Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for April 2013

(Ändere die Welt.) Sie braucht es.

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——— Goethe: Maximen und Reflexionen. Über Literatur und Leben, Nachlass:

Beckah, The Daily Telegraph, 19. September 2011Wenn man einige Monate die Zeitungen nicht gelesen hat, und man liest sie alsdann zusammen, so zeigt sich erst, wieviel Zeit man mit diesen Papieren verdirbt. Die Welt war immer in Parteien geteilt, besonders ist sie es jetzt, und während jedes zweifelhaften Zustandes kirrt der Zeitungsschreiber eine oder die andere Partei mehr oder weniger und nährt die innere Neigung und Abneigung von Tag zu Tag, bis zuletzt Entscheidung eintritt und das Geschehene wie eine Gottheit angestaunt wird.

Bild: Beckah aus England, 19. Juli 2011;
Bundestagswahl: 22. September 2013 in Deutschland.

Written by Wolf

26. April 2013 at 14:45

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Klassik

Der vortreffliche Kater Murr (Gekatzbuckel!)

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Update zu Kätzische Beiträge zur Konstitution einer Angewandten Poesie:

Moritz-PortraitE.T.A. Hoffmanns „Herausgeber“, an den sich sein unten ausschnittsweise zitierter Offener Brief richtet, ist Johann Daniel Symanski, der seit Januar 1819 in Berlin Der Freimüthige oder Unterhaltungsblatt für gebildete, unbefangene Leser verlegte, der ab Mai 1820 verboten wurde. Als Nachfolgeprojekt gründete Symanski ab 1821 Der Zuschauer bei Traugott Trautwein, wieder in Berlin.

Als zu der Zeit schwermoderner Erfolgsschreiber — und ebenfalls aus Königsberg stammender Berliner — war Hoffmann einer der ersten, den Symanski um Mitarbeit anging. Um sich den zusätzlichen Schreibauftrag leicht zu machen, gestaltete Hoffmann den Offenen Brief, in dem er in ungewöhnlich tiefen Details seine aktuelle Arbeit am Kater Murr offenlegte, und dem er außerdem ein Billet des reisenden Enthusiasten anhängte — einer seiner Standardfiguren noch aus den Fantasiestücken in Callots Manier, die er hier zum letzten Mal bemüht.

Murr, der einst vierpfötig auf Erden wandelnde Kater, scheint viel Zeit aufs Brüten und Spinnen verwendet zu haben: Das Schreiben an den Herausgeber ist vermutlich im Oktober oder November 1820 entstanden (weil die darin behandelte Gemäldeausstellung „in den Sälen des Akademie-Gebäudes auf der Neustadt“ Ende September bis Anfang November 1820 dauerte); wie darin angekündigt am zweiten Teil des Kater Murr weitergearbeitet hat Hoffmann wahrscheinlich erst ab Mitte 1821.

Jeder, der mit kunstsinnigen Katzen zusammenlebt, kann das verstehen.

——— E.T.A. Hoffmann: Schreiben an der Herausgeber
in: Der Zuschauer. Zeitblatt für Belehrung und Aufheiterung, Nr. 1, Berlin, 2. Januar 1821, Seite 2 bis 4,
zitiert aus dem abgebildeten Band (bei 92 Euro ein leider auch materieller Schatz, der vom Verlag nicht als Taschenbuch vorgesehen, aber jeden Cent wert ist — daher nur geliehen):

Ich bin nämlich eben jetzt darüber, die Papiere des Katers Murr in Ordnung zu bringen, um den zweiten und dritten Teil seiner merkwürdigen Lebensansichten herausgeben zu können. Der Gute schreibt zwar eine passable Pfote, indessen kann er von gewissen Gewohnheiten nicht ablassen, die auf manche Stelle in seinen Manuskripten ein schwer zu durchdringendes Dunkel werfen. So wie mancher eitle, stolze Dichter sich, scheint ihm eine Stelle, die er eben gedichtet, über die Maßen vortrefflich, im Hochgefühl seiner Größe von seinem Sessel erheben und Aug‘ und Nase gen Himmel kehren mag, so pflegt sich Murr, übermannt ihn beim Schreiben das Gefühl seiner Vortrefflichkeit, sich schnurrend in der Stellung aufzurichten, die man im gewöhnlichen Leben „Katzenbuckel“ nennt. Bei dieser Gelegenheit fährt der Teure mit seinem Schweife vergnüglich hin und her, und oft eben über die Stelle weg, die ihn entzückt hat, so daß sie an Deutlichkeit merklich verliert. – Sie werden die Ideenverbindung natürlich finden, die mich antreibt, stoße ich in irgend einem neuen Dichterwerk auf glänzenden Galimathias, der ganz gewiß den Schöpfer in Erstaunen über sich selbst gesetzt hat, unwillkürlich rufe: Gekatzbuckel! –

Doch, – ich bemerke, daß ich ohne es zu wollen, Ihnen verrate wie sich der vortreffliche Kater Murr eben bei mir befindet. – Es ist dem so; eben sitzt er am Ofen mit dicht zugekniffenen Augen und spinnt. – Gott weiß über welchem neuen Werk er brütet. –

Ich bitte, Verehrtester! sagen Sie von Murr’s gegenwärtigem Aufenthalt nichts weiter. Literatoren, Ästhetiker und auch wohl Naturhistoriker könnten auf die Bekanntschaft des lieben Vieh’s begierig werden und würden es nur in seinen tiefsinnigen Meditationen stören.

Lebens-Ansichten des Katers Murr, 27. Februar 2013

Besonderes Augenmerk bitte ich in diesen Zusammenhängen auf die Ausführungen des Katers Paul zu richten, der vom 13. bis 18. Januar 2011 das vielschichtige Verhältnis zwischen dem Kater Murr und seinem E.T.A. Hoffmann eingehend recherchiert dargestellt hat:

Bilder: Moritz, vom Gefühl seiner Vortrefflichkeit übermannt, 1. Quartal 2013. Wir nennen es lesen.

Soundtrack: Katzenjammer, damals noch zu dritt:
Demon Kitty Rag (I’ll be your nightmarre mirror“) aus: Le Pop, 2008.

Written by Wolf

19. April 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Das Tier & wir, Romantik

Der Widersacher. Ästhetischer Gaukler vs. unnahbarer Eispalast: Braucht die Welt noch Dichterfürsten im Krähwinkel? Alles ist erlaubt und willkommen. Keine 30 Prozent der Quellen.

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Ein müßiger, elitärer Gelehrtensport ist es, einen beliebigen Schreiber mit einem anderen zu vergleichen; von irgendwas müssen die ganzen anfallenden literaturwissenschaftlichen Proseminararbeiten ja handeln. Richtig sinnvoll, wenn nicht gar ansatzweise interessant wird es bei Jean Paul im Vergleich zu Goethe. Das ist ein Spannungsverhältnis auf persönlicher wie literarischer Ebene — entfernt der Bewusstseinsunterschied zwischen Wagnerianern und Brahmsianern oder jünger: zwischen HipHop und Techno, Vampiren und Werwölfen, München-Schwabing und Berlin-Mitte, Scrubs und Dr. House. Der Unterschied ist: Goethe hatte Verehrer und Verehrerinnen, Jean Paul hatte Fans und Freundinnen.

Einst war es höchster Wunsch und hehrstes Ziel aller deutschen Kunstschaffenden, an den Hof des jungen kunstsinnigen Herzogs Karl August von Sachsen-Weimar-Eisenach vorgelassen zu werden und fortan sponsern zu lassen, um seinen möglichst früh eintretenden Lebensabend lang in einer Art sorgenbefreiter Gelehrtenrepublik dem zu obliegen, was sie am besten und liebsten taten. Ein durchaus erstrebenswerter Lebensentwurf. Ab dem Ende der Aufklärung bildete sich sich erst ein Künstlerkreis um Herder und Wieland, ab dem Sturm und Drang um deren charismatische jugendlichere Ablösung Goethe und Schiller die genuine Weimarer Klassik. Zweimal in seinem Leben begehrte auch Jean Paul Einlass: zum ersten Vorfühlen 1796, als er in Gestalt seines Hesperus ausreichende Erfolge auf dem richtigen Schaffensgebiet vorweisen konnte, ernsthafter geplant ab Oktober 1798, als er für zwei Jahre nach Weimar übersiedelte, um den Titan zu schreiben.

Es ging nicht gut. Wie Jean Paul es anstellte und warum es schief laufen musste, wurde während der gerade abebbenden Feierlichkeiten um Jean Pauls 250. Geburtstag immer wieder in Schillers griffiger, süffiger Formulierung zusammengefasst, der Mann wirke wie „aus dem Mond gefallen“ — also nicht geradezu feindselig oder schädlich für den eingeschworenen Weimarer Musenhof, nur eben fremdartig wie eine Birne unter Äpfeln, in einer vollständig anderen Einheit gerechnet, immer wieder der Weltfremdheit bezichtigt: inkommensurabel.

Genauer erklärt wurde das nie — nirgends, wo es mir aufgefallen wäre. Offenbar ist es auch ein weithin vernachlässigter Gegenstand in der Forschung um Jean Pauls Werden und Streben. Wirklich in die Tiefe ging erst so kürzlich, dass es als Teil der besagten Feierlichkeiten gelten muss, Jean Pauls als Enzyklopäde naher Geistesverwandter Ulrich Holbein.

Schiller an Goethe, Jena den 28. Juni 1796,
zitiert nach der revidierten Neuausgabe von Emil Staiger, Schluss:

Chinesischer Turm in München, WikivoyageVon Hesperus habe ich Ihnen noch nichts geschrieben. Ich habe ihn ziemlich gefunden, wie ich ihn erwartete; fremd, wie einer der aus dem Mond gefallen ist, voll guten Willens und herzlich geneigt, die Dinge außer sich zu sehen, nur nicht mit dem Organ, womit man sieht. Doch sprach ich ihn nur einmal und kann also noch wenig von ihm sagen.

Sch.

„Sprach ich“ den „Hesperus“: Schiller gebraucht hier den Romantitel, zu der Zeit in Weimar das größte Ding seit dem 1787er Werther-Fieber, als Synonym für Jean Paul selbst. Außer seinem Bonmot mit dem Monde wird noch gerne Goethe angeführt:

Göthe an Schiller: Epigramm für den Musen-Almanach für das Jahr 1797:

Hier ein kleiner Beitrag; ich habe nichts dagegen, wenn Sie ihn brauchen können, daß mein Name darunter stehe. Eigentlich hat eine arrogante Äußerung des Herrn Richter mich in diese Disposition gesetzt.

Der Chinese in Rom.

Einen Chinesen sah ich in Rom, die gesammten Gebäude,
     Alter und neuerer Zeit, schienen ihm lästig und schwer.
Ach! so seufzt’ er, die Armen! ich hoffe, sie sollen begreifen
     Wie erst Säulchen von Holz tragen des Daches Gezelt,
Daß an Latten und Pappen, und Schnitzwerk und bunter Vergoldung
     Sich des gebildeten Aug’s feinerer Sinn nur erfreut.
Siehe, da glaubt’ ich, im Bilde, so manchen Schwärmer zu schauen,
     Der sein luftig Gespinnst mit der soliden Natur
Ewigem Teppich vergleicht, den ächten, reinen Gesunden
     Krank nennt, daß ja nur er heiße, der Kranke, gesund.

Formal nicht gerade Goethes renommierfähigstes Bravourstück, dabei ist die „arrogante Äußerung des Herrn Richter“ nicht einmal überliefert (worin ich mich allerdings berichtigen ließe: Die Kommentarfunktion ist geöffnet). Mehr fällt einem Normalleser kaum auf.

Als gelegentlich außernormaler Leser stößt man unter Umständen in der 2002er Manesse-Ausgabe Der Komet auf das Nachwort vom soeben verstorbenen Ralph-Rainer Wuthenow (seine gedankliche Raffinesse war erhellend), um zu lernen, dass Goethe über seinem Alterswerk doch noch seinen inneren Frieden mit Jean Paul geschlossen hat:

Ralph-Rainer Wuthenow, 16. September 2005, Toms Grinbergs, LU Preses centrsIn den „Noten und Abhandlungen zu besserem Verständnis des Westöstlichen Divans“ erklärt Goethe, eine Bemerkung des Orientalisten J. von Hammer aufgreifend, der in Jean Pauls Schriften die Freiheit der Einbildungskraft und die Larve von Laune und Witz entdeckte, unter dem Stichwort „Vergleichung“, daß kein deutscher Schriftsteller sich der orientalischen Poesie so sehr angenähert habe wie Jean Paul. Das macht Goethe, der noch lange Zeit Mühe hatte, dem sonderbaren Erzähler gerecht zu werden, offenkundig nachdenklich. Er räumt ein, daß die Werke dieses Schriftstellers von verständigem, unterrichtetem, ja durchaus frommem Sinne zeugen; der begabte Geist blickt iin gleichsam orientalischer Weise in die Welt, stellt höchst seltsame Bezüge her und „verknüpft das Unverträgliche, jedoch dergestalt, daß ein geheimer ethischer Faden sich mitschlinge, wodurch das Ganze zu einer gewissen Einheit geleitet wird“. Goethe muß sich offenbar ein wenig Mühe geben, die Anregung v. Hammers aufzunehmen und weiterzuspinnen. Dann aber wird er genauer, indem er auf die historische Differenz hinweist, die weit mehr ist als nur ein zeitlicher Abstand, dergestalt nämlich, daß, wenn die orientalischen Dichter „in einer frischen, einfachen Region gewirkt, dieser Freund hingegen in einer ausgebildeten, überbildeten, verbildeten, vertrakten Welt leben und wirken, und eben daher sich anschicken muß die seltsamsten Elemente zu beherrschen“.

Allerdings sind, wie Goethe wohl sieht, die materiellen und sozialen Verhältnisse derartig verschieden, daß eine Fülle scheinbar absurder Einzelheiten der gegenwärtigen „überbildeten Welt“ zum Material der spielerischen Verknüpfung werden kann, so daß nun ein dem Orientalen ähnlicher Geist durchaus berechtigt sein mag, „dieselbe Verfahrungs-Art auf einer völlig verschiedenen Unterlage walten zu lassen“.

Noch mehr ist Goethe bereit, dem Widersacher zuzubilligen: Um in einer so späten Epoche geistreich zu sein, ist er veranlaßt, „auf einen, durch Kunst, Wissenschaft, Technik, Politik, Kriegs- und Friedensverkehr und Verderb so unendlich verclausulierten, zersplitterten Zustand“ auf vielfache Weise anzuspielen. Somit meint Goethe, die an Jean Paul bemerkte Orientalität hinreichend bestätigt und seine antiklassizistische Darstellungsweise gerechtfertigt zu haben. Da er überdies als Prosaautor freier und verwegener vorgehen kann, meint Goethe weiter, als der durch Reim, Rhythmus, Parallelismus und andere eng gebundene Poet, so kann er es sich auch leisten, das Geschmacklose nicht auszugrenzen, das Unschickliche vom Schicklichen nicht ständig säuberlich zu sondern. Dann weiß sich der Leser mit dem Gebotenen rasch anzufreunden — „alles ist erlaubt und willkommen“. Indem nun Jean Paul alles mit allem scheinbar willkürlich verknüpft, regellos abschweift, Einschübe wie Arabesken sich gestattet, Extrablätter einlegt, die Erzählung mutwillig unterbricht, Thema und Tonart überraschend wechselt, zeigt sich eine sozusagen orientalische Besonderheit, und Goethe nimmt Gelegenheit, frühere scharfe polemische Äußerungen glaubhaft zu korrigieren.

So glaubhaft nahe jedenfalls, wie Goethe wahrscheinlich jemals einer Entschuldigung gekommen ist. Ein paar von einem Orientalisten angeregte höchst seltsame Bezüge, die das Unschickliche vom Schicklichen nicht ständig säuberlich sondern müssen, und schon bemerkt man an dem weiland Chinesen vom Mond immerhin Orientalität. Hauptsache, er hat sich aus Weimar ferngehalten.

Nehmen wir einfach hin, dass die zweie sich nicht mochten. Dergleichen unterläuft in der Welt; ich zum Beispiel finde Dr. House ganz gut, werde zuweilen in Schwabing gesichtet, dafür mag ich weder HipHop noch Techno und habe deshalb weder Verehrer noch Fans. Man lernt damit zu leben. Warum sollten die Träger der Weimarer Klassik da auf einer so völlig verschiedenen Unterlage walten?

Und dann fällt im Februar 2013 dieser Klappentext zum o.a. Ulrich Holbein aus dem Mond (gekürzt):

Goethe und Jean Paul hätten kongeniale Brüder sein können, doch Goethe las Jean Paul nur mit Hirnkrämpfen und Ekel, fand ihn fremdartig, exotisch, pathologisch, nannte ihn „das personifizierte Alpdrücken der Zeit“, „Philister“ und in einem Spottgedicht „Chinesen in Rom“. Jean Paul sah es ähnlich und fand Goethe im Umgang trocken, gefühllos, verkrustet, bezeichnete ihn als „ästhetischen Gaukler von Weimar“ und unnahbaren „Eispalast“. Ulrich Holbein bietet hier ein unterhaltsames Doppelporträt: China vs. Rom, Weltgeist Jean Paul vs. Dichterfürst Goethe, Dschungel der Romantik vs. Marmorsarg Klassizismus, Naturgefühl vs. Gipsfigur. Bisherige Darstellungen der Relation Jean Paul & Goethe erschöpften sich lustlos in akademischer Aufbereitung und verwendeten bloß 30 Prozent der Quellen. Neue Forschungsresultate zu ewigen Fragen: Wer unterbietet wen? Kann dieses Zeitalter Jean Paul gerecht werden? Braucht die Welt noch Dichterfürsten?

Fachliteratur:

Wurde schon erwähnt, dass ich bald Geburtstag habe? Ich meine: an noch passenderer Stelle?

Jean-Paul-Schaufenster in Deutschlands ältester Buchhandlung Korn & Berg, Hauptmarkt Nürnberg, März 2013

Bilder: Chinesischer Turm in München nach dem Vorbild der Chinese Pagoda in Kew Gardens nach dem Vorbild der Glazed Pagoda in Peking;
Ralph-Rainer Wuthenow, 24. Februar 1928 bis 3. April 2013: Toms Grinbergs, LU Preses centrs, Starptautsika konference 16. September 2005;
Jean-Paul-Schaufenster in Deutschlands ältester noch bestehender Buchhandlung Korn & Berg, Hauptmarkt 9 in Nürnberg, März 2013. Seit 1531 ein guter, freundlicher, komptetenter Laden. Wenn es Sie mal nach Nürnberg verschlägt: Da kann man echt hin.

Written by Wolf

13. April 2013 at 00:01

Ein schön Exempel Quasimodogeniti

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Update zu Den Bach runter am Sonntag Quasimodogeniti:

Den so genannt ungläubigen Thomas konnte ich nie so verworfen finden, wie er liturgisch meistens hingestellt wird. Er hat halt genau nachgefragt. Als er mal anfassen durfte, hat er’s ja auch sofort eingesehen, kein Ding.

Soll das eine Demütigung sein? Ach komm, für heutige Begriffe wäre sogar schon leichtfertig, gleich alles zu glauben, nur weil man’s sehen und anfassen kann. Thomas war vielleicht Empiriker, aber doch nicht kurz vor Judas.

Sie hörten das Laienwort zum Sonntag Quasimodogeniti, der heute der Weiße oder Barmherzigkeitssonntag heißt. Weiter mit Musik:

Quasi modo geniti infantes, halleluja, rationabile sine dolo lac concupiscite, halleluja.

Kantate Am Abend aber desselbigen Sabbats, BWV 42, Leipzig 8. April 1725,
Nikolaus Harnoncourt dirigiert die Wiener Sängerknaben und den Chorus Viennensi, 1974:

1. Rezitativ

Am Abend aber desselbigen Sabbats,
Da die Jünger versammlet
Und die Türen verschlossen waren
Aus Furcht für den Jüden,
Kam Jesus und trat mitten ein.

2. Arie

Wo zwei und drei versammlet sind
In Jesu teurem Namen,
Da stellt sich Jesus mitten ein
Und spricht darzu das Amen.
Denn was aus Lieb und Not geschicht,
Das bricht des Höchsten Ordnung nicht.

3. Duett

Verzage nicht, o Häuflein klein,
Obschon die Feinde willens sein,
Dich gänzlich zu verstören,
Und suchen deinen Untergang,
Davon dir wird recht angst und bang:
Es wird nicht lange währen.

4. Rezitativ

Man kann hiervon ein schön Exempel sehen
An dem, was zu Jerusalem geschehen;
Denn da die Jünger sich versammlet hatten
Im finstern Schatten,
Aus Furcht für denen Jüden,
So trat mein Heiland mitten ein
Zum Zeugnis, daß er seiner Kirch Schutz will sein.
Drum laßt die Feinde wüten!

5. Arie

Jesus ist ein Schild der Seinen,
Wenn sie die Verfolgung trifft.
Ihnen muß die Sonne scheinen
Mit der güldnen Überschrift:
Jesus ist ein Schild der Seinen,
Wenn sie die Verfolgung trifft.

6. Choral

Verleih uns Frieden gnädiglich,
Herr Gott, zu unsern Zeiten;
Es ist doch ja kein andrer nicht,
Der für uns könnte streiten,
Denn du, unsr Gott, alleine.
Gib unsern Fürsten und allr Obrigkeit
Fried und gut Regiment,
Daß wir unter ihnen
Ein geruhig und stilles Leben führen mögen
In aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit.

Amen.

Caravaggio: Der ungläubige Thomas, 1601–1602.

Written by Wolf

7. April 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Barock, Vier letzte Dinge: Himmel

And Rilke says to this guy

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Update zu Schlachtens:

——— Franz Xaver Kappus: Sonett,
cit. nach Meurer, s.u.:

Durch mein Leben zittert ohne Klage
Ohne Seufzer ein tiefdunkles Weh.
Meiner Träume reiner Blütenschnee
Ist die Weihe meiner stillsten Tage.

Öfter aber kreuzt die große Frage
Meinen Pfad. Ich werde klein und geh
Kalt vorüber wie an einem See
Dessen Flut ich nicht zu messen wage.

Und dann sinkt ein Leid auf mich, so trübe
Wie das Grau glanzarmer Sommernächte,
die ein Stern durchflimmert — dann und wann

Meine Hände tasten dann nach Liebe,
weil ich gerne Laute beten möchte,
die mein heißer Mund nicht finden kann.

Die Titanic war schon immer die eine Zeitung, der ich jedes Wort glaube. Gelohnt hat sich mein Kinderglaube im März 2005, als Christian Meurer einen der gerade mal zwei Zeitungsartikel veröffentlichte, die ich als meine bedeutenden Einflüsse einstufe.

Wie alles wahnsinnig Tolle war die Titanic „früher auch schon besser“, jedenfalls könnten sie sich manche Furz- und Pimmelwitzchen und vielerlei gewollt wirkende Häme sparen. Dafür findet sich in den meisten Ausgaben bis heute ein redaktionsintern so genannter „Boehlich“: ein besonders tief recherchierter Beitrag, der dann meistens das ganze Heft wert ist — benannt nach Walter Boehlich, der bis kurz vor seinem allerletzten Federstrich 2006 seinen Blödelheftchenkollegen Monat für Monat vormachte, wie’s geht. Die fulminantesten Stücke — finde ich — liefert seither Christian Meurer, dem allein für seine Themenfindungen jeder Journalistenpreis gehört.

Sein Artikel über den jungen Dichter, an den Rainer Maria Rilke seine gleichnamigen Briefe schrieb, ist ein Parforceritt durch Literatur und Militärwesen des jungen 20. Jahrhhunderts in Deutschland und Österreich-Ungarn, und Hollywood, ein Weihnachtsgassenhauer und ein Happen Zeitgeschichte kommen auch vor. Für einen Weblog-Artikel braucht das einen vergleichsweise langen Atem, langatmig ist es nicht, versprochen.

Der Text ist abgetippt, nicht eingescannt; ich bitte deshalb wie immer meine aufmerksamen Leser, mich auf Tippfehler aufmerksam zu machen, das prodest et delectat alle.

——— Christian Meurer: Gesetz der Tiefe, Sauerkohl.
Aus dem Leben von Franz Xaver Kappus, dem Mann, der Rilkes „junger Dichter“ war

in: Titanic, März 2005, Seite 54 bis 62:

Cover Titanic März 2005Dresdens „gläserne Manufaktur“, monströser Schneewittchensarg für die VW-Totgeburt Phaeton, sah ihre Transparenz unlängst zur Transzendenz erweitert: Im Schlepptau von weiland Lothar-Günther Buchheims bärbeißigem „Boots“-Kaleu Jürgen Prochnow enterte Nina Hoger samt zwei lyrischen Leichtmatrosen: „Sonnenallee“-Jüngling Robert Stadlober und dem drallen Jodel-Wunder „Zabine“ die Planken des dort seit der Hochwasserkatastrophe installierten Podiums, um zur Kaperfahrt durch Rilkes „Weltinnenraum“ aufzubrechen: „Zwischen Tag und Traum“, so der vor futuristischer Fertigungskulisse angepeilte Navigationskurs. Dieweil die Phaeton-Nachtschicht auf allen Etagen die Schweißfunken stieben ließ, setzten multimedial auf Stoffbahnen projizierte Rilkezitate an Hitler-, Bush- und Mao-Portraits dem „Rilke-Projekt“ die kontrasthellen Positionslaternen.

Die Szene ertrank in Seichtigkeit bzw. Hintergrundgeplätscher des Komponisten-Duos Schönherz/Fleer. das den deutschen CD-Markt schon seit Jahren mit Promi-Breitseiten Rilke bestreicht. Insgesamt 25 Tourneestationen von Kiel bis München lief das trunkne Lyrik-Schiff an, regelmäßig ging Rilkes Silberfracht dabei in Ovationen unter; in denen verrauschte, daß bei den vier von VW gesponserten Schlingerfahrten auch ein blinder Passagier der Literaturgeschichte an Bord war: Franz Xaver Kappus, Adressat von Rilkes „Briefen an einen jungen Dichter“. Im miederartigen Knüllgewand erwies ihm Nina Hoger die Reverenz und rezitierte aus dem Schreiben vom 12. August 1904: Wäre es uns möglich, weiter zu sehen, als unser Wissen reicht, und noch ein wenig über die Vorwerke unseres Ahnens hinaus, vielleicht würden wir unsere Traurigkeiten mit größerem Vertrauen ertragen als unsere Freuden. Denn sie sind die Augenblicke, da etwas Neues in uns eingetreten ist, etwas unbekanntes, unsere Gefühle verstummen in scheuer Befangenheit, alles in uns tritt zurück, es entsteht eine Stille, und das Neue, das niemand kennt, steht mitten darin und schweigt.

Cover Rainer Maria Rilke, Briefe an einen jungen Dichter, Insel-Bücherei Nr. 406Habent sua fata libelli: Während der kleine Insel-Pappband in Deutschland zumeist hinterm Glasschliff knarzender Bücherschranktüren verdämmert, hält sich seine Auflage im angelsächsischen Sprachraum konstant in Millionenhöhe. Lange vor der Dresdener Kitsch-Havarie hatte diese Popularität Odysseen in eigenartigste Zusammenhänge gezeitigt: So verschlägt es in der TV-Horror/Fantasy-Serie „The Beauty and the Beast“ die Staatsanwältin Catherine Chandler („Terminator“-Lady Linda Hamilton) in die Katakomben von New York, wo sie der monströse Löwenmensch und Rilkefreund Vincent (Ron Perlman) fortan beschützt und angelegentlich aus dem achten Brief an den jungen Dichter vom 12.8.1904 zitiert: Vielleicht sind alle Drachen unseres Lebens Prinzessinnen, die nur darauf warten, uns einmal schön und mutig zu sehen. Vielleicht ist alles Schreckliche im tiefsten Grunde das Hilflose, das von uns Hilfe will. Als Teilzeit-Nonne Lenoris zieht auch Whoopi Goldberg in „Sister Act II“ praktische Nutzanwendung aus den „Letters to a Young Poet“: Sie schenkt ein entsprechendes Paperback einer jungen Gospelsängerin, die mit sich hadert, ob sie professionell ins Show-Metier einsteigen soll oder das der Mama zuliebe bleiben läßt, wofür Rilke im ersten Brief diesen Rat hatte: Erforschen Sie den Grund, der Sie schreiben heißt, prüfen Sie, ob er in der tiefsten Stelle Ihres Herzens seine Wurzeln ausstreckt, gestehen Sie sich ein, ob Sie sterben müßten, wenn es Ihnen versagt würde zu schreiben. Dieses vor allem fragen Sie sich in der tiefsten Stunde Ihrer Nacht: muß ich schreiben?

Notorischster Rilke-Fan und „Junger-Dichter“-Enthusiast bleibt allerdings Dustin Hoffman. Schon bei der Verleihung der „Goldenen Kamera“ 2003 hatte er vor versammelter Mannschaft von Loriot bis Bild-Klatschtante Christiane Hoffmann zwei Zettel aus der Tasche gekramt, um aus dem dritten Brief vom 23. April 1903 vorzutragen: Kunstwerke sind von einer unendlichen Einsamkeit und mit nichts so wenig erreichbar als wie mit Kritik. Nur Liebe kann sie erfassen und halten und kann gerecht sein gegen sie. Hoffman vorab zu Journalisin Nina Rehfeld über die „letters“: „It’s my bible. Someone gave it to me when I started acting. I read it over and over again.“

All diese Allotria hätte sich der k.u.k. Militärzögling Franz Xaver Kappus im Herbst 1902 schwerlich träumen lassen, als er auf Parkbänken der Militäranstalt in Wiener Neustadt zu Gedichten Rilkes mißmutig sein Pausenbrot zerkaute. Als ihm der aufsichtführende Geistliche dabei einmal die Lektüre abknöpfte, staunte der nicht schlecht: 15 Jahre zuvor hatte er den jungen René Rilke in der Militär-Unterrealschule St. Pölten ebenfalls unter seinem Traktament gehabt. Die Schicksalsparallele ermutigte Kappus, Rilke einen Brief zu schreiben, in dem er sich so rückhaltlos offenbarte, wie nie zuvor und niemals nachher einem zweiten Menschen. Selbstgefertigte Verse legte er zur Begutachtung bei.

Im Februar 1903 erreichte den Kadetten dann ein dicker Umschlag aus Paris. In einer ausführlichen Replik riet Rilke zu apodiktischer Unbedingtheit: Jeder äußere Einfluß, jede Einflußnahme durch andere sei streng zu meiden, statt dessen vollständige Konzentration auf die Frage geboten, ob Schreiben eine unveräußerliche Existenznotwendigkeit sei. Der verdatterte Kappus antwortete postwendend, und so entspann sich über zwei Jahre ein kleiner Briefwechsel, in dem der unstet aus Rom, Worpswede, Viareggio und Borgeby/Schweden auf seinen angehenden Adepten einschwadronierende Rilke diesen in seraphischen Appellen beschwor, sich zu seiner Lebensproblematik eine neue Perspektive zuzulegen: Sie sind so jung, so vor allem Anfang, und ich möchte Sie, so gut ich es kann, bitten, lieber Herr, Geduld zu haben gegen alles ungelöste in Ihrem Herzen und zu versuchen, die Fragen selbst lieb zu haben, wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind. Hinter diesen Fragen eröffne sich ein Weltgetriebe, das sich jeden Daseinszusammenhang unterordne, um so unaufhörlich sein innewohnendes Grundprinzip zu verdeutlichen: In einem Schöpfergedanken leben tausend vergessene Liebesnächte auf und erfüllen ihn mit Hoheit und Höhe. Und die in den Nächten zusammenkommen und verflochten sind in wiegender Wollust, tun eine ernste Arbeit und sammeln Süßigkeiten an. Tiefe und Kraft für das Leid irgendeines kommenden Dichters, der aufstehen wird, um unsägliche Wonnen zu sagen. Und rufen die Zukunft herbei, und wenn Sie auch irren und sich blindlings umfassen, die Zukunft kommt doch, ein neuer Mensch erhebt sich, und aus dem Grunde des Zufalls, der hier vollzogen scheint, erwacht das Gesetz, mit dem ein widerstandsfähiger, kräftiger Samen sich durchdrängt zu der Eizelle, die ihm offen entgegensieht. Lassen Sie sich nicht beirren durch Oberflächen, in der Tiefe wird alles Gesetz. Speziell als junger Dichter habe man sich diesem Totalzusammenhang schutzlos auszuliefern, für seine Anrufungen die Einsamkeit in sich groß werden zu lassen und die eigene Biographie zum schlackenlosen Ornament gelebten Kunstwillens zu präparieren.

Vier Jahre später, um Neujahr 1909, erreichte den inzwischen auf einem Bergfort irgendwo in der kakanischen Levante diensttuenden Kappus ein letzter Brief. Rilkes Valet: Mit der Abgeschiedenheit seines Schützlings sei er sehr zufrieden, so sei er, Kappus, nicht in einen jener halbartistischen Berufe hineingeraten, die die Kunst praktisch leugnen, wie etwa der ganze Journalismus es tut und fast alle Kritik und dreiviertel dessen, was Literatur heißt. Er freue sich, daß Kappus die Gefahr, da hineinzugeraen, überstanden habe und irgendwo in einer rauhen Realität einsam und mutig sei.

Die 1929, drei Jahre nach Rilkes Tod, von Kappus veröffentlichten Briefe avancierten in ihrer wunderlichen Klitterung von Andacht, Gedankenflucht und typisch rilkeschen Einsamkeitsräuschen alsbald zum probaten Seelentonikum für Heranwachsende in der späten Weimarer Republik; als eiserne Ration galten sie später auch unter inneren Emigranten in Nazijahren und Nachkriegszeit. Für den Herausgeber ein beachtlicher Erfolg; der bohrenden Frage, die schließlich C-Autorin und Nichtdichterin Rebecca Casati via „SZ“ zu stellen sich angelegen sein ließ, hat sich die Öffentlichkeit trotzdem bislang verweigert: „Was eigentlich wurde aus Franz Xaver Kappus, der sich den Rat vor 100 Jahren sehr zu Herzen genommen hat? Wer liest heute seine Bücher? Hat er überhaupt welche geschrieben?“

Ein umfängliches Werk hat Kappus zwar hinterlassen; durch das Rilkescher Geist aber nur sehr lau weht. Schon im Vorwort zu den „Briefen“ deutet Kappus an, daß ihn das Leben auf Gebiete abtrieb, vor denen des Dichters warme zarte und rührende Sorge mich eben hatte bewahren wollen. So erhielt sich von seinem lyrischen Schaffen nur ein einziges „Sonett“ (siehe Kasten), das Rilke ihm eigenhändig abgeschrieben zurückschickte. Ansonsten trug Kappus am schweren Rucksack Rilkescher Ambitionsanregungen nicht sonderlich lange: Schon 1903, im Jahr des Briefwechsels, veröffentlichte er unter dem Titel „Im mohrengrauen Rock“ einen Sammelband „Militär-Humoresken“. (Das an Rilke abgegangene Belegexemplar verschlampte die italienische Post.)

Vom Prinzip Kraut und Rüben, das hier, zwischen Jardin des Plantes und Kasernenhof, erstmals aufschien, ließ sich Kappus auch fortan leiten, wie ein „Im Spiegel“ überschriebenes Selbstportrait belegt, das die „Berliner Morgenpost“ im Erscheinungsjahr der „Briefe“ 1929 samt Autor vorstellte. Der Korrespondenz mit dem Großdichter tat der dort keinerlei Erwähnung, statt dessen erfuhr man, daß die Hauptursache seiner Drangsale auf der Milität-Akademie in Wiener Neustadt eine Chordame des Stadttheaters gewesen. Die Abschlußprüfung in den Fächern Geodäsie und Festungskrieg habe er dieser Passion wegen zwar versiebt, sich dafür aber nachhaltig der Poesie verpflichtet (Ihr verdankte der „Mürzzuschlager Bote“ mein tiefempfundenes Gedicht „An Maltschi“, das mit den Worten begann: „Oh du, die du…“). Auch seinem späteren Regiment wollte der nach Wien kommandierte Leutnant nicht zur Zierde gereicht haben: Regelmä0ig patzte die Wache unter seinem Kommando beim Aufmarsch an der Burg, zum Tee der Regimentskommandeuse fehlte er unentschuldigt. Dazu hatte ich zwei Hunde, eine Schreibmaschine, drei Verhältnisse und Schulden. Solcherart belastet, stand ich vor der Wahl, entweder die Kriegsschule zu versuchen oder zu heiraten, ich entschied mich für das zweite. Leider brannte mir meine Braut mit ihrem vorletzten Liebhaber durch und hinterließ mir nichts als einen Topf und die Partitur von „Lohengrin“. Ein Fiasko, das Kappus immerhin mit einer nützlichen Neurasthenie zurückließ, wertvollste Mitgift im militärischen Friedensleben: Meine gesteigerten „Patellarreflexe“, mein „Lidflattern“ und meine Reizbarkeit machten jahrelang die Regimentsärzte beider Reichshälften erbleichen.

Von Intermezzi wie dem auf der Bergfestung bei Erhalt des letzten Briefs von Rilke abgesehen, lag der wg. Lidflatterns dispensierte Leutnant dem Donau-Doppeladler also nutzlos auf der Tasche. Seine Freizeit gehörte weiter literarischer Betätigung, teils weil mein Genius mich dazu drängte, teils um meine Vorgesetzten zu ärgern. So entstanden Gedichte, die niemand drucken wollte, und Militärhumoresken, die wie warme Semmeln abgingen. Kapitelweise in Angriff nahm er dazu den Polizeihund-Roman „Der Weg ins Tal“, den das k.-u.-k. Kriminal-Organ „Der Gendarm“ in Fortsetzungen druckte. Von Bergfestung und Bellestristik erlöste ihn ab 1909 ein Druckposten: Kriegsminister Auffenberg, der Freund der schönen Künste, protegierte ihn als Oberleutnant ins „literarische Bureau“ in der Wiener Stiftskaserne. Dort dichtete er Verse auf patriotische Ansichtskarten; verfaßte den Erlaß über die „Konservierung des Mündungsdeckels Muster 1909/10“ und kutschierte im übrigen seine Mizzis in Automobilen aus dem Fuhrpark seiner Dienststelle herum. Als es Auffenberg 1912 aus dem Ministerfauteuil hob, war es mit der Praterherrlichkeit vorbei: Kappus mußte den Regimentsärzten abermals sein verschlissenes Nervenkostüm präsentieren, um den alt-österreichischen Garnisons-Tran schwänzen zu können. Wasserdichte Atteste in der Tasche, tummelte er sich in der Zeit bis zum Weltkrieg dann in den Metropolen der Mittelmächte: Die folgenden Jahre wohnte ich teils im Café Dobner in Wien, teils im Berliner Café des Westens, nährte mich von Sketches, die ich für das Varieté schrieb, und fiel mit einer Komödie und einer neuen Heiratschance durch. Sein Auskommen dankte der Militär-Bohemien Kalender- und Postkartenverlagen, die er termingerecht mit patriotischen Stanzen versorgte, die der 1916 erschienene Gedichtband „Blut und Eisen“ dann versammelte.

Plakat Der rote Reiter, 1935Im Oktober 1914 rückte Hauptmann Kappus, ein Bataillon hinter sich, vor das estnische Iwangorod, von wo ihn ein Lungenschuß in die Etappe zum k.u.k. Kriegspressequartier beförderte. Dort war er dabei, wie Weltgeschichte in amtlichen Kommuniqués abdestilliert wurde, und war es selbst, der die Feldherren in klirrenden Versen verherrlichte. Daß es zwei Erzherzöge gab, die beide Josef hießen, erleichterte mir die Aufgabe wesentlich. Im Pressequartier lernte ich auch eine Reihe bedeutender Männer kennen: Sven Hedin, Oskar Kokoschka, Franz Molnar, Ludwig Ganghofer und dergleichen. Dafür mußte ich die Bekanntschaft der Generale Böhm-Ermolli, Stöger-Steiner, Pflanzer-Baltin und anderer Doppelfeldherrn mit in Kauf nehmen. — Ich rächte mich, indem ich auf Vortragsreisen des Witzblattes „Die Muskete“ ihren Ruhm über Berge und Täler trug und noch an sie glauben machte, als alles schon verloren war. Um dieselbe Zeit schrieb ich, um meinen Ärger abzureagieren, den Roman „Die lebende Vierzehn“, in dem die ganze Welt unterging. Schauplatz für Österreich-Ungarns Zusammenbruch war für Kappus Belgrad. Persönliche Kriegsbeute: ein Fliegerpfeil, sechs Liter Sliwowitz und zwei Liebesbriefe in kyrillischer Schrift. Mit all dem entkam er nach Wien, wo er die satirische Wochenzeitung „Der Esel“ gründete, von deren Defizit mehrere Offiziere lebten. Die Gerichtsvollzieher umging er via Budapest, wo Bela Khuns Räte-Regiment ihm aber außer Sauerkohl und Hafergrütze nichts zu bieten hatte. Bis zur 23er Inflation überwinterte der gebürtige Rumäniendeutsche in seiner Heimat, dann siedelte er endgültig nach Berlin über. Zu seinen „Blut und Eisen“-Versen und den 1911 und 1914 unter den Titeln „Ha, welche Lust!“ und „Durch’s Monokel“ erschienenen Militärschwänken kam bald eine stattliche Reihe selbstproduzierter Schmöker auf Bücherbord: Sukzessive mutierte der einstige Weltuntergangsromancier und zeitweilige Witzblatt-Redakteur zum Routinier für Unterhaltungsreißer, größtenteils in Illustrierten und Zeitungen vorabgedruckter Romane wie „Der rote Reiter“, „Der Mann mit den zwei Seelen“, „Der Milliardencaesar“. „Das vertauschte Gesicht“, „Ball im Netz“, „Jacht ‚Estrella‘ verschollen!“, „Martina und der Tänzer“, „Eine Nacht vor vielen Jahren“, „Menschen vom Abseits“, „Die Tochter des Fliegers“, „Brautfahrt um Lena“, „Wettlauf ums Leben“, „Sie sind Viotta!“ oder „Die Verzauberung des Lothar Bruck“. Hinzu kamen Krimis wie „Was ist mit Quidam?“ und „Eine Jacht ist gesunken“ sowie das Südseeabenteuer „Flammende Schatten“: Saisonware für die Pressetrusts Scherl und Ullstein. Der „Rote Reiter“ kam im Februar 1935 sogar als „Tobis-Klangfilm“ heraus.

Im übrigen hielt den Fließbandromancier Kappus sein Unterhaltungsgewerbe aus der Nazi-Zeit jedoch so weit heraus, daß ihm die liberale Friedrich-Naumann-Stiftung bis heute ein ehrendes Andenken bewahrt. Wie dort gelagerte Archivalien belegen, trafen sich am 16. Juni 1945 in Berlin auf Geheiß der Sowjetischen Militäradministration beim Schwiegersohn des ehemaligen Weimarer Reichsjustizministers Schiffer ein paar Herren, um die „Liberaldemokratische Partei Deutschlands“ (später DDR-Blockpartei) aus der Taufe zu heben: u.a. der frühere Reichsinnenminister Külz, der alte Reichswehrminister Noske (SPD) — und Franz Xaver Kappus, der sich unverzüglich in den Vorstand wählen ließ. Aber schon ein Vierteljahr später vermerkt das Sitzungsprotokoll des Dichters Ausscheiden aus dem Leitungsgremium „wegen seines Wechsels in die Redaktion der Ullstein-Zeitung“. Kappus schrieb noch einen Roman mit dem Titel „Flucht in die Liebe“, für ein endgültig auskömmliches Dasein aber sorgte eine Vorkriegs-Stippvisite in noch einem Genre: In Zusammenarbeit mit dem Komponisten Oskar Schima hatte er einst auch ein paar Schlagertexte fabriziert, wobei der einzige echte Evergreen Kappus‘ zustande gekommen war: „Mamatschi„. Die Tantiemen der millionenfach abgesetzten Schnulze vom kleinen Jungen und seinen heiß ersehnten Pferdchen versüßten Kappus zusammen mit den Einnahmen aus den „Briefen“ nicht nur den Lebensabend, sie sorgen auch für eine letzte alljährliche Ehrung: Kappus starb zwar 83jährig im Oktober 1966, seine langlebige Witwe blieb den führenden Männern der Berufsgenossenschaft der deutschen Schlagertexter in der Gema, des Deutschen Textdichterverbands, so eng verbunden, daß sie der Zunft die „Mamatschi“-Einnahmen vermachte; die gerade ausreichen, ein alljährliches Sommerfest auszurichten. Als kleine Huldigung ist dabei seit gut zwanzig Jahren Brauch, daß die Schlager-People zum Schluß den „Witwe-Kappus-Song“ anstimmen, ein auf die Melodie von „Mamatschi“ umgedichtetes Danklied. Der Refrain: „Wir danken der Witwe Kappus/ frohen Herzens, tief bewegt/ wir danken ihr für das Pferdchen/ das uns gold’ne Äpfel legt!“ stammt noch von Hans Bradtke, Autor von Klassikern wie „Pack die Badehose ein“, „Pigalle“ oder „Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett“.

Ein nicht unbeträchtlicher Teil der verfeierten Tantiemen dürfte sich seit 1993 Steven Speilberg verdanken, der „Mamatschi“ in den Soundtrack von „Schindlers Liste“ aufnahm und am Drehort Prag sogar einen Eilkurier zum Berliner Vinylisten- und Schellack-Dorado „Platten-Pedro“ in Bewegung setzte, um die Originalpressung der Erstversion mit der Sängerin Mimi Thoma zu beschaffen. Im Film wird die Platte von einem SS-Mann aufgelegt, um sie über sämtliche Lautsprecher durchs Krakauer KZ schallen zu lassen. Mütter und Kinder des Lagers werden auf einem Platz zusammengetrieben, um mit Lastwagen angeblich „verlegt“ zu werden. Zunächst marschieren die Kinder heran, die fröhlich „Mamatschi“ mitsingen und auf die Ladeflächen klettern. Die Mütter hält man im letzten Moment zurück. Als die Lastwagen anfahren, scheppert zur einsetzenden Massenpanik weiterhin „Mamatschi“ aus den Lautsprechern, auch als die Kamera eines der Kinder verfolgt, das verzweifelt ein Versteck sucht: Unter Krematoriumsöfen, Dachsparren und Barackendielen ist schon besetzt, so daß der Junge endlich in eine randvoll mit Fäkalien gefüllte Latrine springt. Wie hatte Kappus doch am 4. Februar 1910 seinem Regimentskameraden, dem Buchgraphiker Rudolf Heßhaimer, ins Stammbuch geschrieben: Dem Leben nachspüren, seine tiefen Zusammenhänge nicht deuten wollen, sondern sie gestalten, so gut er’s vermag: das ist Ziel und Schicksal des Künstlers.

Bilder: Heftcover via Titanic;
Buchcover via Bookstation;
Donauschwaben Banat Biographies: William Totok: From Expressionism to Entertainment, 14. November 2006;
Film: Heintje – Ein Herz geht auf Reisen, 1969.

Written by Wolf

1. April 2013 at 00:01