Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for Mai 2016

Keine Geschichte über Blut, Krieg und Verwandlungen

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Update zu Schicksal des Menschen, wie gleichst du dem Wind
und dem eigentlichen Weekly Wanderer 0018 Es endet ohne Schlusspunkt.,
zugleich eigentlicher Non-Weekly Wanderer 0019:

Als erstes muss ich, obgleich ungern, von der Verfilmung abraten, obwohl sie vom sonst sehr achtbaren Detlev Buck stammt, aber leider bei allem spektakulären Aufwand in 3D zu flach geraten ist.

Überhaupt soll man ja immer vorsichtig umgehen mit seiner Lebenszeit, um sie nicht an zu viele Bücher des 21. Jahrhunderts zu verschwenden. Bei der Vermessung der Welt hat sich’s gelohnt: Die atmet einen angenehm zurückhaltenden Humor.

Das mit der fingierten Doppelbiographie — Kehlmann handelt über Gauß und Humboldt — in exotischem und historischem Ambiente hat 1982 T.C. Boyle in seinem Erstling Wassermusik schon ähnlich gemacht, sich aber sehr viel mehr Zeit und Raum gelassen, um zwei Figuren gegenläufig zueinander zu entwickeln. Kehlmanns Trick, die Figuren selbst die Handlung durch Dialoge tragen zu lassen, ohne auf den ganzen 300 Seiten eine einzige wörtliche Rede zu verwenden, vielmehr alles in indirekter Rede wiederzugeben, hält den Ton durchweg knochentrocken und verleiht dem Buch nicht nur die wahrscheinlich höchste Konjunktivdichte der Literaturgeschichte, sondern auch den verschmitzten Tonfall eines allwissenden Märchenonkels, der anscheinend bei allem dabei gewesen ist, aber allein durch das Berichten alle schuldhafte Beteiligung von sich weist. In dem recht lesenwerten Interview mit FAZ hat Kehlmann selbst seine ständige Indirektheit so erklärt:

Wenn man zum ersten Mal darüber nachdenkt, einen historischen Roman zu schreiben, ist man zunächst eingeschüchtert von all den Trivial-Fallen, die da lauern. […] Ich denke, dieser Trivialitätspunkt, wo es sehr leicht ins Zurechtgemachte, Unglaubhafte und irgendwie Problematische kippt, ist die direkte Rede: „Hah“, sagte Napoleon, „wir greifen im Morgengrauen an.“ Sofort hat man ein ungutes Gefühl. […] Und dann habe ich mich gefragt: Wie machen Historiker das? Wieso wirken historische Romane trivial, aber wieso wirkt nicht trivial, was etwa Eric Hobsbawm schreibt? Es liegt daran, daß die erzählerische Distanz eine andere ist. Ein Fachhistoriker geht nicht zu nah ran an die Figuren, an das, was er berichtet, und — und das ist der entscheidende Punkt — er würde nicht behaupten zu wissen, was wörtlich gesagt wurde. Er würde keine wörtliche Rede verwenden, es sei denn, er hat Dokumente und Briefe, aus denen er zitiert. Ansonsten würde er berichten, was inhaltlich ungefähr so gesagt worden sein müßte, sein könnte. Er würde also die indirekte Rede verwenden. Und da dachte ich, das Experiment müßte eben darin liegen, ein Buch zu schreiben, das beginnt wie ein Sachbuch. Deshalb gibt es auch in der ersten Zeile des Romans eine Jahreszahl — und dann nie wieder. Es beginnt zwar wie ein historisches Sachbuch, bis es dann plötzlich kippt, weil natürlich Dinge berichtet werden, die überhaupt nicht mehr sachbuchhaft, sondern romanhaft und frei erfunden sind. Es sollte so klingen, wie ein seriöser Historiker es schreiben würde, wenn er plötzlich verrückt geworden wäre.

Sparsame, auf Wesentliche reduzierte Prosa jedenfalls, die das Adjektiv meidet, kaum etwas ausschmückt und nichts zu Tode erklärt. Dass die ganze Handlung historisch hanebüchen ist, war nie anders vereinbart und vorher klar. Es ist alles sehr vergnüglich.

Das große Thema des reisenden Froschens gegenüber der heimischen Geistesarbeit hätte schon in meinen ersten Weblog-Versuch gepasst, aber siehe da: An gleicher Stelle stuft Kehlmann zumindest die Hälfte seiner Doppelbiographie — natürlich nicht ausdrücklich — als der hiesigen Form der „Angewandten Poesie“ zugehörig ein:

Ich habe in ihm [i. e. Humboldt] dann, bei aller Größe, sehr schnell eine komische Figur gesehen und war ganz überrascht, daß nie jemandem aufgefallen ist, wie sehr Humboldts Reisewerk von speziell deutschen, sehr komischen Situationen und Mißverständnissen strotzt. […] Diese ungewollte Komik ist aber keineswegs die Komik eines Kauzes. Es geht darum, daß solche Begebenheiten sehr viel darüber aussagen, was es heißt, deutsch zu sein. Wir haben es hier zu tun mit einem Weimarer Klassiker, der das ganz andere der Weimarer Klassik vertreten hat, der einzige Weimarer Klassiker, der wirklich ausgesandt wurde, die Weimarer Klassik hinauszutragen, und der mit diesem Weltbild Macondo bereist hat. Ich war zudem sehr beeindruckt von der südamerikanischen Literatur, und hatte gleichzeitig das Gefühl, daß mir als deutschem Autor vieles von dem, was diese Autoren an emotionalen und künstlerischen Möglichkeiten haben, nicht zu Gebote steht. Ich kann nicht wie Garcia Marquez eine schöne Frau beim Wäscheaufhängen davonfliegen lassen. […] Man merkt dann doch, daß man aus einer anderen Kultur kommt, daß einem zwar die Möglichkeit gegeben ist, mit diesen Dingen zu spielen, aber auf andere Art. Und da hatte ich plötzlich das Gefühl, Humboldt ist mein Schlüssel, denn er hat diese Welt betreten, aber er hat sie als Deutscher betreten. Das ist etwas, was ich erzählen kann, womit ich künstlerisch etwas anfangen kann, weil da beide Seiten etwas mit mir zu tun haben. Dann habe ich immer mehr über Humboldt gelesen und zufällig herausgefunden, daß Gauß 1828 bei einem Wissenschaftlerkongreß in Berlin bei Humboldt gewohnt hat. Und plötzlich sah ich diese Szene: die beiden alten Männer, der eine, der überall war, der andere, der nirgends war; der eine, der immer Deutschland mit sich getragen hat, der andere, der wirkliche geistige Freiheit verkörpert, ohne je irgendwohin gegangen zu sein. […] Eine satirische, spielerische Auseinandersetzung mit dem, was es heißt, deutsch zu sein — auch natürlich mit dem, was man, ganz unironisch, die große deutsche Kultur nennen kann. Für mich ist das eines der Hauptthemen des Romans, wie Andreas Maier so schön im Booklet des Hörbuchs geschrieben hat, „die große deutsche Geistesgeschichte, eine einzige Lebensuntauglichkeit“. In der breiten Rezeption ist dieses Thema dann merkwürdigerweise vernachlässigt worden.

Hartmut Wewetzer im Tagesspiegel hingegen hält denselben Humboldt begründet für überschätzt und rechnet ihn nicht als Weimarer Klassiker, sondern „Romantiker der Goethezeit“, aber der musste ihn nicht als Romanfigur einsetzen zum Nachweis, was Deutschsein bedeutet. Eine der wenigen Stellen in der Vermessung mit Goethe — wieder indirekt, zum Selberdenken, ohne ihn beim Namen zu rufen — hat mir ein spontanes Prusten abverlangt.

Alexander von Humboldt und Aimé Bonpland in der Urwaldhütte am Orinoco, Humboldt-Exponate der Staatsbibliothek Berlin

——— Daniel Kehlmann:

Der Fluß

aus: Die Vermessung der Welt, 2005;
Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, 6. Auflage November 2008, Seite 127 f.:

Mario bat Humboldt, auch einmal etwas zu erzählen.

Geschichten wisse er keine, sagte Humboldt und schob seinen Hut zurecht, den der Affe umgedreht hatte. Auch möge er das Erzählen nicht. Aber er könne das schönste deutsche Gedicht vortragen, frei ins Spanische übersetzt. Oberhalb aller Bergspitzen sei es still, in den Bäumen kein Wind zu fühlen, auch die Vögel seien ruhig, und bald werde man tot sein.

Alle sahen ihn an.

Fertig, sagte Humboldt.

Ja wie, fragte Bonpland.

Humboldt griff nach dem Sextanten.

Entschuldigung, sagte Julio. Das könne doch nicht alles gewesen sein.

Es sei natürlich keine Geschichte über Blut, Krieg und Verwandlungen, sagte Humboldt gereizt. Es komme keine Zauberei darin vor, niemand werde zu einer Pflanze, keiner könne fliegen oder esse einen anderen auf. Mit einer schnellen Bewegung packte er den Affen, der gerade versucht hatte, ihm die Schuhe zu öffnen, und steckte ihn in den Käfig. Der Kleine schrie, schnappte nach ihm, streckte die Zunge heraus, machte große Ohren und zeigte ihm sein Hinterteil. Und wenn er sich nicht irrte, sagte Humboldt, habe jeder auf diesem Boot Arbeit genug!

Bei San Carlos überquerten sie den magnetischen Äquator. Humboldt betrachtete die Instrumente mit andächtiger Miene. Von diesem Ort hatte er als Kind geträumt.

Postkarte Goethe als Greis auf dem Kickelhahn bei Ilmenau

Was mich noch als Kuriosität interessiert hat: Wie würde wohl Ein Gleiches „frei ins Spanische übersetzt“ klingen, wenn es nicht gerade ein fiktiver, im menschlichen Umgang unbeholfener Humboldt unter sozialem Druck ins Reine spricht?

Im spanischen Kulturerleben scheinen Goethegdichte nicht besonders präsent, nicht einmal das schönste von allen. Fündig wird man — was wohl meine erahnte Kuriosität darstellt — im Internetauftritt der Stadt Ilmenau: Die bringt das Ding gleich in 52 Sprachen (huch, so viele gibt’s …?) von Afrikaans bis Vietnamesisch, und zwar

mit freundlicher Unterstützung der Klassik Stiftung Weimar, der Goethe-Gesellschaft und des Goethe-Instituts zusammengetragen. […]

Am 21. August 1999 folgten die ausländischen Gäste einer Einladung nach Ilmenau und zum Kickelhahn, wo sie in den Nachmittagsstunden an historischer Stätte vor dem Goethehäuschen „Wandrers Nachtlied“, eine der schönsten lyrischen Schöpfungen des Dichters, in 21 Landessprachen vortrugen. 10 Neu- und Erstübersetzungen davon waren erst im Ergebnis der Konferenz entstanden.

Es entstand die Idee, eine Auswahl der zahlreichen Übersetzungen der Öffentlichkeit im Goethehäuschen selbst vorzustellen. Am Samstag, dem 29.4.2000 wurden außer dem Gedicht in Deutsch 15 der Fremdsprachentexte, niedergeschrieben auf 3 Glastafeln, im Obergeschoss des Goethehäuschens für Besucher zugänglich gemacht. […]

Sapere aude — ein weiterer Grund, mal den Kickelhahn zu bereisen. Die spanische Übersetzung lag im Goethejahr 1999 schon vor, die ist in der Ilmenauer Aktion ausgewiesen von Rafael Cansinos Assens, erschienen vermutlich 1944 in dessen Übersetzung von Goethes Obras Literarias oder 1950 in den Obras completas:

En todas las cumbres
la paz reina;
por ninguna parte
apenas si un soplo
de vida se otea;
en el bosque en calma
nu un ave gorjea.
Aguarda que, pronto,
cesarán tus penas.

Bilder: Alexander von Humboldt und Aimé Bonpland in der Urwaldhütte am Orinoco, via Staatsbibliothek Berlin, Künstler und Jahr nicht nachgewiesen:

Bonpland schreibt in einem Brief kurz vor Antritt der Reise:

Während einer einmonatigen Reise, die wir ins Innere der Provinz Neu-Andalusien gemacht haben, waren wir ständig mit Indianern zusammen und ihre Gesellschaft erschien uns so gut, dass wir uns aufmachen die zu besuchen, die noch nicht zivilisiert sind; …

Postkarte Goethe als Greis auf dem Kickelhahn bei Ilmenau. Mit Text in deutscher Schrift. Verso: Heliocolorkarte von Ottmar Zieher, München. Datiert und Poststempel 1913, via Goethezeitportal, Januar 2015.

Soundtrack: Colum Sands & Scarlett O‘: Goethe’s Song, aus: All My Winding Journeys, 1996:

An English translation and setting to music of Goethe’s „Naehe des Geliebten“ that I attempted around 1996. Scarlett O‘ from Berlin sings the original German words. I’ve added photos taken on travels through Ireland and Germany.

Written by Wolf

27. Mai 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Land & See

Umfing ihn sein feins Liebchen: Leb wol, du Herzensbübchen! Leb wol! Viel Heil und Sieg!

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Update zum Weekly Wanderer 8: Horst Bingel: Feinsliebchen:

Die Welt tut vorbildlich meinen Job und bringt eingehende Analysen der deutschen Romantik. Ich tue ein übriges und verfälsche planvoll den Artikel von Matthias Heine, den ich vollständig zitiere, indem ich die Literaturzitate vervollständigt in den Fließtext rücke.

Einzig Heines (sic) Conclusio, das einzige Gesicht des katexochenen Feinsliebchens sei das eines Staffage-Details auf einem verschollenen Bild, erscheint mir etwas willkürlich — aber ziemlich schön. Entweder zum Trost oder zur Belohnung finden sich die aufschlussreichsten Feinsliebchen-Lieder, für die nicht einmal in den Bonus Tracks Platz war, in der Sammlung Ludwig Erk, 1856.

Feinsliebchen, ich bleibe Dir treu, Bildpostkarte Gruß von der Front, 19. Februar 1916, Universität Osnabrück, via Europeana 1914–1918

——— Matthias Heine:

Die Blaue Blume unter den Wörtern

in: Die Welt, Mittwoch, 23. März 2016, Feuilleton Seite 22:

Auf der Suche nach dem, was deutsch ist, stößt man auf das volksliedhafte „Feinsliebchen“. Populär gemacht haben es zwei Intellektuelle

Was ist eigentlich deutsch? Diese Frage wird gerade auf ziemlich verwirrende Weise neu verhandelt. Mitglieder und Sympathisanten von Bewegungen wie Pegida und AfD sehen sich selbst als Erben antidiktatorischer Widerstandskämpfer wie Sophie Scholl und Graf Stauffenberg. Einwanderer aus Osteuropa, die in ihrem Schrebergarten Russlandfahnen hissen und deren hier geborenen Kinder untereinander immer noch Russisch reden, empfinden sich als deutscher als die meisten hier Geborenen.

Irritiert von so bizarren Ansprucherhebern auf das wahre Deutschland, wendet man suchend wieder den Blick zu denjenigen, die das, was wir heute für deutsch halten, erst definiert haben: den Romantikern. Und man stößt dort auf ein Wort, das wie ein Signal war, mit der sich die Vertreter der neuen und revolutionären Denk- und Empfindungsweise in ihrer Poesie zu erkennen gaben: Feinsliebchen. So nannte ein wahrer Romantiker die Geliebte.

Diese Blaue Blume unter den Wörtern haben Achim von Arnim und Clemens Brentano gezüchtet – mit gärtnerischer Vorarbeit von Gottfried August Bürger. 1805 bis 1808 veröffentlichten Arnim und Brentano eine Sammlung namens „Des Knaben Wunderhorn„, die im Untertitel „Alte deutsche Lieder“ versprach. Feinsliebchen – mal zusammengeschrieben, mal auseinander: feins Liebchen oder feines Liebchen – ist darin ein Zauberwort, dessen Nennung den Traum von einem schöneren Deutschland beschwört. Dieses Land der Seele liegt „wohl unterm grünen Tannenbaum, allda ich fröhlich lag, in mein feins Liebchens Armen die lange liebe Nacht.“

Abendlied.

Mündlich.

Nun laßt uns singen das Abendlied,
Denn wir müssen gehn,
Das Kännchen mit dem Weine,
Lassen wir nun stehn.

Das Kännchen mit dem Weine,
Das muß geleeret sein,
Also muß auch das Abendlied
Wohl fein gesungen sein.

Wohl unterm grünen Tannenbaum,
Allda ich fröhlich lag,
In mein feins Liebchens Armen
Die lange liebe Nacht.

Die Blätter von den Bäumen
Die fallen nun auf mich,
Daß mich mein Schatz verlassen hat,
Das freuet wohl mich.

Daß mich mein Schatz verlassen hat,
Das kömmt wohl daher,
Sie dacht sich zu verbessern,
Betrog sich gar sehr.

Des Abends, wenn es dunkel wird,
Steht er wohl vor der Tür,
Mit seinem blanken Schwerdte,
Als wie ein Offizier.

Mit seinem blanken Schwerdte,
Gleich einem rechten Held,
Mit ihm will ich es wagen,
Ins weite, weite Feld.

Mit ihm will ich es wagen,
Zu Wasser und zu Land,
Daß mich mein Schatz verlassen hat,
Das bringt mir keine Schand.

Das Abendlied gesungen ist,
Das Kännchen ist geleert,
Laß sehn nun wie du Kerl aussiehst,
Mit deinem blanken Schwerdt.

Der Nachtwächter wandelt darin durch hutzelige Kleinstädte, aber ganz anders, als wir uns heute die Romantik zurechtkastriert haben, wird Sexualität recht offen angesprochen: „Der Wächter fing zu läuten an: ,Steh auf, wer bey Feinsliebchen liegt, der Tag kommt angeschlichen.“

Das Wiedersehen am Brunnen.

Mündlich.

Es war einmal ein junger Knab,
Der hat gefreit schon sieben Jahr
Um ein fein Mädlein, das ist wahr,
Er konnt sie nicht erfreien.

„Ey komm den Abend junger Knab,
Wenn finstre Nacht und Regen ist,
Wenn niemand auf der Gasse ist,
Herein will ich dich lassen.“

Der Tag verging, der Abend kam,
Der junge Knab geschlichen kam,
Er klopfet leise an die Thür:
„Steh auf, ich bin dafüre.

Ich hab schon lang gestanden hier
Ich stand allhier wohl sieben Jahr.“
„Hast lang gestanden, das ist nicht wahr,
Ich hab noch nicht geschlafen.

Ich hab gelegn und hab gedacht,
Wo nur mein Schatz noch bleiben mag,
Er macht mir allzulang, zu lang,
Mir wird ganz angst und bange.“

„Wo ich so lang geblieben bin,
Das darf dir wohl gesaget seyn,
Bey Bier und Wein, wo Jungfern seyn,
Da bin ich allzeit gerne.“

Es war wohl um die Mitternacht,
Der Wächter fing zu läuten an:
„Steh auf, wer bey Feinsliebchen liegt,
Der Tag kommt angeschlichen.“

Das Bürschlein auf die Leiter sprang,
Und schaut die Stern am Himmel dicht:
„Ich scheide nicht bis Tag anbricht,
Bis alle Sterne schwanden.“

Er sah das Morgensternlein nur,
Als sich der Knab von ihr gewandt,
Das Mägdlein Morgens früh aufstand,
Ging an den kühlen Brunnen.

Begegnet ihr derselbig Knab,
Der Nachts bey ihr geschlafen hat,
Viel guten Morgen boten hat:
„Gut Morgen mein Feinsliebchen.

Wie hast geschlafen heute Nacht?“
„Ich hab gelegn in Liebchens Arm!
Ich hab geschlafen, daß Gott erbarm,
Mein Ehr hab ich verschlafen!“

Die Romantik war auch sonst nicht immer so romantisch, wie es unser Klischee will: „Feins Liebchen, ihr müsset mich lausen, mein gelbkrauß Härlein durchzausen“, sagt der fahrende Ritter zur schönen Königstochter, die mit ihm wegen seines schönen Gesanges durchgebrannt ist.

Liebe ohne Stand.

Feiner Almanach II. Band S. 100.

Es ritt ein Ritter wohl durch das Ried,
Er hob wohl an ein neues Lied,
Gar schöne thät er singen,
Daß Berg und Thal erklingen.

Das hört des Königs sein Töchterlein
In ihres Vaters Lustkämmerlein,
Sie flochte ihr Härlein in Seiden,
Mit dem Ritter wollte sie reiten.

Er nahm sie bey ihrem seidenen Schopf
Und schwung sie hinter sich auf sein Roß.
Sie ritten in einer kleinen Weile
Wohl vier und zwanzig Meilen.

Und da sie zu dem Wald ’naus kamen,
Das Rößlein das will Futter han.
„Feins Liebchen, hier wollen wir ruhen,
Das Rößlein, das will Futter.“

Er spreit sein Mantel ins grüne Gras,
Er bat sie, daß sie zu ihm saß,
„Feins Liebchen, ihr müsset mich lausen,
Mein gelbkrauß Härlein durchzausen.“

Des härmt sich des Königs sein Töchterlein,
Viel heiße Thränen sie fallen ließ,
Er schaut ihr wohl unter die Augen,
„Warum weinet ihr, schöne Jungfraue?“

„Warum sollt ich nicht weinen und traurig seyn,
Ich bin ja des Königs sein Töchterlein;
Hätt ich meinem Vater gefolget,
Frau Kayserin wär ich geworden.“

Kaum hätt sie das Wörtlein ausgesagt,
Ihr Häuptlein auf der Erden lag,
„Jungfräulein hättst du geschwiegen,
Dein Häuptlein wär dir geblieben.“

Er kriegt sie bey ihrem seidenen Schopf,
Und schlenkert sie hinter den Hollerstock:
„Da liege feins Liebchen und faule,
Mein junges Herze muß trauren.“

Er nahm sein Rößlein bei dem Zaum,
Und band es an einen Wasserstrom.
„Hier steh mein Rößlein und trinke,
Mein jung frisch Herze muß sinken.“

Mindestens sechsundzwanzigmal kommt Feinsliebchen in „Des Knaben Wunderhorn“ vor. Wie wir heute wissen, waren die Lieder nicht so „alt“ wie der Titel versprach, sondern oft stark von Arnim bearbeitet. Der massenhafte Gebrauch von Feinsliebchen ist also nicht unbedingt Ausdruck des authentischen Volksmunds, sondern eine literarische Strategie. Schon Gottfried August Bürger hatte es in seinen 1778 erschienenen Gedichten dreifach codiert benutzt: Als Chiffre einer Liebeskonzeption, die aufklärerischer Rationalität Hohn sprach, als Verweis auf ein idealisiertes Mittelalter und als Kostüm, mit dem das von Intellektuellen hergestellte Poem sich das Ansehen eines Volksliedes gab: „Ein Ritter rit wol in den Krieg, und als er seinen Hengst bestieg, Umfing ihn sein feins Liebchen: „Leb wol, du Herzensbübchen! Leb wol! Viel Heil und Sieg!“ Bürger hatte das Wort, das zum ersten Mal in den Fastnachtspielen des fünfzehnten Jahrhunderts belegt ist, wohl tatsächlich aus der Volkspoesie übernommen.

Der Ritter und sein Liebchen

1775, in: Gedichte, Johann Christian Dieterich, Göttingen 1778:

     Ein Ritter rit wol in den Krieg,
Und als er seinen Hengst bestieg,
Umfing ihn sein feins Liebchen:
„Leb wol, du Herzensbübchen!
Leb wol! Viel Heil und Sieg!

     Kom fein bald wieder heim ins Land,
Daß uns umschling‘ ein schönres Band,
Als Band von Gold und Seide:
Ein Band aus Lust und Freude,
Gewirkt von Priestershand!“ –

     „Ho ho! Käm‘ ich auch wieder hier,
Du Närrchen du, was hülf‘ es dir?
Magst meinen Trieb zwar weiden;
Allein dein Band aus Freuden
Behagt mit nichten mir.“ –

     „O weh! So weid‘ ich deinen Trieb,
Und wilst doch, falscher Herzensdieb,
Ins Ehband dich nicht fügen!
Warum mich denn betrügen,
Treuloser Unschuldsdieb?“ –

     „Ho ho! du Närrchen, welch ein Wahn!
Was ich that, hast du mitgethan.
Kein Schlos hab‘ ich erbrochen.
Wann ich kam anzupochen,
So war schon aufgethan.“ –

     „O weh! So trugst du das im Sin?
Was schmeicheltest du mir um’s Kin?
Was mustest du die Krone,
So zu Betrug und Hohne,
Mir aus den Locken ziehn?“ –

     „Ho ho! Jüngst flog in jenem Hain
Ein kirres Täubchen zu mir ein.
Hätt‘ ich es nicht gefangen,
So müsten mir entgangen
Verstand und Sinnen seyn.“ – –

     Drauf rit der Ritter hop sa sa!
Und strich sein Bärtchen trallala!
Sein Liebchen sah ihn reiten,
Und hörte noch vom weiten
Sein Lachen ha ha ha! – –

     Traut, Mädchen, leichten Rittern nicht!
Manch Ritter ist ein Bösewicht.
Sie löffeln wol und wandern,
Von Einer zu der Andern,
Und freien Keine nicht.

Auch wenn Feinsliebchen gelegentlich als Anrede für den männlichen Geliebten auftaucht, ist doch meist eine Frau damit gemeint. Und das ist ganz folgerichtig. In einem Land, in dem die nationale Identität mit der Mutter(!)sprache aufgesogen wird, ist die Frau der Inbegriff des Deutschen – da können die Männer noch so sehr mit den Schwertern klirren. Bei Hoffmann von Fallersleben ist im „Lied der Deutschen“ von Männern keine Rede, stattdessen heißt es: „Deutsche Frauen, deutsche Treue, deutscher Wein und deutscher Sang“.

Der gedachte mysteriöse Zusammenhang zwischen deutschen Frauen und dem alten schönen Klang war nirgendwo sinnfälliger als beim Feinsliebchen. Das Wort wurde, nachdem es einmal mit dem Wunderhorn in die dichterische Welt hinausgeblasen worden war, begeistert aufgegriffen. Es hatte die gleiche Wirkung wie ein Facebook-Profilfoto, mit dem man seine Sympathie für eine Bewegung bekundet. Der junge Heinrich Heine übertrifft 1827 in seinem lyrischen Bestseller „Buch der Lieder“ Arnim und Brentano noch mit der Zahl seiner Feinsliebchen: „Feins Liebchen weint; ich weiß warum, und küß‘ ihr Rosenmündlein stumm.“

Traumbilder.

VI.

Im süßen Traum, bei stiller Nacht,
Da kam zu mir, mit Zaubermacht,
Mit Zaubermacht, die Liebste mein,
Sie kam zu mir ins Kämmerlein.

Ich schau sie an, das holde Bild!
Ich schau sie an, sie lächelt mild,
Und lächelt, bis das Herz mir schwoll,
Und stürmisch kühn das Wort entquoll:

„Nimm hin, nimm alles was ich hab,
Mein Liebstes tret ich gern dir ab,
Dürft ich dafür dein Buhle sein,
Von Mitternacht bis Hahnenschrein.“

Da staunt‘ mich an gar seltsamlich,
So lieb, so weh und inniglich,
Und sprach zu mir die schöne Maid:
O, gib mir deine Seligkeit!

„Mein Leben süß, mein junges Blut,
Gäb ich, mit Freud und wohlgemut,
Für dich, o Mädchen engelgleich –
Doch nimmermehr das Himmelreich.“

Wohl braust hervor mein rasches Wort,
Doch blühet schöner immerfort,
Und immer spricht die schöne Maid:
O, gib mir deine Seligkeit!

Dumpf dröhnt dies Wort mir ins Gehör,
Und schleudert mir ein Glutenmeer
Wohl in der Seele tiefsten Raum;
Ich atme schwer, ich atme kaum. –

Das waren weiße Engelein,
Umglänzt von goldnem Glorienschein;
Nun aber stürmte wild herauf
Ein greulich schwarzer Koboldhauf.

Die rangen mit den Engelein,
Und drängten fort die Engelein;
Und endlich auch die schwarze Schar
In Nebelduft zerronnen war. –

Ich aber wollt in Lust vergehn,
Ich hielt im Arm mein Liebchen schön;
Sie schmiegt sich an mich wie ein Reh,
Doch weint sie auch mit bitterm Weh.

Feins Liebchen weint; ich weiß warum,
Und küß ihr Rosenmündlein stumm. –
„O still‘, feins Lieb, die Tränenflut,
Ergib dich meiner Liebesglut!“

„Ergib dich meiner Liebesglut –“
Da plötzlich starrt zu Eis mein Blut;
Laut bebet auf der Erde Grund,
Und öffnet gähnend sich ein Schlund.

Und aus dem schwarzen Schlunde steigt
Die schwarze Schar; – feins Lieb erbleicht!
Aus meinen Armen schwand feins Lieb;
Ich ganz alleine stehen blieb.

Da tanzt im Kreise wunderbar,
Um mich herum, die schwarze Schar,
Und drängt heran, erfaßt mich bald,
Und gellend Hohngelächter schallt.

Und immer enger wird der Kreis,
Und immer summt die Schauerweis:
Du gabest hin die Seligkeit,
Gehörst uns nun in Ewigkeit!

Im traurigsten Liebesliederzyklus aller Zeiten lässt Wilhelm Müller 1823 seinen Wanderer die „Winterreise“ antreten, indem er vor dem Haus der verlorenen Geliebten seufzt: „Laß irre Hunde heulen vor ihres Herren Haus! Die Liebe liebt das Wandern, Gott hat sie so gemacht – von einem zu dem andern – Fein Liebchen, gute Nacht!“

Gute Nacht

Fremd bin ich eingezogen,
Fremd zieh‘ ich wieder aus.
Der Mai war mir gewogen
Mit manchem Blumenstrauß.
Das Mädchen sprach von Liebe,
Die Mutter gar von Eh‘, –
Nun ist die Welt so trübe,
Der Weg gehüllt in Schnee.

Ich kann zu meiner Reisen
Nicht wählen mit der Zeit,
Muß selbst den Weg mir weisen
In dieser Dunkelheit.
Es zieht ein Mondenschatten
Als mein Gefährte mit,
Und auf den weißen Matten
Such‘ ich des Wildes Tritt.

Was soll ich länger weilen,
Daß man mich trieb hinaus?
Laß irre Hunde heulen
Vor ihres Herren Haus;
Die Liebe liebt das Wandern –
Gott hat sie so gemacht –
Von einem zu dem andern.
Fein Liebchen, gute Nacht!

Will dich im Traum nicht stören,
Wär schad‘ um deine Ruh‘,
Sollst meinen Tritt nicht hören –
Sacht, sacht die Türe zu!
Schreib‘ im Vorübergehen
Ans Tor dir: Gute Nacht,
Damit du mögest sehen,
An dich hab‘ ich gedacht.

Und sogar der vermeintlich unromantische Georg Büchner braucht 1835 das Wort, um Volksliedkolorit zu schaffen, wenn er in „Danton’s Tod“ die verrückte Lucile unter dem Fenster ihres eingekerkerten Camille singen lässt: „Es stehen zwei Sternlein an dem Himmel, scheinen heller als der Mond, Der ein‘ scheint vor Feinsliebchens Fenster, Der andere vor die Kammerthür.“

Lucile (tritt auf. Sie setzt sich auf einen Stein unter die Fenster der Gefangenen). Camille, Camille! (Camille erscheint am Fenster.) – Höre, Camille, du machst mich lachen mit dem langen Steinrock und der eisernen Maske vor dem Gesicht; kannst du dich nicht bücken? Wo sind deine Arme? – Ich will dich locken, lieber Vogel. (Singt:)

Es stehen zwei Sternlein an dem Himmel
Scheinen heller als der Mond,
Der ein‘ scheint vor Feinsliebchens Fenster,
Der andere vor die Kammerthür.

Komm, komm, mein Freund! leise die Treppe hinauf, sie schlafen Alle. Der Mond hilft mir schon lange warten. Aber du kannst nicht zum Thor herein, das ist eine unleidliche Tracht. Das ist zu arg für den Spaß, mach ein Ende. Du rührst dich auch gar nicht, warum sprichst du nicht? Du macht mir Angst. –

Höre! die Leute sagen, du müßtest sterben, und machen dazu so ernsthafte Gesichter. – Sterben! ich muß lachen über die Gesichter. Sterben! Was ist das für ein Wort? Sag‘ mir es, Camille. Sterben! Ich will nachdenken, da, da ist’s. Ich will ihm nachlaufen; komm, süßer Freund, hilf mir fangen, komm! komm! (Sie läuft weg.)

Camille (ruft). Lucile ! Lucile!

In Wirklichkeit hat nie ein Feinsliebchen außerhalb der Poesie gelebt. Sein einziges Gesicht ist das der jungen Frau, die in Schinkels „Gotischer Dom am Fluss“ mit den Schiffern schäkert. Die Spur des Gemäldes verliert sich in Hitlers Reichskanzlei 1945. Die Szenerie darauf ist frei erfunden, eine Sehnsuchtsgeburt des Malers, und gerade deshalb hat nie ein deutscheres Bild existiert. Eine Kirche, die es nicht gibt, an einem Fluss, der nirgendwo fließt, unter einer Sonne, die so niemals aus einem deutschen Himmel scheint, auf einem Bild, das verbrannt ist – das ist das wahre Deutschland.

Was hab ich denn meinem Feinsliebchen gethan, Postkarte mit Alt-Betzinger Motiv, Julius Schlotterbeck an Pauline Hipp, 1902

Soundtrack: Johannes Brahms: Feinsliebchen, du sollst mir nicht barfuß gehn, WoO 33 Nr. 12, 1894. Melodie und Text: kuhländisches Volkslied aus Mähren, 1814 veröffentlicht. Hochdeutsch auf die Melodie der westfälischen Ballade Winterrosen gesetzt von Wilhelm von Zuccalmaglio, um 1840. — Aufzutreiben waren bis zu zwölf Strophen für das Volkslied; bei Schubert fehlen die siebte bis elfte:

  1. „Feinsliebchen, du sollst mir nicht barfuß gehn!
    Du zertrittst dir die zarten Füßlein schön!“
  2. „Wie sollte ich denn nicht barfuß gehen?
    Hab keine Schuh‘ ja anzuziehn.“
  3. „Feinsliebchen, willst du mein Eigen sein,
    so kaufe ich dir ein Paar Schühelein.“
  4. „Wie könnte ich denn Euer Eigen sein?
    Ich bin ein armes Mägdelein.“
  5. „Und bist du auch arm, so nehm ich dich doch –
    du hast ja die Ehr‘ und die Treue noch!“
  6. „Die Ehr‘ und die Treue mir keiner nahm;
    ich bin wie ich von der Mutter kam.“
  7. „Und Ehr und Treu ist besser wie Geld!
    Ich nehm mir ein Weib, das mir gefällt!“
  8. Was zog er aus seiner Tasche fein?
    Von blauer Seide sind’s Strümpfelein.
  9. Sie setzte sich nieder auf einen Stein
    und zog die Strümpfe an ihre Bein‘.
  10. Was zog er aus seiner Tasche dazu?
    Von blauem Leder ein Paar Schuh‘.
  11. Sie zog die Schühlein an den Fuß
    und dankte ihm gar sehr dazu.
  12. Was zog er aus seiner Tasche fein?
    Mein Herz! Von Gold ein Ringelein!

Bonus Track:

Ich habe mein Feinsliebchen

Musik: anonym aus dem 18. Jahrhundert , die Melodie als „vielfach mündlich überliefert, durch ganz Deutschland bekannt“; Text: Verfasser unbekannt, 1807 abgedruckt bei Büsching u . v. d. Hagen – auch in Deutscher Liederhort, 1856, Nachweise und Variationen im Volksliederarchiv:

Ich habe mein Feinsliebchen,
Ich hab mein schön Feinsliebchen
So lange nicht gesehn,
Schon lang nicht mehr gesehn.

Ich sah sie gestern Abend,
Ich sah sie gestern Abend
Wohl in der Haustür stehn,
Wohl unter der Haustür stehn.

Sie sagt, ich sollt sie küssen,
Der Vater darf’s nicht wissen.
Die Mutter nahm’s gewahr,
daß jemand bei ihr war.

„Ach, Tochter, willst du freien?
Es wird dich schon gereuen,
gereuen wird es dich,
gereuen wird es dich.

Wenn andre junge Mädchen
mit ihren grünen Kränzchen
(mit ihren holden Schätzchen)
wohl auf den Tanzboden geh’n,
Wohl auf den Tanzboden geh’n.

So mußt du junges Weibchen
mit deinem zarten Leibchen
wohl bei der Wiegen stehn,
wohl bei der Wiegen stehn.

Mußt singen: Ri-Ra-Ritzchen,
schlaf ein mein liebes Fritzchen,
schlaf ein in süßer Ruh,
mach deine Äuglein zu.

Ach hätt das Feu’r nicht so gebrannt,
so wär die Lieb‘ nicht ang’rannt.
Das Feuer brennt so sehr,
die Liebe noch viel mehr.

Das Feuer kann man löschen,
die Liebe nicht vergessen,
ja nun und nimmermehr,
ja nun und nimmermehr.“

„Hättst du ihn fahren lassen,
den Fuhrmann auf den Straßen,
den Reiter auf sei’m Roß,
ein Jungfrau wärst du noch.“

Dienstmägdleins edler Retter. Deutsche Volkslieder – Feinsliebchen, du sollst mir nicht barfuß gehn, Entstehungsgeschichte, via BR Klassik, picture-alliance, dpa

Bilder:

  1. Feinsliebchen, ich bleibe Dir treu, Bildpostkarte Gruß von der Front, Prägedruck, Höhe: 1204 mm; Breite: 1778 mm, gelaufen 19. Februar 1916, Universität Osnabrück | Historische Bildpostkarten, via Europeana 1914–1918;
  2. Was hab ich denn meinem Feinsliebchen gethan?

    Eine Postkarte mit Alt-Betzinger Motiv zum Thema verschmähte Liebe, geschrieben im Jahr 1902 von einem Julius Schlotterbeck an eine Pauline Hipp. Auf der Karte ist noch aufgedruckt:

    Was hab ich denn meinem Feinsliebchen gethan?
    Es geht ja vorüber und schaut mich nicht an;
    Es schlägt seine Äuglein wohl unter sich
    Und hat einen andern viel lieber als mich.

    BildeRTanzquelle Sammlung Werner Früh;

  3. Dienstmägdleins edler Retter. Deutsche Volkslieder – Feinsliebchen, du sollst mir nicht barfuß gehn, Entstehungsgeschichte, via BR Klassik, picture-alliance/dpa.

Zum Schluss ein Schäufelchen voll Bonus-Dreck:
„Horch, was kommt draußen rein? Wird wohl mein Feinsliebchen sein.“

Written by Wolf

20. Mai 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Romantik

Unboxing Ludwig Tieck

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Update zu Ludwig Tieck is coming home:

Es ist ein bekanntes Sprichwort: daß auch Bücher, größere wie kleinere, ihre Schicksale haben. So waren es nur unvermuthete Hindernisse, Störungen und Zufälle, welche veranlaßten, daß gegenwärtige Novelle nicht schon vor vielen Jahren den Lesern mitgetheilt wurde.

Tieck, Der junge Tischlermeister, 1836, Anfang.

Bestellscreen

Aus der einzigen realistisch erreichbaren Gesamtausgabe von Ludwig Tieck hab ich mir über das offenbar ganz unverächtliche Lübecker Antiquariat Bruddenbooks (sic) in der ebendasigen Fleischhauerstraße 32 den dritten Band von vieren und letzten, den ich bestellen werde, bestellt.

Mit ihren vier Bänden ist die Gesamtausgabe weit entfernt von Vollständigkeit, aber das ist seit 1966 der Bestand, den die Herausgeberin Marianne Thalmann wohl 1963 mit dem Winkler Verlag vereinbart hat — und außerdem richtig schöne Bücher fürs Leben auf Persia Bibeldruckpapier, was man schon daran erkennt, dass die Erstauflagen um 1966, denen nie sehr viele folgten, in dem halben Jahrhundert seither kaum vergilbt sind. Außerdem sollte man sich mit dem Wissen, dass Frau Thalmann offenbar mit Arno Schmidt in dem Ausmaß befreundet war, dass er ihr sein Radio-Nachtprogramm über Ludwig Tieck gewidmet hat, nicht mit ihr anlegen. Mit Schmidt befreundet zu sein, das haben wenige geschafft, das muss eine wahre Auszeichnung sein. Dann noch für einen der wenigen wahrhaft heiligen deutschen Verlage einen der wenigen echten Deutschromantiker gültig herausgeben zu dürfen, das bekräftigt jede erdenkliche Auszeichnung zwischen der Anerkennung durch einen verkniesten alten Zausel aus der Heide und dem Nobelpreis.

Briefkasten

Eigentlich ist der Band mit den Romanen, der soeben heim zu mir gekehrt ist, der vierte der Ausgabe; der erste ist der mit den Frühen Romanen und Erzählungen, vor allem mit William Lovell und Franz Sternbalds Wanderungen, der eigentliche dritte ist der mit den Novellen, vor allem mit dem Anspieltipp Des Lebens Überfluß und leider auch den meisten Auslassungen. Mein vierter Band, den ich nicht bestellen werde, bringt Märchen aus dem Phantasus und Dramen, die ich von der Bibliothek Deutscher Klassiker zu beziehen gedenke, und das seit 1985, was aber ein anderes Märchen ist, das ich ein andermal erzählen werde. Frau Thalmanns vierter Band, falls noch jemand mitzählen kann, umfasst:

Genau diese Ausgabe war um 1980 im Bestand der Stadtbücherei meiner Kindheit, die an dieser Stelle schon ausführlich Gegenstand der Erörterung war, und hat mir mit ihrem streicheldünnen Papier, das auf so handlichem Format 856 Seiten mit drei ausgewachsenen Romane plus Nachwort und Anmerkungen unterbrachte, heillos imponiert. Beim genaueren Nachschauen imponiert mir soeben: Die haben das tatsächlich immer noch, dou brichst ja zam (ortsübliches Fränkisch). Sooch amol, Roland, schreibt ihr nie was ab? Von Eigentumsdelikten an meiner alten Stadtbücherei hab ich seit jeher abgesehen, das wäre ja wie seine eigene Oma hauen, aber mich würde schon interessieren, wie das Exemplar inzwischen nach weiteren dreieinhalb Jahrzehnten aussieht.

Weiterer Anspieltipp aus Ludwig Tiecks Spätwerk:

Vittoria Accorombona

Zweiter Teil, Fünftes Buch, Viertes Kapitel, 1840:

Tischplatte KatzeBeide umarmten sich in Freude und Rührung weinend. „So hat die Zeit“, sagte der Herzog, „doch endlich die glänzende Woge heraufgewälzt, die mein Glück, meine Seligkeit trägt. Nicht wahr, das Leben ist doch ein großes Geschenk, ein himmlisches Wonnegeheimnis jenes ewigen, unnennbaren Geistes? Ja, er liebt seine Geschöpfe, und wir wollen es dankbar erkennen.“

„Wenn uns nur nicht immer“, sagte Vittoria, „in diesen großen Momenten ein sonderbarer Schwindel ergriffe. Es ist kein Zagen, kein Zweifeln, keine Ungewißheit unsrer selbst, auch keine Furcht vor Gegenwart und Zukunft – nein, mein Geliebter, nur, als wenn dem Dichter im Moment der höchsten Begeisterung, wenn er alle seine glühenden Strophen in die Saiten rauschen möchte – plötzlich die goldne Lyra in der Hand zerbräche und seine silberne Stimme durch Heiserkeit stumm gemacht würde – so fehlt uns Sterblichen der Ausdruck für das höchste Glück, die Freude ist mit dem Schmerze zu geschwisterlich verwandt; für Unglück und Leid sind tausend Fühlungen in uns.“

„Gedankenreiche, melancholische Braut“, sagte der Herzog lächelnd, „so möchten wir uns dem Krebse vergleichen, der ungeschickte Glieder zum Rückwärtskriechen, aber keine zum Vorschreiten hat.“

Er umarmte sie herzlich mit einem glühenden Kuß und führte sie hinab, um mit ihr den Wagen zu besteigen.

Das mit dem himmlischen Wonnegeheimnis ist mir schon vor 30 Jahren aufgefallen, und schau an: Der heutige Wiki-Artikel bringt genau das als eins von zwei Zitaten aus dem ganzen großen weiten Familien-, Zeit- und Entwicklungsroman.

Regal gesamt

Die Bilder sind am Tag der Bestellung (1) und am Tag der Lieferung (2–4) selber gemacht, die schenk ich Ihnen, wenn Sie’s brauchen können, und wenn Sie dazusagen, wo Sie’s herhaben.

PianoKeys. Favorite Desktop BackgroundFür Bild 3 hab ich eine verschwommene Version gewählt, auch wenn wenige Sekunden vor- und nachher noch zwei schärfere entstanden sind. Auf denen war aber nicht der vortreffliche Kater Murr (cit. E.T.A. Hoffmann, 1819 ff.) drauf, dieser Tage in seiner Rolle als Lord of Winterfell. Steck einer in der Katze.

Und es interessiert Sie ja doch: Auf Bild 1 erkennen Sie hinter der Amazon.de-Seite für das Buch meinen liebsten Desktop-Hintergrund seit Jahren (5). Die freundliche junge Dame gehört schon so lange dermaßen zu meinem täglichen Erleben, dass mir entfallen ist, wo ich sie aufgegabelt hab, wie das oft auch mit dreidimensionalen Freunden geht; vermutlich irgendwo auf Flickr. Sie guckt schön aufmüpfig, stimmt’s? Aufmunternd genug, um zu motivieren, und doch nicht so fad, um einzuschüchtern. Außerdem mag ich den Gedanken, das Genre der auf Klavieren thronenden Barfüßigen entdeckt zu haben. Von meinem Desktop-Müll bereinigt in voller Schönheit sitzt sie rechter Hand.

Soundtrack ist ein etwas mitreißenderes Unboxing als meins; jedenfalls sieht Lea vom Liberiarium drei bis fünf Klassen besser aus als ich.

Und damit’s noch besser rockt: Young Rebel Set: If I Was, 2009. Directed by Andy Douglass, Camera by Nick Donnelly & Andrew Stebulitis @ Moving picture productions. Additional camera by John Laws. Das war auch schon mal, verspricht aber:

And if I was a writer I would write the book on you.
I’d tell them all the stories of the things we used to do —
Oh if I was a writer I would write the book on you.

Und aller vier Jahre mal sein Lieblingslied zu hören, finde ich nicht übertrieben. Wenn mich jemand sucht: Ich bin endlich mal Der junge Tischlermeister lesen.

Written by Wolf

13. Mai 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Romantik

Du bist’s (Er ist’s)

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Update zu Das Leben ist kein [Zutreffendes streichen]:

Ich weiß, wie lange man an einen Comic hinzeichnet: Den ganzen Comic-Bloggern, die ihren Alltag darstellen, kann nichts anderes übrig bleiben als Metakram. Gut, dass Sarah Burrini wenigstens noch mit einem Elefanten, einem Pony, einem Fliegenpilz und so einem Dings zusammenlebt.

——— Eduard Mörike:

Er Ist’s.

aus: Maler Nolten. Novelle in zwei Teilen. 2. Teil, 1829, G. J. Göschen’sche Verlagshandlung, Stuttgart 1832:

Sarah Burrini, Das Leben ist kein Ponyhof, Frühüling, 9. Mai 2016

Frühling läßt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte;
Süße, wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land.

Veilchen träumen schon,
Wollen balde kommen.
– Horch, von fern ein leiser Harfenton!
     Frühling, ja du bist’s,
     Frühling, ja du bist’s!

Dich hab’ ich vernommen!

Der vorletzte Vers ist übrigens ab dem Erstdruck im Maler Nolten verdoppelt: „Frühling, ja du bist’s! / Frühling, ja du bist’s!“ Das gibt noch viel Emendationsarbeit, ab wann das nur noch einfach ausgerufen wird; spätestens in den Gesammelten Schriften 1878 jedenfalls. In drei Strophen aufgeteilt wie in der Gedichtsammlung 1838 find ich’s am schönsten.

Außerdem erfreut es immer das Herz, zu beobachten, wie die alten Meister (*1804) jungen Menschen (*1979) im Bewusstsein geblieben sind, die ich mal als Letzter vor Verleihung des PENG!-Preises (2011) sprechen durfte.

Eduard Mörike, Er ist's, 1832

Bilder: Frühüling, 9. Mai 2016; G. J. Göschen’sche Verlagshandlung 1829/1878;
leiser Harfenton ohne falsche Scheu vor der Singenden Säge: Tom Waits: You Can Never Hold Back Spring, aus: Orphans: Brawlers, Bawlers & Bastards, 2006.

Written by Wolf

10. Mai 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Biedermeier, Land & See

Geburtstagsgewinnspiel: Was ist das? Ich glaub, es hackt! Das ist doch kein Teufelspakt!

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Heute hab ich Geburtstag, und Sie kriegen was geschenkt.

Erst wollte ich mir der Einfachheit halber selber — und Ihnen schon auch so nebenher mit — oder doch, eigentlich schon hauptsächlich Ihnen — eins von Otto schenken. Der war mir bis spät in die Kindheit, die in manchem Sinne bis heute anhält, der liebste.

Opa erzählt vom Krieg: Die Otto Show kam immer genau einmal im Jahr. Was hat man sich monatelang auf diese eine knappe Dreiviertelstunde hingefreut. Und zu dieser Zeit konnte man noch nicht einmal mit einem Videogerät mitschneiden, darum wehe, wenn einer dreingequasselt hat. Das einmalige Anschauen musste sitzen, und tatsächlich konnte wirklich jeder ab dem nächsten Tag die Sendung größtenteils auswendig.

Otto war verschrien als „Blödel-Barde“; das war ein halb gönnerhaftes, mildes Schimpfwort einer gutbürgerlichen Mittelschicht, die damals noch stolz darauf war, eine gewisse Menge an „guten Büchern“ zu besitzen und ein Goethe- von einem Schillerzitat unterscheiden zu können. Dergleichen galt als Bildung und Bildung als geistiger Wert. Otto zählte bestenfalls zur „leichten Muse“ und wurde eher verschämt geguckt.

Da war noch nicht so weit bekannt, dass hinter den Texten dieses schamlos herumkalauernden Quecksilbers die versammelte Neue Frankfurter Schule stand — und wer es wusste, hängte es ebenfalls nicht an die große Glocke, weil man die Neufrankfurter lieber der fröhlichen, aber ernsthaft politisch gemeinten Anarchie in der pardon zuschlug, aus der nachmals immerhin die Titanic erwuchs.

Otto war im Gegensatz zum Humor der pardon in einer Art kindlicher Totalverweigerung geradezu offensiv unpolitisch. Außerdem wurde er von den Neufrankfurtern um Robert Gernhardt als eine Art zweibeiniges Medium gebucht: wie die Bücher, Zeitschriften, Schallplatten, Filme, die sie sonst machten, dem sie auf den spillerigen Leib schrieben, was sonst nirgends unterzubringen — und vor allem von den verkopften, der Unsportlichkeit verdächtigen Herren in Jeans und Sakko nicht in dieser Weise darzustellen war.

Robert Gernhardt, wohl der führende Kopf der Neuen Frankfurter Schule, war noch kein Alibi-Star der letzten hochliterarisch interessierten Randgruppe, der Toskana-Fraktion, die ungefähr ab 1980, als Hedonismus gesellschaftlich geduldet wurde, gut für Lyrik mit einer entspannten Selbstironie erreichbar war. Das war der Boden, auf dem man Otto langsam ungestraft gut finden durfte. War man bis dahin gehalten, dem enormen Bekanntheitsgrad des verdruckst belächelten Kindskopfs mit einer Faszination wie einem nicht sehr gefährlichen Monster gegenüber zu begegnen, konnte man sich endlich mit seinen Kindern auf die Otto Show freuen. 1983 kam schon die letzte in diesem technisch erweiterten Stand-up-Format auf Kleinbühnen, 1985 wechselte das Medium Otto ins Kino. — Was — der Gernhardt, dieser legitime Nachfolger von Heinrich Heine und Wilhelm Busch, schreibt für den Blödel-Otto? Dann hat er vielleicht doch noch eine Ebene, die man bisher nur nicht wahrgenommen hat.

Nein, hat er nicht. Wenn die Zeilen etwas taugen, muss man nicht ständig zwischen ihnen lesen. Otto ist wertfreies Herumgealber um seiner selbst willen. Und das ist gut so.

Bei der vierten Otto Show 1976 war Otto 28. Ich werde 48 und darf schon so viel Spaghettieis essen, Internet gucken und Bücher verschenken, wie ich will, und langsam wird von mir gesellschaftlich eine gewisse Verschrobenheit erwartet. Darum dürfen Sie auch eins haben.

Zum Gewinnspiel: In dem Fäustchen-Video ist eine einzige vernuschelte Stelle, die ich nicht einmal mit Kopfhörern verstehe (Sennheiser) — ungefähr bei 3:10 Minuten. Zum konzentrierten Abhören ist es nützlich, in den Faust-Monolog bei 3:05 Minuten einzusetzen. Wer mir für den abgelauschten Otto-Text unten autorisert oder wenigstens plausibel sagen kann, wie der eine Vers zwischen „Donnerwetter, war die feurig, deshalb ist mein Gang so eirig“ und „muss mich schnell verjüngen lassen“ heißt, kriegt ein Buch von mir geschenkt. Ein schönes, versprochen. Und eine lobende Erwähnung mit einem Link, auf dem er, sie oder es schamlos bewerben darf, was er, sie oder es will.

Das Angebot gilt entweder bis Sonntag, den 5. Juni 2016 um 23.59 Uhr oder bis ich nicht mehr mag (was erst lange nach dem gesetzten Datum geschehen wird). Die Kommentarfunktion ist offen, jeglicher Rechtsweg in dieser Privatveranstaltung ausgeschlossen.

——— Otto:

Ottos Fäustchen

Text: Eilert/Gernhardt/Knorr/Waalkes
aus: Die Otto Show IV, WDR, 6. September 1976:

Faust: Habe nun, ach! Philosophie, Juristerei und Völlerei,
doch leider auch Theologie studiert mit heißem Bemühn.
Da steh ich nun, ich armer Tor,
und hab doch heute noch viel vor.

15 Uhr: Pakt mit dem Teufel schließen,
Seele verkaufen,
anschließende Verjüngung.
15 Uhr 20: Gretchen verführen,
15 Uhr 30: gemütliches Beisammensein in Auerbachs Keller.
Ja, schaff ich’s denn? Was sagt die Uhr?
Fast vier! Wo ist der Teufel nur?
Mephisto! Mephisto! (Ab.)

Mephistopheles: Aus allertiefstem Höllenschlund
stieg ich empor, nicht ohne Grund,
denn wenn der Faust hier unterschreibt,
dann kann er sehen, wo er bleibt.
Dann ist sein Seelenheil verloren,
dann wird er in der Hölle schmoren.

Ja — wo steckt der Schnarchsack eigentlich?
Ist er im Bad und reinigt sich?
Ich schau mal nach. (Er hinterlässt den Vertrag auf dem Stehpult. Ab.)

Gretchen: Huhu! Huhu! Ich bin’s, Gretchen!
Na, das fängt ja sauber an:
Der ist überhaupt nicht da, der Mann.
Lädt mich hier ein zum Rendezvous —
jetzt bin ich hier, was mach ich nu?
ist er überhaupt schon wach?
Ich schau mal nach im Schlafgemach.
Tirili, tirili. (Ab.)

Faust: Mephisto! Verdammt noch mal, wo steckt das Schwein?
Kann der Kerl denn nicht pünktlich sein? (Er erblickt den Vertrag auf dem Stehpult.)
Oh, ich seh, er war schon da,
da liegt ja das Formular.
Nun, da setz ich munter
meinen Friedrich Wilhelm drunter.
Ach, das wird ja immer schlimmer:
Der Kuli ist im Nebenzimmer. (Ab.)

Mephistopheles: Hat er noch nicht unterschrieben?
Wo ist denn der Faust geblieben?
Da etwa? (Ab.)

Gretchen: Faust? Ja, wo bleibst du nur?
Wart, ich helf dir auf die Spur. (Sie hängt ein Schild an die Tür: „Hier findet’s statt!“ Ab.)

Faust: (erblickt das Schild) „Hier findet’s statt!“? Wieso denn hier?
Wer steckt denn hinter dieser Tür?
Da fällt mir doch ein Mädchen ein —
das wird doch wohl nicht Gretchen sein?
Yabba dabba doo! (Ab.)

Staubsaugervertreter: (führt seinen Staubsauger vor) Er gehört in jede Hand:
Brummipol, der Saug-Gigant!
Staubsympathisch, schmutzimmun! (Man vernimmt Gekicher hinter der Tür.)
Oh, die Hausfrau hat zu tun.
Also, auch Sie können diesen Staubsauger Elektro erwerben, zu günstigen Teilzahlungsbedingungen, Sie brauchen nur hier diesen Vertrag zu unterschreiben … (Er erblickt den Vertrag auf dem Stehpult.) Da liegt ja schon ein Vertag … (Er liest.) … mit dem Teufel. Das bringt mich auf eine Idee. (Er vertauscht den Vertrag auf dem Stehpult mit dem seinigen.)
Listig, listig, trallala lala. (Ab.)

Faust: (wankt umher) Donnerwetter, war die feurig,
deshalb ist mein Gang so eirig.
Darf nicht mit den Punkten prassen, [?]
muss mich schnell verjüngen lassen. (Er unterschreibt den Vertag, der auf dem Stehpult liegt.)
Also weg mit diesem Barte …
Mephistopheles, ich warte! (Er liest genauer, was er unterschrieben hat.)
Was ist das? Ich glaub, es hackt!
Das ist doch kein Teufelspakt,
liegt doch hier auf meinem Tisch.
Wehe, wenn ich dich erwisch! (Ab.)

Gretchen: So, der wäre flachgelegt,
und nun wird der Raum gefegt.
Oh, kein Besen! Welch ein Jammer!
Vielleicht in der Besenkammer. (Ab.)

Staubsaugervertreter: Oh! Der Vertrag ist unterschrieben!
(zum Staubsauger) Na, Brummi, dann heißt es hiergeblieben.
Der Hausherr strahlt, die Hausfrau lacht,
der Brummi saugi-saugi macht. (Er nimmt den Vertag an sich. Ab.)

Gretchen: (fegt fröhlich pfeifend mit dem Besen die Stube, erblickt den neuen Staubsauger) Oh! In die Ecke, Besen, Besen! (Sie wirft den Besen von sich und greift nach dem Staubsauger.)
Mehr Zeit für den Abwasch: Brummipol, der Saug-Gigant mit den drei Schaltstufen. (Sie führt den Staubsauger vor.) Stufe 1! (Sie schaltet den Staubsauger um.) Stufe 2! (Sie schaltet den Staubsauger um.) Stufe 3! (Ab. Hinter der Tür explodiert der Staubsauger. Gretchen schreit.)

Mephistopheles: (spricht zerfetzt den Epilog) Das Gretchen tot, die andern Leichen —
das dürfte wohl fürs erste reichen. (Vorhang.)

Bonus Track: Nochmal Otto Waalkes: Honey Pie, Die Otto Show II, WDR, 6. Juli 1974. Im Stand-up-Format auf der Kleinbühne, für Otto eine ganz ungewohnt zurückgenommene, stillvergnügte Aufführung. Von dem, was der Mann da allerdings zweimal mit seiner gesamten linken Körperseite macht, dass man nicht einmal mit den Augen mitkommt, träumen nicht nur die Lagerfeuerklampfisten von der Neuen Frankfurter Schule:

Happy birthday to me, 1997 — wie heute vor drei Jahren anhand Goethens schon mal durchgenommen.

Otto Waalkes als Gretchen in Ottos Fäustchen, Otto Show IV, 1976

Written by Wolf

6. Mai 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Klassik

Nachtstück 0005: Cats and dogs are not our friends (They just pretend)

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Update for Nunc dimittis mit Fried und Freud
and Start quoting him now:

Another Shakespearianum because it is his 400th death anniversary, since following the Gregorian calendar, which was „adopted in Catholic countries in 1582, Shakespeare died on 3 May [1616].

I had rather be a kitten and cry mew
Than one of these same metre ballad-mongers.

Hotspur: History of Henry IV, Part I, III,1, 1671 f., 1597.

Susan Herbert, Shakespeare Cats, Henry V., 2004

I had rather be a dog, and bay the moon,
Than such a Roman.

Brutus: The Tragedy of Julius Caesar, IV,3,1997 f., 1599.

Julius Caesar dog, art print

Images: Susan Herbert: Shakespeare Cats, 2004
via She Who Seeks: Raising the Tone of This Blog, February< 1st, 2015;
Yapatkwa: Julius Caesar Dog Art Print 20x28cm, out of stock.
Soundtrack: Camille: Cats and Dogs, from: Music Hole, 2008:

Written by Wolf

3. Mai 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Das Tier & wir, Renaissance

Bei den Gebildeten ein gewisses Aufsehen (starke Beachtung in der Gelehrtenwelt)

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Update zu O komm ein Engel und rette mich!:

Nicht gelesen zu werden betrachtet Andreas Rosenfelder als „die furchtbarste Rezeptionsgeschichte der Welt, nämlich eine, in der nichts passiert.“ Man möchte meinen, Sergei Iwanowitsch habe gebloggt.

——— Lev Nikolajevitsch Tolstoi:

Anna Karenina

Erstdruck: Russkij vestnik, Petersburg 1875–1877. Erste Buchausgabe: Moskau 1878.
Achter Teil, 1., Übersetzung von Hermann Röhl:

Olga Demidova, Reading With a Dog, self projectFast zwei Monate waren vergangen. Schon war die Mitte dieses heißen Sommers herangekommen, und erst jetzt schickte sich Sergei Iwanowitsch an, Moskau zu verlassen.

In Sergei Iwanowitschs Lebensgang hatten sich während dieser Zeit wichtige Ereignisse zugetragen. Schon vor einem Jahre hatte er sein Buch, die Frucht sechsjähriger Arbeit, zum Abschluß gebracht; es führte den Titel: Versuch einer Übersicht der Grundgedanken und Formen des Staatswesens in Europa und in Rußland. Einige Abschnitte dieses Buches und die Einleitung waren schon vorher in Zeitschriften gedruckt worden, und andere Teile hatte Sergei Iwanowitsch Männern seines Bekanntenkreises vorgelesen, so daß die in diesem Werke enthaltenen Ideen dem Lesepublikum nicht mehr etwas völlig Neues sein konnten; aber dennoch hatte Sergei Iwanowitsch erwartet, daß das Erscheinen seines Buches bei den Gebildeten ein gewisses Aufsehen erregen und wenn auch nicht eine Umwälzung in der Wissenschaft, so doch auf jeden Fall starke Beachtung in der Gelehrtenwelt hervorrufen werde.

Das Buch war, nachdem es mit größter Sorgfalt die letzte Feile erhalten hatte, im vorigen Jahre erschienen und an die Buchhändler versandt worden.

Sergei Iwanowitsch fragte zwar niemanden nach seinem Buch, beantwortete Fragen seiner Freunde nach dessen Absatz nur ungern und mit erheuchelter Gleichgültigkeit und erkundigte sich nicht einmal bei den Buchhändlern danach, ob es viel gekauft werde; aber dennoch wartete er mit scharfem Blick und gespannter Aufmerksamkeit auf den ersten Eindruck, den sein Buch in der gebildeten Gesellschaft und in der Presse hervorbringen werde.

Aber es verging eine Woche, eine zweite, eine dritte, und es war keinerlei Eindruck in der Gesellschaft wahrzunehmen. Mit ihm befreundete Fachmänner und Gelehrte fingen manchmal an, offenbar aus Höflichkeit, von dem Buch zu reden; seine sonstigen Bekannten dagegen, die sich mit Büchern gelehrten Inhalts nicht beschäftigten, sprachen überhaupt nicht davon; und in der Gesellschaft, die besonders in jener Zeit mit ganz anderen Dingen zu tun hatte, zeigte sich äußerste Gleichgültigkeit. Auch in der Presse war einen ganzen Monat lang von dem Buche nicht mit einer Silbe die Rede gewesen.

Sergei Iwanowitsch berechnete genau die Zeit, die nach seiner Ansicht zur Abfassung einer Besprechung erforderlich war; aber es verging nach dem ersten noch ein zweiter Monat, und immer noch dauerte das Stillschweigen fort.

Nur in der „Nordischen Biene“ waren in einem humoristischen Aufsatz über den Sänger Drabanti, der seine Stimme verloren hatte, gelegentlich ein paar geringschätzige Bemerkungen über Kosnüschews Buch gebracht worden, die darauf hindeuteten, daß alle schon längst über dieses Buch den Stab gebrochen hätten und es allgemeinem Gelächter verfallen sei.

Anna Speshilova, Her Room, 2015Endlich im dritten Monat erschien in einer wissenschaftlichen Zeitschrift eine Besprechung. Sergei Iwanowitsch kannte auch den betreffenden Rezensenten; er hatte ihn einmal bei Golubzow getroffen.

Der Rezensent war ein sehr junger, kränklicher Literat, recht gewandt mit der Feder, aber nur sehr mangelhaft gebildet und im persönlichen Verkehr linkisch.

Obwohl Sergei Iwanowitsch ihn außerordentlich gering einschätzte, machte er sich doch voller Achtung vor der Besprechung daran, sie zu lesen. Sie war geradezu entsetzlich.

Offenbar hatte der junge Literat das ganze Buch in einer Weise aufgefaßt, in der es nicht aufgefaßt werden konnte und durfte. Aber er hatte die daraus angeführten Teile so geschickt zusammengestellt, daß es allen, die es nicht gelesen hatten (und augenscheinlich hatte es so gut wie niemand gelesen), völlig klar sein mußte, daß dieses ganze Buch nichts anderes war als eine Sammlung hochtönender leerer Worte, und noch dazu mißbräuchlich verwendeter (worauf die beigesetzten Fragezeichen hinwiesen) und daß dem Verfasser alles tiefere Wissen völlig abging. Und alles das war so scharfsinnig ausgeführt, daß sogar Sergei Iwanowitsch selbst auf einen solchen Scharfsinn stolz gewesen wäre; aber gerade das war ja eben an dieser Kritik das Entsetzliche.

Obgleich Sergei Iwanowitsch sich eigentlich vorgenommen hatte, die Richtigkeit der Beschuldigungen des Rezensenten mit aller Gewissenhaftigkeit zu prüfen, so hielt er sich doch in Wirklichkeit keinen Augenblick bei den Mängeln und Irrtümern auf, über die jener gespottet hatte, sondern ging unwillkürlich sofort dazu über, sich seine Begegnung und sein Gespräch mit dem Verfasser dieser Besprechung bis in die kleinsten Einzelheiten ins Gedächtnis zurückzurufen.

‚Habe ich ihn vielleicht durch irgend etwas beleidigt?‘ fragte er sich.

Und als er sich erinnerte, daß er bei jener Begegnung dem jungen Menschen eine Redewendung verbessert hatte, durch die dieser einen argen Mangel an Kenntnissen verraten hatte, da konnte Sergei Iwanowitsch nicht daran zweifeln, daß er damit die Erklärung für die gehässige Haltung des Aufsatzes gefunden habe.

Nach dieser Beurteilung wurde nirgends mehr, weder in der Presse noch gesprächsweise, über das Buch auch nur ein Wort geäußert, und Sergei Iwanowitsch konnte sich der Erkenntnis nicht verschließen, daß dieses Werk, an dem er sechs Jahre lang mit soviel Liebe und Fleiß gearbeitet hatte, spurlos vorübergegangen war.

Pokraska: Olga Demidova: Reading With a Dog, self project;
Anna Speshilova: Her Room, 2015.
Zvukovaya dorozhka: Vladimir Vysotsky: Don’t Write Poems and Novels to Me, 1963.

Written by Wolf

1. Mai 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Realismus, Weisheit & Sophisterei