Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for Februar 2016

Damit du siehst, wie leicht sich’s leben läßt

leave a comment »

Update zu Die besten Saufbrüder sind gestorben,
Wer weis, wie lang ich hier noch bin
und Ich trinke ein Glas Burgunder!:

Staub soll er fressen, und mit Lust.

Mephisto, Prolog im Himmel, Vers 334.

Ich muß dich nun vor allen Dingen
In lustige Gesellschaft bringen,
Damit du siehst, wie leicht sich’s leben läßt.
Dem Volke hier wird jeder Tag ein Fest.
Mit wenig Witz und viel Behagen
Dreht jeder sich im engen Zirkeltanz,
Wie junge Katzen mit dem Schwanz.
Wenn sie nicht über Kopfweh klagen,
So lang‘ der Wirth nur weiter borgt,
Sind sie vergnügt und unbesorgt.

Mephisto, Auerbachs Keller in Leipzig. Zeche lustiger Gesellen, Vers 2158 ff.

Fällt das wieder nur mir auf – oder ist das normal, dass in der Literatur an allen Ecken und Enden von Gaststätten aller Niveaus die Rede ist, aber kaum eins davon existiert? Mit Müh und Not konnte ich die folgenden dingfest machen, die allesamt einen Besuch wert sind.

Ich bin– ebenso wie die Kommentarfunktion – weit für Hinweise geöffnet und gern bereit für einen zweiten Teil. Wenn also jemandem noch das eine oder andere auffiele? Aber nicht dass mir jetzt einer mit dem Milliways kommt.

Die Bilder lehren, wenn schon sonst nichts, dass es aus Lipnitz an der Sasau, das sich heute selbst ein böhmisches Dorf namens Lipnice nad Sázavou ist, recht anständige Street-View-Aufnahmen gibt, aber weder aus Bamberg, Leipzig noch – halten Sie sich fest – Wien. Das Bilderformat lehrt, was ich für ein altmodischer Sack bin, der heute noch einen überbreiten Schwertransporter von Notebook benutzt. – Alphabetisch nach Wirtshausnamen:

  1. Albrecht-Dürer-Stube, Nürnberg, Albrecht-Dürer-Straße 6.

    Es freut mich, alphabetisch und heimatlich mit einer mir persönlich bekannten Kneipe und einer meiner liebsten Künstlerlegenden einsetzen zu dürfen:

    Wohl gegen 1497, als Albrecht Dürer sich als Maler selbstständig machen konnte, saß er in trauter Runde in eben jener Albrecht-Dürer-Stube, die wohl noch nicht nach ihm benannt war, aber unweit – keine fünf Minuten den Burgberg runter – seines Wohnhauses lag. Wie es mit frischen Start-uppern so geht, zogen ihn die Kollegen in dem Sinne auf, ob er denn überhaupt anständig malen könne. Und dann muss man sich diese künstlerische Chuzpe vorstellen, wie Dürer bei der Saaltochter ein Stück Kreide bestellte, wie sie in sehr alten Wirtshäusern zuverlässig – zum Ankreiden – vorhanden war. Unter den gespannten Augen der Mitzecher setzte Dürer mit der Kreide einen Punkt mitten auf die Tischplatte. Nahm kurz Augenmaß und malte einen perfekten Kreis außen herum. Und gab an: „Messt nur nach.“ Dann musste die Saaltochter auch noch einen Zirkel herbeischaffen, man maß nach – und der Kreis stimmte. Das hat mir immer mehr imponiert als seine drei Meisterstiche. Da hatten sie wohl in der Stube noch keine Tischdecken.

    Albrecht-Dürer-Stube, Nürnberg, Google Street View

  2. Auerbachs Keller, Leipzig, Mädler Passage, Grimmaische Straße 2–4:
    Historisches Restaurant im Herzen der Leipziger Altstadt.

    Dem Doktor Faust hat’s ja dort nicht so gefallen, wie man aus der Schule weiß.

    Leipzig, Auerbachs Keller, Google Maps

  3. Café Hawelka, Wien, Dorotheergasse 6.

    Die Mutter aller Wiener Kaffeehäuser kommt zweifellos auch in literarischen und musikalischen Texten vor, an denen man ausdrücklich davon wissen muss, um es zu bemerken. Die Öffnungszeiten, die auf der heutigen Website angegeben sind, waren entweder dereinst sehr viel großzügiger – oder werden bis heute nicht besonders penibel eingehalten. Bis Mitternacht, nur donnerstags bis sonntags bis 1 Uhr früh, das sind ländliche Verhältnisse, die noch lange kein Nachtcafé ausmachen, schon gar nicht in der Wiener Innenstadt. Im Gegenteil will hier schon so ziemlich jeder bis in die mittelspäten Morgenstunden durchgemacht haben, der im Entfernstesten mit einem Kulturbetrieb zu tun hat, weil es dort weder eine inakzeptable Schande ist, sich bei ordentlichem Benehmen in die Besinnungslosigkeit zu saufen, noch eine ganze Öffnungszeit lang an einem einzigen Kaffee zu nuckeln. Die Website selbst führt als Honoratioren an: Klaus Maria Brandauer, Elias Canetti, André Heller, Alfred Hrdlicka, Friedensreich Hundertwasser, Udo Jürgens, Hans Moser, Helmut Qualtinger, Peter Ustinov, Andy Warhol, die gesamte Wiener Gruppe einschließlich meines alten Lieblings H. C. Artmann – „u.v.m.“.

    Café Hawelka, Wien, Google Maps

  4. Hoffmanns, Bamberg, Schillerplatz 7:
    steak & fisch.

    Das für Bamberg sehr gehobene Haus hieß zu E.T.A. Hoffmanns Zeiten noch Zur Rose, ist aber im Unterschied zum Bamberger Hotel Wilde Rose und dem Wilde-Rose-Keller mit Bestimmtheit des zugereisten Kapellmeisters, musikalischen Leiters, Dramaturgen, Kartenabreißers, Kulissenmalers und Musiklehrers Laden, weil er am 1. Mai 1809 anlässlich seines Einzugs im heutigen E.T.A.-Hoffmann-Haus am Schillerplatz 26 im Tagebuch vermerkt: „Auch ein Poetenstübchen dabei„, was auf die anderen Häuser nicht zutrifft.

    Wer also mal in Bamberg auf Hoffmanns Spuren wandeln will: unbedingt dorthin. Das betone ich vor allem für mich selber mit solchem Nachdruck; aus persönlicher Neigung würde ich nämlich viel lieber mal wieder ins Schlenkerla, Rauchbier gurgeln.

    Hoffmanns Bamberg, Google Maps

  5. Hotel Elephant, Weimar, Markt 19:
    a Luxury Collection Hotel, Schiller & Goethe auf der Spur; mit Gourmetrestaurant Anna Amalia.

    Gegründet 1696, war das Elephant spätestens 1711 ein eher gehobenes Haus, das von Melissantes in seinem prominenten Reiseführer Das jetzt florirende Thüringen in seinen durchlauchtigsten und ruhmwürdigsten Häuptern / vorgestellt von Johann Gottfried Gregorii empfohlen wurde. Als Poststation erhielt der Laden ab 1741 eine wichtige internationale Funktion, und kurz darauf war er als Stammaufenthalt der Weimarer Klassikrecken stadtbekannt, weil angeblich die Wache am Stadttor alle auf das Elephant verwies, die nach Goethe, Herder oder Wieland fragten. Es scheint demnach, als fürstlich protegierter Literat im Herzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach ließ sich gut leben.

    Bei Thomas Mann ist das Elephant Schauplatz der Rahmenhandlung von Lotte in Weimar von 1939, die 1816 angesetzt ist – 44 Jahre nach Goethes Liebschaft mit Charlotte „Lotte“ Kestner, geb. Buff, die Gegenstand in Die Leiden des jungen Werthers (nur echt mit dem Genitiv-s) war.

    Thomas Mann hat erst 1955 auf eigenen Wunsch im Elephant übernachtet, als er anlässlich der Verleihung des Schiller-Preises in Weimar zu tun hatte. Dabei war das Hotel 1945 bis 1955 als Gaufunkstelle im Hotel zur Außenstelle Weimar des Berliner Rundfunks (später: Landessender Weimar), Militärquartier und Internat umgewidmet, nur das Restaurant während der Schließung 1945 bis 1955 Elephantenkeller in gastronomischem Betrieb. Das Hotel wurde erst wieder ein Hotel, als Thomas Mann, der es in einem weltweit beachteten Roman zu neuem Ruhm geführt hatte, es bestelltermaßen selbst als Hotel nutzen wollte; jedenfalls ist er der erste Gästebucheintrag nach der Neueröffnung. Für seinen Roman hat er also eine fiktionale Version von dem realen Ort aufgebaut.

    Hotel Elephant, Weimar, Google Maps

  6. Lutter & Wegner, Berlin, Charlottenstraße 56, Stammhaus am Gendarmenmarkt.

    E.T.A. Hoffmann-GesellschaftE.T.A. Hoffmanns eigentliche Stammkneipe, lange nach seiner Bamberger Zeit, die auch noch als solche hochgehalten wird. Haben ja sonst nicht viel an Kultur, da in ihrem märkischen Ballungszentrum.

    Als Literat lief Hoffmann erst in seiner Berliner Zeit zu Hochform auf. So kommt es, dass sein poetisches Werk ab dem Erstling Fantasiestücke in Callots Manier 1814 bis zu Des Vetters Eckfenster 1822 – also zeitlich dicht gedrängt – mit dem Lutter & Wegner durchsetzt ist.

    In seiner Spätzeit war der umtriebige, skurrile, charismatische Bestsellerautor Hoffmann eine Attraktion des Restaurants, die unbegrenzt Freibier genoss. Das entsprach nicht nur in Augen des Wirts Hoffmanns Wesen so sehr, dass der Deutsch-Franzose Jacques Offenbach die Rahmenhandlung seiner Oper Les Contes d’Hoffmann (Hoffmanns Erzählungen, 1881) nirgend anders denn in einer Art Lutter & Wegner mit Bamberger Lokalkolorit ansiedeln musste.

    Die Biergärten und Cafés aus Der goldne Topf in Dresden, das Hoffmann als Einwohner kannte, sind in ähnlicher Weise von Hoffmann idealisierte Handlungsorte und zählen nicht als aufsuchbare Gastronomien.

    Lutter & Wegner, Berlin, Google Street View

  7. Schlappeseppel, Aschaffenburg, Schloßgasse 28:
    Brauereigaststätte seit 1631.

    Die Stammkneipe von Greser & Lenz, wegen der sie eigens nach Aschaffenburg umgezogen sein wollen. Wer die gastronomische Landschaft Hessens und des nördlichen Unterfrankens kennt, kann das nachvollziehen.

    Schlappeseppel, Aschaffenburg, Google Maps

  8. U České koruny , Lipnice nad Sázavou, č.p. 55:
    ubytování Vysočina.

    Zur böhmischen Krone in Lipnitz an der Sasau ist definitiv mein Liebling unter den Fundstücken auf meiner literarischen Kneipensuche. Stundenlang könnte ich sie auswendig lernen und zitieren, jedenfalls die deutsche Version:

    Familiepension mit Gaststätte liegt gerade unter Lipnice Burg in malerischem Bezirk von Böhmisch-mährische Bergländer.

    Lipnice ü./S. ist untrennbar verbunden mit dem Namen des Schriftstellers Jaroslav Hašek, Autors des weltberühmten Werks „Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk„.

    Eben in diesem Gasthaus „Zur Tschechischen Krone“ hat Hašek wesentliche Passage des Werkes während seines Aufenthalts in Lipnice geschrieben. Die Pension ist dank der Rekonstruktion von Hašeks Nachkommen zur Rekreations-Aufenthalten ausgenützt, mit der Erkenntnis dieses Platzes verbundenen und zur angenehmer Verbringung der Freizeit genützt. Weiter ist auch zu verschiedenen Feiern, Hochzeiten, Seminaren und Firmenverhandlungen ausgenützt.

    Der Laden ist keinesfalls zu verwechseln mit dem Prager U kalicha, in dem sich der brave Soldat Schwejk so gern aufhielt, dass er sich für „nach dem Krieg um sechs im Kelch“ als erstes dort verabredet hat – vielmehr steht der – ebenfalls – real existierende Laden in Jaroslav Hašeks letztem, provinziellerem Wohnsitz, in dem er sein opus magnum nicht abgeschlossen hat.

    Was kein Wunder ist, weil seine Hauptbeschäftigung dort das Kartenspiel war; den Schwejk hat er nebenbei einem aufmerksamen Schreiber diktiert, der wohl nicht so viel vom Karteln hielt. Nach mitteleuropäischen Maßstäben muss Hašek als alkoholkrank gelten, das eigentliche Wunder dieser Kneipe ist also, dass 1920 bis 1923 überhaupt ein ziemliches dickes, wenngleich unvollendetes Buch darin entstand. Was in der Böhmischen Krone gezockt wurde und ob Hašek gewonnen hat, werde ich bestimmt vor Ort nachfragen, wenn ich mal vorbeikomme:

    Weiter können sie bestellen und verschmausen an Alt – böhmischen Speisen wie Entenbraten, Rauchfleisch Knie, gebackener Rippenstück. In Sommermonaten werden wir für Sie auf Bestellung einen Ferkel an der Terrasse braten oder das Fleisch grillen.

    Für Firmenfeiern bereiten wir Raut oder mittelalterlichen Festmahl an der Burg Lipnice vor.

    • Braten oder Grillen an der Terrasse
    • Hochzeitsfestmähler
    • Familienfeiern
    • Firmen Parties
    • Rauts an der Burg Lipnice oder im Restaurant

    Wir besorgen die Musik zum Sitzen und auch zum Tanzen.

    Kapazität des Restaurants: 55 Personen
    Sommerterrasse: 40 Personen
    Gotischer Keller: 20 Personen

    Verschmausen. Und Musik zum Sitzen. Ist das nicht hinreißend schnulli? – Ich empfehle zumindest eine virtuelle Ortbegehung.

     Hostinec a penzion U České koruny, Lipnice nad Sázavou, Gasthaus und Pension zur tschechschen Krone, Lipnitz an der Sasau, Google Street View

  9. Zum Jägerheim, Renzenhof, Altdorfer Straße 1, Ecke Hartmann-Schedel-Straße.

    Die Stammkneipe meiner Kindheit: Dahin haben, solange ich mich nicht wehren konnte, meine Eltern mich immer verschleppt, um Schäuferle für drei Personen („Für mich auch eins!“) zu verdrücken. Was weder meinen Eltern noch mir und mit größter anzunehmender Wahrscheinlichkeit nicht einmal den Wirtsleuten bewusst war: dass vor 1493 im Nachbarhaus Hartmann Schedel vermutlich große Teile der Schedelschen Weltchronik geschrieben hat. Das Nachbarhaus ist ein seit 1362 nachgewiesener Herrensitz, und obwohl der asphaltierte Feldweg zwischen dem Gasthof und dem Herrenhaus Hartmann-Schedel-Straße heißt, ist letzteres im heutigen kollektiven Gedächtnis als „der spinnerte Renzenhofer Turm mit der Sonnenuhr“ verankert und privat bewohnt.

    Leider haben sich die Wirtsleute Mais anno 1995 aus schlecht verhohlener Trägheit erdreistet, meiner Mutter keinen Tisch für sechs Personen für ihren 50. Geburtstag zu reservieren, obwohl wir ihnen seit Jahren am Rande der Legalität als Endverteiler das Mineralwasser vom Bundesbahn-Sozialwerk für den Gastbetrieb verkauft haben. Seitdem gehen meine Eltern da nicht mehr hin, und ich komm auch nicht grade jeden Tag dran vorbei. Dabei ist die Familie Mais immerhin bis heute entweder so traditionell oder schon wieder so avantgardistisch eingestellt, um auf eine eigene Internetpräsenz zu verzichten.

    Es gibt also schon wieder eine Kneipe, in der ich vorsprechen muss. Da sieht man wieder, wovon Kultur abhängt.

    Satellitenbild Zum Jägerheim, Renzenhof, Röthenbach an der Pegnitz, Google Maps

Bilder: Google Street View; Google Maps;
BamBerger BonusBild bei Berlin: E.T.A.-Hoffmann-Gesellschaft im E.T.A.-Hoffmann-Haus:

Die Haustür haben bereits Hoffmann und seine Frau geöffnet; damals noch zweigeteilt, konnten nicht nur Kleine und Schlanke den rechten Flügel bequem benützen. Rechts eine Steintafel von 1930 mit der Inschrift: „E.T.A. HOFFMANN WOHNUNG UND MUSEUM“ vom Verkehrs- und Verschönerungsverein Bamberg, der damals die Öffnung gewährleistete. Das Fenster links zeigt das Selbstbildnis Hoffmanns anstelle einer Unterschrift, dazu die Öffnungszeiten. Es bietet in einer Art Peep-Show-Effekt Einblick auf einen fiktiven Arbeitsplatz und macht neugierig auf den Raum dahinter, das Spiegelkabinett. Unser Bild wurde anlässlich einer Inszenierung des Bamberger E.T.A. Hoffmann-Theaters aufgenommen – Sie brauchen natürlich nicht die Schuhe auszuziehen, um hineinzukommen, auch der „Dolch im Gewande“ ist nicht nötig.

Soundtrack: Laia Costa klavizimbelt virtuos in der Berliner Indie-Kneipe Franz Liszt:
den 1. Mephisto-Walzer, in: Victoria, 2015, was denn sonst?

Written by Wolf

26. Februar 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Nahrung & Völlerei

Dieses treffliche Märchen vom Schmidt

leave a comment »

Update zu Das kannst du, Knabe, nicht fassen (weniger zu Schlachtens):

Endlich mal ein Grimmsches Märchen, das ich nicht deshalb einrücken darf, weil es gar so grausig wäre, sondern weil es lustig ist. Auch ist Der Schmied und der Teufel insofern eine Rarität, als es nur in der Erstauflage von 1812 vorkam. Ab der zweiten Auflage ersetzte es der im weiteren Verlauf mit Märchensammlung und -einrichtung befasste Bruder Wilhelm Grimm durch Bruder Lustig — wie der Name nahelegt, bis heute noch lustiger, weil reich an Tempo und recht durchtriebenen Handlungsvolten — weil es außerdem reich an beispielhaften Motiven und Gelegenheiten zu volksnaher Dialoggestaltung ist.

Gegen die direkte Ablösung Bruder Lustig fällt Der Schmied — die einzige Referenzstelle schreibt: „Schmidt“, im Fließtext wiederholt „Schmid“ — und der Teufel zugegeben ab. Die Überlieferung durch Marie Hassenpflug fällt aber in eine Zeit, in welcher der breitärschige Schwank des Mittelalters, der bis weit in die Neuzeit der Belustigung diente, einer pointierteren Erzählweise wich. Deswegen ist das Ding ist einfach vorbildlich straff und witzig erzählt.

An den Märchen vom überlisteten Teufel finde ich seit jeher mein kindliches Vergnügen. Laut phylogenetischen Untersuchungen, die sehr wohl in wissenschaftlich stichhaltiger Methodik an Märchen vorgenommen werden, geht es Menschen seit mehreren Jahrtausenden so, allein dieser Stoff wird mündlich seit immerhin 2800 bis 4200 Jahren weitergetragen. Die Herkunft aus der Bronzezeit bedeutet, dass der Schmied nicht als antiquierter Handwerker aus der Verwandtschaft des dümmlichen Bäuerleins zu werten ist, sondern als moderner High-Tech-Experte.

Sie finden das Märchen nicht in Ihrem Kinderbuch, weil die meisten heutigen Grimm-Ausgaben späteren Auflagen folgen, die nur noch umfangreicher wurden; wenn in Ihrem Gutenachtgeschichtenwälzer Bruder Lustig drin ist, haben Sie schon Glück. Als Bonus für uns Besserwisser unter den Märchenfreunden gebe ich Grimms Anmerkungen bei, die ausführlicher als das straffe Primärchen sind.

——— Brüder Grimm:

81. Der Schmidt und der Teufel.

Bodleian Teufel via Albrecht Classen, The Epistemological Function of Monsters in the Middle Ages, 10. Februar 2013Es war einmal ein Schmidt, der lebte guter Dinge, verthat sein Geld, processirte viel und wie ein paar Jahr herum waren, hatte er keinen Heller mehr im Beutel. Was soll ich mich lang quälen auf der Welt, dachte er, ging hinaus in den Wald und wollt‘ sich da an einen Baum hängen. Wie er eben den Hals in die Schlinge steckte, kam ein Mann hinter dem Baum hervor mit einem langen weißen Bart und einem großen Buch in der Hand. „Hör Schmidt, sprach er, schreib deinen Namen da in das große Buch, so soll dirs wohlgehen zehn Jahre lang, aber darnach bist du mein, da hol ich Dich.“ – „Wer bist du?“ sprach der Schmid – „Ich bin der Teufel.“ – „Was kannst du“ – „Ich kann mich so groß machen als eine Tanne, und so klein als eine Maus“ – „So thus einmal, daß ichs sehe,“ sagte der Schmid, da machte sich der Teufel so groß wie eine Tanne und so klein wie eine Maus. „Es ist gut sprach der Schmid, gib das Buch her, ich will mich hineinschreiben“ – Als er sich unterschrieben sagte der Teufel: Geh nur nach Haus, du wirst Kisten und Kasten voll finden, und weil du keine lange Umstände gemacht hast, so will ich dich auch in der Zeit einmal besuchen. Der Schmid ging heim, da waren alle Taschen, Kasten und Kisten voll Ducaten, und er mogte soviel davon nehmen als er wollte, es ward nicht all, und auch nicht weniger; da fing er sein lustiges Leben von vorne an, lud seine Kameraden ein, und war der vergnügteste Kerl von der Welt. Ein paar Jahre darauf sprach der Teufel einmal bei ihm ein, als er verheißen, sah zu wie die Wirthschaft ging, und schenkte ihm beim Abschied einen ledernen Sack, wer da hinein sprang, der konnte nicht wieder heraus, bis ihn der Schmid selber wieder heraus holte; damit trieb dieser seinen Spaß. Nach den zehn Jahren aber kam der Teufel und sprach zum Schmidt „die Zeit ist herum, jetzt bist du mein, mach dich reisefertig.“ „Es ist gut,“ sprach der Schmidt, hing seinen ledernen Sack um den Rücken und ging mit dem Teufel fort; als sie in den Wald kamen, zu der Stelle wo er sich aufhängen wollte, sprach er zum Teufel: „ich muß auch gewiß wissen, daß du der Teufel bist, mach dich erst wieder so groß wie eine Tanne und so klein wie eine Maus.“ Der Teufel war bereit und thats, und wie er sich in eine Maus verwandelt hatte, packte ihn der Schmid und steckte ihn in den Sack, dann schnitt er sich einen Stock von dem nächsten Baum, warf den Sack hin und prügelte auf den Teufel los. Der Teufel schrie erbärmlich, lief in der Tasche hin und her, aber umsonst, er konnte nicht heraus. Endlich sagte der Schmid ich will dich loslassen, wenn du mir das Blatt aus deinem großen Buch wieder giebst, auf das ich meinen Namen geschrieben. Der Teufel wollte nicht, doch endlich mußt‘ er daran, da ward das Blatt herausgerissen und der Teufel ging heim in die Hölle, ärgerte sich, daß er betrogen und obendrein geprügelt war.

Der Schmid ging auch wieder zu seiner Schmiede und lebte vergnügt fort, so lang Gott wollte, endlich ward er krank und als er seinen Tod merkte, befahl er, man sollte ihm nur zwei gute, lange, spitze Nägel und einen Hammer mit in den Sarg geben. Das geschah auch. Wie er nun gestorben war und vor die Himmelsthür kam, klopfte er an, aber der Apostel Petrus wollt ihm nicht aufschließen, weil er mit dem Teufel im Bund gelebt hätte. Wie der Schmidt das hörte, dreht er sich um und ging zur Hölle. Der Teufel aber wollt ihn auch nicht einlassen, er begehre ihn nicht in der Hölle, da fange er doch nur Spectakel an. Der Schmidt ward bös und hub an vor dem Höllenthor Lärmen zu machen, ein Teufelchen ward neugierig und wollte sehen, was der Schmidt treibe, also machte es ein wenig das Thor auf, guckte heraus, der Schmid aber packte es geschwind bei der Nase und nagelte es an dieser mit dem einen Nagel, den er bei sich hatte, an das Höllenthor fest. Das Teufelchen fing an zu kreischen wie ein Krautlöwe, da ward noch ein anderes an das Thor gelockt, das steckte auch den Kopf heraus, aber der Schmid war nicht faul, kriegte es am Ohr und nagelte es mit diesem neben das erste. Da fingen nun beide ein solches entsetzliches Geschrei an, daß der alte Teufel selber gelaufen kam, und wie er die zwei Teufelchen festgenagelt sah, ward er bitterbös, daß er vor Bosheit anfing zu weinen, herumsprang, in den Himmel zum lieben Gott lief, und sagte, er müsse den Schmid in den Himmel nehmen, es möge gehen, wie es wolle, der nagle ihm die Teufel alle an den Nasen und Ohren an, und er sey nicht mehr Herr in der Hölle. Wollte nun der liebe Gott und der Apostel Petrus den Teufel los werden, so mußten sie den Schmid in den Himmel nehmen, da sitzt er nun in guter Ruh, wie aber die beiden Teufelchen losgekommen, das weiß ich nicht.

Anhang Band 1

Von dem Schmid und dem Teufel. No. 81.

The Hours of Catherine of Cleves. Produced in about 1440 by the anonymous Dutch artist known as the Master of Catherine of Cleves. It is one of the most lavishly illuminated manuscripts to survive from the 15th century.Dieses treffliche Märchen scheint eine weitverbreitete Volkssage zu seyn. Gewöhnlich erzählt man es von einem Schmid zu Jüterbock und ausgezeichnet gut dargestellt ist es in dem Deutschfranzos. der stellenweise überhaupt zu den lebendigsten Erzeugnissen der ersten Hälfte des 18. Jahrhund. gehört, befindlich. (Leipz. Ausg. v. 1736. S. 110-30. Nürnberger von 1772. S. 80-95.) Der fromme Schmied von Jüterbock trug einen schwarz und weißen Rock und hatte eines Abends einen heiligen Mann gern und freudig geherbergt, der ihm vor der Abreise gestattete drei Bitten zu thun. Er bat 1. daß sein Lieblingsstuhl hinter den Ofen die Kraft bekäme, jeden ungebetenen Gast auf sich festzuhalten, bis ihn der Schmied selbst loslasse. 2. daß sein Apfelbaum im Garten die daraufsteigenden gleicherweise nicht herunter lasse. 3. daß aus seinem Kohlensack keiner heraus käme, den er nicht selbst befreite. – Nach einiger Zeit kommt der Tod, geräth auf den Sessel und muß dem Schmied noch 10 Jahre Leben schenken, wenn er herunter will; nach 10 Jahren kehrt er wieder, steigt auf den Apfelbaum und der Schmied ruft seine Gesellen, die mit Stangen den Tod jämmerlich zerschlagen; diesmal wird er nur unter der Bedingung los, daß er den Schmied ewig leben lassen will. Betrübt glieder- und lendenlahm zieht der Tod ab, begegnet unterwegs dem Teufel und klagt dem sein Herzeleid, der ihn auslacht und meint mit dem Schmied bald fertig zu werden. Der Schmied verweigert aber dem Teufel Nachtlager wenigstens werde die Hausthür nicht mehr geöffnet, er müsse denn zum Schlüsselloch einfahren. Das ist dem Teufel ein leichtes, allein der Schmied hatte den Kohlensack vorgehalten, bindet ihn alsbald zu, wie der Teufel darin ist, und läßt auf dem Ambos wacker drauf zuschmieden. Als sie sich nach Herzenslust auf ihm müde geklopft und gehämmert, wird der bearbeitete arme Teufel zwar wieder befreit, muß aber zu demselben Loch hinaus seinen Weg nehmen, wodurch er hereingeschlüft war.

Aehnliche Sage geht vom Schmied zu Apolda, (vergl. Falk Grotesken 1806. S. 3-88.) der unsern Herrn sammt St. Petrus über Nacht bewirtet und drei Wünsche frei erhält. Die Wünsche, die er thut, sind: 1. daß dem, der in seiner Nägeltasche fahre, die Hand stecken bleibe, bis die Tasche zerfalle. 2. daß wer auf seinen Apfelbaum steige, darauf sitzen müsse, bis der Apfelbaum zerfalle. 3. desgleichen wer sich auf den Armstuhl setze, nicht eher aufstehen könne bis der Stuhl zerfalle. Nach und nach erschienen drei böse Engel, die den Schmied wegführen wollen und die er sämmtliche in die gestellten Fallen lockt, so daß sie von ihm ablassen müßen. Endlich aber kommt der Tod und zwingt ihn zum Mitgehen, doch erhält er die Gunst, daß sein Hammer in den Sarg gelegt wird. Als er sich der Himmelsthür naht, will sie Petrus nicht aufthun, da ist der Schmied her, geht in die Hölle und schmiedet da einen Schlüssel, verspricht auch im Himmel mit allerlei Arbeit nützlich an Hand zu gehen, St. Georgs Pferd zu beschlagen etc. und wird zuletzt eingelassen. – Findet sich nicht auch eine ähnliche Fabel bei Hans Sachs?

Zu unserem, aus mündlichen Erzählung gegebenen Text stimmt im Ganzen am meisten das gedruckte Volksbuch, betitelt: das bis an den jüngsten Tag währende Elend, das jedoch wie es scheint aus folgendem französischen übersetzt ist: histoire nouvelle et divertissement du bon homme Misere. Troyes etc. Garnier. 3. S. 8, wiederum aber deuten manche Umstände auf einen italienischen Ursprung des letzteren, oder wenigstens hat sie de la Riviere in Italien erzählen gehöre Peter und Paul gerathen bei schlimmem Wetter in ein Dorf, stoßen auf eine Wäscherin, die dem Himmel dankt, daß der Regen kein Wein, sonder Wasser sey, klopfen bei dem reichen Mann an, der sie stolz abweist, und kehren zu dem armen Elend ein. Dieses thut nur den einen Wunsch mit dem Birnbaum, den ihm gerade ein Dieb bestohlen hatte. Der Dieb wird gefangen und sogar noch andere Leute, die aus Neugierde aufsteigen um den Jammernden zu befreien. Endlich kommt der Tod und Elend bittet ihn, daß er ihm seine Sichel leihe, um sich noch eine der schönsten Birnen mit zu nehmen. Der Tod will sein Waffen nicht aus der Hand lassen, als ein guter Soldat und die Mühe selbst übernehmen. Elend befreit ihn nicht eher, bis er ihm zusagt, er wolle ihn bis zum jüngsten Tag in Ruhe lassen, und darum wohnt Elend noch immer fort in der Welt.

Damit stimmt wieder zum Theil der Schluß einer andern mündlichen Erzählung, die sonst ganz wie der Schmied von Apolda lautet. Als Elend gestorben ist und vor den Himmel kommt, wird er von St. Petrus nicht eingelassen, weil er sich von ihm nichts besseres ausgebeten hatte, nicht das Himmelreich, wie er erwartet. Elend geht also zur Hölle, aber der Teufel will ihn auch nicht, weil er ihn genarrt, da muß er wieder zurück auf die Welt und Elend ist so lange darauf als sie steht. – Durch diesen Schluß aber knüpft sich das Märchen an die Sage von den Landsknechten, die im Himmel kein Unterkommen finden können, und welche Frei in der Gartengesellschaft No. 44. und Kirchhof im Wendunmuth I. No 8. erzählen. Die Teufel wollen sie nicht, weil sie das rothe Kreuz in der Fahne führen, und der Apostel Petrus läßt sie auch nicht ein, weil sie Bluthunde, arme Leut Macher, und Gotteslästerer wären. Der Hauptmann wirft dem Petrus seine Verrätherei an dem Herrn vor, daß dieser schamroth wird und ihnen ein Dorf Beit ein Weil (wart ein Weil.) zwischen Himmel und Hölle anweist, wo sie sitzen spielen und zechen; mit welcher Sage dann wieder viele Andere von dem St. Petrus und den Landsknechte zusammenhängen. – Endlich ist noch zu bemerken, daß Coreb und Fabel in dem lustigen Teufel von Edmonton (Tieck altengl. Theater II.) offenbar die Personen unseres Märchens sind.

Das Reisen der wohlthätigen Männer durch das Dorf, wo sie von den Reichen verschmäht, von dem Armen aufgenommen werden, erinnert an die Sage von Lot und den Engeln, von Philemon und Baucis bis auf viele neuere Traditionen, z.B. von einem Zwerglein, daß im Berner Oberland im Unwetter bei einem Armen einkehrte und ihn und seine Hütte vor dem nahen Untergang des Dorfs rettete. – Wegen der Intrigue vom Groß- und Kleinmachen vergleiche man das Märchen vom Blaubart.

Anhang Band 2

Num. 81. (Schmidt und Teufel.) Sobald man sich unter dem Schmidt mit seinem Hammer den Thor, unter dem Tod und Teufel einen plumpen Riesen denkt, gewinnt das Ganze eine wohlgegründete alt nordische Ansicht.

Hans Memling, Triptychon von Tod, irdischer Eitelkeit und himmlischer Erlösung, ca. 1485

Bilder: Albrecht Classen: The Epistemological Function of Monsters in the Middle Ages, 10. Februar 2013,
via Marioland: Das hat dir der Teufel gesagt!, Marios Märchenstunde Teil 4, 22. März 2013;
Stundenbuch der Katharina von Kleve, ca. 1440, via Danse Macabre, Medieval Woodcuts and Engravings;
Hans Memling: Triptychon von Tod, irdischer Eitelkeit und himmlischer Erlösung, ca. 1485, via Danse Macabre.
Soundtrack: God knows how I adore life aus: Beth Gibbons & Rustin Man: Mysteries, in: Out of Season, 2002.

Written by Wolf

19. Februar 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Vier letzte Dinge: Hölle

Helmstedt-Marienborn (Mitternacht) — Arizona (noon).

leave a comment »

Update zu Seht, Ehrenbreitstein mit gesprengter Mauer:

Arno Schmidt zählt zu den „schwierigen Autoren“ — ich kann’s nicht mehr hören.

Ist doch Kwattsch. Gut, man sollte schon vor Arno Schmidt einiges andere gelesen haben, aber unter 20 entdeckt man den doch sowieso nicht. Die gelinde gesagt eigenwillige Rechtschreibung voller „SilbmKünste & BuchstabmSchurkereien“ (Schmidt, Zettel’s Traum, 1970) und in den Typoskripten die Aufteilung in Schreibmaschinenspalten, das sind verdammte Versuche, dem Leser entgegenzukommen — um den Text geradewegs hörbar zu machen, und was soll ich sagen: Es funktioniert, da wird der Herr Schmidt sogar oft genug hörbar wahrer Rock ’n‘ Roll — oder in seinem Falle passender: schmissiger deutscher Schlager.

Wenn man nicht andauernd mit so einem distanzierten Kadaverrespekt vor der hehren Nachkriegsliteratur anfängt und sich nicht vor Schmidts ständig ausgestellten herrlichen Gelehrtenarroganz ängstigen lässt, merkt man erst, was selbst sein Opus magnum Zettel’s Traum für einen Heidenspaß macht. Dann spart man sich nebenbei die Radiomitschnitte, die inzwischen eh kaum mehr zu haben sind, und wenn, dann zu connaisseurhaft überzogenen Preisen. Schmidt hat alles unternommen, damit man ihn schon auf dem Papier hört. Das sind Erleichterungen, wie sie uns nicht gleich einer aus seiner Liga geschenkt hat.

Absichtlich außerhalb aller gesamtdeutschen Gedenktage gibt’s heute das Opus parvum Trommler beim Zaren über eine Grenzüberschreitung: im Schwierigkeitsgrad eher harmlos, mit allerhand Fernfahrerromantik und einem richtigen Spannungsbogen. Und das ist jetzt der Tipp des Jahres zur Unterrichtsgestaltung für Deutschlehrer: Es ist eine ganz und gar schulbuchmäßige Kurzgeschichte randvoller diskussionsträchtiger Bedeutungsebenen mit höchstem intredisziplinärem Potenzial, ausnahmsweise ohne Schmidts übliche Altmännerferkeleien, also durchweg jugendfrei, und mit dem Unterschied zum ewigen Heinrich Böll, dass man sie gerne liest. Kommt schon, tut eurer Mittelstufe was Gutes, für niemand anders als euch hab ich doch in nächtelanger Frickelarbeit die zuschandenkorrigierte Version in der Zeit auf die zuverlässig zeichengenaue nach der Studienausgabe zurückgeführt.

Zu den Bildern: Es kann sein, dass ich damit ein exquisites Fundstück aufgetan hab: Zuerst wollte ich ja fünf von den noch besser komponierten, weit wirksamer bedrückenden aus Karl-Heinz Stürings Grenzstreife von etwa 1958 bis 1959 — der mir aber dafür, dass er nicht auf meine Anfrage antwortet, entschieden zu gefährlich mit dem Copyright herumwedelt.

Im zweiten Gedanken bin ich so frei, mich aus der Veröffentlichung zur Heiligenseer Grenze zur DDR von Frank-Max „Postmaxe“ Polzin zu bedienen, der dazu anmerkt, die Bilder stammten „u.a. vom Heimatfreund Arno Schmidt […] und dem Heimatmuseum Hermsdorf.“ Es kann sein, sage ich, dass manche der 22 Bilder, von denen ich fünf verwende, vom Schreiber des Textes unabhängig von demselben stammen (fünf sind für die Textmenge eigentlich zu wenig, aber es gab nicht mehr Hochformate. Dafür wird nur zum aufschlussreichsten Bildmaterial zur Zonengrenze verlinkt). Es kann sein, sage ich, weil die Bilder nicht einzeln ausgewiesen sind und jemand, der vor Jahrzehnten Teile der innerdeutschen Grenze fotografiert hat, schon mal Arno Schmidt heißen und dabei ein „Heimatfreund“ sein kann, ohne nachmals Zettel’s Traum schreiben zu müssen. Es kann sein, sage ich, weil der Arno Schmidt, der das eben doch getan hat, auch mit Fotografien hervorgetreten ist, in ganz ähnlicher Machart — mit demselben Blick für die Poesie der provinziellen Tristesse. Es kann sein, sage ich, weil dann unter 5 von 22 Bildern mit 23 % Wahrscheinlichkeit eins von Arno Schmidt dabei wäre.

Aus thematischen Gründen wird der Soundtrack ausnahmsweise vorneweg ausgegeben, um einen Ohrwurm für die Geschichte zu setzen: C. W. McCall: Convoy, aus: Black Bear Road, 1975, in Sam Peckinpah: Convoy, 1978. Stellen Sie das recht gelungene Fan-Video mal spaßeshalber auf Vollbild, lesen Sie dann den Trommler beim Zaren mit sotaner Tonart im Ohr, schauen Sie mir in die Augen und sagen dann noch einmal, dass Arno Schmidt zu den „schwierigen Autoren“ zähle.

Wer — womit ich ausdrücklich nicht nur die Deutschlehrer aufrufe, die sowieso nie was merken — wer findet das Faust-Zitat bei Schmidt? Die Kommentarfunktion ist geöffnet. A-one, a-two:

——— Arno Schmidt:

Trommler beim Zaren.

Niederschrift des Typoskripts 22. August 1959, verderbt in: Die Zeit, 19. August 1960,
gültige Erstausgabe in: Trommler beim Zaren, Stahlberg Verlag, Karlsruhe 1966,
zeichengenau cit. Bargfelder Ausgabe, Werkgruppe 1: Romane Erzählungen Gedichte Juvenilia,
Studienausgabe Band 4: Kleinere Erzählungen Gedichte Juvenilia, 1988, Seite 129–134:

Ich selbst hab‘ ja nichts erlebt – was mir übrigens gar nichts ausmacht; ich bin nicht Narrs genug, einen Weltreisenden zu beneiden, dazu hab‘ ich zuviel im Seydlitz gelesen oder im Großen Brehm. Und was heißt schon New York ? Großstadt ist Großstadt; ich war oft genug in Hannover, ich kenn’s, wenn morgens tausend Henkelmänner mit ihren Kännchen aus dem Hauptbahnhof geschwindschreiten, in Fächerformation, hinein ins Vergoldete Zeitalter. Einer hat’n Gang, als käm ’n Dackel hinter ihm her. Backsteinfarbene Geschöpfe mischen sich ein, Schirmpfeile in den blutigen Händen, (oder auch in totschwarzen; gleich werden ihre Schreibmaschinen hell wie Wachtelschlag erklingen. Alle die Weckergeweckten. Schon räuspert sich das Auto neben mir strafend; dabei bin ich doch wirklich, schon rein äußerlich, nicht mehr in dem Alter, daß man mich in Verdacht haben könnte, der Anblick zweier Milchdrüsen vermöchte mich noch zum Trottel zu machen !).

Postmaxe, Ende der S-Bahnstrecke nach Hennigsdorf, 1989Also das Alles nicht. Aber Abends und Nachts spazieren geh‘ ich ganz gern – man beachte das dreifach-gaumige ‚g‘, mir ist es eben auch unangenehm aufgefallen (‚warum‘ will ich aber nicht wissen; ich halte nichts mehr von ‚psychologischen Befunden‘, seitdem ich mich einmal unter der Hand nach der Bedeutung solcher=meiner nächtlichen Gänge erkundigt habe. Ein Gutachten sagte klipp & klar, ich sei hyänenhaft=feige und eine potentielle Verbrechernatur; das sind die Meisten von uns, sicher. Das andere behauptete, ich wäre ein Mutfänomen – ach, du lieber Gott ! Es wurde mir jedenfalls sehr rasch zu viel, auch zu teuer. Ich hab‘ dann selbst längere Zeit darüber nachgedacht; der eigentliche Grund dürfte sein, daß ich so schlecht sehe und es mir am Tage zu hell und zu heiß ist.)

Jedenfalls gehe ich immer erst eine rundliche Stunde – ich hätte gebräuchlicher ‚runde‘ schreiben sollen, ich weiß; aber das hätte sich dann auf ‚Stunde‘ gereimt, und ich mag Gedichte nicht – da sieht man allerlei, und braucht sich nicht als ‚voyeur‘ vorzukommen, also ’schuldig‘ oder gar ’sündig‘ : den Meisten=von=Uns vergeht das Leben damit, die in der Jugend verkehrt eingestellten Maßstäbe mühsam wieder zu adjustieren.

Die Jahreszeit spielt dabei keine Rolle – ich kann durchaus einen winterlichen Neubau würdigen, früh um 5; und die Handwerker tauen die eingefrorene Pumpe des schon fertigen Nachbars mit lodernden Tapetenresten auf. Es darf ein Sommermeteor sein, der gegen Mitternacht seinen Nylonfaden durch die Giraffe zieht und über der DDR zerspringt; (ich wohn‘ so dicht am Zonengrenzübergang. Und erkenne also vorsichtshalber die DDR an). Es darf ein Spätherbstabend sein, wo man stehen bleibt und horcht : was war das Geräusch eben ? Eine nahe Grille, oder ein meilenferner Traktor ? (Zum Frühling fällt mir im Augenblick nichts ein, und ich bin nicht Pedant genug, mich deswegen irgendwie zu forcieren; der Herbst ist mir jedenfalls die liebste unter den Jahreszeiten.)

Anschließend gehe ich dann grundsätzlich noch in die Fernfahrerkneipe; und das kann eventuell lange dauern, denn da sitzen ja dann lauter Leute, die ‚etwas erlebt‘ haben, beziehungsweise alle noch mitten im Erleben drin sind, und zwar heftig.

Allein die ganze Atmosfäre dort : das hochoptische Gemisch aus nacktem Kunstlicht und kurz & klein gehackten Schatten. Die fleckigen Tischplatten (Decken haben davon nur die 2, links vom Eingang, wo die überwachten Vornehmen sitzen, in dünnen Fingerspiralen Eisglaskelche, auf denen Schlipsschleifen aus Zitronenschalen schwimmen : ER mit jener für öffentliche Ämter so unschätzbaren würdevollen Fadheit und leeren Ernsthaftigkeit, (dabei so doof, daß er nicht mal in der Hölle Eiskrem verkaufen könnte, wenn er selbständig sein müßte !); SIE von der Sorte, die auf Camping=Plätzen gleich Blümchen vors Zelt pflanzt und einen Tannenzapfen daneben legt.)

Postmaxe, Blick nach Stolpe Süd, 1962Die Ernstzunehmenden sind natürlich die Anderen, Männer wie Weiber. Meist breit, mit energisch=fleischverhangenen Gesichtern, die Fahrer; sämtlich fähig, ’ne abstrakte Kleinplastik notfalls als Büchsenöffner zu verwenden; (ich bin nicht für’s Moderne; man hat es vielleicht schon gemerkt). Die Frauen meist ‚Lieschen‘, mit leicht gezerrtem Defensor virginitatis, aber handfest : weder ist die Brust, vorn, Tarn & Tara, noch hinten die Porta Nigra.

Die betreffende breitschultrige Fünfzigerin hatte ich übrigens schon öfter hier gesehen; stets leicht be=bowlt, so daß die Stimme ein entzückend hoher heiserer Baß wurde. Eben erklärte sie vermittelst desselben : „Mein Vater war Trommler beim Zaren : bei mir ist Alles Natur !“. (Eine Logik, die mir zwar gewagt, ihrem heutigen Partner jedoch anscheinend legitim vorkam, denn er nickte eifrig. Seinen Beruf erkannte ich, als er dann gleich alleine abfuhr : er machte seinen Weekendausflug im Leichenauto. Und ich stellte mir das 1 Minute lang illustriert vor. Bis ich kichern mußte.)

Meine 2 Nachbarn auf der andern Seite bestellten sich erst „’ne Schachtel Zie’retten“, (der eine noch zusätzlich „Fefferminzbruch“); und dann machten sie Folgendes : Jeder tat in sein leeres Glas 2 gehäufte Teelöffel Nescafé und goß dann frisches Coca=Cola drüber : das schäumte hoch; dick & gelbbraun; Alles schien sich aufgelöst zu haben; sie schlürften und lächelten technoid. (Das muß ja auch toll aufpulvern ! Ma’probier’n.) Mit solchem Trank im Leibe hatten sie dann freilich gut ketzern lästern & erzählen :

von dem Kehlkopfoperierten, dem die Russen die silberne Kanüle aus dem Halse geklaut hatten; (dabei hatte er noch ‚Wilke‘ geheißen, was ja bekanntlich vom slawischen ‚Wlk‘, gleich ‚Wolf‘, kommt: es hatte alles nichts genützt !).

„Wat hat sich ’ne Hausanjeschtellte vadient, die 60 Jahre in een= und derselbn Famielje jearbeit‘ hat ?“ : „’ne Urkunde von’n Landrat,“ entschied der Andere pomadig. / Auch wollten sie, relata refero, Deutschland neutralisieren & entwaffnen; und dann noch ’ne solid=lose Konföderation ‚zwischen Bonn und der DDR‘; und ihre Begründung war, wie immer bei Fernfahrern, so dumm gar nicht. Sie gingen nämlich von der 5%=Klausel aus, und einem künftigen Weltstaat : in dessen Parlament wäre ‚Bonn‘ dann nämlich mitnichten vertreten ! „Denn fümf Prozent von drei Milljarden, det mußte Dir ma‘ ausrechnen, det sind hundertfuffzich Milljon‘ !“. (Und der Andere nickte, vorgeschobenen Untergelipps, à la ‚Ja bei uns schtimmt e’em ooch nich Alles‘.) / „Mensch, du liest noch Karlmay ? ! Bei dem kommt doch nich een Auto vor ! Da reiten se doch noch uff Ferden rum, wie beim Ollen Fritzen – det hat doch keene Zukumft !“ / (Und endlich fing er an, von ‚Erlebtem‘ zu erzählen – darauf hatte ich gewartet; darauf warte ich immer; ich warte ja überhaupt auf nichts anderes. Schon kam ich mir wieder vor, wie bei Homers: los: skin the goat !)

: der Betreffende – (Ich will ihn, geheimnisvoll, ‚Den Betreffenden‘ nennen. Das paßt für Viele : Dürre in Niedersachsen; dafür Überschwemmungen in Salzburg ? : ‚Der Betreffende hat wieder mal falsch disponiert !‘) – war ‚im Westen‘ zu Besuch gewesen, Jubeltrubelheiterkeit; und hatte, da seines Zeichens Omnibusunternehmer, auch hiesige Tankstellen und Autohändler frequentiert. Neidisch die besterhaltenen Gebrauchtwagen gemustert – auf einmal blitzte sein Blauauge : war das nicht dort derselbe Autobus wie ’seiner‘ ? Natürlich nur viel fescher, und fast wie neu. – : „Den müßte man haben !“

Handelseinig wurde man relativ rasch; denn der Betreffende war im Nebenberuf auch noch HO=Leiter, und da fällt ja bekanntlich immer Einiges ab. Nur hatte ’seiner‘ hinten noch 2 ovale Fenster drinne : ? : „Die schneiden wa rein !“

„Fuffzehntausend ? Na ?“. – „Ja. Aber zahlbar erst nach Empfang !“ (Und wie das Ding über die diversen Zonengrenzen kriegen; es war ja schließlich ein Objekt, das man sich nicht in den Ärmel schnipsen kann !).

: „Und denn haa’ck’n rüber jebracht !“. (Jetzt lehnte auch die Nachfahrin des Zarentrommlers ihre machtvollen Reize interessiert näher. Also zumindest ein Teil war bestimmt Natur).

: „Erst ha’m se noch det janze Verdeck innen vabrannt“; nämlich beim Einschneiden der, zur Tarnung unerläßlichen, beiden neuen Rückfenster. Bis aus Lüneburg mußte man einen Sattler ranholen : „und ick schtand wie uff Kohln ! Und et wurde Neune“ (und zwar P. M.; das dauert jetzt schon 30 Jahre, und die 24=Stunden=Zählung ist immer noch nicht volkstümlich geworden); „und et wurde Zehne : endlich, um Elwe, konnt’ick los !“

Postmaxe, Wachturm in Stolpe Süd, 1962Und war eine finstere Nacht gewesen : der Regen goß in Strömen; von den Wetterfähnlein der Kirchentürme kreischte es herunter, wenn er, seinen Leviathan hinter sich, durch die schlafenden Dörfer spritzte; Paul Revere war ein Waisenknabe; bis Helmstedt.

: „Den een‘ Zollfritzen kenn’ick; der saacht: ‚Kieck ma det Pärchen; die warten ooch schonn seit drei Taachen, det se Eener mitnimmt. Die sind beschtimmt durchgebrannt und wolln jetz wieda zu Muttien.‘ Finster sahn se ja aus.“ (Kunststück : 3 Tage warten; wahrscheinlich ungewaschen; ohne Geld; und dann bei dem Wetter. Jedenfalls hatte er sie, der Bus war ja ganz leer, dann um Gottes willen bis auf die Höhe von Lehnin mitgenommen. Begreiflicherweise auch den Rückspiegel so eingestellt, daß er vorsichtshalber die beiden Zerknitterten beobachten konnte. Beschrieb auch deren intimere Evolutionen, wozu unsere ältliche Hörerin, fachfraulch gepreßten Mundes, mehrfach billigend nickte. Einmal allerdings stieß sie verächtlich Nasenluft aus : Anfänger !).

: „Hinta Braunschweig hatt’ick schonn ma’ne Weiße Maus hinter mir jehabt“, (so nennt man in solcher Umgebung, unehrerbietig, einen einzelnen Verkehrspolizisten auf seinem Motorrad); in Westberlin aber war es dann gar ein „Peterwagen“ (also ein ganzes Polizeiauto) gewesen, das ihn an den Straßenrand gedrückt, und seine Papiere kontrolliert hatte : die waren auf DBR & Westberlin via Zone ausgestellt gewesen, und ergo unanfechtbar; hier lag ja auch gar nicht die Schwierigkeit; aber

: „nu schteh ick in Berlin=Schalottenburch, und der Betreffende kommt an : mit sonner Aktentasche ! Alles Fuffzijer und Hunderter.“ Da wurde einem, beiden Teilen bekannten und ehrwürdigen, neutralen Dritten, die Kaufsumme übergeben; der schrieb im Schweiße seines Angesichtes 15 Postanweisungen à tausend Mark aus, und gab erst mal 7 davon auf bei der Post – in Berlin wundert man sich über gar nichts mehr.

: „Haste de Nummernschilder ? !“ Nämlich von des Betreffenden „alter ostzonaler Schaukel“ : die mußten erst passend gemacht werden; das heißt, die Schraubenlöcher genau aufeinander, sämtliche Muttern geölt. Und dann als erstes wirkliches Risiko

: „durchs Brandenburger Tor : und det war vielleicht enge, Mensch, wie bei ’ner Jungfrau : ‚Kieck du links raus; ich rechts.'“; so waren sie, die Wände beinahe streifend, durch jenes nicht=marmorne deutsche Wahrzeichen gesteuert; und drüben harrte schon der Volkspolizist.

Nun braucht man im inner=berlinischen Verkehr weiter keine Papiere – aber daß sich Einer zur Besichtigung des Ostsektors ausgerechnet einen leeren Omnibus wählt, befremdete den Blanken, und mit Recht, doch ein wenig. Der Dicke aber, eiserner Stirnen rundherum übervoll, hatte so lange auf seine besichtigungslustige Korpulenz, und den 1 Freund, verwiesen, bis der Beamte endlich achselzuckend sagte: „Et kost‘ ja Ihr Benzien.“ Und ihn weiterließ.

Postmaxe, Wachturm bei Nacht in Stolpe Süd, 1962: „aber nu kam de eijentliche Schwierichkeit“; und das war der Übergang aus Ostberlin in die ‚Zone‘, also, disons le mot, die DDR : „Da hatt‘ ick nu schonn vorher meine Bekannten mobilisiert jehabt: ‚Sucht ma’n janz einsam Grenzüberjang raus'“ – er hielt den Zeigefinger effektvoll 3 Zentimeter vor die dicken Cäsarenlippen, und funkelte uns Lauschende majestätisch an (und geschmeichelt auch. Die Gebärden der Erzähler hier sind mannigfaltig.)

: „und zwar in Richtung Ludwigslust. – Ick fah da also immer an’n Kanal lank. Vor uns Keener, hinter uns Keener; et iss ja ooch bloß’n halber Feldwêch.“ Steuerbord voraus kam der Kontrollposten in Sicht : eine simple Bretterbude, ganz einfältig. Bis auf 300 Meter fuhren sie ran

: „dann wir runter. Ick saache : ‚De Schilder her : ick vorne, Du hinten !‘ Und de Muttern bloß so mit de Finger anjezogen. Rinn in’n Kanal mit de alten Schilder; und immer noch keen Aas in Sicht. Und ick richt‘ ma uff. Und ick dreh ma um. Und ick saache bloß : ‚Hier haste Dein‘ Omnibus.'“ (Und wir nickten Alle im neidischen Takt : es gibt schon noch Männer !).

: „Der konnte det jaa nich’jlooben ! Det er nu’n neuet Auto hatte.“ Hatte nur immer strahlend das neu auf West lackierte Ungetüm betrachtet, der Betreffende. Und dann wieder den mutig=Dicken. Hatte sich selig ans Steuer geschwungen; ihm noch „Hundert Ost : für’t Mittachessen !“ in die Hand hinuntergedrückt; und war dann abgebrummt.

: „ick seh ma det noch so an, wie er an det Wach=Häuseken da ran jondelt. Da kiekt een=Eenzjer raus, mi’m Kopp. Und winkt bloß so mit de Hand“ – so schwach und schläfrig winkte die seine nach, wie ich, in a long and misspent life, noch nie zuvor gesehen hatte – „und der winkt wieder – : und da iss er ooch schonn durch. Keene Kontrolle. Nischt. . . . . .“. Und breitete, leicht kopfschüttelnd, die Hände; und ließ sie wieder auf die Tischplatte sinken : geritzt.

Wir waren verpflichtet, wiederum zu nicken. Taten es auch gern. Der Andere bot ihm vor Anerkennung einen Stumpen.

„Det haa’ck übrijens ooch noch nich jewußt, det=det Brand’nburjer Tor nich massiv iß. Ick hab‘ immer jedacht, wenichstens Jranitt oder so.“ Aber der Erzähler schüttelte nur ablehnend den kundigen Kopf : nichts; gar nichts : „Überall blättert die Tünche ab.“

„Bei mir ist Alles Natur,“ sagte die Walküre, und lehnte sich voller zurück : „Mein Vater war Trommler beim Zaren !“

Postmaxe, Der Grenzübergang von Heiligensee Richtung Hamburg

Dokumentation als Unterrichtsmaterial: Jac Biermann: Helmstedt und seine Grenze, 1984:

Bilder: Frank-Max „Postmaxe“ Polzin: Heiligenseer Grenze zur DDR:

Diese Bilder stammen u.a. vom Heimatfreund Arno Schmidt, Berndt Wehrmann, Knut Lehmann, Dieter Lepke sowie Sigurd Hilkenbach, Harry Schulz, Rolf Klapputh und dem Heimatmuseum Hermsdorf.

  1. Ende der S-Bahnstrecke nach Hennigsdorf (1989);
  2. Blick nach Stolpe Süd (1962);
  3. Wachturm in Stolpe Süd (1962);
  4. Wachturm bei Nacht in Stolpe Süd (1962);
  5. Der Grenzübergang von Heiligensee Richtung Hamburg.

Written by Wolf

12. Februar 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Novecento

Inwendig Ochsenfleisch, auswendig Kuhhaut! Und so einer will Kind Gottes sein!

leave a comment »

Update zu Anständig essen:

Aus meiner Jugendzeit entsinne ich mich keiner großen emotionalen Reaktionen auf Bücher. Ich hab mich immer — übrigens auch bei Filmen — absichtlich kalt wie Hundeschnauze gehalten, weil ich dergleichen von Anfang an selber können und hinter den Erzählapparatus blicken wollte. Funktioniert hat der Tränenfluss nur einmal bei Peter Rosegger; die archaische Unschuld, die man dem lebenslangen Waldbauernbuben selbstverständlich in jedem Satz abnimmt, macht’s.

Mehr Argumente für eine vegane Lebensweise braucht’s nicht — oder wenigstens für einen bedachtsamen Umgang mit Sachen, die man aus Mitgeschöpfen herstellt, wie ich ihn seit einigen Jahrzehnten befürworte. Die Geschichte tut weniger weh als eine Fernsehreportage über Massentierhaltung und Viehtransporte; Gemüter, die nur ein Häuchlein zarter sind als mein gestriges Jungbullengulasch, planen trotzdem für die nächsten paar Tage kein Essen, dem man den Tierkadaver noch ansieht.

——— Peter Rosegger:

Das Schläfchen auf dem Semmering

aus: Waldheimat. Erzählungen aus der Jugendzeit. Band 2: Der Guckinsleben,
Verlag Gustav Heckenast, Preßburg 1877:

Das Mittagsmahl war vorüber. Den Rest der Milchsuppe hatte der Kettenhund bekommen, der dankbar mit dem Schweife wedelnd die Schüssel so blank leckte, daß die roten und blauen Blumen, sowie die Zahl des Geburtsjahres der geräumigen Tonschüssel klar zum Vorscheine kam. Der Hund beleckte, gleichsam zum Danke, dann auch noch die Blumen und die Jahreszahl, und gut war’s. Den Rest der Schmalznocken hatte die Bäuerin dem alten Zottentrager (Lumpensammler) verehrt, der auf der Ofenbank saß bei seinem großmächtigen Bündel, in welchem alle alten Fetzen von Alpel beisammen waren und der Papiermühle harrten. Der Zottentrager nahm weder die „Zotten“ umsonst, noch die Schmalznocken, er tat ein Täschlein auseinander und bot der Bäuerin zur Gegengabe drei Ellen blaue Schürzenbänder und ein paar englische Nadeln. Der Großknecht nannte ihn trotzdem einen Lumpenkerl.

Tina Sosna, Restless Wind, 15. September 2014Als wir vom Tische aufstanden, um wohlgesättigt wieder dem Tagwerke nachzugehen, steckte der Großknecht Rochus einen Ballen Tabak in den Mund. Trotzdem vermochte er noch zu reden und zum Hausvater das Wort zu sagen: „Bauer, brauchst du heute das Bendel?“ Bendel, das ist nämlich der geringschätzige Ausdruck für einen nichtigen kleinen Buben, der den Leuten unter den Beinen umherschlupft, wenn er beim Vieh nichts zu tun hat. Das Wort Bendel mußte auf mich passen, weil der Zieselhofbauer, bei dem ich damals als Schafhirt angestellt war, auf mich herabschaute und die Achseln zuckte. Er brauche mich nicht. Die Schafe seien ja in der eingezäunten Halde.

„Wenn du ihn nicht brauchst, so brauch‘ ich ihn,“ sagte der Knecht. „Wenn ich morgen ins Österreichische hinaus soll mit dem Leab, so muß das Vieh heut‘ ein paar Stunden umgetrieben werden auf dem Anger.“

Der Leab, das war durchaus kein „Vieh“, wie der Knecht in seiner Grobmauligkeit sagte, sondern das war unser falbes Öchslein, der Liebling des Hauses. Es mußte besonders brav sein, denn es wurde besser gehalten, als die anderen Rinder, es bekam Heu statt Stroh und Salzrübenbräu statt Spreufutter. Warum die Bevorzugung? Weil der Leab eben ein lieber Kerl war, der auch so schön jodeln konnte. Wenn er satt war und vor dem Stalle stand, so begann er zu lauten, die Töne, die er in kurzen Zwischenräumen ausstieß, waren wie heller Juchschrei, der drüben im Wald klingend widerhallte. Die anderen konnten es bei weitem nicht so. Ich wußte damals noch gar vieles nicht, unter anderem auch, warum der Leab so schön jauchzte. War es, weil es gar so lustig ist auf dieser Welt, wenn man nicht an den Pflug muß und so guten Salzrübenbräu kriegt, oder war es, weil er Genossen und Genossinnen herbeirufen wollte von den Weiden, oder war es, weil der Wald sein Jauchzen so munter beantwortete. Kurz, es machte sich alles so sein und nett mit dem Leab, und das war nicht bloße Höflichkeit, wenn es hieß, daß er sehr gut aussehe. Mit diesem lieben Öchslein nun sollte der Knecht Rochus am nächsten Tage ins Österreicherland reisen, über den Semmering hinüber. Man sprach gar von Wien, wo der Leab, wie es hieß, sein Glück machen sollte.

„Sodl, jetzt komm einmal, Bendel, nichtiges!“ Also hat der Knecht mich geworben. „Jetzt führ‘ den Leab aus dem Stall auf den Anger und treib‘ ihn ein paar Stündlein langsam herum. Na, hast mich verstanden?“

Iris Gassenbauer, Semmering, Eselstein, 15. September 2015Nun war das vom Leab eine besondere Gefälligkeit. Wenn ich ein gesunder starker Ochs bin, wie der Leab, so lasse ich mich nicht von einem Jungen, den sie das Bendel heißen, mir nichts dir nichts auf dem Anger umhertreiben. Entweder ich gebe ihm einen Deuter mit dem Hinterbein, daß er mich in Ruh lassen soll, oder ich tauche ihn mit dem gehörnten Kopf zu Boden. Mein Leab aber erkannte mir die Oberhoheit zu, oder es war ihm nicht der Mühe wert, einem winzigen Knirps sich zu widersetzen; er ließ sich gutmütig treiben. Etwas schwerfällig trottete er auf dem Rasen dahin, ich trappelte barfuß hinter ihm drein und wenn er stehenbleiben wollte, um sich zu lecken oder eine Schnauze voll Gras zu sich zu nehmen, so versetzte ich ihm mit der Gerte einen leichten Streich an den Schenkel, daß er weiter ging. So hatte es der Knecht angeordnet. Ich wußte nicht, was das Herumtrotten heute zu bedeuten hatte und mein Leab wußte es wahrscheinlich auch nicht. Der Mensch, wenn er so etwas nicht weiß, macht sich Sorgen darob, der Ochs nicht, trotzdem kam letzterer genau so weit als ich – etwa fünfzigmal um den Anger herum.

Am Abend, als wir müde und mit steifen Beinen in den Stall gingen, habe ich’s erst erfahren, weshalb die Rundreise verhängt worden war. Der Leab mußte sich für seine bevorstehende Fußpartie ins Österreicherland eingehen, weil er das Marschieren nicht gewohnt war. Bei mir stand die Sache nicht viel anders, denn auch ich war auserlesen, die Reise mitzutun.

Am nächsten Frühmorgen hatten wir, der große Knecht Rochus und der kleine Bendel, unser Halbfeiertagsgewand angelegt, ich auch mein neues Paar Schuhe, dann aßen wir Sterz und Milch, und der Leab bekam noch einmal seinen Salzrübenbrei. Während er mit Behagen sein Frühstück verzehrte, ahnungslos, daß es das letzte war in der Heimat, striegelte ihm der Ziegelhofbauer noch die Haare glatt und betastete mit Wohlgefallen den rundlichen Leib.

„Unter hundertsechzig treibst ihn wieder heim,“ sagte er dann zum Knecht. Das war mir nicht ganz verständlich, der Rochus aber nickte seinen Kopf. „Geh‘ nur her, Öchsel!“ sprach er und legte dem Genannten den Strick um die Hörner. Ich stand hinten mit der Gerte. Als wir so zu dreien durch das Hoftor hinaus davonzogen, brüllten die anderen Rinder des Stalles, und der Leab stieß ein paarmal sein helles Jauchzen aus. War ihm wirklich so wohl ums Herz, weil es jetzt in die helle Fremde ging, oder hatte der Arme nur einen einzigen Laut für Freud und Leid? Die Hausleute schauten uns nach, bis der Weg sich verlor im Schachen.

Tina Sosna, Restless Wind, 15. September 2014Anfangs ging’s etwas rostig, es waren uns die Beine noch steif von der gestrigen Angerwanderung, aber schon über dem Alpsteige wurden wir gelenkiger, und im Mürztale trabten wir zu acht Füßen ganz rüstig fürbaß.

„Sodl,“ sagte der Knecht, „bis die Sonne abi geht, müssen wir z’Gloggnitz sein. Heimfahren können wir morgen auf dem Dampfwagen, ist sicherer mit dem Geld.“

Und kam es jetzt auf, was der Rochus im Sinn hatte. Den Leab wollte er verkaufen. Zu Gloggnitz an einen Viehhändler, der ihn dann nach Wien führen würde. – Nein, das konnte dem Knecht nicht ernst sein. Verkaufen, den Leab! Derselbe Knecht hatte früher einmal am Feierabend eine Geschichte erzählt, wie ein Mann seinen Bruder an die Juden verkauft hatte… Und stimmte denn das mit dem, was meine Mutter daheim oftmals gesagt hatte, nämlich, daß auch das liebe Vieh unserem Herrgott gehöre, und daß Ochs und Esel die ersten gewesen, die beim Christkind Wache gehalten? –

Weil die Straße so breit und glatt vor uns da lag und das Öchslein so willig fürbaß ging, so konnten wir plaudern. Daheim plaudert kein Knecht mit dem Schafbuben, am wenigsten der ruppige Großknecht mit dem Bendel, aber in der Fremde schließen die Menschen sich nahe aneinander, selbst wenn ein Ochs dazwischen ist.

„Was wird er denn nachher machen, der Leab, z’Wien?“ fragte ich.

„Der wird totgeschlagen,“ antwortete der Knecht. Ich lachte überlaut, weil ich das grobe Wort für einen seinen Witz hielt.

„Übermorgen um die Stund hängt er schon an den Hinterbeinen beim Fleischhacker,“ setzte der Knecht bei. Mir ward plötzlich bange, ich schaute dem Leab ins Gesicht, das glotzte harmlos drein; er hatte nichts verstanden, gottlob. – Fleischhacker! Man hatte den Namen übrigens schon gehört. Als daheim die Mutter einmal schwer krank gewesen war, hatte der Arzt ein Pfund Suppenfleisch verordnet, zum Kraftmachen. Das war auch beim Fleischhacker geholt worden.

„Hi, Leab!“ sagte der Rochus und zog am Strick.

Dann fuhr er fort, wunderlich zu sprechen: „Das beste Fleisch geht allemal nach Wien. Wenn unsereiner auf der Kirchweih beim Fleischhacker im Dorfe ein Stückel kauft, kriegt man ein wiedenzähes Luder.“ – Was er nur da redet!

Iris Gassenbauer, Semmering, Eselstein, 15. September 2015Als wir beim jungen Lärchenwald am Anfang des Semmeringberges waren, wußte ich alles. Es war ganz unerhört. – Zurückführen nach Alpel konnte ich den armen, armen Leab nicht, ich hätte mit dem Knecht darum bis auf den Tod raufen müssen. Der Knecht Rochus hatte ja vom Bauern den Auftrag, den Leab in Gloggnitz dem Fleischhacker zu überantworten! Dann sollte das gute Ochsl zur Schlachtbank geführt, dort mit einer großen Hacke niedergeschlagen und hernach mit einem langen Messer erstochen werden. Alsdann sollten ihm die schönen schwarzen Hörnlein vom Haupte geschlagen und die Haut herabgezogen werden. Dann sollten ihm die Eingeweide herausgerissen und das Fleisch in tausend Stücke zerschnitten werden. Und diese Stücke würden gekocht, gebraten, von den Wienern verzehrt, so wie der Wolf das Schaf frißt, und die Katze die Maus! – Mir ward blau vor den Augen, ich taumelte hin an den Rain. Der Rochus steckte mir einen Bissen Brot in den Mund.

Später, wieder zu mir gekommen, schaute ich den Leab an. Der biß einen Grasschopf ab und kaute ihn mit aller Behaglichkeit hinein. Er weiß von nichts. Er hat’s gehört, aber nicht verstanden. O, argloses Gottesgeschöpf! – Ich hub an, laut zu brüllen.

Der Rochus lachte und gab mir zu bedenken, daß ich selbst schon Ochsenfleisch gegessen hätte! Ich selbst? Das war noch schöner! – Ja! Am Leihkauftag, wie uns der Bauer beim Wirt Braten mit Salat gezahlt. Das sei so etwas gewesen. – Mir wurde übel. Braten hatte ich freilich gegessen, er war sogar sehr gut gewesen, aber daß das ein Stück Tierleib sollte gewesen sein, der vorher geradeso warm gelebt, und vielleicht so hell gejauchzt hatte, wie der Leab! – Und daß die Menschen so etwas tun!

Als mir das erstemal die Gewißheit ward, daß alle Menschen sterben müssen, auch ich – da war mir nicht so abscheulich weh ums Herz, als an diesem Tage, wie ich erfahren, daß der Mensch das Tier ißt, mit welchem er vorher so zutraulich beisammen gelebt hat.

„Was ist denn das?“ fragte der Rochus und stupfte mit dem Stock auf meinen Fuß. „Ist das nicht ein Schuh?“

„Das ist mein Feiertagsschuh,“ gab ich artig zurück.

„Gelt, und mit dem gehst du in die Kirche und betest fleißig. Sag‘ mir schön, hast du die Scheckige noch gekannt, die unser Bauer im vorigen Jahr für ein Kalb umgetauscht hat?“

„Die scheckige Kuh, die mit dem Melkstuhl geschlagen worden ist von der Stallmagd, weil sie keine Milch geben hat wollen?“

„Richtig. Und geben hat sie keine wollen, weil sie keine mehr im Euter hat gehabt, und deswegen hat sie unser Bauer fortgetauscht. Was meinst, Schafhalterbub, wo wird sie sein jetzt, die scheckige Kuh?“

Riet ich: „Auf der Fischbacher Alm.“

Sagte er: „O, Tschapperl, auf der Fischbacher Alm! Wo du jetzt in ihrer Haut steckst!“ Und tippte wieder auf meine Schuhe. – Mich machten diese Offenbarungen ganz verwirrt. Inwendig Ochsenfleisch, auswendig Kuhhaut! Und so einer will Kind Gottes sein?! –

Tina Sosna, Restless Wind, 15. September 2014Auf der Semmeringhöhe, wo die grünen Matten waren, wollte unser Leab auf einmal nicht weiter, sondern setzte sich nieder.

„Das ist gar nicht so dumm!“ meinte der Rochus und setzte sich auch in den Schatten einer Lärche, denn es war heiß geworden. Ich hockte ebenfalls hin und lugte heimlich auf das Rind. Das tat gemütlich wiederkauen, der Knecht tat’s auch an seinem Tabak, und dabei kratzte er das Tier zärtlich hinter den Ohren. Der Leab war dessen froh und streckte traulich den großen Kopf so zurecht, daß der Rochus gut krauen konnte. Und jetzt dachte ich: Wie doch der Mensch so falsch sein kann! – Ich meinte damit den Knecht und mich und alle, die ein Haustier so liebhaben, daß sie es endlich zur Schlachtbank führen und aufzehren. Endlich hatte der Leab sein schweres Haupt auf den Rasen hingelegt und machte die großen runden Augen zu. Der Rochus lehnte sich an den Baumstamm und duselte auch ein. Jetzt schliefen sie beide – aber den Schlaf des Gerechten sicherlich nur einer. Der Knecht hatte den Strick noch schlafend um die Hand gewunden, mit dem er das ahnungslose Schlachtopfer hielt. Ich war voller Betrübnis.

Kam des Weges her, den wir gekommen, ein großes graues Bündel, unter denselben gebückt der alte Zottentrager, der tags zuvor in unserem Hause gewesen. Der stand still, streckte seinen langen braunen Hals nach mir vor und fragte flüsternd: „Was hat’s denn, Bübel?“

Schluchzend stand ich auf und vertraute dem weltfremden Menschen meinen Schmerz.

„Das Öchsl tut mir so viel derbarmen, weil es zum Fleischhacker muß.“

„So, so! zum Fleischhacker!“ flüsterte der Alte und verzog sein runzeliges Gesicht zu einer schrecklich lächerlichen Larve. Aber ich konnte nicht lachen, mußte immer noch heftiger weinen aus Erbarmnis, weil der liebe gute Leab so arglos und unschuldig schlummerte.

„Ist das nit dem Zieselhofer von Alpel sein Knecht?“ fragte dann leise der Zottentrager, auf den Rochus deutend, „Ist schon gut. Der hat mich gestern mit einem Lumpenkerl angemurmelt. Lumpenkerl, der bin ich, gewiß auch noch, daß ich’s bin. Weil ich ein Kerl bin, der Lumpen tragt. Aber anmurmeln laß ich mich nit so. Gesagt ist’s! Heute wird er die Lumpen nit verachten, wenn sie ihm der Viehhändler als nagelneue Hunderter auf die Hand tut. Aber wart, altes Murmeltier, so gut sollst es nit haben! Gesagt ist’s! Dem kleinen Edelmann da tut eh‘ der Ochs leid. Mir auch. Schlaf süß, du holdseliger Bauernknecht, du kotzengrober! Der Ochs soll in den grünen Wald gehen, und nit zum Fleischhacker. Gesagt ist’s und –“ mit dem Taschenmesser schnitt er den Strick durch – „getan ist’s.“

Das alles war im Flüsterton herausgestoßen, nun rüttelte er den Ochsen bei den Hörnern: „Steh‘ eilends auf, Herr Ochs, und fliehe!“

Der Leab glotzte ob solcher Belästigung etwas verblüfft umher, dann stand er schlotterig auf, zuerst mit den Hinter-, dann auch mit den Vorderfüßen und ließ sich vomZottentrager in den Wald führen. Der alte Spitzbube zischelte mir noch zu: „Du schlafst auch, Jüngling, und weißt von nichts.“ Dann rückte er sein Bündel mieder auf und huschte davon.

Iris Gassenbauer, Semmering, Eselstein, 15. September 2015Ein junger Mensch ist bald verführt, wenn er verführt sein will. Ich streckte mich auf den Rasen, drückte meine Augen zu und wartete, bis der Knecht Rochus die seinen ausmachte. – Das wird ein schreckliches Erwachen merden! Ich bangte davor und war höllisch neugierig drauf. Ich blinzelte zwischen den Augenwimpern wohl doch ein wenig auf ihn hin. Er schlief so arglos, wie früher der Leab. Jetzt tat mir der Knecht leid, wie früher der Ochs. Fest um die Hand gewickelt hielt er den abgeschnittenen Strick. Jetzt zuckte er ein wenig mit derselben Hand, als wollte er das Tier an sich ziehen. Das gab keinen Widerstand. Er riß die Augen auf, warf den Kopf, sprang empor: „Der Ochs!“ Ein wahrhaftes Angstgebrüll: „Bub, wo ist der Ochs!“

Ich tat, als wäre ich eben auch erst erwacht, streckte die Arme aus, gähnte und sagte mit der ganzen Niederträchtigkeit eines Zottentragers: „Hast du den Leab schon verkauft?“

„Gestohlen! Geraubt! Weggeraubt!“ schrie der Knecht und schoß umher wie ein scharf losgelassener Kreisel. Die Faust, um welche der Strick noch geschlungen war, streckte er gegen Himmel, und an mir vorüber rasend, schien es einen Augenblick, als wollte er sie auf mich niedersausen lassen. Mir war nicht zum Lachen, und die Freude an dem geretteten Leab löste sich in eine schreckliche Angst vor dem schnaubenden Großknecht. Seine Fäuste lösten sich bald in flache Hände auf, mit denen er sich jammernd den Kopf hielt. Das viele Geld! Auf Jahre hinaus der Dienstlohn weg, auf viele Jahre hinaus! Der Bauer werde ihm nichts schenken. Vielmehr strafen werde er ihn für die Fahrlässigkeit. Auf fremden Straßen einzuschlafen! Es sei auch zu pflichtvergessen! Zu pflichtvergessen! „Mein Bübel,“ rief er mir zu, in seiner Verzweiflung zärtlicher als je, „lauf du zurück auf der Straßen, wo wir hergekommen, vielleicht derwischest du den Dieb! Ich werde auf die Österreicherseiten hinaus. Weit kann er ja noch nicht sein. O, mein liebes Geld, mein liebes Geld!“

So wollten wir uns ausmachen zur Verfolgung des Wichtes, der uns den Leab gestohlen, da hub es im nächsten Dickicht an in hellen Stößen zu lauten…

O, Ochs, du jauchzest dich in den Tod hinein! – Drei Stunden später hat zu Gloggnitz der Händler den Leab übernommen und ihn dem großen Mastviehtransport einverleibt, der nach Wien ging.

Tina Sosna, Restless Wind, 15. September 2014

Die Bilder: Iris Gassenbauer: Semmering // Eselstein, 15. September 2015 und
Tina Sosna: Restless Wind, 15. September 2014
verlinken, weil mir an allen etwas liegt, zu:

  1. Slow Food Deutschland statt Österreich;
  2. Animals‘ Angels Deutschland statt international;
  3. die Datenbank historischer Kochrezepte Allerhandt neue Kocherey des Oberösterreichischen Landesmuseums;
  4. die Tipps zum Einstieg ins vegane Leben von PETA;
  5. Mythologie rund ums Rind der Rindfleischerzeugung in Österreich;
  6. den Volltext Peter Rosegger: Waldheimat und
  7. 205 Ochsenrezepte.

Written by Wolf

5. Februar 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Nahrung & Völlerei, Realismus

Imbolc Blessings: My heart is as black as the blackness of the sloe

leave a comment »

Update zu Nunc dimittis mit Fried und Freud
und Break in college sick bay:

Lichtmess ist der liebenswerteste Feiertag im ganzen Jahreskreis. Lichtmess bedeutet, dass die Tage schon messbar länger und heller werden. Lichtmess handelt von hoffnungsfrohem Erwachen und Zuversicht. Außerdem ist es nicht so überladen mit Feier- und Geschenkverpflichtungen: Lichtmess feiert nur, wem es am Herzen liegt.

Vor allem feiern es die heutigen Wicca- und paganischen Religionen, die ihm gern eine schwärzere Seite verleihen; bei ihnen heißt es Imbolc und gilt der Göttin Brigid — „a woman of poetry, and poets worshipped her, for her sway was very great and very noble. And she was a woman of healing along with that, and a woman of smith’s work, and it was she first made the whistle for calling one to another through the night.“

Eine heidnische, aber durchaus christlich vertretbaren Werten verpflichtete Heilige also, nicht weniger liebenswert als ihr Feiertag, der 2. Februar, im Christlichen: Lichtmess, das Fest der Darstellung des Herrn. So wird sie von der ungemein verdienstreichen Lady Augusta Gregory 1904 in Gods and Fighting Men beschrieben.

Die unmittelbare Literatur über diese woman of poetry stammt aus einer selbst schon sagenumwobenen Zeit: dem alten Irland vor der Christianisierung — und der Heilige Patrick hat die heidnische Insel schon im 5. Jahrhundert katholisch gemacht. Selbst fürs ach so christliche Abendland, in dem die meisten Völker noch mit der Völkerwanderung beschäftigt waren, um einen warmen Platz für ihre Hintern zu suchen, und noch keineswegs mit der Übernahme einer noch kürzlich unter Todesstrafe stehenden Religion aus der orientalischen Provinz, die gerade seit anno Domini 380 plötzlich die vom allgemeinen Hunneneinfall überschattete Staatsreligion war, ist das für eine erfolgreiche Missionierung recht frühzeitig. Also: alt.

Gedichte über Brigid aus der Zeit, als sie noch kanonisch verehrt wurde, sind dafür, dass sie überhaupt erhalten sind, historisch nicht genug zu würdigen, geben aber für heutige Begriffe künstlerisch nicht viel her. Lady Gregory hat aber bei ihren umfassenden folkloristischen Forschungen ein altirisches Gedicht aus dem 8. Jahrhundert ausgegraben, das einen, in eine vorsichtig modernisierte Form gebracht, heute noch umhauen kann.

Kurzzeitig bekannt wurde Lady Gregorys sehr freie Übersetzung in cinephilen Kreisen anlässlich Die Toten von John Huston, 1987. Für diese Literaturverfilmung, die mit allen Längen und Ausschmückungen ohnehin nur auf 87 Minuten kommt, wurde eigens die neue Figur des Mr. Grace eingeführt, die das Gedicht vorlesen kann; Sean McClory spielt und rezitiert.

So frei ist Lady Gregorys Übersetzung, dass sie die vorhandenen 14 irischen Strophen in neun englischen untergebracht hat. Eine weitere soll vor der Strophe „When I go by myself to the Well of Loneliness“ ausgeschieden sein, das wäre die fünfte und somit zentrale. Ich füge sie hier als Internet-Premiere an der vorgesehenen Stelle ein. — Eine deutsche Übersetzung ist mir nicht bekannt, für die Interpretation empfehle ich wärmstens die tiefgehende Folge von Carol Rumens: Poem of the week: Donal Og by Lady Augusta Gregory in The Guardian, 19. April 2010.

Das Gedicht feiert weder Lichtmess noch Imbolc ausdrücklich, Die Toten spielt bei John Huston wie bei James Joyce an Epiphanias, das ist der Dreikönigstag am 6. Januar — als formal verbindendes Element am Ende eines winterlichen Jahresabschnitts. Sein Geist passt unschlagbar auf die schwärzere Seite einer woman of poetry.

——— Lady Augusta Gregory:

Donal Og

Translated from an anonymous eighth-century Irish poem:

It is late last night the dog was speaking of you;
the snipe was speaking of you in her deep marsh.
It is you are the lonely bird through the woods;
and that you may be without a mate until you find me.

You promised me, and you said a lie to me,
that you would be before me where the sheep are flocked;
I gave a whistle and three hundred cries to you,
and I found nothing there but a bleating lamb.

You promised me a thing that was hard for you,
a ship of gold under a silver mast;
twelve towns with a market in all of them,
and a fine white court by the side of the sea.

You promised me a thing that is not possible,
that you would give me gloves of the skin of a fish;
that you would give me shoes of the skin of a bird;
and a suit of the dearest silk in Ireland.

It is early in the morning that I saw him coming,
going along the road on the back of a horse;
he did not come to me; he made nothing of me;
and it is on my way home that I cried my fill.

When I go by myself to the Well of Loneliness,
I sit down and I go through my trouble;
when I see the world and do not see my boy,
he that has an amber shade in his hair.

It was on that Sunday I gave my love to you;
the Sunday that is last before Easter Sunday
and myself on my knees reading the Passion;
and my two eyes giving love to you for ever.

My mother has said to me not to be talking with you today,
or tomorrow, or on the Sunday;
it was a bad time she took for telling me that;
it was shutting the door after the house was robbed.

My heart is as black as the blackness of the sloe,
or as the black coal that is on the smith’s forge;
or as the sole of a shoe left in white halls;
it was you put that darkness over my life.

You have taken the east from me, you have taken the west from me;
you have taken what is before me and what is behind me;
you have taken the moon, you have taken the sun from me;
and my fear is great that you have taken God from me!

Branna Laurelin, Forest Harp Fairy, 2013

Bilder: Flora Lion: Isabella Augusta (née Persse), Lady Gregory, Lithographie 1913, 356 mm x 260 mm, National Portrait Gallery, London;
Mary Cicely Barker: The Snowdrop Fairy, aus: Flower Fairies of the Spring, 1923
via Tinkerbell: Blessed Imbolc, 1. Februar 2011:

May Brighid’s fire light your path and her blessings be upon your home & hearth!

Branna Laurelin: Forest Harp Fariy, 2013.

Soundtrack: Booker Bird 66, March 17th, 2013: The Pogues: The Sickbed of Cuchulainn, from Rum Sodomy & the Lash, Stiff, MCA, 1985 — „featuring the great Irish American Buster Keaton. Buster was buried with a rosary in one pocket and a deck of cards in the other. I do not own the right to the music and is not for profit fan video.“ — Bitte laut!

Written by Wolf

2. Februar 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Glaube & Eifer, Novecento