Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Sylvia Spinster

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Update zu Nachtstück 0024: I wish you were dead, my dear:

One doesn’t become a witch to run around being harmful, or to run around being helpful either, a district visitor on a broomstick. It’s to escape all that ― to have a life of one’s own, not an existence doled out to by others. ―

Sylvia Townsend Warner: Lolly Willowes, 1926.

How dreadful it is that because of our wills we can never love anything without messing it around! We couldn’t even love a tree, a stone even; for sooner or later we should be pruning the tree or chipping a bit off the stone.

Sylvia Townsend Warner: Mr Fortune’s Maggot, 1927.

While I slept we crossed the line
between May and June:
The morning came, gently walking
down from the hill,
And by the time I stirred it was
full day
And she had brought summer with
her into my room.

Valentine Ackland, Juni 1959.

Sylvia Townsend Warner, Mister Fortunes letztes Paradies, Unionsverlang Zürich 1996, CoverDas Buch war ein Fund in unserem Treppenhaus, in der lebhaften Tauschbörse, die auf dem Mauerabsatz über den Briefkästen ganzjährig still vor sich hin stattfindet: Sylvia Townsend Warner (6. Dezember 1893; † 1. Mai 1978): Mister Fortunes letztes Paradies, Unionsverlag, Zürich 1996, deutsche Übersetzung: Helga Weigelt, das ist: Mr Fortune’s Maggot, Chatto & Windus Limited, London 1927. Im deutschen Nachwort von Jacques Roubaud fiel der Satz auf: „Sie wird zeit ihres Lebens eine Vorliebe für jene absonderlichen Lyriker englischer Tradition hegen, die nicht exportierbar, brummig, exzentrisch und erzenglisch sind, die aber nicht eigentlich zu den Besten gehören“ – siehe unten.

Das ist natürlich cool, so eine Vorliebe. Das sollten sie nicht im Nachwort vor der Öffentlichkeit ausschließen, sondern mindestens gefettet in den Klappentext schreiben, dann weiß ein jeder gleich, dass er die Warnersche lesen muss. Das Nachwort selber macht keinen Hehl daraus, dass Mister Fortunes letztes Paradies gar nicht so sehr das spontan begeisterndste von Warners Büchern ist – das wäre Lolly Willowes –, nennt es vielmehr so vorsichtig wie respektvoll das „vielleicht in sich geschlossenste“, dass es auch schon wieder cool ist.

Leider unterschlägt es 1996 noch verschämt, wovon ihre postmillennialen, der politisch korrekten Diversität verpflichteten Lebensbeschreibungen vordergründig handeln: wie stocklesbisch sie war. Der Einfluss ihrer Lebensliebe Valentine Ackland auf ihr belletristisches, biographisches, musikwissenschaftliches, journalistisches und politisches Werk ist zumindest menschlich überhaupt nicht zu überschätzen. Offensichtlich finde ich Leben und Werk der Townsend interessant und mitteilenswürdig genug, um das Nachwort aus ihrem einzigen auf Deutsch erhältlichen Roman — einschließlich der fies zu maskierenden Kapitälchen und einigen Verlinkungen — abzutippen, aber ich empfehle selbstständig weiterzulesen. Online und allem voran ihr Lolly Willowes.

Sylvia Townsend Warner, nach 1930

——— Jacques Roubaud:

Sylvia Townsend Warner

Porträtfragmente

Nachwort zu: Mr Fortune’s Maggot, Chatto & Windus Limited, London 1927,
deutsch: Mister Fortunes letztes Paradies, Unionsverlag, Zürich 1996:

London, 1926:     Sylvia Townsend Warner veröffentlicht ihren ersten Roman, Lolly Willowes. Der Verlag, Chatto & Windus, ist berühmt. Der Roman wird es nur fast. Die Leser werden informiert, daß Miss Warner dreißig Jahre alt sei, bisher einige Gedichte veröffentlicht habe, wie viele andere Autorinnen auch, und dies nun ihr erstes fiktives Werk sei.

Sylvia Townsend WarnerPorträt der Künstlerin, einer intelligenten jungen Frau     David Garnett, der sie damals zum Schreiben ermutigte, hat sie als eine dunkelhaarige Sylvia (mit ständig gerunzelten Brauen) in Erinnerung, schlank (wenn nicht gar brandmager), immer in Hast und mit gewelltem Haar; eine Brille in einem vor Lachen, Ungeduld und Intelligenz sprühenden Gesicht. Wenn er redete, glühte sie vor Ungeduld, ihn zu unterbrechen und seine zögernden, banalen Sätze durch etwas Eigenes, viel Lebendigeres zu ersetzen. „Wenn ich mich mit ihr unterhielt“, schreibt er, „hielt ich manchmal einen Moment inne, um zu überlegen, ob ich auch das richtige Wort traf, und sie nutzte mein Zögern, um sich meines schwebenden, in meinem Mund noch unvollständigen Satzes zu bemächtigen und ihm eine weitaus interessantere Wendung zu geben; ich hatte zusehends das Gefühl, geradezu brillant zu werden.“

Kindheit und Jugend     Sylvia Townsend Warner wurde am 6. Dezember 1893 in der typisch englischen Ortschaft Harrow-on-the-Hill geboren. Ihr Vater war Master an der nahegelegenen, weitherum bekannten Schule von Harrow. Er unterrichtete Geschichte. nach einem kurzen Aufenthalt im Kindergarten, aus dem sie wegen Frühreife und Ungehorsam verwiesen wird, wird sie zu Hause unterrichtet: ihre Mutter unterrichtet sie zwei Stunden am Tag in allen Fächern, außer in Geschichte, die ihr Vater ihr erzählt. Geschwister hat sie keine; sie liest. Mit ihrem Vater verbindet sie eine idyllische Beziehung. Die Mutter ist eine ungeheuer tüchtige, geistreiche, aber auch autoritäre Frau, mit der nicht einfach auszukommen ist. „Solange sie nicht Aktionen befürwortete, die gesetzeswidrig waren oder zu einem öffentlichen Sklandal führten, war mein Vater immer einer Meinung mit ihr.“ Als Mr. Warner stirbt, zeiht Sylvia es vor, nach London zu gehen und dort lieber allein in Armut zu leben, als sich auf einen unvermeidlichen Konflikt einzulassen. „Meine Mutter hatte keinen Sohn, mit dem sie mich hätte vergleichen können, aber das Gefühl tiefster Enttäuschung, zu dem ich ihr Anlaß gab, war sicher verdient. Ich stand morgens um sieben auf, um mich ans Klavier zu setzen, lehnte jegliche Haushaltsarbeit strikte ab, kleidete mich ostentativ in Schwarz, als Vamp mit Hornbrille.“

Musik     Sylvia war in erster Linie Musikerin. Sie wäre gern nach Wien gegangen, um bei Schönberg zu studieren, aber der Erste Weltkrieg dirigierte sie statt dessen in eine Munitionsfabrik. Sie hat sich trotzdem der Musikwissenschaft gewidmet, trug zusammen mit drei anderen Spezialisten – darunter der berühmte Dr. Rambotham – an der Entstehung der monumentalen Ausgabe der Tudor Church Music bei, der Wiederentdeckung der berühmten enlischen Musik des 16. Jahrhunderts. Sie war also eine der ersten, die nach über drei Jahrhunderten die Handschriften von John Taverner, Thomas Tallis, William Byrd und Orlando Gibbons lasen. „Taverners Missa Salve Intemerata stürzte die vier Autoren der Tudor Church Music, zu denen ich gehörte, in sich ständig neu vor uns auftuende Abgründe der Ratlosigkeit. Wir saßen um einen Tisch mit Blick auf die Themse und sagten mal verzweifelt: Wenn aber doch … Dann wieder mit ekstatischer Begeisterung: Ja aber, schließlich … Derweil auf dem Fluß die Schleppdampfer heulten.“ Fast siebzigjährig, am 20. April 1961, schreibt sie: „Ich würde gern eine Sonate für Violine und Klavier komponieren; ein Auftragswerk zum Beispiel (merkwürdig, ich habe immer gern im Auftrag gearbeitet; der Begriff Auftrag hat etwas Geradliniges, Geordnetes an sich, das mich fasziniert – als ob man einen Anzug mit Weste trüge und eine hübsche Perücke dazu).“

Lyrik     Nach ihren musikalischen Anfängen sieht sie sich eher als Dichterin. Sie wird zeit ihres Lebens eine Vorliebe für jene absonderlichen Lyriker englischer Tradition hegen, die nicht exportierbar, brummig, exzentrisch und erzenglisch sind, die aber nicht eigentlich zu den Besten gehören, Hardy oder Crabbe zum Beispiel. „Erinnerst Du Dich“, schreibt sie in einem Brief von 1953, „an den Quacksalber bei Crabbe, der den Protagonisten wegen Syphilis behandelt und ihm zum Trost sagt: Just take the boluses from time to time / and hold but moderate intercourse with crime. [Nehmt von Zeit zu Zeit Eure Arznei und begnügt Euch maßvoll mit unerlaubtem Geschlechtsverkehr.]. Crabbe ist ein Dichter, den ich schlicht wunderbar finde. Kein anderer englischer Dichter hat ein solches Repertoire an Schwulen aufzuweisen. Vor langer Zeit, in meinen ersten Londoner Jahren, als ich jung, ausgehungert und sinnlich war, ging ich eines schönen Sommermorgens Brot kaufen; auf dem Rückweg habe ich zweimal haltgemacht, das erste Mal, um ein Pfund jener winzigen Tomaten zu kaufen, die man von den Stengeln zupft, damit ihre wohlgeratenen Schwestern besser gedeihen können, das zweite Mal wegen eines antiquarischen, viktorianisch gebundenen Buches von Crabbe. Noch heute spüre ich die erfüllende Intensität jenes Morgens. Ich las Crabbe und nochmals Crabbe, ich aß Tomaten und nochmals Tomaten mit Brot, und hatte alles vergessen, alles, was ich hätte tun müssen, und auch alles, was ich nicht hätte tun müssen und nichtsdestotrotz getan hätte. Alles war vergessen. Amnestiert. Ich las Crabbes Gedichte, als hätte ich sie selbst geschrieben.“

Lesen, als hätte man selbst geschrieben. Die Geschichte lesen, als hätte man sie selbst erlebt: Genau so würde sie als Romanschriftstellerin vorgehen. Jede Erzählung, jeder Roman wurde für sie zu einer Übung im Besitzergreifen.

Sylvia Townsend Warner mit Siamkatze in Frome Vauchurch, 1960sPorträt der Künstlerin als Romanschriftstellerin     Das Bild, das sich Sylvia Townsend Warners späte Bewunderer von ihr machen, ist ganz offensichtlich von irem ersten Roman Lolly Willowes beeinflußt. Peter Pears schreibt 1980 in seinem Vorwort zu Twelve Poems: „Ich erinnere mich, daß man mir gesagt hatte, Lolly Willowes sei in gewissem Sinne ein Selbstporträt, und die Autorin wirklich und wahrhaftig eine Hexe. Als ich dann Sylvia in den letzten Jahren ihres langen Lebens kennenlernte, war ich davon überzeugt. Sie ging gebückt, hatte eine krächzende Stimme und ein Nußknackergesicht; es fehlte nur mehr der Besen, um davonfliegen zu können. Ich habe allerdings in der National Portrait Gallery eine Fotografie aus den zwanziger Jahren von ihr gesehen, eine Profilaufnahme: ruhig und selbstsicher, kurzes Haar, elegant, spitz wie eine Nadel, schön und apart.“

Politik     Sylvia Townsend Warner arbeitete in ihrer Eigenschaft als Mitglied der Kommunistische Partei Großbritanniens als Berichterstatterin in Spanien, und zwar auf der republikanischen Seite Spaniens: in Barcelona, Valencia und Madrid. Ihre politische Einstellung ist in ihrem literarischen Werk kaum offen erkennbar. Sie scheint auch in politischer Hinsicht nicht eben konformistisch gewesen zu sein (wie ein Kommentar aus Barcelona aus dem Jahre 1938 beweist, in dem sie offen ihre Sympathie für die Anarchisten zum Ausdruck bringt. Nach dem Zweiten Weltkrieg spricht aus ihren Briefen die gleiche Ironie und Skepsis, die sich im übrigen immer gegen die ein und dieselben richtet.

„21.10.52 [kurz vor der Präsidentschaftswahl 1952 geschrieben, in der Eisenhower über den Demokraten Stevenson siegen sollte]: Ich kann Eisenhower nicht ausstehen. Der Kerl heult ständig, und ich finde das reichlich übertrieben, selbst für einen General. Zu wessen Gunsten die Wahl auch immer ausfällt, ich nehme an, daß er sich an Stevensons Brust ausweinen wird. […] Es ist mir durchaus bewußt, daß ich mich mit solchen Bemerkungen von einem chauvinistischen Vorurteil hinreißen lasse. Von den Männern im öffentlichen Leben unseres Landes erwartet man, daß sie niemals weinen, außer vielleicht beim Cricket.“

1976 hat sie für Mrs. Thatcher herzlich wenig übrig:

„Könntest Du mir vielleicht irgendeine hübsche, skandalträchtige Falschmeldung zuschieben, die man über Mrs. Thatcher in Umlauf bringen könnte? Nicht von der Sorte: Sie unterhält widernatürliche Beziehungen zu Barbara Castle [damals noch Mitglied der Labour Party], sondern eher so etwas wie: Sie ißt Spargel mit dem Messer. Oder auch: Sie setzt ihren Gästen Kartoffelflockenpüree vor.

Ihre politische Haltung stellt tatsächlich einen besonderen Aspekt ihrer allgemeinen Respektlosigkeit dar:

„1.7.60: Ich bin fasziniert von Eckermanns Gesprächen mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. Hast Du jemals dieses kuriose Werk gelesen? Es kommen darin mehr Platitüden pro Seite vor, als man sich überhaupt vorstellen kann. Eckermann ist so voller Bewunderung. So ein Arschkriecher, schlimmer noch als Boswell Dr. Johnson gegenüber. Und Goethe ist so zuckersüß. Das kann einen in der weiblichen Vorstellung doch nur bestärken, daß die Männer, wenn sie unter sich sind, wie ausgestopfte Eulen reden.

Hunde und Enten; Katzen; Katzen (bis); Fuchs, Rosen und Vettern     Brief vom 29.8.1921 (Rückkehr ins Elternhaus): „Worte sind nicht imstande, die pelzige Wonne dieser Chow-Chows zu beschreiben, ebensowenig die verzückte Beharrlichkeit ihrer Begrüßung. Wie Algen winden sie sich um meine Beine, küssen mir mit ihrer kalten, bleiblauen Zungenspitze die Hände. Und erst die Wonne eines ungefähren Dutzends kohlschwarzer Enten mit ihren glatten, reckenden Hälsen, die wie eine Konferenz nonkonformistischer Clergymen in grauen Holzpantinen durch den Garten watscheln. Ich habe jeder einen Namen gegeben: Swedenborg, Mr. Toplady, Joanna Southscott, Wesley und Whitfield, Reverend Chalmers, Frances Tidley Havorgood, Mrs. Guyon und Miss Royden. Doch das ist vergebliche Liebesmüh, da man sie unmöglich voneinander unterscheiden kann.“

Katzen, 1965: „Ich wünschte, Du könntest die zwei Katzen sehen, wie sie Seite an Seite auf der viktorianischen Chaiselongue vor sich hin dösen. Pfoten, Ohren und Schwanz genau aufeinander abgestimmt. Mitunter öffnen sie die blauen Augen, von einem einzigen, gemeinsamen Gedanken bewegt, mit Blinzeln zu verstehen zu geben: Hast du etwa vergessen, daß bald Zeit für den Lunch ist? Sie könnten wahrhaftig von Bach für zwei Flöten komponiert worden sein.“

Katzen, bis: „Ich hatte Grippe, und sie brachten mich schier um den Verstand, weil sie mich mit ihren großen Augen anstarrten und mir bedeuteten: O Sylvia, du bist ja so krank, du wirst bestimmt bald sterben. Und wer soll uns dann füttern? Feed us now. Gib uns vorher zu fressen.<"

Der Fuchs, 4.9.58: „Vorgestern ist mir ein Wunsch in Erfüllung gegangen, der so alt ist wie ich selbst. ich habe einen Fuchswelpen in den Armen gehalten, ein Waisenkind (mit anderen Worten, seine Mutter, die Füchsin, war getötet worden). Ich habe ihn auf den Arm genommen und seinen herben Geraniengeruch eingeatmet, und plötzlich hat er seine spitze Schnauze unter mein Kinn geschmiegt, hat sich in meiner Achselhöhle vergraben und ist im Handumdrehen verzückt eingeschlafen. Seine Pfoten sind unglaublich weich, weich wie Himbeeren. Alles an ihm ist anmutig, ein richtiger Adonis. Er hat ein durch und durch elegantes Profil und ein Gesicht voller reinster Unschuld.“ (Siehe Peter Pears nachstehende Beschreibung.)

Rosen und Erdbeeren, 18.6.61: „Und nun sitze ich hier, mit Erdbeeren und Tugenhaftigkeit bis zum Hals vollgestopft, nachdem ich zig Liter Frischblut in Form von Gießkannen an die Rosen verteilt habe, meine liebevollen Gesprächspartnerinnen.“

Und die Vettern: „Ich habe zwei entfernte, hochbetagte Vettern: Bruder und Schwester, die zusammen wohnen. Sie ist um die Achtzig, er ein ganz klein wenig jünger. Neulich saßen sie beide in ihrem Salon. Er las, sie strickte. Plötzlich stand sie auf, um im anderen Teil des Raumes etwas zu suchen. Sie glitt aus und fiel flach hin, ohne sich jedoch weh zu tun. Sie sagte: Charlie, ich bin hingefallen. Charlie legte sein Buch weg, wandte sich zu ihr um, sah sie an – und schlief ein.“

Sylvia Townsend Warner mit Siamkatze in Frome Vauchurch, 1960sLiterarischer Ruhm     2.5.67: „Habe ich Dir schon erzählt, daß man mir angetragen hat, Mitglied der Royal Society of Literature zu werden? Die gehen zweifellos alphabetisch vor (weshalb sie so lange gebraucht haben, um bis zu mir vorzudringen). Das ist die erste öffentliche Anerkennung, die mir zuteil wird, seit man mich wegen meines ätzenden Einflusses aus dem Kindergarten gewiesen hat.“

Traum einer Zauberin     Januar 1965: „Ich habe geträumt, daß König Arthur und Merlin ihrem Grab entstiegen waren und nun in einer kleinen, sehr männlichen Junggesellenwohnung lebten, mit einem flackernden Feuer und dieser Art von Möbeln, die in den Colleges von Generation zu Generation weitergereicht werden: räudige Sessel, altersschwache Bücherschränke, ein schwarzer Samthandschuh, um die Kohle aufs Feuer zu legen. Arthur schrieb an seiner Geschichte Englands. Und Merlin wärmte sich die Zehen. […] Ich schaute ihnen unsichtbar (wie immer in meinen Träumen) zu und bemerkte, daß Arthur innehielt und sich mit dem Gesichtsausdruck eines, der nicht mehr weiß, wo er ist, am Kopf kratzte. Und Merlin lieferte ihm auf der Stelle die Antwort. Dann wärmte er sich wieder die Zehen. Und König Arthur schrieb weiter an der Geschichte Englands.“

Sylvia Townsend Warner starb 1978 im Alter von fast fünfundachtzig Jahren.

Die Schriften: zahlreiche     Da sind zum einen die – unveröffentlichten – Tagebücher, die Briefe an Valentine Ackland, ebenfalls uveröffentlicht (Privatleben bleibt Privatleben). Dann eine erste Sammlung ihrer Briefe, von William Maxwell in einem Band zusammengestellt, im Freund und Verleger beim New Yorker, dem bevorzugten Blatt vieler angelsächsischer Autoren. Sie war eine leidenschaftliche Briefeschreiberin (wie Henry James, nur in einem ganz anderen Stil), und so stellen ihre Briefe die zweite Etappe ihrer fiktionalen Verarbeitung der Welt dar, der sie sich unaufhörlich widmete.

Um das vorliegende Porträt zusammenzustellen, habe ich aus dem erwähnten Briefband geschöpft.

Ferner sind die Kurzgeschichten zu erwähnen: acht Bände Kurzgeschichten. Einhundertvierundvierzig davon im New Yorker erschienen, was einen Rekord darstellt (und nach dem Zweiten Weltkrieg eine Einnahmequelle). Eine Biographie, und zwar die des Romanschriftstellers T. H. White, Verfasser eines unglaublich erfolgreichen und nicht sehr guten Arthur-Romans: The Once and Future King (eine Auftragsarbeit!). Eine Übersetzung: Contre Sainte-Beuve von Proust.

Und sieben Romane!

Sie schrieb bis zu ihrem Tod. In ihren letzten Lebensjahren begann sie plötzliche eine Reihe von Erzählungen, an die zwanzig, zu schreiben, die sich allesamt um Ereignisse im imaginären Reich der Elfen drehen, jener unsichtbaren, sterblichen, grotesken und ziemlich garstigen Wesen. William Maxwell ist der Ansicht, diese Erzählungen ihrer späten Jahre seien „von großer, geheimnsivoller Schönheit; sie wirken so authentisch, daß sie – wie William Blakes Bericht vom Begräbnis einer Elfe – den Eindruck vermitteln, die Autorin habe Zugang zu Inforamtionen aus erster Hand gehabt.“

T. F. Powys     In seinem Vorwort zu A Moral Ending, einem Band mit drei Kurzgeschichten aus ihren frühen Jahren, schreibt er 1931: „Ihre Prosa setzt sich aus Gegenständen zusammen, aus auserwählten Gegenständen, wie eine Patchworkdecke aus dem Jahre 1746: einem Paar hoher Kerzenleuchter, einem Holzfeuer, einer Flasche altem Wein, einem Garnknäuel mit einer Nadel, und das Ganze mit einem roten Pantoffel geschmückt.“

Oder einem Glaspantoffel.

Die intensive visionäre Kraft der Erzählerin, ihre meisterhafte Beherrschung des Abstrusen, des Vertrauten und desv Verschiedenartigen sind genau das, was dieser Zusammenstellung verloren anmutender Gegenstände Leben verleiht, diesem Augenblick des Da-Seins oder des Abwesend-Seins, die sich nur in der Fiktion finden.

Sylvia Townsend Warner mit Siamkatze in Frome Vauchurch, 1960sEine Kurzgeschichte aus dem Jahre 1938:     Die eingehendere Betrachtung einer wahrscheinlich im Jahre 1938 geschriebenen Kurzgeschichte mit dem Titel Persuasions eignet sich ganz besonders für eine erste Annäherung an Sylvia Townsend Warners fiktionales Vorgehen.

„Es war der 1. Mai. In Europa und in Amerika, in Asien, Australien und Afrika marschierten Menschenmassen hinter roten Fahnen auf. Ein Jahr zuvor war auch Herr Alban hinter einer roten Fahne aufmarschiert.“ Herr Alban ist der Held der Geschichte. Wenn er an diesem 1. Mai nicht defiliert, so deshalb, weil die Parade von „Stalinanhängern“ angeführt wird. Und Herr Alban ist nun mal Trotzkist. Und was tut er?

Eine Schachtel mit vier Krapfen und ein Buch von Jane Austen unter dem Arm, das er sich in der Staddtbücherei ausgeliehen hatte, ging er die Esmond Road, N.W.3, hinunter. […] Eigentlich mißbilligte Herr Alban seine Wahl. Er und Jane Austen hatten nichts miteinander gemeinsam. Er wünschte, er hätte nie ein Wort von dieser Frau gehört. Er verachtete ihre Gestalten, er verachtete ihren Stil. Und erverchtete sich selbst. Aber unvorsichtigerweise hatte er eines Tages dieser Sirene Gehör geschenkt, und nun kam er nicht mehr ohne sie aus. Monatelang konnte er enthaltsam bleiben, und jedesmal packte ihn das Verlangen erneut. Er mochte sich noch so sehr einreden, daß er Jane Austen bloß las, weil sie die bürgerliche Denkweise meisterhaft darstellte. In Wirklichkeit las er Jane Austen, weil er sie liebte.“

Die Erzählung ist ein Meisterwerk vielschichtiger Ironie (Selbstironie mit eingeschlossen, wenn man Miss Warners damalige Standpunkte berücksichtigt, denn Herr Alban ist tatsächlich sehr wohl der „Held“ der Geschichte). In einem köstlichen, sowohl literarischen als auch politischen Streitgespräch über Jane Austen stehen sich der Trotzkist, ein von der Parade heimkehrender kommunistischer Demonstrant, ein Polizist und die Bibliothekarin – bei der Herr Alban das Buch ausgeliehen hat – gegenüber. Was für eine Position die Autorin selbst bezieht, bleibt offen. Doch die Bezugnahme auf auf Jane Austen (einer ihrer Romane stand Pate für den Titel der Kurzgeschichte) ist ein verhülltes literarisches Manifest. Jane Austen ist es, die, unsichtbar und indirekt wie im Traum von Arthur und Merlin (wobei die Sirene an die Stelle des Zauberers tritt), Miss Warners Person verkörpert.

Die vier Romane     Von den Aufzeichnungen zu den Briefen, von den Briefen zu den Kurzgeschichten, von den Kurzgeschichten zu den Romanen gewinnt der Prozeß der magischen Transfiguration immer mehr an Breite und Vielschichtigkeit. Alle Ingredienzien Warnerscher Wesensart finden sich hier zusammen: Exzentrik, Ironie, Respektlosigkeit, Humor in den verschiedensten Spielarten; die Distanz zum Leser, die Ungreifbarkeit, die Art auszuweichen (elusive lautet das englische Adjektiv hiefür); das Antlitz des Unsichtbaren in Form des Sichtbaren: Hexen, Dämonen, Magier, Elfen, Sirenen; das Absurde, Geheimnisvolle, Unheimliche (das englische uncanny); jedes Fragment der natürlichen Welt mit Entsprechungen belegt(die Himbeerpfote des jungen Fuchses) und gesehen, als ob es tatsächlich sei.

Von den sieben Romanen ragen vier (mit The True Heart vielleicht fünf) hervor.

Nach Lolly Willowes ist es Mr. Fortune’s Maggot (1927), dann Summer Will Show (1936) und The Corner That Held Them (1948).

Die beiden letzteren sind „historische Romane“. In Summer Will Show steht die Revolution von 1848 im Mittelpunkt der Handlung. Der Roman, der zum Zeitpunkt von Hitlers Machtergreifung und dem Beginn der Judenverfolgung fertig geschrieben worden ist, enthält eine Pogromszene aus Rußland, die man nicht so leicht vergißt.

In The Corner That Held Them wird man mitten in ein englisches Nonnenkloster des 14. Jahrhunderts versetzt und bleibt dreißig Jahre lang dort.

Von Mr. Fortune’s Maggot und Summer Will Show gibt es je ein Entstehungsprotokoll, die auffallende Ähnlichkeiten ausweisen: In beiden Fällen ist eine Kulisse vorhanden, die aus mehr oder weniger großer Entfernung im Traum betrachtet wird und die eine andere Kulisse in sich birgt.

Mr. Fortune     a) Paddington Public Library 1918: Die als Buch veröffentlichten Briefe einer Missionarin in Polynesien. Sie beschreibt ein Erdbeben. „Sie schrieb, die Erde habe gebebt wie der Deckel eines brodelnden Teekessels.“

b) Einige Zeit später träumte sie in den frühen Morgenstunden: „Ein Mann stand am Ufer eines Ozeans und rang verzweifelt die Hände; ich wußte, daß es ein Missionar war. Er befand sich auf einer Insel, wo ihm nur eine einzige Bekehrung gelungen war, und in dem Augenblick, als ich ihn im Traum sah, war er sich soeben darüber klargeworden, daß auch diese Bekehrung in Wirklichkeit keine war.“

Summer Will Show     a) 1290, eine junge Dame zur Zeit der ersten Regierungsjahre von Königin Victoria. Sie hat eine heimliche Leidenschaft: den Boxsport. Sie heißt Sophia Wiloughby.

b) Ein Jahr später, die Traumvision einer Protagonistin namens Minna, die in einem Pariser Salon das Judenpogrom schildert; Lamartine hört gegen die Tür gelehnt zu.

c) 1932, Rue Mouffetard, aus einem Lebensmittelladen tretend: Es wird ein Roman über die Revolution von 1848.

Brief an David Garnett vom 11.11.25     „Alle sagen mir, mein Roman (Lolly Willowes) sei charmant, sei ausgezeichnet, und meine Mutter behauptet, er sei fast so gut wie ein Roman von Galsworthy. Ich verzweifle je länger, je mehr.“

Kindheitserinnerung     Die Neunjährige bei der Lektüre eines Buches, eines Kapitels über Hexerei. Sie setzt sich auf eine Treppenstufe und wiederholt der Katze die Beschwörungsformeln, die den Teufel herbeirufen sollen.

Sylvia Townsend Warner mit Siamkatze in Frome Vauchurch, 1960s

Man könnte     Man könnte (und es wurde getan) Lolly Willowes im Licht von Sylvia Townsend Warners Leben lesen – oder auch umgekehrt. Alles Wesentliche kommt darin vor: in den Briefen, Erinnerungen, Blicken, Begebenheiten. Einige habe ich hier zusammengetragen. Es wird nicht mehr lange dauern, und es wird sich bestimmt eine „Biographie“ dieser Aufgabe nach angelsächsischer Manier eingehender annehmen. Vor allem dann, wenn Miss Sylvia Townsend Warner, was durchaus der Fall sein könnte, als eine der großen englischen Autorinnen dieses Jahrhunderts anerkannt werden sollte.

Dieser Roman, der sagt – und deutlich zum Ausdruck bringt –, was er meint, scheint mir bei näherer Betrachtung auf zwei Bildern aufgebaut zu sein, die ich in umgekehrter Reihenfolge anführen möchte:

a) die ungewöhnliche Schlußvision: der Teufel, das Unsichtbare und die Traumvision vom Bett aus Blättern;

b) das Buchenblatt im kleinen Laden, wo Laura (Lolly) plötzlich wußte, was sie wissen wollte, und nun weiß, was sie tun wird. „Laura“, ein Name, der seinen Ursprung in der Wald- und Pflanzenwelt hat wie „Sylvia“ (Lorbeer und Weide, „willow“);

Ein Vorgehen übrigens, das die Autorin im Fall von Mr. Fortune und Summer Will Show beschrieben hat.

Mr. Fortune’s Maggot, der zweite von Sylvia Townsend Warners drei großen frühen Romanen, vor The True Heart und nach Lolly Willowes erschienen, ist der vielleicht in sich geschlossenste.

Philosphisches Märchen, theologisches Paradoxon und Abenteuerroman unter den Wilden der Südsee, tritt Mr. Fortune’s Maggot gleichzeitig in die Fußstapfen von Diderots Nachtrag zu Bougainvilles Reise und Melvilles Omoo. Die reine anglikanische Seele des Helden Timothy Forune, dessen Name allein schon die Essenz viktorianischer Missionsberufung in sich vereint (spätviktorianische allerdings, da die Geschichte sich in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg abspielt), diese Seele begegnet also – genau wie Laura Willowes – dem Teufel. Doch es ist nicht der souveräne, gefühllose Teufel der englischen Wälder, sondern ein vespielter, ironischer Teufel, unsichtbar und unberechenbar, der sich auf der winzigen Insel, wo Mr. Fortune ihm erfolglos entgegenzutreten versucht, unter dem sogenannten „Naturzustand“ der Anthropologen verbirgt.

Unendlich amüsant und herrlich pathetisch, gilt Mr. Fortune’s Maggot als eines der Meisterwerke englischer Prosa unseres Jahrhunderts.

Sylvia Townsend Warner, Unterschrift

Bilder: Buchcover 1996; Sylvia Nora Townsend Warner in Fembio; Howard Coster, 1934;
Valentine Ackland in Frome Vauchurch, Dorset, nach 1960.

Tudor Church Music: John Taverner: Mater Christi sanctissima von Sansara, 2018:

Written by Wolf

1. Mai 2020 um 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Novecento, ~~~Olymp~~~

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