Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for Juli 2015

So mochte mir und dir, die wir nicht zu den Überschwenglichen gehören, das Mädchen eben ganz recht sein.

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Update zu Fräulein Rosa Martin aus Nürnberg (18):

Christian Werdin, Candida Terpin aus “Klein Zaches, genannt Zinnober”, Puppentheater Dresden, 1998In diesen unheiligen Hallen sollte es sehr viel öfter um Gretchen gehen denn um E.T.A. Hoffmanns Mädchengestalten. Was aber, bitte, weiß man über Gretchen aus Goethes erster Meisterhand, als dass sie ein durchaus zeittypisch frommes, gutbürgerlich gebildetes, also ungebildetes, aber reichlich zickiges Material Girl war?

Man muss das nicht der gefallenen, weder-Fräulein-weder-schönen Margarete Schwerdtlein ankreiden, wir haben ja nur Goethes tendenziöse Darstellung von ihr. Es mag wiederum an dem zeittypisch weiterentwickelten Blick für Einzelcharaktere liegen oder an einem „Märchen“, das satirisch gedacht war und deshalb auch den einen oder anderen Umstand bloßstellen, enthüllen, entlarven, in wertfreiem Sinne jedenfalls aufdecken will, dass E.T.A. Hoffmann – der sich im übrigen nicht scheut, seine Mädchengestalten gerade mit dem Goethischen Gretchen zu vergleichen, wenn’s der Wahrheitsfindung dient – zu Zeiten der deutschen Spätromantik da ganz ungleich genauer hinschaut: Candida Terpin aus Klein Zaches genannt Zinnober wird 1819 als Person ernst genommen und ersteht in höchst moderner Weise mit ihren äußerlichen und inneren Eigenheiten plastisch vor Lesers Augen.

——— E.T.A. Hoffmann:

Klein Zaches genannt Zinnober.
Ein Mährchen

herausgegeben von E. T. A. Hoffmann. Berlin 1819. Bei Ferdinand Dümmler.

Drittes Kapitel.

Wie Fabian nicht wußte, was er sagen sollte. – Candida und Jungfrauen, die nicht Fische essen dürfen. – Mosch Terpins literarischer Tee. – Der junge Prinz.

cit. Hartmut Steinecke (Hg.): E.T.A. Hoffmann, Sämtliche Werke in sieben Bänden,
Frankfurt am Main 1985: Nachtstücke. Klein Zaches. Prinzessin Brambilla. Werke 1816–1820,
Deutscher Klassiker Verlag im Taschenbuch, Band 36, Seite 565 ff.:

Otto Michael Schmitt Die holde Candida, aus: 35 Zeichnungen zu Klein Zaches von E.T.A. Hoffmann, 1971 im Auftrag von Norbert ChateletCandida war, jeder mußte das eingestehen, ein bildhübsches Mädchen, mit recht ins Herz hinein strahlenden Augen und etwas aufgeworfenen Rosenlippen. Ob ihre übrigens schönen Haare, die sie in wunderlichen Flechten gar fantastisch aufzunesteln wußte, mehr blond oder mehr braun zu nennen, habe ich vergessen, nur erinnere ich mich sehr gut der seltsamen Eigenschaft, daß sie immer dunkler und dunkler wurden, je länger man sie anschaute. Von schlankem hohen Wuchs, leichter Bewegung, war das Mädchen, zumal in lebenslustiger Umgebung die Huld, die Anmut selbst, und man übersah es bei so vielem körperlichen Reiz sehr gern, daß Hand und Fuß vielleicht kleiner und zierlicher hätten gebaut sein können. Dabei hatte Candida Goethe’s Wilhelm Meister, Schillers Gedichte und Fouqué’s Zauberring gelesen, und beinahe alles, was darin enthalten, wieder vergessen; spielte ganz passabel das Pianoforte, sang sogar zuweilen dazu; tanzte die neuesten Francoisen und Gavotten und schrieb die Waschzettel mit einer feinen leserlichen Hand. Wollte man durchaus an dem lieben Mädchen etwas aussetzen, so war es vielleicht, daß sie etwas zu tief sprach, sich zu fest einschnürte, sich zu lange über einen neuen Hut freute und zu viel Kuchen zum Tee verzehrte. Überschwenglichen Dichtern war freilich noch vieles andere an der hübschen Candida nicht recht, aber was verlangen die auch alles. Fürs erste wollen sie, daß das Fräulein über alles, was sie von sich verlauten lassen, in ein somnambüles Entzücken gerate, tief seufze, die Augen verdrehe, gelegentlich auch wohl was weniges ohnmächtle oder gar zur Zeit erblinde als höchste Stufe der weiblichsten Weiblichkeit. Dann muß besagtes Fräulein des Dichters Lieder singen nach der Melodie, die ihm (dem Fräulein) selbst aus dem Herzen geströmt, augenblicklich aber davon krank werden, und selbst auch wohl Verse machen, sich aber sehr schämen wenn es herauskommt, ungeachtet die Dame dem Dichter ihre Verse, auf sehr feinem wohlriechenden Papier mit zarten Buchstaben geschrieben selbst in die Hände spielte, der dann auch seiner Seits vor Entzücken darüber erkrankt, welches ihm gar nicht zu verdenken ist. Es gibt poetische Aszetiker, die noch weiter gehen und es aller weiblichen Zartheit entgegen finden, daß ein Mädchen lachen, essen und trinken und sich zierlich nach der Mode kleiden sollte. Sie gleichen beinahe dem heiligen Hieronymus, der den Jungfrauen verbietet Ohrgehänge zu tragen und Fische zu essen. Sie sollen, so gebietet der Heilige, nur etwas zubereitetes Gras genießen, beständig hungrig sein ohne es zu fühlen, sich in grobe, schlecht genähte Kleider hüllen, die ihren Wuchs verbergen, vorzüglich aber eine Person zur Gefährtin wählen, die ernsthaft, bleich, traurig und etwas schmutzig ist! –

Otto Michael Schmitt: Zinnober und die verblendete Candida, aus: 35 Zeichnungen zu “Klein Zaches” von E.T.A. Hoffmann, 1971 im Auftrag von Norbert ChateletCandida war durch und durch ein heitres unbefangenes Wesen, deshalb ging ihr nichts über ein Gespräch, das sich auf den leichten luftigen Schwingen des unverfänglichsten Humors bewegte. Sie lachte recht herzlich über alles Drollige; sie seufzte nie, als wenn Regenwetter ihr den gehofften Spaziergang verdarb, oder aller Vorsicht ungeachtet, der neue Shawl einen Fleck bekommen hatte. Dabei blickte, gab es wirklichen Anlaß dazu, ein tiefes inniges Gefühl hindurch, daß nie in schale Empfindelei ausarten durfte, und so mochte mir und dir, geliebter Leser! die wir nicht zu den Überschwenglichen gehören, das Mädchen eben ganz recht sein. Sehr leicht konnte es mit Balthasar sich anders verhalten! – Doch bald muß es sich ja wohl zeigen, in wie fern der prosaische Fabian richtig prophezeiht hatte oder nicht! –

Bilder: Christian Werdin: Candida Terpin aus „Klein Zaches, genannt Zinnober“,
Puppentheater Dresden, 1998. Lindenholz, geschnitzt, ausgehöhlt und bemalt, 20 x 16 x 13 cm, Schenkung Theater Junge Generation, Dresden, Staatliche Kunstsammlungen Dresden;
Otto Michael Schmitt: Die holde Candida und Zinnober und die verblendete Candida
aus: 35 Zeichnungen zu “Klein Zaches” von E.T.A. Hoffmann, 1971 im Auftrag von Norbert Chatelet.
Das scheint tatsächlich die gesamte bildliche Coverage zur Candida; nicht einmal Hoffmann selbst hat sie je gestaltet.

Soundtrack: Die Ärzte: Mädchen, aus: Debil (Mädchenseite), 1984.

Bonus Track: dasselbe mit mehr Mädchen.

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Written by Wolf

30. Juli 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Romantik

Denkst du denn nicht an den Loup Garou?

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Update zu Des Maies Wonneschlingen:

Die Droste überrascht. War in der Schule Die Judenbuche noch so freudlos wie jeder andere Schulstoff, der mit Juden zu tun hatte, auch, trifft man sie in der Frühzeit des Bloggens mit ihren gesammelten Briefen als Gewinnerin des Grimme-Online-Preises wieder, und den notorisch galligen, weil fränkischen Zeichnern Greser & Lenz war sie im jungen Jahrtausend ein so anzügliches, dabei glaubwürdiges Nacktbild wert, dass man es hierher, liebe minderjährige Stoffsammler für den Deutschunterricht, gar nicht verlinken kann.

Und plötzlich gestaltet sie ihre Dezimen fünf- statt, wie im pyrenäischen Spanien üblich, vierhebig und wechselt sie so formsicher mit refrainhaltigen Stanzen ab, dass man darauf tanzen und sie in die Nähe der verwegensten Spielereien von Brentano rücken möchte. Aber vorerst nur ganz kurz.

Die Pyrenäen waren im Biedermeier ungefähr eine Saison lang ein beliebtes Thema fiktiver Gestaltung. In der äußeren Wirklichkeit kann „Bagneres“ für das französische Bagnères-de-Bigorre oder Bagnères-de-Luchon stehen; eine nennenswert bewallfahrene „Heilige Frau von Embrun“ konnte ich in der Embruner Kathedrale nicht feststellen, aber Notre-Dame-du-Réal stammt aus dem 12. Jahrhundert und sieht sehr romanisch-gotisch ehrwürdig und vor allem einladend aus – genau nebenan gibt’s bestimmt ein Glas eisgekühlten Pastis mit genug Leitungswasser, damit es einen heißen Urlaubsnachmittag lang reicht –, wenn es einen schon wegen einer übermütigen Gruselballade mal in die Pyrenäen verschlüge.

——— Annette von Droste-Hülshoff:

III. Der Loup Garou

für: Kölnische Zeitung, 1844/45,
in: Letzte Gaben. Nachgelassene Blätter. Hrsg. v. Levin Schücking. Hannover, 1860,
Volksglauben in den Pyrenäen:

Werwölfe mit Schaf aus Dr. Urbanus Rhegius, Wie man die falschen Propheten erkennen, ja greiffen mag, Wittenberg 1539       Brüderchen schläft, ihr Kinder, still!
       Setzt euch ordentlich her zum Feuer!
       Hört ihr der Eule wüst Geschrill?
       Hu! im Walde ist’s nicht geheuer.
       Frommen Kindern geschieht kein Leid,
       Drückt nur immer die Lippen zu,
       Denn das böse, das lacht und schreit,
       Holt die Eul‘ und der Loup Garou.

Wißt ihr, dort, wo das Naß vom Schiefer träuft
Und übern Weg ’ne andre Straße läuft,
Das nennt man Kreuzweg, und da geht er um,
Bald so, bald so, doch immer falsch und stumm,
Und immer schielend; vor dem Auge steht
Das Weiße ihm, so hat er es verdreht;
Dran ist er kenntlich und am Kettenschleifen,
So trabt er, trabt, darf keinem Frommen nahn;
Die schlimmen Leute nur, die darf er greifen
Mit seinem langen, langen, langen Zahn.

       Schiebt das Reisig der Flamme ein,
       Puh! wie die Funken knistern und stäuben!
       Pierrot, was soll das Wackeln sein?
       Mußt ein Weilchen du ruhig bleiben,
       Gleich wird die Zeit dir Jahre lang!
       Laß doch den armen Hund in Ruh‘!
       Immer sind deine Händ‘ im Gang,
       Denkst du denn nicht an den Loup Garou?

Vom reichen Kaufmann hab‘ ich euch erzählt,
Der seine dürft’gen Schuldner so gequält,
Und kam mit sieben Säcken von Bagneres,
Vier von Juwelen, drei von Golde schwer;
Wie er aus Geiz den schlimmen Führer nahm,
Und ihm das Unthier auf den Nacken kam.
Am Halse sah man noch der Kralle Spuren,
Die sieben Säcke hat es weggezuckt,
Und seine Börse auch, und seine Uhren,
Die hat es all zerbissen und verschluckt.

       Schließt die Thür, es brummt im Wald!
       Als die Sonne sich heut verkrochen,
       Lag das Wetter am Riff geballt,
       Und nun hört man’s sieden und kochen.
       Ruhig, ruhig, du kleines Ding!
       Hörst du? — drunten im Stalle — hu!
       Hörst du? Hörst du’s? kling, klang, kling,
       Schüttelt die Kette der Loup Garou.

Doch von dem Trunkenbolde wißt ihr nicht,
Dem in der kalten Weihnacht am Gesicht
Das Thier gefressen, daß am heil’gen Tag
Er wund und scheußlich überm Schneee lag;
Zog von der Schenke aus, in jeder Hand
‚Ne Flasche, die man auch noch beide fand;
Doch wo die Wangen sonst, da waren Knochen,
Und wo die Augen, blut’ge Höhlen nur;
Und wo der Schädel hier und da zerbrochen,
Da sah man deutlich auch der Zähne Spur.

Cover Leonie Swann, Garou, Goldmann 2010       Wie am Giebel es knarrt und kracht!
       Caton, schau auf die Bühne droben
       — Aber nimm mir die Lamp‘ in Acht —,
       Ob vor die Luke der Riegel geschoben.
       Pierrot, Schlingel! das rutscht herab
       Von der Bank, ohne Strümpf‘ und Schuh‘!
       Willst du bleiben! tapp, tipp, tapp,
       Geht auf dem Söller der Loup Garou.

Und meine Mutter hat mir oft gesagt
Von einem tauben Manne, hochbetagt,
Fast hundertjährig, dem es noch geschehn
Als Kind, daß er das Scheuel hat gesehn,
Recht wie ’nen Hund, nur weiß wie Schnee und ganz
Verkehrt die Augen, eingeklemmt den Schwanz,
Und spannenlang die Zunge aus dem Schlunde,
So mit der Kette weg an Waldes Bord,
Dann wieder sah er ihn im Tobelgrunde,
Und wieder sah er hin — da war er fort.

       Hab‘ ich es nicht gedacht? es schneit!
       Ho, wie fliegen die Flocken am Fenster!
       Heilige Frau von Embrun! wer heut
       Draußen wandelt, braucht keine Gespenster;
       Irrlicht ist ihm die Nebelsäul‘,
       Führt ihn schwankend dem Abgrund zu,
       Sturmes Flügel die Todteneul‘,
       Und der Tobel sein Loup Garou.

Bilder: Dr. Urbanus Rhegius: Wie man die falschen Propheten erkennen/ ja greiffen mag/
Ein Predig zu Mynden jnn Westphalen gethan/ durch D. Urbanum Rhegium:

Die Hirten sind zu Narren worden/ und fragen nichts nach Gott/ Darumb können sie auch nichts rechts leren/ sondern zerstrewet die Herd, Wittenberg. M. D. XXXIX

Wittenberg 1539;
Leonie Swann: Garou: Ein Schaf-Thriller, Goldmann, München 2010.

Written by Wolf

23. Juli 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Biedermeier, Das Tier & wir

Grabesdunstwitterlich

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Update zu Was tat der Eitele, ein Emo zu scheinen?:

Vincent Serbin, Toward Omega, 1997

Eine gothic Auffassung der Trauer stand noch nie in gutem Ruf, weder 1759 bei Lessing noch ein Vierteljahrhundert später bei Musäus. Was sich Menschen, die sich der Vergänglichkeit allen Seins samt des damit verbundenen Schmerzes allzu bewusst sind, postmodern anhören müssen, gebe ich möglichweise in weiteren zweihundert Jahren in geeigneter Auwahl wieder.

Vincent Serbin, Toward Omega, 1997

——— Johann Karl August Musäus:

Liebestreue
(oder das Märchen à la Malbrouk)

in: Volksmärchen der Deutschen, Carl Wilhelm Ettinger, Gotha 1782–1786, 3. von 5 Bänden:

Unter allen Leidenschaften scheinet indessen das Schmerzensgefühl am wenigsten geneigt das Leben zu zerstören, absonderlich bei dem tränenreichen Geschlecht, das allen Kummer sich so leicht vom Herzen weint. Die tiefgebeugte Wittib unterlag also nicht ihren Schmerzen, so sehr sie auch wünschte des Leibes entledigt zu sein, damit ihr von Sehnsucht beflügelter Geist den geliebten Schatten ihres Gemahls noch auf dem Wege in die Ewigkeit einholen möchte. Doch diesmal war ihr Wunsch vergebens; es wär auch ungerecht gewesen, wenn ihre Seele die reizende Wohnung welche ihr zum Aufenthalt angewiesen war, so eilfertig hätte verlassen wollen. Denn ein niedliches bequemes Obdach zu verschmähen um unter freiem Himmel zu wohnen, ist eigentlich Übermut; ein anders ist’s wenn jemand in einer räuchrichen oder gebrechlichen Hütte hauset, die alle Augenblick den Einsturz droht, da ist der Wunsch zu emigrieren verzeihbar. Darum wenn eine Matrone bei der schon jeder Balken im Gesparre knackt sich nach ihrer Auflösung sehnet, so ist gegen ein so billiges Verlangen mit Grunde nichts einzuwenden; aber wenn junge frische Mädchen so grabesdunstwitterlich reden, wenn irgend eine empfindsame Saite in ihrem Gehirn verstimmt, oder eine Intrike gescheitert ist, so ist das eitel Ziererei. Die schöne Jutta wünschte mit ihrem Herrn zu sterben, wie die Gemahlin des weisen Seneca, die sich zur Gesellschaft mit ihm die Adern öffnen ließ. Da er aber früher ausgeblutet hatte, und der Tod bei ihr noch zögerte, folgte sie gutem Rat und ließ schnell zubinden, denn sie meinte sein entflohener Geist habe bereits einen zu weiten Vorsprung genommen, um ihn einzuholen.

Vincent Serbin, Toward Omega, 1997

Bilder: Vincent Serbin: Toward Omega, 1997.

Written by Wolf

16. Juli 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Aufklärung, Vier letzte Dinge: Tod

Ein Mann tut müssen, was ein Mann müssen tut

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Update zu Ich bescheide mich
und Zeichenstifter:

——— Tobias Haberl („Tobias Haberl liebt Richard Wagner, die deutsche Romantik und seine Heimat, den Bayerischen Wald. Er liebt aber auch eine Frau aus Südostasien, die erst vor ein paar Jahren den deutschen Pass bekommen hat. Er findet: Das passt wunderbar zusammen.“):

Reihe 7 Platz 88.
Udo Voigt hat sein Leben in der NPD verbracht. Er verachtet die EU. Doch seit einem Jahr sitzt er im Europaparlament. Wie hält die Demokratie so einen aus? Und hat ihn dieses Amt verändert? Wir haben ihn vom ersten Tag an begleitet.

in: Süddeutsche Zeitung Magazin Nummer 19 / 8. Mai 2015,
Seite 8 bis 20, Ausschnitt Seite 17, hier Zitate hervorgehoben:

Daniel Delang für Tobias Haberl, Reihe 7 Platz 88, Süddeutsche Zeitung Magazin 19, 8. Mai 2015Er kann sich nicht vorstellen, wie man das nicht wollen kann: seinem Land dienen. Überhaupt muss man tief in die Vergangenheit zurückgehen, in die Nachkriegszeit in der kleinen Stadt Viersen am Niederrhein, wenn man nachvollziehen will, wie sich der Junge, der besessen Karl May las und übermütig den Schützen- und Fanfarenumzügen nachlief, zu dem Menschen radikalisiert hat, der in Deutschland die Todesstrafe einführen möchte und auf seiner Wikipedia-Seite mit dem Anführer des Ku-Klux-Klans posiert. Voigts Vater war Hitlerjunge. Als Soldat nahm er an den Feldzügen gegen Polen, Frankreich und Russland teil. 1949 kam er aus der Gefangenschaft zurück. Voigt hat seinen Vater geliebt und bewundert. Er sagt heute noch „Papa“, wenn er von ihm spricht. „In der Schule“, sagt er, „habe ich Fotos von Panzern gezeigt, die er abgeschossen hat.“ Als sein Vater im Jahr 2000 stirbt, zitiert Voigt in der Traueranzeige Adalbert Stifter:

Denn was auch immer auf Erden besteht
Besteht durch Ehre und Treue.
Wer heute die alte Pflicht verrät
Verrät auch morgen die neue.

Er hantiert ständig mit solchen Versen. Auf Facebook postet er alle paar Wochen ein Gedicht, einen Aphorismus, ein paar Zeilen aus einem deutschen Drama. Meistens muss er tief ins 19. Jahrhundert zurückgehen, um die Gedanken zu finden, die ihm Mut machen, die ihn trösten, an Silvester 2014 zitiert er Friedrich Schiller:

Solang mein Herz noch schlägt
Mich mein Gefühl noch trägt
Werd‘ ich bis zum Schluss
Einfach tun, was ich glaub zu tun muss

— aber er täuscht sich: In Wahrheit stammt der Vers von der Schlagersängerin Nicole.

Voigt tritt 1968 mit 16 Jahren in die NPD ein und wird ebenfalls Soldat.

Sind jetzt seit dem 19. Jahrhundert die Gassenhauer schillernder geworden oder die Klassiker schlagender?

Schillern: Nicole: Solang mein Herz noch schlägt, aus: Und ich denke schon wieder nur an dich, 1991. Text: Bernd Meinunger; Musik: Alfons Weindorf.
Für Bernd Meinunger ist „Vollprofi“ weit untertrieben; natürlich hat der Mann für Nicole korrekte deutsche Sätze gebildet.
Bild: Daniel Delang für Tobias Haberl a.a.O.:

Zwei von vier Mitarbeitern von Udo Voigt sind Vegetarier, an diesem Tag wird trotzdem in einer urigen Kneipe auf der deutschen Rheinseite gegessen. Von links: Karl Richter (NPD), ein EU-Mitarbeiter aus Belgien, Florian Stein (NPD) und Udo Voigt.

Rehgulasch mit Nudeln: 16,50 €!

Written by Wolf

9. Juli 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Klassik

Die Tage wurden trüber (wie von grober Mettwurst geschmiert)

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Das muss man sich auch einmal klar gemacht haben: Sommersonnenwende bedeutet, dass die Tage seit 21. Juni kürzer und im Ausgleich dazu die Nächte länger werden. Rechnerisch ist Sommeranfang schon Winteranfang. Die gute Nachricht ist: Mit dem gleichen Argument ist Sommeranfang kurz vor Weihnachten.

Das Lästige zum sommerlichen wie zum winterlichen Anlass sind die Literatur-Specials der Zeitungen, einmal für die „Strandlektüre“, einmal für die „Geschenkideen“ – beides so nützlich und zeitgemäß wie Käse- und Mettigel.

Aber gut, in der Welt stehen sie wenigstens dazu, dem Buchhandel – florieren soll er! – scheint es nicht zu schaden, und solange einer von 16 Redakteuren Heine empfiehlt, dürfen sie auch so tun, als ob sie jemals ein Reclam-Heft von Giacomo Leopardi gelesen hätten.

Ich bringe diese 2 relevanten von 16 Empfehlungen im Volltext und lasse den bezahlten Journalisten ihre Rechtschreibung; dafür darf jetzt ich eigenmächtig die Zitate hervorheben.

——— Frédéric Schwilden:

Frédéric Schwilden friert mit Heinrich Heine

aus:

Wir packen unsere Koffer und nehmen mit …

Pauschalreisen für unter zehn Euro? Gibt’s nur in der Literatur. Wir empfehlen für diesen Lesesommer: Kreuzfahrten über das Gleismeer, Paddeltouren durch die Pools der Nachbarn, Hiking im Haulewald oder eine Kutschfahrt nach Hagen. Reisen Sie! Lesen Sie! Buchen Sie!

in: Die Welt, Samstag/Sonntag, 27./28. Juni 2015, Literarische Welt, Seite 2:

George Clark Stanton, Death and the MaidenDass Heines „Wintermärchen“ (Insel, 6,50 €) nichts als die Wahrheit ist, zeigt der Zusatz „Märchen“ und die Tatsache, dass es damals als satirisches Gedicht herausgegeben wird. 1844 ist das. Auf Heines in Versform gestalteter Reise (literarische Kutschfahrt) von Frankreich über Köln, Hagen (Hagen?!), Paderborn, Minden bis nach Hamburg, gleitet der junge Autor wie von grober Mettwurst geschmiert durch ein Deutschland der Restaurationszeit. Das Irre daran ist, es scheint, als habe sich nichts verändert. Denken wir an Europa, an Deutschland heute und lesen Heine:

Die Jungfer Europa ist verlobt
Mit dem schönen Geniusse
Der Freiheit, sie liegen einander im Arm,
Sie schwelgen im ersten Kusse.

Deswegen, fahren Sie nach Ischia, gehen Sie ins Hotel „Miramar“ und bestellen Sie die große Leberwurststulle. Es wird ein merkelhafter Urlaub.

——— Dirk Schümer:

Dirk Schümer kühlt sich mit Giacomo Leopardi

a.a.O.:

Henri Lévy, Death and the Maiden, detail, 1900Warum zur Sommerzeit nicht mit dem größten Dichter des Nichts in den Süden reisen? Giacomo Leopardi stammt aus dem langweilig-schönen Recanati im Hinterland der Adria. Hier stopfte sich der Kranke – ein von Knochentuberkulose zerfressener Gnom mit zwei Buckeln – mit Europas Bücherwissen voll. Ein Vierteljahrhundert lang erstickte er an Lieblosigkeit, Isolation, Schmerzen und unerfüllter Sehnsucht. Dann ein paar Reisen quer durch Italien; schließlich 1837 mit noch nicht mal Vierzig der Tod in Neapel. In seinem Leiden dichtete Leopardi erbarmungslose „Gesänge und Fragmente“ (Reclam, 7,80 €) über die insektenhafte Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz:

Und so ertrinkt in Unermesslichkeit mein Geist. Und Scheitern ist mir süß in diesem Meer.

Mit diesem Bad im Wörtersee wird selbst der allerheißeste Mittelmeersommer wieder kühl.

Bilder: George Clark Stanton: Death and the Maiden;
Henri Lévy: Death and the Maiden, Detail, 1900.

Written by Wolf

2. Juli 2015 at 00:01