Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for April 2021

Das glänzende Gold und der weibliche Schoos

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Update zu Frames in Zitaten (in Frames),
Bocksgestöhn und freche Lieder,
Wenn er vom Blocksberg kehrt und
Werkstattbericht: Da kann jeder gedenken, in was Schrecken und Forcht ich gesteckt:

WEnn aber des menschen son komen wird / in seiner Herrligkeit / vnd alle heilige Engel mit jm / Denn wird er sitzen auff dem stuel seiner Herrligkeit / vnd werden fur jm alle Völcker versamlet werden / Vnd er wird sie von einander scheiden / gleich als ein Hirte die Schafe von den Böcken scheidet / vnd wird die Schafe zu seiner Rechten stellen / vnd die Böcke zur Lincken.

Matthäus 25, 31 bis 33.

Goethe, Walpurgisnacht, Bleistiftzeichnung 1787

Keine populäre Anthologie über den vom Olymp herabgestiegenen, einst unter den Menschen wandelnden Goethe kommt ohne „Seid reinlich bei Tage und säuisch bei Nacht, so habt ihr’s auf Erden am weitsten gebracht“ am Lektorat vorbei. Weisen wir die Stelle doch mal nach.

Sie ist aus dem Faust und doch wieder nicht: Goethe hat sie nach fröhlichem Reimen und Dichten und Denken wieder aussortiert. Nicht anders denn fröhlich kann man sich Goethes immer wieder aufgenommene und liegengelassene Arbeit am Komplex über die Walpurgisnacht im Faust vorstellen; die „säuische“ Stelle stammt aus dem bedeutendsten Outtake, nein: Paralipomenon H P50, gesichert durch Albrecht Schöne in der Faust-Edition online und gut erreichbar gedruckt in seiner Faust-Ausgabe für die Bibliothek Deutscher Klassiker. Im Zusammenhang stehen da noch viel anzüglichere Sachen drin, übrigens nicht ohne Brillanz.

Allein die posthume Begründung, Goethes „Nuditäten und Cuditäten“ — so Riemer brieflich an von Müller erst 1836, bei Schöne im Kommentarband Seite 123 — in der Satansmesse auf dem Blocksberg für die Bühne auszuschließen, wohl aber für Gesamtausgaben zugänglich zu machen, liest sich nicht erst literaturwissenschaftlich recht süffig:

Johannes Praetorius, Blockes-Berges Verrichtung, 1668Unser Publicum, das zum größern Theil aus Frauen und Mädchen, Jünglingen und Knaben besteht, und unsre Zeit die den Heiligen die Zehen abfrißt, kann freylich durch solche Aristophanismen, ie sie die Blocksbergsscene darbietet, nicht erbaut sondern nur geärgert werden. Ich bin daher ursrprünglich und sponte nicht für die Veröffentlichung diese Scene gewesen.

Aber — ebenda Seite 122 f.:

Ein so bedeutendes, von de Volksmährchen selbst aufgenommenes und noch weiter ausgesponnenes Motiv, wie die Erscheinung des Satans auf dem Blocksberg, samt dem Hexenunfug — den sogar unsere keuschesten Künstler mit unaussprechlichen (inexpressibles!) Nuditäten ausschmückten — darf schon Künslerischer Hinsicht — gleichsam als Contrapunct und Gegenstück zu der Erscheinung [des HErrn] im [Prolog im] Himmel, nicht unbenutzt bleiben und muß wenigstens angedeutet werden; freylich, da das Ohr keuscher ist als das Auge, nicht mit den Nuditäten und Cuditäten, die sich vom bildenden Künstler eher verstecken und in den Hintergrund bringen lassen; aber das Scenario, die Angabe der Personen oder Figuren, mit abgerissenen Worten müßte allerdings beybehalten werden, damit ein Kunstverständiger, Dichter oder Bildner, sehe der Poet habe ein Wesentliches seiner Fabel nicht übersehen, sondern diese Partieen nur angedeutet und nichr detaillirt.

Vermutlich daher die ganzen zartfühlend zensierten Goethe-Ausgaben. Albrecht Schöne ist mit seiner historisch-kritischen Herangehensweise frühestens auf dem Stand von 2017 und schont uns nicht. Für uns ist das etwas zum Auswendiglernen und Angeben:

——— Johann Wolfgang Goethe:

Walpurgisnacht

Paralipomenon H P50, Arbeitsmedium eigenhändig, bis auf die Paginierung unbeschriebenes Blatt, mutmaßlich 1797,
cit. nach Albrecht Schöne, Hrsg.: Frankfurter Ausgabe, abschließender Stand 2017:

Gipfel Nacht
Feuer Koloss. nächste Umgebung
Massen, Gruppen. Rede.

Albrecht Dürer, Blocksberg, 1500, 1501       Satan.
Die Böcke zur rechten,
Die Ziegen zur lincken
Die Ziegen sie riechen
Die Bocke sie stincken
Und wenn auch die Böcke
Noch stinckiger wären
So kann doch die Ziege
Des Bocks nicht entbehren.

       Chor.
Aufs Angesicht nieder
Verehret den Herrn
Er lehret die Völcker
Und lehret sie gern
Vernehmet die Worte
Er zeigt euch die Spur
Des ewigen Lebens
Der tiefsten Natur.

       Satan rechts gewendet.
Euch giebt es zwey Dinge
So herrlich und groß
Das glänzende Gold
Und der weibliche Schoos.
Das eine verschaffet
Das andre verschlingt
Drum glücklich wer beyde
Zusammen erringt.

       Eine Stimme.
Was sagte der Herr denn? –
Entfernt von dem Orte
Vernahm ich nicht deutlich
Die köstlichen Worte
Mir bleibet noch dunckel
Die herrliche Spur
Nicht seh ich das Leben
Der tiefen Natur.

Hans Baldung Grien, Gruppe dreier wildbewegter Hexen, 1514       Satan lincks gewendet.
Für euch sind zwey Dinge
Von köstlichem Glanz
Das leuchtende Gold
Und ein glänzender Schwanz
Drum wißt euch ihr Weiber
Am Gold zu ergötzen
Und mehr als das Gold
Noch die Schwänze zu schätzen.

       Chor
Aufs Angesicht nieder
Am heiligen Ort.
O glücklich wer nah steht
Und höret das Wort.

       Eine Stimme
Ich stehe von ferne
Und stutze die Ohren
Doch hab ich schon manches
Der Worte verlohren
Wer sagt mir es deutlich
Wer zeigt mir die Spur
Des ewigen Lebens
Der tiefsten Natur.

       Meph zu einem jungen Mädchen.
Was weinst du? artger kleiner Schatz
Die Thränen sind hier nicht am Plaz
Du wirst in dem Gedräng wohl gar zu arg gestoßen?

       Mädchen.
Ach nein! der Herr dort spricht so gar kurios,
Von Gold u Schwanz von Gold u Schoos,
Und alles freut sich wie es scheint!
Doch das verstehn wohl nur die Großen?

       Meph.
Nein liebes Kind nur nicht geweint.
Denn willst du wissen was der Teufel meynt,
So greife nur dem Nachbar in die Hosen.

       Satan grad aus.
Ihr Mägdlein ihr stehet
Hier grad in der Mitten
Ich seh ihr kommt alle
auf Besmen geritten
Seyd reinlich bey Tage
Und säuisch bey Nacht
So habt ihrs auf Erden
Am weitsten gebracht.

Einzelne Audienzen.
Ceremonien Meister.

Matthäus Merian der Jüngere, Eigentlicher Entwurf und Abbildung deß gottlosen und verfluchten Zauber Festes, 1626, Nürnberger Flugblatt

Bilder: Goethe: Walpurgisnacht, Bleistiftzeichnung 1797;
Johannes Praetorius: Blockes-Berges Verrichtung, Holzschnitt, Leipzig u. a. 1668,
Abb. in Bandini: Kleines Lexikon des Aberglaubens, München 1998;
Albrecht Dürer: Rückwärts reitende Hexe auf einem Ziegenbock. Kupferstich, um 1500,
Wiedergabe in Wikimedia Commons nach der Signatur in Photoshop gespiegelt;
Hans Baldung Grien: Gruppe dreier wildbewegter Hexen, Federzeichnung, 1514:
via Thomas Arnt: Goethes Faust I und die Magie, Hexen und Teufel in der Kunst, 1996/2014;
in der Frankfurter Goethe-Ausgabe von Albrecht Schöne angeführt: Matthäus Merian der Jüngere: Eigentlicher Entwurf und Abbildung deß gottlosen und verfluchten Zauber Festes, 1626, Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz, als Flugblatt Zaubereÿ, Nürnberg 1626, Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg, Einblattdruck mit der Signatur A II 10.

Soundtrack: Tautumeitas: Raganu Nakts (Hexennacht), aus: Tautumeitas, 2018:

Written by Wolf

30. April 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Klassik

Wo mit Mais die Felder prangen

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Update zu Der Dr.-Faustus-Weg: Polling–Pfeiffering und wieder weg,
Alle wurden bei diesem Anblicke still und atmeten tief über dem Wellenrauschen: Regensburg bis Grein,
Dunkeldeutschland,
Moritz Under Ground,
Gräflein Du bist verrathen und
Zwei Klavier-Trios und zwei Violoncello-Sonaten:

Man soll nicht immerzu fragen, warum. Man verpasst genug im Leben über der Frage, warum nicht.

Zum Beispiel unterhält die Stadt Sulzbach an der Saar einen touristischen Karl-May-Weg mit sechs möglichen Eingängen und immerhin 40 Stationen auf 11,3 Kilometer Länge verteilt, ein Projekt der Zweckverbände Ruhbachtal und Brennender Berg, mit der Begründung laut Eurodistrict SaarMoselle:

Der Karl-May-Weg zeigt die schönsten Seiten der Wandergebiete Ruhbachtal und Brennender Berg und verbindet diese miteinander. Es erwartet Sie eine abwechslungsreiche Waldlandschaft, die sogar Karl May als Grundlage für seine abenteuerlichen „Weltreisen“ hätte dienen können.

Karl May war nie hier. Trotzdem ist ihm dieser Wanderweg gewidmet. Denn ihm war es wie keinem sonst gelungen, die Landschaft vor seiner Haustür so in die Fremde zu übertragen, dass sie als Grundlage für unglaubliche, angeblich selbst erlebte Abenteuer benutzt werden konnte.

Karl-May-Weg Eingang

Die Widmung muss im Konjunktiv stehen, weil ihr Gegenstand nie anwesend war, aber sie stehen dazu. Für ein Projekt aus der berüchtigten Disziplin des Stadt- und Regionalmarketings — Paradebeispiel sei die anliegende Stadt Sulzbach/Saar selbst, die seit 2017 den Claim „Wir sind das Salz“ zu benötigen glaubt — für ein Projekt der regionalen Imagewerbung, sagte ich, überrascht die Darstellung überaus angenehm: Der Geist von Auswahl und Präsentation entspricht sehr viel eher der eigenwilligen Besonnenheit von Arno Schmidt als einer Rabaukenparty auf den Bad Segeberger „Karl-May-Spielen“. Im Juli 1770 war vielmehr Goethe hier, wofür das Regionalmarketing eine angemessen sachliche Gedenktafel übrig hat.

Karl May, Auf fremden Pfaden, Buchcover vintageDie mit aller wünschbaren Belehrtheit recherchierten Stationsbeschreibungen für den Wanderweg stellen unter anderem eine Verbindung zwischen Karl May und Goethe her, noch interessanter und tiefgehender erscheint die Verbindung zwischen Karl May und Schiller an Station 38.

Das Sulzbacher Tourismarketing bezieht sich für seine durchaus luzid aufgefundenen Gemeinsamkeiten zwischen den Herren Carl Friedrich May und Johann Christoph Friedrich Schiller (vollständige Geburtsnamen) auf:

Während seiner Haft auf Schloss Osterstein (1865 – 1868) wird Karl May Betreuer der Anstaltsbibliothek; damit hat er Zugang zu über 4000 Büchern: „Zu den Herz- und Schmerzgeschichten, Ritterromanen und wüsten Räuberpistolen seiner frühen Lektüre in der Wirtshausleihbibliothek gesellt sich nun die Lektüre der deutschen Klassik – Schiller wird ihn lebenslang nicht mehr loslassen, …“

„Schiller war der von May am meisten bewunderte Dramatiker. Das ging so weit, dass er in einem Brief an Emma [Mays erste Ehefrau] ernsthaft behauptete, mit dessen Geist, der ihm gelegentlich auch die Feder führe, in spiritueller Verbindung zu stehen. Lesebiographisch ist interessant, dass bei vielen Karl-May-Begeisterten des zwanzigsten Jahrhunderts, z.B. bei Reich-Ranicki, auf die Winnetou-Euphorie eine nicht minder intensive Schiller-Phase folgte.“

Parallelen zwischen Schiller und Karl May:

  • „Um sich beim Produzieren wach zu halten, sind Schiller wie May maßlose Kaffee-Trinker und Tabak-Freunde. Damit geraten sie in zeitweiliges Trance-Schreiben, und so verwundert es nicht, dass beide manchmal ganz in die Welt ihrer Schöpfungen versanken.“
  • „Er [Schiller] stützte sich übrigens beim Schreiben, genau wie Karl May, fast ausschließlich auf seine Phantasie und Bücher. Schiller war nie in der Schweiz, in Spanien, Russland, Italien, England, Frankreich, obwohl seine Dramen dort spielen.
  • Und auch May reiste bis 1899 nur mit dem Finger auf der Landkarte durchs wilde Kurdistan, die Kordilleren oder den Llano Estacado.“
  • „Schiller und May mischten außerdem genial bereits vorhandene Motive, Gestalten und Themen neu, zitierten hemmungslos und schöpften ohne Bedenken aus zahlreichen Quellen.“
  • “ … an der Wirkung ihrer Werke [war ihnen] alles gelegen []. Also griffen sie tief hinein in die Trickkiste, um die Zuschauer und Leserherzen im Sturm zu nehmen. …“
  • Beide waren Ex-Verbrecher – „Schiller als Deserteur, May als Kleindieb und Trickbetrüger.“

Karl May, Auf fremden Pfaden, Buchcover PostmoderneSoweit das erste Beispiel des Karl May gewidmeten Wanderwegs, der bio-geographisch Schiller näher gelegen hätte. Zum zweiten Beispiel schrieb Schiller seine Nadowessische Totenklage am 3. Juli, obwohl sie keine Ballade ist, im „Balladenjahr“ 1797, folgerichtig für den „Balladenalmanach“ 1798. Abermals dankenswert wird sie vom Sulzbacher Tourismarketing angeführt, ich zitiere die Urfassung nach Wikisource.

Der von Schiller übernommene Stammesname der Nadowessier leitet sich ab vom französischen nadouessioux, einem alten Namen für die Dakota-Sioux. Für unser Bildmaterial ist sein Gedichtanfang „Seht! da sitzt er auf der Matte, aufrecht sitzt er da“ mit dem historischen Auftreten des Inbegrifffs der amerikanischen Ureinwohner in der Person von Sitting Bull zur Steilvorlage geworden. Der Mann mit dem sitzenden — oder, je nach Übersetzung, sich niedersetzenden — Namen war nämlich Stammeshäuptling und Medizinmann bei ebenjenen Hunkpapa-Lakota-Sioux in South Dakota. Eine Steilvorlage, die wir dankbar annehmen. Die restlichen Bilder dienen der Dokumentation der Buchcover-Motive, die seitens des Bamberger Karl-May-Verlags unverständlicher Weise bis heute in Gebrauch gehalten werden, und des Saarländischen Karl-May-Wanderwegs.

——— Friedrich von Schiller:

Nadoweßische Todtenklage 1.

3. Juli 1797, in: Musenalmanach für das Jahr 1798,
Tübingen, in der J. G. Cottaischen Buchhandlung, Seite 237 bis 239:

Orlando Scott Goff, Sitting Bull, 1881Seht! da sitzt er auf der Matte
     Aufrecht sitzt er da,
Mit dem Anstand den er hatte,
     Als er’s Licht noch sah.

Doch wo ist die Kraft der Fäuste,
     Wo des Athems Hauch,
Der noch jüngst zum großen Geiste
     Blies der Pfeife Rauch?

Wo die Augen, Falkenhelle,
     Die des Rennthiers Spur
Zählten auf des Grases Welle,
     Auf dem Thau der Flur.

Diese Schenkel, die behender
     Flohen durch den Schnee,
Als der Hirsch, der Zwanzigender
     Als des Berges Reh.

Diese Arme, die den Bogen
     Spannten streng und straff!
Seht, das Leben ist entflogen,
     Seht, sie hängen schlaff!

Wohl ihm! Er ist hingegangen,
     Wo kein Schnee mehr ist,
Wo mit Mays die Felder prangen
     Der von selber sprießt.

Wo mit Vögeln alle Sträuche,
     Wo der Wald mit Wild,
Wo mit Fischen alle Teiche
     Lustig sind gefüllt.

Mit den Geistern speißt er droben,
     Ließ uns hier allein,
Daß wir seine Thaten loben,
     Und ihn scharren ein.

Bringet her die letzten Gaben,
     Stimmt die Todtenklag‘!
Alles sey mit ihm begraben,
     Was ihn freuen mag.

Legt ihm unters Haupt die Beile
     Die er tapfer schwang,
Auch des Bären fette Keule,
     Denn der Weg ist lang.

Auch das Messer scharf geschliffen,
     Das vom Feindeskopf
Rasch mit drey geschickten Griffen
     Schälte Haut und Schopf.

Farben auch, den Leib zu mahlen
     Steckt ihm in die Hand,
Daß er röthlich möge strahlen
     In der Seelen Land.

SCHILLER

1. Nadoweßsier, ein Völkerstamm in Nordamerika.

Karl-May-Wg mit Sulzbach an der Saar von oben, Google Earth

Bilder: Durch das Leben von Karl May, Forum — Das Wochenmagazin, 23. November 2018;
Auf fremden Pfaden, ab 1913: Tom: Karl-May-Weg (Saarland), GPS Wanderatlas 2009–2021,
„Das aktuelle Titelbild“ Karl-May-Verlag Bamberg, via Karl-May-Wiki;
Seht! da sitzt er auf der Matte, aufrecht sitzt er da: Orlando Scott Goff: Sitting Bull, 1881;
Google Earth via Frank Polotzek: Auf fremden Pfaden/Karl-May-Wanderweg-Sulzbacher Schleife,
15. Juli 2020.

Soundtrack: Son of the Velvet Rat featuring Lucinda Williams: White Patch of Canvas,
aus: Red Chamber Music, 2011:

Written by Wolf

23. April 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Land & See

Hesses alter Novalis

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Update zu Des Wallens willen wallen:

Einzelausgabe Hermann Hesse, Der Novalis, 1940Sagen wir’s mal so: Hermann Hesse war ein sehr ordentlicher, dem Expressionismus nahestehender Maler. Leider hat er alle schriftstellerische Schaffenskraft daran verschwendet, Thomas Mann sein zu wollen, der seinerseits alle Schaffens- und Lebenskraft daran verschwendet hat, Goethe sein zu wollen. 17 Jahre nach Thomas Mann hat Hesse dann doch noch seinen Literatur-Nobelpreis eingefahren, und wir wissen, was von Literatur-Nobelpreisträgern zu halten ist.

Nun mag an dieser Stelle schon öfter die eine oder andere Missbilligung an Inhalt und Form bei Hesse und Weltanschauung bei Novalis oder umgekehrt durchgeschimmert sein. Solche Kleinlichkeiten schimmern mit Recht sehr gedeckt, in Wirklichkeit sind ja beide Herren literaturhistorisch recht schätzbar, und besser hab ich’s selber nie geschafft. Ausnahmsweise werden wir also mit gut überwindlichen Schmerzen von einer Wiedergabe des primärliterarischen Volltextes absehen; er ist leicht in dem Band Hermann Hesse: Sämtliche Werke in 20 Bänden und einem Registerband: Band 6: Die Erzählungen 1. 1900–1906 im Suhrkamp-Verlag einsehbar. In dem Link steht er auf Seite 18 bis 36; einfach downloaden und hinscrollen oder noch einfacher: mit Strg+F nach „Bücherliebhabers“ suchen.

In meiner eigenen Ausgabe, dem erst 2009 in dieser Backsteinform gesammelten Suhrkamp Quarto mit den Erzählungen und Märchen, nimmt Der Novalis 20 von den 1840 Druckseiten ein. Und man muss zugeben, dass es eine der Geschichten von Hesse ist, die ungefiltert Spaß machen: kein Populärbuddhismus, kein esoterisches Geraune, keine uneingelösten Vorausweisungen, sondern eben: eine Geschichte im Sinne von Handlung mit Geschichte im Sinne von Historie, und dann über unser aller Lieblingsnischenthema: ein altes Buch. Unsere Hauptaussage ist: Das beschriebene Buch hat es wirklich gegeben:

——— Hermann Hesse:

Der Novalis. Aus den Papieren eines Bücherliebhabers

um 1900, in: März – Halbmonatsschrift für deutsche Kultur, München, März 1907.
Buchform: Ein altes Buch. Aus den Papieren eines Altmodischen, in: Sieben Schwaben. Ein neues Dichterbuch. Eingeleitet von Theodor Heuss.
Separatausgabe: als 6. Veröffentlichung der Oltener Bücherfreunde in 1221 numerierten Exemplaren, 1940:

Unter den verschiedenen Ausgaben des Novalis, die ich allmählich zusammengebracht habe, ist auch eine „vierte, vermehrte“ vom Jahre 1837, ein Stuttgarter Nachdruck auf Löschpapier in zwei Bänden.

Novalis, Werke, 1837, Antiquariat Ehbrecht

Unaufgelöst lässt Hesse, wonach die Ausgabe im — soviel ist herauszufinden — Stuttgarter Hausmann Verlag nachgedruckt sein soll. Laut einem Angebot des Antiquariats Ehbrecht umfassen die zwei betitelten Original-Halbledereinbände 339 und 315 Seiten mit Goldprägung. Es deutet also alles auf einen Nachdruck der ersten umfassenden Werkausgabe durch Novalis‘ persönliche Freunde Ludwig Tieck und Friedrich Schlegel, begonnen 1802 kurz nach Novalis‘ frühem Tod, und fortgeführt eben 1837, was die beschriebene, zweibändig „vermehrte“ Ausgabe ergeben hätte. Ein dritter Band erschien erst 1846 in Berlin durch Tieck und Eduard von Bülow, liegt also nach Hesses handlungsstiftendem „Stuttgarter Nachdruck“. Seine neue Information, die in keiner der üblichen Beschreibungen erwähnt wird, ist das „Löschpapier“, also wahrscheinlich eher minderwertiges, auf den schnellen optischen Eindruck von Fülle im Buchhandel berechnetes Volumenpapier: ein herstellerischer Trick, der mit der marktwirtschaftlichen Orientierung des Buchhandels nie gealtert ist, und auf den 1837 längst verstorbenen Novalis als Erfolgsautor hinweist.

Weil wir damit nicht über Ramschreste des Modernen Antiquariats, sondern bibliophile Wertanlagen reden, lohnt sich das Kennenlernen von Hesses Jugendwerk anhand des Nachworts von Volker Michels im besagten Suhrkamp Quarto. Meinen sehr gelegentlichen Stichproben nach ist nicht einmal in der Gesamtausgabe mehr über den Novalis zu erfahren:

Einzelausgabe Hermann Hesse, Der Novalis, 1983Erzählungen wie Der Novalis und Eine Rarität wenden sich literarischen Themen zu. Der Novalis, die Geschichte eines Büchersammlers, ist wohl um die Jahrhundertwende in Basel entstanden und enthält gleichfalls autobiographische Elemente. Im Nachwort zu einer Einzelausgabe schrieb Hesse im Frühling 1940: „Ich habe mich [im ersten Kapitel] dieser Erzählung als einen Bibliophilen bezeichnet, der ich damals und noch lange nachher wirklich war, und habe mir damals … meine alten Tage als die eines einsamen Hagestolzes vorgestellt, dessen einzige Liebe und einziger Umgang die Bücher sind. Dies nun hat das Leben anders gefügt, und von den seltenen alten Büchern, von denen in der Einleitung meiner Erzählung die Rede ist, etwa von den Italienern der Renaissance in Aldus-Drucken, ist heute nichts mehr in meinem Besitz; ja, ich muß sogar bekennen, daß der zweibändige Novalis, den ich in Tübingen erwarb und von dem meine Erzählung handelt, längst nicht mehr mir gehört … mein Leben sieht nun ziemlich anders aus, als ich mir es damals phantasierend ausmalte. Wenn ich aber auch heute mich nicht mehr als einen eigentlichen Bibliophilen und in seine Bücher verliebten Sammler nennen darf, so kann ich doch meine jugendliche Bücherliebhaberei nicht belächeln, sie gehört unter den Leidenschaften, die ich im Leben kennen lernte, nicht nur zu den harmlosen und hübschen, sondern auch zu den fruchtbaren.“ In sechs Kapiteln wird der Weg, den diese Novalis-Ausgabe von 1837 bis zur Jahrhundertwende genommen hat, anhand der Lebensgeschichte ihrer sechs Besitzer geschildert, wobei jener Käufer der Ausgabe, der sich „seit kurzem teils durch Rezensionen, teils durch kleinere Zeitschriftenartikel am literarischen Leben beteiligt“, an den Verfasser erinnert. Denn zur Zeit der Niederschrift begann mit ersten Buchbesprechungen für die Basler „Allgemeine Zeitung“ Hesses lebenslange Rezensententätigkeit. Seine früheste, einem einzelnen Dichter gewidmete Würdigung vom 21.1.1900 galt tatsächlich Novalis und der ersten Gesamtausgabe dieses Dichters, die 1898 (herausgegeben von Carl Meißner) bei Eugen Diederichs in Leipzig erschienen war. Doch was das Autobiographische in dieser wie in den meisten von Hesses Erzählungen betrifft, ist zu bedenken, was der Dichter im September 1948 an seinen Sohn Heiner schrieb: „Übrigens wäre es natürlich unvorsichtig, das Ich des Erzählers mit meiner Person gleichzusetzen. Auch [Peter] Camenzind erzählt ja seine Geschichte selbst und [Josef] Knecht seine Lebensläufe, und an jedem bin ich beteiligt, aber keiner ist Ich“. Der Novalis ist einer der Texte, die Hesse in keinen seiner Erzählbände aufgenommen hat. Erst 1952 wurde diese Geschichte gemeinsam mit Eine Stunde hinter Mitternacht und Hermann Lauscher von ihm unter der Rubrik „Frühe Prosa“ in die geschlossene Ausgabe seiner Gesammelten Dichtungen und deren erweiterte Nachauflage Gesammelte Schriften (1957) einbezogen.

Nach Hesses zitiertem Nachwort 1940 hat seine Geschichte ein potenzielles siebtes Kapitel erhalten: Theoretisch, nein, viel besser: Praktisch muss es heute möglich sein, Hermann Hesses Exemplar antiquarisch zu erwerben. Die Frage ist, ob es zu erkennen wäre. Das achte Kapitel handelt dann davon, wie lange das siebte schon zurückliegt pp.

Fassen wir zusammen: Nach einer als milde Jugendsünde empfundenen Phase der Bibliophilie und dem feuilletonistischen Debut mit seinem Lieblingsdichter kann man immer noch seiner Bücher — freiwillig oder nicht — verlustig gehen, die eigene literarische Aufarbeitung davon halbherzig verwerfen und den Nobelpreis einfahren. Das muss das zeitlos Moderne an Hermann Hesse sein.

Bilder: Der Novalis. Aus den Papieren eines Altmodischen, Veröffentlichung der Vereinigung Oltner Bücherfreunde, 6., via avelibro Dinkelscherben, 13. Oktober 2019;
Hermann Hesse: Der Novalis, signiert und numeriert, Nr 140 von 250 signiert von Ernst Engel Presse Walter Stähle Handpressendruck, 1983, via Buchparadies Lonsee, 17. Juli 2019;
Antiquariat Ehbrecht, Ilsede.

Das 19. im 20. Jahrhundert: Schroeder spielt Beethoven: Klaviersonate 8 in c-Moll, opus 13,
„Grande Sonate Pathétique“, 2. Satz: Adagio cantabile As-Dur, 1798,
aus: A Boy Named Charlie Brown, 1969:

Written by Wolf

16. April 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Romantik

Die Sonne zeugt das Licht und hat doch selber Flecken (wie viel uns fehlt, wie nichts man weiß!)

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Update zu In einem anderen hochgewölbten, engen gotischen Zimmer:

Das wichtigste Vorbild für Faustens Sinn stiftenden und Handlung setzenden Eingangsmonolog haben wir uns soeben klar gemacht: die Knittelverse in Gottscheds Poetik für Knittelverse — grundlegender könnte Faust sich nicht auf eine Reise „vom Himmel durch die Welt zur Hölle“ (der Direktor im Vorspiel auf dem Theater, Vers 242) begeben; es liegt also nahe, dass durch den Zauberdoktor aus dem kindlich erlebten Puppenspiel der Autor Goethe selbst zu uns spricht — literaturwissenschaftlicher gesagt: die personale Erzählerrolle zu den Lesern.

Das mindestens zweitwichtigste Vorbild — wir sprechen immer noch von diesem speziellen einen Dramenmonolog — stammt von einem Schweizer naturwissenschaftlichen Universalgelehrten: Die Falschheit menschlicher Tugenden von Albrecht von Haller war bis nach der Aufklärung verbreitet genug, dass wir seine Kenntnis bei Goethe vorauszusetzen können — und Goethe damit rechnen durfte oder musste, dass Zitate daraus erkannt wurden.

Textnah bis wörtlich übernimmt der Faust-Monolog das „Er kennet von der Welt / was aussen sich bewegt [/] Und nicht die inn’re Kraft / die heimlich alles regt“ als „was die Welt im Innersten zusammenhält“, und „[s]chwingt ein erhobner Geist sich aus der Menschheit Schranken“, zieht Faust daraus die Selbsterkenntnis: „Zwar bin ich gescheidter als alle die Laffen“ pp.

„Warum die Sternen sich in eignen Gleisen halten ; [/] Wie bunte Farben sich aus lichten Strahlen spalten ; [/] Welch nimmer stiller Trieb der Welten Wirbel dreht ; [/] Welch Druk das grosse Meer zu gleichen Stunden bläht“ verweist schon anhand der Verbindung irdischer Mechanik mit Himmelsmechanik, der Brechung des weißen Lichtstrahls in ein Farbenspektrum und des universalen Gesetzes Gravitation auf Isaac Newton — den von Haller in einer seiner Anmerkungen (siehe unten) namentlich nennt und den Goethe nicht mochte, ja den er spätestens 1810 mit seiner Farbenlehre widerlegt haben wollte. Eigentlich qualifiziert sich der an so prominenter Stelle zitierte von Haller damit als Newtonist und Goethes Gegenspieler. Der Schweizer Berggelehrte mit seinem polyhistorischen Anspruch und einigen diskutierwürdigen Reimen, vor allem in seinem Monumentalwerk Die Alpen, wurde nach der Aufklärung folgerichtig eher zum Gegenstand der Lächerlichkeit. Nicht anders als späterhin Goethes Farbenlehre.

Dennoch erkennt Goethe mit seinen mehr oder weniger direkten Anklängen an Die Falschheit menschlicher Tugenden Newton weit genug an, um die Rolle eines die Neuzeit betretenden Naturwissenschaftlers auf den Doktor Faust zu übertragen: Faust ist damit kein spätmittelalterlicher Taschenspieler mehr, auf gotteslästerliche Weise hybrid bleibt er vorerst schon rein aus handlungsführenden Gründen.

Offensichtlich war einst eine Zeit, in der man auf schweizerdeutschem Gebiet ein ß schrieb. Zitiert wird die stilistisch gänderte und um einige Strophen erweiterte Fassung von 1732 – verlegt in Bern mit zahlreichen ß –, die seltener belegt ist als die Urfassung von 1730, dort noch mit dem Vorspruch in Prosa:

Der Ursprung dieses Gedichtes ist demjenigen gleich / der das fünfte veranlasst hat. Es ist auch eben in einer Krankheit gemacht worden / die mich eine Zeit lang von andern Arbeiten abhielt. Der Grund-Riß ist deutlicher / aber die Verse schwächer.

Vorsicht mit der Zählung: „Das fünfte“ ist in anderen Fassungen erst Nummer VI, Nummer VI ist wiederum auch die unten vollständig zitierte Nummer VII in der großen Ausgabe von 1882. – Für diejenigen unter uns, die wegen der Interpretation für den Deutschunterricht hier sind: Alle Fassungen stehen mitnichten im Knittelvers, sondern durchgehend im Alexandriner:

Tugendbrunnen Nürnberg aha

——— Albrecht von Haller:

VII. Falschheit menschlicher Tugenden.

An den Herrn Prof. Stähelin.

aus: Versuch Schweizerischer Gedichten,
bey Niclaus Emanuel Haller, Bern 1730, Fassung 1732:

Geschminkte Tugenden / ihr täuschet mich nicht mehr;
Scheint nur dem Pöbel schön / und sucht bey Thoren Ehr /
Bedekt schon euer Nichts die Larve der Gebärden /
Ich will ein Menschen-Feind / ein Swift / ein Hobbes werden /
Und biß ins Heiligthum / wo diese Gözen stehn /
Die Wahn und Tand bewacht / mit frechen Schritten gehn.

Ihr füllt / o Sterbliche! den Himmel fast mit Helden /
Doch laßt die Wahrheit nur von ihren Thaten melden /
Vor ihrem reinen Licht erblaßt der falsche Schein /
Und wo ein Held gewest wird izt ein Sclave seyn.

Wann Völker einen Mann sich einst zum Abgott wählen /
Da wird kein Laster sein / und keine Tugend fehlen /
Die Nachwelt bildet ihn der Gottheit Muster nach /
Und gräbet in Porphyr / was er im Scherze sprach.
Umsonst wird wider ihn sein eigen Leben sprechen /
Die Fehler werden schön / und Tugend strahlt aus Schwächen.
Was war ein Socrates? ein weiser Wollüstling;
Sein Sinn war wundergroß / die Tugend sehr gering.
Aus seinem Munde floß die reinste Sitten-Lehre /
Allein sein Herze gab den Lippen kein Gehöre.
Sein lüsternes Gemüht stund aller Wollust bloß /
Er lehnt das weiche Haupt auf schöner Knaben Schooß /
Tanzt wann sein Phädon tanzt / lehrt keusch zu sein und brennet /
Und diesen hat ein Gott den Weisesten genennet.

Zwar viele haben auch den frechen Leib gezähmt /
Und mancher hat sich gar ein Mensch zu seyn geschämt :
Ein frommer Simeon wurd alt auf einer Säulen /1
Sah‘ auf die Welt herab / und that noch mehr als Eulen.
Manch Caloyer verscherzt der Menschheit Eigenthum /2
Verbannt sein klügstes Glied / und wird aus Andacht stumm.
Assisens Engel löscht im Schnee die wilde Hize /3
Sein heisser Eifer tilgt biß in der Geilheit Size /
Des Ubels Werkzeug aus; und was an jedem Blat /
Für Thaten Surius mit roht bezeichnet hat.4

Allein was hilft es doch sich aus der Welt verbannen /
Umsonst o Stähelin wird man sich zum Tyrannen /
Wann Laster / die man haßt / vor grössern Lastern fliehn /
Und wo man Lolch getilgt / izt bittre Ratten blühn /
Wir meinen offt uns frey / wann wir nur Meister ändern /
Wir fluchen auf den Geiz / unn werden zu Verschwendern:
Der Mensch entflieht sich nicht / umsonst erhebt er sich /
Des Körpers schwere Last zieht stäts ihn unter sich.
So wann der rege Trieb in halb-bestrahlten Sternen /
Von ihrem Mittel-Punct sie zwingt sich zu entfernen /
Drükt sie ein innrer Zug vom Borte von dem Kreiß /
Mit ewiger Gewalt in ihr bestimmtes Gleiß.

Geht Menschen / schnizt nur selbst an euren Gözen-Bildern /
Laßt Gunst und Vorurtheil sie nach belieben schildern /
Erzehlt was sie gethan / und was sie nicht gethan /
Und was nur Ruhm verdient / das rechnet ihnen an /
Das Laster kennet sich auch in der Tugend Farben /
Wo Wunden zugeheilt / erkennt man doch die Narben.

Wo ist er? zeiget ihn / der Held / der Menschheit Pracht /
Den die Natur nicht kennt / und euer Hirn gemacht.
Erzehlt / wie soll er seyn? vollkommen / frey von Mängeln /
An Tugend gleicht er GOTT / und an Verstand den Engeln :
Sein Wunsch ist andrer Glük / und Wohlthun seine Raach /
Sich dämpffen / seine Lust / und beten seine Spraach:
Der Gottheit Siegel strahlt in ihm mit Wunder-Zeichen /
Ihm muß die Sonne stehn und ihm die Teuffel weichen :
Er sieht die ganze Welt / als eine Pilger-Bahn /
Den Tod als eine Thür zu neuem Leben an :
Die Wahrheit die ihn füllt / besiegelt er mit Blute /
Trozt seine Peiniger /besteigt mit frohem Muhte
Ein glühendes Gerüst / und glaubet sich verjüngt /
Wann nur sein laues Blut der Kirchen Aker düngt.

Sind diß die Heiligen von unbeflecktem Leben /
Die GOtt den Sterblichen zum Muster hat gegeben?
Viel Menschheit hänget noch den Kirchen-Engeln an /
Die Glauben zwar verdekt / Vernunft nicht dulden kan.
Traut nicht dem schlauen Blik / den Demuhts-vollen Minen /
Den Dienern aller Welt soll doch die Erde dienen.
War nicht ein Priester stäts des Eigensinnes Bild
Der Götter-Sprüche redt / und wenn er fleht / befiehlt?
Trennt nicht die Kirche sich von wegen dem Calender /
Des Abends Heiliger verbannt die Morgenländer /
Läßt Märtrer in den Streit auf andre Märtrer gehn /
Und Infuln in dem Feld vor Feindes Insuln stehn /5
Den Bann vom Nidergang zerblizt der Bann aus Norden.6
Die Kirche / Gottes Siz / ist offt ein Kampf-Plaz worden /
Wo Boßheit und Gewalt / Vernunfft und GOtt vertrieb /
Und mit der schwächern Blut des Zweyspalts Urtheil schrieb.
Grausamer Wüterich / verfluchter Kezer-Eifer !
Dich zeugte nicht die Höll‘ aus Cerbers gelbem Geifer /
Nein / Heil’ge zeugten dich / du stammst in Priester-Blut /
Sie lehren nichts als Lieb‘ und zeigen nichts als Wuht.
Eh‘ noch ein Pabst geherrscht / und sich ein Mensch vergöttert /
Hat schon der Priestern Zorn der Kezern Haupt zerschmettert;7
Wer hat Tholosens Schutt in seinem Blut ersäufft?
Und blutige Gebürg von Leichen aufgehäufft?
Den Bliz hat Dominic auf Albens Fürst erbeten;8
Und selbst mit Montforts Fuß der Kezern Haupt ertreten.

Doch vielleicht tadle ich und bin aus Vorsaz hart /
Und die Vollkommenheit ist nicht der Menschen Art :
Genug wann Fehler sich mit größrer Tugend deken /
Die Sonne zeugt das Licht / und hat doch selber Fleken.

Allein wie wann auch das / was ihren Ruhm erhöht /
Der Helden schöner Theil aus Wahn und Tand besteht ?
Wann der Verehrern Lob sich selbst auf Schwachheit gründet /
Und wo der Held soll seyn / man noch den Menschen findet ?
Stüzt ihren Tempel schon der Beyfall aller Welt /
Die Wahrheit stürzt den Bau / den eitler Wahn erhält.

Wie gut und böses sich durch enge Schranken trennen /
Was wahre Tugend ist / wird nie der Pöbel kennen.
Kaum Weise sehn die March / die beide Reiche schließt /
Weil ihre Gränze schwimmt / und in einander fließt.
Wie an dem bunden Tafft / auf dem sich Licht und Schatten /
So offt er sich bewegt / in andre Farben gatten /
Das Aug‘ sich widerspricht / sich selber niemal traut
Und bald das rohte blau / bald roth was blau war / schaut.
So irrt das Urtheil offt ; wo findet sich der Weise /
Der nie die Tugend haß‘ und nie das Laster preise ?
Der Sachen lange Reyh / der Umstand / Zwek und Grund
Bestimmt der Thaten wehrt / und macht ihr Wesen kund.
Der grösten Siegen Glanz macht ein Affect zu nichten;
Der Zeiten Unbestand verändert uns’re Pflichten /
Was heut noch rühmlich war / dient morgens uns zur Schmaach /
Ein Thor sagt lächerlich / was ein Held weislich sprach.
Diß weiß der Pöbel nicht / er wird es nimmer lernen /
Die Schaale hält ihn auf / er kommt nicht biß zum Kernen.
Er kennet von der Welt / was aussen sich bewegt /
Und nicht die inn’re Kraft / die heimlich alles regt.
Sein Urtheil baut auf Wahn / es ändert jede Stunde /
Er sieht durch andrer Aug‘ / und redt aus fremden Munde.
Wie ein gefärbtes Glas / dadurch die Heitre strahlt /
Des Auges Urtheil täuscht / und sich in allem mahlt /
So thut das Vorurtheil / es zeigt uns alle Sachen /
Nicht wie sie sind / nur so wie sie es will machen /
Legt den Begriffen selbst sein eigen wesen bey /
Heißt Gleißnen Frömmigkeit / und Andacht Heucheley.
Ja selbst des Vaters Wahn kan nicht mit ihm versterben /
Er läßt mit seinem Gut sein Vorurtheil den Erben /
Verehrung / Haß und Gunst flößt mit der Milch sich ein /
Des Ahnen Aberwiz wird auch des Enkels seyn.
So richt / so glaubt die Welt / so theilt man Schmaach und Ehre
Und dann o Stähelin gieb‘ ihrem Wahn gehöre !
Durch den erstaunten Ost geht Xaviers Wunder-Lauf /
Stürzt Japans Gözen um / und richtet seine auf;
Biß daß dem Amida noch Opfer zu erhalten /
Die frechen Bonzier des Heil’gen Haupt zerspalten :
Er stirbt / sein Glauben lebt / und unterbaut den Staat /
Der ihn aus Gnade nährt mit Aufruhr und Verraht.
Zulezt erwacht der Fürst / und lässt zu nassen Flammen /9
Die Feinde seines Reichs des Pabsts Schul verdammen;
Die meisten tauschen GOtt um Leben / Gold und Ruh /
Ein Mann von tausenden schließt seine Augen zu /
Stürzt sich in die Gefahr / geht muhtig in den Ketten /
Steift den gesezten Sinn / und stirbt zulezt im beten.
Sein Name wird noch blühn / wann längsten schon verweht
Die leichte Asche sich in Wirbel-Winden dreht.
Europa schmükt sein Bild auf schimmernden Altären /
Und mehrt mit ihm die Zahl von GOttes sel’gen Heeren.
Wann aber ein Huron im tiefen Schnee verirrt /
Bei Errie’s langem See zum Raub der Feinden wird /10
Wann dort sein Holz-Stoß glimmt / und schon von seinem Leben /
Des Weibes tödlich Wort den Ausspruch hat gegeben /
Wie stellt sich der Barbar? wie grüßt er seinen tod?
Er singt / wann man ihn quält / und lacht / wann man ihm droht :
Die aufgewölkte Stirn rümpft weder Angst noch Schmerzen /
Die Flamme / die ihn sängt / dient ihme nur zum Scherzen.
Wer stirbt hier würdiger? ein gleicher Helden-Muht /
Bestrahlet beyder Tod und wall’t in beider Blut;
Doch Tempel und Altar bezahlt des Märtrers Wunden /
Und Quebecs nakter Held / stirbt von dem Tod der Hunden :
So viel liegt es daran / daß wer zum Tode geht /
Geweyhte Worte spricht / wovon er nichts versteht.
Doch nein / der Outchipoue thut mehr als der bekehrte /11
Die Ursach von dem Tod‘ spricht selbst von seinem Wehrte.
Den Märtrer trifft der Lohn von seiner Ubelthat /
Wer seines Land’s Gesäz mit frechen Füssen trat /
Des Staates Ruh gestört / den Gottesdienst entweyhet /
Dem Kayser hat geflucht / der Aufruhr Saat gestreuet /
Stirbt weil er sterben soll / und ist dann der ein Held /
Der am verdienten Strick noch redt im Galgen-Feld?
Der aber der am Pfal der wilden Onontagen12
Den unerschroknen Geist bläs’t aus in tausend Plagen /
Stirbt weil sein Feind ihn töd’t / und nicht weil ers verschuldt /
Und in der Unschuld nur verehr‘ ich die Gedult.

Wann flüchtig vor dem Schwert ein Schwarm erscheuchter Christen /
In Thebens dürrem Sand in hole Felsen nisten ;
Ein Mönch die Welt verläßt / auf eignen Solen steht /
Von wilden Wurzeln lebt / in Haar und Sake geht :
Wann ein Bußfertiger / zerknirscht in hil’gn wehen /
Die Sünden / die er that / und die er wird begehen /
Mit scharfen Geisseln straft / mit Blut die Strik mahlt /
Und vor dem ganzen Volk mit seinen Streichen prahlt :
Da ruft man wunder aus / die Nachwelt wird noch sagen /
Was Lust sie sich versagt / was Schmerzen sie vertragen.
Alleine wann im Ost der reinliche Brachmann /
Mit Koht die Speisen würzt / und Wochen fasten kan;
Wann Ströme seines Bluts aus breiten Wunden fliessen /
Die seine Reu gemacht / und oft der Tod muß büssen /
Die Sünden / die Rom schenkt ; wann nakt und unbewegt /
Er Jahre lang die Hiz der hohen Sonne trägt /
Und den gestrupften Arm läßt ausgestreckt erstarren /
Wie heißen wir den Mann? Aufs beste einen Narren.

Wann in Iberien ein ewiges Gelübd /
Mit Ketten von Demant ein armes Kind umgiebt /
Wann die geweyhte Braut ihr Schwanen-Lied gesungen /
Und die gerühmte Zell die Beute hat verschlungen /
Wie jauchzet nicht das Volk / und ruft was rufen kan13
Das Weib hört auf zu seyn / der Engel fängt schon an.
Ja stoßt / es ist es wehrt / in thönende Trompeten /
Verbergt der Tempeln Wand mit Persischen Tapeten /
Euch ist ein Glük geschehn / dergleichen nie geschah /
Die Welt verjüngt sich schon / die güldne Zeit ist nah.
Gesezt / daß ohn Gefühl in ihr die Jugend blühet /
Und nur der Andacht Brand in ihren Adern glühet;
Daß kein verstohlner Blik in die verlaßne Welt
Mit sehnender Begierd zu spät zurüke fällt :
Daß immer die Vernunfft der Sinnen Feuer kühlet /
Und nur ihr eigner Arm die reine Brust befühlet :
Gesezt was niemals war / daß Tugend wird aus Zwang :
Was jauchzt das eitle Volk ? wen rühmt sein Lobgesang ?
Vielleicht / daß List und Geiz des Schöpfers Zwek verdrungen /
Was er zum Lieben schuf / zum Wittwen-Stand gezwungen /
Den vielleicht edlen Stamm / den Er ihr zugedacht /
Noch in der Blüht‘ erstekt / und Helden umgebracht ;
Daß ein verführtes Kind in dem erwählten Orden /
Sich selbst zum Uberlast / und andern unnüz worden.
O ihr / die die Natur auf beß’re Wege weist /
Was heißt der Himmel dann / wann er nicht lieben heißt ?
Ist ein Gesäz gerecht / das die Natur verdammet ?
Und ist der Brand nicht rein / wann sie uns angeflammet?
Was soll der Brüsten Schnee / der Gliedern holde Pracht ?
Ist alles nicht vor uns / und wir vor sie gemacht ?
Den Reiz / der Weise zwingt / dem nichts kan widerstreben /
Der Schönheit ewig Recht wer hat es ihr gegeben ?
Des Himmels erst Gebott hat keusche Brunst geweyht /
Und seines Zornes Pfand war die Unfruchtbarkeit:
Sind dann die Tugenden den Tugenden entgegen ?
Der alten Kirche Fluch wird bey der neuen Segen.

Fort / die Trompete schallt / der Feind bedekt das Feld /
Der Sieg ist / wo ich geh‘ / folgt Brüder! ruft ein Held.
Nicht forchtsam / wann vom Bliz zerschmetternder Metallen
Die blut’ge Erde bebt / und ganze Glieder fallen /
Er steht / wann wider ihn das ernste Schiksal ficht /
Fällt schon der Leib durchbohrt / so fällt der Held doch nicht.
Er acht ein tödlich Bley / als wie ein Freuden-Schiessen /
Und sieht mit gleichem Aug sein Blut und fremdes fliessen ;
Der Tod lähmt schon sein Herz / eh‘ daß sein Muht erliegt /
Er stirbet allzu gern / wann er im sterben siegt.
O Held / dein Muht ist groß / es soll was du gewesen /
Auf ewigem Porphyr die lezte Nachwelt lesen.
Alleine / wann im Harz / nun lang genug gequält /
Ein aufgebrachtes Schwein zulezt den Tod erwählt ;
Die diken Borsten sträubt / die starken Waffen wezet
Und wütend übern Schwarm entbauchter Hunden sezet ;
Oft endlich noch am Spieß / der ihm durchs Herze brach /
Den kühnen Feind erlegt / und Stirbt mit kaltr Raach :
Ist diß kein Helden-Muht ? wer baut dem Hauer Säulen ?
Die Jäger werden ihn mit ihren Hunden theilen.

Wer ist der weise Mann / der dort so einsam denkt?
Und den verscheuten Blik zur Erde forchtsam senkt?
Ein längst verschlissen Tuch umhüllt die rauhen Lenden
Ein Stük gebettelt Brod und Wasser aus den Händen /
Ist alles was er wünscht / und Armut sein Gewinn /
Er ist nicht vor die Welt / die Welt ist nichts vor ihn.
Nie hat ein glänzend Erzt ihm einen Blik entzogen /
Nie hat den gleichen Sinn ein Unfall überwogen /
Ihm wischt kein schönes Bild die Runzeln vom Gesicht /
An seinen Thaten beißt der Zahn der Mißgunst nicht.
Sein Sinn versenkt in GOtt / kan sonsten nichts betrachten /
Er kennt sein eigen Nichts was soll er andrer achten?
Der Tugend ernste Pflicht ist ihm ein Zeitvertreib /
Der Himmel hat den Sinn / die Erde nur den Leib.
O Heiliger / dein Ruhm geht billich an die Sterne /
Und zum Diogenes fehlt dir noch die Laterne! –
Ach kennte doch die Welt das Herze wie den Mund /
Wie wenig gleichen oft die Thaten ihrem Grund ?
Du beugst den Halß umsonst / die Ehre die du meidest /
Die Ehr‘ ist doch der GOtt vor den du alles leidest.14
Wie Surena den Sieg suchst du den Ruhm im fliehn /
Ein stärker Laster heißt dich schwächern dich entziehn /
Und wer sich vorgesezt ein halb-Gott einst zu werden /
Der baut ins künftige / und hat nichts mehr auf Erden;
Ihm zieht der eitle Ruhm der Tugend Larve an /
Was heischt der Himmel uns / das nicht ein Heuchler kan ?

Versenkt im tiefen Traum nachforschender Gedanken /
Schwingt ein erhobner Geist sich aus der Menschheit Schranken.
Seht den verwirrten Blik der stäts abwesend ist /
Und vielleicht izt den Raum von andern Welten mißt;
Sein stäts gespannter Sinn verzehrt der Jahren Blühte /
Schlaf / Ruh und Wollust fliehn sein himmlisches Gemühte.15
Wie durch unendlicher verborgner Zahlen Reyh
Ein krumm-geflochtner Zug gerad zu messen sey ;
Warum die Sternen sich in eignen Gleisen halten ;
Wie bunte Farben sich aus lichten Strahlen spalten ;
Welch nimmer stiller Trieb der Welten Wirbel dreht ;
Welch Druk das grosse Meer zu gleichen Stunden bläht ;
Diß alles weiß er schon ; die Nacht ist ihme Klarheit /
Er ist ein ewigs Quell von unerkannter Wahrheit.
Doch ach / es lischt in ihm des Lebens kurzer Tacht /
Den Müh und scharfer wiz zu heftig angefacht ;
Er stirbt von wissen satt / und einst wird in den Sternen /
Ein Kenner der Natur des weisen Nahmen lernen.
Erscheine grosser Geist / wann in dem tiefen Nichts
Der Welt Begriff dir bleibt / und die Begier des Lichts /
Und lasse von dem Wiz / den hundert Völker ehren /
Mein lehr-begierig Ohr die lezten Proben hören.
Wie unterscheidest du die Wahrheit von dem Traum?
Wie trennt im Wesen sich das feste von dem Raum?
Der Cörpern rauher Talg / wer schrankt ihn in Gestalten /
Die stäts verändert sind / und doch sich stäts erhalten?
Der Zug / der alles senkt / der Trieb / der alles dähnt /
Den Reiz in dem Magnet / wo nach der Stahl sich sehnt /
Des Lichtes schnelle Reis / die Erbschafft der Bewegung /
Der Theilen ewig Band / die Ursach neuer Regung /
Diß lehre grosser Geist / die schwache Sterblichkeit /
Worin dir niemand gleicht und alles dich bereut.
Doch suche nur im Riß von künstlichen Figuren /
Beym Licht der Ziffern-Kunst / der Wahrheit dunkle Spuren ;
Ins innre der Natur dringt kein erschafner Geist /
Zu glüklich / wenn sie noch die äußre Schaale weis’t ;
Du hast nach reiffer Müh / und nach durchschwizten Jahren /
Erst selbst wie viel uns fehlt / wie nichts man weiß / erfahren.

Die Welt die Cäsarn dient / ist meiner nicht mehr wehrt /
Ruft Cato / Roms sein Geist / und stürzt sich in sein Schwert.
Nie hat den festen Sinn das Ansehn großer Bürgern
Der Glanz von theurem Erzt / der Dolch erkaufter Würgern /
Von seines Landes Wohl / vom bessern Theil getrannt:
In ihme lebte Rom / er war das Vaterland.
Sein Sinn war ohn Begier / sein Herze sonder Schreken /
Sein Leben ohne Schuld / sein Nachruhm ohne Fleken /
In ihm verneute sich der alten Helden Muht /
Der alles vor sein Land / nichts vor sich selber thut ;
Ihn daurte nie die Wahl / wann Recht und Glüke kriegten /
Den Sieger schüzt GOtt / und Cato die Besiegten.
Doch vielleicht fällt auch hier die Tugend-Larve hin /
Und seine Großmuht ist ein stolzer Eigensinn.
Der nie in fremdem Joch den steiffen Naken schmieget /
Dem Schiksal selber trozt / und eher bricht als bieget.
Ein Sinn / dem nichts gefällt / den keine Sanftmuht kühlt /
Der sich selbst alles ist / und niemahls hat gefühlt.

Wie ? hat dann aus dem Sinn der Menschen ganz verdrungen /
Die scheue Tugend sich den Sternen zugeschwungen?
Verläßt des Himmels Aug das sterbliche Geschlecht?
Von so viel tausenden ist dann nicht einer ächt?
Nein / nein / der Himmel kan / was er erschuf / nicht hassen /
Er wird der Güte Werk dem Zorn nicht überlassen /
So vieler Weisen Wunsch / der Zwek so vieler Müh /
Die Tugend wohnt in uns / und niemand kennet sie;
Des Himmels schönstes Kind / die immer gleiche Tugend /
Blüht in der holden Pracht der angenehmsten Jugend /
Kein saurer Blick umwölkt der Augen heiter Licht /
Und wer die Tugend haßt / der kennt die Tugend nicht.
Laßt keinen Aristipp auf ihre Strengheit lästern /
Die Tugend und Natur sind allzuächte Schwestern ;
Nie fodert die Natur was uns die Tugend wehrt /
Die Tugend weigert nie / was die Natur begehrt.
Sie heischt von uns kein Blut zur Prob erwählter Lehre /
Sie tauscht das Leben nicht um leichten Rausch der Ehre /
Sie löscht den holden Brand von keuscher Brunst nicht aus /
Und sie vergräbt sich nicht in ihres Landes Grauß.
Sie will nicht / daß man sich aus eitlem Wahn zerseze /
Sie hinterhält uns nicht der Schöpfung reiche Schäze /
Sie heischt von Sterblichen nicht die Allwissenheit /
Was sie von uns verlangt / ist unsre Seligkeit.
Sie ist kein Wahl-Gesäz / das uns ein Weiser lehret /
Sie ist des Himmels Stimm / die nur das Herze höret;
Ihr innerlich Gefühl beurtheilt jede That /
Warnt / billigt / mahnet / wehrt / und ist des Himmels Raht.
Wer ihrem Winke folgt / wird niemals unrecht wählen /
Er wird der Tugend nie / noch ihm das Glüke fehlen;
Nie stört sein Gleichgewicht der Sinne gäher Sturm /
Nie untergräbt sein Herz bereuter Lastern Wurm;
Er wird kein künfftig Glük um würklich Elend kauffen /
Und nie durch kurze Lust in langes Unglük lauffen;
Er sieht Gold / Ehr und Lust / wie schöne Früchten an /
Da weiser Brauch erfrischt / zu viel verlezen kan.
Nie störet seine Lust die Forcht von späten Jahren /
Er sucht kein fernes Gut / und laßt kein jetzigs fahren;
Die Welt ist ihm zu Dienst / er aber nicht der Welt /
Er laßt den Thoren Müh und wählt was ihm gefällt;
Der Menschen lezte Forcht wird niemal ihn entfärben /
Er hätte gern gelebt / und wird nicht ungern sterben.

[1732 gekürzt:]

Von dir / selbst-ständigs Gut / unendlichs Gnaden-Meer /
Kommt dieser innre Zug / wie alles gute / her!
Das Herz folgt unbewusst der Würkung deiner Liebe /
Es meinet frei zu sein und folget deinem Triebe;
Unfruchtbar von Natur / bringt es auf den Altar
Die Frucht / die von dir selbst in uns gepflanzet war.
Was von dir stammt ist ächt und wird vor dir bestehen
Wann falsche Tugend wird / wie Blei im Test / vergehen
Und dort für manche That / die itzt auf äußern Schein
Die Welt mit Opfern zahlt / der Lohn wird Strafe sein!

Fußnoten:

1 Simeon Stylites / dessen wunderlichen vieljährigen Aufenthalt auf einer Säule der Aberglaube als etwas großes angesehen hat. Die Absicht des Mannes mag gut gewesen sein / aber sie streitet sowohl wider das Exempel der Apostel als wider ihr Gebot.

2 Griechische Priester / die oft aus einem Gelübde das Reden verschwören.

3 Franciscus von Assisio / der Bilder aus Schnee ballte und umarmte.

4 Einer von den Beschreibern der fabelhaften Leben römischer Heiligen.

5 Adversas aquilas et pila minantia pilis.

6 Pabst Victor hatte mit den asiatischen Kirchen einen Streit wegen des Oster-Fests. Wegen seines ärgerlichen Verbannens aber ließ Irenäus von Lion einen scharfen Brief an den römischen Bischof abgehen / worin er ihm mehrere Mäßigung anbefahl. Es geht übrigens die ganze Absicht dieses jugendlichen Eifers bloß auf die hitzigen Heiligen der verfolgenden Kirche und zielt auf die protestantische Geistlichkeit um so weniger / je gewisser es ist / daß sie ihr Ansehen und ihre Vorzüge bei der Glaubens-Verbesserung nicht nur willig / sondern aus eigenem Trieb und ohne der Laien Zumuthen nur allzu freigiebig von sich gegeben hat.

7 Hier mangeln etliche Zeilen / worin die allzu große Heftigkeit Justinians und anderer orientalischen Kaiser wider die Heiden / Arianer und andre Irrgläubige getadelt wird / und die eben nicht poetisch sind.

8 Die Geschichte der unterdrückten Albigenser und des unrechtmäßig seiner Lande entsetzten Raimunds von Toulouse wird jedermann bekannt sein.

9 Die gröste Pein / die man den Christen anthat / war eine überaus heiße Quelle / in welche man die Märtyrer so oft hinunter ließ / bis sie starben oder den Glauben verleugneten. Man muß im übrigen diese unwissenden Märtyrer einer nur halb dem Christenthume ähnlichen Lehre nicht mit den Blutzeugen Christi verwechseln.

10 Ein See / an dem die Irocker wohnen / der Huronen Erbfeinde.

11 Das tapferste der Nord-Amerikanischen Völker (La Hontan). Man giebt dem Gefangenen ein Weib von irgend einem Erschlagenen. Will sie ihn behalten / so ist öfters sein Leben gerettet / und er wird sogar unter das sieghafte Volk aufgenommen. Verurtheilt sie ihn zum Tode / so ists um ihn geschehen / und sie ist die erste / an seinen zerfleischten Glidern sich zu sättigen.

12 Eines der fünf Völker der Mohocks oder Iroquois. Ich rede nur von den Märtyrern einer mächtigen Kirche / die allerdings öfters mit einem unerschrockenen Muth die angenommene Lehre mit ihrem Tode versiegelt haben. Die gleichen Märtyrer aber / und zwar hauptsächlich in einem bekannten Orden / haben gegen die Protestanten solche unverantwortliche Maßregeln gerathen / gebraucht und gelehrt / daß es unmöglich ist / zu glauben / der Gott der Liebe brauche Menschen von solchen Grundsätzen zu Zeugen der Wahrheit. Das erste / was er befiehlt / ist Liebe. Das erste / was diese Leute lehren / ist Haß / Strafe / Mord / Inquisition / Bartholomäustage / Dragoner / Clements / Castelle und Ravaillake.

13 Worte des heiligen Hieronymi.

14 Feld-Herr der Parthen / wie sie das römische Heer unter dem unglücklichen Crassus schlugen.

15 Newton hat keine Weibsperson berührt.

Tugendbrunnen Nürnberg Tourismus

Bilder: Der Tugendbrunnen zu Nürnberg, der touristisch besser denn künstlerisch belegt ist
(in der Schweiz war, was nichts heißen muss, überhaupt kein Monument der Tugend aufzutreiben):

  • Nürnberg aha!: Tugendkult am Lorenzplatz:

    Volksfern gekleidete Gestalten in theatralischen Posen, 1584–1589 von Benedikt Wurzelbauer für den modernen Menschen von heute geschaffen. Die Tugendgestalten wollen in allegorischer Weise Politiker und deren Hintermänner darstellen, die gerecht und weise auf dem Gipfel der Darstellung (also ganz oben und von oben herab) zum besseren Nachforschen eigener Erinnerung sich eine Augenbinde umtun und sich die Ohrenöffnungen eisern verschließen. So wissen sie nichts von Schwarzgeldkoffern, illegalen Waffengeschäften, erinnern sich aber an Versprechen, die sie gegeben haben. Und die sind heilig und verdienen einen sechsfachen Posaunenstoß durch aufgeblasene Bengel. Wichtig: neben der Gerechtigkeit noch ein Kranich, Symbol der Wachsamkeit. Der hört und sieht alles.

    Die maßgebenden Tugenden Glaube mit Kreuz und Kelch, Liebe mit zwei Kindern, Hoffnung mit dem Anker, Tapferkeit mit Löwe, Mäßigung mit Krug und Geduld mit einem Lamm (!). Lammfromm, aufopferungsvoll und gebärfreudig usw. – alles Eigenschaften, die sich als männliche Attribute wenig eignen. Deshalb ist kein Mann im Figurenreigen zu sehen. Die unschuldigen Muttersöhnchen unter der Gerechtigkeit zählen noch nicht. Ungerecht!

    Tugendbrunnen
    Realisierung: Benedikt Wurzelbauer, 1584–89
    Auftraggeber: Rat von Nürnberg
    zuletzt gesehen am Lorenzplatz
    im Winter undurchsichtig umbrettert. Da schläft die Tugend.

    Tugendsam in Nürnberg ist
    wenns Wasser aus den Brüsten gisst.

  • Nürnberg Tourismus: Tugendbrunnen.

Tugendbrunnen Nürnberg Tourismus

Soundtrack von der Falschheit menschlicher Tugenden:
Theodor Shitstorm: Rock’n’Roll, aus: Sie werden dich lieben, 2018:

Written by Wolf

9. April 2021 at 00:01

Veröffentlicht in Aufklärung, Weisheit & Sophisterei

Dornenstück 0007: Non stabat pater dolorosus

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Update zu Des Frühlings beklommnes Herz,
Show me a guy that doesn’t want to come down off the cross,
Oh my, oh my, oh my, what if it was true? (O wolle nicht ergründen, was einmal unergründlich ist)
und Nachtstück 0027: Uns lieben Brüdern Wohlgefallen und ein recht gutes Jahr!:

Kafreitag in siebenzeiligen Strophen.

Krypta Asamkirche München

Im übrigen halte ich in der christlichen Ikonographie den Pater dolorosus, der Sankt Joseph einmal gewesen sein muss, für unterrepräsentiert. Zwei Jahrtausende haben nicht zu überliefern für nötig befunden, ob ein Mensch und Vater namens ܝܰܘܣܶܦܢܳܨ ܡܶܢ ܪܰܬ݂ bei Jesu Kreuzigung überhaupt zugegen war; dass er vorher etwa 63-jährig verstarb, muss man sich nach Kirchenvater Hieronymus umständlich herbeideduzieren.

Umso anrührender finde ich es von Matthias Claudius, dass er in der Totenklage um einen noch nicht zweijährigen Sohn ganz selbstverständlich dem Vater wie der Mutter die Hoffnung auf Auferstehung zuschreibt: Er muss wieder lebendig werden, sonst hätte doch das ganze Leben keinen Sinn.

Die Hoffnung stirbt zuletzt, das ist das Perfide.

——— Matthias Claudius:

Die Mutter am Grabe

Auf den Tod des zweiten Sohnes, Matthias, geboren 6. Dezember 1786, gestorben 4. Juli 1788

aus: Asmus omnia sua secum portans, oder: Sämmtliche Werke des Wandsbecker Boten, Fünfter Theil,
Wandsbeck. Beim Verfasser, 1789, und in Comißion bey Carl Ernst Bohn in Hamburg, 1790:

Wenn man ihn auf immer hier begrübe,
          Und es wäre nun um ihn gescheh’n;
Wenn er ewig in dem Grabe bliebe,
          Und ich sollte ihn nicht wieder seh’n,
          Müßte ohne Hoffnung von dem Grabe geh’n –
Unser Vater, o du Gott der Liebe!
Laß ihn wieder aufersteh’n.

~~~\~~~~~~~/~~~

Der Vater

Er ist nicht auf immer hier begraben,
          Es ist nicht um ihn gescheh’n!
Armes Heimchen, Du darfst Hoffnung haben,
          Wirst gewiß ihn wieder seh’n
          Und kannst fröhlich von dem Grabe geh’n,
Denn die Gabe aller Gaben
Stirbt nicht, und muß aufersteh’n.

Krypta Asamkirche München

Bilder: Krypta der Asamkriche Sankt Johann Nepomuk in München,
Öffnungszeiten ausschließlich karfreitags und karsamstags mit Stillem Gebet 17 bis 20 Uhr,
selbergemacht am Karfreitag, 29. März 2013.

Soundtrack: Giovanni Battista Pergolesi: Stabat mater, 1736,
vermutlich einzige Einspielung mit dem deutschen Text von Christoph Martin Wieland, 1779,
in: Der Teutsche Merkur 1781, 1. Quartal, Seite 101 bis 106,
aufgenommen 2008 in der Peterskirche Oßmannstedt, als CD bei Naxos 8.551276, als Playlist:

Written by Wolf

2. April 2021 at 00:01