Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for September 2022

Das phantastische Gepränge der wunderlichen Marionettenbühne

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Update zu Zwischenmaschine,
Denkst du denn nicht an den Loup Garou?,
So habt ihr nie den Mond bedacht,
Der Sommer ohne Freischütz,
Vater, verlass mich nicht, wenn das Glöckchen läutet
und So war’s dem Doctor Faust nicht halb zu Muth:


„Wie Hält Er’s eigentlich mit dem Lenau?“ – Das sind im Ernst die Fragen, die atmende, lebensfrohe Menschen mir stellen.

„Och“, sag ich, „Ösi. Die machen eigentlich wenig falsch. Als erstes ist der mir im Schüler Gerber vom Mit-Ösi Torberg unterlaufen, wo ihm ein Gedicht von Lenau das Abitur rettet, was ihn aber dann doch nicht vom Selbstmord abhält. Den Schüler nämlich. Außerdem hat Hannes Wader auf seiner gar nicht genug zu schätzenden Volkslieder-Platte 1990 das von den Drei Zigeunern so eingesungen, wie sich’s gehört. Mit ihm ‚halten‘ wär schon übertrieben.“

„Tu Er das nicht“, sagt man dann, „Nikolaus Lenau ist die Romantik in Person. Genau Sein Ding.“

„Du meinst, die österreichische Romantik.“

„Sag ich doch. Schau Er mal nach seiner Ballade Die Marionetten. Wird Ihm aber wahrscheinlich zu gruselig sein.“

Wer das auf sich sitzen ließe. Auf die Tour findet man sogar noch offensichtliche Druckfehler in einer historisch-kritischen Gesamtausgabe.

Marionettes via Frank T. Zumbach

——— Nikolaus Lenau:

Die Marionetten

Nachtstück

1834, cit. nach der historisch-kritischen Gesamtausgabe, Deuticke Klett-Cotta, Wien 1995, Seite 288 bis 299:

Erster Gesang

Der Gang zum Eremiten

Grau düst’re Felsen sah ich trotzig ragen
Aus eines Thales stillen Finsternissen,
Als wollten kühn den Himmel sie verjagen,
Dem sie den Schleyer vom Gesicht gerissen.
Abgründe, ihre Riesengräber, lauern
In sicherer Geduld zu ihren Füßen.
Kein Vogelsang, kein Bach, kein Waldesschauern;
Kein Klageton entfährt dem finstern Thale;
Nur stummes, unermeßlich wildes Trauern!
Einsam verkümmert steht der Strauch, der kahle,
Hat Regen nur, und Sturm und Frost erlebt,
Stirbt ungeliebt vom süßen Sonnenstrahle;
An seinen Ästen, windgefächelt, bebt
Die Wolle eines Lamms, wie stumme Klage,
Und des zerriß’nen Blut am Boden klebt.
Dort fliegt mit leisem, satten Flügelschlage
Ein Geyer seinem Felsenhorste zu.
Auf grüner Trift, erquickt vom Sommertage,
Schuldloses Lamm, wie fröhlich irrtest du
Mit deiner Weide friedlichen Genossen,
Indeß auf dich aus heitrer Lüfte Ruh‘
Vormordend Geyerblicke niederschossen!
Der Geyer, stürzend sich in seinen Blick,
Kommt plötzlich auf das Lamm herabgestoßen,
Und reißt es fort aus seinem Jugendglück;
Hoch über Wälder, Thale, Felsenriffe,
Fliegt er damit in seine Nacht zurück.
Es zittert, wimmert; doch mit fest’rem Griffe
Umklammert er’s, ob sich am Angstgeschrey
Die scharfe Gier des Mörders schärfer schliffe. –
Nun drang ich tiefer, an dem Strauch vorbey,
Und wilder immer ward des Thales Grund,
Die dunkle Wiege der Melancholey.
Da bricht aus dornumstarrtem Felsenmund‘
Ein Quell hervor, die lange Ruh‘ zu stören,
Und braus’t hinunter in den off’nen Schlund.
Unheimlich ist, und grausenvoll zu hören
Das hohle Tosen in den Steinverliesen,
Wo murmelnd Nacht und Tod sich Treue schwören.
Wie, trauernd nach verlor’nen Paradiesen,
Des Freundes Haupt an’s Herz des Freundes fällt,
Umarmen sich die ernsten Felsenriesen.
Und weiter drang ich, dämmerlich erhellt
War mir die Schlucht, es fiel ein leiser Regen,
Der Himmel Blitze durch die Fenster schnellt‘,
Und fernher klang’s von dumpfen Donnerschlägen.
Gar seltsam bleich erschien mir das Gesicht
Des Eremiten, der mir trat entgegen.
Es wankt um ihn ein zweifelhaftes Licht,
Der Sturm ist laut und plötzlich aufgefahren,
Wie, wer verschlafen, schnell vom Lager bricht.
Er faßt den Alten an den grauen Haaren;
Der aber schreitet durch des Sturmes Macht,
Uneingedenk der Wetter und Gefahren.
Bald ist er mir begraben von der Nacht,
Bald wieder glüht er auf im Wetterschein,
Als hätt‘ ihn hell der Windstoß angefacht.
Nun schritt er näher, und gewahrte mein,
Und hieß mich froh mit gastlich mildem Worte
In seinen Wildnissen willkommen seyn.
Und durch des Klippenthals geheimste Orte,
Durch des Gewitters wachsendes Gebrause
Führt‘ er mich fort zu einer schmalen Pforte,
Und grüßte mich in seiner öden Klause.

Maximilian Lenz

Zweyter Gesang

Lorenzo

Der Sturm verstummte, die Gewitter schwiegen,
Das volle Mondlicht hatte sich ergossen,
Beruhigend sich an das Thal zu schmiegen.
Ich saß mit meinem wirthlichen Genossen
Beym Abendmahl, da hob er seinen Wein,
Mich feyerlich einladend, anzustoßen.
Ein Frauenbild, erhellt von Lampenschein,
Hing an der Wand, umhüllt von schwarzem Flor;
D’rauf wies er hin und sprach: „Ich denke dein!“
Und plötzlich stürzten Thränen ihm hervor.
Auf seinen Zügen lag ein tiefes Leid,
Wie er im theuren Bilde sich verlor.
Ich that auf’s Wohl der Todten ihm Bescheid,
Und als ich anstieß mit dem trüben Zecher,
Da hatte heimlich mir die Ewigkeit
Von ihrem Ernst geträufelt in den Becher.
Der Eremit begann mit scheuem Munde
Von einer schwarzen That und ihrem Rächer
Zu geben mir die schaudervolle Kunde,
Und wie er in’s vergang’ne Leben schied,
Riß er die Zeit von jeder Herzenswunde. –
– O Gott des Schmerzes! rüste du mein Lied,
Und wappne mich auf den verweg’nen Gang
Durch’s ungeheuer nächtliche Gebiet!
Gib mir ein wildes Herz, daß mein Gesang
Auf seiner Bahn vor Schreck nicht sterben dürfe.
Gib mir ein Herz, das lauten Wetterklang
Wie süße Nachtigallenlieder schlürfe;
Und wenn in’s Thal mit grimmigem Frohlocken
Die Stürme werfen ihre Donnerwürfe,
Daß Wald und Fels herunterbricht erschrocken:
Dem Herzen sey’s schwermüthiges Behagen,
Wie Niedersäuseln welker Blüthenflocken! –
„Graf Robert sehnte sich nach stillen Tagen,
Er hatte viel sich durch die Welt getrieben,
Des Lebens manchen heißen Kampf geschlagen.
Im Herbst der Tage schwanden ihm die Lieben;
Da wird die Lebensflur so still, so leer;
Wohl dir, ist dann ein Kind dir noch geblieben,
Denn leiser fallen dir und minder schwer
Des Alters unvermeidlich bitt’re Loose,
Dir weht es milder von den Gräbern her!–
Roberto weint‘ an manchen Hügels Moose,
Trübhadernd mit den räuberischen Jahren,
Nun hing sein Herz an seiner letzten Rose.
Geschieden von der Welt bewegten Schaaren
Hat sich Robert, der nur den Frieden sucht,
Des Glückes letzte Spur sich zu bewahren.
Er zog mit seinem Kind in diese Schlucht;
Maria that in ihrer Morgenblüthe
Der Einsamkeit entsagungsvolle Flucht.
An Schönheit wunderbar, an tiefer Güte,
War selige Genüg‘ ihr stilles Leben,
Daß sie den Abend ihres Vaters hüte.
Auf jenen Felsen, die am höchsten streben,
Stand ihm sein Ahnenschloß, seit lange wüste,
Wehrlos dem Sturz der Zeiten hingegeben;
Von wannen einst in krieg’rischem Gelüste
Der Ritter brausen ließ die blut’gen Fahnen,
Wo man den Freund mit Wein und Sang begrüßte.
Dahin von seinen sturmbewegten Bahnen
Trieb ihn die Sehnsucht, nach den Tannenhainen,
Zur längst verglühten Asche seiner Ahnen.
„Dort will ich meine letzte Thräne weinen
Dem treuen Weib; dort wird dem Tode mild
Des Kindes Lieb‘ in’s finstre Antlitz scheinen!“
So malte sich sein Herz des Schicksals Bild,
Als mit Marien er die alten Mauern
Bezog in diesem einsamen Gefild.“ –
Nun schwieg der Eremit und sank mit Schauern
Zurück in der Erinn’rung dunkle Nächte;
Bis wieder er begann mit tiefem Trauern:
„Ich war ein Jüngling, würdigem Geschlechte
Entsprossen, mit dem tapfern alten Grafen
Zurückgekehrt aus rühmlichem Gefechte,
Als mich die Blicke seiner Tochter trafen
Und mich durchdrangen mit fo heißen Wunden,
Die nur mit meinem letzten Hauch entschlafen.
Hab‘ ich auch Liebe nicht bei ihr gefunden,
Blieb doch seit jenem süßen Augenblick
Der Wunsch, je zu genesen, überwunden.
Roberto, gönnend mir ein froh Geschick,
Erhoffte von der leisen Macht der Tage,
Daß sich ihr Herz noch neige meinem Glück,
Und daß ich nicht dem Waffenfreund versage,
Zu folgen ihm auf seiner Väter Schloß.
Ich folgte trauernd, aber ohne Klage.
Wenn ich die Näh‘ der Himmlischen genoß,
Der Wimper keine Bettlerin entschlich,
Was ich an Thränen einsam auch vergoß.
Ein schnelles Jahr, voll bittrer Wonn‘, entwich,
Umsonst hat sie mein stummer Schmerz beschworen;
Mir sprach kein Hauch, kein Blick: ich liebe dich!
Das Loos hatt‘ einen Andern ihr erkoren,
Der wie ein Sturm ihr junges Herz bezwang,
An den sie Herz und all ihr Glück verloren. –
Einst saßen wir am steilen Felsenhang
Vor dem Ruinenschloß und überließen
Nachsinnend uns dem Sonnenuntergang.
Dort sah ich ganz die Rose sich erschließen:
Maria’s offnes Auge, tief und klar,
Schien Seelen in den Abend auszugießen;
Die leisen Winde küßten ihr das Haar,
Auf ihren Busen kamen, sich zu wiegen,
Die Purpurstrahlen hell und wunderbar;
Der Himmel schien am Halse ihr zu liegen.
Ich aber wünscht‘, es möchte meine Seele
In solchem Anblick sterben und versiegen.
Und ich begann, daß ich mein Leid verhehle,
Zu singen mit Robert, dem Mann der Waffen,
Ein altes Reiterlied aus voller Kehle.
Da stört‘ uns plötzlich lautes Hundeklaffen:
Zwei Doggen kamen schnell heraufgesprungen,
Als wollten sie dem Wind ein Wild entraffen,
Und hinterdrein, von Fels zu Fels geschwungen,
Mit stolzem Wuchs, waidmänmsch angethan,
Die Faust um’s schlanke Feuerrohr geschlungen,
Kam rasch und kühn ein Mann den Berg heran.
Und mich erfaßt‘ ein sonderbar Gefühl,
Als ich ihn sah mit leichtem Gruße nah’n:
Die Stirne brütend und gewitterschwül,
Die Augen zwei gefang’ne Blitze brennen:
Doch lag es um die Lippen ihm so kühl,
Ein Räthsel, unerfreulich zu erkennen.
Die Blässe sprach: dies Herz hat keinen Frieden;
Unheimlich schön war die Gestalt zu nennen.
Ob auch Maria’s Blicke ihn vermieden,
Ich sah des Vaters Hand sie zitternd fassen;
Auf immer war die Ruh‘ von ihr geschieden,
Ich sah ihr wechselnd Glühen und Erblassen,
Und ich empfand in meines Herzens Grunde
Zu jenem Fremden ahnungsvolles Hassen. –
Ich will vollenden dir die trübe Kunde,
Doch vor Maria’s theurem Bilde nicht,
Komm, folge mir in dieser stillen Stunde!“ –
So sprach der Eremit, und nahm ein Licht,
Und ernst verließen wir das kleine Haus.
Er sah mir recht bekümmert in’s Gesicht,
Und wies mir in die dunkle Nacht hinaus.

Witold Wojtkiewicz

Dritter Gesang

Antonio

Der Klausner trug die leuchtende Laterne.
Fort war der Mond, aus finstern Wolken glommen
Nur matt und scheu hervor die seltnen Sterne.
Mich aber hatte plötzlich überkommen
Die große Wehmuth der Vergangenheit.
Ich that dem Alten schweigend und beklommen
Durch seinen dunklen Garten das Geleit.
Ich dachte traurig an so manches Grab,
Und allen Todten war mein Herz geweiht.
Auch die Natur, die nächtlich stille, gab
Gedankenvoller Wehmuth sich zu eigen.
Nach dem Gewitter tropft‘ es noch herab
Wie weinendes Erinnern, von den Zweigen.
So mochten wir wohl eine Stunde zieh’n
Durch Fels und Wald mit ungebroch’nem Schweigen.
Wir sah’n die Wolken kommen und entflieh’n,
Den Mond verhüllen bald, und wiedergeben,
D’rauf wies der Alte sinnig deutend hin,
Und endlich sprach er: „Dort am Fels erheben
Die Mauern sich vom alten Grafenschloß!
Dort wollen wir den Rest der Nacht verleben!“
Und schneller schritt mein leitender Genoß
Den Bergpfad mir voran im Mondenscheine,
Der wie versöhnend die Ruin‘ umfloß.
„Hier“ – fuhr der Alte fort – „an diesem Steine,
Hier saß Maria, ich vergess‘ es nimmer,
Die schöne Jungfrau noch, die himmlisch reine,
Umspielt vom linden West, vom Purpurschimmer;
Hier stand vor ihr der falsche Bösewicht,
Der lächelnd sie zerbrach in kalte Trümmer.
O Mayenluft, o helles Abendlicht!
Warum habt ihr das arme Kind verrathen,
Da ihr geschmeichelt ihr um’s Angesicht,
Daß ihre tiefsten Blicke auf sich thaten,
Daß ihre Reize all‘, von euch betrogen,
Unselig siegreich auf die Wange traten?
Wie heiß Lorenzo’s Blicke sie umflogen,
Froh schwelgend in der Blüthe vollem Prangen,
Den holden Reichthum überrascht erwogen!
Wie zauberisch Lorenzo’s Lippen klangen!
Bald süß und weich die weltgeschliffnen Worte,
Bald kühn und kräftig auf den Hörer drangen,
Womit er bald ein junges Herz durchbohrte!
Den Vater auch bezwang der Rede Kraft,
Und brach zu seiner Gunst die letzte Pforte.
Mir ward Roberto’s Schloß zur Kerkerhaft,
Ich stieg zu Roß in selber Nacht und sprengte
Von dannen schnell mit meiner Leidenschaft.
Doch, ob ich auch mich in die Schlachten mengte,
Ich konnte nicht die Glut im Herzen mildern,
Die heimlich und unlöschbar mich versengte.
Lang kämpft‘ ich mit des Zweifels schwanken Bildern,
Bis aus der Heimat mir ein Bothe kam,
Die traurige Gewißheit mir zu schildern:
Wie frevelhaft gar bald und ohne Scham
Lorenzo brach den Eid, den er geschworen –
Der Falsche floh – Maria starb vor Gram –
Wie bitter schwer Roberto sie verloren,
Und wie in ihm der Liebe letzter Funken
An seines Kindes kalter Leich‘ erfroren,
Und wie sein Aug‘, in’s todte Kind versunken,
Schmerzlich ergründet, was man ihm geraubt,
Wie sich’s mit wilder Rache vollgetrunken.
Die Macht des Wahnsinns schlug sich um sein Haupt,
Sie trieb ihn fort und fort nach allen Winden,
Rastlos, wie durch den Wald der Jäger schnaubt.
Doch sah er stets die blut’ge Hoffnung schwinden;
Durch Land und Meer trieb ihn der Rache Qual,
Er konnte nicht die Spur Lorenzo’s finden.
Da fuhr ihm plötzlich, wie ein Wetterstrahl,
Prophetisch durch der Seele Finsterniß
Die Sehnsucht nach dem fernen Felsenthal;
Und was ihn erst in alle Fernen riß,
Nun zwang es ihn zurück in diese Räume,
Als wäre hier sein Opfer ihm gewiß.
Hier träumt‘ er immer wilder feine Träume,
Die rings umher getreue Freunde hatten,
Ruinen, Gräber, finstre Tannenbäume.
Wie auf der Wüste dürr, und ohne Schatten,
Wenn sie den Tag um dunkle Nacht vertauscht,
Der Wandrer sinkt in durstendem Ermatten,
Einschläft, und träumt, daß ihm die Quelle rauscht,
Vom Schlaf empor dann fährt der froh bethörte,
Und in die Nacht, die dunkle, stille, lauscht:
So war’s Robert, wenn’s ihn vom Schlaf empörte,
Als ob er aus Lorenzo’s Busen noch
Die heiß ersehnte Quelle rieseln hörte.
Wenn dann das schwarze Traumbild sich verkroch,
Wie glühend kränkjt‘ es ihn, zu hören nur
Des eignen Herzens einsames Gepoch!
Oft, wenn er so von seinem Lager fuhr,
Erweckt‘ er seine alten, treuen Knechte,
Und schwor mit ihnen seinen Racheschwur.
Auch trieb er oft mit ihnen lange Nächte
Ein närrisch Puppenspiel, worein er trug
Wahrheit und Traum in grausigem Geflechte.
Die Puppen mußten spielen Zug für Zug
Viel längstvergangne traurige Geschichten,
Nachtappen seinem wilden Geistesflug.
Doch immer war das Spiel ein Klagen, Richten.
Unheimlich kindisch war sein heißer Drang,
Auch nur im Bild Lorenzo zu vernichten.
So lebte Robert manche Jahre lang,
Von allen Wandrern, die das Thal betreten,
That keiner nach dem Schlosse mehr den Gang.
Doch kam ein Abend, Mayenlüfte wehten,
Es weilte auf dem alten Schloßgestein
Der Sonnenstrahl mit röthlichem Verspäten,
Roberto saß verlassen, trüb, allein,
Tief senkte sich sein Haupt, das schmerzergraute,
Und hüllte in’s Vergang’ne ganz sich ein.
Wie er nun klar sein Kind Maria schaute,
Und wie sein starrer Blick leibhaft vor sich
Das Bild Lorenzo’s in die Dämm’rung baute:
Da schallten Tritte – und sein Traum entwich,
Ein junger Mann nun plötzlich vor ihm stand,
Der wunderbar genau Lorenzo glich,
Es war Lorenzo’s Sohn. Aus fernem Land
War er gefolgt dem dunklen Trieb zu reisen,
Bis sich sein Pfad in diese Thäler wand,
Und ihn mit Lockungen, mit holden, leisen,
Verführte schlangenhaft in diese Schluchten,
Nach des Verhängnisses geheimen Kreisen.
„Halloh! nun endlich hab‘ ich dich Verfluchten!“
So schrie Robert, sprang auf, und hielt ihn fest.
„Gelüstet dich nach meinem Kind, Verruchter?
Stahlst du nicht frevelnd mir den letzten Rest?
Lorenzo! hab‘ für dich kein Opfer mehr!
Maria ist von deinem Kuß verwest!“
Und riesenkräftig schleift‘ er ihn einher.
Was ihm an Kraft geschwunden mit den Jahren,
Beschwor die Wuth zu schneller Wiederkehr.
Mit Flammenaugen, weißen Flatterhaaren,
Ist er mit ihm zu jenes Thurmes Thüre
Ein Rachedämon brausend hingefahren.
Umsonst betheuerten Antonio’s Schwüre,
Es sey Lorenzo’s vorwurfsloser Sohn,
Um den er seine Eisenkette schnüre;
Und seiner Knechte Wort klang ihm wie Hohn,
Daß welk und alt nun längst Lorenzo sey,
Da dreyßig Jahre schon nach ihm entfloh’n.
Dem Wahnsinn war das Alte nicht vorbey,
Lorenzo’s Züge waren mit den Zeiten
Gealtert nicht in seiner Phantasey.
Und in des Thurmes finstern Einsamkeiten
War nun Antonio’s schrecklich Loos zu schmachten,
Zu hören stets die Todesstunde schreiten.
Roberto säumte noch ihn hinzuschlachten,
„{gestrichen:] Bis seinen Lauf der bleiche Mond vollendet,
Soll dich die feste Kerkerwand umnachten.}
Die Frist sey dir, Verbrecher, noch gespendet,
Auf daß auch dich dein Vater sterben sehe!“
Und in die Ferne ward ein Brief gesendet.
Lorenzo ahnte nicht des Schicksals Nähe.
Schon war verschlummert seine Jugendsünde,
Sein Herz erwärmet in beglückter Ehe;
Da kam das Schreckensblatt von seinem Kinde;
Da brach er auf und flog mit Sturmeseile,
Daß er Antonio noch lebendig finde,
Daß er des Wahnsinns blut’gen Irrthum heile,
Und das schuldlose Opfer schnell erlöse,
Wo nicht, den Tod mit seinem Sohne theile.
Wohl mahnte ihn sein Busen an das Böse
Der Jugendschuld, nun er dem Schloß genaht,
Mit des Gewissens hämmerndem Getöse;
Wohl trieb er seinen Witz nach klugem Rath,
Wie er den Sohn entreiße der Gefahr,
Und selber nicht bezahle seine That.
Ihm folgte schützend eine Waffenschaar
Zum Schlosse, das ihm schon entgegendrohte,
Hoch, wie der Rache thürmender Altar.
Durch Nebel taucht‘ empor das blutigrothe
Antlitz des Mondes am bewegten Himmel,
Der schreckensvollen Nacht ein dunkler Bothe.
Der Wolken trübweissagendes Gewimmel
Flog unstät über’s Thal, die Winde trugen
Des Donners fernverhallendes Getümmel:
Als an das Grafenschloß die Wandrer schlugen,
Und bald darauf das Thor, das langentwöhnte,
Einlaß gewährend knarrt‘ in seinen Fugen.
Ihr scheuer Tritt im öden Burghof tönte,
Wo Alles einsam, still und finster lag,
Durch’s hohe Gras allein der Windhauch stöhnte,
Die Waffenknechte lauschten stumm und zag,
Lorenzo fühlte stärker stets vom Wächter
Im Busen den erinn’rungsvollen Schlag.
Und ihn ergriff, wie die gedungnen Fechter,
Ein Grauen, plötzlich, aus des Schlosses Tiefen
Schnitt durch die Nacht ein höhnisches Gelächter;
Dann todesstill; dann wirre Stimmen riefen.
Schon sah Lorenzo, dem der Muth gebrach,
Die Nacht vom Blute seines Kindes triefen.
Und zaudernd schritten sie dem Laute nach,
Und über Treppen, dunkle Hallengänge,
Betraten sie ein dämmerndes Gemach.
Hier sah’n sie das phantastische Gepränge
Der wunderlichen Marionettenbühne,
Hier lernten sie versteh’n die krausen Klänge.
So eben eifert der wahnwitzig kühne
Poet, daß er auch strafe die Bethörung
An seinem Helden und das Schicksal sühne,
Und mit den Worten innigster Empörung
Empfing den Todesstreich Lorenzo’s Puppe.
Jetzt fuhr der Alte auf, entzückt der Störung:
„Ihr Herren, wie behagt euch diese Gruppe?
Soll wiederholet werden euch zu Ehren
Von meiner tüchtigsten Schauspielertruppe!
Ich kenn‘ euch wohl und euer heiß Begehren,
Doch wollet nur indeß Gedulden tragen,
Und lustig erst den Willkommsbecher leeren!“
Der Vorhang fiel; doch wollte nicht behagen
Der Becher, den Roberto’s Knechte reichten,
Bis wieder ward der Vorhang aufgeschlagen.
Bei einer Dämmerlampe trübem Leuchten
Begannen ihren Tanz die Marionetten,
Doch schrecklich, daß die Gäste dran erbleichten,
Denn plötzlich schauten sie, geschleift an Ketten,
Verhöhnt von Roberts tragischem Sermon,
Mit plumpem Tritt – Antonio’s Leiche treten.
Lorenzo starb vor Schreck an seinem Sohn;
Die Knechte hüllten schreiend ihr Gesicht,
Und mit Entsetzen stürzten sie davon.“ –
So weit des Klausners nächtlicher Bericht.
Und ich erwacht‘ an eines Baches Rand,
Als durch die Felsen drang das Morgenlicht,
Nachsinnend, wo der Eremit verschwand;
Ob Wahrheit, was nun meine Sinne mied,
Ob eines bösen Traumes wilder Tand? –
Und als ich aus dem Klippenthale schied,
Sah wieder ich des Lammes Wolle beben
Am Strauche, den die Sonne ewig flieht,
Im Hintergrund den stillen Geyer schweben.

Maximilian Lenz

Bilder: via Frank T. Zumbach: Witold Wojtkiewicz, 12. August 2010;
Maximilian Lenz Revisited, 25. August 2016;
Marionettes, 9. Oktober 2021.

Maximilian Lenz, 1909

Soundtrack: Mott the Hoople: Marionette, aus: The Hoople, 1974:

Written by Wolf

30. September 2022 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Vier letzte Dinge: Tod

Dornenstück 0010: Antisterntaler

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Update zu Moral, das ist wenn man moralisch ist, versteht Er. (Kartoffeln schmälzen),
Dieses treffliche Märchen vom Schmidt
und Ein holprichtes Lied mit tiefer und rauher Stimme:
:

In my own grim dead times of depression, the sun is brutal, the moon is mocking, the stars are terrifying. But Saturn, spinning in its lonely rings, is kind.

Sam Kriss: The Sadness of Saturn, 10. Oktober 2017.

Josef Walch, Es war einmal ein arm Kind, Kunst + Unterricht, 1978 Josef Walch, Es war einmal ein arm Kind, Kunst + Unterricht, 1978

Das Märchen ist ebenso ein Diminutiv wie das Mädchen, das Diminutiv ein Neutrum, die Augmentativa beider ersteren sind Feminina. Auch keine Erklärung dafür, dass man sich im traurigsten Märchen der Welt „ein arm Kind“ automatisch als Mädchen vorstellt.

——— Georg Büchner:

Marie mit Mädchen vor der Hausthür.

aus: Woyzeck, 1836,
cit. nach Georg Büchner: Werke und Briefe, Münchner Ausgabe, dtv 1988, Seite 252:

Kinder. Marieche sing du uns.

Marie. Kommt ihr klei Krabbe!
               Ringle, ringel Rosekranz,
               König Herodes.
               …
Großmutter erzähl!

Robert Leinweber, Sterntaler, 1893Großmutter. Es war eimal ein arm Kind und hat kein Vater und kei Mutter, war Alles tot und war Niemand mehr auf der Welt. Alles tot, und es ist hingangen und hat gerrt Tag und Nacht. Und wie auf der Erd Niemand mehr war, wollt’s in Himmel gehn, und der Mond guckt es so freundlich an und wie’s endlich zum Mond kam, war’s ein Stück faul Holz und da ist es zur Sonn gangen und wie’s zur Sonn kam, war’s ein verwelkt Sonneblum und wie’s zu den Sterne kam warn’s klei golde Mücke, die warn angesteckt wie der Neuntöter sie auf die Schlehe steckt, und wie’s wieder auf die Erd wollt, war die Erd ein umgestürzter Hafen und war ganz allein und da hat sich’s hingesetzt und gerrt und da sitzt es noch und ist ganz allein.

Woyzeck.. Marie!

Marie. (erschreckt). Was ist?

Woyzeck. Marie]wir wolle gehn, ’s ist Zeit.

Marie. Wohinaus?

Woyzeck. Weiß ich’s?

Quellen:

Fachliteratur: Richard Kämmerlings: Im Hafen: Großmutters Märchen aus „Woyzeck“,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11. Januar 2006.

Josef Walch, Es war einmal ein arm Kind, Kunst + Unterricht, 1978 Josef Walch, Es war einmal ein arm Kind, Kunst + Unterricht, 1978

Bilder: Josef Walch: Es war einmal ein arm Kind …, Kunst + Unterricht, Heft 48, 1978, Seite 46;
Robert Leinweber: Sterntaler, 1893, via Grimm-Bilder.

But Saturn is kind: Dead Fingers: Ring Around Saturn, aus: Dead Fingers, 2012:

Written by Wolf

23. September 2022 at 00:01

Psalmen gottverbrämter Bücher

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Update zu Und wenn es hundert schönere gibt:

Paul Zech lebt fort als Übersetzer von François Villon und Arthur Rimbaud. Darüber hinaus führte er ein Leben, das jeden Biographen überfordern muss, weil er seinen Lebenslauf offenbar als Gegenstand kreativer Gestaltung ansah. Dazwischen produzierte er untr vielem anderen eine Fülle eigener Gedichte, zu denen man gern auch seine Übersetzungen rechnet, weil er sie wohlweislich gleich selbst als Nachdichtungen ausgewiesen hat. Alles andere spräche nicht für den Übersetzer Paul Zech, seine Versionen von Villon und Rimbaud aber sehr für den Dichter: Sie sind überaus cantabile.

Für den öffentlichen Bücherschrank Ihrer Nachbarschaft oder den „Zu verschenken!!!“-Karton, über den Sie morgens beim Nachhausekommen stolpern, werden sie noch zu sehr gehütet, was wiederum für die schmalen Taschenbüchelchen spricht. Antiquarisch bleiben dennoch umstandslos erreichbar:

Paul ZechZu einem seiner im buchstäblichen Sinne ungezählten Gedichte, einem von 1914, gibt es ein unschlagbar passendes Portrait einer Waldhexe von Julie Wolfthorn, entstanden schon 1899, deren Lebenslauf als Jüdin zur unglückseligsten Zeit, „Hosendame“ (cit. Paula Modersohn-Becker) und „Malweib“ immer noch besser erschlossen ist als Paul Zechs selbstgewähltes Versteckspiel, das seine Nachlassverwalter vom Fritz-Hüser-Institut eine „[b]ewegte, nicht lückenlos verifizierbare Biografie, u.a. als Bergarbeiter in Belgien“ nennen: Die Dame verstarb kurz vor ihrem 81. Geburtstag im KZ Theresienstadt; „[b]is auf wenige Bilder in den Depots deutscher Museen galt ihr umfangreiches Werk lange Zeit als verschollen und wurde erst Anfang 2000 wiederentdeckt“, wie wir ihrem Wikipedia-Artikel entnehmen.

In ähnlicher Weise bleiben die eigenen Dichtungen von Zech verschüttet, solange niemand die Schaufel nimmt und den Garten, der vor ihm liegt, nach den Schätzen umgräbt, die er verspricht. Und in ähnlicher Weise wie zu lange verräumte Bilder müssen sie wohl erst restauriert werden; Texte verrotten sehr wohl mit der Zeit.

Manches an den leicht auffindbaren Versionen von Deine Augen sind ein Korngrün weit, die wohl eine von der anderen abgeschrieben sind, vorneweg in der Sammlung Paul Zech bei Λέων Αιλούρος. Πολλά και διαφορά, 14. Dezember 2017, mag ich nicht recht glauben: zum Beispiel dass der zweite Vers als einziger mit Großbuchstaben einsetzt oder dass Psalme der Plural von Psalm sein soll. Aber vorerst hat man keine Wahl.

——— Paul Zech:

Deine Augen sind ein Korngrün weit …

aus: Die eiserne Brücke. Neue Gedichte von Paul Zech, Verlag der Weißen Bücher, Leipzig 1914, Seite 46,
via Jörg Krüger für Deutsche Literatur — German Literature, 16. Mai 2022:

Deine Augen sind ein Korngrün weit,
Zart Gewordnes, das den Mai erfuhr.

Jeder Tag weckt eine neue Gnade,
ein Erlösen mehr im Blickgelände
mit dem weißen Lerchenlied der Hände.

Deine Augen sind ein Korngrün weit
und ein Lächeln zieht darin die Spur
süßverliebter Pfade.

Jede Bitte, die ich heiß in Deine Augen strahle,
schwillt zur Frucht,
zwängt sich reif durch eine schmale
kußbereite Bucht.

Deine Augen sind ein Korngrün weit.

Spannt die Nacht darüber sternbestickte Tücher,
wächst verschwistertes Erglühn
aus dem Dom gewordnen Grün
und singt Psalme gottverbrämter Bücher.

Julie Wolfthorn, Mädchen mit blaugrünen Augen. Waldhexe, 1899

Waldgrün: Julie Wolfthorn: Mädchen mit blaugrünen Augen (Waldhexe), 1899,
Öl auf Leinwand, 42 cm auf 33,5 cm, Sammlung Jack Daulton, Los Altos Hills, Kalifornien;
Paul Zech via Gedenkstätte Deutscher Widerstand
und Λέων Αιλούρος. Πολλά και διαφορά, 14. Dezember 2017.

Soundtrack: Kate Wolf: Green Eyes, aus: Give Yourself to Love, 1983:

Written by Wolf

16. September 2022 at 00:01

Deutschlandzyklus 1: So geht’s doch auch

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Update zu Before Sunrise,
Jean Paul, sein erster Kuss, meine Bedienung und ich,
Über den Kirchplatz mit Lancelot: Die namenlosen Religionen zu Coburg,
Dunkeldeutschland
und Zahlenzyklus:

Der Feldmarschall von Blücher,
der hat genau drei Bücher:

Eins zum Lachen,
Eins zum Denken

und das Dritte
zum Verschenken.

Sprach er zu Herrn von Grieben:
„Mehr fänd ich übertrieben!“

Hans Traxler.

Sad and Useless, ca. 2019

Als Teil der Aufarbeitung meines Schultraumas, im Schuljahr 1982/1983 Bayerns einziger Schüler gewesen zu sein, der wegen Geschichte sitzengeblieben ist, muss ich seit meinem um ein Jahr verspäteten Abitur immer nachschauen, was die ganze Zeit in meinem zuständigen Kulturkreis so los war. Bis heute verstehe ich das wenigste. Das war in der achten Klasse, dem Jahr, wo in Geschichte das Mittelalter dran ist. Mit 33 bis ungefähr 38 Jahren war ich dann sogar in einem Mittelalterverein, um es meinem alten Geschichtslehrer, der seit Jahrzehnten was Besseres zu tun hat als sich mit Schulbuben rumzuärgern, zu zeigen. Es war ein langer Weg von dem Tag. als der blaue Brief von der Schule eintraf, woraufhin meine Mutter nach mir als „A Hockenbleiber in der Familie! Pfui Deifl!“ einen großen Kuddel nach mir gespuckt hat, bis in den Mittelalterverein, aber ich schweife ab. Im übrigen hab ich nach der Achten am Ende der Sommerferien die Nachprüfung bestanden und musste noch kein Schuljahr wiederholen.

Zwanzigstes Jahrhundert ist doof, das muss man sich schon zu arg zu Herzen nehmen, außerdem rinnt da alles aus- und durcheinander. Auf der Suche nach bedeutenden Ereignissen in der deutschen Geschichte, bevor sie einem um die Ohren fliegt, hab ich mich natürlich erst umgehört, woraus man ein eher kurzes Gedicht herauspressen könnte. Soll man ja immer: kommunizieren. Die Ausbeute war:

  • Als der Olle Fritz Maria Theresia einmal Schlesien wegnahm.
  • Die teutsche Reichsgründung auf den artilleriezermalmten Knochen des welschen Erbfeindes.
  • Die Entlassung des Unsympathen (Bismarck) durch den Vollidioten (Wilhelm II.).
  • Die 7 Kardinalfehler der Obersten Heeresleitung im 1. Weltkrieg, u.a. den unbeschränkten U-Bootkrieg, der dann nach der Versenkung der Lusitania mit einiger Verspätung die Yankees an die Seite der Alliierten torpedierte.
  • Rilke 1922.
  • Von Papens pflanzliche Wadenmuskulatur.

Schuld bin ich ja selber, was treib ich mich auch dauernd mit Gelehrten rum.

Sad and Useless, ca. 2019

So geht’s doch auch

Beyträge zur alternativen Historienschreibung

Neulich in Wessobrunn, ca. 790:

          Der Abt so:
                    Du, Poeta, schau amal her da,
                    da wär grad noch
                    ein Platzerl frei im Manuskript.
          Poeta so:
                    Ja, schon, und jetzt,
                    was hab ich damit zum Tun?
          Der Abt so:
                    Na, da schreibst etz eins
                    da nei von deine religiösen.
          Poeta so:
                    Am End wieder so ein frommes?
          Der Abt so:
                    Na freilich keine so eine Sauerei nicht.
          Poeta so:
                    Och, warum nicht? Schau halt hin,
                    wie’s die Schöpfung allerweil
                    so schön hing’stellt ham!
          Der Abt so:
                    Ja genau, du machst des scho.

~~~\~~~~~~~/~~~

Neulich in Canossa, 1077:

          Heinrich IV. so:
                    War doch
                    nicht so
                    gemeint, Bruder.
          Gregor VII. so:
                    Schon klar,
                    komm rauf,
                    gibt Grappa.

~~~\~~~~~~~/~~~

Zweites Laterankonzil, Rom 1139:

          Innozenz II. so:
                    Schön, dass ihr dabei wart, Jungs!
                    Ciao und immer feste
                    drauf auf eure Beste!
                    Doch merkt im Eifer eures Schwungs:
                    Das gilt für eure Frau!
                    Mit Konkubinen moderater!
          Und alle so:
                    Na, immer doch, Heiliger Vater!
                    War wieder äußerst lehrreich. Ciao!

~~~\~~~~~~~/~~~

Vatikanstadt, 4. Oktober 1582, Abend:

          Gregor XIII. so:
                    Memento mori: Bitter macht
                    der Tod das Leben. Mitternacht
                    lösch du dein Licht: Alsbald verwesen
                    die, die spät im Psalter lesen.
          Sein Ministrant so:
                    Macht halblang, o Vater: Lang aufbleiben frommt,
                    wenn eh auf den Vierten der Fünfzehnte kommt.

~~~\~~~~~~~/~~~

Prager Burg, 23. Mai 1618:

          Heinrich Matthias von Thurn so:
                    Macht mal wer das Fenster auf?
          Jaroslav Borsita von Martinitz so:
                    Mach halt dein Fenster selber auf.

~~~\~~~~~~~/~~~

Frankfurt am Main, ca. 1756:

          Frau Aja so:
                    Johann Wolfgang, gehst du ned glei
                    wech da von dem Kaschperletheater!
          Und Goethe so:
                    Schau emoll Mama, die spiele de Faust.
          Und Frau Aja so:
                    Herst du ned!
          Und Goethe so:
                    Menno.

~~~\~~~~~~~/~~~

Karlsbad, 1819:

          Ernst Moritz Arndt so:
                    Zwanzig Druckbogen, Exzellenz. Wär’s Ihnen so genehm?
          Und Metternich so:
                    Genehm zu genehmigen, mein Lieber. Trag Er’s zum Setzer.

~~~\~~~~~~~/~~~

Sarajevo, 28. Juni 1914:

          Sophie Chotek so:
                    Franz Ferdinand, Obacht, deine Schnürsenkel.
          Und Franz Ferdinand so:
                    Hoppala, gor ned gmerkt.

~~~\~~~~~~~/~~~

Berlin, 18. Februar 1943:

          Goebbels so:
                    Wollt ihr den totalen Krieg?
          Und alle so:
                    Och nööö, lass mal.
          Und Goebbels so:
                    Was wollt ihr denn?
          Und alle so:
                    Freibier, oder?
          Und Goebbels so:
                    Also schön, im Foyer dann.
          Und alle so:
                    Jaaaaa!

Sad and Useless, ca. 2019

Bad Bunnies: via Sad and Useless. The Most Depressive Humor Site on the Internet:
Why So Many Medieval Manuscripts Depict Violent Rabbits?, ca. 2019.

Die haben auch gewalttätige Weinbergschnecken und anzügliche Katzen.

Sad and Useless, ca. 2019

Soundtrack: Feelsaitig: Odysseus, aus: Äpfl!, 1991:

Written by Wolf

9. September 2022 at 00:01

Veröffentlicht in Frühmittelalter, ~ Weheklag ~

So war’s dem Doctor Faust nicht halb zu Muth

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Update zu Weistu was so schweig,
Nur die Wurst hat zwei und
Doktor Faust thu dich bekehren:

Goethes erste Fassung des Lustspiels Die Mitschuldigen 1769 geht als Jugendsünde durch. Einerseits musste er es in einer zweiten und dritten Fassung bis zu einer gewissen Veröffentlichungsreife immer weiter entschärfen und erweitern, nachdem er es immer nur in Liebhaberaufführungen mit persönlich bekannten peers und unter weitgehendem Ausschluss einer zensurbereiten Öffentlichkeit ans Licht führen konnte; andererseits hat er es in einer zweiten und dritten Fassung bis zu einer gewissen Veröffentlichungsreife immer weiter bearbeitet. Die zweite Fassung geschah gleich einige Monate nach der ersten, ebenfalls 1769, die dritte Fassung 1783, deren Veröffentlichung 1787.

Bei Goethe muss ein Dramenstoff, den er mehrmals über mehrere Lebensalter hinweg bearbeitet, an den praktisch lebenslangen Umgang mit seinem Faust erinnern (zur Not auch mit seinem Bestseller von 1774 Die Leiden des jungen Werthers, der ihn gleichfalls 1787 noch einmal bereichern sollte, aber das war unter sehr viel mehr schöpferischen, angeregt durch persönliche Verlustschmerzen und ein für alle Mal als Abschluss gemeint).

D. Joannis Fausti, Augsburger Puppenkiste, 1948

„Der Schauplatz ist im Wirtshaus.“ Aus heutiger Sicht bleiben Die Mitschuldigen noch am ehesten wegen einer einzigen nebensächlichen Formulierung interessant, die Goethe offensichtlich mindestens zur Hälfte um des Reimes willen verwendete – aber das immerhin in allen drei Fassungen: Mit 17 Jahren, das heißt etwa 1766, wurde Goethe von dem populären Puppenspiel vom Dr. Faust erreicht – die meisten Fassungen nach dem Volksbuch, in Handschriften ab 1580, gedruckt 1587, der Version von Christopher Marlowe ab 1588 und zweifellos nach frei zusammengestoppeltem, weil lizenzfreiem Hörensagen. (Für die Institution des Copyrights auf literarische Leistungen sollte sich erst in späteren Jahren Goethe stark machen, beflügelt von seinen eigenen, anderen Erfolgen als seinem Nebenwerk der vor sich hinfloppenden Mitschuldigen, die er sich selbst, nicht irgendwelchen räuberischen Verlegern, zugute sehen mochte.)

Kurz: In ebenjenen Mitschuldigen ab 1769 erwähnte Goethe den Doctor Faust erstmals literarisch.

D. Joannis Fausti, Augsburger Puppenkiste, 1948

Goethes erste Begegnung mit dem Fauststoff als Marionettentheater für die reife Jugend (postmoderne Inszenierungen empfehlen sich gern ab 12 bis 16 Jahren) lässt sich allenfalls rekonstruieren, aus des Meisters erster Hand haben wir sie nicht. Im zehnten Buch von Dichtung und Wahrheit erinnert sich der 63- an den 20-Jährigen mit seinem Studienkollegen Herder zu Leipzig:

Am sorgfältigsten verbarg ich ihm das Interesse an gewissen Gegenständen, die sich bey mir eingewurzelt hatten und sich nach und nach zu poetischen Gestalten ausbilden wollten. Es war Götz von Berlichingen und Faust. Die Lebensbeschreibung des erstern hatte mich im Innersten ergriffen. Die Gestalt eines rohen, wohlmeynenden Selbsthelfers in wilder anarchischer Zeit erregte meinen tiefsten Antheil. Die bedeutende Puppenspielfabel des andern klang und summte gar vieltönig in mir wieder. Auch ich hatte mich in allem Wissen umhergetrieben und war früh genug auf die Eitelkeit desselben hingewiesen worden. Ich hatte es auch im Leben auf allerley Weise versucht, und war immer unbefriedigter und gequälter zurückgekommen. Nun trug ich diese Dinge, so wie manche andre, mit mir herum und ergetzte mich daran in einsamen Stunden, ohne jedoch etwas davon aufzuschreiben. Am meisten aber verbarg ich vor Herdern meine mystisch-cabbalistische Chemie und was sich darauf bezog, ob ich mich gleich noch sehr gern heimlich beschäftigte, sie consequenter auszubilden, als man sie mir überliefert hatte. Von poetischen Arbeiten glaube ich ihm die Mitschuldigen vorgelegt zu haben, doch erinnere ich mich nicht, daß mir irgend eine Zurechtweisung oder Aufmunterung von seiner Seite hierüber zu Theil geworden wäre. Aber bey diesem allen blieb er der er war; was von ihm ausging wirkte, wenn auch nicht erfreulich, doch bedeutend; ja seine Handschrift so gar übte auf mich eine magische Gewalt aus. Ich erinnere mich nicht, daß ich eins seiner Blätter, ja nur ein Couvert von seiner Hand, zerrissen oder verschleudert hätte; dennoch ist mir, bey den so mannigfaltigen Ort- und Zeitwechseln, kein Document jener wunderbaren, ahndungsvollen und glücklichen Tage übrig geblieben.

D. Joannis Fausti, Augsburger Puppenkiste, 1948

Die Mitschuldigen waren also schon in Goethes Leipziger Studienzeit ab 1765 dem etwas unterkühlten Freund Herder bekannt, folglich muss es inzwischen 1769 gewesen sein, als die eine oder andere Version des Puppenspiels in ihm gar vieltönig klingen und wiedersummen konnte.

——— Johann Wolfgang Goethe:

Die Mitschuldigen

Dritter Aufzug, Sechster Auftritt, cit. 3. Fassung 1783/1787,
Cotta’sche Augabe 1851, Siebenter Band, Seite 76:

Sechster Auftritt

          Söller mit Caricatur von Angst.
Was gab’s? Weh dir! vielleicht in wenig Augenblicken –
Gieb deinen Schädel Preis! Parire nur den Rücken!
Vielleicht ist’s ’raus! o weh! o wie mir Armen graus’t,
Es wird mir siedend heiß. So war’s dem Doctor Faust
Nicht halb zu Muth! Nicht halb war’s so Richard dem Dritten!
Höll‘ da! der Galgen da! der Hahnrei in der Mitten!
          (Er läuft wie unsinnig herum, endlich besinnt er sich.)
Ach, des gestohlnen Guts wird keiner jemals froh!
Geh‘, Memme, Bösewicht! warum erschrickst du so?
Vielleicht ist’s nicht so schlimm. Ich will es schon erfahren.
          (Er erblickt Alcesten und läuft fort.)
O weh! er ist’s! er ist’s! Er faßt mich bei den Haaren.

D. Joannis Fausti, Augsburger Puppenkiste, 1948

Ein Fortleben des Kunstwerks im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit besteht in immerhin zwölf Hörspiel-Bearbeitungen zwischen 1925 und 1960, davon gleich zwei von Paul Hoffmann, und bisher vier Verfilmungen ab 1961, zuletzt 1988. Vor allem Laientheater entdecken das Stück gerne für sich, wohl wegen der überschaubaren Besetzung und Bühnenausstattung, mit der man in jedem verfügbaren Wirtshaus zurechtkommt. Die Klassik Stiftung Weimar (corporate spelling leider ohne Binde Strich) hat gerade 2020 an ihrem Liebhabertheater Schloss Kochberg die dritte Fassung unter historischer Aufführungspraxis inszeniert. Das Unterfangen hat sich in deren Spielzeit 2022 gerettet, der Trailer wirkt recht einladend:

Das BIldmaterial muss trotzdem noch mangels Illustrationen zu den Mitschuldigen aus einer ihrerseits historischen gewordenen Aufführung eines faustischen Puppentheaters schöpfen: D. Joannis Fausti an der Augsburger Puppenkiste, Premiere 16. September 1948. Es kommen der Kasperl, die sieben Todsünden und diverse Teufel vor.

D. Joannis Fausti, Augsburger Puppenkiste, 1948

Die Schuldbewussten: The Pogues: If I Should Fall From Grace With God,
aus: If I Should Fall From Grace With God, 1988:

Written by Wolf

2. September 2022 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Klassik