuuuuuß.“ Mit betont offenem a, auf das sie ein entgegengesetzt dunkles u folgen ließ. Dann kumpelte sie mich auf die Schulter und lachte sich kaputt.

In der Kneipe nahm sie gern die Bank unter den Fenstern in Anspruch, wo sie ihre Beine zikadenartig um sich herum verteilte. Das war Teil ihrer Körpersprache. Die Bedienungen unseres Vertrauens wussten davon und duldeten es nachsichtig, die besten unter ihnen sogar ein bisschen neidisch.

Eines Abends versuchte sie dort, weil sie eben günstig saß, nacheinander mit beiden Füßen, den Satz A girl without freckles is like a night without stars in ihre A4-Chinakladde zu schreiben. Daran scheiterte sie nur, weil ihre Füllfeder nach einigem ruppigen Gehüpfe auf dem Wege hierher kleckste. Seitdem erzählte sie überall herum, sie sei linkshändig, aber rechtsfüßig.

Allein deswegen missriet ihr die beidfüßige Tätigkeit des Zigarettendrehens. Weil sie sich das nicht bieten ließ, fing sie unter dem Tisch an, sich umständlich aus den allzu engen, ihren Beinradius einschränkenden Jeans zu winden. Überraschend wirkte sie in burschikosen Boxershorts und einem Träger-Top, das ihr rothaartypisches Augengrün wiederholte, viel selbstverständlicher angezogen als zuvor. So gelang ihr immerhin mit entspannter Grandezza, mit den Zehen die fertige Zigarette zu rauchen.

Den Satz mit den girls ohne freckles schrieb sie dann in englisch-humanistischer Kalligraphie mit der Hand. Mit der linken, den rechten Fuß mit der Zigarette versonnen an die Tischkante gestützt.

„Mein Liebchen?“

„Mein Wolf.“

„Kannst du denn auch mit den an deiner Unterseite so sinnreich und gelenkig angebrachten Rosenzehen aus deinem Bierglas trinken?“

„Nicht doch, mein großer kluger Wolf. Wir wollen der guten Gottesgabe nicht vergeuden und über Tische, Bänke und Chinakladden vergießen, sondern nächste Woche, so Gott will, wieder zur Stelle willkommen sein und bei der flinken Margit des neuen Bieres bestellen, um eines frischen Rausches zu genießen.“

„Genießen statt vergießen.“

„Wie du das immer so schön sagen kannst!“

„Und doch, mein Liebchen, beliebst du zu schummeln.“

„Wobei denn nur, mein Wolf?“

„Zikaden sind weder mehrhändig noch multitasking.“

„Mein großer, kluger, belesener, eloquenter, aufmerksamer und gutaussehender Wolf!“

„Scherze nicht, mein Liebchen. Rothaarig sind sie schon gleich gar nicht.“

„Aber baaaaarfuuuuuß …“, behielt sie Recht. Stillvergnügt kalligraphierte sie vor sich hin, indem sie zuzeiten an der Zigarette zwischen ihren Zehen zog. Mit dem rechten kleinen Finger abzuaschen hatte sie schnell raus. Die ganze Kneipe einschließlich der Bedienung schaute ihr fast überhaupt nicht zu und verliebte sich heillos in sie.

Erst als ich meine Beobachtung, dass sie alle Zehen spreizen konnte außer den Nummern zwei und drei links, eher beiläufig, ganz sicher aber absichtslos äußerte, sah ich etwas in ihr einrasten. Umgehend befahl sie mir auszutrinken und schob mich am Hintern bis zu sich nach Hause ins Schlafzimmer. Hinter uns hörte ich in unserem Gleichschritt den ganzen Weg bis auf den Schlafzimmerteppich ihre großzügig offenen Birkenstocklatschen mit viel Platz für zwei Fünfersätze Zehen erwartungsvoll an ihre Sohlen flatschen. Die Jeans trug ich ihr um den Hals geknotet vorneweg.

Sie war mir zwei Lebensjahre voraus, darum geriet meine Entjungferung zur gründlichsten Entjungferung in der Geschichte der Entjungferungen.

Nach einer aufreibenden 18-Stunden-Übung, die sämtliche bekannten Indoor-Disziplinen sowie einige bis dahin unbekannte einschloss, klingelte es. Vor der Wohnungstür stand ein junger, zerknittert dreinschauender Mann aufgebaut, der sich zurechtgelegt hatte:

„Ey, Alder. Das geht nicht. Echt nicht.“

Da hörte ich hinter mir die Freundin lustig zwitschern: „Hi, Herr Nachbar!“, worauf der etwas wie „Also leiser bitte“ nuschelte und eilig im Treppenhaus verschwand.

Als ich mich umdrehte, trug das Liebchen nichts als ein Handtuch um die Brüste geschlungen, das noch über der Taille endete. Sie feixte breit über ihre postkoital kirschroten Wangen und schnitt jubelnde Grimassen mit den Zehen:

„Das war leicht!“ und zerrte mich mit zwei Fingern im Hosengummi zurück ins Bett, weitertrainieren.

Von ihr bleibt mir die Erinnerung, wie sie mir nach dem Schlussmachen gegenüberstand und aufpasste, dass ihr die Grünaugen nicht überliefen. Sie knöpfte mir die Jacke zu, ruckelte mir die Mütze zurecht und musste nicht, wie die meisten Frauen, auf Zehenspitzen ein Stück an mir hochkrabbeln, sondern konnte mich aus ebenbürtiger Körperhöhe ein letztes Mal auf den Mund schmatzen. Sie trug, wie ich wusste, selbst gestrickte Wollsocken in Schnürschuhen mit Profil.

Meine achte Freundin riss sich einmal auf einer Bergtour unangekündigt die Wanderschuhe von den Füßen, stopfte die Socken hinein, rannte barfuß vor mir her die Kuhweide hinab und ließ sich an den unten plätschernden Gebirgsbach fallen, um sich die müde gequetschten Zehen zu kühlen. Hinterher hatten sie die Farbe zarter Rosenblätter.

Barbeinig in reißendem Gebirgswasser umherwatend erzählte ich zu ihr hinauf, dass ein Mädchen auch in Wanderstiefeln barfuß sein kann, nämlich als nicht akut körperlicher, sondern als grundsätzlich geistiger Zustand, in ähnlicher Weise, wie eine Frau über 18 ein Mädchen sein kann, und dass beides nichts Verwerfliches, vielmehr etwas Erstrebenswertes ist, und sie verstand es. Und vor allem verstand sie es als Kompliment. Zu Hause getattete sie mir, ihr die Zehennägel in einem Mitternachtsblau zu lackieren, wie nur große, freigeistige Mädchen es tragen dürfen.

Wir schaufelten uns zwei weitere Urlaubswochen frei, um einander täglich dreimal beizuschlafen. Den Körperkontakt, den sie mit Lippen, Händen, Brüsten, Scham und Zehenballen auf mir herstellte, verwendete sie als leistungsfähigen Weg der Kommunikation, auf dem ich lernte, wie wesentlich der weibliche Höhepunkt durch ein untergeschobenes Kopfkissen und kreisende Hüftbewegung an Frequenz und Lautstärke zunimmt.

Ihre Augenfarbe wechselte mit ihrer Tageslaune zwischen Grau und Blau und bildete damit zuverlässig die Farbe des Himmels über München ab. Die Strümpfe, die ich ihr schenkte, konnte sie nicht tragen, weil ihre Zehen daraus betrübt wie gefangene Bachforellen hervorguckten — worauf man angesichts der korrekten Bezeichnung Fishnets hätte kommen können. „Das mein ich mit barfuß in Wanderstiefeln“, erklärte ich; schon atemlos beschied sie mir ihr Verständnis durch eine Einheit Beckenbodengymnastik.

Im Gegensatz zu mir besaß sie eine Bohrmaschine, die sie Ladybosch nannte. Sie konnte besser zeichnen als ich. Sie lehnte Brillen ab. Sie konnte sich nie entscheiden, ob im Wort „barfuß“ das r als eigener Laut mitgesprochen oder nur als Länge im a erscheinen soll, jedoch reichte ihr phonetisches Problembewusstsein aus, um es mir gegenüber zu thematisieren. Ich heiratete sie.

~~~\~~~~~~~/~~~

Flip. Flop. Flip. Flop, machen die zwei Mädchen wieder, mit bunt in die Welt blinzelnden Zehen, Hand in Hand, versonnen, stolz und siegessicher: Die Ampel hat auf Grün geschaltet. Logisch, ist ja jetzt Frühling.

„Schaun’S es Eahna oo, de zwoa junga Ganserl“, plaudert mich von der Seite eine Frau im rentnerbeigen Anorak an, mit rechtschaffenem Kopfschütteln, kriegt aber den richtig missbilligenden Münchner Grantelton nicht hin: „De holn si’s doch auf der Blosn, de zwoa.“

Schade, dass ich schon abbiegen muss, weil ich ein Meeting mit meiner achten Freundin am Küchentisch hab, sonst wäre ich möglicherweise schlagfertiger als: „Ja mei, gell, Lichtmess halt.“

Soundtrack: Ray Collins‘ Hot-Club: Barefoot, aus: Teenage Dance Party/Tohuwabohu, 2006 [sic!],
bekannt über Til Schweiger, 2005.

Written by Wolf

2. Februar 2013 at 00:01

Und traurig in der Mitten die schöne Lore Lay

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——— Clemens Brentano: Lore Lay, Druckfassung.
Aus: Godwi oder Das steinerne Bild der Mutter. Ein verwilderter Roman von Maria.
2 Bde. Bremen: Friedrich WIlmans, 1801 bis 1802.
Zweyter Theil: Fragmentarische Fortsetzung, Sechs und dreißigstes Kapitel, 1801;
Lesung: Johanna Wokalek in: Nachtwache, 2012:

Dies ist meine ganze Seemacht, ich wollte sie mit meinem politischen Glauben bekannt machen, auf der Insel wird sich es aufweisen: – damit Sie sich aber zuerst etwas abhärten. wollen wir einmal um den Teich fahren. Violette singe ein Liedchen! –

Violette sang folgendes Lied: –

Zu Bacharach am Rheine
Wohnt eine Zauberin,
Sie war so schön und feine
Und riß viel Herzen hin.

Und brachte viel zu schanden
Der Männer rings umher,
Aus ihren Liebesbanden
War keine Rettung mehr.

Der Bischoff ließ sie laden
Vor geistliche Gewalt –
Und mußte sie begnaden,
So schön war ihr‘ Gestalt.

Er sprach zu ihr gerühret:
„Du arme Lore Lay!
Wer hat dich denn verführet
Zu böser Zauberei?“

„Herr Bischoff laßt mich sterben,
Ich bin des Lebens müd,
Weil jeder muß verderben,
Der meine Augen sieht.

Die Augen sind zwei Flammen,
Mein Arm ein Zauberstab –
O legt mich in die Flammen!
O brechet mir den Stab!“

„Ich kann dich nicht verdammen,
Bis du mir erst bekennt,
Warum in diesen Flammen
Mein eigen Herz schon brennt.

Den Stab kann ich nicht brechen,
Du schöne Lore Lay!
Ich müßte dann zerbrechen
Mein eigen Herz entzwei.“

„Herr Bischoff mit mir Armen
Treibt nicht so bösen Spott,
Und bittet um Erbarmen,
Für mich den lieben Gott.

Ich darf nicht länger leben,
Ich liebe keinen mehr –
Den Tod sollt Ihr mir geben,
Drum kam ich zu Euch her. –

Mein Schatz hat mich betrogen,
Hat sich von mir gewandt,
Ist fort von hier gezogen,
Fort in ein fremdes Land.

Die Augen sanft und wilde,
Die Wangen roth und weiß,
Die Worte still und milde
Das ist mein Zauberkreis.

Ich selbst muß drinn verderben,
Das Herz thut mir so weh,
Vor Schmerzen möcht ich sterben,
Wenn ich mein Bildniß seh.

Drum laßt mein Recht mich finden,
Mich sterben, wie ein Christ,
Denn alles muß verschwinden,
Weil er nicht bey mir ist.“

Drei Ritter läßt er holen:
„Bringt sie ins Kloster hin,
Geh Lore! – Gott befohlen
Sei dein berückter Sinn.

Du sollst ein Nönnchen werden,
Ein Nönnchen schwarz und weiß,
Bereite dich auf Erden
Zu deines Todes Reis‘.“

Zum Kloster sie nun ritten,
Die Ritter alle drei,
Und traurig in der Mitten
Die schöne Lore Lay.

„O Ritter laßt mich gehen,
Auf diesen Felsen groß,
Ich will noch einmal sehen
Nach meines Lieben Schloß.

Ich will noch einmal sehen
Wol in den tiefen Rhein,
Und dann ins Kloster gehen
Und Gottes Jungfrau seyn.“

Der Felsen ist so jähe,
So steil ist seine Wand,
Doch klimmt sie in die Höhe,
Bis daß sie oben stand.

Es binden die drei Ritter,
Die Rosse unten an,
Und klettern immer weiter,
Zum Felsen auch hinan.

Die Jungfrau sprach: „da gehet
Ein Schifflein auf dem Rhein,
Der in dem Schifflein stehet,
Der soll mein Liebster seyn.

Mein Herz wird mir so munter,
Er muß mein Liebster seyn! –“
Da lehnt sie sich hinunter
Und stürzet in den Rhein.

Die Ritter mußten sterben,
Sie konnten nicht hinab,
Sie mußten all verderben,
Ohn Priester und ohn Grab.

Wer hat dies Lied gesungen?
Ein Schiffer auf dem Rhein,
Und immer hats geklungen
Von dem drei Ritterstein: *)

            Lore Lay
            Lore Lay
            Lore Lay

Als wären es meiner drei.

Als wir an der Insel ausgestiegen waren, sagte die Gräfin:

Der Kahn ist so schlecht, aber ich liebe ihn und mag keinen andern, ich bin oft recht vergnügt auf ihm gefahren.

*) Bei Bacharach steht dieser Felsen, Lore Lay genannt, alle vorbeifahrende Schiffer rufen ihn an, und freuen sich des vielfachen Echo’s.

Quinn by Fox Harvard, 7. April 2012

Ein Nönnchen schwarz und weiß: Fox Harvard: Quinn, 7. April 2012.

Written by Wolf

13. Januar 2013 at 00:01

Willkomm und dervoo

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——— Johann Wolfgang Goethe:

Willkommen und Abschied

Fassung 1771. Sesenheimer Lied an Friederike Brion,
aus: Johann Georg Jacobi (Hg.):
Iris. Vierteljahresschrift für Frauenzimmer, Zweyter Band, 1775:

Mir schlug das Herz; geschwind zu Pferde,
Und fort, wild, wie ein Held zur Schlacht!
Der Abend wiegte schon die Erde,
Und an den Bergen hieng die Nacht
Schon stund im Nebelkleid die Eiche,
Ein aufgethürmter Riese, da,
Wo Finsterniß aus dem Gesträuche
Mit hundert schwarzen Augen sah.

Der Mond von seinem Wolkenhügel,
Schien kläglich aus dem Duft hervor;
Die Winde schwangen leise Flügel,
Umsausten schauerlich mein Ohr;
Die Nacht schuf tausend Ungeheuer –
Doch tausendfacher war mein Muth:;
Mein Geist war ein verzehrend Feuer,
Mein ganzes Herz zerfloß in Gluth.

Ich sah dich, und die milde Freude
Floß aus dem süßen Blick auf mich.
Ganz war mein Herz an deiner Seite,
Und ieder Athemzug für dich.
Ein rosenfarbes Frühlings Wetter
Lag auf dem lieblichen Gesicht,
Und Zärtlichkeit für mich, ihr Götter!
Ich hoft’ es, ich verdient’ es nicht.

Der Abschied, wie bedrängt, wie trübe!
Aus deinen Blicken sprach dein Herz.
In deinen Küßen, welche Liebe,
O welche Wonne, welcher Schmerz!
Du giengst, ich stund, und sah zur Erden,
Und sah dir nach mit naßem Blick;
Und doch, welch Glück! geliebt zu werden,
Und lieben, Götter, welch ein Glück!

——— Helmut Haberkamm:

In der Frieh auf un dervoo

nooch Goethe.
Aischgründer Fränkisch aus: Frankn lichd nedd am Meer, 1992:

Mei Herz hadd bumberd, wi der Blitz
Binni aufs Mobbed un fodd mid Karacho.
In di Wälder woor nu di Nachd gleeng
Obber es hadd scho dämmerd drundn im Grund;
In Neebl woor is Dransfermooderhaisla gstanna
Un in Nachbern sei Miesdbraader derneem;
Katzn sin gloffn, di Zeidung hemms ausdroong
Un an Himml hemm hunnerd Sternle gleichd.

Der Mond hadd gschaud wia rahmier Schepfer
Hinder di Wolgn, di zoong sinn wi di Heiballn;
A gscheider daamischer Wind is der ganga
Daß pfiffn un kaald hadd under meim Helm;
Di Nachd hadd dausnd Strasserpfosdn brachd
Grusli glänzd hemms, daß mi kuscherd hadd;
Im meim Kopf woor nu a gscheida Hitzn
mei Herz hadd bumberd un brennd wi laaferds Waggs.

Iech hobb di widder vor mer steh sehng
Wia Achhernla hobbermi gfreid un zerlusdierd;
Ganzergoor binni an deiner Seidn gweesn
Jeeder Schnaufer, jeeder Zugger woor ganz fier diech;
Wia Reesla, wia Heesla, so linni, so greemi
Grood so woor heid nachd dei ganz Gsichd;
Zammgleeng woormer, warm un zabblerd
Koffd hemmer, driggd un gschnaufd un drungn.

Un nacherd in der Frieh Addee gsochd un ganga
Di Leid sin grood fodd auf di Doochschichd zum Bus;
Schee gschmeggd hadd dei Kuß, waach wi der Glee;
Gschaud hammer, grinsd un vo weid wech nu gwungn;
Is Mobbed hobbi foddgschoom un na oogschmissn
In Helm drieber geechern Wind un geecher di Nässn.
Es is scho schee, wemmer mid an Maadla geh dudd
Bloß is Mobbed hadd sei Muggn, wenns a Nachd lang stehd.

Marina Refur, The Blind Cyclist in Need of Direction, 21. August 2011

Mobbed mid Muggn: Marina „Red Redhead“ Refur: The Blind Cyclist in Need of Direction, 21. August 2011.

Written by Wolf

1. Januar 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Sturm & Drang

Schlachtens

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200 Jahre Grimms Märchen.

Liebe Bettine, dieses Buch kehrt abermals bei Ihnen ein, wie eine ausgeflogene Taube die Heimat wieder sucht und sich da friedlich sonnt. Vor fünf und zwanzig Jahren hat es Ihnen Arnim zuerst, grün eingebunden mit goldenem Schnitt, unter die Weihnachtsgeschenke gelegt.

lille.ja, childlike, 14. Mai 2012Ich weiß nichts mehr über Bettina. Bettina kannte ich einst aus dem Internet, aber es gab sie, und wünschen will ich ihr, dass es sie noch gibt. Bettina und ich hatten jeder für sich angefangen, kurze Geschichten und Gedichte, die wir für Literatur hielten, im Internet abzuladen. Zu unserem Abladeplatz musste man von einer Redaktion vorgelassen werden, und man konnte „Lesenswertpunkte“ von all den anderen Schreibern bekommen, dadurch wirkte unser Forum nicht ganz so schrottig wie allfälliger Speicherplatz, der beliebig gute oder schlechte Buchstabenhaufen zuließ. Das war, bevor jeder einen Weblog hatte, aber schon nachdem man sich mit einer Homepage lächerlich machte.

Bettina kommentierte meine Geschichten und Gedichte wohlwollend und geizte nicht mit ihren Lesenswertpunkten, da wollte ich umgekehrt auch nicht so sein und wurde ihr Leser. Einmal schrieb sie mir in einer privaten Botschaft etwas über die Schule. „Wie alt bist du eigentlich?“ fragte ich in einer plötzlichen Ahnung, „siebzehn oder was?“ Bettina schrieb zurücK: „Dreizehn.“

Lesenswertpunkte sind eine körperlose Währung, die für nichts gut ist, die man sich mühsam verdienen muss, für die man nichts bekommt, und die einen deshalb ständig unbefriedigt lässt. Anders gesagt: Lesenswertpunkte machen süchtig. In dieser Zeit kam ich jeden Tag nur schwer vom Internet los und spät ins Bett. Immerhin war meine Frau da noch bereit, mich mit ihren Mitteln ins Bett zu locken. Unsere besten Unterhaltungen führten wir, während wir uns liebten. Auf ihr liegend machte ich mir einen Sport daraus, ihr einen unserer süßen Beschleuniger ins Ohr zu flüstern, damit ihre Stimme, noch während sie Antwort hab, vor Lust brach.

Ich fing an, solcherlei Intimitäten ins Internet zu schreiben, das hagelte Lesenswertpunkte. Bettina fand es lustig und fragte mich in privaten Botschaften nach den Details, die ich öffentlich aus dramaturgischen Erwägungen verschwieg. Bettina war der Teil meines Publikums, der sich zeigte. Meine Geschichten mussten für Minderjährige geeignet bleiben, ich schrieb sie für Bettina zurecht. Meine Frau, deren Stimme mehrmals in der Woche vor Lust brach, wusste davon nichts.

Wir wünschten uns eine Tochter, deshalb vereinbarten wir still, uns möglichst jeden Tag zu lieben. Unser Hunger aufeinander wuchs damals noch jeden Tag frisch nach, es war nur eine leicht zu beantwortende Frage der Organisation, gleichzeitig ins Bett zu kommen und übereinander herzufallen. Meiner Frau überließ ich, mich vom Computer wegzulotsen. Indessen wurde Bettina für mich zu der Tochter, die wir nicht hatten.

Bettina schrieb ihrerseits düstere Geschichten vom Tod — nicht die übliche Pubertätsdüsternis, die sich als Gedicht ausgibt, gerne mit „Gedanken“, „Nacht“, „November“ oder „Novembernachtgedanken“ überschrieben und offenbar mit jeder nachwachsenden Generation neu erfunden wird. An Bettinas Geschichten war etwas anders, sie war richtig gut: Sie jammerte nicht pubertär über ihren Schmerz, sie schrieb über Menschen, die sich weh taten, da kannte sich jemand damit aus. Eine ihrer Figuren lehnte es ab, Kleider mit kurzen Ärmeln zu tragen, um ihre Unterarme zu verbergen. Wer Augen hatte zu sehen, erkannte: Bettina ritzte.

Sie stritt es nicht ab, wich nur direkten Nachfragen aus. Vielmehr handelte ihre folgende Geschichte von einem sechsjährigen Mädchen, das vergnügt und nackt in ihrem Garten herumhüpfte, wonach sie von einem der Familie nahestehenden ältlichen Onkel im Schritt begrapscht wurde. In ihrer übernächsten Geschichte wurde das vermutlich selbe Mädchen hinter dem Geräteschuppen bei grellem Sonnenschein vom selben Onkel aufgefordert, sich nackt auszuziehen, auf einen verrotteten Leiterwagen gesetzt und zwischen kitzelnden Grashalmen und schillernden, auf ihrem Körper herumsurrenden Fleischfliegen entjungfert.

Die Geschichte war gut: gnadenlos knappe, karge Sätze ohne Adjektive, kommentarlose Dialogfetzen, kein Wort zuviel. „Vor sieben Jahren, als du sechs warst“, schrieb ich an Bettina, „da bist du sexuell missbraucht worden, hab ich recht?“ Bettina schrieb zurück: „Glaub mir, ich hab mich mit Pädophilen beschäftigt. Wie sie so drauf sind, wie sie reden, was sie tun, wenn sie nicht gerade ficken. Und ich kann dir sicher sagen: Du bist keiner.“

Das Beruhigende war: Bettina mochte mich. Dennoch schlug mir das Gewissen, mit einer sexuell erfahrenen Dreizehnjährigen so regelmäßig umzugehen wie mit meiner Frau. Ich hatte angefangen, an Bettina zu denken, während wir lustvoll an unserer Tochter arbeiteten. Eines Abends lagen wir gleichzeitig im Bett und fielen nicht übereinander her.

„Was ist?“ fragte meine Frau. Ihr Körper war nackt und einladend. Mein Körper war nackt und verletzlich.

„Ich hab ein Mädchen kennen gelernt. Im Internet.“

Meine Frau nickte ernst und zog sich die Bettdecke über den Schoß.

„Nicht was du denkst.“

„Was denke ich denn?“

„Da ist nichts zwischen uns.“

„Du unterhältst dich fast jeden Abend mit ihr, ja? Bevor du mit mir schläfst.“

„Ja“, sagte ich, um nicht auch noch offen zu lügen.

„Name? Wie alt?“

„Bettina. Dreizehn.“

Sie zuckte fast unmerklich und schwieg.

„Da ist nichts zwischen uns.“

„Hast du schon gesagt.“

„Mit sechs Jahren sexuell missbraucht worden.“

„Ach? Und du bist ihr Retter oder das Jugendamt?“

„Weder noch.“

„Richtig, du bist weder noch. Wie geht das jetzt weiter?“

Ich schwieg.

„Du bist dran. Sprich zu mir.“

Am nächsten Abend traf ich Bettina online. Ich schrieb ihr sofort: „Das wird mir zu heiß. Ich darf nicht mehr mit dir reden. Das geht nicht.“ Bettina schrieb zurück: „Mache ich dich heiß?“ Ich schrieb: „Lass das bitte.“

Ihre Kinder sind groß geworden und bedürfen der Märchen nicht mehr: Sie selbst haben schwerlich Veranlassung sie wieder zu lesen, aber die unversiegbare Jugend Ihres Herzens nimmt doch das Geschenk treuer Freundschaft und Liebe gerne von uns an.

Ich hörte auf, Geschichten und Gedichte in Foren mit pubertierenden Mädchen zu veröffentlichen, und bekam von niemandem mehr Lesenswertpunkte. So bekam ich Zeit und den Kopf frei für meine Frau. Als ich mit ihr schlief, stieß ich ihr bis auf den Grund. Sie kniff die Augen zusammen, riss den Mund auf, kippte den Kopf nach hinten und entließ einen langgezogenen Schrei nach dem anderen. Ich verströmte mich. Sie pumpte mit dem ganzen Becken den letzten Tropfen aus mir.

Danach packte sie mich an beiden Ohren und küsste mich tief in den Schlund. Danach strahlte sie mich mit glühenden Wangen an: „Heute hat’s funktioniert! Ich wette meine wundgerittene Gebärmutter!“

„Bloß nicht“, sagte ich, „die brauchen wir jetzt erst recht.“ Damit rutschte ich tiefer an ihr.

Wie damals, dachte ich, wie vor Bettina.

„Wie war das?“

Meine Frau packte mich erneut an den Ohren, diesmal um sie zwischen ihren Schenkeln zu entfernen.

„Ich hab nix gesagt“, sagte ich und spuckte ein gekräuseltes Haar aus.

„Nein — weil du den Mund voll hattest.“

Ich tat, was ich mir zurechtgelegt hatte, wenn ich Berge vor mir herzuwälzen hatte, und streunte durch Antiquariate. Diesmal trieb ich ein Exemplar des Rollwagenbüchleins auf.

Kann ich eine bessere Zeit wünschen um mit diesen Märchen mich wieder zu beschäftigen?

——— Georg Wickram: Das Rollwagenbüchlein. Ein neüws / vor vnerhörts Büchlein / dariñ vil guter schwenck vnd Historien begriffen werde / so man in schiffen vnd auff den wegen / deßgleichen in scherheuseren vnnd badstuben / zu langweiligen zeiten erzellen mag / die schweren Melancolischen gemüter damit zu ermünderen / vor aller menigklich Jungen vnd Alten sunder allen anstoß zu lesen vnd zu hören / Allen Kauffleüten so die Messen hin vnd wider brauchen / zu einer kurtzweil an tag bracht vnd zusamen gelesen durch
Jörg Wickrammen / Stattschreiber zu Burckhaim / Anno 1555.:
Wie Kinder Schlachtens mit einander gespielt haben, 1555:

I.

lille.ja, childlike, 14. Mai 2012In einer Stadt Franecker genannt, gelegen in Westfriesland, da ist es geschehen, daß junge Kinder, fünf- und sechsjährige, Mägdelein und Knaben mit einander spielten. Und sie ordneten ein Büblein an, das solle der Metzger seyn, ein anderes Büblein, das solle Koch seyn, und ein drittes Büblein, das solle eine Sau seyn. Ein Mägdlein, ordneten sie, solle Köchin seyn, wieder ein anderes, das solle Unterköchin seyn; und die Unterköchin solle in einem Geschirrlein das Blut von der Sau empfahen, daß man Würste könne machen. Der Metzger gerieth nun verabredetermaßen an das Büblein, das die Sau sollte seyn, riß es nieder und schnitt ihm mit einem Messerlein die Gurgel auf, und die Unterköchin empfing das Blut in ihrem Geschirrlein. Ein Rathsherr, der von ungefähr vorübergeht, sieht dies Elend: er nimmt von Stund an den Metzger mit sich und führt ihn in des Obersten Haus, welcher sogleich den ganzen Rath versammeln ließ. Sie saßen all’ über diesen Handel und wußten nicht, wie sie ihm thun sollten, denn sie sahen wohl, daß es kindlicher Weise geschehen war. Einer unter ihnen, ein alter weißer Mann, gab den Rath, der oberste Richter solle einen schönen rothen Apfel in eine Hand nehmen, in die andere einen rheinischen Gulden, solle das Kind zu sich rufen und beide Hände gleich gegen dasselbe ausstrecken: nehme es den Apfel, so soll es ledig erkannt werden, nehme es aber den Gulden, so solle man es tödten. Dem wird gefolgt, das Kind aber ergreift den Apfel lachend, wird also aller Strafe ledig erkannt.

Es war ein Auswahlband aus der Insel-Bücherei, sichtlich uralt, aber zum Frakturdruck passend — und zerfleddert, was mir gerade recht kam. Insel-Bücherei, das war für mich seit einem Artikel in der Titanic vor allem der Erscheinungsort, wo nicht die Erscheinungsform der Briefe an einen jungen Dichter von Rilke. Ansonsten war mir die Reihe immer zu schmal für ihren Preis. Das erinnerte mich an Bettina.

Ich loggte mich ein und schrieb ihr: „Kennst du die?“

„Kenn ich“, schrieb Bettina zurück, „kommen in Sister Act vor. Aber ich mag die Bücherreihe nicht. Zu dünn, zu teuer.“

Manchmal war sie mir unheimlich. „Was liest du denn grade?“

„Grimms Märchen. Ich bin die Gänsemagd, aber sowas von.“

„Die mit dem abgehauenen, an die Wand genagelten Pferdekopf, der sprechen kann?“

„Ja. Der immer das gleiche sagt.“

„Sieht dir ähnlich.“

„Der Pferdekopf?“

„Dass du dir das morbideste ausgesucht hast.“

„Ha, von wegen. Kennst du das mit dem Wacholderbaum?“

„Siehst du, das mein ich.“

„Ich hab gefickt“, schrieb sie unvermittelt.

„War das meine Frage?“

„Nein, das war meine Antwort. Oft. Ich hab jetzt einen Fickfreund. Wir machen es oft.“

Ich notierte mir geistig: Rhetorisch mehr von jungen Mädchen lernen.

„Und jetzt?“ fiel mir nur ein.

„Und jetzt? Bin ich keine Jungfrau mehr.“

„Warst du eigentlich noch nie.“

„Ich bin ein Kind, das weißt du doch.“

„O ja. Alle mir bekannten Kinder halten sich Fickfreunde.“

„Das hat nichts damit zu tun. Wo ich das erste Mal gefickt wurde, da war ich ganz bestimmt noch Kind.“

„Ich wünsch dir Glück mit deinem Freund.“

„Ich hab keinen Freund. Ich hab nur eine Fickbeziehung.“

„Respekt.“

„Sag nicht, was du nicht meinst. Das ist nichts zum Respekthaben. Dafür kommt man in die Hölle.“

„Quatsch Hölle. Wenn’s einvernehmlich ist, ist das höchstens illegal, aber nagel mich da jetzt juristisch nicht fest.“

„Willst du mich auch ficken?“

„Lass das bitte“, schrieb ich.

„Was ist dein Lieblingsmärchen?“ fragte sie dann.

Das kalte Herz.“

„Das ist kein Märchen. Das ist Wilhelm Hauff. Sag eins von den Grimms.“

„Soll ich jetzt Rotkäppchen sagen? Weil ich der Wolf bin und du ein pubertierendes Mädchen?“

„Nur wenn du’s so meinst. Rotkäppchen fänd ich aber billig.“

Allerleirauh, wo der König seine Tochter heiratet. Das Mädchen ohne Hände, das von ihrem Vater verschenkt und wehrlos gemacht wird.“

„Du sollst mich nicht verarschen. In echt jetzt.“

„Okay, Schneewittchen vielleicht. Aber dann wegen dem Zeichentrickfilm. Der erste abendfüllende von Disney, 1937.“

„Auch nicht viel toller als Rotkäppchen. Aber deine Begründung ist cool, wenigstens nicht: wo sie zu siebt über das Mädchen herfallen. Das glaub ich dir eher.“

„Es freut mich, dir zu genügen.“

„Was ist jetzt mit Ficken?“

Ich loggte mich aus.

II.

Kate Esmé, Breaking Childhood, 25. Januar 2011Einstmals hat ein Hausvater ein Schwein geschlachtet, das haben seine Kinder gesehen; als sie nun Nachmittag mit einander spielen wollen, hat das eine Kind zum andern gesagt: „du sollst das Schweinchen und ich der Metzger seyn;“ hat darauf ein bloß Messer genommen, und es seinem Brüderchen in den Hals gestoßen. Die Mutter, welche oben in der Stube saß und ihr jüngstes Kindlein in einem Zuber badete, hörte das Schreien ihres anderen Kindes, lief alsbald hinunter, und als sie sah, was vorgegangen, zog sie das Messer dem Kind aus dem Hals und stieß es im Zorn, dem andern Kind, welches der Metzger gewesen, ins Herz. Darauf lief sie alsbald nach der Stube und wollte sehen, was ihr Kind in dem Badezuber mache, aber es war unterdessen in dem Bad ertrunken; deßwegen dann die Frau so voller Angst ward, daß sie in Verzweifelung gerieth, sich von ihrem Gesinde nicht wollte trösten lassen, sondern sich selbst erhängte. Der Mann kam vom Felde und als er dies alles gesehen, hat er sich so betrübt, daß er kurz darauf gestorben ist.

Meine Frau und ich übten seit langem nicht mehr, eine Tochter zu bekommen. Wir lagen nebeneinander im Bett und lasen.

„Sag mal“, sagte sie.

„O je“, sagte ich.

„Hast du noch was mit deiner missbrauchten Minderjährigen?“

Ich schnaufte tief ein. „Also erstens …“

„Du weißt schon, wen ich meine.“

„Kurze Antwort: Nein.“

„Gut.“

Wir lasen weiter.

——— Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen, nur in der Erstauflage 1812, KHM 22a,
Anmerkungen im Anhang Band 1:

Zum Kinderschlachtspiel. No. 22.

Die erste Recension ist aus einem alten Buche in den Berliner Abendblättern von Kleist (1810. No. 39.) abgedruckt worden. Die zweite befindet sich in Martin Zeilers Miscell. Nürnberg 1661. S. 388. der sie aus J. Wolf lectiones memorabiles. Laving. 1600. fol. genommen. Es wird hinzugesetzt, der Papst, der zur Zeit dieser Geschichte gelebt und ein fertiger Poet gewesen, habe versucht sie in ein Distichon zu bringen, es aber nicht vermocht. Da habe er einen stattlichen Preis darauf gesetzt, den ein armer Student verdienen wollen, dieser habe sich auch lange umsonst gequält, bis er endlich unmuthig die Feder weggeworfen und ausgerufen: „kann ichs nicht, so mags der Teufel machen!“ Dieser sey alsbald erschienen, habe gesagt er wolle es zu Stand bringen, die Feder aufgenommen und geschrieben:

sus, pueri bini, puer unus, nupta, maritus
cultell‘, lympha, fune, dolore cadunt.

Neuerdings hat Werner in seinem Trauerspiel der 24ste Februar die alte Fabel benutzt und damit die Macht menschlicher Poesie gegen den Teufel bewährt.

Wir lagen nebeneinander im Bett und lasen. Meine Frau las unaufmerksam, ihr Blick flackerte zwischen ihrer Buchseite und mir hin und her.

„Na?“ sagte ich.

„Das mit dir und der Minderjährigen wird aufhören. Du bist nicht das Jugendamt.“

„Und nicht ihr Retter.“

„Eben.“

Am nächsten Tag schrieb ich die Geschichte dialogisch zusammen, veröffentlichte sie und erntete am übernächsten Tag die Lesenswertpunkteration des Jahres. Mein Plan ging auf: Bettina schrieb mir.

——— Ebenda, Anmerkungen im Anhang Band 2:

Num. 22. (Kinderschlachtspiel.) Kinder lockt die Rundheit und lachende Röthe der Aepfel vor allen Dingen. Man vgl. das schott. Lied von der Judentochter; auch Fürterer im Lanzilet Nr. 49. „als kinden tut gezemen, den man peut ein Apfel rot, lassen das gold in aus den henden nemen.“ Und im Schwank vom Häselin 54. 55. „ein kint den Apfel minnet und neme ein ei für des riches lant.“ Also versucht der Apfel im Paradis die ersten Menschenkinder. – Den latein. Vers geben die nugae venales p. 97. so:

hircus cum pueris, puer unus, sponsa, maritus, etc.

„Hi“, schrieb Bettina.

„Hi“, schrieb ich, „geht’s dir gut?“

„Ich hab jetzt einen Freund. Einen richtigen.“

„Das freut mich zu hören.“

„Ja. Das freut dich. Ich glaub dir.“

„Warum liegt dir daran so viel? Ist doch alles virtuell hier. Ich kann dich anlügen, dass sich dein Bildschirm wellt, und wer sagt mir eigentlich, dass es dich überhaupt gibt? Märchen magst du sowieso.“

„Weil Märchen wahr sind. Vor allem die auf den Bäumen gewachsenen von den Grimms.“

„Wie schön du das wieder gesagt hast. ich hab übrigens ein neues Lieblingsmärchen. Aus dem Rollwagenbüchlein, später bei den Grimms.“

„Du meinst das von den Kindern, die Schlachten spielen.“

„Schlachtens.“

„Ja, das. Nach der ersten Auflage rausgeflogen.“

„Ach du. Manchmal schaffst du mich.“

Darum geht innerlich durch diese Dichtungen jene Reinheit, um derentwillen uns Kinder so wunderbar und selig erscheinen: sie haben gleichsam dieselben blaulichweißen makellosen glänzenden Augen, die nicht mehr wachsen können, während die andern Glieder noch zart, schwach und zum Dienste der Erde ungeschickt sind. Das ist der Grund, warum wir durch unsere Sammlung nicht bloß der Geschichte der Poesie und Mythologie einen Dienst erweisen wollten, sondern es zugleich Absicht war, daß die Poesie selbst, die darin lebendig ist, wirke und erfreue, wen sie erfreuen kann, also auch, daß es als ein Erziehungsbuch diene. Wir suchen für ein solches nicht jene Reinheit, die durch ein ängstliches Ausscheiden dessen, was Bezug auf gewisse Zustände und Verhältnisse hat, wie sie täglich vorkommen und auf keine Weise verloren bleiben können, erlangt wird, und wobei man zugleich in der Täuschung ist, daß was in einem gedruckten Buche ausführbar, es auch im wirklichen Leben sei. Wir suchen die Reinheit in der Wahrheit einer geraden nichts Unrechtes im Rückhalt bergenden Erzählung. Dabei haben wir jeden für das Kinderalter nicht passenden Ausdruck in dieser neuen Auflage sorgfältig gelöscht.

Bettina schrieb zurück: „Ich hätt das Geld genommen.“

Daniella Alvarez, The Lost Girl, 29. April 2012

Teddybilder: Julie de Waroquier: Reality Won’t Let Me Dream, 13. August 2010;
Lille Ja: Childlike, 14. Mai 2012;
Kate Esmé: Breaking Childhood, 25. Januar 2011,
Daniella Alvarez: The Lost Girl, 29. April 2012.

Kleingedrucktes aus der Vorrede zum 1. Band der 7. Auflage 1857, Seite 5 ff.

Soundtrack: Tom Waits: I Don’t Wanna Grow Up, aus: Bone Machine, Island Records 1992.

Written by Wolf

20. Dezember 2012 at 00:01

Noch können sie tanzen

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Unsere engagierte Leserin und liebe Nachbarin Christina Katharina Barbara Bockmühl war von Anfang vom hiesigen Beitrag Wenn Schnee bedeckt mein Haar einmal so angetan, dass sie ihn spontan in ihrem Kommentar weitergedichtet hat.

Ebenso spontan hat sie ihrem Sequel-Gedicht auf einen geradezu apokryphen Comic von 1982 sogar noch die nötigen Bilder gebastelt, um dem Medium Comic näher zu kommen. — Ist es nicht prächtig? Ist es nicht wunderwunderschön?

Herrschaften — auch schon wieder 1982? Wer damals Schnee auf seinen Häupten befürchtete, hat heute welchen. Jedenfalls wollen wir ihm das wünschen.

Und ist es doch ein Glück für zwei, die zusammen werden alt.

Das Foto aus vergangener Zeit trägt Risse und Kratzer, manchmal war es ganz schön kalt.

Doch – man kennt sich, sieht sich, liebt sich. Vergessene Krauselhaare oder nicht ausgefallene an sich.

Sie sind schön, sind sie auch alt, noch können sie tanzen, wie das Laub im Wald.

Und ist es doch ein Glück für zwei
die zusammen werden alt.
Das Foto aus vergangener Zeit
trägt Risse und Kratzer,
manchmal war es ganz schön kalt.
Doch – man kennt sich, sieht sich, liebt sich
Vergessene Krauselhaare (oder nicht ausgefallene) an sich.
Sie sind schön, sind sie auch alt
noch können sie tanzen,
wie das Laub im Wald.

Text & Bilder: Christina Katharina Barbara Bockmühl, Oktober 2012. Dankeschön!

Written by Wolf

11. November 2012 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Postironismus

Feine Pfote, derbe Patsche

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Die Wölfin und ich liegen mitsammen zu Bette und treiben, was wir dort mit Vorliebe treiben: ein Buch lesen.

„Was liest’n da?“ fragt die Wölfin.

„Heine“, sag ich.

„Du mit deinen ganzen alten Zauseln. Kennst du die Lorelei nicht bald auswendig?“

„Doch, die Loreley schon — nur echt mit dem e-ypsilon am Schluss. Und mehr als die Harzreise hast du aus den Reisebildern bestimmt nicht mal in der Schule durchgenommen.“

„Ächz“, sagt sie. Ihre Comicsprache ist vorsätzlich.

„Das ist Band 6/I der Hanser-Gesamtausgabe von Klaus Briegleb, also zeig mal etwas Respekt bitte.“

„Stöhn“, setzt sie drauf.

Ich hebe den Blick aus dem Buch.

„Nicht was du denkst“, sagt sie. „Hopphopp, lies mir doch mal was Respektgebietendes vor.“

Ich blättere. „Zur Teleologie, wie wär’s?“

„Zur was? Na gut, whatever.“

Zur Teleologie

Beine hat uns zwei gegeben
Gott der Herr, um fortzustreben,
Wollte nicht, daß an der Scholle
Unsre Menschheit kleben solle.
Um ein Stillstandsknecht zu sein,
Gnügte uns ein einzges Bein.

„Echt, das soll Heine sein? Nicht Wilhelm Busch?“

„Siehste. Soviel weißt du aber von der Loreley, dass man Heine auch ohne Germanistikstudium liebhaben kann.“

„Ist ja gut, ich glaub’s dir ja, du Liebhaber.“

Augen gab uns Gott ein Paar,
Daß wir schauen rein und klar;
Um zu glauben was wir lesen,
Wär ein Auge gnug gewesen.
Gott gab uns die Augen beide,
Daß wir schauen und begaffen
Wie er hübsch die Welt erschaffen
Zu des Menschen Augenweide;
Doch beim Gaffen in den Gassen
Sollen wir die Augen brauchen
Und uns dort nicht treten lassen
Auf die armen Hühneraugen,
Die uns ganz besonders plagen,
Wenn wir enge Stiefel tragen.

Die Wölfin hebt ein Bein aus ihrer Bettdecke hervor, henkelt es in der Luft herum, schnipst mit den Zehen und begutachtet ihre Schenkelrasur vorne und hinten.

„Enge Stiefel“, sinnt sie. „Wenn Gott gewollt hätte, dass wir enge Stiefel tragen, hätte er uns dann barfuß erschaffen?“

„Dich nicht“, sag ich und gehe schnell ihr Bein von unten bis oben auf Makel durch: immer noch keine.

Mit der Wölfin ist es nämlich so: Ihre schönsten Stellen fangen mit Z an. Ihre Zähne sind reines Perlmutt, ihre Zehen rosenreine Elfenglieder. Das hört sie nicht gern, weil sie weiß es, soweit man sie durchschauen kann; darum bringt sie trocken einen Insider unter:

„Zausehaare.“

„Ein Wunder angesichts der ganzen Stellen, an denen du rasiert bist.“

„Jedenfalls gründlicher als du“, sagt sie, „fühl mal.“ Sie schnappt sich meine Hand und führt sie ihren Schenkel entlang.

Gott versah uns mit zwei Händen,
Daß wir doppelt Gutes spenden;
Nicht um doppelt zuzugreifen
Und die Beute aufzuhäufen
In den großen Eisentruhn,
Wie gewisse Leute tun –
(Ihren Namen auszusprechen
Dürfen wir uns nicht erfrechen –
Hängen würden wir sie gern.
Doch sie sind so große Herrn,
Philantropen, Ehrenmänner,
Manche sind auch unsre Gönner,
Und man macht aus deutschen Eichen
Keine Galgen für die Reichen.)

„Oha. Da zündelt wieder einer mit der Zensur.“

„Gut aufgepasst. Wann er das genau geschrieben hat, weiß keiner, da hat er sich sogar gleich selber zensiert. Muss aber nach 1845 gewesen sein, also jedenfalls Spätwerk.“

„Wie alt ist Heine eigentlich geworden?“

„1797 bis 1856.“

„Oh, keine sechzig. Steinalt sieht anders aus. Totgesoffen oder Hungertod?“

„Syphilis.“

„Für Geschlechtskrankheiten ist 59 wiederum recht junggeblieben.“

„Eben. Dabei hat er seine erste Gesamtausgabe erst 1863 gekriegt. Die Teleologie war sogar erst 1912 ungekürzt gedruckt, davor immer nur einzelne Strophen. Die harmlosen.“

„Harmlose hat das auch?“

„Wie man’s nimmt. Heine ist eigentlich wegen der Redefreiheit nach Paris ausgewandert. Und nicht, um sich bei den Coquotten sonstwas einzufangen.“

„Wenn er auch immer solche Dinger krachen lässt …“

Gott gab uns nur eine Nase,
Weil wir zwei in einem Glase
Nicht hineinzubringen wüßten,
Und den Wein verschlappern müßten.

„Das erfindest du jetzt!“ ruft die Wölfin. „Nie im Leben steht da ‚verschlabbern‘!“

„Doch“, sag ich, „mit Doppel-p. Da, schau.“ Ich halte ihr die Buchseite hin und lege den Finger auf ‚verschlappern‘.

Die Wölfin kann es nicht fassen.

Gott gab uns nur einen Mund,
Weil zwei Mäuler ungesund.
Mit dem einen Maule schon
Schwätzt zu viel der Erdensohn.
Wenn er doppeltmäulig wär,
Fräß und lög er auch noch mehr.
Har er jetzt das Maul voll Brei,
Muß er schweigen unterdessen,
Hätt er aber Mäuler zwei,
Löge er sogar beim Fressen.

„Yeah, Rock ’n‘ Roll, Alter!“ Die Wölfin lacht sich kaputt.

„Trefflich formuliert. Der Mann lässt echt nichts aus.“

„Stimmt. Ist das unter irgendwas gesammelt? Bestimmt nicht unterm gleichen Kapitel wie deine Loreley, oder?“

„Keine Spur, das Buch der Lieder war Frühwerk, da konnte er sich noch halbwegs in Deutschland blicken lassen. Die Teleologie steht meistens unter ‚Vermischtes‘.“

„Pf, vermischt. So eine Systematik kann ich auch.“

„Kannst du nicht. Du würdest nicht mal merken, dass es eine Langversion überhaupt gibt. Das geht nur übers Manuskript, du hättest bestimmt nur in der jeweils letzten Druckversion nachgeschaut.“

„Welchselbiges Manuskript bis dahin genau wo rumgeflattert ist?“

„In den Giftschränken der Literaturwissenschaft. Meistens ist sowas dann das Archiv einer Unibibliothek.“

„Klar, wo sonst. Führst du auch einen Giftschrank?“

„Sicher. Ich nenne ihn Bücherregal.“

„Dann verzeih meine Präpotenz.“

„Gern geschehen. Neuerdings steht’s immer unter ‚Zeitgedichte‘. Hier im Briegleb zum Beispiel.“

„Also mit dem mehr Blick auf die Kapitalismuskritik als auf die Schulbubengaudi.“

„Und den Gedanken der Teleologie bei Hegel.“

„Teleologie, Teleologie …“

„Zielgerichtetheit.“

„Hab ich doch gesagt.“

„Die Überschrift ist gar nicht von Heine, beiläufig.“

„Och? Sondern von wem?“

„Adolf Strodtmann.“

„Ächz, stöhn, jaul, Jammer, Not!“

„Der mit der ersten Gesamtausgabe.“

„1863.“

„Yeah, Rock ’n‘ Roll.“

Mit zwei Ohren hat versehn
Uns der Herr. Vorzüglich schön
Ist dabei die Symmetrie.
Sind nicht ganz so lang wie die,
So er unsern grauen braven
Kameraden anerschaffen.
Ohren gab uns Gott die beiden,
Um von Mozart, Gluck und Hayden
Meisterstücke anzuhören –
Gäb es nur Tonkunst-Kolik
Und Hämorrhoidal-Musik
Von dem großen Meyerbeer,
Schon ein Ohr hinlänglich wär! –

„Au weh. Die muss ich nicht alle kennen, oder?“

„Die kennst du alle, außer Meyerbeer.“

„Gut genug, um zu wissen, dass Haydn sich ohne e hinten schreibt.“

„Schon okay, das sollte reichen.“

„Und was, meint Heine nochmal, soll sich da auf ‚Tonkunst-Kolik‘ reimen?“

„‚Hämorrhoidal-Musik‘.“

„Na! Aber nur ausnahmsweise.“

„Was lernen wir daraus? Wölfin?“

„Dass Heine Meyerbeer nicht mag?“

„Richtig und gut. Und dass um 1850 ‚Kolik‘ noch auf der Ultima betont wurde, wie ‚Musik‘.“

„Oder dass er mit seinem Gedicht bald fertig werden wollte.“

„Wieder richtig. Das lässt du im Literaturseminar aber lieber weg.“

„Was reimt sich dann auf ‚anzuhören‘?“

„…“

„Ja, hab ich mir schon gedacht …“

„Anscheinend wollte er da langsam zum Höhepunkt kommen.“

„Bitte??“

„Zum unterdrückten Finale. Fertig werden, wie du sagst.“

„Wer unterdrückt denn sowas? Dein Strodtmann?“

„Ja, der auch: ‚Der skabröse Schluß des Gedichtes ‚Zur Teleologie‘ konnte hier aus Schicklichkeitsgründen nicht mitgeteilt werden‘, meint er. Alle bis Karl Schüddekopf.“

„Der von 1912?“

„Spickst du?“ Ich verstecke die Buchseite vor ihr.

„Nein, ich bin nur eine aufmerksame Zuhörerin.“

„Je nach Thema.“

„Das musst du sagen!“ Sie boxt mich unter der Bettdecke mit dem Knie. Ich fange ihr Bein mit gedankengeschwindem Griff ein und behalte es in der freien Hand. Sie lässt es geschehen.

„Oh là là, piquant, piquant“, strahlt sie mir ins Gesicht und schmiegt sich meine Seite entlang. Mir fällt noch einmal kurz ein, wie sehr ich von Anfang an ihre Zähne und ihre Zehen mochte.

„Nein, skabrös, skabrös“, antworte ich.

„Das sowieso.“ Unter unserer Decke wippt sie erwartungsvoll mit dem Fuß.

Als zur blonden Teutolinde
Ich in solcher Weise sprach,
Seufzte sie und sagte: Ach!
Grübeln über Gottes Gründe,
Kritisieren unsern Schöpfer,
Ach! das ist, als ob der Topf
Klüger sein wollt als der Töpfer!
Doch der Mensch fragt stets: Warum?
Wenn er sieht, daß etwas dumm.
Freund, ich hab dir zugehört,
Und du hast mir gut erklärt,
Wie zum weisesten Behuf
Gott den Menschen zwiefach schuf
Augen, Ohren, Arm‘ und Bein‘,
Während er ihm gab nur ein
Exemplar von Nas und Mund –
Doch nun sage mir den Grund:
Gott, der Schöpfer der Natur,
Warum schuf er einfach nur
Das skabröse Requisit,
Das der Mann gebraucht, damit
Er fortpflanze seine Rasse
Und zugleich sein Wasser lasse?
Teurer Freund, ein Duplikat
Wäre wahrlich hier vonnöten,
Um Funktionen zu vertreten,
Die so wichtig für den Staat
Wie fürs Individuum,
Kurz fürs ganze Publikum.
Zwei Funktionen, die so greulich
Und so schimpflich und abscheulich
Miteinander kontrastieren
Und die Menschheit sehr blamieren.
Eine Jungfrau von Gemüt
Muß sich schämen, wenn sie sieht,
Wie ihr höchstes Ideal
Wird entweiht so trivial!
Wie der Hochaltar der Minne
Wird zur ganz gemeinen Rinne!
Psyche schaudert, denn der kleine
Gott Amur der Finsternis,
Er verwandelt sich beim Scheine
Ihrer Lamp – in Mankepiß.

„Teutolinde!“ ruft die Wölfin gedehnt, „ist das ein Name für einen Menschen?“

„Für einen deutschen Menschen weiblicher Herkunft ist Teutolinde ein sehr zulässiger Name.“

„Boah, da bin ich mit meinem doch noch ganz zufriedenstellend bedient.“

„Deinen Namen mag ich sogar gern.“

„Es hätte ‚Teutolinde‘ werden können! Sag mal, veröffentlichst du das alles in deinem Blogdingsda?“

„Selbstverständlich wirst du in meinem Weblog vorkommen. Ich komm ja auch vor, und du bist doch der beste Teil meiner bescheidenen Person.“

„Mit meinem Namen?“

„Ich sag: die Wölfin zu dir. Ist dir das genehm?“

„Geht so. Es gibt einen gewissen Sinn. Komm ich oft vor?“

„Gerade eben zum ersten Mal. Ich muss dich ja erst mal einführen.“

„Einführen. Gleich helf ich dir einführen.“

„Handreichung erwartungsvoll angenommen. Darf ich noch zu Ende vorlesen?“

„Mach ruhig, ich hab heut nix Besonderes mehr vor.“

Also Teutolinde sprach,
Und ich sagte ihr: Gemach!
Unklug wie die Weiber sind,
Du verstehst nicht, liebes Kind,
Gottes Nützlichkeitssystem,
Sein Ökonomie-Problem
Ist, daß wechselnd die Maschinen
Jeglichem Bedürfnis dienen,
Den profanen wie den heilgen,
Den pikanten wie langweilgen, –
Alles wird simplifiziert;
Klug ist alles kombiniert:
Was dem Menschen dient zum Seichen,
Damit schafft er seinesgleichen.
Auf demselben Dudelsack
Spielt dasselbe Lumpenpack.
Feine Pfote, derbe Patsche,
Fiddelt auf derselben Bratsche,
Durch dieselben Dämpfe, Räder
Springt und singt und gähnt ein jeder,
Und derselbe Omnibus
Fährt uns nach dem Tartarus.

„Ohhhhh! Lies das büddebüdde nochmal, das mit dem ‚Was dem Menschen dient‘.“

„Das war klar, dass dir sowas gefällt.“

„Wegen der Stelle hast du’s doch vorgelesen.“

„Und wegen dem ‚Omnibus‘.“

„Ja, stimmt: Heine kannte einen Omnibus?“

„Mit zwei vierbeinigen PS. Soviel Visionäres haftet der angewandten Poesie wiederum nur selten an.“

„Dann wende mal an, du zweibeinige PS.“ Die Wölfin breitet die Arme aus, dass die Bettdecke von ihr gleitet und großflächig eine skabrös nackte Wölfin freigibt.

„Mit dem Dudelsack?“

„Um Himmels willen nein, du Lumpenpack. Heute bitte leise, wir wollen ganz langsam zu unserem unterdrückten Finale kommen.“

„Mit dem einen Maule schon schwätzt zu viel der Erdensohn.“ Einhändig klappe ich das Buch zu und lege es unauffällig in sicherer Entfernung ab. Die Zunge der Wölfin schmeckt kühl, ihre Zausehaare kitzeln.

„Gefräßige Stille“, flüstert sie.

Brittney Bush Bollay, Skinny Legs and All, February 28, 2007

Beine hat uns zwei gegeben Gott der Herr: Nein, nicht die Wölfin.
Brittney Bush Bollay: Skinny Legs And All, 28. Februar 2007.

Written by Wolf

18. September 2012 at 00:01

Die besten Saufbrüder sind gestorben

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Cover Das Wirtshaus an der LahnAus dem im Überfluss bekannten Strophenmaterial habe ich aus dem Reiselied eine Version zurechtgebogen, die geographisch Sinn ergibt. Für den Vortrag vor einem Publikum mit eher peripherem ethnologischem und archäologischem Interesse, mit dem man sich weder zur Lach- noch Schnarchnummer macht, ich denke da klassischerweise an Lagerfeuer, empfehlen sich die Strophen 1 bis 5, anschließend erst wieder 21 bis 24; neun Strophen reichen vollauf. Lasst im Zweifelsfall lieber noch 21 und 24 weg und stiftet die Leute im Refrain zum Mitgrölen an, dann beschwert sich niemand. Das gibt einen aufmüpfigen, schön antiquierten Text auf eine unentrinnbar schmissige Melodie, mit dem man bei den Mädels punkten kann. Bei den richtigen jedenfalls. Das war ein Tipp, Jungs.

Hier ist die Gelegenheit, die Abhandlung von Theo und Sunhilt Mang einzufügen, Herausgeber des Liederquell, seit 2007 das Volksliederbuch für Leute, die wissen wollen, was sie da singen:

Unter dem Titel Handwerksburschen-Erfahrung steht dieses Lied 1894 im Deutschen Liederhort von Erk-Böhme. 1855 steht es schon in der Liedersammlung von Oskar Schade Volkslieder aus Thüringen, sowie im 2. Teil der Fränkische Volkslieder mit ihren Singweisen des Freiherrn Wilhelm von Ditfurth, Leipzig. Textdichter und Komponist sind unbekannt. Erk/Böhme geben als Herkunftsort das brandenburgische Wilsnack an (1844). Unter dem Titel Der patriotische Handwerksbursch wird auch (Barmen 1844) von Erk/Böhme eine melodisch und rhythmisch verwandte Melodie mit ähnlichen zwei Anfangsstrophen überliefert. Doch dieses Lied zeigt dann die Hinwendung zur politischen Situation in der Napoleonischen Zeit vor 1813. Bei Röhrich/Brednich findet sich eine neuere Textversion, die auch die südlichen Städte Mannheim und Freiburg berücksichtigt und in der das „Glas Champagner Wein“ mit „ein gut Glas Bier“ ausgetauscht wird. Dieses Liedgenre wurde von der Jugend und den Liedermachern der 60-er und 70-er Jahre des 20. Jahrhunderts besonders geliebt, verarbeitet und in den Medien wieder populär gemacht, z.B. durch die Gruppe Liederjan, 1978.

T und M: Anfang 19. Jahrhundert
L: Erk/Böhme N 1610, Ditfurth II 233, Gottschalk I 65, Röhrich 259

In den Text habe ich nach Möglichkeit gastronomische Einrichtungen verlinkt, die ich aus eigener Anschauung empfehlen kann; mein Vater war Eisenbahner, da bin ich in meiner Jugend allerhand in Deutschland rumgekommen. Wo das nicht möglich war, führt der Link zu Gasthäusern, die auch online einiges Vertrauen erwecken. Persönlich möchte ich das Hamburger Fischerhaus und den Freiburger Löwen hervorheben. Das krieg ich nicht bezahlt, obwohl ich’s nehmen würde. Der Bremer Ratskeller und Auerbachs Keller zu Leipzig werden uns an dieser Stelle noch literarisch beschäftigen. Allein die Städte, die mit den Zeitläuften ins befreundete Ausland gerückt sind, bleiben vorerst ohne Empfehlung — und das keineswegs, weil das gefälligst ein deutscher Weblog bleiben soll, sondern weil sich das von München aus schwierig surft. Ich höre jedoch auf Vorschläge.

Zur Aufführungspraxis: Die Melodie kennt ihr im Zweifelsfall von Slime, die sich 1992 auf der Viva la Muerte (nur auf der LP, nicht der CD!) redlich um zeitgemäße Saufromantik bemühen, aber ein paar Textstellen verwenden, wie ich sie planvoll vermeide: Mit „Unser Orden ist verdorben“ ruinieren sie die Aktualität wieder, die sie mit der Instrumentierung hineingebracht haben — aber zum Eingewöhnen ist die Version gar nicht schlecht. Zum Übernehmen hört deshalb lieber Peter Rohland zu: auf Landstreicherballaden, 1996. Schnell, unkompliziert und ästhetisch unaufgeregt entnehmt ihr sie dem etwas struppigen, aber höchst brauchbaren instrumentalen Video von Mr. Gammler. Bei den Akkorden kommt ihr zurecht mit C/a//C/F//C/G//C — also dem, was sich von selbst ergibt. Nicht so zaghaft.

Die jeweils dritten Verse jeder Strophe kann man wiederholen, muss aber nicht. In den meisten Fällen finde ich es sogar wirkungsvoller, wenn der Melodiebogen nach dem dritten Vers offen bleibt; da kommt es sehr zupass, dass die sich sich sowieso auf nichts reimen müssen. Ins Schloss schnappen sollte erst der Refrain. Das bedeutet nicht weniger als dass die Strophen mit wahlweise sechs, sieben (selten!) oder acht Zeilen funktionieren. Probiert mal aus, wie ihr euch am logischsten singt. Deshalb heißen solche Dinger „Volkslied“. Und eins und zwei:

 

Reiselied

1.: Lustig, lustig, ihr lieben Brüder,
nun leget all eure Arbeit nieder
und trinkt ein Glas Champagnerwein.

Refrain: Denn unser Handwerk, das ist verdorben,
die besten Saufbrüder sind gestorben,
||: es lebet keiner mehr als ich und du. :||

2.: Auf die Gesundheit aller Brüder,
die da noch reisen auf und nieder,
die sollen unsre Freunde sein.

3.: Und sollte wirklich noch einer leben,
so soll der Meister ihm den Abschied geben,
denn er macht ihm das Leben sauer.

4.: Weg mit dem Meister, mit all den Pfaffen,
ja Kaiser, König soll sich raffen:
Weg, wer da kommandieren will.

5.: Als wir durch deutsche Lande zogen,
haben wir so manchen Wirt betrogen,
doch seine Tochter war uns gut genug.

6.: In Lübeck hab ich es angefangen,
nach Hamburg stand dann mein Verlangen,
das schöne Bremen hab ich längst gesehn.

7.: Wie auch Celle, Hannover, Minden,
dann wolln wir auf dem Rhein verschwinden
wohl nach dem alten heil’gen Köln.

8.: Wir wollen auch noch Bonn besuchen,
in Bingen gibt’s zum Wein auch Kuchen,
bei Mainz, da fließt der Main in‘ Rhein.

9.: Frankfurt am Maine hab ich gesehen
der Herbergstochter mußte ich gestehen:
Der letzte Heller will versoffen sein.

10.: In Mannheim wolln wir unser Glück probieren,
nach Karlsruh soll uns der Weg dann führen,
so kommen wir ins Elsaß rein:
In Straßburg gibt es guten Wein.

11.: In Freiburg geht’s nicht lang logieren,
wir wollen in die Schweiz marschieren,
nach Basel, Zürich und bis Bern.

12.: Nach Thüringen möcht ich hinein,
in Jena, Erfurt, Weimar sein
und auf der Wartburg kehren ein.

13.: In Königsbrück hat mir’s gefallen
die vielen Töpfer hier vor allem,
die Scheiben drehn sie, drehn und drehn.

14.: Was warn die Töpfer für Gesellen,
hörten sie nachts die Hunde bellen
so fraßen sie die einfach auf.

15.: Wie auch in Leipzig, Dresden, Sachsen,
wo all die schönen Mädchen wachsen
wohl in dem schönen Rosenthal.

16.: Dann wollen wir uns aufs Schifflein setzen
und unser junges Herz ergetzen,
wir fahrn die Elbe hinab zur See.

17.: Nun Schifflein, Schifflein, du musst dich wenden
und dich hin nach Riga lenken
wohl zu der russischen Seehandelsstadt.

18.: Und auch in Polen ist nichts zu holen,
als ein Paar Stiefel ohne Sohlen,
ja nicht einmal ein Heller Geld.
[alt.: von dort kommt man nicht ungeschoren,
in Danzig fängt die See schon an.]

19.: Nun wollen wir es noch einmal wagen
und wollen fahren nach Kopenhagen
dort zu der dänischen Residenz.

20.: In Bergen regnet es große Tropfen,
getrunken wird hier aus Malz und Hopfen,
korngelb gebrautes nordisch Bier.

21.: Und wer dies alles hat gesehen
der kann getrost nach Hause gehen,
und nehmen sich ein Mägdelein.

22.: Ich hatte manchen blanken Gulden,
heut hab ich jede Menge Schulden,
doch einen Humpen für der Seele Ruh.

23.: Schlagt ein die Fässer, lasst es laufen,
wir wollen heut noch einen saufen,
ja solches Himmelreich ist nah.

24.: Darauf wollen wir lustig saufen,
schöne Mädchen wollen wir uns kaufen,
ja das soll unser Handwerk sein.

Bild: LPCD Hamburg.