Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Der sehr junge Goethe und sein Vorhangstoff

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Update zum 265.:

„Hast du des gwisst: dass der Goethe a direkter Nachfahre vom Lucas Cranach is?“

„Lucas Cranach dem Ältern oder dem Jüngern?“

„Depp.“

Nachbartisch am Schinderstadl, Thalkirchen, August 2015.

Goethes Geburts- und Taufeintrag, Frankfurt am Main 1749Heute wird Goethe 266 Jahre alt, was nicht seine geringste Leistung ist — eine rein quantitative, aber doch die doppelte, wie wenn er erst 133 würde. Auch wenn wir alle sie dereinst erfüllen werden, war Goethe schneller.

Bettine von Arnim, zu dieser Zeit noch unter ihrem Geburtsnamen Brentano, besuchte 1806 die „Frau Aja„, Goethes Mutter, um sie über ihren Sohn auszufragen. Die einen nennen es Verehrung, andere ein Interview, wieder andere Recherche für Goethes Briefwechsel mit einem Kinde, noch andere Stalking. Jedenfalls erwuchs daraus eine Frauenfreundschaft, die früher anfing und später endete als Bettinens Freundschaft mit dem Meister selbst.

1810 war Bettine schon an Goethe als seine glühende Verehrerin, man hätte später gesagt: als sein Fan, herangetreten — wobei das 25-jährige „Kind“ als Schwester des literarisch hervorgetretenen Clemens Brentano keine vollends Dahergelaufene war. Im entstandenen Briefwechsel hatte er ihr im Oktober 1810 von dem Entschluss berichtet, seine Autobiographie zu schreiben, und sie um Hilfe gebeten — der Traum eines jeden Fans. Daraufhin berichtete sie ihm, was sie 1806 von seiner eigenen Mutter und über seine eigene früheste Jugend von Goethes Mutter erfahren hatte. Obwohl Goethe bis zuletzt gut mit seiner Mutter auskam, starb die Dame 1808, als er ernsthaft mit seiner Autobiographie anfing. Wahrscheinlich verwendete er deshalb Bettines Auskünfte für Dichtung und Wahrheit und Aristeia der Mutter.

Johann Ludwig Ernst Morgenstern, Cornelia Schlosser, geb. Goethe, ca. 1770Die Biedermannsche Ausgabe der Goethe-Gespräche, einst ein sagenumwobenes Objekt kennerhafter Begehrlichkeiten, wird heute für ein Nichts verramscht, sogar in stark erweiterter Form, und nicht sehr fleißig gekauft, weil dtv die sechs umfänglichen Bände als etwas unspektakuläre Taschenbücher im hässlichsten Rot, das sie gefunden haben, ausgestattet hat. Bettines Briefwechsel müsste sich dafür, dass es über zwei Jahrhunderte alt ist, sehr viel besser verkaufen, weil es von der einnehmendsten aller feministischen Ikonen stammt und Einblick ins Privatleben gleich zweier Klassiker verspricht. Bettine hat aber die Briefe in beide Richtungen so stark literarisch bearbeitet, dass sie als Fiktion gelten müssen. Die zwei folgenden Briefe stehen dort nicht, vielmehr sind es die allerersten aus der Biedermannschen Sammlung, mithin authentisch.

Es mag an ein Sakrileg grenzen, aber ich habe Enwände gegen die Biedermann-Text. Dass Bettine oder wenigstens Bettina zu Zeiten des Geschehens und der Niederschrift noch Brentano hieß, aber durchgehend als von Arnim geführt wird, mag einer Verwechslung entgegenwirken, typographisch aber wird an keiner Stelle klar, ob drei Punkte so als Satzzeichen in den Vorlagen stehen oder als Auslassungspunkte fungieren. Vor allem finde ich mindestens einen eindeutigen Druckfehler schon auf der zweiten Seite; falls die zwei, drei anderen Stellen, an denen ich auf diesen zwei Seiten ernstlich zweifle, keine Satzfehler sind, hätten sie einen Kommentar vertragen. Und der Kommentar ist in seinen eigenen — vierten — Band ausgelagert, ein fünfter enthält Nachträge, die man getrost in die Chronologie einarbeiten könnte, und das meiste Primärmaterial, das thematisch zusammengehört, ist in einen Band 3.1 und 3.2 zerrissen. Nichts gegen work in progress, nur leider heißt mich der seit Jahren geltende Niedrigpreis dieses wahrhaft unersetzlichen, nie wieder so zusammenstellbaren Standardwerks fürchten, dass es das wohl bis auf weiteres war mit der den verbesserten Auflagen.

Immerhin finden sich im Kommentar aufschlussreiche fun facts, wie dass der Stoff zu den im ersten Brief erwähnten blau gewürfelten Vorhängen nachweisbar geblieben ist: im Inventar des Vermögens von Goethes 1730 verstorbenem Großvater väterlicherseits, Friedrich Georg Göthe.

Übrigens würde sich die chronologische Anordnung dieses zugegeben enormen Korpus als Darstellung in einem Weblog anbieten, der am 28. August 1749 anfängt und erst lange nach den 22. März 1832 versiegt. Eine monumentale Aufgabe. Ich fang schon mal an.

Alles Gute zum 266., Herr Geheimrat!

——— Bettina von Arnim an Goethe, 4. November 1810:

Johann Conrad Seekatz, Die Familie Goethe im Schäferkostüm, 1762Und somit begreifst Du mich, wenn ich Dir erzähle, daß das Wochenbett Deiner Mutter blau gewürfelte Vorhänge hatte, worin sie Dich zur Welt brachte? Sie war damals 18 Jahre alt und ein Jahr verheiratet. Drei Tage bedachtest Du Dich, eh Du ans Weltlicht kamst, und machtest der Mutter schwere Stunden; aus Zorn, daß Dich die Not aus dem eingebornen Wohnort trieb, und durch die Mißhandlung der Amme kamst Du ganz schwarz und ohne Lebenszeichen. Sie legten Dich in einen sogenannten Fleischarden mit Wein und bäheten dir die Herzgrube, ganz an Deinem Leben verzweiflend. Deine Großmutter stand hinter dem Bett; als Du zuerst die Augen aufschlugst, rief sie hervor: Räthin! er lebt! „Da erwachte mein mütterliches Herz und lebte seitdem in fortwährender Begeistrung bis zu dieser Stunde“, sagte sie mir in ihrem fünfundsiebzigsten Jahr. Dein Großvater, der der Stadt ein herrlicher Bürger und damals Syndikus war, wendete stets Zufall und Unfall zum Wohl der Stadt an, und so wurde auch Deine schwere Geburt die Veranlassung, daß die Staddt einen Accoucheur für die Armen einsetzte. „Schon in der Wiege war er den Menschen eine Wohltat“, sagte die Mutter. Sie legte Dich an ihre Brust; allein Du warst nicht zum Saugen zu bringen. Da wurde Dir die Amme gegeben: „An dieser hat er mit rechtem Appetit und Behagen getrunken; da es sich nun fand“, sagte sie, „daß ich keine Milch hatte, so merkten wir bald, daß er gescheuter gewesen war wie wir alle, da er nicht an mir trinken wollte.“

——— Bettina von Arnim an Goethe, 12. November 1810:

Andreas Praefcke, Denkmal von Goethes Mutter im Frankfurter Palmengarten, 2005Von seiner Kindheit. Wie er schon mit neun Wochen ängstliche Träume gehabt, wie er allerlei sonderbare Gesichter geschnitten und, wenn er aufgewacht, in ein sehr betrübtes Weinen verfallen, oft auch sehr heftig geschrieen hat, so daß ihm der Atem entging und die Eltern für sein Leben besorgt waren; sie schafften eine Schelle an: wenn sie merkten, daß er im Schlaf unruhig ward, schellten und rasselten sie heftig durcheinander, damit er bei dem Aufwachen gleich den Traum vergessen möge. Als ihn einst die Tante auf dem Arm hatte, fiel er pötzlich auf ihr Gesicht mit dem seinigen, und geriet dadurch so außer sich, daß ihm der Vater stets Luft einblasen mußte, damit er nur nicht ersticke…

Er war so schön, daß ihn seine Wärterin nicht wohl durch eine volkreiche Straße tragen konnte, weil alle Menschen sich herandrängten, ihn zu sehen; auch begehrten Frauen, die gesegnetes Leibes waren, ihn zu sehen; jedoch ist in seiner Vaterstadt keine Spur von Ähnlichkeit mit ihm zu bemerken. […]

Er spielte nicht gern mit kleinen Kindern, sie mußten denn sehr schön sein. In einer Gesellschaft fing er plötzlich an zu weinen; da man ihn nach der Ursache fragte, schrie er: das schwarze Kind kann ich nicht leiden, das soll hinaus; er hörte auch nicht auf, bis er nach Hause kam, wo ihn die Mutter befragte über die Unart: er konnte sich nicht trösten über des Kindes Häßlichkeit. Damals war er drei Jahr alt …

Zu der kleinen Schwester Cornelie hatte er, da sie noch in der Wiege lag, schon die zärtlichste Zuneigung; er steckte heimlich Brot in die Tasche, und stopfte es dem Kind in den Mund, wenn es schrie. Wollte man es wieder nehmen, so ward er gewaltig zornig, kletterte an den Leuten hinauf und raufte ihnen die Haare aus; er war überhaupt viel mehr zum Zürnen wie zum Weinen zu bringen. — Die Küche im Haus ging auf die Straße; an einem Sonntag-Morgen, da alles in der Kirche war, geriet der kleine Wolfgang hinein, erwischte ein Geschirr und warf’s zum Fenster hinaus; das Rappeln freute ihn gar sehr, die Nachbarn hatten auch ihre Freude dran: nun warf er in großer Eil alles, was er langen konnte, hinaus; wie er bald fertig war, kam die Mutter dazu, und lachte mit.

Im Umgang mit „Hätschelhans“ zwischen 1749 bis 1752 erkenne ich großen familiären Rückhalt. Aus dem Buben konnte noch was werden.

Die Quellenlage zu Bildern aus Goethes Kindheit ist leider sehr dünn. Hier sind verwendet:
Johann Wolfgang Goethes Geburts- und Taufeintrag im Frankfurter evangelischen Taufbuch von 1749 von einem nicht bezeichneten Priester, Historisches Museum Frankfurt am Main, gemeinfrei;
Johann Ludwig Ernst Morgenstern: Cornelia Schlosser, geborene Goethe, ca. 1770, Rötel und schwarze Kreide über Bleistift, gemeinfrei;
Johann Conrad Seekatz: Die Familie Goethe im Schäferkostüm, 1762;
Andreas Praefcke: Denkmal für Catharina Elisabeth Goethe im Frankfurter Palmengarten, 1. Januar 2005, GNU Free Documentation License.

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Written by Wolf

28. August 2015 um 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Klassik

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