Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for August 2014

Geburtstagsgewinnspiel mit Suchbild: Wo ist die Kalanchoe?

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Update zu Eine aufbrechende Knospe des ältesten Baumes als eine einjährige Pflanze:

Heute besteht Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt, das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie seit zwei Jahren, und es ist des Gejammers kein Ende. Wie schon letztes Jahr zum EInjährigen angemerkt: Nicht schlecht für einen Weblog, der alles unternimmt, jegliche Leser fernzuhalten. Ich rede eben nicht heute so und morgen anders.

Außerdem hat Goethe, einer unserer wichtigsten Schutzgeister, seinen 265. Geburtstag. In dem Alter gibt man keinen mehr aus, sondern lässt sich passiv feiern. Das ist in Ordnung so, ich feiere ja schon in meinem Alter nicht mehr viel. Darum verleihe ich mal wieder Preise. Ich mach’s leicht.

Das Bild von Johann Joseph Schmeller kennen Sie: Goethe seinem Schreiber John diktierend von 1831. Auffallend sind die zwei Figuren, Goethes einziges Portrait in Bezug zu jemand anderem.

Und wo ist die Kalanchoe? Wer mir das sagt (obwohl ich es weiß), kriegt ein schönes (!) Buch geschenkt. Bitte bis Sonntag, den 7. September 2014. Die Kommentarfunktion ist offen.

[Edit:]Weil die pflanzlich und literarisch bewanderte Kräuter- und Hochhaushex so schnell aufgelöst hat, ergeht ein weiterer Preis an den, der mir sagt (obwohl ich es weiß), was für eine Pflanze das links neben der Kalanchoe ist. Wer lesen kann — zum Beispiel nahegelegte Weblinks oder bebilderte Botanikbücher —, ist auch hier im Vorteil. Schwer ist’s immer noch nicht.

Der Preis bleibt der gleiche: ein schönes Buch; Bewerbungsschluss bleibt Sonntag, der 7. September 2014. Inzwischen Glückwunsch an die Hochhaushex zum ersten Preis, ich such dir was Feines aus![/Edit]

Johann Joseph Schmeller, Goethe seinem Schreiber John diktierend, 1831

Alles Gute, Herr Geheimrat. Sie werden noch viel gebraucht.

Written by Wolf

28. August 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Grünzeug & Wunderblätter, Klassik

Traume-trunkene feministische Ikonen, der lange Weg zum Eros und ein Stück weiter (oder vierzehn)

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Die Gabe des Eros, ist die einzig genialische Berührung, die den Genius weckt; aber die andern, die den Genius in sich entbehren nennen sie Wahnsinn.

Bettine von Arnim: An Goethe, in: Goethes Briefwechsel mit einem Kinde, Juli 1822.

Niemand kann mehr sagen, ich hätte es nicht versucht. Es ist nicht mehr meine Schuld, wenn ich nicht genau die Quelle von Eros, dem aus leichtfertigen Gründen und in geringfügig unterschiedlichen Versionen durchs Internet wabernden Sonett von Bettine von Arnim, angeben kann. Es ist wirklich nicht mit den Mitteln des akademisch gebildeten Laien herauszufinden.

Internet-Recherche mit zwei verschiedenen Suchmaschinen anhand je dreier verschiedener „genauer Wortgruppen“ ergibt die besagten unterschiedlichen Versionen, die meisten davon garniert mit Bildern von Blumen mit Hamilton-Weichzeichner, gestaltet wie von Zahnarztfrauen, die sich zum Baden den Wannenrand mit Teelichtern vollstellen und es dafür nicht so genau mit dem Layout von Sonetten nehmen. Die erfahrungsgemäß zuverlässigste Fundstelle bei Zeno würde auf Buch, Herausgeber und Datum verweisen; leider existiert sie gar nicht.

Das Gutenberg-Projekt gibt endlich hinter einem Aufklappmenü verborgen überhaupt eine Quelle an: eine „Bettine“-Anthologie (prominente Frauen heißen abgekürzt ja immer mit ihrem Vornamen: die Bettine, die Janis und die Scarlett pp., nicht etwa die Brentano oder die von Arnim, die Joplin und die Johansson, außer „die Duse„) von 1984: Die Sehnsucht hat allemal recht. Gedichte, Prosa, Briefe mit zeitgenössischen Illustrationen, aus einer Reihe namens Märkischer Dichtergarten von Günter de Bruyn und Gerhard Wolf bei einem DDR-Verlag: Der Morgen, Berlin — schon 1985 vom bundesdeutschen Fischer Verlag ungekürzt übernommen, wie laut Verlagswerbung auch die anderen Gewächse aus dem Märkischen Dichtergarten, darunter so stark gefährdete Bestände wie Anna Louisa Karschin, Christoph Friedrich Nicolai, Schmidt von Werneuchen und der notorisch vernachlässigte Fouqué. Fischer residerte auch damals in Frankfurt am Main, das Buch ist aber ausdrücklich printed in the German Democratic Republic, ohne die Springer-Anführungszeichen, dafür auf DDR-typisch holzhaltigem Papier. Da hat sich anscheinend ein namhafter Verlag einiges von der Arbeit der Brüder und Schwestern beim Klassenfeind versprochen.

Der Einband von Fischer war allen Ernstes mädchenrosa und stand zu Zeiten, als es die DDR mit ihrer Mark Brandenburg noch gab, bestimmt gern als „ganz besonderes“ Fundstück in der Bücherabteilung bei Hertie — heute natürlich heillos vergriffen. Und derart knallrosa Einbände kenne ich sinnigerweise nur noch von Bettines Busenfreundin: um die Gesamtausgabe der Günder(r)ode.

Die derzeitige Bettine-Gesamtausgabe, die sich immer noch mit dem Wort „Auswahl“ beschreibt, aber bis auf weiteres maßgeblich bleiben wird, ist ab 1986, ein Jahr nach dem Märkischen Dichtergarten, im Deutschen Klassiker Verlag in der Bibliothek Deutscher Klassiker erschienen und zählt vier Bände, die jeweils 80 bis 95 Euro kosten (in Leder: 142 bis 154) und deshalb nicht einmal von allgemein zugänglichen Leihbibliotheken erschwungen werden. Außerdem fehlen da drin sowieso der 1840er Märchenroman Das Leben der Hochgräfin Gritta von Rattenzuhausbeiuns — wahrscheinlich weil Frau von Arnim den in Koautorschaft mit ihrer Tochter Gisela geschrieben hat oder die Bibliothek Deutscher Klassiker sich zu fein für Kinderbücher ist oder man weiß es nicht — und die Gedichte.

Bettina von Arnim, posthum um 1890, anonymNach ihrem Schlaganfall 1854 ist Bettine erst wieder 1979 so richtig bekannt geworden: als die feministische Ikone Christa Wolf die hoffnungsvolle Dichterin, zugleich leider frühe Selbstmörderin Karoline von Günderrode als Figur in ihr Kein Ort. Nirgends anstellte und in Der Schatten eines Traumes in einem ausführlichen Essay vorstellte, den sie für Bettines frisierten Briefwechsel namens Die Günderode gut gebrauchen konnte. Auf einmal galten die Günderode, die nach dem Briefroman ganz unüblich mit ihrem Nachnamen genannt wird, und Bettine nach Christa Wolfs tiefschürfender Einführung weithin als protofeministische Ikonen. Das hat breitenwirksam funktioniert — so gut, dass Bettine mit ihrem posthumen und anonymen Jugendbild (um 1890 nach einem Medaillon von 1810, also 25-jährig) ab 1992 als Alibifrau für die letzte Serie der Fünf-DM-Scheine herhalten durfte. Dadurch hat sie es immer noch zu keiner anständigen Buchausgabe gebracht, aber so augenfällig wie keine andere Dichterin zu Geld — außer der protofeministischen Ikone Droste, die bis zuletzt auf dem Zwanzig-DM-Schein prangte, günderodeartig mit ihrem Nachnamen heißt, und deren Kaufhof-Ausgaben wir ein andermal in der Luft zerreißen wollen.

Also Die Sehnsucht hat allemal recht beschaffen. Hier ist Amazon.de nützlicher als alle lieferbaren Bücher und die gesamte Münchner Stadtbibliothek zusammen: Antiquarische Einzelstücke gibt es auf dem Marketplace ab 1 Cent plus 3 Euro Porto — und der Sortimentsbuchhandel wundert sich mit dem Bibliothekarswesen um die Wette.

Cover Bettina von Arnim, Gerhard Wolf, Die Sehnsucht hat allemal recht. Gedichte, Prosa, Briefe. Gedichte, Prosa, Briefe, Märkischer Dichtergarten, Fischer 1985Der Marketplace-Händler verdient sich alle fünf von fünf möglichen Sternchen: Die 3,01 Euro fehlen sofort auf dem Konto, die Bestellbestätigung von Amazon.de kommt automatisch sofort, die vom Händler nach wenigen Samstagmorgenstunden, die Versandbestätigung ebenfalls am selben Samstagvormittag, nach keiner ganzen Woche die Büchersendung mitsamt ihrem rosa Buchdeckel und den zeitgenössischen Illustrationen wie beschrieben, für den einzigen Cent seit 1985 einwandfrei erhalten. Alle Achtung, zügiger wär’s nicht gegangen.

Alles andere denn eine Gesamtausgabe, klar, nichts anderes war versprochen. Das Nachwort, eine selbstverständlich grundsolide Dreingabe der stolzen Arbeiter und Bauern des Ost-Berliner Morgen, stammt von einem der Reihenherausgeber: Gerhard Wolf. Unter „Zu dieser Auswahl und zur Textgestaltung“ vermerkt er:

Bettina von Arnims Bekenntnisse zu Hölderlin entnehmen wir den Büchern „Die Günderode“ uns „Ilius Pamphilius und die Ambrosia“ in der Ausgabe „Bettina von Arnim — Werke und Briefe“, herausgegeben von Gustav Konrad (siehe Bibliographie), nach der wir auch die meisten hier versammelten wenigen Gedichte der Autorin wiedergeben.

Wenige Gedichte kann man wohl sagen. Zehn sind es an der Zahl — daunter auf Seite 12: tatsächlich das Sonett Eros — danke, Gutenberg-Projekt. Genauer wird der Kommentar allerdings nicht: Immer noch keine Sammlung, zeitliche Einordnung, Gelegenheit. Die Gesamtausgabe von Gustav Konrad ist, „siehe Bibliographie“, wurde herausgegeben von Gustav Konrad und Johannes Müller, in 5 Bänden, Frechen 1958–1963. Das müsste die maßgebliche vor der aktuellen beim Deutschen Klassiker Verlag gewesen sein; vorher gab’s noch eine in satten 7 Bänden von Waldemar Oehlke, Berlin 1920–1922, das war’s.

Das reicht aber nicht. Weder gibt mir jemand eine Garantie, dass in einer Gesamtausgabe der Adenauerzeit die Gedichte der kleinen Schwester eines verachteten Romantikers getreulich nachgewiesen sind, noch bin ich in einer realistischen Lage, sie zu beschaffen — siehe Sortimentsbuchhandel und Bibliothekarswesen; das ist der Punkt, an dem mich auch der Marketplace von Amazon.de im Stich lässt, auf dem immerhin ab und zu der Weimarer Sophien-Goethe auftaucht. Nur um die Lücken in der aktuellen Ausgabe festzustellen, die ein halbes germanistisches Monatsgehalt kostet, war meine Lage offenbar realistisch genug.

Ist das erbärmlich von mir? Oder vom Buchhandel — wer auch immer in dieser Eigenschaft anzuklagen wäre? Von der Literaturwissenschaft? Vom System? In irgendeinem Archiv, sei es in Berlin, Wiepersdorf, Marbach oder anderswo, lagert das Manuskript; schließlich muss das Gedicht irgendwoher in die Ausgabe von Gustav Konrad und Johannes Müller hineingeraten sein, und wie man hört, sind noch viel mehr Gedichte zu erschließen.

Bettina Brentano wurde 1785 geboren und hieß ab 1811 nach ihrer Hochzeit mit Achim von Arnim, dem besten Freund ihres Bruders Clemens, Bettina von Arnim; ob man sie Bettina oder Bettine nennen soll, ist eine Entscheidung aus biographischen Details. Ihr Sonett Eros handelt für damalige Verhältnisse reichlich unverschlüsselt von eigener sexueller Erfahrung und dürfte mithin zwischen der Hochzeit am 11. März 1811 und dem 21. Januar 1831 entstanden sein, nachdem Bettine Witwe wurde — und bevor sie, mit 46 Jahren so sozial- wie selbstbewusst und autonom geworden, als Schriftstellerin hervortrat. Ihr Sexualleben, man mag von diesem lebenslang entzückenden und verstörenden großen Mädchen ansonsten halten, was man will (ich mag sie), erstreckt sich wohl nach keiner Seite über diese zwanzig Jahre hinaus und steht von ihrem Schreiber- und Revoluzzerleben streng getrennt. Das Paar lebte die meiste Zeit in Fernbeziehung zwischen Berlin und dem Brandenburger Gut Wiepersdorf, das Sonett liegt also der jungverheirateten Dichterfreundin und bis dahin 26-jährigen Jungfrau von 1811 näher als der nicht mehr richtig blutjungen Gutsverwaltersgattin mit siebenfachem Kindersegen von 1831.

Um das herauszufinden, hätte es allerdings weder eine Gesamtausgabe noch eine Gedichtauswahl gebraucht, dafür reicht Wikipedia in den Absätzen, in die man nicht einmal hinunterscrollen muss. Egal, das Buch ist seinen Cent wirklich wert. Und außerdem, jetzt kann ich’s ja sagen, immer noch bei Insel.

Eine andere erreichbare Stelle als das etwas umständlich erworbene, aber für Centbeträge oder unter Buchpreisbindung in jedem Buchladen Ihres Vertrauens innerhalb 24 Stunden lieferbare Die Sehnsucht hat allemal recht und einige rosenumrankte Internetseiten fällt mir nicht ein. Die schönste von den letzteren war die schlichteste: im verdienstreichen Fulgura Frango, Robert Wohllebens digitalen Fachblatt für „Sonettwesen & andere Excentricitäten“. Eine gewisse Gabriella La Crimosa Wollenhaupt, mutmaßliche Amateurdichterin gleich Bettine zur Zeit ihres Sonetts, hielt offenbar zumindest anno 2003 ebenjene Bettinen-Auswahl in Händen, fand das Sonett und machte das Schönste daraus, was dereinst als eine Art geistige Sportart unter gebildeten Menschen galt: Sie wand einen Sonettenkranz daraus, der jeder kleinen Schwester von großen Dichtern würdig ist. Wenn schon sonst nichts an Erkenntnis herumkommt als eine ausgeuferte Anklage von Missständen, gebe ich ihn unten hübsch zurechtgemacht wieder. Immerhin verstehe ich so den ganzen Blumenschmuck um ein Gedicht, das sich nicht anders festnageln lässt.

Gabriella La Crimosa konnte 2003 sehr viel unverblümter auftreten, als es sich Bettine zwischen 1811 und 1831 leisten durfte, und schlägt sich wacker bei ihrem anspruchsvollen Dichtwerk. Was ein Sonettenkranz ist, wird in Wikipedia erschöpfend erklärt und in Omnipoesie anschaulich dargestellt. Pippi Pumuckl aus Berlin, die mir freundlicherweise ihre neckische Bilderserie ausleiht, meint dazu: „Mir fällt gerade auf, wie lange ich schon keine Gedichte mehr gelesen habe.“ Danke, die Damen Gabriella La Crimosa und Carolin — und natürlich Bettine!

——— Bettine von Arnim: Eros, zwischen 1811 und 1831;
hier: Meistersonett:

Im Bett der Rose lag er eingeschlossen,
Im Wechselschimmer ihrer zarten Seiten,
Die taugebrochnen Strahlen schmeichelnd gleiten
Hinein zu ihm, von Geisterhauch umflossen.

Mich dünkt, in Schlummer waren hingegossen
Die reinen Glieder, durch des Dufts Verbreiten
Und durch der Biene Summen, die zuzeiten
Vorüberstreift an zitternden Geschossen.

Doch da beginnt mit einemmal zu schwellen
Der Blume Kelch! Ins Freie nun gehoben,
Erkenn ich ihn im Tagesglanz, dem hellen.

Es ist mein Auge vor ihm zugesunken,
Der mich so seltsam mit dem Blick umwoben,
In seinem Lichte lieg ich traume-trunken.

——— Gabriella Lacrimosa Wollenhaupt: Eros-Sonettenkranz,
abgeschickt 27. April 2003, 13:48:42 Uhr:

Carolin Pippi Pumuckl Gutt, 7 Days a Week, MondayEros (1)

Im Bett der Rose lag er eingeschlossen,
Fast nicht zu sehen unter soviel Lidern,
Im Widerspruch nicht zu zergliedern.
Der Schutz der Nacht ist fort geflossen.

Wie kommt ein Gott in meine Kissen?
Hat ihn die Lust etwa dorthin gebracht?
Und ich hab‘ einfach da so mitgemacht?
Ich frag ihn jetzt, ich muss es wissen.

Bellezzo, sag ich, leih mir mal dein Ohr:
Kann denn ein Gott wie du mir Lust bereiten?
Hab ich geöffnet dir mein Himmelstor?

Ich will ja kein Gerücht verbreiten,
Sagt Eros, lacht, und zeigt die Brust hervor
Im Wechselschimmer ihrer zarten Seiten.

Eros (2)

Im Wechselschimmer ihrer zarten Seiten
Tritt Aphrodite an das Bett der Rosen:
Verdammter Lüstling, wo sind deine Hosen?
Lässt du dich nur von Wollust leiten?

Bellezzo lächelt seine Mutter eitel an,
Die Kohlenaugen schleudern Funkenglut:
Ich kann halt lieben nur – und das mit Mut
Im Götterreich ist lange Weile wieder dran.

Die Göttin mustert mich. Will mich verstecken.
Lässt ihren Blick streng über meinen Körper reiten.
Versuche hektisch, mich mit Rosen zu bedecken.

Gott Helios spannt an – will mich dazu verleiten
Eros zu küssen – damit in seine exquisiten Ecken
Die taugebroch’nen Strahlen schmeichelnd gleiten.

Carolin Pippi Pumuckl Gutt, 7 Days a Week, TuesdayEros (3)

Die taugebroch’nen Strahlen schmeichelnd gleiten
In jede feine Falte seiner bronzefarb’nen Haut.
Auf der hat sich jetzt süße Hitze angestaut
Die Göttin ärgert sich und wird sich vorbereiten,

Den schönen Sohn mir aus dem Bett zu scheuchen.
Nur weil sie mir kein geiles Spielzeug gönnen will,
Mir Erdenfrau! Ich werde wütend und bin nicht mehr still
Lass manches Schimpfwort meinem Mund entfleuchen.

Der Sonnengott lässt lachend seine Pfeile prallen.
Jetzt peinigt mich die Göttin auch noch mit Geschossen!
Das Sahneteil im Lotterbett beginnt debil zu lallen.

Du bist ganz ruhig!, sag ich ihm ziemlich unverdrossen.
Tret hin zum Rosenbett und lass mich einfach fallen
Hinein zu ihm, von Geisterhauch umflossen.

Eros (4)

Hinein zu ihm, von Geisterhauch umflossen
Lieg ich jetzt steif an seiner Gottesbrust.
Er ist zwar schön, doch hab ich keine Lust
Auf ihn. Hab oft genug so frisches Fleisch genossen,

Das noch im Laden konnte meine Gunst sich rauben.
Doch immer schwerer wurde in der Einkaufstüte
Dass später nicht einmal der Wunsch mehr in mir glühte
Ihm lustvoll die Verpackungen vom Leib zu klauben.

Ich heb das Haupt und blicke auf die eitle Aphrodite
Und frage mich, was in der Nacht, die ja verflossen
Wirklich geschah. Er wär kein Mann, wenn er’s verriete.

Ich weiß nur noch, dass ich naiv und unverdrossen
Ihm Obdach gab, weil seine Gelder für die Miete,
Mich dünkt, in Schlummer waren hingegossen.

Carolin Pippi Pumuckl Gutt, 7 Days a Week, WednesdayEros (5)

Mich dünkt, in Schlummer waren hingegossen
Die müden Glieder, seine und auch meine.
Wir schliefen nur, und Liebe gab es keine
Da uns’re Seelen waren weggeflossen.

Doch neben einem echten Gott zu liegen
Besonders, wenn er schweigend bleibt
Und sich am Morgen nett die Augen reibt
Ist einfach schön und schwer zu kriegen.

„Hör zu, du schwarzgelockter Liebesgott,
Ich werd‘ dich jetzt hinausgeleiten
In diese Erdenwelt voll Hohn und Spott,

Dort, wo ein Sturm dich kann begleiten.
Du liegst noch flach? Dann heb jetzt flott
Die reinen Glieder, durch des Dufts Verbreiten.“

Eros (6)

Die reinen Glieder, durch des Dufts Verbreiten,
Sie liegen matt in meinen weichen Kissen.
Die Rosenblätter knicken hin in klarem Wissen,
Dass ihnen Eros wird den Tod bereiten.

Ich will den Gott jetzt aus der Hütte kriegen,
Trotz seiner präsentablen Männlichkeit.
Ich rechne nicht mehr mit viel Widerstreit.
Doch er bleibt leider schwer im Bette liegen.

Ich muss jetzt doch mit seiner Mutter reden,
Sie muss den trägen Sohn drauf vorbereiten:
Denn mit ’nem Liebesgott kann ich nicht leben.

Hab keine Lust, nur Süße zu verbreiten!
Die Göttin stutzt, will ihre Stimme grell erheben:
„Und durch der Biene Summen, die zuzeiten..?“

Carolin Pippi Pumuckl Gutt, 7 Days a Week, ThursdayEros (7)

„Und durch der Biene Summen, die zuzeiten …?“
Doch Aphrodite fehlen immer noch die Worte,
Bei denen auch manch Dichter sich am Orte
vergeblich mühte. Es sei denn, er ließ‘ sich verleiten

Die fehlende Idee durch Pfusch perfekt zu machen,
Was nicht besonders göttlich scheint.
Die strengen Musen nämlich sind vereint
Um über Ebenmaß und Form zu wachen.

Die Biene tändelt trunken durch den Flieder.
Sie ist – warum? – zum Stich entschlossen
Und schändet Liebesgottes schöne Glieder.

Der Gottesmutter Miene ist total verdrossen:
Sie killt den dreisten Flieger, bevor er wieder
Vorüberstreift an zitternden Geschossen.

Eros (8)

Vorüberstreift an zitternden Geschossen
Mit Eleganz und harschem Peitschenknall:
Es ist Gott Ares auf der Fahrt durchs Weltenall
Er ist der Vater und er hat beschlossen

Den Widerspruch in seinem Sohn zu kitten,
Das Honigblut mit strengem Mut zu mischen,
Und die Kritiken vom Olymp so zu verwischen,
Dass Götter nicht mehr um den Eros stritten,

Der immer wieder heiter die Gesetze bricht.
Eros steht stramm, will Ares nicht verprellen,
Der greift nach meiner Hand, und ich merk nicht,

Dass Kriegsgotts Miene beginnt aufzuhellen,
Und seine Lippen kosen zärtlich mein Gesicht
Doch da beginnt mit einemmal zu schwellen.

Carolin Pippi Pumuckl Gutt, 7 Days a Week, FridayEros (9)

Doch da beginnt mit einemmal zu schwellen
schöne Musik aus fernen, lyrischen Gefilden
Die Kriegerrüstung bricht entzwei – es bilden
Sich nun Wolkenschäfchen über klaren Quellen.

Ich seh in Ares‘ stahlverzinkte, blaue Augen,
Die herrisch, grausam und verdorben denken
Und fange an, mich tief in ihnen zu versenken
Und wie ein Wurm in seine Seele mich zu saugen.

Er lässt es zu. Und Eros fängt laut an zu lachen
Und schmäht den Vater. Ich fang an zu loben
Des Kriegsgotts Fähigkeit sich sanft zu machen.

Mein Körper ist mit seinem jetzt verwoben
Der Himmel tut sich auf – ich hör erwachen
Der Blume Kelch! Ins Freie nun gehoben.

Eros (10)

Der Blume Kelch! Ins Freie nun gehoben
Mein Inneres bricht auf durch warmen Regen
Entfaltet sich und kann sich nun bewegen
Und wird schon in die Ewigkeit verschoben,

Im Takt der überschweren Wolkengüsse.
Der kleine Eros schaut den Vater an
Begreift, dass dieser doch mehr kann
Als nur der Welten übervoller Flüsse

Durch Ruderschlag den Takt zu rauben.
Er labt sich an den wilden schönen Stellen
Wie eine Lerche beim Sichhöherschrauben.

Ich lasse meine Zunge heftig tiefer schnellen
Und heb den Blick und kann es noch nicht glauben:
Erkenn ich ihn im Tagesglanz, dem hellen!

Carolin Pippi Pumuckl Gutt, 7 Days a Week, SaturdayEros (11)

Erkenn ich ihn im Tagesglanz, dem hellen,
Den safrangelben Berg der Berge in der Sonne
Als ob sich Gold mit Heiterkeit versponne,
Und sich die Wollust in den schönen Quellen

Scharf widerspiegle, um mein Auge zu erquicken.
Jetzt steht der Eros bei der Mutter – nichts am Leibe
Und blickt empört, was ich mit seinem Vater treibe
Es stört mich nicht, denn ich will Ares doch nur ERFREUEN.

Er nimmt die Peitsche, ich benutz die Sporen.
Das Ziel vom Berg hat uns jetzt zugewunken!
Wir sind zu schnell und haben Takt verloren,

Der Wind in meinem Haar schlägt Funken
Er greift die Zügel, stoppt uns unverfroren:
Es ist mein Auge vor ihm zugesunken.

Eros (12)

Es ist mein Auge vor ihm zugesunken.
Und die Gedanken sind wie Spinneweben
So klebrig-zart und voller Zappelleben,
Das einstmals munter saß in den Spelunken,

In denen Menschenkinder ihre Zeit verschwenden.
Die einen saufen, andere streiten, spielen Karten
Noch andere wollen Liebe, doch sie alle warten
Sich jenem seltnen Augenblicke zuzuwenden,

An dem ein starker Gott sie in die Höhe hebt.
Auch ich fühl mich ins Blaue jetzt geschoben
Von Ares, der mit mir in unbegrenzte Reiche schwebt.

Ich lass es zu. Will Spielball sein, der hochgehoben
Wird und dennoch weiß, dass jener weiterstrebt
Der mich so seltsam mit dem Blick umwoben.

Carolin Pippi Pumuckl Gutt, 7 Days a Week, SundayEros (13)

Der mich so seltsam mit dem Blick umwoben
Und seine Schwermut mich zu trinken zwang.
So bittres Zeug! Doch wild und stark. Es drang
In meinen Mund und ich bin zielvoll losgestoben

Nicht zum Olymp. Ich fand die lyrischen Gefilde,
Die mehr Erfüllung bringen als die satten, übervollen
Götterwiesen, auf denen dumme Menschen tollen.
Ich küsse Ares zart und setz ihn dann ins Bilde,

Dass ich muss fort. Will nicht mehr länger bleiben
Bei diesen dummen Götterspielen. Und tief versunken
Entdecke ich dein Zeichen hinter blinden Scheiben.

Die Zeit ist reif! Noch schnell den Göttern zugewunken.
Ich nehm die Rosen und beginn das Glas zu reiben:
In seinem Lichte lieg ich traume-trunken.

Eros (14)

In seinem Lichte lieg ich traume-trunken.
Er ist kein Gott voll Schönheit und Esprit
Die Welt, in der er lebt, ist keine Phantasie
Mit grellen Wesen, Geistern und auch Unken

Und diesen weißen Pferden mit dem Solohorn.
Ja, sterblich zwar, doch warm und weich
Nicht göttlich sein, sondern im Leben reich,
Nur für die Liebe, nicht die Macht geborn.

Ich ziehe seinen Kopf an meinen Busen:
Die Augen sind in tiefer Ruh geschlossen
Ich küsse seine Lider und beschwör die Musen

Dass sie ihn wecken, meinen Bettgenossen.
Denn ich will endlich mit ihm schmusen:
Im Bett der Rose lag er eingeschlossen.

Traume-trunkenes Belohnungslied: Evelyn Evelyn: Have You Seen My Sister Evelyn?, 2012.

Bilder: Carolin „Pippi Pumuckl“ Gutt: 7 Days a Week, 19. bis 21. Juli 2014:
On Monday I’m your bunny!;
Tuesday you work hard for me!;
Wednesday, we sway!;
On Thursday I’m too sleepy!;
Friday takes the Heartache away!;
Saturday, I’ll do my „Good-Wife-Dutie“!;
… and Sunday, I pretend virginity!

Written by Wolf

21. August 2014 at 00:01

Wanderwochen 02: Das kannst du, Knabe, nicht fassen

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Zuletzt ist mir das mit sieben Jahren passiert. Atemlos, zur Unzeit, im Stehen ein Märchen ausgelesen, um zu erfahren, wie es ausgeht. Geschehen konnte das mit dem Wissen, dass Ludwig Bechstein in die Zeit der Romantik fällt, wo die Leute schon mal Kunstmärchen geschrieben haben, die so ausgehen, wie es der Schreiber beschließt, also nicht zwingend gut — und ohne das Wissen, dass Der wandernde Stab eins von Bechsteins gesammelten, also kein Kunst-, sondern ein Volksmärchen ist, das deswegen mit einigen Chancen doch gut ausgeht. Düstere Märchen sind sowieso die besten, bei denen ist alles drin. Die Stoffe um den Ewigen Juden sind mir auch schon immer recht nahe gegangen. Um Ihnen das gleiche Erlebnis zu ermöglichen, verrate ich keinen Schluss und schreibe ausnahmsweise das Sekundärmaterial erst hinter die Geschichte.

Ich war kein kleiner Junge, der zu spät nach Hause kommen darf. Ich war kein Kind, um das die Leute gern einen Bogen machen, wenn es in ein Buch vertieft im Wege steht. Vielmehr war ich wieder ein kleiner Junge, der erwägt, ein Buch zu klauen, und ein Hindernis für kaufbereite Buchhandlungskunden. Vor allem war ich ein alter Sack, der neben dem Verkehrsrauschen und Hupen am Haidhausener Berg ein Märchen liest. Die Buchhandlung am Gasteig hat einen allzu einladenden Ramschkübel auf dem Schaufensterbrett.

——— Ludwig Bechstein:

Der wandernde Stab

Märchen N 32 aus: Neues deutsches Märchenbuch, Einhorn Verlag, Leipzig 1856,
cit. Vollständige Ausgabe der Märchen Bechsteins nach der Ausgabe letzter Hand unter Berücksichtigung der Erstdrucke, mit Anmerkungen und einem Nachwort von Walter Scherf. Mit 187 Illustrationen von Ludwig Richter (darunter keine zu Der wandernde Stab), Winkler Weltliteratur, Winkler Verlag, München 1985:

Ferdinand Diez, Ludwig Bechstein, 1843, aus Klaus Günzel, Die deutschen Romantiker. Artemis, Zürich 1995In ein Wirtshaus auf einsamer Heide im Norden trat eines Tages ein Mann von ernstem Aussehen. Sein Gesicht war fahl und grau wie Asche, und sein Gewand war braun, wie frische Graberde. In der Hand trug er einen Stab von festem dunkeln Holze. Diesen Stab stellte er in eine Ecke der Wirtsstube. Im Wirtshause wohnte nur eine alte Frau mit einem Knaben von etwa vierzehn Jahren, nebst einem Knechte und einer Magd. Diese beiden Leute waren draußen beschäftigt; in der Wirtsstube war niemand als die Wirtin und ihr junger Sohn.

Der düstere Wanderer heischte einen kleinen Imbiß, und die Wirtin ging, diesen herbei zu holen. Der Wanderer blieb allein mit dem Knaben, aber er beachtete den letzteren nicht, sondern trat an ein Fenster, das gen Morgen gerichtet war, und seufzte, und stand lange daran, und starrte hinaus, über die öde Fläche des Heidelandes.

Der Knabe betrachtete unterdes mit Neugier den Stab des Fremden. Am Handgriffe dieses Stabes war mit Silberstiften die Figur eines Kreuzes also eingeschlagen

*
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diese Stifte glänzten gar hell, wie neu, und dieser Stock reizte den Knaben; seine Neugier wandelte sich in Habgier um. Scheu blickte er nach dem Fremden, der unbeweglich an dem Fenster stand – scheu streckte Jacob, so hieß der Wirtin junger Sohn, die Hand nach dem Stabe aus. Gleich daneben stand ein alte, hohe Wanduhr mit braunem, geschnitztem Gehäuse. Leise drehte Jacob am Türgriffe des Uhrgehäuses, leise öffnete er dessen Türe, leise faßte er den Stab, und es zitterte seine Hand, als er ihn berührte, aber er nahm ihn, und stellte ihn in das Uhrgehäuse, und schloß die Türe wieder. Der Stab war weg.

Jetzt trat die Wirtin, Jacobs Mutter, ein, und brachte was der Fremde begehrt hatte. Hinter ihr schlüpfte Jacob aus der Stube.

„So – hier wäre es!“ sagte die Wirtin zu ihrem einzigen Gaste. „Gesegne es Euch Gott! Setzt Euch doch!“ – Der Fremde neigte sein Haupt zum Zeichen des Dankes, er nahm das Glas, netzte seine bleichen Lippen, aber er setzte sich nicht. Der alten Frau kam ein Grauen an vor dem Manne; draußen begann schon die Abenddämmerung.

Die Wirtin wünschte nicht, daß der Fremdling unter ihrem Dache weile, gleichwohl fragte sie: „Wollt Ihr hier nachten? Schier ist’s Abend! Seid Ihr nicht müde, da Ihr Euch nicht setzt?“ –

„Kann nicht bleiben, muß weiter, muß wandern – wer fragt, ob ich müde bin? Oh!“ – war die dumpfe Antwort.

Der Wirtin grausete noch mehr. Der Fremde legte ein Stück Geld auf den Tisch – die Wirtin griff nicht danach. Jetzt ging jener nach der Türe zu, griff in die Ecke und fragte: „Wo ist mein Wanderstab?“

„Hattet Ihr einen Stab?“ fragte die Wirtin.

„Ich hatte einen Stab, und stellte ihn in diese Ecke!“ antwortete der hohe dunkle Mann mit hohler Stimme.

„Mein Gott! Wo könnte er denn hin sein?“ rief das erschrockene Weib. „Sucht ihn – vielleicht irret Ihr Euch? Stelltet den Stock anderswo hin?“

„Er ist hinweg. Er bringt der Hand dessen, der ihn nahm, kein Glück!“ – sprach darauf jener dumpf und gepreßt. – „Genommen?“ rief die Wirtin heftig. „Wer sollte ihn genommen haben? Es war ja niemand hier als Ihr und ich – und –“ da stockte sie.

„Und Euer Sohn!“ ergänzte der Fremde.

„Gott im Himmel!“ schrie die Frau auf – und lief alsbald aus der Stube, und rief, daß es durch das ganze Haus gellte:

„Jacob! Jacob!“

Jacob antwortete nicht – er hatte sich versteckt und wußte, weshalb ihn die Mutter rief, und fürchtete sich.

Atemlos kam diese zurück, und sprach: „Ich höre und sehe nichts von dem Jungen – ich weiß nicht, tat er’s oder tat er’s nicht? Doch harret nur noch einen Augenblick!“

Die Wirtin ging in die Kammer, und kam gleich darauf mit einem zwar alten aber schönen Stabe zurück, den sie dem Fremden reichte. „Da – nehmt einstweilen den Gehstock meines seligen Mannes – Ihr sprecht doch wohl einmal wieder hier ein! Findet sich der Eure, so gebt Ihr mir diesen dagegen zurück.“

„Ich dank Euch, Wirtin!“ sprach der fremde Mann, und ging. Es war schon sehr düster, Nebel schwebten über den Heidestrecken – in sie hinein schritt der bleiche Wanderer.

Der Wirtin ward leichter um das Herz, als dieser unheimliche Gast ihr Haus verlassen hatte. Sie nahm das von ihm zurückgelassene Geld – es war eine uralte kleine Silbermünze; die Frau kannte weder Schrift noch Gepräge; sie konnte nicht wissen, daß die Münze unter der Regierung des Römerkaisers Tiberius geprägt worden war, desselben Kaisers, welcher Jerusalem zerstörte.

Leise ging jetzt die Türe auf – schüchtern drehte Jacob sich in die Stube herein. „Unglückssohn!“ kreischte ihm die Mutter entgegen. „Sprich, nahmst du des Fremden Stock?“ Jacob schwieg – halb aus Trotz und halb aus Angst vor seiner Mutter Zorn und ihrer strengen Strafe.

„Du schweigst – also nahmst du ihn, du gottvergessener Bube!“ schalt die Wirtin. „Wo ist der Stock? Wohin schlepptest du ihn? Gleich nimm ihn und springe damit dem Fremden nach, und laß dir von ihm deines seligen Vaters Sonntagsstock wiedergeben, mit dem er in die Kirche ging, und den ich dem Fremden lieh, damit er nicht sage, daß er in meinem Hause bestohlen worden sei, durch mein Kind bestohlen!“

Jacob war ein verstockter Knabe – er blieb stumm, er regte kein Glied, er sagte kein Wort, seine Mutter mochte schelten wie sie wollte, bis sie in Zorn geriet, ihn heftig schlug und ohne Abendbrot ihn zu Bette gehen ließ. –

Am andern Tage, als die Wirtin in der Küche beschäftigt war, drehte Jacob am Riegelgriff des Uhrgehäuses und öffnete die Türe und langte hinein, und zog den Stab heraus. Mit Wohlgefallen betrachtete er ihn, und doch auch mit Scheu, denn die sieben Silberstifte funkelten gar so sonderbar, und der Stab war so eiskalt, wie eine starre Schlange, und gleichwohl war es, als lebe der Stab. Unwillkürlich zog es Jacob, an diesem Stabe zu gehen, und er ging mit ihm – und ging – und ging – weit, weit von hinnen – über die Heiden hin – längst sah er nicht mehr sein Vaterhaus. Rastlos regte sich der Stab in Jacobs Hand – gegen seinen Willen – und Schauer des Todes durchrieselten den Knaben. Wohin, wohin führte, wohin zwang ihn der Stab? Gehen, gehen mußte er fort und fort, nicht ruhen noch rasten konnte er, an keiner Stelle, an keiner Quelle.

Endlich als der Tag sich neigte, als die Nebel wieder über den öden menschenleeren Heiden schwebten, da stand im grauen Nebeldämmer schier gespenstig vor Jacobs Blick ein düsteres Gehöft, auf das er zuschritt, und endlich ganz verwundert gewahrte, daß er zu Hause sei.

Übel und mißgelaunt empfing ihn seine Mutter; sie hatte geglaubt, er sei davongelaufen, hatte sich sehr geängstigt, hatte Knecht und Magd ausgesendet, ihn zu suchen, und fast alle Arbeit eines Tages war versäumt worden. Dergleichen sieht niemand gern in einem fleißigen Haushalte. Jacob aber war so müde, o so müde; er wankte auf sein Bette zu und fiel halbohnmächtig darauf nieder; der Stab entsank seiner Hand, ohne daß Jacob es wahrnahm, die Mutter hob den Stab nicht auf, ihr graute vor demselben.

Eine Woche verging; der Stab stand still im Gehäuse der alten Wanduhr. Jacob entsann sich nicht, ihn wiederum dort hinein verborgen zu haben, und hütete sich wohl, ihn wieder anzurühren, doch sah er ihn von Zeit zu Zeit an, und Schauer überrieselten ihn bei dem Anblick. Im Dunkel des braunen Uhrgehäuses leuchteten hell wie Diamanten die sieben ein Kreuz bildenden Punkte.

Jean-Adolphe Beaucé pour Eugène Sue, Le Juif errant, 1844 des Œuvres illustrées d'Eugène Sue, vol. 3, illustré par J. A. Beaucé, G. Staal, Paris, s.n., 1850Ein Freitag war’s, gleich jenem Tage, an welchem Jacob des fremden Wandersmannes Stab heimlich genommen und versteckt hatte, und siehe da, mit einem Male war der Stab in Jacobs Hand, ohne daß letzterer sie nach ersterem ausgestreckt, und Jacob mußte wieder wandern, wandern wie das vorige Mal, rastlos, ruhelos, bis am Himmel die Sternlein zu leuchten begannen. Und dann kam Jacob schlagerdenmüde wieder nach Hause, matt und zitternd, bleich im Gesichte, und redete nicht. Und wenn er redete, so war es schaurig zu hören. Durch Dörfer sei er gekommen, und habe allen Leuten, die ihm in denselben begegnet, gleich ansehen können, ob sie noch selben Jahres sterben würden oder nicht; den Häusern habe er es angesehen, daß nächstens Feuersbrünste sie verzehren, Fluren, daß der Hagel sie treffen werde.

Jeden Freitag mußte Jacob wandern – der Stab zwang ihn, mußte sehen alles kommende Weh und Leid aller Orten, wohin der Stab ihn führte, und dann kündete er es daheim der Mutter, der Magd und dem Knechte, und diese kündeten es den einkehrenden Gästen.

Jacob und seine Mutter verwünschten tausend und abertausendmal den wandernden Stab. Die Mutter sann auf Rat, wie der Sohn des Stabes sich entledigen solle, und Jacob befolgte den Rat. Auf einer der nächsten Wanderungen trat Jacob in ein Gasthaus, stellte den Stab in eine Ecke, verzehrte etwas, zahlte, und ging hinweg – ohne den Stab mitzunehmen. Er war aber noch nicht dreißig Schritte gegangen, so kam ihm der Wirt nachgelaufen, schrie überlaut:

„Ho! ho! Halt!“ – und als er näher kam rief er: „Ihr habt Euern Stecken vergessen!“ und warf Jacob den Stab nach, der sich alsbald von selbst in dessen Hand verfügte.

Jacob stand am rauschenden Bach! Ha, jetzt hab ich’s – dachte Jacob erfreut – und da flog vom Steg der Stab in die rollende Flut. Es war als winde sich in dieser der Stab wie eine braune Schlange.

„Der läuft mir nun nicht wieder nach!“ rief Jacob, und erleichterten Herzens kehrte er heim.

Nicht lange war Jacob das Herz leicht; nicht länger bis er im Dunkel des Uhrgehäuses das Siebengestirn des Kreuzes unheimlich blinken und funkeln sah.

Jetzt gab – denn mehr und mehr wurde Jacobs Unglück besprochen – die Magd auch einen Rat. „Vernagelt den Rumpelkasten!“ rief sie: „so ist der Gais gestreut. Ob die Uhr geht oder nicht, ist all eins.“ –

Das war ein recht guter Rat, schade nur, daß er vergeblich war. Als der nächste Freitag kam, war der Stab in Jacobs Hand, dieser wußte gar nicht wie? aber er mußte wandern – wandern – wandern – vom Morgen bis zum Abend – und kam nach Hause, müder und elender denn je zuvor.

„Wenn mir solches Hexenunglück zustieße“, sprach Velten, der kluge Knecht: „ich wüßte lange, was ich täte. Ich hieb den Stecken in Stücke, Punktum!“

Auch dieser Rat wurde versucht, ob er sich vielleicht erprobe. Leider tat er das nicht – in Stücke zersprang allerdings etwas, aber nicht der Stab, sondern nur die Axt, mit welcher Jacob Hiebe auf ersteren führte, und wie gelähmt sank seine Hand, die den Stiel der Axt machtlos zu Boden fallen ließ.

Wandern, wandern! Jeden und jeden Freitag, den Gott werden ließ – körperschwach, seelenkrank, der Verzweiflung nahe. Wandern und voraussehen alles Übermaß des menschlichen Elends, das sonst wohltätig dem Auge der Sterblichen eine allweise Gottheit verbirgt. Kriegerscharen, welche die Ortschaften verheerten, Ströme, die sie überfluteten, Herden mit deren Leichnamen die Pest die Fluren düngte, alles Grauenvolle, was die nächste Zukunft bringen sollte, sah Jacob voraus.

Einst kam er in ein Dorf, darin ein Brand lohete, Haus um Haus ergriff die Flamme, von einem Dache sprang sie zum andern Dache. Wieder durchblitzte ein Gedanke Jacobs Seele. In die Flammenlohe den Stab! Und da flog der Stab – blieb hängen an einem brennenden Dachsparren und wurde rotglühend, dann weiß, und die Silberstifte des Kreuzes flammten bläulich. Jacob ging ohne Stab nach Hause.

Da schnarrte die Wanduhr, da ging ihre Türe von selbst auf, spottend der Nägel, mit denen sie zugeschlagen war – da stand der Stab – unversehrt. Ohnmächtig sank Jacob in die Arme seiner Mutter – er war vernichtet, und sie sank mit der teuern Last, die sie nicht aufrecht zu halten vermochte, auf ihre Kniee nieder, und betete heiß und innig, und schrie jammernd zum Himmel auf.

Jacob wanderte, mußte wandern, weit aber konnte er nicht mehr wandern – seine Kraft war erschöpft, der matte Quell seines Lebens begann zu versiechen.

Wassili Grigorjewitsch Perow, Der Pilger, 1870. StannikZweiundfünfzig Male hatte Jacob wandern müssen, müssen, ob er stand oder lag, es riß der Stab ihn von dannen, ob er die ganze Woche über todesmatt kein Glied zu rühren vermochte – am Freitag erfolgte die Wanderschaft. Doch war der Stab barmherzig, er führte auf kürzern und immer kürzern Wegen ihn um das Vaterhaus; zuletzt war Jacob so sterbensmatt, daß er zu einem Gange von einer Stunde einen vollen Tag brauchte, denn rascher sich fortzuschleppen, war ihm unmöglich, er glich einem zitternden Greise von neunzig Jahren, und die Farbe seines Angesichts glich der Asche.

Jacob glaubte, daß er endlich sterben werde, und seine Mutter und alle die ihn sahen, glaubten das nämliche, Jacob hoffte es.

Da kam am Tage vor den dreiundfünfzigsten Freitag ein Traum über Jacob. Er sah ganz lebhaft, als ob es wirklich geschähe, die Türe der alten Wanduhr aufgehen, den Stab heraus, und an das Bette treten, darin Jacob lag.

Und da hub der Stab an zu sprechen.

„Jacob“, sprach er: „ich bin ein sehr alter Stab. Mit mir in seiner Hand ging der Erzvater, nach dessen Namen du genannt bist, über den Jordan. Ich ruhete in Mosis Hand, da Moses mit Gott sprach, und ward zur Schlange und wiederum zum Stabe. Ich ruhete in Aarons Hand, und ward wieder zur Schlange und verschlang die Schlangenstäbe der Zauberer Pharaonis. Und wieder ward ich aufgehoben von Mosis Hand und das rote Meer teilte sich unter mir. Zweimal schlug Moses mit mir an den dürren Fels, und es sprang Wasser aus dem Felsen der Wüste und tränkte die Verdürstenden, beide, Menschen und Tiere. Wessen Stab ich nun bin, das kannst du, Knabe, nicht fassen. Du hast große Sünde getan, daß du dem armen Wanderer seinen Stab und seine Stütze heimlich entwendet hast, dafür hast du wandern müssen im finstern Tale, und hast kosten müssen des Lebens Bitterkeit. Aber fortan wird der Herr deine Seele erquicken, und dich führen auf rechter Straße, um seines Namens Willen. Des Herrn Stecken und Stab wird dich trösten.“

Als der Stab also gesprochen hatte, war es, als umweheten Jacob Flügel der Engel mit Himmelsruhe. Er fühlte keine Ermüdung mehr, er schlummerte ein, er erwachte, wie neugeboren.

Da brach der Freitagmorgen an – es war ein Karfreitag. Jacob glaubte jeden Augenblick, er werde die Wanderung wieder beginnen müssen, aber der Stab kam nicht in seine Hand.

Gegen Abend sprach Jacob sanft und fromm mit seiner Mutter, von erhabenen und göttlichen Dingen, die Kinder noch nicht verstehen. Da ging die Türe auf, und ein hoher dunkler Wanderer trat ein, und grüßte: „Friede sei mit euch!“

Schauer durchbebten Mutter und Sohn, beide kannten den Wanderer.

Und da tat sich die Türe des Wanduhrschrankes auf, und der Stab schwebte heraus und in des Fremdlings Hand. Hell durch die abendliche Düsternis leuchtete das Kreuz am Stabe. Der Fremdling aber sprach noch einmal: „Friede sei mit euch!“ und wandte sich, und ging. In die Seelen von Mutter und Sohn zog heiliger Friede. Der Stab Wehe war wieder von ihnen genommen.

Ich schaute auf. Der Verkehr rauschte immer noch, ich war zu spät dran. Um Himmels willen, wo steht denn das? In einer von den Bechstein-Sammlungen? Die Quellennachweise waren von vornherein versiegt. Ich war kein kleiner Junge, der straffrei Wanderstäbe oder Bücher klauen kann, sondern ein alter Sack, der die Sämtlichen Märchen von Bechstein seit Jahrzehnten daheim stehen hat. Du fremder Wanderer, Ahasvers alttestamentarischer Ahn, mach, dass du da drinstehst.

Gewonnen.

Die Vorlage findet sich in: Morgenblatt für gebildete Leser, 50. jahrgang, 1856, Nr. 15, S. 347: „Bilder aus Schleswig-Holstein“, darunter einige Strophen eines Gedichtes von Klaus Groth (1819–1899): „De Pukerstock„, das bereits 1853 (Hamburg) in seinem Sammelband Quickborn erschien als Nr. 7 der Gedichtreihe: „Wat sik dat Volk vertellt“. Der Anfang lautet (Puker sind Messingnägel mit runden Köpfen): „He harr en Handstock mit en Reem, en Wittdorn ut de Heck, In jede Dorn en Puker slan un nerrn en mischen Peek.“ Klaus Groth erzählt in 22 Zweizeilern, daß dieser Stab im Uhrgehäuse stand und daß er, wenn einer sterben mußte, zum Wandern und zur Voranzeige des Todes zwang: „He pickt ant Fenster: een! twee! dree! kikt aewer de Luken weg: Al menni Hart und Spinnrad stock, de em dar kiken seeg.“ Der unglückliche Besitzer versucht sich des Stabes zu entledigen: er steckt ihn in einen Graben, wirft ihn in einen Bach, bricht ihn entzwei, verbrennt ihn — aber er kehrt immer wieder zurück, bis ihn, an einem Weihnachtsabend, ein Unbekannter holt. Bechstein hat aus den Vorlagen eine ausführliche Erzählung vom Stab des ewigen Juden gemacht und ein moralisches Exempel vom unrechten Gut eingeflochten, das Unglück bringt. Er malt düster und schaurig aus, führt die unbekannte Silbermünze aus der Zeit des Tiberius ein und in archaisierend biblischer Sprache den Bericht des Stabes über seine Herkunft, um in die Allegorie überzuleiten, daß fortan „des Herrn Stecken und Stab“ den reumütigen Knaben (den er überdies Jakob nennt) trösten werde. Merkwürdig ist auch, daß Bechstein mehrfach davon spricht, der Stab habe etwas von einer kalten, aber lebendigen Schlange an sich (vgl. Bechsteins Vorliebe für Erzählungen über Schlangen […]). Daß ihn der Stoff vom ewigen Juden besonders fesselte, geht auch aus der Tatsache hervor, daß er unter Nr. 18 in seinem Deutschen Sagenbuch zwei Sagen aus diesem Kreis brachte und eine davon ausführlich in NDMB 28 neu erzählte. […]

Offen bleibt: Haben sich Moses und Aaron wirklich den selben Wanderstock geteilt? Was hatte Tiberius in Jerusalem zu schaffen? Konnte Jacob aus seiner neu erworbenen Sehergabe kein Kapital schlagen? Warum und woher heißt der Stock im letzten Satz auf einmal „Wehe“? — Das Märchen geht also weder gut oder schlecht aus, sondern eigentlich gar nicht.

Ludwig Richter, Auf Bergeshöhe, ca. 1840

Bilder: Ferdinand Diez: Ludwig Bechstein, 1843
aus: Klaus Günzel: Die deutschen Romantiker. Artemis, Zürich 1995;
Jean-Adolphe Beaucé pour Eugène Sue: Le Juif errant, 1844 des Œuvres illustrées d’Eugène Sue, vol. 3,
illustré par J. A. Beaucé, G. Staal, Paris, s.n., 1850;
Wassili Grigorjewitsch Perow: Der Pilger, 1870;
Ludwig Richter: Auf Bergeshöhe, ca. 1840, Sammlung Dr. Oscar Reinhardt, Winterthur.

Written by Wolf

14. August 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Romantik

Wunderblatt 2: Petra, übergeben Sie

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Update zu gestern:

Die Kalanchoe pinnata wurde ersteigert. Sie existiert schon im zauberhaften Hexengärtchen einer freundlichen Petra im oberösterreichischen Steyr — und wird bei mir mit sieben dickblättrigen Schwestern einziehen. Oder sind es doch Brüder? Wir werden es diskutieren.

Österreich ist gut, das kommt mir sehr entgegen. Grenzerfahrung 1: Meine erste Auslandsüberweisung ohne Paypal.

Grenzerfahrung 2: Der neunhundertblättrige Munken-Works-Papierklotz ist innen tatsächlich noch grüner, als jede Pflanze jemals werden kann. Und neunhundertblättriger als jede Kalanchoe.

Munken Works Papierklotz auf dem Schreibtisch

Wie gestern angedeutet, muss die pinnata einen Namen bekommen. Im Gespräch sind Arthur oder Margot. Wer einen anderen vorschlägt, den ich verwende, verdient sich ein Brutblatt einer Kalanchoe seiner Wahl: houghtonii, daigremontiana, delagonensis/tubiflora, Neue Hybride, fedtschenkoi, laetivierens, pinnata oder rosei/serrata.

Written by Wolf

12. August 2014 at 15:12

Wunderblatt 1: Vorläufige zurüstende Theorie und Praxis der Kalanchoe pinnata

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——— Goethe: Mit einem Blatt Bryophyllum calycinum
an Marianne von Willemer, 12. November 1826:

Was erst still gekeimt in Sachsen,
     Soll am Maine freudig wachsen.
Flach auf guten Grund gelegt,
     Merke wie es Wurzeln schlägt!
Dann der Pflanzen frische Menge
     Steigt in lustigem Gedränge.
Mäßig warm und mäßig feucht
     Ist, was ihnen heilsam deucht.
Wenn du’s gut mit ihnen meinst,
     Blühen sie dir wohl dereinst.

Wenn einer noch nicht so recht in Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt eingestiegen ist, wäre jetzt eine günstige Gelegenheit. Zum anstehenden zweiten Jahrestag der Unternehmung, zugleich 265. Goethe-Geburtstag, will ich praxisbezogener und persönlicher werden. Es heißt ja „Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie“, dabei war mein Leben umgekehrt immer eine angewandte Poesie des Hätt-ich-Doch.

Weil man ja, wie früher erkannt, nie bereut, was man getan, sondern was man unterlassen hat, will ich eine Kalanchoe pinnata auf ihrem Lebensweg begleiten. Das ist diejenige der über 25 Bryophyllum-Arten aus der Familie der Crassulaceae (das sind: die Dickblattgewächse), die Goethe, Bryophyllum-Züchter ab 1818, als pantheistische Pflanze eingestuft hat — warum, dazu kommen wir noch zur Genüge.

Bryophyllum calycinum im Botanical Magazin Band 34, Tafel 1409, 1811Goethe kannte dieses einnehmende Gewächs noch als Bryophyllum calycinum; die Systematik hat sich im Laufe der Jahrhunderte so oft umgeschichtet, dass heute nicht einmal die wissenschaftliche Bezeichnung vollends geklärt ist. Eindeutig konnte ich anhand Beschreibungen und Abbildungen klären, dass Goethe die Pflanze gemeint hat, die heute am gängigsten Kalanchoe pinnata heißt. Andere wissenschaftliche Namen sind Bryophyllum pinnatum, Cotyledon pinnata, Crassula pinnata und Sedum madagascaricum.

Deutsch heißt die Kalanchoe pinnata, die sich leicht mit ihrer spitzerblättrigen Schwester daigremontiana verwechselt, aus dem erwähnten pantheistischen Grund Goethepflanze, aber nicht oft. Häufiger findet man: Brutblatt — wegen ihrer Fortpflanzungsart „flach auf guten Grund gelegt“ — oder spiritueller: Heiliges Blatt; oder Schwiegermutterpflanze, warum auch immer. Der Heilpflanzenkatalog Olitätenhof Lichtenhain weiß sogar:

Aufgrund des hohen Verbreitungsgebietes der Goethepflanze, ist die Liste der volkstümlichen Bezeichnungen enorm. Sie dürfte bei über 100 Bezeichnungen liegen. Dazu gehören so ausgefallene Bezeichnungen wie Coirama oder Hoja de Aire, im englischen würde man letztere Bezeichnung als Air Plant übersetzen und genau diese Bezeichnung findet man auch im englischen Sprachraum [und laut Factsheet der Weeds of Australia als weitere common names: Canterbury bells, cathedral bells, curtain plant, floppers, good luck leaf, green mother of millions, leaf of life, life plant, live leaf, live leaf plant, live plant, live-leaf, Mexican love plant, Mexican loveplant, miracle leaf, resurrection plant, sprouting leaf]. In Deutschland nennt man sie dementsprechend Luftpflanze, was nur eine von mehreren Bezeichnungen darstellt. Weitere wären Brutblatt, Keimzumpe, Lebenszweig, Kindlipflanze (Kindl nennt man die sich am Blattrand bildenden Jungpflanzen) oder auch Goethepflanze.

Für unsere Zwecke will ich das ebenfalls oft anzutreffende Wunderblatt verwenden. So weit die genügend verwirrende Theorie.

In Gärtnereien und Blumenläden ist Kalanchoe pinnata praktisch nicht aufzutreiben, weil sie dort als hartnäckiges Unkraut gilt; an Kalanchoen hat sich im Handel überhaupt nur die kräftigbunte blossfeldiana als „Flammendes Käthchen“ durchgesetzt. Gut so: Das bedeutet, dass pinnata in ihren Ansprüchen keine besondere Zicke sein kann und weitgehend von selbst wachsen wird.

Meine Sorge für das Wunderblatt soll also in einem sonnigen bis absonnigen Standort und mäßigem Gießen bestehen. Auf keinen Fall Staunässe, weil das Wunderblatt sukkulent lebt. Das krieg ich hin.

Mehrjährig bis ausdauernd ist es, aber nicht winterhart. Nächster Pluspunkt: Ich hätte mir auch nützliche und nahrhafte Tomaten ziehen können, wenn nur die Sträucher nicht einjährig wären und sterben, kaum dass man Freundschaft mit ihnen geschlossen hat: Wenn ich mir den Tod ins Haus holen will, züchte ich Schwarzschimmel (Aspergillus niger). Überwintern kann pinnata gern auf meinem Schreibtisch, im Sommer gedenke ich ihm Auslauf auf dem Fensterbrett im Hinterhof zu gönnen, das wird schön.

Vor allem gedenke ich das Wunderblatt zu zeichnen, möglichst täglich und in verschiedenen Techniken. Die Leute schenken mir gern so tolles Zeichenzeug (jawohl: Zeug — weil ich nichts im Haus haben will, das „Utensilien“ heißt, da bin ich Zicke), das schließlich benutzt sein will. Vorrätig sind zwei verschiedene grüne Tinten: Smaragd und Mädesüß, das geht auch für ein Dickblattgewächs, und einige schwarze, Graphit, Rötel, Bister, Sepia und allerlei Federn, darunter Gans, Rabe und Glas — und eingerichtet ist ein Platz auf dem Schreibtisch mit einem eigens erworbenen Papierklotz aus 900 (in Worten: neunhundert) Blättern aus dem schwedischen Hause Munken Works im deutschen Steidl Verlag. Munken residiert bei Göteborg, was ich sehr sinnig finde, und die Hundertschaften an schmeichelstreichelrauem Papier sehr einladend. Hei, das gibt einen großen Haufen Wunderblätter.

Wir schauen den Papierklotz schon auf dem Bilde unten. Das gleicht dem Versuch, einen Mamablog einzurichten, während die künftigen Eltern sich gerade im Internet kennenlernen, aber es soll weder neun Monate dauern, bis ich auf Ebay eine ausgewiesene pinnata erbeute, noch muss meine Frau auf meine Models eifersüchtig sein. Es gibt noch andere Sachen zu zeichnen als nackige Frauen, gerade pinnata mit ihren Einzelteilen, Wuchsformen und Entwicklungsstadien sollte jemandem, der Zeichnen vor allem als Schule der Wahrnehmung begreift, eine Fülle von Zeichenmotiven bieten, und die botanischen Zeichnungen von vor der Goethezeit bis zur Gegenwart sind eigentlich immer wunderschön. Auch daher: „Wunderblatt“.

Eine so genannte Weblogkategorie hat es auch schon, das Blatt. Überhaupt trägt ein sotanes Projekt ein optimistisches, lebensbejahendes Element in einen Weblog, der nach Weheklagen und Höllenfahrten heißt, sich aber von Anfang an eher der heiteren Erkenntnis verpflichtet sah und selbst mir schon lange zu defätistisch klingt.

Ein Unkraut großziehen, das kann doch nicht so schwer sein.

Einen Namen wird es brauchen und einen angeglichenen Reim statt dessen mit „Sachsen“ und „am Maine“. Ich liebäugele mit „Arthur“ oder „Margot“, je nachdem, was es wird. Hat jemand andere Vorschläge? Kommentiert fleißig!

Schreibtisch mit Goethe und Munken Works

Bilder: Kolorierter Kupferstich von Bryophyllum calycinum
in Curtis’s Botanical Magazine Band 34, Tafel 1409, London 1811;
Schreibtisch mit Goethe und Munken Works, selber gemacht und gemeinfrei.

Written by Wolf

11. August 2014 at 14:38

Veröffentlicht in Grünzeug & Wunderblätter, Klassik

Von den beiden Mädchen auf dem Felde

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Update zu Es ist:

7. August: Ringel ist 131.

——— Joachim Ringelnatz: Aneinander vorbei
aus: 103 Gedichte, 1933:

Vom Speisewagen
Durchs Land getragen,
Siehst du Dörfer, Felder, Katz und Küh.
Angenommen, daß dir das Menü
Nichts kann sagen.

Irgendwo: Zwei Barfußmädchen winken.
Wissen selber nicht, warum sie’s tun,
Lassen ihre arbeitsharten Hände
Für Momente ruhn.

Wissen nicht, daß deine Hände sinken,
Winken,
Grüßen
In den ganzen langen Zug hinein,
Ahnen nicht, daß du die Scholle sein
Möchtest unter ihren schmutz’gen Füßen.

Angelangt, ergibst du mittelgroß
Dich der Höflichkeit, dem Stande und dem Gelde.
Nachts im Bett träumst du hoffnungslos
Von den beiden Mädchen auf dem Felde.

Jules Adolphe Aimé Louis Breton, Returning from the Fields, 1871

Bild: Jules Breton: Heimkehr vom Feld, 1871, Walters Art Museum, Baltimore, Maryland.

Besonderen Dank an Elke fürs Bildersuchen!

Written by Wolf

7. August 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Novecento

Vergleichende Ikonographie: Mephisto ist ein mieser Verräter

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Update zu Die Zueignung der Zuneigung:

So kann man’s nämlich auch sehen.

Das Schicksal ist ein mieser Verräter, 2014

——— Wald und Höhle:

Faust.
Pfuy über dich!

Mephistopheles.
            Das will euch nicht behagen;
Ihr habt das Recht, gesittet pfuy zu sagen.
Man darf das nicht vor keuschen Ohren nennen,
Was keusche Herzen nicht entbehren können.
Und kurz und gut, ich gönn’ Ihm das Vergnügen,
Gelegentlich sich etwas vorzulügen;
Doch lange hält Er das nicht aus.
Du bist schon wieder abgetrieben,
Und, währt es länger, aufgerieben
In Tollheit oder Angst und Graus.
Genug damit! dein Liebchen sitzt dadrinne,
Und alles wird ihr eng’ und trüb’.
Du kommst ihr gar nicht aus dem Sinne,
Sie hat dich übermächtig lieb.
Erst kam deine Liebeswuth übergeflossen,
Wie vom geschmolznen Schnee ein Bächlein übersteigt;
Du hast sie ihr in’s Herz gegossen,
Nun ist dein Bächlein wieder seicht.
Mich dünkt, anstatt in Wäldern zu thronen,
Ließ es dem großen Herren gut,
Das arme affenjunge Blut
Für seine Liebe zu belohnen.
Die Zeit wird ihr erbärmlich lang;
Sie steht am Fenster, sieht die Wolken ziehn
Ueber die alte Stadtmauer hin.
Wenn ich ein Vöglein wär’! so geht ihr Gesang
Tagelang, halbe Nächte lang.
Einmal ist sie munter, meist betrübt,
Einmal recht ausgeweint,
Dann wieder ruhig, wie’s scheint,
Und immer verliebt.

Faust, 1960

Stills: Shailene Woodley und Ansel Elgort in Das Schicksal ist ein mieser Verräter, 2014;
Will Quadflieg und Gustaf Gründgens in Faust, 1960,
via The Media Tourist: We Are Stardust, 6. Juni 2014;
Hans-Ulrich Stoldt: Erfinder & Pioniere: Der Mogeldoktor in: Der Spiegel, 29. September 2009.

Wenn ich ein Vöglein wär: Grouplove: Let Me In, aus: The Fault in Our Stars, 2014.

Written by Wolf

1. August 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Klassik