Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Wie der Schnee so weiß, aber kalt wie Eis ist das Liebchen, das du dir erwählt

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Update zu Vampire Lilith: Obenauf mit 34:

Lasse dich es nit wundern / lieber Machates / ich bin deines Wirths Tochter / und dieweil ich deine Zukunfft vernommen / bin ich in Ansehung deiner Vortrefflichkeit und Tugenden / vorlängst in Liebe gegen dir entzündet und bewegt worden / wiewohl es meinem weiblichen Geschlecht nicht wohl geziemen wollen / dich unterthänig zu ersuchen / daß du dich meiner Beywohnung nicht entziehen wollest / denn ich im wiedrigen Fall und dessen Verbleibung / nicht wegen deiner Unfreundlichkeit und bäurischen Grobheit füglich werde beklagen können / zu dem Ende aber unserer beyder Liebe desto füglicher zu genießen / habe ich diese bequeme Stunde zu unserem Beyschlaff ersehen in dem niemand mehr wachend / unnd beyde Eltern sich zu Bette allbereit verfüget haben.

Die vor sechs Monaten verstorbene Tochter der Wirtsleute zum Gastfreund in: Phlegon aus Tralles nach Johannes Praetorius: Anthropodemus plutonicus, das ist Eine neue Weltbeschreibung von allerlei wunderbaren Menschen, Magdeburg 1666, Kapitel VII: Von gestorbenen Leuten oder Larvis, nach Albert Leitzmann (Hg.): Die Quellen von Schillers und Goethes Balladen, Bonn 1911, Seite 34 f., nach Karl Eibl (Hg.): Goethe: Gedichte 1756–1799, Frankfurter Ausgabe, Seite 1234.

Ein Heidenjüngling mit seiner christlichen Braut, die als Gespenst zu ihm kommt und die er, eine kalte Leiche ohne Herz, zum warmen Leben priapisiert — das sind Heldenballaden!

Herder, 5. August 1798.

Tim Burton, Corpse Bride, 2005

Wer mich, wie es in der Geschichte des 20. Jahrhunderts durchaus vorkam, kennen und verstehen lernen will, darf sich gerne zuerst vergegenwärtigen, dass ich siebenzeilige Strophen mag; das macht mich zu einem großen Teil aus. Was sich im ersten Moment befremdlich anhört, verhält sich wie mit dem bevorzugten Frauentyp: Dralle große Mädchen mit blonden Gretchenzöpfen sind sehr oft ganz wunderbare Menschen, und die jambische, kreuzgereimte Volksliedstrophe in vier Zeilen blickt auf die schätzbarsten Verdienste zurück. Echte Rothaarige und siebenzeilige Strophen aber sind für Gentlemen: separating the men from the boys.

Tim Burton, Corpse Bride, 2005

Seit ich von Goethes & Schillers Balladenjahr 1797 weiß, machen ihre scheinbar tiefernsten Balladen viel mehr Spaß. Die angeblichen Weimarer Giganten haben auch nur gespielt wie die Lausbuben — weil sie es in ihrer hochprivilegierten Stellung konnten — und endlich hat man was von diesen teuer gemieteten Dichtungshöflingen. Die aufkeimende Dichterfreundschaft äußerte sich zuerst und nächst dem persönlichen Briefwechsel am deutlichsten in dem kreativen Ping-Pong, den sie im Jahr darauf in Schillers Musenalmanach veröffentlichen konnten. Praktisch für alle Beteiligten und die davon wissen (müssen).

Die Braut von Korinth war nie Schulstoff, wahrscheinlich weil sie von Anfang an mittleren Skandal erregte, wegen der Unzucht mit Leichen und laxen Umgangs mit dem Christentum, auch wenn beim besten Willen niemals jemand die technische Qualität bestreiten konnte. — August Böttiger am 18. Oktober 1798:

Über nichts sind die Meinungen geteilter als über Goethes „Braut von Korinth“. Während die eine Partei sie die ekelhafteste aller Bordellszenen nennt und die Entweihung des Christentums hoch aufnimmt, nennen andere sie das vollendetste aller kleinen Kunstwerke Goethes.

Wie immer stimmt beides, je nachdem, nach welcher Seite hin man übertreiben will. 1998 — genau zwei Jahrhunderte später — merkt sogar die Autorität Karl Eibl in der maßgeblichen Frankfurter Ausgabe zu den Balladen und Romanzen an (a.a.O. Seite 1220):

Für die Rezeption sollte man immer bedenken, daß solche ‚Balladen‘, ihrer Tradition entsprechend, laut vorgetragen werden wollen und daß es dieser Tradition entspricht, wenn der Vortrag etwas ironisch die reißerische Art der Bänkelsänger imitiert.

und zum Einzelgedicht (Seite 1235):

Die Anknüpfung bei einem durchaus trivialen Stoff rechtfertigt Goethes Bezeichnung „Gespensterromanze“, reiht das Gedicht ein in das zeitgenössische Gespenster-Balladen-Wesen und gibt ihm eine leicht parodistische Note. […] Die hinzutretenden Motive der Brautschaft, der Konfrontation von Heidentum und naturwidrigem Christentum und des gemeinsamen Endes im Feuer jedoch geben geben ihm eine ernsthafte, esoterische Seite.

Wir haben hier also nicht weniger als Goethes Vorgriff auf die Schwarze Romantik, die er nach ihrem „offiziellen“ Ausbruch missbilligen sollte, wenn nicht gar seinen Ausweis einer gothic Seele. Eine solche hätte er empört von sich gewiesen oder wenigstens fürnehm übergangen, ein vollwertiger Beitrag zur heutigen Form von Halloween ist es aber allemal. Ein Schatz.

Die ach so priapische Gespensterballade ist das, wofür Goethe hätte gut sein können, wenn man ihn öfter gelassen hätte; besonderer Dank dafür geht deshalb auch an Schiller. Außerdem stelle ich mir die Braut automatisch als rothaarig vor, und das Ding hat geschlagene 28 (in Worten: achtundzwanzig!) siebenzeilige Strophen.

Carl Mayer nach Alexander Simon, Die Braut von Korinth, um 1880

——— Goethe:

Die Braut von Corinth.

Romanze.

Balladenjahr 1797, in: Schiller, Hg.: Musenalmanach für das Jahr 1798, Seite 88 bis 99:

     Nach Corinthus von Athen gezogen
Kam ein Jüngling, dort noch unbekannt,
Einen Bürger hofft er sich gewogen,
Beyde Väter waren gastverwandt,
Hatten frühe schon
Töchterchen und Sohn
Braut und Bräutigam, in Ernst, genannt.

     Aber wird er auch willkommen scheinen,
Wenn er theuer nicht die Gunst erkauft?
Er ist noch ein Heide mit den Seinen,
Und sie sind schon Christen und getauft.
Keimt ein Glaube neu,
Wird oft Lieb und Treu
Wie ein böses Unkraut ausgerauft.

     Und schon lag das ganze Haus im stillen,
Vater, Töchter, nur die Mutter wacht,
Sie empfängt den Gast mit bestem Willen,
Gleich ins Prunkgemach wird er gebracht
Wein und Essen prangt
Eh er es verlangt,
So versorgend wünscht sie gute Nacht.

     Aber bey dem wohlbestellten Essen
Wird die Lust der Speise nicht erregt,
Müdigkeit lässt Speis‘ und Trank vergessen,
Dass er angekleidet sich aufs Bette legt,
Und er schlummert fast,
Als ein seltner Gast
Sich zur offnen Thür hereinbewegt.

     Denn er sieht, bey seiner Lampe Schimmer
Tritt mit weissem Schleyer und Gewand,
Sittsam still ein Mädchen in das Zimmer
Um die Stirn ein schwarz und goldnes Band.
Wie sie ihn erblickt,
Hebt sie, die erschrickt,
Mit Erstaunen eine weisse Hand.

     Bin ich, rief sie aus, so fremd im Hause
Dass ich von dem Gaste nicht vernahm?
Ach! so hält man mich in meiner Klause!
Und nun überfällt mich hier die Schaam.
Ruhe nur so fort,
Auf dem Lager dort
Und ich gehe schnell so wie ich kam.

     Bleibe schönes Mädchen! ruft der Knabe,
Rafft von seinem Lager sich geschwind,
Hier ist Ceres, hier ist Bacchus Gabe
Und du bringst den Amor liebes Kind.
Bist vor Schrecken blass,
Liebe komm und lass
Lass uns sehn, wie froh die Götter sind.

     Ferne bleib, o Jüngling! bleibe stehen,
Ich gehöre nicht den Freuden an
Schon der letzte Schritt ist, ach! geschehen,
Durch der guten Mutter kranken Wahn,
Die genesend schwur:
Jugend und Natur
Sey dem Himmel künftig unterthan.

     Und der alten Götter bunt Gewimmel
Hat sogleich das stille Haus geleert,
Unsichtbar wird einer nur im Himmel,
Und ein Heiland wird am Kreuz verehrt;
Opfer fallen hier,
Weder Lamm noch Stier,
Aber Menschenopfer unerhört.

     Und er fragt und wäget alle Worte,
Deren keines seinem Geist entgeht,
Ist es möglich? dass am stillen Orte
Die geliebte Braut hier vor mir steht!
Sey die meine nur!
Unsrer Väter Schwur
Hat vom Himmel Segen uns erfleht.

     Mich erhältst du nicht, du gute Seele,
Meiner zweyten Schwester gönnt man dich,
Wenn ich mich in stiller Klause quäle,
Ach! in ihren Armen denk an mich,
Die an dich nur denkt,
Die sich liebend kränkt,
In die Erde bald verbirgt sie sich.

     Nein! bey dieser Flamme seys geschworen,
Gütig zeigt die Hymen uns voraus,
Bist der Freude nicht und mir verlohren,
Kommst mit mir in meines Vaters Haus.
Liebchen bleibe hier,
Feyre gleich mit mir
Unerwartet unsern Hochzeitschmaus.

     Und schon wechseln sie der Treue Zeichen,
Golden reicht sie ihm die Kette dar,
Und er will ihr eine Schale reichen,
Silbern, künstlich wie nicht eine war.
Die ist nicht für mich,
Doch ich bitte dich
Eine Locke gieb von deinem Haar.

     Eben schlug die dumpfe Geisterstunde
Und nun schien es ihr erst wohl zu seyn.
Gierig schlürfte sie mit blassem Munde
Nun den dunkel blutgefärbten Wein,
Doch vom Weizenbrot
Das er freundlich bot,
Nahm sie nicht den kleinsten Bissen ein.

     Und dem Jüngling reichte sie die Schale,
Der wie sie nun hastig lüstern trank,
Liebe fordert er beym stillen Mahle,
Ach! sein armes Herz war Liebekrank,
Doch sie widersteht,
Wie er immer fleht,
Bis er weinend auf das Bette sank.

     Und sie kommt und wirft sich zu ihm nieder:
Ach! wie ungern seh ich dich gequält!
Aber ach! berührst du meine Glieder,
Fühlst du schaudernd, was ich dir verhehlt.
Wie der Schnee so weiss,
Aber kalt wie Eis
Ist das Liebchen, das du dir erwählt.

     Heftig fasst er sie mit starken Armen,
Von der Liebe Jugendkraft durchmannt:
Hoffe doch bey mir noch zu erwarmen
Wärst du selbst mir aus dem Grab gesandt!
Wechselhauch und Kuss!
Liebesüberfluss!
Brennst du nicht und fühlest mich entbrannt?

     Liebe schliesset fester sie zusammen,
Thränen mischen sich in ihre Lust,
Gierig saugt sie seines Mundes Flammen
Eins ist nur im andern sich bewusst;
Seine Liebeswuth
Wärmt ihr starres Blut,
Doch es schlägt kein Herz in ihrer Brust.

     Unterdessen schleichet auf dem Gange
Häuslich spät die Mutter noch vorbey,
Horchet an der Thür und horchet lange,
Welch ein sonderbarer Ton es sey?
Klag und Wonne Laut,
Bräutigams und Braut,
Und des Liebestammelns Raserey.

     Unbeweglich bleibt sie an der Thüre
Weil sie erst sich überzeugen muss,
Und sie hört die höchsten Liebesschwure
Lieb und Schmeichelworte mit Verdruss –
Still der Hahn erwacht
Aber Morgennacht
Bist du wieder da? – Und Kuss auf Kuss.

     Länger hält die Mutter nicht das Zürnen
Oeffnet das bekannte Schloss geschwind –
Giebt es hier im Hause solche Dirnen
Die dem Fremden gleich zu Willen sind? –
So zur Thür hinein!
Bey der Lampe Schein
Sieht sie, Gott! sie sieht ihr eigen Kind.

     Und der Jüngling will im ersten Schrecken
Mit des Mädchens eignem Schleierflor,
Mit dem Teppich die Geliebte decken,
Doch sie windet gleich sich selbst hervor;
Wie mit Geists Gewalt
Hebet die Gestalt,
Lang und langsam sich im Bett’ empor.

     Mutter! Mutter! spricht sie hohle Worte,
So missgönnt ihr mir die schöne Nacht!
Ihr vertreibt mich von dem warmen Orte,
Bin ich zur Verzweiflung nur erwacht?
Ists euch nicht genug;
Dass ins Leichentuch
Dass ihr früh mich in das Grab gebracht?

     Aber aus der schwerbedeckten Enge
Treibet mich ein eigenes Gericht,
Eurer Priester summende Gesänge,
Und ihr Segen haben kein Gewicht;
Salz und Wasser kühlt
Nicht wo Jugend fühlt,
Ach, die Erde kühlt die Liebe nicht.

     Dieser Jüngling war mir erst versprochen,
Als noch Venus heitrer Tempel stand.
Mutter habt ihr doch das Wort gebrochen
Weil ein fremd, ein falsch Gelübd euch band!
Doch kein Gott erhört,
Wenn die Mutter schwört
Zu versagen ihrer Tochter Hand.

     Aus dem Grabe werd ich ausgetrieben,
Noch zu suchen das vermisste Gut,
Noch den schon verlohrnen Mann zu lieben,
Und zu saugen seines Herzens Blut.
Ists um den geschehn,
Muss nach andern gehn
Und das junge Volk erliegt der Wuth.

     Schöner Jüngling, kannst nicht länger leben,
Du versiechest nun an diesem Ort,
Meine Kette hab‘ ich dir gegeben,
Deine Locke nehm ich mit mir fort.
Sieh sie an genau,
Morgen bist du grau,
Und nur braun erscheinst du wieder dort.

     Höre Mutter nun die letzte Bitte
Einen Scheiterhaufen schichte du,
Oefne meine bange kleine Hütte,
Bring in Flammen Liebende zur Ruh.
Wenn der Funke sprüht,
Wenn die Asche glüht,
Eilen wir den alten Göttern zu.

Le Quichotte, La Fiancée de Corinthe, AUTOUR DE QUELQUES CARICATURES DE CHAM PAS TRÈS CHAMARRÉES

Bilder: Stahlstich von Carl Mayer nach einer Zeichnung von Alexander Simon: Die Braut von Korinth, in: A. Schott (Hg.): Panorama der deutschen Klassiker, 2. Band, Verlag von Karl Göpel, Stuttgart o. J., um 1880, nach Seite 50, Berlin, Sammlung Archiv für Kunst und Geschichte via Wehrgang-Bücher;
Le Quichotte: Autour de quelques caricatures de cham pas très chamarrées, 21 décembre 2014:

Cette peinture fait référence à La Fiancée de Corinthe (Die Braut von Korinth), poème de Goethe de 1797. Nous sommes ici — eh, oui ! qui l’eut cru — au second siècle sur un argument de Phlégon, affranchi de l’empereur Hadrien, auteur du recueil Les Merveilles (mais plus connu pour ses Olympiades). Goethe aurait repris la trame de « l’histoire de vampire » contée par Phlégon : au milieu des affrontements entre paganisme et christianisme, et sur un fond érotique, le poème raconte l’histoire d’une jeune morte qui revient voir son fiancé. On peut trouver dans Le Roman de la Momie, et surtout dans La Morte Amoureuse de Théophile Gautier, l’exploitation d’un même fond très romantique;

Tim Burton: Corpse Bride (deutsch: Hochzeit mit einer Leiche), 2005.

Tim Burton, Corpse Bride, 2005

Soundtrack: ebenda.

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Written by Wolf

28. Oktober 2016 um 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Klassik

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