Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for Januar 2014

Hören wir das Husten einer Grille im Schnee?

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——— Kurt Drawert: Idylle, rückwärts,
aus: Idylle, rückwärts. Gedichte aus drei Jahrzehnten, C.H. Beck, München 2011:

Eben noch war es der Leichtsinn
des Frühlings, und schon pfeifen die Vögel
im Innenrohr weiter, ununterscheidbar
vom Rauschen des Blutes,
oder was sonst noch passiert

jenseits der Herrlichkeiten.
Man beschäftigt die Fachwelt
mit seinem Körper, nervt,
weil die Geheimnisse wechseln,
und wird auf die Zukunft verwiesen.

Dabei ist das alles, von einem Moment
auf den anderen, sehr einfach:
die Idylle spult rückwärts,
wie ein Film am Anschlag der Rolle.
Die Geschichte der Geschichte beginnt,

das andere Leben, als Homunkulus
im Sprechstundenzimmer
mit gebürstetem Schädel
und Stich in die Vene.
Sehr privat auch erkennbar als Schwäche

des Phallus, dieser Knick einer Blume,
bevor sie zum Kraut fällt.
Es ist der Anfang vom Abgang.
Es ist die Stunde der Hunde.
Und so geht es zu nach den Höhepunkten:

Beckett, mein Teckel, vierjährig —
wegen Aufruhr geschlachtet;
die Arktis mit ihren Eiskremreserven —
leergepickelt. Schöne Maschinen
fallen vom Himmel wie Schuppen

der kranken Kopfhaut. Überall Brände,
alle U-Boote sinken. Das Arbeitsamt online
(keine Chancen mehr für Fahrradfahrer).
Nietzsche auch tot, mehrfach. Von oben
betrachtet — das reine Wissenschaftschaos.

Doch hosianna, ihr Börsianer!
In den Chat-Rooms der Hölle
pokern wir weiter.
Die Adressen der Unsterblichkeit leuchten.
Die fröhlichen Toten winken uns zu

——— Fritz J. Raddatz: Glück ist ein Gedicht, das keiner kennt,
in: Die Welt, Literarisches Leben 24. Januar 2014:

Loui Jover, The Book, 11. September 2013Gesang von der Bitterkeit des Dunklen

Dieser Tage nun erhielt ich von Kurt Drawert, dem in meiner Wertschätzungsskala ganz oben rangierenden Prosa-Autor und Lyriker, ein kleines Wunderwerk als Geschenk; denn Geschenk muss ich diese Briefbeilage nennen: das (noch) Fragment eines langen Poems, so schön, so wundersam, so mitten ins Herz treffend – Glück! Ich war für eine Stunde ein glücklicher Mensch.

Wieso? Weil Drawert gelungen ist, in makelloser Sprache, in brennenden Bildern zu bannen, was unser aller Existenz ausmacht: das Elend der Suche nach Glück. Sein Poem ist ein großer Gesang von der Bitterkeit des Dunklen, in dem wir selbst in vermeintlich hellen Stunden versinken, die meist irrigen Momente der Zweisamkeit nicht ausgenommen.

Nicht nur, dass wir einander kaum mehr wahrnehmen – auch Welt bleibt Schimäre: „Hören wir das Husten einer Grille im Schnee? … und sie kommen alle und stehen an vor dem schlechten Geruch im Innersten der Fehlentwicklung.“ Die Fehlentwicklung sind wir. Der Mensch. „Jeder Gang aus dem Haus findet wie auf einem Löschpapier statt.“ Unser Lebensweg ist die große Wanderung zwischen Güte und Niedertracht.

Drawerts Poem ist Klage. Es ähnelt von Ferne der aggressiven Elegie des großen „Howl“-Gedichts von Allen Ginsberg – auch das ja in seiner abgrundtiefen Trauer ein atemloser Schrei, dem keine Hilfe ein Echo bietet; die écriture wiederum erinnernd an Francis Bacons verzerrte Mahn-Male.

Was ich immer sag: Sauerstoff ist zu kostbar, um ihn in ungebundener Rede zu verblasen.

Danke an Thomas Brook!

Bild: Loui Jover: The Book, 11. September 2013.

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Written by Wolf

29. Januar 2014 at 16:33

Als ich in Saarbrücken

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Den 20. Jänner ging Lenz durchs Gebirg. Viel mehr ist von ihm nicht ins kollektive Bewusstsein vorgedrungen.

Am 23. Jänner 1751 wurde er in einem Kuhdorf ganz oben im Kurländischen geboren (der gleichaltrige Herder, den er in Weimar treffen sollte, stammte immerhin noch aus der unweiten Metropole Riga), da wo es heute Livland heißt, ansonsten hat er ein Leben lang alles darangesetzt, Goethe zu sein — in einem Ausmaß, dass er vom echten Geheimrat Goethe, der allein von Alters wegen überall schon der Erste war, in Stadt und Herzogtum Weimar Hausverbot erhielt.

Friederike Brion in Elsässer Tracht um 1770Bei Goethes weiland Studentenliebchen Friederike Brion zu Sesenheim wurde, nach Ablauf zweier Jahre seinerseits im Studentenalter, auch Lenz vorstellig, um Goethes damalige Stelle einzunehmen. Leider war das Fräulein Friederike, nachdem es den Größten und Besten von allen geliebt, für alle anderen verdorben, und blieb zeitlebens Fräulein.

Lenz gehört dem Sturm und Drang an, heute rechnet man ihn wegen seiner Kompromisslosigkeit sogar als Vorläufer des Jungen Deutschland, darin dem gerade zwei Jahre älteren Goethe in seinem jugendlichen Aggregatzustand nicht unähnlich, den er als Fürstenliebling, führender Beamter für so ziemlich alles und eigens geadelter Baron allerdings alsbald hinter sich ließ. In Gestus und Absichten gleicht er viel eher Georg Büchner, den er offensichtlich mehr beschäftigte. Seine erste Gesamtausgabe — genau wie die aktuelle von Sigrid Damm 1985 in drei Bänden — wurde dann 1828 vom „König der Romantik“ Ludwig Tieck eingerichtet.

Lenzens Alliance mit seiner verflossenen Friederike nahm Goethe noch mit nachsichtigem Kopfschütteln hin und begrüßte ihn zu Weimar als einflussreichen Schauspieldichter, ja den „zweiten Zauberer“ (Heinrich Christian Boie) neben sich selbst und Freund, der bei Hofe einzuführen war — als er sich allerdings an Goethes derzeitige Liebe Charlotte von Stein pirschte, gar einige Wochen allein zu zweit mit ihr auf ihrem Landgut Kochberg verbrachte und Goethe vermutlich — der Briefwechsel ist auf geheimrätlichen Befehl vernichtet — in nicht hinnehmbarer Weise beleidigte, wurde das angeführte Stadt- und Landesverbot fällig.

Man möchte das gern als liebenswerte Schelmenstreiche, schlimmstenfalls eine etwas aus dem Ruder gelaufene Schwärmerei werten. Das greift aber zu kurz. Nach dem zu schließen, was Sigrid Damm im Nachwort zu ihrer Gesamtausgabe beschreibt, reicht da nicht einmal eine schwere Depression; aus heutiger Sicht wird Lenzens Benehmen übereinstimmend als Schizophrenie gedeutet. Ein recht freudenvolles Leben kann er nicht geführt haben, dafür ein kürzeres (1751–1792). Nach seiner Weimarer Zeit verlieren sich seine Spuren in den revolutionären Aufklärer- und Freimaurerzirkeln von Petersburg, zuletzt Moskau. 1781 dort angekommen, zählt er 30 Jahre, in Deutschland wird in einem Frankfurter Tollhaus vermutet, sein literarischer Erfolg hat ein Ende. Nach kurzer Obdachlosigkeit starb er nachts in einer Gasse, weil die verfolgten Freimaurer selbst in Gefahr lebten und sein eigenes Irresein andere gefährdete, „von wenigen betrauert, von keinem vermisst“ (Jenaische Allgemeine Literaturzeitung). Sein Grab ist unbekannt.

August Sauer, Hg., Stürmer und Dränger, 1883, Seite 217, Digitalisat der Forschungsstelle J.M.R. Lenz an der Universität MannheimSeinen möglicherweise lichtesten Moment hatte er trotzdem, als er Goethe wieder einmal besonders ähnlich sein wollte: Während seines Aufenthalt in Reichweite der Sesenheimer Pfarrersfamilie Brion mit nachmals allzu durchsichtigen Absichten verreiste die Pfarrersfrau Brion mit ihren beiden Töchtern ab 3. Juni 1772 kurz nach Saarbrücken. Nach ihrer Heimkunft schenkte Lenz das Gedicht Friederiken, die es mit der Überschrift „Als ich in Saarbrücken“ versah und — Ehre genug — zusammen mit der ihr hinterlassenen Sesenheimer Lyrik Goethes verwahrte — mit dem Heideröslein, Willkommen und Abschied und Verwandtem.

Aufgrund dieses Fundorts und stilistischer Gemeinsamkeiten wurde das Gedicht einschließlich Friederikes Überschrift zuerst ganz selbstverständlich dem jungen Goethe zugeschrieben, jedenfalls mehrmals so gedruckt. Das muss einer erst einmal schaffen, so versehentlich.

Ich zitiere es nach der Gesamtausgabe von Sigrid Damm bei Insel, somit nach einer Kollation mit der Kruseschen Abschrift des Sesenheimer Liederbuchs, weil all die ausgelassenen Satzzeichen, die in allen anderen Fassungen ergänzt sind, den Ton in anrührender Weise gleichsam verwehen lassen. Es ist eins von denen, die man gar nicht singen muss, damit sie eine Melodie ergeben. Es ist wunderschön.

——— Jakob Michael Reinhold Lenz:
Wo bist du itzt, mein unvergeßlich Mädchen
Sommer 1772, Militärfestung Fort Louis bei Sessenheim, gewidmet Friederike Brion,
Erstdruck in Blätter für literarische Unterhaltung, 5. Januar 1837, Handschrift vernichtet:

Wo bist du itzt, mein unvergeßlich Mädchen,
Wo singst du itzt?
Wo lacht die Flur? wo triumphiert das Städtchen
Das dich besitzt?

Seit du entfernt, will keine Sonne scheinen
Und es vereint
Der Himmel sich, dir zärtlich nachzuweinen
Mit deinem Freund

All unsre Lust ist fort mit dir gezogen
Still überall
Ist Stadt und Feld — Dir nach ist sie geflogen
Die Nachtigall

O komm zurück! Schon rufen Hirt und Herden
Dich bang herbei.
Komm bald zurück! sonst wird es Winter werden
Im Monat Mai.

Paul Theodor Falck, Friederike Brion von Sesenheim 1752--1813. Eine chronologisch bearbeitete Biographie nach neuem Material aus dem Lenz-Nachlasse. Berlin, Kamlah'sche Buchhandlung, 1884 via erlesenes -- Antiqu@riat und Buchhandlung, Österreich

Bilder: Friederike Brion in Elsässer Tracht um 1770;
August Sauer (Hg.): Stürmer und Dränger, 1883, Seite 217, Digitalisat der Forschungsstelle J.M.R. Lenz an der Universität Mannheim;
Paul Theodor Falck: Friederike Brion von Sesenheim (1752–1813). Eine chronologisch bearbeitete Biographie nach neuem Material aus dem Lenz-Nachlasse. Berlin, Kamlah’sche Buchhandlung, 1884 via „erlesenes“ — Antiqu@riat und Buchhandlung, Österreich: 85 Euro + Versand.

Written by Wolf

23. Januar 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Sturm & Drang

Nackt fällt sie ihm an seinen Mund

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Update zu Weihnachtsengel 2: Ein göttliches Gedichte:

So bekannt Ludwig Tieck mit frühromantischen Kunstmärchen und spätromantischen Novellen wurde — diese ganze Zeit konnte er seine Produktion aufrecht erhalten — bin ich immer wieder überrascht, wie überragend seine Gedichte sind — und wie zahlreich und wie wenig verbreitet.

Von seinem Schauspiel Das Donauweib von 1808 sind nur der erste Akt und vier Gedichte fertig geworden, obwohl er von Friedrich Christoph Förster und Clemens Brentano immer wieder zum Liefern gedrängt wurde. Man darf annehmen, dass das ganze Stück den Melusinenstoff ausschöpfen sollte und ihm in seinem thematisch verwandten Sehr wunderbare Historie von der Melusina. In drei Abtheilungen 1800 schon alles gesagt schien; immerhin gab das Stück genug her, dass sich Goethe daraus bediente.

Im Donauweib folgt auf jede Strophe dem lockenden Gesang der Donaunixe Siglinde jeweils eine Replik des umworbenen Albrecht.

Dieses erste der vier Gedichte, gefunden in der derzeit größten Tieck-Ausgabe von Ruprecht Wimmer bei der Bibliothek Deutscher Klassiker (danke an den Präsenzbestand im Lesesaal der Münchner Stadtbibliothek am Gasteig!), war so schön — und hätte ebensogut nebenan in Moby-Dick™ gepasst –, dass ich die anderen drei auch noch auftreiben und in einer leserlichen Form zugänglich machen musste.

Ludwig Tieck: Die Sirene,
Schifferlied der Wasserfee, Der Fischfang und Gesang der Feen
aus: Gedichte. Neue Ausgabe 1841 — entstanden 1808 für Das Donauweib, 1. Akt,
in: Die Sängerfahrt: eine Neujahrsgabe für Freunde der Dichtkunst und Mahlerey,
Sammlung von Friedrich Christoph Förster, 1818:

     Auf Bergen nicht und nicht im Thal
Wohnt Liebesglück,
Von Thal und Bergen treibt die Qual
Dich bald zurück,
Die Heimath weicht, die Ruhe flieht
Wie Sehnsucht dich in ihre weiten sanften Kreise zieht.

     Sehnsucht hat ein Thor erbaut,
Drinnen lacht das Lachen, schmachten
Süße Blicke, dir entgegen schaut
Der Kuß, die Arme nach dir trachten;
O komm zum Schloß, auf Bergen nicht und nicht im grünen Thal,
O endlich, endlich komm zum trauten Kämmerlein einmal.

     Rubinen glänzen in dem Saal,
Dir winkt das Hochzeitbette,
O küßt‘ ich dich ein einzigmal,
O daß ich dich in Armen hätte,
Dir in die lieben Augen tief zu sehn,
Und Kuß auf Kuß in Wollust zu vergehn.

June H. by Jessie for The Gentlemens' Club, Though the Truth May Vary, alternate edit, 20. Dezember 2012

Schifferlied der Wasserfee

Auf Wogen
Gezogen,
Von Klängen
Gesängen
Durch Strahlen gelenkt:
Die Wellen,
Die hellen
Gewölke, von Morgenröthe getränkt;
Die Töne,
Die Schwäne,
Die säuselnden Lüfte,
Die blumigen Düfte,
Sich alles zum Grusse entgegen mir drängt.
Ohn Sorgen
Nur weiter,
Wie heiter
Der Morgen!
Fließ Bächlein,
Fahr Schifflein
Ohn Sorgen
Nur weiter,
Begegnet doch alles wie Schicksal verhängt.

June H. by Jessie for The Gentlemens' Club, Though the Truth May Vary, 20. Dezember 2012

Der Fischfang

     Es war einmal ein Junggesell,
Der thät hin fischen gehn,
Die Wasser schienen klar und hell,
Die Sonne gar so schön,
Er schaut wohl in die nasse Fluth,
Er denkt an sie und klagt und fühlt den Liebes-Muth.

     Und willst du mich mit Netzen stehlen?
So singt es aus dem Fluß:
Zum Liebsten wollt‘ ich dich erwählen,
Komm her, komm her zum Kuß!
Er zieht das Netz mit großer Pein,
Und schaut! da zappelt und lacht die Liebste drein.

     Nackt fällt sie ihm an seinen Mund,
Und halst und druckt ihn sehr,
Da war er froh und ganz gesund,
Und klagte nimmer mehr,
Sankt Peter segnet ihm den Zug,
Er hat mit seinem lieben Fisch der Lust und Freude überg’nug.

Gesang der Feen

Fließe Strom, in deinen hellen
Klaren Wellen
Wiegt der Himmel sich im Bilde,
Abendlüfte hauchen milde,
Und das Lied der Vögel schallt
Vom Gebirge her vom Tannenwald.
     Auf der Spule glänzt der Faden
Roth und golden,
Den wir erst im Thaue baden
Von Blüthendolden;
Wie das Rad sich dreht und windet
Wird das Gold nur mehr entzündet,
Und wann aller Glanz versponnen,
Wird das Gespinnste aufgeschlagen,
Und nach vielen ems’gen Tagen
Unser Kleid gewoben und gewonnen,
In dem wir dann im Sonnenscheine sitzen,
Uns wiegend auf der Blumen grünen Spitzen,
Wenn Abendschimmer durch den Himmel blitzen.

Bilder: Jessie inszeniert June H. für The Gentlemens‘ Club:
Though the Truth May Vary mit einem alternate edit, 20. Dezember 2012:

This ship will carry our bodies safe to shore. […] And now a word from the photographer. I just thought I’d say hi to you all, and seeing as the world may or may not end tomorrow, and I know I don’t talk enough on my pictures. So hi and maybe bye. If the world really does end tomorrow, I’m glad this was my last picture because it’s been on my mind for quite some time now, and I never could have hoped for it to come out any better. This image means a lot to me and has been intriguing my imagination for a little over six months now. So, I hope you all enjoy it as much as I do.

Yours Truly,
Jessie

Go to Sleep Little Baby: Die drei Sirenen in O Brother, Where Art Thou
von den Coen-Brüdern, 22. Dezember 2000.

Written by Wolf

17. Januar 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Romantik

Nachtstück 0003: Polizistenschatten im Laternenschein

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Update zu Dann, Engel, blas Posaune und Nachtstück 0002:

Mein Vater war Eisenbahner. Für junge Menschen hat ein Vater bei der Bahn den Vorteil, dass er viel in Deutschland herumkommt, je nachdem, wohin er seine acht Zeilen Freifahrschein ausfüllt; innerhalb Europas geht’s auch, aber die sind nicht so spontan, weil sie beantragt werden müssen. Mein Vater und ich haben im Laufe meiner frühen Jahre mehr als einmal an einem Samstagnachmittag beschlossen, ein Frühstück aus grünem Aal nach Nürnberg zu holen, schrieben „Ottensoos–Hamburg/Altona“ in die nächste Zeile, sprangen in den Hamburger Nachtzug, kamen zu nachtschlafender Zeit zum Fischmarkt zurecht, kauften einige Tüten voll Aale, so frisch, dass sie noch gelebt hatten, während wir die Bahnhofslichter von Hildesheim bewunderten, frühstückten in den Markthallen gegenüber Blohm & Voss Labskaus und Pils, um im Zug besser zu schlafen, vergaßen auch nicht das landwirtschaftliche Kleinvieh nebenan zu besuchen, um doch wieder kein exotisches Huhn zu kaufen, schrieben in die nächste Zeile „Hamburg/Altona–Osterhofen“, damit wir nächstes Mal ins Gebirge konnten, stiegen in Altona ein, um am Hauptbahnhof schon unseren Platz zu haben, stanken das Abteil mit Fisch voll, versorgten die Nachbarn mit Aal, weil das Zeug schnell weg muss, und rechtfertigten uns mit Zeitgründen, warum wir „auf“ Sankt Pauli nicht im Puff gewesen waren. Dann war früher Sonntagnachmittag. Das nur nebenbei.

Einmal kamen wir erst nach der Sportschau auf die Idee, Aal einzukaufen, was zu knapp für Hamburg war, trugen „Ottensoos–Köln Hbf“ ein und besichtigten am Abend die soeben entstandenen Hochwasserschäden entlang des gastronomisch orientierten Rheinufers. In der Altstadt, wo wir uns nicht auskannten, sah es aus wie in der von Nürnberg, nur mit mehr Sandsäcken vor Kellerfenstern, die Türen waren schon wieder benutzbar. Wir benutzten die von einer nicht zu großen Kneipe namens Papa Joe’s. Em Streckstrump, weil wir Wirtshäuser mieden, die ihre Preise nicht draußen anschreiben.

Innen lernten wir, dass der Kölner an sich nichts von fremden Menschen weiß, sondern unterschiedslos mit ihnen zu reden anfängt, weil man mit Leuten eben redet, und weil das natürliches menschliches Verhalten ist, vor allem in Kneipen. Und dass sie hier allgemein ihren Ehrgeiz darein setzen, „ein Mensch zu bleiben“, und nicht ohne ein gemütliches bis nachsichtiges Wohlwollen betonen, dass jemand „auch nur ein Mensch“ sei. Und dass der Kerl, der sich mit einem runden Gestell voller zahnputzglasgroßer Biere über dem Kopf durch das Kneipengetümmel schlängelt, Köbes heißt. Und dass man Dixieland in Köln außerhalb von Sonntagsfrühschoppen spielt, aber vielleicht war die Kapelle auch nur ein paar Stunden zu früh da.

Während mein Vater von Einheimischen dazu verdonnert wurde, seinen Samstgagabend mit Erzählungen von vergangenen und bevorstehenden Bahnreisen zu verbringen und dazu, an 0,5 Liter große Gläser gewöhnt, dem Köbes einen Zahnputzbecher Kölsch nach dem anderen abkaufte, war für mich das Faszinierendste die Tapete des Lokals: Sie bestand von unten bis unter die hohe Decke aus alten Zeitungsseiten, weil sie so in Rheinufernähe zuverlässig jährlich erneuert werden musste. Undenkbar für bodenständige Menschen aus Binnenfranken, einen Wohnsitz noch zu halten, nachdem er das zweite und dritte Mal überschwemmt worden war, aber et kütt wie et kütt, woll?

Unser zuständiger Köbes mochte mich offenbar, denn er stellte mir jedes Mal, wenn eine neue Runde fällig war, diskret auch so ein Kölsch ab und kassierte es vom Rundenspender mit. Das funktionierte, weil alle Beteiligten damit glücklich waren.

Meinem Vater sagte wenig zu, dass sie im ganzen Rheinland Rosinen in den Sauerbraten schütteten, aber in dem Gedrängel an den Stehtischen hätten wir sowieso nichts „Richtiges“ — ein Ausdruck „unserer“ daheimgebliebenen Mutter — essen können. Auf das Anraten mehrerer Einheimischer, der Halve Hahn sei hier sehr ordentlich, bestellten wir zwei davon. Wir verzehrten sie, während wir einigen Schnurrbartträgern dabei zuschauten, wie sie sich beim Versuch, das Wort „Käsweggla“, was Käsebrötchen oder Halver Hahn bedeutet, korrekt auszusprechen, fast das Gesicht brachen.

Die Kapelle schickte fast so regelmäßig wie den Köbes ein Instrument, das gerade nichts zu tun hatte, mit einem Filzhut durch die Menge und rief eine Kollekte für hochwassergeschädigte Musiker aus. Dann spielte sie eine besonders anrührende, stillvergnügte Version von When You’re Smiling, und ich fand im Gewirr der meterhohen, meterbreiten Zeitungsseiten ein Gedicht. Es stand in einer Ecke, die zu den folkloristisch unverzichtbaren Hochwassern offenbar lange trocken blieb, denn das Blatt sah schwer vergilbt und im Design nach Goldenen Zwanzigern aus, als Herrschaften wie Tünnes und Schäl leibhaftig umherliefen, mit Jugenstilschriftarten und im- oder expressionistischen — das kann ich bis heute nicht unterscheiden — Ornamenten, etwa wie die frühe Reklame für Roth-Händle. Ein gutes Eck, um im Gewimmel ungestört zu verweilen, ein nur halb ergaunertes Kölsch zu verkasematuckeln, wie der Kölner sagt, Dixieland zu hören und ein schlagend kurzes, herrlich sinnloses Gedicht an der Wand auswendig zu lernen.

Nachtstück

Klingt wie Hellebarde
Auf dem Pflasterstein.
Polizistenschatten
im Laternenschein.

Bruder Kain noch immer
Flieht vor dem Gericht.
In das Dunkel bergen
Diebe ihr Gesicht.

Mein Vater konnte das bundesdeutsche Kursbuch, Gesamtausgabe, praktisch auswendig, auch in hohen Promillebereichen, so einer war das nämlich, ein Bahnerer mit Leib und Seele. Daher ist es nur mit Vorsatz zu erklären, dass wir den letzten Zug Köln–Nürnberg verpassten und bis zum ersten ausharren mussten.

Hoch über dem Bahnhof thronte der Dom leider zugesperrt, die Domplatte war trotzdem beeindruckend weitläufig und belebt. In einer so weltoffenen Stadt schien es uns dennoch statthaft, gegen die Wand des Kölner Doms zu pinkeln; mein Vater war evangelisch. „Et hätt noch immer jot jejange“, hatte er sich gemerkt.

Die majestätischen Fluten des Rheins begannen schon in einer Morgendämmerung zu glitzern, es wurde also Zeit, mein neu gelerntes Gedicht aufzusagen. Es dauerte einschließlich der Denkpausen angesichts der ungefrühstückten Stunde so lange, wie man pinkeln muss.

„Du lernst ein Zeug“, sagte mein Vater und schüttelte ab.

Papa Joe's Jazzlokal Em Streckstrump Köln. Deutschlands ältestes Jazzlokal mit täglichem Live-Jazz

Bild: Papa Joe, Köln.

Written by Wolf

11. Januar 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Impressionismus, Nahrung & Völlerei

Doppeltgänger

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Update zu Nachtstück 0001 und Jug:

——— E.T.A. Hoffmann: Tagebücher, 6. Januar 1804:

Alle Nerven irritiert von dem gewürzten Wein — Anwandlung von TodesAhndungen — DoppeltGänger —

——— 6. November 1809:

Ich denke mir mein ich durch ein VervielfältigungsGlas — alle Gestalten die sich um mich herum bewegen sind Ichs und ich ärgere mich über ihr thun und lassen […]

——— 6. Januar 1811:

gespannt bis zu Ideen des Wahnsinns die mir oft kommen Warum denke ich schlafend und wachend so oft an den Wahnsinn?

——— 5. Februar 1812:

Betrachtungen über das Selbst — dem der Untergang droht — es ist etwas ungewöhnliches noch nicht erlebtes

Fachliteratur:

  • Friedhelm Auhuber: In einem fernen dunklen Spiegel. E.T.A. Hoffmanns Poetisierung der Medizin, Westdeutscher Verlag, Opladen 1986;
  • Franz Loquai: Künstler und Melancholie in der Romantik, Frankfurt am Main 1984;
  • Johann Christian Reil: Rhapsodieen über die Anwendung der psychischen Curmethode auf Geisteszerrüttungen, 1803;
  • Gotthilf Heinrich von Schubert: Ansichten von der Nachtseite der Naturwissenschaft, Arnold, Dresden 1808;
  • Wulf Segebrecht: Krankheit und Gesellschaft. Zu E.T.A. Hoffmanns Rezeption der Bamberger Medizin, in: Richard Brinkmann (Hg.): Romantik in Deutschland, Stuttgart 1978, Seite 267–290.

E.T.A. Hoffmann Hörspiel CD-Cover

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Das mag ich an ihm: Er verlangt nach philologischer Auslegung, und er verträgt himmelschreiende Hörspielbearbeitungen. „Der Revierjäger“ war übrigens Hoffmanns Arbeitstitel für das früheste Nachtstück Ignaz Denner. Es käme also auf den Versuch am lebendigen, hörenden Leibe an, ob diese Verunglimpfungen vielleicht doch ganz bildend sind: Es ist etwas Ungewöhnliches, noch nicht Erlebtes.

Written by Wolf

6. Januar 2014 at 00:01

Eskimojade

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Nicht ganz ohne Stolz bringt DFWH den originalen Text der Eskimojade, die an zahlreichen Stellen in unwesentlich verschiedenen Versionen durchs Internet geistert, aber immer als „anonym“ oder mit „Verfasser unbekannt“. Ein schwer erträglicher Zustand.

Sogar Klaus Peter Denckers verdienstreiche Anthologie Deutsche Unsinnspoesie bei Reclam nennt die Fundstelle bei den Fliegenden Blättern bis in die Seitenzahl, aber den Verfasser — wohl zu Recht — anonym. Der betreffende Scan der Uni Heidelberg zeigt Illustrationen mit der leserlichen Signatur „Oberländer“, allerdings sind von Adolf Oberländer grafische Werke bekannt, keine Gedichte dazu — wie etwa bei Wilhelm Busch. Sollten weitere Quellen und Erkenntnisse auftauchen, bitte ich darum, mich zu benachrichtigen. An dem Gedicht liegt mir von Kindheit an etwas; wer es auswendig vor sich hersagen kann, trägt ein angenehm dämliches Grinsen spazieren.

——— Adolf Oberländer:

Eskimojade

in: Fliegende Blätter, Band XC, No. 2272, Seite 54 f., Verlag von Braun & Schneider, München 1889:

Es lebt‘ in dulici jubilo
In Grönland einst ein Eskimo.
Der liebt voll Liebeslust und Leid
Die allerschönste Eskimaid,
Und nennt im Garten sie und Haus
Bald Eskimiez, bald Eskimaus.
Im wunderschönen Eskimai,
Spazieren gingen froh die Zwei,
Geschminkt die Wangen purpurroth,
Wie’s mit sich bringt die Eskimod,
Und setzten sich ganz sorgenlos
In’s wunderweiche Eskimoos.
Still funkelte am Horizont
Der silberklare Eskimond.
Da schlich herbei aus dichtem Rohr,
Othello, Grönlands Eskimohr.
In schwarzer Hand hielt fest den Dolch
Der eifersücht’ge Eskimolch
Und stach zwei- dreimal zu voll Wuth
In frevelhaftem Eskimuth.
Vom Dolch getroffen alle Beid‘ —
Sank Eskimo und Eskimaid.
Da rannt‘ im Sprunge des Galopps
Herbei der treue Eskimops
Und biß mit seinen Zähnen stark
Den Mörder bis in’s Eskimark,
Der bald, zerfleischt vom treuen Hund,
Für immer schloß den Eskimund. — —
So ward — das ist der Schlußaccord,
Gerächt der blut’ge Eskimord!
Und schau’rig klingt vom Norden her
Noch heut’gen Tags die Eskimähr‘.

Adolf Oberländer, Eskimojade, Fliegende Blätter 1889, 1

Adolf Oberländer, Eskimojade, Fliegende Blätter 1889, 2

Seite 54 und 55: a.a.O. via Uni Heidelberg. Danke, danke, danke für dieses Projekt — und an den sorgfältigen Scanner — den viereckigen wie den zweibeinigen — in 300 dpi und anständigem Kontrast!

Written by Wolf

1. Januar 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Realismus, Vier letzte Dinge: Tod