Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for September 2016

Amy and Hir Nether Ye

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Get smart by watching TV: I liked Dr. Amy Farrah Fowler, played by real-life neuroscience Ph. D. Mayim Bialik, from the beginning, which was in the final episode of season 3, The Lunar Excitation from May 24th, 2010.

Chaucer has been fun since 2001 A Knight’s Tale, with Paul Bettany prancing around naked and doing his stirring declamations for Sir Ulrich Von Lichtenstein (who does exist). By reciting The Miller’s Tale on a casual basis, Mayim Bialik gives the heteronormal male nerd something to fall in love with. And everybody else into smart big girls, of course.

——— Geoffrey Chaucer:

The Miller’s Tale

end: verse 3850–3854, c. 1385:

Thus swyved was this carpenteris wyf,
For al his kepyng and his jalousye;
And Absolon hath kist hir nether ye;
And Nicholas is scalded in the towte.
This tale is doon, and God save al the rowte!

The Big Bang Theory, The 21-Second Excitation, 2010

In language …:

And that is how the carpenter’s wife was screwed, for all the carpenter’s watchfulness and paranoia; how Absolom kissed her nether eye; and how Nicholas got his ass burned. Thank you, and God bless every one of us!

The Big Bang Theory, The 21-Second Excitation, 2010

… and explained …:

This passage, the rhyming conclusion to the Miller’s Tale, neatly resolves the story by offering a reckoning of accounts. Everyone in the story has learned his or her lesson and gotten the physical punishment he or she deserves. The carpenter’s wife, Alisoun, was “swyved,” or possessed in bed by another man, in this case, Nicholas. John, the ignorant and jealous carpenter, has been made a cuckold, despite his watchful and possessive eye. Absolon, the foolish and foppish parish clerk, has kissed Alisoun’s behind, fair punishment for evading his clerical duties. Nicholas, the smart-alecky student who cheated on the carpenter with Alisoun, has been burned on his bottom with a red-hot poker as payback for farting in Absolon’s face. Still, the distribution of punishments is not entirely equal. John is dealt the worst lot—he ends up with a broken arm and the whole town believing he has gone insane. Alisoun’s “swyving” is a double punishment for John, while Alisoun herself escapes unscathed.

The Big Bang Theory, The 21-Second Excitation, 2010

… and in heavy use on girls‘ night as in The Big bang Theory, season 4, episode 8: The 21-Second Excitation, November 11th, 2010:

Amy: „And Absolon hath kist hir nether ye;
And Nicholas is scalded in the towte.
This tale is doon, and God save al the rowte!“

Penny: What the hell was that?

Amy: Bernadette dared me to tell a dirty story. The Miller’s Tale by Chaucer is the dirtiest story I know. It would have been hidden in sock drawers if people in the 14th century had worn socks.

The Big Bang Theory, The 21-Second Excitation, 2010

HERE ENDETH THE MILLERE HIS TALE.

The Big Bang Theory, The 21-Second Excitation, 2010

Images: Quirks and All, December 28th, 2013.

The Big Bang Theory, The 21-Second Excitation, 2010

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Written by Wolf

30. September 2016 at 00:01

Wein-Lese

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Update zu Einige Reste Wein und
Ich trinke ein Glas Burgunder!:

Gut! wenn ich wählen soll, so will ich Rheinwein haben.
Das Vaterland verleiht die allerbesten Gaben.

Frosch, Auerbachs Keller, Vers 2264 f.

Da ist mir dieser Tage ein exquisites Tröpfchen aufgefallen. Und ich sag’s gleich: Es ist nicht erhältlich. Es ist der Rheinwein von Karl Simrock — den er nicht nur fleißig verzehrt, sondern in Eigenanbau und Kelterei hergestellt hat. Der Dichter und Gelehrte war nämlich nebenher Freizeitwinzer und übrigens auch Spargelbauer.

Heinrich Reifferscheid, Karl Simrocks Studierstube im Haus Parzival, Zeichnung 1905

Schade drum, das zu verkosten wäre ähnlich interessant wie das Stöffchen, das einst E.T.A. Hoffmann befeuert hat, aber nicht namentlich überliefert ist. Über Simrocks Menzenberger Eckenblut weiß man: Es war wohl eine Fuchs- oder Erdbeerrebe, also von eher geringer Qualität — und aus der Ortsgeschichtsschreibung: „Der Weinanbau in Menzenberg endete Ende der 1950er-Jahre“, und als aktuellste Meldung aus dem Bonner General-Anzeiger vom 29. März 2012: Rebfläche am Weingut Menzenberg soll rekultiviert werden:

Professor Helmut Arntz rettete es vor 30 Jahren vor dem Untergang und ließ es mit großem Einsatz restaurieren. Nur Wein wird eben nicht mehr am Menzenberg angebaut. Lediglich eine alte Simrock-Rebe wurde entdeckt und seither von der Weinbruderschaft Mittelrhein-Siebengebirge gehegt.

Ihre Ideen zur Rekultivierung des Weinhanges Menzenberg stellten jetzt Peter Weinmann von der Karl-Simrock-Forschung Bonn und Jan Dirk Schierloh von der Stiftung Rheinische Kulturlandschaft im „Weingut Menzenberg“ vor. „Ziel ist es, einen 4000 bis 5000 Quadratmeter großen Teilabschnitt zu rekultivieren“, sagte Schierloh.

Die Fläche ist im Eigentum von Hartmut und Helga Möltgen, den Inhabern des Weingutes Menzenberg, das sie restauriert haben und als Gaststätte betreiben. An einen professionellen Weinanbau haben die Initiatoren freilich nicht gedacht, sondern es geht um den kulturgeschichtlichen Aspekt. Bis zur Säkularisation 1803 hatten hier verschiedene Orden Weingüter. Danach verkaufte der Staat das ihm zugefallene Eigentum. So gelangte auch in die Familie des Bonner Musikverlegers und Beethoven-Freundes Nikolaus Simrock ein Weingut.

Weinkultur MenzenbergDie Inhaber eines Weingutes, die darauf eine Gaststätte betreiben, haben nicht daran gedacht, Wein anzubauen? Boshaft gesagt ist es dann auch kein Wunder, dass Familie Möltgen, ein ausgestiegenes Lehrerehepaar, bis Ende 2013 die letzten Wirtsleute waren — erneut nach Information des Bonner General-Anzeigers am 11. September 2013: Familie Möltgen verkaufen Anwesen am Menzenberg:

Der gastronomische Betrieb, den das Ehepaar betrieben hat, ruht bereits zum größten Teil. Ende des Jahres [2013] wird er endgültig eingestellt. In Zukunft wird das historische Anwesen ausschließlich als Mehr-Generationen-Wohnhaus genutzt.

Der aktuelle Stand über Simrocks Anwesen ist laut Adressverwaltung der Stadtinformation Bad Honnef:

Nach wechselvollen Jahrzehnten mehrerer Eigentümer, Bewohner und baulichem Niedergang, kaufte Prof. Univ. Dr. Helmut Arntz, Fachkollege Simrocks und Bad Honnefer im Jahr 1980 bei einer Zwangsversteigerung das Anwesen. Es erfolgte der Eintrag in die Denkmalliste und der langwierige Wiederaufbau des abbruchreifen „Haus Parzival“ . Die Treppe, Fenster, Türen und Außenläden, die teilweise im Garten herumlagen, sind original, im Keller ist noch das Loch für die Schläuche zum Füllen und Abziehen der Weinfässer zu sehen. Von Simrocks Einrichtung ist im „Haus Parzival“ jedoch nichts mehr vorhanden.

Der alte Weinberg existiert nicht mehr, dort stehen heute Fichten und alte Obstbäume. Aber auf dem Grundstück des „Haus Parzival“ fand man eine meterlange Amerikaner-Rebe aus der Epoche Karl Simrocks am Menzenberg, die sich zwischen den Ästen eines Apfelbaumes schlängelte. Prof. Arntz ließ eine Pergola bauen, die dem kostbaren Fund seither Schutz und Entfaltungsmöglichkeit bietet.

Ansprechpartner zu Haus Parzival ist Herr Klaus Weinmann von der Bonner Karl-Simrock-Forschung, keine Besichtigung möglich, nur der Ausgangspunkt für den Literarischen Simrock-Freiligrath-Weg, der kein Rundwanderweg ist.

Weinkultur MenzenbergMan braucht also derzeit nicht hin, um zu bleiben; weder gibt es den Wein der Sehnsucht noch eine kulturell bedeutsame Einkehr (kein Zweifel besteht hingegen an der allgemeinen Einkehrkultur dieses Landstrichs, gerade auch entlang des Literarischen Simrock-Freiligrath-Weges). Mir hätte das damals noch geöffnete Wirtshaus schon 2007 auffallen sollen, als ich für Moby-Dick™ dem sehr deutschfreundlichen Amerikaner Eric T. Hansen bei seinem Versuch gefolgt bin, das Land der Deutschen mit der Seele zu suchen. Damals hat mir offenbar genügt, seinen anrührenden Abschnitt aus Planet Germany. Eine Expedition in die Heimat des Hawaii-Toasts von 2006 zu verbreiten. Das mach ich glatt noch einmal, diesmal mit Blick auf den Wein. Wir werden ja alle nicht jünger.

Planet Germany geht über die typisch deutschen Selbstkasteiungen, wie typisch deutsch der typische Deutsche doch sei, weit hinaus; die Qualität rührt nicht daher, dass überraschenderweise doch Amis klug und Deutsche doof sind, sondern von der Distanz schaffenden, jeoch teilnehmenden Sicht von außen. Man stelle sich vor: Amerikanische Jungs wissen sich ihrer Vorliebe zu deutschen Mädchen nur zu erwehren, indem sie welche heiraten. Erwachsen geworden, schreiben sie Bücher mit einer Aufmerksamkeitsspanne von über 15 Sekunden. Und Hawaiianer wohnen freiwillig im verregneten Deutschland, machen ihren Magister in deutscher Mediävistik und passend dazu eine ausführliche Nibelungenreise (und der New Yorker Seemann Herman Melville liest — ich möchte es berücksichtigt haben — nachweislich die Gespräche mit Goethe von Eckermann) — eine Idee, mit der einem Deutschen zu kommen sich einer erst mal trauen muss.

Weinkultur MenzenbergDas Wohltuende daran ist: Es verhält doch nicht nur so, dass der blindgeschlagene Deutsche an sich dauernd irgendwelchen kulturlosen Besatzern nacheifert. Gerade Karl Simrock hat versucht, das deutsche Nationalepos des Nibelungeliedes durch selbst zusammengesuchtes Sagenmaterial in einem Amelungenlied zu vervollständigen. Meine Ausgabe davon hat etwa 860 Seiten, mehr als das Nibelungenlied. Es war von Anfang an kein Bestseller, meine 860 Seiten sind in Fraktur und ohne Jahreszahl, an eine ISBN war noch lange nicht zu denken, aber wohl von ungefähr anno 1900 — vor allem, falls es die jedenfalls von Gotthold Klee eingeleitete Ausgabe ist. Das Amelungenlied gibt’s also schon länger nicht mehr als den Wein, und für den Sagenkreis um Dietrich von Bern ist man — kein Scherz — am ehesten auf norwegische Literatur angewiesen — weil nämlich ein aufstrebender Komponist in der Tradition von Richard Wagner namens Adolf Hitler seine geplante Dietrich-Oper wegen anderweitiger Bestrebungen nicht zu Ende brachte und man seither nicht weiß, was man daran verpasst oder sich statt dessen eingehandelt hat.

Karl Simrock wohnte seit 1832 auf dem Weingut und erwarb es 1834 — 32-jährig — für 2367 Taler. Etwa um diese Zeit nahm er die Arbeit am Amelungenlied auf, das ihn allerdings mehrere Jahrzehnte lang beschäftigte. Gedruckt erschein es 1843 bis 1849. Das Etikett zu seinem eigenen Wein ist auf launige Weise antikisierend vom Winzer selbst gedichtet, allerdings wird nirgends klar, ab wann genau; die erhaltenen Vorlagen deuten schon auf frühestens 1840, als Simrock sehr vertieft in die Dietrichepik gedacht und gelebt haben muss. Es bedient sich in Namensgebung und Anpreisung der Dietrichssage.

——— Karl Simrock:

Menzenberger Eckenblut

Weinetikett, ca. 1840. Unterteilung in mehrere Bildfelder durch knorrige Weinstücke. In der Mitte Ansicht von Simrocks Weingut, darüber weinumrankt die Lagebezeichnung, darunter die nur zur Hälfte vorgedruckte Jahrgangsbezeichnung 18[..], via Karl-Simrock-Forschung:

Held Dietrich schlug Herrn Ecken
Zu Tod, den kühnen Mann.
Nun lassen wir uns schmecken
Das Blut, das ihm entrann.

Die Erde hat’s getrunken
Die Rebe saugt‘ es ein
Zuletzt in’s Faß gesunken
Ward es ein edler Wein.

Und trinken wir des Weines
So giebt des Helden Blut
Dem kühnen Sohn des Rheines
Erst rechten Heldenmuth.

Wir fürchten keinen Gegner;
Auf dieser Erde Stern
Lebt auch kein Ueberlegner,
Kein Dietrich mehr von Bern.

Ein jedenfalls größerer Bestseller als alles von Karl Simrock ist Planet Germany von Eric T. Hansen 2006. Ein Stück von geradenwegs zärtlicher Anteilnahme auf der Suche nach dem Inbegriff deutschen Wesens, die sich dem zumal deutschen Leser rückwirkend wiedermitteilt, schafft Hansen in .

——— Eric T. Hansen:

Die Deutschen machen aus ein paar toten Dichtern dermaßen Kult,
dass man fast meint, sie würden sie auch lesen

aus: Planet Germany, unter Mitarbeit von Astrid Ule, Fischer Taschenbuch Verlag 2006:

Weinkultur MenzenbergAm Ende einer steilen, von Bäumen gesäumten Straße hoch über dem Rhein steht ein zweistöckiges Haus, das im spätklassizistischen Stil auf dem Gewölbe einer uralten Kellerei der Minoritenmönche gebaut wurde. Die Villa heißt Haus Parzival. Hier hat der Germanist, Übersetzer, Dichter und Vollblutromantiker Karl Simrock seine Sommer verbracht.

Simrock hatte bei Schlegel und Arndt studiert, empfing ab und zu Besuch von den Grimms und Ludwig Uhland und verfasste schwärmerische Gedichte über die Schönheit des Rheins. Bekannt wurde er als Übersetzer zahlreicher Werke des Mittelalters und des germanischen Altertums, von der Edda über die Gedichte Walthers von der Vogelweide bis hin zu Wolframs Parzival. Sein größtes Verdienst war, das Nibelungenlied mit einer schwungvollen und lesbaren Übersetzung populär zu machen, ja es gar zu einer Art deutschem Ersatz-Gründungsmythos zu erheben. Er gehörte zum harten Kern der deutschen Identitätsbastler.

Sein Haus Parzival liegt ein paar Meter ab von der Straße hinter einem schwarzblauen, verschnörkelten Eisenzaun. Das Haus ist gelb, dieses typisch deutsche Buttergelb. Das sanft ansteigende Gelände ist voller Pflanzen – gepflegte Blumenbeete, Wildgräser, selbst das Unkraut ist malerisch. Dazwischen ein Teich, ein Vogelbad, ein hölzerner Tisch mit Stühlen. Ein Ahorn, eine Esche, eine Trauerweide machen den Garten schattig.

Ich stand eine Weile da und betrachtete den Garten. Er strömte Ruhe aus, und ich bildete mir ein, dass man von hier aus den Rhein riechen konnte. Alles war leicht. Hier war jeden Tag Sommer.

Ich stellte mir vor, wie Simrock im Garten spazieren geht. Zwischendurch greift er zum Gartenwerkzeug und kümmert sich um seine neuen Spargelbeete. Er hat ein Buch dabei, einen dieser alten Lederbände, die von außen kaum identifizierbar sind, weil der Umschlag keine bunte Abbildung enthält. Es ist sicher der Iwein. Nach einer Weile setzt er sich hin und liest. Wenn der Tag zur Neige geht, nimmt er ein Glas Wein dazu.

Weinkultur MenzenbergEs war das perfekte deutsche Leben. Das Leben, das die meisten Deutschen heimlich leben wollen – damals wie heute. Ein großes Haus – weder eine Mietwohnung noch eine protzige Villa, eher ein … Anwesen. Genug Geld, um finanziell unabhängig zu sein, aber nicht so viel, dass man als reich beschimpft wird. Im Haus hat man eine Küche mit offenem Kamin. Keine Mikrowelle, kein Plastik. Alles strahlt Ursprünglichkeit aus: Stahl, Stein, Holz. Im Salon ein altes Klavier, ein echter Perser, ein echtes Hausmädchen. Ein Arbeitszimmer – pardon, eine Privatbibliothek natürlich, mit bequemen Stühlen und einem breiten Schreibtisch, denn „arbeiten“ heißt, man befasst sich mit dem Griechischen und mit Latein. Der ideale Deutsche arbeitet mit den Dingen des Geistes. Nicht des Hirns, sondern des Geistes. Er hat Muße. Dass er kein Snob ist, zeigt, dass er nebenbei ein Handwerk ausübt. Er respektiert die Arbeit mit den Händen und verbringt deshalb viel Zeit im Garten, er kocht selbst in der Küche, wenn Gäste kommen, oder, wie Simrock es tat, er legt einen kleinen, edlen Weingarten an und nennt seinen Wein nach einer Figur aus den alten Schriften, mit denen er sich gerade beschäftigt: Eckenblut, nach dem Riesen in der Dietrichssage. Wenn Freunde vorbeikommen, geht man am Rhein spazieren und diskutiert die Arbeit am griechischen Text und die Entwicklungen in Frankreich oder den anderen wichtigen Regionen der Welt.

So will jeder Deutsche sein, dachte ich mir, als ich da stand. Was vor mir liegt, ist nichts weniger als die deutsche Seele selbst. Meine Chance war gekommen. Ich musste mich nur ein Stündchen an diesen Tisch in den Garten setzen, dann würde sie sich schon blicken lassen. Wenn ich die jetzigen Bewohner nett fragte, würden sie es sicher erlauben.

Ich klingelte. Aber es machte keiner auf. Niemand war zu Hause.

Das Weinetikett gibt’s sogar noch zu kaufen: ca. 19 cm x 26 cm (geringfügige Abweichungen im Papierformat möglich) für 90 Euro zzgl. Versandkosten. Wie gesagt, ohne den Wein.

Menzenberger Eckenblut

Bilder: Haus Parzival, Menzenberg 9, das Weingut von Karl Simrock in Weinkultur Menzenberg, Januar 2013:

  1. Heinrich Reifferscheid: Karl Simrocks Studierstube im Haus Parzival, Zeichnung 1905;
  2. Heinrich Reifferscheid: Haus Parzival, Gemälde 1895;
  3. Dankward Heinrich: Der alte Weg zu Haus Parzival führte südlich des Baches (heute privat);
  4. Dankward Heinrich: Karl Simrocks Haus, 2013;
  5. Klaus Rick: Haus Parzival, Eingang — über der Haustür die Initialien des Ehepaars Simrock;
  6. Dankward Heinrich: Weinbergsweg oberhalb Haus Parzival (links unterhalb des Zauns);

Weinetikett Menzenberger Eckenblut: Carl Schlickum via Karl-Simrock-Forschung Bonn.

Soundtrack: einer der wenigen genießbaren Momente bei Richard Wagner: Orchesterzwischenspiel vor dem I. Aufzug: Siegfrieds Rheinfahrt, aus: Götterdämmerung, 1876, unter Zubin Mehta in Valencia, 2008:

Written by Wolf

23. September 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Nahrung & Völlerei, Romantik

Touristengeheimtipp mit Gewinnspiel (geschlossen): Meide das Oktoberfest!

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Update zu Große Zusammenkünfte, die mehr einer Feierlichkeit als einem geselligen Vergnügen gleichen,
Nur die Wurst hat zwei und
Isarathen ist die nördlichste Stadt Italiens:

Bayerische Staatsbibliothek, Plakat Bilderwelten 2016, DetailAch Gott, schon wieder Oktoberfest. Nachdem meiner bescheidenen, weil sehr eingeschränkten Wahrnehmung nach da wirklich jeder in München ist, muss ich mal eine Lanze brechen: München hat auch schöne Ecken.

Die grundsätzlich wunderschönen Ausstellungen der Bayerischen Staatsbibliothek, die sehr viel mehr wert wären als den freien Eintritt, sind ab sofort als App erreichbar. Weil ich ein altmodischer Mensch bin, der davon abrät, mehrere Jahrhunderte alte Bücher im Gegenwert eines Münchner Vororts auf der Größe eines womöglich noch gesprungenen Telefons anzuschauen, empfehle ich vielmehr allen meist nicht weniger altmodischen Menschen, persönlich zur Ausstellung Bilderwelten 2016. Buchmalerei zwischen Mittelalter und Neuzeit zu kommen.

Die Ausstellung hat drei Teile, die nicht räumlich, sondern zeitlich getrennt liegen: Vom 13. April bis 15. Juli war die Eröffnungsausstellung Luxusbücher, seit 25. Juli noch bis 6. November herrscht Ewiges und Irdisches. Mitteleuropäische Buchmalerei 1400–1540, und Aufbruch zu neuen Ufern kommt ab 14. November 2016 bis 24. Februar 2017. Sie können also dreimal hin, bis jetzt noch zweimal, was gar nicht so schlecht ist. Die Stabi liegt angenehm zentral, wird im Sommer gekühlt und im Winter geheizt, zur Ausstellung — in den Schatzkammern — geht’s einmal die Treppe rauf und zweimal rechts, und wenn Sie wieder rauskommen, entfaltet sich schon am Ausgang der Kneipenreichtum der Schellingstraße. Wer da noch zögern wollte.

Öffnungszeiten: Montag–Freitag 10:00–17:00 Uhr, Donnerstag 10:00–20:00 Uhr sowie am 1. Sonntag im Monat 13:00–17:00 Uhr. Der Eintritt ist frei. Kostenlose öffentliche Führungen jeweils donnerstags um 16:30 Uhr sowie jeden 1. Sonntag im Monat um 14:00 Uhr.

Wer schryben kan
der sol schryben
wer mâlen kan
der sol belîben
och damit
Ain ieglicher sol
begen daz er kome wol.

Von den gemalten
bilden sint
die geburen
und die kint
gevreuwet oft.
Wer nit enkan
versten
waz ein bider man
an der geschrift
versten sol
dem sy
mit den bilden wol.

Der pfaffe sehe
die schrift an
so sol
der ungelernte man
die bilde sehen
sit im nicht
die schrift
zerkennen geschickt.

Der Paffe soll
die Schriften lesen
jedoch
das ungelehrte Wesen
schau bei Bildern
sehr gut hin
und erkenne
so den Sinn.

Diese drei Verslein und wenigen Bilder hab ich von meinem Besuch der Luxusbücher mitgebracht. Ich verschweige absichtsvoll deren Quelle, die man nicht online findet, sondern nur auf den Plakaten im 1. Stock der Bayerischen Staatsbibliothek, auf dem Zugang zu den Ausstellungen in den Schatzkammern. Wer mir in den Kommentar schreiben kann, wo das her ist, muss dort gewesen sein und wird von mir belohnt: Der, sie oder es kriegt von mir ein schönes, eigens angekauftes Buch geschenkt, wird hier im Weblog sehr lobend erwähnt und darf schamlos für etwas werben, das ihm am Herzen liegt. Mein Angebot gilt bis zum Ausstellungsende am 24. Februar 2017.

Bayerische Staatsbibliothek, Plakat Bilderwelten 2016, Detail

Bilder: 1.: Detail aus dem Plakat für die besprochene Ausstellung;
2: Detail aus dem Detail aus dem Plakat für die besprochene Ausstellung, weil mir jemand mit ganz ähnlich abgemagerten Gummizehen einst recht nahe stand;
3.: Berthold Furtmeyr: Baum des Todes und des Lebens aus dem Salzburger Missale, vulgo Furtmeyr-Bibel, vor 1481, via Bayerische Staatszeitung vom 16. April 2016, erklärt siehe Eule der Minerva und in der besprochenen Ausstellung aufgeblättert.

Berthold Furtmayr, Baum des Todes und des Lebens, Salzburger Missale, vor 1481

Soundtrack: F.S.K.: Diesel Oktoberfest aus: The Sound of Music, 1993;
in: Franz Dobler: Wo Ist Zu Hause Mama, Trikont, München 1995:

Written by Wolf

16. September 2016 at 00:34

Der Arzt von Münster in Salzkotten

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Update zu Ein holprichtes Lied mit tiefer und rauher Stimme:

Tja, Münsterland ist stockkatholisch, historisch bedingt, (und Immermanns Oberhof für den Kenner sozialer Verhältnisse ein schlechter Witz. Anderes Thema.)

Arno Schmidt: Seelandschaft mit Pocahontas, 1953, Kapitel iv.

Das muss wirklich einer der am sträflichsten unterschätzten Romane der Romantik und des Biedermeiers zusammengerechnet sein: In Die Epigonen. Familienmemoiren in neun Büchern 1823–1835 von 1836 nimmt sich Karl Immerman alle Zeit, die er braucht, weil er etwas zu sagen hat; es war eine Zeit, in der man sich nicht mit einem Exposé bei allen in Frage kommenden Verlagen und noch einigen mehr verzweifelt um Veröffentlichung bewarb, sondern sein Ding „zum Druck beförderte“. Bis heute ist genau 1 ernstzunehmende Ausgabe davon in Umlauf: die von Peter Hasubek, und die ist von 1981, dafür bei Winkler.

Letzteres bedeutet blitzsaubere Verlagsarbeit, in diesem Fall leider auch eine bilderlose Textwüste. Bei meinem letzten Abruf auf Amazon.de gab’s die für 13,64 Euro für einen „guten“ Zustand bei „leichten Gebrauchsspuren“, als Geldausgabe ist das lächerlich. Alle 640 Seiten des Primärtextes — der Rest der 823 Seiten ist Kommentar — funkeln bunt und quicklebendig, ungefähr wie ein Bollywood-Film, der in der deutschen Provinz des Biedermeiers spielt, falls man sich das ungelesen vorstellen kann.

An manchen Stellen brechen die Figuren sogar in dramaturgisch nicht näher gerechtfertigten Gesang aus. Nein, es sind keine Gedichte eingeflochten, wie das kurz zuvor Eichendorff zum Wohle des Gesamtkunstwerks versucht hat; vielmehr hat Immermann, wie erwähnt, etwas zu sagen, und überlässt das seinen Figuren, die deshalb schon mal ein Kapitel ohne Unterbrechung übernehmen. Das bunteste und quicklebendigste Beispiel dafür bringe ich unten ungekürzt. Ich mag das sowieso immer, wenn ein Film, ein Lied oder eben: ein Roman ausreden darf. — In diesem Sinne zur Literaturgeschichte:

Rainer V., Brünnekenkapelle, Verne, SalzkottenPeter Hasubek verortet im Kommentar das erste Buch Klugheit und Irrtum mit Benno von Wiese: Karl Immermann. Sein Werk und sein Leben, Gehlen Verlag, Bad Homburg, Berlin, Zürich 1969:

B. v. Wiese (II, S. 660 f.) weist mit einiger Wahrscheinlichkeit nach, daß es sich dabei um die Brünnekenkapelle in der Nähe von Verne in Westfalen handelt. Für diese Annahme sprechen sowohl einzelne erwähnte Merkmale der Kapelle als auch die umgebende Landschaft. Drei Kilometer entfernt davon liegt der Ort Salzkotten an dem „Großen Heerweg“ […]. Sonach wäre Salzkotten der Handlungsort des ersten Buches der „Epigonen“.

Dieses Buch von Benno von Wiese existiert und ist für schmales Geld antiquarisch erhältlich. Gegen Hasubeks Nachweis spricht jetzt noch, dass es gar keine 660 und mehr, sondern nur 357 Seiten hat; für Berichtigungen von außen aller Angaben und Annahmen, besonders meiner eigenen, bin ich deshalb wie immer dankbar. — Alle handelnden Personen in Haupt-, Rahmen- und Binnenhandlung einschließlich des erzählenden Arztes wären somit als Ostwestfalen, gemäß der Aufteilung durch den Wiener Kongress als Musspreußen zu denken, die anfangs erwähnte Hauptstadt wäre Münster.

Das Bildmaterial stammt deshalb von Rainer V., der die netzweit schönste und dokumentarisch aufschlussreichste Sammlung über den zutiefst teutschen Regierungsbezirk Detmold, in dem Salzkotten heute liegt, beherbergt und vermutlich noch weiter aufstocken wird. Man ist dort überwiegend katholisch, daher scheint diese Gegend über einen besonderen Reichtum an Wegkreuzen aller Bauarten und Widmungszwecke zu verfügen.

——— Karl Immermann:

Zweites Kapitel

aus: Die Epigonen, Zweites Buch. Das Schloß des Standesherrn, 1836:

Der Arzt zog am runden Tische sein Büchelchen hervor, und las:

Der Lieutenant und das Fräulein

Anekdote aus meiner Praxis

Als ich in der Hauptstadt meinen Kursus machte, lernte ich einen Offizier von der Garnison kennen, der mir wegen seines gesetzten Wesens sehr zusagte, und von allen seinen Kamaraden als ein ruhiger Charakter bezeichnet wurde.

Rainer V., Wegkreuz, SalzkottenDieser ruhige Charakter war schon seit einigen Jahren mit einem Frauenzimmer von desto unruhigerer Gemütsart verlobt. Fräulein Ida hatte alles Feuer zugeteilt bekommen, welches die Natur bei der Erschaffung des Lieutenants Fabian erspart hatte. Lebendig, galt sie bei ihren Tänzern für geistreich, und konnte allerliebst sein, wenn ihre Partien auf vierzehn Tage hinaus versichert waren. Anfangs spielte sich das Verhältnis überaus artig fort, er wurde von ihrer Beweglichkeit in Bewegung gesetzt, sie gewann durch seinen Ernst mehr Haltung, woran es ihr früherhin zu ihrem Nachteile bisweilen gebrochen hatte. Das Unpassende, was das Publikum sonst wohl in Lieutenantsverlobungen findet, fiel hier weg, da die Braut ein artiges Vermögen besaß, und nur der Eigensinn der Mutter die Heirat bis zu dem Zeitpunkte verschob, wo der Schwiegersohn einen höheren Rang, und die Kompanie erlangt haben würde.

Indessen mußte der Monarch wohl noch eine große Anzahl verdienstvollerer oder älterer Lieutenants besitzen. Das Patent blieb länger aus, als man gedacht hatte, und da die Mutter ihre Tochter durchaus nicht ohne einen klingenden Titel von ihrem Herzen weggeben wollte, so dehnten sich die Tage der Hoffnung zu Jahren der Erwartung aus. Ein zu langwieriger Brautstand hat aber die bedeutendsten Unannehmlichkeiten. Die Liebe ist für Stunden, die Ruhe für das Leben; wer kann aber der Ruhe genießen, solange die Früchte noch auf dem Halme stehn? Das Gefühl gleicht nach so gedehntem Harren einem schönen Weine, den man im offnen Glase hat fade und abschmeckend werden lassen.

Grade kurz vor der Zeit, wo dieser bedenkliche Mangel an Geschmack im Verhältnisse der Liebenden eintrat, lernte ich den Lieutenant kennen, und ward durch ihn im Hause seiner zukünftigen Schwiegermutter eingeführt. Ich sah noch die letzten Sommertage der Zärtlichkeit, bald aber nahm ich eine gewisse Kälte zwischen den Brautleuten wahr, die nur mit einem unangenehmfeurigen Wesen abwechselte. Sie ließ sich wohl, wenn er dicht bei ihr stand, durch einen andern den Mantel holen, und betonte den Befehl; er rannte mitunter in der zierlichsten Gesellschaft nach heimlich-raschem Zwiegespräch in die Ecke, wo sein Hut und Degen sich befand, und nur meine Zuredungen konnten ihn alsdann bewegen, Aufsehn zu vermeiden und zu bleiben. Denn schon war ich sein Vertrauter geworden. Als junger Arzt mußte ich mir auf jede Weise zu helfen suchen. Ich machte damals in Herzenssachen den Rat und Beistand, um stärkere Praxis zu bekommen.

Rainer V., Wegkreuz, SalzkottenDer Lieutenant bekannte mir seinen ganzen Kummer. Er könne seiner Geliebten nichts mehr recht machen. Jede Laune werde an ihm ausgelassen. Bald solle er erkaltet sein, bald sich ohne Gemüt betragen haben, neulich habe sie ihm vorgeworfen, er verstehe sie nie. Er sei wirklich noch ganz und gar der alte, gehe im Frühlinge mit dem ersten Märzenveilchen zu ihr, im Junius komme der Rosenstock, im Herbst ein Almanach an die Reihe der Geschenke, wie sonst; zum Geburtstag mache er seinen Vers, die Weihnachtsbonbonnière fehle nimmer. Aber alles werde jetzt kaltsinnig oder schnöde aufgenommen. Was er denn nur in dieser Not beginnen solle?

Ich konnte ihm freilich als einziges Mittel nur die Heirat nennen. Er versetzte, dieses stehe nicht in seiner Gewalt. Sich selber könne er nicht avancieren, und das Kriegsdepartement wolle es noch nicht.

Indessen sind solche ruhige Charaktere nur bis auf einen gewissen Punkt zu treiben, und dieser fand seinen Gleichmut wieder, als er vor seinem Gewissen sicher war, im Dienste der Liebe nicht lässig geworden zu sein. Nun verwies er seine Braut, wenn sie ohne Grund klagte, an die Vernunft. Von dieser wollte sie nichts hören. Darauf kam er mit der Notwendigkeit hervor, sich zufriedenzugeben, wenn die Dinge einmal nicht anders gehn wollten. Worauf sie ihm sagte, er sei unausstehlich. Endlich, da alle Trostgründe niedrer Schicht nichts helfen wollten, wählte er als letzte Arznei die Fügungen des Himmels. Wenn sie über ein Fältchen zuviel oder zuwenig im Kleide sich ungebärdig anstellte, sprach er, man könne nicht wissen, wozu ein Mißgeschick fromme. Wenn der Regen eine Spazierfahrt vereitelte, lehrte er, die Vorsehung lasse Tropfen fallen, damit die Sonne nachher um so herrlicher scheine. Und als sie einst weinend auf ihrem Stuhle saß, weil man den Gesang einer Mitschwester stärker beklatscht hatte, als den ihren, gab er, zu ihr tretend, den Spruch zu vernehmen: „Wen der Herr liebt, den züchtiget er!“ Er war ein ordentlicher Kirchengänger, und hatte wirklich den Glauben, daß dem Geduldigen alle üblen Sachen zum Heile ausschlagen müssen.

Zuerst war ihr dieser Ton neu, und es vergingen einige Wochen unter solchen Tröstungen ganz leidlich. Indessen wollte das Gute, zu welchem nach ihrer Meinung das Schlechte führen mußte, nämlich das Avancement, immer noch nicht erscheinen. Da ward sie böser als je, und der arme Phlegmatikus geriet in ein Fegefeuer, welches nicht läuternder sein konnte. Zu gleicher Zeit begann ein Einfluß auf sie zu wirken, welcher den Frieden zwischen beiden bald ganz aufhob.

Rainer V., Wegkreuz, SalzkottenEine jener alten Jungfraun, welche, weil sie sitzengeblieben sind, es gern sähen, wenn das Heiraten abkäme, hatte sich des verdüsterten Sinns unsrer schönen Ärgerlichen bemächtigt. Sie ließ in ihre Gespräche einfließen, daß sie schon längst mit Kummer bemerkt, wie der Lieutenant immer gleichgültiger geworden sei, wie seine Neigung wohl keine Probe bestehen werde, und was dergleichen mehr war. Diese bösartigen Worte fanden ein offnes Ohr. Verdrießlich, von Mißstimmungen geplagt, ließ sich die Getäuschte zu dem Schritte hinreißen, dessen gefährliche Albernheit schon so viele beklagt haben. Sie wollte den Sinn ihres Liebhabers prüfen.

Eines Morgens wurde ich an das Krankenlager des Fräuleins berufen. Sie lag, anmutig gekleidet, allerdings im Bette, und klagte fast über jegliches, was den Menschen schmerzen kann. Die Mutter stand untröstlich daneben, sie liebte das Kind, vielleicht zu sehr. Man kann denken, daß mir, als jungem Arzte, eine Krankheit in einem geachteten Hause, welches selbst einigermaßen in der Mode war, höchst angenehm sein mußte, ich strengte daher die ganze Kraft meiner Diagnose, deren Feinheit man stets auf der Klinik gerühmt hatte, an, um die Natur des Übels zu entdecken. Aber der Puls ging vortrefflich, die Augen strahlten vom gesundesten Feuer, die Wangen lachten im reinen Rote der Jugend, die Zunge war unbelegt, alles, ohne Ausnahme alles befand sich leider im wünschenswertesten Zustande. Ich entschied mich, daß hier Verstellung sei, verordnete die unschuldigen Mittel, welche Hippokrates uns für einen solchen Fall an die Hand gegeben hat, äußerte indessen natürlich meine wahre Meinung nicht, sondern sagte der Mutter draußen, auf ihre ängstliche Frage: ob es auch keine Gefahr habe? mit Ernst und Nachdruck, daß man noch grade zur rechten Zeit nach mir geschickt habe, und daß eine Stunde später für nichts mehr zu stehn gewesen sei.

„Sie glauben nicht, welches Zutrauen sie zu Ihnen hat“, sagte die Mutter. „Den Geheimen Rat durfte ich nicht holen lassen.“ – „Nein“, dachte ich. „Der alte grobe Heros würde wenig Umstände gemacht haben, meine blöde Jugend ist für dergleichen Leiden geeigneter.“

Rainer V., Wegkreuz, SalzkottenAuf der Straße fand ich den Liebhaber, dem man schon durch die dritte Hand dieses Siechtum zu wissen getan hatte. Er war so bestürzt, wie es einem Seladon geziemt, und in Verzweiflung, daß er nicht gleich nach dem Hause seiner Braut eilen könne, aber er müsse auf die Parade. Ich beruhigte ihn, und verpfändete mein Ehrenwort, daß die Sache nichts weiter sei, als ein kleiner Schnupfen.

Gegen Abend fand ich mich wieder bei der verstellten Kranken ein, denn ich war neugierig, wohin diese Komödie führen werde. „Treuer, sorgsamer Freund!“ sagte die Mutter, welche von meinem Eifer gerührt war. In bescheidner Entfernung vom Krankenbette saß der Lieutenant, wie es schien, zerstreut und verlegen.

„Es ist doch ein großes Glück um einen gleichmütigen Sinn“, stichelte die Mutter. „Man versäumt dann nichts Notwendiges, und macht die Geschäfte erst ab, bevor man dem Herzen folgt.“

„Er will es nicht glauben, daß ich so krank bin, Doktor“, seufzte Fräulein Ida, deren hochrotes Antlitz von großer Bewegung zeugte. Die alte Jungfer saß im Fenster und strickte für die Armen.

Diesmal erriet meine Diagnose die Krankheit. Mich gelüstete nach der Krisis, und da ich als junger Arzt, traurig für mich, überflüssige Zeit hatte, setzte ich mich zu den gesunden Damen, und knüpfte mit ihnen eins der Gespräche an, aus welchem man noch immer mit Geistesfreiheit nach etwas andrem hinzuhören vermag.

„Wenn ich sterbe, Fabian …“ lispelte das Fräulein. „Teure Ida, an einem Schnupfen stirbt man ja nicht“, versetzte freundlich aber gefaßt der Lieutenant.

Sie begann immer heftiger und weinerlicher zu reden, kam in den Ton der Jean Paulischen Liane, sagte, im Traume sei ihr ihre selige Caroline erschienen, und sprach viel von Ahnung und Vorgefühl.

Ich saß so, daß ich im Spiegel die Szene beobachten konnte. Je pathetischer das Fräulein wurde, desto mehr nahm das Gesicht des Bräutigams den Ausdruck der Abwesenheit an, er half sich fast nur noch mit Interjektionen, als: „Hm! So! Ei bewahre!“ Nachmals hat er mir gestanden, daß er an dem Tage einen Verdruß mit seinem Obersten gehabt habe, und daß seine Gedanken freilich mehr bei dem ungerechten Vorgesetzten, als bei dem Schnupfen des Fräuleins gewesen seien.

Rainer V., Wegkreuz, SalzkottenIn einem solchen Zustande laufen einem gewisse Redensarten, die man häufig im Munde führt, ohne Sinn und Verstand über die Lippen. Daher geschah es, daß, als das Fräulein, welche über die Fassung ihres Geliebten immer mehr aus der Fassung geriet, mit unterdrücktem Weinen sagte: „Ja, ich empfinde ein gewisses Etwas in mir, ein Weben der Auflösung, die schwarzen Männer werden mich gewiß wegtragen“ – der Lieutenant, der schon lange nicht mehr wußte, wovon die Rede war, zerstreut und feierlich ausrief: „Wie Gott will! Der Wille des Herrn geschehe!“

Schrecklich war die Wirkung dieser Worte. Das Fräulein, entrüstet über eine solche Ergebung in die Fügungen des Himmels, die doch gar zu weit ging, warf meine unschuldige Medizinflasche zu Boden, daß die Scherben umherflogen, und rief:

„Aus meinen Augen! Ich habe dich durchschaut! Fort! Wir sind für immer geschieden!“ – „Wenn meine Tochter stirbt, sind Sie ihr Mörder“, wehklagte die Mutter. Die alte Jungfer hatte ihr Strickzeug in den Schoß sinken lassen, und äußerte so mit Salbung: daß derjenige zu beneiden sei, der so früh, wie Ida, die Einsicht in die Nichtigkeit aller Erdenlust gewinne.

„Erlauben Sie mir nur einige Worte zu meiner Verteidigung …“ stammelte der arme Fabian. „Es ist jetzt nicht Zeit dazu, machen Sie, daß Sie fortkommen“, raunte ich ihm zu.

Ich war mit den Damen allein. „Ida! meine Ida!“ seufzte die Mutter. „Diese Gemütserschütterung in deinen Leiden! Erhole dich, mein Kind, denke nicht mehr an den Abscheulichen.“ – Ich beschloß, die kleine Heuchlerin zu strafen, und die alte Jungfer dazu. Und so ist es gekommen. Ich erklärte den Zustand des Fräuleins für verschlimmert, ich ernannte die bejahrte Freundin zur nächtlichen Wächterin, da die Mutter eine solche Anstrengung nicht aushalten könne. Drei Tage mußte die gesunde Kranke im Bett zubringen, drei Nächte hatte die Friedensstörerin auf dem Wächterstuhl zu versitzen. Endlich erklärte jene sich mit Gewalt für hergestellt, zuletzt lief diese aus dem Hause und verschwor, es wieder zu betreten, wenn ich dort aufgenommen bleibe. Darüber bekam sie mit der Mutter Streit und Feindschaft, die mich einen seltnen Menschen nannte. Kurz, der böse Feind hatte sich diesmal die Grube selbst gegraben.

Rainer V., Wegkreuz, Salzkotten. DankkreuzMehrere Wochen vergingen, in denen ich nichts von meinen Liebesleuten hörte. Einige wirkliche und zwar sehr ernste Krankheiten hatten meine ganze Zeit in Anspruch genommen.

An einem schönen Märztage wanderte ich über den neuen Kirchhof, wo alle Sträucher in dem ungewöhnlich frühwarmen Wetter schon die Knospenaugen aufschlugen. Ich wollte die neuen Einrichtungen im Leichenhause besichtigen, welche zur Rettung der Scheintoten angebracht worden waren. Soeben mit dem Meisterdiplom versehen, hatte ich, die Obsorge über jene Anstalten zu führen, von der Stadt den Auftrag bekommen. Als ich durch die gewundenen, mit Kies reinlich gefesteten Wege des parkartigen Gottesackers ging, und das im gefälligen Stil erbaute Leichenhaus hinter einem Rasenplatze liegen sah, sagte ich: „Es ist kein Wunder, daß die Menschen jetzt mit dem Leben unzufrieden sind, man macht die Sterbehäuser und Grabstätten zu anlockend.“

Auf einem freien Platze fand ich unvermutet meinen Phlegmatikus. Er stand bei einem Sträußermädchen, die ihren Korb voll Frühlingsblumen ihm vorhielt. Er wählte und suchte sich das Schönste, was sie an Veilchen, Primeln und Aurikeln hatte, zusammen. „Für wen der Strauß?“ fragte ich. „Für Ida“, versetzte er.

„Gottlob! So seid ihr versöhnt?“

„Ach nein! Ich habe sie nicht wiedergesehn. Aber es ist heute ihr Geburtstag. Ich will den Strauß unter ihrem Porträt in Wasser setzen.“

Er sprach diese Worte ruhig, ja kalt. Aber seine Augen waren erloschen, und die Wangen bleich. Ich muß gestehn, daß mich die stummen, geduldigen Patienten immer am meisten zur Teilnahme bewegt haben. Ich sah meinen armen Verstoßnen an, ich überlegte hin und her, ob hier nicht mit einem raschen Streiche zu helfen sei? Die Natur der Leidenschaften, insbesondre der Liebe, kannte ich aus der Seelenlehre, das Fräulein war mit der Mutter in der Stadt, das wußte ich. Ich war jung, verwegen! Ohne an die möglichen Folgen eines tollen Einfalls zu denken, lud ich den Lieutenant ein, sich von mir in die Rettungsanstalten zeigen zu lassen. Das Sträußermädchen wies ich an, vor der Türe zu warten.

Rainer V., Wegkreuz, Salzkotten. HofkreuzDer Wächter war ausgegangen; alles begünstigte meinen Plan. Ich öffnete mit dem Hauptschlüssel, wir waren allein im leeren, schallenden Hause. Ich erklärte meinem Begleiter jedes Ding: die Einrichtung und Verbindung der Gemächer, die leicht zu bewegenden Glockenzüge, die Wärmmaschinen, die Frottierzeuge, die Bürsten, den Elixier- und Essenzenapparat des Wächters für die ersten Augenblicke des Erwachens aus dem furchtbaren Schlummer. Er fragte, ernst und wissenschaftlich gesinnt, verständig nach allem, und keine empfindsame Betrachtung kam in diesem Hause des Todes über seine Lippen. Endlich sagte er scherzend: „Diese reinlichen schimmernden Wände, die bronzenen Lampen, die blinkenden Stahlgriffe, die schönen Teppiche und Matratzen zeigen, wie jetzt alles auch bei den schrecklichsten Dingen zum Bequemen und Geschmückten strebt. Es fehlen nur noch die Tische mit den Journalen, um den Geretteten Unterhaltung zu bereiten, bis die Ihrigen sie wieder abholen.“

Ich bat mir seinen Verlobungsring aus. Er stutzte, wußte nicht, was ich wollte. Ich erklärte ihm trocken, daß ich gesonnen sei, noch heute zwischen ihm und seiner Braut dauerhaften Frieden zu stiften, aber dazu des Ringes bedürfe, nahm ihn bei der Hand, und streifte mit freundschaftlicher Gewalt ihm den Ring vom Finger. Er, in plötzlich auflodernder Hoffnung und Freude, rief: ob ich verwirrt sei? Ich, ohne zu antworten, schrieb mit Bleifeder auf ein ausgerißnes Blättchen meines Portefeuilles ein paar Zeilen an die Schwiegermutter, legte den Ring bei, verschloß das Billet mit Oblate, eilte zum Mädchen hinaus, sagte ihr, den Herrn habe ein Nervenschlag betroffen, sie sollte das Briefchen auf der Stelle da und da hintragen.

Mein bestürzter Freund war bis auf den Flur gefolgt, und hatte die Bestellung gehört. Ich nötigte ihn in eine der angenehmsten Sterbekammern zurück. „Um Gotteswillen!“ rief er, „was treiben Sie? was machen Sie aus mir?“ – „Einen Scheintoten“, versetzte ich. Er sah mich an, wie einen, von dem man glaubt, er habe den Verstand verloren. „Idas Krankheit“, sagte ich, „führte den Bruch herbei. Ihr Tod soll das Bündnis herstellen; das nennt man einen Klimax, welcher zu den wirksamsten Redefiguren gehört. Sie haben die Wahl, entweder mich zuschanden zu machen und sich jede Aussicht zu verbaun, oder folgsam zu sein, und Ihr Glück im letzten Akt einer Posse zu empfangen.“ Er stand anfangs starr, dann verwünschte er meine Torheit, und überschüttete mich mit Vorwürfen. Ich behielt indessen Geistesgegenwart, kramte Schnepper und Bindzeug aus, setzte eine Menge Flaschen auf den Tisch, ließ den Essigäther duften, verbrannte Federn, kurz, ich richtete das Zimmer so zu, daß es ganz medizinisch aussah und roch. Er, über meine Kaltblütigkeit in Verzweiflung, warf sich auf eine Matratze. Ich erklärte ihm, da könne er liegenbleiben, denn dahin gehöre er in seinem jetzigen Zustande. Ich löste seine Halsbinde, knöpfte die Uniform und Weste auf, und machte mir immerfort zu schaffen, um meine Unruhe zu verbergen, die sich mit dem Nachdenken doch allmählich bei mir einzustellen begann.

Nach einiger Zeit sprang er auf, und rief: „Ich muß fort, ich bin an diesen Dingen unschuldig! Sehen Sie zu, wie Sie aus der Verlegenheit kommen, die Sie angerichtet haben.“

Rainer V., Wegkreuz, SalzkottenEin Wagen fuhr sturmschnell vor. „Sie kommen“, rief ich, „ich wußte das ja!“ und ging ihnen entgegen. Sie waren es, Ida und ihre Mutter, meine Berechnung war richtig gewesen. Aus dem Schlage stürzte das Fräulein entgeistert, blaß, die Augen voll Tränen, und rief: „Wo ist seine Leiche?“ – „Er lebt, beruhigen Sie sich, er ist erwacht, meine Furcht war zu voreilig!“ rief ich ihr hastig zu. „Wo? Wo?“ stammelte sie, flog in das Haus, und wie durch Instinkt geleitet, in das rechte Zimmer.

Ich half der Mutter aus dem Wagen. Sie wußte sich in diesen Wechsel von Trauer und Freude nicht zu finden. „Teuerster, warum erschreckten Sie uns? Man muß bei dergleichen doch erst das Ende abwarten“, sagte sie. Ich bat um Verzeihung, ich hätte ganz den Kopf verloren gehabt, sie möchte einem jungen unerfahrnen Manne um des glücklichen Ausgangs willen nicht zürnen.

Wir traten in die Sterbekammer. Da war die Liebe von den Toten auferstanden. Fabian und Ida lagen einander in den Armen. Sie herzten sich und küßten sich, und wußten beide nicht, was sie taten. Sie wollte von ihm wissen, wie ihm zumute gewesen sei? er erwiderte, in diesem Punkte besonnen, er wisse von nichts, sie müsse den Doktor fragen.

Ich verbot alle Erklärungen, und riet ihnen, sich des Lebens zu freun. Die Mutter trat hinzu, gab ihm die Hand, und sagte sehr freundlich: „Lieber Sohn, Sie machen uns schöne Streiche. Mein Gott, wie das hier aussieht und riecht, es fällt mir auf die Nerven. Verlassen wir den leidigen Ort.“ Ich benutzte den Augenblick, küßte ihr ehrerbietig die Hand, und sagte bescheiden: „Edle Frau! Ida ist vor Liebe krank geworden, Fabian wäre beinahe daran gestorben; sollen Ihre Kinder noch länger schmachten?“

Rainer V., Wegkreuz, SalzkottenDie Gewalt dieser Auftritte hatte sie erweicht. Sie gab die Zustimmung zu dem, was die Verlobten wünschten. Es folgte ein neuer Sturm von Liebkosungen und Umarmungen, in dem ich ebenfalls zuletzt von ohngefähr mehrere Küsse bekam.

Indessen waren die Fügungen des Himmels auch tätig gewesen. Denn als wir eben aus dem seltsamsten aller Boudoire aufzubrechen im Begriff standen, nahte sich der Bursche Fabians mit der in gemeßner Haltung vorgebrachten Meldung, daß der Oberst schon dreimal nach ihm geschickt habe, indem das ersehnte Patent nun endlich eingetroffen sei.

So führte Ida statt eines erblichnen Lieutenants, nach dem sie ausgefahren war, einen lebendigen Capitain nach Hause. – Sie leben sehr glücklich miteinander, manche Szene, die sonst in die Ehe fällt, haben sie vorher schon unter sich abgetan, dazu ist wenigstens der lange Brautstand dienlich gewesen.

Mir brachte die sorgsame Behandlung des Fräuleins während jener drei Tage und die Rettung des Bräutigams große Gunst in den vielen mit dem Hause verbundnen Familien zuwege. Einer lobte mich immer noch mehr als der andre, so entstand mir bald ein Ruf, den mir so manche an armen Leuten im Verborgnen geübte saure Mühe nicht erworben hatte. Zuerst schlug mich das Gewissen etwas, nachher beruhigte ich mich durch den Anblick der allgemeinen Scharlatanerie, die in der Welt herrscht, über die meinige, die wenigstens niemand geschadet, vielmehr eine zufriedne Ehe gestiftet hat.

Bilder: Rainer V.: Salzkotten, ca. 2011 bis 2015.

Der Soundtrack ist Blast, Musikanten (Epistel 4) aus der dem Thema entsprechenden CD Liebe, Schnaps, Tod – Wader singt Bellman von dem bekannten Ostwestfalen Hannes Wader (gebürtig aus Bielefeld-Gadderbaum), 1996. Die Lieder sind, wie der Untertitel sagt, nicht von Wader selbst, sondern dem verstorbenen Schweden Carl Michael Bellman (1740 bis 1795), haben in Waders gesammelter Aufbereitung aber das Zeug zur Lieblings-CD. Waders eigene Übersetzung von Hej Musikanter ge Valdthornen väder wurde unterstützt von Reinhard Mey und Klaus Hoffmann.

Written by Wolf

9. September 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Biedermeier, Vier letzte Dinge: Tod

Der Goethe wor fei aa do (It’s a nice-a place)

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Update zu Wanderwochen 01: Goethe guckt in die Ferne:

Der Leser möge sich des weitern
An Goethes Texten selbst erheitern,
Denn trieb ich fort so, breit im Strom,
So kämen wir ja nie bis Rom,

Geschweige bis Sizilien gar.
Wie fein heraus der Goethe war,
Der an den Stätten, die ihm lieb,
Rund anderthalb Jahre blieb.

Das konnt er als Minister halt,
Bei weiterlaufendem Gehalt.
Und dann noch ein besonderes Glück:
Als Klassiker kam er zurück!

Eugen Roth.

Heute vor 230 Jahren, am 6. September 1786, verbrachte Goethe seine erste, letzte und einzige Nacht in München.

Das spricht nicht gegen München: Goethe mochte allgemein keine Großstädte, mit oder ohne Herz. Ausgewiesene Goethehäuser stehen heute in Artern an der Unstrut, Bensberg, Gabelbach, Holzappel, Ilmenau, Stützerbach und Volpertshausen, in Tübingen und auf dem Kickelhahn je ein Goethehäuschen, in Weimar waren mehrere Gedenkstätten wirklich nicht zu unterbinden, und in Frankfurt ist er geboren. Die Dependenzen in Rom und gar New York erinnern an Goethes Geist, nicht aber an seine Anwesenheit. Im Mittenwalder, unmittelbar verwandt mit München und der Italienische Reise, ist eine Apotheke drin. Kein Goethehaus steht zum Beispiel in Berlin, Hamburg, Köln oder eben München.

Warum so kurz in München? — Weil er auf der Durchreise war, und das noch in Eile. Auf dem Weg von Weimar über Karlsbad nach Italien muss man früher oder später die Isar überqueren, das ist eine geographische Gegebenheit, gegen die auch kein Bestsellerautor auf dem Weg zum Dichterfürsten in der Midlife-Crisis ankommt. Goethe nahm die seinige kurz nach seinem 37. Geburtstag und stahl sich, man kann es nicht viel schmeichelhafter sagen, über Nacht aus seinen Weimaraner Amtsgeschäften und schriftstellerischen Projekten davon. „Bei weiterlaufendem Gehalt“ (Eugen Roth) von seinem persönlichen Saufkumpan Karl August kann sich das einer wenn schon nicht moralisch, so doch wenigstens finanziell leisten.

Und wo war er da überhaupt, in München? — Schauen wir nach in seinem Tagebuch, gestaltet als Brief an Charlotte von Stein und zum Mitlesen freigegeben in seiner Italienischen Reise, Abschnitt Carlsbad auf den Brenner in Tyrol:

Gasthof zum Schwarzen Adler, Kaufingerstraße 23, Stadtmuseum München

Abends um sechse. nun ist mein Münchner Pensum auch absolvirt, diese Nacht will ich hier schlafen und Morgen früh weiter. Du siehst ich richte mich eilig ein, und will und muß nun einmal diese Manier versuchen, um von der alten hockenden und schleichenden ganz abzukommen.

Ich habe die Bildergallerie gesehn und mein Auge wieder an Gemälde gewöhnt. Es sind treffliche Sachen da. Die Scizzen von Rubens zu der Luxenburger Gallerie sind herrlich. Das vornehme Spielwerck, die Colonna trajana im Modell, die Figuren verguldet Silber auf Lapis lazuli, |: ich glaube Archenholz spricht davon :| steht auch da. Es ist immer ein schön Stück Arbeit.

Im Antiquario, oder AntikenCabinet, hab ich recht gesehen daß meine Augen auf diese Gegenstände nicht geübt sind, und ich wollte auch nicht verweilen und Zeit verderben. Vieles will mir gar nicht ein.

Ein Drusus hat mich frappirt, die zwey Antoninen gefielen mir und so noch einiges. Sie stehen auch unglücklich, ob man gleich recht mit ihnen aufputzen wollen, und als Ganzes der Saal, oder vielmehr das Gewölbe, ein gutes Ansehn hätte, wenn es nur reinlicher und besser unterhalten wäre.

Im Naturalienkabinet fand ich schöne Sachen aus Tyrol, die ich aber durch Knebeln schon kannte. Apropos von Knebeln! Ihm gefiel im Antikensaal ein Julius Cäsar so wohl, der, |: ich müßte mich entsetzlich betrügen :| gar nichts taugt, allein ich finde eine frappante Ähnlichkeit der Büste mit Knebeln selbst. Die Übereinstimmung des Charackters hat also den Mangel der Kunst ersetzt.

Ich wohne auch hier in Knebels Wirthshaus, mag aber nicht nach ihm fragen, aus Furcht Verdacht zu erwecken oder dem Verdacht fortzuhelfen. Niemand hat mich erkannt und ich freue mich so unter ihnen herum zu gehen. Bey Kobelln war ich, fand ihn aber nicht zu Hause. Sonst hatt ich den Spas einige die ich dem Nahmen nach kannte, und ihr Betragen zu sehen.

Überhaupt da ich nun weis wie es allen Ständen zu Muthe ist und niemand seinen Stand verbergen kann und will; so hab ich schon, das phisiognomische abgerechnet, einen grosen Vorsprung, und es ist unglaublich wie sich alles auszeichnet.

Herder hat wohl recht zu sagen: daß ich ein groses Kind bin und bleibe, und ietzt ist mir es so wohl daß ich ohngestraft meinem kindischen Wesen folgen kann.

Morgen geht es grad nach Inspruck!

Ja, das ist die vollständige Coverage aus erster Hand zu Goethes Münchenaufenthalt, mehr haben wir nicht. Keine werkbeeinflussenden Funde und Begegnungen, kein spektakuläres Besäufnis, keine Weibergeschichten. Am selben Morgen war er aus Richtung Haimhausen durchs Schwabinger Tor gekommen, eilte durch die Sehenswürdigkeiten wie ein japanischer Tourist, schrieb um 18 Uhr sein Tagebuch und saß am nächsten Morgen um 5 Uhr schon wieder in der Postkutsche Richtung Isartal, Wolfratshausen, Benediktbeuern, Mittenwald, Innsbruck und Brenner.

Mit Knebel ist Karl Ludwig von Knebel gemeint, und mit dessen Wirtshaus der damalige Schwarze Adler, Kaufingerstraße (nicht „Kaufinger Straße“) 23 — damals wie heute in Rufweite westlich des Marienplatzes, der sich gern für eine Art dritten magnetischen Pol hält. Noch zentraler in München kann man nicht wohnen. Heute ist die Kaufinger- mit ihrer westlichen Verlängerung Neuhauser Straße eine touristische Rennmeile voller H&M-Filialen wie jede andere Fußgängerzone in jeder Stadt über 100.000 Einwohner der Welt auch, zu Goethes Zeit war sie eine regelrechte Ballung gehobener Gasthäuser mit Unterkunft. Goethe — in seinem midlife-kritischen Unterfangen der nächste moralisch fragwürdige Zug — quartierte sich dort unter dem falschen Namen „Johann Philipp Möller, Kaufmann aus Leipzig“ ein und bezog eins der 38 Zimmer zum Preis von 24 Kreuzern für die Übernachtung.

Anstehender Forschungsgegenstand: War das mit oder ohne Frühstück? — Ich behaupte: ohne — weil ich kein Münchner Servicepersonal so einschätze, dass es sich nachts um viere, halber fünfe aus den Federn quält, bloß weil der Möllers-Philipp aus Sachsen meint, er könnt für seine Handvoll Kreuzerl alles anschaffen, weil er selber sich um fünfe weiterschleicht und wahrscheinlich eh nie mehr wiederkommt.

Gegenwärtig bestehen im Münchner Stadtgebiet noch drei Gaststätten, die Schwarzer Adler heißen: in der Amalienstraße 26 inmitten des Univiertels, in der Landsberger Straße 456 in Obermenzing und in der Plinganser Straße 63 unweit des Harras. Goethes oder genauer: Knebels Schwarzer Adler bestand unter dieser Wirtschaft seit 1755 und noch bis 1790.

Seit 1918 ist unter der Adresse des Schwarzen Adlers: Kaufingerstraße 23–26 die Firma Breiter Hut und Mode belegt, gegründet 1863 und auf dorthin zum heutigen größten „Huthaus“ Europas expandierend.

Wo einst Goethe übernachtete, werden Hüte verkauft. Das betreffende Stammhaus hat drei Stockwerke — bei seither weitgehend unverändertem Schnitt der denkmalgeschützten Immobilie müsste eins davon durchaus Möller-Goethes Fremdenzimmer abdecken. Das muss man erst einmal auf sich wirken lassen, aber nicht zwingend schlimm finden.

Breiter Hut und Mode, Stammhaus Marienplatz, Kaufingerstraße 23--26, München

Letztes Glied in unserer Assoziationskette: Wer an Goethe in Verbindung mit Hüten denkt, sieht unfehlbar vor seinem geistigen Auge das ikonische Bild Goethe in der Campagna von Tischbein, 1787. Und siehe da: Schon auf der Skizze, die in der Weimarpedia gezeigt wird, trägt Goethe souverän auf den Steinhaufen hingegossen seine zwei linken Schuhe, die es bis ins Original geschafft haben.

Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, Goethe in der Campagna, 1787, Skizze via Weimarpedia

Die eigentliche Frage ist also: Warum war Goethe überhaupt in München? Es wurde offenbar wirklich Zeit, dass er sein Leben in Weimar fürs erste hinter sich ließ, um sich von Sturm und Drang zu befreien und in knapp zwei Jahren Italien (insgesamt waren es genau 1 Jahr, 9 Monate und 15 Tage) zum Klassiker zu reifen. Besonders in seiner aktuellen seelischen Verfassung hätte diesem krisengeschüttelten Sozialphobiker, der unbedingt „ohngestraft [seinem] kindischen Wesen folgen“ musste, eine Übernachtung in Freising oder Wolfratshausen bei weitem ähnlicher gesehen.

Buidln: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek: Gasthof Schwarzer Adler, 1786,
in: In Knebels Wirtshaus. Johann Wolfgang von Goethe über München;
Breiter Hut & Mode, Stammhaus Marienplatz;
Johann Heinrich Wilhelm Tischbein: Goethe in der Campagna, 1787, Skizze via Weimarpedia.
Abgesehen wurde von Prof. Henner Herrmanns: Zeichnen in der Glyptothek, der am 6. September 2012 unter anderem die dortige Diana höchst lebendig zeichnete.

Soundtrack: Joe Dolce (man beachte den Hut): Shaddap You Face, 1980. Das bedeutet erstens den putzigsten Ohrwurmalarm, den die Hitparade der 80er je ausgelöst hat, und zweitens, wenn man’s mal genau durchdenkt, erstaunlich viele Bezüge zu Goethes erster Italienreise — und deswegen, damit drittens die Jungfröschlein unter uns nicht tagelang immer nur das finale „Hey!“ mitsingen müssen:

What’s-a matter you? (Hey!)
Gotta no respect? (Hey!)
What-a you think you do? (Hey!)
Why you look-a so sad? (Hey!)
It’s-a not so bad (Hey!)
It’s a nice-a place (Hey!) —
Ah, shaddap-a you face.

Written by Wolf

6. September 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Land & See

Menschenhaß! Ein Haß über ein ganzes Menschengeschlecht! O Gott! Ist es möglich, daß ein Menschenherz weit genug für so viel Haß ist!

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Und gibt es keine Tugenden mehr unter ihnen, keine Gerechtigkeit, keine Wohltätigkeit, keine Bescheidenheit im Glücke, keine Größe und Standhaftigkeit im Unglück?

Heinrich von Kleist: Aufsatz, den sichern Weg des Glücks zu finden, ca. 1799.

Update zu Es braucht nicht eben ein scharfdenkender Kopf zu sein:

Was man Kleist gar nicht zugetraut hätte:

  1. dass er nach einem so kompetenzstrotzenden Aufsatz noch erweiterten Selbstmord begehen könnte;
  2. dass er mit erstem Namen Bernd heißt.

Es lohnt sich, den Aufsatz zur Gänze zu lesen: Er gibt in nicht gerade postmodern reißerischer, aber erfreulicher Dichte einige zitierbare Sentenzen und eigenständige Gedanken her, die einen bei der Stange halten können. Es wäre also wirklich schade darum, wenn er ein Brief an Kleists Kriegs- und Wanderkameraden Rühle von Lilienstern unter Ausschluss der Öffentlichkeit geblieben wäre; vom Schreiber der essayistischen Husarenstücke der Allmählichen Verfertigung und des Marionettentheaters hätte man nichts Nachlässigeres erwartet.

Das Bildmaterial ist von jener Selbstliebe gezeichnet, mit der alle Menschenliebe beginnt, denn „wahrlich, mein Freund, es ist ohne Menschenliebe gewiß kein Glück möglich“. Bildnachweise am Schluss, die meisten bitte erst ab einem Alter von 18 Jahren verfolgen.

——— Bernd Heinrich Wilhelm von Kleist:

Aufsatz,
den sichern Weg des Glücks zu finden,
und ungestört,
auch unter den größten Drangsalen
des Lebens, ihn zu genießen!

An Rühle.

Entstanden um 1799, Erstdruck in: Theophil Zolling, Hg.: Sämtliche Werke, Stuttgart 1885:

Wir sehen die Großen dieser Erde im Besitze der Güter dieser Welt. Sie leben in Herrlichkeit und Überfluß, die Schätze der Kunst und der Natur scheinen sich um sie und für sie zu versammeln, und darum nennt man sie Günstlinge des Glücks. Aber der Unmut trübt ihre Blicke, der Schmerz bleicht ihre Wangen, der Kummer spricht aus allen ihren Zügen.

Dagegen sehen wir einen armen Tagelöhner, der im Schweiße seines Angesichts sein Brot erwirbt; Mangel und Armut umgeben ihn, sein ganzes Leben scheint ein ewiges Sorgen und Schaffen und Darben. Aber die Zufriedenheit blickt aus seinen Augen, die Freude lächelt auf seinem Antlitz, Frohsinn und Vergessenheit umschweben die ganze Gestalt.

Distant Passion, Quédate hoy conmigo, vive conmigo un día y una..., Juni 2016Was die Menschen also Glück und Unglück nennen, das sehn Sie wohl, mein Freund, ist es nicht immer; denn bei allen Begünstigungen des äußern Glückes haben wir Tränen in den Augen des erstern, und bei allen Vernachlässigungen desselben, ein Lächeln auf dem Antlitz des andern gesehen.

Wenn also die Regel des Glückes sich nur so unsicher auf äußere Dinge gründet, wo wird es sich denn sicher und unwandelbar gründen? Ich glaube da, mein Freund, wo es auch nur einzig genossen und entbehrt wird, im Innern.

Irgendwo in der Schöpfung muß es sich gründen, der Inbegriff aller Dinge muß die Ursachen und die Bestandteile des Glückes enthalten, mein Freund, denn die Gottheit wird die Sehnsucht nach Glück nicht täuschen, die sie selbst unauslöschlich in unsrer Seele erweckt hat, wird die Hoffnung nicht betrügen, durch welche sie unverkennbar auf ein für uns mögliches Glück hindeutet. Denn glücklich zu sein, das ist ja der erste aller unsrer Wünsche, der laut und lebendig aus jeder Ader und jeder Nerve unsers Wesens spricht, der uns durch den ganzen Lauf unsers Lebens begleitet, der schon dunkel in dem ersten kindischen Gedanken unsrer Seele lag und den wir endlich als Greise mit in die Gruft nehmen werden. Und wo, mein Freund, kann dieser Wunsch erfüllt werden, wo kann das Glück besser sich gründen, als da, wo auch die Werkzeuge seines Genusses, unsre Sinne liegen, wohin die ganze Schöpfung sich bezieht, wo die Welt mit ihren unermeßlichen Reizungen im kleinen sich wiederholt?

Da ist es ja auch allein nur unser Eigentum, es hangt von keinen äußeren Verhältnissen ab, kein Tyrann kann es uns rauben, kein Bösewicht kann es stören, wir tragen es mit in alle Weltteile umher.

Wenn das Glück nur allein von äußeren Umständen, wenn es also vom Zufall abhinge, mein Freund, und wenn Sie mir auch davon tausend Beispiele aufführten; was mit der Güte und Weisheit Gottes streitet, kann nicht wahr sein. Der Gottheit liegen die Menschen alle gleich nahe am Herzen, nur der bei weiten kleinste Teil ist indes der vom Schicksal begünstigte, für den größten wären also die Genüsse des Glücks auf immer verloren. Nein, mein Freund, so ungerecht kann Gott nicht sein, es muß ein Glück geben, das sich von den äußeren Umständen trennen läßt, alle Menschen haben ja gleiche Ansprüche darauf, für alle muß es also in gleichem Grade möglich sein.

Lassen Sie uns also das Glück nicht an äußere Umstände knüpfen, wo es immer nur wandelbar sein würde, wie die Stütze, auf welcher es ruht; lassen Sie es uns lieber als Belohnung und Ermunterung an die Tugend knüpfen, dann erscheint es in schönerer Gestalt und auf sicherem Boden. Diese Vorstellung scheint Ihnen in einzelnen Fällen und unter gewissen Umständen wahr, mein Freund, sie ist es in allen, und es freut mich in voraus, daß ich Sie davon überzeugen werde.

Wenn ich Ihnen so das Glück als Belohnung der Tugend aufstelle, so erscheint zunächst freilich das erste als Zweck und das andere nur als Mittel. Dabei fühle ich, daß in diesem Sinne die Tugend auch nicht in ihrem höchsten und erhabensten Beruf erscheint, ohne darum angeben zu können, wie dieses Verhältnis zu ändern sei. Es ist möglich daß es das Eigentum einiger wenigen schönern Seelen ist, die Tugend allein um der Tugend selbst willen zu lieben, und zu üben. Aber mein Herz sagt mir, daß die Erwartung und Hoffnung auf ein menschliches Glück, und die Aussicht auf tugendhafte, wenn freilich nicht mehr ganz so reine Freuden, dennoch nicht strafbar und verbrecherisch sei. Wenn ein Eigennutz dabei zum Grunde liegt, so ist es der edelste der sich denken läßt, denn es ist der Eigennutz der Tugend selbst.

Und dann, mein Freund, dienen und unterstützen sich doch diese beiden Gottheiten so wechselseitig, das Glück als Aufmunterung zur Tugend, die Tugend als Weg zum Glück, daß es dem Menschen wohl erlaubt sein kann, sie nebeneinander und ineinander zu denken. Es ist kein beßrer Sporn zur Tugend möglich, als die Aussicht auf ein nahes Glück, und kein schönerer und edlerer Weg zum Glücke denkbar, als der Weg der Tugend.

Aber, mein Freund, er ist nicht allein der schönste und edelste, – wir vergessen ja, was wir erweisen wollten, daß er der einzige ist. Scheuen Sie sich also um so weniger die Tugend dafür zu halten, was sie ist, für die Führerin der Menschen auf dem Wege zum Glück. Ja mein Freund, die Tugend macht nur allein glücklich. Das was die Toren Glück nennen, ist kein Glück, es betäubt ihnen nur die Sehnsucht nach wahrem Glücke, es lehrt sie eigentlich nur ihres Unglücks vergessen. Folgen Sie dem Reichen und Geehrten nur in sein Kämmerlein, wenn er Orden und Band an sein Bette hängt und sich einmal als Mensch erblickt. Folgen Sie ihm nur in die Einsamkeit; das ist der Prüfstein des Glückes. Da werden Sie Tränen über bleiche Wangen rollen sehen, da werden Sie Seufzer sich aus der bewegten Brust emporheben hören. Nein, nein, mein Freund, die Tugend, und einzig allein nur die Tugend ist die Mutter des Glücks, und der Beste ist der Glücklichste.

Sie hören mich so viel und so lebhaft von der Tugend sprechen, und doch weiß ich, daß Sie mit diesem Worte nur einen dunkeln Sinn verknüpfen; Lieber, es geht mir wie Ihnen, wenn ich gleich so viel davon rede. Es erscheint mir nur wie ein Hohes, Erhabenes, Unnennbares, für das ich vergebens ein Wort suche, um es durch die Sprache, vergebens eine Gestalt, um es durch ein Bild auszudrücken. Und dennoch strebe ich ihm mit der innigsten Innigkeit entgegen, als stünde es klar und deutlich vor meiner Seele. Alles was ich davon weiß, ist, daß es die unvollkommnen Vorstellungen, deren ich jetzt nur fähig bin, gewiß auch enthalten wird; aber ich ahnde noch mehr, noch etwas Höheres, noch etwas Erhabeneres, und das ist recht eigentlich, was ich nicht ausdrücken und formen kann.

Mich tröstet indes die Rückerinnerung dessen, um wieviel noch dunkler, noch verworrener, als jetzt, in früheren Zeiten der Begriff der Tugend in meiner Seele lag, und wie nach und nach, seitdem ich denke, und an meiner Bildung arbeite, auch das Bild der Tugend für mich an Gestalt und Bildung gewonnen hat; daher hoffe und glaube ich, daß so wie es sich in meiner Seele nach und nach mehr aufklärt, auch dieses Bild sich in immer deutlicheren Umrissen mir darstellen, und je mehr es an Wahrheit gewinnt, meine Kräfte stärken und meinen Willen begeistern wird.

Lady A. Dracula, Lilianne Sanguis, 31. Mai 2016Wenn ich Ihnen mit einigen Zügen die undeutliche Vorstellung bezeichnen soll, die mich als Ideal der Tugend im Bilde eines Weisen umschwebt, so würde ich nur die Eigenschaften, die ich hin und wieder bei einzelnen Menschen zerstreut finde und deren Anblick mich besonders rührt, z.B. Edelmut, Menschenliebe, Standhaftigkeit, Bescheidenheit, Genügsamkeit etc. zusammentragen können; aber, Lieber, ein Gemälde würde das immer nicht werden, ein Rätsel würde es Ihnen, wie mir, bleiben, dem immer das bedeutungsvolle Wort der Auflösung fehlt. Aber, es sei mit diesen wenigen Zügen genug, ich getraue mich, schon jetzt zu behaupten, daß wenn wir, bei der möglichst vollkommnen Ausbildung aller unser geistigen Kräfte, auch diese benannten Eigenschaften einst fest in unser Innerstes gründen, ich sage, wenn wir bei der Bildung unsers Urteils, bei der Erhöhung unseres Scharfsinns durch Erfahrungen und Studien aller Art, mit der Zeit die Grundsätze des Edelmuts, der Gerechtigkeit, der Menschenliebe, der Standhaftigkeit, der Bescheidenheit, der Duldung, der Mäßigkeit, der Genügsamkeit usw. unerschütterlich und unauslöschlich in unsern Herzen verflochten, unter diesen Umständen behaupte ich, daß wir nie unglücklich sein werden.

Ich nenne nämlich Glück nur die vollen und überschwenglichen Genüsse, die – um es mit einem Zuge Ihnen darzustellen – in dem erfreulichen Anschaun der moralischen Schönheit unseres eigenen Wesens liegen. Diese Genüsse, die Zufriedenheit unsrer selbst, das Bewußtsein guter Handlungen, das Gefühl unsrer durch alle Augenblicke unsers Lebens vielleicht gegen tausend Anfechtungen und Verführungen standhaft behaupteten Würde, sind fähig, unter allen äußern Umständen des Lebens, selbst unter den scheinbar traurigsten, ein sicheres tiefgefühltes und unzerstörbares Glück zu gründen.

Ich weiß es, Sie halten diese Art zu denken für ein künstliches aber wohl glückliches Hülfsmittel, sich die trüben Wolken des Schicksals hinweg zu philosophieren, und mitten unter Sturm und Donner sich Sonnenschein zu erträumen. Das ist nun freilich doppelt übel, daß Sie so schlecht von dieser himmlischen Kraft der Seele denken, einmal, weil Sie unendlich viel dadurch entbehren, und zweitens, weil es schwer, ja unmöglich ist, Sie besser davon denken zu machen. Aber ich wünsche zu Ihrem Glücke und hoffe, daß die Zeit und Ihr Herz Ihnen die Empfindung dessen, ganz so wahr und innig schenken möge, wie sie mich in dem Augenblick jener Äußerung belebte.

Die höchste nützlichste Wirkung, die Sie dieser Denkungsart, oder vielmehr (denn das ist sie eigentlich) Empfindungsweise, zuschreiben, ist, daß sie vielleicht dazu diene, den Menschen unter der Last niederdrückender Schicksale vor der Verzweiflung zu sichern; und Sie glauben, daß wenn auch wirklich Vernunft und Herz einen Menschen dahin bringen könnte, daß er selbst unter äußerlich unvorteilhaften Umständen sich glücklich fühlte, er doch immer in äußerlich vorteilhaften Verhältnissen glücklicher sein müßte.

Dagegen, mein Freund, kann ich nichts anführen, weil es ein vergeblicher mißverstandner Streit sein würde. Das Glück, wovon ich sprach, hangt von keinen äußeren Umständen ab, es begleitet den, der es besitzt, mit gleicher Stärke in alle Verhältnisse seines Lebens, und die Gelegenheit, es in Genüssen zu entwickeln, findet sich in Kerkern so gut, wie auf Thronen.

Ja, mein Freund, selbst in Ketten und Banden, in die Nacht des finstersten Kerkers gewiesen, – glauben und fühlen Sie nicht, daß es auch da überschwenglich entzückende Gefühle für den tugendhaften Weisen gibt? Ach es liegt in der Tugend eine geheime göttliche Kraft, die den Menschen über sein Schicksal erhebt, in ihren Tränen reifen höhere Freuden, in ihrem Kummer selbst liegt ein neues Glück. Sie ist der Sonne gleich, die nie so göttlich schön den Horizont mit Flammenröte malt, als wenn die Nächte des Ungewitters sie umlagern.

Ach, mein Freund, ich suche und spähe umher nach Worten und Bildern, um Sie von dieser herrlichen beglückenden Wahrheit zu überzeugen. Lassen Sie uns bei dem Bilde des unschuldig Gefesselten verweilen, – oder besser noch, blicken Sie einmal zweitausend Jahre in die Vergangenheit zurück, auf jenen besten und edelsten der Menschen, der den Tod am Kreuze für die Menschheit starb, auf Christus. Er schlummerte unter seinen Mördern, er reichte seine Hände freiwillig zum Binden dar, die teuern Hände, deren Geschäft nur Wohl tun war, er fühlte sich ja doch frei, mehr als die Unmenschen, die ihn fesselten, seine Seele war so voll des Trostes, daß er dessen noch seinen Freunden mitteilen konnte, er vergab sterbend seinen Feinden, er lächelte liebreich seine Henker an, er sah dem furchtbar schrecklichen Tode ruhig und freudig entgegen, – ach die Unschuld wandelt ja heiter über sinkende Welten. In seiner Brust muß ein ganzer Himmel von Empfindungen gewohnet haben, denn „Unrecht leiden schmeichelt große Seelen“.

Enemy of Furys, Orange Power, 19. Juli 2015

Ich bin nun erschöpft, mein Freund, und was ich auch sagen könnte, würde matt und kraftlos neben diesem Bilde stehen. Daher will ich nun, mein lieber Freund, glauben Sie überzeugt zu haben, daß die Tugend den Tugendhaften selbst im Unglück glücklich macht; und wenn ich über diesen Gegenstand noch etwas sagen soll, so wollen wir einmal jenes äußere Glück mit der Fackel der Wahrheit beleuchten, für dessen Reibungen Sie einen so lebhaften Sinn zu haben scheinen.

Nach dem Bilde des wahren innern Glückes zu urteilen, dessen Anblick uns soeben so lebhaft entzückt hat: verdient nun wohl Reichtum, Güter, Würden, und alle die zerbrechlichen Geschenke des Zufalls, den Namen Glück? So arm an Nüancen ist doch unsre deutsche Sprache nicht, vielmehr finde ich leicht ein paar Wörter, die das, was diese Güter bewirken, sehr passend und richtig ausdrücken, Vergnügen und Wohlbehagen. Um diese sehr angenehmen Genüsse sind Fortunens Günstlinge freilich reicher als ihre Stiefkinder, obgleich ihre vorzüglichsten Bestandteile in der Neuheit und Abwechselung liegen, und daher der Arme und Verlaßne auch nicht ganz davon ausgeschlossen ist.

Ja ich bin sogar geneigt zu glauben, daß in dieser Rücksicht für ihn ein Vorteil über den Reichen und Geehrten möglich ist, indem dieser bei der zu häufigen Abwechselung leicht den Sinn zu genießen abstumpft oder wohl gar mit der Abwechselung endlich ans Ende kommt und dann auf Leeren und Lücken stößt, indes der andere mit mäßigen Genüssen haushält, selten, aber desto inniger den Reiz der Neuheit schmeckt, und mit seinen Abwechselungen nie ans Ende kommt, weil selbst in ihnen eine gewisse Einförmigkeit liegt.

Aber es sei, die Großen dieser Erde mögen den Vorzug vor die Geringen haben, zu schwelgen und zu prassen, alle Güter der Welt mögen sich ihren nach Vergnügen lechzenden Sinnen darbieten, und sie mögen ihrer vorzugsweise genießen; nur, mein Freund, das Vorrecht glücklich zu sein, wollen wir ihnen nicht einräumen, mit Gold sollen sie den Kummer, wenn sie ihn verdienen, nicht aufwiegen können. Da waltet ein großes unerbittliches Gesetz über die ganze Menschheit, dem der Fürst wie der Bettler unterworfen ist. Der Tugend folgt die Belohnung, dem Laster die Strafe. Kein Gold besticht ein empörtes Gewissen, und wenn der lasterhafte Fürst auch alle Blicke und Mienen und Reden besticht, wenn er auch alle Künste des Leichtsinns herbeiruft, wie Medea alle Wohlgerüche Arabiens, um den häßlichen Mordgeruch von ihren Händen zu vertreiben – und wenn er auch Mahoms Paradies um sich versammelte, um sich zu zerstreun oder zu betäuben – umsonst! Ihn quält und ängstigt sein Gewissen, wie den Geringsten seiner Untertanen.

Gegen dieses größte der Übel wollen wir uns schützen, mein Freund, dadurch schützen wir uns zugleich vor allen übrigen, und wenn wir bei der Sinnlichkeit unsrer Jugend uns nicht entbrechen können, neben den Genüssen des ersten und höchsten innern Glücks, uns auch die Genüsse des äußern zu wünschen, so lassen Sie uns wenigstens so bescheiden und begnügsam in diesen Wünschen sein, wie es Schülern für die Weisheit ansteht.

Und nun, mein Freund, will ich Ihnen eine Lehre geben, von deren Wahrheit mein Geist zwar überzeugt ist, obgleich mein Herz ihr unaufhörlich widerspricht. Diese Lehre ist, von den Wegen die zwischen dem höchsten äußern Glück und Unglück liegen, grade nur auf der Mittelstraße zu wandern, und unsre Wünsche nie auf die schwindlichen Höhen zu richten. Sosehr ich jetzt noch die Mittelstraßen aller Art hasse, weil ein natürlich heftiger Trieb im Innern mich verführt, so ahnde ich dennoch, daß Zeit und Erfahrung mich einst davon überzeugen werden, daß sie dennoch die besten seien. Eine besonders wichtige Ursache uns nur ein mäßiges äußeres Glück zu wünschen, ist, daß dieses sich wirklich am häufigsten in der Welt findet, und wir daher am wenigsten fürchten dürfen getäuscht zu werden.

Wie wenig beglückend der Standpunkt auf großen außerordentlichen Höhen ist, habe ich recht innig auf dem Brocken empfunden. Lächeln Sie nicht, mein Freund, es waltet ein gleiches Gesetz über die moralische wie über die physische Welt. Die Temperatur auf der Höhe des Thrones ist so rauh, so empfindlich und der Natur des Menschen so wenig angemessen, wie der Gipfel des Blocksbergs, und die Aussicht von dem einen so wenig beglückend wie von dem andern, weil der Standpunkt auf beidem zu hoch, und das Schöne und Reizende um beides zu tief liegt.

Mit weit mehrerem Vergnügen gedenke ich dagegen der Aussicht auf der mittleren und mäßigen Höhe des Regensteins, wo kein trüber Schleier die Landschaft verdeckte, und der schöne Teppich im ganzen, wie das unendlich Mannigfaltige desselben im einzelnen klar vor meinen Augen lag. Die Luft war mäßig, nicht warm und nicht kalt, grade so wie sie nötig ist, um frei und leicht zu atmen. Ich werde Ihnen doch die bildliche Vorstellung Homers aufschreiben, die er sich von Glück und Unglück machte, ob ich Ihnen gleich schon einmal davon erzählt habe.

Im Vorhofe des Olymp, erzählt er, stünden zwei große Behältnisse, das eine mit Genuß, das andere mit Entbehrung gefüllt. Wem die Götter, so spricht Homer, aus beiden Fässern mit gleichem Maße messen, der ist der Glücklichste; wem sie ungleich messen, der ist unglücklich, doch am unglücklichsten der, dem sie nur allein aus einem Fasse zumessen.

Also entbehren und genießen, das wäre die Regel des äußeren Glücks, und der Weg, gleich weit entfernt von Reichtum und Armut, von Überfluß und Mangel, von Schimmer und Dunkelheit, die beglückende Mittelstraße, die wir wandern wollen.

Jetzt freilich wanken wir noch auf regellosen Bahnen umher, aber, mein Freund, das ist uns als Jünglinge zu verzeihen. Die innere Gärung ineinander wirkender Kräfte, die uns in diesem Alter erfüllt, läßt keine Ruhe im Denken und Handeln zu. Wir kennen die Beschwörungsformel noch nicht, die Zeit allein führt sie mit sich, um die wunderbar ungleichartigen Gestalten, die in unserm Innern wühlen und durcheinandertreiben, zu besänftigen und zu beruhigen. Und alle Jünglinge, die wir um und neben uns sehen, teilen ja mit uns dieses Schicksal. Alle ihre Schritte und Bewegungen scheinen nur die Wirkung eines unfühlbaren aber gewaltigen Stoßes zu sein, der sie unwiderstehlich mit sich fortreißt. Sie erscheinen mir wie Kometen, die in regellosen Kreisen das Weltall durchschweifen, bis sie endlich eine Bahn und ein Gesetz der Bewegung finden.

Bis dahin, mein Freund, wollen wir uns also aufs Warten und Hoffen legen, und nur wenigstens uns das zu erhalten streben, was schon jetzt in unsrer Seele Gutes und Schönes liegt. Besonders und aus mehr als dieser Rücksicht wird es gut für uns, und besonders für Sie sein, wenn wir die Hoffnung zu unsrer Göttin wählen, weil es scheint als ob uns der Genuß flieht.

Petites Luxures, Interchapitre, 18. April 2016Denn eine von beiden Göttinnen, Lieber, lächelt dem Menschen doch immer zu, dem Frohen der Genuß, dem Traurigen die Hoffnung. Auch scheint es, als ob die Summe der glücklichen und der unglücklichen Zufälle im ganzen für jeden Menschen gleich bleibe; wer denkt bei dieser Betrachtung nicht an jenen Tyrann von Syrakus, Polykrates, den das Glück bei allen seinen Bewegungen begleitete, den nie ein Wunsch, nie eine Hoffnung betrog, dem der Zufall sogar den Ring wiedergab, den er, um dem Unglück ein freiwilliges Opfer zu bringen, ins Meer geworfen hatte. So hatte die Schale seines Glücks sich tief gesenkt; aber das Schicksal setzte es dafür auch mit einem Schlage wieder ins Gleichgewicht und ließ ihn am Galgen sterben. – Oft verpraßt indes ein Jüngling in ein paar Jugendjahren den Glücksvorrat seines ganzen Lebens, und darbt dann im Alter; und da Ihre Jugendjahre, mehr noch als die meinigen, so freudenleer verflossen sind, ob Sie gleich eine tiefgefühlte Sehnsucht nach Freude in sich tragen, so nähren und stärken Sie die Hoffnung auf schönere Zeiten, denn ich getraue mich, mit einiger, ja mit großer Gewißheit Ihnen eine frohe und freudenreiche Zukunft vorher zu kündigen. Denken Sie nur, mein Freund, an unsre schönen und herrlichen Pläne, an unsre Reisen. Wie vielen Genuß bieten sie uns dar, selbst den reichsten in den scheinbar ungünstigsten Zufällen, wenigstens doch nach ihnen, durch die Erinnerung. Oder blicken Sie über die Vollendung unsrer Reisen hin, und sehen Sie sich an, den an Kenntnissen bereicherten, an Herz und Geist durch Erfahrung und Tätigkeit gebildeten Mann. Denn Bildung muß der Zweck unsrer Reise sein und wir müssen ihn erreichen, oder der Entwurf ist so unsinnig wie die Ausführung ungeschickt.

Dann, mein Freund, wird die Erde unser Vaterland, und alle Menschen unsre Landsleute sein. Wir werden uns stellen und wenden können wohin wir wollen, und immer glücklich sein. Ja wir werden unser Glück zum Teil in der Gründung des Glücks anderer finden, und andere bilden, wie wir bisher selbst gebildet worden sind.

Wie viele Freuden gewährt nicht schon allein die wahre und richtige Wertschätzung der Dinge. Wie oft gründet sich das Unglück eines Menschen bloß darin, daß er den Dingen unmögliche Wirkungen zuschrieb, oder aus Verhältnissen falsche Resultate zog, und sich darinnen in seinen Erwartungen betrog. Wir werden uns seltner irren, mein Freund, wir durchschauen dann die Geheimnisse der physischen wie der moralischen Welt, bis dahin, versteht sich, wo der ewige Schleier über sie waltet, und was wir bei dem Scharfblick unsres Geistes von der Natur erwarten, das leistet sie gewiß. Ja es ist im richtigen Sinne sogar möglich, das Schicksal selbst zu leiten, und wenn uns dann auch das große allgewaltige Rad einmal mit sich fortreißt, so verlieren wir doch nie das Gefühl unsrer selbst, nie das Bewußtsein unseres Wertes.

Selbst auf diesem Wege kann der Weise, wie jener Dichter sagt, Honig aus jeder Blume saugen. Er kennt den großen Kreislauf der Dinge, und freut sich daher der Vernichtung wie dem Segen, weil er weiß, daß in ihr wieder der Keim zu neuen und schöneren Bildungen liegt.

Istvan Banyai, Engineers Are Aware of My Issues, Juli 2016Und nun, mein Freund, noch ein paar Worte über ein Übel, welches ich mit Mißvergnügen als Keim in Ihrer Seele zu entdecken glaube. Ohne, wie es scheint, gegründete, vielleicht Ihnen selbst unerklärbare Ursachen, ohne besonders üble Erfahrungen, ja vielleicht selbst ohne die Bekanntschaft eines einzigen durchaus bösen Menschen, scheint es, als ob Sie die Menschen hassen und scheuen.

Lieber, in Ihrem Alter ist das besonders übel, weil es die Verknüpfung mit Menschen und die Unterstützung derselben noch so sehr nötig macht. Ich glaube nicht, mein Freund, daß diese Empfindung als Grundzug in Ihrer Seele liegt, weil sie die Hoffnung zu Ihrer vollkommnen Ausbildung, zu welcher Ihre übrigen Anlagen doch berechtigen, zerstören und Ihren Charakter unfehlbar entstellen würde. Daher glaube ich eher und lieber, worauf auch besonders Ihre Äußerungen hinzudeuten scheinen, daß es eine von jenen fremdartigen Empfindungen ist, die eigentlich keiner menschlichen Seele und besonders der Ihrigen nicht, eigentümlich sein sollte, und die Sie, von irgendeinem Geiste der Sonderbarkeit und des Widerspruchs getrieben, und von einem an Ihnen unverkennbaren Trieb der Auszeichnung verführt, nur durch Kunst und Bemühung in Ihrer Seele verpflanzt haben.

Verpflanzungen, mein Freund, sind schon im allgemeinen Sinne nicht gut, weil sie immer die Schönheit des Einzelnen und die Ordnung des Ganzen stören. Südfrüchte in Nordländern zu verpflanzen, – das mag noch hingehen, der unfruchtbare Himmelsstrich mag die unglücklichen Bewohner und ihren Eingriff in die Ordnung der Dinge rechtfertigen; aber die kraft- und saftlosen verkrüppelten Erzeugnisse des Nordens in den üppigsten südlichen Himmelstrich zu verpflanzen, – Lieber, es dringt sich nur gleich die Frage auf, wozu? Also der mögliche Nutzen kann es nur rechtfertigen.

Was ich aber auch denke und sinne, mein Freund, nicht ein einziger Nutzen tritt vor meine Seele, wohl aber Heere von Übeln.

Ich weiß es und Sie haben es mir ja oft mitgeteilt, Sie fühlen in sich einen lebhaften Tätigkeitstrieb, Sie wünschen einst viel und im großen zu wirken. Das ist schön, mein Freund, und Ihres Geistes würdig, auch Ihr Wirkungskreis wird sich finden, und die relativen Begriffe von groß und klein wird die Zeit feststellen.

Aber ich stoße hier gleich auf einen gewaltigen Widerspruch, den ich nicht anders zu Ihrer Ehre auflösen kann, als wenn ich die Empfindung des Menschenhasses geradezu aus Ihrer Seele wegstreiche. Denn wenn Sie wirken und schaffen wollen, wenn Sie Ihre Existenz für die Existenz andrer aufopfern und so Ihr Dasein gleichsam vertausendfachen wollen, Lieber, wenn Sie nur für andre sammeln, wenn Sie Kräfte, Zeit und Leben, nur für andre aufopfern wollen, – wem können Sie wohl dieses kostbare Opfer bringen, als dem, was Ihrem Herzen am teuersten ist, und am nächsten liegt?

Ja, mein Freund, Tätigkeit verlangt ein Opfer, ein Opfer verlangt Liebe, und so muß sich die Tätigkeit auf wahre innige Menschenliebe gründen, sie müßte denn eigennützig sein, und nur für sich selbst schaffen wollen.

Ich möchte hier schließen, mein Freund, denn das, was ich Ihnen zur Bekämpfung des Menschenhasses, wenn Sie wirklich so unglücklich wären ihn in Ihrer Brust zu verschließen, sagen könnte, wird mir durch die Vorstellung dieser häßlichen abscheulichen Empfindung, so widrig, daß es mein ganzes Wesen empört. Menschenhaß! Ein Haß über ein ganzes Menschengeschlecht! O Gott! Ist es möglich, daß ein Menschenherz weit genug für so viel Haß ist!

Porn 4 Ladies, Emily Age 20, reading and masturbating, 30. Mai 2014Und gibt es denn nichts Liebenswürdiges unter den Menschen mehr? Und gibt es keine Tugenden mehr unter ihnen, keine Gerechtigkeit, keine Wohltätigkeit, keine Bescheidenheit im Glücke, keine Größe und Standhaftigkeit im Unglück? Gibt es denn keine redlichen Väter, keine zärtlichen Mütter, keine frommen Töchter mehr? Rührt Sie denn der Anblick eines frommen Dulders, eines geheimen Wohltäters nicht? Nicht der Anblick einer schönen leidenden Unschuld? Nicht der Anblick einer triumphierenden Unschuld? Ach und wenn sich auch im ganzen Umkreis der Erde nur ein einziger Tugendhafter fände, dieser einzige wiegt ja eine ganze Hölle von Bösewichtern auf, um dieses einzigen willen – kann man ja die ganze Menschheit nicht hassen. Nein, lieber Freund, es stellt sich in unsrer gemeinen Lebensweise nur die Außenseite der Dinge dar, nur starke und heftige Wirkungen fesseln unsern Blick, die mäßigen entschlüpfen ihm in dem Tumult der Dinge. Wie mancher Vater darbt und sorgt für den Wohlstand seiner Kinder, wie manche Tochter betet und arbeitet für die armen und kranken Eltern, wie manches Opfer erzeugt und vollendet sich im Stillen, wie manche wohltätige Hand waltet im Dunkeln. Aber das Gute und Edle gibt nur sanfte Eindrücke, und doch liebt der Mensch die heftigen, er gefällt sich in der Bewunderung und Entzückung, und das Große und Ungeheure ist es eben, worin die Menschen nicht stark sind. Und wenn es doch nur gerade das Große und Ungeheure ist, nach dessen Eindrücken Sie sich am meisten sehnen, nun, mein Freund, auch für diese Genüsse läßt sich sorgen, auch dazu findet sich Stoff in dem Umkreis der Dinge. Ich rate Ihnen daher nochmals die Geschichte an, nicht als Studium, sondern als Lektüre. Vielleicht ist die große Überschwemmung von Romanen, die, nach Ihrer eignen Mitteilung, auch Ihre Phantasie einst unter Wasser gesetzt hat (verzeihn Sie mir diesen unedlen Ausdruck), aber vielleicht ist diese zu häufige Lektüre an der Empfindung des Menschenhasses schuld, die so ungleichartig und fremd neben Ihren andern Empfindungen steht. Ein gutes leichtsinniges Herz hebt sich so gern in diese erdichteten Welten empor, der Anblick so vollkommner Ideale entzückt es, und fliegt dann einmal ein Blick über das Buch hinweg, so verschwindet die Zauberin, die magere Wirklichkeit umgibt es, und statt seiner Ideale grinset ihn ein Alltagsgesicht an. Wir beschäftigen uns dann mit Plänen zur Realisierung dieser Träumereien, und oft um so inniger, je weniger wir durch Handel und Wandel selbst dazu beitragen, wir finden dann die Menschen zu ungeschickt für unsern Sinn, und so erzeugt sich die erste Empfindung der Gleichgültigkeit und Verachtung gegen sie.

Aber wie ganz anders ist es mit der Geschichte, mein Freund! Sie ist die getreue Darstellung dessen, was sich zu allen Zeiten unter den Menschen zugetragen hat. Da hat keiner etwas hinzugesetzt, keiner etwas weggelassen, es finden sich keine phantastische Ideale, keine Dichtung, nichts als wahre trockne Geschichte. Und dennoch, mein Freund, finden sich darin schöne herrliche Charaktergemälde großer erhabner Menschen, Menschen wie Sokrates und Christus, deren ganzer Lebenslauf Tugend war, Taten, wie des Leonidas, des Regulus, und alle die unzähligen griechischen und römischen, die alles, was die Phantasie möglicherweise nur erdichten kann, erreichen und übertreffen. Und da, mein Freund, können wir wahrhaft sehn, auf welche Höhe der Mensch sich stellen, wie nah er an die Gottheit treten kann! Das darf und soll Sie mit Bewunderung und Entzückung füllen, aber, mein Freund, es soll Sie aber auch mit Liebe für das Geschlecht erfüllen, dessen Stolz sie waren, mit Liebe zu der großen Gattung, zu der sie gehören, und deren Wert sie durch ihre Erscheinung so unendlich erhöht und veredelt haben.

Vielleicht sehn Sie sich um in diesem Augenblick unter den Völkern der Erde, und suchen und vermissen einen Sokrates, Christus, Leonidas, Regulus etc. Irren Sie sich nicht, mein Freund! Alle diese Männer waren große, seltne Menschen, aber daß wir das wissen, daß sie so berühmt geworden sind, haben sie dem Zufall zu danken, der ihre Verhältnisse so glücklich stellte, daß die Schönheit ihres Wesens wie eine Sonne daraus hervorstieg.

Ohne den Melitus und ohne den Herodes würde Sokrates und Christus uns vielleicht unbekannt geblieben, und doch nicht minder groß und erhaben gewesen sein. Wenn sich Ihnen also in diesem Zeitpunkt kein so bewundrungswürdiges Wesen ankündigt, – – mein Freund, ich wünsche nur, daß Sie nicht etwa denken mögen, die Menschen seien von ihrer Höhe herabgesunken, vielmehr es scheint ein Gesetz über die Menschheit zu walten, daß sie sich im allgemeinen zu allen Zeiten gleichbleibt, wie oft auch immer die Völker mit Gestalt und Form wechseln mögen.

Aus allen diesen Gründen, mein teurer Freund, verscheuchen Sie, wenn er wirklich in Ihrem Busen wohnt, den häßlich unglückseligen und, wie ich Sie überzeugt habe, selbst ungegründeten Haß der Menschen. Liebe und Wohlwollen müssen nur den Platz darin einnehmen. Ach es ist ja so öde und traurig zu hassen und zu fürchten, und es ist so süß und so freudig zu lieben und zu trauen. Ja, wahrlich, mein Freund, es ist ohne Menschenliebe gewiß kein Glück möglich, und ein so liebloses Wesen wie ein Menschenfeind ist auch keines wahren Glückes wert.

Und dann noch eines, Lieber, ist denn auch ohne Menschenliebe jene Bildung möglich, der wir mit allen unsern Kräften entgegenstreben? Alle Tugenden beziehn sich ja auf die Menschen, und sie sind nur Tugenden insofern sie ihnen nützlich sind. Großmut, Bescheidenheit, Wohltätigkeit, bei allen diesen Tugenden fragt es sich, gegen wen? und für wen? und wozu? Und immer dringt sich die Antwort auf, für die Menschen, und zu ihrem Nutzen.

Besonders dienlich wird unsre entworfne Reise sein, um Ihnen die Menschen gewiß von einer recht liebenswürdigen Seite zu zeigen. Tausend wohltätige Einflüsse erwarte und hoffe ich von ihr, aber besonders nur für Sie den ebenbenannten. Die Art unsrer Reise verschafft uns ein glückliches Verhältnis mit den Menschen. Sie erfüllen nur nicht gern, was man laut von ihnen verlangt, aber leisten desto lieber was man schweigend von sie hofft.

Schon auf unsrer kleinen Harzwanderung haben wir häufig diese frohe Erfahrung gemacht. Wie oft, wenn wir ermüdet und erschöpft von der Reise in ein Haus traten, und den Nächsten um einen Trunk Wasser baten, wie oft reichten die ehrlichen Leute uns Bier oder Milch und weigerten sich Bezahlung anzunehmen. Oder sie ließen freiwillig Arbeit und Geschäft im Stiche, um uns Verirrte oft auf entfernte rechte Wege zu führen. Solche stillen Wünsche werden oft empfunden, und ohne Geräusch und Anspruch erfüllt, und mit Händedrücken bezahlt, weil die geselligen Tugenden gerade diejenigen sind, deren jeder in Zeit der Not bedarf. Aber freilich, große Opfer darf und soll man auch nicht verlangen.

Poilue Sorry to Disappoint You, Me, Reading Eragon, 2013

Bilder:

  1. Distant Passion: Quédate hoy conmigo, vive conmigo un día y una…, Juni 2016;
  2. Lady A. Dracula: Lilianne Sanguis, 31. Mai 2016;
  3. Enemy of Furys: Orange Power, 19. Juli 2015;
  4. Petites Luxures: Interchapitre, 18. April 2016;
  5. Istvan Banyai: Engineers Are Aware of My Issues, Juli 2016;
  6. Porn 4 Ladies: Emily Age 20, reading and masturbating, 30. Mai 2014,
  7. Poilue Sorry to Disappoint You: Me, Reading Eragon, 2013;
  8. Bibliophile Exhibitionism: When your book gets the best of you, 1. Januar 2016.

Soundtrack, weil wir oben kurz — und nicht im Sinne des Tatbestands — von erweitertem Selbstmord gesprochen haben und wo Kleist, seine Suizidgefährtin Henriette Vogel nie weit ist: „This song’s for Henriette!“: Lake Street Dive: Henriette, aus: Lake Street Dive, 2011, live im Pickathon Pumphouse in Portland, Oregon, 2012. Bridget Kearney am Kontrabass:

Wieder was gelernt vom Bernd.

Hand in Pants via Bibliophile Exhibitionism, When your book gets the best of you, 1. Januar 2016

Written by Wolf

1. September 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Weisheit & Sophisterei