Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for September 2020

Dying is the last thing I’ll do

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Update zu Blues für Maja,
Lex Luther
und Die Ärzte:

Zu Vertonung freigegeben, bitte gegen Namensnennung und, wenn’s geht, Zugang zu einer Aufnahme. Ich stell’s mir ungefähr wie Georgia Bound von Blind Blake vor.

Hellhound on My Trail

The tomb of Madame de Lesdiguierres's cat. From an engraving in Moncrif's Les Chats, via Carl Van Vechten, The Tiger in the House, 1936Y’all the girls who didn’t love me
     you diggin‘ the wrong grave
You girls who never loved me
     you’re digging the wrong grave
          The sight you’re taking from my eyes
          weighs lighter than the love you never gave.

The lights in your city, the gods in your sky,
     the sun on your skin, the plums in your tree
The lights in your cities, the God in your sky,
     the sun on your boobs and the plums in your tree
          were not my choice to hang ‚round and shine
          and just the wind still moans for me.

You can set a hellhound on my trail
     and black cats and bats I’ll be commanding back to you
Send all the hellhounds on my trail
     so your lives and my seven deaths are coming to be true
          ||: You can’t deny me when you kill me
          but dying is the last thing I will do. :||

BIld: The tomb of Madame de Lesdiguierres’s cat.
From an engraving in Moncrif’s Les Chats,
via Carl Van Vechten: The Tiger in the House, 1936.

Bonus Track: die Version von Robert Johnson, 1937:

Written by Wolf

27. September 2020 at 15:10

Die Gaben Judith Schwalbes

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Update zu Solang der Alte Peter,
Was heißt das für ein Leben führen, sich und die Jungens ennuyiren?
und Moritz Under Ground:

Es ließe sich Schlimmeres berichten über so überqualifizierte Alleskönner wie Herbert Rosendorfer, seiner Zeichen praktizierender Amtsrichter und Honorarprofessor für Bayerische Literaturgeschichte, der auch noch eine kaum überschaubare Reihe von Büchern veröffentlicht hat, die nichts mit seinen Ämtern, wohl aber mit allerhand gelehrtem Spaß zu tun haben — Schlimmeres, sagte ich, als dass ein frühes stilles Vorbild von mir Rosendorfers ersten Bestseller seinem Vater am Sterbebett vorgelesen hat: Der Ruinenbaumeister. Ganz.

Die Situation könnte weiß Gott eine gedeihlichere sein, aber der hinterbrachte Vorgang sagt uns, wie viel einem Rosendorfer-Romane bedeuten können. Gerade Der Ruinenbaumeister ist eins von den Büchern, die nicht einen Weblog-Eintrag, sondern einen Weblog hergeben könnten. Wer sich also als letztes Buch im Leben das antun will, ist damit ganz gut beraten; als erstes Buch von allen wäre es ungeeignet, weil man zuviel Vorwissen braucht. Für die ganze Zeit dazwischen empfehlen sich etwa die Briefe in die chinesische Vergangenheit, sein größter, dabei nicht einmal raffiniertester Bestseller, der inzwischen öfter in „Zu verschenken“-Kisten vor Hauseingängen und öffentlichen Bücherschränken gesichtet wird als im Buchhandel, was er wiederum nicht verdient hat — oder Das Messingherz oder Die kurzen Beine der Wahrheit.

Den größten Teil davon hab ich in einem Zug gelesen — verstanden als Eisenbahn, wo man ja am besten und konzentriertesten lesen kann, was an der Sitzhaltung liegt und den Lärmschutzwällen, die dem Reisenden die Ablenkungen der Landschaft verbergen. Die Fahrt ging nach München, wo Das Messingherz spielt, und zwar randvoll der penibelsten lokalen Bezüge, wie man immer wieder voll Bewunderung feststellt, wenn man erst eine Zeitlang dort Wohnsitz genommen hat.

Ein Komponist namens Franz Gottlob Kühlfuß war nicht nachzuweisen, dafür ist Eva von Buttlar mit ihrer gleichnamigen Rotte, einer christlichen und philadelphischen Sozietät ab 1702, höchst real. Judith Schwalbe aus dem Roman ist als fiktive Figur einzustufen; das Bild, dem sie nachempfunden ist, gibt’s, siehe unter dem Zitat:

Peter Jakob Horemans, Der Geist des Rates, 1753

——— Herbert Rosendorfer:

Das Messingherz oder Die kurzen Beine der Wahrheit

Nymphenburger, München 1979, im dtv Taschenbuch 1990, 9. Auflage 2001, Seite 272 bis 274:

Frau Schwalbe, Judith Schwalbe, machte Kessel auf.

Jakob sei nicht da, sagte Frau Schwalbe. „Aber wenn Sie hereinkommen wollen, dann können wir gemeinsam auf ihn warten.“

Das Wohnzimmer war groß und dunkel. An einer Seite zog sich bis weit hinauf ein Bücherregal mit Jakob Schwalbes vielen Partituren und Musikalien. In einer Ecke neben einem kleinen runden Tisch aus Glas brannte eine Lampe mit dunkelblauem Seidenschirm. Auch neben dem Flügel stand eine Stehlampe, die brannte. Frau Schwalbe löschte sie aus. Als sie danach hinausging, um das Teewasser aufzusetzen, schaute Kessel nach, was Frau Schwalbe gespielt hatte: Mendelssohn, Präludien und Fugen op. 35. Aufgeschlagen war die vierte, die schwermütige in As-Dur. Grün, sagte Schwalbe immer, de sich darauf etwas zugute hielt, daß er die Tonarten nach Farben auseinanderzuhalten imstande sei, auch ohne das absolute Gehör. As-Dur sei grün, ein herbes, dunkles Flaschengrün oder Jadegrün, so grün wie ein Bach bei kaltem, klarem Wetter. F-Moll hingegen sei eher moosgrün, ein sattes, etwas süßes Moosgrün …

Kessel wußte von Schwalbe, daß Judith Klavier spielte, daß sie sogar ausgebildete Pianistin war. Schwalbe hatte seine Frau durch die Musik kennengelernt, bei irgendeinem Musikerkongreß. Spielen hatte Kessel sie aber nie gehört. Eigentlich hatte er, obwohl er sie oft sah, zumindest jedesmal, wenn er Schwalbe zum ‚Schachspielen‘ abholte, auch kaum je etwas mit ihr mehr als von sachlichen Mitteilungen geredet, und es war ihm jetzt, als sie ihn hereinbat, im ersten Augenblick etwas unbehaglich, weil er nicht wußte, was er mit der Dame reden solle und ob er überhaupt mit ihr reden könne.

Judith trug ein jadegrünes Kleid mit einem weißen Spitzenkragen und weißen Spitzenmanschetten. Bei der heutigen Mode weiß man ja nie, dachte Kessel, ob etwas, was Damen tragen, ganz besonders démodé oder ganz besonders chic ist. Judiths Kleid mit den vielen, seidenüberzogenen Knöpfen über dem – offenbar durchaus beachtlichen – Busen erinnerte Kessel an ein Bild der Annette von Droste-Hülshoff. Aber nur das Kleid hatte Ähnlichkeit. Judith selber erinnerte Kessel an Die Gabe des Rates in der Heilig-Geist-Kirche. Kessel, der sehr oft, seit er am Gärtnerplatz arbeitete, in der Stadt herumging und die Kirchen besichtigte, was er früher zur St.-Adelgund-Zeit auch schon immer getan hatte (ein heimliches Sühne-Zeichen?), war das Gemälde erst unlängst aufgefallen, obwohl er Dutzende Male schon in der Kirche gewesen war. Es hing, dem geschwungenen Rand nach, der darauf deutete, daß es einmal in einem Stuckrahmen eingepaßt war, nicht mehr an der Stelle, für die es eigentlich gemalt war, sondern sehr tief, in Augenhöhe neben einem Beichtstuhl. Wer das Bild gemalt hatte, war nie zu erfahren gewesen. Die Gabe des Rates stand auf einem Zetttel neben dem Bild. Es war nicht einmal sicher, ob sich dieser Zettel auf das Bild bezog.

Es war ein erstaunlich weltliches Bild. Die abgebildete Dame hatte keinen Heiligenschein und war eher tief dekolletiert. Sie deutete auf verschiedene symbolische Instrumente, und auch im Hintergrund spielten sich symbolische Szenen ab.

Albin Kessel hätte keine Angst zu haben brauchen. Das Gespräch mit Frau Schwalbe ergab sich zwanglos. Sie fragte, nachdem sie den Tee gebracht hatte, woran er arbeite. Kessel fühlte sich durch die Frage geschmeichelt, aber die Frage Judith Schwalbes war echtes Interesse und keine Schmeichelei. Kessel erzählte von dem Auftrag für den Film über die Buttlarsche Rotte. Trotz dezenter Erzählweise, deren sich Kessel befleißigte, ließ sich bei dem Stoff eine gewisse Pikanterie nicht vemeiden. Frau Schwalbe genierte das weder, noch berührte es sie. Sie wußte übrigens, daß der sächsische Komponist Franz Gottlob Kühlfuß eine Zeitlang mit der Rotte in Verbindung gestanden und sogar einige Lieder und Duette nach Gedichten Eva von Buttlars komponiert hatte. Kessel bat um ein Stück Papier, um sich das aufzuschreiben.

„Darf ich noch Tee nachgießen?“

Die Ähnlichkeit Judith Schwalbes mit der Dame auf dem Bild Die Gabe des Rates war erstaunlich. Judith war ein wenig älter, war vielleicht sogar zehn Jahre älter als ihre gemalte Schwester, ihre Haare, weichgewellte, nicht zu lang herabfallende Haare, in der Mitte gescheitelt, so daß die Stirn, die man früher vielleicht als hoch und klar bezeichnet hätte, frei blieb, ihre Haare waren mit grauen Strähnen durchzogen, während die auf dem Bild schwarz waren. Am deutlichsten war die Ähnlichkeit bei den übergroßen, dunklen Augen und der Nase. Bis heute, wo er – wie er merkte – Judith Schwalbe das erste Mal richtig anschaute, hatte er sie immer als „etwas spitznasig“ bezeichnet. Er hatte sie, er schämte sich fast, es sich jetzt einzugestehen, als eine, ja, es ist nicht anders zu sagen, als eine alte Frau angesehen. Aber sie war eine junge Frau, und die grauen Strähnen in ihrem dunklen Haar machten sie eher noch jünger. Die Nase war nur deutlich, nicht spitz. Frauen ohne Nasen, Frauen mit kleinen Stubsnasen, die man als niedlich bezeichnet, sind meist Sirupseelen. Die Kröte würde ohne Zweifel so eine werden.

Nicht Die Gabe des Rates steht auf dem Zettel, dachte Kessel, während er mit Judith redete – er konnte manchmal in freundichen Stunden zweispurig denken – sondern nur Gabe des Rates, ohne Die. Es ist also überhaupt die Frage, worauf sich das bezieht: stellt das Bild das Symbol dar für die Eigenschaft gute Ratschläge zu geben, oder hieß das, daß das Bild eine Gabe, ein Geschenk des Rates der Stadt München war?

In Wirklichkeit ist Die Gabe des Rates — jawohl, mit „Die“ — in der Heilig-Geist-Kirche das letzte von den sieben Bildern einer Serie über die sieben Gaben oder Charismata des Heiligen Geistes von Peter Jakob Horemans von 1753.

Veranschlagt, dass Rosendorfer nicht den in Heilig Geist für drei Euro ausliegenden Kirchenführer von Dr. Walter Brugger: Kleiner Kunstführer Heilig Geist, Verlag Schnell & Steiner, München, kannte, 1979 schon gar nicht die aktuelle Auflage von 2019, kann man beim Anblick der Bilderserie mit den Gaben durchaus ins Grübeln geraten. Vor allem die Reihung so rationaler Segnungen wie Wissenschaft, Verstand, Weisheit, Stärke, Frömmigkeit, Gottesfurcht und eben Rat, die jedenfalls kein Gegenstand meiner religiösen Schulerziehung römisch-katholischer Ausrichtung waren, möchte man spontan eher der Freimaurerei zuordnen. Dazu war noch bis 2020 Rainer Maria Schießler Pfarrer von Heilig Geist, ein geradezu volkstümliches, lautes Münchner Original, das deutschlandweit durch die Bestseller Himmel, Herrgott, Sakrament. Auftreten statt austreten und Jessas, Maria und Josef. Gott zwingt nicht, er begeistert hervorgetreten ist. Der Charismatiker hat aber die Charismata eines kurfürstlichen Hofmalers unter Karl Albrecht an den Wänden seines Chorgangs im nördlichen Seitenschiff, nicht etwa eine Stiftung vom Stadtrat. Draufkommen muss man halt-

In dem nicht sehr streng durchkomponierten, vielmehr übermütig assoziativen Messingherz hat Judith Schwalbes Ähnlichkeit mit einem eher unbekannten, obschon bis heute gleich neben dem zentral gelegenen Viktualienmarkt gratis ausgestellten Bild, schwerer zu vermeiden als aufzusuchen, keine weitertragende Konsequenz, sondern dient der Charakterisierung der Nebenfigur. Insgesamt geht es um kauzige Episoden im Leben des Lohnschreibers Albin Kessel, eine parodistische Erscheinungsform des deutschen Verfassungsschutzes in Zeiten des Kalten Krieges, eine nicht gerade enzyklopädisch ausufernde, aber liebe- und verständnisvoll ausgemalte Menge kurioser Charakter und eine zurückgenommen gallige Lebensauffassung zwischen Bürgerlichkeit und studentischer Bohèmität. Judith Schwalbes „Gabe“ besteht in ihrem Fachwissen über die Buttlarsche Rotte, die Kessel beruflich beschäftigt — und uns möglicherweise noch in unserer Freizeit beschäftigen wird. Wer sich die Mühe macht, die Handlung für sich chronologisch zu ordnen, bemerkt, wie tatsächlich alles davon ausgeht, dass vor Jahrzehnten mal eine Frau — nicht Frau Schwalbe — barfuß gelaufen ist. Wem das nicht reicht, der kann ja weiter Bernhard Schlink und Ferdinand von Schirach lesen.

Peter Jakob Horemans, Der Geist des Rates, 1753

BIlder: Peter Jakob Horemans: Der Geist des Rates, 1753, via Theodor Frey (dort erloschen)
und Hermetiker, 11. Mai 2009.

Soundtrack: Felix Mendelssohn Bartholdy: Sechs Präludien und Fugen, opus 35, MWV SD 14
1831–1836, erschienen 1837; „die vierte, die schwermütige in As-Dur“ (op. cit.):

Written by Wolf

25. September 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Barock, Glaube & Eifer, ~~~Olymp~~~

Ermüdung und Verwirrung des Geistes, Eigendünkel, Unwissenheit und Hochmut (methinks, a million fools in choir are raving and will never tire)

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Update zu Zwischennetzsurferey und
Wie es enden wird, vermag ein irdischer Verstand nicht zu ergründen:

Harry Clarke, Methinks, a million fools in choir Are raving and will never tire, 1925, Faust by Goethe, 1820, 1835, 1925, 2013Von jeher musste man sich mit Mephistopheles höchstselbst doch sehr wundern, was die Meerkatze und Meerkater in der Hexenküche für ein Gebaren an den Tag legen, wenn unerwartet vorgesetzter Besuch auftaucht. Genauer besehen müssen die Lakaien den Baron, wie er genannt werden will, noch weniger erkennen als die Hausherrin, die Hexe, die ihn auch schon länger nicht mehr getroffen hat. Derweil kochen sie weiter „breite Bettelsuppen“, lassen den Brey überlaufen, und die Hexe

mit seltsamen Geberden, zieht einen Kreis und stellt wunderbare Sachen hinein; indessen fangen die Gläser an zu klingen, die Kessel zu tönen, und machen Musik. Zuletzt bringt sie ein großes Buch, stellt die Meerkatzen in den Kreis, die ihr zum Pult dienen und die Fackel halten müssen. Sie winkt Fausten, zu ihr zu treten.

Faust spricht auf der Illustration von Harry Clarke, auch gleich in englischer Übersetzung von John Anster, 1820 ff.:

Was sagt sie uns für Unsinn vor?
Es wird mir gleich der Kopf zerbrechen.
Mich dünkt, ich hör‘ ein ganzes Chor
Von hundert tausend Narren sprechen.

This nonsense, so like meaning, splits
My skull. I soon would lose my wits:
Methinks, a million fools in choir
Are raving and will never tire.

Das ist Faustens Antwort auf die Erweiterung — „Die Hexe fährt fort“ — des Hexen-Einmal-Eins:

Die hohe Kraft
Der Wissenschaft,
Der ganzen Welt verborgen!
Und wer nicht denkt,
Dem wird sie geschenkt,
Er hat sie ohne Sorgen.

mithin eine Paraphrase über das unter Schülern gar so beliebte „Mich dünkt, die Alte spricht im Fieber.“ Da scheint es, Faust drängt schon sehr vom Gelehrten- in den Gretchenteil; im Zauberspiegel hat er sich schon in Gretchens Bild versenkt, bevor die Hausherrin überhaupt zugegen war. Als sie Fausten seinen Verjüngungstrank endlich „mit vielen Ceremonien“ verabreicht hat, kann er sich schon gar nicht mehr losreißen: „Das Frauenbild war gar zu schön!“

Der Schlüssel für das Benehmen der äffischen, um nicht zu sagen: affigen Hausdienerschaft mag ich aus alter Neigung am liebsten in dem großen Buch erkennen, das von der Hexe — „mit großer Emphase fängt an aus dem Buche zu declamiren“ — angeschleppt und von Goethe recht beiläufig in zwei Regieanweisungen erwähnt wird: Während des besagten, denkbar irrwitzigen Hexen-Einmal-Eins dienen die Meerkatzen als Pult, werden also wortwörtlich von einem Buch geknechtet. Wenn Sie mich fragen: Süchtig sind die.

——— Illustriertes Hausbuch für christliche Familien:

1913, cit. nach Ralf Schneider: Die Suchtfibel: Wie Abhängigkeit entsteht und wie man sich daraus befreit. Informationen für Betroffene, Angehörige und Interessierte, Schneider Verlag, Hohengehren seit 1988, Seite 7:

Die Lesesucht, die im Lesen weder Maß noch Ziel kennt, ist eine traurige Krankheit unserer Zeit und zieht bei vielen Menschen, namentlich bei der Jugend, die schlimmsten Folgen nach sich.

Harry Clarke, Drest thus, I seem a different creature, 1925, Faust by Goethe, 1820, 1835, 1925, 20131. Die Lesesucht wirkt betörend auf die Gesundheit des Leibes und der Seele. Wer sich mit blinder Hast dem Lesen überantwortet, verzichtet häufig auf die nötige körperliche Bewegung in frischer Luft. Die Sucht zum Lesen steigert sich, und man will sich nur höchst ungern von dem Gegenstand der liebgewordenen Lesung trennen. Man gönnt sich deshalb kaum Zeit, seine Mahlzeiten zu halten, und verzichtet selbst auf manche Stunden der nächtlichen Ruhe. Dass dies die körperliche Gesundheit schädigen muss, leuchtet ein. Allein weit gefährlicher ist die fieberhafte Aufregung, die das hastige Lesen und Verschlingen von Büchern hervorbringt. Der Geist wird zu sehr angestrengt, die Nerven werden überreizt; dadurch wird aber die Verdauung gestört, der Blutumlauf gehemmt, und der Mensch büßt langsam seine leibliche und geistige Gesundheit.

2. Die Lesesucht verhindert auch die wahre Geistesbildung. Wie allzu vieles und gieriges Essen den Magen, so beschwert das viele Lesen den Geist, verwirrt den Kopf, verwildert das Herz und die Phantasie, fördert die Oberflächlichkeit und macht den Menschen untauglich zu ersprießlicher Tätigkeit. Wollte jemand glauben, er könne durch vieles und eiliges Lesen etwas lernen und seinen Geist bilden, so betrügt er sich; es ist eine unnütze, müßige, ja schädliche Arbeit. Das Verschlingen von Büchern erzeugt nur denkfaule Köpfe, halb gebildete, die zwar wähnen, sie verstehen alles, und über alles vorschnell urteilen, aber sich dabei nur lächerlich machen und ihre Geistesblöße darlegen. Es ist auch nicht anders möglich. Bei dem hastigen Lesen hat man nicht die Geduld, bei einem nützlichen Gedanken länger zu verweilen, über das Gelesene nachzudenken, es richtig aufzufassen und dem Gedächtnis einzuprägen. Die Blätter des Buches werden fast nur überflogen. Was bleibt da anderes zurück als eine dunkle Erinnerung, Ermüdung und Verwirrung des Geistes, Eigendünkel, Unwissenheit und Hochmut?

Bilder: Harry Clarke: Creatures Reading, über Vers 2573 bis 2576 in der Hexenküche,
Übersetzung John Anster, Blackwood’s Magazine 1820,
für Johann Wolfgang Goethe: Faust: A Dramatic Mystery. From the German by John Anster, 1835,
als Faust by Goethe, Nachdruck der Ausgabe bei George G. Harrap & Co., Ltd., London 1925,
Calla Editions, Mineola, New York 2013, via Leo Boudreau, 14. Dezember 2014.
Drest thus, I seem a different creature: Das Frauenbild war gar zu schön.

Soundtrack: Cat Clyde: Toaster, aus: Good Bones, 2020:

Well it’s the end of September and the sun is still shining bright
And there’s no whisky in the freezer, so I guess I’ll punch another bowl again
I’m smoking dirty cigarettes cause I can’t afford the ones I like
It keeps my attention now I can’t remember what I was just thinking

Written by Wolf

18. September 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Weisheit & Sophisterei

Wuchtig, in gedrängter Vierzeil‘ singe ich vom Cinnamone

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Update zu Hastig die ärmlichen Verse
und Nach einer guten Mahlzeit:

Wir erleben einen ganz ungewohnt aufgeräumten Arno Schmidt in Kalauerlaune. Aus der Reihe: So sinnenfroh konnte der alte missmutige Zausel, nein: Dichterfürst also auch.

Laut den Anmerkungen der Bargfelder Ausgabe konnte bis zur Auflage von 1992 „über Anlaß und Entstehung des von den Herausgebern so genannten ‹Zimtfragments› […] nichts in Erfahrung gebracht werden.“ Als Textgrundlage konnte nur das Manuskript dienen, das vermutlich mit Schmidts restlichem Nachlass im Stiftungsarchiv zu Bargfeld aufbewahrt wird.

Die Niederschrift „um“ 1949 erklärt sich aus der 29. Strophe mit der Jahresangabe, allerdings ist die Strophenreihung auf keine stringente Abfolge angelegt, sondern als Sammlung von Ideen ohne zwingende Reihenfolge. Niederschrift innerhalb ein und desselben Jahres liegt nahe, weil man solche Bierideen erfahrungsgemäß durchziehen muss, solange sie frisch sind.

Zur biographischen Einordnung war Schmidt 1949 mit seiner Frau Alice wohnhaft im Mühlenhof der Cordinger Mühle in der Lüneburger Heide, wo er seinen Erstling Leviathan armutsbedingt auf Formularpapier für Telegramme kritzeln musste. Im Falle des 35-Jährigen zählt das Gedicht also noch unter apokryphe Juvenilia. Viel mehr wird sich darüber nicht mehr herausfinden lassen, aber der Übermut dieses Nebenwerks ist ein gutes Zeichen für Schmidts Schaffenskraft. Es war weder 1989 in Arno Schmidts Wundertüte, der posthumen Sammlung fiktiver Briefe aus den Jahren 1948/49 bei Haffmans, weil es kein fiktiver Brief ist, noch 2013 in Arno Schmidt zum Vergnügen bei Reclam, weil es zu lang ist, und musste deshalb zur Rarität verwittern.

Das Zimtfragment erscheint unten als Internetpremiere nach der Bargfelder Ausgabe korrigiert, wobei selbst im kostbaren „elektronischen Findmittel“ kleinere Unterschiede zur gedruckten Studienausgabe, vor allem in der Zeichensetzung, aufgefallen sind. Schmidts typische französische Anführungszeichen habe ich belassen, diesmal in einer Schweizer, nicht französischen Anwendung. Die Schreibweise „Cinnamon“ verrutscht nur einmal in die Unregelmäßigkeit „Zinnamon“. Nur was ein geschlagene dreimal vorkommender „tin“ sein soll, ist wohl Gegenstand künftiger Forschung.

Meine Lieblingsstrophe ist die 14., die englische, die hat so schön was von Irish Folk, jedenfalls höre ich da die Pogues raus.

——— Arno Schmidt:

Das ‹Zimtfragment›

Manuskript um 1949, cit. nach Bargfelder Ausgabe, Werkgruppe I, Band 4, Seite 155 bis 159:

1.)     Bötet ihr im Pantheone
        einen Platz bei Göttern mir,
        und ich sollt vom Cinnamone
        scheiden – lieber bleib ich hier.

2.)     Fürsten, Grafen und Barone,
        Allen sei ihr Gold geschenkt –
        sitz ich nur beim Cinnamone
        leicht mit Zucker untermengt

Nicolas Fourny photographie, Cathel, 12. Februar 20163.)     Elbe, Weser, Maas und Rhone
        rollen stolz zum Meere hin :
        laß mich nur beim Cinnamone,
        nicht hinaus steht dann mein Sinn

4.)     Daß er schnödem Goldstaub frohne
        müht sich Arm und Reich gebückt. –
        Gönnt mir Staub vom Cinnamone
        und ich preise ihn entzückt.

5.)     Bot dem Sänger man zum Lohne
        einst im flutenden Pokal
        roten Wein – vom Cinnamone
        heisch ich einzig mir ein Mahl.

6.)     Mohren, singt im vollen Tone –
        und ihr, Sphären, fallt mit ein –
        mir das Lob vom Cinnamone :
        mög‘ er ewig bei uns sein !

7.)     Hurtig keimt im Beet die Bohne,
        grüne Lauben wölbt der Mai;
        und ich träum‘ vom Cinnamone –
        waldher lockt ein Kuckucksschrei

8.)     Laßt Euch nur der Schöpfung Krone,
        weitgemäulte Toren, schelten;
        nur der Duft vom Cinnamone
        kann mir als vollkommen gelten.

9.)     Formt Euch Götzen nur aus Tone,
        Marmor, Silber, Erz, Platin –
        Vor dem einz’gen Cinnamone
        sollte meine Andacht knien.

10.)    Fragt ihr, was denn würdig wäre
        einer höhren Dimension,
        werd‘ ich stumm zur tin Euch weisen :
        Ruch und Schmack vom Cinnamon !

11.)    Mögen Plinien und Strabone
        melden uns von Fabelküsten –
        ich werd‘ – froh beim Cinnamone –
        nicht zum Periplus mich rüsten

12.)    Bötet ihr mir Reiche, Throne
        unter der Bedingung an,
        daß ich ließ vom Cinnamone –
        sucht Euch einen Dümmren dann.

13.)    Steuerte zur duft’gen Zone
        Weihrauchflotten der Lateiner;
        im Besitz vom Cinnamone
        bringt vom Mühlenhof mich keiner

14.)    Years have passed and kingdoms gone
        Greece and Rome declined and fell –
        give me only cinnamon
        and the globe may go to hell.

15.)    Opfert, tanzet, räuchert, fleht zu
        Fufluns, Zeus, Merkurium –
        wir, in frommem Mohrensinne
        baun ein Cin-Ammonium

16.)    Was dem Landmann Karst und Spaten,
        dem Soldaten die Patron‘,
        was dem Wechsler der Dukaten
        ist dem Mohr der Cinnamon

17.)    Frag des nahen Haines Echo
        ich, geruht am Silberbronn,
        nach dem König der Gewürze
        säuselt’s englisch : Cinnamon

18.)    Frag ich das geschlossne Weltall
        die Myriaden Mond und Sonn‘
        nach dem König der Gewürze
        dröhnt’s betäubend : Cinnamon

19.)    Auf der Kugel der Kanone
        ritt Münchhausen tollkühn weg
        auf der tin vom Cinnamone
        reit‘ ich, trotz‘ ich Allem keck.

20.)    Daß er Punien unerbittlich
        haßte rühmt man an Catonen;
        gleich beharrlich soll mein Lied stets
        preisend schall’n von Cinnamonen.

21.)    August, bester der Cäsaren :
        legtest eine Garnison
        zum Hydreuma des Apollon –
        nur zum Schutz des Cinnamon.

22.)    Rühmt nur Götter, Fraun und Helden,
        schnörkelt Epen und Kanzone;
        wuchtig, in gedrängter Vierzeil‘
        singe ich vom Cinnamone

23.)    Fortunat‘ aus Famagusta,
        glücklich bald, bald Glückes Hohn –
        hättst du weise dich beschieden
        doch wie wir beim Cinnamon

24.)    Länder teilt man in Provinzen
        (nur die Schweiz hat den Kanton)
        Also teil‘ ich die Arom‘ in
        andres Zeug – und : Cinnamon !

Nicolas Fourny photographie, Cathel, 12. Februar 201625.)    Was der Phyllis ist ihr Damis
        was dem Bjerknes die Zyklon‘,
        Eratosthenes die Chlamys,
        ist dem Mohr der Cinnamon

26.)    Shakespeare hat Mac-Beth verherrlicht,
        Hamlet, Cäsar und Sir John
        Falstaff – – wußt er nichts Erhabners ?
        Kannt‘ er nicht den Cinnamon ? !

27.)    Letzthin kam vom Wunderlande
        ein Paket voll von Bacon –
        dennoch forschten meine Augen
        drin bestürzt nach Cinnamon

28.)    Vielfach schätzt man Mus und Printen
        estimiert auch den Bonbon –
        ich hingegen weiß nichts Höhres
        mir als Zuck‘ und Cinnamon

29.)    1796
        stand Fouqué am Ems=Kordon –
        1949
        stehe ich vorm Cinnamon

30.)    Hüte sieht man voll Agraffen,
        rot vom Schuh wippt der Pompon;
        Mohren sieht man rastlos schaffen
        fern – beim Reis – beim Cinnamon

31.)    »Pi-Pi-Pö« ertönt’s aus Linden,
        dort bei Vehlows düngt man schon,
        und auch mich faßt mailich Sehnen –
        träum’risch flüst’r ich : Cinnamon

32.)    Dieser prunkt mit leeren Titeln,
        Jener nennt sich »Graf« und »von« –
        ruft mich »Er« – gebt mir [unleserlich: ’ne Nummer?] :
        aber laßt mir Zinnamon

33.)    Was den Christen ihre Götzen :
        Vater, heilger Geist und Sohn –
        soll uns Mohren voll ersetzen
        diese tin mit Cinnamon

34.)    Ein gewisses Volk im Süden
        schätzt sich, sagt man, Makkaron‘
        und Musik vor allen Dingen
        just wie wir – den Cinnamon.

35.)

        [Fragment]

Nicolas Fourny photographie, Cathel, 3. März 2017

Cinnamon Girl: weder das Lied von Neil Young 1970 noch von Prince 2004
noch von Dunkelbunt 2014 noch von Lana Del Rey 2019 — sondern:
Nicolas Fourny photographie featuring die zimmetrothaarige Cathel:

  1. February 12th, 2016;
  2. noch eins vom February 12th, 2016;
  3. March 3rd, 2017.

It’s so beautiful, but it’s not real: Katzenjammer: Tea With Cinnamon, aus: Le Pop, 2008:

Written by Wolf

11. September 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Nahrung & Völlerei, Novecento

Unvernünftige Rede übers unwiederbringlich Verlorene

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Update zu Dieses treffliche Märchen vom Schmidt
und Адвент 1: Über Nacht bin ich tot:

Unter den rhetorischen Strategemen, um eine Diskussion zu gewinnen, ist die Zustimmung, die sogleich den gegenteiligen Schluss aus dem Argument des Diskussionsgegners zieht, das vornehmste. Im Märchen beherrschen sogar Tiere diesen Salto — mit der Extradrehung, dem gegnerischen Argument zuvorzukommen. Jedenfalls im ukrainischen Märchen (empfohlene Quelle: Ukrajinska Prawda). Und wer mir glaubwürdig sagen kann, wie dieser spezielle argumentative Kunstgriff beim Fachausdruck heißt, gewinnt ein Buch von mir. Ein schönes.

Irmhild und Hilmar Proft, Die Nachtigall, Mimi Barillot, Hrsg., Die Sonnenrose. Ukrainische Märchen, 1966Mir fällt immer schwer, Märchen aus eigenem fachlichen Ermessen nach dem Aarne-Thompson-Uther-Index einzuteilen, vor allem wenn Tiere (ATU 1–299), übernatürliches Können oder Wissen (650–699), schwankhafte Geschehnisse (ATU 1200–1963), ein überraschender Zugewinn an Weisheit, der auch ein Übertölpeln des vermeintlich Stärkeren sein könnte, und bestimmt noch einiges, das sich allzu leicht übersieht, auf so engem Raum zusammenkommen. Die Nachtigall aus dem gleichnamigen Märchen kann jedenfalls alles davon.

Gegen die dahingegangene DDR ist mancherlei vorzubringen, aber die Märchenbücher dieses Landes, denen gleich mehrere volkseigene Betriebe des Buchgewerbes und nicht wenige international wirksame Erzähler, Übersetzer und Illustratoren oblagen, sind bis heute unübertroffen schön. Soviel weiß man.

Die Sonnenrose mit den ukrainischen Märchen, aus der ich unten zitiere, war nie in meinem Besitz. Im Gegenteil musste ich letzthin einen ganzen Stoß solcher großformatigen Märchenziegel aus meiner Kindheit, die mir meine Verwandtschaft „von drüben“ einstmals im Austausch gegen Bohnenkaffee, Bananen und Strumpfhosen geschenkt hat, in gute Hände weiterreichen, solange die Leute noch ein Regalmeterchen für dergleichen übrig haben. Die russischen hab ich behalten. Die Sonnenrose, lauten meine Einkaufspläne, darf ich erst anschaffen, wenn noch ein Buch nicht unter DIN A4 aussortiert ist. Es eilt also mit dem Fachausdruck für den argumentativen Kunstgriff.

——— Mimi Barillot, Hrsg.:

Die Nachtigall

aus: Die Sonnenrose. Ukrainische Märchen. Mit Illustrationen von Irmhild und Hilmar Proft,
Verlag Kultur und Fortschritt Berlin, 1966 u. ö.,
aus dem Ukrainischen von Lieselotte Remané, Seite 108:

Irmhild und Hilmar Proft, Die Nachtigall, Mimi Barillot, Hrsg., Die Sonnenrose. Ukrainische Märchen, 1966

Ein Pan fing eine Nachtigall, die wollte er in einen Käfig sperren.

„Wenn du mich freiläßt“, sagte da die Nachtigall, „will ich dir zwei gute Ratschläge geben, vielleicht können sie dir nützen.<"

Der Pan versprach, sie freizulassen.

Ihr erster Rat lautete: Trauere niemals dem unwiederbringlich Verlorenen nach!

Und der zweite war: Glaube keiner unvernünftigen Rede!

Als der Pan diese Ratschläge vernommen hatte, ließ er die Nachtigall frei. Sie flog auf und sagte: „Schlecht hast du daran getan, mich freizulassen. Wenn du wüßtest, welch einen Schatz ich besitze! Eine herrliche riesengroße Perle trage ich in mir. Hättest du die erworben, so wärst du noch reicher geworden.“

Das hörte der Pan und trauerte dem unwiederbringlich Verlorenen nach. Er hüpfte in die Höhe, um die Nachtigall zu fangen.

Da sprach sie: „Jetzt weiß ich, Pan, du bist ebenso habgierig wie dumm: Dem unwiederbringlich Verlorenen trauerst du nach und glaubtest meiner unvernünftigen Rede! Sieh doch, wie klein ich bin. Wie sollte denn eine riesengroße Perle in mir Platz finden!“

Sprach’s und flog davon.

Irmhild und Hilmar Proft, Die Nachtigall, Mimi Barillot, Hrsg., Die Sonnenrose. Ukrainische Märchen, 1966

Bilder: Irmhild und Hilmar Proft, aus: Mimi Barillot, Hrsg.: Die Sonnenrose. Ukrainische Märchen,
Verlag Kultur und Fortschritt, Ost-Berlin 1966 u. ö.; verwendete antiquarische Angebote:

  1. liberantiquus, 25. März 2020;
  2. kulpet, 15. November 2019;
  3. piemonteser, 1. Januar 2020.

Soundtrack: Тік: Люби ти Україну!, 2013:

Written by Wolf

4. September 2020 at 00:01

Veröffentlicht in Das Tier & wir, Romantik