Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for Mai 2014

Auf der Suche nach den aufgegebenen Blogs

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Varvara Lozenko, Aspiration, 15. Juni 2011——— Jochen Schmidt: 18. Fr, 4.8., Odessa, Uspanskaja 13; In Swanns Welt, Seite 355–376,
in: Schmidt liest Proust. Quadratur der Krise, Voland & Quist, Dresden und Leipzig 2008, Seite 50:

Was hilft es Swann, wenn Odette sich gemein verhält und die erste Frische ihrer Jugend bereits eingebüßt hat?

Ja genau: Was frommt’s? Ihm wahrscheinlich nichts, ihr schon eher.

Wenn vor zehn Jahren jemand Marcel Proust gelesen hat, musste er unweigerlich gleich darüber bloggen. Mir fallen ungestützt vier Weblogs zu dem Thema ein aus der Zeit, als das Internet nicht aus Apps bestand und seine Nutzer weiter als 140 Zeichen dachten, bei Jochen Schmidt aus dem Land der Literaturverächter und Langweiler ist sogar ein kostenpflichtiges P-Book draus geworden. Inzwischen wäre Gelegenheit nachzuschauen, ob einer von denen jusqu’au fin durchgehalten hat:

Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Sääle? Eigentlich kann er gleich Proust lesen.

Im Schatten junger Mädchenblüte: Varvara Lozenko: Aspiration, 15. Juni 2011.

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Written by Wolf

30. Mai 2014 at 00:01

O komm ein Engel und rette mich!

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Update zu Als ich in Saarbrücken:

Zum unrunden, aber gefahrlos begehbaren 222. Todestag des glücklosen Lenz (nach russisch-julianischer Zeitrechnung jedenfalls, westlich-gregorianisch wäre erst der 4. Juni) empfehle ich warm, noch einmal das Gedicht Wo bist du itzt und dessen sorgsame Einrichtung vom Januar durchzulesen: Nicht nur ist das eins der allerschönsten Gedichte zwischen Aufklärung und Romantik (wir rechnen es mitsamt dem Dichter unter Sturm und Drang), dort hab ich auch das beeindruckendste Wissenswerte über Lenz versammelt, damit es für Schulreferate genauso taugt wie zum absichtslosen Ergötzen.

Nach Anlass und Inhalt wäre es passender gewesen, im Januar das nachstehende Gedicht zu verbreiten, weil es teilweise von Engeln handelt, und dafür Wo bist du itzt itzt, weil es teilweise vom Mai handelt, nach der Stimmung passt es aber durchaus so, wie es jetzt geworden ist. Der Lenz, er ruhe sanft und nicht vollends vergessen.

Die Demuth schrieb Lenz in seiner Straßburger Zeit, das Thema der Demut beschäftigte ihn schon in Moralische Bekehrung eines Poeten — und sinnigerweise in seiner Gastpredigt in der Sesenheimer Pfarrkirche, deren Turm er hauptsächlich umschlich, um sich von großer Hoffart getrieben an die Pfarrerstochter Friederike Brion, Goethes Ex, zu pirschen. Das Manuskript ging auf einem Straßburgbesuch im Juni 1774 an Johann Kaspar Lavater und ist seitdem nicht weiter nachweisbar.

Die bisherigen Versionen im Internet schreiben vermutlich eine von der anderen allzu gerne „Ich kroch empor wie das geschmeide Ephen“ ab; ich verbessere nach der Gesamtausgabe von Sigrid Damm auf „Epheu“, was „Efeu“ heißt. Das gibt Sinn.

Serge Marshennikov

——— Jakob Michael Reinhold Lenz:

Die Demuth

1774, Erstdruck in: Johann Konrad Pfenningers Christliches Magazin,
IV. Band, 1. Stück, Zürich und Winterthur 1779:

Ich wuchs empor, wie Weidenbäume
Von manchem Nord geschlenkt
Ihr niedrig Haupt in lichte Wolken heben,
Wenn nun der Frühling lacht.

Serge MarshennikovIch kroch empor wie das geschmeide Epheu
Durch Schutt und Mauern Wege findt,
An dürren Stäben hält und höher
Als Sie, zum Schutt an ihren Füßen
Hinunter sieht.

Ich flog empor, wie die Rakete
Verschlossen und vermacht, die Bande
Zerreißt und schnell, sobald der Funken
Sie angerührt, gen Himmel steigt.

Ich kletterte wie junge Gemsen,
Die nun zuerst die Federkraft
In Sehn’n und Muskeln fühlen, wenn sie
Die steile Höh‘ erblicken, empor.

Hier häng ich itzt aus Dunst und Wolken
Nach dir furchtbare Tiefe, nieder —
Giebts Engel hier? O komm ein Engel
Und rette mich!

O wenn ich diesen Felsengang stürzte,
Wo wär, ihr Engel Gottes! mein Ende?
Wo wär ein Ende meiner Thränen
Um dich, um dich verlorne Demuth?

Dich der Christen und nur der Christen
Einziger, allerhöchster Seegen
Heiliger Balsam! der die Wunden
Des schwingeversengenden Stolzes heilt.

Serge MarshennikovEinzige Lindrung edler Gemüther,
Wenn in der trostlosen, heißen, öden,
Heißen, öden, verzehrenden Wüste
Eitler Ehre sie sich verirrt.

Wann sie schmachteten und nicht fanden
Wo sie den Durst der Hölle stillten
Der ihr Gebein verzehrte.

Wann sie, verzweifelnd um Schatten, wählten
Wege nach Morgen, nach Mittag, nach Abend
Und nicht fanden, nicht fanden, nicht fanden
Wo ein Schatten sie kühlete.

Wenn sie auf unmitleidigen Sand hin-
ab sich stürzten und strekten und weinten.
Ach die Thränen rolleten auf und nieder
So heiß war der Sand.

Komm der Christen Erretter und Vater,
Komm du Gott in verachteter Bildung!
Komm und zeige der Demuth geheime
Pfade mir an.

Führe mich weit und nieder hinunter
In ihre dunkeln Schattenthale
Voll lebendiger springender Brunnen,
Wo die Einsamkeit oder die Freude
Also lispelt:

Komm‘ gerösteter Laurentius
Unglükseeliger Sterblicher!
Ruh‘ von deinem Streben nach Unglük,
Ruhe hier aus.

Oder wenn von glüklicherm Streben
Du zu ruhen, Beruf in dir fühlest,
Wenn deine Flügel sinken,
Wenn deine Federkraft sich zurüksehnt,
Du die Gebeine nur fühlst, der Geister
All entledigt — Gerippe —
Ruhe hier aus!

Horch! hier singen die Nachtigallen,
Auch Geschöpfe, wie du, und beßer,
Denn ein Gott hat sie singen gelehrt
Und sie dachten doch nie daran, ob sie
Beßer sängen als andre.

Hier, hier Sterblicher! sieh hier rauschen
Quellen in lieblichen Melodien,
Jede den ihr bezeichneten Weg hin
Ohne Gefahr.

Serge MarshennikovSieh hier blühen die Blumen wie Mädgen
In ihrer ersten Jugend-Unschuld,
Unverdorbene Lilien-Mädgen;
Ja sie blühen und lächeln und buhlen
Ungesehen und unbewundert
Mit den Winden der lauen Luft!

Lerne von ihnen, für wen blühn sie?
Für den Gott, der sie blühen machte
All in ihrer unnachahmlichen
Blumen Naivetät.

Sieh den Weg an! irrte hier jemals
Ein animalischer Fuß?
Blüh’n doch, blühen dem guten Schöpfer
Der sie gemacht.

Hier, hier Sterblicher! hier wo Jesus,
Als er ein Knabe war,
Hier wo Jesus, dein Jesus geschlummert
Bis ins dreißigste Jahr.

Hier wo Er aus dem Getümmel der tollen
Plumpen Bewundrer sich hergestohlen,
Hier seinen reinen Athem dem Vater,
Seufzend über die Thorheit und Mühe
Menschlicher Grillen, zurükgeschikt hat;

Hier, hier Sterblicher! hier wo Jesus
Von seinen Gottesthaten geruht,
Hier, hier ruhe von den Spielen
Deiner dir anvertrauten Kindskraft.

Serge Marshennikov

Zu Lenzens Ehre zeige ich einige Gemälde von unverdorbenen Lilien-Mädgen aus seiner kurisch-russischen Gegend, die ihm, wenn man die wenigen überlieferten Bilder von Friederike Brion kennt, gewiss zugesagt hätten, von Serge Marshennikov.

Written by Wolf

24. Mai 2014 at 00:01

Hastig die ärmlichen Verse

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——— Arno Schmidt: Wir hatten lange geplaudert
aus: Die Insel. 2. Teil: Unsere Reise nach Frederikshald, 3.),
in: Bargfelder Kassette 1, Band I/4.2: Juvenilia, Seite 227 f.:

Als wir aus dem theater traten stand der halbe mond über dem zwinger und kleidete die leeren strassen und plätze in grelles einsames weiss. Wir huschten durch den mondschein und plötzlich kamen mir verse in den sinn und ich flüsterte sie im laufen Alice ins ohr:

Wir hatten lange geplaudert     bei der lampe schein,
von geist geraunt und zukunft,     von wind, gewölk und hain.
Dein haar trug helle lichter     im glase perlte wein,
da glänzte plötzlich silbern     der mond zum fenster herein.

Wir traten aus dem Hause     und riefen „gute Nacht“;
da waren hoch im bergland     sternenzüge erwacht.
Ich hob die plumpen hände     und fasste deine sacht
und sagte laut und eifrig     „komm, gehn wir in die nacht“

Die hellen gassen lagen     um mitternacht schon leer;
wir liefen leicht und schleichend     im diebesschritt einher.
Über die hellen plätze     huschten wir kraus und quer,
und stets verstrahlte oben     der mond im wolkenmeer.

Lautlos wie die araber     ihr zelt falten zur nacht,
hat wind wolkenschwärme     über die stadt gebracht;
sie waren wirr und scheinend     am ganzen himmel entfacht.
Flüstert der wind und knistert     und wispert in der nacht.

Wir hatten lange geplaudert     bei der sterne schein,
von geist geraunt und zukunft,     von wind, gewölk und hain.
schattig entquoll der fluss den     brücken und dem rain
und immer wölkte marmorn     des mondes zauberschein. –

Ich riss ein blatt papier aus meiner tasche und schrieb hastig die ärmlichen verse nieder; dann blieb ich traurrig stehen und sah auf das weisse rechteck, das im mondlicht fein und porzellanen leuchtete. Alice nahm es mir aus der hand und drückte es liebkosend an ihr gesicht; aber noch während sie so tat, wurden ihre augen nachdenklich und plötzlich flüsterte sie: „Wir wollen es fortfliegen lassen; dass vielleicht ein einsamer wanderer im gebirge nachdenklich es in den händen hält oder irgendwo im südlande ein mädchen es findet – die letzte kunde von uns –.“

Liza. Never Enough Books. Rita Curtis. Oil on canvas, 2014

Liza by Rita Curtis: Never Enough Books, 2014, Öl auf Leinwand:

Liza was weighed down with reading materials when I ran into her at the library. I knew then I would have to paint her in a cozy setting of books, books, lovely books.

Bei manchen Bildern fragt man sich nicht mehr, was sie aussagen sollen, sondern warum jemand einen solchen Bahnhof aus Ölfarben und Leinwand für das Motiv treiben sollte. Getroffen ist es immerhin: Genau so sehen junge Frauen beim Studieren aus.

Written by Wolf

21. Mai 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Romantik

Christen haben alle Stunden ihre Qual und ihren Feind, doch ihr Trost sind Christi Wunden.

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Update zu Den Bach runter, Ein schön Exempel Quasimodogeniti und Lieblingsbiber:

Zahnwehherrgott am Eingang zur Krypta der Asamkirche München, Karwoche 2013Katholische Fortbildung: Das ist, wenn überhaupt, kein Zahnwehgott, sondern ein Zahnwehherrgott. Ein „Zahnwehgott“, den es nach keiner Definition und in keiner Glaubensrichtung gibt, wäre eine populär-polytheistische Ausweitung eines Pandämoniums, das nur eine Dreifaltigkeit kennt — so wie „Fußballgott“ und „Wettergott“, eine fiese Gedankenlosigkeit, meistens von medialen Dampfquasslern — die man speziell modernen, weltlich orientierten, aber in der Lebensführung nur lässlich zu tadelnden Schäfchen nachsehen will; Zahnwehherrgott beschriebe dagegen eine Erscheinungsform des all-einigen und alleinigen Herrgotts, der mit Zahnweh dargestellt wird. Das wäre dann auch keine Vielgötterei, wie sie dem Christentum fälschlich vom Islam vorgeworfen wird, sondern ein Topos, vergleichbar der Schmerzhaften Mutter — wie überhaupt Maria besonders oft in ihren verschiedenen Lebenslagen dargestellt wird.

Auf mehreren Ebenen typisch für Wien: Der Stephansdom beherbergt gleich zwei Zahnwehherrgötter.

Zahnwehherrgott Seitenkapelle der Stadtpfarrkirche Mariä Himmelfahrt Bad Tölz, 27. März 2012Fachliteratur: Axel Bergstedt: Die Kantaten Johann Sebastian Bachs zum Sonntag Jubilate. Eine vegleichende Darstellung. Diplomarbeit an der Hochschule für Musik und Theater, Hamburg 1995.

Zahnwehherrgötter: Eingang zur Krypta der Asamkirche Sankt Johann Nepomuk München, Karwoche 2013;
Seitenkapelle der Stadtpfarrkirche Mariä Himmelfahrt Bad Tölz, 27. März 2012;
noch zwei ursrpünglichere, gotische im Stephansdom Wien.

Johann Sebastian Bach zum Sonntag Jubilate: Kantate Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen, BWV 12, Uraufführung 22. April 1714.

Written by Wolf

16. Mai 2014 at 00:01

Des Maies Wonneschlingen

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——— Walther von Klingen: Frühlingslied
nach Johann Jacob Bodmer (Hg.): Sammlung von Minnesängern aus dem schwäbischen Zeitpunkte,
1. von 2 Bänden, Zürich 1758 f.:

Swie diu zît sich wil verkêren Sêren
Muoz daz sende herze mîn
Wil mîn frouwe mich niht êren Mêren
Muoz mîn senelicher pîn
Frouwe ir tuont mir helfe schîn
Frouwe ir solt mich froeide lêren
Als ich muoz verdorben sîn.

Der Klangreim kommt vor allem im späteren Minnesang, in den Formspielereien des Barock und dann wieder in den mittelalterlichen Rückbesinnungen der Romantik vor. Ich will jetzt nicht apodiktisch behaupten, dass Brentano, als er die Minnesang-Sammlung von Bodmer übersetzen und in ähnlicher Weise wie Des Knaben Wunderhorn aufpolieren wollte, das souveränste Reimmuster seit Erfindung des Reimmusters gelungen ist — aber ein noch souveräneres als in der ersten Strophe fällt mir auch nicht ein. Eigentlich sind es siebenzeilige Strophen, weil die vierten Verse jeweils viel zu lang und binnengereimt sind, das sind sowieso immer die raffiniertesten. Und natürlich wirkt das künstlich.

Siehe auch: reicher Reim, Schlagreim, Inreim, Mittenreim:

——— Clemens Brentano: An Bettine, März 1802,
Erstdruck in Bettina von Arnim: Clemens Brentano’s Frühlingskranz aus Jugendbriefen ihm geflochten, wie er selbst schriftlich verlangte. Erster [de facto: einziger] Band, Charlottenburg 1844:

Ach ich sehe immer nach Deinem Bilde hin, und bin unendlich einsam, da hab ich gestern zwei Lieder geschrieben für Dich.

Wie sich auch die Zeit will wenden, enden
Will sich nimmer doch die Ferne,
Freude mag der Mai mir spenden, senden
Möcht‘ Dir alles gerne, weil ich Freude mir erlerne,
Wenn Du mit gefaltnen Händen
Freudig hebst der Augen Sterne.

Alle Blumen mich nicht grüßen, süßen
Gruß nehm‘ ich von Deinem Munde.
Was nicht blühet Dir zu Füßen, büßen
Muß es bald zur Stunde, eher ich auch nicht gesunde,
Bis Du mir mit frohen Küssen
Bringest meines Frühlings Kunde.

Wenn die Abendlüfte wehen, sehen
Mich die lieben Vöglein kleine
Traurig an der Linde stehen, spähen
Wen ich wohl so ernstlich meine, daß ich helle Thränen weine,
Wollen auch nicht schlafen gehen,
Denn sonst wär‘ ich ganz alleine.

Vöglein euch mags nicht gelingen, klingen
Darf es nur von ihrem Sange,
Wie des Maies Wonneschlingen, fingen
Alles ein in neuem Zwange; aber daß ich Dein verlange
Und Du mein, mußt Du auch singen,
Ach das ist schon ewig lange.

Das erwähnte zweite Lied war Am Berge hoch in Lüften.

Hannah Amodeo, You Can't Ride In My Little Red Wagon, 22. September 2010

Was nicht blühet Dir zu Füßen: Hannah Amodeo: You Can’t Ride In My Little Red Wagon,
22. September 2010.

Written by Wolf

10. Mai 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Hochmittelalter, Land & See

Zeilenzähler

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Die bislang halbjährlich fortgesetzte Serie Chronik des Verfalls endet an dieser Stelle. Nicht weil der Verfall etwa beendet wäre, sondern weil die konstituierenden Photographien innerhalb einer Privatwohnung entstanden. The Verfall lingers on.

Bild: Norbert Barth: Arno Schmidt mit Kater Hintze an Zettels Traum, ca. 1955
via Kater Paul: Arno Schmidt und seine Katzen, 2. Januar 2011.

Norbert Barth, Arno Schmidt mit Kater Hintze an Zettels Traum, ca. 1955Die Lesezeichen, die
der zweiten Bargfelder
Kassette
noch antiquarisch
als Zeilenzähler beiliegen,
ergeben einen fast
genau so guten
Zahnzwischenräumereiniger wie die
herausgerissenen Laschen aus
dem Deckel der
Flip-Top-Hard-Box-Zigarettenschachteln und die
der ersten und
dritten bestimmt auch,
was ein ganz
hervorragendes Haiku hergegeben
hätte, wenn die
siebzehn Silben nicht
schon nach einem
Wort aufgebraucht wären,
und jetzt verdichten
Sie das mal.

~~~\~~~~~~~/~~~

Ungeheuerlich passendes Lied (hey, wer hat hier Geburtstag und darf sich eins wünschen, ich oder Sie?):
Sœur Sourire: Dominique, 1963:

Und jetz‘ alle (Debbie Reynolds Mix 1966):

Written by Wolf

6. Mai 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Novecento, ~ Weheklag ~

Dein pöschelochter roter mund

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Update zu Frühlingsreigen Buranum:

Postkoital krabbelt die Wölfin auf einen weichen Wiesenflecken, lehnt sich an unseren Baumstamm, stopft sich zum gemütlicheren Sitzen eine Handvoll erreichbar herumliegender Unterwäsche unter den Hintern, schlingt sich die Arme um die Knie und knipst von innen ihr „Tu’s doch“ auf den Rückseiten ihrer Augäpfel an.

„Du wolltest mir was singen“, beschließt sie.

„Ach“, sag ich.

„Dochdoch, glaub schon.“

„Was genau wollte ich gleich wieder singen?“

„Bloß nicht das Under der linden-Tandaradei, bloß weil wir grade …“ Sie deutet in die Baumkrone.

„Gut. Sondern?“

„Was Neueres.“

„Neuer als der Vogelweide. Ganz klar – der Wolkensteiner.“

Sie sackt zusammen. „Man wird so bescheiden, wenn man immer nur nehmen kann, was man kriegt.“

„Danke, du warst auch gut, Schatz.“

——— Oswald von Wolkenstein: Fröhlich / zärtlich, um 1411,
Urtext nach dem Innsbrucker Codex „Handschrift B“, 1432,
in: Klaus J. Schönmetzler: Oswald von Wolkenstein. Die Lieder mittelhochdeutsch–deutsch, Phaidon, Essen 1979, 21990:

Tenor

FRölich / zärtlich / lieplich / und klärlich / lustlich / stille / leyse / jnsenffter / süsser / keusch‘ /sainer weyse / wach du mīnikliches schönes weib / reck / streck / breys dein zarten stolczen leib /

2a pars

Sleuss auf dein uil liechte öglin klar / taugenlich nym war / wie sich uerschart / der sterne gart / jnn der schönen / hayttren / klaren / sunne glancz / wol auff zu dem tancz / machen einen schönen krancz / uon schawnen / prawnen / plawen / grawen / gel / rot weyss / viol plümlin sprancz /

LÜnczlot / münczlot / klünczlot / und zysplot / wysplot freuntlich sprachen / auss waidelichen / güten / rainen / sachen / sol dein pösschelochter / rotter mund / der ser mein hercz lieplich hat erzunt / Vnd mich fürwar tausent mal erweckt / freuntlichen erschreckt / auss slauffes träm / so ich ergäm / ain so wolgezierte rotte engespalt / lächerlich gestalt / zendlin weyss dorjn gezalt / trielisch / mielisch / vöslocht / röslocht / hel/ zu vleiss waidelich gemalt /

WOlt sy / solt sy / tät sy / und käm sy / näm sy / meinem hertzen / den seniklichen grossen hertten / smertzen / und ein brüstlin weyss darauff gedruckt / secht / slecht / so w&eeml;r mein trauren gar verruckt / Wie möcht ein zart seuberliche diern / lustlicher geziern / das hercze mein / an argen pein / mit so wunniklichem zarten rainen lust / mund mündlin gekusst / zung an zünglin / brüstlin an brust / bauch an beuchlin / rauch an reuchlin / snel / zu fleiss / allczeit frisch getusst /     Amen –

„Um Gottes willen“, entsetzt sich die Wölfin in ihrer sagenhaften sonnenbeschienenen Nacktheit, „hat das schon mal jemand verstanden?“

„Gegen anno 1411 noch ad multos annos. Das soll sogar beliebt sein.“

„Warum?“

„Die Variante eines Tagelieds„, erkläre ich, „ist laut Schönmetzler

eine zweistimmige Kontrafaktur des ursprünglich dreistimmigen Rondeaus „En tres doulz flans„. Beide Handschriften [das sind Wiener Handschrift „A“ und Innsbrucker Codex „B“] weisen gravierende Schlüsselfehler auf. Nur der Tenor von Hs.A gibt den korrekten lydischen Modus an. Die Übertragung [der Notenschrift] folgt Hs.B und gleicht die dortige Terzierung durch Akzidenz aus.

Eine Darstellung des Liedes in rekonstruierter Dreistimmigkeit findet sich bei Ganser/Herpichböhm.

Klar, oder?“

„Klar wie Eisengallustinte. Was für Ganserherpichböhm?“

„Hans Ganser und Rainer Herpichböhm: Oswald von Wolkenstein-Liederbuch. Eine Auswahl von Melodien, Göppinger Arbeiten zur Germanistik 240, Göppingen 1978. Nicht so richtig im Handel zur Zeit, aber Fernleihe ist immer mal einen Versuch wert.“

„Ja dann!“

Laura Clarke, Midsummer Dreaming, 30. April 2013

„Schön, dich so befriedigt zu haben. Normalerweise singe ich nur zur Schalmei.“

„Das war nicht gesungen. Das war doziert. Sing für mich, Page!“

„Das gleiche nochmal auf Verständlich?“

„Hab ich’s nicht geahnt, dass du das kannst?“

——— Oswald von Wolkenstein: Frölich, zärtlich, um 1411:

Frölich, zärtlich, lieplich und klärlich,
lustlich, stille, leise
in senfter, süesser, keuscher, sainer weise
wach, du minnikliches, schönes weib
reck,   streck,   preis dein zarten, stolzen leip!
Sleuss auf dein vil liechte euglin klar!
taugenlich nim war,
wie sich verschart   der sterne gart
in der schönen, haitren, claren sunnen glanz!
Wol auf zue dem tanz!
machen einen schönen kranz
von schaunen,   praunen,   plauwen,    grauwen,
gel,   rot, weiss,   viol plüemblin spranz!

Lünzlocht, münzlocht, klünzlocht und zisplocht,
wisplocht, freuntlich sprachen
auss waidelichen, gueten, rainen sachen
sol dein pöschelochter roter munt,
der   ser   mein herz tiefflich hat erzunt
Und mich fürwar tausend mal erweckt,
freuntlichen erschreckt
auss slaffes traum,    so ich ergaum
ain so wol gezierte rote enge spalt,
Lächerlich gestalt,
zendlin weiss darin gezalt,
trielisch,    mielisch,    vöslocht,    röslocht,
hel   zu fleiss   waidelich gemalt.

Wolt si, solt si, tät si und käm si,
näm si meinem herzen
den senikleichen, grossen, herten smerzen,
und ein brüstlin weiss darauf gesmuckt,
secht,   slecht   wer mein trauren da verruckt.
Wie möcht ain zart seuberliche diern
tröstlicher geziern
das herze mein   an allen pein
mit so wunniklichem, lieben, rainen lust?
Mund mündlin gekusst,
zung an zünglin, prüstlin an prust,
pauch   an peuchlin,   rauch   an reuchlin
snell   zu fleiss   allzeit frisch getusst.

——— Oswald von Wolkenstein: Fröhlich, zärtlich, um 1411:

Fröhlich, zärtlich,anmutig und hell,
lustvoll, still und sanft,
ruhig, süß, rein und gemächlich:
so wache auf, du liebenswerte schöne Frau!
Reck, streck, schmücke deinen feinen, herrlichen Leib!
Öffne deine strahlend blanken Äuglein!
Nimm verstohlen wahr,
wie sich auflöst der Sternengarten
im Glanz der schönen, heiteren, klaren Sonne!
Auf zum Tanz!
Machen wir einen schönen Kranz
Aus dem Schimmer beiger, brauner, blauer, grauer,
gelber, roter, weißer, violetter Blüten!

Schlaflich, küßlich, schmeichlerisch und flüsterlich,
wisperlich, herzlich reden
aus köstlichem, gutem, schönem Grund
soll dein üppiger roter Mund,
der mein Herz tief drin heftig entzündet hat
und mich wahrlich tausendmal aufweckt,
liebevoll aufgeschreckt
aus Schlaf und Traum, wenn ich erblicke
eine so schön geformte rote, feine Spalte,
zum Lächeln geschaffen,
Zähnlein weiß darin in Reihe,
lippenschön, lächelnd, blühend, rosig,
leuchtend, ein trefflich gemaltes Bild.

Wollt sie, würd sie, tät sie’s und käm sie,
nähm sie mir vom Herzen
den schweren, bitteren Sehnsuchtsschmerz
und ein weißes Brüstlein drauf gedrückt –
schaut, da wär mein Leid geglättet.
Wie könnte ein zartes, hübsches Mädchen
mein Herz heilsamer schmücken,
vom Schmerz befreien,
als mit so süßer, wonniger, reiner Lust?
Mund Mündlein geküßt,
Zung an Zünglein, Brüstlein an Brust,
Bauch an Bäuchlein, Pelz an Pelzlein,
frisch und eifrig, nimmermüd gestoßen.

„Horch an. Woher hast du das so plötzlich?“

Die neuere Schreibung mit der Umverteilung auf Strophen müsste beizeiten angefangen haben und ist ganz üblich, Fassungen gibt’s fast so viele wie Abschriften. Ich hab ja selber grade eine neue eingeführt: In dem Urtext sollte das ‚LÜnczlot‘ statt des großen Ü ein großes V mit Trema haben.“

„Ein Pünktchen-V?“

„Einen V-Umlaut, genau. Das &Vuml; wird aber in HTML nicht genommen, ist also nicht zu bloggen, und schon ist eine Textvariante in die Welt gesetzt. Meine Übertragungen hab ich aus der Deutschen Lyrik des späten Mittelalters – weißt schon, die grandiosen weißen Taschenbücher nach der Bibliothek Deutscher Klassiker. Die Übersetzung wäre damit von Burghart Wachinger.“

„Aber schön!“

„Jaja. Man wird so bescheiden, wenn man immer nur nehmen kann, was man kriegt.“

„Ach hör auf.“

Die Zehennägel der Wölfin haben den gleichen rosigen Farbverlauf wie der innere Ring der Gänseblümchen, zwischen denen sie stehen. Eins davon wächst durch das Guckloch zwischen ihren Zehen Nummer 1 und 2 links. Sie hat ihre Knie losgelassen, äugt in die Runde und klaubt noch mehr umherliegende Wäsche unter ihren allzeit frisch getussten Hintern.

Lotterbett,

Jnn der schönen hayttren klaren sunne glancz: Laura Clarke: Midsummer Dreaming, 30. April 2013;
lünczlot münczlot klünczlot und zysplot: Lotterbett, Sommer 2011, Graphit und Rötel, gemeinfrei.
Die Vorführung des Wiener Ensemble Unicorn (Leitung: Michael Posch, Altus: Markus Forster): Oswald von Wolkenstein. Liebeslieder, Raumklang, Goseck 2011 gilt dem bisher einzigen Laienrezensenten auf Amazon.de schon als „musikalisch überzeugend, mit Schwung und Gefühl interpretiert“, ein viersprachig seitengeschundenes Booklet als „sehr informativ“. Man wird so bescheiden, wenn man immer nur nehmen kann, was man kriegt.

Written by Wolf

1. Mai 2014 at 00:01