Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for the ‘Vier letzte Dinge: Himmel’ Category

Drum dein Stimmlein lass erschallen

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Update zu Trost der Welt, du stille Nacht,
Umfing ihn sein feins Liebchen: Leb wol, du Herzensbübchen! Leb wol! Viel Heil und Sieg!
und Doktor Faust thu dich bekehren:

Wird, gesungen, herzerfreulich seyn.

Goethe, 21. Januar 1806.

Da sieht man, woher die Herren von Arnim und Brentano ihre Volkslied-Raritäten für Des Knaben Wunderhorn aufgesammelt haben: Ab und zu wurde da wirklich ein Schatz in Form eines vorbarocken Flugblatts gehoben — und dann bedienen sie sich wieder aus dem alles andere als verschollenen Abentheuerlichen Simplicissimus von Grimmelshausen — immerhin barock, von 1669.

Giuseppe Calì, Woman in the Moon, 1912Das war ein Lieblingsbuch der beiden Sammler, vor allem Brentanos, weshalb wohl er es ins Wunderhorn hineingetragen und wortgetreu dafür bearbeitet haben wird. Wenn schon nicht redaktionell, versteht man ihn immerhin menschlich: Was Barocklyrik angeht, ist das ein unverwüstlich schönes, auf natürliche Weise inniges Juwel.

Eichendorff verwendete die Wunderhorn-Fassung, welcher Bestseller ihm bis dahin bekannt sein konnte und sogar 1810 von Brentano selbst überreicht wurde, für sein Gedicht Der Einsiedler — nach allen Fundstellen „um 1837“ entstanden, aber schon „um 1836“ in Eine Meerfahrt eingebaut. Wieder unter Brentanos Händen entstand 1846 doch noch die Rarität im Märchen von dem Schulmeister Klopfstock und seinen fünf Söhnen — das von Brentano vermutlich nicht ausdrücklich als verstecktes Nebenwerk beabsichtigt war, wo aber der Klausner eine Version in wesentlich nachbarockem Deutsch und vor allem in einem erfreulich grotesken Kontext singt.

In den folgenden Versionen erhellt, dass bei Grimmelshausen noch die Überschrift fehlt. Von Brentano wurde sie wohl nach einem Vers aus einem der Lieder nach Ossian aus der Volksliedsammlung von Herder 1779 gestaltet: „Der weckt den Schall der Nacht“, dort Buch 2, Nr. 15 — übrigens in der Reihe die Version, die als schroffer, schwer verständlicher Fremdkörper heraussticht.

Im gesamten Material liegt genügend Schönheit, um es versammelt sehen zu wollen. — Chronologisch:

L. Friday Comerre, 2017

——— Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen:

Das siebente Kapitel.

Simplex wird in einer Herberg tractiret /
ob gleich wird sehr grosser Mangel gespühret.

aus: Der Abentheuerliche Simplicissimus Teutsch, I. Buch, 7. Capitul, 1669, ungekürzt:

WAs gestalten mir wieder zu mir selbst geholffen worden / weiß ich nicht / aber dieses wol / daß der Alte meinen Kopff in seinem Schos / und vornen meine Juppen geöffnet gehabt / als ich mich wieder erholete / da ich den Einsidler so nahe bey mir sahe / fieng ich ein solch grausam Geschrey an/ als ob er mir im selben Augenblick das Hertz auß dem Leib hätte reissen wollen: Er aber sagte / mein Sohn / schweig / ich thue dir nichts / sey zu frieden / etc. je mehr er mich aber tröstete / und mir liebkoste: Je mehr ich schrye / O du frisst mich! O du frisst mich! du bist der Wolf / und wilst mich fressen: Ey ja wol nein / mein Sohn / sagte er / sey zu frieden / ich friß dich nicht. Diß Gefecht währete lang / biß ich mich endlich so weit liesse weisen / mit ihm in seine Hütten zu gehen / darin war die Armut selbst Hofmeisterin / der Hunger Koch / und der Mangel Küchenmeister / da wurde mein Magen mit einem Gemüß und Trunck Wassers gelabt / und mein Gemüt / so gantz verwirret war / durch deß Alten tröstliche Freundligkeit wieder auffgericht und zu recht> gebracht: Derowegen ließ ich mich durch die Anreitzung deß süssen Schlaffes leicht bethören / der Natur solche Schuldigkeit abzulegen. Der Einsidel merckte meine Notdurfft / darumb liesse er mir den Platz allein in seiner Hütten / weil nur einer darin ligen konte; ohngefähr umb Mitternacht erwachte ich wieder / und hörete ihn folgendes Lied singen / welches ich hernach auch gelernet:

Carl Schweninger, Der Morgenstern und der MondKOmm Trost der Nacht / O Nachtigal /
Laß deine Stimm mit Freudenschall /
Auffs lieblichste erklingen :/:
Komm / komm / und lob den Schöpffer dein /
Weil andre Vöglein schlaffen seyn /
Und nicht mehr mögen singen:
     Laß dein / Stimmlein /
          Laut erschallen / dann vor allen
               Kanstu loben
Gott im Himmel hoch dort oben.

Ob schon ist hin der Sonnenschein /
Und wir im Finstern müssen seyn /
So können wir doch singen :/:
Von Gottes Güt und seiner Macht /
Weil uns kan hindern keine Nacht /
Sein Lob zu vollenbringen.
     Drumb dein / Stimmlein /
          Laß erschallen / dann vor allen
               Kanstu loben /
Gott im Himmel hoch dort oben.

Echo, der wilde Widerhall /
Will seyn bey diesem Freudenschall /
Und lässet sich auch hören :/:
Verweist uns alle Müdigkeit /
Der wir ergeben allezeit /
Lehrt uns den Schlaff bethören.
     Drumb dein / Stimmlein /
          Laß erschallen / dann vor allen
               Kanstu loben /
Gott im Himmel hoch dort oben.

Die Sterne / so am Himmel stehn /
Lassen sich zum Lob Gottes sehn /
Und thun ihm Ehr beweisen :/:
Auch die Eul die nicht singen kan /
Zeigt doch mit ihrem heulen an /
Daß sie Gott auch thu preisen.
     Drumb dein / Stimmlein /
          Laß erschallen / dann vor allen
               Kanstu loben /
Gott im Himmel hoch dort oben.

Nur her mein liebstes Vögelein /
Wir wollen nicht die fäulste seyn /
Und schlaffend ligen bleiben :/:
Sondern biß daß die Morgenröt /
Erfreuet diese Wälder öd /
Im Lob Gottes vertreiben.
     Laß dein / Stimmlein /
          Laut erschallen / dann vor allen
               Kanstu loben /
GOtt im Himmel hoch dort oben.

Unter währendem diesem Gesang bedunckte mich warhafftig / als wann die Nachtigal so wol / als die Eul und Echo, mit eingestimmt hätten / und wann ich den Morgenstern jemals gehört / oder dessen Melodey auff meiner Sackpfeiffen aufzumachen vermöcht / so wäre ich auß der Hütten gewischt / meine Karten mit einzuwerffen / weil mich diese Harmonia so lieblich zu seyn bedunckte / aber ich entschlieff / und erwachte nicht wieder / biß wol in den Tag hinein / da der Einsidel vor mir stunde / und sagte: Uff Kleiner / ich will dir Essen geben / und alsdann den Weg durch den Wald weisen / damit du wieder zu den Leuten / und noch vor Nacht in das nächste Dorff kommest; Jch fragte ihn / was sind das für Dinger / Leuten und Dorff? Er sagte / bist du dann niemalen in keinem Dorff gewest / und weist auch nicht / was Leut oder Menschen seynd? Nein / sagte ich / nirgends als hier bin ich gewest / aber sag mir doch / was seynd Leut / Menschen und Dorff? Behüt GOtt / antwortet der Einsidel / bist du närrisch oder gescheid? Nein / sagte ich / meiner Meüder und meines Knans Bub bin ich / und nicht der närrisch oder der gescheid: Der Einsidel verwundert sich mit Seufftzen und Becreutzigung / und sagte: Wol liebes Kind / ich bin gehalten / dich umb GOttes willen besser zu unterrichten: Darauff fielen unsere Reden und Gegen-Reden / wie folgend Capitel außweiset.

~~~\~~~~~~~/~~~

Jules Joseph Lefebvre, Le rêve

——— Johann Gottfried Herder:

15. Fillans Erscheinung und Fingals Schildklang

Aus Ossian

aus: „Stimmen der Völker in Liedern“. Volkslieder, Zweiter Theil, Zweites Buch, Nummer 15, 1778:

Luis Ricardo Falero: Moon Nymph, detail, 1883Kein Schlaf in deinem Dunkel ist auf dir,
Blauaugigte Tochter Konmors, des Hügels.
Es hört Sulmalla den Schlag,
Auf stand sie in Mitte der Nacht,
Ihr Schritt zum Könige Atha’s des Schwerts,
„Kann ihm erschrecken die starke Seele?“
Sie stand in Zweifel, das Auge gebeugt.
Der Himmel im Brande der Sterne. – –

Sie hört den tönenden Schild,
Sie geht, sie steht, sie stutzet, ein Lamm,
Erhebt die Stimme; die sinkt hinunter – –
Sie sah ihn im glänzenden Stahl,
Der schimmert zum Brande der Sterne – –
Sie sah ihn in dunkler Locke,
Die stieg im Hauche des Himmels – –
Sie wandte den Schritt in Furcht:
„Erwachte der König Erins der Wellen!
Du bist ihm nicht im Traume des Schlafs,
Du Mädchen Inisvina des Schwerts.“

Noch härter tönte der Schall;
Sie starrt; ihr sinket der Helm.
Es schallet der Felsen des Stroms,
Nachhallets im Traume der Nacht;
Kathmor hörets unter dem Baum,
Er sieht das Mädchen der Liebe,
Auf Lubhars Felsen des Bergs,
Rothes Sternlicht schimmert hindurch
Dazwischen der Schreitenden fliegendem Haar.

Wer kommt zu Kathmor durch die Nacht?
In dunkler Zeit der Träume zu ihm?
Ein Bote vom Krieg im schimmernden Stal?
Wer bist du, Sohn der Nacht?
Stehst da vor mir, ein erscheinender König? –
Ruffen der Todten, der Helden der Vorzeit? –
Stimme der Wolke des Schauers? –
Die warnend tönt vor Erins Fall.

„Kein Mann, kein Wandrer der Nachtzeit bin ich,
Nicht Stimme von Wolken der Tiefe,
Aber Warnung bin ich vor Erins Fall.
Hörst du das Schallen des Schildes?
Kein Todter ists, o König von Atha der Wellen,
Der weckt den Schall der Nacht!“

„Mag wecken der Krieger den Schall!
Harfengetön ist Kathmor die Stimme!
Mein Leben ists, o Sohn des dunkeln Himmels,
Ist Brand auf meine Seele, nicht Trauer mir.
Musik den Männern im Stale des Schimmers
Zu Nachts auf Hügeln fern.
Sie brennen an denn ihre Seelen des Strals,
Das Geschlecht der Härte des Willens.
Die Feigen wohnen in Furcht,
Im Thal des Lüftchens der Lust,
Wo Nebelsäume des Berges sich heben
Vom blauhinrollenden Strom u.f.“

~~~\~~~~~~~/~~~

Wytch Photos, Spirit of the New Moon, 9. September 2016

——— Clemens Brentano & Achim von Arnim:

Schall der Nacht.

Simplicissimi Lebenswandel. Nürnberg 1713. I. B. S. 28.

aus: Des Knaben Wunderhorn, Band 1, 1806:

William-Adolphe Bouguereau, L'Étoile Perdue, 1884Komm Trost der Nacht, o Nachtigall!
Laß deine Stimm mit Freuden-Schall
Aufs lieblichste erklingen,
Komm, komm, und lob den Schöpfer dein,
Weil andre Vögel schlafen seyn,
Und nicht mehr mögen singen;
Laß dein Stimmlein
Laut erschallen, denn vor allen
Kannst du loben
Gott im Himmel, hoch dort oben.

Obschon ist hin der Sonnenschein,
Und wir im Finstern müssen seyn,
So können wir doch singen
Von Gottes Güt und seiner Macht,
Weil uns kann hindern keine Nacht,
Sein Loben zu vollbringen.
Drum dein Stimmlein
Laß erschallen, denn vor allen
Kannst du loben
Gott im Himmel, hoch dort oben.

Echo, der wilde Wiederhall,
Will seyn bei diesem Freudenschall,
Und läßet sich auch hören;
Verweist uns alle Müdigkeit,
Der wir ergeben allezeit,
Lehrt uns den Schlaf bethören.
Drum dein Stimmlein
Laß erschallen, denn vor allen
Kannst du loben
Gott im Himmel, hoch dort oben.

Die Sterne, so am Himmel stehn,
Sich lassen Gott zum Lobe sehn,
Und Ehre ihm beweisen;
Die Eul‘ auch, die nicht singen kann,
Zeigt doch mit ihrem Heulen an,
Daß sie auch Gott thu preisen.
Drum dein Stimmlein
Laß erschallen, denn vor allen
Kannst du loben
Gott im Himmel, hoch dort oben.

Nur her, mein liebstes Vögelein!
Wir wollen nicht die faulsten seyn,
Und schlafen liegen bleiben,
Vielmehr bis daß die Morgenröth
Erfreuet diese Wälder-Oed,
In Gottes Lob vertreiben;
Laß dein Stimmlein
Laut erschallen, denn vor allen
Kannst du loben
Gott im Himmel, hoch dort oben.

~~~\~~~~~~~/~~~

Jan Saudek

——— Joseph von Eichendorff:

Der Einsiedler

aus: Deutscher Musenalmanach, 1837; gesammelt in: Gedichte 1831–1836, 6. Geistliche Gedichte:

Albert Aublet, Sélène, 1880Komm, Trost der Welt, du stille Nacht!
Wie steigst du von den Bergen sacht,
Die Lüfte alle schlafen,
Ein Schiffer nur noch, wandermüd‘,
Singt übers Meer sein Abendlied
Zu Gottes Lob im Hafen.

Die Jahre wie die Wolken gehn
Und lassen mich hier einsam stehn,
Die Welt hat mich vergessen,
Da tratst du wunderbar zu mir,
Wenn ich beim Waldesrauschen hier
Gedankenvoll gesessen.

O Trost der Welt, du stille Nacht!
Der Tag hat mich so müd gemacht,
Das weite Meer schon dunkelt,
Laß ausruhn mich von Lust und Not,
Bis daß das ew’ge Morgenrot
Den stillen Wald durchfunkelt.

~~~\~~~~~~~/~~~

Pompeo Batoni: Truth and Mercy, ca. 1745

——— Clemens Brentano:

Komm, Trost der Nacht

aus: Das Märchen von dem Schulmeister Klopfstock und seinen fünf Söhnen, 1846:

„[…] Ich rührte mich nicht und hörte nach einer Weile ein ganz entsetzliches Schnarchen, als wenn man Holz säge. Ach, dachte ich, was muß das Tier für ein abscheulich großes Maul haben, das so gewaltig schnarchen kann! Nun ging der Mond über dem Walde auf und goß seinen wunderbaren Glanz durch die Bäume; da blickte ich mit Angst in das Gelaube des Baumes hinein, von dem ich gefallen war, um etwas zu erkennen, wie das Tier aussähe, weil ich in meinem Leben nichts von einem Tiere gehört hatte, das einem Wildschweine eine Ohrfeige gäbe und dann wie ein Hund bellend in den Bäumen herumlaufe. Bald sah ich seinen schwarzen Schatten in einem Astwinkel liegen, wo es schnarchte; aber es wehten so lange Haare herum, daß ich es nicht erkennen konnte. Indem ich so hinaufsah, hatte ich einen neuen Schrecken: das Tier streckte sich und gähnte ganz entsetzlich uah, uah, und nieste so heftig, daß die Eicheln wie ein Hagelwetter mir auf die Nase rasselten. Aber ich wagte nicht, mich zu rühren, und wie groß war mein Erstaunen, als ich das Tier auf einmal mit lauter heller Stimme folgendes schöne Lied singen hörte:

Artemisia Gentileschi: Allegoria dell'inclinazioneKomm, Trost der Nacht, o Nachtigall!
Laß deine Stimm mit Freudenschall
Aufs lieblichste erklingen;
Komm, komm und lob den Schöpfer dein,
Weil andre Vöglein schlafen sein
Und nicht mehr mögen singen:
Laß dein Stimmlein laut erschallen,
Denn vor allen
Kannst du loben
Gott im Himmel hoch dort oben.

Obschon ist hin der Sonnenschein
Und wir im Finstern müssen sein,
So können wir doch singen
Von Gottes Güt und seiner Macht,
Weil uns kann hindern keine Nacht,
Sein Lobe zu vollbringen:
Drum dein Stimmlein laß erschallen,
Denn vor allen
Kannst du loben
Gott im Himmel hoch dort oben.

Echo, der wilde Wiederhall,
Will sein bei diesem Freudenschall
Und lässet sich auch hören;
Verweist uns alle Müdigkeit,
Der wir ergeben alle Zeit,
Lehrt uns den Schlaf betören;
Drum dein Stimmlein laß erschallen,
Denn vor allen
Kannst du loben
Gott im Himmel hoch dort oben.

Die Sterne, die am Himmel stehn,
Sich lassen zum Lobe Gottes sehn
Und Ehre ihm beweisen;
Die Eul auch, die nicht singen kann,
Zeigt doch mit ihrem Heulen an,
Daß sie Gott auch tu preisen;
Drum dein Stimmlein laß erschallen,
Denn vor allen
Kannst du loben
Gott im Himmel hoch dort oben.

Nur her, mein liebstes Vögelein!
Wir wollen nicht die Faulsten sein
Und schlafend liegen bleiben;
Vielmehr, bis daß die Morgenröt
Erfreuet diese Wälder öd,
In Gottes Lob vertreiben;
Laß dein Stimmlein laut erschallen,
Denn vor allen
Kannst du loben
Gott im Himmel hoch dort oben.“

„Ei, das war sein Lebtag kein wildes Tier, welches dieses Lied sang!“ rief da der Schulmeister Klopfstock aus, und Trilltrall sagte: „Ihr habt gut reden, lieber Vater! Ihr habt es nicht gesehen auf allen Vieren ans Wasser kriechen, dem Wildschwein die Ohrfeige geben und dann auf dem Baum herumbellen; freilich, als es das schöne fromme Lied so recht aus Herzensgrund durch den Baum sang, in welchen der Mond hineinschien wie in eine schöne Kirche, und als Echo, der wilde Wiederhall, und die liebe Frau Nachtigall auch sangen zu diesem Freudenschall, und der Quell lieblicher rauschte und der Wald andächtiger lauschte, da zogen die Wölkchen am Himmel nicht mehr so schnell, und der Mond ward noch einmal so hell, und alle meine Angst besänftigte sich; meine Seele, welche gewesen war wie ein Meer, in welches ein großer Felsen hineinstürzte, verwirrt und trüb voll niederschlagender Wellen, wurde nach dem ersten Verse schon wie ein See, in den ein Fisch, den ein Geier herausgeraubt, frisch und gesund wieder hineinfällt; und nach dem zweiten Vers wie ein See, auf welchen ein singender Schwan niederfliegt und schimmernde Gleise zieht; und nach dem dritten Vers wie ein See, in welchen eine vorüberreisende Taube ein Zweiglein von dem friedlichen Ölbaum fallen läßt; und nach dem vierten Vers wie ein See, in den ein vorüberziehendes Lüftlein ein Rosenblatt weht; und nach dem fünften Vers war es mir, als sei ich wie ein müdes Bienlein, das über den See fliegen wollte und gar nicht weiter konnte und in großer Angst war, da es zum Wasser herabfiel, auf dieses Rosenblatt gefallen, und als schiffe ich sicher und ruhig auf dem Rosenblättlein hinüber und lande jenseits in einem blumenvollen Garten, aus dem mir die Nachtigallen entgegenschmetterten; mein Herz war so ruhig wie ein Spiegel, in dem sich der Mond anschaut und vor dem der Friede sang:

Ach, hört das süße Lallen
Der kleinen Nachtigallen!“

Auguste Raynaud: La nuit, 1887

Bilder:

  1. Gustave Moreau, Nyx, Göttin der Nacht, 1880Giuseppe Calì: Woman in the Moon, 1912, via Silence for My Soul;
  2. L. Friday Comerre, 2017, via Eudaimonia;
  3. Carl Schweninger (1854-1903): Der Morgenstern und der Mond, via Silence for My Soul;
  4. Jules Joseph Lefebvre: Le rêve;
  5. Luis Ricardo Falero: Moon Nymph (detail), 1883, via Mademoiselle la Piquante;
  6. Wytch Photos: Spirit of the New Moon, 9. September 2016;
  7. William-Adolphe Bouguereau: L’Étoile Perdue, 1884, via Wikiquote;
  8. Jan Saudek, via Jan Saudek Moodboard;
  9. Albert Aublet: Sélène, 1880, via Paintings Daily, 23. Mai 2017;
  10. Pompeo Batoni: Truth and Mercy, ca. 1745, via Centuries Past;
  11. Artemisia Gentileschi: Allegoria dell’inclinazione, via Art;
  12. Auguste Raynaud: La nuit, 1887, via Notes From A Superfluous Man, 11. Februar 2017;
  13. Gustave Moreau: Nyx, Göttin der Nacht, 1880, via Wikimedia Commons.

Vertonungen: Robert Schumann: Der Einsiedler, opus 83 Nr. 3;
Max Reger: Der Einsiedler, opus 144a, 1915:


Soundtrack: Freakwater: Lullaby, aus: Feels Like the Third Time, 1994:

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Written by Wolf

29. Juni 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Barock, Vier letzte Dinge: Himmel

Królowa nieba niezrównany (Himmels Königin ohne Gleichen)

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Update zu Jug,
Und zwar es ist ja doch so und
Beiträge zur Arbeitsmoral (Ich begreif nicht, was Ihr habt):

Gibt es eigentlich noch Menschen, die sich über Deppenapostrophe echauffieren? Weiter gedacht: Sind Deppenleerzeichen noch diskutierwürdig?

Glogau, Oder Jesuitenkirche, Ansichtskarte 1934Offensichtlich sind sie das, jedenfalls unter Nachwuchshipstern, die beim nächsten großen Ding hinterherhinken. Als man Max Goldt noch alles glauben konnte, hat er das Richtige über „Deppenapostrophe“ gesagt. Das war 1993, lange vor der Gründung der ersten Homepages, wo nicht gar Websites zur Geißelung vermeintlich falscher Rechtschreibung:

Liebe Leute: mich interessiert diese Mode, an Apostrophen zu mosern, überhaupt nicht. Wenn es Autoren gefällt, in den neuen Bundesländern, statt die dortigen Kunstschätze zu besichtigen, falsch geschriebene Imbißbuden zu photographieren und zu diesen Photos kleinkarierte Nörgelartikel mit rassistischer Tendenz zu verfassen, dann ist das deren Problem. Ich stehe fest zu meiner Überzeugung, daß es eine erstrangige charakterliche Widerwärtigkeit ist, sich über anderer Leute Rechtschreibfehler lustig zu machen. Erstaunlich ist, wie verbiestert gerade Leute, die sonst allen möglichen Regelwidrigkeiten oder sogar dem Anarchismus das Wort reden, sich über die paar überflüssigen Stricheleien ereifern.

Aktueller äußert sich der Sprachkolumnist Cus: Und Helga hat doch recht, Süddeutsche Zeitung, 22. September 2017:

Was die Oberlehrer gar nicht wissen wollen: Wahre Meister der Sprache lassen sich von kleinlichen Vorschriften nicht verdrießen. Thomas Mann, schludrigen Sprachgebrauchs nicht verdächtig, korrigierte in seine Gesamtausgabe von 1960 wieder die Apostrophe hinein, die ein übereifriger Lektor herausgestrichen hatte. Bravo, Mann! Und zwar immer dann, wenn ein Name auf einen Vokal endet: Tonio’s und Rebecca’s schrieb er folglich, alles andere empfand er als hässlich. Unsere dermaßen gescheiten Wutbürger von heute würden ihn des Deppenapostrophs bezichtigen, die von gestern verbrannten seine Werke.

Noch weniger als etwaige Schreibnachlässigkeiten müssen wir diskutieren, dass niemand jemals so weit hätte gehen dürfen, und selbst solche, die diesen Weg Schutze ihrer Kultur für den geeigneten hielten, schlugen ihn nicht wegen falsch gesetzter Hochkommata ein; übrigens erinnere ich mich an die ausdrückliche Rechtfertigung seiner Apostrophe vor Genitiv-s des ach so unpolitischen Emigranten Thomas Mann: „Ich finde, das Auge verlangt entschieden danach“, kann sie aber nicht nachweisen. Kennt jemand die Stelle?

Hans-J. Breske, Es fehlen immer noch die Turmhauben, Neuer Glogauer Anzeiger, Nummer 11, November 2010Rechtschreibung war lange Sache eines Sprachgefühls der professionellen oder gelegentlichen Schreiber, die richtigen oder falschen Schreibweisen der individuellen Autorität und Expertise unterworfen, dem vermuteten Auffassungsvermögen der angesprochenen Leser – vorgesetzte Herrscher, zu unterweisende Gottesgläubige, auswärtige Handelspartner – und regionalen Spracheigenheiten – in Sachsen anders als im Rheinland, an der Etsch anders als am Belt – und zwar wesentlich anders. Groß angelegte Bestrebungen, Sprech- und Schreibweisen möglichst weitreichend zu vereinheitlichen, fangen ungefähr mit der Lutherschen Bibelübersetzung an, die sich immerhin an eine große Menge von Sprachgemeinschaften wandte, die sich allesamt als deutsch verstanden – also um 1545.

Und die Sprachentwicklung schreitet schnell: In der heutigen neuhochdeutschen Standardsprache richtet sich Österreich nach einem eigenen Duden, die Schweiz benutzt gar eine eigene Tastaturbelegung. 40 Jahre DDR haben gereicht, um ein – im Vergleich zum mittelalterlichen – recht fest umrissenes Sprachgebiet in zwei eindeutig unterschiedene Varianten zu teilen, von den Ausprägungen fortbestehender deutschsprachiger Minderheiten in aller Welt zu schweigen.

Weil wir über Deutschland reden, stellen wir ab der Barockzeit Gesellschaften zur organisierten Pflege der Sprache fest, allen voran die Fruchtbringende Gesellschaft 1617 bis 1680, die Aufrichtige Tannengesellschaft 1633 bis 1670, die Deutschgesinnte Genossenschaft 1643 bis 1705 unter dem schätzbaren Philipp von Zesen, den Elbschwanenorden 1656 bis 1667, aber 2005 vom Verein Deutsche Sprache wiederbelebt, und die Nürnberger Gesellschaft vom Gekrönten Blumenorden von der Pegnitz, vulgo Pegnesischer Blumenorden oder Societas Florigera ad Pegnesum ab 1644, die lückenlos bis heute besteht. Die Missstände, die solche Organisationen erkannten und mit als geeignet befundenen Methoden bekämpften, waren ein gedankenloser Gebrauch der Sprache, zu viele Anteile der deutschen an der französischen Sprache, vergleichbar mit der heutigen Kritik am Denglischen, oder zu wenige oder zu unklar vermittelte Regeln für die Herstellung von Literatur in ungebundener und lyrischer Form. Dagegen traten auch Einzelpersonen wie Gottfried Wilhelm Leibniz mit seiner Ermahnung an die Deutschen. Von deutscher Sprachpflege 1697 oder Martin Opitz mit seinem Buch von der Deutschen Poeterey 1624 auf. Manche davon – unter anderem der rezente Verein Deutsche Sprache – haben ihre Mission immer wieder übertrieben und sich der Lächerlichkeit preisgegeben. Ein normativer Vorläufer des Duden wird ab 1774 mit dem „Adelung“ benutzt: Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, wenn auch noch mit unterschiedlich wahrgenommener Verbindlichkeit.

Zelem, Kościół Bożego Ciała, d. jezuitów Głogów, ul. Powstańców 1, Głogów, 10. August 2010Auf eine viel kürzere Geschichte kann die Kritik der Deutschsprachigen an der deutschen Sprache verweisen, sobald sie das übermäßige Trennen zusammengesetzter Wörter bemängelt. Traditionell macht sich das Deutsche eher durch zu lange Zusammensetzungen zum Gespött: Die „Freundschaftsbezeigungen“, „Dilettantenaufdringlichkeiten“, „Stadtverordnetenversammlungen“ und sonstigen „Umzüge sämtlicher Buchstaben des Alphabets“, vor denen es angeblich im Deutschen wimmelt, waren Mark Twain 1880 aufgefallen — das nur als prominentes und durchaus vergnügliches Beispiel. Spätestens seit nicht mehr kunstvoll verschraubte Hypotaxen einen wünschenswerten Sprech- und Schreibstil kennzeichnen, sondern schnell fassbare Hauptsätze, mag es Schreibern beigefallen sein, Komposita aufzulösen, wie es das im Lauf der Sprachgeschichte immer präsentere Englisch in systemkonformer und korrekter Weise pflegt. Hier fällt der Nachweis ebenfalls schwer, weil die Kritik daran meist in der Zurschaustellung und Geißelung der – zugegeben zahlreichen und oft eindeutig falschen – Fallbeispiele als „Deppenleerzeichen“, dem allzu nahen Verwandten des „Deppenbindestrichs„, steckenbleibt. Soviel wird immerhin erkennbar: dass ein instinktives Bedürfnis danach besteht, Komposita zugunsten der Schlichtheit zu entzerren, und sei es auf Kosten der Korrektheit – wie Thomas Mann (vielleicht) sagte: „Das Auge verlangt entschieden danach.“

Für zum Beispiel 1816 dürfen wir eine verhältnismäßig urtümlichere Schreibweise als für zwei Jahrhunderte später voraussetzen, den so verbreiteten wie verbindlichen Adelung hin oder her. Dem etwas hämischen Vergnügen nachgehend, zwielichtigen Verfehlungen anerkannter, ihrerseits normativ gewordener Klassiker hinterherzuspüren, lesen wir aus den Nachtstücken von E. T. A. Hoffmann: Die Jesuiterkirche in G. wieder. Dort ist mit „G.“ Glogau, das heute polnische Głogów gemeint, die Jesuiten residierten damals in der Corpus-Christi-Kirche, polnisch Kościół Bożego Ciała w Głogowie.

——— E. T .A. Hoffmann:

Die Jesuiterkirche in G.

aus: Nachtstücke, 1816:

Wir gingen nach der Kirche, der Professor ließ das Tuch von dem verhängten Gemälde herunternehmen, und in zauberischem Glanze ging vor mir ein Gemälde auf, wie ich es nie gesehen. Die Komposition war wie Raffaels Stil, einfach und himmlisch erhaben! – Maria und Elisabeth, in einem schönen Garten auf einem Rasen sitzend, vor ihnen die Kinder Johannes und Christus, mit Blumen spielend, im Hintergrunde seitwärts eine betende männliche Figur! – Marias holdes himmlisches Gesicht, die Hoheit und Frömmigkeit ihrer ganzen Figur erfüllten mich mit Staunen und tiefer Bewunderung. Sie war schön, schöner als je ein Weib auf Erden, aber so wie Raffaels Maria in der Dresdner Galerie verkündete ihr Blick die höhere Macht der Gottes-Mutter. Ach! mußte vor diesen wunderbaren, von tiefem Schatten umflossenen Augen nicht in des Menschen Brust die ewigdürstende Sehnsucht aufgehen? Sprachen die weichen halbgeöffneten Lippen nicht tröstend, wie in holden Engels-Melodien, von der unendlichen Seligkeit des Himmels? – Nieder mich zu werfen in den Staub vor ihr, der Himmels Königin, trieb mich ein unbeschreibliches Gefühl – keines Wortes mächtig, konnte ich den Blick nicht abwenden von dem Bilde ohne Gleichen. Nur Maria und die Kinder waren ganz ausgeführt, an der Figur Elisabeths schien die letzte Hand zu fehlen, und der betende Mann war noch nicht übermalt. Näher getreten, erkannte ich in dem Gesicht dieses Mannes Bertholds Züge.

Brigitte Marufke, Corpus-Christi-Kirche, frühere Jesuitenkirche, 2005

Bilder: Glogau/Oder Jesuitenkirche, Ansichtskarte 1934, Geschäfte und Jesuitenkirche — Glogau;
Hans-J. Breske: Es fehlen immer noch die Turmhauben,
Neuer Glogauer Anzeiger, Nummer 11, November 2010, via Glogauer Heimatbund;
Zetem: Kościół Bożego Ciała, d. jezuitów Głogów, ul. Powstańców 1, Głogów, 10. August 2010;
Brigitte Marufke: Corpus-Christi-Kirche, frühere Jesuitenkirche, 2005,
aus: Quer durch Mitteleuropa mit Schwerpunkt Mittelpolen.

Deutsch-osteuropäischer Soundtrack: Rammstein: Du hast, aus: Sehnsucht, 1997,
einmal von Dobranotch aus Russland und einmal von Лос Колорадос aus der Ukraine,
jedenfalls zweimal dreimal besser als das Original:


Written by Wolf

16. März 2018 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Vier letzte Dinge: Himmel

2. Stattvent: Rorate coeli desuper! (Die Welt, ein weites Grab)

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Wer an dieser Stelle ernstzunehmende Adventsinhalte wünscht, sei innerhalb des Weblogs freundlich auf die Sammlung über Weihnachtsengel (Dezember 2013), die Einschläferungsgedichte von Friedrich Rückert (Dezember 2014), das künstlerische Schaffen über Katzen (Dezember 2015) sowie das künstlerische Schaffen von Katzen (Dezember 2016) verwiesen.

Naturgemäß gibt es wenige martialische Weihnachtslieder. Selbst in Tauet, Himmel, den Gerechten, das ungefähr die energische Größe eines Weihnachtsoratoriums hat, findet sich die Stelle mit den von Gott verfluchten Gründen, in denen Satan, Tod und Sünden herrschen, nur in der Urfassung von 1774. Irgendwie schade, dergleichen Todesbezüge kriegen eben nur die Österreicher hin. Aus dem Goethezeitportal zu Weihnachten 2012 weiß man:

Die Erstfassung des Textes stammt vom Jesuitenpater Michael Denis und erschien 1774 in dessen Sammlung Geistliche Lieder zum Gebrauche der hohen Metropolitankirche bey St. Stephan in Wien und des ganzen wienerischen Erzbistums. Eine erste Melodiefassung des Herrenchiemseer Augustiner-Chorherrn Norbert Hauner erschien in Franz von Kohlbrenners Landshuter Gesangbuch (Landshut 1777).

——— Michael Denis:

Thauet, Himmel, den Gerechten

1. Thauet, Himmel den Gerechten!
Wolken! regnet ihn herab!
Also rief in langen Nächten
Einst die Welt, ein weites Grab!
In von Gott verfluchten Gründen
Herrschten Satan, Tod und Sünden.
Fest verschlossen war das Thor
Zu des Heiles Erb’ empor.

2. Doch der Vater ließ sich rühren,
Dass er uns zu retten sann,
Und den Ratschluss auszuführen
Trug der Sohn sich freudig an.
Gabriel flog schnell hernieder,
Kehrte mit der Antwort wieder:
Sieh! ich bin die Magd des Herrn,
Was er will, erfüll‘ ich gern!

3. Dein Gehorsam ist mein Leben,
Jungfrau demutvoll und keusch!
Gottes Geist wird dich beschweben,
Und des Vaters Wort wird Fleisch.
Menschen betet an im Staube!
Weh der Höll‘ und ihrem Raube!
Aber Adamskindern wohl!
Weil ein Heiland kommen soll.

4. Einen Zuruf hör‘ ich schallen,
Brüder wacht vom Schlummer auf!
Denn es naht das Heil uns allen,
Nacht ist weg, der Tag im Lauf.
O dann fort mit allen Taten,
Die die Nacht zur Mutter hatten!
Künftig ziehe jedermann
Nur des Lichtes Waffen an!

5. Lasst uns wie am Tage wandeln,
Nicht in Fraß und Trunkenheit!
nicht nach Fleischbegierden handeln,
Weit verbannt sei Zank und Neid!
Jenem gänzlich nachzuarten,
Dessen Ankunft wir erwarten,
Dieses ist nun unsre Pflicht;
So wie sein Apostel spricht.

6. Welterlöser, ich erfülle
deines treuen Knechtes Rath,
Komm in meines Fleisches Hülle!
Wie dein Bot verkündet hat.
Komm und bringe mir den Frieden!
Menschen ist er nur beschieden,
Die von gutem Willen sind,
Komm! ich bin es göttlichs Kind!

Frank Walka, Tauet, Himmel, den Gerechten, Liederprojekt. Ein Benefizprojekt für das Singen mit Kindern, 2009

Bild: Frank Walka: Tauet, Himmel, den Gerechten,
aus: Liederprojekt. Ein Benefizprojekt für das Singen mit Kindern, 2009.

Written by Wolf

8. Dezember 2017 at 00:01

Meine Urgroßmutter und die Wolken

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Update zu Der Frühling liebt das Flötenspiel, doch auch auf der Posaune
und Vnd ist auff eim vnfruchtpern vnnd sandigen erdpoden erpawen:

The first time it was fathers,
the last time it was sons,
and inbetween your husbands
marched away with drums and guns.
And you never thought to question,
you just went on with your lives,
‚cause all they taught you who to be was mothers, daughters, wives.

Judy Small (Australia), 1982.

Die Geschichte muss ich ungefähr 1994 geschrieben haben, ich erinnere mich an die Kneipe. Trotzdem ist das dermaßen lange her, dass ich es als Zitat setzen muss. Bei meiner eigenen Wiederentdeckung hab ich gestaunt, wie anschaulich ich vor — geschmeichelt — einem halben Leben schreiben konnte.

Richard Carlson, Cool Clouds for Kids of all Ages, ca. 1997

Meine Urgroßmutter und die Wolken

Marie Wohlrab, 1898–1972.

Meine Urgroßmutter? Jaja, ich hab meine noch gekannt. An viel kann ich mich heute natürlich nicht mehr erinnern, aber ich glaub, das war eine ganz brauchbare Frau.

Es gibt eine auffallend kleine Fotografie von ihr mit mir an der Hand, ein altertümliches Hochformat von gerade mal vier auf sechs Zentimeter, unten mit breitem Rand wie bei einem Polaroid, aus einer Zeit, in der eine Polaroid-Anmutung noch ganz ironiefrei angestrebt wurde, nur dass die Farben sich etwas abgedämpft erhalten haben. Darauf grinst sie so aufmüpfig mit sämtlichen Falten, guckt aber noch ziemlich helle. Natürlich hat sie einen pickelhart geflochtenen Haarknoten hinten und so eine lange Kittelschürze an, dunkelgrün oder blau mit großen Blumen, wie sich das gehört für eine Urgroßmutter. Das Foto ist in ihrem Bauerngarten gemacht, wahrscheinlich von meinem Vater, weil immerhin ich noch mit einem Vater aufgewachsen bin. Und wie sie mich so an ihrer Hand hält, sieht sie aus, als ob sie richtig stolz ist auf alles, was da in ihrem Garten wächst und gedeiht.

Zu Hause hieß sie für uns die Alte Oma, im Unterschied zur Jungen Oma, die ihre Tochter war und gleichzeitig die Mutter von meiner Mutter. Klar? Klar.

Alle drei Frauen haben in den zwei Weltkriegen ihre Väter und ihre Männer verloren. Söhne kamen nicht vor. Der Mann von der Jungen Oma, mein Opa also, hat nur gerade noch per Feldpost erfahren, dass er eine Tochter kriegt, und musste sich noch Anfang Mai fünfundvierzig in Frankreich füsilieren lassen. Sein Grab muss unter einem von verwirrend vielen anonymen kleinen weißen Kreuzen auf einem Soldatenfriedhof liegen, in einer gottgesegneten Gegend im Elsass, ich bin mal in den Urlaub durchgefahren, dort sieht man die Kriegsgräber von der Autobahn aus, ohne Aussicht, je ein bestimmtes Grab ausfindig zu machen.

Den Brief hab ich im Nachlass der Jungen Oma gesehen: Er fiel an den Knickstellen in seine Viertel auseinander und war schon dunkelgelb; immer noch voller Wörter wie „im Felde der Ehre gefallen“ und als Schlussformel keine Freundlichen Grüße oder wenigstens Hochachtungsvoll, sondern ungelogen: Heil Hitler. Hakenkreuz und Eichenlaub, demütigend perfide vor lauter Vaterlandstreue. Da hab ich mit meinen Dreizehn Rotz geheult vor Wut. Im Juli nach dem Brief kam meine Mutter zur Welt.

Meine Urgroßmutter hat sich also knapp ihr halbes Leben lang mit ihrer Tochter und ihrer Enkelin durchgeschlagen. Keine von den dreien hat mir je allzuviel aus der Zeit erzählen wollen, als in ihrer Familie die Männer ausstarben. Aber man darf annehmen, dass das alles nicht ganz einfach war. Ich glaube nicht, dass es damals so stinknormal war wie heute, wenn eine Frau ohne Mann in einer fremden Stadt eine Wohnung nahm, und dann noch gleich drei Frauen zusammen. Die Leute werden ganz schön getuschelt haben. Aber ich kannte sie alle drei als unheimlich lebenslustige Weiber, die viel gelacht haben und meistens freundlich waren. Irgendwie haben sie’s geschafft. Von daher war von vornherein ausgemacht, dass ich ein Mädchen werden musste, als meine Mutter Mutter wurde.

Meine Urgroßmutter war, soviel ich weiß, Fließbandarbeiterin in einer Garnspinnerei, die Mädchen haben damals ja nichts Qualifiziertes lernen können. Das hat sie praktisch ein Leben lang gemacht, weil auch die Kriegswitwenrente nicht weit gereicht hat und die Junge Oma nie richtig arbeiten und genug dazuverdienen konnte. Die hatte von jung auf eine mysteriöse Krankheit, die sie von den Beinen aufwärts stückweise aufgefressen hat und die sie nicht einmal beim Vornamen gekannt haben, bis sie gestorben ist. Solange ich sie kannte, ist sie immer kleiner geworden, weil sie ihr alle paar Jahre wieder ein Stück von unten weg amputieren mussten.

Ich wusste es nicht anders und bin erst viel, viel später auf die Idee gekommen, dass meine Junge Oma eigentlich eine Behinderte war. Sie konnte halt einfach nur nicht laufen. Zuerst schwang sie sich auf Krücken durch die kleine Wohnung, in der sie bis lange nach dem Krieg zu dritt gehaust hatten, war viel größer als die Alte Oma und konnte mir noch selber Kekse aus der bunten Dose auf dem Küchenbüffet angeln. Auf der Dose war die Nürnberger Burg drauf und Albrecht Dürer. Später karrte die Junge Oma ganz geschickt mit dem Rollstuhl herum, das hab ich sehr bewundert als Kind. Und noch später saß sie im Altersheim wie ein freundlicher Buddha auf ihrem Bett und klatschte vor Freude in die Hände, wenn wir sie besuchen kamen. Ich wüsste überhaupt nicht, dass sie je traurig oder motzig oder mit ihrem Schicksal unzufrieden war, jedenfalls nicht für lange. Bis heute kann ich es mir im Ernst nicht anders vorstellen, als dass sie sich ihr Lebtag nur in geschlossenen Räumen aufhielt, darunter viele Krankenhäuser, und meistens in Nachthemden.

Meine Urgroßmutter war da anders: Die hatte dauernd was zu tun. Im Garten, im Wald, auf der Wiese, und wenn sie dort fertig war, in der Küche. Sie roch immer nach irgendwas zu essen, auch im Freien. Mich hatte sie oft dabei. Ich glaub, sie hatte mich sehr lieb.

Zu meinen ersten Erinnerungen gehört, wie meine Urgroßmutter mich im Kinderwagen durch die Straßen von unserer verpennten Kleinstadt schob, über die Feldwege, wo es in den Wald ging. Ich konnte schon sitzen und guckte mit riesiger Begeisterung den Autos nach, die unterwegs vorbeibrummten.

„Auto!“ rief ich und zeigte darauf.

„Auto“, bestätigte die Alte Oma und nickte mir von oben aufmunternd zu.

Wenn es nichts zu gucken gab, haute ich meine Urgroßmutter oft mit der flachen Hand auf den Bauch. Nur so aus Spaß, weil er in Reichweite lag und weil es so lustig patschte.

„Macht man das?“ sagte sie dann ungeheuer ernst, auch im Spaß und in ihrem weitgehend verklungenen Dialekt. Die Alte Oma verstand schon, wie’s gemeint war.

Im Wald brachte sie mir bei, wo man Pilze findet und wie man die „schönen“ von den giftigen unterscheidet. Stunden und Tage lang, wirklich von Sonnenauf- bis -untergang, konnten wir im Spätsommer Schwarzbeeren zupfen. Ich wusste praktisch alles über möglichst effizientes Beerenzupfen und die Lebensweise der Beerenwanzen.

Wenn wir wieder zu ihr nach Hause kamen, tat uns beiden das Kreuz rechtschaffen weh, und es gab immer eine große Salatschüssel voll Schwarzbeerkompott, das noch warm von der Altweibersommersonne war und nach Landnürnberger Kiefernwald roch. Wenn man es in Milch zerquetschte, wurde es immer ganz plötzlich dunkellila. Dann schaute mir meine Urgroßmutter wohlwollend zu, wie ich mit dem Suppenlöffel in null Komma nix das ganze Kompott vertilgte, und machte schon mal ihren größten Topf und die Einmachgläser fertig für den Putzeimer voll Schwarzbeeren, den wir den Tag über gesammelt hatten.

Meine Urgroßmutter sang gern. Sie hatte eine Stimme, die ein bisschen wie eine leicht eingerostete Tür knarzte, und sie gab immer alles, damit sie wie ein Sopran klang. Sie kannte immer noch alle Lieder, die sie in der Schule gelernt hatte, Sachen wie Wem Gott will rechte Gunst erweisen und Hohe Tannen weisen die Sterne. Am häufigsten sang sie das vom Rehlein im Walde, aber es kann sein, dass ich mir das nur einbilde. Vielleicht hat sie es auch nur ein einziges Mal gesungen, und es hat sich mir nur mehr aus Versehen am besten eingeprägt. Das war eine richtig schöne, uralte Schnulze, die vor Wald und Jägerromantik nur so getrieft hat, und mit einer unheimlich wehmütigen Melodie; Ganghofer ist ein Unfallprotokoll dagegen. Vor ein paar Jahren hab ich versucht, den Text mal wieder zusammenzubringen, und gemerkt, dass ich ihn komplett verlernt hab. Ich würfle sogar zwei verschiedene Melodien durcheinander.

Oft saßen wir in der Wohnung meiner Urgroßmutter auf zwei Sesseln gegenüber, und sie sang mir was vor. Ich blies, so laut ich konnte, auf einer ungeheuren Seemannsmundharmonika dazu, allerdings ohne jemals irgendeine Melodie zu erwischen. Einen Höllenlärm müssen wir zwei geschlagen haben. So sah meine musikalische Früherziehung aus.

Das Ding vom Rehlein muss ernsthaft das erste Lied sein, das ich auswendig konnte. Als ich nämlich vier war, wie sich nachrechnen lässt, da ist meine Urgroßmutter gestorben.

Sie war zum erstenmal in ihrem Leben in einem Krankenhaus. Sogar die Junge Oma hatte sie in ihrem Schlafzimmer, damals noch in den Sudeten, auf die Welt gebracht. Mit einem Schlaganfall kam sie jetzt „zur Beobachtung“ rein und keine Woche später mit den Beinen voran wieder raus. Ich hab davon nicht viel kapiert. Ich hab’s erst geschnallt, als die Alte Oma mich so lange nicht mehr abholen kam.

Heute habe ich noch zwei Bilder von meiner Urgroßmutter. Das eine ist das kleine Hochformat in ihrem Garten mit mir an der Hand, so ein grobkörniges, offensichtlich gestelltes mit einer stolzen, tapferen Frau irgendwo aus Sudetendeutschland drauf. Ich komme auch darauf vor, falle aber nicht so auf und bin mehr Kulisse oder Requisit.

Auf dem anderen Bild höre ich zuerst nur ihre Stimme. Über mir sehe ich langsam und stetig zwei Streifen Baumwipfel vorbeigleiten, weil meine Urgroßmutter mich im Kinderwagen durch einen Waldweg schiebt.

Zwischen den Baumwipfeln ziehen Wolken am Himmel entlang, aber das wusste ich damals noch nicht, dass das so heißt. Und irgendwo hinter mir fing die Alte Oma an zu singen. Vielleicht sogar das Rehlein im Walde.

In dem Lied, das Oma sang, kam nämlich – und das weiß ich bestimmt – eine Stelle vor, die hieß: „Die Wolken ziehen“. Mit einem besonders hohen, gedehnten Ton auf „zie-hen“. Der Satz ging noch weiter und sprach sicher davon, wohin denn die Wolken in dem Lied jetzt ziehen oder was für eine Stimmung sie dabei irgendwohin tragen, aber ich weiß tatsächlich nur noch die eine Stelle, die sich ganz kurz über die Baumwipfel um uns herum erhob und dann wieder ganz unauffällig in die Melodie schmiegte: „Die Wolken ziehen …“

Ich hatte mich im Kinderwagen aufgesetzt und schaute meiner Urgroßmutter zu, wie sie, wahrscheinlich wie immer in ihrer geblümten Kittelschürze und mit Dutt, hier im Wald dastand und vielleicht das Lied vom Rehlein im Walde sang. Falls darin eine Stelle von ziehenden Wolken vorkommt, war es das ganz sicher.

„Wolken ssiehen?“ fragte ich verdutzt, als meine Urgroßmutter fertiggesungen hatte.

„Ja“, lächelte sie, „Wolken ziehen!“ Und: „Da, schau!“

Und sie deutete in den Himmel zwischen den dürren Kiefernwipfelreihen hinauf, über den in einem Mordstempo ganz viele bunte Wolken zogen. Links orange, in der Mitte weiß, rechts dunkelgrau: Es wurde Abend. Heute noch sehen ziehende Wolken für mich unweigerlich genau so aus, wenn ich mir welche vorstelle.

„Wolken ssiehen“, sagte ich und deutete auch in den Himmel. Wir reckten die Hälse.

Dann fing meine Urgroßmutter noch einmal die Strophe zu singen an, wo die Stelle mit den Wolken vorkommt, weil sie ihr selber so gefiel.

Und dieses Bild von ihr gibt es noch, jedesmal wenn ich den Wolken zuschaue oder auch nur an die Wortwendung denken muss: wie die alte Dame, meine Urgroßmutter, im Wald neben meinem Kinderwagen steht und uns beiden vorsingt, wie die Wolken ziehen.

Wenn sie mich jetzt von ihrer eigenen Wolke herunter hier sitzen und niedrigpreisiges Bier schlucken sieht, wird sie weise verschmitzt dazu nicken und einem Engel, der ihr Kumpel geworden ist, davon erzählen, dass aus Kindern Leute werden. – Und ich? Hab so lange in Wolken geguckt und obskure Lieder gesungen, dass ich’s zu keiner Tochter gebracht hab.

Richard Carlson, Cool Clouds for Kids of all Ages, ca. 1997

Seit das Internet kein Science-fiction mehr ist, weiß man, dass in dem handlungsrelevanten Lied kein Wort von Wolken vorkommt, geschweige denn von ziehenden. Soviel zu meiner Erinnerung.

Bilder: R. Richard E. Carlson, Dept. of Agronomy, Iowa State University:
Cool Clouds for „Kids“ of all Ages, ca. 1997:

  1. Guess #22: Time for you to Guess!!;
  2. Guess #27: A short-legged, short-tailed, weiner dog in a hurry ???;
  3. A Time of Hope for the Future: It is said that every cloud has a silver lining, but this one is really bright and vivid. I love it! It gives me encouragement to do well.

Richard Carlson, Cool Clouds for Kids of all Ages, ca. 1997

Bonus Track: The McCalmans: Mothers. Daughters, Wives, aus: Peace & Plenty, 1986:

Written by Wolf

17. November 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Novecento, Vier letzte Dinge: Himmel

Sie sollen und müssen gerettet sein!

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Update zu Der den Wasserkothurn zu beseelen weiß:

Die Geschichte der personifizierten Zivilcourage, die eine Minderjährige, zugleich die bis heute beliebteste Bewohnerin von Kleve, in Tod geführt hat, steht ausführlich im Portal Rheinische Geschichte. Daher kann ich mich kurz fassen:

Obwohl dadurch die Überschrift des Gedichts mangels jeglicher Entsprechung mit seinem Inhalt kollidiert (ein typischer Anfängerfehler, Herr Geheimrat), heißt Johanna Sebus bei Goethe Suschen, sehr wahrscheinlich das s vom ch getrennt als Diminutiv von Susanne gesprochen, „weil ihm Hannchen nicht gefallen und Johanna wegen der von Orleans zu pathetisch gewesen“, so jedenfalls Louise Seidler brieflich im Juni 1809.

Offenbar entstand das Gedicht, weil das Fräulein Sebus auf ihrem Weg zur Ortslegende durch ihren selbstlosen Mut Goethe stark beeindruckt hat. Persönlich heißt mich die Geschichte eher vor dem Gebrauch der Zivilcourage zurückschrecken, aber eben deshalb darf man genau das nicht.

Freiheit zum Handeln bedeutet Verantwortung, Verantwortung bedeutet Schuld. Wenn ich also — mich selbst eingeschlossen — bitten darf, der jungen Johanna Sebus stets nachzueifern (außer darin, Mitte Januar barfuß im Rhein umherzuwaten).

Johanna-Sebus-Denkmal Kleve

——— Günter Voldenberg (Kleve):

Johanna Sebus (1791–1809), Lebensretterin

in: Portal Rheinische Geschichte, 30. September 2010:

Johanna Sebus aus dem niederrheinischen Brienen (heute Stadt Kleve) rettete bei der großen Flutkatastrophe im Januar 1809 zunächst ihre Mutter und kam anschließend bei dem Versuch, weitere Menschen zu retten, ums Leben. Literarischen Nachruhm bescherte ihr Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) mit seiner Ballade „Johanna Sebus“, die wiederum auf Komponisten und Schriftsteller anregend wirkte.

Johanna Sebus, Arno Grimm, um 1900Johanna Sebus wurde am 28.12.1791 als sechstes Kind der Eheleute Jacob Sebus (1748-1795) und Helena van Bentum (1753–1812) in Brienen geboren. Bereits mit drei Jahren verlor sie ihren Vater. Johanna wuchs im Hause der Mutter in der Nähe des Deiches auf. Als die Mutter erkrankte, versorgte sie diese und bestritt den gemeinsamen Lebensunterhalt als Dienstmagd und Tagelöhnerin. Ihre Geschwister hatten das Haus bereits verlassen und waren in der näheren Umgebung in Anstellung gegangen.

Die Menschen in der Niederung lebten seit Jahrhunderten mit dem jährlich wiederkehrenden Hochwasser des Rheins. Bedrohlich wurde es immer wieder dann, wenn das Hochwasser Höchststände erreichte und zusätzlich Eisgang für eine Stauung des Wassers sorgte. Diese Situation trat zu Beginn des Jahres 1809 ein. Seit dem 10. Januar war das Hochwasser außergewöhnlich gestiegen. Tag und Nacht wurden die Dämme bewacht und inspiziert, Hilfsmaterial und Kähne herbeigeschafft. Man war sich der bedrohlichen Lage nur allzu bewusst — zu präsent waren die Erinnerungen an die großen Deichbrüche und Überschwemmungen der Jahre 1784 und 1789. Auch waren die Schäden aus der Überschwemmung des Jahres 1800 noch nicht vollständig behoben.

In der Frühe des 13.1.1809 wurden die Bewohner von Brienen, Wardhausen und Rindern aus dem Schlaf gerissen: Im Bereich der Schleuse war das Wasser durchgebrochen und ergoss sich bereits bis in die Innenstadt von Kleve. In kurzer Zeit folgten drei weitere Deichbrüche in Brienen. Johanna Sebus trug ihre kranke Mutter durch das steigende Wasser auf sicheren Boden, kehrte dann nochmals zu ihrer Nachbarin Johanna van Beek und deren Kinder zurück. Als man sie davon abbringen wollte, soll sie geantwortet haben, „Um Menschleben zu retten, lässt sich schon etwas wagen!“.Johanna, die Nachbarin und die Kinder konnten sich zunächst noch auf eine nahe gelegene Erhöhung retten, dann brach der Deich unmittelbar hinter der Kirche und eine Flutwelle ergoss sich über das gesamte Dorf. Johanna, die Nachbarin van Beek und die Kinder kamen in den Fluten um. Rettungsversuche blieben erfolglos, die Verunglückten tauchten nicht wieder auf — zu stark war die Strömung.

Johanna Sebus, Friedrich Bury, 1809Die Strömung hatte auch die Fundamente der kleinen Kirche von Brienen unterspült, die schließlich zusammenstürzte und in den Fluten versank. Einige Menschen, die in der auf einer leichten Erhöhung liegenden Kirche Schutz gesucht hatten, konnten gerettet werden. Bei dem fünften Durchbruch in unmittelbarer Nähe der Kirche strömte das Wasser jedoch in die gesamte Niederung und begrub alles unter sich. Insgesamt kamen bei dieser Flutkatastrophe 22 Menschen ums Leben.

Die Leiche von Johanna Sebus wurde erst drei Monate später, am 10.4.1809, in einem Graben zwischen Rindern und der nördlich davon liegenden Mühle gefunden; sie wurde auf dem Friedhof von Rindern beerdigt. Beim Bau einer neuen, größeren Kirche wurde das Grab 1872 in die Kirche integriert. Ein Gedenkstein im Chorraum erinnert an die Ereignisse von 1809. Außerdem wurde 1912 an der Außenseite des Südchores eine bronzene Gedenktafel angebracht.

Der seinerzeitige Unterpräfekt in Kleve, Baron Karl Ludwig von Keverberg (1768–1841), hörte von der Heldentat der Johanna Sebus und pries sie in einem Bericht an seine vorgesetzte Behörde. Er schloss mit der Bitte, dass „ein einfaches und bescheidenes Denkmal der Nachwelt von der hohen Tat der Johanna Sebus künden“ möge. Die Anregung fiel bei der Regierung in Paris auf fruchtbaren Boden, und der Generaldirektor des Musée Napoléon, Dominique Vivant-Denon (1747–1825), wurde mit dem Entwurf eines Denkmals für Johanna Sebus beauftragt. Die Grundsteinlegung erfolgte am 9.6.1811 durch den Nachfolger des Barons Keverberg als Unterpräfekt in Kleve, Edmond Nicolas Gruat. Das Denkmal trägt auf der Vorderseite eine Inschrift in französischer Sprache und ein Marmor-Medaillon, das eine auf dem Wasser treibende Rose, eingefasst von zwölf Sternen, zeigt. 1953 wurde auf der Rückseite des Denkmals die Übersetzung in deutscher Sprache angebracht.

Auch das Haus von Johannas Mutter wurde im Auftrag der französischen Regierung auf Staatskosten wieder aufgebaut, was eine Gedenktafel in einem nahe gelegenen Restaurant dokumentiert. Das Haus wurde allerdings erst 1812 fertig gestellt, als die Mutter schon nicht mehr lebte; viele Jahre wurde es von Johannas Bruder Reiner bewohnt.

Neben seinem offiziellen Bericht an die vorgesetzte Behörde schrieb Keverberg an, Christiane von Vernejoul (geboren 1768), eine Bekannte von Goethe mit der Bitte, seinen Bericht dem Dichter weiterzuleiten. Frau von Vernejoul legte Goethe in einem Brief die „ausgezeichnete Handlung einer hiesigen Bäuerin, bei Gelegenheit der fürchterlichen Überschwemmung, welche vor einigen Wochen so viel Unglück in Holland, und unßerer Gegend angerichtet“ nahe. Sie fügte Keverbergs Bericht bei, der ihn noch mit weiteren Notizen zu der Heldentat der Johanna versehen hatte, und bat Goethe, „die rührende That in einer Ballade [zu] verewigen“. Goethe war von der Geschichte angetan und schrieb am 11. und 12.5.1809 die Ballade „Johanna Sebus“.

Einen ersten Entwurf schickte er an seinen Freund Carl Friedrich Zelter (1758–1832) mit der Bitte, die Ballade zu vertonen. Dieser begann zwar unverzüglich mit der Vertonung, stellte sie aber erst Anfang 1810 fertig. Johann Friedrich Reichardt (1754–1814), der ebenfalls zum Freundeskreis Goethes zählte, komponierte ein Werk für Singstimme und Pianoforte, das 1811 uraufgeführt wurde. Auch Franz Schubert (1797–1828) beschäftigte sich mit der Ballade, beendete eine begonnene Arbeit aber im April 1821 unvollendet. 1887 vertonte sie der Kölner Musikprofessor Hermann Kipper (1826–1910), und der Musiker und Maler Béla Lajos (geboren 1929) komponierte eine Oper für Johanna Sebus.

Zahlreiche weitere Künstler thematisierten die Heldentat der Johanna Sebus. So entstanden, wiederum basierend auf der Goetheschen Ballade, zahlreiche Zeichnungen und Bilder, ein Theaterstück und ein Roman. Anlässlich des 175. Todestages wurde im Jahr 1984 eine Johanna-Sebus-Medaille gestiftet, die an Personen oder Institutionen für „Hilfe in der Not“ verliehen wird. Ein Rosenzüchter aus Weinheim in der Pfalz gab 1894 einer Neuzüchtung den Namen „Johanna Sebus“; die Rose ging allerdings im Laufe der Zeit verloren. Zum 200. Todestag im Jahr 2009 wurde eine neue Rosenzüchtung nach Johanna Sebus benannt.

——— Die Gartenlaube, Heft 45, Seite 737, 1872:

Johanna Sebus, R. Risse, Gartenlaube 45, 1872Goethe selbst hat es der Nachwelt verkündet, daß es am 13. Januar 1809 war, wo eine siebenzehnjährige Jungfrau, die schöne Johanna Sebus aus dem Dorfe Brienen, ein Opfer ihres Heldenmuthes und ihrer Menschenliebe geworden. Als zu den Schrecken des Eisgangs im Rhein auch noch das Verderben durch den Dammbruch bei Cleverham hinzukam riss, rettete Johanna die Unglücklichen aus der Wassersnoth, bis sie selbst darin umkam. Das ist der Gegenstand unseres Bildes, vor dem man wieder recht schmerzlich an die Verirrung so vieler unserer Maler erinnert wird, die noch heute lieber in das Nebelgebiet der Heiligenlegende, als in das lebensvolle Buch unserer Volksgeschichte greifen, um sich die Stoffe für ihre Darstellungen zu suchen. Um so mehr freuen wir uns, daß unser Künstler mit gesundem deutschen Geist seine Wahl traf und mit seinem Bilde ein Werk lieferte von ebenso vollendeter technischer Durchführung, als geistiger Bedeutsamkeit. Auch wer das Auge nur auf die beiden Gesichter der Hauptgruppe wendet, die der Mutter und der Tochter, muß in jenem den vollen Ausdruck der Angst wie in diesem die Ruhe des Gottvertrauens und des Muthes bewundern. Wir wünschen diesem Werk recht viele ebenbürtige Nachfolger.

D. Red.

——— Goethe:

Johanna Sebus

Zum Andenken der siebzehnjährigen Schönen, Guten aus dem Dorfe Brienen, die am 13. Januar 1809 bei dem Eisgang des Rheins und dem großen Bruche des Dammes von Cleverham Hilfe reichend unterging.

Tagebuch 11./12. Mai 1809, Einzeldruck 1809, rezitiert zum 1. Jahrestag des Ereignisses:

Johanna Sebus, Frank Kirchbach, 1893     Der Damm zerreißt, das Feld erbraust,
     Die Fluthen spülen, die Fläche saust.

„Ich trage Dich, Mutter, durch die Fluth,
Noch reicht sie nicht hoch, ich wate gut.“
„Auch uns bedenke, bedrängt wir sind,
Die Hausgenossen, drei arme Kind!
Die schwache Frau! … Du gehst davon.“ –
Sie trägt die Mutter durch’s Wasser schon.
„Zum Bühle da rettet euch! harret derweil;
Gleich kehr‘ ich zurück, uns Allen ist Heil.
Zum Bühl ist’s noch trocken und wenige Schritt;
Doch nehmt auch mir meine Ziege mit!“

     Der Damm zerschmilzt, das Feld erbraust,
     Die Fluthen wühlen, die Fläche saust.

Sie setzt die Mutter auf sichres Land;
Schön Suschen gleich wieder zur Fluth gewandt.
„Wohin? Wohin? die Breite schwoll;
Des Wassers ist hüben und drüben voll.
Verwegen in’s Tiefe willst Du hinein!“
„Sie sollen und müssen gerettet sein!“

     Der Damm verschwindet, die Welle braust,
     Eine Meereswoge, sie schwankt und saust.

Schön Suschen schreitet gewohnten Steg,
Umströmt auch gleitet sie nicht vom Weg,
Erreicht den Bühl und die Nachbarin;
Doch der und den Kindern kein Gewinn!

     Der Damm verschwand, ein Meer erbraust’s,
     Den kleinen Hügel im Kreis umsaust’s.

Da gähnet und wirbelt der schäumende Schlund
Und ziehet die Frau mit den Kindern zu Grund;
Das Horn der Ziege faßt das ein‘,
So sollten sie Alle verloren sein!
Schön Suschen steht noch strack und gut:
Wer rettet das junge, das edelste Blut!
Schön Suschen steht noch, wie ein Stern;
Doch alle Werber sind alle fern.
Rings um sie her ist Wasserbahn,
Kein Schifflein schwimmet zu ihr heran.
Noch einmal blickt sie zum Himmel hinauf,
Da nehmen die schmeichelnden Fluthen sie auf.

     Kein Damm, kein Feld! Nur hier und dort
     Bezeichnet ein Baum, ein Thurm den Ort,

Bedeckt ist Alles mit Wasserschwall;
Doch Suschens Bild schwebt überall. –
Das Wasser sinkt, das Land erscheint,
Und überall wird schön Suschen beweint. –
Und dem sei, wer’s nicht singt und sagt,
Im Leben und Tod nicht nachgefragt!

Bilder: Klevischer Verein für Kultur und Geschichte e.V.: Johanna Sebus ist immer noch Kleves populärste Frau, zur Ausstellung zum 200. Todestag im Haus Koekkoek, 2009;
Arno Grimm: Johanna Sebus, Ausschnitt, um 1900, Privatbesitz Günter Voldenberg;
Friedrich Bury, 1809, via Matthias Grass: Tod in den Fluten, RP Online, 16. Juli 2009;
Nach seinem Oelgemälde auf Holz übergezeichnet von R. Risse in Düsseldorf,
in: Die Gartenlaube, Heft 45, Seite 737, 1872;
Frank Kirchbach: Johanna Sebus. Aus der Prachtausgabe von „Goethes Gedichten“,
Verlag von Adolf Titze in Leipzig, 1893.

Soundtrack: Grauzone: Eisbär, aus: Swiss Wave – The Album, 1980:

Written by Wolf

13. Januar 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Vier letzte Dinge: Himmel

Kowtow.—Forsooth!—Thinkst thou?—Odds bodkins!—We trou‘! (Start quoting him now.)

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Update zu Der Drang zum Sturm und
Sophokles’ Bruder ab orbe Britannis:

Wir feiern am 23. April den 400. Todestag von William Shakespeare, obwohl wir Heutigen in der Lage sind, bis zu den Fußnoten der weltumspannenden Wikipedia hinunterzuscrollen:

Todesdatum nach dem während der gesamten Lebenszeit Shakespeares in England geltenden julianischen Kalender (23. April 1616); nach dem in den katholischen Ländern 1584, in England aber erst 1752 eingeführten gregorianischen Kalender ist der Dichter am 3. Mai 1616 gestorben. Dadurch hat er das gleiche Todesdatum wie der spanische Nationaldichter Cervantes, obwohl er ihn um zehn Tage überlebt hat.

Dennoch werden wir uns den Feierlichkeiten nicht aus lauter katholischer Besserwisserei verschließen.

Titelblatt Wieland, Shakespeare, Theatralische Werke, Band 2, Zentralbibliothek Zürich, Die erste deutsche Shakespeare-ÜbersetzungDafür bietet sich zu solchen Jubiläen die Pflicht zur „Neuentdeckung“ und der Erforschung dessen, was uns „der Barde“ denn „heute noch zu sagen hat“ (ja, wirklich, es ist eine Pflicht, die sich bietet, nicht aufdrängt) — was offizielle Subjekte der Kulturpflege halt so sagen müssen.

Eine unschlagbare Gelegenheit zur Besserwisserei ist die tätige und käuflich recht günstig erwerbliche Erkenntnis, dass die Schlegel und Tieck zwar die älteste (1789 bis 1833) bis heute grassierende, aber keineswegs die erste deutsche Shakespeare-Übersetzung war. Das erste systematisch auf eine gültige Übertragung von Shakespeares Gesamtwerk angelegte Projekt wurde vielmehr von Wieland ins Werk gesetzt: 1762 bis 1766 schaffte Wieland 22 „Theatralische Werke“, davon nur Ein St. Johannis Nachts-Traum in Versform, den Rest in Prosa. Der Sturm oder Der erstaunliche Schiffbruch inszenierte er schon 1761 fürs Komödienhaus in der Schlachtmetzig in der Viehmarktstraße 8 zu Biberach an der Riß — was als erste deutsche Shakespeare-Aufführung überhaupt gilt.

1775 bis 1777 wurden die von Wieland vernachlässigten Dramen von Johann Joachim Eschenburg vervollständigt, das Ergebnis dieser zeitversetzten Gemeinschaftsarbeit heißt Wieland-Eschenburg-Übersetzung.

Kathryn Grayson als Kate, Kiss Me Kate, 1953 via Yvette Can Draw, 27. November 2011Wieland beförderte durch Vermittlung seines Freundes Johann Jakob Bodmer seine Übersetzungen bei Orell, Gessner, Füssli & Comp. in Zürich ab 1762 zum Druck (worin sich eine ganz andere Auffassung vom Veröffentlichen ausdrückt als in dem heutigen „einen Verlag suchen“, stimmt’s?), weshalb ihre Gesamtheit als „erste Zürcher Ausgabe“ läuft. Neu veröffentlicht wurden sie als Einzelausgaben 1993 vom verdienstreichen Haffmans Verlag, ebenfalls in Zürich und unter einem Herrn Bodmer, weshalb ihre Gesamtheit als „zweite Zürcher Ausgabe“ läuft. Diese wiederum ging nach dem Konkurs 2001 des Haffmans Verlags in einem Band zu Zweitausendeins. — Letztere Ausführung geht vor allem raus an Karl, der behauptet, es habe schon eine „Züricher Übersetzung“ von Shakespeare, vollständig und ungefähr 1722, jedenfalls aber vor und unabhängig von Wieland stattgefunden. — Nein, hat sie nicht. Einzelne fliegende Schauspielertruppen werden damit angefangen haben, aber das ist wohl ein Verhältnis wie das einzelner eingedeutschter Bibelstellen ab dem Hochmittelalter zur Lutherbibel. Die vier 0,5er-Dosen Guinness werden nächstes Mal doch wieder acht bis 16 Adelskrone.

Der Leser, der weder Wieland, Eschenburg, Schlegel, Tieck noch gar den Karl persönlich kennt, ersieht hieraus den Wert der Besserwisserei anhand solcher abgelegenen Studienratsausgaben; die Penny-Plörre Adelskrone ist nämlich gar nicht so schlecht. Stellt sich zuletzt die Frage:

Wieland, Shakespeare, Theatralische Werke, viaLibri

——— N. N.:

Warum Shakespeare lesen?

Rückentext auf: William Shakespeare: Theatralische Werke in einem Band. Übersetzt von Christoph Martin Wieland. Die zweite Zürcher Ausgabe, im Auftrag der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur nach der ersten Zürcher Ausgabe von 1762 bis 1766 neu herausgegeben von Hans und Johanna Radspieler, Neuausgabe in einem Band, 1. Auflage der einbändigen Ausgabe, Zweitausendeins, Frankurt am Main, Juni 2003:

William Shakespeare, Theatralische Werke in einem Band, übersetzt von Christoph Martin Wieland, Zweitausendeins 2003, via Tiber Anitquariat Dülmen„Nach Gott hat Shakespeare am meisten geschaffen.“ James Joyce „Wenn ich Shakespeare und die Bibel lese, ist mir der Heilige Geist manchmal lieb, aber ich ziehe Shakespeare vor.“ Alexander Puschkin „Dem Mann verdanken wir das weltliche Evangelium.“ Heinrich Heine „Shakespeare ist das größte Genie, das je existiert hat. Die erste Seite, die ich in ihm las, machte mich auf zeitlebens ihm eigen.“ Johann Wolfgang Goethe „Er ist das Bewußtsein der Welt.“ Gustave Flaubert „Der leidenschaftlichste Dichter der Welt.“ Charles Baudlaire „Shakespeare ist der menschlichste aller großen Künstler.“ Oscar Wilde „Die Größe Shakespeares liegt in seiner Fähigkeit, aus allem nicht nur seine, sondern die Welt zu machen, eine Fähigkeit, die ihn nie verließ, weil sie seine Natur, seine Genialität war.“ Friedrich Dürrenmatt „Shakespeare steht bei der Welt in hohem Ansehn und ist dennoch der größte aller Dichter. Daraus läßt sich erkennen, daß die Wwelt richig urteilt.“ Edgar A. Poe „Auf die geringste von seinen Schönheiten ist ein Stempel gedruckt, welcher gleich der ganzen Welt zuruft: Ich bin Shakespeare!“ Gotthold Ephraim Lessing „Als ich Shakespeare las, fühlte ich mich neu geboren.“ Henri Stendhal „Den Menschen wollte er im Spiegel der Dichtkunst zeigen, nicht moralische Karikaturen; darum erkennt sie ein jeder im Spiegel, und seine Werke leben heute und immerdar.“ Arthur Schopenhauer „Shakespeare wäre in jedem Zeitalter und in jeder Generation erfolgreich gewesen. Lebte er heute, wäre er garantiert Drehbuchschreiber, Filmregisseur, Bühnenautor, Dramaturg und was weiß ich noch alles. Er würde nicht sagen ‚Dieses Mdium taugt nichts‘, sondern er würde es einsetzen und tauglich machen. Und wenn einige Leute seine Werke ‚billig‘ und ‚vulgär‘ nennen würden (und manche sind es tatsächlich), würde er sich einen Dreck drum scheren, denn er wüßte, daß es ohne Vulgarität keinen ganzen Menschen geben kann.“ Raymond Chandler

Darum Shakespeare lesen!

Ron Randell at the piano playing Cole Porter playing Cole Porter, Kiss Me Kate, 1953, via Yvette Can Draw, 27. Dezember 2011Unter anderen Umständen hätte ein einfaches „Darum“ gereicht“. Vor allem und wie immer ist es unabdingbar: um Mädels zu beeindrucken — was sich gar nicht als erstes aufdrängt und deshalb der oben eingeforderten „Neuentdeckung“ und der Erforschung dessen, was uns „der Barde“ denn „heute noch zu sagen hat“, dient. Hilfestellung dazu haben wir längst erhalten: in den frühen 1980er Jahren, als wir nach dem Rudi Carrell noch aufbleiben und den Spätfilm gucken durften, weil den Vater nach den Lottozahlen das Wort zum Sonntag bis zum Ameisenkrieg schnarchend in die Sofapolster genietet hatte. Da kam nämlich in der Reihe Des Broadways liebstes Kind gerne mal Kiss Me Kate — ein sehr viel nachhaltigeres Erlebnis als das vorausgehende Bad am Samstagabend.

Der Film ist von 1953, nach dem Musical von 1948, und das wiederum nach The Taming of the Shrew von Shakespeare, mutmaßlich von 1594. Text und Musik sind von Cole Porter — wobei gerade in dieser Oberliga des Kulturschaffens so eine Häufung von Kompetenzen selten ist; momentan fallen mir nur Shakespeare, Cole Porter und die üblichen Liedermacher ein. Ein besonderes Meisterstück innerhalb Kiss Me Kate ist das Lied Brush up your Shakespeare, was mir auf dem Sofa neben dem schnarchenden Herrn Vater gar nicht aufgefallen ist. Da hieß der Film auch nur Küß mich, Kätchen! und das Lied Schlag nach bei Shakespeare, was mir alles um 1982 ebenso ferne lag wie das Beeindrucken von Mädels.

Cole Porters Originaltext bringt eine Sprachspielerei in einer hinreißenden Mischung aus jiddisch durchsetztem Gaunerjargon und gebremst verballhornter Hochsprache nach der anderen und scheut sich nicht vor den Anzüglichkeiten, die für ein amerikanisches Filmpublikum von 1953 zensiert werden mussten; Shakespeare hätte — und hat — es nicht anders gemacht. Die Melodie ist einer der echten unschlagbaren Ohrwürmer des 20. Jahrhunderts, die einen ein Stück glücklicher hinterlassen und eine Zeitlang durch die Welt tragen können — wenn man gleich mir nicht zu sehr zum Fremdschämen neigt. Dargeboten wird das Lied in der Filmversion nämlich von Keenan Wynn und James Whitmore als Lippy und Slug, und weil es ein Musical ist, müssen sie dazu steppen. Für uns Unerschrockene bringt Gunther Anderson die Gitarrengriffe zum Mitsingen.

Das reicht zum Feiern eines runden Todestages. Weiter unten noch die Geburtstagsparade, dann kauft der Karl frisches Adelskrone und wir kriegen Cervantes.

——— Cole Porter:

Brush up your Shakespeare

aus: Kiss Me Kate, 1948, Verfilmung 1953, hier unzensierter Text:

The girls today in society
go for classical poetry.
So to win their hearts one must quote with ease
Aeschylus and Euripides.

One must know Homer, and believe me, Beau,
Sophocles, also Sappho-ho.
Unless you know Shelley and Keats and Pope,
dainty Debbies will call you a dope.

But the poet of them all,
who will start ‚em simply ravin‘,
is the poet people call
The Bard of Stratford-on-Avon.

Chorus: Brush up your Shakespeare,
start quoting him now.
Brush up your Shakespeare,
and the women you will wow.

Just declaim a few lines from Othella,
and they’ll think you’re a hell of a fella.
If your blonde won’t respond when you flatter ‚er,
tell her what Tony told Cleopatterer.

If she fights when her clothes you are mussing:
What are clothes? Much Ado about Nussing!
Brush up your Shakespeare,
and they’ll all kowtow.

Chorus.

With the wife of the British ambassida,
try a crack out of Troilus and Cressida.
If she says she won’t buy it or like it,
make her tike it, what’s more As You Like It.

If she says your behavior is heinous,
kick her right in the Coriolanus.
Brush up your Shakespeare,
and they’ll all kowtow.

Chorus.

If you can’t be a ham and do Hamlet,
they will not give a damn or a damlet.
Just recite an occasional Sonnet,
and your lap’ll have honey upon it.

When your baby is pleading for pleasure,
let her sample your Measure for Measure.
Brush up your Shakespeare,
and they’ll all kowtow.—Forsooth!
And they’ll all kowtow,
and they’ll all kowtow.

Chorus.

Better mention The Merchant Of Venice,
when her sweet pound o‘ flesh you would menace.
If her virtue, at first, she defends—well,
just remind her that All’s Well That Ends Well.

And if still she won’t give you a bonus,
you know what Venus got from Adonis.
Brush up your Shakespeare,
and they’ll all kowtow.—Thinkst thou?
And they’ll all kowtow.—Odds bodkins!
And they’ll all kowtow.

Chorus.

If your goil is a Washington Heights dream,
treat the kid to A Midsummer Night’s Dream.
If she then wants an all-by-herself night,
let her rest ev’ry ‚leventh or Twelfth Night.

If because of your heat she gets huffy,
simply play on and „Lay on, Macduffy!“
Brush up your Shakespeare,
and they’ll all kowtow.—Forsooth!
And they’ll all kowtow.—Thinkst thou?
And they’ll all kowtow.—We trou‘!
And they’ll all kowtow.

Unknown artist, Procession of Characters from Shakespeare's Plays, ca. 1840

Bilder: Die Vorderseite zur oben zitierten Rückseite von William Shakespeare: Theatralische Werke in einem Band, übersetzt von Christoph Martin Wieland, zweite Zürcher Ausgabe von Hans und Johanna Radspieler, Zweitausendeins 2003, via Tiber Anitquariat Dülmen auf Amazon.de, featuring Laurence Olivier und Vivien Leigh als Romeo und Juliette, 1940;
die älteren Bücher sind das Titelblatt des zweiten Bandes desselben Werks via Zentralbibliothek Zürich: Die erste deutsche Shakespeare-Übersetzung. William Shakespeare Theatralische Werke. Aus dem Engl. übers. von Herrn Wieland Zürich, 1762ff.:

Angeregt durch Bodmer, beginnt Wieland in Zürich auch mit seiner Übertragung von Shakespeares Dramen, die ab 1762 als erste deutsche Shakespeare-Übersetzung bei Orell, Gessner, Füssli & Comp. in Zürich erscheint. [Was ich dem Karl dauernd sag und als Weblog-Eintrag gereicht hätte, aber schon als Tweet zu lang wäre.]

und viaLibri, 17. Oktober 2015;
Ann Miller, Kiss Me Kate, 1953, via Yvette Can Draw, 27. Dezember 2011, DVDBeaverdie Musical-Bilder mit Kathryn „Kate“ Grayson, die ihrem Bierhumpen I Hate Men vorsingt, Ron Randell at the piano playing Cole Porter playing Cole Porter (So in Love) und Ann Miller beim heimischen Vortanzen von Too Darn Hot sind aus Kiss Me, Kate, 1953 via Yvette Can Draw: Tuesday’s Overlooked (or Forgotten) Films: KISS ME, KATE (1953) starring Howard Keel, Kathryn Grayson and Ann Miller, 27. Dezember 2011
und DVDBeaver, und
die Ehrenparade für den fröhlichen Todesjubilar stammt von einem unbekannten Künstler im Stil von Thomas Stothard, eine ehemalige Zuschreibung an Daniel Maclise: Procession of Characters from Shakespeare’s Plays, ca. 1840, Öl auf Holz, 31,1 cm auf 137,8 cm, Yale Center for British Art, Paul Mellon Fund. Es treten auf, v. l. n. r.:

  • Margaret of Anjou (1430–1482), queen of England, consort of Henry VI
  • Lady Macbeth (character in Macbeth)
  • Ophelia (character in Hamlet)
  • Maria (character in Twelfth Night)
  • Beatrice
  • Sir Toby Belch (character in Twelfth Night)
  • Hamlet, Prince of Denmark
  • Benedick
  • Sir John Falstaff
  • Malvolio (character in Twelfth Night)
  • Katharine (character in The Taming of the Shrew)
  • Proteus
  • Doll Tearsheet
  • Shakespeare, William (1564–1616), playwright and poet
  • Othello (character in Othello, the Moor of Venice)
  • Valentine
  • Launce (character in The Two Gentlemen of Verona)
  • Parolles
  • Crab
  • Titania (character in A Midsummer Night’s Dream)
  • Sir Andrew Aguecheek (character in Twelfth Night)
  • Celia
  • Bottom (character in A Midsummer Night’s Dream)
  • Rosalind (character in As You Like It)
  • Juliet (character in Romeo and Juliet)
  • Romeo (character in Romeo and Juliet)
  • Desdemona (character in Othello)

Annähernd in Originalgröße ist die Parade wiedergegeben auf Tumblr, entdeckt wird sie allerdings schon im englischen Wiki-Artikel zu Shakespeare, weil ja wir Heutigen, wie eingangs erwähnt, in der Lage sind, ziemlich weit runterzuscrollen.

Bonus Tracks: I Hate Men, So in Love und Too Darn Hot, woher wohl. Anspieltipp ist letzteres: Ann Miller schlägt sich doch recht wacker bei ihrem Vortanzen im Wohnzimmer. Außerdem werden solche Pin-up-Schönheiten heute gar nicht mehr so hergestellt, nicht mal für Shakespeare-Dramen.



Written by Wolf

22. April 2016 at 00:01

Oh my, oh my, oh my, what if it was true? (O wolle nicht ergründen, was einmal unergründlich ist)

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Update zu Denkst du denn nicht an den Loup Garou?
und Ach! wie ists erhebend sich zu freuen:

Oh my, oh my, oh my, what if it was true?
And oh my, oh my, oh my, tell me is it true?
Did he, did he, did he die upon that cross?
And did he, did he, did he come back across?

Violent Femmes: Jesus Walking on the Water, 1984.

Am I a soldier of the cross,
A follower of the Lamb,
And shall I fear to own His cause,
Or blush to speak His name?

Carter Family: On the Sea of Galilee, 1932.

Vnd da der Sabbath vergangen war, kaufften Maria Magdalena, vnd Maria Jacobi vnd Salome specerey, auff das sie kemen, vnd salbeten jn. Vnd sie kamen zum Grabe an einem Sabbather seer fruee, da die sonne auffgieng. Vnd sie sprachen vnternander, Wer waltzet vns den stein von des Grabs thuer? Vnd sie sahen dahin, vnd wurden gewar, das der Stein abgeweltzet war, denn er war seer gros.

VNd sie giengen hin ein in das Grab, vnd sahen einen Juengling zur rechten hand sitzen, der hatte ein lang weis Kleid an, vnd sie entsatzten sich.

Er aber sprach zu jnen, Entsetzet euch nicht. Jr suchet Jhesum von Nazareth den gecreutzigten, Er ist aufferstanden, vnd ist nicht hie, Sihe da, die Stete, da sie jn hinlegten. Gehet aber hin, vnd sagts seinen Juengern, vnd Petro, Das er fur euch hingehen wird in Galilea, Da werdet jr jn sehen, wie er euch gesagt hat.

Markus 16,1–7, Lutherbibel 1545.

Weil man sich ab heute wieder über seine Religion freuen darf, gleich meinen besten Osterwitz — und davon kenn ich nicht viele:

Jesus zeigt sich nach der Auferstehung seinen Jüngern: „Grüß euch, Jungs, da bin ich wieder.“

Sagt der ungläubige Thomas: „Soso? Und wer sagt uns, dass du Jesus bist?“

„Wer soll ich denn sonst sein?“

„Jesus ist doch vorgestern gestorben, wir haben doch zugeschaut.“

„Ja, und heute früh bin ich auferstanden. Das ist ja das Wunder.“

Sagt Thomas: „Wenn du Jesus bist, kannst du auch übers Wasser laufen. Da ist der See.“

Jesus geht zum See und läuft übers Wasser. Nach fünf Metern macht es flump und Jesus ist unter Wasser verschwunden.

Taucht Jesus wieder auf, paddelt und prustet: „Ey verdammt, ich hab doch noch die Löcher in den Füßen.“

Den letztzitierten Evangelientext stellte die Droste ihrem Ostersonntagsgedicht im Geistlichen Jahr voran. Dazu verwendete sie mutmaßlich die Fassung des im Bistum Münster gebräuchlichen Perikopenbuchs, uns ist nur die Luther-Fassung letzter Hand 1545 zugänglich.

Dafür sind wir in der glücklichen Lage, die zwei schönsten Osterlieder der Musikgeschichte voran- und sogar hintanzustellen: On the Sea of Galilee — ein frommes, hörbar hausgemachtes Gospelchen von ergreifender Schlichtheit — und Jesus Walking on the Water — unklarer Richtung; wahrscheinlich Gothic Beach Hillbilly, falls das schon erfunden ist. Für nur eins davon würde manch einer dreieinhalb Stunden Bach-Passion kalt stehenlassen.

——— Annette von Droste-Hülshoff:

Am Ostersonntag

aus: Geistliches Jahr in Liedern für alle Sonn- und Festtage, 1820,
Erstdruck: Cotta, Stuttgart und Tübingen 1851, cit. nach der Insel-Gesamtausgabe:

Simerenya, C. Timmann - Delfow, 16. März 2016O, jauchze, Welt, du hast ihn wieder,
Sein Himmel hielt ihn nicht zurück!
O jauchzet! jauchzet! singet Lieder!
Was dunkelst du, mein seelger Blick?

Es ist zu viel, man kann nur weinen,
Die Freude steht wie Kummer da;
Wer kann so großer Lust sich einen,
Der all so große Trauer sah!

Unendlich Heil hab‘ ich erfahren
Durch ein Geheimnis voller Schmerz,
Wie es kein Menschensinn bewahren,
Empfinden kann kein Menschenherz.

Vom Grabe ist mein Herr erstanden
Und grüßet alle die da sein,
Und wir sind frei von Tod und Banden,
Und von der Sünde Moder rein.

Den eignen Leib hat er zerrissen,
Zu waschen uns mit seinem Blut,
Wer kann um dies Geheimnis wissen,
Und schmelzen nicht in Liebesglut!

Ich soll mich freun an diesem Tage
Mit deiner ganzen Christenheit,
Und ist mir doch, als ob ich wage,
Da Unnennbares mich erfreut.

Mit Todesqualen hat gerungen
Die Seligkeit von Ewigkeit,
Gleich Sündern hat das Graun bezwungen
Die ewige Vollkommenheit.

Mein Gott, was konnte dich bewegen
Zu dieser grenzenlosen Huld!
Ich darf nicht die Gedanken regen
Auf unsre unermeßne Schuld.

Ach, sind denn aller Menschen Seelen
Wohl sonst ein überköstlich Gut,
Sind sie es wert, daß Gott sich quälen,
Ersterben muß in Angst und Glut!

Und sind nicht aller Menschen Seelen
Vor ihm nur eines Mundes Hauch?
Und ganz befleckt von Schmach und Fehlen,
Wie ein getrübter dunkler Rauch?

Mein Geist, o wolle nicht ergründen,
Was einmal unergründlich ist;
Der Stein des Falles harrt des Blinden,
Wenn er die Wege Gottes mißt.

Mein Jesus hat sie wert befunden
In Liebe und Gerechtigkeit;
Was will ich ferner noch erkunden?
Sein Wille bleibt in Ewigkeit!

So darf ich glauben und vertrauen
Auf meiner Seele Herrlichkeit!
So darf ich auf zum Himmel schauen
In meines Gottes Ähnlichkeit!

Ich soll mich freun an diesem Tage;
Ich freue mich, mein Jesu Christ,
Und wenn im Aug‘ ich Tränen trage,
Du weißt doch, daß es Freude ist!

Soundtracks: The Original Carter Family: On the Sea of Galilee, 1932;
Violent Femmes: Jesus Walking on the Water, aus: Hallowed Ground, 1984.
Bild: Simerenya: C. Timmann — Delfow, 16. März 2016. Etwas Genaueres finde ich darüber nicht einmal über TinEye heraus. Wenn Sie mehr über Maler, Bild oder Genre wissen, machen Sie um Himmels willen kein Geheimnis draus.

Written by Wolf

27. März 2016 at 00:01